Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 01

Dante, das Grausen der Hölle hinter sich lassend, beginnt erheitert von dem zweiten Reiche zu singen, wo die Seele sich läutert und des Himmels würdig wird. Gleichsam stolz vor Wonne, ruft er Calliope an, sich für ihn etwas zu erheben und seinen Gesang mit siegreichem Schlage zu begleiten. Hierauf singt er das selige Gefühl, nach der düstern Finsterniß der Hölle, den blauen Himmel wiederzuschauen und reinere Luft zu athmen. Es ist Morgen, Dante steht mit Virgil auf der andern Seite der Erde, auf der Insel des Fegefeuers. Wie im ersten Gesang der Hölle aus dem Thal, welches dem hohen Meer verglichen wird, eine heiligende Gnadenhöhe fur die Lebenden ragte, so erhebt sich hier eine gleiche für die reuig Gestorbenen aus den bewegten irdischen Wassern. Es ist im geistigen Verstande ganz eine und dieselbe Höhe. Ihr Gipfel trägt hier, wie dort, die durch Adams Ungehorsam verlorne Glückseligkeit. Hier, wie dort, ist sie den Ungehorsamen unerklimmbarer Fels. Aber sie ist hier der Zeitlichkeit entrückt, und dem Dichter leuchtet jetzt nicht mehr der kalte Mond, sondern der Stern der Liebe schimmert ihm entgegen und macht den ganzen Orient lachend. Nach Süden gewandt, erblickt Dante noch vier andre tugendstrahlende Gestirne, die unsrer Halbkugel verborgen sind: zum Nordpol gekehrt, sieht er den Wagen, unsern irdischen Leitstern, versunken, und vor ihm steht, bestrahlt von den vier heiligen Lichtern, ein würdiger Greis, Cato von Utika, der, als Sinnbild des freien Entschlusses, die Knechtschaft der Sünde zu verlassen, den Fuß des Fegefeuerberges hütet (vergl. Fegef. XXI V. 62). Derselbe erstaunt, daß die Ankommenden, göttlicher Satzung entgegen, gewagt, dem Höllenschlunde zu entsteigen. Virgil heißt seinen Schützling sich neigen, sagend: wie eine himmlische Frau ihm befohlen, denselben so zu geleiten, und bittet Cato bei der Liebe zu seinem Weibe Marzia, die in der Vorhölle seiner noch sehnsüchtig gedenke, sie ziehn zu lassen. Cato sagt: daß Letzteres ihn hier nicht mehr bestimmen könne, daß aber das Erstere genüge. Cato ist demnach der freie Entschluß, Gottes Satzungen zu erfüllen. Er gebietet nun Virgil, der bessern Einsicht, den Dichter nach dem Gestade des Meeres hinabzuführen, ihn zu reinigen und mit nachgiebigen Binsen zu gürten; da es unwürdig sei, mit dem Staub der Hölle und ungeweiht vor einen Boten Gottes zu treten; dann sollten sie den leichtesten Aufgang am Berge suchen (als Gegensatz der widerstreben den Steile im ersten Ges. d. Hölle, welche der falsche Weg des Hochmuths ist) und die Sonne zum Führer nehmen. Virgil befolgt Alles, geleitet Dante in der Morgendämmerung hinab zum Ufer, wäscht ihn mit dem Thau der Blumen und gürtet ihn mit einer Binse, die er in der Brandung pflückt: wunderbar erneut sich die Pflanze, wo er sie abgebrochen. Die geistigen Gaben mindern sich nicht, sie vervielfältigen sich durch Schenkung (vergl. Fegef. XV V. 44-75).

Durch besser' Wasser hinzufahren, ziehet
Nun auf die Segel meines Geistes Schifflein,
Das hinter sich so grauses Meer verlässet:

Und singen werd' ich von dem zweiten Reiche,
Allwo geläutert wird des Menschen Seele,
und würdig wird, zu steigen in den Himmel.

Erstehe denn hier die erstorb'ne Dichtung,
Ihr heil'gen Musen, da ich bin der Eure,
Erheb' Calliope sich hier ein wenig,

Mit jenem Tone meinen Sang begleitend,
Deß Schlag die armen Elstern so gefühlet,
Daß sie verzweifelten an der Verzeihung.

Die Farbe orientalischen Saphires,
Die süße, dort begrüßt im heitern Anblick
Der reinen Luft bis zu der ersten Sphäre,

Gab meinen Augen neue Freude wieder,
Sobald aus der erstorb'nen Luft ich vorging,
Die Augen mir und Herz verdüstert hatte.

Der schöne Wandelstern, der Lieb' ermuthigt,
Den ganzen Orient macht' er da lachen,
Die Fische, die ihm folgeten, verschleiernd.

Ich wandte mich zur rechten Hand und spähte
Zum andern Pol, und vier der Sterne sah ich,
Die Niemand schaut', als nur die ersten Menschen.

Zu freu'n schien sich der Himmel ihrer Flämmchen:
O mitternächt'ge Lage, du verwais'te,
Da du beraubt bist, diese zu betrachten!

Als ich von ihrer Anschau mich getrennet,
Ein wenig wendend mich zum andern Pole,
Von wo bereits entschwunden war der Wagen,

Sah' dicht bei mir ich einen Alten, einsam,
Nach seinem Ausseh'n würdig solcher Ehrfurcht,
Daß mehr ein Sohn nicht schuldig ist dem Vater.

Lang trug er seinen Bart, mit weißem Haare
Gemenget, gleich wie seines Hauptes Locken,
Davon zur Brust zween Reih'n herniederfielen.

Die Strahlen der vier heil'gen Lichter kränzten
Desselben Angesicht also mit Helle,
Daß ich es schaut', als sei davor die Sonne.

»Wer seid ihr, die dem dunklen Bach entgegen
Entronnen aus dem ewigen Gefängniß?
Sprach er, das würdige Gefieder schüttelnd.

Wer führt' euch, oder wer war eu're Leuchte,
Indem ihr aus der tiefen Nacht hervorgingt,
Die ewig dunkel macht die Kluft der Hölle?

Sind so zertrümmert des Abgrunds Gesetze?
Ward neuer Rathschluß umgewälzt im Himmel,
Daß ihr verdammt, bei mir euch bergen kommet?«

Hierauf nahm mich mein Führer, und mit Worten
Und mit den Händen und mit Augenwinken
Schuf er mir Knie und Antlitz ehrerbietig,

Entgegnete ihm dann: »Ich kam für mich nicht;
Vom Himmel stieg ein Weib, auf deren Bitten
Ich diesem hülfreich ward durch mein Geleite.

Doch ist's dein Wille, daß von unsrer wahren
Beschaffenheit noch mehr entfaltet werde,
Kann's nicht der meine sein, es dir zu weigern.

Noch sahe dieser nicht den letzten Abend,
Doch war durch seine Thorheit er so nah' ihm,
Daß nur sehr wenig Zeit verrollen durfte.

So wie ich sagte, ward ich ihm gesendet,
Um ihn zu retten, und kein andrer Weg war
Als der, durch den ich mich hindurch gewunden.

Ich hab' ihm alles sünd'ge Volk gewiesen,
Und jetzo will ich ihm die Geister zeigen,
Die hier sich läutern unter deiner Obhut.

Wie ich ihm half, dir sagen, lange währt' es.
Von Oben kommt die Kraft, die mir ihn führen
Hilft, dich zu schauen und dich anzuhören.

Nun möge seine Ankunft dir genehm sein.
Freiheit zu suchen geht er, die so werth ist,
Wie der weiß, der um sie verschmäht das Leben.

Du weißt's, um sie war dir der Tod nicht bitter
In Utika, wo du das Kleid gelassen,
Das einst so hell sein wird am großen Tage.

Nicht ist durch uns verletzt die ew'ge Satzung:
Da dieser lebt, und Minos mich nicht bindet.
Ich bin vom Kreis, wo deiner Marzia Augen,

Die zücht'gen weilen, deren Blick noch flehet,
Daß du sie, heil'ge Brust, als dein betrachtest:
Bei ihrer Liebe neige dich uns jetzo.

Laß uns hingehn durch deine sieben Reiche:
Von dir will Holdes ich zurück ihr bringen,
Wenn du es würdigst, dort genannt zu werden.« -

»Marzia gefiel vordem so meinen Augen,
Als ich noch jenseit war, sagt' er nunmehro:
Daß ich, was Holdes sie ersehnt, gewährte;

Nun, da sie jenseit wohnt des bösen Stromes,
Kann sie mich nicht bewegen, nach der Satzung,
Die schon gestellt war, ehbevor ich ausging.

Doch, sandt' ein Weib vom Himmel dich und führt dich,
Wie du es sagst, bedarf's nicht andrer Lockung:
Mir g'nügt, verlangst du es um ihretwillen.

So geh' und schaffe, daß du diesen gürtest
Mit reiner Bins' und ihm das Antlitz waschest,
Hinweg zu tilgen jegliche Befleckung;

Denn es geziemte nicht, getrübt das Auge
Von einem Nebel, vor den ersten Boten
Zu gehn, der Einer ist vom Paradiese.

Die Insel hier, ringsher von Strand zu Strande
Da unten, dort, wo sie die Welle schläget,
Trägt Binsen über ihrem weichen Schlamme.

Hier könnte keine Pflanze, welche Zweige
Macht' oder spröde würde, Leben haben,
Darum, weil sie den Schlägen nimmer nachgiebt.

Dann aber kehret nicht hierher zurücke.
Die Sonne wird euch zeigen, die nun aufsteigt,
Wo ihr den Berg am leichtesten erklimmet.

Damit verschwand er. Und ich hub empor mich
Ohne zu reden, und ich zog mich gänzlich
Zum Führer hin, und wandt' auf ihn mein Auge.

Und er begann: »Sohn, folge meinen Tritten,
Laß uns zurück uns wenden, disseit neiget
Die Ebne sich zu ihren tiefen Säumen.

Die Dämm'rung siegte ob der Morgenstunde,
Die vor ihr fliehet, so daß ich von Weitem
Schon das Gezitter an dem Strand erkannte.

Wir gingen über die einsame Eb'ne
Wie Einer zur verfehlten Straße kehret,
Dem bis zu ihr sein Gehen nichtig scheinet.

Als wir nun waren, wo der Thau des Morgens
Der Sonne widersteht, und Ortes halben,
Der schattig ist, nur wenig sich zertheilet;

So legte beide Hände, ausgebreitet,
Gar sänftiglich hin über's Gras mein Meister;
Worauf ich, welcher seines Thuns gewahret,

Zu ihm hin streckte die bethränten Wangen.
Hierauf enthüllet' er mir gänzlich wieder
Die Farbe, so die Höll' an mir verhüllet.

Wir kamen nun hinab zum öden Strande,
Der seine Wasser nie von einem Menschen
Befahren sah, der dann den Rückweg funden.

Hier gürtet' er mich, wie's der And're wollte;
O welch ein Wunder! die demüth'ge Pflanze,
Die er erwählt, erwuchs von Neuem wieder

Urplötzlich da. wo er sie abgebrochen.


Gesang 02

Die Morgenröthe wird heller; die Dichter aber weilen noch nachdenklich am Strande. Da erschimmert am fernen Meereshorizont ein rothes Licht, welches heller und heller naht und endlich als ein Engel göttlicher Gnade erkannt wird, der eine Schaar bußwilliger Seelen vom römischen Ufer daher bringt in einem Schiff ohne Segel, allein durch die ewigen Fittige des Engels bewegt. Auf Virgil's Geheiß beugt Dante seine Kniee: der himmlische Glanz macht ihn die Augen senken. Die geretteten Seelen singen den 113 Psalm von dem Ausgang der Kinder Israel aus Egypten, welcher die zu hoffende Erlösung aus der Knechtschaft der Sünde in die Freiheit der ewigen Seligkeit bedeutet (s. in d. Abhandl. den Brief an Can gr. della Scala u. vergl. dam. Jes. XXX mit Bezug auf die Anm. z. Hölle I V. 62). Der Engel macht ihnen das Zeichen der Erlösung durch das heilige Kreuz, und die Seelen, die, vor ihrem Scheiden aus dem Körper, Gottes Barmherzigkeit angerufen und zur Läuterung kommen sollen, betreten das Ufer. Der Engel eilt zum Strande von Ostia zurück, um andre Seelen zu holen. Nun taget es: die Dichter werden von den Angekommenen um den Weg zum Berge befragt, antworten aber, daß sie selbst hier unbekannt seien. Voll Erstaunen umringen die Seelen den noch lebenden Dante: eine tritt hervor, und er erkennt in ihr seinen Freund, den trefflichen Sänger Gasella. Dreimal will Dante das Schattenbild des Freundes umarmen, aber die Arme kehren leer nach seiner Brust. Er beruhigt sich endlich auf Gasella's freundliches Zusprechen und fragt ihn: warum er erst so spät ankomme, da er doch vor längerer Zeit gestorben? Er antwortet: er ergebe sich ganz in den göttlichen Willen des Engels, der ihm die Ueberfahrt geweigert, bis er ihn, der Gnade des heiligen Jubeljahres theilhaftig, am Tiberstrande willig eingenommen. Dante bittet nun den Casella, ihn wie vormals mit lieblichem Gesange zu erquicken, und Guseuu beginnt die Canzone Dante's, worin er die Beglückung durch spekulative Philosophie besingt (s. in d. Abhandl. den Auszug aus d. Convito). Alle lauschen, sanft befriedigt, dem süßen Gesange. Da erscheint wiederum der Greis Cato (das Sinnbild des freien Entschlusses) und schilt die Seelen, die sich dem nicht fördernden Sinnen hingeben, statt glaubensthätig ihrem Heil nachzugehen, und schnellen Entschlusses eilen sie nach dem Berge, die Dichter mit ihnen. (Nach jener Canzone wendet sich der Dichter im Convito zum thätigen Lehren, da ihm die Philosophie, zu vielen Forschens wegen, zürnt.)

Schon war die Sonne zu dem Horizonte
Gelangt, deß Mittagskreis gerade decket
Jerusalem mit seinem höchsten Punkte:

Und die ihr gegenüber kreist, die Nacht stieg
Nun aus dem Ganges vor, zusammt der Wage,
Die aus der Hand ihr schlüpft, sobald sie zunimmt;

So daß die weißen und die rothen Wangen
(Da wo ich war) der lieblichen Aurora,
Als sie nun alterten, zu gelben wurden.

Wir waren immer noch längs jenes Meeres,
Wie Leute, die, bedenkend ihre Straße
Im Geiste geh'n und mit dem Körper bleiben.

Und sieh', gleichwie ganz nahe vor der Frühe
Durch dichte Nebel Mars in Roth erschimmert,
Tiefher im West über des Meeres Fläche:

Dem gleich erschien mir (sähe ich es jetzt noch!)
Ein Licht meerüber kommend so geschwinde,
Daß seinem Gang kein Fliegen sich vergleichet.

Als ich davon ein wenig abgewendet
Das Auge, meinen Führer zu befragen,
Sah' ich es wieder leuchtender und größer.

Darauf erschien daran von jeder Seite,
Nicht wußt' ich, welch' ein Schimmer, und von unten
Ging nach und nach an ihm hervor noch andrer.

Noch redete mein Meister nicht, bis endlich
Die ersten Schimmer sich als Flügel zeigten;
Dann, als er recht den Steuermann erkannte,

Rief er: »Eil', eil', daß du die Kniee beugest;
Schau Gottes Engel, falte deine Hände:
Nun wirst du sogestalter Diener schauen!

Sieh, wie er, was der Mensch erdenkt, verschmähet:
Daß er nicht Ruder will, noch andre Segel,
Als seine Flügel, zwischen fernen Ufern!

Schau, wie er sie gerichtet hat zum Himmel,
Die Luft bewält'gend mit den ew'gen Schwingen,
Die nie sich, wie ein sterblich Haar, verändern!« -

Dann als nun mehr und mehr uns näher herzog
Der göttliche Beschwingte, schien er heller,
Daß in der Näh' ihn nicht ertrug das Auge:

Allein ich neigt' es und er kam zum Ufer
Mit einem Fahrzeug, das so schnell und leicht war,
Daß nichts davon das Wasser in sich einschlang.

Am Steuer stand der himmlische Geleiter,
Es schien an ihm geschrieben, daß er selig,
Und mehr als hundert Geister saßen innen.

»In exitu Israel de Aegypto«
Sangen sie allzumal mit einer Stimme,
Und was in jenem Psalm noch mehr geschrieben.

Dann macht' er ihnen heil'gen Kreuzes Zeichen:
Worauf sie alle sich an's Ufer warfen
Und er hinwegfuhr, schnell, wie er gekommen.

Der Schwarm, der dageblieben, schien noch fremde
An diesem Orte, ringshin um sich blickend,
Gleich einem, welcher neue Dinge prüfet.

Tag schoß nunmehr ringshin nach allen Seiten
Die Sonne, die mit zieleskund'gen Pfeilen
Aus Himmels Mitte fortgejagt den Steinbock.

Als jene neue Schaar erhub die Stirne
Gen uns, und zu uns sprach: »Wenn ihr ihn wisset,
So zeigt den Weg uns, zu dem Berg zu kommen!« -

Da gab Virgil zur Antwort: »Ihr vermeinet
Vielleicht, wir seien kundig dieses Ortes;
Allein wir sind hier Pilger wie ihr selber.

Wir kamen wenig früher, als ihr kamet,
Auf andrem Weg, so störrig und entsetzlich,
Daß uns das Steigen nun wird Spiel erscheinen.« -

Die Seelen aber, die bei mir am Athmen
Gewahret, daß ich annoch lebend wäre,
Erstaunend wurden sie nunmehro bleicher.

Und wie zum Boten, welcher bringt den Oelzweig,
Das Volk sich dränget, Neues zu erfahren,
Und Keiner sich mit Treten blöd' erzeiget:

So hefteten sich an mein Antlitz jene
Beglückten Seelen all', als ob sie sämmtlich
Vergäßen hinzugehn,um sich zu läutern.

Ich sahe deren eine sich hervorthun,
Mich zu umarmen, mit so großer Sehnsucht,
Daß sie mich trieb es eben so zu machen,

O Schatten eitel, außer für den Anblick!
Dreimal verschlang ich hinter ihm die Arme,
Und auch so oft führt' ich zurück zur Brust sie.

Vor Staunen, glaub' ich, hatt' ich mich entfärbet;
Indem der Schatten lächelt' und zurücktrat,
Und ich, ihm folgend, jenseits mich bewegte.

Anmuthig sagt' er mir: ich möge ruhen ...
Nunmehr erkannt' ich, wer er war, und bat ihn,
Daß er ein wenig blieb, mit mir zu sprechen.

Er aber sprach: »So wie ich dich geliebet
Im ird'schen Leib, so lieb' ich, ihm entrückt, dich;
Drum bleib' ich steh'n, du aber, warum gehst du?« -

»O mein Casella, noch einmal zur Heimath
Zurückzukehren, mach' ich solche Reise,
Sagt ich' doch sag', was nahm so viele Zeit dir?« -

Und er zu mir: »Kein Unrecht widerfuhr mir,
Wenn der, der wann und wen er will hinwegholt,
Mir oft die Ueberfahrt nach hier versagt hat;

Denn aus gerechtem Willen kommt der seine.
In Wahrheit, seit drei Monden nahm er mit sich
Wer nur eintreten wollt' in allem Frieden:

Worauf ich, der zum Strand ich mich gewendet,
Wo sich das Tiberwasser mischt mit Salze,
Von ihm genädig aufgenommen wurde:

An jener Mündung, wohin er den Fittig
Gespannt auf's neu: weil immer dort sich sammelt,
Wer nicht zum Acheron hinunterwallet.« -

Und ich: »Verbeut ein neu Gesetz dir jetzt nicht
Erinnrung oder Brauch des holden Sanges,
Der sonst beruhigt alle meine Wünsche:

Gefall' es dir ein wenig, mir die Seele
Damit zu stärken, die in ihrem Leibe,
Wallend zu diesem Ort, so sehr erschöpft ist!« -

»O Liebe, die zu mir im Geiste redet,«
Begann derselbe nun so süßen Lautes,
Daß dessen Lieblichkeit in mir noch forttönt.

Mein Meister, ich und jene Leute alle,
Die mit ihm waren, schienen so zufrieden,
Als läge Keinem Anderes im Sinne.

Wir gingen All' aufmerkend und gespannet
Auf seine Tön', und sieh! der edle Alte
Kam rufend: »Was ist das, ihr trägen Geister?

Welch' eine Lässigkeit und welch' ein Weilen?
Lauft hin zum Berg, den Fels euch wegzuschaffen,
Der euch den höchsten Gott nicht schauen lässet!«

Gleichwie wenn, Körnlein oder Kräuter pickend,
Die Tauben erst versammelt auf der Weide,
Den sonst gewohnten Uebermuth nicht zeigen:

Wenn etwas naht, davon sie Furcht erlangen,
In Eile ihre Weide ruhen lassen,
Indem von größrer Sorge sie gedrängt sind:

Desgleichen sah ich jene neue Schaar dort
Den Sang verlassen und zum Berg enteilen,
Wie wer da läuft und nicht weiß wo er hinkommt:

Auch unser Theil war da nicht wen'ger hurtig.


Gesang 03

Die schnelle Flucht hat die Eilenden zerstreut. Dante schließt sich wieder an Virgil, der sich selbst, der Weile halben, Vorwürfe macht. Als sie, dem Berge nahend, gelassener wandeln, glaubt sich Dante plötzlich von Virgil verlassen, weil er den Sonnenschein nur von seines eignen Körpers Schatten unterbrochen sieht, und wendet sich zweifelnd. Virgil tadelt sein Mißtrauen und sagt ihm, daß abgeschiedene Seelen so wenig den Strahl aufhielten, als die durchsichtigen Himmelssphären; sein Leib, in dem er Schatten geworfen, liege in Neapel begraben. Er nimmt dann, wohl mit Bezug auf das zu Ende des vorigen Gesanges gesungene Lob der Philosophie, Gelegenheit von der Beschränktheit menschlicher Forschungen zu reden und von der Nothwendigkeit der Erscheinung Christi. Er, welcher letztere, wie wir Fegef. XXII V. 70 erfahren, vorausgesagt, ist dennoch nicht zum reinen Glauben erwacht, sondern nur Menschlichem nachgegangen; deshalb versinkt er hier am Fuße des heiligen Berges in Schwermuth. Steil und unzugänglich ragt der Fels in den Himmel hinauf. Vergeblich sinnt Virgil auf Mittel empor zu kommen. Dante zeigt ihm eine Schaar nahender Seelen; er befragt sie um den Aufgang zum Berge; aber sie weilen schüchtern in Verwunderung, einen Lebenden zu erblicken. Auf Virgil's Versicherung, daß er nicht freventlich und ohne himmlischen Rathschluß hier sei, tritt eine Seele aus der Schaar der übrigen hervor: es ist König Manfred, welcher erzählt: er habe sich trotz seiner Sünden in seiner Todesstunde noch zu dem gewendet, der gern verzeiht, zu Gott; der Kirchenbann, in dem er gestorben, beschränke die Barmherzigkeit Gottes nicht: nur müsse man das Dreißigfache der Zeit, die man darin verharrt, am Fuße des Fegefeuerberges weilen; weiter reiche der menschliche Fluch nicht. Hierauf ersucht Manfred den Dichter, dies seiner Tochter Constanze zu erzählen, damit sie für ihn bete; reines Gebet habe große Macht, die Zeit solcher Verweisung abzukürzen.

Obwohl die eil'ge Flucht die Andern alle
Zerstreuet hatte über das Gefilde,
Zum Berg gewendet, wo Vernunft uns hintreibt

Ich schloß mich wieder an den treuen Leiter:
Wie wär' ich denn auch ohne ihn gegangen,
Wer hätte mich den Berg hinaufgezogen?

Er schien mir aber von sich selbst gepeinigt:
O du ehrwürdiges Gewissen, reines,
Wie nagt ein kleiner Fehl an dir so bitter!

Als seine Füße ließen von der Eile,
Die von der Würde jedes Thun entzaubert,
Da breitete mein Geist, erst so beschränket,

Sein Trachten wieder aus, gleichsam entzücket,
Und ich erhub mein Angesicht zum Berge,
Der zu dem Himmel sich am höchsten hinstreckt.

Die Sonne, die roth hinter uns erflammte,
Erschien vor meinem Körper nun gebrochen,
Da ihre Strahlen auf mir Ruhe fanden.

Ich wendete zur Seite mich in Sorge,
Daß ich verlassen sei, als ich die Erde
Allein nur vor mir selbst beschattet sahe.

Mein Hort jedoch: »Warum mißtraust du also?
Begann er ganz zu mir gewendet: meinst du
Mich nicht bei dir und daß ich dich geleite?

Schon ist es Abend, wo begraben ruhet
Der Leib, in dem ich Schatten warf: Neapel
Birgt ihn, er ist von Brindisi entführet.

Wenn nun vor mir sich nichts beschattet, bring' es
Dir mehr Verwundrung nimmer als die Himmel,
Die sich einander nicht den Strahl verdunkeln.

Qual zu erleiden, Gluten auch und Fröste
Schafft derlei Körper jene Macht empfänglich,
Die, wie sie schafft, nicht will, daß uns enthüllt sei.

Ein Thor ist wer da hofft, daß unser Sinnen
Den endelosen Weg durchlaufen könne,
Den nimmt, der Eines ist in drei Personen.

Sei mit dem Wie? genügsam, Volk der Menschen;
Denn hättet Alles ihr erforschen können,
That es nicht Noth, daß je gebar Maria!

Du sah'st ja fruchtlos schmachten so Gewalt'ge,
Daß deren Sehnsucht wohl gestillet wäre,
Die ihnen ewiglich zu Pein gegeben:

Von Aristoteles red' ich und Plato,
Und noch viel Andern!« ... Hier neigt' er die Stirne
Und sagte weiter nichts, und blieb betrübet.

Indessen kamen wir zum Fuß des Berges;
Hier aber fanden wir den Fels so jähe,
Daß schnelle Füße da nichts fruchten würden.

Denn zwischen Lerici und Turbia wäre
Der ödest' und einsamste Weg gen diesen
Noch eine Treppe, leicht gangbar und offen.

»Wer weiß nun, welcher Hand nach so der Hang neigt,
Begann mein Meister, seinen Schritt anhaltend:
Daß ihn erklimmt wer ungeflügelt wandelt?« -

Und während er, das Antlitz niedersenkend,
Durchforschte seinen Geist des Weges halben,
Und ich empor umher am Felsen schaute:

Erschien zur linken Hand mir eine Menge
Von Seelen, die gen uns die Füße regte,
Und schien's doch nicht zu thun, so langsam ging sie.

»Heb', sagte ich zum Meister: deine Augen
Und schau da, wer uns Rath ertheilen möchte;
Dafern du von dir selbst ihn nicht erlangest.« -

Da schauet er mich an und freien Aussehns
Antwortet' er: »Komm hin, sie nahen langsam;
Du aber, lieber Sohn, sei fest in Hoffnung.« -

Es war dieselbe Schaar uns noch so ferne,
Nach etwa tausend unsrer Schritte, sag' ich,
Wie mit den Händen würf' ein guter Werfer.

Als All' sich drängten zu den harten Massen
Des hohen Hangs, und fest und drange standen,
Gleichwie wer fürchtet, stehen bleibt zu spähen.

»O recht gestorbne, einst erwählte Geister!
Begann Virgilius: bei jenem Frieden,
Den, wie ich glaube, sämmtlich ihr erwartet;

Sagt uns, wo sich der Berg etwa so neige,
Daß das Emporwärtsklimmen möglich wäre,
Da Zeitverlust, je mehr man weiß, je mehr quält.« -

Gleichwie die Lämmer aus der Hürde gehen
Einzeln, zu zwei'n, zu drei'n und andre weilen
Schüchtern noch Aug' und Maul zur Erde senkend:

Wenn was das erste thut, die andern nachthun,
Ihm dicht am Rücken haltend, wenn es stehn bleibt,
Einfältig still, und das Warum? nicht wissen.

Desgleichen sah zum Kommen ich nunmehro
Das Haupt bewegen die beglückte Heerde,
Schamhaft im Antlitz und im Wandel ehrbar.

Und als die Vorderen den Strahl am Boden
Gebrochen sahn zu meiner rechten Seite;
So daß von mir der Schatten zu dem Schutz ging,

Verweilten sie, etwas zurück sich ziehend,
Und all' die Andern, die nach ihnen kamen,
Nicht wissend weshalb, thaten auch dasselbe.

»Ohn' eure Fragen will ich euch bekennen,
Daß dies ein Menschenleib ist, den ihr schauet;
Drum ist der Sonne Schein am Grund zertheilet.

Verwundert euch darüber nicht; doch glaubet:
Nicht ohne Kraft, die von dem Himmel kommet,
Strebt er die Scheidewand zu übersteigen.« -

Also der Meister, und die würd'ge Menge:
»So wendet euch und schreitet vorwärts, sprach sie,
Mit ihrer Hände Rücken Zeichen gebend.

Und ihrer einer da begann nun: »Wende,
Wer du auch seist, im Weitergehn das Antlitz,
Hab' Acht, ob du mich einst nicht sahest jenseits.« -

Ich wandte mich zu ihm und sah ihn starr an.
Blond war und schön er und von edlem Ansehn,
Doch eine Braue hatt' ein Hieb getheilet.

Als ich demüthiglich mich losgesaget,
Ihn je geschaut zu haben, sprach er: »Schau nun!«
Und zeigte auf der Brust mir eine Wunde.

Sodann mit Lächeln sagt' er: »Ich bin Manfred,
Der Enkelsohn der Kaiserin Constanze;
Drum ich dich bitte, kehrst du wieder, gehe

Zu meiner schönen Tochter, die geboren
Siciliens und Arragoniens Ehre,
Und sag' die Wahrheit ihr, erzählt man Andres:

Als ich den Leib bereits durchbohret hatte,
Von zweien Todesspitzen, gab ich weinend
Mich jenem wieder hin, der gern verzeihet.

Entsetzlich waren meine Sünden; aber
Die ew'ge Güte hat so große Arme,
Daß sie, was zu ihr wiederkehret, aufnimmt.

Der Hirte von Cosenza, der von Klemens
Einst ausgesendet ward, um mich zu jagen;
Hätt' er an Gott dies Antlitz recht gelesen,

So lägen meines Leibs Gebeine jetzt noch
Am Haupt der Brücke nah bei Benevento,
Unter dem Schirme des gewalt'gen Steinmals:

Nun badet sie der Regen, jagt der Wind sie,
Außer dem Reiche gleichsam, längs des Verde,
Wohin er sie, das Licht verlöschend, brachte.

Durch Jener Fluch verliert man sich nicht also,
Daß nicht die ew'ge Liebe kehren könnte,
Indem die Hoffnung einen grünen Keim hat.

Wahr ist es, daß wer stirbt in heil'ger Kirche
Verbannung, wenn er auch am End' bereuet,
Verweilen muß hier außen vor dem Abhang

Das Dreißigfache jeder Zeit, die solcher
Im Trotz verharret; sobald dieser Bann ihm
Nicht abgekürzet wird durch gute Bitten.

Nun sieh', ob du vermagst mich zu erfreuen,
Enthüllend meiner trefflichen Constanze:
Wie du geschauet mich und diesen Bann auch;

Denn hier wird durch die jenseits viel gewonnen.« -


Gesang 04

Die Sonne ist schon hoch gestiegen, ohne daß Dante es bemerkt: so hat er sich im Gehen in das Anschauen und Anhören Manfred's vertieft. Da rufen ihm die Seelen zu und zeigen ihm den Aufgang, der ohne die Fittige der Sehnsucht und das Geleit menschlicher Einsicht, welche Hoffnung und Licht gewährt, nicht zu erklimmen ist. Virgil klimmt deshalb voran und Dante folgt ihm in dem engen Schluftweg, auf Füßen und Händen. So erreichen sie den ersten Absturz. Der Weg der Buße ist bei Christi Sühnungstod entstanden. Da bebte die Erde von göttlicher Liebe und der steile Fels der Aergerniß that sich den Reuigen auf, während er (s. Hölle XXI V. 114 u. d. Anm.) auf die Heuchler und Gewaltthätigen stürzte zum Zeichen, daß für diese keine Gnade ist. Dahin gehört auch Hölle V V. 34. Als Dante, des Weges halben verlegen, Virgil befragt, sagt dieser ihm: Nur keinen Schritt hinunter! (vergl. Hölle l V. 36) und spornt den Ermattenden an, den nächsten Vorsprung zu erklimmen, von welchem der ganze Berg umgürtet ist. Angekommen zurückblickend, staunt Dante, die Sonne auf der Nordseite zu sehen. Virgil erklärt ihm dies als ganz natürlich: indem sie sich südlich des Aequators befänden. und die Sonne sich in unserm Frühling mehr und mehr dem Norden nähert. Nun defragt Dante Virgil, wie hoch sie am Berg zu steigen hätten? und er antwortet ihm: er wisse nur, daß auf demselben das Steigen je höher je leichter werde, finde er es dann so leicht, wie das Hinabgleiten eines Schiffes auf dem Flusse, dann sei der Gipfel erreicht (s. Fegef. XXVII V. 130-132, XXX V. 83 u. 84 u. d. Anm.). Der schöne Sinn der Darstellung ist dieser: daß Tugend, je mehr wir sie üben, je leichter wird und endlich mühlos, wenn wir vollkommen in der Liebe sind. Die Mühlosigkeit bildet hier den Gegensatz zu dem beschwerlichen Weg Hölle I V. 5, welchen Dante betrat, abgewichen von der ersten Liebe, zu welcher er erst Fegefeuer XXVII V. 36 u. w. sich läuternd wieder zurückkehren soll. Den Weg der Erfahrung und Besserung, welchen der Sünder machen muß, ist lang und beschwerlich, der Weg des kindlichen Glaubens, in Liebe zur göttlichen Lehre, zu Beatricen, ist kurz (s. Hölle II V. 102). Während die Dichter vom Steigen reden, ruft eine Stimme: »Ihr werdet vielleicht noch erst weilen müssen?« und Dante erblickt hinter einem Stein (der Hinderung) eine Schaar fauler Seelen, unter welchen er den Florentiner Belaqua erkennt und ihn befragt: warum er auch hier so müßig weile? Da antwortet ihm der Träge: Hier müsse man so lange weilen, als man auf Erden mit Reue gezögert, dann erst werde man zur Buße zugelassen, im Fall Gebete guter Menschen die Zeit nicht abkürzten. Da treibt Virgil den Dichter zu neuer Eile, indem er selbst dereits voranklimmt.

Sobald sich wegen Freuden oder Leiden,
Die unsrer Fähigkeiten ein' ergreifet,
Die Seele nur allein in dieser sammelt:

Scheint keiner andern Kraft sie zuzustreben,
Und dies ist gen den Irrthum, welcher annimmt,
Daß mehr als eine Seel' in uns entflammt wird.

Und darum, hört man etwas oder sieht es,
Das stark an sich gefesselt hält die Seele:
Entflieht die Zeit und nicht bemerkt der Mensch es:

Denn eine andre Kraft ist's, die da aufmerkt,
Und eine andre die der ganzen Seele:
Die ist gebunden gleichsam, - die gelöset.

Davon erlangt' ich wirkliche Erfahrung,
Den Geist daselbst anhörend und betrachtend;
Denn wohl an fünfzig Grade war gestiegen

Die Sonn', ich aber hatt' es nicht gewahret;
Bis wir gelanget wo die Seelen alle
Zugleich uns zuschrie'n: »Hier ist was ihr wünschet!« -

Gar oft verheget einen größern Durchgang
Mit einem Gäbelchen von seinen Dornen
Der Gärtnersmann, wenn sich die Traube bräunet,

Als jener Fußweg war, auf dem wir stiegen,
Mein Führer und dahinter ich, vereinsamt,
Sobald die Menge sich von uns geschieden.

Auf steigt man nach San Leo, ab nach Noli,
Man klimmt nach Bismantova zu der Kuppe,
Auf Füßen; doch hier muß der Mensch ja fliegen;

Mit schnellen Flügeln, sag' ich, und mit Schwingen
Der großen Sehnsucht, hinter jenem Führer,
Der Hoffnung mir verlieh und Licht gewährte.

Wir stiegen aufwärts im geborstnen Felsen,
Auf beiden Seiten zwänget' uns die Enge,
Der Boden unten wollte Füß' und Hände.

Als wir nun auf dem obern Saume waren
Der hohen Steilung, an dem freien Absturz,
Sagt' ich: »O Meister, welchen Weg nun nehmen?«

Und er zu mir: »Nur keinen Schritt hinunter!
Nein hinter mir gewinn' empor am Berge,
Bis irgend ein Geleit erscheint, das Rath weiß.« -

Der Berg war hoch, daß er den Blick besiegte:
Und stolzer stieg der Rand, als eine Linie
Von des Quadranten Mitte nach dem Centrum.

Ermüdet war ich, als ich also anhub:
»O holder Vater. wende dich und schaue,
Wie ich allein hier bleibe, weilest du nicht!« -

»Mein Söhnlein schleppe bis hierher dich!« sagt' er,
Mir etwas höher weisend einen Vorsprung,
Der von dort aus den ganzen Berg umgürtet.

Dermaßen sporneten mich seine Worte,
Daß ich mich aufwärtskriechend zu ihm hinzwang,
Bis jener Gürtel unter meinen Füßen:

Da setzten wir uns beide hin zu ruhen,
Gewandt nach Morgen, woher wir gestiegen,
Da Jeden es erquicket umzuschauen.

Zuerst kehrt' ich den Blick zum niedern Strande,
Sodann erhub ich ihn zur Sonn' und sahe,
Daß wir von ihr linksher bestrahlet wurden.

Wohl merkte es der Dichter, daß ich gänzlich
Betroffen war, des Lichtgespannes halben,
Da zwischen uns es eintrat und den Norden.

Drauf er zu mir: »Wenn Castor und wenn Pollux
Nunmehr gesellet wären diesem Spiegel,
Der auf und nieder führet seines Lichtes;

So säh'st den Thierkreis du noch vieles näher
Hin zu den Bärinnen erhellet rollen,
Dafern er nicht der alten Bahn entwiche.

Willst du, wie das geschieht, begreifen können,
So denk' da drunten Zion dir gedecket
Von diesem Berg auf Erden stehen, also,

Daß Einen Horizont sie beide haben,
Und andre Hemisphären, drob der Weg ist,
Den Phaëton zum Unheil schlecht gefahren.

Du wirst erkennen, wie er, der auf dieser
Und jener auf der andern Seite gehn muß;
Wenn dein Verstand es recht genau durchschauet.«

»Gewiß, mein Meister, sagt' ich, niemals sah' ich
So klar annoch, wie ich dahier erkenne,
(Wo meine Fassungskraft erst hohl erschienen,)

Daß der erhabnen Bahn mittlere Umkreis,
Den eine Wissenschaft Aequator nennet,
Und immer zwischen Sonn' und Winter bleibet,

Aus selbem Grunde sich so weit entfernet
Von hier nach Mitternacht, als die Hebräer
Denselben gen die heiße Seite schauten:

Doch, wenn es dir gefiel, erführ ich gerne,
Wie weit wir gehen müssen; denn der Berg steigt
Viel höher auf, als meine Augen reichen.« -

Und er zu mir: »Der Berg ist so beschaffen,
Daß unten am Beginn er schwer zu steigen;
Allein je mehr man steigt, je wen'ger mühvoll.

Drum wenn er dir so lieblich wird erscheinen,
Daß dir alsdann das Aufwärtsgehn so leicht wird,
Wie stromhinab die Fahrt in einem Schiffe;

Dann bist du an dem Ende dieses Pfades:
Daselbst erwarte Ruhe nach Ermattung.
Mehr sag' ich nicht, und dieß weiß ich wahrhaftig!« -

Und als er ausgesprochen diese Worte,
Erscholl da in der Nähe eine Stimme:
»Vielleicht wirst du vorher noch weilen müssen?« -

Bei solchem Schalle wandten wir uns Beide,
und sahen einen großen Stein zur Linken,
Deß er und ich vorher nicht wahrgenommen:

Dort zogen wir uns hin: da waren Leute,
Die hinter diesem Fels im Schatten standen,
Wie einer wohl in Lässigkeit sich hinlehnt.

Und ihrer einer, der mir müde vorkam,
Saß dorten und umarmte seine Kniee,
Und hielt dazwischen sein Gesicht geneiget.

»O holder Herr, begann ich jetzo: schaue
Dort jenen, der so träge sich gehabet,
Als wenn die Faulheit seine Schwester wäre!« -

Drauf wandt' er sich zu uns herum und blinzte,
Das Antlitz regend über seinen Schenkel
Und sagte: »Steig nur auf, denn du bist hurtig!« -

Da wußt' ich wer er war, und die Beklemmung,
Die mir ein wenig noch den Athem drückte,
Hielt mich nicht ab zu ihm zu gehn, und endlich,

Als ich zu ihm gelangt, hub er nur eben
Das Haupt und sprach: »Ersahst du, wie die Sonne
Den Wagen führet auf der linken Seite?« -

Sein faul Gehaben und die kurzen Worte
Bewegten meine Lippen fast zum Lächeln:
Dann fing ich an: »Belacqua, dich bedaur' ich

Anjetzt nicht; aber sage mir, warum du
Hier aufrecht sitzest: harr'st du auf Gesellschaft?
Hat wieder die Gewohnheit dich befallen?« -

Und er: »O Bruder, hülfe mir das Steigen?
Es ließe mich ja doch nicht in die Peinen
Der Engel Gottes, welcher in der Thür sitzt.

