Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Philalethes - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Als ich auf halbem Weg stand unsers Lebens,
Fand ich mich einst in einem dunklen Walde,
Weil ich vom rechten Weg verirrt mich hatte;

Gar hart zu sagen ist's, wie er gewesen,
Der wilde Wald, so rauh und dicht verwachsen,
Daß beim Gedanken sich die Furcht erneuet;

So herb, daß herber kaum der Tod mir schiene:
Doch eh' vom Heil, das drin mir ward, ich handle,
Meld' ich erst andres, was ich dort gewahrte.

Wie ich hineinkam, weiß ich nicht zu sagen,
So schlafbefangen war ich zu der Stunde,
Als von dem rechten Weg ich abgewichen.

Doch da ich zu dem Fuß nun eines Hügels
Gekommen war an jenes Tales Ende,
Das mir mit Furcht das Herz durchschauert hatte,

Blickt' ich empor und sah der Berge Schultern
Bekleidet schon mit des Planeten Strahlen,
Der andre allerwegen recht geleitet;

Nun ward die Furcht ein wenig mir gestillet,
Die in des Herzens tiefstem Grund verweilet,
In jener Nacht, durchlebt bei so viel Leiden.

Wie einer, der mit angstgepreßtem Odem,
Dem Meere kaum entronnen, nun vom Strande
Auf die gefahrvoll wilde Flut zurückstarrt;

So wandte sich mein Geist, noch immer fliehend
Zurück, den engen Durchgang zu betrachten,
Den nie ein Wesen lebend noch verlassen.

Nachdem ich ruhend neu gestärkt die Glieder,
Stieg weiter ich empor am wüsten Hange,
So daß der feste Fuß stets war der tiefre.

Doch sieh! fast schon beim Anbeginn des Steigens
Erblickt' ein Pardel ich, gar leicht und flüchtig,
Bedeckt mit einem buntgefleckten Felle;

Es wollte nie vor meinem Antlitz weichen,
Ja, schien den Weg mir also zu versperren,
Daß ich mich öfter schon zur Rückkehr wandte.

Die Stunde war es, da der Morgen anbricht,
Und aufwärts stieg die Sonne mit den Sternen,
Die bei ihr standen, als die ew'ge Liebe

Zuerst Bewegung gab dem schönen Weltall,
So daß ich, guter Hoffnung voll, mich freute
Am Fell des Wildes, lustig buntgesprenkelt,

Am Morgenlicht und an des Lenzes Milde,
Doch so nicht, daß mich Schrecken nicht ergriffen,
Als die Gestalt ich eines Leu'n gewahrte.

Es war, als kam' er auf mich losgegangen,
Erhabnen Haupts, gereizt vom wilden Hunger,
So, daß die Luft selbst vor ihm her erbebte.

Und eine Wölfin, deren magres Äußre
Voll wilder Gier schien und es deutlich zeigte,
Daß vielen schon das Leben sie verbittert,

Ließ durch das Graun, das ihrem Blick entströmte,
Des Wegs Beschwerde mich so drückend finden,
Daß ich die Hoffnung des Ersteigens aufgab.

Und so wie jener, welcher gern gewönne,
Wenn nun die Zeit kommt, die Verlust ihm bringet,
Bei jeglichem Gedanken weint und trauert;

So ward ich ob des friedenlosen Untiers,
Das, mir entgegenkommend, mehr und mehr mich
Dorthin zurücktrieb, wo die Sonne schwindet.

Indes ich wieder zu dem tiefem Grunde
Mich stürzte, trat mir einer vor die Augen,
Der heiser schien durch langgewohntes Schweigen.

Als in der großen Wüst' ich den erblickte,
Rief ich ihm zu: ,O hab' mit mir Erbarmen,
Wer du auch seist, ob wirklich Mensch, ob Schatten.'

»Nicht Mensch,« antwortet' er, »gewesen bin ich's;
Lombarden waren meine beiden Eltern,
Und ihrer Vaterstadt nach Mantuaner.

Sub Julio geboren, ob auch spät schon,
Lebt' ich zu Rom zur Zeit Augusts des Guten.
Als falsche Lügengötter man noch ehrte.

Ein Dichter war ich und sang den gerechten
Sohn des Anchises, welcher kam von Troja,
Nachdem das stolze Ilion verbrannt war.

Doch du, was kehrst zu solcher Pein du wieder,
Warum ersteigst du nicht den Wonnehügel,
Der Grund und Anfang ist von aller Freude?« –

»So bist du der Virgil denn und die Quelle,
Draus sich so reicher Strom der Red' ergießet,« –
Antwortet' ich ihm mit verschämter Stirne,

»O du, der andern Dichter Licht und Ehre,
Der lange Fleiß sei und die große Liebe,
Mit der nach deinem Buch ich griff, mir günstig.

Du bist mein Meister, mein erhabnes Muster,
Du bist's allein, aus dem ich sie geschöpfet,
Die schöne Schreibart, die mir Ruhm erworben.

Sieh dort das Tier, vor dem ich mich gewendet.
Errette mich von ihm, berühmter Weiser,
Es macht die Adern mir und Pulse zittern!«

»Vollführen mußt du eine andre Reise,«
Antwortet' er, da er mich weinen sehen,
»Willst du aus dieser wilden Stätt' entrinnen;

Denn dieses Tier, weshalb du riefst um Hilfe,
Läßt keinen frei hinziehn auf seiner Straße,
Ja, hindert ihn so sehr, bis es ihn tötet.

Und von Natur ist es so schlimm und boshaft,
Daß nimmer es den gier'gen Trieb befriedigt,
Und nach dem Fraß mehr als vorher noch hungert.

Viel Tiere sind, mit denen es sich paaret,
Und mehr noch werden sein, bis einst der Windhund
Erscheint, der es vor Schmerz wird sterben machen.

Nicht wird von Erd' er und Metall sich nähren,
Allein von Weisheit, Tugend und von Liebe,
Geboren wird er zwischen Feltr' und Feltro,

Dem armen Welschland wird zum Heil er werden.
Für das Camilla starb, die Jungfrau, Turnus
Und Nisus und Euryalus an Wunden;

Der wird es hin durch alle Städte jagen,
Bis in die Höll' er es zurückgetrieben,
Woraus der erste Neid es einst hervorrief.

Drum denk' ich und erkenne für dein Bestes,
Daß du mir folgest und ich sei dein Führer,
Der rettend durch den ew'gen Ort dich leite.

Dort wirst du der Verzweiflung Schrei'n vernehmen,
Die Trauerschar der alten Geister schauen,
Wo jeglicher des zweiten Tods begehret;

Dann wirst du die erblicken, die im Feuer
Zufrieden sind, weil sie zu kommen hoffen,
Wann es auch sei, hin zu dem sel'gen Volke;

Willst du zu dem auch steigen, o dann findet
Sich würdiger als ich wohl eine Seele,
Mit der ich dich bei meinem Scheiden lasse.

Denn jener Kaiser, der dort oben herrschet,
Weil ich mich gegen sein Gesetz empöret,
Läßt keinen mich zu seiner Stadt geleiten.

Er herrschet allerwärts, doch waltet dort nur;
Denn seine Stadt, sein hoher Sitz ist droben,
O glücklich der, den er sich dort erkoren!«

Und ich zu ihm: ›O Dichter, ich begehre,
Bei jener Gottheit, die du nicht erkanntest,
Daß diesem Weh und Schlimmern ich entgehe,

Daß du dahin mich führst, wo du gesagt hast,
Damit das Tor Sankt Peters ich erschaue
Und jene, die du mir so traurig schilderst.‹ –

Da schritt er vor, ich folgte seinen Spuren.


Gesang 02

Der Tag entwich schon, und der düstre Himmel
Entlud die Wesen, die auf Erden wohnen,
All ihrer Mühen, aber ich allein nur

Hielt mich bereit, den Kampf zu überstehen,–
So mit dem Weg, als auch mit dem Erbarmen,–
Den mein Gedächtnis ohne Trug soll schildern.

O Musen, hoher Geist, kommt mir zu Hilfe,
Gedächtnis, welches schrieb, was ich gesehen,
Hier wirst du deinen Adel offenbaren.

Und so begann ich: ›Dichter, der mich führest,
Betrachte meine Kraft erst, ob sie stark ist,
Eh' du dem schweren Pfad mich anvertrauest.

Du kündest, daß des Silvius Erzeuger,
Obgleich verweslich noch, zur wandellosen
Welt sei gewallt, und zwar als Sinnenwesen,

Drum, wenn der Widersacher alles Bösen
Geneigt hier war, der hohen Wirkung denkend,
Die ihm entsprießen sollt', und wer und welcher,

So scheint er des Verständigen nicht unwert,
Da er der hehren Roma und dem Reiche
Im höchsten Himmel war erwählt zum Vater,

Welche und welches, daß ich Wahrheit sage,
Bestimmet waren zu der heil'gen Stätte,
Allwo der Erbe sitzt des größern Petrus.

Auf dieser Reise, die von ihm du rühmest,
Vernahm er Dinge, welche seines Sieges
Und der Tiara Ursach' so geworden.

Hin kam auch das Gefäß der Auserwählung,
Um Stärkung jenem Glauben draus zu reichen,
Der auf dem Weg des Heils der erste Schritt ist.

Doch warum käm' ich hin, und wer gewährt es?
Ich bin Äneas nicht, ich bin nicht Paulus;
Nicht ich noch andre glauben des mich würdig:

Drum wenn ich dennoch hinzugehen wagte,
So, fürcht' ich, wäre töricht meine Reise.
Du, Weiser, kennst das besser, als ich sage.

Und jenem gleich, der nicht will, was er wollte,
Und für den neuen Einfall Vorsatz ändert,
So, daß er anzufangen ganz verzichtet,

Erging es mir in diesem dunklen Tale,
Weil sinnend ich die Unternehmung aufgab,
Zu der beim Anfang ich so rasch gewesen.‹

»Wenn deine Wort' ich recht verstanden habe,«
Entgegnet' jenes Hochgesinnten Schatten,–
»So wird von Feigheit deine Seel' erschüttert,

Die oft des Menschen also sich bemächtigt,
Daß sie von ehrenvollem Zweck ihn abbringt,
Wie wenn ein Tier sich scheut vor falschen Bilden.

Damit du nun von dieser Furcht dich lösest,
Sag' ich, warum ich kam und was ich hörte,
Als ich zuerst mich über dich betrübet.

Ich war bei jenen, die in Zweifel schweben,
Und sieh, da rief ein Weib mich, schön und selig,
So, daß ich selbst sie bat, mir zu befehlen.

Es glänzten ihre Augen mehr als Sterne,
Und sie begann zu sagen sanft und leise
Mit eines Engels Stimm' in ihren Worten;–

›O du, des Mantuaners holde Seele,
Des Nachruhm immer in der Welt noch währet,
Und ferner währen wird, solang die Welt steht.

Mein Freund, der nie des Glückes Freund gewesen,
Ist so am wüsten Abhang in dem Wege
Gehindert, daß er sich vor Furcht gewendet,

Und hat, besorg' ich, sich bereits verirret,
Weil ich zu spät mich ihm zur Hilf erhoben,
Nach dem, was in dem Himmel ich vernommen.

Wohlauf geh' und mit deiner schmucken Rede
Und allem, was ihm zum Entrinnen nötig,
Steh' so ihm bei, daß ich getröstet werde.

Beatrix bin ich, die dich sendet, kommend
Von einem Ort, nach dem ich heim mich sehne.
Mich trieb die Liebe, die dies Wort mir eingab.

Wenn wieder ich vor meinem Herrn erscheine,
So will ich oft bei ihm mich deiner rühmen.‹ –
Da schwieg sie. Und ich drauf begann zu sprechen:

›O Weib voll Tugend, die allein die Menschheit
Erhebet über alles, was der Himmel,
Den engre Kreis' umschließen, in sich fasset!

Es ist mir dein Befehl so sehr willkommen,
Daß auch sofort Gehorchen Säumen schiene,
Mehr brauchst du deinen Wunsch mir nicht zu zeigen.

Doch sag' den Grund, warum du dich nicht scheutest,
In diesen Mittelpunkt herabzusteigen,
Vom weiten Ort, nach dem du heim erglühest,‹ –

›Da du so viel davon zu wissen wünschest,‹
Entgegnet' sie, ›so sag' ich dir in Kürze,
Warum hierher zu kommen ich nicht fürchte;

Zu fürchten hat allein man jene Dinge,
Die Macht besitzen, Schaden zuzufügen,
Nicht alles übrige, – es ist nicht furchtbar.

Durch Gottes Gnade bin ich so geartet,
Daß euer Elend nimmer mich mag rühren,
Noch dieses Brandes Flamme mich ergreifet.

Im Himmel ist ein holdes Weib, das klagend
Ob jenes Irrsals, wo ich hin dich sende,
Dort oben bricht des Richterspruches Härte;

Die wandt' an Lucien sich mit einer Bitte,
Und sprach zu ihr: Gar sehr bedarf dein Treuer
Jetzt dein, und darum sei er dir empfohlen.

Und Lucia, die Feindin aller Härte,
Bewegte sich und kam zu jenem Orte,
Allwo ich selbst mit Rahel saß, der Alten.

Wahres Lob Gottes, o Beatrix, sprach sie,
Was stehst du dem nicht bei, der dich so liebet,
Daß er durch dich trat aus des Pöbels Scharen?

Vernimmst du nicht die Trauer seiner Klagen,
Siehst du den Tod nicht, welcher ihn bekämpfet
Auf jener Flut, die selbst dem Meer nicht Ruhm läßt?

So rasch ist niemand auf der Welt gewesen,
Gewinn zu machen, Schaden zu vermeiden,
Als ich, nachdem ich solches Wort vernommen,

Herniederstieg von meinem sel'gen Sitze,
Vertrauend deiner wohlgewählten Rede,
Die dich ehrt, so wie jene, die sie hören.‹

Nachdem sie solches Wort mit mir gesprochen,
Wandte sie weinend ab die Strahlenaugen,
Darob ich schneller eilte herzukommen.

So kam ich denn zu dir nach ihrem Willen, Entriß dich jenem Ungeheuer, das dir
Den kurzen Weg des schönen Bergs versperrte.

Drum was ist das, warum, warum verziehst du?
Was nährst so viele Feigheit du im Herzen?
Was hast Entschlossenheit du nicht und Kühnheit,

Da drei so hochgebenedeite Frauen
Im Hof des Himmels für dich Sorge tragen.
Und dir mein Wort so vieles Heil verheißet?« – /p>

Wie Blümchen sich, gebeuget und geschlossen
Vom Nachtfrost, wenn die Sonne sie versilbert,
Nun all' eröffnet auf dem Stengel heben,

Ward jetzt mir der erschlaffte Mut erneuet,
Und durch das Herz rann mir so edle Kühnheit,
Daß ich begann zu ihm, ein Freigesinnter:

›O wohl barmherzig sie, die mir geholfen,
Und du auch freundlich, der sogleich gehorchet
Dem Wort der Wahrheit, das dir ward geboten;

Du hast das Herz mit Sehnsucht zu der Reise
Durch deine Worte mir so angereget,
Daß ich zurückgekehrt zum ersten Vorsatz.

Geh' nun, mein Will' ist einer mit dem deinen,
Mein Führer du, mein Meister, mein Gebieter.‹ –
So sprach ich, und nachdem er vorgeschritten,

Betrat auch ich den tiefen Pfad des Waldes.


Gesang 03

Der Eingang bin ich zu der Stadt der Trauer,
Der Eingang bin ich zu dem ew'gen Schmerze,
Der Eingang bin ich zum verlornen Volke!

Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer:
Die Allmacht hat der Gottheit mich gegründet,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe.

Vor mir ist nichts Erschaffenes gewesen,
Als Ewiges, und auch ich daure ewig.
Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren. –

Mit dunkler Farbe sah ich diese Worte
Geschrieben an dem Gipfel eines Tores
Und sprach drum: ›Meister, hart erscheint ihr Sinn mir.‹

Und er zu mir gleich einem Wohlerfahrnen:
»Hier muß man jedes Zweifels sich entschlagen,
Und jede Feigheit hier ertötet werden.

Wir sind nun an dem Ort, wo ich dir sagte,
Du werdest schaun die schmerzenreichen Scharen,
Die der Erkenntnis höchstes Gut verloren.«

Und da er seine Hand gelegt in meine,
Mit heitrem Antlitz, das mich ließ erstarken,
Führt' er mich ein in die geheimen Dinge.

Geseufz' und Weinen hier und dumpfes Heulen
Ertönen durch den sternenlosen Luftkreis,
So daß im Anfang drob ich weinen mußte.

Gemisch von Sprachen, grauenvolle Reden,
Des Schmerzes Worte und des Zornes Laute,
Und Stimmen tief und rauh, mit Händeklopfen,

Erregten ein Getümmel hier, das immer
In diesen endlos schwarzen Lüften kreiset,
Dem Sande gleich, wenn Wirbelwinde wehen.

Und ich, dem Wahn das Haupt umfangen hatte,
Sprach: ›Meister! was ist das, was ich vernehme,
Und wer sind die vom Schmerz so Übermannten?‹

Und er zu mir: »Die jammervolle Weise
Ist den elenden Seelen jener eigen,
Die ohne Lob und ohne Schande lebten;

Vermischt sind sie mit jenem feigen Chore
Der Engel, welche nicht Empörer waren,
Noch Gott getreu, für sich gesondert bleibend.

Nicht seinen Glanz zu trüben, stieß der Himmel
Sie aus, noch nimmt sie auf die tiefe Hölle,
Weil Sünder stolz auf sie doch blicken könnten.«

Und ich: ›Was ist wohl ihnen so beschwerlich,
Mein Meister, daß sie drob so kläglich jammern?‹
»Ganz kurz,« antwortet' er, »will ich dir's sagen:

Des Todes haben diese keine Hoffnung,
Und so verächtlich ist ihr dunkles Leben,
Daß jedes andre Schicksal sie beneiden.

Es läßt die Welt nicht ihren Nachruhm dauern,
Gerechtigkeit verschmäht sie und Erbarmen.
Nichts mehr davon; schau' hin und geh' vorüber!«

Und ich, der hingeblickt, sah eine Fahne,
Die wirbelnd so behend vorüberrannte,
Daß jede Ruhe sie mir zu verschmähn schien,

Und ein so großer Zug des Volkes folgte
Ihr nach, daß nimermehr geglaubt ich hätte,
Daß ihrer schon der Tod so viel' entseelet.

Da einen ich erkannt nun unter ihnen,
Schaut' hin ich und erblickte jenes Schatten,
Der auf das Groß' aus Feigheit einst Verzicht tat.

Sogleich sah ich es ein und ward versichert,
Daß dieses sei der Feiggesinnten Rotte,
Die Gott mißfällig sind wie seinen Feinden;

Die Jämmerlichen, welche nie gelebet,
Sie waren nackt und wurden viel gestochen
Von Bremsen und von Wespen, die hier schwärmten;

Ihr Antlitz netzten ihnen die mit Blute,
Das tränenuntermischt zu ihren Füßen
Von ekelhaften Würmern ward gesammelt.

Und da ich weiter hingeblickt, sah Scharen
Ich an dem Ufer eines großen Stromes,
Und sprach drum: »Meister, woll'st mir jetzt gewähren,

Zu wissen, wer die sind und welche Sitte
Sie macht zum Übergang so fertig scheinen,
Wie ich erkenne bei dem Dämmerlichte.«

Und er zu mir: »Berichtet wird dir alles,
Wenn unsern Schritt wir innehalten werden
An Acherons trübseligem Gestade.«

Drauf mit verschämtem und gesenktem Blicke,
Besorgt, es falle lästig ihm mein Reden,
Enthielt ich bis zum Flusse mich des Sprechens.

Und sieh, es nahte gegen uns zu Schiffe
Ein Alter sich, weiß durch die greisen Haare,
Laut rufend: »Weh' euch, ihr verruchten Seelen,

Hofft nimmermehr den Himmel zu erblicken,
Zum Ufer jenseits, komm' ich, euch zu führen,
In ew'ge Finsternis, in Frost und Gluten.

Und du, was du dort, lebend'ge Seele?
Geh' fort von jenen, welche schon gestorben.«
Allein nachdem er sah, daß ich nicht fortging:

»Durch andre Wege,« sprach er, »andre Buchten,
Nicht hier, wirst zu dem Ufer du gelangen;
Ein leichtes Schiff muß dich hinüber tragen.«

Zu ihm mein Führer: »Nicht gezürnet, Charon,
Man will es so an jenem Orte, wo man
Auch kann das, was man will, und frag' nicht weiter.«

Drauf wurden ruhig die behaarten Wangen
Dem Steuermanne auf der bleichen Lache,
Der um die Augen Flammenränder hatte.

Doch jene Seelen, welche nackt und müde,
Verfärbten sich und knirschten mit den Zähnen
Stracks, als die grausen Worte sie vernommen.

Sie lästerten auf Gott und ihre Eltern,
Die Menschheit und den Ort, die Zeit, den Samen,
Aus welchem sie erzeuget und geboren.

Dann zogen samt und sonders sie vereinet
Laut weinend hin zu dem verruchten Strande,
Der jedes Menschen harrt, der Gott nicht fürchtet.

Charon, der Dämon mit den glüh'nden Augen,
Winkt ihnen und versammelt rings sie alle,
Schlägt mit dem Ruder jeglichen, der zögert.

So wie zur Herbstzeit sich die Blätter lösen,
Eins nach dem andern, bis zuletzt die Zweige
Der Erd' all' ihren Schmuck zurückgegeben;

Auf gleiche Art stürzt Adams schlimmer Same
Sich einer nach dem andern von dem Ufer
Auf Zeichen, wie ein Vogel auf den Lockruf,

So gehen hin sie durch die dunkeln Fluten,
Und eh' sie jenseits noch ans Land gestiegen,
Versammeln diesseits schon sich neue Scharen.

»Mein Sohn,« sprach nun zu mir mein güt'ger Meister,
»Sie, die in Gottes Zorn dahingestorben,
Versammeln hier sich all' aus jedem Lande

Und sind bereit, den Fluß zu überschreiten,
Von ewiger Gerechtigkeit gespornet,
So, daß die Furcht sich wandelt in Verlangen.

Hier geht nie über eine gute Seele;
Drum wenn sich Charon über dich beklaget,
Magst du wohl wissen, was sein Wort dir tönet«

Er schwieg, und rings erzitterten die düstern
Gefilde plötzlich so, daß mich der Schrecken,
Wenn ich dran denke, noch im Schweiße badet.

Vom tränenreichen Land erhob ein Sturm sich,
Begleitet von der Blitze rotem Leuchten,
Das jeglicher Empfindung mich beraubte,

Und nieder fiel ich, wie vom Schlaf umfangen.


Gesang 04

Mir brach den tiefen Schlummer in dem Haupte
Ein schwerer Donner so, daß ich mich schüttelt'
Gleich einem, welcher mit Gewalt geweckt wird,

Und wandte rings das ausgeruhte Auge
Und richtete mich auf und schaute starrend,
Den Ort zu unterscheiden, wo ich wäre.

Und in der Tat fand ich mich an dem Rande
Der schmerzensreichen Niederung des Abgrunds,
Endlosen Jammers Donnertön' umschließend.

So düster war sie und so tief und neblig,
Daß, ob zum Grund ich heftete die Blicke,
Ich nichts zu unterscheiden drin vermochte.

»Jetzt steigen zu der düstern Welt wir nieder,«
Begann zu mir ganz totenbleich der Dichter,
»Ich selber geh' voraus, du wirst mir folgen!«

Und ich, der seiner Farbe inne worden,
Sprach: ›Wie komm' ich hinab, wenn du erschauderst,
Der du mich sonst ermutigt, wenn ich zagte?‹

Und er zu mir: »Es malt die Angst der Seelen
Dort unten wohl mir des Erbarmens Züge
Aufs Angesicht, wo Furcht du glaubst zu lesen.

Wohlan denn; fort! Uns treibt des Weges Länge!«
So schritt er vorwärts und ließ ein mich treten
Zum ersten Kreise, der den Abgrund gürtet.

Hier, dem gemäß, was ich erlauschen konnte,
Gab es kein Jammern, sondern nur wie Seufzer,
Davon die ew'gen Lüft' erzittern mußten;

Und dies kam her von Leiden ohne Marter,
So Scharen, groß und zahlreich, hier erlitten,
Von Kindern und von Weibern und von Männern.

Zu mir der gute Meister: »Du erfragst nicht,
Wer diese Geister sind, die du erblickest?
Jetzt sollst du wissen, eh' du weiter gehest,

Daß sie nicht Sünder waren, und doch g'nügte
Nicht ihr Verdienst, weil sie der Tauf entbehren,
Was ja ein Satz des Glaubens, den du glaubest,

Und da sie vor dem Christentume lebten,
Ward Gott von ihnen würdig nicht verehret,
Und so bin ich von diesen selber einer.

Durch diesen Mangel, nicht durch andres Böse,
Sind wir verloren und so weit nur leidend,
Daß ohne Hoffnung wir in Sehnen leben.«

Gewalt'ger Schmerz ergriff mich, als ich's hörte,
Weil Männer ich von hohem Wert erkannte,
In dieser Vorhöll' ungewiß verharrend.

›Sag' an, Gebieter, sag' mir an, mein Meister!«
Begann ich, weil ich sicher wollte werden
Des Glaubens, der besieget jeden Irrtum:

›Kam einer je durch eignes oder fremdes
Verdienst heraus, der selig dann geworden?‹
Und er, der mein verhülltes Wort verstanden,

Antwortete: »Ich war in diesem Zustand
Ein Neuling noch, als ich, mit Siegeszeichen
Gekrönet, einen Mächtigen sah kommen.

Hinweg führt' er des ersten Vaters Schatten
Und seines Sohnes Abel, Noeh auch,
Den Patriarchen Abra'm, König David,

Und Moysen, der Gesetz gab und gehorcht,
Und Jakob mit dem Vater, den Erzeugten,
Und Rahel, für die er so lang gedient,

Und viele noch macht' er mit jenen selig.
Auch sollst du wissen, daß vor den Genannten
Errettet wurde keines Menschen Seele.«

Nicht ließen, weil er sprach, wir ab vom Gehen,
Sondern den Wald durchschritten immerhin wir;
Den Wald mein' ich der dichtgedrängten Geister.

Nicht waren wir im Weg noch weit gekommen
Vom Gipfel ab, als ich erblickt' ein Feuer,
Halbkugelförm'ges Dunkel überstrahlend.

Noch waren wir entfernt davon ein wenig,
Doch nah genug, teilweise wohl zu sehen,
Daß ehrenwertes Volk den Ort besäße.

›Der jede Kunst du ehrst und jedes Wissen,
Wer sind sie, die so große Ehre haben,
Daß sie getrennt sind von der andern Weise?‹

Und er zu mir: »Die ehrende Erwähnung,
Die droben tönt, in deiner Welt, von ihnen,
Schafft' Gnad' im Himmel, die sie so begünstigt.«

Und mittlerweile hört' ich eine Stimme:
»Erzeiget Ehre dem erhabnen Sänger,
Er kehrt zurück, sein Schatten, der verschwunden.«

Als nun die Stimme aufgehört und still ward,
Sah ich vier hohe Schatten auf uns kommen,
Nicht heitern und nicht trüben Angesichtes.

Der gute Meister nun begann zu sagen:
»Schau' jenen mit dem Schwerte in der Hand an,
Der vor den dreien hergeht, wie ein Herrscher;

Das ist Homer, der oberste der Dichter;
Horaz naht, der Satiriker, als zweiter;
Der dritte ist Ovid, Lucan der letzte.

Drum, weil den Namen alle mit mir teilen,
Den jüngst die Stimme einzeln ausgerufen,
Erweisen sie mir Ehr' und tuen wohl dran.«

So sah ich sammeln sich die schöne Schule
Des Fürsten der erhabnen Sangesweise,
Der ob den andern wie ein Adler schwebet.

Nachdem sie eine Weile sich besprochen,
Wandten zu mir sie sich mit Grußeszeichen,
Und ob der Ehre lächelte mein Meister.

Und noch zuteil ward mir viel größre Ehre,
Da sie in ihre Schar mich aufgenommen,
Als sechsten, bei so hoher Geistesnähe.

So gingen vorwärts wir bis zu dem Lichte,
Von Dingen sprechend, drob zu schweigen schön ist,
So wie das Sprechen war dort, wo's geschehen.

Wir kamen jetzt zu einem stolzen Schlosse,
Das, siebenfach umkreist mit hohen Mauern,
Von einem klaren Bach rings war verteidigt;

Den überschritten wir wie festen Boden.
Eintrat durch sieben Tor' ich mit den Weisen,
Zu einem Plan von frischem Grün gelangend.

Hier waren Leute stillen, ernsten Blickes,
In ihren Zügen hohe Würde tragend;
Sie sprachen wenig und mit sanfter Stimme.

Wir zogen so nun aus der Ecken einer
Zu einem offnen, hoh'n und lichten Orte,
Von wo man alle überschauen konnte.

Dort gegenüber auf dem grünen Schmelze
Wurden gezeigt mir die erhabnen Geister,
Die ich gesehn zu haben still mich rühme.

Elektren sah ich, und in ihrem großen
Gefolg erkannt' ich Hektor und Äneas,
Cäsar im Waffenschmuck, mit Falkenaugen,

Ich sah Camilla, sah Penthesilea
Zur andern Seit' und sah Latin, den König,
Hier mit Lavinia, seiner Tochter, sitzend;

Ich sah den Brutus, der Tarquin verjagte,
Lucretien, Julien, Martien und Cornelien,
Auch Saladin allein auf einer Seite.

Nachdem ich mehr die Augen nun erhoben,
Sah ich den Meister jener, die, durch Wissen
Berühmt, im Kreis der Philosophen sitzen,

Ihn, die Bewundrung, die Verehrung aller;
Dort sah ich ferner Sokrates und Plato,
Die vor den andern ihm am nächsten stehen;

Demokrit, der die Welt dem Zufall zuschreibt,
Empedokles, Diogenes und Thaies,
Anaxagoras, Heraklit und Zeno.

Ich sah der Qualitäten wackren Sammler,
Den Dioskorides, auch Orpheus, Tullius,
Linus und Seneca, den Moralisten,

Euclid, den Geometer, Ptolomäus,
Hippokrates, Gallienus, Avicenna,
Averoes, den großen Kommentator;

Ich kann sie alle hier nicht wiederholen,
Weil mich des Stoffes Fülle so bedränget,
Daß hinter dem Gescheh'nen oft das Wort bleibt.

Die Schar der Sechse mindert sich auf zweie,
Und aus der Stille führt mein weiser Leiter
Durch andern Weg mich in der Lüfte Zittern

Zu einer Stätte, wo kein Schimmer hindringt.


Gesang 05

So stiegen von dem ersten Grund wir nieder
Zum zweiten, welcher mindern Raum umgürtet,
Doch größern Schmerz, der bis zum Heulen peinigt.

Hier stehet Minos grauenvoll und knirschend;
Er untersucht die Schuld beim Eintritt, richtet,
Und weist hinab nach Zahl der Schweifesschwingen.

Ich sage, daß, wenn die verruchte Seele
Vor ihm erscheint, sie alles ihm gestehet,
Und jener Kenner der Vergehen, schauend,

Was für ein Ort der Hölle für sie tauget,
Umschlingt so oft sich mit dem Schweif, als Stufen
Er sie hinunter will gesendet wissen.

In Scharen stehn sie stets vor ihm, sie treten
Der Reih nach zum Gericht, bekennen, hören
Den Spruch und werden dann hinabgeschleudert.

»Der du der schmerzenreichen Wohnung nahest,«
Sprach zu mir Minos, als er mich erblickte,
So hohen Amtes Übung unterbrechend,

»Wahr' deinen Eintritt, schaue, wem du trauest,
Laß dich des Eingangs Breite nicht betrügen!«
Und drauf zu ihm mein Führer: »Was doch schreist du?

Verhindre nicht sein vorbestimmtes Wandern,
Man will es so an jenem Orte, wo man
Vermag das, was man will – und frag' nicht weiter.«

Anjetzt beginnen schmerzensvolle Töne
Hörbar zu werden; dorthin nun gelangt' ich,
Wo vieles Jammern mich erschüttern sollte.

Ich kam zu einer lichtberaubten Stätte,
Wo's gleich dem Meer beim Ungewitter brüllet,
Wenn es zum Kampf erregte Stürme peitschen.

Der Wirbelwind der Hölle, nimmer ruhend,
Führt jähen Zuges mit sich fort die Geister,
Zur Qual umher sie schwingend und sie schüttelnd.

Wenn in des Abgrunds Nähe sie gelangen,
Da geht es an ein Klagen, Schrein und Jammern,
Da schallet Lästrung gegen Gottes Allmacht.

Und ich vernahm, daß zu dergleichen Qualen
Verdammet sei'n die fleischlichen Verbrecher,
So die Vernunft den Lüsten unterwürfen.

Gleichwie beim Reif die Star' auf ihren Schwingen
In breiten, dichten Scharen sich entfernen,
So führt die Windsbraut hier die schlimmen Geister

Hierhin und dorthin, aufwärts und hernieder,
Und keine Hoffnung kann sie jemals trösten,
Auf Ruhe nicht, ja nicht auf mindres Leiden.

