Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Dante findet sich, schlafbefangen, vom rechten Wege verirrt, in einem schrecklichen, finstern Walde, strebt im Mondlicht hervor, gelangt an den Fuß einer Höhe, die von den Strahlen der aufgehenden Sonne beleuchtet ist, ruht und will die Steile hinanklimmen, Schritt vor Schritt sicher fußend; aber ein Pardel vertritt ihm den Weg und weicht nicht vor seinen Augen, die Schau eines Löwen erschreckt ihn und der Anblick einer gierigen Wölfin nimmt ihm die Hoffnung emporzukommen. Als er endlich zur Tiefe zurücktritt, steht Virgil's Schatten vor seinen Augen. Er ruft ihn um Hülfe an. Virgil antwortet, ihn zu ermuthigen: die Wölfin werde dereinst einem schnellen Hund erliegen, und erbietet sich, ihn auf anderem Wege, durch Hölle und Fegefeuer zu retten, wo er die Seelen der Verdammten und der sich Läuternden schauen solle. Verlange ihn dann, höher zu den Seligen emporzusteigen, so werde eine Seele, dessen würdiger, ihn geleiten, denn Gott wolle nicht, daß man durch Virgil zu seinem Anschauen gelange. Dante willigt in Virgil's Erbieten und folgt ihm.

Auf halbem Wege unsers Erdenlebens
Gewahrt' ich mich in einem finstern Walde,
Indem verfehlet war die grade Straße.

Ach, welch' ein Grau'n ist's, wie er war, zu sagen,
Der Wald, so fremd und störrig und entsetzlich,
Daß im Gedanken er die Angst erneuert:

So bitter ist er, daß Tod wenig bitt'rer;
Doch um vom Heil, was ich da fand, zu sprechen,
Meld' andre Ding' ich, die ich dort erblicket.

Recht sagen kann ich nicht, wie ich hineinkam;
So war ich voll des Schlafs um jene Stunde,
Als ich verlassen die wahrhafte Straße.

Doch dann, zu eines Hügels Fuß gelanget,
Da, wo ihr End' erreichte jene Thalkluft,
Die mit Erbangen mir das Herz zerpeinigt:

Blickt' ich empor und sah des Hügels Schultern
Bekleidet schon mit des Planeten Strahlen,
Der richtig führt die Menschen allerwegen.

Zur Stunde war die Furcht ein wenig stille,
Die mir im Born des Herzens war verblieben,
Die Nacht, die ich verbracht mit so viel Pein'gung.

Und so wie der, der mit erschöpftem Odem
Entronnen aus dem hohen Meer an's Ufer,
Sich wendet zur fahrvollen Fluth und stieret:

So wandte sich mein Geist, noch immer fliehend
Zurücke, zu betrachten jene Straße,
Die keinen je lebendig bleiben lassen.

Drauf, als den müden Leib ich ausgeruhet,
Nahm wieder ich den Weg am öden Strande,
So daß der feste Fuß stets war der tief're.

Doch siehe, fast schon beim Beginn der Steile,
Ein Pantherthier, gar leicht und vielbehende,
Das mit geflecktem Felle war bedecket.

Und nicht hinweg wich es vor meinem Antlitz;
Nein, es vertrat mir also meine Straße,
Daß mehrmals ich gewendet war zur Umkehr.

Es war die Zeit des Morgenanbeginnes,
Auch stieg die Sonn' empor mit jenen Sternen,
Die bei ihr waren, als göttliche Liebe

Zuerst beweget jene schönen Dinge;
So daß mir Anlaß war zu gutem Hoffen,
Bei diesem Thier mit lustigbuntem Felle,

Des Tages Stunde und die süße Jahrzeit: -
Doch also nicht, daß mir nicht Furcht gegeben
Die Schau, die mir da war von einem Löwen.

Derselbe schien, als käm' er mir entgegen,
Das Haupt erhoben und mit grimm'gen Hunger;
So daß es war, als wenn die Luft ihm zittre.

Und eine Wölfin, die mit allen Gieren
Belastet schien, bei aller ihrer Dürre,
Und vielem Volk das Leben schon verkümmert:

Dieselbe machte mir so schwer die Glieder
Mit Bängniß, die von ihrem Anblick ausging,
Daß ich verlor die Hoffnung auf die Höhe.

Und so wie Einer, welcher gern gewinnet,
Und kommt die Zeit, die ihm Verlust bereitet,
In allem Sinnen weinet und sich härmet:

Ward durch das Unthier ich das friedelose,
Das mir entgegenkommend, mehr und mehr mich
Zurücke trieb bis wo die Sonne schweiget.

Indem ich da verfiel zu niedrer Stätte,
Ward vor die Augen Einer mir gestellet,
Der heiser schien durch langes Stilleschweigen.

Als den ich sah in dieser großen Wüste:
»Erbarm' dich mein,« schrie ich zu ihm hinüber,
»Wer du auch sei'st, ob Geist, ob Mensch in Wahrheit!« -

Antwortet' er: »»Nicht Mensch, ein Mensch war einst ich;
Lombarden aber waren meine Eltern,
Und Beid' aus Mantua: geboren ward ich

Sub Julio, wie träg' es auch herankam,
Und lebt' in Rom unter August dem Guten,
Zur Zeit der trüg'rischen und Lügengötter.

Ich war Poet und sang von dem gerechten
Sohn des Anchises, der von Troja herkam,
Nachdem das stolze Ilion verbrannt war.

Doch du, warum kehrst du zu solcher Plage?
Warum ersteigst du den glücksel'gen Berg nicht,
Der Anfang ist und Urgrund jeder Wonne?«« -

- »O, bist du der Virgil, du jene Quelle,
Die ausgießt also reichen Strom der Rede?!«
Erwiedert' ich ihm mit beschämter Stirne:

»O du, der andern Dichtern Ruhm und Leuchte,
Vergilt mir langen Eifer, große Liebe,
Die deinem Buch mich nachzuspüren trieben.

Du bist mein Meister, ja, du bist mein Vorbild!
Du bist der Einzige, dem ich entnommen
Den schönen Styl, der Ehre mir gebracht hat!

Schon dieses Thier, vor welchem ich mich wandte:
Hilf mir von diesem, o ruhmvoller Meister;
Denn zittern macht's die Adern mir und Pulse.«

- »»Dir ziemt es einen andern Weg zu halten,
Entgegnet' er, als er mich weinen sahe,
Willst du dich retten aus dem wüsten Orte:

Denn dieses Thier dahier, weshalb du schreiest,
Läßt nicht die Menschen ziehen ihre Straße,
Nein, es verhindert sie, bis es sie tödtet:

Und hat die Art, so bösgesinnt und grimmig,
Daß nimmer es den gier'gen Willen stillet,
Und nach dem Fraß mehr Hunger hat denn früher.