Vorher muß ja so oft der Himmel kreisen
Um mich hier außen, als im Leben ehmals;
Denn bis an's Ende zögert' ich mit Reue;

Wenn mich nicht eher ein Gebet erlöset
Aus Herzen, die in Gnade sind, was hülfe
Ein andres, das im Himmel nicht erhört wird?« -

Da klomm bereits vor mir empor der Dichter
Und sagte: »Komm nun, schau, der Mittagkreis ist
Berühret von der Sonn', und bis zum Strande

Deckt schon die Nacht mit ihrem Fuß Marokko.


Gesang 05

Dante, hinter Virgil emporklimmend, sieht sich nach den Schatten um, die, seines Körpers halben, mit den Fingern auf ihn weisen und flüstern; aber sein Lehrer verweist ihm dies nichtige Aufmerken. Beschämt erröthend folgt er seinem Führer. Da zieht eine neue Schaar von Seelen quer über ihren Pfad, singend das Miserere, des lebenden Dante gewahrend aber geht ihr Gesang in ein staunendes Oh! aus. Zween Seelen kommen nun aus der Schaar hervor, und als Virgil sie über Dante's Zustand unterrichtet, und sie die Kunde von dem noch Lebenden den Uebrigen gebracht, kommen Alle daher und bestürmen Dante mit Flehen, daß er die Ihren, die noch leben, zu Fürbitten für sie ermahne. Virgil erlaubt ihm, doch stets im Aufklimmen, sie anzuhören und diese Barmherzigkeit zu üben. Da vernimmt er, daß alle diese Seelen gewaltsamen Todes gestorben und sich erst in der letzten Stunde plötzlich erleuchtet zu Gott gewendet, und erbittet sich ihre Aufträge an die Lebenden. Zuerst flehet ihn nun Jacopo da Cassero an, die Leute in Fano zu Fürbitten zu ermahnen, damit er zur Läuterung eingehen möge, und erzählt sein blutiges Ende. Hierauf naht mit ähnlichem Flehn die Seele Buonconte's. Dante befrägt sie, wo ihr Leib hingekommen, da man ihn auf Erden nicht gefunden? Sie antwortet: der Böse habe, einen Wolkenbruch erregend, ihr irdisch Theil von dem geshwollenen Strom Archian hinrollen und mit Stromschutt bedecken lassen, das Kreuz auflösend, das er im Sterben mit seinen Armen gemacht. Zuletzt naht die Seele Pia's, und bittet, ihrer zu gedenken. Dieser Gesang stellt im Ganzen die tugendhaft-christliche Theilnahme an unsern Nächsten der leeren und nutzlosen gegenüber, und Virgil's Ermahnung, dabei immer fortzuschreiten, lehrt zugleich, daß der Mensch an Andern nicht so viel Theil nehmen müsse, daß er sein eignes Heil darüber versäume.

Schon hatt' ich mich getrennt von jenen Schatten
Und folgete den Stapfen meines Führers;
Als hinter uns, nach mir den Finger streckend

Der Eine rief: »Seht, nicht zu leuchten scheinet
Der Strahl zur Linken dort, an jenem Untern,
Auch scheint er sich wie lebend zu gehaben!« -

Die Augen wandt' ich bei dem Hall der Rede
Und sah sie in Verwunderung betrachten
Nur mich, nur mich und den gebrochnen Lichtstrahl.

»Warum verstrickt sich also deine Seele,
Begann der Meister: daß mit Gehn du zögerst?
Was kümmert dich, was man dahinten flüstert.

Komm, folge mir und laß die Leute reden:
Sei wie ein fester Thurm, der nun und nimmer
Den Gipfel reget bei der Lüfte Sausen.

Ein Mensch, in dem Gedanke auf Gedanke
Aufkeimt, entfernet immerdar das Ziel sich,
Weil Einer da des Andern Kraft entsauget.« -

Was konnt' ich ihm entgegnen als: »Ich komme!«
Ich sprach's, etwas umgossen mit der Farbe,
Die oft den Menschen der Verzeihung werth macht.

Indessen aber kamen auf dem Abhang
Querüber Leute, vor uns her ein wenig,
Das Miserere singend, Vers nach Verse.

Als sie gewahreten, wie ich dem Durchgang
Des Strahls mit meinem Leib nicht Raum gewährte,
Ward ihr Gesang zum Oh! gedehnt und heiser.

Und zweie aus denselben, gleichsam Boten,
Liefen entgegen uns, uns also bittend:
»Wollt über euren Zustand uns belehren!« -

Mein Meister aber sprach: »Ihr könnt zurückgehn,
Und Jenen. die euch ausgesendet, sagen:
»Daß dieses Menschen Leib wahrhaftig Fleisch ist:

Wenn, seinen Schatten zu erschaun, sie weilten,
Wie ich vermeine, gnüget dies zur Antwort.
Wenn sie ihn ehren, kann er ihnen werth sein.« -

Entflammte Dünste sah ich nie so eilig
Im Anbeginn der Nacht die Heitre theilen,
Noch, wenn die Sonne sinkt, Augustgewölke:

Als Jen' in wen'ger Zeit nun aufwärts kehrten
Und hingelangt sich mit den andern wandten
Zu uns, gleich einem Schwarm der ohne Zaum jagt.

»Des Volkes, welches uns nachdrängt, ist vieles!« -
»Sie kommen dich zu bitten, sprach der Dichter:
Drum gehe nur und hör sie an im Gehen.« -

»O Seele, die du wallst, selig zu werden,
Mit jenen Gliedern, womit du geboren,
Schrien sie im Kommen: hemm' den Schritt ein wenig!

Sieh, ob du je geschauet unser einen,
Damit du jenseits Kunde von ihm bringest:
O warum gehst du, warum weilst du nimmer?

Wir wurden alle mit Gewalt getödtet,
Und waren Sünder bis zur letzten Stunde,
Da macht' ein Lichtstrahl uns des Himmels denken:

Also, daß wir bereuend und verzeihend
Vom Leben schieden und in Gott ergeben,
Der uns mit Sehnsucht, ihn zu schaun, das Herz füllt.« -

Und ich: »Wie ich in eure Angesichter
Auch schau', ich kenne Keinen; doch, gefällt's euch,
Was ich vermag, zu Heil geborne Geister,

Sagt es, so thu' ich es, bei jenem Frieden,
Den, folgend so gestalten Führers Füßen,
Man mich von Welt zu Welt aufsuchen heißet.« -

Und Einer hub an: »Jeglicher vertrauet
Hier deinem Wohlthun,selbst auch unbeschworen,
Wenn Ohnmacht nur den Willen nicht verkürzet:

Drum ich, allein für all' die Andern redend,
Dich bitte, daß, siehst du dereinst die Gegend,
Die zwischen der Romagna liegt und Carls Land:

Du mir in Huld beistehst mit deinen Bitten
In Fano: daß man eifrig für mich bete,
Und ich der großen Sünden Läutrung finde.

Dort war ich her, allein die tiefen Wunden,
Daraus das Blut floß, drin ich lebte, hab' ich
In der Antenoriden Schooß empfangen,

Wo ich am sichersten zu sein vermeinte,
Ließ der von Esti sie mir schlagen, welcher
Mir mehr des Hasses trug, als Recht erheischte.

Doch, wär' ich hingeflohen zu der Mira,
Als Oriaco ich erreichet hatte,
Noch würd' ich drüben sein, allwo man athmet.

Ich lief zum Sumpf, und Rohr und Schlamm befingen
Mich, daß ich fiel, und dort aus meinen Adern
Sah' an der Erd' ich eine Lache werden.« -

Da sprach ein Andrer: »Oh, soll das Verlangen
Sich dir erfüllen, das zur Höh' dich hinzieht:
Steh' meinem bei mit gütigem Erbarmen!

Ich war von Montefeltro, hieß Buonconte,
Nicht sorgt Johanna meiner oder Andre,
Drum geh' ich mit gesenkter Stirn bei diesen.« -

Und ich: »Sag', welche Macht, welch' Abentheuer
Hat so dich fortgerafft von Campaldino,
Daß nie man deine Grabesstatt erfahren?« -

»O, sagt' er drauf: am Fuß des Casentino
Fließt quer ein Wasser. Namens Archiano,
Am Apennin entspringend, über'm Kloster.

Und wo deß Name gänzlich sich vernichtet,
Gelangt' ich hin, durchstochen meine Kehle,
Zu Fuße fliehend, und den Grund beblutend.

Allda verlor ich so Gesicht wie Rede.
Ich endete wohl in Maria's Namen,
Und fiel dahin und nur mein Fleisch verblieb dort.

Wahr ist es: sag's bei den Lebend'gen wieder,
Gott's Bote nahm mich, aber der der Hölle
Schrie: du vom Himmel, warum mir ihn rauben?

Wohlan, so nimm von ihm das ew'ge Theil dir
Hin um das Thränlein, das ihn mir entreißet,
Doch anders werd' ich mit dem andern schalten.

Du weißt gar wohl, wie in der Luft sich feuchtes
Gedünst anhäuft, das wieder wird zu Wasser,
Sobald es aufsteigt wo es Kält' umwehet:

Der böse Wille, der nur Böses wünschet,
Verband mit Einsicht sich und Dunst erregt' er,
Und Wind durch Kraft, die ihm Natur verliehen.

Drauf, als der Tag erloschen war, bedeckt er
Am großen Joch das Thal von Pratomagno
Mit Nebel und verhing den Himmel drüber,

Daß die vollschwangre Luft zu Wasser umschlug,
Der Regen fiel und in die Klüfte strömte:
Von diesem, was die Erde nicht ertragen,

Und wie die Art es ist der großen Bäche,
Zum königlichen Strom hinab geschwinde
Entstürzet' es, daß nichts es mehr zurückhielt.

Und meinen starren Leib fand an der Mündung
Der stolze Archian und trieb zum Arno
Ihn hin, und löst' auf meiner Brust das Kreuz auf,

Das ich vor mir gemacht, als Schmerz mich hinwarf.
Entlang der Ufer rollt' er mich, am Grund hin,
Dann deckt' er und umgab mit seinem Raub mich.« -

»Oh, wenn du wirst zur Welt zurückgekehrt sein,
Und ausgeruhet von dem langen Wege,
Fuhr nun der dritte Geist fort nach dem zweiten:

Erinnre dich an mich: die Pia bin ich.
Siena gab, Maremma nahm den Leib mir:
Wohl weiß es der, der einst mich im Verlöbniß

Beringet hat mit seinem Siegelringe.« -


Gesang 06

Wie der Gewinner im Würfelspiel umdrängt wird, umdrängt den Dichter die Menge der Seelen, die gewaltsamen Tod erlitten. Er nennt von ihnen den Aretiner Benincasa, den Federigo Novello von Battifoli, den Guido degli Scornigiani, den Grafen Orso und den Peter della Broccia. Endlich, frei geworden von dem Zudrange, befragt Dante seinen Führer: wie denn beten den Beschluß des Himmels beugen könne, da er doch in der Aeneis das Gegentheil behaupte. Hierauf entgegnet ihm Virgil, daß beten den Beschluß ja nicht beuge, wenn Liebe das in einem Nu erfülle, weshalb diese Seelen hier so lange Zeit harren müßten; überdies habe damals, als er jenes geschrieben, Gebet nicht geholfen, weil es Gott abtrünnig war (s. Hölle I V. 72); doch räth er ihm, bei dem Zweifel nicht zu weilen, bis Beatrice es ihm heiße, die er auf dem Gipfel des Berges schauen werde. Beatrice's Namen hörend treibt Dante mit erneutem Eifer selbst Virgilen zum Weitergehen, da der Berg schon schatte. Virgil aber sagt ihm: so schnell sei er nicht zu ersteigen: die Sonne werde noch erst wieder aufgehen, bevor er den Gipfel erreiche. Nun erblicken sie eine einsame würdige Seele, die sie an sich vorübergehen läßt und nur nach ihnen blickt, wie ein ruhender Löwe. Virgil befragt sie nach dem Aufweg, wird aber selbst von ihr vor der Antwort um seine Herkunft befragt. Als er mit Mantua beginnt, giebt sich die Seele freudig als den Mantuaner Dichter Sordello zu erkennen, und freudig stürzen sich beide in die Arme. Dante nimmt hier Gelegenheit, dieser rührenden Innigkeit zweier Landsleute die wilde störrige Uneinigkeit seines Vaterlandes gegenüber zu stellen, wo Bürger Bürger anfeinden, die mit ihnen von einer Mauer umschlossen werden, wo das Volk, sich wild hervordrängend, an Kaisers Statt herrschen will. Zugleich werden die Kaiser Rudolph von Habsburg und Albrecht, die sich habsüchtig bereichert, statt des Reiches in Italien zu sorgen, bitter getadelt, und grimmiges Schelten ergeht über den unstät herrschenden Pöbel von Florenz, welches Schelten stark an das der Propheten über Israel erinnert. In diesem Gesange stellt Dante seine Liebe zu Beatrice neben die zu seinem Vaterlande; beider Eifer ist gleich heftig. Der geistliche und politische Grund seiner Dichtung tritt auch hier klar hervor.

Sobald geschieden wird im Zaraspiele,
Bleibt der Verlierer klagend, wiederholet
Die Würfe noch, und überzeugt sich traurig;

Doch mit dem Andern geht der ganze Haufe:
Der Eine faßt ihn vorn, der Andre hinten,
Der bringt sich von der Seit' ihm in's Gedächtniß:

Er bleibt nicht stehn, erhört wohl Den und Jenen,
Streckt vor die Hand dem Andern, und nicht weiter
Drängt dieser ihn: so wehrt er sich das Treten.

So ging auch ich in dem vielfält'gen Schwarme,
Das Antlitz hin und her zu ihnen wendend,
Und lösete davon mich durch Versprechen.

Hier war der Aretiner, der empfangen
Den Tod von Ghin di Taccos rohen Armen,
Und Jener, der ertrunken im Verfolgen.

Hier bat, gestreckt die Arme, Federigo
Novello, der Pisaner auch, der kräftig
Erscheinen ließ den trefflichen Marzucco.

Ich sah den Grafen Orso, und die Seele
Getrennt von ihrem Leib durch Groll und Mißgunst,
So sagte sie: und nicht Verbrechens halber.

Pier dalla Broccia mein' ich, und es sehe
Sich die Brabant'rin vor, so lang sie disseits,
Daß sie dafür nicht komm' in schlimm're Heerde!

Als ich nun los war von den Schatten allen,
Die mich nur baten, daß ich Andre bäte,
Daß ihre Heiligung beschleunigt werde:

Begann ich: »O mein Licht, es will mir scheinen,
Als leugnetest du fest an einer Stelle,
Daß beten den Beschluß des Himmels wende;

Und diese Leute bitten doch um Solches?
So wär' demnach derselben Hoffen eitel?
Wie, oder wär' dein Wort mir da nicht deutlich?« -

Und er zu mir: »Ganz klar ist meine Schrift da,
Auch nimmer irret sich hier dieser Hoffen,
Betrachtet man es recht gesunden Sinnes:

Weil des Gesetzes Gipfel nicht zu Thal sinkt,
Wenn Glut der Lieb' in einem Nu erfüllet,
Was der erfüllen soll, der hier sich anwohnt:

Und damals, als ich jenes Wort verfasset,
Ward noch kein Fehlen durch Gebet gesühnet;
Weil das Gebet abtrünnig war von Gotte.

Doch wahrlich, bei so hehrgeheimem Zweifel
Verweile nicht, gebeut es dir nicht Jene,
Die Licht dir zwischen Wahrheit geb' und Einsicht:

Verstehst du mich: ich meine Beatrice.
Du wirst sie schauen oben auf dem Gipfel
Desselben Berges lächelnd und glückselig.« -

Ich aber: »Herr. nun laß uns schneller gehen,
Denn schon ermüd' ich nicht mehr wie zu Anfangs,
Und siehe wie die Höhe jetzo schattet!« -

»Wir werden aufwärts gehn an diesem Tage,
Antwortet' er. so viel wir nur vermögen;
Doch schwerer ist das Werk, als du dir vorstellst.

Bevor wir droben, siehst du wiederkehren
Die, welche schon sich decket mit dem Hange,
So daß du nicht mehr unterbrichst ihr Strahlen.

Doch sich da eine Seele, die mit Absicht
Allein und einsam gegen uns daherschaut:
Die wird uns schneller hier die Straße zeigen.« -

Wir kamen zu ihr ... O lombard'sche Seele,
Wie saßest du so hehr, unwillig
Und streng und langsam mit der Augen Regung!

Dieselbe sprach zu uns kein einzig Wörtlein,
Nein, ließ uns weiter gehn, nur immer blickend,
Nach eines Leuen Art, sobald er ruhet.

Doch ging Virgilius zu ihr und bat sie:
Daß sie uns zeigete den besten Aufgang,
Doch die antwortete nicht auf sein Bitten,

Nein, fragt' um unser Vaterland und Leben
Ihn, und darauf begann mein sanfter Führer:
»Mantua« ... und der in sich einsame Schatten

Stand auf gen ihn, vom Ort wo er gesessen,
Spricht: »Mantuaner, schau, ich bin Sordello
Aus deiner Stadt!« und Einer halst den Andern.

O Dienerin Italien, Leidenswohnstatt,
Schiff ohne Steuermann in großem Sturme,
Herrin der Länder nicht, nein Hurentempel!

Die adelige Seele war so eilig,
Allein beim süßen Hall des Vaterlandes,
Dort ihren Landsmann festlich zu umfangen;

Und doch sind nimmermehr der Kämpfe ledig,
Die in dir leben: Einer nagt den Andern,
Umhegt von einer Mauer, einem Graben!

Such' Elende, ringsher an allen Rändern,
Von deinen Ufern, schau' dann in die Brust dir
Ob wohl ein Theil in dir des Friedens froh wird?

Was hilft es, wenn Justinian die Zäume
Dir wieder angelegt - ist leer der Sattel?
Geringer ohne die wär' deine Schande!

O Volk, du solltest doch demüthig werden,
und Cäsarn sitzen lassen auf dem Sattel;
Verstehe ich es recht, was Gott dir vorschreibt.

Schau' an: wie tückisch dieses Thier geworden,
Weil es nicht mehr gelenkt wird mit den Sporen,
Sobald du Hand geleget an die Zügel.

O deutscher Albert, sprich, warum verlässest
Du es, das ungefügt und wild geworden,
Und solltest doch umspannen seinen Sattel!

Gerechter Richtspruch falle von den Sternen
Hin auf dein Blut und neu und offenkundig,
Daß ihn in Ehren halte wer dir folget!

Denn du hast und dein Vater es geduldet,
Aus Habbegier von hier hinweggezogen,
Daß so verwüstet ward des Reiches Garten.

Komm, die Montecchi sieh', die Capuletti,
Monaldi, Filippeschi, Mann, sorgloser, ...
Die schon betrübt und jene voll von Aengsten.

Komm Unbarmherz'ger, komm und sieh die Drangsal
An deiner Edeln, heil' nun ihre Fehle:
Dann wirst du sehn, wie sicher Santafior ist!

Komm her! sieh' deine Roma, die da weinet,
Verwittwet, einsam Tag und Nächte ruft sie:
Warum nicht wohnest du bei mir, mein Kaiser!

Komm her, das Volk zu schaun, wie es sich lieb hat?
Und wenn für uns kein Mitleid dich beweget,
Komm her, um deines Rufes dich zu schämen!

Und darf ich fragen dich, du höchster Helfer,
Der du für uns gekreuzigt wardst auf Erden;
Schaut anderwärts hin dein gerechtes Auge?

Ist's Vorbereitung, welche in der Tiefe
Gemacht wird deines Raths, zu einem Heile,
Das unsern Blicken ganz und gar entrückt ist?

Dieweil Italiens Städte ganz erfüllet
Sind von Tyrannen und weil ein Marcellus
Jedweder Schuft wird, der partheiend herläuft!

O mein Florenz, du kannst zufrieden bleiben
Mit diesem Ausfall, der dich nicht berühret,
Dank's deinem Volk, das Alles wohlbedenket.

In Vieler Brust ist Rechtlichkeit, doch schießt sie
Spät ab und faßt nicht unbedacht den Bogen;
Allein dein Volk hat's auf der Lippen Spitzen.

Gar Viel' entziehn sich dem gemeinen Wesen,
Allein dein Volk antwortet gar behend da,
Und ungerufen sagt's: Ich nehm' es auf mich.

Nun mach' dich lustig; denn du hast das Zeug zu!
Du Reiche, voll von Frieden und voll Weisheit,
Sag' Wahres ich ... die Folge wird's nicht bergen!

Athen und Lacedämon, die der Vorzeit
Gesetz' gegeben, und so sittlich waren,
Sie thaten rechten Lebens wenig Zeichen,

Mit dir verglichen, die du so spitzfind'ge
Maßregeln triffst, daß zu Novembers Mitte
Nicht reichet, was du im October spinnest.

Wie oft hast du, seitdem du deß gedenkest,
Gesetze, so wie Münz' und Amt und Sitte
Geändert und erneuet deine Glieder?

Gedenkst du dessen wohl, und siehst du deutlich,
So wirst du gleich der Kranken dir erscheinen,
Die keine Ruh' erlanget auf den Federn,

Und wider ihren Schmerz ankämpft mit Wenden.


Gesang 07

Nach mehrfachen Umarmungen giebt Virgil, von Sordell befragt, sich zu erkennen. Sordell erstaunt, in ihm den hohen Dichter zu erblicken und bezeigt ihm seine Verehrung. Auf Begehren erzählt ihm Virgil: wie er der Schau der Erkenntnißsonne verlustig gegangen, nun aber von Himmelskraft bewegt, die Vorhölle verlassen und hierhergelangt sei, und fügt daran den Wunsch, den Ort der rechten Läuterung zu erfahren. Sordell entgegnet ihm: der Tag neige sich bereits, und nach dem Sinken der Sonne vermöge man nicht am Berg emporzusteigen; nur umher und hinabzuwandeln stehe den Seelen frei; er rathe ihnen daher. einen schönen Ruheplatz aufzusuchen und daselbst den neuen Tag zu erwarten. So geleitet er sie, auf einem Vorsprunge des Bergs, an den Hang eines nach außen geöffneten Thales, wo die Seelen derer ruhen, die im Sorgen irdischer Herrschaft das Himmelreich verabsäumt. Zu ihrer Beschämung blüht das ganze Thal von natürlichen Blumen, die mit ihrer duftenden Pracht alle andere Herrlichkeit übertreffen und dennoch ein vergänglich Ding sind, wie Christus in der Bergpredigt sagt (s. Matth. VI V. 28 u. w.). Anzudeuten, daß sie sich nun von den irdischen Reichen zum himmlischen wenden wollen, singen die Seelen den der Himmelskönigin Maria heiligen Abendgesang »Salve Maria«, Sordell aber räth den Wandernden, nicht sogleich hinabzugehn, sondern die unten Ruhenden erst von dem höhern Standpunkt zu betrachten, so lange die Sonne der Erkenntniß noch etwas leuchte. Hierauf zeigt er ihnen den Kaiser Rudolph von Habsburg, welchen er der Vernachlässigung Italiens anklagt, dann den König Ottokar von Böhmen, ferner Philipp III. von Frankreich, Heinrich III. von Navarra, Peter III. von Arragonien und dessen Sohn, endlich Heinrich III. von England und tiefer unten den Markgrafen Wilhelm von Montserrat. Trotz des heiligen Gesanges erscheinen sie alle noch von Sorgen um ihre Reiche gedrückt und ihrer Fehler gedenkend, ja Rudolph von Habsburg ist so vertieft darin, daß er sogar nicht mitsingt. Sonst scheinen sie nach dem Rang zu sitzen, da Kaiser Rudolph den höchsten Platz einnimmt. Das Thal bedeutet hier wiederum wie Hölle I die Zeitlichkeit, in der die Seelen befangen sind; doch nicht die wirkliche, sondern bloß das Gedenken derselben (wie auch der Sturm Fegef. XXV V. 113 nicht der wirkliche falsche Trieb sein soll, sondern nur die Erinnerung daran.)

Nachdem die ehrenvollen frohen Grüße
Nun drei- und viermal wiederholet worden,
Entzog Sordell sich fragend: »Ihr, wer seid ihr?« -

»Bevor noch Seelen sich zu diesem Berge
Gewendet, werth zu Gott emporzusteigen,
Ward mein Gebein von Oktavian begraben.

Ich bin Virgil, verlor um andern Fehl nicht
Den Himmel, als weil mir der Glaube fehlte!« -
Also entgegnete nunmehr mein Führer.

Wie Einer ist, der sich vor Augen plötzlich
Ein Ding erblickt, worüber er erstaunet,
Der glaubt und nicht, und sagt: es ist - es ist nicht!

So schien der Andre, neigte drauf das Antlitz,
Und kehrete zu ihm zurück in Demuth;
Umfing ihn dann wo der Geringre fasset.

»O, der Lateiner Ruhm, sagt' er: durch welchen
Gezeiget unsre Sprache, was sie konnte,
O ew'ger Preis des Ortes wo ich her war!

Welch' ein Verdienst zeigt dich mir, welche Gnade,
Wenn ich es werth bin dein Gespräch zu hören,
Sprich, kommst du aus der Höll? aus welchem Kreise?« -

»Durch alle Kreise des wehvollen Reiches,
Antwortet' er: bin ich hierher gelanget,
Mich regte Himmelskraft, mit dieser komm' ich.

Durch Thun verlor ich nicht, allein durch Nichtthun,
Die Schau der Sonne, welche du ersehnest,
Und die nur allzuspät von mir gekannt ward!

Da unten ist ein Ort, nicht trüb von Qualen,
Nein nur von Finsternissen, wo die Klagen
Nicht hallen wie Geschrei, nein, Seufzer sind sie:

Allda bin ich bei den unschuld'gen Kleinen,
Die schon des Todes Zähne trafen, eh' sie
Erlöset worden von der Schuld der Menschheit:

Bin dort bei denen, die sich nicht bekleidet
Mit den drei heil'gen Tugenden, und fehllos
Die andern kannten, und sie all' befolgten.

Doch, weißt du es, und kannst du, gieb ein wenig
Uns Weisung, daß wir schneller hingelangen,
Allwo den rechten Anfang hat die Läutrung.« -

Er sprach: »Kein fester Ort ist uns bestimmet:
Ich darf hier aufwärts gehen und umher auch.
So weit ich kann, geh' ich mit dir als Führer.

Doch siehe wie der Tag bereits sich neiget,
Und bei der Nacht kann man nicht aufwärts gehen:
Drum thut man wohl, gedenkt man schöner Ruhstatt.

Zur Rechten sind von hier entrückte Seelen:
Wenn dir's genehm ist, führ' ich dich zu ihnen:
Nicht ohne Lust magst du sie kennen lernen.« -

»Wie ist das, ward entgegnet: wollte Einer
Bei Nacht aufsteigen, würd' er da von Jemand
Gehindert, oder wär's, daß er nicht könnte?« -

Da fuhr Sordell, der edle, mit dem Finger
Am Boden hin und sprach: »Sieh, nicht den einen
Strich überschrittst du nach der Sonne Hingang;

Doch nicht als brächt' ein ander Ding noch Hind'rung
Empor zu gehn, als nur das nächt'ge Dunkel:
Dasselbe hemmt den Willen so mit Ohnmacht.

Wohl könnte man darin hinunterwandeln,
Und sich ergehen ringsumher am Abhang,
Indeß der Horizont den Tag verschließet.« -

Worauf mein Herr gewissermaßen staunend
Sprach: »Wohl, so führ' dahin uns, wo du sagest:
Daß man da bleibend Lust empfahen könne.« -

Ein wenig waren wir von hier entfernet,
Als ich gewahrte, daß der Berg da einbog,
Nach Art wie diesseits sich die Thäler tiefen.

»Wir werden dorthin gehen, sprach der Schatten:
Allwo der Abhang einen Busen machet,
Und wollen dort den neuen Tag erwarten.« -

Vom Sturz zur Ebne war ein Pfad gewunden,
Der uns am Rande führete des Abhangs,
Bis mehr als mitten schwindet dieser Vorsprung.

Gold, feines Silber, Scharlachbeer und Bleiweis,
Indisches Holz, hellleuchtendes und klares,
Frischer Smaragd, den man nur eben abbrach:

Vom Kraut und von den Blumen, die in dieser
Vertiefung stehn, wär' alles dies besieget,
Besiegt wie von dem Größeren das Kleinre.

Es hatte hier Natur nicht bloß gemalet,
Nein, durch Annehmlichkeit von tausend Düften
Erschuf sie da ein unbegreiflich Neues.

»Salve Regina« singend hier im Grünen,
Sah' ich auf Blumen Seelen ruh'n, die außen,
Der Tiefung halben, nicht zu sehen waren. -

»Bevor das Endchen Sonne noch zu Nest geht,
Begann der Mantuaner, der uns wandte:
Wollt nicht, daß ich zu Jenen euch geleite.

Von diesem Hange könnt ihr besser Aller
Gesicht und Antlitz fassen als da unten
In der Vertiefung unter ihnen selber.

Der da am höchsten sitzt und sich gehabet,
Als hätte er versäumt, was thun er sollte:
Und der den Mund nicht regt zu Andrer Singen:

Rudolph der Kaiser war er, der die Wunden
Wohl heilen konnte, die Italien fällten,
Daß spät es sich erhebt durch einen Andern!

Der Andre, deß Anblick ihn tröstet, herrschte
Im Lande, wo das Wasser quellet, welches
Die Moldau in die Elb' und die in's Meer führt:

Ottokar war sein Nam', und in den Windeln
War er viel besser als der bärt'ge Wenzel,
Sein Sohn, den Ueppigkeit und Faulheit weidet.

Und jenes Näslein, das vertraut im Rathe
Mit dem erscheinet, deß Ansehn so hold ist,
Starb fliehend und die Lilie entblätternd.

Da sehet hin, wie er sich an die Brust schlägt!
Den Andern schaut, der seiner Wange seufzend
Mit seiner Hand ein Bett gemacht: der Vater

Und Eidam sind sie von dem Unheil Frankreichs:
Sie kennen sein sündhaft und schmutz'ges Leben,
Und daher kommt der Schmerz, der sich auf sie wirft.

Der also gliederstark erscheint und singend
Zu dem mit der männlichen Nase stimmet,
Trug aller Tugend seinen Gurt umwunden:

Und, wär' als König hinter ihm verblieben
Der Jüngling, der sich hinter ihm gelagert,
Wohl ging die Tugend dann von Schaal' in Schaale,

Was man nicht sagen kann von andern Erben;
Jakob und Friedrich haben die Gezweige,
Doch keiner hat von seinem bessern Erbtheil.

Selten erstehet wieder durch die Sprossen
Die menschliche Rechtschaffenheit, und solches
Will, der sie giebt, und man erfleht von ihm sie!

Auch dem Benasten gelten meine Reden
Nicht wen'ger als dem andern Pierre, der mitsingt,
Ob dem Provence und Puglien schon wehklagt.

So viel geringer ist vom Stamm der Schößling,
Als sich Constanza über Beatrice
Und Margaretha noch des Gatten rühmet.

Den König schauet des einfachen Lebens
Dort ruhen einsam: Heinrich ist's von England:
Der hat in seinen Zweigen wen'ger Ausfall.

Der sich bei jenen tiefer streckt am Boden,
Aufblickend - Markgraf Wilhelm ist's, um welchen
Alessandria und ihr Kriegen weinen machet

Den Montserrater und den Cannaveser.


Gesang 08

Die Stunde ist herangekommen, wo den Schiffer, der das wankende Meer befährt, das Heimweh ergreift, und der sehnsüchtige Pilger trauert, daß es nachtet. Eine der Seelen erhebt und wendet sich in Hoffnung des morgen wiederkehrenden Lichtes, den Hymnus te lucis ante terminum anstimmend, womit jene Seelen, wie die Gläubigen diesseits, Gott um Bewahrung vor nächtlichen Schrecken und Anfechtungen anflehen. Dieses Gebet wird erhört. Am Berg herab kommen zween Engel. Ihre Fittige und ihr Gewand haben die Farbe der Hoffnung: die feurigen Schwerdter, welche sie tragen, haben die Spitzen gestumpft; denn diese Engel sind die Boten gottlichen Erbarmens; sie kommen von dem Schooß Maria's und stellen sich rechts und links an den Eingang des Thales, es vor der Schlange der Versuchung zu schirmen, die, wie Sordell sagt, bald erscheinen soll. Nun gehen die drei Dichter hinab in das Thal, und Dante findet daselbst zuerst den edlen Richter Nino, welcher erstaunt ist, ihn zu sehen, und ihn nach herzlichen Begrüßungen bittet, seine Tochter Johanna aufzufordern, daß sie für sein Heil bete, da seine hinterlassene Wittwe sich von Neuem vermählt habe und seiner vergessen: so vergänglich sei die irdische Liebe! - Nun blickt Dante zum Himmel, die Sterne Glaube, Liebe und Hoffnung anstaunend, welche an die Stelle der andern Fegef. I V. 23 erwähnten vier Tugendgestirne am Südpol aufgestiegen sind und den ganzen Himmel erhellen. In der Erdennacht gewähren uns diese Sterne noch Trost, wenn schon die andern: Mäßigkeit, Stärke, Gerechtigkeit und Weisheit verschwunden sind. - Es ist Nacht und die Schlange der Versuchung kommt gleißend und sich putzend heran; aber die Engel schweben hinab und schon vor dem Rauschen ihrer Fittige weicht das Ungethüm zurück. - Nun wendet sich der edle Gurrado Malaspini in Sorgen um sein Haus zu Dante und erfährt von ihm, daß der alte Ruhm davon noch nicht gewichen sei. Erfreut hievon, prophezeiht er dem Dichter: sein eben ausgesprochenes Lob werde sich bald an ihm selbst bestätigen, womit auf die gastfreundliche Aufnahme hingedeutet ist, welche der Dichter im Jahr 1307 bei Marzello Malaspini erfuhr, obgleich er von der Gegenparthei war.

Schon wa'rs die Stunde, die das Heimweh reget
Den Schiffern und ihr Herz erweicht am Tage,
Da sie die lieben Freunde Gott befohlen:

Und die mit Liebesweh den neuen Pilger
Durchdringt, vernimmt von fern er eine Glocke,
Die zu beklagen scheint den Tag, der hinstirbt:

Als ich begann vergeblich aufzuhorchen,
Und jener Seelen ein' erstanden sahe,
Die winkte mit der Hand Andacht erheischend.

Sie kam heran und hub die Hände beide,
Fest richtend ihre Augen gegen Morgen,
Als spräch' zu Gott sie: nach nichts Andrem tracht' ich.

»Te lucis ante« ging so frommergeben
Aus ihrem Mund, in so holdsel'ger Weise,
Daß sie mich meiner selbst vergessen machte.

Worauf die Andern heiter und andächtig
Ihr folgten in dem Hymnus bis zu Ende,
Gewendet ihre Augen zu den Höhen.

Schärf hier die Blicke recht nach Wahrheit, Leser,
Denn so durchsichtig fein ist hier der Schleier
Gewißlich, daß hineinzudringen leicht ist.

Ich sahe diese adelige Menge
Nunmehro schweigend in die Höhe schauen,
Gleichsam erwartend, bleich, und sehr demüthig:

Und sah von oben vorgehn und hernieder
Zween Engel steigen, mit zween glüh'nden Schwerdtern,
Gestumpfet und beraubet ihrer Spitzen.

Grün, wie nur eben erst entkeimte Blätter,
War ihr Gewand, das sie von grünen Fitt'gen
Geschlagen und gefächelt nach sich zogen.

Ein wenig über uns hielt an der Eine;
Der Andre stieg zum Saume drüben nieder,
So daß sich in der Mitte hielt die Menge.

Das blonde Haupt erkannt' ich wohl an ihnen;
Allein im Angesicht verging das Auge,
Wie Kraft die in zu Vielem sich vernichtet.

»Sie kommen beide von dem Schooß Maria's,
Begann Sordell: das Thal hier vor der Schlange
Zu schirmen, die nun kommen wird bald, balde.

Worauf ich, der woher sie käm' nicht wußte,
Mich ringsum wandte und mich dicht andrängte,
Gänzlich erstarret, an die treuen Schultern.

Und weiter sprach Sordell: Gehn wir hinunter,
Und reden dort wir mit dem großen Schatten:
Sehr wird es sie erfreuen euch zu schauen.« -

Ich glaube, nur drei Schritte ging ich abwärts,
Und unten war ich, und erblickte einen,
Der mich ansah, als wollt' er mich erkennen.

Schon war die Zeit es, wo die Luft sich schwärzte,
Doch so nicht, daß sie zwischen seinen Augen
Und meinen nicht erhellt was erst unkenntlich.

Er eilte mir, so wie ich ihm, entgegen:
Du edler Richter Nino, wie erfreut war
Ich, als ich sah, du seist nicht bei den Schuld'gen,

Kein schöner Gruß ward zwischen uns verschwiegen:
Dann fraget er: »Wie lang' ist's, daß du kamest
Zum Fuß des Berges, auf den weiten Wassern?« -

»O, sagt' ich: durch die traur'gen Stätten kam ich
Heut früh, und bin annoch im ersten Leben,
Damit so pilgernd ich das zweit' erwerbe.« -

Als meine Antwort nun vernommen worden,
Zog sich Sordell zurück, mit ihm zusammen,
Wie Leute, die auf einmal sehr erstaunen.

Der Eine zu Virgil, der Andre wandte
Zu einem sich, der dort saß, rufend: »Conrad,
Auf! komm und schau' was Gott gewollt in Gnaden.«

Zu mir gekehrt dann: »Bei'm besondern Vorzug,
Den du verdankest Dem, der so verbirget
Sein erst Warum? daß dahin keine Furt ist:

Wirst einst du jenseits sein der breiten Wogen,
Sag' meiner Johanna, daß sie für mich bitte
Da, wo man den Unschuldigen willfahret.

Ich zweifl', ob ihre Mutter mich noch liebe,
Seitdem vertauscht sie hat die weißen Binden,
Wonach sie einst noch trauernd muß verlangen.

An ihr ersieht man leicht: wie lange Flamme
Der Liebe währt beim Weibe; wenn nicht Auge
Sie und Berührung öfter neu entzündet!

So schöne Grabstatt wird ihr nie bereiten
Die Viper, welche die Mailänder schirmet,
Als ihr Gallura's Hahn bereitet hätte.« -

So sprach er, und es war sein ganzes Aussehn
Bezeichnet mit dem Stempel wahren Eifers,
Der mäßig in dem Herzen sich entzündet.

Sehnsüchtig ging mein Auge auch zum Himmel,
Dorthin wo langsamer die Sterne wandeln,
Gleichwie ein Rad pflegt näher an der Achse.

Mein Führer sprach: »Nach was blickst du da oben?« -
Und ich zu ihm: »Nach den drei Fackeln schau' ich,
Wovon der Pol hier diesseits ganz entbrennet.«

Drauf er zu mir: »Die vier so klaren Sterne,
Die heute früh du sah'st, sind jenseits unten,
Und die sind aufgestiegen wo die waren.« -

Ich sprach - allein Sordell zog ihn zu sich hin
Und sprach: »Sieh' dorten unsern Widersacher!« -
Und hielt den Finger, daß dahin er sähe.

Auf jener Seite, wo ohn' allen Schirm ist
Die kleine Bucht des Thals, war eine Schlange:
Dieselbe wohl, die Even bittre Kost gab.

Das böse Streichen zwischen Kraut und Blumen
Kam's, dann und wann den Kopf zum Rücken wendend,
Und leckend einem Thier gleich, das sich putzet.

Ich sah' nicht, und drum kann ich es nicht sagen,
Wie sich die himmlischen Habichte regten;
Doch wohl sah' ich gereget den wie jenen.

Die Schlange, hörend wie die grünen Fitt'ge
Die Luft zertheilten, floh; - die Engel kehrten,
Gleichschwebend wieder auf zu ihrer Stätte.

Der Schatten, der sich an den Richter drängte,
Als dieser rief, so lang der Anfall währte,
Ward nimmer er es los, nach mir zu schauen.

»Soll jene Leuchte, welche dich emporführt,
So vieles Wachs in deinem Willen finden,
Als nöthig ist bis zu dem höchsten Estrich,

Begann derselbe: so du wahre Kunde
Von Valdimagra weißt und jener Gegend,
So sag' sie mir, der ich vordem da groß war.

Currado Malaspini war genannt ich:
Der alte bin ich nicht; doch von ihm stamm' ich,
Trug zu den Meinen Liebe, die hier läutert.« -

»O, sagt' ich ihm: in euren Städten war ich
Zwar nie; doch wo kann man in ganz Europa
Noch wohnen, wo nicht kundig sind dieselben?

Der Ruf, der euer Haus mit Ehr' erfüllet,
Schallt' zu dem Herrn und schallet durch die Lande
Daß davon weiß, wer noch nicht da gewesen.

Ich aber schwör' euch, soll hinauf ich kommen,
Daß euer ehrliches Geschlecht nichts ablegt
Vom edlen Ruhm des Seckels, und des Degens.

Brauch und Natur bevorrangt es dermaßen,
Daß, mag das sünd'ge Haupt die Welt verdrehen,
Allein geht's recht, und falschen Weg verschmäht es!«

Und er: »Nun geh', nicht siebenmale senket
Die Sonne sich in's Bette, das der Widder
Mit allen Vieren deckt und überschreitet:

So wird dir diese ehrenvolle Meinung
Inmitten deines Hauptes angeheftet,
Mit stärkern Nägeln, als mit Andrer Reden:

Bleibt ungehemmt der Gang des Urtheilsspruches«.