Und wie die Kranich' kläglich kreischend ziehen
In Lüften, eine lange Reihe bildend,
So sah ich, laut Geheul erhebend, Schatten,

Von jenem Sturm getragen, sich uns nahen.
Da sprach ich: .Meister, wer sind jene Seelen,
Die von der düstern Luft gepeitscht so werden?'

»Die erste derer, über die du Nachricht
Zu haben wünschest,« sprach zu mir nun jener,
»Ist vieler Zungen Kaiserin gewesen.

Der Unzucht Laster war sie so ergeben,
Daß ihr Gelüst sie durch Gesetz erlaubte,
Die Schande, die sie traf, von sich zu wälzen.

Sie ist Semiramis, von der wir lesen,
Daß sie auf Ninus folgt', und sein Gemahl war.
Das Land besaß sie, das der Sultan dränget.

Die andr' ist sie, die liebend sich getötet
Und Treue brach der Asche des Sichäus.
Kleopatra, die Wollüstige, folgt ihr.«

Ich sah auch Helena, ob der im argen
So viele Zeit verstrich; Achill, den Großen,
Der bis zuletzt gerungen noch mit Liebe.

Paris und Tristan sah ich, mehr als tausend
Der Schatten nannt' und zeigt' er mit dem Finger,
Die unsrem Leben Liebe einst entführte.

Nachdem von meinem Meister ich vernommen
Der alten Ritter all' und Frauen Namen,
Ergriff mich Mitleid, daß ich wie verwirrt stand.

,O Sänger!' sprach ich, ,mich verlangt zu reden
Mit jenen beiden, die vereint dort wallen
Und von dem Wind so leicht getragen scheinen.'

Und er zu mir: »Sieh zu, wenn sie uns nahen,
Und dann beschwöre sie bei jener Liebe,
Die sie umhertreibt, und sie werden kommen.«

Sobald der Wind sie gegen uns gelenket,
Erhob die Stimm' ich: ,O gequälte Seelen,
Steht Red' uns, so es euch kein andrer wehret.

Wie Tauben stracks die Luft mit offnen Schwingen,
Wenn Sehnsucht sie zum süßen Neste hinlockt,
Durchfliegen, von dem eignen Trieb getragen,

So kamen aus der Schar, wo Dido weilte,
Auf uns heran sie durch die argen Lüfte;
Denn mächtig war das liebevolle Rufen.

»O du mitleidiges und holdes Wesen,
Das durch die purpurdunkle Luft uns aufsucht,
Die wir mit blut'gem Rot die Welt gefärbet;

Wenn gnädig uns des Weltalls König wäre,
So würden wir für deinen Frieden bitten,
Weil du dich unsers grausen Weh's erbarmest.

Was willst du wissen, sprich, und was uns sagen?
Wir hören zu, und werden mit dir sprechen,
So lange noch, wie jetzt, die Winde schweigen.

Es liegt die Stadt, wo ich geboren wurde,
Am Meeresstrand, wo sich der Po hinabsenkt,
Mit den Begleitern Ruhe dort zu finden;

Liebe, die schnell an zarten Herzen haftet,
Erfaßte diesen, durch das schöne Äußre,
Das mir geraubt ward – noch betrübt die Art mich.

Liebe, die Lieben nie erläßt Geliebten,
Ließ mich an ihm so groß Gefallen finden,
Daß, wie du siehst, es noch nicht von mir weichet:

Es führte Liebe uns zu einem Tode;
Caina harrt des, der uns schlug im Leben.«
Das war's, was uns von ihnen her ertönte.

Als ich vernommen die gekränkten Seelen,
Senkt' ich den Blick und hielt so lang ihn nieder,
Bis mich der Dichter fragte: »Nun, was sinnst du?«

Antwortend drauf begann ich: ,Weh, wie führte
So vieles Sehnen, so viel süßes Träumen
Doch diese hier zum schmerzenreichen Hintritt!'

Dann mich zu ihnen wieder wendend, sprach ich,
Und hob so an: .Franziska, deine Marter
Entlockt mir fromme, schwermutsvolle Tränen;

Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer,
Wie und woran gewährte euch die Liebe,
Daß ihr den unbestimmten Wunsch erkanntet?'

Und sie zu mir: »Es gibt kein größres Leiden,
Als sich der frohen Zeiten zu erinnern
Im Elend – wohl hat dies gewußt dein Lehrer.

Doch wenn die ersten Wurzeln unsrer Liebe
Zu kennen du so große Sehnsucht hegest,
Mach' ich's wie der, so Worte mischt und Tränen.

Wir lasen eines Tages zum Vergnügen
Von Lanzelot, wie Liebe ihn umstricket,
Wir waren ganz allein und ohne Arges.

Zum öftern trafen schon sich unsre Blicke
Beim Lesen, und entfärbte sich das Antlitz;
Doch was uns ganz besiegt, war eine Stelle,

Als wir gehört, wie das ersehnte Lächeln
Von so erhabnen Liebenden geküßt ward;
Da küßte mich, der nie sich von mir trennet,

Ganz bebend auf den Mund. Zum Gallehaut ward
Uns jenes Buch und wer's geschrieben hatte –
An diesem Tage lasen wir nicht weiter.« –

Indem der Schatten einer dieses sagte,
Weinte der andre so, daß ich vom Mitleid
Ohnmächtig wurde, gleich als ob ich stürbe,

Und niederfiel, wie tote Körper fallen.


Gesang 06

Als heimgekehrt der Sinn, der aus Erbarmen
Mit jenem Schwagerpaare sich verschlossen,
Das durch Betrübnis gänzlich mich verstöret,

Sah neue Martern ich um mich und neue
Gemarterte, wie ich nun mich bewegte
Und wie ich wandte mich und wie ich schaute.

Ich bin im dritten Kreise nun des Regens,
Des ew'gen, kalten, last'gen, flucherfüllten,
Dem nie Gesetz, noch Eigenschaft sich wandelt.

Unreines Wasser, Schnee und schwerer Hagel
Ergießt sich durch der Lüfte Finsternisse,
Und Stank entsteigt der Erde, die es aufnimmt.

Das Untier Cerberus, seltsam und wütig,
Bellt aus drei Kehlen nach der Art der Hunde
Die Menge an, die überschwemmt hier lieget.

Rot sind die Augen, schwarz der Bart und triefend,
Der Bauch geräumig und beklaut die Pfoten,
Womit's die Geister krallt, zerfleischt und vierteilt.

Sie heulen Hunden gleich ob solchen Regens.
Mit einer Seite schirmen sie die andre,
Oft wenden sich die armen Gottvergeßnen.

Als Cerberus uns wahrt', der große Lindwurm,
Riß er die Mäuler auf und wies die Hauer,
Kein Glied hatt' er am Leibe, das er still hielt.

Doch seine Spannen streckte aus mein Führer,
Erfaßte Erde, und mit vollen Fäusten
Warf er hinein sie in die gier'gen Schlünde.

Gleich einem Hunde, welcher bellend fordert,
Und sich beruhigt, da den Fraß er beißet
Und jetzt bloß aufs Verzehren sinnt und strebet,

Dem ähnlich machten's die unflät'gen Schnauzen
Des Dämons Cerberus, der so die Geister
Durchdröhnet, daß sie taub zu werden wünschten.

Wir schritten, ob den Schatten, die des Regens
Gewicht herabdrückt, unsre Sohlen setzend
Auf ihre Nichtigkeit, die Menschen gleichet.

Sie lagen all' am Boden, bis auf einen,
Der sich behend aufrichtete zum Sitzen,
Als er uns sah bei sich vorüberwandeln.

»O du, der durch dies Höllenloch geführt wird,
Erkenne mich, wenn du's vermagst,« sprach jener,
»Du tratest in die Welt, eh' ich heraustrat.«

Und ich zu ihm: ,Die Qualen, die du leidest,
Entziehn vielleicht dich mir aus dem Gedächtnis
So, daß es scheint, nie hab ich dich gesehen.

Doch sage mir, wer bist du, der an solchen
Schmerzvollen Ort zu solcher Pein gesandt ward?
Wenn andre größer, ist mißfäll'ger keine.'

Und er zu mir drauf: »Deine Stadt, die voll ist
Von Neid, so daß der Topf schon überfließet,
Umschloß mich dort in jenem heitern Leben.

Ihr Bürger gabt mir einst den Namen Giacco.
Ob der verderbenreichen Schuld der Kehle
Schlägt, wie du siehst, mich nieder hier der Regen.

Nicht bin ich hier die einz'ge Sünderseele;
Denn alle diese leiden gleiche Strafe
Ob gleicher Schuld.« Mit diesem Wort verstummt' er.

Und ich versetzte: ,Ciacco, dies dein Leiden
Drückt mich so sehr, daß drob ich weinen möchte;
Doch sprich, weißt du es anders: wohin kommt es

Wohl mit den Bürgern der entzweiten Stadt noch,
Ist einer drin gerecht, und sag' die Ursach',
Warum so große Zwietracht sie befallen?'

Und jener drauf zu mir: »Nach langem Streite
Kommt es zum Blut, und die Partei der Neuern
Vertreibt die anderen mit vielem Schimpfe;

Doch kurz darauf, noch innerhalb drei Sonnen
Muß jene fallen und die andre siegen,
Durch dessen Übermacht, der fern schon lauert.

Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen,
Die andre schwerbelastet niederhaltend,
Wie sie darob auch wein' und sich erbose.

Zwei sind gerecht, doch will man sie nicht hören,
Stolz, Neid und Habsucht, das sind die drei Funken,
Woran der Bürger Herzen sich entzündet.«

Hier endet' er die trauerreichen Töne,
Und ich zu ihm: ,Wohl möcht' ich, daß du weiter
Belehrtest mich, mir mehr der Worte gönnend.

Tegghiajo, Farinata, die so würdig,
Auch Jacob Rusticucci, Heinrich, Mosca
Und andre, die den Sinn aufs Rechttun wandten,

Sag', wo sie sind, und laß mich sie erkennen;
Denn größer Wunsch ergreift mich, zu erfahren,
Ob Himmelswonn', ob Höllengift ihr Teil ist.'

Und jener drauf: »Die sind bei schwärzern Seelen;
Verschiedne Schuld drückt nieder sie zu Boden,
Du schaust sie, wenn so weit hinab du steigest.

Eins bitt' ich, wenn zur süßen Welt du kehrest,
So rufe mich den Freunden ins Gedächtnis.
Mehr sag' ich nicht, und mehr geb' ich nicht Antwort.«

Die graden Augen wandt' er drauf zum Schielen,
Blickt' mich ein wenig an, beugte das Haupt dann,
Häuptlings hinsinkend, gleich den andern Blinden.

Und zu mir sprach der Führer: »Der erwacht nicht,
Eh' der Drommetenruf des Engels schallet
Bei ihres Widersachers Machterscheinung.

Sein traurig Grab wird jeder wiederfinden,
Sein Fleisch dann und sein Äußres wiedernehmen
Und hören, was in Ewigkeit ihm nachhallt.«

So gingen, langsam schreitend, durch das schnöde
Gemisch der Schatten hin wir und des Regens,
Vom künft'gen Leben einiges berührend.

Drum sprach ich: »Meister, jene Martern, werden
Sie nach dem großen Urteilsspruch wohl wachsen,
Abnehmen oder gleich an Schärfe bleiben?'

Und er zu mir: »Kehr' heim zu deiner Lehre,
Die will, daß, je vollkommener ein Wesen,
Es Freud' und Schmerzen um so mehr empfinde.

Wiewohl nun dies verfluchte Volk zu wahrer
Vollkommenheit nie reift, ist es bestimmt doch,
Mehr, als vorher es war, nachher zu werden.«

Wir wandten uns im Kreis, auf diesem Wege
Weit mehr besprechend, als ich wiedersage,
Und kamen zu dem Punkt, wo man herabsteigt,

Hier trafen Plutus wir, den großen Feind, an.


Gesang 07

»Pape Satan Pape Satan Aleppe!«
Begann nun Plutus mit der rauhen Stimme,
Und, mich zu stärken, sprach der edle Weise,

Der alles wußte: »Laß nicht Schaden bringen
Dir deine Furcht, welch eine Macht er habe,
Nicht wehrt er dir, den Fels herabzusteigen.«

Zu jenem zorngeschwollnen Antlitz wandt' er
Sich drauf und sprach: »Verfluchter Wolf, verstumme!
Verzehr' mit deiner Wut dich in dir selber;

Nicht sonder Ursach' wandeln wir zur Tiefe,
Dort in der Höh' beliebt's so, wo die Rache
Der stolzen Buhlschaft Michael genommen.«

Gleich wie die von dem Wind geblähten Segel
Umwickelt fallen, ward der Mast zerschmettert,
So fiel zu Boden hin das grause Untier. –

So stiegen wir zum vierten Abgrund nieder,
Mehr von dem Riff der Schmerzen hinterlegend,
Das alles Weh' der Welt in sich verschließet.

O ewige Gerechtigkeit, wer häufte
So viele Müh'n, als ich geseh'n, und Peinen?
Was richtet eigne Schuld uns so zugrunde!

Gleich wie die Flut dort über der Charybdis
Sich mit der andern bricht, an der sie brandet,
So muß sich hier das Volk im Reigen drehen.

Viel mehr als anderswo sah ich des Volks hier
Von dieser Seit' und jener, unter lautem
Geheule Lasten wälzend mit den Brüsten.

Sie stießen aneinander, und drauf kehrte
Allda sich jeder wieder rückwärts, schreiend:
»Was kargst du,« und »was machst du tollen Aufwand?«

So kehrten durch den finstern Kreis sie wieder
Zu jeder Hand, bis sie genüber standen,
Ihr schimpflich Lied von neuem anzustimmen.

Dann wandte jeder, wenn er seinen Halbkreis
Zurückgeleget, sich zum andern Kampfplatz.
Und ich, der schier das Herz zerknirscht drob hatte,

Sprach: »Meister, jetzt erklär' mir, wer dies Volk sei,
Und ob sie alle Pfaffen sind gewesen,
Die mit der Glatze hier zu unsrer Linken.'

Und er zu mir: »Schwachsichtig waren alle
Am Geiste so in jenem ersten Leben,
Daß dort mit rechtem Maß sie nie gespendet.

Wohl deutlich sagt es ihrer Stimme Kläffen,
Wenn sie im Kreis an die zwei Punkte kommen,
Allwo der Gegensatz der Schuld sie scheidet.

Sie waren Pfaffen, die der Haarbedeckung
Am Haupt entbehren, Päpst' und Kardinale,
In denen Geiz sein Übermaß verübet.«

Und ich: ,O Meister, unter dem Gelichter
Sollt' ich, bedünkt mich, manche wiederkennen,
Die unrein waren von dergleichen Übeln.'

Und er zu mir drauf: »Leere Schlüsse machst du;
Ihr ruhmlos Leben, das sie so besudelt,
Läßt sie für das Erkennen jetzt im Dunkeln.

So stoßen ewig sie nun aneinander
Und werden aus dem Grab einst auferstehen,
Die mit geschloßner Faust, kahlköpfig jene.

Schlecht Geben und schlecht Sparen brachte einst sie
Ums schöne Leben und in diese Kämpfe,
An denen ich kein Wort mehr will verschwenden.

Sieh hier, mein Sohn, wie kurz die Posse dauert
Der Güter, die Fortunen anvertraut sind,
Um derenhalber sich die Menschen raufen.

Denn alles Gold, das unterm Mond sich findet
Und je sich fand, nicht einer einz'gen könnt' es
Aus diesen müden Seelen Ruh' gewähren.«

»Mein Meister,« sprach ich, »sag' mir noch: Fortuna,
Die du berührt, wer ist sie, daß die Güter
Der Welt sie also hält in ihren Klauen?«

Und er zu mir: »Blödsinnige Geschöpfe!
Wie groß ist doch die Blindheit, die euch schadet!
Jetzt will ich, daß du ganz mein Wort erfassest.

Er, dessen Wissen alles übersteiget,
Erschuf die Himmel und gab ihnen Führer,
Daß allen Teilen alle Teile schimmern,

Auf gleiche Weise rings das Licht verteilend:
So ordnet' er den ird'schen Schimmern gleichfalls
Gemeinsam eine Schaffnerin zur Führung,

Damit zu rechter Zeit die eitlen Güter
Von Volk zu Volk, von Stamm zu Stamme wandern,
Trotz allem Widerstand der Menschenklugheit.

Drum herrschet ein Volk, und das andre welket
Dahin, gemäß dem Richterspruche jener,
Die wie im Gras die Schlange bleibt verborgen;

Nicht kann ihr euer Wissen widerstehen,
In ihrem Reich, gleich wie die andern Götter
In ihrem, ordnet, richtet und vollführt sie.

Und nimmer haben Stillstand ihre Wechsel,
Notwendigkeit leiht Flügel ihr; denn bald kommt
Ein andrer, den der Reihe Los getroffen.

Das ist sie, die so oft ans Kreuz geschlagen
Von denen selbst wird, die sie loben sollten,
Doch sie durch ungerechten Tadel schmähen;

Doch selig in sich selbst, hört nichts davon sie
Und dreht mit andern Urgeschöpfen fröhlich
Still ihre Kugel hin, in sel'ger Wonne.

Jetzt steigen wir zu größern Leiden nieder.«
Die Sterne, die bei meinem Ausgang stiegen,
Sie sinken schon; nicht länger ziemt's zu weilen.

Den Kreis durchschritten wir zum andern Ufer
Bis über einen Quell, der kocht und dann sich
Durch einen Bach, der ihm entspringt, ergießet.

Sein Wasser war viel dunkler noch als Purpur,
Und, von der grauen Flut begleitet, kamen
Hernieder wir, durch einen Pfad des Grausens.

Es bildet einen Sumpf, der Styx genannt wird,
Der Trauerbach, wenn er zum Fuß herabkommt
Des greulich unheilvollen Felsgestades.

Und ich, der aufmerksam stand im Betrachten,
Sah schlammbedecktes Volk in dieser Lache,
Nackt insgesamt und mit erzürntem Antlitz,

Die schlugen nicht allein sich mit den Händen,
Auch mit dem Haupt, der Brust und mit den Füßen,
Stückweise mit den Zähnen sich zerfleischend.

Der gute Meister sprach: »Mein Sohn, hier siehst du
Die Seelen derer, die der Zorn besiegte,
Und auch will ich, daß für gewiß du glaubest,

Daß unterm Wasser Volk ist, welches seufzet
Und Blasen treibt auf seiner Oberfläche,
Wie dich der Blick lehrt, wo er hin sich wendet.

Versenkt im Sumpfe, rufen sie: ,Wir waren
Trüb in dem süßen, sonnenheitern Luftkreis,
Da schleichend Feuer uns im Innern qualmte;

Uns selbst betrüben wir im schwarzen Schlamm jetzt.'
Sie gurgeln dieses Lied in ihrer Kehle,
Weil sie's mit klarem Wort nicht sagen können.«

So kreisten wir um einen großen Bogen
Der Pfütze, zwischen Moor und festem Riffe,
Den Blick auf jene, die den Schlamm verschlucken.

Zu eines Turmes Fuß zuletzt gelangend.


Gesang 08

Fortfahrend sag' ich, daß um vieles früher,
Als wir zum Fuß des hohen Turms gelangten,
Sich unser Aug' erhob zu seinem Gipfel

Ob zweier Flämmchen, die wir richten sahen,
Und eins von fern das Zeichen wiedergeben
So weit, daß kaum das Aug' es mocht' erreichen.

Und ich, zum Meer mich wendend aller Einsicht,
Sprach: ›Was besaget dies, und was antwortet
Das andre Feu'r, und wer hat sie entzündet?‹

Und er zu mir: »Fern auf den schlamm'gen Fluten
Kannst du erkennen schon, was uns erwartet,
Wenn es dir nicht verbirgt der Dunst der Lache.«

Nie hat der Strang noch einen Pfeil geschnellet,
Der durch die Luft so rasch dahingestrichen,
Als durch das Wasser ich ein kleines Schifflein

Alsbald heran sah kommen uns entgegen,
Von einem Steuermann allein geleitet,
Der rief: »So bist du da, verruchte Seele?« –

»Phlegias, Phlegias, für diesmal schreist du
Vergebens,« sprach mein Meister, »länger hältst du
Uns nicht, als hier die Überfahrt des Sumpfs währt.«

Gleich jenem, der, von großem Truge hörend,
So man ihm angetan, nun drob ergrimmet,
Ward Phlegias jetzt im Zorn, der ihn ergriffen.

Mein Führer stieg hinab nun in das Schifflein
Und hieß darauf zu sich hinein mich treten;
Doch erst, als ich drin war, schien es belastet.

Sobald ich mit dem Führer war im Fahrzeug,
Flog hin der alte Kiel, nun tiefer schneidend
Ins Wasser, als er sonst mit andern pfleget.

Indes den toten Graben wir durchliefen,
Kam einer vor das Antlitz mir voll Schlammes
Und sprach: »Wer bist du, der du vor der Zeit kommst?«

Und ich zu ihm: ›Ich komme, doch nicht bleib' ich.
Doch wer bist du, der häßlich so geworden?‹
Er drauf: »Du siehst's, ein weinend Wesen bin ich!«

Und ich zu ihm: ›Beim Weinen und beim Klagen,
Vermaledeiter Geist, magst du verbleiben!
Ich kenne dich, obgleich du ganz besudelt.‹

Da streckt' er nach dem Fahrzeug beide Hände;
Drob der erfahrne Meister ihn hinwegstieß
Und sprach: »Fort, dorthin zu den andern Hunden!«

Den Hals umschlang er drauf mir mit den Armen,
Küßt' mir die Wang' und sprach: »Du Feuerseele,
Gebenedeit sei sie, die dich empfangen!

Der ist ein Stolzer in der Welt gewesen,
Es schmückt sein Angedenken keine Tugend,
Und so ist auch hier noch sein Schatten rasend.

Wie viel' ehrt man als große Fürsten droben,
Die, Schweinen gleich, im Kot hier stecken werden,
Graunvolle Flüche hinter sich verlassend.«

Und ich: ›Mein Meister, sehr begierig war' ich,
In diesen Schlamm versenken ihn zu sehen,
Bevor wir aus der Lache uns entfernen.‹

Und er zu mir drauf: »Eh' sich noch das Ufer
Dir zeiget, wird befriedigt dein Verlangen,
Und billig freust du dich gerechten Wunsches.«

Bald aber sah ich solcherlei Mißhandlung
Von jenem schlammbedeckten Volk ihm antun,
Daß Gott ich noch darüber lob' und preise.

Sie schrien alle: »Auf, Philipp Argenti!«
Die Florentinische, zornmüt'ge Seele
Wandte sich auf sich selber mit den Zähnen.

So ließen wir ihn. – »Mehr von ihm nicht sag' ich.« –
Doch traf die Ohren mir ein solches Jammern,
Daß mit erschloßnem Blick ich vorwärts schaute.

Der gute Meister sprach: »Mein Sohn, jetzt naht sich
Die Stadt, die Dis genannt wird, mit den Bürgern,
Den schwerbeladnen, mit der großen Menge.«

Und ich: ›Mein Meister, ihre Minarete
Erkenn' ich deutlich schon dort in dem Tale
Glutrot, als ob sie aus dem Feuer kämen.‹

Und jener sprach zu mir: »Das ew'ge Feuer,
Das drinnen glüht, macht sie dir rot erscheinen,
Wie du nun schaust in dieser untern Hölle.«

Wir kamen endlich in die tiefen Gräben,
Die jene hoffnungslose Stadt umwallen,
Von Eisen schienen mir zu sein die Mauern.

Nicht ohne erst noch weit herumzukreuzen,
Gelangten zu dem Ort wir, wo der Schiffer
Laut zu uns rief: »Steigt aus, hier ist der Eingang!«

Über den Toren sah ich mehr denn tausend
Herabgeregnete vom Himmel, die uns
Voll Trotz zuriefen: »Wer ist's der die Reiche

Des toten Volkes ohne Tod durchwandelt?«
Mein weiser Meister drauf macht' ihnen Zeichen,
Daß heimlich er mit ihnen sprechen wolle.

Da zähmten sie den großen Zorn ein wenig
Und sagten: »Komm allein, doch jener gehe,
Der durch dies Reich so kecklich eingedrungen,

Allein kehr' er zurück des tollen Weges.
Versuch' er's, wenn er's kann; doch du wirst bleiben,
Der auf so finstrer Straße ihn geleitet!«

Bedenke, Leser, ob ich mich entmutigt
Beim Klange der vermaledeiten Worte,
Denn nimmermehr vermeint' ich heimzukehren.

,O teurer Führer, der du siebenmal und
Wohl öfter mir die Zuversicht erneut hast,
Mich aus Gefahr und Hindernis errettend,

Verlaß mich nicht,' sprach ich, ,hier wie vernichtet,
Und ist mehr vorzudringen uns verweigert,
Laß schnell auf unsrer Spur zurück uns kehren.'

Und jener Hohe, der mich hingeführet,
Sprach: »Fürchte nichts, denn rauben kann uns niemand
Den Weg, den uns ein Mächtiger gewähret.

Doch harre meiner hier und tröst' und nähre
Den abgespannten Geist mit guter Hoffnung.
Nicht werd' ich in der tiefen Welt dich lassen.«

So geht von dannen und verläßt allhier mich
Der süße Vater, daß ich zweifelnd stehe,
Weil Ja und Nein mir in dem Haupte streiten.

Was jenen drauf er bot, konnt' ich nicht hören,
Allein nicht lang noch stand er dort bei ihnen,
Als jeglicher hineinfloh um die Wette.

Die Tore schlossen unsre Widersacher
Dicht vor dem Meister, welcher ausgesperrt nun
Langsamen Schritts zurück zu mir sich wandte.

Den Blick am Boden und die Stirn entblößet
Von stolzem Mute, sagt' er nur durch Seufzen:
»Wer weigert mir, ins Jammerhaus zu treten?«

Allein zu mir sprach er: »Weil ich erzürnt bin,
Erschrick nicht; in dem Wettstreit werd' ich siegen,
Wer drin auch zur Verteidigung sich rege.

Dies ihr Vermessen ist nicht neu; sie übten
Es schon an weniger geheimer Pforte,
Die sich seitdem noch ohne Schloß befindet,

Und wo des Todes Inschrift du erblicktest.
Schon steigt diesseits von ihr den Abhang nieder,
Herwandelnd durch die Kreise sonder Führer,

Ein solcher, dem die Stadt sich wird eröffnen.«


Gesang 09

Mein innre Furcht verratendes Erblassen,
Als ich den Führer sah sich rückwärts wenden,
Schien, was ihn neu bewegte, zu verschließen.

Aufmerksam stand er wie ein Mann, der lauschet,
Denn fern nicht konnten seine Augen tragen,
Weil Nebel rings den dunklen Luftkreis füllten.

»Doch kommt's uns zu, im Kampf zu siegen,« sprach er,
»Wo nicht – ist er nicht mächtig, der sich anbot,
O wie verlangt mich, daß ein andrer nahe!«

Ich sah wohl, wie den Anfang seiner Red' er
Bemäntelt mit dem andern, was drauf folgte,
Das ganz verschieden lautete vom erstern;

Doch um nichts minder gab mir Furcht sein Reden,
Weil ich vielleicht bezog auf schlimmre Meinung,
Als er gehegt, die abgebrochnen Worte.

,Stieg einer je vom ersten Grad hernieder,
Dem nur der Hoffnung Mangel ward zur Strafe,
Zu diesem Abgrund des graunvollen Beckens?'

Die Frage tat ich; er darauf: »Nur selten
Trifft sich's,« entgegnet' er, »daß unsereiner
Den Weg betritt, auf dem ich jetzo wandle;

Wahr ist's daß ich schon einmal war hienieden,
Als jene graus' Erichtho mich beschworen,
Die heim zu ihren Körpern rief die Schatten.

Vor kurzem war das Fleisch erst meiner ledig,
Als sie mich sandt' in dieser Mauer Umkreis,
Um einen Geist aus Judas' Kreis zu ziehen,

Der ist der tiefste, finsterste der Orte,
Vom Himmel, der das All umkreist, am weit'sten.
Ich weiß die Straße wohl; drum sei getrost nur.

Die Lache, so die große Fäulnis aushaucht,
Umgürtet rings umher die Stadt des Jammers,
In die wir ohne Zorn nicht dringen mochten.«

Und andres sprach er, doch mir ist's entfallen,
Weil sich mein Auge ganz hinauf gewendet
Zum hohen Turme mit der glüh'nden Spitze,

Wo ich im Augenblick stracks aufgerichtet
Drei höll'sche Furien, blutgefärbt, erblickte,
Die weibliche Gebärd' und Glieder hatten.

Hochgrüne Hydern waren ihre Gürtel,
Blindschleichen und Zerasten ihre Haare.
Die sich um ihre grausen Schläfen schlangen.

Und jener, welcher wohl die Dienerinnen
Der Königin des ew'gen Jammers kannte, –
»Schau!« rief er, »die Erinnyen, die grimmen!

Dies ist Megära an der linken Seite,
Die weinende zur Rechten ist Alekto,
Tisiphone dazwischen!« Hier verstummt' er.

Auf riß die Brust sich jede mit den Nägeln,
Sie schlugen in die Händ' und schrien so heftig,
Daß ich aus Furcht mich anschmiegt' an den Dichter.

»Medusa komme, daß zu Schmelz er werde!«–
So sprachen alle sie, herniederblickend,–
»Schlimm war's, daß Theseus' Anfall wir nicht rächten.«

»Wende dich rückwärts und verbirg dein Antlitz;
Denn wenn sich Gorgo zeigt und du sie sähest,
Wär' keine Heimkehr mehr für dich nach oben.«

So sprach der Meister, und er selber wandte
Mich um, und so nicht gnügten meine Händ' ihm,
Daß er nicht noch mich mit den seinen deckte.

O ihr, die mit gesundem Geist begabt seid,
Betrachtet wohl die Lehre, die verborgen
Liegt unterm Schleier seltsamen Gedichtes.

Und schon kam auf uns durch die trüben Fluten
Das Krachen eines schreckenvollen Tones,
Wovon die Ufer beiderseits erbebten.

Nicht anders war's, als daß von einem Sturme,
Der, tobend ob des Widerstands der Gluten,
Unwiderstehlich auf den Wald sich stürzet,

Die Äste bricht, hinwirft und raubt die Blüten,
Gehüllt in Staubeswolken stolz einhergeht
Und fliehen macht die Herde und den Hirten.

Die Augen löst' er mir und sprach: »Jetzt richte
Auf jenen alten Schaum den Nerv des Sehens,
Dorthin, wo jene Dünste sind am herbsten.«

Wie vor der Schlange feindlicher Erscheinung
Die Frösche all' im Wasser sich verlieren,
Bis sie zusammen sich geduckt am Grunde,

Sah ich zerstörter Seelen mehr denn tausend
Vor einem fliehen, der am Übergange
Den Styx durchschritt mit ungenetzten Sohlen.

Vom Angesicht entfernt' die dichte Luft er,
Gar öfters mit der Linken vorwärts greifend,
Und nur von solcher Qual schien er belästigt.

Wohl merkt' ich, daß vom Himmel er gesandt sei,
Und wendete zum Meister mich, der winkte
Mir, stillzustehn und mich vor ihm zu neigen.

O wie er mich so voll Unwillens deuchte.
Zur Pforte kam er, und mit einem Stäbchen
Öffnet' er sie, da war kein Widerstreben.

»O schmählich Volk, vertrieben aus dem Himmel!«
Begann er auf der grausenvollen Schwelle,
»Wodurch erwächst in euch solch ein Vermessen,

Was seid ihr widerspenstig jenem Willen,
Dem nimmermehr sein Ziel geraubt kann werden,
Und der zum öftern eure Pein schon mehrte?

Was hilft's, sich gegen das Geschick zu stemmen?
Drum eben ist, wenn ihr euch recht erinnert,
Ja Cerberus haarlos an Hals und Kinne.«

Dann wandt' er heim sich durch die schlamm'ge Straße
Und sprach kein Wort zu uns, sondern sein Antlitz
War eines Mannes, welchen andre Sorge

Als des, der vor ihm stehet, drängt und stachelt.
Und wir nun lenkten unsern Schritt der Stadt zu,
Gesichert durch den Klang der heil'gen Worte.

Wir traten ohne Kampf hinein ins Innre,
Und ich, der zu betrachten war begierig,
Was solche Festung wohl in sich verschließe,

Ließ, als ich drin war, rings die Augen kreisen
Und sah zu jeder Hand ein groß Gefilde
Mit Jammer angefüllt und großen Martern.

So wie bei Arles dort, wie die Rhone stauet,
So wie bei Pola nahe beim Quarnaro,
Der Welschland schließt und seine Mark bespület.

Viel Gräber rings die Statt' uneben machen:
So sah ich deren hier auf allen Seiten,
Nur daß noch bitterer daselbst die Weise;

Denn zwischen diesen Särgen waren Flammen
Verstreut, durch welche sie so ganz erglühten,
Daß keine Kunst mehr von dem Eisen fordert.

All' ihre Deckel waren aufgeschlagen,
Und draus erklang wohl ein so herbes Jammern,
Daß es von Armen schien und von Geplagten.