Viel sind der Thiere, denen es sich gattet,
Und mehr noch werden sein, bis einst der Hund kommt,
Der schnelle, der es sterben macht vor der Wehe.

Der wird nicht Erde speisen, auch Metall nicht,
Doch Weisheit, Liebe auch und heil'ge Stärke,
Und wird geboren unter schlichtem Filze.

Er wird das Heil des niederen Italiens,
Für das Camilla blutend fiel, die Jungfrau,
Eurialus und Turnus auch und Nisus:

Der wird verjagen es aus allem Garten,
Bis er's zurückgeworfen in die Hölle,
Von wo der erste Neid es losgetrennet.

Drum für dein Bestes halt' ich's und eracht' ich's,
Daß du mir folgst: ich werde sein dein Führer
Und dich von hier durch ew'gen Raum erretten.

Wo du vernehmen wirst verzweifelt' Schreien,
Sehn wirst der Vorzeit wehevolle Geister,
Von denen jeder ruft dem zweiten Tode:

Und wirst dann schauen, die da sind zufrieden
Im Feuer, weil sie hoffen einzugehen,
Wann es auch sei, zu den glücksel'gen Schaaren.

Begehrst zu diesen du dann aufzusteigen,
Wird eine höh're Seel' als ich erscheinen;
Mit dieser laß ich dich bei meinem Scheiden.

Denn der Gebieter, der da oben herrschet,
Weil ich mich sträubte seiner Satzung, will nicht,
Daß man in seine Stadt durch mich gelange.

An jedem Ort gebeut und droben thront er:
Allda ist seine Stadt, sein hoher Thronsitz:
O selig der, den er dorthin erwählet!«« -

Und ich zu ihm: »O Dichter, zu dir fleh' ich,
Bei jenem Gotte, den du nicht erkanntest:
Daß diesem Weh und schlimm'rem ich entrinne:

Daß du mich führest, wo du eben sagtest,
Damit ich schau das Thor des heil'gen Petrus,
Und jene, welche du so traurig schilderst.«

Drauf regt' er sich, und ich hielt seine Straße.


Gesang 02

Es wird Abend. Dante flicht eine Anrufung der Musen ein und erzählt, wie er, alle menschlichen Bestrebungen durch Dunkel gehemmt sehend, gezweifelt, ob seine Kraft hinreiche, lebend das Jenseit zu durchwandeln. Indem er zu Virgil sagt: daß wohl dem Aeneas und Paulus so Außerordentliches gewährt worden, - jenem, damit er das römische Reich nach Anchises Rath gründe, diesem, damit er dem Glauben Kräftigung bringe, deutet unser Dichter an, daß er bei seiner poetischen Wanderung ebenfalls das römische Reich weltlich und geistlich in's Auge fasse. - Virgil (die Einsicht) heißt ihn den Kleinmuth ablegen, nennt sein Unternehmen ein würdiges, und erzählt ihm: wie Beatrice in die Vorhölle hinabgekommen, von einer hehren Frau im Himmel durch den Mund der heiligen Lucia berufen, Dante zu retten, und wie Beatrice es sei, die ihn, den Virgil, zu seinem Beistand heraufgesendet. - In diesen drei Frauen werden drei göttliche Gnaden symbolisirt: die zuvorkommende, die erleuchtende und die vollführende. Die erste, die zuvorkommende, ist Maria. Die erleuchtende Gnade wird unter dem Bilde der heiligen Lucia gefaßt, deren Namen von lux (Licht) kommt; die man auch um Heilung der leiblichen Augen anfleht. Die dritte Gnade aber ist die vollführende, vorgebildet in B eatricen (der Beseligerin). In ihr erhöht Dante das Bild seine Jugendgeliebten, der frühverschiedenen Florentinerin Beatrice Portinari, zum Bilde der beseligenden Gotteslehre, von der im Buch der Weisheit Cap. 8 V. 2 gesagt wird: "Ich habe sie mir erwählt von Jugend an und gedachte sie mir zur Braut zu nehmen und ward Liebhaber ihrer Schöne." - Vernehmend, daß drei heilige Frauen im Himmel Sorge für ihn tragen, beschließt Dante neu ermuthigt die schwere Wanderung, und folgt Virgil von Neuem auf dem Wege. - Betrachtung und Schilderung der Ewigkeit ist dem noch lebenden Dichter nur möglich, wenn seine menschliche Einsicht (unter Beistand des Himmels, der Musen und der erfindenden Kunst) der göttlichen Lehre gehorcht. Wirklich folgt das Gedicht mit seinen Schilderungen des Jenseits fast überall den Vorstellungen der Bibel, der Heiligen, und der alten Weisen und Dichter. Der ausführliche Schilderer des jenseits, Virgil, schreitet dem Dichter sichtbar voran, auch als Sänger und Prophet des römischen Weltreiches.

Es ging der Tag hin, und das nächt'ge Dunkel
Entzog die Wesen, die da sind auf Erden,
All' ihren Mühn und einzig ich allein nur

Bereitete mich zu bestehn das Kämpfen,
So mit dem Pfade wie mit allem Mitleid,
Was schildern wird Erinnrung, die nicht irret.

O Musen, o erhabne Kunst, nun helft mir!
Gedächtniß, du, das aufschrieb, was ich schaute,
Dahier wird sich dein Adel offenbaren! -

Also begann ich: »Dichter, der mich leitet,
Erwäge meine Kraft, ob sie gewaltig,
Eh' du dem kühnen Pfade mich vertrauest.

Du sagst: daß einst des Silvius Erzeuger
Vergänglich noch in Welt, die nicht vergehet,
Hinüberging, und es geschah leibhaftig:

Doch wenn der Widersacher alles Uebels
Huldreicher war, die hohe Wirkung denkend,
Die von ihm ausgehn sollt' und Was und Welches;

Scheint er verständ'gem Manne deß nicht unwerth,
Im höchsten Himmel auserwählt zum Vater
Der hohen Roma, so wie ihres Reiches:

Welche und Welches, um es recht zu sagen,
Bestimmet worden zu der heil'gen Stätte,
Allwo der Erbe thront des größern Petrus.

Auf diesem Gang, um welchen du ihn preisest,
Vernahm er Dinge, welche Grund geworden
Zu seinem Sieg und zu der Päbste Mantel.

Hinging dann das Gefäß der Auserwählung,
Daher zu reichen Stärkung jenem Glauben,
Der Anfang ist zum Wege der Erlösung.