Gesang 09

In dem Thal, wo die des Lichtes harrenden Seelen von den Engeln himmlischen Erbarmens vor dem Versucher beschirmt werden, hat sich der Dichter geduldig niedergelassen, gleichfalls das göttliche Licht erwartend. - Im Osten erhebt sich nun ein Schimmer; aber es ist nicht das Morgenroth, es ist die Dämmerung des aufsteigenden Mondes, die ihm nun in dem kalten Zeichen des schädlichen Skorpions erscheint. Von dem unvollkommenen Mondlicht erwartet Dante keine weitere Hülfe (s. d. Anm. z. Hölle I V. 15 u. 17), sondern giebt sich als Sterblicher leiblicher Ruhe hin: der göttlichen Hut trauend und getröstet von den drei Sternen Glaube, Liebe und Hoffnung, entschlummert er auf den Blumen, die alle irdische Pracht beschämen. Aber in der heiligen Morgenstunde, wo die Seele im ausgeruhten Leide freier waltet, und entäußert mühvollen Sinnens fast göttlich erkennt, sieht er im Traum einen Adler über sich kreisen, der auf ihn herabschießt und ihn zum göttlichen Licht emporträgt, dessen Brand den noch Ungeläuterten schmerzlich trifft (vergl. d. Anm. z. Hölle VIII V. 73 und d. Inh. z. Fegef. XXVII und Parad. XXXIII V. 76-81), so daß er, erwacht, sich mit Schrecken an anderm Ort erblickt, und gewahrt, daß es schon zwei Stunden Tag sei. Virgil, die bessere Einsicht, steht vor ihm und sagt: die heilige Lucia, die erleuchtende Gnade Gottes sei es, die ihn im neuen Tage aus dem tiefen Thal emporgetragen: er, Virgil, sei ihren Schritten gefolgt, und ehe sie verschwunden, habe sie ihm noch den Eingang zur Läuterung gezeigt: hier sei derselbe, wo der steile Fels (der Aergerniß) allein getheilt erscheine (das Erbarmen Gottes hat ihn zertheilt, als die Felsen zerrissen bei des Erlösers Tode (s. Hölle XII V. 37-43 u. d. Anm.). - Nun rafft sich Dante empor und erblickt, Virgilen folgend, wo er zuerst nur einen Felsenspalt sah, eine Thür: drei Stufen führen zu ihr, auf der Schwelle aber sitzt als Huter ein Engel mit blitzendem Schwerdt. Man erkennt darin denselben, den Gott nach Adams Vertreibung zum Hüter des Paradieses bestellt, und muß den sinnreichen Dichter bewundern, der ihn vom Paradies an die Pforte der Buße herabgerückt erblickt. Der Engel wehrt den Kommenden, bis Virgil sagt: die erleuchtende Gnade Gottes habe sie an die Pforte geleitet. Nun erst nähert sich Dante den drei Stufen: in der untersten spiegelt er sich, wie er ist: sie deutet die Selbsterkenntniß an, die zweite von zerrissenem dunklen Gestein deutet die Folge der Selbsterkenntniß, die Zerknirschung an; die dritte, roth wie spritzendes Blut, ist wohl auf die Selbstgeißelung des Reuigen zu deuten. Der Sitz des Engels ist ein diamantner Fels, festes, furchtloses Vertrauen andeutend nach Ezech. III V. 9. - Dante wird von Virgil's (der Einsicht) gutem Willen die drei Stufen hinangeführt, giebt sich drei Schläge an die Brust, und wirft sich vor dem Engel nieder, ihn um Oeffnung der Thür anflehend. Da zeichnet ihm der Engel mit der Spitze des Schwerdtes sieben P an die Stirne, die sieben Sünden (peccata) anzudeuten, wozu er als Adamssohn geneigt ist, und sagt ihm: er solle sich drinnen davon reinigen. Nun holt der Engel zween Schlüssel, einen goldnen und einen silbernen, aus seinem Gewande hervor, welches die Farbe der Asche hat und der Erde, die man zu frischer Aussaat umsticht, und öffnet die Thür zuerst mit dem silbernen, dann mit dem goldnen Schlüssel, sprechend: der zweite (das Urtheilen) öffne nicht, wenn der erste (das Prüfen) nicht des Schlosses Knoten gelöst. Er habe beide von Petrus empfangen, der ihm anempfohlen habe, eher im Oeffnen, als im Schließen zu irren, dafern sich die Seelen ihm nur zu Füßen würfen, d. h.: sich der göttlichen Gnade unterthänig bezeigten. Noch warnt der Engel die Kommenden, nach ihrem Eintritt nicht zurück zu schauen, und thut nun die Thür auf, die, zu selten gebraucht, mächtig erdröhnt. Aber ihr Dröhnen klingt wie Orgelton, in dem der eintretende Dante Te deum laudamus zu hören glaubt. Dieser Lobgesang umfaßt alle Herrlichkeit des alten und neuen Bundes, und klingt ihn mit Fug hier an, wo sich die Thür aufthut, die Christus selbst ist, welcher Joh. X V. 7 sagt: »Ich bin die Thür zu den Schafen.« Das ganze Christenthum geht auf vor dem dichtenden Geiste.
Sehr wichtig ist es, alle diese Vorgänge mit denen im ersten Gesang der Hölle zu vergleichen, wo der Dichter sich aufmacht, ehe die Sonne bis in die Tiefe herableuchtet, weshalb er Christus den ebnen Weg verfehlt und an Christus den Fels gelangt, wogegen er hier mit besserer Einsicht das Licht ruhig erwartet, und so von der göttlichen erleuchtenden Gnade zu Christus der Thür gebracht wird, welche sich den verirrten Schafen aufthut, die auf dem Pfade der Buße zu Christus dem ebnen Weg zurückkehren wollen (s. d. Anm. z. Hölle I V. 3 und Fegef XXVII V. 132). Hierher gehört auch Ps. 126, wo es heißt: »Vergeblich steht ihr auf vor Tage ... den Geliebten giebt er im Schlafe.«

Die Nebenfrau Tithonos des uralten
Erschimmerte bereits am Rand des Aufgangs,
Den Armen ihres süßen Freunds entstiegen.

Es war die Stirn ihr licht von Edelsteinen,
Vereiniget zum Bild des kalten Thieres,
Das mit dem Schweif zu stechen pflegt die Menschen.

Und zwei der Schritte, die sie heben, hatte
Die Nacht gethan, allwo wir waren: aber
Der dritte neigte schon herab die Flügel:

Als ich, der was von Adam an sich hatte,
Vom Schlaf besieget mich darniederneigte
Auf's Gras, allwo wir alle Fünfe saßen.

Zur Stunde, wenn die traur'gen Klagen anhebt
Die Schwalbe, nahe an dem frühen Morgen,
Vielleicht gedenkend ihrer ersten Leiden:

Wenn unser Geist mehr außerhalb des Fleisches,
Und minder auch vom Denken eingenommen,
Fast göttlich ist in seinen Visionen:

War mir: als säh' im Traum ich einen Adler
Am Himmel schwebend hangen goldgefiedert,
Mit offnen Flügeln, willens sich zu senken.

Dort schien's zu sein, allwo von Ganymedes
Dereinst die Seinigen verlassen worden:
Als er entrückt ward zu dem höchsten Rathe.

Bei mir gedacht' ich: greift vielleicht aus Brauch er
Allein hier, und verschmäht von andern Orten
Etwas emporzutragen in den Fängen?

Drauf schien's als käm' er etwas mehr gewirbelt,
Entsetzlich wie ein Blitz herabgefahren,
Und raffte mich empor bis zu dem Feuer.

Da schien's als wäre er und ich entbronnen,
Und es erschütterte mich der erträumte
Brand so, daß sich der Schlummer trennen mußte.

Nicht anders schüttelte sich einst Achilles,
Die Augen, die erwachten, ringshin rollend,
Da er nicht wußte wo er sich befände?

Als ihn die Mutter von Chiron nach Skyros
Schlummernd in ihrem Arm geflüchtet hatte,
Woher die Griechen ihn sodann entführten:

Als ich mich schüttelte, so daß vom Antlitz
Mein Sinn entwich und ich ohnmächtig wurde,
Wie Einer, der erschreckt zu Eis erstarret.

Mein Trost allein befand sich mir zur Seite.
Mehr als zween Stunden hoch war schon die Sonne,
Und zu dem Strande war mein Blick gewendet.

»Hab' keine Furcht, begann nun mein Geleiter,
Sei deß gewiß: wir sind an guter Stätte;
Befange nicht, erweitre jede Kraft nun.

Du bist anjetzt gelangt zum Ort der Läutrung:
Sieh' da die Steile, die ihn rings umschließet,
Und sieh' die Thür, wo sie allein zerspellt ist.

Noch vor der Dämmrung, die dem Tag vorangeht,
Als deine Seele schlummerte da drinnen,
Auf jenen Blumen, so die Tiefe schmücken:

Kam eine Frau und sprach: ich bin Lucia;
Laß diesen mich hinnehmen, welcher schlummert,
So werd' ich ihn auf seinem Weg beflügeln!

Sordell blieb sammt den andern edlen Bilden:
Sie hub dich fort und, als der Tag erhellt war,
Stieg sie hier auf und ich in ihren Spuren.

Hier legte sie dich hin, doch wies vorher mir
Den offnen Eingang dort ihr schönes Auge:
Worauf sie und der Schlaf zugleich entwichen.« -

Gleich einem Menschen, der nun Sich'res findet
Im Zweifeln, und in Trost sein Bangen wandelt,
Sobald als sich die Wahrheit ihm entdeckt hat:

Verwandelt' ich mich, und als mich mein Führer
Nun ohne Sorge sah, empor am Hange
Bewegt' er sich, und ich folgt' ihm zur Höhe.

O Leser, sieh: wie hoch ich meinen Stoff hier
Aufthürme; wolle drum dich nicht verwundern,
Wenn ich mit mehrer Kunst ihn unterbaue.

Wir nahten, waren dann an einer Stelle,
Wo ich, da wo mir erst ein Spalt erschienen,
Gleich einem Riß, der eine Mauer theilet,

Nun eine Thür sah und drei Stufen drunter,
Die zu ihr führten, von verschiednen Farben:
Und einen Pförtner, der noch keinen Laut gab.

Und wie das Auge mehr und mehr ich aufthat,
Sah ich ihn sitzen auf der höchsten Stufe,
Von Antlitz also, daß ich es nicht aushielt:

Und hatt' in seiner Hand ein Schwerdt, ein bloßes,
Das gegen uns so wiedergab die Strahlen,
Daß mein Gesicht ich oft umsonst hinwandte.

»Sagt es von dort, was ihr begehrt, begann er
Zu uns zu sprechen: wo ist das Geleite?
Habt Acht, daß das Heraufgehn euch nicht schade.« -

»Ein Weib vom Himmel, dessen wohlerfahren,
Entgegnete mein Meister: sprach nur eben
Zu uns: da geht hinauf, hier ist die Pforte.« -

»Und mög' im Heil sie eure Schritte fördern,
Begann von Neuem der willfähr'ge Pförtner:
Kommt also hier heran zu unsern Stufen.« -

Wir kamen nun dahin. Die erste Stufe
War weißer Marmor, also rein und glänzend,
Daß ich mich, wie ich bin, im Spiegel schaute;

Die zweite war viel schwärzer als schwarzpurpurn,
Von einem rauhen und verbrannten Steine,
Zerrissen nach der Läng' und nach der Breite;

Die dritte, die darauf sich thürmet, aber
Schien mir ein Porphyr, ein so flammendrother,
Wie Blut, das eben aus der Ader springet:

Auf diesen hielt gestellt die Sohlen beide
Der Engel Gottes, sitzend auf der Schwelle,
Die mir ein diamantner Fels zu sein schien.

Auf die drei Stufen zog mit gutem Willen
Mein Führer mich und sagte mir: »Nun flehe
Demüthiglich, daß sich das Schloß eröffne.« -

Andächtig warf ich zu den heil'gen Füßen
Erbarmenflehend mich: daß er mir aufthät!
Doch gab ich erst drei Schläge an die Brust mir.

Da schrieb er sieben P mir an die Stirne
Mit seines Schwerdtes Spitze: »Geh' und wasche
Du, wenn du innen bist, die Wunden,« sprach er.

Asch' oder Erde, die man trocken umsticht,
Sind gleicher Farbe mit desselben Kleide:
Und zwei der Schlüssel zog er vor aus diesem,

Der eine war von Gold, der andre Silber,
Erst mit dem weißen, sodann mit dem gelben
That an der Thür er so, daß mir genügt ward.

»Sobald der Schlüssel einer da versaget,
Daß er sich nicht gerade dreht im Schlosse,
Sprach er zu uns: so öffnet sich der Weg nicht:

Viel werther ist der ein', allein der andre
Will gar viel Kunst und Einsicht, eh' er aufthut;
Weil solcher der ist, der den Knoten löset.

Mir gab sie Petrus sprechend: eher sollt' ich
Mit Oeffnen irr'n, als sie verschlossen halten;
Wenn nur das Volk sich mir zu Füßen hinwirft.« -

Drauf stieß die Thür er an der heil'gen Pforte,
Und sagte: »Gehet ein, allein erfahret,
Daß wieder ausserhalb kehrt, wer zurückschaut.« -

Und als gedrehet wurden in den Angeln
Die Flügezapfen jener heil'gen Thüren,
Die ganz von Erz sind, tönend und gewaltig;

Nicht brüllte so noch zeigte sich Tarpeja's
Schatzkammer spröder, als man ihr Metellus
Den wackern nahm, wonach sie leer geblieben.

Ich wandt' aufmerksam mich dem ersten Ton zu,
Und »Te Deum laudamus« zu vernehmen
Wähnt' ich gemischet zu dem süßen Klange.

Dergleichen Bild erweckete im Sinn mir,
Was ich allda vernahm, als wohl entstehet,
Sobald gesungen wird zu einer Orgel:

Daß bald man hört und bald nicht hört die Worte.


Gesang 10

Durch die Pforte gewallt, hört der Dichter sie hinter sich verschließen, wagt aber nicht, sich danach umzuschauen. Zuerst klimmen sie nun nach dem Absturz, wo der Stolz gebüßt wird. Der Pfad geht nicht grad empor, sondern zickzack, hin und her: andeutend, wie irr der Stolze geht. Virgil's Warnung vor Anstoßen deutet auf gefährliche Verstöße wider Gott, der den Stolzen ein Stein des Anstoßes ist (vergl. Fegef XII V. 115 u. d. Anm.), bis sie sich schmiegen lernen. Endlich gelangen sie auf den Versprung, welcher den Berg ringformig umgiebt. Die Steile ist längs dieses Umganges mit Demuthbildern geschmückt. Zuerst sieht Dante Maria's Demuth bei der Verkündigung, zum Zeichen, daß die Gott ergebenste Demuth die innigste Vereinigung mit ihm herbeiführt. Weiter ist Konig David zu schauen: wie er im Reigen einherzieht vor der Bundeslade, vor der Welt minder als ein König und doch mehr bei Gott. Die weltliche Abigail, seine Frau, schaut verdrossen diesen Zug an. Hierauf folgt ein anderes Bild, die Milde des Kaisers Trajan gegen die traurige Mutter darstellend, weshalb er durch Gregor's Gebet erlöst worden. Die Bilder sind von Gott selbst, ein über alle Begriffe belebtes Wunderwerk: heilige und weltliche Geschichte wird in ihnen ewiges Symbol und Gotteszeichen. Dante trennt sich nicht von ihrem Anschaun, bis ihm Virgil eine Schaar büßender Seelen zeigt, die unter mächtigen Steinlasten mühsam und langsam einherschreiten. Jeder trägt hier den auf ihn gefallenen Stein der Aergerniß mit sich umher. Dante ermahnt die Sterblichen, die Irrwege des Hochmuths zu vermeiden, da die Seele sonst eine irdische Last mit in das Jenseits nimmt, wie ein verkruppelter Schmetterling mit der Schale der Verpuppung belastet umherkriecht, statt zu fliegen. Der Fels der Aergerniß ist das Symbol der Macht Gottes, welche die Irdischen irdisch beschränkt und beugt.

Als wir nun innerhalb der Thüre waren,
Die außer Brauch der Seelen falscher Trieb bringt,
Da krummen Pfad er grad erscheinen machet:

Hört' ich sie tönend wiederum verschließen,
Und, hätt' ich ihr die Augen zugewendet,
Wo war des Fehls genügende Entschuld'gung?

Wir stiegen auf durch den gespaltnen Felsen,
Der diesseits bald und jenseits bald hervorsprang,
Gleichwie die Welle, die entflieht und ankommt.

»Ein wenig Achtsamkeit will angewandt sein,
Begann mein Führer: kommet man bald hüben,
Bald drüben nah der Seitem die zurückweicht.« -

Dies aber machte spärlich uns're Schritte,
So spärlich, daß der Mond, der abnahm, eher
Sein Bett erreichte, wiederum zu ruhen,

Bevor wir aus dem Oehr hinausgelangten;
Allein, sobald wir frei und offen waren,
Und droben, wo der Berg sich wieder schließet:

So blieben wir, ich matt und Beid' unsicher
Des Pfades, oben steh'n auf einer Fläche,
Weit einsamer als Straßen durch die Wüsten.

Von ihrem Saum, wo er an's Leere grenzet,
Zum Fuß des hohen Strands, der stets hinansteigt,
Mäß' sie ein Mensch mit dreien seiner Längen:

So weit dann, meines Auges Flügel hintrug,
Schien mir, zur rechten wie zur linken Seite,
Ringshin der ganze Vorsprung so gestaltet.

Noch wurden uns're Füße nicht geregt dort;
Als ich erkannte: wie die ganze Felswand,
Die aufrecht war ohn' irgend einen Aufgang,

Von weißem Marmor sei und so gezieret
Mit Bildnerein, daß nicht nur Polykletus,
Nein - selbst Natur allda sich schämen würde.

Der Engel, der zur Erde mit dem Bündniß
Des viele Jahr' erweinten Friedens herkam,
Welches den Himmel aufthat, nach dem langen Zuschluß:

Erschien vor uns alldorten so leibhaftig
Gebildet, in anmuthiger Geberde,
Daß er nicht wie ein Bild erschien, das schweiget:

Geschworen hätte man: er rufe »Ave«!
Dann war gebildet die, so einst den Schlüssel
Gewendet, aufzuthun die höchste Liebe:

Und eingedrückt war ihrem Thun die Rede
»Ecce ancilla dei« so wahrhaftig,
Wie eines Siegels Form dem Wachs sich aufdrückt.

»Nicht achte du allein auf eine Stelle!«
Begann der holde Meister, der mich eben
Hatt' an der Seite, wo der Mensch das Herz hat.

Drum ich mit dem Gesicht mich wandt' und schaute
Hinter Maria, auf derselben Seite,
Wo jener wandelte, der mich bewegte,

In Stein gehauen andere Geschichte:
Nun ging ich bei Virgil vorbei und nahte,
Damit sie meinem Aug' sich offenbare.

Da war im Marmor selbst gehau'n der Wagen
Mit Stieren, so die heil'ge Lade zogen:
Weshalb man Furcht hat unbefohlnen Amtes.

Voran war Volk zu sehn, in sieben Chöre
Getheilt: das ließ zween meiner Sinne sagen -
Den einen: nein, den andern: ja, es singet!

Desgleichen wurde bei den Weihrauchdüften,
Die dort in Stein gebildet worden, Auge
Und Nase über Ja und Nein entzweiet.

Dort zog, voran der heil'gen Bundeslade,
Im Tanz erhöhet der Psalmist in Demuth,
Und mehr und wen'ger war er dort als König.

Entgegen ihm gebildet, aus des großen
Palastes Fenster, schaute Michal nieder:
Als eine stolze Herrin sehr betrübet.

Ich wandte meinen Fuß von dieser Stätte:
Noch andere Geschichte zu betrachten,
Die mir erschimmerte dort hinter Michal.

Es war daselbst der hohe Ruhm verewigt
Des Römerfürsten, dessen große Tugend
Gregor zu seinem großen Sieg geführet.

Ich meine solches von Trajan dem Kaiser:
Und eine Wittib fiel ihm in den Zügel,
Mit Thränen dargestellt und schmerzerfüllet.

Rings um sie her sah man es voll gedränget
Von Rittern, und die Adler in dem Golde
Sah' man sich über ihr vom Wind bewegen.

Die Traur'ge mitten unter diesen allen
Schien auszurufen: »Herr, gewähr' mir Rache
Für meinen Sohn, der starb, darob mein Herz bricht!«

Und er ihr zu erwiedern: »Jetzo warte,
Bis ich zurückgekehrt!« Und sie: »Mein Herrscher ...
Als ein', in der noch dringender der Schmerz wird ...

Wenn du nicht kehrst?« Und er: »So wird sie Einer
Für mich dir schaffen!« - Sie: »Was bringt die Tugend
Der Andern dir, wenn deine du vergissest!«

Drauf er: »Getröste dich; denn es geziemt mir,
Daß meine Pflicht ich thu, bevor ich scheide,
Gerechtigkeit will's und Erbarmen hält mich!«

Der aber, der nie neue Dinge schaute,
Gestaltete dies sichtbare Gespräch dort
Uns neu, dieweil es sich diesseits nicht findet.

Indem ich mich vergnügte zu betrachten
Die Bildnisse so vieler Demuththaten,
Und ihres Bildners halben werth zu schauen!

»Da siehe hier; doch wenig Schritte thun sie,
So flüsterte mein Meister: viele Leute:
Die leiten uns wohl zu den hohen Stufen?« -

Und meine Augen, die beflissen waren,
Stets Neues zu erblicken, deß sie froh sind,
Nicht langsam wurden sie ihm zugewendet.

Nicht will ich, Leser, drum daß du dich scheidest
Von gutem Vorsatz, wenn du jetzo hörest,
Wie Gott es will, daß man die Schuld bezahle.

Nicht sieh' du auf die Weise hier der Marter,
Denk' an die Folg': im schlimmsten Falle kann sie
Den großen Richtspruch nimmer überdauern.

Und ich begann: »O Meister, die ich schaue
Gen uns sich regen, scheinen mir nicht Leute;
Doch weiß ich nicht, ob ich im Seh'n mich irre?« -

Und er zu mir: »Die schwere Art und Weise
Von ihrer Marter beuget sie zur Erde,
Daß meine Augen selbst darüber stritten:

Doch stehe fest dahin und mit den Blicken
Entwirre, was unter den Steinen ankommt:
Schon kannst du sehn, wie jeglicher sich abmüht.« -

O stolze Christen ihr, elende, matte,
Die ihr, an des Verstandes Augen krankend,
Vertrauen setzt in Schritte, die zurückgehn!

Nicht schauet ihr, daß wir nichts sind als Raupen,
Erzeugt, den Engelschmetterling zu bilden,
Der zur Gerechtigkeit fliegt ohne Hülle?

Warum schwankt eure Seele denn so hoch auf? -
Dann seid ihr ja wie mißgestalte Wesen,
Gleich Würmern, drinnen sich die Bildkraft irret! -

Wie man. Bedachung oder Sims zu stützen,
Zuweilen ein Gebild ersieht, das gänzlich
Mit seinen Knieen seine Brust erreichet,

Das, ob es schon unwahr, doch wahre Pein'gung
Erweckt dem, der es schaut: desgleichen sah' ich
Gethan dieselben als ich recht beflissen.

Wahr ist's, sie waren mehr und wen'ger krumm dort,
Nachdem sie mehr und wen'ger aufgeladen:
Auch der mit duldendster Geberde, weinend

Schien er zu sprechen: Mehr kann ich nicht tragen!


Gesang 11

Die belasteten Seelen beten das Vaterunser: die letzte Bitte nicht für sie, die wider Versuchung bewahrt sind (s. Fegef. VIII V, 95 u. w.), sondern für die Lebenden: und Dante nimmt Gelegenheit, Letztere zu ermahnen, für die Todten gleichthätig zu sein, dem schonen lebendigen Glauben huldigend, daß Liebe über das Grab hinaus wirke. Virgil befragt, da Dante noch mit Adamsfleisch behaftet ist, die Seelen um den leichtesten Aufgang, und wird eingeladen, mit ihnen zu kommen: rechter Hand sei ein Aufgang Lebenden erklimmbar. Die redende Seele giebt sich als Omberto de Santafiore zu erkennen, welcher den Ahnenstolz, der ihm Haß und Tod zugezogen, hier abbüßt. Als Dante sich neigt, ihm zuzuhören, giebt sich eine andere Seele als Oderisi den Miniaturmaler zu erkennen, welcher hier den Künstlerstolz abbüßt und Gelegenheit nimmt, von der Nichtigkeit des Ruhmes in Künsten zu reden, wobei Dante reuig eignen Stolzes gedenkt. Vor Oderisi büßt der kriegstolze Salvani: und als Dante sich verwundert, ihn schon hier zu finden, erfährt er, daß eine einzige liebevolle Demuththat ihm die Zeit des Harrens so abgekürzt. Dreierlei Arten von Stolz erscheinen demnach in den hier Büßenden genugsam repräsentirt.

O Vater unser, der Du bist im Himmel;
Nicht weil umschränkt, nein, weil Du mehr der Liebe
Trägst zu den ersten Wirkungen dort oben.

Gelobet sei Dein Nam' und Deine Allmacht
Von aller Creatur, wie es gebühret
Dank darzubringen Deinem süßen Odem.

Es komme zu uns Deines Reiches Frieden,
Da wir zu ihm ja nicht von selber können,
Wenn er nicht kommt, mit allem unsrem Sinnen:

Gleichwie Dir Deine Engel ihren Willen
Zum Opfer bringen, Hosianna singend;
So mögen auch die Menschen thun mit ihrem.

Gieb unser täglich Himmelsbrod uns heute,
Ohn' welches man in dieser rauhen Wüste,
Je mehr man sich abmüht, je mehr zurückgeht.

Und wie die Schuld, die wir erlitten haben,
Wir Jeglichem vergeben, so vergieb uns
In Gnad' und sieh nicht an, was wir verdienet.

Und uns're Kraft, die leicht sich hingiebt, laß sie
Vom alten Widersacher nicht versuchen,
Nein, löse uns von ihm, der so sie anreizt.

Die letzte Bitte, theurer Herr, geschiehet
Für uns nicht, weil wir dessen nicht bedürfen,
Allein für die, so hinter uns verblieben.« -

So sich und uns glücksel'ge Fahrt erbittend
Gingen die Schatten unter solcher Last hin,
Dergleichen man zuweilen hat im Traume,

Verschiedentlich belastet alle ringsum,
Und matt und müde auf dem ersten Vorsprung,
Von eitler Wolke dieser Welt sich läuternd.

Wenn man dort jenseits immer für uns gutspricht,
Was können disseits wohl die für sie sagen
Und thun, die Willens gute Wurzel haben?

Man soll die Fehler ihnen waschen helfen,
Die sie von hier gebracht, daß rein und leichter
Sie ausgeh'n können zu den Sternenkreisen.

»O, soll Gerechtigkeit euch und Erbarmen
Entlasten, daß ihr könnt den Flügel regen,
Der euch nach eurem Wunsch erheben möge!

Zeigt uns nun, welcher Hand nach man zur Stiege
Am schnellsten kommt, und, ist mehr als ein Aufgang,
Zeigt den uns, welcher minder steil emporsteigt.

Der mit mir kommen, ist der Bürde halben
Des Adamsfleisches, womit er bekleidet,
Recht gegen seinen Willen träg' im Steigen.

Die Antwort, die sie gaben nach den Worten,
So der gesprochen, welchem ich da folgte,
Ließ nicht erkennen dort, von wem sie ausging;

Allein gesagt ward: »Rechter Hand am Berg hin
Kommt mit uns, und ihr werdet einen Schluchtweg
Da finden, einem Lebenden erklimmbar.

Und, wär ich nicht gehindert durch den Stein hier,
Der meinen stolzen Nacken mir bezähmet,
Weshalb ich niedrig tragen muß das Antlitz:

Würd' ich den, der noch lebt und sich nicht nennet,
Anschau'n, zu sehen ob ich ihn wohl kenne?
Mitleid mit meiner Bürd' ihm zu erregen.

Lateiner war ich, Sohn vom großen Tusker:
Guiglielmo Aldobrandesco war mein Vater,
Nicht weiß ich, ob der Nam' euch je bekannt ward?

Das alte Blut und die anmuth'gen Thaten
Von meinen Ahnen schufen also stolz mich,
Daß, unser aller Mutter nicht gedenkend,

Ich jeden mit Verachtung drückte, bis ich
Drum starb, wie die Sienesen wissen, wie es
In Compagnatico jedwedes Kind weiß.

Ich bin Ombert', und nicht nur mir hat Schaden
Der Stolz gebracht, nein, die Genossen alle
Hat er mit sich gerissen in das Elend!

Hier aber muß ich diese Bürde tragen
Um seinethalb; bis Gott damit genügt ist:
Weil nicht bei Lebenden, drum hier bei Todten.«

Zuhörend beugte ich hinab das Antlitz,
Und ihrer Einer, nicht der da gesprochen,
Wandt' unter jener Last sich, die ihn drücket,

Und sah' mich und erkannte mich und rief nun,
Die Augen mühsam nach mir hingerichtet,
Mich, der mit ihnen ganz gebeugt umherging.

»O, sagt' ich ihm: bist du nicht Oderisi,
Die Ehr' Agobbio's und jener Kunst auch,
Die in Paris Illuminiren heißet?«

»O Bruder, mehr doch lachen jene Blätter,
Die Franco Bolognesi ausgemalet:
Ganz ist nun sein die Ehr', verkrochen meine!

So höflich wäre ich wohl nicht gewesen,
So lang ich lebte, großen Eifers halber
Nach Trefflichkeit, in den mein Herz verfallen.

Von solchem Stolz entrichtet man den Zoll da.
Und noch wär' ich nicht hier, hätt' ich nicht, annoch
Sündigen könnend, mich zu Gott gewendet.

O eitler Ruhm des menschlichen Vollbringens,
Wie wenig Grün auf deinem Gipfel dauert,
Sobald dir keine rohen Zeiten folgen!

Erst glaubte Cimabue das Feld zu halten
Im Malen; nun wird Giotto ausgerufen,
Daß Jenes Ruf dadurch verdunkelt worden.

So nahm der eine Guido auch dem andern
Der Sprache Ruhm: auch ist vielleicht geboren,
Der ihn, wie Jenen, aus dem Neste jaget.

Nichts Andres ist der Weltruhm, als ein Hauchen
Von Winde, der bald dorther kommt, bald daher,
Und Namen ändert, weil er Seite wechselt.

Wie viel des Ruhmes hast du mehr, wenn alt du
Das Fleisch ablegst; als wenn du todt gewesen,
Bevor den Brei du ließest und die Klappe?

Eh' tausend Jahr' vergehn, was kürzrer Raum ist
Zur Ewigkeit, als wie ein Augenblickchen
Dem Kreis, der sich am trägsten dreht am Himmel.

Von dem, der von dem Weg so wenig abnimmt,
Erscholl vor meiner Zeit einst ganz Toskana:
Jetzt flüstert man von ihm kaum noch in Siena:

Davon er Herr war, eh' vernichtet wurde
Der florentin'sche Zorn, der überstolz war
In jener Zeit, so wie er jetzt verschändet.

Es ist ja euer Ruhm der Blume Farbe,
Die kommt und gehet; aber sie entfärbt der,
Durch den sie aus der bittern Erde vorgeht.« -

Und ich: »Dein wahres Wort giebt wackre Demuth
In's Herz, auch ebnest du mir große Beule;
Doch, wer ist der, von dem du eben sprachest?« -

»Der ist, antwortet' er: der Provencale
Salvani, und ist hier, weil er so keck war,
Ganz Siena unter seine Hand zu bringen.

Drum ging er so, und geht so ohne Ruhe,
Seitdem er starb: mit solcher Münze büßet
Hier ab, wer jenseits einst allzuvermessen.« -

Und ich: »Wenn so ein Geist des Lebens Ende
Abwartet, eh' er noch zur Reu' sich anschickt,
Und unten weilet, und nicht hier herauf kann,

Wenn fromm' Gebet ihm nicht zu Hülfe eilet:
Eh' so viel Zeit vergeht, als er gelebet;
Wie ward der Aufweg diesem so erleichtert?« -

»Als er viel prangender noch lebte, sprach er:
Freiwillig auf den Marktplatz von Siena
Stellt' er sich hin, ablegend alles Schämen,

Und, seinen Freund zu retten von der Pein'gung,
Die er ertrug in Karl des Zweiten Kerker,
Ging er dahin, an allen Pulsen zitternd.

Mehr nicht davon: ich weiß es: dunkel red' ich;
Doch wenig Zeit vergeht, daß deine Nachbarn
So thun, daß du davon wirst reden können!

Dies Werk hat ihm die Schranken aufgehoben.


Gesang 12

Dante, der eignen Hochmuths gedenkt, geht reuig gebeugt neben der beladnen Seele einher, so lange die Einsicht (Virgil) es zuläßt; aber als diese ihm sagt: es sei genug, und ihn zum Vorwärtsschreiten antreibt, eilt er aufgerichtet weiter: das Versinken in Reue ist zu nichts nütze, wenn wir nicht weiterstreben. - Nun fordert die Einsicht (Virgil) den Dichter auf, sich der Betrachtung des Fußpfades hinzugeben, welcher die Bahn des Stolzes ist. Da sieht er sie mit Bildern gefällten Hochmuthes überkleidet. Zuerst zeigt ihm Luzifer's und Briareus gestürzte Vermessenheit, daß keine Macht im Himmel noch auf Erden sich wider Gottes Macht erheben kann: an Nimrod's Bild sieht er den Stolz auf eitles Menschenwerk, an Niobe's den auf Nachkommen zernichtet: in Saul den Konigsstolz, in Arachne den Künstlerstolz erliegen: in Roboam den Tyrannenhochmuth, die Eitelkeit auf weltlichen Schmuck in Eriphylen bestraft, menschliches Vermessen wider Gott in Sanherib: des Eroberers Stolz in Eyrus, den auf Kriegsheere in Holofernes, den auf Mauern in Troia fallen, und schilt die Menschen, daß sie nicht erkennen, mit welchen Warnungszeichen Gott den Weg des Stolzes geschmücket, auf dem sie wandeln, ohne ihn zu betrachten. Nachdem Dante letzteres genugsam gethan, fordert die Einsicht (Virgil) ihn auf, dem höheren Pfade zu nahen, wohin ein Engel die Kommenden einladet, beklagend, daß so Wenige seiner Ladung folgend, den Weg des Stolzes verlassen. Als sie vom Engel geführt sich wenden, in dem vom göttlichen Erbarmen getheilten Fels der Aergerniß emporzuwallen, hören sie singen: »Selig sind die geistlich arm sind,« und wir werden sehen, daß nun auf allen Umgängen des Berges Worte Jesu aus der Bergpredigt tönen; allein bei den Trägen nicht. Im Emporsteigen hat der Engel dem Dichter eins der P (s. Fegef. IX V. 112-114) von der Stirn geweht, und er wundert sich, daß er nun so leicht emporsteigt: da sagt ihm die Einsicht (Virgil) den Grund davon, und daß, je mehr er sich durch Betrachtung von Sünden reinige, je leichter steigen werde. Die Hinderung schwindet hier, welche Gott den Sündern entgegenstellt, von denen es Galater VI V. 15 heißt: Jeder wird seine Last tragen; und Jac. IV V. 5: Gott widersteht den Hoffärtigen, den Demüthigen giebt er Gnade: seid Gott unterthan und widerstehet dem Teufel, so flieht er euch.

Gleichmäßig, wie zwei Stiere, die im Joch gehn,
Schritt ich dahin mit der beladnen Seele,
So lang der holde Lehrer es erlaubte:

Doch als er sprach:» Laß ihn und geh' vorüber;
Denn hier ist's gut, mit Segeln und mit Rudern,
So viel ein Jeder kann, sein Schifflein treiben:«

Da streckt' ich, wie es Gehn verlangt, mich wieder
Grad mit dem Leib, obwohl mir die Gedanken
Hinabgebeuget und demüthig blieben.

Ich hatte mich bewegt und folgte willig
Den Schritten meines Meisters, und wir zeigten
Nunmehro beide schon, wie schnell wir waren,

Als er mir sagte: »Senk die Augen nieder:
Es wird, den Weg dir zu verkürzen, gut sein,
Die Stätte deiner Füße zu betrachten!« -

Gleichwie, damit Gedächtniß ihrer bleibe,
Ob den Begrabenen die ird'schen Gräber
Geformt sie tragen, wie sie erst gewesen,

Weshalb man sie da vielemale wieder
Beweinet, ob des Stachels der Erinnrung,
Die nur allein den Frommen Sporen eindrückt:

So sah ich da, allein von beß'rem Ansehn,
Hinsichts der Kunst, mit Bildern überkleidet,
So viel des Wegs hervorsprang um die Höhe.

Ich sahe den, der mehr als andre Wesen
Anmuthig war gebildet, von dem Himmel
Umblitzt zur einen Seite niederstürzen:

Ich sahe Briareus zur andern Seite
Gefällt vom himmlischen Geschosse liegen,
Der Erde schwer in seinem Todesfroste.

Timbraeus sah' ich, Pallas und den Kriegsgott,
Gerüstet um den Vater, noch betrachten
Die Glieder der zerstreueten Giganten.

Ich sah' am Fuß des großen Werkes Nimrod
Gleichsam verwirret auf die Schaaren blicken,
Die sich mit ihm in Sinear vermessen.

O Niobe, mit welchen Schmerzensaugen
Sah' ich dich auf dem Pfade zwischen sieben
Und sieben erschlagnen Kindern hingezeichnet!

O Saul, wie schienst du auf dem eignen Schwerdte
Gestorben hier, wie einstmals auf Gelboa,
Das dann nicht Thau, nicht Regen mehr gespüret!

O thörige Arachne, ja dich sah' ich
Schon halb als Spinne traurig auf den Fetzen
Des Werk's, das schlimm für dich gewoben wurde.

O Roboam, nun scheinst du nicht zu drohen:
Hier ist dein Abbild, aber voll Entsetzen
Entführt ein Wagen es, eh' Feind' es jagen:

Es zeigte noch die harte Grundbekleidung:
Wie theuer einst Alkmäon seiner Mutter
Den unheilvollen Schmuck erscheinen machte:

Sie zeigte, wie sich einst die Söhne warfen
Auf Sanherib, im Innersten des Tempels,
Und wie sie ihn allda erschlagen ließen:

Zeigt' auch den Sturz, die grause Pein, die vormals
Vollbracht Tomyris, als sie sprach zu Cyrus:
Du dürstetest nach Blut, ich füll' mit Blut dich!

Und zeigte: wie geschlagen die Assyrer
Entflohn, als Holofernes lag erschlagen,
Und auch die Ueberbleibsel der Vertilgung.

Ich sahe Troia dort in Asch' und Trümmern:
O Ilion, wie winzig und wie niedrig
Erwies das Bild dich, was man dort erkennet!

Wer war je Pinsels so und Griffels Meister,
Daß Strich und Schatten er so führen könnte,
Wie dort den feinsten Geist sie staunen machten?

Todt schienen Todte, Lebende lebendig,
Besser als ich, sah nicht, der's wirklich ansah,
Was ich betrat, so lang gebückt ich fortging.

Nun werdet stolz, hebt immer hoch die Blicke,
Ihr Evens Söhn', und beuget nicht das Antlitz
Also, daß euren bösen Weg ihr schauet!

Des Berges war schon mehr von uns umwandelt,
Und von der Sonne Weg mehr aufgewendet,
Wie dort mein Geist vermeint, der noch nicht loskam:

Als jener, welcher immerdar aufmerkend
Vorwandelte, begann: »Erheb' das Haupt nun;
Nicht ist's mehr Zeit, nachdenklich hinzuwallen!

Sieh' einen Engel dort, der sich bereitet,
Gen uns zu kommen: siehe, wie vom Dienste
Des Tags die sechste Dienerin zurückkehrt.

Mit Ehrfurcht schmücke nun Geberd' und Antlitz,
Daß ihm gefalle, uns empor zu leiten,
Gedenk', daß dieser Tag nie wieder aufgeht!« -

Ich war wohl so gewöhnt an sein Ermahnen,
Die Zeit nicht zu verlieren, daß in Solchem
Er mir nicht räthselhaft zureden konnte.

Nunmehro kam zu uns das schöne Wesen,
Hellleuchtend von Gewand und Antlitz, welches
Im Flimmern wie der Morgenstern erscheinet.

Die Arme that er auf, that auf die Flügel,
Und sagte: »Kommt, hier nahe sind die Stufen,
Auch wird nunmehro leicht emporgestiegen.

Auf diese Botschaft kommen nur gar Wen'ge!
O Menschenvolk, erzeugt um aufzuschweben,
Warum doch sinkst du bei so wenig Winde?«

Er führt' uns, wo der Felsen war getheilet:
Hier schlug er mit den Fitt'gen mir die Stirne,
Sodann verhieß er sicher mir den Aufgang.

Gleichwie zur Rechten, um zum Berg zu klimmen
Allwo die Kirche steht, die überschauet
Die wohlregierte über'm Rubikone,

Der Steile kühner Schwung gebrochen worden
Durch Stufen, ausgehau'n in jenen Zeiten,
Da richtig war das Hauptbuch und die Daube:

So mildert sich die Steile, welche dorten
Gar jäh herabfällt von dem höhern Umgang;
Doch hier wie da streift an der hohe Felsen.

Als wir dort unsere Gestalten wandten,
»Beati pauperes spiritu« sangen
Da Stimmen, also, daß kein Wort es ausdrückt.

Ach, wie verschieden sind doch diese Engen
Von denen in der Hölle; denn mit Singen
Geht man hier ein, und dort mit wilden Klagen!