Und ich: ›Mein Meister, wer sind diese Leute,
Die, eingesarget dort in jenen Laden,
Ihr Dasein durch ein kläglich Seufzen künden?‹

Und er zu mir: »Hier sind die Irrtumstifter
Mit ihren Jüngern, aller Sekten, und wohl
Mehr, als du glaubst, beladen sind die Gräber;

Mit ähnlichen sind ähnliche begraben,
Und mehr und minder sind die Gräber glühend.«
Drauf wandt' er sich zur Rechten, und wir schritten

Nun zwischen Martern hin und hohen Zinnen.


Gesang 10

Jetzt geht es vorwärts auf geheimem Pfade
Zwischen den Martern und dem Wall der Stadt hin,
Mein Meister und ich, seinen Fersen folgend.

›O hohe Kraft, die durch der Frevler Kreise
Mich lenkest,‹ fing ich an, ›wie dir's gefällig,
Sag' und befriedige mir meine Wünsche:

Kann man das Volk, das in den Gräbern ruhet,
Nicht näher sehn? Denn alle Deckel sind ja
Geöffnet schon, und niemand hält dran Wache.'

Und er zu mir: »Die werden all' geschlossen,
Wenn heim vom Tale Josaphat sie kehren
Mit ihren Körpern, die sie droben ließen.

Auf dieser Seit' hat ihre Grabesstätte
Mit Epikurus seine ganze Schule,
Die mit dem Körper läßt die Seele sterben.

Und dort drin wirst du bald befriedigt werden
Auf alle Fragen, die du ausgesprochen,
Und ob des Wunsches auch, den du verschweigest.«

Und ich: ›O guter Führer, nicht verberg' ich
Mein Herz, nur bündig möcht' ich mit dir sprechen,
Und dessen hast du unlängst mich ermahnet.‹

»O Tuscier, der du durch die Stadt des Feuers
Lebendig wallst, mit ehrenwerter Rede,
Laß dir's gefallen, an dem Ort zu weilen!

Ich muß an deiner Sprache dich erkennen,
Als aus der edlen Vaterstadt gebürtig,
Der ich wohl allzu lästig einst gewesen!«

Urplötzlich tönt' es aus der Laden einer
Also hervor, drum ich, von Furcht ergriffen,
Mich etwas näher meinem Führer anschloß.

Und er zu mir: »Wende dich um! Was tust du?
Sieh Farinata, der sich aufgerichtet;
Vom Gürtel aufwärts kannst du ganz ihn schauen.«

Schon heftet' ich mein Antlitz auf das seine,
Und jener hob den Busen und die Stirne,
Als ob der Hölle trotzig Hohn er spräche.

Und zwischen ihn nun und die Gräber stießen
Mich meines Führers Hände rasch und mutig,
Der sprach dazu: »Gezählt' sei'n deine Worte!«

Sobald ich kam zum Fuße seines Grabes,
Blickt' er mich eine Weil' an, und dann fragt' er
Wie zürnend mich: »Wer waren deine Väter?«

Und ich, der zu gehorchen war begierig,
Verbarg ihm nichts, nein, ließ ihn alles wissen;
Drauf er ein wenig aufwärts zog die Brauen

Und sprach: »Sie waren fürchterliche Feinde
Mir, meinen Vätern, meinem ganzen Anhang,
So daß ich zu zwei Malen sie zerstreute.«

›Wenn auch verjagt, so kehrten beide Male
Sie allenthalben heim,‹ gab ich zur Antwort,
›Doch eure haben schlecht die Kunst erlernet!‹

Da stieg, enthüllt vom Deckel, augenscheinlich
Nächst ihm empor ein Schatten bis zum Kinne;
Denn auf die Knie, schien's, hatte er sich erhoben.

Er blickt' um mich herum, als ob er wünsche
Zu sehn, ob jemand andres mit mir wäre;
Doch, da sich sein Vermuten ganz erledigt,

Sprach weinend er: »Wenn durch des Geistes Hoheit
In diesem düstern Kerker du einhergehst,
Wo ist mein Sohn? Warum ist er nicht mit dir?«

Und ich zu ihm: ›Nicht von mir selber komm' ich,
Denn mich geleitet jener, der dort harret,
Den euer Guido wohl gering geschätzt hat.‹

Es hatten seine Worte und die Weise
Der Strafe seinen Namen mir verraten,
Drum konnt' ich ihm so volle Antwort geben.

Stracks aufgerichtet rief er aus: »Wie sagst du,
Er hat gering geschätzt? – Lebt er denn nicht mehr,
Trifft nicht das süße Licht mehr seine Augen?«

Als er gewahr ward eines kurzen Zögerns,
Indem ich vor der Antwort war befangen,
Fiel rückwärts er und kam nicht mehr zum Vorschein.

Doch der hochherz'ge andr', um dessen willen
Ich stehn geblieben, ändert' nicht sein Antlitz,
Hielt starr den Hals und beugte nicht die Seite.

»Und wenn,« sprach er, in seiner ersten Rede
Fortfahrend, »schlecht sie diese Kunst erlernet,
So martert mich dies mehr als dieses Bette;

Doch fünfzigmal nicht wird vom neu'n erglühen
Das Antlitz jener Herrin, die hier herrschet,
Bis du erfährst, wie schwer die Kunst dir lastet.

Und willst du in der süßen Welt je weben,
So sprich, warum ist gegen meinen Stamm doch
Dies Volk erbarmungslos in jeder Satzung?«

›Die große Niederlage und das Blutbad,‹
Sprach ich drauf, ›welches rot die Arbia färbte,
Gibt solchen Ratschluß ein in unsern Hallen.‹

Nachdem er seufzend drauf das Haupt geschüttelt,
»Nicht ich allein war's,«, sprach er, »noch gewißlich
Wär' ohne Grund gekommen ich mit andern;

Doch ich allein war's, welcher dort, wo alle
Einwilligten, Florenz hinwegzureißen,
Mit offner Stirn der Stadt Partei genommen.«

›Wenn euer Samen je soll Ruhe finden,‹
Fleht' ich ihn an, ›so löset mir den Knoten,
In welchen hier mein Urteil sich verstrickt hat.

Es scheint, ihr seht, wenn ich euch recht verstanden,
Im voraus, was die Zeit mit sich herbeiführt,
Doch für die Gegenwart verhält sich's anders.‹

»Wir sehn, wie einer, der ein schwach Gesicht hat,
Die Dinge,« sprach er, »die von uns entfernt sind;
So viel noch läßt der höchste Fürst uns schimmern.

Doch wenn sie annahn oder da sind, schwindet
All unser Sinn, und bringt kein andrer Botschaft,
So wissen wir nichts von der Menschen Treiben.

Darum begreifst du wohl, daß unser Wissen
Ganz tot sein wird von jenem Augenblicke,
Da sich das Tor der Zukunft wird verschließen.«

Da sprach ich, von des Zögerns Schuld zerknirschet:
›Gebt dann dem, welcher dort zurücksank, Kunde,
Daß noch den Lebenden sein Sohn vereint ist,

Und wenn vorher ich blieb die Antwort schuldig,
So sagt ihm, daß es nur geschah, weil ich schon
Dem Zweifel nachsann, den ihr mir gelöst habt.‹

Und schon rief mich zu sich zurück mein Meister,
Drob ich nun schneller von dem Geist begehrte,
Daß er mir sage, wer mit ihm hier weile,

Er sprach zu mir: »Mit mehr denn tausend lieg' ich
Allhier, hierdrinnen ist der zweite Friedrich,
Der Kardinal auch, von den andern schweig' ich.«

Hierauf verbarg er sich, und meine Schritte
Wandt' ich dem alten Dichter zu; die Rede,
Die feindlich mir geschienen, überdenkend.

Er aber brach nun wieder auf und fragte
Im Weitergehn: »Was hat dich so verwirret?«
Und da ich seiner Frage drauf genüget,

Ermahnte also mich der Weise: »Was du
Hier Feindliches vernommen hast, bewahre;
Doch jetzt merk' auf (hier zeigt' er mit dem Finger),

Wenn du dort stehst vor ihrem holden Strahle,
Die mit den schönen Augen alles schauet,
Wird klar durch sie dir deines Lebens Reise.«

Er wandt' den Schritt zur Linken nun; die Mauer
Verlassend, wallten wir zur Mitt' auf einem
Fußpfad, der an ein Tal stieß, wo bis oben

Uns widerliche Duft' entgegenqualmten.


Gesang 11

Am obern Saume eines hohen Ufers,
Das Felsentrümmer bildete im Kreise,
Gelangten wir ob grausenvollre Haufen.

Dort, wegen fürchterlichen Übermaßes
Des Stankes, den der tiefe Abgrund auswirft,
Verbargen dicht wir hinter einem großen

Grabdeckel uns, auf dem ich eine Schrift sah,
Besagend: ›Anastasius verwahr' ich,
Den Papst, den ab vom rechten Weg Photin zog.‹

»Es muß sich unser Niedergang verzögern,
So, daß sich an den schlimmen Duft der Sinn erst
Etwas gewöhn', und dann verschlägt's nicht weiter.«

Der Meister so; und zu ihm sprach ich: ›Einen
Ersatz sinn' aus, daß nicht umsonst die Zeit uns
Verstreich'.‹ Und er: »Du siehst, daß ich dran denke.

Mein Sohn, es sind noch, stufenweise sinkend,
Drei kleinre Kreis' in dieses Felsens Umfang,« –
Begann er drauf, – »den hinterlegten ähnlich.

Erfüllt sind alle mit verfluchten Geistern.
Doch, daß dir gnüge dann am Schaum, vernimm jetzt,
Wie und warum sie eingekerkert liegen.

Jedweder Bosheit, die des Himmels Haß trifft,
Ist Unrecht Zweck, und solchen Zweck erreicht man
Bald durch Gewalt, durch Trug bald, andern schadend.

Doch weil der Trug des Menschen eignes Übel,
Mißfällt er Gott mehr, und drum sind zu unterst
Die Trügrischen von größerm Schmerz befallen.

Den ersten Kreis füllt, wer Gewalttat übte;
Doch da man drei Personen kann Gewalt tun,
Ist er gefügt in drei getrennte Zirkel.

Gewalt tun kann man Gott, sich selbst, dem Nächsten;
Ich mein' an ihnen selbst und an dem Ihren,
Wie du mit offenem Beweis wirst hören.

Mord mit Gewalt und schmerzliche Verwundung
Übt man am Nächsten, und an seiner Habe
Zerstörung, Brand und unrechtmäßig Rauben.

Drum peinigt Mörder auch und die, so böslich
Verwunden, Räuber und Verwüster, sämtlich
Der erste Zirkel, in verschiednen Scharen.

Gewaltsam kann an sich man Hand anlegen
Und auch an seine Güter, und darum muß
Im zweiten Zirkel fruchtlos Reu' empfinden

Jedweder, der sich eurer Welt beraubet,
Verspielt sein Eigentum und es vergeudet
Und, statt der Lust, sich Tränen nur bereitet.

Gewalt verüben kann man an der Gottheit,
Sie mit dem Herzen leugnend und verlästernd
Und die Natur und ihr Geschenk verschmähend.

Darum nun brandmarkt auch der engste Zirkel
Cahors und Sodoma mit seinem Siegel,
Und die von Herzen, Gott verachtend, lästern.

Den Trug, der stets Gewissensbiss' erreget,
Kann gegen den, der einem traut, man üben
Und gegen den, der kein Vertraun gefaßt hat.

Auf letztre Art wird nur das Band der Liebe,
So die Natur erschaffen hat, vernichtet.
Drum ist im zweiten Kreis auch eingenistet

Heucheln und Schmeicheln und wer Zauberei treibt,
Verfälschung, Diebstahl, Simonie und Kuppeln,
Bestechlichkeit und mehr dergleichen Unflat.

Auf erstre Art vergißt man, nächst der Liebe,
So die Natur schafft, jene, die hinzukommt,
Aus der sich der besondre Glaub' erzeuget.

Drum wird im engsten Kreis im Mittelpunkte
Des Weltalls auch, auf welchem Dis den Sitz hat,
Wer da verrät, in Ewigkeit verzehret.«

Und ich: ›Mein Meister, gar wohl deutlich schreitet
Vor dein Bericht und unterscheidet trefflich
Den Schlund und jene, die ihn innehaben;

Doch sage mir, die in der schlamm'gen Lache,
Die dort die Windsbraut jagt, der Regen anschlägt,
Und die sich mit so herbem Wort begegnen,

Warum, wenn sie in Gottes Zorn sind, leiden
Sie innerhalb der glüh'nden Stadt nicht Strafe,
Und sind sie's nicht, was trifft sie solch Verfahren?‹

Und er zu mir: »Warum doch schwärmt dein Geist mehr,
Als sonst er pfleget? Oder auf was anders
Hat nun dein Sinn sein Augenmerk gerichtet?

Erinnerst du dich nicht mehr jener Worte,
Mit denen deine Sittenlehr' gedenket
Der drei Gesinnungen, verhaßt im Himmel,

Unmäßigkeit und Bosheit, und der tolle
Viehische Sinn; daß minder Gott beleidge
Unmäßigkeit, und mindern Tadel ernte?

Und wenn du wohl auf diese Sätze merkest
Und in den Sinn dir heimrufst, wer sie waren,
Die außerhalb dort oben Buß' erleiden,

Wirst klar du sehn, warum von diesen Frevlern
Getrennt sie sind, und weshalb minder zürnend
Sie die Gerechtigkeit zermalmt des Ew'gen.«

›O Sonne, jeden trüben Blick erhellend,
So sehr befriedigt stets mich deine Lösung,
Daß minder nicht mich Zweifeln freut als Wissen.

Noch einmal wende dich ein wenig rückwärts,‹
Sprach ich, ›dorthin, wo's hieß, daß Wucher Gottes
Geschenk beleid'g', und so entwirr' den Knoten.‹

»Philosophie belehret ihre Jünger,«
Sprach er zu mir an mehr als einer Stelle,
»Wie die Natur aus dem Verstand der Gottheit

Den Ursprung hat und aus der Kunst des Schöpfers.
Und finden wirst du, wenn du wohl in deiner
Physik nachforschen willst, nach wenig Seiten,

Daß eure Kunst, so viel ihr möglich, jener,
So wie der Schüler seinem Meister, folget,
So daß wie Gottes Enk'lin eure Kunst ist.

Durch diese beiden, wenn du dich erinnerst
Des Buchs der Genesis im Anfang, soll sich
Die Menschheit Unterhalt und Reichtum schaffen.

Doch weil der Wuchrer andre Wege einschlägt,
Verschmäht er die Natur an sich, verschmäht sie
In ihrer Jüng'rin, da er hofft auf andres.

Doch folge mir; denn mir gefällt's zu wandeln.
Die Fische zittern schon am Horizonte,
Ganz gen den Caurus liegt der Himmelskarren,

Und weiterhin dort geht's den Fels herunter.


Gesang 12

Der Ort, wo wir zum Niedergang gelangten,
War steinig und so graus ob seines Inhalts,
Daß jeder Blick zurückgeschaudert hätte.

Wie jener Bergfall ist, der eine Seite
Der Etsch diesseits Trient bedrängt, sei's, daß einst
Die Erd' erbebt, sei's, daß der Grund gewichen,

Denn von des Berges Höh', dem er entstürzte,
Zur Ebn' ist so herabgerollt das Steinwerk,
Daß es von oben einen Pfad gewähret;

So ging es an dem Abhang hier herunter,
Und auf dem Gipfel des geborstnen Schachtes
War Kretas Schandmal ausgestreckt zu schauen,

Das in dem falschen Bild der Kuh erzeugt ward.
Als es uns nun erblickt', biß es sich selber
Gleich einem, den der Zorn verzehrt im Innern.

Ihm rief mein weiser Führer zu: »Du meinest
Vielleicht, daß dies der Herzog von Athen sei,
Der oben in der Welt den Tod dir brachte.

Fort, Ungeheuer, denn nicht naht sich dieser,
Von deiner list'gen Schwester unterwiesen,
Er geht, um eure Qualen zu betrachten!«

Gleich wie der Stier, der sich dem Strick entrissen,
Nachdem er schon empfing den Stoß des Todes,
Nicht fähig mehr, zu wandeln, hin und her springt,

So sah ich hier den Minotaurus rasen.
Da rief der kluge Führer: »Eil' zum Passe,
Gut ist's, hinabzusteigen, weil er wütet.«

So ging es weiter abwärts durch den Umsturz
Des Steingerölls, das unter meinem Fuß oft
Sich ob der ungewohnten Last bewegte.

Nachdenkend schritt ich vor; doch er: »Du denkst wohl
Ob diesem Sturz nach, den des Untiers Wüten
Bewachet, das ich eben jetzt beschwichtigt.

Nun wisse, daß, als ich das andre Mal hier
Herniederstieg in diese tiefe Hölle,
Noch diese Felswand nicht hinabgestürzt war.

Doch kurz vorher, wenn ich mich recht erinnre,
Eh' jener kam, der aus dem obern Kreise
Dem Dis die große Beute abgenommen,

Zitterte so das tiefe Tal des Grausens
An allen Enden, daß ich meint', es fühle
Das All die Sympathie, die, wie geglaubt wird,

Schon oft die Welt ins Chaos umgewandelt;
Und damals war's auch, wo der alte Felsen
Hier und an andrer Stelle umgestürzt ward.

Doch werfe nun zu Tal den Blick, es naht sich
Der blut'ge Strom, wo jeglicher muß sieden,
Der durch Gewalttat andern Schaden zufügt.«

O blinde Gier! O unverständig Wüten,
Das uns so mächtig spornt im kurzen Leben
Und dann im Ewigen so schnöd' uns einweicht.

Ein breiter Graben war's, den ich erschaute,
Im Bogen rings die ganze Fläch' umfassend,
Wie mein Begleiter mir berichtet hatte,

Und zwischen diesem und der Felswand sprengten
Zentauren hint'reinander, pfeilbewaffnet,
Wie in der Welt sie auf die Jagd gezogen.

Stehn blieben all', da sie herab uns kommen
Gesehn, und drei nur, mit vorher erlesnem
Geschoß und Bogen, trennten aus der Schar sich.

Doch einer rief von weitem: »Welcher Marter
Seid ihr bestimmt, die ihr das Riff herabsteigt?
Von dort aus sagt's, sonst schnell' ich los den Bogen!«

Zu ihm sprach drauf mein Meister: »Antwort werden
Dem Chiron dort wir in der Nähe geben;
Verderblich rasch ist stets dein Sinn gewesen.«

Er dann, mich leis berührend: »Das ist Nessus,
Der wegen Dejanira starb, der Schönen,
Und aus sich selber Rache sich bereitet.

Der mittelste, der auf die Brust herabschaut,
Ist Chiron, des Achilles großer Pfleger,
Der andr' ist Pholus, der so wuterfüllt war.

Zu Tausenden umkreisen sie den Graben,
Verwundend jeden Geist, der aus dem Blute
Mehr taucht empor, als seiner Schuld gebühret.«

Jetzt nahten wir dem flücht'gen Wild uns, Chiron
Nahm einen Pfeil zur Hand, und mit der Kerbe
Strich er den Bart sich hinter seine Kiefern;

Enthüllend so den weiten Mund, begann er
Zu den Genossen: »Merkt ihr wohl, wie jener,
Der dort zuletzt wallt, was er trifft, beweget;

Das ist dem Fuß der Toten sonst nicht eigen.«
Mein guter Hort, schon an der Brust ihm stehend,
Wo beiderlei Naturen sich vermählen,

Sprach: »Wohl ist er am Leben, und ich muß ihn
So ganz allein durchs düstre Tal geleiten,
Wohin Notwendigkeit, nicht Lust ihn führte.

Vom Hallelujasingen kam hernieder,
Die dieses neue Amt mir aufgetragen.
Er ist kein Räuber, ich kein Geist des Frevels.

Doch bei der hohen Kraft, die meine Schritte
Durch diese wilde Straße lenkt, gewähr' uns
Aus dem Gefolge einen zum Begleiter,

Daß er uns zeige, wo die Furt zu finden,
Und auf dem Rücken den hinübertrage,
Denn wie ein Geist nicht wallt er durch die Lüfte.«

Zur rechten Brust gewandt, sprach jetzt zu Nessus
Chiron: »Kehr' um und führ' sie so und wehre
Den andern Scharen, wenn auf sie du stoßest.«

Wir gingen mit dem sicheren Begleiter
Nun längs dem Rand hin des blutroten Sudes,
Wo der Gesottnen lautes Schrein ertönte.

Ich sah hier Volk, versenkt bis zu den Brauen.
»Tyrannen sind's, gewöhnt,« sprach drauf der große
Zentaur, »an blut'ge Tat und Räubergriffe.

Hier weint ob so erbarmungslosen Freveln
Mit Alexander Dionys der Harte,
Der Jahre schweren Drucks Sizilien brachte.

Und jene Stirne mit dem schwarzen Haare
Ist Ezzelino, und die andre blonde
Ist Obizzo von Este, der in Wahrheit

Vom Rabensohn auf Erden ward getötet.«
Da ich zum Dichter drauf mich wandte, sprach er:
»Der sei der erste jetzt dir, ich der zweite.«

Ein wenig weiter hielt bei anderm Volke
Nun der Zentaur still, das bis zu der Kehle
Hervor aus jenem glüh'nden Strudel ragte.

In einer Eck' allein zeigt' einen Schatten
Er, sprechend: »Der durchbohrt' im Schoße Gottes
Das Herz, das an der Themse noch geehrt wird.«

Drauf sah ich andre, nebst dem Haupt den Rumpf noch
Ganz aus dem Bach emporgetragen haltend,
Von denen ich gar manchen wiederkannte.

So wurde seichter stets Blut und seichter,
Bis daß es nur die Füße noch bedeckte,
Allwo den Graben nun wir überschritten.

»Gleich wie auf dieser Seite du gesehen,
Daß dieses Pfuhles Tiefe immer abnimmt,«
Sprach der Zentaur, »so wisse, daß auf jener

Sein Grund sich immer mehr und mehr herabsenkt,
Bis er an jenen Ort sich wieder anschließt,
Wo ewiglich die Tyrannei muß seufzen.

Denn die Gerechtigkeit des Ew'gen peinigt
Dort jenen Attila, der Erde Geißel,
Pyrrhus und Sextus und preßt ewig Tränen

Den Augen aus, gebeizt vom heißen Sude,
Des Rinier von Cornet' und Rinier Pazzo,
Die so gewalt'gen Krieg auf Straßen führten.«

Drauf wandt' er sich und kehrte durch die Furt heim.


Gesang 13

Noch war nicht jenseits Nessus angekommen,
Als wir uns schon in ein Gehölz begaben,
Das keine Spur von einem Pfade zeigte.

Nicht grün die Blätter, nein, von düstrer Farbe,
Nicht glatt die Äste, nein, gekrümmt und knotig;
Nicht Früchte gab's hier, nein, nur gift'ge Dornen.

So rauh' und dunkle Dickichte bewohnt nicht,
Selbst zwischen Cecinas Flut und Corneto,
Das grause Wild, bebaute Striche scheuend.

Hier baun ihr Nest die scheußlichen Harpyien,
Die Trojas Volk von den Strophaden trieben,
Mit trüber Kunde vorbestimmten Wehes.

Breitschwingig, menschengleich an Hals und Antlitz,
Beklaut, den weiten Bauch gefiedert, jammern
Sie auf den abenteuerlichen Bäumen.

Der gute Meister: »Eh' du weiter eintrittst,«
Begann er drauf, »wiss', daß im zweiten Zirkel
Nunmehr du bist, und drin auch wirst verbleiben,

Bis du beim grauenvollen Sandmeer anlangst;
Drum blicke wohl umher, und schauen wirst du,
Was, sagt' ich's, allen Glauben überstiege.«

Von jeder Seite her hört' ich ein Winseln
Und sah doch niemand, dem es zuzuschreiben
Gewesen war', drob ganz verwirrt ich still hielt.

Ich glaube, daß er glaubte, daß ich glaube,
Daß diese Stimmen aus dem Buschwerk kämen
Von Leuten, die sich unserm Blick verbergen.

Und drum sprach nun der Meister: »Wenn du irgend
Ein Zweiglein abbrichst von der Büsche einem,
Wird ganz zunichte werden, was du sinnest.«

Als ich ein wenig vor die Hand nun streckte,
Ein Ästchen eines großen Dornstrauchs pflückend,
Schrie laut sein Stamm: »Warum doch mich zerknicken?«

Und da er drauf vom Blute schwarz geworden,
Begann er wieder: »Was doch mich zerreißen?
Lebt in der Brust dir gar kein Geist des Mitleids?

Wir, Menschen einst, sind Schößlinge geworden;
Wohl sollte liebevoller deine Hand sein,
Selbst wenn wir Schlangenseelen nur gewesen.«

Gleich wie ein grüner Brand, wenn er, entzündet
An einem Ende, nun am andern träufelt
Und zischet, ob der Luft, die ihm entweichet,

So drangen aus dem Bruche Blut und Worte
Vereint hervor; drob mir die Zweigesspitze
Entfiel und ich ein Furchtergriffner dastand.

»Wenn er zuvor das hätte glauben können,
Gekränkte Seel',« entgegnet' ihm der Weise,
»Was ihm aus meinem Lied allein bekannt war,

So hätt' er nimmer Hand an dich geleget;
Doch das Unglaubliche der Sache ließ mich
Die Tat ihm heißen, die mir selber lastet.

Doch sag' ihm, wer du warst, daß statt der Buß' er
Den Ruf dir droben in der Welt erneure,
Wohin ihm heimzukehren ist gestattet.«

Und drauf der Stamm: »So lockt dein süßes Wort mich,
Daß ich nicht schweigen kann, euch aber sei's nicht
Zur Last, wenn im Gespräch ich mehr verweile.

Ich bin es, welcher beide Schlüssel führte
Zum Herzen Friedrichs und so sanften Druckes
Beim Öffnen und Verschließen sie gewendet,

Daß alle schier von seinem Rat ich ausschloß,
Und das ruhmvolle Amt übt' ich so treulich,
Daß drob der Schlaf mich mied, der Puls mir stockte.

Die Metze, die nie von des Cäsars Wohnung
Den Buhlerblick gewandt, sie, das gemeine
Verderben und der Höfe eignes Laster,

Entflammte gegen mich die Seelen aller,
Die, selbst entflammt, so den August entflammten,
Daß trübes Weh mir ward aus heitrer Ehre.

Mein Sinn voll zorn'gen Überdrusses, hoffend,
Im Tode der Verachtung zu entgehen,
Ließ Unrecht mich an mir Gerechtem üben.

Bei dieses Baums seltsamen Wurzeln schwör' ich's,
Daß nimmermehr ich treulos bin gewesen
An meinem Herrn, der so der Ehre wert war.

Und wenn zur Welt je einer von euch heimkehrt,
So richt' er wieder auf mein Angedenken,
Das noch darniederliegt vom Stoß des Neides.«

Nach kurzem Harren sprach: »Da er noch schweiget,«
Mein Meister drauf, »verliere nicht den Zeitpunkt,
Nein, sprich und frag' ihn, wenn du mehr noch wünschest.«

Drob ich zu ihm nun: ›Frage du ihn wieder,
Was du wohl glaubst, das mich befried'gen möchte,
Ich könnt' es nicht, so sehr betrübt mich Mitleid.‹

Darum begann er: »Wenn man je dir tun soll
Mit freiem Sinn, was deine Wort' erflehen,
Laß dir's gefallen, o gefangne Seele,

Uns zu berichten, wie der Geist sich bindet
In diese Knoten, und vermagst du's, sag' uns,
Ob einer je sich löst aus solchen Gliedern.«

Da zischte laut der Stamm, und solches Wehen
Verwandelte sich drauf in diese Stimme:
»Mit kurzen Worten will ich Antwort geben.

Wenn sich die grimme Seele von dem Körper
Entfernt, aus dem sie selbst sich losgerissen,
So weist zum Schlund, dem siebenten, sie Minos.

Sie fällt zum Wald nun, ohne Wahl des Ortes,
Doch dort, wo sie das Schicksal hingeschleudert,
Da keimet sie empor, gleich einem Spelzkorn.

Sie wächst zum Schößling auf, zum Strauch des Waldes;
Drauf die Harpyi'n, ihr Laub benagend, Schmerzen
Ihr antun und den Schmerzen Luft verschaffen.

Gleich andern treffen einst wir unsre Hüllen,
Doch nicht, daß eine neu damit sich kleide;
Denn was der Mensch sich raubt, soll er nicht haben.

Hier schleppen wir sie hin dann, und im düstern
Gehölz wird jeder Leib einst aufgehangen
Am Dornbusch, wo gequält sein Schatten wohnet.«

Wir harrten noch am Stamm in der Erwartung,
Daß er uns mehr darob berichten wolle,
Als überrascht von einem Lärm wir wurden,

Gleich einem Jäger, der auf seinem Stande
Den Eber plötzlich nah'n hört und das Treiben,
Und durch der Zweige Laub die Doggen rauschen.

Und sieh da! zwei zu unsrer linken Seite
Nackt und zerkrallt, die so gewaltig flohen,
Daß alle Gitter sie des Waldes brachen.

Der vordre: »Eil, o Tod, herbei jetzt, eile!«
Drauf schrie der andre, dem es allzu langsam
Zu gehn schien: »Lanol war doch so behende

Dein Fuß nicht bei dem Waffenspiel am Toppo.«
Und da's ihm drauf am Atem wohl gebrochen,
Verschlang er sich mit einem Strauch zum Knoten.

Dicht hinter ihnen war der Wald erfüllet
Mit schwarzen Hündinnen, in gier'gem Laufe
Windhunden ähnlich, die dem Strick entkommen.

Den, der gedrückt lag, packten mit den Zähnen
Sie nun, und trugen, stückweis' ihn zerreißend,
Die schmerzensvollen Glieder drauf von dannen.

Da faßte bei der Hand mich mein Begleiter
Und führte mich zum Busch hin, der aus blut'gen
Verletzungen fruchtlose Tränen weinte.

»O Jakob,« rief er aus, »von Sankt Andreas,
Was half es dir, daß du mit mir dich schirmtest?
Was bin ich schuld an deinem wüsten Leben?«

Mein Meister, über jenem still nun haltend,
Begann: »Wer bist du, der durch so viel Enden
Du blutgemischte Schmerzenswort' enthauchtest?«

Und er zu uns: »O Seelen, angekommen,
Die seh mähliche Mißhandlung zu betrachten,
Die meine Blätter so von mir getrennt hat,

Rafft sie am Fuß des Jammerstrauchs zusammen.
Ich war aus jener Stadt, die mit dem Täufer
Den ersten Hort vertauscht hat, drum auch dieser

Sie stets mit seinen Künsten wird betrüben,
Und wenn nicht an dem Übergang des Arno
Von ihm noch übrig eine Spur verbliebe,

So hätten jene Bürger, die von neuem
Sie auf dem Schutt, den Attila zurückließ,
Erbauten, ein vergeblich Werk begonnen.

Ich machte mir mein eigen Haus zum Galgen.«


Gesang 14

Gedrängt von Liebe zum Geburtsort, rafft' ich
Nun die zerstörten Blätter auf und gab sie
Dem wieder, der schon sprach mit heis'rer Stimme.

Drauf kamen wir zur Grenze, wo vom dritten
Sich trennt der zweite Zirkel und der ew'gen
Gerechtigkeit graunvolle Kunst zu sehn ist.

Die neuen Dinge klar zu schildern, sag' ich,
Daß wir zu einer Heide nun gelangten,
Die kein Gewächs auf ihrem Grunde duldet.

Es kränzet sie die schmerzensreiche Waldung
Ringsum, wie diese der verruchte Graben;
Hier hielten dicht am Rand wir unsern Schritt ein.

Ein dürres festes Sandfeld war der Boden,
Ganz gleicher Art mit jenem, der vor Zeiten
Von Catos Füßen ist betreten worden.

O Rache Gottes! wie so furchtbar mußt du
Jedwedem scheinen, der es hier wird lesen,
Was meinen Augen ward geoffenbaret!

Zahlreiche Scharen sah ich nackter Seelen,
Ganz jämmerlich wohl samt und sonders weinend,
Doch schien verschiedne Satzung sie zu treffen.

Rücklings am Boden lag ein Teil des Volkes,
Ein andrer saß, zusammen ganz gekauert,
Und noch ein andrer wandelt unablässig,

Der so umherging, war an Anzahl größer,
Und minder der, so in der Marter dalag,
Doch war zum Fluch ihm mehr gelöst die Zunge.

Es regneten aufs ganze Sandmeer nieder
Langsamen Falles breite Feuerflocken,
Wie auf den Alpen Schnee an stillen Tagen.

Wie Alexander einst in jenen heißen
Landstrichen Indiens über seine Mannschaft
Sah Flammen ungedämpft zur Erde fallen,

Drob er Vorkehrung traf, den Grund zu stampfen
Durch seine Scharen, weil der Dunst noch leichter
Zu löschen war, eh' neuer noch hinzukam,

So senkte sich herab die ew'ge Lohe,
Davon der Sand, wie unterm Feuerzeuge
Der Zunder, glomm, die Qualen zu verdoppeln.

Ununterbrochen ging das Spiel beständig
Der unglücksel'gen Hände, welche hier bald,
Bald dort abschüttelten die neuen Gluten.