Doch ich - wozu hingehn - und wer gewährt es?
Ich bin Aeneas nicht, ich bin nicht Paulus,
Nicht ich, nicht Andre halten deß mich würdig,

Drum wenn ich mich dem Wandern überlasse,
Befürcht ich fast, es sei die Wand'rung thöricht:
Du Weiser kennst das besser, als ich's sage.« -

Und wie, wer nicht mehr will, was er gewollt hat,
Neuer Gedanken halb den Vorsatz ändert,
Daß er sich vom Beginnen ganz zurückzieht,

So that auch ich an jenem finstern Rande:
Sinnend zernichtet' ich das Unternehmen,
Das im Beginnen so geschwind gewesen.

»»Hab' ich genau verstanden deine Rede,
Antwortete des Großgemuthen Schatten:
Ist deine Seele nun geschwächt von Kleinmuth,

Der oft den Menschen dergestalt umdunkelt,
Daß er ihn wendet von glorreichen Thaten,
Wie trüglich Sehn ein Thier, sobald es scheuet.

Damit du dich von dieser Furcht befreiest,
Sag' ich, warum ich kam, und was ich hörte,
Im ersten Augenblick, als du mir leid thatst.

Ich war bei jenen, die in Sehnsucht bleiben;
Da rief mich eine Frau, selig und lieblich,
Daß ich ihr flehete: mir zu gebieten.

Ihr Aug' erglänzte mehr als das Gestirn glänzt,
Und sie begann zu sagen mir anmuthig
Und sanft, mit Engelsstimm' in ihrer Sprache:

»O, gernbereite Mantuanerseele,
Derselben Ruhm annoch im Weltalldauert
Und dauern wird so lang als die Bewegung!

Mein Freund, allein nicht der der guten Schickung,
Wird an dem öden Strande so gehindert
Im Weg, daß er von Furcht zurückgewandt ist.

Und ich befürchte, daß er schon so irr sei,
Daß ich zu spät zur Rettung mich erhoben
Dem nach, was ich von ihm gehört im Himmel.

Nun reg' dich und mit deinem reichen Sprechen
Und, wie du Mittel hast zu seiner Rettung,
Hilf so ihm, daß davon ich sei getröstet!

Ich bin Beatrice, welche dich aussendet:
Von Stätte komm' ich, wohin ich zurück mich sehne:
Her trieb mich Liebe, die mich reden machet.

Werd' ich dann sein vor meines Herren Antlitz
Will ich zu ihm mich oftmals deiner Rühmen.«« -
Da schwieg sie still und ich begann nunmehro:

»O Tugendfürstin, einzige, durch welche
Die Menschheit über Alles ragt, was irgend
Der Himmel faßt, der kleiner hat die Kreise.

Also erfreuet mich was du gebietest,
Daß mir Gehorchen, wär's geschehn, noch spät dünkt.
Mehr nicht bedarf's mir deinen Wunsch zu enthüllen;

Doch sag den Grund mir, wie du dich nicht scheuest,
Hierab in diesen Mittelpunkt zu steigen,
Vom Weltraum, wohin du zu kehren brennest?« -

»»Verlangt dich so das Innre zu erkennen,
Sprach sie zurück mir: will ich kurz dir sagen,
Warum ich mich nicht scheu' hierein zu gehen:

Vor solchen Dingen nur soll man sich scheuen,
Da Macht inn' ist uns Unheil zu bereiten,
Vor andern nicht; denn selbe sind nicht furchtbar.

Mich hat mein Gott gemacht in Gnaden also,
Daß weder euer Leiden mich berühret,
Noch Flamme jenes Brandes mich bestürmet.

Im Himmel ist eine milde Frau, die erbarmt sich
Der Hemmung dort, wohin ich dich entsende,
So daß sie bricht den harten Spruch da oben.

Lucia wählte sie in ihrem Wunsche
Und sprach zu dieser: »»»Es bedarf dein Treuer
Nunmehro dein und dir befehl ich jetzt ihn.«̶«

Lucia, jegliches Grausamen Feindin
Bewegte sich und kam zu jener Stätte,
Allwo ich saß bei der altvordern Rahel.

Sprach: »Beatrice wahre Preisung Gottes,
Warum nicht hilfst du dem, der so dich liebte,
Daß er um dich verließ die Schaar des Volkes?

Hörst du denn nicht die Buße seines Weinens,
Siehst du denn nicht den Tod, mit dem er ringet
Am Sturzbach, dessen keinen Ruhm das Meer hat?«

Auf Erden waren Menschen nie so eilig,
Ihr Glück zu machen und ihr Weh zu fliehen;
Als ich, nach jenen so gethanen Reden,

Dahier herab von meinem sel'gen Sitz kam,
Vertrauend auf dein rechtgesinntes Sprechen,
Das dich ehrt, so wie die, die es vernommen.««

Hierauf, nachdem sie dies zu mir gesprochen,
Ab wandte thränend sie die lichten Augen,
Wodurch sie mich zum Gehn noch schneller machte.

Und zu dir kam ich, so wie sie es wollte,
Und hub hinweg dich vor dem wilden Thiere,
Das dir zum schönen Berg den kurzen Weg nahm.

Also was ist? warum, warum verweilst du?
Warum hegst so viel Kleinmuth du im Herzen?
Warum hast du nicht Kühnheit und nicht Freimuth;

Da doch so benedeiter Frauen dreie
Dein Sorge tragen an dem Hof des Himmels
Und dir mein Wort so mächtig Gut verheißet?"

- Und, gleichwie Blumen, von der nächt'gen Kühle
Gesenkt und zu, sich, von der Sonn' erhellet,
Geöffnet all' aufrichten auf den Stielen:

Erhub ich mich aus meiner matten Tugend:
Und solch' ein guter Muth rann in das Herz mir,
Daß ich begann, wie ein erlöstes Wesen:

»O wie mildthätig ist sie, die mir beisprang
Und du Huldvoller, der so schnell gehorsamt
Den wahren Worten, welche sie gebracht dir.

Du hast in Sehnsucht mir das Herz geneiget
Also zu jenem Gang, mit deiner Rede,
Daß ich nun wieder bin im ersten Vorsatz.

Nun gehe: denn ein ein'ger Will' ist Beiden,
Du Führer, du Gebieter und du Meister!« -
So sagt ich ihm und - als er sich beweget -

Eintrat ich in die Straße tief und waldig.