Schon stiegen wir empor die heil'gen Stufen;
Und es erschien mir dies um Vieles leichter,
Als mir es früher auf der Ebne vorkam;

Weshalb ich: »Meister, sprich, welch' schweres Ding ist
Von mir genommen nun, da ich beinahe
Gar keine Müh' empfinde bei dem Steigen?« -

Er gab zur Antwort: »Wenn die P, die noch dir
Im Angesicht verblieben fast erloschen,
Einst ganz vertilgt sein werden, wie das eine:

Von gutem Willen werden deine Füße
Dann so besiegt, daß sie nicht nur nicht Mühe,
Nein, Lust empfinden bei dem Aufwärtsklimmen.« -

Da that ich so wie Leute, die am Haupte
Ein Ding mittragen, ohne dies zu wissen,
Wenn Andrer Zeichen sie's nicht ahnen lassen:

Weshalb gewiß zu sein, die Hand da aushilft
Und sucht und findet, und den Dienst erfüllet,
Den man nicht kann verrichten mit dem Auge:

Also, die Finger meiner Rechten breitend,
Fand ich nur sechs von den Buchstaben, welche
Der mit den Schlüsseln meinen Schläfen einschnitt:

Und dies gewahrend lächelte mein Führer.


Gesang 13

Auf minderbeschwerlichem Wege gelangen die Wanderer auf den zweiten, schon kleineren Umgang, wo die hindernde Steile des göttlichen Berges schon an Umfang abnimmt. Sie erscheint ohne Bild; der Fußboden schwarzgelb. Da wendet sich die bessere Einsicht (Virgil) rechtshin und bittet die Sonne himmlischer Erkenntniß um Führung. Von den himmlischen Strahlen geleitet, vernehmen sie nun Stimmen: zuerst das Wort Maria's, womit sie der Gäste bei der Hochzeit zu Kanaan liebreich gesorgt: dann den Namen des freundschaftlichen Orestes, zuletzt Christi Wort: »Liebet die euch Böses thaten!« - Auf Befragen erfährt nun Dante, daß hier die neidischen Seelen büßen und diese heiligen Worte sie zu Gastfreundlichkeit, Freundschaft und christlicher Feindesliebe antreiben: er werde bald andere Stimmen vernehmen, womit Gott sie vor Neid warnt. Die Lockungen nennt die Einsicht die von Liebe geschwungene Geißel, die Warnungsstimmen den Zügel. Die Stimmen vertreten hier die sichtbaren Zeichen Gottes im vorigen Umgang. Nun erst stellen sich die büßenden Seelen der Neidischen dar; geduldig lehnen alle in Bußkleidern an der göttlichen Zuflucht, Einer stützt nun liebend den Andern, nach dem Spruch Galat. VI V. 2: »Einer trage des Andern Last, so erfüllet ihr das Gesetz Christi.« Die Augen, welche sich der Liebe abgewandt und neidisch auf Andrer Glück geblickt, sind nun schmerzlich geschlossen mit der Gerechtigkeit ehernem Faden: ihr Thränen erinnert an Sir. XXXI V. 15: »Was ist schalkhafter erschaffen als das (neidische) Auge; darum vergießt es beim Sehen Thränen über das ganze Gesicht hinab.« - Dante geht längs der Schaar der Büßenden hin, Virgil ihm zur Rechten am äußern Rande, damit sein Schüler nicht herabstürze. Auf Dante's Frage, ob eine Seele aus Latium hier sei? antwortet eine der büßenden: hier seien alle Bürger einer wahren Stadt (des wahren Roms, des wahren Sion), aber sie selbst habe als Erdenpilgerin in Siena gelebt, Sapia geheißen und büße hier, weil sie sich gefreut, ihre Mitbürger in die Flucht schlagen zu sehen. Ihre Reue wäre nicht hinlänglich gewesen, sie hierher zu fördern, hätte nicht der fromme Einsiedler Pier Pettinagno ihrer im Gebet gedacht. Sie klagt sich eigner Unweisheit an. Zugleich wundert sie sich, daß Dante noch athmet und frei umherwandelt. Darauf sagt er ihr: er werde dereinst nur wenig hier zu büßen haben, eher drunten im Kreise der Hochmüthigen. Er lebe noch und werde von Einem geleitet, der eben nicht spreche. Hierauf bittet ihn Alagia, die Ihrigen zum Gebet für sie zu ermahnen und weissagt am Schluß den Sienesen, die aus neidischer Eitelkeit eine Seemacht werden wollen, das Verunglücken ihrer Flotte.

Wir waren auf dem Gipfel nun der Stiege,
Allwo zum zweiten Male sich abstufet
Der Berg, der im Ersteigen uns entsündigt:

Daselbst umfasset wiederum ein Umgang
Die Höhe rings umher, gleichwie der erste;
Nur daß sein Bogen sich geschwinder wendet.

Nicht Schatten ist, nicht Bild hier, das erschiene:
Der Strand erscheint so, der einförm'ge Weg auch
Mit der schwarzgelben Farbe seiner Steine.

»Wenn man hier wartet, Leute zu befragen,
Begann der Dichter jetzo: so befürcht' ich,
Es werde unsre Wahl zu sehr verzögert.« -

Drauf kehrt' er fest die Augen zu der Sonne,
Die rechte Seite nahm zum Wendepunkt er,
Und wandte sich darum mit seiner Linken.

»O süßes Licht, auf welches ich vertrauend
Den neuen Weg betreten, führe du uns,
Sprach er, wie man von hieraus will geführt sein!

Du wärmst die Welt, du leuchtest auf sie nieder:
Zwingt andre Ursach' nicht zum Gegentheile;
So seien immer Führer deine Strahlen!« -

Wie viel man hier für eine Miglie rechnet:
So viel schon waren wir allda gegangen,
In wenig Zeit, bei unserm rüst'gen Willen.

Und gen uns fliegen wurden da gehöret
Und nicht gesehen Geister: diese sprachen
Holdsel'ge Ladungen zum Tisch der Liebe.

Die erste Stimme, die vorbeizog fliegend:
»Vinum non habent,« sprach sie hehren Lautes,
Und hinter uns wich sie, es wiederholend:

Und ehe sie noch ganz vernommen worden
Im Weichen, tönete: »Ich bin Orestes!«
Im Fortziehn eine andere und blieb nicht.

O, sprach ich: Vater, welche Stimmen sind das?
Und wie ich also fragte: Horch, die dritte,
Erhallend: »Liebet, die euch Böses thaten!«

Der gute Meister aber: »Dieser Gürtel
Geißelt des Neides Sünde, doch von Liebe
Geschwungen sind die Stricke dieser Geißel.

Der Zaum will sein vom gegentheil'gen Klange,
Du hörst ihn, glaub' ich, noch nach meiner Weisung,
Bevor du kommst zur Stätte der Verzeihung.

Doch richte scharf dein Auge durch die Luft hin,
So wirst vor uns du Leute sitzen sehen,
Und Jeder ist gelehnt rings an der Zuflucht.« -

Drauf that ich mehr die Augen auf, als früher,
Sah vor mich hin und sah Schatten in Mänteln,
Nicht unterschiednen von des Bodens Farbe.

Und als wir etwas weiter vorgeschritten:
»Maria, bitt' für uns,« hört' ich da schreien,
Und: »Michael, Petrus und alle Heil'gen!« -

Ich glaube nicht, daß noch ein Mensch auf Erden
So hart sei, der da nicht gerühret würde
Von Mitleid mit dem, was ich nun erblickte:

Denn wie ich ihnen nun so weit genahet,
Daß ihr Gehaben sich genau mir kundgab
Durch's Aug, entzwang ein tiefer Schmerz mir Thränen.

Mit schlechtem Bußkleid sah ich sie bekleidet,
Und Einer litt den Andern auf der Schulter,
Und waren all' geduldet von dem Strande.

So steh'n die Blinden, die der Nahrung mangeln,
An Ablaßtagen, bettelnd ihre Nothdurft,
Und Einer fügt sein Haupt dicht auf den Andern:

Damit in Andern schnell Mitleid entstehe,
Nicht nur allein durch das Getön' der Rede,
Nein, auch durch Anblick, der nicht wen'ger rühret.

Und wie den Blinden nichts mittheilt die Sonne,
Will sie den Schatten hier, wovon ich rede,
Kein Himmelslicht mittheilen aus sich selber;

Denn allen bohrt ein Eisendrath die Wimper,
Und heftet sie, wie man dem wilden Sperber
Pflegt anzuthun, wenn er nicht ruhig bleibet.

Es schien im Gehn mir, als ob Sünd' ich thäte,
Indem ich Andre sah, selbst ungesehen!
Drum ich zu meinem weisen Rath mich wandte.

Wohl wußt' er, was der Stumme sagen wollte,
Darum erwartete er nicht mein Fragen,
Nein, sagte: »Sprich, und rede kurz und sinnvoll!« -

Es ging Virgil mir da auf jener Seite
Des Umgangs, wo man kann hinunterfallen,
Weil sie mit keiner Brustwehr sich umkränzet.

Zur andern Seite waren mir die Schatten
Der Büßer, welche durch die grause Noth da
So litten, daß die Wangen sie benetzten.

Zu ihnen wandt' ich mich, und: »Seelen, sicher,
Begann ich: das erhab'ne Licht zu schauen,
Um das allein nur sorget eure Sehnsucht,

Soll baldigst Gnade euch die Schäume lösen
Von euerem Gewissen, so daß lauter
Dadurch herab der Strom des Geistes rinne:

Sagt mir, es wird mir angenehm und lieb sein,
Ob eine Seel' aus Latium bei euch weilet,
Vielleicht nützt es auch ihr, lern' ich sie kennen?« -

»O Bruder mein, jedwede ist hier Bürg'rin
Von einer wahren Stadt, doch du willst sagen:
Die einst als Pilg'rin lebte in Italien?« -

Dergleichen schien als Antwort ich zu hören,
Von etwas ferner her, als wo ich weilte;
Weshalb ich näher noch hinging, zu hören.

Ich sah von selben Schatten einen warten
Mit seinem Haupt: als woll' er sagen: wie doch?
Hub er das Kinn empor, nach Art der Blinden.

»Geist, sprach ich: der sich beuget um zu steigen;
Bis jener du, der Antwort mir gegeben:
Thu dich mir kund nach Ortschaft oder Namen.« -

»Sienesin war ich, und mit diesen Andern,
Begann sie: läutr' ich mich vom sünd'gen Leben,
Zu dem aufweinend, der sich uns gewähre!

Unweise war ich, obwohl ich Sapia
Genannt war, und ich ward durch Andrer Schäden
Vielmehr erfreut, als durch die eigne Wohlfahrt.

Und, daß du nicht vermeinst, daß ich dich täusche,
Hör': ob ich thörig war wie ich dir sage?
Als meiner Jahre Bogen schon herabstieg,

Da waren meine Bürger, nah' bei Colle,
Im Feld im Kampf mit ihren Widersachern,
Und ich bat Gott um das - was er gewollt hat:

Da wurden sie geschlagen und zum bittern
Fluchtschritt gewendet, und die Jagd erblickend,
Empfing ich Lust, ungleich jedweder andern;

Also, daß ich erhub das kecke Antlitz
Zu Gott aufrufend: Jetzt fürcht' ich dich nimmer;
Der Amsel gleich beim ersten guten Wetter.

Mit Gott begehrt' ich Frieden, an dem letzten
Tag meines Lebens; aber meine Sünde
Wär noch durch meine Reue nicht erloschen;

Geschah's nicht, daß in heiligem Gebete
Mein noch gedachte Pietro Pettinai,
Der sich aus Milde meiner noch erbarmet.

Doch wer bist du, der uns're Art und Weise
Erforschen geht, und frei die Augen träget,
Wie mir bedünket, und auch athmend redet?« -

»Hier seien mir die Augen auch benommen,
Sprach ich: doch kurze Zeit, da sie nur wenig
Gesündiget mit neidischer Verdrehung.

Viel größer ist die Furcht, d'rin meine Seele
Anlangend jene unter Pein'gung schwebet;
Denn schon bedrückt die Last mich von da unten.«

Und sie zu mir: »Wer hat dich denn geleitet
Hier auf zu uns, glaubst du zurückzukehren?« -
Und ich: Der mit mir ist und keinen Laut giebt:

Und lebend bin ich, und darum verlange
Von mir, willst du, erwählter Geist, daß jenseits
Ich noch für dich sterbliche Füße rege.« -

»O, dieses ist so neu zu hören, sprach sie:
Daß es groß Zeichen ist, daß Gott dich liebet!
Drum hilf du mir alsdann mit deinem Bitten;

Und bitt' ich dich bei dem, was du am meisten
Ersehnst, betrittst du je die Tuskererde,
Bring mich bei den Verwandten noch zu Ehren;

Du wirst sie bei dem eitlen Volk erblicken,
Das hofft auf Telamon, und da mehr Hoffnung
Verlieren wird, als bei dem Dianensuchen;

Doch mehr verspielen da die Flottenführer.« -


Gesang 14

Zwei der büßenden Seelen, mit Staunen vernehmend, daß Dante noch lebe, befragen ihn um seinen Namen; bescheiden entgegnet er: derselbe sei noch nicht weit erklungen, und sagt nur: er komme von dem unruhigen Fluß, der am Falterone entspringt. Eine der Seelen (Rinieri de Calboli) wundert sich, daß er den Namen des Flusses gleichsam schaudernd verschweigt; da sagt die andre (Guido del Duca): der Name Arno verdiene unterzugehn, so verthiertes Volk wohne jetzt an seinen Ufern, und vergleicht die Casentiner, mit Bezug auf die Grafen Guidi, wilden Schweinen, die Aretiner zähnefletschenden Kläffern, die Florentiner gierigen Wölfen, endlich die Pisaner arglistigen Füchsen; prophezeiht sodann, daß Rinier's Neffe Florenz dereinst sehr entvölkern werde, die ganze Romagna sei voll giftigen Gestrüppes, d. h. gottloser Menschen (vergl. d. Anm. z. Hölle I V. 2). Dann klagt er über den sittlichen Verfall vieler altadeligen Häuser, denkt mit Trauern des guten Lizio, Arrigo Manardi's, Pier Traversaro's, Guido di Carpigna's, und daß nun ein Schmid (Lambertazzi) sich in die Reihe der Adeligen erhoben und ein Bernardo del Fosco ein edles Geschlecht erzeuge: noch klagt er um Guido da Prata, Ugolin d' Azzo, die Geschlechter Federigo Tignoso's, Traversara's und die Anastagii und die einst so schönen nun verfallenden Sitten ihrer Häuser. Er wünscht, daß die Stadt Brettinoro vergehe, nun all' die Guten weggeflohen, nicht unredlich zu handeln; nennt den Bagnacavalla glücklich, daß er nicht wieder zeugt, und den Gastrocaro und Conio unglücklich, daß sie so schlechte Erben in die Welt setzen, ja er sagt zuletzt: Ugolin da Fantolin's Ehre stehe sicher weil er unfähig sei zu zeugen; doch hier bricht er ab, sich tadelnd, daß er sich den Sorgen um die Erde so hingegeben, da er doch Andres zu beweinen und zu büßen habe, und ermahnt Dante, weiter zu gehen: schweigend gehorcht dieser. Da vernimmt er urplötzlich das Wort Kains: Mich tödtet wer mich findet!« - es ist der Verzweiflungsruf des ersten Neidischen. Dann ertönt gleich einem Donner des neidischen Aglauros Stimme: »Ich bin zu Stein geworden!« - Von Virgil (der Einsicht) erfährt Dante, diese Rufe seien der vom Bösen abschreckende Zügel, wie die Ladungen zum Tisch der Liebe die Geißel waren, die zur Besserung antreibt (s. Fegef. XIII V. 28-42 u. d. Anm.).

»Wer ist wohl der, der unsern Berg umwallet,
Bevor ihm Tod annoch den Flug gegeben;
Und wie er will sein Aug' aufthut und schließet?« -

»Nicht weiß ich wer er sei, doch weiß ich: einsam
Ist solcher nicht: frag' du ihn: du bist näher,
Und sprich ihn lieblich an, damit er rede!« -

So sprachen, einer hingeneigt zum andern,
Zween Geister rechter Hand von mir und legten
Sodann zurück die Häupter, mich zu sprechen.

Und einer sprach: »O Seele, die, im Leibe
Annoch versenkt, empor zum Himmel steiget,
Getröste uns aus Liebe und erzähl' uns,

Woher du kommst und wer du bist; da Staunen
Du uns durch deine Gottesgnad' erweckest:
Wie es erheischt ein Ding, das nie gewesen?« -

Und ich: »Es dehnt sich mitten durch Toskana
Ein Flüßchen, das am Falteron' entspringet,
Das hundert Miglien Laufes nicht beruh'gen:

Von dorther bring' ich diesen meinen Körper;
Doch wer ich sei, euch sagen, wär' vergeblich,
Indem mein Name noch nicht viel erschollen.« -

»Dring ich in deinen Sinn mit meiner Einsicht
Recht ein, gab der mir der zuerst geredet
Hierauf zur Antwort: redest du vom Arno?« -

Und zu ihm sprach der Andre: »Warum barg uns
Wohl jener da den Namen dieses Stromes,
Wie einer thut mit greuelvollen Dingen?« -

Der Schatten aber, der darum befragt war,
Fand so sich ab: »Ich weiß nicht, doch gerecht ist
Es wohl, daß solcher Gosse Namen umkommt;

Denn dort vom Anfang, wo so wohlgetränkt ist
Das Hochgebirg, dem sich entriß Pelorus,
Daß solch' ein Maaß es selten übersteiget,

Bis wo er sich als ein Ersatz zurückgiebt
Deß, was der Himmel dörrt vom Meer, woher ja
Die Flüsse was mit ihnen rollt empfangen:

Wird Tugend so gefloh'n wie eine Feindin,
Von Allen, gleich der Schlange, ob durch Unglück
Des Ortes oder Unart, die sie antreibt:

Wodurch ihr Wesen so verändert haben
Des traur'gen Thals Bewohner, daß es scheinet,
Als habe Circe sie in Kost genommen.

Denn zwischen Ebern, würdiger der Eicheln,
Als andrer Kost nach Menschenart bereitet,
Führt anfangs er hinab die arme Laufbahn:

Dann trifft er Hündlein an, hinunter kommend,
Viel grinsender als ihre Macht erfodert,
Und kehrt verächtlich ihnen seinen Mund ab:

Und fliehet stürzend und, jemehr er anschwillt,
Jemehr sieht er aus Hunden Wölfe werden:
Der ganz vermaledeit' elende Graben:

Gefallen dann durch viele dunkle Klüfte,
Trifft er die Füchse an, so voll von Arglist,
Daß sie von keinem Witz Umgarnung fürchten.

Ich laß das Reden nicht: daß der mich höre:
Und gut wird's ihm sein, wenn er einst gedenket
An das, was mir ein wahrer Geist enthüllet.

Ich sehe deinen Neffen, wie ein Jäger
Er wird derselben Wölfe, dort am Ufer
Des grausen Stroms, und alle sie entmuthigt.

Ihr Fleisch verkauft er, während sie noch leben,
Dann tödtet er sie wie ein altes Schlachtvieh,
Das Leben nimmt er Vielen, sich die Ehre

Bluttriefend geht er aus dem traur'gen Dickicht,
Und läßt es so. daß es in tausend Jahren
Sich nicht auf's Neu bebuscht, wie es zuvor war!«

Wie bei Verkündung des zukünft'gen Schadens
Sich trübt das Antlitz dessen, der erfähret,
Von welcher Seite die Gefahr ihm drohe:

Sah' ich die andre Seele, die zu horchen
Sich wandt' unruhiger und traur'ger werden,
Als sie die Rede in sich aufgenommen.

Der Einen Rede wie der Andern Aussehn
Schuf mich begierig nach derselben Namen:
Drum fragt' ich sie nunmehr darum mit Bitten:

Worauf der Geist, der erst mit mir geredet,
Auf's Neu' begann: »Du willst, daß ich mich füge,
Dir das zu thun, was du mir selbst nicht thun willst:

Allein da Gott es will, daß seine Gnade
So durch dich leuchte, will ich dir nicht karg sein:
Drum wisse, daß ich Guido bin del Duca.

Es war mein Blut einst so von Neid entzündet,
Daß, hätt' ich einen fröhlich werden sehen,
Du sahest übergossen mich mit Blässe.

Von meiner Aussaat ärnt' ich solche Halme;
O Menschheit, warum steht dein Herz nach Dingen,
Die Ausschluß der Genossenschaft verlangen!

Der ist Rinier, der ist der Preis, die Ehre
Des Hauses Calboli, in dem nun Keiner
Zum Erben seiner Trefflichkeit sich machte.

Und nicht allein sein Blut ist arm geworden,
Dort zwischen Po und Berg und Strand und Reno,
Das Heil gesucht im Wahren und im Schönen:

Nein, innert dieser Grenzen ist nun Fülle
Von giftigem Gestrüpp, so daß nur langsam
Des wen'ger werden mag durch gute Pflege.

Wo ist der gute Lizio, wo Manardi,
Pier Traversar' und Guido di Carpigna?
O Bastarde gewordne Romagnoler!

Wenn in Bologna sich ein Schmid empordrängt,
Wenn in Faenz' ein Bernardin di Fosco
Erhabne Sprossen treibet aus geringen:

Nicht wundre dich, wein' ich darüber, Tusker,
Gedenkend jetzt noch mit Guido da Prata
Ugolin d' Azzo's, der mit euch gelebt hat,

Friedrich Tignoso's auch und all' der Seinen,
Der Häuser Traversar' und Anastagi
(Und dies Geschlecht ist so enterbt wie jenes,)

Der Frau'n und Ritter und der Müh'n und Thaten,
Was Lieb' uns eingab und die edle Sitte,
Dort wo die Herzen nun so tückisch worden!

O Brettinoro, willst du nicht vergehen,
Da all' dein Stamm bereits hinweggezogen,
Und viel des Volkes, um nicht mit zu sünd'gen?

Wohl thut Bagnacaval, daß er nicht zeuget,
Und schlimm thut Castrocar und schlimmer Conio,
Der, solche Grafen zeugend, sich's verschlimmert.

Recht werden die Pagani thun, sobald erst
Ihr Dämon stirbt, doch also nicht, daß jemals
Von ihnen noch ein reiner Zeuge bliebe!

O Ugolin da Fontolin, bewahrt ist
Dein Name, da man nun nicht mehr erwartet,
Wer ihn durch Uebertretung schänden könnte.

Doch geh', Toskaner, nun, denn es erfreuet
Das Weinen mich viel mehr nun als das Reden:
So hat mir Leid um euch den Geist beenget!« -

Wir wußten, daß die werthen Seelen dorten
Uns wandeln hörten, wodurch sie veranlaßt,
Daß wir dem Weg uns schweigend überließen.

Dann als wir weiterschreitend einsam waren:
Gleich Blitz, wenn Luft er theilt, erschien uns Stimme,
Die da herankam, uns entgegen, rufend:

»Es wird mich tödten, wer mich irgend findet!« -
Und floh dann wie ein Donner, der hinwegzieht,
Wenn eilend er zersprenget das Gewölke.

Als unser Hören Frieden vor ihr hatte:
Horch, eine andre, mit so mächt'gem Krachen,
Daß sie ein Donnern schien, das eilig nachfolgt:

»Ich bin Aglauros, die zu Steine worden!« -
Ich aber, an den Dichter mich zu drängen,
Bewegte rückwärts meinen Schritt, nicht vorwärts.

Schon war die Luft nach allen Seiten ruhig:
Er aber sprach: »Das war der harte Zügel,
Der Menschen halten sollt' in ihren Schranken.

Doch nehmt ihr so den Köder, daß der Angel
Des alten Widersachers euch zu ihm zieht,
Und wenig gilt drum Zügel oder Zuruf.

Euch ruft der Himmel, er umrollt euch immer,
Euch zeigend seine ew'gen Herrlichkeiten:
Doch euer Auge siehet nur zur Erde;

Weshalb euch schlägt, der Alles wohl durchschauet.


Gesang 15

Der Umgang des Berges wendet sich rascher als früher: die Dichter wallen schon westwärts, und die Sonne scheint in ihr Gesicht: da tritt ein neuer Glanz hinzu, es ist der Engel, der zum neuen, minder steilen Aufgang einladet. Hinter ihnen ertönen nun als Gesang die Worte der Bergpredigt: »Selig sind die Barmherzigen!« und »Freue dich, der du siegest.« - Von Dante befragt, erklärt Virgil im Gehen eine Rede jener Neid-büßenden Seele, Guido's (s. Fegef. XIV V. 86-87), indem er der neiderregenden irdischen Güter Unterschied von den himmlischen entwickelt, bei welchen letzteren kein Ausschluß der Genossenschaft ist, da sie sich bei dem Vertheilen unter Viele sogar vermehren; darum würde die Bängniß des Neides aus den Menschen verschwinden, wenn ihre Sehnsucht von Liebe zum Himmel gelenkt würde; Beatrice werde ihm alles Dies dereinst noch mehr erhellen. Hierauf betritt Dante hocherfreut den neuen Umgang. Da erscheinen ihm innere Visionen: zuerst ein Tempel mit vielem Volk erfüllt, am Eingange Maria, welche sanftmüthig zu dem zwölfjährigen Jesus spricht: »Mein Sohn, warum hast du uns das gethan, mit Schmerzen haben ich und dein Vater dich gesucht!« - Dann erscheint Pisistrat's Sanftmuth, als dessen Gattin Rache verlangte für einen Kuß, den ein Jüngling ihrer Tochter gegeben, endlich die Sanftmuth des heiligen Stephanus, womit er Gott um Vergebung für die Feinde anflehte, während jene Wüthenden ihn steinigten. Als Dante sich von der Schau der göttlichen Gesichte wieder sammelt, bringt Virgil (die Einsicht) ihn vollends zum thätigen Bewußtsein, sprechend: Was ist dir? Du gehst ja wie ein Schlummernder oder Trunkner: diese Gesichte erscheinen dir nur, dich nach dem Quell alles Seelenfriedens hinzulocken: tritt wiederum kräftig auf die Füße, d. h.: bloßes Versenken in Anschauungen ist nicht hinreichend, zur Seligkeit zu gelangen, der Glaube muß lebendig und thätig sein. Nun wandeln die Dichter, in den Abend hinspähend, weiter: da erhebt sich, ihnen entgegen, ein finstrer Rauch: es ist der Rauch des Zornes Gottes, der auf diesem Umgange die Zornigen läutert, die mit jenen Stimmen der Sanftmuth zur Besserung gelockt werden. Der Rauch verhüllt hier den Berg, wie einst den Sinai, auf den sich Gott mit Feuer und Rauch niederließ (s. II B. Mos. XIX); dem analog sinden wir Gottes läuternde Flamme weiter oben (s. Fegef. XXV V. 112), die verkörperte Gotterscheinung aber auf dem Gipfel (s. Fegef. XXIX V. 108 u. w.). - Hierher gehört auch Ps. XVII V. 9 u. w.: »Es stieg Rauch auf in Seinem Zorn ... und Dunkel war unter Seinen Füßen und Er setzte Finsterniß ringsher zu Seinem Versteck, rings um Sich her zu Seinem Gezelt« ... Auch im II B. der Kön. XXII V. 8 u. w. heißt es: Denn Er zürnte über sie, es stieg Rauch aus seiner Nase u. w.

So viel als von dem Schluß der dritten Stunde
Bis zu des Tags Beginn verbleibt der Sphära,
Die immer heiter ist nach Kinderweise,

So viel auch schien nunmehro bis zum Sinken
Der Sonne noch von ihrem Wandel übrig;
Dort war es Abend, Mitternacht hienieden.

Die Strahlen trafen unsrer Nasen Mitte:
Indem der Berg sich uns so mild erzeigte,
Daß wir bereits gerad nach Westen gingen;

Als ich das Antlitz mehr belastet fühlte
In solcherlei Bestrahlung, als vorhero,
Und Wunder nahmen mich die neuen Dinge:

Weshalb ich meine Hände zu dem Gipfel
Der Brauen hub und so mir Schirm gewährte,
Dem übermäß'gen Schauen eine Grenze.

Gleichwie vom Wasser, oder von dem Spiegel,
Der Strahl zur Seite gegenüber springet
Und aufwärts steiget in derselben Weise,

Wie er herabfiel, und gleichviel zurückweicht,
Von eines Steines Fall, mit gleichem Winkel,
Wie dies Erfahrung oder Lehre zeiget:

So schien ich mir von da vor mir zurücke
Gestrahltem Licht getroffen, solchermaßen,
Daß mein Gesicht genöthigt ward zum Weichen.

»Was ist das, theurer Vater, gegen das ich
Den Blick nicht schirmen kann, daß es mir hülfe,
Sagt' ich: und das gen uns beweget scheinet?« -

»Nicht wundre dich, dafern dich jetzt noch blendet
Die himmlische Genossenschaft, begann er:
Ein Bote ist's, der hier zum Steigen ladet.

Bald wird's geschehn, daß solcher Dinge Schauen
Dir nicht Beschwerde, sondern Wonne sein wird,
Nachdem Natur dich rüstet zum Empfinden.« -

So waren wir gelangt zum sel'gen Engel:
Mit holder Stimme sprach er: »Gehet ein da!
Zum Steig, der minder steil ist als die frühern.« -

Wir klommen schon, von dorten abgeschieden,
Und »Beati misericordes!« sang es
Nun hinter uns und: »Freu' dich, der du siegest!« -

Mein Meister und ich, beide nun vereinsamt
Aufstiegen wir, und ich gedacht' im Wandern,
Mir Heil aus seiner Rede zu gewinnen:

Und wandte mich zu ihm, ihn also fragend:
»Was meinte doch der Geist aus der Romagna,
Als von Genossenschaft er sprach und Ausschluß?« -

Drum er zu mir: »Von seinem größten Schandfleck
Kennt er den Nachtheil: drum ist nicht zu staunen:
Er straft sich, daß man künftig wen'ger weine.

Warum doch haften eure Wünsch' an Dingen,
Bei denen Mitgenuß etwas verringert,
Und Neid den Blasebalg zum Seufzen reget?

Denn wenn die Liebe zu der höchsten Sphära
Nach oben richtete die Sehnsucht euer:
Ihr hättet nimmer in der Brust die Bängniß:

Dieweil, je mehr wir dorten unser nennen,
Je mehr besitzet Jeder von dem Gute,
Je mehr der Liebe glüht in jenen Räumen!« -

»Ich bin noch unbefriedigter nunmehro,
Sagt' ich: als hätte ich zuvor geschwiegen,
Und mehr der Zweifel häuf' ich nun im Geiste.

Wie kann's geschehn, daß ein vertheilet Gut je
Noch mehrere Besitzer reicher schaffe,
Als wär' es nur von Wenigen besessen?« -

Und er zu mir: »Dieweil du immer wieder
Den Sinn nur auf die ird'schen Dinge richtest,
Entschöpfest du dem wahren Lichte Dunkel.

Das Gut, das endelos' unausgesprochne,
Welches da droben ist, strömt so zu Liebe,
Gleichwie ein Strahl zu Körper, der erglänzet.

So viel verleiht's von sich, als Brunst es findet;
So daß, wie viel die Liebe sich verbreite,
Stets über ihr der ew'ge Schatz sich mehret.

Und wie viel Schaar sich droben mehr verstehet,
Je mehr ist liebenswerth und wird geliebet,
Gleich Spiegeln leiht da Einer wieder Andern.

Und stillt mein Reden dir noch nicht den Hunger,
So wirst du Beatrice sehn, die wird dir
Den Wunsch und jeden andern völlig stillen.

Nur siehe zu, daß bald getilget werde,
Wie zween der Wunden, auch die andern fünfe,
Die sich verschließen, weil sie wehe werden.« -

Als ich nun sagen wollte: »Du genügst mir« ...
Sah' ich am neuen Kreis mich angekommen,
Daß die erfreuten Augen mich nun stillten.

Es war mir da, als wenn in ein entzücktes
Gesicht urplötzlich ich entrücket würde,
Und sähe viele Leut' in einem Tempel:

Und eine Frau mit mütterlicher, sanfter
Geberd' am Eingang sagte: »O mein Söhnlein,
Warum hast also du an uns gehandelt?

Da sieh', mit Schmerzen haben dich dein Vater
Und ich gesucht!« ... Und so wie es da stillward,
Verschwand nun auch, was mir zuerst erschienen.

Drauf schien mir eine Andre, der die Wangen
Herab ein Wasser rann, wie Schmerz es quellet,
Entstehet er aus großem Zorn gen Andre,

Zu sprechen: »Wenn du Herr der großen Stadt bist,
Um deren Namen Götter einst gestritten,
Woher auch alle Wissenschaft entbrennet:

So räche, Pisistrat, dich an den Armen,
Den Frechen, die umarmet unsre Tochter!« -
Es schien der Herr mir aber mild und gütig

Ihr zu erwiedern mit gelass'nem Antlitz:
»Was thun wir Einem, der uns Böses anwünscht,
Wenn der von uns verdammt wird, der uns liebet?« -

Drauf sah' ich Leut', entbrannt in Glut des Zornes,
Mit Steinen grausam tödten einen Jüngling,
Zurufend sich einander: Steinigt! steinigt!

Er aber ward geseh'n vom Tod sich neigend,
Der schon zur Erd' ihn beugt'; allein er machte
Die Augen stets zu Pforten für den Himmel,

Zum höchsten Herrn in solchem Kampfe betend:
Daß seinen Pein'gern er verzeihen möge,
Mit jenem Aufblick, der Mitleid erschließet.

Als meine Seele wieder sich nach außen
Gewandt, zu, außerhalb ihr, wahren Dingen,
Erkannt' ich meine nicht trugvollen Irren:

Mein Führer aber, der mich schauen konnte,
Wie ich als Einer that, der aus dem Schlaf will,
Sprach: »Was ist dir: kannst du dich nicht halten?

Wohl mehr als eine halbe Miglie gingst du
Geschloßnen Auges und mit irren Füßen,
Nach Eines Art, den Wein neigt oder Schlummer.«

»O holder Vater mein, wenn du mich anhörst,
Sag' ich dir, sprach ich: was mir da erschienen,
Als mir die Füße so benommen worden.«

Und er: »Und hättest du auch hundert Larven
Auf deinem Antlitz; nicht verschlossen blieben
Mir die Gedanken dein, wie klein sie wären.

Du sahest das, damit du dich nicht wehrest,
Das Herz des Friedens Wassern zu eröffnen,
Die aus der ew'gen Quelle sind ergossen.

Was ist dir? fragt' ich nicht wie irgend Einer,
Der nur mit Augen schaut und der nicht siehet,
Sobald sein Leib entseelt dahingesunken.

Ich fragt' es, zu erkräft'gen deine Füße:
So muß man treiben die langsamen Läß'gen,
Die Zeit zu nützen, wenn sie wieder wach sind.

Wir gingen, spähend in den Abend, weiter,
Als sich die Augen nur erstrecken konnten,
Entgegen abendlichen, hellen Strahlen:

Und siehe, nach und nach erhub ein Rauch sich,
Dort wider uns, so finster wie die Nacht ist,
Und war kein Raum allda, ihm auszuweichen:

Der nahm die Aussicht und das klare Licht uns.


Gesang 16

Der Rauch, den Zorn Gottes, der die Zornmüthigen trifft, vorbildend, umgiebt die Wandernden mit einer Nacht, finstrer als alle andere Nächte und dunkler als das Dunkel der Hölle; so daß sie die Augen schließen müssen. Virgil aber sagt zu seinem Schüler: er möge sich nicht von ihm, von der Einsicht, trennen lassen. Hier ist ihm letztere besonders nothig, um vor dem Zorn Gottes nicht in Verzweiflung und ewigen Tod zu fallen. Seinem Führer folgend, vernimmt er Stimmen, welche einträchtiglich das Lamm Gottes, das alle Verschuldungen auf sich nimmt, um Erbarmen anflehen, und so die Schlinge lösen, womit Zornmuth sie bestrickt hat. Eine der Seelen fragt den noch lebenden Dante: wer er sei? Virgil räth ihm zur Antwort, und ermahnt ihn, zugleich nach dem Wege zu fragen. Dante thut es. Jene Seele räth ihm geradeaus zu wallen, erbietet sich ihm zum Geleiter, so weit sie gehen dürfe, und giebt sich als die Seele des Venetianers Marco zu erkennen, welcher auf Erden (obwohl hinsichtlich des Zornes sündigend) nach dem höchsten Gut gestrebt, wonach die Welt jetzt wenig trachte. Da befragt ihn Dante um den Grund dieser Verderbtheit, den Mancher dem Himmel, Mancher der Welt Schuld giebt: worauf Marco von der Freiheit der menschlichen Seele spricht, welcher in der Offenbarung ein Licht gegeben ist, Recht und Unrecht zu erkennen, zugleich natürliche Liebe zum Schöpfer: giebt sie sich nun, vom Reiz der Gegenwart verlockt (s. Hölle I V. 41-43 u. d. Anm.), falschem Triebe hin, so trägt sie selbst die Schuld, wenn sie in die Knechtschaft der Sünde geräth, statt, den Geboten Gottes gehorchend, die höhere Freiheit zu erlangen, geführt von der Einsicht, welche den Thurm der wahren Stadt, Christum, im Auge behält. Die Gebote seien vorhanden; aber Niemand befolge sie: der Pabst selbst trachte nach Irdischem: darum begehre seine Heerde auch nicht nach Höherem. Schlechte Führung, nicht Natur habe die Welt verderbt. Hirtenstab und Schwerdt in einer Hand mache, daß sich das Eine nicht vor dem Andern scheue und es werde finster auf der Welt, weil der Pabst, sich die weltliche Herrschaft anmaßend, den Glanz des Kaisers verdunkelt habe. Es habe besser um die Welt gestanden, ehe Kaiser Friedrich mit dem Pabst zu Streite gekommen. Die Anmaßung beider Herrschaften habe die Kirche in den Schmutz gebracht. Da erkennet Dante, warum der Stamm Levi von dem Erbe ausgeschlossen worden (s. Josua XIII V. 14). Marco nennt ihm drei treffliche Männer, die noch leben: den Currado del Palazzo, den Guido von Castello und Gerhard den Guten, den er mit dessen Tochter Gaja näher bezeichnet. Hierauf nimmt Marco Abschied, weil der Ranch bereits durchsichtiger scheine, und er noch nicht daraus hervorgehen dürfe (vergl. Hölle XV V. 115-118): er fühlt sich noch nicht würdig, Gottes Licht zu schauen.

Das Schwarz der Hölle und der Nacht, jedwedes
Planeten mangelnd, unter armem Himmel,
So viel es sein kann finster von Gewölken,

Schuf meinem Antlitz nicht so dichten Schleier,
Als jener Rauch, der dort uns überdeckte,
Auch nicht so rauhen Striches für's Empfinden.

Denn offen ließ er nicht das Auge bleiben;
Weshalb mein aufmerksam' und treu' Geleite
Mir nahete und mir die Schulter anbot.

Gleich wie ein Blinder hinter seinem Führer
Geht, nicht zu irren, noch auch anzustoßen
An etwas, das ihn quälet oder tödtet:

Ging durch die bittere und trübe Luft ich,
Anhörend meinen Führer, welcher sagte:
»Gib Acht nur, daß du nicht von mir getrennt wirst.« -

Ich hörte Stimmen da, und alle schienen
Um Frieden anzuflehen und Erbarmen
Das Gotteslamm, das alle Sünden abnimmt:

Nur »Agnus Dei« waren ihre Bitten,
In Allen eine Stimm' und eine Weise,
Daß alle Eintracht schien zu sein bei ihnen.

»Sind das nicht Seelen, Meister, die ich höre?«
Sprach ich; und er zu mir: »Du greifst das Wahre,
Und lösen gehn sie ihres Zornmuths Schlinge.« -

»Jetzt, wer bist du, der unsern Rauch durchdringet,
Und sprichst von uns in solcher Art, als theiltest
Du immer noch die Zeit ein nach Calenden?« -

So ward allda gefragt von einer Stimme,
Weshalb der Meister zu mir sprach: »Gib Antwort,
Und frage ihn, ob man nach dort emporsteigt?« -

Ich aber: »O Geschöpf, das hier sich läutert,
Um rein zu dem zu kehren, der dich machte,
Du sollst, geleitest du mich, Wunder hören!« -

»Ich werde dich, so weit ich darf, geleiten,
Sprach sie zurück: und, läßt mich Rauch nicht schauen,
Wird uns dafür Gehör verbunden halten!« -

Hierauf begann ich: »Mit der Hülle, welche
Der Tod auflöset, walle ich hier aufwärts,
Und kam daher durch all' die Angst der Hölle:

Und also schloß mich Gott in seine Gnade,
Daß er es will, daß seinen Hof ich schaue,
Auf gänzlich neu und ungewohnte Weise.

Nicht birg mir, wer du warst vor deinem Tode,
Sag mir's, und sag mir: geh' ich recht zum Aufgang?
Es seien deine Reden unsre Führer.« -

»Lombardo hieß ich, zubenamet Marco,
Kannte die Welt und strebte nach dem Preise,
Nach dem nun Jeder abgespannt den Bogen:

Hinaufzukommen wallest du gerade,
Antwortet' er und setzte zu: ich bitte
Dich, bitte du für mich, bist du dort oben!« -

Und ich zu ihm: »Was du von mir verlangest,
Auf Treu verbind' ich mich's zu thun, doch berst' ich
Von einem Zweifel, wenn ich ihn nicht löse:

Erst war er einfach, jetzo ward er doppelt,
Durch deine Rede, welche mir dasselbe
Versichert hier wie anderswo, verbind' ich's.