Ich nun begann '0 Meister, der du alles
Besiegst, nur nicht die trotz'gen Teufel, die uns
Entgegentraten bei des Tores Eingang,

Wer ist der Große, der, die Brunst nicht achtend,
So höhnend und mit scheuem Blicke daliegt,
Daß mürb ihn auch der Brand nicht scheint zu machen?'

Und jener selbst nun, der es inne worden,
Daß seinethalb ich meinen Führer fragte,
Rief: »Wie ich lebend war, bin ich auch tot noch.

Mag Jupiter auch seinen Schmied ermüden,
Von dem im Zorn er nahm den scharfen Blitzstrahl,
Der an der Tage letztem mich getroffen;

Ermüd' er all' die andern auch der Reih' nach
In Mongibellos schwarzer Schmiedewerkstatt,
'Vulkan, du Lieber, hilf mir, hilf mir!' rufend,

Wie bei der Schlacht er tat in Phlegras Tale,
Und schleudr' auf mich die ganze Kraft des Blitzes,
Doch wird er nie der Rache froh drum werden.«

Da sprach mit solcher Kraft zu ihm mein Führer.
Wie ich noch nie von ihm vernommen hatte:
»O Kapaneus, daß nimmermehr sich dämpfet

Dein Stolz, ist eben deine größte Strafe,
Denn keine Marter, als dein eigenes Rasen,
Wär' deiner Wut ein vollgeziemend Leiden!«

Drauf wandt' er sich zu mir mit mildrer Lippe
Und sprach: »Er ist der eine von den sieben
Belagrern Thebens, welcher Gott verschmähte

Und noch, so scheint's, verschmäht und wenig achtet;
Doch, wie ich ihm gesagt, es ist sein Lästern
Wohl seinem Innern ein gebührend Brandmal.

Jetzt folge mir und hab' wohl acht, die Füße
Noch nicht in den entbrannten Sand zu setzen,
Am Saum des Waldes immer dicht sie haltend.«

Stillschweigend kamen wir zu einer Stätte,
Wo aus dem Wald hervor ein Bächlein sprudelt,
Des Röte mir noch jetzt die Haare sträubet.

Wie aus dem Schwefelpfuhl der Bach entströmet,
Den dann die Sünderinnen sich verteilen,
So wallte jener durch den Sand hernieder.

Des Flußbetts Grund und beide Hänge waren
Von Stein, so wie der Ranft zu jeder Seite,
Daraus ich hier den Übergang erkannte.

»Es hat dein Auge unter all' dem andern,
Was ich gezeigt dir, seit zu jenem Tore
Wir eingetreten, dessen Schwelle niemand

Verriegelt ist, nichts so Bemerkenswertes
Annoch gesehn als gegenwärt'ges Bächlein,
Das alle Flammen über sich verlöschet.«

So lauteten die Worte meines Führers,
Drob ich ihn bat, zu spenden mir die Speise,
Nach der er Sehnsucht mir ins Herz gespendet.

»In Meeres Mitte liegt ein Land, verwüstet,
Mit Namen Kreta,« sprach zu mir nun jener,
»Zu dessen Königs Zeit schuldlos die Welt war.

Drin ist ein Berg, anmutig einst bewässert
Und laubbeschattet, Ida war sein Name.
Jetzt ist er öde, wie vom Alter modernd.

Ihn wählte Rhea zur betrauten Wiege
Des Sohnes einst und ließ dort, wenn er weinte,
Geschrei erheben, sichrer ihn zu bergen.

Ein hoher Greis steht aufrecht in dem Innern
Des Berges, nach Damiett' den Rücken wendend
Und hin auf Rom, als sei's sein Spiegel, blickend.

Von feinem Gold ist ihm das Haupt gebildet,
Aus reinem Silber Arm und Brust bestehend;
Dann folget Erz bis zu dem Spalt herunter;

Von dort ab ist er ganz gediegnes Eisen,
Nur daß gebrannter Ton der rechte Fuß ist,
Auf dem er mehr als auf dem andern feststeht.

Bis auf das Gold ist jeder Teil geborsten
Durch einen Spalt, aus welchem Tränen träufeln,
Die dann, sich sammelnd, jenen Fels durchwühlen.

In dieses Tal enstürzet ihre Strömung,
Den Acheron, Styx, Phlegethon zu bilden.
Dann geht's herab durch diese enge Rinne

Bis dort, wo man nicht ferner abwärtssteiget,
Zu bilden den Cozyt, wie diese Lache
Beschaffen, wirst du schaun, drum sag' ich's hier nicht.«

Und ich zu ihm nun: »Wenn auf solche Weise
Der Abfluß hier vor uns aus unsrer Welt kommt,
Warum erscheinet er an diesem Rand erst?«

Und er zu mir: »Du weißt, daß rund die Stätte,
Und ob du gleich schon viel in ihr hernieder
Gestiegen bist, stets links herum dich wendend,

So hast du doch noch nicht den ganzen Umkreis
Durchlaufen; drum, wenn Neues dir erscheinet,
Darf Staunen nimmer auf dein Antlitz treten.«

Ich wieder: »Meister, Phlegethon und Lethe,
Wo sind sie nur? denn von dem letztern schweigst du
Und sagst, der erstre bild' aus diesem Tau sich.«

»Wohl sind erfreulich mir all' deine Fragen,«
Antwortet' er: »doch sollte dir das Sieden
Der roten Flut alsbald die eine lösen.

Einst schaust du, aber nicht in dieser Grube,
Den Lethe, wo zum Bad die Seelen treten,
Wenn die bereute Schuld wird nachgelassen.«

Drauf sprach er: »Es ist Zeit, uns zu entfernen
Vom Busche nun; auf! folge meinen Schritten,
Bahn bieten uns die unentbrannten Ufer,

Und aller Dunst verlöschet über ihnen.«


Gesang 15

Jetzt trägt der harten Ufer eins von dannen uns;
Und dunkel qualmt darüber, vor dem Feuer
Verwahrend Dämm' und Flut, der Rauch des Bächleins.

Wie zwischen Brügg' und Cadsand die Flamänder,
Die Flut, die gegen sie heranstürzt, fürchtend,
Sich eine Wehr' baun, der die Brandung weiche,

Und wie die Paduaner längs der Brenta
Sie baun zum Schirm der Villen und Kastelle.
Bevor noch Kärntens Höhn die Wärme fühlen,

Dem ähnlich waren jene hier gebildet,
Nur daß von gleicher Höhe nicht, noch Stärke,
Wer er auch war, der Meister sie errichtet.

Schon waren wir so weit vom Wald entfernet,
Daß, wo er stand, ich nicht mehr unterschieden,
Ob ich auch rückwärts mich gewendet hätte,

Als uns entgegenkam ein Haufen Seelen,
Herwandelnd längs dem Damm, und unter ihnen
Sah uns jedwede an, wie wohl des Abends

Beim Neumond einer auf den andern hinblickt,
Anblinzelnd also uns mit ihren Augen,
Wie auf das Nadelöhr ein alter Schneider.

So angestarrt von solcherlei Gesellschaft,
Ward ich erkannt von einem, der, beim Saum mich
Erfassend des Gewands, rief: »Welch ein Wunder!«

Und ich, da er den Arm nach mir gestrecket,
Hing mit dem Blick an dem verbrannten Antlitz
So, daß die von der Glut zerstörten Züge

Nicht wehrten meinem Geist, ihn zu erkennen,
Und hin mein Angesicht zu seinem neigend,
Antwortet' ich: ›Seid Ihr hier, Herr Brunetto?‹

Und er: »O lieber Sohn, laß dir's gefallen,
Daß, weichend von der andern Spur, Brunetto
Latini mit dir wandl' ein Stückchen rückwärts.«

Ich sprach zu ihm: ›Aus ganzer Seel' erfleh' ich's
Und setze mich mit euch, wenn ihr es wünschet,
Dafern es dem gefällt, denn mit ihm wandr' ich.‹

»O lieber Sohn,« sprach er, »wer aus der Schar hier
Sich irgend aufhält, liegt dann hundert Jahre,
Ob auch die Glut ihn senge, unbeweglich.

Drum geh' nur fort, ich folg' am Saum des Kleids dir
Und hole wieder ein dann meine Rotte,
Die weinend wallt ob ihres ew'gen Unheils.«

Ich wagt' es nicht, vom Damm herabzusteigen
Um mich ihm gleichzustellen, doch gebücket
Hielt ich das Haupt, wie wer voll Ehrfurcht wandelt.

Er nun begann: »Welch Schicksal oder Zufall
Führt vor dem letzten Tag dich hier hernieder,
Und wer ist dieser, der den Weg dir zeiget?«

›Dort oben über uns, im heitern Leben,‹
Entgegnet' ich, ›verirrt' in einem Tale
Ich mich, bevor erfüllt noch war mein Alter.

Erst gestern morgens wandt' ich ihm den Rücken,
Doch da zu ihm ich kehrt', erschien mir jener
Und führt' mich heim nunmehr auf diesem Pfade.‹

Und er zu mir: »Wenn deinem Stern du folgest,
Kannst des ruhmvollen Ports du nicht verfehlen,
Dafern ich recht gesehn im schönen Leben;

Und wär' ich so nicht vor der Zeit gestorben,
So hätt' ich, da ich dir des Himmels Zeichen
So günstig sah, zum Werke dich ermuntert.

Doch jenes Volk, so undankbar und boshaft,
Das niederstieg von Fiesole vor Alters
Und nach dem Berg und Schieferfels noch artet,

Wird dir zum Feind ob deines Rechttuns werden,
Und da, weil sich's nicht ziemt, daß zwischen herben
Spierlingen süßer Feigen Frucht gedeihe.

Blind nennt sie eine alte Sag' auf Erden,
Ein geiziges Geschlecht voll Stolz und Mißgunst.
Sieh zu, dich ihrer Sitten zu entschlagen.

So großen Ruhm bewahret dir dein Schicksal,
Daß beide Teil' einst Hunger nach dir fühlen,
Doch wird vom Mund dann fern der Bissen bleiben.

Wohl mögen selber sich zu Streu zertreten
Die Bestien Fiesoles, doch sollen nimmer
Die Pflanze sie berühren, wenn noch eine

Dem Wust entkeimt, in der der heil'ge Samen
Der Römer auflebt, die dort wohnhaft waren,
Als solches Nest voll Bosheit ward gegründet.«

›Wenn mein Begehren ganz erfüllt der Himmel,‹
Entgegnet' ich ihm drauf,›Ihr würdet jetzt noch
Nicht aus der menschlichen Natur verbannt sein.

Denn fest bewahrt mein Sinn, ob auch voll Schmerz jetzt
Das teure, liebe, väterliche Bild mir
Von Euch, da in der Welt Ihr Tag für Tag mich

Den Weg gelehrt, wie sich der Mensch verewigt,
Und wie ich dankbar drob, so lang' ich lebe,
Müßt Ihr an meinen Worten noch erkennen.

Was Ihr von meinem Lauf erzählt, bemerk' ich
Mit anderm Spruch, es zur Erläut'rung wahrend,
Bis ich ein Weib, das dies versteht, erschaue.

So viel indes will ich Euch offenbaren,
Daß, schilt mich anders nur nicht mein Gewissen,
Ich auf das Schicksal, wie's auch sei, gefaßt bin.

Nicht neu ist solch ein Vorklang meinen Ohren,
Drum mag Fortuna immer nach Gefallen
Ihr Rad umdrehn und seinen Karst der Landmann.‹

Da wandte auf die rechte Seite rückwärts
Mein Meister sich, ins Angesicht mir blickend,
Und sprach darauf: »Recht höret, wer es merket.«

Doch drob nicht minder wandl' ich im Gespräch hin
Mit Herrn Brunetto, wer von den Genossen
Am größten und berühmt'sten wohl? ihn fragend.

Und er zu mir drauf: »Manche ziemt's zu kennen,
Von andern wird es löblich sein zu schweigen,
Weil allzu kurz die Zeit für die Erzählung.

Wiss' überhaupt, daß Geistliche, Gelehrte
Sie alle waren, groß und weltberühmet,
Die gleiche Sünd' einst auf der Welt befleckte.

Dort wallt mit jener Unglücksschar Priscianus
Und Franz Accursius, auch erblicken kannst du,
Wenn dich gelüsten sollte solches Unflats,

Den, der vom Knecht der Knechte ward vom Arno
Versetzt zum Bacchiglione, wo die Nerven,
Zu schnöder Brunst mißbraucht, er hinterlassen.

Mehr würd' ich sagen, aber Red' und Wandrung
Darf nun nicht länger dauern, denn schon seh' ich
Dort neuen Dunst vom Sandmeer sich erheben;

Es nahet Volk, mit dem mir nicht zu weilen
Vergönnt. Laß meinen Schatz dir sein empfohlen,
In dem ich leb' annoch, und mehr nicht fordr' ich.«

Drauf wandt' er sich und schien von jenen einer,
Die zu Verona durch das Blachfeld laufen
Ums grüne Tuch, und schien von ihnen jener,

Der Sieger bleibt, nicht jener, der besiegt wird.


Gesang 16

Schon waren wir, wo man den Schall der Wässer
Vernahm, die zu dem nächsten Kreis entstürzten,
Dem Summen gleich, um Bienenkörbe tönend,

Als schnellen Laufs allzumal drei Schatten
Von einer Schar, die unter jenem Regen
Der herben Qual vorüberging, sich trennten.

Sie kamen auf uns zu und riefen sämtlich:
»Steh still du, der, nach deiner Tracht zu schließen,
Ein Bürger unsrer Stadt scheint, der verderbten.«

Weh'! welche Wunden, alt'und neu', erblickt' ich,
Die ihren Gliedern eingebrannt die Flamme!
Noch schmerzt es mich, wenn ich daran nur denke.

Auf ihren Ruf hielt horchend still mein Lehrer,
Wandt' mir das Antlitz zu und sprach: »Halt ein jetzt,
Denn diesen muß mit Achtung man begegnen.

Und wär's nicht ob der Glut, die von Natur hier
Herabgeschleudert wird, so möcht' ich sagen,
Dich zu beeifern zieme dir vor ihnen.«

Das früh're Lied begannen, da wir standen,
Von neuem sie, und, uns erreichend, faßten
Sich alle drei, umdrehend wie ein Rad sich.

Wie einst entkleidet und gesalbt die Kämpfer
Sich Blöß' und Vorteil abzulauschen suchten,
Eh' sie einander Schlag und Stoß versetzten,

So wendete ein jeglicher das Antlitz
Mir wirbelnd zu, daß in verkehrter Richtung
Der Hals beständig umlief mit den Füßen.

»Und wenn das Elend dieser sand'gen Stätte
Und unser traurig, lautlos Antlitz uns auch
Und unser Flehn verschmähn läßt,« fing der ein' an,

»So rühre deinen Sinn doch unser Nachruhm,
Uns, wer du bist, zu sagen, der die Hölle
So sonder Fahr durchstreicht, lebend'gen Fußes.

Er, dessen Spur du hier mich siehst betreten,
Obgleich er nackt jetzt und zerfleischt einhergeht,
War einst von größrer Würd', als du wohl glaubest.

Der trefflichen Waldrada Enkel ist er,
Mit Namen Guido Guerra, der im Leben
Viel durch den Rat, viel mit dem Schwert vollbrachte.

Der andre, hinter mir den Flugsand stampfend,
Tegghiajo Aldobrandi ist, des Stimme
Man droben in der Welt wohl hören sollte.

Und ich, mit ihnen hier ans Kreuz geschlagen,
Bin Jacob Rusticucci, und gewißlich,
Das schlimme Weib bringt mir am meisten Schaden.« –

Wenn vor dem Feuer sicher ich gewesen,
Hätt' ich mich unter sie herabgestürzet,
Und wohl gelitten, glaub' ich, hätt's der Meister.

Doch weil ich mich gesengt dort und verbrennet,
Ward von der Furcht besiegt mein guter Wille,
Der mir Begierde gab, sie zu umarmen.

Drauf ich begann:›Verachtung nicht, nein, Kummer,
Hat euer Zustand mir so tief ins Innre
Geprägt, daß er nur langsam ganz entschwindet,

Sobald mir dieser mein Gebieter Worte
Gesagt, aus denen ich wohl schließen mochte,
Daß Männer euresgleichen sich uns nahten.

Von eurer Stadt bin ich, und immer habe
Ich eurer Taten und verehrten Namen
Gedacht mit Lieb' und sie erwähnen hören.

Den Wermut flieh'nd, wall' ich der süßen Frucht zu,
Die der wahrhaft'ge Führer mir versprochen,
Doch muß ich bis zum Mittelpunkt erst stürzen.‹ –

»Wenn lange Zeit der Geist noch deine Glieder
Bewegen soll,« antwortet' drauf mir jener,
»Und wenn dein Ruf nach dir noch soll erglänzen,

Sprich, wohnen Edelsinn und Tapferkeit noch
In unsrer Stadt, wie sie gepfleget, oder
Sind ganz und gar aus ihr sie jetzt entflohen?

Denn dort Wilhelm Borsiere, der seit kurzem
Mit uns hier klagend wallt mit den Genossen,
Hat uns gar sehr gequält durch seine Worte.« –

›Das neue Volk, der schnellgewachsne Reichtum
Hat Stolz und Übermut in dir erzeuget,
Florenz, so daß du schon dich drob beklagest!‹

So rief ich mit emporgehobnem Antlitz;
Die drei nun, hier die Antwort ahnend, starrten
Einander an, wie man die Wahrheit anstarrt.

»Wenn es dir künftig mehr nicht kostet, andern
Genugzutun,« antworteten sie alle,
»O glücklich du, der frei den Sinn du äußerst!

Drum wenn du einst aus diesen finstern Stätten
Entrinnst, die schönen Sterne wieder schauend,
Und es dich dann: ›Dort war ich!‹ freut zu sagen,

So unterlasse nicht, von uns zu sprechen.«
Drauf brachen sie das Rad, und Flügeln schienen
Die raschen Füß' im Fliehen zu vergleichen,

Nicht schneller hätte man vermocht, ein Amen
Zu sagen, als sie uns entschwunden waren.
Darob mein Meister fortzugehn für gut fand.

Ich folgt' ihm, und nur waren wir ein wenig
Gewallt, als uns so nah des Wassers Lärm kam,
Daß man kein Wort von uns verstanden hätte.

Wie jener Fluß, – der ab von Visos Berge
Nach Morgen hin zuerst den eignen Lauf hat,
Der Apenninen linkem Hang entströmend,

Der Acquacheta oberhalb genannt wird,
Bevor er niedersinkt zum tiefen Grunde,
Und bei Forli dann ist des Namens ledig, –

Dort ob San Benedettos Kloster schallet,
Durchs Hochgebirg in eine Schlucht entstürzend,
Wo Tausende wohl Zuflucht finden sollten;

So hörten wir von einem steilen Riffe
Herab die trübe Flut hier widerhallen,
Die wohl in kurzer Zeit das Ohr verletzte.

Den Leib hatt' ich mit einem Strick umgürtet,
Mit dem ich mehr als einmal jenes Pardel
Mit buntbemaltem Fell zu fangen dachte.

Nachdem ich nun ihn ganz von mir gelöset,
So wie mein Führer mir geboten hatte,
Reicht' ich ihn diesem hin zum Knäul verschlungen.

Drauf er, sich nach der rechten Seite wendend,
Ein wenig von dem Rand entfernt, hinunter
Ihn schleuderte in jenen tiefen Abgrund.

›Wahrhaftig, etwas Neues muß entsprechen,‹
Begann ich bei mir selbst, ›dem neuen Zeichen,
Das mit dem Blick der Meister so begleitet.‹

O wie behutsam ziemt's zu sein dem Menschen
Bei jenen, die nicht nur die Tat erschauen,
Nein, mit dem Geist in die Gedanken blicken!

Er sprach: »Bald muß hier oben an nun langen,
Was ich erwart' und was dein Sinn schon träumte,
Bald muß es deinen Blicken sich enthüllen.«

Stets soll der Wahrheit, die der Lüge ähnelt,
Der Mensch, so viel er kann, die Lippen schließen,
Weil sie ihm Schmach bringt ohne sein Verschulden.

Doch kann ich hier nicht schweigen, und ich schwöre
Bei der Komödie Worten dir, o Leser,
So wahr sie späten Beifall nicht vermisse,

Daß durch die dichte, dunkle Luft ich eine
Gestalt, wie schwimmend sich empor sah heben,
Drob auch selbst unerschrockn're Herzen staunten.

Wie einer auf wohl steiget, der, den Anker
Zu lösen, niedertaucht' und, einen Felsen
Umklammernd oder was sonst birgt die Meerflut,

Sich oben streckt, nach sich die Füße ziehend.


Gesang 17

»Sieh dort das Untier mit dem spitzen Schweife,
Das Berge übersteigt und Wehr und Mauern
Zertrümmert! Sieh, was alle Welt mit Stank füllt.«

Also begann mein Führer mir zu sagen,
Und winkt' ihm, daß es zu dem Ufer käme,
Dem Schluß nah des betretnen Marmorpfades.

Und jenes widerliche Bild des Truges
Kam nun herbei, anlandend Haupt und Bruststück,
Doch zog es seinen Schweif nicht mit zum Strande.

Sein Antlitz war wie des Gerechten Antlitz,
So mild von außen schien die Oberfläche,
Indes sein Rumpf sonst einer Schlange Leib glich.

Zwei Pratzen hatt' es, haarig bis zur Achsel,
Und Rücken, Brust und beide Seiten waren
Mit Kreisen ihm und Schleifen bunt bemalet.

In Wollzeug woben nimmermehr mit Farben
Tataren so als Türken Grund und Einschlag,
Noch zog Arachne auf ein solch Gewebe.

Wie öfters wohl am Ufer stehn die Barken,
Zum Teil im Wasser und zum Teil am Lande,
Und wie bei jenen Schlemmern dort, den Deutschen,

Zu seinem Kampfe sich der Biber anschickt,
So stand hier das heillose Ungeheuer
Am Rand, der steinern rings das Sandmeer schließet.

Ganz in den leeren Raum schlug's mit dem Schweife
Und krümmt' empor die gifterfüllte Gabel,
Den Stachel auf Skorpionenart bewaffnend.

Mein Meister sprach: »Jetzt müssen wir ein wenig
Abwenden unsern Pfad bis hin zu jenem
Verruchten Untier, das dort ausgestreckt liegt.«

Darauf stieg er herab zur rechten Seite,
Zehn Schritte hin am Rand zu äußerst wallend,
Die Flammen und den Sand wohl zu vermeiden.

Und als wir bei dem Tier nun angekommen,
Sah ich ein wenig weiter Volk im Sande
Nah an der eingesunknen Stätte sitzen.

Der Meister hier: »Damit von diesem Zirkel
Du ganz vollständ'ge Kenntnis mit dir nehmest,
Geh' hin,« sprach er zu mir, »und schau' ihr Treiben;

Doch kurz nur sei dort deine Unterredung.
Bis du zurückgekehrt, sprech' ich mit diesem,
Daß es uns seine starken Schultern leihe.«

So ging ich denn durch den entferntsten Abschnitt
Von diesem Kreis, dem siebenten, allein nun
Einher, wo die trübsel'gen Männer saßen.

Hervor aus ihren Augen brach ihr Jammer,
Und hier oft, dort oft wehrten mit der Hand sie
Den Dünsten bald und bald dem heißen Boden.

Im Sommer machen's anders nicht die Hunde,
Bald mit dem Fuß, bald mit der Schnauze, wenn sie
Der Flöhe, Bremsen, Fliegen Bisse fühlen.

Ins Antlitz einem und dem andern blickend
Der von der schmerzensvollen Glut Befallnen,
Erkannt' ich keinen zwar, doch ich bemerkte,

Daß jedem an dem Hals hing eine Tasche,
Gewisse Farbe tragend und Bezeichnung,
Daran, so schien's, sich weidete ihr Auge.

Als unter sie nun schauend ich getreten,
Erblickt' ich himmelblau, vom gelben Beutel
Sich hebend, eines Leu'n Gestalt und Haltung.

Da weiter drauf mein Blick die Bahn verfolget,
Erblickt' auf andrem blutigrotem Säckel
Ich eine Gans, viel weißer noch denn Butter;

Und einer, der das Bild der trächt'gen Bache
Als Zeichen, blau auf weißem Säcklein, führte,
Sprach: »Was machst du doch hier in dieser Grube?

Jetzt geh hinweg, und da du noch am Leben,
So wisse, daß mein Nachbar Vitaliano
Zu meiner linken Seite hier wird sitzen.

Als Paduaner unter Florentinern
Bin ich allein hier, die, das Ohr mir öfters
Durchdröhnend, schrein: ›Der Fürst der Ritter komme!

Der einst die Tasche trägt mit den drei Böcken.‹ «
Den Mund verzerrend, streckt' er drauf die Zunge
Heraus, dem Rind gleich, das sich leckt die Nase.

Und ich aus Furcht, daß längres Weilen jenem
Mißfalle, der mich kurz nur zu verweilen
Ermahnt, kehrt' heim nun von den müden Seelen.

Hier fand ich meinen Hort, der auf die Krupe
Des grausen Tiers bereits war aufgestiegen
Und so zu mir sprach: »Jetzt sei stark und herzhaft.

Von nun an geht's herab durch solche Stiegen.
Sitz' auf vor mir, ich will die Mitte halten,
Daß dir der Schweif zu schaden nicht vermöge.«

Wie jener, dem sich bei dem nahen Anfall
Des Wechselfiebers schon die Nägel bleichen,
Ganz zittert bei des Schattens bloßem Anblick,

So ward mir, als er mir dies Wort geboten;
Doch es ergriff mich Scham bei seinem Drohen,
Die tapfre Diener stets vor wackren Herrn schafft.

Jetzt setzt' ich mich auf jene Riesenschultern
Und sagen wollt' ich (doch nicht kam die Stimme,
Wie ich geglaubt): ›Sieh zu, mich zu umfangen‹ .

Doch er, der öfters mir schon beigesprungen
In schwerer Fahr, umschlang mich mit den Armen
Und stützte mich, sobald ich aufgestiegen.

Drauf sprach er: »Geryon, wohlan, mach' auf dich,
In weiten Kreisen senk dich langsam nieder;
Gedenk, welch' neue Last dir auferlegt ist!«

Wie von dem Standort rückwärts abgestoßen
Der Kahn wird, zog von hier hinweg sich jener,
Und als er nun sich ganz im Freien fühlte,

Wandt' er den Schweif hin, wo die Brust gestanden,
Und streckt' ihn aus, bewegend wie ein Aal ihn,
Und rudert zu die Luft sich mit den Tatzen.

Nicht größer, mein' ich, ist die Furcht gewesen,
Als Phaethon die Zügel fallen lassen,
Weshalb, wie noch zu schaun, gebrannt der Himmel;

Noch als die Lenden Ikarus, der Arme,
Sich fühlt' entfiedern ob des Wachses Schmelzen,
Da ihm sein Vater rief: »Dein Weg ist unrecht,«

Denn meine war, als ich von allen Seiten
Mich in der Luft sah und jedweder Anblick
Dem Aug' entschwunden war, als nur des Untiers.

Und langsam, immer langsam schwimmt's von dannen,
Es kreist, es senket sich und nichts bemerk' ich
Als nur das Wehn im Antlitz und von unten.

Schon hört' ich unter uns das grauenvolle
Geräusch des Strudels auf der rechten Seite,
Drob ich das Haupt herniederblickend beuge,

Da ward ich noch verzagter ob des Abgrunds,
Denn Feuer sah ich dort und hörte Klagen,
So daß ich zitternd, festgeklammert dahing.

Drauf merkt' ich, wes ich erst nicht inne worden,
Das Abwärtskreisen durch die großen Qualen,
Die aus verschiednen Ecken sich uns nahten.

Gleich wie ein Falk, der lang sich auf den Schwingen
Gewiegt, nicht Federspiel noch Vogel schauend,
Die Klag' entreißt dem Falkner: »Weh', du sinkst ja!«

Erst müd' sich niederlassend, dann sich hurtig
In hundert Kreisen plötzlich dreht und fern sich
Vom Meister hinsetzt, unmutsvoll und tückisch;

So legte Geryon sich hin am Boden,
Ganz nah dem Rande des gezackten Felsens,
Und da er unser sich entladen, schwand er,

Wie von der Sehn' entschnellt des Pfeiles Kerbe.


Gesang 18

Ein Ort ist in der Hölle, Übelbulgen
Genannt, ganz steinern und von Eisenfarbe,
So wie der Felsenring, der ihn umkreiset.

Grad' in des tückischen Gefildes Mitte
Gähnt breit und tief ein Schacht, des innern Bau ich
An seiner Stelle künftig melden werde.

Des zirkelförm'gen Umfangs Grund, der zwischen
Dem Schacht nun und dem Fuß des hohen Steinrands
Verbleibt, ist in zehn Täler eingeteilet;

Ein Bild, dem ähnlich, das, wo viele Gräben
Zum Schutz der Mauer eine Burg umgürten,
Der Ort, wo solche sich befinden, darstellt.

Gewährten jene hier auf dieser Stätte;
Und wie bei solchen Vesten von den Schwellen
Der Tore Brücklein gehn zur äußern Böschung,

So liefen von dem untern Rand des Felsens
Hier Klippen hin, durchschneidend Dämm' und Gräben,
Bis zu dem Schachte, der sie schließt und aufnimmt.

An diesem Ort nun fanden abgeladen
Wir uns von Geryons Rücken, und der Dichter
Schritt nach der Linken hin, ich aber folgt' ihm.

Zur rechten Hand erblickt' ich neuen Jammer
Und neue Martern, neue Henkersknechte,
Davon die erste Bulge war erfüllet.

Die Sünder, nackt zu schaun am Grunde, wallten
Entgegen diesseits bis zur halben Breit' uns,
Doch jenseits mit uns, nur geschwindern Schrittes;

Gleich wie die Römer, ob der Menge Pilger
Im Jubeljahr, ein Mittel jüngst ergriffen,
Den Übergang der Brücke zu befördern,

Daß alle, mit der Stirn' nach dem Kastelle,
Auf einer Seite gen Sankt Peter wallen,
Und nach dem Berg hin an der andern Lehne.

So hier als dort erblickt' am finstern Fels ich
Gehörnte Teufel, mit gewalt'gen Peitschen
Von hinten unbarmherzig jene schlagend.

Weh'! wie sie auf den ersten Hieb die Fersen
Empor schon zogen, und es wollte keiner
Den zweiten ab noch warten oder dritten.

Dieweil ich also hinging, fiel mein Auge
Auf einen, drob sogleich ich also sagte;
›Nicht ist's das erste Mal, daß ich ihn schaue!‹

Drum hielt ich still, ihn wiederzuerkennen,
Und stehn blieb auch mit mir der süße Führer,
Zurückzugehn ein wenig mir gestattend.

Und der Gestäupte, hoffend, sich zu bergen,
Beugt' nieder sein Gesicht, doch wenig half's ihm,
Denn ich begann: ›Du, mit dem Aug' am Boden!

Wenn die Gestalt mich, die du trägst, nicht täuschet,
Bist du Venedico Caccianimico?
Doch was führt' zu so beizend herber Qual dich?‹

Und er zu mir: »Zwar wider Willen sag' ich's,
Allein es zwingt mich deine helle Stimme,
Die mir der alten Welt Erinnrung wecket.

Ich war es, der Ghisola einst, die Schöne,
Vermocht, sich des Marchese Wunsch zu fügen,
Was sonst die schnöde Mär davon auch künde.

Auch andre Bologneser weilen hier noch,
Ja mehr davon erfüllt ist diese Stätte,
Als zwischen Savena und Reno Zungen

Jetzt sind, die »Sipa« man gelehrt zu sagen;
Und willst du des Beweis und Zeugnis haben,
Führ' unsern geiz'gen Sinn dir zu Gemüte.«

Doch weil er also sagte, gab ein Teufel
Mit der Karbatsch' ihm eins und rief: »Fort, Kuppler!
Hier gibt's nicht Weiber, nach dem Gülden käuflich.«

Ich holte wieder ein nun den Begleiter,
Drauf wir nach wenig Schritten hin gelangten,
Wo aus dem Fels hervorsprang eine Klippe,

Die wir alsbald mit leichter Müh' erstiegen,
Und, rechts uns wendend über ihr Gezacke,
Von jenen ew'gen Kreisen nun uns trennten.

Als wir dahin gekommen, wo sie unten
Sich öffnet, den Gepeitschten Raum zu lassen,
Begann zu mir der Führer: »Wart' und trachte,

Dem Blick der andern Schurken zu begegnen,
Die du von Angesicht noch nicht gewahret,
Weil gleichen Weges sie mit uns gegangen.«

Von jener alten Brücke sahn den Zug wir
Der andern Schar nun, die auf uns herzukam,
Gejaget ebenmäßig von der Peitsche.

Drauf ungefragt begann der gute Meister
Zu mir: »Schau jenen Großen, der dort nahet
Und keine Träne, scheint's, vor Schmerz vergießet;

Welch königliches Ansehn er bewahret!
's ist Jason, der durch Mut dereinst und Klugheit
Den Kolchiern das Goldne Vlies entrissen.

Auf diesem Zug kam er nach Lemnos' Eiland,
Nachdem die kühnen mitleidslosen Weiber
All' ihren Männern dort den Tod gegeben.