Gesang 03

Die beiden Dichter gelangen zum Thor der Hölle. Dante liest die Inschrift und erschrickt. Virgil aber spricht ihm als ein dort Erfahrner Muth zu und führt ihn ein. Die Luft dainnen ist finster, ohne Gestirn, Wehklagen erhallen. Dante weint und erfährt von Virgil, daß hier der Wohnplatz der thatenlosen, feigen Seelen sei und jener Engel, welche unentschieden blieben, als Lucifer sich gegen Gott empört. Sie sind mit ewigem Dunkel gestraft und irren in dem ungeheuren Kreise umher wie Sand vom Wirbelwinde gejagt. Dante sieht eine Fahne, welche, des Ruhens unwürdig, ewig flüchtet, dieser rennet eine unendliche Schaar feiger Seelen nach, in ewiger Angst, verfolgt von Wespenschwärmen. Es wird von ihnen gesagt, daß sie nie lebend waren (Hölle 1, 27). Hierauf gelangen die Dichter an den Acheron, wo der greise Charon die Seelen der Bösen überschifft. Er weiset Dante zurück, weil sein Bot nicht fähig ist einen irdischen Leib zu tragen und treibt mit dem Ruder die Seelen in den Kahn, der beständig herüber und hinüber fährt. Virgil sagt zu Dante: hier fahre nie eine gute Seele hinüber; weshalb Charon ihm die Ueberfahrt verweigert habe. Daraus wird deutlich, daß Dante im ersten Gesange die große Sündhaftigkeit betrachtet. Nun geschieht ein Wunder: die Erde sendet Sturm aus, der purpurrothes Licht aufblitzen macht. Dante fällt zu Boden, gleich Einem, der in Schlaf sinkt.

»Durch mich gelangt man in die Stadt, die wehklagt,
Durch mich gelangt man in das ew'ge Wehe,
Durch mich gelangt man zum verlornen Volke.

Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
Gebildet hat mich die göttliche Allmacht,
Die höchste Weisheit, und die erste Liebe.

Vor mir geschaffen wurden keine Dinge,
Als nur die ew'gen, und ich - ewig daur' ich:
Laßt alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr eingehet!«

Die Worte sahe ich mit dunkler Farbe
Geschrieben an den Giebel einer Pforte,
Drum sagt' ich: »»Meister, schrecklich ist ihr Sinn mir.««

Und er zu mir als ein da Wohlerfahrner:
»Hier ziemt's, zu lassen all' und jedes Mißtrau'n,
Hier ziemt es, daß jedwede Feigheit todt sei.

Wird sind zum Ort gelangt, wo ich dir sagte,
Daß du die jammervollen Schaaren sehn wirst,
Die der Erkenntniß Heil verloren haben.«

Und als er seine Hand gelegt in meine,
Mit heitrem Anlitz, dessen ich getrost ward,
Führt' er mich ein in die geheimen Dinge.

- Da hallten Seufzer, Klagen, grimme Schreie
Herüber durch den Luftraum ohne Sterne;
Weshalb anfänglich ich darüber weinte.

Verschied'ne Sprachen, grauenvolle Reden,
Ausrufe tiefer Qual, empörtes Wuthschrei'n,
Und Stimmen hell und dumpf, mit Händeschlagen,

Erhuben ein Gelärm, das sich herumwälzt,
Allimmer in der zeitlos schwarzen Luft dort,
Gleichwie der Sand, wenn Wirbelwind daherweht.

Und ich, deß Haupt mit Irrsal noch umhüllt war
Sprach: »Meister, was ist Jenes, das ich höre,
Und welch ein Volk ist's, das von Qual besiegt scheint?«

Und er zu mir: »»Dergleichen traur'ge Weise
Behalten die elenden Seelen derer,
Die ohne Schimpf, wie ohne Lob gelebet.

Gemenget sind sie zu dem bösen Schwarme
Der Engel, die nicht widerstrebend waren,
Noch Gott getreu und nur für sich verblieben.

Aus stieß sie, nicht entstellt zu sein, der Himmel,
Und auch die tiefe Hölle nicht empfängt sie,
Daß über sie die Schuld'gen nicht frohlocken.««

Und ich: »O Meister, was ist wohl denselben
So schwer, daß es so laut sie klagen machet?« -
Er sprach zurück: »»Ich will es kurz dir sagen:

Sie haben keine Hoffnung auf Vernichtung:
Und ihr blödsinnig Leben ist so niedrig,
Daß jedes and're Schicksal sie beneiden.

Andenken ihrer läßt die Welt nicht bleiben:
Erbarmen und Gerechtigkeit verschmäht sie:
Sprich nicht von ihnen; Schau, und geh' vorüber.«« -

Und ich, der schau'te, sahe eine Fahne,
Die gewirbelt rannte, so davon gerissen,
Daß sie mir schien jedweder Ruh unwürdig:

Und hinter ihr kam ein so langer Zug her
Von Leuten, daß ich nimmermehr geglaubet,
Daß je der Tod soviel davon vernichtet.

Drauf, als ich den und diesen da erkannte,
Schaut' ich und sah den Schatten dessen, welcher
Aus Niedrigkeit auf Mächtiges verzichtet.

Sogleich vestand ich, und war deß versichert,
Daß dies die Rotte war derselben Schlechten,
Die Gott mißfallen, gleichwie seinen Feinden.

Die Elenden, die nie lebendig waren,
Sie waren nackend, und gar viel gestachelt
Von Fliegen und von Wespen, die da schwärmten:

Die streiften ihnen das Gesicht mit Blute,
Das, thränenuntermischt, zu ihren Füßen,
Von ekeln Würmern aufgesammelt wurde.

Drauf, als ich weiter mich ergab dem Spähen,
Sah Volk am Strand ich eines großen Stromes;
Weshalb ich sagte: »Meister, nun gewähre,

Daß, wer die sind, ich wiss', und welche Satzung
Bewirkt, daß sie so willig überfahren,
Wie ich es unterscheid' im stumpfen Lichte?« -

Und er zu mir: »»Die Dinge werden's lehren
Wenn wir anhalten werden uns're Schritte
Dort an des Acheron trübsel'gem Strande.«« -

Drauf mit beschämten und gesenkten Blicken,
Befürchtend, daß ihm lästig sei mein Reden,
Enthielt ich bis zum Strome mich des Sprechens.

Und siehe, gegen uns kam da da zu Schiffe
Ein greiser Mann, weiß vom uralten Haare,
Laut schreiend: »Weh euch, ihr verruchten Seelen!

Hofft nimmermehr den Himmel zu erblicken:
Ich komm' euch führen zu dem andern Ufer,
In ew'ge Finsterniß, in Brand und Frost hin.

Doch du, der dorten steht, lebend'ge Seele,
Geh', scheide dich von denen, die gestorben!« -
Doch drauf, als er ersah, daß ich nicht wegging,

Sprach er: »Durch and're Weg', in andern Furthen
Wirst du hinüber kommen, aber hier nicht:
Denn dich zu tragen, will's ein leichtres Fahrzeug.«« -

Mein Führer sprach zu ihm: »»Charon, nicht zürnen:
Man will es so allda, wo man Gewalt hat
Deß, was man will: drum weiter nicht mehr fragen!«« -

Damit denn wurden still die woll'gen Wangen
Des Steuermannes auf der fahlen Lache,
Der Flammenringe um die Augen hatte.