Die Welt ist wahrlich dergestalt verlassen
Von aller Tugend, wie du mir verlautet,
Und aller Bosheit trächtig und bedecket:

Doch bitt' ich, sage mir den Grund, damit ich
Ihn schau', und Andern zeige; denn es suchet
Am Himmel Einer ihn, der Andre drunten.« -

Gewalt'gen Seufzer, den der Schmerz zum Ach! schuf,
Stieß er zuerst heraus, begann dann: »Bruder,
Die Welt ist blind, und wohl kommst du von ihr her!

Ihr, die ihr lebet, schiebet alle Ursach'
Nur auf den Himmel oben, gleich als zwäng' er
Durch die Nothwendigkeit dies Alles mit sich;

Wär' solches also, wär' aus euch vertilget
Der freie Will'. auch würd' es nicht gerecht sein,
Für Tugend Lust, für Sünde Trauer haben.

Der Himmel legt den Keim zu euren Trieben,
Zu allen sag' ich nicht, doch, sagt' ich's, ward euch
Zu Recht und Unrecht doch ein Licht gegeben,

Und freier Wille, und erträgt er Mühe
In seinen ersten Kämpfen für den Himmel,
Dann siegt er über Alles, nährt er recht sich.

Viel größrer Macht und besserer Natur auch
Seid frei ihr unterthan, und diese schaffet
Geist in euch, den der Himmel nicht mehr hütet.

Drum, lenkt die Zeitlichkeit euch von dem Wege,
So ist in Euch der Grund, in Euch zu suchen:
Deß will ich dir ein wahrer Späher werden.

Es gehet aus der Hand Ihm, der sie gnädig
Anlächelt', eh' sie war, nach Art des Kindes,
Das immer tändelt, weinend so wie lachend,

Die unschuldsvolle Seele, die nichts kennet,
Als daß, beweget von dem sel'gen Schöpfer,
Sie gern zu dem sich kehrt, was sie vergnüget.

An kleinem Gut schmeckt sie sogleich die Süße:
Da irrt sie sich und läuft ihm nach, wenn Lehre
Nicht, oder Zaum zurücklenkt ihre Liebe.

Weshalb Gesetz bestellt sein muß als Zügel,
Sowie ein Führer, der zum allermindsten
Den Thurm der wahren Stadt erkennen möge!

Gesetze giebt's: allein wer hält sie? - Keiner! -
Der Hirte, der vorangeht, wiederkauen
Kann er, und hat die Klau'n doch nicht gespalten!

Weshalb das Volk, das seinen Führer siehet
Solch' Gut nur schlingen, wonach ihn gelüstet,
Nur davon ißt und drüber nichts begehret!

So kannst du seh'n: es ist die böse Führung
Die Ursach', die die Welt so sündhaft machte,
Und nicht Natur, die so in euch verderbt wär.

Sonst hatte Rom, als es die Welt gebessert,
Zween Sonnen, welche die wie jene Straße
Erhellten, die der Welt und jene Gottes.

Verlöscht hat ein' die andre, und das Schwerdt ist
Gelangt zum Hirtenstab: so muß das eine
Gewaltsam übel fahren mit dem andern:

Weil so vereint nun Keins das Andre fürchtet!
Glaubst du mir nicht, so sieh' nur auf die Aehre;
Denn jedes Kraut erkennet man am Saamen.

Man pflag im Land, das Etsch und Po durchziehen,
Sonst Tapferkeit und Trefflichkeit zu finden,
Zur Zeit als Friedrich noch nicht Streit gehabt:

Jetzt kann sich deren sicherlich entäußern
Ein Jeder, der aus Schaam es unterließe,
Zu Trefflichen zu sprechen und zu nahen.

Wohl sind drei Alte noch, aus denen strafet
Die alte Zeit die neue: denen währt es
Gar lang, bis Gott sie ruft zu besserm Leben:

Currado da Palazzo und Gerhardo
Der Gut' und Guido von Castell, der besser
Der ehrliche Lombarde hieß auf Fränkisch.

Sag' Allen jetzo, daß die Kirche Roma's
Dadurch, daß zween Herrschaften sie vereinigt,
In Koth versinkt, sich und die Last besudelnd.«

»O Marco mein, sprach ich: du schließest trefflich!
Und jetzt erkenn' ich, warum von der Erbschaft
Die Söhne Levi's ausgeschlossen worden:

Doch wer ist Gerhard, der, wie du es sagtest,
Blieb vom vergangenen Geschlecht, ein Muster
Und Vorwurf dem verwilderten Jahrhundert?« -

»Entweder täuschet oder prüft dein Wort mich,
Antwortet' er: da du, toskanisch redend,
Vom guten Gerhard nichts zu wissen scheinest?

Ich kenn' ihn nicht mit anderer Bezeichnung;
Nehm' ich sie nicht von seiner Tochter Gaja.
Gott sei mit Euch, ich zieh' mit Euch nicht weiter.

Da sich die Dämm'rung, die den Rauch durchstrahlet,
Bereits erschimmern, also muß ich scheiden;
Der Engel ist dahier, eh' er erscheinet!« -

So sprach er, wollte dann mich nimmer hören.


Gesang 17

Nach und nach erschimmert den Wanderern wiederum die Sonne (der Erkenntniß), und hervortretend aus der Wolke (des göttlichen Zürnens) sehen sie das Licht von den Tiefen bereits verschwinden. Da erscheinen Dante durch göttliche Eingebung Gesichte schrecklichendender Wuth. Zuerst sieht er die Rache Philomelen's, die an dem unschuldigen Itys genommen ward, dann Hamann's übelendenden Zorn gegen das Volk Gottes, zuletzt die verzweifelte Heftigkeit der Amata, welche sich selbst vernichtete. Diese Bilder zerstieben vor dem himmlischen Glanz des Engels, dem sie indessen genaht sind. Derselbe ladet sie zu dem neuen Aufgang, weht sie mit den Fittigen an, und spricht Jesu Worte aus der Bergpredigt: »Selig seid ihr Friedfertigen, die ihr ohn' argen Zorn seid!« - Nun steigen sie empor und erreichen, eben als die Sonne sinkt, den neuen Umgang; ermüdet weilt Dante und, keine Seele schauend, fragt er Virgil: welche Sünde hier gebüßt werde? Da antwortet dieser: die allzu lässige Liebe, und sagt ihm dazu: wie alle Sünde aus Liebe entstehe, sobald man entweder den Schaden des Nächsten liebe, oder zu lässig liebe oder seine Liebe zu sehr Gütern zuwendet, welche nicht die wahre Seligkeit bringen. Den Schaden des Nächsten liebe der Stolze, um bei Anderer Fall zu steigen; der Neidische, um an Glück oder Ruhm nicht nachzustehen; der Zornige, um sich gerächt zu sehen: zu lässig in der Liebe seien die Unthätigen. Alle diese büßen in den bereits betretenen Kreisen des Berges; über denselben aber in dreien Kreisen diejenigen, welche in der Liebe zu den vergänglichen Gütern unmäßig gewesen (die Geizigen, die Schlemmer und die Wollüstigen).«

Erinnre Leser dich, wenn je in Alpen
Dich Nebel einschloß, welchen du nicht anders
Durchschauen konntest, wie sein Fell der Maulwurf:

Wenn nun die feuchten und vielfält'gen Dünste
Beginnen sich zu trennen, und der Spiegel
Der Sonne trübe nur durch sie erschimmert:

So wirst du leicht davon ein Bild gewinnen,
Dafern du wieder schautest, wie ich wieder
Die Sonn' erblickte, die bereits sich neigte.

Und, haltend gleichen Schritt mit meines Meisters
Getreuem Schritt, kam ich aus solcher Wolke
An's Licht, das schon verschwand von tiefern Ufern.

Einbildungskraft, die manchmal uns entrücket
So ausser uns, daß Einer oft nicht höret,
Und bliese man umher mit tausend Tuben,

Wer regt dich an, wenn dir der Sinn nichts darbeut?
Anregt dich Licht, das sich im Himmel bildet
Selbst, oder auch durch Boten, der's herabbringt.

Von Jener Zorn, die einst sich in den Vogel
Verkehrt, der sich zumeist erfreut des Sanges,
Erschien das Schattenbild in meiner Seele,

Und war mein Sinn allda so gar verschlossen
In sich, daß ihm daselbst kein Ding von Außen
Erscheinen konnte, das er fassen können

Dann senkte sich in's hohe Schau'n hernieder
Gekreuziget ein stolzer Mann, gar zornig
In seinem Anblick, und als solcher starb er.

Bei ihm war Ahasver der Groß' und Esther
Sein Weib, und der gerechte Mardochäus,
Der gleich gerecht bestand in Wort und Handeln.

Und, als dies Bild sich nun zertrennet hatte
Sich aus sich selbst, nach einer Blase Weise:
Das Wasser fehlt, worin sie sich gebildet;

Erhub in meinem Schauen sich ein Mägdlein,
Das heftig weinete und sprach: »O Fürstin,
Warum hast du aus Zorn Nichts werden wollen?

Du tödtest dich, Lavinia nicht zu missen!
Jetzo verlorst du mich, die ich nun schluchze,
O Mutter, mehr um Dein, als Andrer Hinsturz!« -

Wie sich der Schlaf zertheilet, wenn urplötzlich
Ein neues Licht trifft die geschloss'nen Blicke,
Und erst noch zucket, eh' er ganz entschwindet:

So fiel nunmehr mein Schattenbild zusammen,
Sobald das Licht mein Angesicht getroffen,
Viel heller, als wir es gewohnt auf Erden.

Ich wandte mich, zu schauen wo ich wäre?
Als nun: »Hier steigt man!« eine Stimme sagte,
Die mich von jeder andern Absicht wandte:

und meinen Willen so begierig machte,
Zu schauen, wer es sei, der dorten spreche?
Daß er nicht ruhte, eh' er ihn erblickte.

Doch, wie die Sonne unsern Blick belästigt,
Und in zu großer Helle die Gestalt birgt;
So war da meine Kraft auch zu geringe.

»Dies ist ein Geist, ein göttlicher, der hier uns
Den Aufgang zeiget, sonder eine Bitte,
Und sich verbirget in dem eignen Lichte.

Er thut uns, wie ein Mensch thun soll dem Andern;
Denn wer auf Bitten harrt, und sieht die Noth doch,
Bereitet sich schon böslich auf's Verneinen.

Auf! folgen auf dem Fuß wir solchem Rufe,
Und eilen wir zu steigen, eh' es dunkelt;
Sonst könnte man's nicht, wenn der Tag nicht kehret.« -

So sprach da mein Geleiter, und wir wandten,
Mit ihm ich, unsern Schritt zu einer Stiege:
Und jetzt, wie ich gelangt zur ersten Stufe,

Fühlt' ich's mir nahe wie geregte Flügel,
Und mir in's Antlitz wehn, da rief's: »Beati
Pacifici,
die ihr ohn' argen Zorn seid!« -

Schon waren über uns so weit erhoben
Die letzten Strahlen, denen bald die Nacht folgt,
Daß hie und da die Sterne schon erschienen.

O meine Kraft, warum entweichst du also!
Sprach zu mir selber ich, indem ich fühlte,
Wie das Vermögen meiner Füße einhielt.

Wir waren, wo man nicht mehr jene Stiege
Hinansteigt, und wir hafteten daselbst nun,
Gleich wie ein Schiff, das zu dem Strand gekommen.

Ich aber späht' ein wenig, ob ich irgend
Nur etwas auf dem neuen Umgang hörte?
Dann wandt' ich mich zu meinem Meister, sprechend:

»Geliebter Vater, sag', von welcher Sünde
Wird in dem Kreis, wo nun wir sind, geläutert?
Stehn still die Füße, thu's nicht deine Rede.« -

Und er zu mir: »Die Liebe zu dem Heile,
Die nicht der Pflicht genügt, wird hier ergänzet:
Man schlägt dahier auch auf das säum'ge Ruder.

Allein, damit du klarer mich verstehest,
So kehr' den Geist zu mir, und ein'ge Früchte
Kannst du aus unserm Weilen hier erlangen.

Nicht Schöpfer noch Geschöpfe, so begann er:
Mein Söhnlein, waren jemals ohne Liebe,
Natürliche wie freie, und das weißt du:

Die von Natur war immer sonder Fehle:
Die andre konnt' im Gegenstand sich irren,
und durch zu viel Gewalt und durch zu wen'ge.

Ist höchsten Gütern sie recht zugekehret,
Und mäßigt sie sich selbst bei den geringern,
Kann nie sie Anlaß sein zu sünd'ger Freude;

Doch kehrt sie sich zum Uebel, oder jagt sie
Dem Gute nach zu eifrig oder träge,
Wirkt das Geschöpf entgegen seinem Schöpfer.

Hieraus kann man ersehen, wie die Liebe
In euch muß Saamen sein jedweder Tugend,
Wie jedes Werks, das Züchtigung verdienet.

Und weil die Liebe nie das Antlitz wenden
Kann vom Gefallen ihres Unterworfnen,
Sind vor dem eignen Haß die Wesen sicher:

Und weil man sich nicht kann ein Wesen denken
Auf sich bestehend und getrennt vom höchsten,
Ist Haß gen dieses jedem Trieb benommen.

So bleibt, wenn ich im Sondern richtig schätze:
Das Uebel, was man liebet, ist des Nächsten:
In eurem Schlamm wird solche Liebe dreifach:

Der Ein' erhofft, - ist unterdrückt sein Nächster,
Sich Herrlichkeit, und nur darum verlangt er,
Daß der von seiner Höh' hinabgestürzt sei;

Der Andre fürchtet, Macht und Gunst und Ehre
Und Ruhm zu missen, käm' ein Andrer höher:
Drob wird er so, daß er das Gegentheil liebt;

Den Dritten sieht man so des Schimpfs sich schämen,
Daß er beständig gier'ger wird nach Rache:
Und Solcher muß nun Andrer Schaden suchen.

So dreigestalte Neigung wird hier unten
Gebüßt. Nun aber hör' auch von der andern,
Die wohl nach Heil jagt, aber außer Ordnung.

Undeutlich denket sich ein Gut Jedweder,
Indem er sich die Seele still', und wünscht es;
Weshalb es zu erreichen Jeder strebet.

Wenn träg' die Lieb' ist, die euch dies zu schauen,
Und zu erwerben treibt: wird dieser Umgang,
Nach rechter Reue, euch um Solches pein'gen.

Auch giebt es Gut, das macht nicht Menschen selig:
Es ist nicht Heil, auch ist es nicht das rechte
Urwesen, alles Heiles Frucht und Wurzel:

Die Liebe, die sich dem zu sehr dahingiebt,
Wird über uns gebüßt in dreien Kreisen;
Allein den Grund, warum sie dreigetheilet,

Verschweig' ich, daß du selber dir ihn suchest.« -


Gesang 18

Virgil kommt Dante's Wunsch nach und belehrt ihn weiter über das Wesen der Liebe, sagend: sie entstehe durch Anregung von außen, welche Neigung und Sehnsucht erzeugt, des geliebten Gegenstandes froh zu werden. Da meint Dante: so wäre ja die Seele nicht zurechnungsfähig, sie möge sich nun guter oder böser Liebe hingeben, worauf Virgil erwiedert: dem Menschen sei Vernunft als Hüterin verliehen und Freiheit in der Wahl, wodurch er allerdings zurechnungsfähig werde und Lohn oder Strafe verdienen könne. Ueber das Weitere wird Dante an Beatrice's dereinstige Belehrung verwiesen. Mitternacht naht heran, der Mond geht auf; aber er hat schon so abgenommen, daß er sich nur wie ein rothglühender Kessel aus den Dünsten der Erde erhebt. Es ist sinnreich, daß das Mondlicht, welches die Philosophie bedeutet, dem Dichter immer geringer, unvollkommener und gleichsam unzureichender erscheint, je höher er in christlichen Anschauungen emporsteigt: dennoch will ihm jetzt Virgil's Erklärung der Liebe fast wieder so genügen, wie der Gesang Fegef. II V. 112-117; und er will stillstehend fast einschlummern, da weckt ihn wie dort Cato, hier aus dieser allzufrühen Beruhigung wieder höchst sinnreich - eine Schaar büßender Seelen, die in vollem Laufe daherkommt und selbst bei Nacht nicht ruht, nachzuholen, was sie einst auf dem Wege zu Gott versäumt hat. - Zwei Seelen rufen weinend vor allen aus: »Maria lief eilig über das Gebirge, Cäsar ließ Massilia und flog nach Spanien!« und alle folgen den aneifernden Worten, rufend: schnell, schnell! daß die Zeit nicht verloren gehe durch zu wenig Liebe! Hierauf eilt Virgil, die Seelen um den neuen Aufgang zu befragen: da antwortet eine derselben: folgt uns nach! giebt sich als Abt von St. Zeno aus Verona zu erkennen, beklagt dasselbe Kloster, welches den an Leib und Seele mißgebornen Sohn Albert's della Scala zum Abt bekommen, und fliegt eilig vorüber. Da folgen zwei Seelen den Uebrigen nach und bringen, zum Abschrecken von der Trägheit, in Erinnerung: wie die Kinder Israel, welchen der Weg in das gelobte Land zu mühvoll dünkte, gestorben, ohne es zu erblicken, und wie ruhmlos die Gefährten des Aeneas umgekommen, welche bei dem alten Acestes in Sicilien verblieben. So hat Gott bei Heiden und bei dem heiligen Volk Zeichen gethan, zu zeigen, wie fern Trägheit vom göttlichen, wie vom weltlichen Reich sein solle. - Die Menge fliegt vorüber, ein neuer Gedanke steigt in Dante's Seele empor, aus dem sich immer wieder neue entwickeln, bis er, gleichsam in Entzückung gerathend, die leiblichen Augen schließt.

Es hatte seiner Rede nun ein Ende
Gesetzt der hohe Lehrer, und aufmerksam schaut' er
In's Antlitz mir, ob ich befriedigt schiene?

Und ich, den neuer Durst noch immer reizte,
Schwieg äußerlich, und sprach bei mir: Vielleicht sind
Die vielen Fragen, die ich thu', ihm lästig?

Doch der wahrhafte Vater, der bemerkte
Den Wunsch, den schüchternen, der sich nicht kund gab:
Zusprechend mir, gab er mir Muth zu sprechen.

Worauf ich: »Meister, mein Gesicht belebet
Sich so in deinem Licht, daß klar ich schaue,
So viel mir dein Gespräch bringt oder schildert.

Drum bitt' ich dich, mein süßer, theurer Vater,
Erklär' die Liebe mir, auf die du alles
Rechtthun zurückführst und sein Gegentheil auch!« -

»So kehre, sprach er: mir die scharfen Blicke
Zu, des Verstands, so wird der Blinden Irrthum,
Die sich zu Führern machen, kund dir werden.

Der Geist, bereit geschaffen um zu lieben,
Zu Allem, was gefällt, ist er beweglich,
Sobald Vergnügen ihn zur That erreget.

Und eure Fassungskraft, von Ding das wirklich
Ist, nimmt sie Sehnsucht, sie in euch entfaltend,
So daß sie euren Geist zu selbem wendet:

Und wenn er sich gewendet selbem zuneigt,
Ist dieses Neigen Liebe, und Natur ist's,
Die sich durch Lust von Neuem in euch bindet.

Dann wie das Feuer sich bewegt nach oben,
Nach seiner Form erzeugt um aufzusteigen,
Dorthin wo's seinem Stoff nach länger dauert:

So kommt der Geist befangen in's Verlangen,
Das geist'ge Regung ist, und ruhet nimmer,
Bis der geliebte Gegenstand ihn froh macht.

Hieraus kann es dir klar sein, wie verborgen
Die Wahrheit bleibe allem jenem Volke,
Das jede Lieb' an sich für löblich Ding hält;

Darum vielleicht, dieweil ihr Stoff allimmer
Gut pflegt zu sein; doch nicht jedwedes Siegel
Ist gut, und wenn das Wachs dazu auch gut ist.«

»Dein Wort und meine Denkkraft, die ihm folget,
Sagt' ich ihm: haben Liebe mir erkläret;
Allein das hat mich mehr erfüllt mit Zweifeln;

Denn wird von aussen Lieb' uns angeboten,
Und geht die Seele nicht mit andrem Fuße,
Geht recht sie oder falsch, ist's ihre Schuld nicht.« -

Und er zu mir: »Wie viel Vernunft hier siehet,
Kann ich dir sagen; weiterhin erwarte
Nur Beatrice; weil es Werk des Glaubens.

Jedwedes eigne Wesen, das verschieden
Ist von dem Stoffe, und mit ihm verbunden:
Besondre Kraft hält es in sich gesammelt,

Die niemals ohne Thätigkeit gespürt wird,
Noch auch sich zeiget, außer durch die Wirkung:
Wie Leben eines Baums durch grüne Zweige:

Und endlich, woher da die Einsicht komme
Der ersten Wahrnehmungen, weiß der Mensch nicht,
Noch auch den Reiz der allerersten Triebe,

Die in euch sind, wie in der Biene Streben
Honig zu machen; und der erste Wille
Enthält nicht Lobes Ursach, noch auch Tadels:

Doch, daß zu der sich jede andre sammle,
Ist eingeboren euch die Kraft, die Rath giebt,
Und soll des Eingehns Schwelle wohl behüten.

Die ist der Anbeginn, von wo genommen
Wird Ursach' euch zu lohnen, je nachdem sie
Gut' oder schlechte Lieb' ergreift und wählet.

Die, welche denkend auf den Grund gedrungen,
Erkannten wohl die eingeborne Freiheit,
Und ließen drum der Welt die Sittenlehre,

Wonach wir schließen: jede Lieb' entstehe
Wohl aus Nothwendigkeit, die in euch zündet,
Doch sie zu hemmen ist in euch die Stärke.

Mit edler Kraft bezeichnet Beatrice
Darum den freien Willen, also denke
Daran zurück, wenn einst sie mit dir redet.

Der Mond, fast schon bis Mitternacht verziehend,
Macht' uns die Sterne seltener erscheinen,
Gestaltet wie ein ganz erglühn'der Kessel:

Dem Himmelslauf entgegen zog er Pfade,
Die dann entflammt die Sonne, wenn der Römer
Sie zwischen Sardern sieht und Corsen sinken.

So hatte sich der edle Geist, deßwillen
Pietola mehr als sonst ein Mantuaner
Ort Ruhm hat, meines Auftrags Last entledigt:

Weshalb ich, der die Rechnung klar und deutlich
Auf meine Fragen in Empfang genommen,
Nun dastand wie ein Mensch, der schläfrig wanket;

Doch diese Schläfrigkeit ward mir urplötzlich
Benommen jetzt von einer Menge Volkes,
Schon hinter unserm Rücken angekommen.

Wie sonst bei Nacht Ismenus und Asopus
Längs ihrer Ufer Lauf sahn und Getümmel,
Allein weil Bachus den Thebanern Noth that:

Also beeilt sich mit dem Schritt auf diesem
Umgang, was ich von denen kommen sahe,
Die guter Will' und ächte Liebe spornet.

Sie waren schnell bei uns, dieweil sich rennend
Bewegete der ganze große Haufe;
Doch vor ihm her ausriefen Zween mit Weinen:

»Maria lief in Eile zu dem Berge,
Und Cäsar, um Jlerda zu bezwingen,
Stach wund Marsilia und flog nach Spanien!« -

»Schnell, schnell, damit die Zeit nicht sei verloren
Durch wenig Liebe! riefen dann die Andern:
Daß Rechtthuns Eifer Gnade neu begrüne!« -

»O Schaar, in der ein scharfer Eifer jetzo
Vielleicht Nachlässigkeit und Zögern aufwiegt,
Womit ihr fehltet aus Lauheit im Guten:

Der hier, der lebt (gewiß, ich täusch' euch nimmer),
Will aufwärts gehn, wenn neu die Sonne scheinet;
Drum sagt uns, wo der Felsenspalt am nächsten?« -

Dies waren Worte dessen, der mich führte.
Der Geister einer aber sagte: Folg' uns
Nur immer nach, so wirst die Kluft du finden.

Wir sind so voll von Eifer, uns zu regen,
Daß wir nicht weilen können, drum verzeihe,
Hältst für Unhöflichkeit du uns're Strafe.

Abt war ich in San Zeno a Verona,
Unter des guten Barbarossa Herrschaft,
Von welchem Mailand noch mit Schmerzen redet:

Und Einer hat schon einen Fuß im Grabe,
Der bald beklagen wird dasselbe Kloster,
Und trauern wird, es einst beherrscht zu haben:

Weil er den Sohn, ganz übel schon von Leibe,
Und schlechter noch an Geist, und mißgeboren,
Gesetzt an seines rechten Hirten Stelle.

Nicht weiß ich: ob er mehr sprach, ob er still schwieg;
So weit war er schon von uns weggelaufen;
Doch merkt' ich dies und wollt' es gern behalten.

Und er, der mir in allen Nöthen Helfer,
Sprach: »Wende dich hierher und siehe zweie
In Eile kommen, und die Trägheit schelten.« -

Sie riefen hinter Allen: »Erst gestorben
War jenes Volk, dem sich aufthat die Meerflut,
Bevor der Jordan ihre Erben schaute.

Und jenes, das die Mühen nicht ertragen
Bis ganz zu Ende, mit dem Sohn Anchisens,
Gab selbst sich hin dem Leben ohne Glorie.

Drauf, als so weit getrennt die Schatten waren
Von uns, daß wir sie nimmer schauen konnten,
Senket' in mich sich ein Gedank', ein neuer,

Aus dem viel andre wurden und verschiedne,
Und so von einem irrt' ich in den andern,
Daß aus Entzücken ich die Augen zuschloß,

Und all' mein Sinnen wandelte in Träumen.


Gesang 19

Ueber die Wärme, womit die himmlische Erkenntnißsonne den Wanderer umgeben hatte, siegt noch einmal die sonneverbergende Erde und die Zeit, und im kalten Mondlicht der Philosophie taucht vor dem noch Sinnlichen ein sich stets verschönerndes Trugbild auf, welches bei Aufgang der Sonne wieder schwindet. Jenes Trugbild bedeutet die täuschende Welt. Sie erscheint dem schon etwas belehrten Dichter zuerst als ein fahles, hinfälliges, krüppelhaftes Weib, kurz höchst unvollkommen; allein, als nun die Wärme himmlischer Erkenntniß in ihm nachläßt, wird das erst häßliche Weib vor seinen Augen schöner und schöner, ja seine Augen sind es recht eigentlich, welche die Hinfällige wieder beleben und mehr und mehr mit allen ersinnlichen Reizen schmücken, bis sie ihn zuletzt als Sirene verlockend ansingt. Er ist nahe daran, sich dem Trugbild hinzugeben, aber mit Aufgang der Sonne steht urplötzlich eine himmlische Frau, die Wahrheit neben ihm und fragt Virgil: wer jenes Weib sei? Virgil aber (die bessere Einsicht) blickt die Wahrheit scharf: an da zerreißt diese das täuschende Gewand der Welt und zeigt sie in all' ihrer Scheuslichkeit: von dem Stank, der von der Enthüllten ausgeht, erwacht Dante. Virgil ermuntert ihn vollends, und eifert ihn an, den neuen Aufgang zu suchen. Alle Umgänge des Berges sind bereits wieder erfüllt von den Strahlen der himmlischen Erkenntnißsonne: in ihrem Licht gelangen die Wandernden zu dem Engel, der sie zur höheren Stiege ladet, mit den heiligen Worten Jesu aus der Bergpredigt: »Selig sind die da Leid tragen (die Geduldigen), denn sie sollen einst davon befreit und getröstet werden!« - Als sie nun höher gestiegen und Dante noch immer seinem Traum nachsinnt, sagt Virgil zu ihm: Sahst du die uralte Zauberin (die Welt), deren Täuschungen in den drei Kreisen über uns (von den Geizigen, Schlemmern und Wollüstigen) beweint werden, und wie man sich von ihr (durch Anschauen der Wahrheit) befreit? - Auf den fünften Umgang gelangt, sehen sie nun die Buße derer, welche ihre Augen von dem göttlichen Reichthum abgewandt und dem irdischen zugewandt haben. »Meine Seele klebt am Staube!« seufzen sie, mit dem Angesicht am Boden liegend, nahe dem äußern Rande des Umgangs, entfernt von der göttlichen Felswand. Gottliche Gerechtigkeit achtet sie noch unwerth Gott zu schauen und fesselt sie Gott abgewandt an den Boden: so lange es Gott gefällt, bleiben sie in dieser Buße. - Dies erfahren die Wanderer auf Befragen von dem hier büßenden Pabste Adrian V, der ihnen sagt: keine Buße des Berges sei schwerer als diese: erst als er die höchste Staffel erstiegen und Pabst geworden, habe er die Nichtigkeit des Irdischen erkannt, und büße nun für früheren Geiz. Er wehrt dem Dichter, sich vor ihm zu neigen, sprechend: hier sind wir alle Brüder, und zu gleicher Würde bestimmt. Hierauf bittet er, seine Buße durch längeres Weilen nicht aufzuhalten, und erwähnt, auf Dante's Anerbieten, auf Erden etwas für ihn zu thun, daß er daselbst noch eine Nichte habe, mit Namen Alagia und von guter Art, dafern sie die bösen Verwandten nicht etwa noch verdürben.

Zur Stunde, wenn entschwundnen Tages Hitze
Nicht mehr erwärmen kann die Mondeskälte,
Bewältigt von der Erd', auch von Saturn wohl:

Wenn nun ihr größtes Glück die Geomanten
Im Morgen steigen sehen, vor der Dämm'rung,
Auf Pfaden, die nicht lang mehr dunkel bleiben:

Erschien im Traume eine Frau mir, stammelnd,
Schielenden Auges, krumm auf ihren Füßen,
Mit Stummelhänden und von fahler Farbe.

Ich sah sie an: und wie die Sonne stärket
Die kalten Glieder, welche Nacht beschweret,
Desgleichen lösete auch ihr mein Anblick

Die Zung', und stellete sie gänzlich aufrecht,
In wenig Zeit, und das verwelkte Antlitz,
Wie Lieb' es je begehret, färbt' er solches.

Drauf, als sie so gelöst die Sprache hatte,
Begann zu singen sie, so daß mit Mühe
Ich meinen Sinn von ihr gewendet hätte.

»Ich bin, so sang sie: bin süße Sirene,
Verlock' die Schiffer in des Meeres Mitte:
So bin ich anzuhören voll von Anmuth!

Ich zog Ulyssen von der Bahn, entzücket
Von meinem Sang, und wer es mit mir waget,
Verläßt mich selten, ganz still' ich den Wunsch ihm.«

Noch war ihr Mund nicht wiederum geschlossen,
Als eine Frau erschien heilig und eilig
Ganz dicht bei mir, um jene zu verwirren:

»Virgil. Virgil, wer ist denn jene dorten?«
Sprach sie mit strengem Ernst; er aber kam nun,
Die Augen nur der Edlen zugewendet.

Sie griff die Andre und enthüllte vorn sie,
Zerriß ihr Kleid und zeigte deren Leib mir:
Der weckte mich mit Stank, der da hervorging.

Die Augen wandt' ich und Virgil, der gute,
Sprach: »Wohl an dreimal rief ich: auf! und komme,
Laß uns die Oeffnung suchen. wo du eingehst!«

Auf stand ich, aber allerfüllet waren
Vom hohen Tag des heil'gen Berges Kreise,
Und gingen wir, die neue Sonn' im Rücken.

Ihm folgend, trug ich meine Stirn wie Einer,
Der sie beschwert hat von Gedanken, welcher
Aus sich macht einen halben Brückenbogen,

Als ich da hörte: »Kommt, hier geht man über;
In so holdsel'ger Weise, wie man niemals
Es hört in dieser sterblichen Gemarkung.

Mit offnen Flügeln, die des Schwans erschienen,
Wandte sich aufwärts, der uns also zusprach,
Zwischen des harten Felsen beiden Wänden.

Dann regt' er das Gefieder, uns anwehend.
Versichernd uns. daß selig sind »qui lugent,«
Weil frei einst ihre Seelen Trost empfangen.

»Was hast du, daß du nur zur Erden schauest?«
Begann zu mir mein Führer, als wir beide
Ein wenig höher als der Engel waren. -

Und ich: »Mit solchem Zweifeln läßt mich wandeln
Ein neues Traumgesicht, das so mich anzieht,
Daß ich mich nimmer scheiden kann vom Sinnen.« -

»Du sahest wohl die Zauberin, die alte,
Ob der allein hier über uns geweint wird:
Sah'st du es, wie der Mensch davon erlöst wird?

Sei dir's genug, die Erde stampf' mit Füßen,
Die Augen heb' zum Lockspiel, welches schwinget
Der ew'ge König, mit den großen Kreisen.« -

Gleich wie der Falk, der erst sich blickt zu Füßen,
Sodann zum Ruf sich wendet, und sich ausspannt
Von der Begier der Speise, die ihn fortzieht:

So that auch ich desgleichen, und soweit sich
Der Fels theilt, Weg zu geben dem, der aufklimmt:
Ging ich ihn aus, bis wo der Kreis beginnet.

Als ich befreit stand auf dem fünften Umgang,
Sah' ich da längshin Leute, welche weinten,
Am Boden liegend, ganz hinabgewendet.

»Adhaesit pavimento anima mea!«
Hört' ich sie rufen, mit so tiefen Seufzern,
Daß man die Worte kaum vernehmen konnte.

»O ihr Erwählten Gottes, deren Peinen
Gerechtigkeit und Hoffnung milder machen,
O weiset recht uns zu den höhern Stiegen!« -

»Wenn ihr geborgen kommt vor Niederliegen,
Und wollet hier die Straße zeit'ger finden:
So seien eure Rechten stets nach außen!« -

So bat der Dichter, und so ward ihm Antwort,
Ein wenig vor uns; weshalb bei dem Sprechen
Ich jenen Andern da verborgnen ansah.

Ich wandt' auf meines Führers Aug' mein Auge;
Drauf er mit heitrem Winke mir gewährte,
Das was der Blick ersehnte meines Wunsches;

Und als nach meinem Sinn ich schalten konnte,
Zog ich mich also hin zu jenem Wesen,
Deß Reden mir es erst bemerklich machten,

Ihm sagend: »Geist, in welchem Leid das zeitigt,
Ohn' welches du nicht kannst zu Gotte kehren:
Laß meinethalb etwas dein größ'res Sorgen!

Wer warst du, und warum habt ihr die Rücken
Emporgekehrt? Sag' mir's, soll ich dir etwas
Erflehen dort, von wo ich lebend herkam!« -

Und er: »Weshalb der Himmel unsre Rücken
Sich so zukehrt, sollst wissen du, doch früher
Scias quod ego fui successor Petri!

Es stürzet zwischen Chiavari und Sestri
Ein schöner Bach sich, und von seinem Namen
Wird abgeleitet meines Namens Titel.

Nur einen Mond kaum mehr fühlt' ich, wie lastend
Der große Mantel dem, der ihn vor Schmutz wahrt,
Daß alle andern Bürden Federn scheinen!

Und meine Umkehr kam erst spät, o weh' mir!
Doch als ich war bestellt zum röm'schen Hirten,
Erkannt' ich so das lügenhafte Leben:

Ich sah', daß dort das Herz sich nimmer stillet,
Noch höher steigen kann im dort'gen Leben,
Weshalb zu diesem Lieb' in mir entbrannte.

Bis dahin war ich eine arme Seele,
Von Gott geschieden, ganz und gar habgierig,
Jetzt bin ich, wie du siehst, hier drum gezüchtigt.

Was Geiz verübet, wird dahier geläutert,
In Läuterung zurückgekehrter Seelen,
Und keine Strafe hat der Berg, die bittrer.

Wie unser Aug' sich vormals nicht gerichtet
Zur Höh', geheftet auf die ird'schen Dinge,
So senkt Gerechtigkeit es hier zur Erde.

Wie Habsucht unsre Liebe für das Gute
Einst unterdrückt, wodurch das Thun verloren,
So hält Gerechtigkeit uns hier danieder,

An Fuß und Hand gefesselt und gefangen,
So lang' es dem gerechten Herrn geliebet,
So lange bleiben regungslos wir liegen.

Ich war da hingekniet, und wollte reden;
Doch als ich anfing und er solches wahrnahm,
Nur weil er hörete mein Niederbeugen:

»Was hat dich, sprach er, so herabgebeuget?«
Und ich zu ihm: »Um eurer Würde willen,
Trieb mich gerechterweise mein Gewissen.« -

»Steh' grad' auf Füßen, und erheb' dich, Bruder,
Antwortet' er: nicht irr', ich bin nur Mitknecht,
Mit dir und mit den Andern gleicher Würde.

Wenn jemals du den heil'gen evangel'schen
Laut, welcher »neque nubent« sagt, verstandest,
Kannst wohl du sehn, warum ich also rede.

Geh' nun, ich will nicht, daß du länger weilest;
Denn dein Verweilen hemmet meine Buße,
Durch die ich reife, was vorhin du meintest.

Dort hab' ich eine Nichte, heißt Alagia,
An sich wohl gut; wenn unser Haus nicht etwa
Sie mittelst seines Beispiels schlimmer machte:

Und die allein ist jenseits mir verblieben.


Gesang 20

Dante trennt sich fast ungern von dem Gespräch mit Pabst Adrian V, und geht mit seinem Begleiter dicht an der göttlichen Felswand hin, während die Büßenden hier davon abgewendet, dem äußern Rande zuliegen. Da er eben mit einem geizig gewesenen Pabst gesprochen, gedenkt er der gierigen Wölfin, die ihm im Walde erschien, und wünscht, daß ihr Vertilger (ein den göttlichen Dingen nachtrachtender, zeitlich armer Pabst) bald erscheinen möge (vergl. Hölle I V. 105 u. d. Anm.). Indem sie weiter gehen, ruft eine Seele Worte, die an Maria's Dürftigkeit erinnern, an die Geburt des Heilands in der armen Krippe, an Fabricius tugendhafte Armuth, und an des heiligen Nikolaus Milde, der seine Schätze hingab, arme Mägdlein vor Verführung zur Sünde zu wahren. Dante, von den weisen Worten erfreut, befragt die rufende Seele, reichen Lohn von Fürbitte versprechend: wer sie sei und warum sie allein rufe? Uneigennützig aber erwiedert ihm die Seele: nicht um der Fürbitte willen, sondern der Gnade Gottes wegen, die an dem Fragenden sichtbar sei, wolle sie antworten: sie sei die Seele Hugo Capet's, von welchem die Könige Frankreichs stammen, deren Gewaltthaten die Welt verfinstern. Darauf erzählt sie, wie sie mächtig geworden, wie das provenzalische Erbe ihren Nachkommen die Schaam genommen, daß sie immer eigennütziger um sich gegriffen, Ponthieu, Normandie und Gascogne genommen, ferner wie Carl von Anjou Neapel weggerafft, zur Buße dann den jungen Conradin geschlachtet und den heiligen Thomas von Aquino zum Himmel gesandt habe: bald aber werde ein anderer Carl (der von Valois) kommen, bewehrt mit Judas Lanze, Zwiespalt in Florenz anrichten, sich aber nichts gewinnen als Schande. Ein andrer Carl (der Zweite von Sizilien) werde seine Tochter verhandeln, ja er sehe schon im Geist die Krieger Philipp's des Schönen in Alagna einziehen, und Ghristum von Neuem gefangen nehmen, verspotten und kreuzigen, in der Person seines Nachfolgers (Bonifazius VIII): sehr wünscht er, daß die Rache Gottes sich nicht mehr lange verbergen möge. Hierauf sagt er dem Dichter: Maria, die einzige Braut des heiligen Geistes, werde hier allen Bitten vorangesetzt, so lange der Tag währe: bei Nacht aber werde, zu abschreckender Erinnerung, der Habsucht Pygmalions erwähnt, der Thorheit des Midas, dann des Frevlers Achan, Saphira's und ihres Gatten und des Tempel-beraubenden Heliodorus Gedächtniß erneuert: endlich wälze der ganze Berg des gräulichen Polymnestor Namen in Schande, zuletzt aber werde Crassus ausgerufen, dessen Goldgier so schrecklich geendet. Bald rufe einer laut, bald leise, je nachdem ihn der Eifer treibe: es habe sich nun eben ereignet, daß er allein laut geworden. - Schon von der sprechenden Seele hinweggegangen, fühlt Dante unter sich den Berg erbeben, als stürze etwas hinab: und rings um den Berg vernimmt: er »Ehre sei Gott in der Höhe!« Von Virgil ermuthigt, harrt er, bis das Zittern aufhört, und geht weiter mit ihm, brennend von Begier, dieses Ereignisses Grund zu erfahren.

Gar übel ringt gen bessern Willen Wille,
Drum wider Wunsch entzog, ihm zu gefallen,
Noch ungesättigt ich den Schwamm dem Wasser.

Ich schritt mit meinem Führer durch die Räume,
Die gangbar waren längshin an dem Felsen,
Wie man auf Mauern geht dicht an den Zinnen.

Denn jene Schaar, die durch die Augen Tropfen
Nach Tropfen schmilzt das Weh, das alle Welt drückt
Naht nur zu sehr dem andern äußern Rande.

Vermaledeit seist du uralte Wölfin,
Die mehr du Raub hast als all' andere Thiere,
Mit deinem endlos bodenlosen Hunger!

O Himmel, in deß Kreislauf, wie man glaubet,
Der Dinge Stand hier unten sich verändert,
Wann wird erscheinen der, dem diese weichet?

Wir gingen fort, langsamen, seltnen Schrittes,
Ich auf die Schatten merkend, die inbrünstig
Ich weinen hörete und sich beklagen.