Da war es, wo durch Wink' und glatte Worte
Hypsipyle er hinterging, die Jungfrau,
Die erst die andern sämtlich hintergangen,

Geschwängert und allein ließ er zurück sie;
Solch eine Schuld verdammt zu solcher Qual ihn,
Und auch Medeas Leid wird hier gerochen.

Mit ihm geht, wer betrügt in solcher Weise;
Dies gnüge dir vom ersten Tal und jenen
Zu wissen, die's zerfleischt in seinem Schoße.«

Schon waren wir, allwo der enge Fußpfad
Sich mit dem zweiten Damm durchkreuzt und diesen
Den andern Bogen nun zur Stütze bietet.

Von hier aus hörten in der nächsten Bulge
Wehklagend Volk wir mit dem Maule schnauben
Und auf sich selber mit den Händen klopfen.

Des Grabens Ufer überzog ein Schimmel,
Vom Dunst der Tief erzeugt, der hier sich ansetzt,
Den Augen und der Nase gleich verletzend.

So tiefgehöhlet ist sein Grund, daß nirgends
Man ihn zu schaun vermag als auf dem Rücken
Des Bogens, wo die Klipp' am höchsten aufsteigt.

Dorthin gelangend, sahn von da wir unten
Im Graben Volk in einem Mist versenket,
Wie man ihn leert aus menschlichen Priveten.

Und drunten suchend mit dem Aug', erblickt' ich
Unflätig einen so am Haupt vom Kote,
Daß man nicht merkt', ob Lai' er oder geistlich;

Der rief mir zu: »Was bist du so begierig,
Mich mehr denn andr' Entstellte zu betrachten?«
Und ich zu ihm: ›Weil ich, wenn ich nicht irre,

Dich trocknen Haars einst sah schon, denn du bist ja
Alexius Interminei von Lucca;
Drum schau' ich mehr dich an als all' die andern.‹

Und er darauf, sich vor den Hohlkopf schlagend:
»Hier tauchten unter mich die Schmeicheleien,
Davon nie müde mir die Zunge worden.«

Alsbald begann zu mir darauf der Führer:
»Streck' nun ein wenig weiter vor dein Antlitz,
Daß besser das Gesicht dein Blick erreiche

Der schmutz'gen Dirne mit verworrnen Haaren,
Die dort sich grimmet mit den kot'gen Nägeln,
Sich kauernd bald, bald auf den Füßen stehend.

Die Metze Thais ist's, die ihrem Buhlen,
Als er zu ihr sprach: ›Ernt' ich großen Dank wohl
Bei dir?‹ ›Ei freilich, ganz gewalt'gen‹ , sagte.

Damit mag hier sich unser Blick begnügen.«


Gesang 19

O Simon Magus! O, sein jämmerliches
Gefolge! die ihr Gottes Wundergaben,
Die nur der Tugend sich vermählen sollten,

Für Gold und Silber raubbegierig preisgebt!
Von euch muß die Drommete nun ertönen,
Weil in der dritten Bulg' ihr euch befindet.

Schon waren an der nächsten Grabesstätte
Wir auf den Teil der Klipp' emporgestiegen,
Der senkrecht schwebt, grad' ob des Grabens Mitte.

O höchste Weisheit, welche Kunst im Himmel,
Auf Erden du und in der argen Welt zeigst,
Und deine Kraft, wie sie gerecht verteilet!

An jedem Abhang sah ich und am Grunde
Das grauliche Gestein bedeckt mit Löchern,
Kreisförmig insgesamt und gleicher Breite.

Sie schienen mir nicht enger und nicht weiter,
Als ich in meinem schönen St. Johannes
Sie fand, den Taufenden bestimmt zur Stätte.

Von ihnen brach ich eins vor wenig Jahren,
Daß einen, der darin erstickt', ich rette.
(Urkunde sei mir dies, die all enttäusche!)

Jedwedem ragten vor aus seiner Mündung
Die Füße eines Sünders nebst den Beinen
Bis zu der Wad', doch drin verblich das andre.

Die Sohlen beid' erglühten ihnen sämtlich,
Droh mit den Fußgelenken so sie zuckten,
Daß Seil und Wieden sie zerrissen hätten.

Gleichwie das Leuchten ölgetränkter Dinge
Sich an der Oberfläche hinbeweget,
So flackert's von der Ferse zu den Zeh'n hier.

›Mein Meister,‹ sprach ich, ›wer ist dort, der zuckend
Mehr als die übrigen Genossen tobet,
Von roter, glüh'nder Flamme ausgesogen?‹

Und er zu mir: »Wenn ich hinab dich trüge,
Dort, wo der Strand am flachsten liegt, so würd' er
Von sich und seiner Schuld dir selbst berichten.«

Und ich: ›Was dir beliebt, ist mir gefällig,
Du bist mein Herr und weißt, nie weicht mein Wille
Von deinem, und verstehst, was ich verschweige.‹

Darauf gelangten auf den vierten Damm wir
Und stiegen, links uns wendend, nun hernieder
Zu dem durchlöcherten und engen Grunde.

Und eh' nicht legte mich der gute Meister
Von seiner Hilft' ab, bis er mich genähert
Dem Spalt, wo jener klagte mit den Beinen.

›O du, das Oberste gekehrt zu unterst,
Verruchter Geist, pfahlähnlich eingerammet,
Wer du auch seist,‹ sprach ich, ›vermagst du's, rede!‹

Da stand ich gleich dem Mönch, der Beichte höret
Den tück'schen Mörder, der, schon eingesenket,
Zurück ihn rief, den Tod noch zu verzögern.

Und jener schrie: »Bist du schon eingetroffen,
Bist du schon eingetroffen, Bonifazius?
Um ein paar Jahre täuschte mich die Handschrift!

Wardst du so schnell der Habe überdrüssig,
Drob du dich nicht gescheut, mit List zu fangen
Die schöne Frau, um sie sodann zu schänden?«

Da ward ich jenen gleich, die, nicht verstehend,
Was man zur Antwort gab, wie spottbeladen,
Unfähig, etwas zu entgegnen, dastehn.

Zu mir begann Virgil jetzt: »Sag' ihm hurtig:
Ich bin es nicht, nicht bin ich, der du glaubest.«
Und ich antwortete, wie mir's geboten.

Darob der Geist, die Füße ganz verdrehend,
Mit Seufzen und wehklagendem Getöne
Begann: »Was ist's denn, das von mir du forderst?

Wenn, wer ich bin, dich so zu wissen kümmert,
Daß du deshalb den Felsenstrand durchlaufen,
So wiss', einst schmückte mich der hehre Mantel.

Als echter Sohn der Bärin war ich also
Voll Gier, die Bärlein zu erhöhn, daß dort ich
Das Geld, mich selber in den Sack hier steckte.

Hinabgefahren unterm Haupt sind meine
Vorgänger mir, die, gleichfalls Simonisten,
Im Spalt des Felsens hier verkrochen liegen.

Dort sink' auch ich dereinst hinab, wenn jener
Wird kommen, der ich glaubte, daß du wärest,
Als ich so plötzlich dich vorhin gefraget.

Doch länger ist's, daß, mit den Füßen zappelnd,
Ich hier kopfüber schon, kopfunter liege,
Als glüh'nden Fußes er gepflanzt wird bleiben;

Denn nach ihm kommt noch schnöderen Gebarens
Vom Westen her ein Hirt, gesetzlos waltend,
Der ihn und mich dann wieder muß bedecken.

Der wird ein neuer Jason aus dem Buche
Der Makkabäer sein, und wie dem gütig
Sein König war, so jenem Frankreichs Herrscher.«

Nicht weiß ich, ob ich hier zu keck gewesen,
Doch ich antwortet' ihm in solcher Weise:
›Sag' an, wie groß der Schatz war, den vom Anfang

Wohl von St. Peter unser Herr verlangte,
Als er der Schlüssel Macht in seine Hand gab?
Gewiß nichts fordert' er als: »Folge nach mir!«

Und Petrus nebst den andern fordert' Gold nicht,
Noch Silber von Matthias, als das Los ihn
Des Amts traf, das verlor die Frevlerseele!

So bleib' denn da, dich trifft gerechte Strafe,
Und wahre wohl die schlecht erworbnen Gelder,
Die gegen Karl dir solche Kühnheit gaben!

Und war' es nicht, daß mir annoch die Ehrfurcht
Vor den erhabnen Schlüsseln solches wehrte,
Die du getragen hast im heitern Leben,

So würd' ich härtre Worte noch gebrauchen;
Denn euer Geiz betrübt die Welt, mit Füßen
Die Guten tretend und erhöh'nd die Schlechten.

Ihr Hirten seid's, die der Evangelist sah,
Als jene, die auf großen Wässern sitzet,
Von ihm erblickt ward, mit den Kön'gen buhlend!

Sie, die, erzeugt mit siebenfachem Haupte,
Durch die zehn Hörner ward bewehrt, so lang noch
Ihr Gatte fand Gefallen an der Tugend.

Ihr schüfet Gold und Silber euch zum Gotte,
Und von den Götzendienern scheidet nichts euch,
Als daß sie einem, Hunderten ihr opfert.

O Konstantin! wie vieles Übel deine
Bekehrung nicht, doch jene Schenkung zeugte,
Die du erteilt dem ersten reichen Vater!‹ /p>

Und weil ich solches Lied ihm vorsang, sei's nun,
Daß Zorn, sei's, daß Gewissensbiß ihn quälte,
Warf er gewaltig beide Sohlen aufwärts.

Wohl glaub' ich, war's gefällig meinem Führer,
Mit so zufriednem Antlitz horcht' er immer
Dem Klang der ausgesprochnen wahren Worte.

Darum mit beiden Armen mich erfassend,
Hob er mich ganz zur Brust empor und stieg dann
Des Wegs hinauf, den er herabgekommen.

Und unermüdet hielt er mich umschlossen,
Bis auf des Bogens Spitz' er mich getragen,
Der von dem vierten hin zum fünften Damm führt.

Drauf legt' er sanft die Bürd' ab, die ihm sanft auch
Das steil', zerrißne Riff hindurch geschienen,
Das selbst ein schwerer Steg den Ziegen wäre.

Von hier aus ward ein andres Tal mir sichtbar.


Gesang 20

Von neuer Pein zu dichten liegt mir ob jetzt,
Um Stoff dem zwanzigsten Gesang zu liefern
Des ersten Lieds, das von Versunknen meldet.

Schon hatt' ich ganz und gar mich angeschicket,
Zu schaun in die mir nun enthüllte Tiefe,
Die von so bangem Tränenstrom benetzt wird;

Da sah durchs zirkelförm'ge Tal ich Leute
Stillschweigend und in Zähren nah'n des Schrittes,
In dem in dieser Welt Bittgäng' umhergehn.

Als tiefer ich auf sie den Blick nun senkte,
Schien wunderbarlich jeglicher verdreht mir
Vom Kinn bis zu dem Anbeginn des Rumpfes;

Denn abgewandt war von der Lend' ihr Antlitz
Und rücklings mußten auf uns zu sie kommen,
Weil ihnen, vor sich her zu schaun, verwehrt war.

Vielleicht hat einmal durch Gewalt der Lähmung
Wohl ganz und gar sich einer so verdrehet,
Doch sah ich's nie, doch glaub' ich, daß es stattfand.

Wenn Gott dich, Leser, Frucht von deinem Lesen
Soll ernten lassen, so bedenk' im Innern,
Ob tränenlos mein Antlitz bleiben konnte,

Als in der Näh' die menschliche Gestalt ich
Also verwandt sah, daß des Auges Zähren
Die Hinterbacken durch den Spalt benetzten;

Gewiß, da weint' ich, an ein Horn mich lehnend
Der harten Klippe, so daß mein Begleiter
Mir sagte: »Gleichst auch du den andern Toren?

Hier lebt die Lieb' erst, wenn sie recht erstorben;
Denn wer ist frevelhafter wohl als jener,
Der nach des Ew'gen Ratschluß trägt Gelüsten.

Richt' auf dein Haupt, richt' auf! schau' ihn, dem einst sich
Die Erd' erschloß vor der Thebaner Augen,
Darob sie alle riefen: ›Wohin stürzest,

Was weichst du aus dem Kampf, Amphiaraus?‹
Und unaufhaltsam stürzt' er hin zu Tale,
Bis er zu Minos kam, der all' ergreifet.

Sieh, wie den Rücken er zur Brust gemacht hat,
Und weil zu weit er vorwärts blicken wollte,
Rückwärts nun schaut, verkehrten Pfades wandelnd.

Tiresias schau', der die Gestalt gewechselt,
Vom Mann zum Weibe werdend, als die Glieder
An seinem Leib sich insgesamt verändert,

Und erst mußt' wieder sie, die beiden Schlangen,
Die engverschlungnen, mit dem Stäbchen schlagen,
Eh' wieder ihr des Manns Behaarung wurde.

Der seinen Bauch dort nahet mit dem Rücken,
's ist Aruns, welcher einst in Lunis Bergen,
Wo, ihren Fuß bewohnend, der Carrarer

Das Feld baut zwischen weißen Marmorfelsen,
In einer Höhle haust', von wo die Aussicht
Aufs Meer und auf die Stern' ihm nicht gehemmt war.

Und jene, die mit den gelösten Zöpfen
Die Brüste, die du nicht erblickst, bedecket
Und alles Haarige nach jenseits kehret,

War Manto, die durch viele Länder streifte
Und dann sich niederließ, wo ich erzeugt ward;
Drob mir's beliebt, daß du mich kürzlich hörest.

Nachdem ihr Vater abtrat aus dem Leben
Und Bacchus' Stadt zur Sklavin war geworden,
Durchwallte lange Zeit hindurch die Welt sie.

Ein See liegt droben in dem schönen Welschland,
Am Fuß des Alpenstocks, der Deutschland schließet,
Nah' bei Tirol und wird genannt Benacus.

Aus tausend Quellen und wohl mehr benetzet
Inmitten Valcarnonicas und Gardas
Das Wasser den Pennin, das in dem See staut.

In seiner Mitte liegt ein Ort, wo Brescias,
Trients und auch Veronas Hirt zu segnen
Berechtigt wären, wenn des Wegs sie kämen.

Peschiera thront, ein Rüstzeug, stark und prächtig,
Die Stirn den Bergamasken und Brescianern
Zu bieten, wo am tiefsten rings der Strand sinkt.

Hierhin muß sämtlich sich das Wasser stürzen,
Was in Benacus' Schoß nicht bleiben kann,
Und strömt als Fluß dann ab durch grüne Triften.

Sobald die Flut hier ihren Lauf beginnt,
Heißt sie Benacus nicht mehr, sondern Mincio,
Bis bei Governo sie sich mischt dem Po.

Nach kurzem Lauf erreicht sie eine Niedrung,
In der sie, sich verbreitend, sie umsumpfet
Und oft verderblich pflegt zu sein im Sommer.

Die grause Jungfrau, hier vorüberziehend,
Erblickte Land in des Morastes Mitte,
Unangebaut und von Bewohnern ledig;

Dort blieb, der Menschen Umgang zu entfliehen,
Mit ihren Knechten sie und trieb ihr Wesen,
Und lebt' und ließ dort den entseelten Körper.

Die Leute drauf, die rings zerstreut hier lebten,
Vereinten an dem Ort sich, weil er fest war
Ob des Morasts, der allseits ihn umfaßte.

Die Stadt erbauten über dem Gebein sie,
Nach ihr sie, die den Ort zuerst erkiesen,
Ohn' andre Vorbedeutung Mantua nennend.

Zahlreicher war in ihr stets die Bevölkrung,
Bevor die Torheit des von Casalodi
Durch Pinamonte hintergangen worden.

Darum belehr' ich dich, daß, wenn du jemals
Den Ursprung meiner Stadt hörst anders deuten,
Die Wahrheit keine Lüg' entstellen möge.«

Und ich: ›So zuverlässig ist, o Meister!
Mir dein Bericht und heischt so meinen Glauben,
Daß leere Spreu mir wären all' die andern.

Doch sprich, von jenem Volk, das dort einherzieht,
Erkennst du einen, der bemerkenswert sei?
Denn nur darauf ist jetzt mein Sinn geheftet.‹

Drauf er: »Der, dem dort zu dem braunen Rücken
Der Bart herabwallt von der Wange, war einst
Augur, als Griechenland so männerleer war,

Daß ihrer kaum noch in den Wiegen blieben,
Und gab mit Calchas an die Sternenstunde
In Aulis, um das erste Tau zu kappen.

Er hieß Eurypylus, wie meine hohe
Tragödie von ihm singt in einem Verse;
Wohl weißt du ihn, du kennst sie ganz und gar ja.

Der andre mit den hagern Weichen war sonst
Michael Scotus und verstand wahrhaftig
Das trügerische Spiel der Zauberkünste.

Sieh dort Guido Bonatti, sieh Asdentel
Der sich mit Naht und Leder jetzt beschäftigt
Nur haben möchte, doch zu spät gereut's ihn.

Sieh die Erbärmlichen, die, Nadel, Spule
Und Schiff verlassend, Zauberinnen wurden
Und Hexerei mit Kraut und Wachsbild trieben.

Doch komm von dannen, denn es steht an beider
Halbkugeln Grenze und berührt die Fluten
Jenseits Sevilla Kain mit seinen Dornen.

Und daß der Mond zur Nacht schon gestern voll war,
Mußt du wohl wissen, denn im tiefen Walde
War er dir mehr als einmal gar willkommen.«

So redet' er, indes wir weitergingen.


Gesang 21

Von Brücke so gelangten wir zu Brücke,
Noch andres, das nicht wert ist, daß es meine
Komödie sing', besprechend, bis am Gipfel

Wir hielten, Übelbulgens nächste Spalte
Zu schaun und andr' umsonst geweinte Tränen,
Und wunderbarlich schien mir jene düster.

Wie in dem Arsenal der Venetianer
Im Winter kocht der zähe Teer, mit welchem
Die leck gewordnen Schiffe sie kalfatern; –

Denn nicht ist's Zeit zur Schiffahrt, und statt dessen
Baut der sein neues Fahrzeug, jener stopfet
Die Rippen dem, das öfters schon in See stach,

Der hämmert vorn am Schiff und jener hinten,
Der schnitzet Ruder zu, der windet Taue,
Der am Besan-, der flickt am Bugspritsegel:

So kocht' hier unten, nicht durch Feuersgluten,
Nein, durch des Schöpfers Kunst, ein dicker Pechbrei,
Der allerseits die Ufer überklebte.

Ich sah ihn (nichts erblickend von dem Inhalt
Als nur die Blasen, die das Kochen auftrieb),
Sah ihn sich heben und verdickt dann setzen.

Weil unverwandt dort unten hin ich blickte.
Zog mich mein Führer: »Schau' doch, schau' doch!« rufend,
Zu sich hin von dem Ort, wo ich gestanden.

Da wandt' ich um mich, ähnlich einem Manne,
Der, was er fliehn muß, gern erschauen möchte,
Doch übermannt vom jähen Furchtgefühle,

Ob er auch hinblickt, nicht die Flucht verzögert.
Und hinter uns sah ich in schnellem Laufe
Die Klipp' ersteigen einen schwarzen Teufel.

Weh'! wie so wild sein Antlitz war zu schauen,
Wie roh er schien in jeglicher Gebärde,
Die Schwingen ausgespannt und leichten Fußes.

Mit beiden Hüften lastete ein Sünder
Auf seinem hoh'n und spitz'gen Schulterpaare,
Und selbst hielt er umkrallt des Fußes Sehn' ihm.

»Ihr Grausetatzen unsrer Brücke,« rief er,
»Da ist der Ält'sten von Sankt Zita einer!
Steckt ihn hinunter, denn ich kehr' nun wieder

Zu jener Stadt, die wohl damit versehn ist,
Feil sind sie alle dort bis auf Buonturo;
Ums Geld pflegt man dort Nein aus Ja zu machen.«

Dort schmiß er ihn herab, durchs harte Riff sich
Zurück drauf wendend, hast'ger, als ein Hofhund,
Los von der Kette, je dem Dieb gefolgt ist.

Der sank zum Grund, doch schnell sich wendend, taucht' er
Empor, allein die Teufel, unterm Brücklein
Versteckt, schrien: »Hier frommt nicht das heil'ge Antlitz!

Hier schwimmt's gar anders sich als in dem Serchio!
Drum willst du nicht der Zinken Schärfe fühlen,
So wag's nicht, aus dem Pech hervorzutauchen.«

Mit mehr denn hundert Haken drauf ihn packend,
Begannen sie: »Du mußt verdeckt hier hüpfen,
Um heimlich noch, wo möglich, zu erkapern.«

Nicht anders läßt der Koch das Fleisch durch seine
Vasallen in des Kessels Mitte nieder
Mit Gabeln drücken, daß es auf nicht schwimme.

Zu mir der gute Meister drauf: »Damit sie
Dein Hiersein nicht bemerken, so verkrieche
Dich hinter einen Fels, der Schutz dir leihe,

Und daß mir irgend Leid hier widerfahre,
Befürchte nicht – ich bin bekannt mit allem,
Denn einmal schon war ich bei solchem Strauße.« –

Den Ausgang überschritt er drauf der Brücke,
Und als er an den sechsten Strand gelangt war,
Mußt' eine mut'ge Stirn er wohl bewähren;

Denn mit der Wut und mit dem Ungestüme,
Womit die Hunde auf den Armen fahren,
Der, wo er still hält, gleich zu betteln anfängt,

Entstürzten diese vor nun unterm Brücklein,
Die Haken sämtlich auf ihn zugewendet;
Er aber rief: »Zu freveln wage keiner !

Bevor mich eurer Zinken Spitz' ergreife,
Komm einer vor erst, der mich hör', und dann mögt
Ihr weiter denken dran, mich zu zerkrallen.«

Da schrien sie sämtlich: »Grauseschwanz mag gehen!«
Drob einer vortrat, weil die andern hielten,
Und hin zum Meister kam und sprach: »Was schaffst du?« –

»Glaubst, Grauseschwanz, du, daß du mich hier unten
Erblicken würdest, der ich schon gesichert
Vor aller eurer Wehr bin,« sprach mein Meister,

»War's göttlich Wollen nicht und Gunst des Schicksals?
Laß mich drum ziehn, im Himmel ist's beschlossen,
Daß durch den wilden Pfad ich einen leite.«

Da ward der Stolz ihm dergestalt gebeuget,
Daß er zum Fuß sich ließ den Haken sinken
Und zu den andern sprach: »Den schlagt mir jetzt nicht!«

Drauf rief mir zu mein Führer: »Du, der zwischen
Der Brücke Felsenspitzen liegst verkrochen,
Kehr' ohne Furcht zu mir anjetzo wieder.«

Da kam ich eilends zu ihm hin, und vorwärts
Rückt' insgesamt der Teufel Schar, drob Furcht mich
Befiel, sie möchten den Vertrag nicht halten.

So sah ich einst die Lanzenknechte zittern,
Die durch Vertrag Capronas Burg verließen,
Als so viel Feinde sie um sich erblickten.

Ich schmiegte drum mich mit dem ganzen Leibe
Dem Führer an, die Augen nicht verwendend
Von ihrem Anblick, der mir gut nicht deuchte.

Die Haken neigten sie, und zu den andern
Sprach einer: »Soll ich auf die Krupp' ihn treffen?«
Der drauf: »Ja, sieh, daß du ihm eins versetzest!«

Doch jener Dämon, der mit meinem Führer
Sich unterredet, wandt' sich um behende
Und rief: »Gemach! gemach! o Raufefankel.«

Sodann sprach er zu uns: »Auf diesem Riffe
Kann man nicht weitergehn, weil an dem Grunde
Geborsten ganz der sechste Bogen daliegt.

Allein gefällt's euch mehr noch vorzudringen,
So geht nur immerhin auf jenem Felsdamm,
Wo bald ein andres Riff euch überführet.

Fünf Stunden später, als es jetzt ist, waren
Zwölfhundertsechsundsechsig Jahre gestern
Vollendet, seit der Weg zerstört hier worden.

Dorthin zu send' ich einige der Meinen,
Um nachzusehn, ob sich nicht einer lüfte.
Mit ihnen geht, sie werden euch nicht schaden.

Tritt vorwärts, Bückeschnurbs und Fröstetretel,«
Begann er jetzt, »und du auch, Reckelschnauzer,
Und Sudelbart du, führ' die Schar der Zehne.

Noch komm' auch Scharlachmohr und Drachennaser,
Schweinsborst mit seinen Hauern, Hundekraller,
Sausfleder und Karfunkelpolt, der Tolle,

Streift ringsum an dem glüh'nden Leim; und diese
Laßt sicher zu dem andern Riff gelangen,
Das unversehrt die Gruben überbrücket.« –

›Weh' mir, was muß ich sehn, mein Meister, ‹ rief ich,
›Laß uns allein gehn ohne Führung; mich nicht
Verlangt nach ihr, bist du des Wegs nur kundig.

Bist hier umsichtig du, wie sonst du pflegest.
So sieh doch, wie sie dort die Zähne fletschen
Und, Ränke drohend, mit den Brauen winken.‹

Und jener drauf zu mir: »Du darfst nicht beben,
Laß fletschen immerhin sie nach Gefallen,
Das gilt allein den jammernden Gesottnen.«

Dann wandten links sie auf den Damm, doch hatte
Ein jeder erst noch, drauf die Zähne setzend,
Die Zung' als Zeichen zugestreckt dem Obmann,

Und der gebraucht den Hintern als Trompete.


Gesang 22

Aufbrechen sah ich sonst wohl Reiterscharen,
Angreifen und in Schlachtordnung sich stellen
Und manchmal auch im Rückzug Rettung suchen,

In eurer Stadt sah ich, o Aretiner,
Wettläufer fliegen und Geschwader umziehn
Und Lanzenbrechen auch und Ringelrennen.

Bald zum Trompeten-, bald zum Glockenklange,
Zur Trommel bald und bald nach Turmwartzeichen,
Nach heim'scher Weise bald und bald nach fremder,

Doch nimmer zu so seltsamer Schalmei sah
Ich Reiterei noch Fußvolk sich bewegen,
Noch Schiffe steuern nach Gestirn und Küste.

Wir gingen hin mit jenen zehn Dämonen
(O grausiges Geleit!), doch in der Kirche
Mit Heil'gen, heißt's, im Wirtshaus mit den Zechern.

Aufs Pech allein war jetzt mein Sinn gerichtet,
Den Zustand ganz der Bulge zu gewahren,
So wie des Volkes, das in ihr geglüht ward.

Gleich wie ein Zeichen die Delphine geben
Den Schiffern mit dem Bogen ihres Rückgrats,
Damit ihr Fahrzeug sie zu retten trachten;

So zeigte, sich die Qualen zu erleichtern,
Von Zeit zu Zeit den Rücken uns ein Sünder,
Ihn schneller, als es blitzt, aufs neu' versteckend.

Und wie am Rand im Wasser eines Grabens
Die Frösche mit dem Maul allein hervorstehn,
Die Füße bergend und den Schwulst des Leibes,

So waren allseits hier zu schaun die Sünder;
Allein, wie Sudelbart sich ihnen nahte,
Verkrochen sie sich wieder unterm Sude.

Ich sah, noch schaudert's mir darob im Herzen,
Verziehn den einen, so wie wohl zuweilen
Ein Frosch zurückbleibt, weil der and'r enthüpfet.

Doch Hundekraller, ihm zunächst genüber,
Hakt' ihm das pechverklebte Haar, und einer
Fischotter glich er, als ihn der emporzog.

Schon wußt' ich insgesamt die Namen aller,
Wohl merkend, als sie auserkoren wurden,
Und horchend drauf, wie sie einander riefen.

»Karfunkelpolt, auf! fall' ihm mit den Klauen
Den Rücken also an, daß du ihn schindest!«
Schrien allzugleich jetzt die Vermaledeiten.

Und ich: ›Sieh zu, mein Meister, ob dir's möglich,
Des Unglücksel'gen Namen zu erfahren,
Der hier in seiner Gegner Hand gefallen.‹

Mein Meister drauf, ihm nah' zur Seite tretend,
Befragt' ihn, wer er sei, und der entgegnet':
»Geboren bin ich in dem Reich Navarra;

In eines Herrn Dienst gab mich meine Mutter,
Die mich mit einem Taugenichts erzeuget,
Der selber sich zerstört und seine Habe.

Hausdiener bei Thibaut, dem guten König,
Begann ich drauf Durchstecherei'n zu treiben,
Drob Rechenschaft in dieser Glut ich gebe.«

Und Schweinsborste, dem zu jeder Seit' ein Hauer
Wie einer Sau hervorragt' aus dem Maule,
Ließ ihm des einen Schärf' im Reißen fühlen.

Zu schlimmen Katzen war die Maus gekommen,
Doch Sudelbart umschlang ihn mit den Armen
Und sprach: »Bleibt dort, so lang ich ihn umklammre!«

Sein Antlitz drauf zum Meister wendend, sagt' er:
»Jetzt frag' ihn, wenn du mehr zu wissen wünschest,
Bevor ein andrer ihn zugrunde richtet.«

Der Führer nun: »Sag' an, ob unterm Peche
Du sonst wohl einen kennst von jenen Frevlern,
Der ein Lateiner sei?« und der: »Ich trennte

Von einem Nachbar jenes Lands mich kürzlich.
O wärt' ich doch mit ihm noch so verborgen,
Dann braucht' ich Klau' zu fürchten nicht, noch Haken!«

Doch Scharlachmohr rief: »Allzulang ertrugen
Wir's schon,« und packt' am Arm ihn mit dem Haken
So, daß er draus den vordern Teil ihm abriß.

Und Drachennasser auch wollt' an den Beinen
Ihn unten kneipen; doch ihr Zehnmann wandte
Sich rings umher darob mit wildem Blicke.

Als sie hierauf ein wenig sich beruhigt,
Fragt' jenen, der annoch auf seine Wunde
Hinstarrte, ungesäumt jetzt mein Begleiter:

»Sag' an, wer war's, von dem zu deinem Schaden
Du dich getrennt, um an den Strand zu kommen?«
Und er: »Der von Gallura war's, der Bruder

Gomita, ein Gefäß voll Arglist, der einst
Die Feinde seines Herrn in seiner Hand hielt
Und so dann tat, daß drob sie all' ihn loben.

Geld nahm er und ließ dann sie ungehudelt,
Wie er sich ausdrückt, und war sonst im Amt auch
Ein Mäkler nicht im kleinen, nein im großen.

Mit ihm pflegt Umgang dort Don Michael Zanche
Von Logodor', und ihre Zungen werden
Nie müde, von Sardinien zu sprechen.

0, Weh' mir! Seht, wie dort der andre fletschet!
Mehr würd' ich sagen noch; allein ich fürchte,
Er schickt sich an schon, mir das Fell zu kratzen.«

Ihr großes Haupt, Sausfledern zu sich wendend,
Der schon den Blick verdreht, um auszuhauen,
Rief: »Mach' dich fort von hier, du schlimmer Vogel!« –

»Begehrt zu sehn ihr oder zu vernehmen.«
Begann drauf der Erschrockne, »sei's Lombarden,
Sei's Tuscier, ich will herbei sie schaffen;

Doch laßt die Grausetatzen erst ein wenig
Zurück sich ziehn, daß ihre Rache jene
Nicht fürchten; und an dieser Stätte sitzend,

Stell' sieben ich an meiner Statt, des Einz'gen,
Indem ich ihnen pfeife, wie wir pflegen
Zu tun, wenn einer sich herausgewagt hat.«

Die Gosch', auf solches Wort, hob Reckelschnauzer
Und sprach kopfschüttelnd: »Hört einmal den Schurken!
Er sinnt nur drauf, daß er hinab sich stürze.«

Drauf er, der Schlich' in Meng' im Haupte hatte,
Entgegnet': »Ich bin wohl ein arger Schurke,
Da ich den Meinen schlimmres Weh' bereite.«

Doch Bückeschnurbs hielt sich nicht mehr, und gegen
Der andern Meinung rief er: »Springst hinab du,
So galoppier' ich dir nicht nach, es soll dich

Mein Flügelschlag schon überm Pech ereilen.
Fort von der Höh', es mag der Strand uns decken;
Laß sehn, ob mehr du giltst als wir zusammen!«

Du, Leser, wirst von neuem Spaß jetzt hören!
Ein jeder wandt' den Blick zum andern Ufer,
Und der zuerst, der drob am meisten zürnte.

Der Navarrese, wohl den Zeitpunkt wahrend,
Drückt' fest die Füß' ein, und mit einem Sprung
Setzt' er hinab, entrinnend ihrer Absicht.

Da faßte Reu' ob ihrer Schuld sie sämtlich,
Doch den am meisten, der des Fehlers Ursach',
Drum eilt' er fort und schrie ihm nach: »Ich hab' dich!«

Doch wenig half's, denn schneller als sein Flügel
War noch des andern Furcht, der ging zu Grunde,
Und jener richtete zum Flug die Brust auf;

Nicht anders duckt sogleich die Ente unter,
Wenn ihr zu nah der Falke kommt, und dieser
Kehrt dann empor, voll Ärgers und ermüdet.