Doch jene Seelen, die müd' und nackend waren,
Veränderten die Farb', und zähneklappten
Flugs, als die harte Rede sie vernommen,

Und lästerten da Gott und ihre Eltern,
Die Menschen auch, den Ort, die Zeit, den Saamen
Zu ihrer Aussaat und zu ihrem Werden.

Drauf zogen alle sich in sich zusammen,
Heftig aufwimmernd, am bösart'gen Strande,
Der jedes Menschen harrt, der Gott nicht fürchtet.

Dämon Charon, mit Kohlenfeueraugen
Zuwinkend ihnen, treibt sie all' zusammen,
Schlägt mit dem Ruder jeden, der sich aufhält.

Gleich wie vom Herbste sich die Blätter lösen,
Eins nach dem andern, bis der Ast am Ende
Der Erd' all' seine Kleider wieder hingiebt;

So wirft sich hier der böse Saamen Adams
Von diesem Ufer Einer nach dem Andern,
Auf Winke, wie ein Vogel auf den Lockruf.

So geh'n sie ab da auf der dunklen Woge,
Und eh' sie drüben noch hinausgestiegen,
Schaart hüben sich auch schon ein neuer Haufe. -

»»Mein Sohn, begann zu mir der güt'ge Meister:
Diejen'gen, die im Zorne Gottes sterben,
All' sammeln sie sich hier, aus allen Landen,

Und sind bereit den Strom zu überschiffen;
Weil göttliche Gerechtigkeit sie so spornt,
Daß ihre Furcht sich wandelt in Verlangen.

Hierüber fährt nie eine gute Seele;
Drum, wenn sich Charon über dich beschweret,
Erkennst du leicht nun, was sein Reden meinet.««

Dies ausgesprochen beb'te das Gefilde
Das dunkele, so mächtig, daß vor Grausen
Erinn'rung jetzo noch in Schweiß mich badet.

Die Erde, die bethränte, sandte Sturm aus,
Und es erblitzt' ein purpurrothes Leuchten;
Das übernahm mir alle meine Sinne,

Hinfiel ich, wie ein Mensch, den Schlummer fasset.


Gesang 04

Dante, vermöge eines Wunders (vergl. Hölle 1,11 und Fegef. 9,10-63) im Schlaf über den Acheron entrückt, findet sich am Rande des Höllenschlundes, geweckt vom Donner der Klagen, die aus dem finstern Abgrunde so heraufhallen, daß selbst Virgil vor Mitleid erbleicht. Hinabsteigend gelangen sie in den Aufenthalt der ungetauften unschuldigen Kinder und tugendhaften Heiden (also auch Virgils), in die Vorhölle. Zuerst, im weitesten dunkleren Umkreise derselben, begegnen sie unzähligen Seelen unberühmter Heiden jedes Alters und Geschlechtes, deren Menge Dante, gewiß nicht ohne Bezug auf den Wald im ersten Gesange, einen Wald von Geistern nennt. Keine Klage hallt dort, nur Seufzen, und Virgil sagt, daß unerfülltes Sehnen ihre einzige Qual sei. - Dante läßt sich Christi Höllenfahrt und die Erlösung der Erzväter von ihm Erzählen und so, zu Stärkung seines Glaubens, in der Hölle selbst bestätigen. In dem Kreise, weiter nach innen schreitend, sieht er eine Lichtglorie die Heroen von den Unberühmten scheiden, eine Begnadigung Gottes um ihres edlen Ruhmes willen. Der innere Rand ihres Kreises erhebt sich um den tieferen Höllenabgrund als ein grünendes Gebirge, wie von dem Lichtglanz, so auch von sieben Mauern und einem schönen Bächlein umzogen und beschirmt, Alles überwölbt von den Finsternissen, die rings auf den Seelen der Unberühmten ruhen. Nun erschallt eine Stimme aus der Glorie, welche gebeut den wiederkehrenden, erhabnen Dichter (Virgil) ehrenvoll zu empfangen. Homer, Horaz, Ovid und Lucan kommen dahergewandelt, begrüßen den Nahenden und nehmen Dante in ihre Schaar auf, welche vereint, die Dichtkunst selbst vorbildend, über den Bach, der nur die geringeren bang seufzenden Geister abhält, wie festen Boden schreitet, durch die Pforten der sieben aristotelischen Tugenden, denn diese bedeuten jene Mauern, zu den ewig begrünten Höhen der Heroen. Von den Heroen nennt Dante vor allen solche, die auf Aeneas Vaterstadt Troja und das von ihm begründete römische Reich Bezug haben. Besonders tritt Cäsar als Vorbild des Kaiserthums glänzend hervor, gerüstet und mit Falkenaugen. Ueber allen Heroen gewahrt unser Dichter endlich, als er das Haupt noch mehr erhebt, den von den edelsten Weltweisen und Gelehrten umgebnen Meister Aller die da wissen, den Aristoteles. Er ehrt ihn, sicher, daß man ihn dennoch ewig erkennen werde, damit - daß er ihn nicht mit Namen nennt, zugleich in ihm aller Wissenschaft Summe vorbildend, welche die Menscheit zu erreichen vermocht, ohne christichen Glauben. Nachdem er so die Heroen und Weltweisn in ihrer unterirdischen Glorie geschaut, trennt sich Dante von den andern Dichtern und geht mit Virgil über das grünende Gebirge hinab in den dunkeln Abgrund.

Es brach den hehren Schlummer mir im Haupte
Ein schwerer Donner, daß ich fuhr zusammen,
Wie einer, welcher mit Gewalt geweckt wird.

Und das geruhte Auge wandt' ich ringsum,
Grad' aufgerichtet, und aufmerksam späht' ich:
Die Stätte zu erforschen wo ich wäre?

Wahr ist es, daß ich mich befand am Rande
Der Senkung, jenes wehevollen Abgrunds,
Der Donnern einschließt endeloser Klagen.

So dunkel war er und so tief und neblig,
Daß, meinen Blick bis in den Grund einsenkend,
Ich nicht ein einzig Ding erkennen mochte.

- »Jetzt steigen wir zur blinden Welt hinunter,
Begann nunmehr der Dichter ganz erblasset:
ich will vorangehn und du, folge nach mir.

Und ich, der seiner Farbe wahrgenommen,
Sprach: »»Wie denn werd' ich gehn, wenn du verzagest,
Der sonst du Tröstung bist bei meinem Bangen?««

Und er zu mir: »Die schwere Pein der Schaaren,
Die hier hinunter sind, malt mir ins Antlitz
Das Mitleid, welches du für Bangen ansiehst.

Gehn wir, dieweil der lange Weg uns forttreibt.« -
So stieg er drein und so führt er hinab mich
Zum ersten Kreise, der den Abgrund einringt

Daselbst, so viel es dem Gehör sich kundthat,
Gab es kein Weinen, nein, es gab nur Seufzen,
Das dort die ew'ge Luft erzittern machte.