»Zum Glück vernahm ich da: Süße Maria!«
Ausrufen in der Klage vor uns, also,
Wie eine Frau, die eben will gebären;

Und weiter rufen: »Ach, du warst so dürftig,
Wie man ersehen kann an jener Ruhstatt,
Wo du die heil'ge Bürde niederlegtest!« -

Und weiter hört' ich: »Wackerer Fabricius,
Du wolltest lieber mit der Armuth Tugend,
Als großen Schatz besitzen mit dem Laster!« -

So hatten diese Reden mir gefallen,
Daß ich mich näher hinzog, um Erkundung
Zu haben von dem Geist, aus dem sie kommen.

Er sprach alsdann noch von freigeb'ger Großmuth,
Die Nicolaus erzeigete den Mägdlein:
Zur Ehre zu geleiten ihre Tugend.

»O Seele, die so trefflich redet, sag' mir,
Wer warst du, und warum erneuest
Du nur allein die würdigen Lobsprüche?

Nicht ohne Lohn wird deine Rede bleiben,
Kehr' ich zurück, den kurzen Weg zu enden,
Von jenem Leben, das zu Ende flieget.« -

Und er: »Ich will dir sagen, nicht um Tröstung,
Die ich von dort erwarte, nein, weil solche
Begnadung an dir leuchtet, eh' du todt bist:

Ich war die Wurzel jener übeln Pflanze,
Die alle Christenlande hat verfinstert,
So daß man gute Frucht nur selten pflücket.

Doch wenn Douais und Gent und Lille und Brügge
Nur könnten, würde bald deß Rache kommen;
Und fleh' ich Den drum an, der Alles richtet!

Genennet ward ich jenseits Hugo Capet,
Entstammt sind mir die Philippe, die Louis,
Durch die in neuer Zeit Frankreich regiert wird.

Ich selbst war aus Paris, Sohn eines Metzgers,
Zur Zeit, als schwanden jene alten Kön'ge
All', außer einem, der trug graue Kleider.

Mir in die Hand gedrückt fand ich den Zügel
Der Reichesführung, und so große Obmacht
Neuen Erwerbs, vollständ'ger noch durch Freunde,

Daß zur verwittweten Reichskron' erhoben
Ward meines Sohnes Haupt, von welchem
Begannen die gesalbten Schädel Jener.

So lang die große provenzal'sche Mitgift
Noch nicht die Schaam genommen meinem Blute,
Galt wenig es, nur that es doch nicht übel:

Da fing es an, so mit Gewalt als Lüge,
Sein frevelnd Rauben, und darauf als Buße
Nahm Ponti, Normandie es und Gaskogne.

Carl kam nun nach Italien, und als Buße
Macht' er aus Conradin ein Opfer, weiter
Sandt' er zum Himmel auch Thomas als Buße.

Ich sehe eine Zeit, nicht lang' nach heute,
Die einen andern Carl aus Frankreich ziehet,
Daß besser man ihn kenne und die Seinen:

Ohn' Waffen zieht er aus, nur mit der Lanze,
Mit der einst Judas focht, und diese stemmt er,
Daß er damit Florenz den Leib zerspellet.

Dann nicht ein Land, nein, Sünde nur und Schande
Wird er gewinnen, ihm um so viel schwerer,
Als leichter er dergleichen Schaden achtet.

Den Andern, der gefangen aus dem Schiff kam,
Seh' seine Tochter ich verkaufen und drum feilschen,
Wie die Piraten thun mit andern Sklaven.

O Habsucht, was kannst du an diesen mehr thun,
Da du mein Blut so hast an dich gezogen,
Daß es des eignen Fleisches nicht mehr sorget?

Daß künft'ge Sünd' und alte kleiner scheine,
Seh' in Alagna ich einziehn die Lilie,
Christum in seinem Stellvertreter fahen!

Ich seh' ein andermal ihn dort verspottet,
Ich sehe Gall' und Essig ihm erneuen,
Ihn tödten unter Schächern, welche leben!

Seh' also grausam den neuen Pilatus,
Daß das ihn nicht ersättigt: ohne Vollmacht
Lenkt in den Tempel er die gier'gen Segel.

O du mein Herr, wann werd' ich mich denn freuen,
Die Rache zu erblicken, die bei dir noch
Geheim verborgen deinen Zorn so sanft macht?

Das, was ich sagte, von der Braut, der einz'gen
Des heil'gen Geistes, und was dich gewendet
Zu mir daher, um einer Frage willen:

Wird vorgesetzt so lang' all' unsern Bitten,
Als währt der Tag, doch, nachtet es, so tauschen
Wir diesen Spruch mit andrem ihm entgegnen:

Dann rufen wir Pygmalion von Neuem,
Den zum Betrüger, Dieb und Freundesmörder
Sein Wille machte, der nach Gold gegieret:

Dann auch das Elend des habsücht'gen Midas,
Das seinem gierigen Begehren folgte,
Das immerdar verdient verlacht zu werden.

Des thörigen Achan gedenkt dann Jeder,
Wie er bestahl die Beute, daß es scheinet,
Als strafe ihn hier noch des Josua Zürnen:

Dann schelten wir Saphira, sammt dem Gatten,
Die Tritte loben wir, die Heliodorus
Empfahn: der ganze Berg wälzt dann in Schande

Den Polymnestor, Polydorus Mörder;
Zuletzt jedoch wird hier geschrieen Crassus,
Sag' uns, du weißt es ja, wie gut das Gold schmeckt?

Bald redet Einer laut, bald Einer leise,
Wie eben uns antreibet unser Eifer
In schnellrer nun und nun in sanftrer Weise.

Drum bei dem Heilsruf, der am Tag erschallet,
War nicht allein ich, nur hat in der Nähe
Kein Andrer hier erhoben seine Stimme.« -

Wir waren schon von ihm hinweggegangen,
Und mühten uns den Weg zu überwinden,
So viel als unsrer Kraft allda vergönnt war:

Da fühlte ich, wie etwas das hinabstürzt,
Den Berg erzittern, wovon mir ein Frost kam,
Wie er wohl den faßt, der zum Tode gehet.

Gewiß so stark nicht schüttelte sich Delos,
Latona dort ihr Nest gebauet,
Die beiden Himmelsaugen zu gebären.

Dann hub von allen Seiten an ein Schreien,
So daß der Meister zu mir trat und sagte:
»Befürchte nichts, dieweil ich dich geleite.« -

»Gloria in excelsis Deo!« riefen
Sie all', so viel ich in der Näh' verstanden,
Wo man das Schreien wohl vernehmen konnte.

Wir blieben unbewegt allda und schwankend,
Den Hirten gleich, die einst den Sang vernommen,
Bis jenes wich, und dieser still schwieg:

Dann nahmen unsern heil'gen Pfad wir wieder,
Die Schatten schauend, die am Boden lagen,
Nun wiederum gekehrt zu ihrer Klage.

Nie regte Nichtverstehn mir solchen Kampf auf,
So gierigen, um etwas zu erkennen,
Wenn sich darin nicht mein Gedächtniß irret.

Als es mir schien, daß ich da sinnend ausstand:
Nicht waget' ich zu fragen bei der Eile,
Noch konnt' ich etwas dort von selbst erkennen,

So ging ich denn erbangend und nachdenklich.


Gesang 21

Nach Belehrung dürstend, folgt Dante seinem Führer; da erscheint urplötzlich hinter ihnen (wie der erstandne Christus den Jüngren auf dem Wege erschien) eine Seele, die nach vollbrachter Buße vom Boden erstanden ist, und sie nun mit dem Gruße des Friedens anspricht. Virgil erwiedert diesen Gruß, beklagend, daß er selbst jenes Friedens nicht theilhaftig werden könne, und fragt, Dante's geheimem Wunsch nachkommend, den Schatten: warum der Berg vorhin gebebt und alle Seelen »Ehre sei Gott in der Höhe!« gerufen? - Da erfahren sie, daß dies jedesmal geschehe, wenn der Himmel etwas, das aus ihm stamme (nämlich eine Seele, die ihre Buße vollendet), wieder in sich aufnehme. Wie bei Christi Auferstehung (s. Matth. XXVIII V. 2) die Erde bebte, so bebt hier der Berg, wenn Christus in einer Seele wieder ersteht, und die Bande des ew'gen Todes von ihr herabfallen (s. Fegef. XX V. 127); wie bei Christi Geburt tönt es wieder: »Ehre sei Gott in der Höhe!« denn Christus ist wiederum neu geboren in der Seele, die wieder rein ist wie ein Kind. Von ihrer Reinigkeit zeugt der Wille, der sich nach vollendeter Buße frei fühlt: bis dahin hält ihn der den Menschen eingeborne göttliche Gerechtigkeitstrieb, das Gewissen, mit unlösbaren Fesseln in der Buße (s. Fegef XVI V. 141-144, XIX V. 123-126, XXVI V. 13-15). Es ist derselbe Trieb, der während des Sündigens vom Bösen abmahnt, derselbe, der die ohne Reue Gestorbenen über den Acheron zum bösen Bewußtsein bringt (s. Hölle III V. 124-127, V V. 4 u. d. Anm.). Hier bittet Virgil die zum ewigen Leben erstandene Seele, zu sagen: wer sie sei? Da giebt sie sich als Seele des römischen Dichters Statius zu erkennen, sagend: daß sie Virgil's Aeneis all' ihre Kunst verdankt, und spricht feurig den Wunsch aus zur Zeit Virgil's gelebt zu haben: da lächelt Dante, Virgil winkt ihm zu schweigen; aber Statius bittet, ihn ihm zu sagen, warum er gelächelt, und erfährt, nach Virgil's Erlaubniß, von Dante, daß er den Dichter der Aeneis vor sich sehe. Begeistert will er nun dessen Füße umschlingen; aber Virgil (die Einsicht) hält ihn davon ab, ihn erinnernd, daß sie jetzt nur Schatten seien. - Diese eingeflochtene Scene dient, ohne sonstige Beziehung, zum Preise Virgil's und bereitet das schöne Gespräch vor, welches uns der folgende Gesang bietet.

Der angeborne Durst, der nie sich stillet,
Als mit dem Wasser nur, um dessen Gnade
Das Samariterweib dereinst geflehet,

Gab mir nun Qualen und die Eile trieb mich:
Auf engem Pfade hinter meinem Führer
Trauert' ich mit bei der gerechten Buße:

Und sieh': wie Lucas es beschreibt, daß Christus
Den Zween, die unterweges war'n, erschienen,
Bereits erstanden aus dem Grabesschlunde:

Erschien ein Schatten uns und folgt' uns, schauend
Zu Füßen sich die Menge, die da lieget;
Wir aber sah'n ihn nicht, bevor er anhub

Und sprach: »Gott schenk' euch Frieden, meine Brüder!«
Wir wendeten uns eilig, und das Zeichen
Macht' ihm Virgil, das sich hierauf gebühret:

Begann sodann: »Zur seligen Versammlung
Bring' dich in Frieden der wahrhafte Richtspruch,
Der mich verstößt in ewige Verbannung!« -

»Wie? sagte der, und warum eilt ihr also;
Seid Schatten ihr, die Gott nicht oben würdigt?
Wer führte euch so weit auf seiner Stiege?«

Mein Lehrer aber: »Siehst du wohl die Maale,
Die Jener trägt, und die der Engel zeichnet?
Erkennst du wohl, daß einst er thront bei Guten?

Allein weil Jene, welche Tag und Nacht spinnt,
Ihm seinen Rocken noch nicht abgezupfet,
Den Clotho Jedem aufsteckt und umwickelt:

So konnte seine Seele, welche Schwester
Dir ist, wie mir, allein nicht aufwärts steigen:
Indem sie nicht nach unsrer Weise schauet;

Weshalb ich aus dem weiten Höllenschlunde
Geholt ward, ihn zu weisen, und ich weis' ihn,
So weit als meine Lehr' es wird vermögen.

Doch sag' uns, weißt du's, warum solche Stöße
Der Berg vorhin gab: warum All' auf einmal
Schrien bis hinab zu seinem nassen Fuße?« -

So fragend, traf er grade durch das Oehr hin
Meines Verlangens, daß er durch die Hoffnung
Mein Dürsten etwas schon gelindert hatte.

Doch Jener hub so an: »Kein Ding geschieht je,
Was sonder Ordnung dieses Berges Heil'gung
Erführe, oder, das hier ungeregelt.

Frei ist er hier von all' und jeder Wandlung,
Nur wenn der Himmel was von sich zu sich nimmt,
Kann dies gescheh'n und nicht aus andrer Ursach';

Weil Regen nimmer, Hagel nicht, auch Schnee nicht,
Nicht Thau, nicht Reif noch weiter fällt nach oben,
Als bis zur kurzen Stiege mit drei Stufen.

Nicht viel Gewölk' erscheinen hier, noch wenig,
Noch Blitze, noch die Tochter des Thaumantes,
Die jenseits oft die Gegenden vertauschet:

Auch steiget trockner Hauch nicht weiter aufwärts,
Bis zu der Stufen Gipfel, die ich nannte:
Drauf Petri Stellvertreter hat die Füße.

Er zittert wohl hinabwärts schwach und stärker,
Allein durch Wind, der sich verbirgt im Erdgrund,
Nicht weiß ich wie, bebt er hier oben niemals.

Uns zittert er so, fühlt sich eine Seele
So rein, daß sie emporsteht, oder regt sich
Zum Aufgang: dann geleitet jener Ruf sie.

Von ihrer Reine zeugt allein der Wille,
Der gänzlich frei, Gemeinschaft zu verändern,
Die Seele überkömmt, und ihr mit Lust hilft.

Erst möchte sie, doch leidet es der Trieb nicht,
Den göttliche Gerechtigkeit dem Willen
Entgegen stellt im Leid, wie einst im Sünd'gen.

Und ich, der hier in diesem Weh' gelegen
Fünfhundert Jahr und mehr, nur eben fühlt' ich
Mir freien Willen zu erhöht'rer Schwelle.

Drum fühltest das Erdbeben du, und hörtest
Die frommen Geister rings am Berg lobsingen
Dem Herren, der sie bald nach oben leite!« -

So sagt' er ihm und, weil man so viel Lust hat
Am Trinken, wie etwa das Dürsten groß ist:
Kann ich nicht sagen, wie er mir da wohlthat!

Der weise Führer aber: »Jetzo seh' ich
Das Netz, das hier euch fäht, und wie man ausschlüpft,
Warum's hier bebt und wessen ihr euch freuet.

Nun lasse gern mich wissen, wer du warest,
Und warum so viel hundert Jahr' du lagest,
O wolle deine Worte mir nicht bergen!« -

»Zur Zeit als. mit des höchsten Herrschers Beistand,
Der gute Titus rächte jene Wunden,
Aus denen floß das Blut verkauft von Judas:

Mit einem Namen, der noch währt, noch ehret,
War jenseits ich, antwortete der Schatten:
Gar viel berühmt, allein noch nicht im Glauben.

So lieblich war da meiner Rede Hauchen,
Daß Rom mich Tolosaner zu sich hinzog,
Wo Myrthen ich verdient zum Schmuck der Schläfe.

Noch nennen dort mich Statius die Leute.
Ich sang von Theben, dann Achill' den Großen;
Doch sank ich mit der zweiten Last im Weg hin.

Und meiner Inbrunst Samen waren Funken,
Die mich erwärmten mit göttlicher Flamme,
Wovon entzündet worden mehr als Tausend:

Von der Aeneïs red' ich welche Mutter
Mir war, und Amme mir im Dichten worden:
Ohn' sie hätt' ich kaum einer Drachme schwer gehalten!

und um gelebt zu haben in der Zeit, da
Virgil gelebt, gäb' ich ein Jahr hier mehr zu,
Als ich bedarf zum Ausgang aus dem Banne!«

Die Reden wendeten zu mir Virgilen,
Mit Anblick, welcher schweigend sagte: schweige!
Doch Alles, was sie will, vermag die Kraft nicht:

Denn Lachen sind und Weinen also folgsam
Der Regung, draus sie keimen, daß dem Willen
Aufricht'ger Leute wen'ger sie gehorchen.

Ich lachte nur wie Einer, welcher Wink giebt,
Weshalb der Schatten schwieg und in die Augen
Mir blickte, wo sich mehr darthut der Ausdruck:

»Und, soll dich solch' ein Werk zum Heil erhöhen,
Sprach er: Warum hat wohl dein Antlitz eben
Das Blitzen eines Lächelns mir gezeiget?« -

Nun bin ich hier gefangen, so wie dorten:
Der heißt mich schweigen, aber der beschwört mich
Zu reden, drum seufz' ich und - bin verstanden.

»Sprich, und nicht scheue dich zu reden, sagte
Mein Meister jetzo; sondern sprich, und sag' ihm
Das, was mit solchem Eifer er begehret.« -

Drauf ich: »Vielleicht daß du uralte Seele
Erstaunest ob des Lächelns, das ich seh'n ließ,
Doch will ich, daß du mehr zu staunen habest.

Der hier, der meine Augen führt zur Höhe,
Ist der Virgil, von dem du Kraft empfangen,
Zu singen von den Menschen und den Göttern;

Und wähntest andern Grund du meinem Lachen,
Laß ihn für nichtig fallen, such' allein ihn
In jenen Worten, die von ihm du sprachest.« -

Schon neigt' er sich und meines Lehrers Füße
Wollt' er umfah'n; doch sprach der: »Bruder thue
Das nicht, denn Schatten bist du, Schatten siehst du.« -

Und er aufstehend: »Nun kannst du ermessen
Der Liebe Fülle, die für dich mich glühn macht
Indem ich, unsrer Eitelkeit vergessend,

Mit Schatten umging, wie mit festem Körper!« -


Gesang 22

Ein Engel geleitet die drei Wanderer an den Aufgang zum sechsten Kreise der Läuterung, und während er unserm Dichter ein P von der Stirn weht, rufen die Seelen der Büßenden »Beati« und »Sitio«, welche Worte Bezug haben auf die der Bergpredigt: »Selig sind die da hungert nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden« (s. Matth. V V. 6), zugleich auf das Fegef. XXII V. 64-69) Angedeutete. - Nunmehr folgt Dante mit weniger Mühe als je den geschwinden Geistern der zween altrömischen Dichter, die Stufen empor. Virgil erwiedert in freundlichen Worten des Statius Zuneigung, und äußert nur sein Erstaunen, daß in seiner Dichterseele Geiz entstanden? worauf Statius ihm lächelnd entgegnet: das Gegentheil von Geiz, Verschwendung sei seine Sünde gewesen: dieselbe werde hier mit dem Geiz in gleichem Kreise abgebüßt (wie Hölle VII). Eine Stelle in Virgil's Aeneis habe ihn von diesem Fehler entfernt: Virgil sei es, der ihn den Weg zum Parnaß geführt, ja endlich durch eine in der Aeneis enthaltene Prophezeihung gar zum christlichen Glauben, da diese Weissagung mit der durch die Apostel verbreiteten Lehre so überzeugend zusammengestimmt. Virgil fragt hierauf, wie Statius, wenn er ein Ghrist gewesen, doch heidnische Dichtungen habe schreiben können. Da antwortet Statius: er sei aus Furcht ein heimlicher Christ geblieben; weshalb er in dem Kreise der Lässigen dreihundert Jahre büßen mussen. Mit Antheil erkundigt sich Statius nun nach dem Schicksal der übrigen alten Poeten, und erfährt von Virgil, daß sie sämmtlich in der Vorhölle seien, mit vielen von Statius besungenen Heroen. Unter diesen Gesprächen sind die Wanderer zum sechsten Umgang gelangt, und wenden sich, auf Virgil's Vorschlag, in nun schon gewohnter Weise nach der rechten Seite, noch zuversichtlicher gemacht durch Statius Zustimmung. Dante belauscht, hinter den beiden Dichterseelen wandelnd und Vieles lernend, ihre holden Gespräche (vergl. Hölle IV V. 103-105); plötzlich aber werden diese durch den Anblick eines herrlichen Fruchtbaumes unterbrochen, der sich inmitten des Weges darstellt. Von der göttlichen Felswand geht ein Sprühen lebendigen Wassers aus, welches die Zweige benetzt und erquickt: dieselben sind am Wipfel umher breiter als unten, also grade umgekehrt wie bei den irdischen Bäumen. Alles dieses deutet auf den Baum des ewigen Lebens, der (s. d. I B. Mos. III V. 22-24) im Garten Eden steht; aber hier symbolisch erscheint, wie Fegef. XXIV V. 115-118 der Baum der Erkenntniß. Die Zweige des Baumes verbreiten sich je mehr, je höher sie hervorsprießen, was sie den Himmeln vergleicht, die, je höher sie über der Erde kreisen, je größer und weiter werden; wohingegen die Kreise der Hölle je tiefer, je enger sind. Mit der zunehmenden Größe der Zweige mehren sich auch die Früchte; denn in der Gottesnähe nehmen die geistigen Genüsse zu. Den Seelen, die in irdischen Genüssen geschwelgt haben, entziehen sich hier zur Buße die ewigen: darum ruft auch eine Stimme aus den Zweigen: »diese Speise wird euch fehlen!« und sagt: Maria habe mit ihrer Bitte bei der Hochzeit zu Ganaan nicht Schwelgerei befördern, sondern das Fest vollkommen und ehrenvoll machen wollen: dann rühmt sie der alten Römerinnen und des goldnen Weltalters Genügsamkeit, und stellt Johannes den Täufer als Muster dieser Tugend auf.

Schon war der Engel hinter uns geblieben,
Der Engel, der zum sechsten Kreis uns führte,
Als er von meiner Stirn gelöscht ein Zeichen,

Und Jene, die Gerechtigkeit begehren,
Zu seinen Worten »Beati« gerufen
Und »Sitiunt« und weiter nichts als dieses.

Und leichter als durch all' die andern Klüfte
Ging also ich, daß sonder eine Mühe
Ich aufwärts folgte den geschwinden Geistern.

Als nun Virgil dort anhub: »Lieb' entzündet
Von Tugend, stets entzündete sie andre,
Wo ihre Flamme sich hervorgezeigt hat:

Drum von der Stund' an, da zu uns hernieder,
Zum Höllenvorhof Juvenal gekommen,
Der mir dort offenbart hat deine Liebe:

Ergriff Wohlwollen mich zu dir, wie sonst es
Zu nie geseh'nen Leuten nicht erfasset,
Daß kurz mir scheinen werden diese Pfade;

Doch sag' mir, und verzeihe es als Freund mir,
Läßt zu viel Traulichkeit den Zaum mir schießen,
Und wolle mir als Freund nunmehro sagen:

Wie konnte wohl in deinem Busen jemals
Geiz Stätte finden, bei so vieler Weisheit,
Womit durch deinen Drang du so erfüllt warst?« -

Die Worte regten Statius im Anfang
Etwas zum Lächeln, dann sprach er: »Von dir ist
Mir jedes Wort ein theures Liebeszeichen.

In Wahrheit: es erscheinen oftmals Dinge,
Die falschen Stoff gewähren zu Vermuthung,
Sobald verborgen sind die wahren Gründe.

Dein Fragen zeigt mir an: du bist der Meinung,
Ich sei im andern Leben karg gewesen;
Vielleicht des Kreises halben, wo ich büßte.

Jetzt wisse: Geiz war nur zu sehr geschieden
Von mir; und dieses Nichtermessen haben
Allda gezüchtigt tausende der Monde.

Und hätte ich mein Streben nicht geregelt,
Als ich die Stelle las, allwo du gleichsam
Erzürnt zurufest der Natur des Menschen:

Wozu verleitest du, unheil'ger Hunger
Nach eitlem Gold, der Sterblichen Begierde!
So hört' ich wälzend dort die traur'gen Zänke.

Nun merkt' ich, wie zu weit die Flügel können
Aufthun die Händ' im Spenden, und es reute
Mich diese, gleichwie all' die andern Sünden.

Wie Viel' erstehen einst mit kahlen Schöpfen,
Ob der Unwissenheit, die von der Sünde
bhält die Reu' im Leben wie im Sterben.

Und wisse, daß die Sünde, deren Antlitz
Gerad entgegenstehet einer andern,
Mit der zugleich hier ihre Grüne dörret.

Darum, wenn ich bei dieser Schaar gewesen
Bin, die den Geiz beweinet, mich zu läutern;
Ist mir's gescheh'n, des Gegentheiles halben.« -

»Doch, als du sangest die grausamen Waffen,
Die zwiefache Betrübniß der Iokaste,
Begann nunmehr der Hirtenliedersänger:

Aus dem, was Clio da mit dir besinget,
Scheint's, daß dich damals noch nicht gläubig machte
Der Glaub', ohn' den gut Werkthun nicht genüget?

Ist's also, welche Sonne, welche Kerze
Nahm dir das Dunkel so, daß du die Segel
Dann grad gerichtet hinter jenem Fischer?« -

Und er zu ihm: »Du führtest auf den Weg mich
Zu dem Parnaß, in seinem Schutz zu trinken,
Und hast nächst Gott mich da zuerst erleuchtet.

Du thatest da wie Einer, der bei Nacht geht,
Und Licht trägt hinter sich, und sich nichts nützet,
Doch hinter ihm die Leute weise machet:

Als du gesagt: die Zeit wird neu, es kehret
Gerechtigkeit und erstes Menschenalter,
Und es entsteigt ein neuer Sproß dem Himmel!

Durch dich ward ich Poet, durch dich zum Christen,
Doch daß du besser siehst, was ich entwerfe,
Streck' ich den Finger nun, es auszumalen.

Es war die Welt schon überall befruchtet
Von dem wahrhaften Glauben, ausgesäet
Durch die Gesandten des urew'gen Reiches:

Und deine eben nur berührte Rede
Stimmte so lieblich zu den neuen Pred'gern,
Daß ich sie zu besuchen mich gewöhnte.

Nunmehr erschienen sie mir All' so heilig,
Daß, als sie nun Domitian verfolgte,
Nicht ohne meine Thränen ihre flossen.

Ich stand, so lange jenseits ich verweilte,
Denselben bei, und ihre reine Sitte
Ließ mich verschmähen all' die andern Secten.

Und, eh' zu Thebens Flüssen ich die Griechen
Dichtend geführt, hatt' ich die Tauf' empfangen,
Nur war ich ein geheimer Christ, aus Bängniß,

Noch lange Zeit als Heide mich verstellend,
Und diese Lauheit ließ den vierten Kreis mich
Wohl mehr als vier Jahrhunderte umwandeln;

Du aber, der die Hülle mir entnommen,
Die mir so großes Heil barg, als ich nannte,
So lange wir noch Raum zum Steigen haben,

Sag' mir, wo nun Terentius unser Freund ist,
Cäcilius, Plautus, Varro, weißt du's, sage,
Ob sie verdammt sind und in welcher Weise?« -

»Die, Persius und ich, und viele Andre,
Sprach nun mein Führer: bei dem Griechen sind wir,
Dem Milch gereicht die Musen mehr als Jedem!

Im ersten Kreis des blinden Kerkers sprechen
Wir unter uns gar oft von jenem Berge,
Der immer bei sich schauet unsre Ammen.

Euripides, Anakreon sind bei uns,
Simonides und Agathon und Griechen
Viel', die mit Lorbeern sich die Stirn geschmücket.

Man sieht dort auch aus deinen Schaaren welche,
Antigone, Deiphile und Argia,
Ismene auch, wie vormals sie betrübt war.

Auch sieht man, die den Brunnen Langia zeigte:
Da ist Tiresias Tochter und der Thetis,
Und Deidamia auch mit ihren Schwestern.« -

Die beiden Dichter schwiegen schon bedächtig,
Von Neuem jetzo rings umherzuschauen,
Befreit vom Steigen nun und von den Wänden,

Auch waren allbereits vier Dienerinnen
Des Tags zurückgeblieben, und die fünfte
Die glüh'nde Spitz' aufrichtend bei der Deichsel,

Als mein Geleiter sprach: »Ich glaub', wir müssen
Am Saum der rechten Schulter nach uns wenden,
Den Berg umkreisend, wie wir schon es thaten.«

So war daselbst Gewohnheit unsre Fahne,
Und wen'ger zweifelnd traten wir den Weg an,
Des Beifalls halben jener würd'gen Seele.

Sie gingen nun voran und ich dahinter
Allein, und ich belauschte ihre Reden,
Die Einsicht mir verliehen zu dem Dichten.

Doch plötzlich unterbrach die süßen Reden
Ein Baum, den mitten in dem Weg wir fanden,
Mit Aepfeln, angenehmen Ruchs und trefflich.

Und wie die Tanne sich abstuft nach oben
Von Zweig zu Zweig, so that es der nach unten;
Ich glaube, damit Niemand ihn ersteige.

Zur Seite dann, wo unser Weg geschlossen,
Fiel von dem hohen Fels ein Naß, ein klares,
Und breitete sich über alle Blätter.

Die beiden Dichter naheten dem Baume:
Und eine Stimme rief da aus den Zweigen:
»An diesem Essen sollt' ihr Mangel leiden!«

Dann sprach sie: »Mehr gedachte einst Maria,
Daß ehrlich sei die Hochzeit und vollkommen,
Als ihres Mundes, der für euch nun bittet.

Es nahmen auch die alten Römerinnen
Zum Trunk vorlieb mit Wasser, und auch Daniel
Verschmähte Speise und erwarb sich Wissen.

Das erste der Weltalter war wie Gold schön:
Wohlschmeckend schuf es Eicheln durch den Hunger,
Zum Nektar jedes Bächlein durch das Dürsten.

Honig. dazu Heuschrecken, war'n die Speise,
Die einst den Täufer nähret' in der Wüste;
Weshalb so ruhmvoll er und so gewaltig,

Wie es das Evangelium euch kund thut.«


Gesang 23

Dante starrt, am Baum der ewigen Seligkeit weilend, in das geheimnißbergende Laub. Da mahnt ihn Virgil (die Einsicht) von vergeblichem Forschen ab, und wieder folgt der Lenksame den Schritten der beiden alten Dichter, deren weise Gespräche ihm den Weg mühlos schaffen. Nun kommt hinter ihnen eine Schaar Seelen, welche hier ihre Schwelgerei abbüßen; abgezehrt von Sehnsucht nach den himmlischen Genüssen, deren sie sich durch Schwelgen in den irdischen unwürdig gemacht, singen sie aus dem Bußpsalm die Stelle, worin Gott gebeten wird, den Mund, der vormals gesündigt, zu seinem Lobe zu heiligen. Indem die Schaar der Seelen vorbeieilt, gewahrt eine derselben, daß Dante noch lebt, und ruft staunend: o welch' auserwählte Gnade ist das! - An der Stimme erkennt Dante seinen ehemaligen Freund Forese, mit welchem er sonst die sinnlichen Freuden des Lebens genossen, und erfährt im Zwiegespräch mit ihm, daß Gott dem Baum und dem Wasser hier so große Macht verleihe, daß die Seelen durch Sehnsucht danach so abgezehrt werden; aber sie kehren den Berg umlaufend immer wieder zu dem göttlichen Baume zurück, mit demselben Verlangen der ewigen Gerechtigkeit zu genügen, welches Christum bis an die Grenze menschlichen Verzagens ausdulden ließ, als er uns mit seinem Herzblut erlöset. Dante wundert sich, die Seele Forese's schon so weit oben am Berge zu finden, und erfährt, daß dessen Gattin Nella ihn durch ihr frommes Gebet und lautes Weinen so weit erlöst habe. Forese lobt ihre Züchtigkeit um so mehr, als er die übrigen Florentinerinnen unzüchtig findet, wofür, wie er meint, die Strafe nicht ausbleiben, nein, bald erscheinen werde. Auf Begehren sagt ihm Dante hierauf, wer die beiden ihn begleitenden Schatten sind.

Indem ich in das grüne Laub die Augen
Versenkte: so wie Einer, der sein Leben,
Nachtrachtend kleinem Vögelein, verlieret:

Sprach der zu mir, der mehr wie Vater: »Söhnlein,
Komm jetzo; denn die Zeit, die uns gesetzt ist,
Will nützlicher als so vertheilet werden.

Da wandt' ich mein Gesicht, den Schritt nicht minder
Schnell jenen Weisen, nach die also sprachen,
Daß mir das Gehen keine Müh' gekostet.

Und siehe! weinen hörte man und singen:
»Labia mea, Domine«, in Weise,
Daß Wonne sie gebar zugleich mit Wehe.

»O süßer Vater, was ist, was ich höre?
Begann ich;« und er: »Schatten, die vielleicht hier
Umgehn, den Knoten ihrer Pflicht zu lösen.«

Wie es gedankenvolle Pilger machen,
Wenn unterwegs sie fremder Schaar begegnen,
Daß sie zu ihr sich wenden, doch nicht stillstehn:

So hinter uns geschwinder fortbeweget,
Ankommend und vorübereilend sah uns
Ein Schwarm von Seelen an, still und ergeben.

Jedwede war von dunklem hohlem Auge,
Und bleich von Antlitz, und so eingeschwunden,
Daß ihre Haut der Knochen Bildung zeigte.

Nicht glaub' ich, daß so bis zum letzten Baste
Erisichthonius verdorrt' vor Hunger,
Als dieser ihm am schrecklichsten geworden.

Ich sagte, bei mir selber denkend: siehe
Die Leute, die Jerusalem verloren,
Als einst Maria dort ihr Söhnlein anbiß!

Die Augen schienen Ringe ohne Steine.
Die in dem Menschenantlitz omo lesen,
Die konnten hier das m gar wohl erkennen.

Wer glaubte, daß der Duft von einem Apfel
So wirken könnt', indem er Sehnsucht reget,
Und der von Wasser, wüßte er das Wie nicht?

Schon spähet' ich, was so an ihnen zehre?
Weil noch der Grund nicht offenbar geworden
Von ihrer Magerkeit und traur'ger Schale.

Und sieh', aus Hauptes Tiefe wandt' ein Schatten
Die Augen zu mir her und sah mich starr an,
Dann rief er laut: »O, welche Gnade schau' ich!«

Ich hätt' ihn nie erkannt nach seinem Antlitz,
Doch es entdeckte sich in seiner Stimme
Mir, was vergangen war in seinem Aussehn:

Der Funk' entzündete mir gänzlich wieder
Erinn'rung, trotz des ganz entstellten Anblicks,
Und ich erkannte das Gesicht Forese's.

»O sträube dich nicht ob des dürren Ausschlags,
Der also mir die Haut entfärbet, bat er,
Noch ob des Mangels, den ich hab an Fleische;

Nein, sag' von dir das Wahre mir, und sag' mir,
Wer beide Seelen sind, die dich begleiten?
O lasse nun von deinem Stilleschweigen!« -

»Dein Antlitz, das ich schon als todt beweinet,
Giebt nun nicht wen'ger Anlaß mir zu Weinen,
Antwortet' ich ihm, so entstellt ihn schauend:

Drum' sag', bei Gott, mir, was euch so entblättert?
Heiß' mich nicht reden, während ich noch staune,
Schlecht Antwort giebt, wer andern Wunsches voll ist.« -

Und er zu mir: »Von dem urew'gen Rathe
Kommt auf das Wasser Kraft und auf den Fruchtbaum,
Der dort zurückblieb, wodurch ich so schwinde.

All' dieses Volk hier, welches weinend singet,
Weil es zu sehr gefolget seinem Gaumen,
Heiligt sich wieder hier in Durst und Hunger.

Sehnsucht entflammt zu trinken und zu essen
Der Duft, der von dem Apfel und dem Sprühn kommt,
Das oben sich verbreitet durch die Grüne.

Und nicht nur einmal diesen Raum durchlaufend,
Wird uns're Peinigung so angefrischet;
Ich sage Pein'gung, Wohlthat sollt' ich sagen,

Denn zu dem Baume führt uns das Verlangen,
Das Christum freudig trieb Eli zu rufen,
Als er mit seinem Herzblut uns erlöset.« -

Und ich zu ihm: »Forese, von dem Tag an,
Wo Welt du tauschetest mit besserm Leben,
Sind nicht fünf Jahre hingerollt bis jetzo.

War dir die Kraft, noch mehr zu sünd'gen, eher
Erloschen, als dich überkam die Stunde
Heilsamen Wehs, das Gott uns neu vermählet;

Wie bist du nun schon hier herauf gekommen;
Ich glaubte sie tief unten anzutreffen,
Wo Zeit dich wieder durch die Zeit ergänzet?« -

Und er zu mir: »So schnell hat mich geleitet,
Der Peinen süßen Wermuthtrank zu trinken,
Mit ihrem lauten Weinen meine Nella.

Mit ihren frommen Bitten und mit Seufzern
Hat sie vom Strand erlöst mich, wo man wartet,
Und mich befreiet von den andern Kreisen.

Es ist Gott um so werther und erles'ner,
Die ich so liebte, meine junge Wittwe,
Je mehr sie einsam ist bei guten Werken.

Denn selber das Barbagia von Sardinien
Ist ja in seinen Frau'n um Vieles zücht'ger,
Als das Barbagia, wo ich sie verlassen!

O lieber Bruder, was soll ich dir sagen!
Es liegt schon künft'ge Zeit vor meinem Blicke,
Der diese Stunde gar so alt nicht dünket,

Wo man verbieten wird auf Pergamente
Den unverschämten Florentiner Frauen,
Den Busen sammt den Warzen frei zu tragen!

Wo gab's Barbarenfraun und Sarazener,
Die, daß bedeckt sie gingen, nöthig hatten
Geistlicher Züchtigungen, oder andrer?

Doch wenn die Unverschämten sicher wüßten
Das, was in Eil' der Himmel ihnen sendet;
Sie thäten schon die Lippen auf zum Heulen!

Denn, wenn die Vorschau mich dahier nicht täuschet,
So werden traurig sie, noch eh' die Wange
Sich dem behaart, den jetzt das nanna einlullt.

Nun Bruder eil', und birg dich mir nicht länger
O sieh', nicht ich allein, nein, all' das Volk hier
Blickt nun dahin, wo du die Sonne deckest!« -

Drum ich zu ihm: »Rufst du dir in's Gedächtniß,
Wer du mit mir, wer ich mit dir gewesen,
Noch wird deß zu gedenken dich betrüben!

Von solchem Leben wendete mich dieser,
Der mir seit ehegestern vorgeschritten,
Als sich noch rund gezeigt die Schwester Jenes:

Ich wies auf Sol: der hat mich durch die tiefe
Nacht der wahrhaftig Todten hergeführet,
Mit diesem wahren Fleische, das ihm folget.

Mit seinen Mahnungen führt er von dort mich,
Aufsteigend und oftmals den Berg umkreisend,
Der grad euch richtet, da die Welt euch krümmte.

So lange, sagt' er, würd' er mir Geleit sein,
Bis dort ich bin. wo Beatrice sein wird:
Dort aber ziemt es, daß ohn' ihn ich bleibe.

Virgil ist's, der mir dieses sagt; ich aber
Zeigt ihn: allein der Andre ist der Schatten,
Um den vorhin geschüttelt jeden Abhang

Euer Gebiet das ihn von sich entlässet.« -


Gesang 24

Die durch Sehnsucht nach entzogner Himmelsspeise abgezehrten Schatten staunen den noch lebenden Dante mit ihren hohlen Augen an. Im Gespräch mit Forese erkundigt er sich, im Gehen, nach dessen Schwester Piccarda, und erfährt, daß der Himmel sie aufgenommen. Dann nennt ihm Forese auf sein Bitten die merkwürdigsten der hier büßenden Seelen: den Dichter Bonagiunto von Lucca, den Pabst Martin IV, den Ubaldino degli Ubaldini della Pila, den Erzbischof Bonifazius von Ravenna, und keiner nimmt es übel, da genannt zu werden. Dante bemerkt, daß Bonagiunt mit ihm reden möchte, vernimmt, daß er etwas wie Gentucca murmelt, und spricht ihn darum selbst an. Da sagt ihm Bonagiunt voraus: ein schönes Mädchen, Namens Gentucca, werde ihm dereinst das sonst sehr bescholtene Lucca werth machen, und freut sich, den Dichter vor sich zu sehen, der einen neuen Styl in die Liebeslieder eingeführt habe. Da sagt Dante: er schreibe nur nieder, was Liebe ihm in die Feder sage, und erklärt damit dem einst zu sehr künstelnden Dichter Bonagiunt vollkommen, warum die älteren Liebesdichter mit ihren Verkünstelungen nicht so Schönes leisten konnten. Bonagiunt, die eignen Fehler einsehend, schweigt, und entfernt sich, froh der gewonnenen Einsicht: man sieht, er ist über den Kreis des Stolzes hinaus. Aus der vorübereilenden Schaar der Seelen bleibt Forese noch einen Augenblick zurück, Dante fragend: wann sie sich wohl wiedersehen würden? - Später, als ich es wünsche, sagt Dante, und beginnt seine Vaterstadt zu beklagen. Da sagt ihm Forese, der, welcher die meiste Schuld an deren Elend trage, Corso Donati, werde von seinem eigenen Rosse in die Hölle geschleift werden, und eilt sodann den büßenden Seelen nach. Dante wandelt allein hinter Virgil und Statius einher, und erblickt einen zweiten Baum mit lockenden Früchten, nach welchen die Seelen, Kindern gleich, die Hände strecken; aber von einer Stimme im Gezweig verwarnt, ruhiger weiter ziehen. Es ist der Baum des untersagten Genusses, ein Abzweig des Baumes, von welchem die lüsterne Eva genascht. Die Stimme, die aus dem Baum hervortönt, schreckt die Seelen durch Beispiele bestrafter Lüsternheit von dieser Sünde zurück, während die des andern Baumes Vorbilder der Mäßigkeit nannte, und die Früchte desselben Sehnsucht nach der höheren Seligkeit erregten. Auch die drei nahenden Dichter werden vom Baum des verbotnen Genusses hinweggewiesen, und dicht an der göttlichen Felswand hinwandelnd, vernehmen sie von Eva's Sünde, von der übelendenden Unmäßigkeit der Centauren, und den durch Vollerei untüchtig gewordenen Gefährten Gideons. - Nun aber ladet der Gnadenengel, der zum siebenten Umgang geleitet, die Kommenden zum Emporgehn ein, sprechend: Hier sei der Weg für die, welche den Frieden suchten. Der Engel leuchtet heller als geschmolzenes Glas oder Metall, und der geblendete Dante folgt den Dichtern nur nach dem Gehör, der Engel aber weht ihm das sechste P von der Stirn, und er athmet wie Maienluft und wie Duft himmlischer Speise. Da hört er noch mit Bezug auf die im Inhalt zu Fegefeuer XXII erwähnten Worte der Bergpredigt: »Selig sind, die nur nach so viel begierig sind, als gerecht ist.« -

Es hemmte Sprechen nicht das Wandern, Wandern
Das Sprechen nicht, nein, redend eilten wir da,
Gleichwie ein Schiff von gutem Wind getrieben.