Und Förstetretel, zürnend ob des Possens,
Flog drein dicht hinter ihm, voll Gier, daß jener
Entrinnen möcht', auf daß es Hader gebe,

Und wandte, da verschwunden war der Mäkler,
Die Krallen alsobald auf den Genossen
So, daß sie überm Graben sich zerzausten.

Doch dieser, als ein echter Wildfangssperber,
Fing an, ihn so zu krallen, daß sie beide
Hinfielen in des glüh'nden Pfuhles Mitte.

Kampfschlichter ward zwar ungesäumt die Hitze,
Doch nicht vermochten sie sich zu erheben,
So waren überklebt mit Pech die Flügel.

Wehklagend mit den übrigen Genossen,
Ließ viere Sudelbart zum andern Ufer
Mit ihren Haken fliegen: schnell nun gingen

Hinab auf ihren Stand sie dies- und jenseits,
Die Haken nach den Überpappten streckend,
Die ganz gekocht schon in der Rinde staken,

Und wir verließen also sie beschäftigt.


Gesang 23

Stillschweigend, einsam, unbegleitet schritten
Wir nun einher, der eine hinterm andern,
Wie ihres Wegs die mindern Brüder hingehn. –

Ob jenes Zwists war jetzo mein Gedanke
Gerichtet auf die Fabel des Äsopus,
Wo von der Maus er handelt und dem Frosche.

Denn mehr nicht läßt sich ›halt‹ und ›man‹ vergleichen
Als dies' und jener, wenn man End' und Anfang
Recht hält zusammen aufmerksamen Sinnes.

Und so, wie ein Gedank' entspringt dem andern,
Entstand aus diesem alsobald ein zweiter,
Der doppelt mir die früh're Furcht vermehrte.

Ich dachte so: Um unsertwillen hat sie
So vieler Spott und Schaden jetzt getroffen,
Daß ich vermut', es mag sie wohl verdrießen;

Wenn sich der Zorn gesellt dem bösen Willen,
So werden wütender sie uns verfolgen
Als je ein Hund den Hasen, den er rammet!

Schon fühlt' ich, daß sich ganz das Haar mir sträubte
Vor Furcht, und horchend rückwärts hin, begann ich:
›O Meister, wenn du dich und mich nicht schleunigst

Verbirgst, so fürcht' ich von den Grausetatzen
Gar viel; sie sind schon hinter uns gewißlich,
Mir ist es so, als ob ich schon sie hörte.‹

Und er: »Wär' ich von bleibelegtem Glas auch,
Nicht würde schneller sich dein Äußres spiegeln
In mir, als ich dein Innres jetzt erfasse.

Denn stracks kam dein Gedanke zu dem meinen,
Der gleichen Inhalts war und gleichen Ganges,
So daß ich beide schmolz in einen Ratschluß.

Böscht so sich rechts der Strand, daß uns herunter
Zu kommen in die nächste Bulge möglich ist,
So werden die geahnte Jagd wir meiden.«

Und eh' er noch sein ratend Wort vollendete,
Sah ich sie nah'n mit ausgespannten Flügeln,
Um uns zu fangen, nicht mehr weit entfernt von uns.

Urplötzlich faßte mich an jetzt mein Führer,
Der Mutter gleich, die, durch den Lärm gewecket,
Erblickend über sich die lohe Flamme,

Den Sohn ergreift und flieht und so viel Zeit nicht
Sich nimmt, für ihn mehr sorgend als sich selber,
Daß sie ein Hemde nur sich überwürfe.

Und von dem Gipfel nun des harten Strandes
Rutscht' mit dem Rücken er hinab am Felshang,
Der eine Seite sperrt der nächsten Bulge.

Nie glitt so schnell die Flut noch durchs Gerinne
Ein oberschlächtig Mühlrad zu bewegen,
Dort, wo zumeist sie sich den Schaufeln nähert,

Als hier an diesem Rand hinab mein Meister,
Von dannen auf der eignen Brust mich tragend,
Als ob sein Sohn ich wär', nicht sein Genosse.

Kaum war er mit den Füßen zu dem Bette
Des Grunds gelangt, als droben jen' erschienen
Grad' über uns, doch gab's ihm keine Furcht mehr;

Denn die erhabne Vorsicht, die zu Dienern
Des fünften Grabens sie bestellen wollte,
Ließ keinem Macht, von dort sich zu entfernen.

Dort unten traf ein übertünchtes Volk ich,
Das weinend rings gar trägen Schrittes wallte,
Im Angesicht verdrossen und gebeuget.

Sie trugen Kutten, die mit tiefen Kappen
Das Aug' bedeckten, ganz von jenem Schnitte,
Wie für die Mönch' in Clugny man sie fertigt.

Vergoldet sind sie außen, daß es blendet,
Doch drinnen ganz von Blei und also wuchtend,
Daß Friedrichs Kutten Stroh dagegen wären.

O Mantel, Ewigkeiten durch beschwerlich!
Links abermals uns wendend, wallten hin wir
Mit ihnen, aufs trübsel'ge Jammern merkend.

Doch ob der Last kam jenes müde Volk so
Langsam herbeigeschlichen, daß in neuer
Gesellschaft wir bei jedem Schritt uns fanden.

Drum sprach ich zu dem Führer: ›Such' mir einen,
Den von Gestalt ich oder Namen kenne,
Und laß im Gehn ringsum dein Auge kreisen.‹

Und einer, der mein Tuscisch Wort verstanden,
Schrie hinter uns her: »Haltet euern Schritt ein,
Die durch die finstre Luft so schnell ihr hinrennt!

Vielleicht erhältst von mir du, was du wünschest.«
Der Führer drauf zu mir sich wendend: »Warte,
Und dann geh' gleichen Schritts dahin mit jenem.«

Still hielt ich und sah großen Drang der Seelen
Nach mir im Antlitz Zweier, doch es hemmte
Sie die Belastung und des Pfades Enge.

Und angelangt nun, schielten mit den Augen
Lang auf mich hin sie, ohn' ein Wort zu sagen,
Und sprachen drauf, sich zu einander wendend:

»Der lebt noch, scheint's nach seiner Kehlbewegung!
Und wenn sie tot sind, welch ein Vorrecht läßt sie
Vom lastenden Talar enthüllt hier wandeln?«

Zu mir drauf: »Tuscier, der du zur Versammlung
Der jämmerlichen Heuchler bist gekommen,
Verschmäh' nicht, wer du seist, uns zu berichten.«

Ich drauf: ›Erzeugt hat mich und auferzogen
Die große Stadt an Arnos schönem Strome,
Und noch trag' ich den Leib, den stets ich hatte.

Doch ihr, wer seid ihr, denen's so gewaltig
Vor Schmerz herniederträufelt an den Wangen,
Und welche Pein in euch entladet so sich?‹

Und mir antwortet' einer: »Diese Kutten,
Die goldenfarb'gen. sind von Blei so wuchtig,
Daß unter dem Gewicht so knarrt die Wage.

Wir waren Brüder-Lustig aus Bologna,
Ich Catalan und jener Lodoringo
Genannt, die deine Stadt zugleich einst wählte,

Wie man wohl einen kürt, der einzeln stehet,
Zu wahren ihre Ruh'; doch wie wir's trieben,
Kann man noch schaun rings um Gardingos Straße.«

Ich nun begann: ›O Brüder, eure Übeln –‹
Doch mehr nicht sprach ich, da mein Blick auf einen
Fiel, an der Erd' gekreuzigt mit drei Pfählen.

Als er mich sah, verdreht' er ganz am Leib sich
Und blies in seinen Bart mit tiefen Seufzern.
Doch Bruder Catalan, der drob sein wahrnahm,

Sprach: »Dieser, den du hier durchbohrt erblickest
Riet einst den Pharisäern, es sei ziemend,
Den einen Mann fürs Volk der Qual zu weihen.

Jetzt liegt er überzwerch und nackt am Wege,
Wie du hier siehst, und seine Last muß jeder,
Eh' er vorübergeht, ihn fühlen lassen.

Auf gleiche Art wird auch gequält der Schwäher
In dieser Grub' und all' aus der Versammlung,
Die für die Juden ward des Übels Samen.«

Da sah ich, daß Virgil verwundert dastand
Ob jenem, der hier ausgestreckt am Kreuz lag
So schmachvoll in der ewigen Verbannung.

Drauf richtet' an den Mönch er diese Worte:
»Laßt Euch's gefallen, wenn Ihr's dürft, zu sagen,
Ob sich zur rechten Hand ein Ausgang findet,

Auf dem wir beid' uns wegbegeben mögen
Und nicht genötigt sind, die schwarzen Engel
Zu zwingen, aus der Schlucht hier uns zu tragen.«

Und jener drob: »Wohl näher, als du ahnest,
Liegt eine Klipp', die, von dem großen Kreise
Ausgeh'nd, die grausen Täler all' durchschneidet,

Nur daß sie, hier zerschellt, nicht überführet;
Doch könnt empor ihr auf dem Schutte steigen,
Der sich am Rande böscht und häuft am Grunde.«

Ein wenig stand gesenkten Haupts der Führer
Und sprach dann: Ȇbel hat er uns berichtet,
Der jenseits mit dem Haken krallt die Sünder.«

Der Mönch darauf: »Schon in Bologna hört' ich
Vom Teufel manches Bös' und drunter auch,
Daß er ein Lügner sei und Lügenvater.«

Mit großen Schritten ging mein Führer jetzt
Davon, etwas verstört von Zorn im Antlitz,
Drob ich auch die Belasteten verließ,

Den Spuren folgend der geliebten Füße.


Gesang 24

In jener Zeit des jugendlichen Jahres,
Da Sol im Wassermann die Locken wärmet,
Und gleich schon wird die Nacht dem halben Tage;

Wenn nun der Reif das Bild des weißen Bruders
Auf Erden darzustellen strebt, doch wenig
Nur dauert das Gebilde seiner Federn:

Dann steht der Landmann, dem's gebricht an Futter,
Wohl auf und schaut umher und sieht die Fluren
Weißglänzen rings und schlägt sich drob die Hüfte,

Kommt jetzt nach Haus, sich hier und dort beklagend,
Dem Schlucker gleich, nicht wissend, was er tun soll;
Zurück drauf kehrend, faßt er neue Hoffnung,

Gewahrend, wie die Welt in wenig Stunden
Gestalt gewechselt, und ergreift den Stecken
Und treibt hinaus die Schäflein auf die Weide.

Also entsetzt' ich jetzt mich ob des Meisters,
Da seine Stirn ich so getrübt erblickte.
Und also schnell auch ward der Wund' ihr Pflaster;

Denn als wir zur zerstörten Brücke kamen,
Wandt' er mir zu sich mit dem holden Blicke,
Den ich zuerst gesehn am Fuß des Berges.

Nach kurzer Überlegung sich entschließend,
Tat er die Arm' auf jetzt, und das Getrümmer
Erst recht betrachtend, faßt' er mit dem Arm mich,

Dem gleich, der bei der Arbeit überleget
Und stets, man sieht's ihm an, der Zukunft denket,
Zeigt' er mir, auf den Gipfel hin mich hebend

Des einen Felsstücks, schon die andre Spitze
Und sprach: »An jene mußt du nun dich klammern
Doch prüf' erst, ob sie auch dich tragen könne.«

Das war kein Pfad wohl für die Kuttenträger,
Da er, der leicht, und ich, den er doch forthob,
Von Trumm zu Trumm empor kaum steigen konnte,

Und wenn der Strand an diesem Umfang kürzer
Nicht als am andern war, er zwar vielleicht nicht,
Doch ich gewißlich wär' hier unterlegen.

Allein weil Übelbulgen gen den Eingang
Des tiefsten Schachts ganz abwärts hin sich neiget,
So bringt's mit sich die Lage jedes Tales,

Daß sich ein Strand erhebt, der andre senket.
So nun gelangten wir bis zu der Höhe,
Von wo ab sich die letzte Trümmer löset.

An Atem war die Lung', als ich hinaufkam,
Mir so erschöpft, daß ich nicht weiterkonnte,
Vielmehr alsbald mich bei der Ankunft setzte.

»Wohlan, jetzt ziemt es dir, dich zu ermannen!«
Begann mein Meister, »denn in Federn liegend
Und unter Decken, kommt zu keinem Ruhm man,

Und wer sein Leben des entbehrend hinbringt,
Der hinterläßt nur solche Spur auf Erden,
Wie Rauch in Lüften und Geschäum im Wasser.

Drum auf! Dein Herz besiege die Erschöpfung,
Das immerdar im Kampfe Sieger bleibet,
Wenn es des Körpers Schwere nicht herabzieht.

Erklimmen müssen wir noch längre Stiegen,
Und nicht genügt's, von diesen uns zu trennen;
Hast du verstanden? Wohl, so nütz' die Lehre.«

Darauf erhob ich mich, bei Atem besser
Mich zeigend, als ich wohl mich selber fühlte,
Und sprach: ›Geh hin denn, ich bin stark und mutig.‹

Die Klipp' empor nun nahmen unsern Weg wir,
Der gar mühselig war und eng und höck'rig
Und steiler noch um vieles als der früh're.

Um schwach mich nicht zu zeigen, ging ich sprechend hin.
Drauf aus der Schlucht empor scholl eine Stimme,
Die Worte ungeformt hervor nur sprudelte;

Nicht weiß ich, was sie sprach, stand auf dem Rücken
Ich gleich des Bogens, der hier überführet,
Doch schien der Redende zum Zorn gereizt mir.

Ich beugte mich, doch ob des Dunkels konnte
Nicht des Lebend'gen Blick zum Grunde dringen,
Drob ich: ›Auf, Meister! schnell zum andern Umkreis!

Und laßt die Felswand uns herniedersteigen;
Denn wie von hier ich hör' und nichts verstehe,
Schau' ich hinab und kann nichts unterscheiden.‹

»Nicht anders,« sprach er, »geb' ich drauf Bescheid dir
Als durch die Tat; denn ehrenwerter Bitte
Muß durch Erfüllung schweigend man willfahren.«

Den Ausgang stiegen wir herab der Brücke,
Wo mit dem achten Strand sie sich verknüpfet,
Und drauf ward mir die Bulge offenbaret.

Darin erblickt' ich fürchterliche Haufen
So wunderlich verschiedenart'ger Schlangen,
Daß noch das Blut mir starrt bei der Erinnrung.

Nicht rühme Libyen mehr sich seiner Wüste;
Denn bringt es Ringler, Ottern, Brillenschlangen
Hervor und Wasser- auch und Lanzennattern,

Hat es doch nie so viel' und so verruchte
Untier' annoch gezeugt, nebst ganz Äthiopien
Und nebst dem Küstenland des Roten Meeres.

In dieser grausen, wilderbosten Menge
Lief nacktes Volk umher und voll Entsetzens,
Schlupfwinkel nicht, noch Heliotrop erhoffend.

Die Händ' am Rücken hatten sie mit Schlangen
Gebunden, die durch ihre Hüften steckend
So Kopf als Schweif, sich vorn zum Knoten knüpften.

Und sieh, auf Einen nah an unserm Strande
Schnellt eine Schlange hin sich und durchstach ihn,
Allwo der Hals sich bindet mit den Schultern.

Nie hat so schnell man O noch J geschrieben,
Als er entzündet ward und brannt' und gänzlich
Zu Asch' alsbald hinfallend mußte werden.

Und als er so vernichtet lag am Boden,
Vereinte sich von neu'm die Asch' und wurde
Von selbst stracks wieder, was sie erst gewesen.

So stirbt, berichten uns die großen Weisen,
Der Phönix und wird wieder drauf geboren,
Wenn er beinah' fünfhundert Jahre zählet.

Von Korn und Kraut nicht nährt er sich im Leben,
Nur von des Weihrauchs Tränen und von Ingwer,
Und Nard' und Myrrhen ist sein Sterbelager.

Wie der so selbst, nicht ahnend, wie, dahinsank,
Sei's, daß Dämonenkraft ihn riß zu Boden,
Sei's Stockung, die den Sinn des Menschen bindet,

Sich wieder drauf erhebend, um sich her schaut,
Ob der gewalt'gen Angst, die er erlitten,
Verworren ganz und seufzend hebt die Blicke;

Also der Sünder, als er aufgestanden.
Gerechtigkeit des Ew'gen, wie du streng bist,
Die rächend du ausschüttest solche Schläge!

Da ihn mein Führer, wer er sei, jetzt fragte,
Entgegnet er: »Ich regnet' aus Toskana
Herunter jüngst in diesen Schlund des Grausens.

Kein menschlich, nein, ein viehisch Leben liebt' ich,
Wie's mir, dem Maul, ziemt'; Vanni Fucci bin ich,
Die Bestie, der ein würd'ger Bau Pistoja.«

Zum Führer ich: ›Verbeut ihm zu entschlüpfen
Und frag' ihn, welche Schuld ihn hier herabstieß,
Den ich als zorn'gen Blutmann einst gesehen.‹

Und jener Sünder, der's vernahm, verstellte
Sich nicht, nein, Sinn und Antlitz nach mir wendend,
Begann er jetzt, von wilder Scham verfärbet:

»Mehr schmerzt es mich, daß du mich hier getroffen
In diesem Elend, wo du mich erblickest,
Als da ich aus der andern Welt entrückt ward.

Abschlagen kann ich nicht, was du begehrest.
Ich kam so weit herunter, weil das schöne
Gerät ich aus der Sakristei gestohlen

Und fälschlich ward ein andrer des bezichtigt.
Doch daß du solches Anblicks dich nicht freuest,
Wenn jemals du entkommst den finstern Orten,

Schließ jetzt dein Ohr auf meiner Kund' und höre:
Von Schwarzen wird vorerst entblößt Pistoja,
Dann ändert auch Florenz Sitt' und Bewohner.

Mars zieht aus Val di Magra einen Dunst auf,
Der, eingehüllt in trübe Wetterwolken,
Mit einem schneidend ungestümen Sturmwind

Den Kampf besteht in dem Gefild Piceno;
Drauf jener stracks den Nebel wird zerreißen,
Davon die Weißen all' getroffen werden –

Und hab's gesagt, damit's dich schmerzen möge.«


Gesang 25

Bei seiner Worte Schluß hob beide Hände
Der Dieb empor mit durchgesteckten Daumen
Und rief: »Nimm hin sie, Gott, dir ball' ich zu sie!«

Seitdem bin ich befreundet mit den Schlangen;
Denn eine wickelte sich um den Hals ihm,
Als ob sie spräche: »Mehr sollst du nicht sagen,«

Und um die Arm' ein' andre und umschlang ihn,
Sich vorn sodann dermaßen rückwärts krümmend,
Daß keinen Ruck er konnte tun mit ihnen.

Pistoja, o Pistoja, was doch säumst du,
Dich einzuäschern, daß du mehr nicht dauerst,
Da deine Brut im Bösetun du förderst.

Nicht einen Geist in all den finstern Kreisen
Der Hölle sah ich gegen Gott so trotzig;
Selbst der nicht war's, der fiel vor Thebens Mauern.

Und jener nun entfloh und sprach kein Wort mehr,
Drauf sah ich einen wütenden Centauren
Laut schreiend nah'n: »Wo ist, wo ist der Herbe?«

Maremma, glaub' ich, hat so viele Schlangen
Selbst nicht, als dieser trug auf seinem Kreuze,
Bis wo die menschliche Gestalt beginnet.

Ein Drache lag ihm hinten am Genicke
Mit ausgespannten Flügeln überm Rücken,
Endzündend jeglichen, dem er begegnet.

Zu mir begann mein Meister: »Dies ist Cacus,
Der unterm Fels des Aventin'schen Hügels
Oft einen ganzen See von Blut vergossen;

Nicht geht er gleichen Wegs mit seinen Brüdern,
Des Diebstahls wegen, den mit List er übte
An jener großen Herd', als sie ihm nah' kam.

Dort macht' ein Ende dem verkehrten Treiben
Die Keule Herkul's, der ihm hundert Schläge
Wohl gab, von denen er nicht zehn gefühlet.«

Weil er so sprach und jener flog vorüber,
Gelangten unter unsern Fuß drei Schatten,
Die weder ich gewahrte, noch mein Führer,

Als bis wir schrei'n sie hörten: »Wer doch seid ihr?«
Darob in unsrer Mär wir still nun hielten,
Auf jen' allein das Augenmerk gerichtet.

Nicht kannt' ich sie, doch es geschah, so wie es
Durch einen Zufall oft wohl zu geschehn pflegt,
Daß einer mußt' des andern Namen nennen,

Indem er sprach: »Wo mag nur Cianfa bleiben?«
Drob ich, daß aufmerksam mein Führer stände,
Den Finger mir vom Kinn zur Nase legte.

Wenn du jetzt, Leser, was ich sagen werde,
Zu glauben zögerst, nimmt es mich nicht wunder,
Da ich, der's sah, mir's selbst kaum eingestehe.

Weil ich auf sie den Blick hielt aufgeschlagen.
Fällt plötzlich eine Schlange mit sechs Füßen
Den einen vorn an, ganz an ihn sich klammernd;

Den Bauch umschlang sie mit den Mittelfüßen
Und packt' ihm mit den vorderen die Arme,
Drauf biß sie in die Wangen beiderseits ihn.

Die Hinterfüße nach den Schenkeln streckend,
Legt' ihren Schwanz jetzt hin sie zwischen beide,
Ihn hinten an den Lenden aufwärtsbiegend.

Nicht häkelte um einen Baum sich Efeu
Je so, wie das grau'nvolle Ungeheuer
Die eignen schlang um eines andern Glieder;

Drauf ineinanderschmelzend, gleich, als sei'n sie
Von warmem Wachs, vermischten sie die Farben,
Daß kein's von beiden schien, was es gewesen.

Also verbreitet aufwärts am Papiere
Sich vor dem Brande bräunlich eine Farbe,
Die noch nicht schwarz, erstirbt schon gleich das Weiße,

Die andern zwei sah'n zu und riefen beide:
»Weh' dir, Agnello, wie du dich veränderst,
Sieh doch, schon bist du zwei nicht mehr, noch einer!«

Schon waren die zwei Häupter eins geworden,
Als zwei Gestalten uns vermischt erschienen
In einem Antlitz, drin sich zwei verloren.

Zwei Arme bildeten sich aus vier Zweigen,
Und Rumpf und Bauch und Bein' und Schenkel wurden
Zu Gliedern, wie man nie sie noch gesehen;

Verlöscht war hier jedwedes frühre Ansehn,
Zwei schien und keins von beiden das verkehrte
Gebild und ging so fort langsamen Schrittes.

Wie unterm heft'gen Stich der Hundssterntage
Die Eidechs', wenn sie Zaun mit Zaun vertauschet,
Des Wandrers Weg durchschneidend scheint ein Blitzstrahl;

Dem ähnlich schien mir jetzt, den beiden andern
Sich stürzend nach dem Wanst, ein wütend Schlänglein,
Das braun und schwarz gleich einem Pfefferkorn war.

Und jenen Teil, durch den zuerst die Nahrung
Der Mensch empfängt, dem einen drauf durchstach es,
Dann fiel's vor diesem hingestreckt zu Boden.

An starrt' es der Gestochne und verstummte,
Doch still jetzt haltend, fing er an zu gähnen,
Als ob, sei's Schlaf, sei's Fieber, ihn befiele.

Die Schlange blickt' auf ihn, er auf die Schlange;
Sie dampfte durch den Mund, er durch die Wunde
Gewaltig, und es kreuzten sich die Dämpfe.

Lukan verstumme dort, wo er erwähnet
Das Elend des Sabellus und Nassidius,
Und hör' aufmerksam, was sich jetzt entwickelt;

Von Cadmus schweig' Ovid, von Arethusa,
Denn wenn er den zur Schlange, die zur Quelle
Verwandelt im Gedicht auch, nicht beneid' ich's;

Denn nie hat zwei Naturen gegenüber
Er so vertauscht, daß beide Bildungskräfte
Bereit sich zeigten, ihren Stoff zu wechseln.

In solcher Folg' entsprachen sie einander,
Daß, weil den Schweif die Schlange gablig spellte,
Die Fersen zog zusammen der Gebißne,

Die Beine nebst den Schenkeln miteinander
Verschmolzen so, daß keine Spur in kurzem
Von der Verbindung war zu unterscheiden.

Der so gespaltne Schweif nahm die Gestaltung
Drauf an, die dort verlorenging, und weich ward
Die Haut ihm hier, weil jenseits hart sie wurde.

Einkriechen sah ich durch die Achselhöhlen
Die Arm', indes des Untiers kurzes Beinpaar
Um so viel länger ward als jene kürzer.

Drauf bildeten, verschlungen miteinander,
Das Glied die Hinterbeine, das der Mann birgt,
Weil zwei der Arme aus den seinen spreizte.

Indes der Dampf mit neuer Farbe beide
Umhüllt' und, überm Leib auf einer Seite
Das Haar erzeugend, andrerseits es abstreift',

Stand jener auf, und dieser fiel zu Boden,
Nicht drum verwendend die ruchlosen Blicke,
In deren Schein sie tauchten die Gesichter.

Der Steh'nde zog es rückwärts nach den Schläfen,
Und von dem Überfluß des Stoffes traten
Hervor die Ohren aus den glatten Wangen;

Der Rest, der nicht zurückwich, sondern vorn blieb,
Gestaltete dem Antlitz sich zur Nase,
So viel die Lippen schwellend, als sich ziemte.

Der Liegende schiebt jetzo vor die Schnauze,
Einziehend durch das Haupt die beiden Ohren,
Gleich wie die Gartenschneck' ihr Fühlhorn einzieht,

Und seine Zunge, ganz erst und zum Reden
Stets fertig, spaltet sich, und die gespaltne
Des andern schließt sich und der Dampf hört auf jetzt.

Die Seele, so zum Ungeheuer worden,
Flieht mit Gezisch von dannen durch das Tal hin,
Weil hint'r ihr her der andre ruft und sprudelt.

Drauf wandt' er jenem zu den neuen Rücken
Und sprach zum andern: »Jetzt soll Buoso laufen
Wie ich sonst dieses Pfads auf allen Vieren.«

So sah ich's in der siebenten Kloake
Sich wandeln und verwandeln, und entschuld'gen
Mag mich der neue Stoff, schweift hier die Zung' ab;

Und waren gleich die Augen mir ein wenig
Getrübt und abgespannt des Geistes Stärke,
Doch konnten jen' im Flieh'n sich so nicht bergen,

Daß ich nicht wohl Puccio Sciancato kannte,
Der einzig unverändert war geblieben
Von den zuerst gekommnen drei Genossen.

Der andre war's, ob dem du weinst, Gaville.


Gesang 26

Erfreue dich, Florenz, ob deiner Größe,
Daß über Land und Meer du schlägst die Flügel,
Und in der Höll' auch sich dein Ruf verbreitet!

Denn bei den Dieben sah ich fünf dergleichen
Aus deinen Bürgern, drob mich Scham ergreifet,
Und du auch steigst drum nicht zu großer Ehre.

Doch wenn auf Wahrheit Morgenträume deuten,
Fühlst du in kurzer Zeit von hier, was Prato,
Von andern nicht zu reden, an dir wünschet.

Und ob auch jetzt, würd' es nicht vor der Zeit sein,
O daß es wäre schon, da's einmal sein muß,
Denn mehr wird's mich bei höherm Alter drücken.

Wir gingen fort, und an den Steinvorsprüngen
Empor, die abwärts uns gedient als Stufen,
Stieg, nach mich ziehend, wiederum mein Führer.

Und weiter jetzt den öden Weg verfolgend,
Vermochte zwischen Splittern sich und Zacken
Des Riffs der Fuß nicht ohne Hand zu fördern.

Da trauert' ich und traure jetzt von neuem,
Indem den Sinn ich aufs Geseh'ne richte,
Den Witz mehr zügelnd, als ich sonst wohl pflege,

Daß es der Zucht der Tugend nicht entschlüpfe,
So daß, wenn, sei's ein günst'ger Stern, sei's Bessres,
Ein Gut mir gab, ich selbst mir's nicht mißgönne.

Wie viel der Landmann, an dem Hügel ruhend,
Zur Zeit, da jener, der die Welt erleuchtet,
Sein Antlitz weniger uns hält verborgen,

Wenn schon die Fliege weicht der Wassermücke,
Leuchtwürmchen unten in dem Tal erblicket
Dort, wo er pflügt vielleicht und Trauben sammelt;

Von so viel Flammen glänzte allenthalben
Die achte Bulg', wie ich sogleich gewahrte,
Als an der Stell' ich stand, wo man den Grund sieht.

Wie der, so einst sich mit den Bären rächte,
Die Rosse sah, als des Elias Wagen
Hinwegfuhr, himmelwärts gradauf sich schwingen,

So daß sein Blick ihm so nicht folgen konnte,
Daß andres er als nur gleich einem Wölkchen
Die Flamm' empor sich hebend hält' erblicket;

Also bewegten durch den Schlund des Grabens
Sich alle hin, ohn' ihren Raub zu zeigen,
Denn jede Flamm' entrückt' uns einen Sünder.

So ausgestreckt zum Schaun stand auf der Brück' ich,
Daß, hätt' ein Felsstück ich nicht festgehalten,
Hinabgestürzt ich war' ohn' anzustoßen.

Und als so aufmerksam mich sah mein Führer,
Sprach er: »In diesen Flammen sind die Geister,
Und jeglichen hüllt die, dran er entbrannt ist.«

Ich drauf: ›Mein Meister, seit ich dich vernommen,
Ist sichrer mir's, doch schon hatt' ich geurteilt,
Daß es so sei, und wollte schon dich fragen;

Wer ist im Feuer dort, das so nach oben
Gespalten naht, als schlüg' es aus dem Holzstoß,
Darauf Eteocles lag mit dem Bruder?‹

Drauf er: »Gemartert wird dadrin Ulysses
Mit Diomed, und wie zu zorn'ger Tat sie
Vereint sonst eilten, eint sie jetzt die Strafe.

Beseufzet wird im Innern ihrer Flamme
Die Kriegslist mit dem Pferde, so das Tor brach,
Daraus der Römer edler Sam' hervorging:

Drin wird die Kunst beweint, drob nach dem Tod noch
Achills Verlust beklagt Deidamia,
Drin wird auch des Palladiums Raub gebüßet.«

›Wenn innerhalb der Loh' sie reden können,‹
Sprach ich, ›so bitt' ich, Meister, dich von Herzen,
Einmal und abermals statt tausend Malen,

Daß du mir nicht verweigerst hier zu weilen,
Bis die gehörnte Flamme sich uns nahet;
Du siehst, wie Sehnsucht nach ihr hin mich beuget.‹

Und er zu mir: »Gar großen Lobes würdig
Ist dein Begehr, drum ich es auch genehm'ge;
Doch sieh, daß deine Zunge hier du zähmest,

Und laß mich sprechen; denn begriffen hab' ich,
Was du verlangst, und weil sie alle Griechen, würden
Vielleicht sich jene deinem Wort verhärten.«

Nachdem dahin die Flamme war gekommen,
Wo schicklich meinem Führer Ort und Zeit schien,
Hört' ich in solcher Weise jetzt ihn sprechen:

»O ihr dort, zwei vereint in einem Feuer,
Wenn ich um euch verdient, solang ich lebte,
Wenn ich um euch verdient viel oder wenig,

Als das erhabne Lied ich schrieb auf Erden,
Bewegt euch nicht, doch einer von euch sage,
Wo er sich hin verlor, den Tod zu finden.«

Das größre Horn nun dieser alten Flamme
Fing mit Geknister an zu flackern, jener,
Die von des Windes Wehn bedrängt wird, ähnlich.

Darauf die Spitze hin und her bewegend,
Als sei des Sprechers Zunge sie, enthaucht
Es eine Stimm' und sprach: »Als ich von Circe

Entfernt mich hatte, die mehr als ein Jahr mich
Zurückgehalten nah dort bei Gaeta,
Eh' es Äneas so genannt, vermochte

Die Lust am Sohn, das Mitleid für den greisen
Erzeuger nicht und nicht die schuld'ge Liebe,
Daran Penelope sich freuen sollte,

Im Innern die Begier mir zu besiegen,
Mich mit der Welt ringsum bekannt zu machen
Und mit der Menschen Trefflichkeit und Lastern;

Nein, ich begab aufs hohe weite Meer mich
Mit einem Schiff allein und mit der kleinen
Genossenschaft, die nimmer mich verlassen.

Die Ufer beide sah ich bis nach Spanien
Und nach Marokko und der Sarden Eiland,
Und all' die andern, die dies Meer umspület.

Ich war nebst den Genossen alt und schwer schon,
Als wir zu jenem engen Schlund gelangten,
Wo Herkules sein Grenzmal aufgerichtet,

Damit der Mensch sich weiter hin nicht wage.
Zur rechten Hand ließ ich Sevilla liegen,
Weil ich zur andern Ceuta schon gelassen.

›O Brüder,‹ sprach ich, ›die zum fernen West ihr
Durch hunderttausend Fährlichkeiten dränget,
Verschmäht doch nicht die kurze Abendwache

Der Sinneskraft, die euch noch übrig bleibet,
Zu nützen, um, der Sonne folgend, Kunde
Vom menschenleeren Weltteil zu erlangen.

Zieht euern Ursprung in Betrachtung, wurdet
Ihr doch gemacht nicht, gleich dem Vieh zu leben,
Nein, daß nach Tugend ihr und Kenntnis ringet.‹

Und die Genossen macht' ich nach der Reise
Also begierig durch die kurze Rede,
Daß ich sie kaum dann abgehalten hätte.