Und solches kam von Leiden ohne Martern
Der Schaaren, welcher viel' und große waren,
Von Kindern und von Frauen und von Männern.

Der gute Meister sprach zu mir: »Nicht fragst du,
Was dies für Geister sind, die du erblickest?
Ich will daß, eh du weiter gehst, du wissest

Daß sie nicht fehlten und haben sie Verdienste
Genügt es nicht; denn ihnen fehlt die Taufe,
Die Pforte ist dem Glauben, den du glaubest.

Und da sie vor dem Christenthume waren,
Verehrten sie Gott nicht wie sich's gebühret,
Und in der Reihe dieser bin ich selber.

Durch solche Mängel, nicht durch andre Sünden,
Sind wir verloren und damit gequält nur,
Daß ohne Hoffnung wir in Sehnsucht leben.« -

Groß' Leid ergriff mein Herz, als das ich hörte:
Dieweil ich Leute vielen Werthes kannte,
Die in dem Vorort aufbehalten waren.

»»O rede Meister, mein Gebieter, sag mir,
047 Begann ich um gewisser noch zu werden
048 Des Glaubens, welcher allen Irrthum tilget:

Ging einer aus hier, - sei's durch eigne Tugend,
Sei es durch Andrer, - der dann selig worden?«« -
Und er, der mein verhülltes Wort verstanden,

Sprach nun: »Noch war ich neu in diesem Zustand
Als ich hereingehn sahe einen Mächtgen,
Gekröneten mit des Triumphes Zeichen:

Der zog den Schatten vor des ersten Vaters
Und Abels seines Sohns und den von Noë,
Von Moses, der Gesetz gab und ihm nachkam,

Abrams des Patriarchen, König Davids'
Israels mit dem Vater und den Kindern,
Zusamt Rahel, um die so viel gethan er,

Und viele Andere und schuf sie selig.
Ich will, daß du erfahrest: daß vor Jenen
Menschliche Geister nicht erlöset waren.« -

Weil er so sprach, nicht ließen wir das Wandern,
Nein immer wanderten wir durch den Wald hin,
Ich sage durch den Wald der vielen Geister.

Noch aber war der Weg nicht lang geworden,
Bis hier von oben, als ich Feuerglanz sah,
Den eine halbe Kugel Dunkels einschloß.

Noch waren wir davon etwas entfernet;
Doch so nicht, daß ich nicht zum Theil erkannte,
Daß würd'ge Leute diesen Platz einnahmen.

»»O du, der jedes Wissen, jede Kunst ehrt;
Wer sind sie, die so viel Ansehns genießen,
Das sie abscheidet von den andern Weise?«« -

Und er zu mir: »Der ehrenvolle Name,
Der von denselben in Dein Leben auftönt,
Find't Gnad' im Himmel, daß er so sie vorzieht.« -

Nun ward von mir vernommen eine Stimme:
»Erweiset Ehre dem erhabnen Dichter!
Sein Schatten kehret wieder, der entfernt war!« -

Sobald das Rufen aufgehört und still war:
Sah ich vier hohe Schatten zu uns kommen,
In ihrem Aussehn weder trüb noch fröhlich.

Der gute Meister hub nun an zu sprechen:
»Betrachte den, der in der Hand ein Schwerdt hat,
Der vor den Andern wie ein Fürst dahergeht:

Das ist Homerus der erhabne Dichter,
Der andere, der folgt, Horaz der Spötter,
Ovid der dritte und Lukan der letzte.

Dieweil derselben Jeder mit mir theilet
Den Namen, den ausrief die eine Stimme,
Thun sie mir Ehre an und thun wohl dran.« -

So sah ich einen sich die schöne Schule
Des Königes im hocherhabnen Sange,
Der ob den Andern wie ein Adler flieget.

Als etwas mit einander sie gesprochen,
Herwandten alle sich zu mir mit Grüßen;
Mein Meister lächelte davon erfreuet.

Und mehr erwiesen sie mir noch der Ehren,
Da sie mich so in ihre Schaar aufnahmen,
Daß ich der sechste war, bei so viel Weisheit.

So schritten wir dahin bis zu dem Lichtglanz,
Besprechend Dinge, wovon Schweigen schön ist,
Wie dort es Sprechen war, wo es geschahe.

Wir kamen zum Fuß einer edlen Veste,
Umkreiset siebenmal von hoher Mauer,
Umfriedet rings von einem schönen Bächlein:

Das überschritten wir wie festen Boden.
Eintrat durch sieben Thore ich mit den Weisen.
Wir kamen zu einer Au die frisch ergrünte:

Hier waren Schaaren mit Augen ernst und düster,
Erhabne Würde lag in ihren Zügen.
Sie sprachen selten, mit anmuth'gen Stimmen.

Wir zogen uns nunmehr nach einer Seite,
Auf einen freien Platz, der licht und hoch war:
So daß sie allzumal zu schauen waren.

Allda, gerade auf dem grünen Teppich,
Wurden gezeigt mir die erhabnen Geister,
Daß ob der Schau ich mich heb' in mir selber.

Ich sah Elektra da mit vielen Andern,
Davon ich Hektor und Aeneas kannte,
Caesar gerüstet, mit den Falkenaugen.

Camilla schaut' ich und Penthesilea
Zur andern Seit' und sah König Latinus
Dort sitzen bei Lavinia seiner Tochter.

Den Brutus schaut' ich, der Tarquinen austrieb,
Lucretia, Julia, Martia und Cornelia
Und schaut' einsam gesondert Saladinen.

Drauf, als ich etwas mehr erhub die Brauen,
Sah ich den Meister derer, die da wissen,
In philosophischer Gesellschaft sitzen:

All' schaun sie an ihn, All' erweisen Ehr' ihm.
Daselbst erblickt' ich Sokrates und Plato,
Die vor den Andern ihm viel näher stehen:

Demokritus, der die Welt auf Zufall stellet,
Diogenes, Anaxagoras und Thales,
Empedokles, Heraklitus und Zeno;

Und sah der Eigenschaften guten Sammler,
Dioskorides meint' ich, dann sah ich Orpheus.
Tullius und Livius, Seneka den sitt'gen;

Euclid den Geometer, Ptolemäus,
Hippokrates, Avicenna und Galenus,
Averroes, den großen Kommentator.

Von Allen kann ich hier nicht Schildrung machen,
Indem der lange Stoff mich also fortdrängt,
Daß oft zur That das Wort geringer ausfällt.

Der Sechs Gesellschaft mindert sich um Zweie:
Auf andrem Weg führt mich der weise Führer
Aus jener Ruhe in die Luft, die zittert,

Und hin gelang' ich, wo nichts ist, das leuchtet.