Die Schatten, die zweimal gestorben schienen:
Durch ihrer Augen Höhlen sogen Staunen
An mir sie ein, gewahrend daß ich lebe.

Und ich, fortfahrend noch in meiner Rede,
Sprach: »Dieser steigt vielleicht langsamer aufwärts,
Als sonst er thäte, um des Andern willen.

Doch sag' mir, weißt du es, wo ist Piccarda?
Und sag' mir noch, ob ich merkwürd'ge Leute
Seh' unter dieser Schaar, die so mich anblickt?« -

»Die Schwester mein, ob schöner, tugendhafter,
Nicht weiß ich, was sie mehr war, triumphirt schon
Im hohen Himmel, fröhlich ihrer Krone:

So sprach er erst, dann weiter: unverboten
Ist's, Alle hier zu nennen, da dermaßen
Geschwunden unsre Züge durch das Fasten.

Der (mit dem Finger zeigt' er) Bonagiunto
Ist's, Bonagiunt von Lucca, und das Antlitz
Jenseits von ihm, noch hohler als die Andern,

Trug in den Armen einst die heil'ge Kirche:
Er war von Tours, und läutert sich durch Fasten,
Von den Bolseneraalen und dem Moste.« -

Viel Andre nannt' er, Einen nach dem Andern,
Und Alle schienen Nennens so zufrieden,
Daß ich deshalb nicht finstre Miene schaute.

Umsonst sah' ich gebrauchen seine Zähne
Ubaldin della Pila, Bonifazius,
Der vieles Volk geweidet mit der Pfründe.

Messer Marchese schaut' ich, der mehr Raum einst
Zum Trinken hatte bei gering'rer Dürre,
Und einst so war, daß er nie satt sich fühlte.

Doch wie es macht, wer schaut, und Einen vorzieht
Dem Andern, macht' ich es mit dem von Lucca,
Der mehr mich schien zu kennen, als die Andern.

Er sprach für sich: und so was von Gentucca
Hört' ich von dorther, wo die Wund' er fühlte
Des Richterspruchs, der also ihn verzehret.

»O Seele, sprach ich: welche so geneigt scheint,
Mit mir zu sprechen, thu's, daß ich dich höre,
Und gnüge dir und mir mit deinen Reden!« -

»Ein Mädchen lebt, das noch nicht Schleier träget,
Begann er nun: das meine Stadt dir künftig
Geliebt wird schaffen, wie man auch sie schmähet.

Du kommst dahin mit dieser Vorverkündung:
Und, hast du dir mein Murmeln falsch gedeutet,
So werden es Thatsachen dir erklären.

Doch sag' mir, seh' ich hier vor mir den Dichter,
Der neue Reime bildete, beginnend:
O Frauen, die ihr kundig seid der Liebe?« -

Und ich zu ihm: »Ich bin so Einer, welcher,
Wenn Liebe hauchet, schreibt, und wie es innen
Gesagt mir wird, so schreibe ich es nieder.«

»O Bruder, sprach er: nun seh' ich den Knoten,
Der den Notar, Guitton' und mich zurückhielt
Vom holden neuen Styl, von dem ich höre!

Ich sehe jetzo wohl, wie deine Federn
Der Geberin der Worte treulich folgen,
Was mit den unsern wahrlich nicht geschehen.

Doch wer, um zu gefallen, weiter gehet,
Der sieht nicht mehr von dem zu jenem Style.« -
Und damit schwieg er still, gleichsam befriedigt

Wie Vögel, die am Nilstrom überwintern,
Zuweilen eine Schaar aus ihnen machen,
Dann eil'ger fliegen und im Streifen hinziehn.

So all' das Volk, das dort sich aufhält: wendend
Sein Angesicht, beeilt es seine Schritte,
Leicht durch die Magerkeit, wie durch die Sehnsucht.

Und wie der Mensch, der von dem Laufe müd' ist,
Ziehn lässet die Gefährten und gemach geht,
Bis die Bewegung seiner Brust sich austobt:

So ließ die heil'ge Heerde sich vorbeiziehn
Forese, und mit mir zog er dahinter,
Und sprach nunmehr: »Wann seh'n wir uns wohl wieder?« -

»Ich weiß nicht, sprach ich: wie lang' ich noch lebe,
Doch wird die Rückkehr nicht so schnell erfolgen,
Als ich am Strande bin mit meinem Wunsche:

Indem die Stadt, wo mir das Leben worden,
Von Tag zu Tag sich ärmer schafft am Heile,
Und zu elendem Untergang geneigt scheint.« -

Geh', sprach er: nun, denn den, der meiste Schuld hat,
Seh' ich geschleift, an eines Thieres Schweife,
Zu jenem Thal, wo man sich nie entsündigt.

Das Thier, bei jedem Schritte jagt es schneller,
Und immer schneller, bis es ihn zerschellet,
Und seinen Leib dann gräulich und entstellt läßt.

Nicht oft umrollen dürfen jene Kreise,
(Und zu dem Himmel wandt' er seine Augen)
So wird dir klar, was dir mein Wort nicht aufhellt.

Du bleibe nun, dieweil die Zeit so köstlich
In diesem Reich, daß ich zu viel verliere,
Geh' ich mit dir so Paar und Paar gesellet.« -

Gleichwie zuweilen im Galopp ein Reiter
Vorsprenget aus der Heerschaar, welche reitet,
und Ruhmes wegen eilt zum ersten Anlauf:

So eilte der von uns in größern Sätzen,
Ich aber blieb im Weg mit jenen Beiden,
Die einst der Welt so große Führer waren.

Und als er so vor uns hineingewichen,
Daß meine Augen ihm nur folgen konnten,
Wie mein Vernehmen seinen Worten folgte:

Sah' ich die vollen und lebend'gen Zweige
Von einem andern Apfelbaum, nicht ferne,
Als wir uns eben nur allda gewendet.

Ich sah' darunter Volk die Händ' erheben,
Und gen die Zweig', ich weiß nicht was, ausrufen,
Gleichwie begierige und thör'ge Kinder,

Die bitten, während der Gebetne schweiget,
Und, ihre Gier noch stärker zu erregen,
Hochhält, was sie begehren, und nicht birget.

Dann ging es fort, wie von dem Wahn erlöset:
Wir aber kamen nun zum großen Baume,
Der so viel Flehn und Thränen von sich abweist.

»Geht weiter ihr, und ohne hier zu nahen,
Mehr oben ist ein Stamm, benascht von Eva,
Und dieser Schößling ist von dem genommen.« -

So sprach, ich weiß nicht wer, dort in den Zweigen;
Weshalb Virgil und Statius da gingen
Mit mir, dicht an der Seite, die emporsteigt.

»Erinnre dich, so sprach es: der Verfluchten,
Gezeuget in den Wolken, welche trunken
Theseus bekämpften mit zwiefachen Brüsten:

Und der Ebräer, feig durch Trunk, die deshalb
Sich Gideon nicht zu Gefährten wollte,
Als er gen Midian die Höhn hinabzog.

So dicht an einem jener beiden Ränder
Fortschritten wir, vernehmend, wie den Sünden
Des Gaumens traurige Gewinne folgen.

Dann, freier auf der nun einsamen Straße,
Wohl tausend Schritt und mehr noch gingen fort wir,
Ein Jeder in Betrachtung ohne Sprechen.

»Wie geht da so nachdenklich nur ihr dreie?« -
Rief plötzlich eine Stimme, daß ich zuckte,
Wie scheue und erschreckte Thier' es machen.

Ich hub das Haupt, zu schauen, wer es wäre?
Und niemals sah man Glas in einem Ofen,
Noch auch Metall so leuchtend und so glühend:

Wie einen ich ersah, der sprach: »Gefällt's Euch
Hinaufzugehn, so muß man hier sich wenden;
Hier geht hinauf, wer in den Frieden gehn will!«

Sein Anschaun hatte mich des Sehn's beraubet,
Drum ich zu meinen Weisen mich zurückbog,
Als Einer, der nur nach dem Hören wandelt.

Und wie, Verkünderin der Morgenschimmer,
Die Mailuft sich beweget und erduftet,
Gänzlich erfüllet, so von Kraut, als Blumen:

So fühlt' ich Luft herwehen, an die Mitte
Der Stirn, und fühlte recht den Fittig regen,
Der mir Ambrosiadüfte gab zu riechen:

Und rufen hört' ich: »Selig, die erleuchtet
So große Gnade, daß die Lust am Schmecken
In ihre Brust nicht zu viel Gierde qualmet,

Stets so viel nur begehrend, als gerecht ist.« -


Gesang 25

Die Wanderer beeilen sich, die Stiege zum siebenten Kreise hinanzuklimmen, da schon zwei Stunden seit Mittag vorüber sind. Schüchtern wagt Dante zu fragen, wie es möglich sei, daß Seelen abzehrten, da sie doch keiner Nahrung mehr bedürften. Da bittet Virgil den Statius, dies seinem Schüler zu erklären, und Statius beginnt nun die Entstehung des Menschen aus dem Blute des Erzeugers zu schildern, welches im Herzen bildende Kraft erhält, und dann im Leibe des Weibes die Frucht gestaltet und belebt: sei das Hirn vollkommen ausgebildet, so hauche der erste Beweger des Weltalls, wie bei Adams Schöpfung, himmlischen Odem, wodurch sich die einige Seele des Menschen bildet, die alle thätige Kraft an sich zieht und zuletzt bei dem Tode des Menschen mit sich nimmt, wenn sie den Leib verläßt. Dann wirkt die bildende Kraft noch immer fort und gestaltet ringsher die Luft zu einem Scheinleib, der ihr folgt, wie die Flamme getragnem Feuer, und ihre Empfindungen alle sichtbar darstellt, wie eben hier das Schmachten nach versagter himmlischer Nahrung.

Nachdem Dante so von Statius über das belehrt worden, was ihm der heidnische Virgil, mit Bezug auf die Schöpfung der Seele, nicht so entwickeln konnte, sind die Wandernden auf den letzten Umgang des Berges gelangt, wo die Seelen sich von unreiner Liebeslust läutern. Die göttliche Felswand schießt die einige Flamme der himmlischen Liebe hervor; aber ihrer Verbreitung wehrt ein Sturm (der unreine Trieb), dieser weht von des Umganges äußerem Rande herauf, welcher letztere, wie wir Fegef. XX V. 9 gesehen haben, als Gegensatz der göttlichen Felswand und Zuflucht, die Entfernung von Gott bedeutet. Zwischen dem Sturm und dem Feuer bleibt ein schmaler Weg für den Betrachtenden übrig, wo keine Flamme ist, gerade wie Hölle XIV V. 84 am Sündenstrom. Zugleich ist dies der Weg, den im Grunde die Lebenden wandeln, welchen noch die Wahl frei steht zwischen reiner und unreiner Liebe. Dantet fürchtet hier das Hinunterstürzen vom Sturme, scheut sich aber auch noch vor der göttlichen Flamme. Bemerkenswerth ist es, daß im Fegefeuer nicht von zerstreuten Flammen, wie in der Hölle, die Rede ist: die göttliche Liebe erscheint den Büßenden hier als einige reine vollkommene Flamme: sie fliehen Gottes strafende Liebe nicht, wie die Sodomiten in der Hölle, sie trotzen ihr auch nicht, wie die Lästerer, sie wehren sie auch nicht ab, wie die Wucherer, nein, sie dulden ihr Strafen, denn sie fühlen sie als einige Liebe (vergl. Fegef. XIII V. 39): darum singen sie auch, in der einigen Flamme wandelnd. den Hymnus: »Summae Deus Clementiae«, worin der Gott der Barmherzigkeit angefleht wird, mit seinem Feuer die Seele von allem Unreinen zu läutern. Dann rufen die Büßenden hier Maria's Wort bei der Empfängniß, welche den heiligen Geist der Liebe empfing, ohne von einem Manne zu wissen: zugleich preisen sie den Eifer Dianens, mit dem diese die unzüchtige Calisto ausstieß, und rühmen noch andere Frauen und Männer, die sich unbefleckt erhalten. So heilen sie die böse Wunde, welche die Lust der Welt ihnen gemacht. Das Feuer ist insofern zeitliches Feuer (wie es Fegef. XXVII V. 127 genannt wird), als es nur so lange strafend auftritt, wie Unreines in der Seele ist; denn die Seligen sind ewig darin (s. d. Anm. z. Parad. V V. 1) und sind selig, die Unreinen sind auch darin, aber als unrein ewig unselig. So ist Alles wiederum in Gott nach dem Spruch: »denn in ihm leben, weben und sind wir.« Die Ansicht, daß mit dem Feuer ein materielles gemeint sei, findet Fegef. XXVII V. 25-30 ihre Widerlegung.

Zeit war's, wo Steigen keinen Krüppel wollte;
Da Sol bereits den Mittagkreis dem Stiere
Gelassen, wie die Nacht dem Skorpione:

Darum, wie Einer, welcher sich nicht aufhält,
Nein, seinen Weg geht, was ihm auch erscheine,
Wenn Stachel der Nothwendigkeit ihn treibet:

So stiegen wir empor in jenem Durchgang,
Der Eine vor dem Andern, auf der Stiege,
Die unpaar macht die Steiger durch die Enge.

Und wie das Störchlein, das den Flügel hebet.
Aus Lust zu fliegen, und sich nicht getrauet
Vom Nest zu lassen, und ihn wieder senket:

So war in mir, bald glühend, bald erloschen,
Die Fragelust gekommen zur Geberde,
Die Einer macht, der sich entschließt zu reden.

So schnell das Gehen war, verließ mich nimmer
Der holde Vater, nein, »Entlaß, so sprach er:
Der Rede Bogen, den du bis zum Stahl zogst!« -

Getroster öffnet' ich nunmehr die Lippen,
Beginnend: »Wie doch kann man hager werden,
Wo kein Bedürfniß hinrührt sich zu nähren?« -

»Erinnertest du dich, wie Meleager
Verzehrt ward beim Verbrennen eines Scheites,
Sprach er, so würde dies dir nicht so sauer;

Gedächtest du auch, wie bei eurem Zucken
In einem Spiegel mitzuckt euer Abbild,
So würde, was dich hart angeht, gelinder;

Doch daß du innen nach Gelüst dich stillest,
Sieh' Statius, den ruf' ich nun und bitt' ihn,
Daß er ein Arzt für deine Wunden werde!« -

»Wenn ich die ew'ge Strafe ihm enthülle,
Sprach Statius zurück: hier, wo du wallest,
Entschuld'ge mich: Dir kann ich nichts versagen!

Darauf begann er: Sohn, wenn meine Worte
Dein Geist betrachtet und erfasset, werden
Sie dir das Wie? erhellen, was du suchest.

Vollkommnes Blut, das nicht mehr eingetrunken
Wird von erfüllten Adern, und zurückbleibt
Wie Speise, die man von der Tafel abhebt,

Erlangt im Herzen alle Menschenglieder
Zu bilden Kraft, als solches was zu diesen
Sich zu gestalten fortzieht in den Venen.

Nochmals geläutert, geht's hinab, wo Schweigen
Lobwürd'ger ist, als Reden, und dann rinnt es
Zu Andrer Blut in ein natürlich Becken.

Daselbst vereint sich Eines mit dem Andern
Zu Duldung dies, doch das zu That getrieben,
Von der vollkommnen Stätte, die es quellet:

Vereint dem Andern hebt es an zu bilden,
Bewirkend ein Gerinnen; dann belebt es
Das, was mit seinem Stoff es aufgereget.

Die thät'ge Kraft nun ein Lebend'ges worden,
Das so verschieden ist von einer Pflanze,
Daß es im Lauf ist und die schon am Ufer:

Wirkt also, daß es nun sich regt und fühlet,
Gleich einem Meerschwamm, fängt dann an zu bilden
Die Eigenschaften, davon sie der Saamen

Nunmehr entfaltet sich, o Sohn, nun breitet
Die Kraft sich, die vom Herzen ist des Zeugers,
Von wo Natur für alle Glieder sorget.

Doch wie sie aus dem Thiere wird zum Menschen,
Ersiehest du noch nicht: das ist die Stelle,
Die einen Weiseren, als dich geirret:

So daß in seiner Lehr' er von der Seele
Gänzlich geschieden hat die Kraft der Einsicht;
Indem er kein Organ für diese vorfand.

Der Wahrheit, die nun kommt, thu' auf den Busen,
Und wisse: daß, wenn an der Frucht nunmehro
Das Hirn vollkommen ausgebildet worden,

Der erste Reger mild sich auf sie neiget,
Auf solches Kunstwerk der Natur, und hauchet
Dann neuen Odem, der von Kraft erfüllt ist,

Die, was sie thätig findet, in ihr Wesen
Hinzieht, und sich zur ew'gen Seele bildet,
Die lebt und fühlt und in sich selber webet ...

Und daß du wen'ger staunest dem Gesagten:
Schau' an der Sonne Glut: wie sie zu Wein wird,
Dem Naß sich einend, was die Rebe quellet! ...

Und hat dann Lachesis nicht mehr des Flachses,
Löst sie vom Fleische sich, und mit sich nimmt sie
Die Kraft, die menschliche, wie die von Gotte,

All' andre Kräfte stumpf, doch das Gedächtniß,
Dazu die Einsicht, und die Kraft des Willens
Weit mehr noch als vorher zur That geschärfet.

Und ohne zu verweilen, stürzt von selbst sie
Gar wunderbar zu einem von den Ufern:
Daselbst erkennt zuerst sie ihre Wege.

Sobald der Stätten eine sie umfähet,
Erstrahlt die bildnerische Kraft nun ringshin,
So und so weit, wie in lebend'gen Gliedern.

Und wie die Luft, wenn sie des Regens voll ist,
Vom fremden Strahl, den sie in sich abspiegelt,
Geschmücket wird mit mannigfachen Farben:

So ordnet sich die nachbarliche Luft dort
Zu der Gestalt, die ihr die Kraft der Seele
Aufpräget an dem Orte, wo sie weilet.

Und dann, vergleichbar einer Flamme, welche
Dem Feuer immer folgt, wo man es hinträgt,
Folgt nun dem Geiste seine neue Bildung.

Dorther empfähet er dann sein Erscheinen
Und heißt ein Schatten, rüstet auch ein jedes
Empfinden völlig aus, bis daß es sichtbar.

Deswegen reden wir dahier und lächeln,
Deswegen bilden Seufzer wir und Thränen,
Die du am Berg kannst wahrgenommen haben.

Nachdem uns Neigungen und andre Triebe
Festhalten, bildet sich der Schatten: siehe:
Dies ist der Grund des Vorgangs, dem du staunest.« -

Und allbereits zur letzten Windung waren
Wir hingelangt, und rechter Hand gewendet,
Und waren aufmerksam auf andre Sorge.

Dort schießet das Gestad nach außen Flammen:
Der Umlauf aber wehet Hauch nach oben,
Der sie zurückwirft und von ihm entfernet:

Weshalb am offnen Rand wir gehen mußten,
Der Eine nach dem Andern, und ich scheute
Das Feuer hier, dort das Hinunterstürzen.

Mein Führer aber sprach: »An diesem Orte
Muß man den Augen straff den Zügel halten,
Weil man durch ein Geringes irren könnte.

»Summae Deus clementiae«, so hört ich's
Nunmehr in dem gewalt'gen Brande singen:
Ihm zugewandt ließ er mich doch nicht fallen.

Und Geister sah ich durch die Flammen schreitend:
Weshalb auf ihre Schritt' ich schaut' und meine,
Von Zeit zu Zeit allda mein Schauen theilend.

Bei'm Schlusse, den man macht an diesem Hymnus,
Schrien Alle laut auf: »Virum non cognosco!«
Begannen leise dann auf's Neu den Hymnus.

Beendigt ihn, auch riefen sie: »Zum Haine
Lief Diana und verjagete Callisto,
Als die der Venus Gift gekostet hatte!« -

Dann kehrten zum Gesang sie, riefen Frauen
Sodann und Männer, welche keusch bestanden,
Wie Tugend es und Ehe auferleget.

Und diese Weise, glaub' ich, gnüget ihnen
Durch all' die Zeit, wo sie das Feuer senget;
Mit solcher Wartung und mit solcher Nahrung

Muß man zuletzt die Wunde wieder heften.


Gesang 26

Nicht ohne Bezug auf sein früheres Abirren mit dem Panther (der ihn Hölle I V. 31-48 in die zitternde Luft brachte), wird Dante hier von Virgil (der bessern Einsicht) oftmals ermahnt, wohl Acht zu geben, daß er hier nicht (wieder) irre, da man von dem schmalen Rande leicht hinabsturzen könne, und spricht den Wunsch aus, daß sein Ermuthigen (welches ihn aus dem angstvollen Thale bis hier heraufgebracht) ihm nun gedeihen möge. Es dient Dante nun zu mehrer Sicherung, daß die leitende Sonne der Erkenntniß seine rechte, dem Abgrund zugekehrte, Schulter bestrahlt. Da macht der Schatten seines Körpers die Flamme brennender erscheinen, was von tiefer Bedeutung ist, wenn man bedenkt, daß das Licht, welches ein zwischengestellter Körper raubt, das der Erkenntniß ist. Ohne das Licht der Erkenntniß erscheint die Qual freilich größer. Die Seelen in der Flamme verwundern sich über Dante's Schattenwerfen, sprechen darüber unter einander, nahen ihm so viel als möglich, hüten sich aber wohl, die Flamme des reinen Triebes zu verlassen. Eine der Seelen bittet, ihnen das Wunder zu erklären. Als Dante dies eben thun will, kommt eine Schaar der andern entgegen: die Begegnenden küssen sich in der einigen Flamme mit dem reinen Kuß einiger Bruderliebe; verwünschen dabei, die eine Schaar Sodom und Gomorrha, die andre Schaar das Laster der Pasiphae: dann eilen beide ihren Weg dahin; aber die Seelen, welche früher mit Dante zu reden begehrt, nahen wieder, und er giebt ihnen nach Wunsch Auskunft über sein Emporwallen zu Gott, bittet sie dagegen aber, ihm zu sagen, wer sie und jene andre Schaar seien? Er beschwört sie darum bei dem von reiner Liebe erfüllten weiten Himmel, und erfährt, daß die fremde Schaar an sich Cäsar's und Sodom's Sünde beweinen, sie selbst aber mit den Andern die hermaphrodisische; alle Seelen dort zu nennen, sei unmöglich (vergl. Hölle XV V. 103-105); sie selbst aber sei die Seele Guido Guinicelli's. - Dante erschrickt, diesen Namen hier zu hören, blickt aber die büßende Seele so traurig und liebevoll an, daß sie ihn befragt, warum er das thue? Da sagt Dante: Guido's unsterblicher Liebesreime wegen (denn Guido Guinicelli wird als Vater der mittelalterlichen Liebespoesie betrachtet). Hierauf zeigt Guido auf eine Seele, die vor ihm in der Flamme geht, und sagt: Jener sei ein besserer Schmid der Muttersprache, bittet Dante, im Himmel ein Vaterunser für ihn zu sprechen, und entschwindet, dem Andern Raum zu lassen, in die Glut, wie ein Fisch in das Wasser, worin er lebt. Nun giebt sich, auf Dante's Bitte, die andere Seele als den provenzalischen Dichter Arnald zu erkennen, sprechend: er singe hier weinend seine begangene Thorheit, erwarte jedoch baldige Erlösung, bittet Dante, seiner zur gehörigen Zeit fürbittend zu gedenken, und birgt sich. wie der Andere, in der läuternden Flamme.

Indem am Saum wir, Einer nach dem Andern,
Hinwandelten, sprach oft der gute Meister:
»Hab' Acht und helf' es dir, daß ich dich treibe!« -

Die rechte Schulter traf mir da die Sonne,
Die, schon den ganzen Westen überstrahlend,
Umschuf in lichtweiß den azurnen Anblick.

Und glühender macht' ich mit meinem Schatten
Die Flamm' erscheinen, und auf dieses Zeichen
Allein sah' ich im Gehn viel Schatten achten.

Dies war der Grund, der ihnen Anlaß darbot,
Von mir zu reden, sie begannen also:
»Der sieht nicht aus wie Körper, der nur scheinet!« -

Dann nahend mir, so weit sie nur vermochten,
Versicherten sie sich, stets Obacht gebend,
Nicht vorzugehn, wo ungebrannt sie wären.

»Du, welcher, nicht als sei er etwa träger,
Nein wohl aus Ehrfurcht wandelt hinter Jenen,
Antworte dem, der brennt in Durst und Feuer.

Nicht mir nur ist Bedürfniß deine Antwort,
Die Alle haben danach mehr des Durstes,
Als nach der kühlen Fluth Aethiop' und Inder.

Sag', wie geschieht es, daß du vor der Sonne
Hier bildest eine Wand mit dir, als seiest
Du noch nicht in des Todes Netz gegangen?« -

So rief mir ihrer Einer, und ich hätte
Mich schon erkläret, war' ich nicht gespannet
Auf andre Neuigkeit, die nun erschienen:

Denn, in der Mitte des entflammten Weges,
Kam Schaar, das Antlitz der entgegen kehrend,
Was mich da schweben ließ in der Betrachtung.

Da sah von jeder Seite jeden Schatten
Ich eilen, einen dann den andern küssen,
Ohn' Aufenthalt, des kurzen Grußes fröhlich.

Also berührt sich in dem braunen Schwarme
Ameise und Ameise mit dem Rüssel,
Wohl nach dem Weg und nach dem Glück zu forschen.

Sobald sie scheiden von dem Freundesgruße,
Eh' noch der erste Schritt sie weiter aufführt,
Beeifern Alle sich, allda zu schreien,

Die neue Rotte: »Sodom und Gomorrha!«
Die andre: »In die Kuh ging Pasiphäa,
Damit zu ihrer Brunst das Stierlein käme!«

Dann Kranichen gleich, die theils Riphäerbergen
Zuflögen, theils hin nach der sand'gen Wüste,
Die bange vor dem Frost, die vor der Sonne,

Geht eine Schaar dahin und kommt die andre,
und kehren weinend zu den ersten Sängen,
Und zu dem Ruf, der ihnen mehr geziemet.

Es naheten nunmehro mir wie früher
Dieselben. welche mich gebeten hatten;
Nach ihren Mienen aufmerksam zu hören.

Ich, der ihr Sehnen zweimal schon geschauet,
Begann nunmehr: »O Seelen, wohlgesichert,
Wann es auch sei, des Friedens Stand zu haben,

Nicht unreif und nicht reif sind meine Glieder
Jenseits geblieben; nein, ich trag' sie mit mir,
Sammt ihrem Blute und sammt ihren Sehnen.

Von hier will ich, nicht blind zu bleiben, aufwärts:
Ein Weib ist droben, die mir Gnad' erwirket,
Daß Sterbliches durch eure Welt ich trage.

Allein, soll bald so euer größtes Hoffen
Gesättigt sein, daß euch der Himmel aufnimmt,
Der Lieb-erfüllet sich am weitsten ausdehnt;

Sagt mir, daß ich damit noch Blätter fülle,
Wer seid ihr und wer ist dort jener Haufe,
Der so hinum, euch nun im Rücken, wandelt?« -

Nicht anders wird verwirret von Erstaunen
Der Bergbewohner, und verstummt im Schauen,
Wenn rauh und fremder in die Stadt hereinkommt:

Als jeder Schatten dort, nach seinem Ansehn:
Doch dann, als sie des Staunens ledig worden,
Das sich in hohen Herzen bald beruhigt:

»Glückselig du, der sich von unsern Marken,
Hub Jener an, der früher mich gebeten:
Kund' in sein Schiff nimmt, besser einst zu leben.«

Die Schaar, die nicht mit uns wallt, hat gesündigt
In dem, weshalb einst Cäsar triumphirend
Sich »Königin« entgegenrufen hörte.

Drum ziehen sie von hinnen, Sodom schreiend,
Sich selbst Vorwürfe machend, wie du hörtest,
Und helfen schamerröthend noch der Glut nach.

Hermaphrodisisch war einst unsre Sünde,
Und weil wir menschliches Gesetz nicht hielten,
Gleichwie die Thiere, nur dem Triebe folgend,

Wird, zur Beschämung uns, von uns gerufen,
Wenn wir uns trennen hier, derselben Name,
Die sich verthiert in dem verthierten Holzwerk.

Jetzt weißt du unsre Werk' und weß wir schuldig;
Willst namentlich du, wer wir sind, erfahren,
Fehlt' es zu sagen Zeit, auch wüßt' ich's nimmer.

Was mich anlangt, will ich den Wunsch dir stillen:
Bin Guido Guinicell, und läutre jetzt mich,
Da wohl bereuet ich vor meinem Ende.« -

Wie bei Lykurgus Unheil zween der Söhne,
Beim Wiedersehen ihrer Mutter, thaten,
That ich allda, nur hub ich mich so hoch nicht:

Als ich sich selber nennen hörte meinen
Und aller Bessern Vater, welche jemals
Der süß' und heitern Liebesreime pflogen.

Und ohn' zu hören und zu reden ging ich
Nachdenklich, ihn gar lange Zeit betrachtend,
Und nahet' ihm nicht mehr, des Feuers halben.

Dann, als gesättiget ich war des Schauens,
Stellt' ich mich ganz bereit zu seinem Dienste,
Mit der Betheurung, welche Glauben wecket.

Und er zu mir: »Durch das was ich vernehme,
Lässest du solche Spur in mir, so leuchtend,
Daß Lethe sie nicht rauben kann noch trübet.

Doch. haben deine Worte wahr geschworen,
Sag' mir, was ist die Ursach', daß mit Reden
Und Blicken du darthust, daß du mich lieb hast?« -

Und ich zu ihm sprach: »Deine holden Sprüche,
Welche, so lang' die neue Weise dauert,
Noch werth erhalten werden ihre Lettern!« -

»O Bruder, sprach er: der, den mit dem Finger
Ich zeig', (er wies auf einen Schatten vor ihm)
Der war ein bess'rer Schmid der Muttersprache!

In Liebeslied und Prosa der Romanzen
Besiegt, er Alle, laß die Narren reden,
Die den von Lemosin noch höher halten!

Mehr als zur Wahrheit kehren die zum Rufe
Das Antlitz und beschwören, was er saget,
Eh' Kunst und Sinn von ihnen noch vernommen.

So machten's viele Alte mit Guittone,
Von Ruf zu Ruf nur ihm den Preis ertheilend,
Bis Wahrheit ihn besiegt mit mehren Leuten.

Jetzt, hast du so erhabene Gewährung,
Daß frei dir steht das Wallen zu dem Kloster,
Worinnen Christus Abt ist der Versammlung:

Sprich dort für mich zu ihm ein Vaterunser,
So weit es uns in dieser Welt genüget,
Wo nicht mehr unser ist das Sünd'genkönnen.«

Dann, um vielleicht dem Andern Raum zu lassen,
Der ihm da folgte, schwand er in das Feuer,
Gleichwie ein Fisch im Wasser, der zu Grund fährt.

Ich trat etwas hervor zu dem Gezeigten,
Sagend, daß seinem Namen meine Sehnsucht
Anmuth'ge Stätte in Bereitschaft halte.

Freiwillig hub er also an zu sprechen:
»So sehr gefällt mir eure edle Bitte,
Daß ich euch weder bergen will noch könnte:

Ich bin Arnald, der weint, und ich durchwate
Die Feuerfurt, singend vergang'ne Thorheit,
Und bald schon naht der Tag, den ich erhoffe:

Jetzt aber bitt' ich euch, bei jener Tugend,
Die euch zum Gipfel dieser Stiege leite,
Gedenkt zu rechter Zeit einst meines Schmerzes!« -

Dann barg er sich im Feuer, das ihn läutert.


Gesang 27

Die Sonne geht auf für die Stätte, wo Christus die Welt erlöst hat: als die Wanderer in das eifernde Liebesfeuer eingehen sollen, wo mit Er tauft (s. Luc. III V. 16). »Selig sind, die reines Herzens sind«, und: »weiter vermag man hier nicht zu gehen, außer durch die Flamme!« ruft ihnen ein Engel entgegen, der an dem stürmischen Rande steht. Da sinkt Dante mit gefalteten Händen zu Boden und starrt in das Feuer, fürchtend, leiblich verbrennen zu müssen: aber die Einsicht (Virgil) ermuthigt ihn, sprechend: sie werde ihn hier in Gottes Nähe nicht verlassen; hier könne wohl Pein sein, aber nicht Tod; wolle er den Zipfel des Gewandes hineinhalten, so werde er gewahren, daß das Feuer kein materielles, körperzehrendes sei (dies erinnert an den Busch, den Moses durch Gottes Nähe in Flammen stehen und doch nicht versengt sah). Noch geht Dante nicht in die heiligende Liebesglut ein, sondern bleibt störrig davor, selbst wider sein Gewissen, bis die Einsicht ihm sagt: nur diese Flamme scheide ihn von Beatricen! Da erwacht die erste, reine, jugendliche Neigung zu dieser, zur göttlichen Lehre, mit allen ihren Beseligungen wieder in der Erinnerung des Mannes, und weich und kindlich gehorsam folgt er der Einsicht in die heiligende Flamme, die nicht das Sinnliche zerstört, nein, nur alles Fremde, Störende mit schmerzlich eifernder Gewalt aus der Seele nagt und läuternd tilgt, bis diese wieder fähig wird, der unschuldigen Paradieseswonne zu genießen, deren Keiner theilhaftig sein kann, der nicht wieder wird wie ein Kind, nach Christi Spruch: »Wer das Reich Gottes nicht annimmt als ein Kind, der wird nicht hineinkommen« (s. Luc. XVIII V. 17). - Das Geheimniß des ganzen Gedichtes liegt in dieser Stelle, und bedeutsam und tief ist der Zug von Dante's Störrigkeit, die selbst seinem Gewissen nicht weicht, bis die Gnadenerscheinung Beatricens vor seine Erinnerung tritt; da verläßt er den Sturm der falschen Liebe und tritt in die läuternde Flamme der wahren, und über Sion geht die Sonne auf. - Die Glut der Flamme ist unermeßlich, aber die Einsicht spricht dem noch sterblichen Wanderer beständig von der beseligenden Beatrice; von jenseits tönt eine leitende Stimme, und als die drei Dichter die Flammen durchschritten, empfängt ein zweiter Engel sie, sprechend: »Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.« - Dies sind Christi Worte, die er am jüngsten Tage zu denen sprechen wird, welche die Werke barmherziger Liebe geübt. - Auf des Engels Rath steigen die Wanderer weiter empor, so lange die Sonne noch leuchtet: als aber das Dunkel eintritt, lagern sie sich, Jeder auf eine der Stufen, Dante ruht inmitten beider Dichter, von ihnen gehütet und umschlossen von den göttlichen Felswänden, welche hier wieder »grotta«, Zuflucht genannt werden. Ueber der Kluft erscheinen die Sterne ihm größer und heller als jemals, und nachdenklich versinkt er in Schlummer. Da erscheint dem Geläuterten ein heiliges Traumgesicht: er sieht ein Weib auf einer Au lustwandeln und sich geschäftig einen Kranz winden, singend: sie sei Lea und schmücke sich, sich in ihrem Spiegel zu gefallen, während ihre Schwester Rahel ihre Augen nie von ihrem Spiegel abwende: der Spiegel aber ist Gott, Lea die Werkthätigkeit, welche sich mit lebendigen Blumen, d. h. Werken, schmückt, Gott zu gefallen; dagegen ist Rahel die Wonne der Gottesbetrachtung. Heilige Werkthätigkeit und Gottesbetrachtung bilden zusammen das wahre Paradiesesleben: die Vereinigung beider erscheint dem erwachten Dante später in der blumenpflückenden und Gottes Wunderwerke besingenden Mathilde (s. Fegef. XXVIII V. 37 u. w.). Jetzt steigt die neue Sonne empor, Dante springt auf, die beiden Dichter schon erstanden schauend; Virgil aber beflügelt seine Füße durch die Worte: daß der vielgesuchte süße Apfel der Wonne heute seine Wünsche stillen werde, und sagt ihm, als die letzte Stufe erreicht ist: er habe nun die ewige Feuerpein der Hölle und hier die geschaut, welche nur eine Zeit lang quäle: weiter vermöge Virgil nicht zu spähen noch menschliche Lehre zu geleiten: frei von engen Wegen und Mühen. solle er nun seinen geläuterten Willen zum Führer nehmen, und nach Lust im Paradiesesgarten umherwandeln oder ruhen, während die Augen der himmlischen Lehrerin, die ihm den Virgil zu Hilfe gesandt, naheten: er sei nun frei und ein König und Bischof über sich selbst. - Dante hat emporgewallt auf den Pfaden der Buße, den Fels der Aergerniß unter seinen Füßen; aus der ägyptischen Sündenknechtschaft ist er betrachtend gelangt zu dem Reich der Freiheit, wo mit uns Christus befreit hat (s. Galat. V V. I).

Gleichwie, wenn sie die ersten Strahlen schießet,
Dort wo ihr Schöpfer einst sein Blut vergossen,
Wenn Ebro fließt unter der hohen Wage,

Und wiederum erglüh'n des Ganges Wogen:
So stand die Sonne und der Tag entwich nun,
Als heiter uns erschien der Gottesengel.

Außer der Flamme stand er auf dem Rande
Und sang allda: »Beati mundo corde,»
Mit Stimme, viel belebter als die unsre:

Dann: »Weiter geht man nicht, ihr heil'gen Seelen,
Eh' nicht das Feuer naget, geht hinein denn,
Und seid nicht taub dem Singen von da drüben.« -

So redet' er, als wir ihm nahe waren
Weshalb ich, als ich's höret', also wurde,
Wie Einer ist, den man zu Grabe senket.

Ich warf mich hin auf die gefaltnen Hände,
In's Feuer schauend, lebhaft mich erinnernd
Der Menschenleiber, die ich brennen sehen:

Da wandten sich zu mir die guten Führer,
und zu mir sprach Virgilius: »Mein Söhnlein,
Hier kann wohl Peinigung sein, aber Tod nicht!

Besinn', besinne dich; hab' ich dich früher
Auf dem Geryon unversehrt geleitet,
Was werd' ich jetzt thun, wo ich Gotte näher?!

Glaub' als gewiß, daß, wenn du in dem Umfang
Derselben Flamm' auch tausend Jahre bliebest,
Sie könnte dir doch nicht ein Haar versengen!

Und wenn du etwa glaubst, daß ich dich täusche,
Tritt hin zu ihr, und laß dir Glauben schaffen
Von eigner Hand am Zipfel der Gewande.

Leg' ab, leg' ab nunmehr jedwedes Bangen,
Kehr' dich hierher und komm' getrost hinüber!« -
Doch blieb ich noch, selbst wider mein Gewissen.

Als er mich weilen sahe, fest und störrig,
Sprach er etwas betrübt: »Nun schaue, Söhnlein,
Die Mauer ist zwischen dir und Beatrice!« -

Gleichwie einst Pyramus, bei Thisbe's Namen,
Im Tod die Wimper aufthat und sie ansah,
Zur Stund', als Purpur färbete die Maulbeer';

So, all' die Störrigkeit gemildert, wandt' ich
Zum weisen Führer mich, den Namen hörend,
Der im Gedächtniß mir stets neu emporkeimt.

Drob er das Haupt bewegt' und sprach: »Wie? wollen
Wir diesseits bleiben?« lächelte dann also
Mir zu wie Kindern, die ein Apfel bändigt.

Und vor mir her ging er nun in das Feuer,
Daß hinter uns er gehe, Statius bittend,
Der erst auf langem Wege uns geschieden.

Als ich darin war: in ein Glas, das schmilzet,
Hätt' ich gestürzet mich, mich zu erfrischen,
So ohne Maaßen war die Glut dainnen.

Der holde Vater mein, um mich zu stärken,
Allein von Beatricen redend, ging er,
Und sprach: »Mich dünkt, schon seh' ich ihre Augen!«

Es führt' uns eine Stimme, die von jenseits
Hersang, und nur allein auf diese merkend,
Kamen wir da hinaus, wo man emporsteigt.

»Venite Benedicti patris mei!«
Erklang's in einem Licht, das mich bewältigt
Mit seinem Glanz, daß ich's nicht schauen konnte.

»Die Sonn' entweicht, fügt' es hinzu: und herkommt
Der Abend; weilt nicht, fördert eure Schritte,
So lang der Untergang sich noch nicht schwärzet!«

Gerade auf ging da der Weg im Felsen,
Nach solcher Richtung, daß ich mir die Strahlen
Der Sonne, die schon matt war, vor mir raubte.

Und wen'ge Stufen hatten wir geprüfet:
Da sahn ich und die Führer an des Schattens
Entfliehn, daß hinter uns die Sonne sinke:

Und eh' in allen unermess'nen Theilen
Von gleichem Anblick worden der Gesichtskreis,
Und Nacht hervorgeführet all' die ihren;

Nahm unser Jeder zum Bett eine Stufe;
Denn die Natur des Berges raubte mehr uns
Die Macht da, als die Lust emporzusteigen.