Drauf, unser Hinterschiff gewandt nach Morgen
Bewegten, Schwingen gleich zum tollen Fluge,
Die Ruder wir, stets mehr zur Linken steuernd.

Schon sah das Aug' der Nacht die Sterne sämtlich
Des andern Poles und so tief den unsern,
Daß kaum er aus der Meeresflut emporstieg.

Fünfmal war neu entzündet und verlöscht schon
Das Licht am untern Teil des Mondes worden,
Seit in den schweren Pfad wir eingetreten,

Als endlich dunkel uns durch die Entfernung
Ein Berg erschien, der also hoch uns deuchte,
Wie ich noch keinen je gesehen hatte.

Wir jauchzten; doch bald ward die Lust zum Jammer,
Denn wirbelnd ging vom neuen Land ein Sturm auf,
Der unser Fahrzeug traf am vordern Ende.

Dreimal schwang er's umher samt den Gewässern,
Beim vierten warf empor das Hinterschiff er,
Den Schnabel senkend (als wollt's ein andrer),

Bis über unserm Haupt sich schloß die Meerflut.«


Gesang 27

Schon war die Flamme nach geschloßner Rede
Still und grad aufgerichtet und hinwegging
Sie mit Bewilligung des süßen Dichters,

Als hinter ihr einherkam eine andre,
Die unsern Blick nach ihrer Spitze hinzog
Ob des verworrnen Tons, der draus hervordrang.

Wie der sizil'sche Stier, der durch das Jammern
Des, der mit seiner Feil' ihn hergerichtet,
Zum erstenmal gebrüllt (also war's billig),

So durch die Stimme des Gequälten brüllte,
Daß, wenn er gleich von Erz nur war gebildet,
Er um nichts minder schien vom Schmerz durchbohret;

So wandelten sich in des Feuers Sprache,
Da weder Weg noch Ausgang draus sie fanden,
Im Anbeginn die jammervollen Worte.

Doch als sie Bahn sich droben durch die Spitze
Gebrochen drauf, mitteilend ihr die Schwingung,
Die ihnen selbst die Zunge gab beim Durchgang,

Vernahmen wir, wie folgt: »O du, an den ich
Mein Wort jetzt richte, der du auf Lombardisch
Erst sprachst: ›Gehst halt jetzt weg, i' aiz' di' nimmer',

Laß dich's, weil etwas spät ich wohl gekommen,
Nicht reu'n, mit mir zu weilen im Gespräche!
Du siehst, mich reut es nicht, obgleich ich brenne.

Wenn du erst kürzlich bist herabgestürzet
In diese finstre Welt aus jenem süßen
Lateinerland, wo meine Schuld sich herschreibt,

Sprich, hat Romagnas Volk Krieg oder Frieden?
Denn aus den Bergen bin ich, die Urbino
Vom Joche trennen, dem entquillt die Tiber.«

Ich stand annoch hinabgebeugt und lauschend,
Als leis mich in die Seite stieß mein Führer
Und sprach: »Hier rede du, 's ist ein Lateiner.«

Und ich, der schon bereit die Antwort hatte,
Begann drauf sonder Zögern so zu sprechen:
›O Seele, die versteckt du weilst dort unten,

Es ist nicht und war nimmer dein Romagna
In seiner Zwingherrn Herzen ohne Krieg noch;
Doch offenbar verließ ich dort jetzt keinen.

Ravenna steht, wie's stand seit vielen Jahren,
Es horstet da der Adler von Polenta,
So daß er Cervia deckt mit seinen Schwingen.

Die Stadt, die einst so lange standgehalten
Und der Franzosen blut'ge Leichen häufte,
Weilt unterm Schutz anjetzt der grünen Klauen!

Verucchios alten Fanghund und den neuen,
Der einst so schnöd verfahren mit Montagna,
Sieht man, wo sonst sie pflegten, bissig wüten.

Die Stadt' am Strand Lamones und Santernos
Regiert der junge Löw' aus weißem Lager,
Partei von Mitternacht zu Mittag wechselnd,

Und die vom Savio wird bespült zur Seite,
Gleich wie sie zwischen Ebne liegt und Bergen,
Schwankt zwischen Zwingherrschaft und freiem Wesen.

Jetzt fleh' ich an dich, wer du bist, zu künden,
Sei unerbittlicher nicht als die andern,
Wenn sich dein Nam' behaupten soll auf Erden.‹

Nachdem die Flamm' auf ihre Weis' ein wenig
Gebraust, bewegte sie die spitze Zunge
Bald hin, bald her und hauchte drauf dies Wort aus:

»Wenn meine Antwort ich gerichtet glaubte
An einen, der zur Welt zurück je kehrte,
So würde mehr nicht diese Flamm' erzittern;

Doch weil, wenn anders Wahrheit ich vernommen,
Aus diesem Grund noch niemand heimgekehrt ist,
Antwort' ich jetzt dir ohne Furcht vor Schande.

Ich war erst Kriegsmann und dann Franziskaner,
Vom Strick umgürtet, abzubüßen hoffend,
Und sicher war' erfüllt mein Hoffen worden,

Wenn nicht der Großpfaff war (bekomm's ihm übel),
Der mich in meine frühre Schuld zurückwarf.
Wie und warum, sollst du anjetzt vernehmen.

Solang als ich in Fleisch und Bein noch webte
Dem Erbteil meiner Mutter, übt' ich Taten,
Die löwenartig nicht, nein, füchsisch waren.

Die list'gen Streich' all' und geheimen Schliche
Verstand ich, ihre Kunst so trefflich treibend,
Daß drob mein Ruf drang zu der Erde Enden.

Doch als an jenem Zeitpunkt meines Alters
Ich angelangt mich sah, wo jeder sollte
Einziehn die Tau' und seine Segel streichen,

Ward, was mich erst erfreut, mir jetzt zuwider,
Und reuevoll bekennend meine Sünden,
Hätt' ich, (o Weh' mir Armen!) mich gerettet.

Das Oberhaupt der neuen Pharisäer, –
Ganz nah dem Lateran in Krieg verwickelt,
Und nicht mit Sarazenen, noch mit Juden;

Denn Christen nur allein hatt' es zu Feinden,
Und keiner war bei Acres Sturm gewesen,
Noch als ein Kaufmann in des Sultans Landen., –

Nicht achtet' er in sich die heil'ge Weihe,
Nicht das erhabne Amt, in mir den Strick nicht,
Durch den sonst magrer ward, wer ihn getragen.

Nein, wie einst Konstantin dort im Sorakte
Silvester rief, vom Aussatz ihn zu heilen,
Also begehrte dieser mich zum Meister,

Daß ich ihm stille seines Hochmuts Fieber,
Und fragt' mich drob um Rat; doch ich verstummte,
Denn eines Trunknen schien mir seine Rede.

Und jener drauf: ,Laß nicht dein Herz verzagen!
Ich sprech' dich los für jetzt; doch du belehr' mich,
Wie Penestrinos Burg ich brechen möge.

Den Himmel kann ich öffnen und verschließen,
Das weißt du ja; dazu gibt's zwei der Schlüssel,
Die jüngst mein Vorfahr nicht gar hochgehalten.'

Da trieben an mich die gewicht'gen Gründe,
Weil Schweigen hier mir schien der schlimmste Ratschluß.
Daß ich begann: ›Da du mich, Vater, reinigst

Von dieser Sünd', in die ich jetzt muß fallen –
Ein lang Versprechen und ein kurzes Halten
Wird auf erhabnem Stuhl dir Sieg verschaffen.'

Franziskus suchte drauf mich, als ich tot war,
Doch einer von den schwarzen Cherubinen‹
Sprach zu ihm: ›Hol' ihn nicht, tu' mir nicht Unrecht!

Der muß hinab zu meinen Sklaven kommen,
Weil er gegeben hat den Rat des Truges,
Seitdem ich stets im Haar ihm bin gelegen.

Wer nicht bereut, den kann man los nicht sprechen,
Und nicht kann man zugleich bereun und wollen,
Dieweil der Widerspruch es nicht gestattet.'

O weh' mir Jammerndem! wie ich erbebte,
Als er mich packt' und zu mir rief: ›Du dachtest
Vermutlich nicht, daß ich Logik verstände.'

Zu Minos trug er hin mich, und der schmiegte
Den Schweif achtmal sich an den harten Rücken.
Drauf, sich vor großer Wut in jenen beißend,‹

Sprach er: ›Der Flammenhüll' ist dieser schuldig.'
Drob hier, wo du mich siehst, ich bin verloren
Und so umwallt in Herzeleid einhergeh'.‹

Nachdem er seine Red' also vollendet,
Entfernte sich mit Wehgeklag die Flamme,
Das spitze Horn verneigend und bewegend.

Wir gingen weiter, ich drauf und mein Führer,
Am Riff hinan bis auf den andern Bogen,
Der überm Schlund schwebt; drin mit Pön belegt wird,

Wer, Spaltung stiftend, selbst sich Last bereitet.


Gesang 28

Wer könnt', auch selbst in ungebundner Rede
Mehrmals erzählend, gnüglich all' die Wunden
Und all' das Blut, das ich jetzt sah, beschreiben?

Gewiß zu schwach wär' hier jedwede Zunge,
Weil unsre Sprach' und unser Sinn so vieles
In sich nicht zu umfassen Raum besitzen.

Wenn all' das Volk auch gleich versammelt wäre,
Das auf Apuliens schicksalsreichem Boden
Gejammert ob des eignen Bluts Vergießen

Durch Römerhand erst, in der langen Schlacht dann,
Die so gewalt'ge Beut' an Ringen brachte,
Wie Livius sonder Irrtum uns berichtet,

Nebst jenem Volke, dem geschmerzt die Hiebe,
Weil Robert Guiscard es sich widersetzet,
Und jenem, des Gebein noch jetzt man aufliest

Bei Ceperano, wo zu Lügnern wurden
All' die Apulier, und bei Tagliacozzo,
Wo Ehrhard siegt', der Alte sonder Waffen,

Und der durchbohrt ein Glied und der verstümmelt
Es zeigt', war's mit der widrigen Gestaltung
Der neunten Bulge nichts doch im Vergleiche.

Nicht sprang, wenn Mittelstück es oder Gere
Verloren, je ein Faß so, als durchhauen
Vom Kinn bis wo man furzt, ich einen schaute.

Hinab hing das Gedärm ihm an den Beinen.
Und das Geschling war sichtbar und der Beutel,
Der schnöde, der aus dem Verschlungnen Dreck macht.

Dieweil ich ganz auf ihn den Blick nun hefte,
Sah er mich an und sprach, sich mit den Händen
Auftu'nd die Brust: »Sieh, wie ich mich zerlege,

Sieh, wie verstümmelt Mahomed ist! Weinend
Geht Ali vor mir her, im Angesicht
Vom Kinn hinaufgespalten bis zum Stirnhaar,

Und all' die andern, die du hier erblickst,
Weil Unruh' sie und Spaltung ausgestreuet
Im Leben, sind anjetzt also zerspellt.

Ein Teufel spaltet uns dadrin so grausam
Und läßt jedweden aus der Rotte über
Des Schwertes Klinge wiederum dann springen.

Wenn wir die jammervolle Bahn umlaufen;
Denn stets aufs neu' verschließen sich die Wunden,
Eh' einer abermals vor jenen hintritt.

Doch wer bist du, der von dem Riff du gaffest,
Wohl zögernd, zu der Strafe dich zu stellen,
Die auf Beschuldigung dir zuerkannt ward?« –

»Nicht hat der Tod ihn noch erreicht, noch führet
Ihn Schuld zur Qual,« entgegnete mein Meister –
»Doch um vollkommne Kund' ihm zu gewähren,

Muß ich, der tot schon bin, von Kreis zu Kreise
Hier unten durch die Höll' ihn jetzt geleiten,
Und also ist's so wahr ich mit dir spreche!«

Wohl mehr denn hundert blieben in dem Graben,
Als sie's vernahmen, stehn, mich anzublicken,
Die Marter vor Verwunderung vergessend.

»So sag' dem Fra Dolcino denn, du, der wohl
Die Sonne bald aufs neu' erblickst, daß, will er
Mir nicht in kurzem folgen, er sich also

Mit Nahrungsmitteln rüste, daß die Schneenot
Den Novaresern nicht den Sieg verleihe,
Der außerdem nicht leicht wär' zu erringen.«

Den einen Fuß zum Weitergehn erhebend,
Sprach Mahomed zu mir sotane Worte
Und streckt' darauf, fortschreitend, ihn zu Boden.

Ein andrer, dem durchbohret war die Kehle
Und abgestutzt die Nas' bis zu den Brauen
Und der annoch ein einzig Ohr nur hatte,

Stillhaltend vor Verwundrung nebst den andern,
Um mich zu sehn, riß jetzt vor den Genossen
Den Schlund auf, blutrot allerseits von außen,

Und sprach: »O du, den keine Schuld verdammet
Und den ich einst sah im Lateinerlande,
Wenn mich zu große Ähnlichkeit nicht täuschet,

Gedenk' an Peter doch von Medicina,
Wenn je du wiedersiehst die holde Fläche,
Nach Marcabô sich senkend von Vercelli.

Und gib die Kund' den beiden besten Bürgern
Von Fano, Angiolello'n und Herrn Guido,
Daß, wenn hier eitel nicht ist das Vorhersehn,

Sie aus dem Schiff geworfen und gesäcket
Einst werden in der Näh' dort von Cattolica,
Von einem schnöden Wüterich verraten.

Nicht sah annoch Neptun so große Übeltat
Je zwischen Zyperns Eiland und Majorca
Nicht von Seeräubervolk, nicht von Argivischem.

Denn der Verräter mit dem einen Auge,
Der jene Stadt besitzet, die gesehen
Wohl einer hier bei mir nicht haben möchte,

Wird sie zu sich zur Unterredung laden
Und so dann tun, daß bei Focaras Windstoß
Sie nicht Gebet mehr brauchen, noch Gelübde.«

Und ich zu ihm drauf: ‹ Zeig' mir und erkläre,
Wenn ich hinauf von dir soll Nachricht bringen,
Wer jener sei, denn herb ist das Geseh'ne.‹

Drauf, an die Kinnlad' eines der Genossen
Die Hand anlegend, riß er ihm den Mund auf
Und rief: »Der ist es selbst hier, der nicht redet.

Er war es, der verbannt, in Cäsars Seele
Den Zweifel tilgt', behauptend, daß nur Schaden
Stets den Gerüsteten das Zögern brächte.«

O wie erschrocken Curio jetzt mir deuchte
Mit der zerschnittnen Zung' in seiner Gurgel,
Er, der so keck im Sprechen einst gewesen;

Und einer, der beraubt war beider Hände,
Streckt' in die dunkle Luft empor die Stumpen,
So daß das Blut besudelte sein Antlitz,

Und rief: »Du wirst doch Moscas noch gedenken,
Der ich, weh mir, einst sprach: Geschehnes fügt sich –
Ein Wort für Tusciens Volk des Unheils Samen,«

›Und deinem Stamm‹ – fügt' ich hinzu – ›Vernichtung!‹
Drob jener, häufend Schmerz auf Schmerz, davonging,
Gleich einem, der im trüben Wahnsinn hinwallt.

Doch ich verblieb, die Schar noch zu betrachten,
Und sah etwas, das ich mich scheuen würde,
Allein ohn' anderen Beweis zu melden,

Gab' mein Gewissen mir ein gut Geleit nicht,
Das unerschrocknen Sinn dem Menschen leihet,
Wenn ihn als Harnisch deckt ein rein Bewußtsein.

Ich sah gewiß (noch deucht mir, daß ich's sehe)
Hauptlos einhergehn einen Rumpf, gleich wie auch
Die andern wallten aus der Jammerherde.

Das abgeschlagne Haupt hielt bei den Haaren
Laternenartig in der Hand er schwebend,
Und dieses blickt' uns an und sprach: »O weh mir!« –

Sich selber macht' er selbst sich so zur Leuchte,
Daß zwei in einem, eins in zwei'n sie waren.
Wie solches sein kann, weiß, wer's so geordnet.

Als er gerad' am Fuße stand der Brücke,
Hob er den Arm empor zusamt dem Haupte,
Damit er seine Wort' uns näher brächte;

Die waren: »Sieh die qualenvolle Strafe,
Der du noch atmend wallst, zu schau'n die Toten,
Sieh, ob so groß wohl eine sei wie diese.

Und daß von mir du Nachricht bringen mögest,
So wiss', ich bin Bertram von Born, derselbe,
Der einst dem König Johann bösen Rat gab.

Den Vater hab' ich mit dem Sohn entzweiet,
Achitophel trieb Schlimmres nicht mit David
Und Absalon, voll Bosheit sie verhetzend.

Weil ich so Engverbundene getrennt,
Muß ich getrennt, weh! mein Geirn jetzt tragen
Von seiner Wurzel, die in diesem Strunk ist.

So wird in mir Vergeltungsrecht geübet.«


Gesang 29

Vom vielen Volk und den verschiednen Wunden
War also mir das Auge trunken worden,
Daß es zu ruhn sich und zu weinen sehnte.

Doch zu mir sprach Virgil: »Was starrst du länger,
Was weilen noch dort unten deine Blicke
Bei den verstümmelten betrübten Seelen?

So tat'st du ja nicht bei den andern Bulgen.
Denk', wenn du meinst, die Geister all' zu zählen,
Daß zweiundzwanzig Meilen dieses Tal kreist

Und schon der Mond steht unter unsern Füßen.
Nur wenig Zeit ist uns annoch vergönnet
Und mehr zu schaun, als du allhier erblickest.«

›Wenn auf die Ursach' du gemerket hättest,‹
Entgegnet' ich ihm drauf, drob ich hinabsah,
›Hätt'st du mir wohl noch stillzustehn gestattet.‹

Dieweil von dannen ging mein Führer, folgt' ich
Ihm nach, und fernerhin ihm Antwort gebend,
Fügt' ich hinzu: ›In dieser Höhle Umfang,

Worauf ich jetzt die Augen hielt geheftet,
Beweint, glaub' ich, ein Schatten, blutsverwandt mir.
Die Schuld, die drunten kommt zu stehn so teuer.‹

Drauf sprach der Meister: »Daß dich der Gedanke
An ihn von nun an künftig nicht mehr störe,
Merk' auf das andr' und laß ihn hier verbleiben,

Denn auf dich sah ich ihn am Fuß des Brückleins
Hindeuten mit dem Finger, ernst dir drohend,
Und nennen hört' ich ihn Geri del Bello.

Also warst damals du mit dem beschäftigt,
Der einst auf Hautefort hauste, daß dorthin du
Geblickt nicht hast, und so ging er von dannen.«

›O Führer, die gewaltsame Ermordung,‹
Sprach ich, ›die ungerächt ihm ist geblieben
Durch irgendeinen, so der Schmach Genosse,

Hat ihn erzürnt, weshalb er, wie ich glaube,
Davon ging, ohn' ein Wort mit mir zu reden,
Und solches hat mich mehr für ihn beweget.‹

So sprachen wir bis zu der ersten Stelle,
Wo von der Klippe sich bei mehrem Lichte
Das andre Tal vom Grund aus zeigen würde.

Als an dem letzten Kreuzgang Übelbulgens
Wir standen so, daß seine Laienbrüder
Vor unsern Blicken nun erscheinen konnten,

Traf mich verschiedenart'ges Wehgeklage,
Das mit des Mitleids Pfeilen mich durchbohrte,
Drob ich mir deckte mit der Hand die Ohren.

Ein Jammer, gleich als ob die Hospitäler
Von Valdichiana zwischen Heu- und Herbstmond
Und von Maremm' und von Sardinien sämtlich

In einer Grub' all ihre Seuchen einten,
Ward dort gehört, und solch ein Stank entstieg ihr,
Wie ihn ein eiternd Glied pflegt auszuhauchen.

Wir stiegen zu dem letzten Strand herab nun
Der langen Klipp', aufs neue links uns wendend,
Und drauf begann ich deutlicher zu sehen

Bis auf den Grund, allwo die unfehlbare
Gerechtigkeit, des Höchsten Dien'rin, alle
Verfälscher straft, die hier sie aufgezeichnet.

Betrübter, mein' ich, war nicht anzuschauen
Das Volk Äginas, insgesamt erkranket,
Da so von bösem Stoff die Luft erfüllt war,

Daß alle Tier' auch bis zum kleinsten Wurme
Hinfielen und sodann aus Ameissamen,
Wie es die Dichter uns für sicher geben,

Das frühere Geschlecht erneuert wurde, –
Als die verschiednen Haufen hier der Geister,
Die man hinschmachten sah im finstern Tale.

Der hier lag auf dem Bauch, der auf dem Rücken
Des andern, der dort schleppt' auf allen Vieren
Von Platz zu Platz sich hin am Pfad des Jammers.

Stillschweigend gingen Schritt vor Schritt einher wir
Und blickten hin und horchten auf die Kranken,
Die nicht vermochten, sich emporzurichten.

Zwei sah ich sitzen also aneinander
Gestützt, wie Pfann' an Pfann' am Herd man stützet,
Und Grinde deckten sie vom Kopf zu Fuße.

So eilig sah noch niemals ich den Burschen,
Auf den die Herrschaft wartet, noch auch jenen,
Der ungern aufbleibt, seine Striegel rühren,

Als unablässig mit der Nägel Schärfe
Sich beid' anfielen hier, weil so gewaltig
Das Jucken rast', dem nimmermehr wird Hilfe.

Sie zogen sich die Krätz' ab von den Nägeln,
Wie mit dem Messer das Geschupp man abstreift
Dem Brassen oder größerschupp'gen Fische.

»Du, der du mit den Fingern dich zerreißest
Manchmal,« begann mein Führer zu dem einen,
»Abkneipend mit denselben, wie mit Zangen,

Sag' an, ist ein Lateiner unter jenen,
Die drin hier sind, soll anders dir der Nagel
Zu solcher Arbeit ewiglich genügen?« –

»Lateiner sind wir selbst, die beid' entstellt so
Du hier erblickst,« antwortet' einer weinend,
»Doch du, wer bist du, der nach uns du fragest?«

Der Führer drauf: »Begleiter des Lebend'gen
Allhier bin ich, und stieg von Fels zu Felsen
Herunter, daß ich ihm die Hölle zeige.«

Drob los von der gemeinschaftlichen Stütze
Sich reißend, wandt' das Paar nach mir sich zitternd,
Nebst andern noch, die es beian vernommen.

Ganz dicht zu mir trat hin der gute Meister
Und sprach: »Sag' ihnen jetzt, was dir beliebet.«
Und ich begann darauf nach seinem Willen:

›Wenn euer Angedenken aus der Menschen
Erinnrung in der ersten Welt nicht flieh'n soll,
Nein, manche Sonnenwende durch noch leben,

So sagt mir, wer ihr seid und welches Volkes.
Abschrecken mög' euch eure ekelhafte
Und grause Pein nicht, mir euch zu entdecken.‹

»Ich war ein Aretiner, und verbrennen
Ließ mich,« sprach einer, »Albert von Siena,
Doch das, warum ich starb, führt' mich hierher nicht.

Wahr ist's daß ich im Scherz zu ihm gesprochen,
Ich könnt' im Flug mich durch die Luft erheben,
Und er, der voll Begier, doch leer an Witz war,

Verlangt', daß ich die Kunst ihm zeig', und ließ mich,
Nur weil er Dädalus nicht ward, durch jenen,
Der ihn als Sohn hielt, in das Feuer werfen.

Doch zu der letzten Bulge von den zehen
Verdammte, weil ich Alchymie im Leben
Getrieben, Minos mich, der nie kann irren.«

Und zu dem Dichter sprach ich: ›Gab's ein Volk je
Leichtsinnig wohl, gleich wie die Sieneser?
Gewiß, nicht die Franzosen sind's um vieles.‹

Darauf der andr' Aussätzige, mich hörend,
Ins Wort mir einfiel: »Nimm mir aus den Stricca,
Der Aufwand so mit Maß verstand zu machen.

Und Nikolaus, der zuerst erfunden
Die prächt'ge Kost der Nelk' in jenem Garten,
Wo alsobald bekleibt dergleichen Same.

Das Kränzchen auch nimm aus, darin verzettelt
Den Forst und Weinberg Caccia von Asciano
Und Abbagliato seinen Witz gezeigt hat.

Doch jetzt, damit du wissest, wer dir gegen
Sienas Volk so beisteht, blick' mich scharf an,
So daß mein Antlitz ganz dir Antwort stehe.

Und sehn wirst du in mir Capocchios Schatten,
Der einst Metall durch Alchymie verfälschet;
Denn kenn' ich recht dich, mußt du dich erinnern,

Was für ein guter Aff' ich der Natur war.«


Gesang 30

Zu jener Zeit, als gegen Thebens Samen
Ob Semeles in Zorn entbrannt war Juno,
Wie zu verschiednen Malen sie gezeigt hat,

Ward Athamas vom Wahnsinn so ergriffen,
Daß, da, auf jeder Seite gleich beladen,
Sein Weib er kommen sah zusamt zwei Söhnen

Er rief: »Spannt aus die Netze, daß die Löwin
Mit ihren Jungen ich am Ausgang fange.«
Ausstreckend drauf die unbarmherz'gen Klauen,

Packt' er den einen, der Learch genannt ward,
Und schleudert' und zerschlug an einem Stein ihn,
Und jen' ertränkte mit der andern Last sich.

Und als Fortuna der Trojaner Größe,
Die alles sich vermaß, zu unterst kehrte,
So daß der König mit dem Reich zugrund ging,

Hört' die gefangne Hekuba man traurig
Und elend, da sie Polyxenen tot sah
Und ihres Polydors, die Jammervolle,

War inne worden an dem Strand des Meeres,
In Raserei gleich einem Hunde bellen,
Weil so viel Schmerz den Sinn verstört ihr hatte.

Doch nicht thebanische, nicht Trojas Furien
Sah je so wild man Tiere, noch viel minder
Anfallen je die Glieder eines Menschen,

Als, um sich beißend, nackt und bleich zwei Schatten
Ich jetzt herbei sah laufen gleich dem Schweine,
Das aus dem Kof ist losgelassen worden.

Anlangend bei Capocchio, packt der ein' ihn
So mit den Zähnen am Genick, daß hin er
Ihn zog am harten Grund, den Rauch ihm reibend.

Zu mir der Aretiner drauf, der zitternd
Noch stand: »Der Kobold, der umher so wütet,
Beschädigend die Geister, ist Hans Schicchi.«

›O,‹ sprach ich, ›soll der andre dir die Zähne
Nicht in den Rücken setzen, so verdrieße
Dich's nicht, eh' er entschlüpft, ihn mir zu nennen.‹

Und er zu mir: »Das ist die alte Seele
Myrrhas, der Frevlerischen, die dem Vater
Mit mehr denn rechter Liebe ward gewogen,

Und ihr gelang's, zu sündigen mit jenem,
In fremdes Äuß're trügerisch sich hüllend,
Wie jener, der dort hingeht, einst die Rolle

Buoso Donatis fälschlich durchgeführet,
Letztwillig so nach Form des Rechts verfügend,
Damit der Herde Fürstin er gewinne.«

Und als die beiden Rasenden vorüber
Nun waren, drauf geruht mein Auge hatte,
Wandt' ich's, die andern Schurken zu betrachten.

Da sah ich einen, ähnlich einer Laute
Gestaltet, hätt' ihm anders man die Weichen
Dort, wo der Mensch gespalten ist, verstutzet.

Die läst'ge Wassersucht, die durch die Säfte,
Die schlechtverdauten, so verzerrt die Glieder,
Daß das Gesicht nicht mehr entspricht dem Wanste,

Hielt ihm die Lippen aufgesperrt, wie sonst wohl
Schwindsücht'ge tun, die ob des Dursts die eine
Dem Kinne zu, aufwärts die andre ziehen.

»O ihr, die sonder Straf' ihr (und nicht weiß ich,
Warum) euch in der schlimmen Welt befindet,«
Begann er jetzt zu uns, »schaut und betrachtet

Das Elend Meister Adams; denn im Leben
Hatt' alles ich vollauf, was ich begehrte,
Und schmacht', ach! jetzt nach einem Tröpflein Wasser.

Die Bächlein, die, herab zum Arno wallend
Von Casentinos grünen Hügeln, Kühlung
Und Feuchtigkeit in ihrem Bett verbreiten,

Stehn vor dem Geist mir stets, und nicht vergebens,
Denn mehr noch dörrt mich aus ihr Bild als selber
Das Übel, das mich abzehrt im Gesichte;

Denn die Gerechtigkeit, die streng mich peinigt,
Nimmt Anlaß von dem Ort, wo ich gesündigt,
Um hastiger die Seufzer mir zu jagen.

Dort liegt Romena, wo den Feingehalt ich,
Besiegelt mit des Täufers Bild, verfälschet,
Drum ich verbrannt den Leib zurückließ droben.

Doch sah' ich Guidos oder Alexanders
Verruchte Seel' hier oder ihres Bruders,
Für Brandas Born gäb' ich nicht hin den Anblick.

Drin ist die eine schon, wenn mich die Schatten,
Die ringsherum hier rasen, wahr berichtet,
Allein was hilft's mir mit gebundnen Gliedern!

Wär' ich so leicht nur, daß in hundert Jahren
Ich einen Zoll mich vorbewegen könnte,
So hätt' ich schon mich auf den Weg begeben,

Ihn unter dem entstellten Volk zu suchen,
Wenn es elf Meilen gleich im Kreis umherliegt
Und in der Breite mind'stens eine halbe.

Bei solcherlei Genossen bin durch jen' ich,
Da die Floren' sie mich verführt zu schlagen,
So drei Karat enthielten an Legierung.«

Ich drauf: ›Wer sind wohl die armsel'gen beiden,
Die dampfend, gleich der Hand, getaucht ins Wasser
Beim Winterfrost, dicht dir zur Rechten liegen?‹

»Hier fand ich sie, die nie seitdem sich wandten,«
Sprach er drauf, »als in diesen Spalt ich schneite,
Und werden's mein ich, nicht in Ewigkeiten.

Dies' ist die falsch' Anklägerin des Joseph,
Sinon von Troja der, der falsche Grieche,
Von Brodem qualmend beid' im hitz'gen Fieber.«

Und einer drauf von ihnen, dem's zuwider
Wohl war, verächtlich so genannt zu werden,
Schlug mit der Faust auf den gespannten Wanst ihm,

Der einem Trommelfell gleich widerdröhnte;
Doch Meister Adam gab ihm mit dem Arme,
Der minder hart nicht schien, eins ins Gesichte

Und sprach zu ihm: »Muß gleich ich die Bewegung
Entbehren durch die Schwere meiner Glieder,
Hab' ich doch frei zu solchem Zweck den Arm noch.«

Und jener drauf entgegnet': »Als zum Feuer
Du schrittest, war er dir nicht so behende,
Doch so und mehr noch war er's, als du prägtest.«

Der Wassersücht'ge jetzt: »Dran sprichst du Wahrheit,
Doch warst du nicht ein so wahrhaft'ger Zeuge,
Als man bei Troja dich nach Wahrheit fragte.« –

»Wenn falsch ich sprach, so fälschtest du die Münze,«
Rief Sinon, »und bin hier ob eines Fehls ich,
Bist du's ob mehr, denn irgend sonst ein Teufel.« –

»Erinn're dich, Meineidiger, des Pferdes,«
Gab der mit dem geschwoll'nen Wanst zur Antwort,
»Und Strafe sei dir's, daß es alle Welt weiß.« –

»Zur Strafe,« sprach der Grieche, »sei der Durst dir,
Drob dir die Zunge platzt, und vor den Augen,
Den Bauch dir türmend auf, das Eiterwasser.«

Der Münzer drauf: »So reißest du wie immer
Den Mund dann auf, Verkehrtes nur zu sprechen;
Denn dürst' ich auch, bin ich gefüllt mit Naß doch,

Dich aber plagt die Hitze samt dem Kopfschmerz,
Und lang' wird man dich nicht zu bitten brauchen,
Damit Narcissus' Spiegel du beleckest.«

Dieweil ich so gespannt auf jene horchte,
Begann zu mir mein Meister: »Sieh mir einer,
Es fehlt nur wenig, daß mit dir ich hadre!«

Als ich ihn jetzt im Zorn so sprechen hörte,
Wandt' ich mich gegen ihn so voll Beschämung,
Daß sie mir noch sich regt in der Erinn'rung.

Und jenem gleich, der, eignes Unglück träumend,
Im Traum zu träumen wünscht, sich das ersehnend,
Was wirklich ist, als ob es nicht so wäre,

Ward mir, da voll Begier, mich zu entschuld'gen,
Ich keine Worte fand, und bei dem allen
Mich doch entschuldigte, ohn' es zu wissen.

»Gering're Scham tilgt aus wohl größern Fehltritt.
Als deine ist gewesen,« sprach mein Meister,
»Darum entlade dich jedweden Trübsinns

Und denk' nur dran, daß ich dir immer nah' bin,
Wenn's je geschieht, daß dich der Zufall hinführt,
Wo Leut' in solcherlei Gezänk sich finden,

Denn niedrig ist der Wunsch, derlei zu hören.«


Gesang 31

Dieselbe Zunge, die mich erst verwundet,
So daß sich rot mir beide Wangen färbten,
Sie reichte wieder mir die Arzenei dann.