Gesang 05

Hinabgestiegen in den zweiten Höllenkreis, erblickt Dante, in dem richtenden Minos verkörpert, das erwachende Bewußtsein der Schuld. Dieser bestimmt die Strafen der nahenden Seelen. Jemehr die Sünder sich von der Sünde umstricken ließen, je öfter umwindet sich Minos mit seinem Schweif, je tiefere Kreise nehmen sie auf. Minos warnet, sein Amt einen Augenblick ruhen lassend, Dante sehr bedeutsam, sich vom weiten Eingange der Hölle nicht täuschen zu lassen. Virgil aber sagt ihm dagegen: Dantes Wanderung sei im Himmel beschlossen, und schreitet mit seinem Schützling vorüber. Die Luft ist finster und der ewig kreisende Sturm sinnlicher Liebe jagt dort die ruhelosen, nun entkörperten Schaaren derer umher, welche die Vernunft dem sinnlichen Triebe unterordneten. Die Führerin derselben ist Semiramis, die in ihren Gesetzen jedes Gelüstes Befriedigung gestattete. Virgil zeigt dem Dichter viele berühmte Seelen der Helden, welche der sinnlichen Liebe erlagen. Dante aber, tief bewegt von dem Anblick, begehrt mit zween der Schatten zu sprechen, die innig zusammen schweben, ruft sie an, und spricht mit ihnen. Sie empfinden auf das innigste den Antheil, den er an ihnen nimmt, und erzählen ihm den Ausgang und, auf sein Begehren, aber noch viel trauriger, den Anfang ihrer Liebe. Der Antheil, den Beide noch an einander nehmen, erschüttert unsern Dichter so tief, daß er wie ein Entseelter hinsinkt. Die beiden Schatten sind Paolo Malatesta da Rimini und dessen Schwägerin Franceska, Tochter des Guido da Polenta

So stieg ich von dem ersten Kreis hinunter
Zum zweiten, der geringern Raum umspannet
Und so viel Qual mehr, die zu Heulen stachelt.

Da stehet Minos graunvoll, weis't die Zähne:
Er prüfet die Verschuldungen am Eingang,
Urtheilt und bannt nachdem er sich umringelt.

Ich sage: wenn die schlimmgeborne Seele
Vor ihn hintritt, so beichtet sie sich ganz ihm,
Und dieser Kenner der begangnen Sünden

Schaut, welche Stätte in der Höll' ihr zukommt,
Umwindet mit dem Schweif dann so vielmal sich,
Als Stufen er hinabgebracht sie heischet.

Allimmer stehn vor ihm der Seelen viele,
Ein' um die Andre gehn sie All' zum Urtheil;
Sie sprechen, hören und sind hinabgewälzet.

»O du, der naht der leidigen Herberge,
Sprach zu mir Minos, als er mich ersahe,
Lassend die Uebung so gewaltgen Amtes:

Schau, wie du eingehst und weß du dich trauest:
Des Eingangs Weite möge dich nicht täuschen!« -
Da sprach mein Führer zu ihm: »»Warum nur schreist du?

Nicht hindern seine schicksalvolle Wandrung!
Man will sie so allda, wo man Gewalt hat
Deß, was man will, drum weiter nicht mehr fragen!«« -

Jetzo beginnen die wehmüth'gen Töne
Vernehmlich mir zu werden, angelanget
Bin ich, wo vieles Weinen mich erschüttert:

ch kam zu einem Ort stumm alles Lichtes,
Der brüllet, wie das Meer thut im Orkane,
Wenn es geschlagen wird von Gegenwinden.

Die Höllenwindsbraut, welche nimmer ruhet,
Reißt hin mit ihrem Ungestüm die Geister,
Die sie umwirbelnd und zerschlagend peinigt:

Und wenn sie hingelangen vor den Absturz,
Ist Heulen da und Schreien und Gewimmer,
Da lästern alle die göttliche Tugend.

Ich hörete, daß zu dergleichen Pein'gung
Verdammt sind die fleischlichen Sünder alle,
So die Vernunft dem Triebe unterwerfen.

Und wie die Staaren ihre Flügel tragen,
Zur kalten Zeit, in großen vollen Schaaren,
So werden von dem Hauch die bösen Geister

Von hier, von da, herauf, herab geführet,
Und keine Hoffnung stärkt dieselben jemals,
Nicht nur der Ruh, nein auch nicht klein'rer Strafe.

Und wie die Kraniche ziehn, ihre Klagen singend,
In Lüften sich zu langer Reihe schaarend,
Sah ich herüberkommen, Seufzer dehnend,

Die Schatten, von genannter Pein getragen;
Weshalb ich fragte: »Meister, was sind dieses
Für Schaaren, welche schwarze Luft so peinigt?« -

»»Die Erste unter diesen hier, von denen
Du Kunde willst, entgegnete mir Jener:
War einst Gebieterin von vielen Sprachen.

Sie war vom Wollustlaster so bewältigt,
Daß im Gesetz sie, was beliebt', erlaubt hieß,
Die Schand', in die sie kam, sich abzustreifen:

Es ist Semiramis, von der man lieset,
Daß sie den Minus säugt' und auch sein Weib war.
Das Land besaß sie, was der Sultan zügelt.

Die Zweit' ist die, die sich erstach um Liebe
Und Treue brach der Asche des Sichaeus:
Dort aber ist Cleopatra die üpp'ge.«« -

Auch Helena schaut' ich, um die so böse
Zeit sich gewälzt, und sah Achill den großen,
Ihn, der am Ende mit der Liebe kämpfte,

Sah Paris, Tristan und weit mehr als tausend
Der Schatten zeigt' und nannt' er nach dem Finger,
Die Lieb' aus unserm Leben scheiden machte.

Und, als ich dergestalt, von meinem Lehrer,
Nennen gehört der Vorwelt Frau'n und Ritter,
Ergriff mich Leid und fast wär ich vergangen.

Ich hub nun an: »O Dichter, gerne spräch' ich
Mit jenen Zweien, die zusammen schweben,
Und die dem Sturm so leicht zu werden scheinen!«

Und er zu mir: »»Sieh zu, wenn sie uns näher
Sein werden: bitte dann sie, bei der Liebe,
Die sie umhertreibt, und sie werden kommen.«« -

So schnell, wie sie der Wind zu uns herumbiegt,
Hub ich die Stimme: »O müde Seelen, kommet,
Mit uns zu sprechen, wenn's kein Andrer wehret!«

Und wie die Tauben, vom Begehr gerufen,
Die Flügel auf und fest zum süßen Neste
Ziehn, durch die Luft vom Wollen hingetragen:

So kamen sie aus dem Schwarm, da Dido inn' ist,
Zu uns die peinigende Luft durchschwebend;
So mächtig war der liebevolle Zuruf!