Wie es die Ziegen machen, wiederkäuend,
Die kurz zuvor so schnell und muthig waren
Auf den Gebirgen, ehe sie geweidet:

Still ruh'n im Schatten sie, wenn brennt die Sonne,
Betrachtet von dem Hirten, der am Stabe
Sich hingestützt und so gestützt sie hütet:

Und wie der Schafhirt, der im Freien hauset,
Geduldig, in der Nacht, längs seiner Heerde
Hinschaut, daß sie kein wildes Thier versprenge:

So waren alle Dreie wir nunmehro:
Ich gleich der Ziege, doch sie gleich den Hirten,
Umschlossen hier wie dorten von der Zuflucht.

Wenig des Aeußern konnte da erscheinen;
Doch durch das Wenige sah' ich die Sterne
Viel heller und auch größer als gewöhnlich.

So wiederkäuend, so auf jene schauend,
Befiel mich Schlaf, der Schlaf, der unterweilen,
Bevor etwas geschieht, die Kund' empfähet.

Zur Stunde glaub' ich, als vom Oriente
Zuerst dort auf den Berg Cythere strahlte,
Die immer flammend scheint von Glut der Liebe,

Jung und anmuthig, schien es mir, als säh' ich
Im Traum ein Weib auf einer Au' lustwandeln,
Und Blumen pflücken, aber singend sprach sie:

»Es wisse, wer da fragt nach meinem Namen,
Lea bin ich, und geh', die schönen Hände
Bewegend rings, mir einen Kranz zu winden.

Im Spiegel mir zu gefallen, schmück' ich hier mich,
Doch meine Schwester Rahel trennt sich nimmer
Von ihrem Spiegel, nein, sie sitzt den Tag durch.

Sie freut des Schau'ns sich aus den schönen Augen,
Wie ich - mit meinen Händen mich zu schmücken:
Sie stillt das Schauen, aber mich das Werkthun!«

Und schon durch die vorleuchtenden Geschimmer,
Die desto holder auferstehn den Pilgern,
Je näher sie heimkehrend übernachten,

Entflohen ringsumher die Finsternisse;
Mit ihnen auch der Schlaf, weshalb ich aufstand,
Die großen Meister schon erstanden schauend.

»Der süße Apfel, den durch so viel Zweige
Der Sterblichen Begierde suchen gehet,
Wird deine Wünsche heut zufrieden stellen.« -

Virgilius richtete an mich die Worte,
Und niemals hat es Schenkungen gegeben,
Die diesen gleich gekommen an Beglückung.

So viel der Sehnsucht überkam mich, oben
Zu sein, daß ich bei jedem Schritt die Schwingen
Mir wachsen fühlete zu meinem Fluge.

Als unter uns die Stiege ganz durchlaufen
Und wir nun auf der höchsten Stufe waren,
Da richtete Virgil auf mich die Augen

Und sprach: »Das Feuer, das zeitlich' und ew'ge
Hast du geschaut, o Sohn, und bist gekommen,
Wo ich durch mich nun nicht mehr weiter schaue.

Ich brachte dich hierher mit Kunst und Lehre,
Nimm deinen eignen Willen nun zum Führer,
Bist aus den steilen Wegen, aus den Mühen.

Schau' dort die Sonne, die auf deine Stirn scheint,
Schau' an das Kraut, die Blumen und die Büsche,
Die diese Erd' allein von selbst gebieret.

Indem die schönen Augen heiter nahen,
Die thränend dort zu Dir mich kommen machten,
Kannst ruhn du unter ihnen oder wandeln.

Mein Wort erwarte nicht mehr, noch mein Winken
Frei ist nunmehr dein Will', und grad und ganz
So thu' ihn und nichts außer seinem Sinne;

Denn über dich nun krön' und weih' ich dich.« -


Gesang 28

Dante betritt, mit Lust umherspähend, den göttlichen dichten Hain des irdischen Paradieses. Eine stete Luft weht hier und beugt sanft die Wipfel, welche lieblich mitklingen in den Gesang der Vögel, die den Morgen begrüßen. Die Bewegung der Luft geht aber gerade von der Sonne aus. Als Dante so weit vorgeschritten ist, daß er nicht mehr sehen kann, wo er eingegangen ist, hemmt ihn ein Bach, welcher weder von Sonne noch Mond beschienen, dunkel und überaus klar nach links hinströmt. Staunend späht Dante über ihn hin, die Mannigfaltigkeit der Paradiesespflanzen betrachtend; da erblickt er über dem Bach eine schöne Frau, welche Blumen pflückt und die Herrlichkeit der Werke Gottes mit Gesang preiset. Die Frau heißt, wie wir Fegef XXXIII V. 119 von Beatricen erfahren, Mathilde, und bedeutet, Lea's Werkthätigkeit mit der Betrachtung Gottes vereinend, das wahre paradiesische Leben, welches, selig in heiligem Thun und Schauen, des Bösen vergessen und nur des Guten gedenken macht (s. Fegef. XXXI V. 91-105 u. d. Anm. u. Fegef. XXXIII V. 121-145). Dante zürnt dem Bach, der ihn von der schönen Frau (dem paradiesischen Leben) trennt, und vergleicht ihn dem stürmischen Hellespont, welcher den Leander von seiner Geliebten schied. Auf sein Bitten kommt die schöne Frau lächelnd daher und sagt: sie sei so heiter, weil sie mit dem XCI Psalm die Herrlichkeit der Werke Gottes preise, und sammelt während des Redens immer mehr farbige Blumen. Sie löst auch Dante's Zweifel den ihm der Wind und der Bach erregt haben, ihm sagend: die Bewegung der Luft sei keine Störung, sondern sie sei der stete, geordnete Trieb, den die ewige Himmelsbewegung erzeuge, sie sei es, welche den Samen der von selbst sprossenden Paradiesespflanzen über die Erde streue. (Dies ist der heilige, belebende Trieb, welcher dem unheiligen, unstet tödtenden Sturm des Lucifer entgegensteht, dessen letzter Andeutung Dante entfloh, als er in die reinigende Flamme trat). Auch der Bach komme aus stetem, unerschöpflichem Quell, der, so viel abströmt, vom Willen Gottes wieder empfange. Nach links (zur Hölle) hinströmend heiße er Lethe, und nehme die glückstörende Erinnerung der begangenen Sünden, rechtshin strömend aber heiße er Eunoe, und bringe das erfreuende Gedächtniß aller guten Thaten wieder: dies sei Nektar, dies sei der Ort, den die Dichter, welche vom goldnen Alter sangen, auf dem Parnaß erträumt haben. Hier waren die ersten Stammältern der Menschheit einst unschuldig selig. Dante blickt hierauf die Dichter an, sieht, daß sie erfreut lächeln, und wendet seine Augen wieder der schönen Frau zu. Zur Scligkeit des Paradieses fehlt ihm das Vergessen seiner begangenen Fehler, denn noch hat er aus dem Lethe nicht getrunken.

Voll Lust schon, innen und rings zu erforschen
Den göttlichen, dicht' und lebend'gen Fruchthain,
(Er milderte den neuen Tag den Augen:)

Verließ den Rand ich, ohne mehr zu weilen,
Vorgehend in die Landschaft langsam, langsam,
Auf jenem Boden, welcher ringsher duftet.

Und eine süße Luft, ohn' irgend Wechsel
In sich zu tragen, traf mich an die Stirne,
Mit mehr Anwehen nicht, als sanfter Windhauch;

Wodurch die Zweig' erzitternd sich willfährig
Hinbeugten alle nach der Seite, welcher
Der heil'ge Berg zuwirft den ersten Schatten.

Doch also nicht von ihrer wahrer Richtung
Entfernt, daß drum die Vögel in den Wipfeln
All' ihre Kunst zu üben unterlassen.

Nein mit vollkommner Lust empfingen singend
Die ersten Stunden sie dort in den Blättern,
Die mit einstimmeten in ihre Weise:

Wie das von Zweig zu Zweige wird vernommen
Im Pinienwalde, an dem Strand von Chiassi,
Wenn Aeolus hervorläßt den Scirocco.

Mich hatten die langsamen Schritte jetzt schon
So weit im alten Hain gebracht, daß nicht mehr
Ich wiederschauen konnte, wo ich einging.

Und sieh' das Weitergeh'n benahm ein Bach mir,
Der dort nach links mit seinen kleinen Wellchen
Das Gras bog, das an seinem Rand hervorstund.

Die Wasser all', die disseits sind die reinsten;
Sie schienen etwas Trübung noch zu haben
Gen jenes, welches nichts in sich verhüllet;

Obwohl es sich beweget dunkel, dunkel,
Unter dem ew'gen Schatten, welcher niemals
Noch Sonne, noch den Mond da scheinen lässet.

Gehemmt die Füße, späht' ich mit den Augen
Jenseit des Bächleins, um allda zu schauen
Die Mannigfaltigkeit der frischen Maien.

Und dort erschien mir, so wie ganz urplötzlich
Ein Ding erscheinet, welches alles andre
Nachdenken durch Erstaunen aus dem Gleis bringt:

Ein einsam Weib, das dort umherging, singend,
Und eine Blume pflückend nach der andern,
Davon ihr ganzer Weg allda gefärbt war.

»O schöne Frau, die an der Liebe Strahlen
Du dich erwärmst, will ich den Zügen glauben,
Die Zeugen zu sein pflegen von dem Herzen:

Es komme Wille dir, daherzuwandeln,
Sprach ich zu ihr: zu diesem Bach, so nahe,
Daß ich vernehmen könne, was du singest.

Du lässest mich Proserpina's gedenken,
Wo sie und wie sie war, als ihrer Mutter
Geraubt sie worden, aber ihr der Frühling!« -

Wie sich auf enggeschlossnen Füßen wendet
Am Boden und in sich ein tanzend Mägdlein,
Und kaum den einen Fuß setzt vor den andern,

So wandte sich allda sich auf den rothen
Und gelben Blümchen her nach mir, vergleichbar
Der Jungfrau, welche senkt die zücht'gen Augen:

Und stellte meine Bitte nun zufrieden,
Sich also nähernd, daß das süße Tönen
Zu mir gelangete, so wie sein Inhalt.

Als sie nun dorten war, wo schon die Kräuter
Benetzt sind von des schönen Stromes Wellen,
Beschenkte sie mich mit der Augen Aufblick.

Ich glaube nicht, daß so viel Licht geschimmert
Unter der Venus Wimper, als vom Sohne
Sie mehr als jemals war verwundet worden.

Sie lächelte vom andern Ufer rechtsher,
Mit ihren Händen mehr der Farben pflückend,
Die sonder Aussaat sproßt die hohe Erde.

Drei Schritte nur entfernete der Bach uns;
Allein der Hellespont, wo Kerres durchging,
Noch Zaum für alle Menscheneitelkeiten,

Ertrug nicht mehr des Hasses von Leander,
Als zwischen Abydus er braust' und Sestus;
Als der von mir, weil er sich da nicht aufthat.

»Ihr seid noch fremd, und vielleicht weil ich lächle,
Begann sie: an der Stätte, die erwählt ist
Zum ersten Sitz für das Geschlecht der Menschen,

Befähet staunend euch vielleicht ein Zweifel;
Doch giebt der Psalm: »Me delectasti« Licht euch,
Das eure Einsicht nun entnebeln möge.

Und Du, der vorn steht und der mich gebeten,
Willst mehr du hören, frag', daß schnell ich folge,
So viel ich kann, jedweder deiner Fragen.« -

»Das Wasser, sprach ich: und der Hall des Waldes
Bekämpfen in mir einen neuen Glauben
An etwas, das ich hörte, dem entgegen.« -

Worauf sie: Sagen werd' ich dir von Grund aus,
Wie das geschieht, was dich erstaunen machet,
Und will den Nebel lösen, der dich hindert.

Das höchste Gut, das in sich selber selig,
Erschuf den Menschen gut zum Guten, gab ihm
Dann diesen Ort zum Angeld ew'gen Friedens.

Durch seine Schuld verweilt' er hier nicht lange,
Durch seine Schuld in Elend und in Weinen
Verkehrt' er süßes Spiel und harmlos' Lachen.

Damit die Störung, die von selbst erzeugen
Des Wassers Hauche und der Erde, welche,
So viel sie können, nach der Wärme ziehen,

Dem Menschen nimmer einen Kampf bereite:
Erhub der Berg so hoch sich gen den Himmel,
Und frei ist er von da, wo man ihn schließet.

Jetzt, weil im Umlauf sich die ganze Luft rings
Umwälzet mit der allerersten Regung,
Ist ihr der Kreis gestört auf keiner Seite.

In dieser Höhe, welche ganz entrückt ist
In die lebend'ge Luft, trifft diese Regung
Den Wald, und macht ihn tönen, weil er drang ist.

Und die getroffne Pflanze kann so viel dann,
Daß sie mit ihrer Eigenschaft die Luft füllt,
Und jene dann, die rings sich reget, schüttelt;

Und andres Land, nachdem an sich es würdig,
Und seinem Himmel nach, empfäht und sprosset
Verschiedne Bäume von verschiedner Tugend.

Es würde jenseits nicht so Staunen regen,
Wär' dies bekannt; wenn irgend eine Pflanze
Sich sichtlich dort anwurzelt ohne Saamen.

Und wissen sollst du, daß die heil'ge Flur hier,
Wo nun du bist, jedwedes Saamens voll ist,
Und in sich Frucht hegt, die jenseits nicht sprosset.

Das Wasser, was du schau'st, strömt nicht aus Ader,
Die Dunst ersetzet oder Frost verwandelt,
Als Fluß, der Odem annimmt und verlieret;

Nein, kommt aus stetem Quell und aus gewissem,
Der so viel wiedernimmt vom Willen Gottes,
Als er ergießt, nach beiden Seiten offen.

Von dieser Seite fließt es ab mit Tugend,
Die Allen nimmt Gedächtniß ihrer Sünden,
Dort giebt es das für gute Thaten wieder.

Hier heißt es Lethe, auf der andern Seite
Heißt Eunoe dasselbe, und es hilft nicht,
Bevor man es nicht hier und dort gekostet.

Jedwede andre Labung übertrifft es;
Und obwohl schon genug gesättigt sein kann
Dein Dürsten, wenn ich dir nichts mehr enthülle:

Will ich aus Gunst dir einen Zusatz reichen,
Nicht glaubend, daß unwerther dir mein Wort sei,
Dehnt es für dich sich über das Verheißen.

Die, welche dichteten in alten Zeiten
Das goldne Alter und sein selig Treiben,
Erträumten wohl den Ort auf dem Parnasse.

Unschuldig war hier einst der Menschheit Wurzel,
Hier Frühling immerdar mit allen Früchten:
Nektar ist dies, wovon ein Jeder redet.« -

Ich wandte mich hierauf gänzlich zurücke
Nach meinen Dichtern, und sah', daß mit Lächeln
Sie angehört den letzten Schluß der Rede.

Dann zu der schönen Frau kehrt' ich das Antlitz.


Gesang 29

Nach dem Schluß ihrer Rede fährt Mathilde fort zu singen: »Selig, deren Sünden bedecket sind!« Hiemit wird nicht, wie Einige meinen, Dante begrüßt; nein, sie singt vielmehr ihre eigne Seligkeit: der sündenbedeckende Strom Lethe ist es ja, welcher den Dichter noch von ihr, von dem wahren Paradiesesleben scheidet. Sie wandelt nun am Ufer in der Richtung, wo der Strom herquillt: ihrem gemäßigten Schritt, der noch auf der Erde, also bald im Dunkel, bald im Licht ist, folgt Dante mit gleichgemäßigtem Schritt am andern Rande: da wenden sich beide Ufer und die Wandernden mit ihnen gen Aufgang, gen die heilige Himmelsgegend, und Mathilde spricht zu dem gelassen wandelnden Dante: »Nun sieh, und höre!« Da erfüllt sich das Wort: »Wer glaubt, hat nicht zu eilen.« Dante hat hier nicht mühsam nach Licht zu klimmen, wie Hölle I auf dem falschen Wege; die wahren Lichter, die sieben Gnadengaben des heiligen Geist es bewegen sich von selbst dem ruhig Wandelnden entgegen, nicht wie vorüberfliehendes Blitzen, nein, stets heller und heller erstrahlend, und immer vernehmlicher ertönt ihm das Lob Gottes. Hier ruft Dante die Musen an, daß sie ihm schildern helfen, was er dort geschaut. Erst glüht die Luft unter den grünen Zweigen, und eine süße Melodie durchrinnt den ganzen Paradieseshain. Weiterhin wähnt er sieben goldne Bäume zu schauen; aber näher gekommen, erkennt er sieben Leuchter, auf denen sieben Flammen brennen, leuchtender als der volle Mond (die Philosophie). Da wendet sich Dante erstaunt zur menschlichen Einsicht (zu Virgil), aber auch diese vermag hier nur zu staunen: die Wunder des Glaubens sind unbegreiflich: die sie den Gnadengaben des heiligen Geistes: die Gabe der Weisheit, des Verstandes, des Rathes, der Stärke, der Wissenschaft, der Gottseligkeit und der Furcht des Herrn aber kann unsere Einsicht nicht erstreben, nur kindlich rein empfangen. Nun vernimmt Dante deutlich den Gesang als Gottes Lob und vertieft sich ganz in das Anschauen der heiligen Lichter; aber Mathilde sagt ihm: er solle sich doch auch umschauen nach dem, was hinter den Lichtern daherkomme. Da sieht er vier und zwanzig weißgekleidete Herren denselben als ihren Führern folgen; aber noch am Strom hinwandelnd, sieht er seine linke Seite (die falsche) darin gespiegelt: d. h. er gedenkt seiner Fehler, daß er früher (s. Hölle I) zu ungeduldig forschte, und bleibt, um nun besser zu schauen, zum Strand gewendet, stehen, und erwartet die Ankunft der göttlichen Gnadenlichter, welche in der Luft sieben regenbogenfarbige Streifen hinterlassen, welche auf die sieben Sakramente, auf das der Taufe, der Firmung, des Altars, der Buße, der letzten Oelung, der Priesterweihe und der Ehe zu deuten sind: denn diese haben ihren Ursprung aus dem heiligen Geist. Die beiden äußersten Farbenstreifen haben einen Raum von zehn Schritten zwischen sich, was auf die zehn Gebote deutet. Die vier und zwanzig nachfolgenden Herren aber versinnlichen die 24 Bücher des alten Testamentes, welche von den Gnadengaben des heiligen Geistes überstrahlt sind. Zum Zeichen ihrer Reinheit sind sie weiß gekleidet, und mit Lilien bekrönet. Sie singen das Lob Maria's, anzudeuten, daß sie die Verkünder der Geburt des Heilands sind. Als diese vor Dante vorübergegangen sind, kommen die vier mystischen Thiere, welche die 4 Evangelien bedeuten, jedes mit sechs Fittigen daher und mit Sturm, Gewölk und Feuer; ihre Fittige sind mit scharfsehenden Augen bedeckt, grüne Zweige bekränzen sie. Mitten zwischen den Thieren aber kommt der Wagen der Kirche, welcher von einem Greifen gezogen wird, dessen gespannte Flügel durch die Streifen des bunten Lichtes unabsehbar zum Himmel aufragen, gleichgewogen und gemessen, ohne einem derselben (der sieben Sacramente) zu nahe zu thun; der Greif aber bedeutet Christum: so weit er Vogel ist, d. h. himmlischer Natur, ist er lautres Gold; wo er dann Löwe ist, d. h. irdischer Natur, ist er weiß und roth, was auf seine Unbeflecktheit und sein unschuldig für uns vergossenes Blut zu deuten ist, auch nach dem Wort der Kirche im Hohenliede: »Mein Geliebter ist weiß und roth!« - In Christus ward das Himmlische mit dem Irdischen vollkommen vereinigt: er ist der wahre Lenker und Führer des Kirchenwagens: diesem zur Rechten tanzen die drei christlichen Tugenden ihren heiligen Reigen: bald führt ihn die feuerfarbene Liebe, bald der lilienreine Glaube, und die grüne Hoffnung folgt (wie sinnreich!) bald der einen, bald dem andern. Zur Linken aber schlingen die vier sittlichen Tugenden, den Wagen begleitend, ihren Reigen: Klugheit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit und Starkmüthigkeit. Die Klugheit mit drei Augen (die auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und auf den dreieinigen Gott deuten) führt diesen Tanz. Hinter dem Wagen aber folgt Lucas, als Verfasser der Apostelgeschichte, und Paulus mit dem Schwerdt, als Verfasser der Episteln; hinter Beiden aber Jacobus, Petrus, Johannes und Judas, gleichfalls als Verfasser von Episteln; den Schluß macht Johannes, der, als Verfasser der Offenbarung, schlummernd, doch Mächtiges im Traume schauend, einherschreitet. Diese letzten sieben sind mit rothen Rosen bekränzt, zum Zeichen des Märtyrerthums. Als der Wagen dem Dichter gegenüber angelangt ist, erhallt ein Donner, und Alles scheint auf göttliches Gebot still zu stehen, damit Dante es betrachten könne: und dies ist nicht zu kühn von dem Dichter; denn ist in den heiligen Büchern der geoffenbarten Schrift nicht allen Menschen dieses Alles gegeben? Steht es nicht immer still vor uns, damit wir es betrachten sollen?

Singend, als eine Frau von Lieb' erfüllet,
Fuhr sie dann fort am Ende ihrer Rede:
»Beati quorum tecta sunt peccata!«

Und wie vordem die Nymphen einsam gingen
Durch wilde Waldesschatten, die begehrend,
Der Sonne zu entflieh'n - die, sie zu schauen:

Bewegte sie sich nun dem Strom entgegen,
Entlang dem Ufer wandelnd, ich desgleichen,
Dem kleinen Schritt mit kleinem Schritte folgend.

Nicht hundert Schritte waren ihr' und meine,
Als beide Ufer sich gleichmäßig wandten,
So daß ich wieder mich dem Morgen hingab.

So auch war unser Weg nicht lang geworden,
Als meine holde Frau sich zu mir wandte,
Und sprach: »Mein Bruder, schaue nun und höre!«

Und siehe da: ein Leuchten ging urplötzlich
Von allen Seiten durch die große Waldung,
Daß es mich schwanken machte, ob es blitze?

Doch weil ein Blitzen, wie es kommt, verschwindet,
Und jenes bleibend mehr und mehr erglänzte,
Sprach ich in meinem Sinn: welch' Ding ist dieses?

Und eine süße Melodie durchrann da
Die lichterfüllte Luft, daß guter Eifer
Mich Eva's Ueberkühnheit schelten machte:

Daß da, wo Erd' und Himmel folgsam waren,
Ein Weib nur, und so eben erst geschaffen,
Nicht litt das Weilen unter einem Schleier;

Worunter, wenn sie fromm gewesen wäre,
Ich jene unerschöpflich süße Wonne
Früher genossen hätt' und dann noch lange!

Indem ich durch so viel Urdinge hinging,
Vom ewigen Vergnügen ganz im Schweben
Stets mehr begierig nach noch mehr der Wonnen:

Ward vor uns gleichwie ein entzündet Feuer
Die Luft unter den grünenden Gezweigen,
Und schon der süße Ton als Sang vernommen.

O heilige Jungfrauen, hab' ich Hunger,
Frost' oder Wachen je um euch ertragen,
Spornt Anlaß mich, daß ich um Gnad' euch bitte:

Jetzt muß der Helikon mir Flut ergießen,
Urania helfen mir mit ihrem Chore,
In Verse bringen Dinge, schwer zu denken!

Etwas mehr hin ließ sieben goldne Bäume
Mich fälschlich schaun die mächtige Entfernung,
Die zwischen uns und ihnen lag inmitten.

Doch als ich nun genahet war so nahe,
Als ein gewöhnlich Ding, das unsern Sinn täuscht,
Nicht mehr durch Ferne die Gestalt verlieret:

Entnahm die Kraft, die der Vernunft Gespräch giebt,
Daß jene Bäume große Leuchter waren,
Und aus den Singestimmen das Hosianna.

Darüber flammte das Geräth, das schöne,
Viel heller als der Mond je durch die Heitre
Der Mitternacht erstrahlt in Monats Mitte.

Ich wandte mich, erfüllet von Erstaunen,
Zum trefflichen Virgil, und Antwort gab er
Mit Anblick voll nicht minderer Verwund'rung.

Dann schaut' ich wieder nach den hohen Dingen,
Die sich gen uns bewegeten so langsam,
Daß junge Bräute wohl noch schneller gingen.

Da rief die Frau mir zu: »Warum entbrennst du
Nur so im Eifer für die hellen Lichter,
Und siehest nicht, was hinter ihnen hergeht?« -

Da sah ich Schaaren, die als ihren Führern
Denselben folgeten, in Weiß gekleidet,
Und nimmer sah man disseits solche Reine.

Das Wasser schimmerte zu meiner Linken,
Mir wiedergebend meine linke Seite,
Die ich darin auch schaute wie in Spiegel.

Als solchen Stand an meinem Rand ich hatte,
Daß mich nichts Andres als der Fluß entfernt hielt,
Gab, besser dort zu schau'n, ich Ruh den Füßen:

Und sah dieselben Flammen fürder wandeln,
Die Lüfte hinter sich gefärbt verlassend,
Und Pinselzügen war es zu vergleichen:

Wovon es unterschieden blieb da oben
In sieben Streifen, alle von den Farben,
Davon die Sonne Bogen, Delia Ring macht.

Dieselben Wimpel gingen hinter weiter,
Als mein Gesicht; auch standen, wie ich meine.
Die äußersten zehn Schritt ab von einander.

Unter so schönem Himmel gingen dorten,
So schätzt' ich, Paar nach Paare vier und zwanzig
Betagte Herrn, mit Lilien bekrönet:

Sie sangen alle: »Sei gebenedeiet
In Adams Töchtern, und gebenedeiet
Seien in Ewigkeit all' deine Zierden!« -

Drauf als die Blumen und die frischen Pflanzen
Mir gegenüber auf dem andern Ufer
Frei waren von den auserwählten Schaaren:

Gleichwie sich Licht auf Licht im Himmel folget,
So kamen hinter ihnen vier der Thiere,
Bekrönet jegliches mit grünen Zweigen:

Jedwedes war befiedert mit sechs Flügeln,
Die Federn augenvoll, und Argus Augen,
Wenn sie lebendig wären, wären also.

Zu schildern ihre Bildung, spend' ich, Leser,
Mehr Reime nicht, mich dränget andre Spende,
Daß ich bei dieser nicht verschwenden dürfte;

Doch lies Ezechiel, der sie uns schildert,
Wie er sie sahe von der kalten Seite
Mit Sturm dahergeh'n, mit Gewölk und Feuer:

Und wie du sie auf seinen Blättern findest,
So waren hier sie, nur daß bei den Federn
Johannes mit mir ist, und von ihm abweicht.

Der Raum inmitten jener Viere faßte
Auf zweien Rädern einen Siegeswagen,
Der ward von eines Greifen Hals gezogen:

Und dieser spannte den wie jenen Flügel
Zwischen dem mittlern Streif und drei'n und dreien,
So daß er theilend keinem that zu nahe.

Sie stiegen, daß man sie nicht konnt' erschauen;
So weit er Vogel, waren Gold die Glieder,
Und weiß das Andre, röthlich untermischet.

Nicht nur, daß Rom nie mit so schönem Wagen
Erfreut den Africanus und Augustus,
Nein, der des Sol war arm hier neben diesen;

Ja Sols, der bahnabirrend einst verbrannt ward,
Auf das Gebet der frommen Mutter Erde,
Als Jupiter geheimnißvoll gerecht war!

Vom rechten Rand her walleten drei Frauen,
Im Kreise tanzend, also roth die eine,
Daß man sie kaum erkennen würd' im Feuer:

Die andre war, als wenn Fleisch und Gebeine
Derselben aus Smaragd gebildet worden:
Ein frisch gefallner Schnee erschien die dritte.

Bald schienen sie geführet von der Weißen,
Bald von der Rothen, und nach dieser Singen
Ward langsam bald, bald schnell der andern Schreiten.

Zur Linken aber tanzeten vier Andre
In Purpurkleidern, nach der Weise einer
Derselben, die drei Augen hatt' im Haupte.

Nach jenem ganzen so verschlung'nen Knoten
Sah' zween der Greis' ich, an Gewandung ungleich,
Doch an Geberde gleich, und Ernst und Würde.

Der Eine da gebahrte wie ein Freund sich
Hippocrates des Hohen, den Natur einst
Den Wesen gab, die sie am meisten lieb: hat

Der Andre schien des Gegentheils zu sorgen,
Mit einem Schwerdte, leuchtend und geschärfet,
Daß er mir Bangen schuf disseit des Stromes.

Dann sah' ich Viere von demüth'gem Ansehn,
Und hinter Allen einen Alten einsam
Herwallen, schlummernd, mit tiefsinn'gem Antlitz.

Und diese Sieben waren mit der ersten
Der Schaaren gleich gekleidet; doch sie ließen
Ihr Haupt nicht rings umher von Lilien blühen,

Von Rosen doch und andern rothen Blumen.
Geschworen hätt' ein Aug', nicht weit entfernet,
Daß über ihren Brauen Alle glühten!

Und als mir gegenüber war der Wagen,
Vernahm man Donner, und den würd'gen Schaaren
Schien untersagt zu sein das Fürderschreiten,

Da sie dort hielten sammt den ersten Zeichen.


Gesang 30

Als das leitende Siebengestirn der sieben heiligen Geistesgaben nun stillsteht, wendet sich die ganze heilige Schaar nach dem Wagen der Kirche, als nach der friedebringenden Mitte. Einer aus derselben aber, der Sänger des Hohenliedes, Salomo, ruft die Kirche an, wie er geschrieben: »Komm, Braut von Libanon!« Als er dreimal so gerufen, und die Andern nach ihm, erheben sich auf dem göttlichen Wagen hundert Engel des ewigen Lebens, die Worte rufend, welche bei Christi Einzug in Jerusalem aus dem Munde des Volkes kamen: »Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!« Sinnvoll ertönt dieser Ruf hier, wo das Christenthum mit all' seiner ursprünglichen Herrlichkeit auftritt, welche den Dichter erst halb verständlich anklang, als er durch die Thür des göttlichen Erbarmens ging (s. d. Inh. z. Fegef. IX u. V 139-145). Hierauf streuen die Engel einen Blumenregen, in welchem die Braut vom Libanon, die himmlische, seligmachende Lehre erscheint, mit dem Oelzweig des Friedens und der Weisheit den weißen Schleier des Glaubens bekränzt, unter hoffnunggrünem Mantel das Flammenkleid der Liebe tragend. Eh' er sie noch recht mit Augen schaut, ergreift ihre geheimwirkende Kraft den Dichter mit derselben Macht, wie vormals, da er noch ein Jüngling war, und sie in der lebenden Beatrice verkörpert sah: er will das mächtige Gefühl Virgilen mittheilen, und wendet sich zu ihm: da ist Virgil geheimnißvoll verschwunden, zum Zeichen, daß menschliche Einsicht vor den Wundern des Glaubens schwindet, daß wir die göttliche Lehre nicht begreifen können, wie anderes Wissen, sondern allein kindlich annehmen mit reinem Herzen; deshalb verweist es die heilige Lehre sogleich dem Dichter, daß er über Virgil's Verschwinden weint, sagt ihm: er habe über ganz Andres zu weinen, und beginnt nun, ihm milde, doch strenge Vorwürfe zu machen, daß er ihr untreu geworden und andern trügerischen Glücksphantomen nachgegangen, welche nicht erfüllen, was sie versprechen; womit sie auf die Periode in Dante's Leben hindeutet, wo er sein Heil nicht in den göttlichen Offenbarungen der Schrift, sondern in der Philosophie und im politischen Leben gesucht. - Sieh', spricht sie zu ihm: ich bin Beatrice (die seligmachende), hast du es endlich für gut befunden, zu dem Berg zu kommen, und wußtest du nicht schon, daß hier der Mensch selig ist (der gläubige Schuldlose steht immer auf dieser sel'gen Höhe, sobald er die Lehren der heiligen Schrift betrachtet)? - Da neigt Dante beschämt das Antlitz, und es nicht ertragend, sich so im Strome zu schauen, wendet er die Blicke in das Gras zu seinen Füßen. Nun singen die Engel den auf Gott hoffenden und um Rettung flehenden dreißigsten Psalm bis dahin, wo es heißt: »Du hast angesehen mein Elend und aus den Nöthen errettet meine Seele: und mich nicht verschlossen in die Hände des Feindes, auf weiten (freien) Raum gestellt meine Füße!« - Dante ist nämlich, wie schon im Inh. z. Fegef. XXVII gesagt worden, im Reich der Freiheit angekommen; die Erinnerung seiner Fehler ist es allein noch, welche ihm das schuldlose Glück raubt. Das fürbittende Mitleid, welches sich im Gesang der Engel kund giebt, die himmlische Theilnahme siegt nun über den Starrsinn Dante's, und er duldet weinend und seufzend mit echter Reue das Schelten der gottlichen Lehre, welche, zu den Engeln gcwendet, sagt: sie habe ihn, einst auf Erden in Beatricen verkörpert, zu dem wahren Weg (welcher Christus ist) geleitet und ein neues Leben in ihm erweckt, worin er alles Guten fähig war; aber sobald sie jene irdische Hülle verlassen, sei er auf falschen Wegen trügerischen Glücksphantomen gefolgt, und sei nur um so mehr verwildert, als gute Kraft in ihm war. Selbst ihre Eingebungen in Schlaf und Wachen hätten nichts gefruchtet, bis es ihn endlich gerettet, als ihm auf ihre Bitte Virgil (die Einsicht) die Erfüllung der Gerechtigkeit Gottes an den Bösen jenseits gezeigt und ihn wieder hier herauf zu dem wahren Weg gebracht: Unrecht wäre es, wenn er, im Lethe trinkend, seiner Sünden vergäße, bevor er sie herzlich bereut und beweint habe!

Sobald das Siebengestirn des höchsten Himmels,
Das niemals Niedergang gekannt, noch Aufgang,
Noch andrer Wolke Schleier, als der Sünde:

Und welches dort Jedweden achtsam machte
Auf seine Pflicht, wie jenes tief're auch thut,
Das unser Steuer lenkt, zum Port zu kommen:

Nun stillstand: wandte die wahrhafte Heerschaar,
Die zwischen ihm gekommen und dem Greifen,
Sich hin zum Wagen, als nach ihrem Frieden.

Und ihrer Einer, wie gesandt vom Himmel,
»Veni Sponsa de Libano«, rief singend
Er dreimal auf, und all' die Andern nach ihm.

Wie einst bei'm jüngsten Ruf die Sel'gen eilend

Erstehen, jeglicher aus seiner Höhle,

Ihr wieder sie umhüllend Fleisch erhebend;

So huben auf dem göttlichen Geräthe
Sich Hunderte, ad vocem tanti senis,
Der Diener und der Boten ew'gen Lebens.

Sie sprachen all: »Benedictus qui venis!
Und Blumen werfend aus der Höh' und ringsher
Manibus o date lilia plenis!« -

Ich sahe schon im Anbeginn des Tages
Den morgendlichen Theil ganz Thau-erfüllet,
Den andern Himmel schön geziert mit Heitre,

Und dann der Sonn' Antlitz verdunkelt aufgeh'n,
Also daß, ob der Mäßigung durch Dünste,
Das Aug' es lange Zeit hindurch ertragen:

Also inmitten einer Blumenwolke,
Die aus der Engel Händen sich erhebend,
Herniederregnet innen so wie außen:

Bekränzt mit Oellaub auf dem weißen Schleier,
Erschien ein Weib mir unter grünem Mantel,
Gekleidet in lebend'ger Flamme Farbe.

Mein Geist jedoch, da schon so viel der Zeiten
Vergangen, daß in ihrer Näh' er nimmer
Erzitternd vor Erstaunen hingesunken,

Fühlt', eh' er mit den Augen mehr erkannte,
Durch hehrgeheime Kraft von ihr gereget,
Die große Mächtigkeit der alten Liebe!

Sobald als in dem Anblick mich getroffen
Die hehre Kraft, die früher mich durchdrungen,
Eh' ich dem Knabenalter noch entlaufen:

Wandt' ich zur Linken mich, mit der Befängniß,
Mit der das Kind hineilet zu der Mutter,
Wenn Furcht es heget, oder tief betrübt ist:

Um zu Virgil zu sagen: Keine Drachme
Von Blut ist mir geblieben, die nicht zittert:
Ich kenn' die Zeichen der uralten Flamme!

Allein Virgil hatt uns verlassen, seiner
Beraubt, Virgil, der holde, süße Vater,
Virgil, dem ich zu meinem Heil mich hingab!

Nicht wie viel einst verlor die erste Mutter,
Half da den Wangen, war ihr Thau getrocknet,
Daß weinend sie nicht wieder trübe wurden.

»Dante, wenn auch Virgilius hinweggeht,
Nicht weine drum, und weine noch nicht jetzo,
Denn weinen mußt du noch ob andern Schwerdtes!«

Gleichwie ein Admiral hingeht zu Steuer
Und Schnabel, nach dem Volk zu schau'n, was Dienst thut
Auf hohen Schiffen, und zur Pflicht ermuntert:

So auf der linken Seite jenes Wagens,
Als ich bei meines Namens Hall mich wandte,
Der aus Nothwendigkeit hier eingeschrieben,

Sah' ich die Frau, die mir vorher verhüllet
Erschienen unter jener Engelfeier,
Ueber den Bach auf mich die Augen richten.

Obwohl der Schleier, der ihr Haupt herabfiel,
Umkränzet von den Zweigen der Minerva,
Sie noch nicht offenbar erscheinen lassen:

In Wahrheit noch unmilde von Geberde,
Fuhr fort sie, gleich als Einer, welcher redet,
Und sich noch vorbehält das wärmste Sprechen:

Schau' recht, wohl bin, wohl bin ich Beatrice,
Geruhtest endlich du dem Berg zu nahen?
Nicht wußtest du, daß hier der Mensch glückselig?«

Die Augen sanken tief zum klaren Quell mir;
Doch schauend mich in ihm, wandt' ich in's Gras sie:
Solch' eine Scham beschwerte mir die Stirne.

So scheint die Mutter ihrem Kinde strenge,
Wie sie mir schien; denn aus dem Bittern schmeckt' ich
Heraus die Süße der so strengen Milde.

Sie schwieg nun still: die Engel aber sangen
Urplötzlich: »In te Domine speravi!«
Doch über »pedes meos« nicht mehr weiter.

Wie Schnee wohl, zwischen wachsendem Gebälke,
Zusammenfrieret auf Italiens Rücken,
Beweht und fest gemacht von slav'schen Stürmen:

Dann flüssig worden in sich selbst verträufelt,
Wenn haucht das Land, wo sich verliert der Schatten;
So daß es scheint, als schmölz' Glut eine Kerze:

So war ich ohne Thränen, ohne Seufzer,
Eh' Jene sangen, deren Weise immer
Nachfolgt den Weisen der urew'gen Kreise:

Doch als ich dann in ihren süßen Klängen
Vernahm ihr Mitleid mit mir, mehr als hätten
Gesagt sie: Frau, was peinigst du ihn also?

Da ward der Frost, der mir um's Herz gezwängt war,
Zu Hauch und Wasser, und mit Schluchzen ging er
Hervor durch Mund und Aug' aus meinem Busen.

Sie, unbewegt ganz auf dem rechten Schenkel,
Des Wagens stehend, wendete die Rede
Nunmehro zu dem holden Wesen also:

»Ihr wachet in dem endelosen Tage,
So daß nicht Nacht, nicht Schlaf euch einen Schritt raubt,
Den thut die Zeitlichkeit auf ihrem Wege:

Es ist geflissentlich so meine Antwort,
Daß mich vernehme, der da drüben weinet;
Damit so Sünd' als Leid von gleichem Maaß sei.

Nicht nur durch die Gewalt der großen Kreise,
Die jedes Saatkorn bringt zu einem Ziele,
Wie eben es geleiten die Gestirne:

Nein, auch durch Schenkungen göttlicher Gnade,
Die aus so hoher Wolke niederregnen,
Daß uns're Blicke dort nicht nahen können:

Ward der da so in seinem neuen Leben
Mit Kraft gestählt, daß jede gute Sitte
Sich wunderbar an ihm erwiesen hätte:

Doch um so schlimmer wird, und um so wilder
Ein Land durch böse Saat und ungepfleget,
Als es in sich der Erde gute Kraft hat.

Ich hielt ihn ein'ge Zeit mit meinem Antlitz;
Ihm zeigend meine jugendlichen Augen,
Führt' ich mit mir ihn gradeaus gerichtet;

Allein, sobald gekommen ich zur Schwelle
Des zwoten Alters, und mein Leben tauschte,
Entzog er mir sich, und ergab sich Andern.

Als aus dem Fleisch ich mich zum Geist erhoben,
Und Schönheit mir und Tugend war gewachsen,
War ich ihm weniger genehm und theuer!

Er wandte seine Schritt' auf falsche Wege,
Nachfolgend trügerischen Glücksgestalten,
Die kein Versprechen dann gänzlich erfüllen.

Eingebungen ihm senden, half mir auch nicht,
Womit ich ihn im Schlaf und anderwärts auch
Zurückerief; so wenig sorgt' er dessen.

So tief fiel er hinab, daß alle Lehren
Zu seinem Heil nicht reichten; außer daß ihm
Gezeiget wurden die verlornen Schaaren:

Deshalb besuchte ich der Todten Ausgang,
Drum sind zu dem, der ihn heraufgeführet,
Mit Thränen hingetragen meine Bitten.

Das hohe Schicksal Gottes wär' zertrümmert,
Wenn Lethe überschritten würd', und Labung
Der Art gekostet, sonder eine Zahlung

Von Reue, welche Thränen niederströmet.


Gesang 31


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