So hört' ich, daß die Lanze des Achilles
Und seines Vaters erst ein schlimm Geschenke
Und dann ein gutes zu erteilen pflegte.

Dem Jammertal nun wandten wir den Rücken,
Quer über'm Felsrand, der es rings begrenzet,
Hinschreitend, ohn' ein Wort von uns zu geben.

Hier war es Nacht nicht ganz und gänzlich Tag nicht,
So daß mein Blick nur wenig vorwärts reichte,
Doch hört' ich in ein Horn lautschallend blasen,

Drob selbst der Donner schwach geklungen hätte,
Und einem Punkt zu lenkten beide Augen
Sich mir, dem Ton nach in verkehrter Richtung.

Nach jener schmerzensvollen Niederlage,
Die Karl des Großen heil'gen Zug vereitelt,
Hat also furchtbar Roland nicht geblasen.

Kaum hatt' ich dort hinauf das Haupt gewendet,
Als es mir deucht', ich säh' viel hohe Türme,
Drob ich: ›Sprich, Meister, welche Stadt ist dieses?‹

Und er zu mir: »Weil durch die Finsternisse
Zu weit umher du schweifst, so muß es kommen,
Daß deine Vorstellung sich dann verirret,

Denn deutlich wirst du sehn, wenn dort du anlangst,
Wie sehr der Sinn sich täuscht aus der Entfernung;
Drum treibe selbst dich etwas schneller vorwärts.«

Darauf, mich freundlich bei der Hand ergreifend,
Sprach er: »Eh' wir noch weiterhin gelangen,
Daß dir die Sache minder seltsam scheine,

So wisse, nicht sind's Türme, nein, Giganten,
Die von dem Nabel abwärts samt und sonders
Im Schachte stehn ringsum am Felsenufer.«

Wie, wenn der Nebel sich zerstreut, das Auge
Jetzt nach und nach beginnt zu unterscheiden,
Was erst der Dunst barg, von der Luft verdichtet,

So, als ich mehr die dicken, dunklen Lüfte
Durchdrang und mehr mich näherte dem Strande,
Floh Irrtum mich, indes mich Furcht ereilte.

Denn wie an seinem zirkelförm'gen Umfang
Mit Türmen ist gekrönt Montereggione,
Also umtürmten mit dem halben Leibe

Den Rand, der ringsumher den Schacht umgürtet,
Die schrecklichen Giganten, die, wenn's donnert,
Noch immer Jupiter bedroht vom Himmel.

Und schon gewahrt' ich Antlitz, Brust und Schultern
Des einen und den Bauch zum großen Teile,
Und beiderseits hinab die Arme hängend.

Traun, als der Kunst, zu zeugen solche Wesen,
Natur entsagte, handelte gar wohl sie,
Dem Mars derlei Vollstrecker zu entziehen,

Und wenn sie's auch, Walfisch und Elefanten
Zu schaffen, nicht gereut hat, scheint sie weiser
Drum und gerechter bei genauer Prüfung;

Denn wo sich noch die Urteilskraft des Geistes
Dem bösen Willen und der Macht vereinet,
Kann niemand einen Damm entgegenstellen.

Sein Antlitz schien mir gleich an Läng' und Breite
Dem Pinienzapfen bei Roms Peterskirche,
Und demgemäß der andern Glieder Größe,

So daß der Strand, der bis zur halben Höhe
Ihm dient' als Schurz, nach oben hin so viel noch
Sehn ließ von ihm, daß bis zum Haar zu reichen

Vergebens sich gerühmt drei Friesen hätten;
Denn sein gewahrt' ich volle dreißig Spannen
Abwärts vom Ort, wo man den Mantel heftet.

»Rafel mal amec zabi almi,«
Begann der grause Mund anjetzt zu schreien,
Für den sich süßrer Psalmen Ton nicht schickte.

Zu ihm mein Führer drauf: »Blödsinn'ge Seele,
Bleib bei dem Horn, dir Luft mit ihm zu machen,
Wenn, sei's der Zorn, sei's andrer Trieb, dich fasset!

Such' nur am Hals, dort findest du den Riemen,
Verworrne Seele, dran es hängt gebunden,
Und sieh, wie's dir die breite Brust umreifet.«

Zu mir fuhr er jetzt fort: »Er selbst verklagt sich;
Nimrod ist er, durch des verkehrten Anschlag
Mehr herrscht als eine Sprache noch auf Erden.

Mag er denn stehn, laß uns umsonst nicht sprechen,
Denn ihm ist jede Sprache, wie den andern
Die seinige, die niemand ist verständlich.«

Wir wanderten fürbaß, jetzt links uns wendend,
Bis einen Armbrustschuß weit wir den andern
Giganten trafen, wilder noch und größer.

Nicht weiß ich, welch ein Meister ihn gebunden,
Doch hielt den rechten Arm umschnürt am Rücken
Und vorn den anderen ihm eine Kette,

Die also ihn umschlang abwärts vom Halse,
Daß sie an dem enthüllten Teil des Körpers
Umwickelt war bis zu der fünften Windung.

»Der Stolze wollt' einst seine Kraft versuchen
Am großen Jupiter,« begann mein Führer,
»Darum verdient er solche Straf; Ephialtes

Ist er benannt und tat so große Taten,
Daß vor den Riesen Furcht die Götter fühlten.
Die Arme, die er schwang, bewegt er nie mehr.«

Und ich zu ihm: ›Wenn's möglich wäre, möcht' ich
Mich selbst von Briareus', des Ungeheuren,
Gestalt mit eignen Augen überzeugen.‹

Er drauf: »Zunächst hier schaust du den Antaeus,
Der spricht und fessellos ist, und hinab uns
Zum tiefsten Grund wird alles Bösen heben.

Der, den du sehen willst, steht weiterhin dort,
Und ist gefesselt und von gleicher Bildung
Mit diesem, nur noch grimmiger im Antlitz.«

Nicht sah man einen so gewalt'gen Erdstoß
Je einen Turm so heftig noch erschüttern,
Als jetzt behend sich schüttelt Ephialtes.

Da glaubt' ich mehr als je, den Tod zu finden,
Wozu die Angst schon gnügend wär' gewesen,
Hätt' ich gewahret nicht des Riesen Bande.

Jetzt ging es weiter, bis wir zu Antaeus
Gelangten, der, den Kopf nicht mitgerechnet,
Fünf Ellen wohl aus jener Höhlung ragte.

»O du, der in dem schicksalsreichen Tale,
Wo Scipio Ruhm ererbt hat, als den Rücken
Mit seinen Scharen Hannibal gewendet,

Dir tausend Leu'n als Beute sonst errungen,
Und von dem, wärst du bei dem großen Kampfe
Gewesen mit den Brüdern, wohl zu glauben,

Daß Sieg dem Erdgeschlecht verschafft du hättest, –
Setz' uns (und nicht verdrieß' es dich) hinunter,
Wo den Cocyt zusammenzeucht die Kälte;

Schick' uns zu Titius nicht, noch zu Typhoeus,
Der kann gewähren dir, was hier begehrt wird;
Drum bücke dich und rümpfe nicht die Schnauze,

Er kann dir Ruhm noch auf der Welt bereiten,
Da er noch lebt und hofft auf langes Leben,
Wenn Gnad' ihn vor der Zeit nicht zu sich hin ruft.«

Der Meister sprach's, und jener packte schleunig
Mit ausgestreckter Hand nun meinen Führer,
Von der einst Herkules so sehr bedrängt ward.

Als sich Virgil erfaßt jetzt fühlte, rief er
Mir zu: »Komm her zu mir, daß ich dich fasse!«
Und drauf verschlang er mich mit sich zum Bündel.

Wie Carisendas Turm scheint dem Beschauer,
Der unterm Hang ihm steht, wenn ein Gewölke
Entgegen seiner Neigung drüber hinzieht,

Schien mir Antaeus, da auf ihn ich merkte,
Wie er sich bückt', und wohl zur selben Stunde
Wär' ich auf andrer Straße gern gezogen.

Doch leichtlich legt' er auf den Grund, wo Judas
Mit Luzifer verzehrt wird, uns hinab,
Und länger nicht gebückt dort weilend, hob er,

Wie in dem Schiff der Mastbaum, sich empor.


Gesang 32

Wenn rauh und holprig mir verliehen wären
Die Verse, wie fürs schlimme Loch sich ziemte,
Drauf insgesamt die andern Felsen wuchten,

Würd' ich den Saft in größrer Fülle pressen
Aus des Gedankens Kern; doch des entbehrend,
Entschließ' ich mich nicht sonder Furcht, zu dichten;

Denn spielend nicht und nicht mit einer Zunge,
Die noch »Papa, Mama« lallt, kann man's wagen,
Den Grund des ganzen Weltalls zu beschreiben.

Doch förderten die Frau'n mein Lied nur, die einst
Amphion halfen Theben zu ummauern,
So daß das Wort der Wirklichkeit entspräche!

O Volk, zum Weh' erzeugt vor allen, weilend
Am Ort, drob's hart zu sprechen, wärt ihr lieber
Schaf oder Geißen doch allhier gewesen! –

Als nun im finstern Schacht wir standen drunten,
Weit tiefer unterm Fuß schon des Giganten,
Und ich zur hohen Felswand auf noch blickte,

Vernahm ich solches Wort: »Gib auf den Weg acht,
Sieh zu, daß mit den Sohlen du die Häupter
Der armen müden Brüder nicht zertretest.«

Mich wendend drauf, erblickt' ich mir zu Füßen
Und vor mir einen See jetzt, der nicht Wasser,
Nein, Glas zu sein schien durch die Kraft des Frostes.

So dicke Rinde zieht der Donaustrom nicht
Des Winters über sich in Österreich,
Noch auch der Don dort unterm kalten Himmel,

Als hier zu schauen war; denn wär' Tabernichs,
Wär' Pietrapanas Berg auch drauf gefallen,
Doch hätt' am Rand man nie gehört ein »Krick«.

Und wie der Frosch beim Quaken aus dem Wasser
Hervor die Schnauze streckt zur Zeit, da öfters
Die Bäuerin vom Ährenlesen träumet,

So staken, dunkelblau bis wo das Schamrot
Sich zeigt, im Eis die jammervollen Schatten,
Im Storchenton mit ihren Zähnen klappernd.

Abwärts hielt jed' ihr Angesicht gewendet,
Vom Frost legt' Zeugnis ab ihr Mund, vom Herzen,
Dem trübgesinnten, legten's ab die Augen.

Erst etwas um mich blickend, warf das Aug' ich
Zu meinem Fuß jetzt und gewahrte zwei dort,
So eng vereint, daß sie ihr Haupthaar mischten.

›Sagt ihr, die ihr so an die Brust euch schließet,‹
Sprach ich, ›wer seid ihr?‹ und als drauf die Hälse
Sie bogen, auf zu mir ihr Antlitz richtend,

Troff ihrer Augen Lid, das feucht im Innern
Erst nur, von Tränen, die dann, zwischen jenen
Von Frost erstarrt, sie kitteten zusammen.

Nicht hat noch Holz mit Holz je eine Schiene
So fest vereint; drob sie, zwei Böcken ähnlich,
Vom Zorn bezwungen, aneinander prallten.

Und einer, den die Kälte beider Ohren
Beraubt, sprach, immerhin abwärts gewendet
Das Antlitz: »Was begaffst du uns so lange?

Begehrst zu wissen du, wer diese zwei sind?
Das Tal, daraus herabströmt der Bisenzio,
War Albert, ihrem Vater, einst und ihnen.

Aus einem Leib entkamen sie, und suchtest
Du ganz Caïna durch, fänd'st keinen Schatten
Du doch, der mit mehr Recht im Gallert steckte;

Nicht jener mehr verdient's, dem Brust und Schatten
Ein Lanzenstoß durchstach von Arturs Hand;
Focaccia nicht, nicht dieser hier, des Haupt sich

Vor mir so türmt, daß ich nicht weiter seh',
Und der genannt war Sassol Mascheroni;
Wenn du ein Tuscier, weißt du, wer er war.

Doch daß du mehr nicht von mir fordern mögest,
So wisse, Camicion de' Pazzi war ich
Und warte drauf, daß mich Carlin vertrete.«

Drauf sah ich tausend fletschender Gesichter
Gleich Hunden durch den Frost, drob es mich schaudert
Und stets wird schaudern vor gefrornen Lachen.

Und während wir zum Mittelpunkte wallten,
Bei dem sich alles Schwere strebt zu einen,
Und zitternd in der ew'gen Kühl' ich hinging, –

War's Absicht nun, war's Schickung oder Zufall, –
Doch zwischen jenen Häuptern wandelnd, stieß ich
Gewaltig einen mit dem Fuß ins Antlitz.

Er schrie mich weinend an: »Warum mich treten?
Wenn du nicht kommst, die Rache mir zu häufen
Ob Montapertis Schlacht, warum mich quälen?«

Und ich darauf: ›Jetzt harre mein, o Meister,
Bis ich durch den mir einen Zweifel löse,
Und dann magst du nach Wunsch mich eilen heißen.‹

Still hielt der Führer, und ich sprach zu jenem,
Der noch mit harten Worten auf mich fluchte;
›Wer bist du, der so keifet gegen andre?'‹

»Und wer bist du, der wallt durch Antenora,«
Entgegnet' er, »auf andrer Wangen stampfend?
Wenn du lebendig, wär' es allzu schlimm doch.«

›Lebendig bin ich, und es kann dir lieb sein,‹
Antwortet' ich, ›wenn dir nach Ruhm verlanget,
Daß deinen Namen ich zu andern schreibe.‹

Und er zu mir: »Das Gegenteil begehr' ich!
Hinweg! beläst'ge mich nicht mehr, denn schlecht nur
Verstehst zu schmeicheln du in dieser Heide.«

Da rief ich, bei dem Schopf ihn hinten packend:
›Du wirst mir doch dich selbst noch nennen müssen,
Sonst soll kein Haar hier oben dir verbleiben.‹

Drauf er zu mir: »Rauf immerhin sie aus mir;
Nicht sag' ich, wer ich bin, noch werd' ich's zeigen,
Wenn tausendmal du mir aufs Haupt auch stürzest.«

Schon hatt' ich um die Hand sein Haar gewickelt
Und mehr denn eine Lock' ihm ausgerissen,
Indes er boll, die Augen niederschlagend,

Als jetzt ein andrer rief: »Was hast du, Bocca?
Genügt dir's mit den Laden nicht zu klappern?
Mußt du auch bellen? Welch ein Teufel plagt dich!«

›Fortan,‹ sprach ich, ›brauchst mehr du nichts zu sagen,
Du hämischer Verräter; dir zur Schande
Werd' ich von dir wahrhaft'ge Kunde bringen.'‹

»Geh fort,« sprach er, »was dir beliebt, erzähle;
Doch schweige, wenn du je hieraus entrinnest,
Nicht über den, des Zunge jetzt so rasch war

Und der ob der Franzosen Geld hier weinet.
Ich sah, sprichst du wohl einst, den von Doaria
Dort, wo im kalten Bad die Sünder sitzen.

Fragst du, wer weiter da sei, wohl so wisse,
Daß dir zur Seit' ist der von Beccheria,
Dem einst Florenz die Gurgel abgeschnitten.

Hans Soldanier wird weiter dort zu finden
Wohl sein, nebst Gannelon und Tribadello.
Der, weil man schlief, Faenzas Tor' erschlossen.«

Wir hatten schon von jenen uns entfernet,
Als zwei Erfrorn' ich sah in einem Loche,
So daß ein Haupt, als Hut, das andre deckte.

Und wie beim Hunger man ins Brot beißt, setzte
Der ob're auf den andern seine Zähne,
Wo das Gehirn sich dem Genick verbindet;

Nicht anders hat einst Melanippus' Schläfe
Tydeus vor Wut benaget, als den Schädel
Und alles übrige der hier benagte.

›O du, der Haß durch solch ein viehisch Zeichen
Du gegen den beweisest, den du frissest,
Sag' an,‹ sprach ich, ›warum, und dir gelob' ich

Dafür, daß, wenn mit Recht ob ihm du klagest,
Da eure Namen ich und seine Schuld weiß,
Ich droben in der Welt dir's noch vergelte,

Soll sie, mit der ich spreche, nicht vertrocknen.‹


Gesang 33

Den Mund erhob vom grausen Mahl der Sünder,
Abwischend an den Haaren ihn des Hauptes,
Das am Genick er übel zugerichtet.

Drauf fing er an: »Verzweiflungsvolle Schmerzen
Soll ich erneun, die mir das Herz beklemmen
Beim Denken schon, eh' ich davon noch spreche;

Doch kann mein Wort ein Same sein, dem Schande
Entsprießt für den Verräter, den ich nage,
Magst du zugleich mich weinen sehn und reden.

Nicht weiß ich, wer du seist, noch auf was Weise
Du hier herabkamst, doch ein Florentiner
Scheinst in der Tat du mir nach deiner Sprache.

So wisse denn, ich war Graf Ugolino,
Erzbischof Roger dieser, und vernimm jetzt,
Warum ich ihm bin ein so läst'ger Nachbar.

Daß ich infolge seiner schlimmen Ränke,
Mich ihm vertrauend, eingekerkert wurde
Und dann getötet, brauch' ich nicht zu sagen.

Doch das, was du nicht kannst erfahren haben,
Wie grausam nämlich ist mein Tod gewesen,
Das hör' und sieh, ob er mir wehgetan hat.

Ein enges Loch im Umkreis jenes Käfigs,
Der jetzt nach mir den Namen trägt des Hungers,
Und andere dereinst noch muß umschließen,

Er hatte manchen Mond durch seine Öffnung
Mir schon gezeigt, als unheilvoll ein Schlummer
Den Schleier mir zerriß vor meiner Zukunft.

Es schien mir dieser hier als Herr und Führer
Den Wolf mit seinen Wölflein hinzujagen
Zum Berg, der Lucca den Pisanern decket.

Und vor sich her ließ er mit magern, scharfen,
Wohleingehetzten Hündinnen Gualandi,
Zusamt Sismondi und Lanfranchi sprengen.

Nach kurzem Lauf schon schienen Söhn' und Vater
Ermattet mir, und ihre Weichen sah ich
Aufreißen, deuchte mir, mit spitzen Fängen.

Als ich vor Tagesanbruch drauf erwachte,
Hört' ich die Söhnlein, die mit mir hier waren,
Im Schlafe weinen und nach Brot verlangen.

Wohl hart bist du, wenn du bei dem Gedanken
Des, was mein Herz jetzt ahnte, nicht schon trauerst;
Und weinst du nicht, weshalb pflegst du zu weinen?

Wir waren wach jetzt, und die Stunde nahte,
Wo man uns Speise sonst zu bringen pflegte;
Doch jeder zweifelte ob seines Traumes,

Als unter uns des grausen Turmes Tor ich
Zuschließen hörte, drob ich meinen Söhnen
Ins Angesicht sah, ohn' ein Wort zu sprechen.

Nicht weint' ich, so erstarrt war ich im Innern,
Doch jene weinten, und mein Anselmuccio
Sprach: ›Blickst mich ja so an, was hast du, Vater?‹

Doch keine Trän' entfiel mir, und nicht gab ich
Den ganzen Tag ihm, noch die Nacht drauf Antwort,
Bis sich der Welt zeigt' eine neue Sonne.

Als nun ein schwacher Strahl ins schmerzensvolle
Gefängnis drang, und auf vier Angesichtern
Das Aussehn ich des eigenen gewahrte,

Biß ich vor Schmerz mich selbst in beide Hände;
Doch jene, glaubend, daß ich's aus Begierde
Nach Speise tät', erhoben sich behende

Und sprachen: ›Vater, minder schmerzlich wär's uns,
Wenn du von uns jetzt äßest, du umgabst uns
Mit diesem Jammerfleisch, nimm es uns wieder.‹

Da ward ich still, sie mehr nicht zu betrüben,
Stumm blieben wir den Tag all' und den nächsten.
O harte Erde, daß du dich nicht auftatst!

Doch als wir bis zum vierten Tag nun kamen,
Fiel Gaddo ausgestreckt zu meinen Füßen
Und rief: ›Mein Vater, ach! was hilfst du mir nicht!‹

Dort starb er, und wie du mich hier erblickest,
Sah ich die drei, eins nach dem andern, fallen
Vom fünften Tag zum sechsten, drauf ich blind schon

Begann herumzutappen über jeden,
Und sie zwei Tage rief nach ihrem Tode,
Bis Hunger tat, was nicht der Schmerz vermochte.«

Sprach's und ergriff verwandten Blicks den Schädel,
Den jammervollen wieder mit den Zähnen,
Die wie ein Hundsgebiß die Knochen malmten.

Weh' Pisa dir, du Schandfleck alles Volkes
Des schönen Lands, allwo das sî ertönet!
Da langsam sind die Nachbarn, dich zu strafen,

Bewege sich Capraja nebst Gorgona,
Sich also dämmend vor des Arno Mündung,
Daß es in dir die Menschen all' ersäufe.

Denn ward Graf Ugolino gleich bezichtigt,
Er hab' ob der Kastelle dich verraten,
Sollt'st du die Söhn' aufs Kreuz doch so nicht spannen;

Unschuldig machte ja, du jüngres Theben,
Die Jugend Uguccione und Brigata
Und jene zwei, im Lied genannt schon oben.

Wir gingen weiterhin, bis wo, vom Froste
In rauher Hüll' umstrickt, ein andres Volk weilt,
Gebückt nicht, nein, ganz rücklings umgestürzet:

Das Weinen selbst erlaubt hier nicht, zu weinen,
So daß der Jammer, in dem Aug' gehemmet,
Die Angst vermehrt, sich nach dem Innern wendend;

Denn es vereinen sich die ersten Tränen
Zu Klumpen, und die Augenhöhlen füllen
Sie, gleich kristallnen Brillen, untern Brauen.

Und ob auch schon, gleich wie aus einer Schwiele,
Aus meinem Antlitz jegliche Empfindung
Sich ob des Frosts zurückgezogen hatte,

So glaubt' ich doch ein wenig Wind zu fühlen;
Drob ich: ›Mein Meister, wer erregt nur solches?
Hat nicht hienieden aller Dunst ein Ende?‹

Drauf er zu mir: »Dorthin gelangst du nächstens,
Wo dir dein Auge drauf wird Antwort geben,
Die Ursach', der das Wehn entströmt, erblickend.«

Und ein Elender aus der kalten Rinde
Schrie gegen uns: »O Seelen, also grausam,
Daß euch die letzte Stätt' ist angewiesen,

Entfernt mir vom Gesicht die harten Schleier,
Daß sich der Schmerz, der mir die Brust füllt, etwas
Entlad', eh' wiederum die Zähren frieren.«

Drauf ich zu ihm: ›Sag' an, soll ich dir helfen,
Wer bist du, und wenn ich dich dann nicht löse,
So mög' ich zu dem Grund des Eises sinken.‹

Drob nun entgegnet' er: »Mönch Alberigo,
Der mit den Früchten des verruchten Gartens,
Bin ich, der Datteln hier empfängt für Feigen.«

›O,‹ sprach ich, ›bist denn du auch schon gestorben?‹
Und er zu mir: »Wie's droben auf der Erde
Um meinen Leib steht, des hab' ich nicht Kunde;

Denn solchen Vorzug hat die Ptolemäa,
Daß oftmals schon der Geist in sie herabfällt,
Bevor noch Atropos ihn trieb von dannen.

Doch daß du williger vom Angesichte
Hinweg mir räumest die verglasten Tränen,
Wiss', daß, sobald Verrat geübt die Seele,

Wie ich getan, der Körper ihr geraubt wird
Von einem Dämon, der ihn dann beherrschet,
Bis gänzlich umgelaufen seine Zeit ist.

Sie stürzt herab in solcherlei Zisternen,
Und so mag oben noch der Leib zu sehn sein
Des Schattens, hinter mir hier überwinternd,

Wie du wohl weißt, wenn du erst jetzt herabkommst:
Herr Branca d'Oria ist's, und mehr' der Jahre
Vergingen schon, seit er hier ward umschlossen.«

Drauf ich zu ihm: ›Ich glaube, du betrügst mich,
Denn keineswegs starb ja Herr Branca d'Oria,
Der immer noch ißt, trinkt, schläft und sich kleidet.‹

»Dort oben in der Grausetatzengrube«,
Sprach er, »allwo der zähe Pechbrei siedet,
War Michael Zanche noch nicht eingetroffen,

Als der den Teufel ließ an seiner Stelle
Im eignen und in des Verwandten Körper,
Der den Verrat zugleich mit ihm vollbrachte.

Doch streck' hierher die Hand jetzt, mir die Augen
Zu öffnen.« Und ich öffnet' ihm sie doch nicht;
Denn edel war's zum Schelm an ihm zu werden.

O Genueser, Männer, aller Sitte
Entfremdet und bedeckt mit allen Fehlern,
Was seid ihr von der Welt nicht ausgerottet!

Denn mit der Schatten schlimmsten aus Romagna
Traf einen ich der Euren, der dem Geist nach
Ob seiner Tat schon im Cocyt sich badet,

Indes er lebend scheint dem Leib nach droben.


Gesang 34

»Vexilla Regis prodeunt inferni
Adversum nos,« begann zu mir mein Führer,
»Drum blicke vorwärts, ob du's unterscheidest.«

Wie – sei's, daß sich erhebt ein dichter Nebel,
Sei's, daß auf unsrer Hemisphär' es Nacht wird –
Fern her, vom Wind gedreht, scheint eine Mühle;

Ein solch' Gebäude wähnt' ich jetzt zu schauen
Und schmiegte rückwärts dann mich, ob des Windes,
Dem Führer an, weil sonst kein Schirm zu finden.

Schon stand ich (nur mit Furcht setz' ich's in Verse),
Wo ganz und gar bedeckt die Schatten waren,
Durchscheinend wie ein Splitter in dem Glase.

Flach liegen diese, senkrecht stehn die andern,
Bald mit dem Haupt, bald mit den Sohlen oben,
Der dort kehrt Bogen gleich zum Fuß das Antlitz.

Als wir bis dahin vorwärts nun gekommen,
Wo es gefiel dem Meister, das Geschöpf mir
Zu zeigen, das so schön einst ist gewesen,

Zog er mich vor sich hin und hieß mich stillstehn
Und sprach: »Sieh hier den Dis, sieh hier die Stätte,
Wo's dir geziemt, mit Starkmut dich zu waffnen.«

Wie starr und sprachlos bin ich da geworden,
Das frage nicht, o Leser, denn nicht schreib' ich's,
Weil allzuschwach dafür jedwedes Wort wär'.

Nicht traf der Tod mich, noch blieb ich am Leben;
Bedenk' jetzt selbst, hast du nur etwas Einsicht,
Was aus mir ward, da beider ich beraubt war.

Des schmerzensvollen Reiches Kaiser ragte
Bis zu der halben Brust vor aus dem Eise,
Und eh' würd' ich wohl einem der Giganten

Vergleichbar sein, als diese seinen Armen;
So sieh nun zu, wie groß das Ganze sein muß,
Das so gestalt'tem Teile soll entsprechen.

Wenn er so schön war, als er jetzt ist scheußlich,
Und hob das Aug' auf gegen seinen Schöpfer,
Muß alles Weh' von ihm sich her wohl schreiben.

0 welch ein großes Wunder es mir däuchte,
Als drei Gesichter ich an seinem Kopf sah!
Das eine blutrot an der vordern Seite,

Und von den andern beiden, die sich jenem
Grad ob der Mitte jeder Schulter einten,
Sich aneinanderschließend, wo der Kamm sitzt,

Halb weiß, halb gelb das nach der rechten Hand hin,
Und das zur linken so zu schaun wie jene,
Die dorther stammen, wo der Nil zu Tal stürzt.

Ein mächtig Flügelpaar ragt' unter jedem
Hervor, wie's so gewalt'gem Vogel ziemte;
Nie sah ich auf dem Meer dergleichen Segel.

Gefiedert nicht, nein, wie von Fledermäusen
War ihre Weis', und mit denselben flatternd,
Ließ von sich aus dreifachen Wind er wehen, .

Drob allenthalben der Cocyt zu Eis fror.
Er weinte mit sechs Augen, und es troff ihm
Geträn' und blut'ger Geifer von drei Kinnen;

In jedem Mund zermalmt' er mit den Zähnen,
Gleich wie mit einer Breche, einen Sünder,
So daß er ihrer drei so leiden machte.

Dem vorn war nichts das Beißen im Vergleiche
Mit dem Zerkrallen, denn die Haut blieb öfters
Von seinem Rücken gänzlich abgeschunden.

»Die Seel', am heftigsten gepeinigt droben,
Ist,« sprach der Meister, »Judas Ischariotes,
Das Haupt drin und heraus die Beine streckend.

Und von den beiden mit dem Haupt zu unterst
Ist's Brutus, der von schwarzer Schnauz' herabhängt –
Sieh, wie er sich verdreht und keinen Laut gibt.

Der andr' ist Cassius, der so stark an Gliedern.
Doch wieder steigt die Nacht empor, und Zeit ist's,
Davonzugehn, weil alles wir gesehen.«

Den Hals umschlang ich ihm nach seinem Willen,
Und er darauf, wahrnehmend Zeit und Stätte,
Als eben weit die Flügel auf sich taten,

Hing fest sich jetzt an die behaarten Flanken,
Und stieg von Schopf zu Schopf herab dann zwischen
Dem dichten Haar und der gefrornen Rinde.

Als wir dahin nun kamen, wo der Schenkel
Sich dreht grad an dem breit'sten Teil der Hüfte,
Wandt' mit Beschwerd' und Mühe mein Begleiter

Dorthin das Haupt, wo erst die Bein' ihm waren,
Sich klammernd an das Haar, wie wer emporsteigt,
So daß ich meint', es geh' zurück zur Hölle.

»Halt' dich recht fest an, denn durch solche Stiegen,«
Sprach, keuchend wie ein Müder, jetzt mein Meister,
»Ziemt's, von so großem Weh' sich zu entfernen.«

Darauf kam er zu eines Felsens Öffnung
Heraus, und auf den Rand mich niedersetzend,
Trat neben mich er hin dann sichern Schrittes.

Ich hob den Blick, und Luzifer vermeint' ich
Zu schaun, wie ich ihn erst verlassen,
Und sah empor ihn seine Beine richten.

Und daß ich in Verwirrung jetzt geraten,
Das mag der Pöbel fassen, der nicht einsieht,
An welchem Punkt ich war vorbeigekommen.

»Steh auf!« begann der Meister, denn noch lang ist
Der Weg und schlimm die Straß', und schon zur Hälfte
Der dritten Stunde kehrt zurück die Sonne.«

Nicht eines Schlosses Saal war's, wo wir standen,
Nein, ein Verlies, von der Natur erbauet,
Ungleichen Bodens und nur schlecht erleuchtet.

›O Meister, eh' dem Abgrund ich entrinne,‹
Sprach ich, nachdem ich mich emporgerichtet,
›Erzähl' ein wenig mir, mich zu enttäuschen,

Wo ist das Eis? Wie ist Der umgestürzt so?
Und wie hat nur vom Abend in den Morgen
Die Sonne sich versetzt in wenig Stunden?‹

Und er zu mir: »Du glaubst annoch dich jenseits
Des Mittelpunkts, wo ich ans Haar des schlimmen
Lindwurms mich hing, der mitten durch die Welt bohrt.

Doch warst du's nur so lang', als ich hinabstieg;
Da ich mich wandte, kamst vorbei am Punkt du,
Nach dem sich allerseits die Lasten hinziehn,

Und weilst jetzt unter einer Hemisphäre,
Der gegenüber, die, vom großen Festland
Bedeckt, hinsterben sah auf ihrem Gipfel

Den Mann, der sündlos ward erzeugt und lebte.
Es steht dein Fuß auf einem kleinen Kreise,
So der Judecca Gegenseite bildet.

Hier ist es Morgen, wenn es dort ist Abend,
Und dieser, der mit seinem Haar als Stiege
Uns hat gedient, steckt wie vorher noch immer.

Vom Himmel fiel herab auf diese Seit' er,
Und jenes Land, das hier empor erst ragte,
Umhüllt' aus Furcht vor ihm sich mit der Meerflut

Und kam auf unsre Hemisphär', und wohl ließ
Das, was sich diesseits zeigt, hier leer die Stätte,
Ihm zu entfliehen, und entwich nach oben.«

Dort unten ist ein Ort, so weit entlegen
Von Beelzebub, als seine Gruft sich ausdehnt,
Und nicht dem Auge, nur dem Ohr bezeichnet

Ein Bächlein ihn, das hier herniederrinnet
Durch einen Felsspalt, den's gewundnen Laufes
Und mit geringem Fall sich ausgewaschen.

In den geheimen Pfad trat mit dem Führer
Ich ein, zur lichten Welt zurückzukehren,
Und ohne irgend mehr der Ruh' zu pflegen,

Ging's aufwärts, er voran und ich ihm folgend,
Bis ich vom schönen Schmuck des Himmels etwas
Wahrnahm durch eine runde Kluft, zu der wir

Heraus dann tretend, wiedersahn die Sterne.


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