»O du, huldvolles Wesen du, und mildes,
Das durch die düstre Luft uns suchen gehet,
Uns, die mit Blut die Erde wir befleckten!

Wenn Freund uns wär' der König aller Welten;
Wir würden beten zu ihm um deinen Frieden,
Weil du mit unserm Graunweh' Mitleid fühlest.

Und was zu hören und sagen euch beliebet,
Wir werden hören es und zu euch sprechen,
So lang' der Sturm, wie jetzt er thut, uns still ist.

Die Stadt, wo ich geboren wurde, lieget
Am Meeresufer, wo der Po herabgeht:
Um da mit seinem Gefolge Ruh' zu finden.

Liebe, die schnell ein edles Herz befähet,
Besing den hier, zur lieblichen Gestaltung,
Die mir geraubt ward; noch empört das wie mich!

Liebe, die keinem Geliebten erläßt das Lieben,
Ergriff mich in der Luft an ihm so mächtig,
Daß, wie du siehst, er noch nicht mich verlässet!

Die Liebe führte uns zu gleichem Tode;
Kains Wohnstatt harret deß, der uns getödtet.«
Die Worte wurden uns gebracht von ihnen.

Und, als ich angehört die wunden Seelen,
Neigt' ich das Antlitz und so lange hielt ich's
Gesenkt, bis mich der Dichter frug: »»Was sinnst du?«« -

Als ich antwortete, sagt' ich: »Ich Schwacher!
Wie viele süße Gedanken, wie viel Sehnen,
Sie hingeführt zu dem unsel'gen Schritte!«

Drauf wandt' ich mich zu ihnen und begann so
Zu sprechen: »O Franceska, deine Qualen,
Zu Thränen machen sie mich trüb und traurig;

Doch sag' mir: in der Zeit der süßen Seufzer,
Wie, und woran gestattete es Liebe,
Daß ihr die ungewissen Wünsch' erkanntet?«

Und sie zu mir: »»Kein größres Leiden giebt es,
Als sich erinnern der glücksel'gen Zeiten
Im Elend: solches aber weiß dein Lehrer.

Doch wenn die erste Wurzel unsrer Liebe
Zu kennen, du so große Sehnsucht hegest:
Sag ich sie, Einer gleich die weint und redet.

Wir lasen eines Tages, zum Vergnügen,
Von Lanzelot, wie Liebe ihn bestricket:
Wir waren da allein und sonder Arges.

Zu vielenmalen hatt' uns, war wir lasen,
Vereint die Blicke und entfärbt das Antlitz;
Doch eine Stelle war's, die uns bewältigt:

Als wir nun lasen wie ersehntes Lächeln
Von so erhabnem Liebenden geküßt wird ...
Hier Dieser, welcher nie von mir getrennt wird,

Er küßte an den Mund mich, ganz erzitternd:
Ein Kuppler war das Buch und der's geschrieben!
Desselben Tages lasen wir nicht weiter.«« -

Indem die eine Seele solches sagte,
Weinte die andre so, daß ich vor Mitleid
Ohnmächtig wurde, gleich als ob ich stürbe,

Und hin fiel ich, wie eine Leiche hinfällt.


Gesang 06

Der kunstvolle Dichter verschweigt, wie er sich aus seinem Schmerz erhoben, wie er sinnend weiter geschritten und stellt sich sogleich, mit wieder aufgethanem Sinne umherschauend, im dritten Höllenkreise dar. Hier stürzt beständig Hagel, Schnee und Gußregen herab, die Erde zu stinkendem Wust umwandelnd, worin die Schlemmer ewig liegen, wie sie im Leben oft genug gelegen. Sie können sich (s. V. 94) aus dem Wust nicht mehr erheben und wenden sich nur hin und her, mit einer Seite die andre schirmend: ein wahres Bild von der Schlemmer Streben nach nur augenblicklicher Abhülfe, die ihnen doch keinen Frieden und kein dauerndes Behagen schafft. In dem Dämon Cerberus ist ihre irdische Gier verkörpert, die sich nun hier gegen die körperlosen, leeren Seelen wendet und sie schüttelt und zerreißt. Wüthend springt Cerberus gegen die Dichter an; aber Virgil wirft ihm mit vollen Händen in die drei Rachen Erdschlamm, womit er sich sättigt und beruhigt. Nun schreiten sie über die Nichtigkeit der am Boden liegenden Schatten hin, deren einer, ein Florentiner und guter Politiker, Namens Ciacco, sich noch einmal halb erhebt, und, auf Dantes Befragen, einiges vom künftigen Schicksal der Stadt Florenz, prophezeit. Dante frägt ihn nach andern berühmten Florentinern und erfährt, daß er sie in tieferen Höllenkreisen antreffen werde. Ciacco bittet ihn hierauf, seiner in der Welt zu gedenken, und sinkt auf immer in den Schlamm zurück. Die Dichter aber gehn weiter, einiges vom zukünftigen Leben nach der leiblichen Auferstehung besprechend, und gelangen endlich zur innern Gränze des dritten Kreises, wo sie in den tieferen, vierten hinabsteigen und den Dämon der Schätze, Plutus, den großen Feind der Menschheit antreffen.

Als wiederkam der Sinn, der sich verschlossen,
Vor jener zween Verschwägerten Bedrängniß,
Das durch Betrübniß gänzlich mich verwirret:

Andere Qualen, andere Gequälte
Erseh' ich rings um mich, wie ich mich rege,
Wie ich mich wend' und wie ich um mich blicke.

Ich bin im dritten Kreis', in dem des Regnens,
Des ewigen, verfluchten, kalten, schweren,
Deß Art und Weise niemals Wechsel kennet.

Gewalt'ger Hagel, trübe Fluth und Schnee wird
Da durch die dunkle Luft herabgeschüttet:
Es stinkt die Erde dort, die solches aufnimmt.

Und Cerberus, ein Thier grausam und greulich,
Mit dreien Schlünden, nach Art der Hunde, bellt er
Auf jene Schaar, die tief versenkt ist.

Die Augen hat er roth, den Bart besudelt
Und schwarz, den Bauch dick und beklaut die Tatzen:
Er krallt die Geister, rüttelt und zerreißt sie,

Der Regen macht sie heulen gleichwie Hunde,
Mit einer Seite schirmen sie die andre,
Oft wenden dort sich die elenden Sünder.

Wie Cerberus, der ries'ge Wurm, uns merkte,
That er den Rachen auf, wies seine Hauer:
Nicht ein Glied hatt' er, das er still gehalten!

Nun reckete mein Führer beide Spannen,
Ergriff des Erdreichs und mit vollen Fäusten
Warf er's hinein ihm in die gier'gen Schlünde.

Und, wie ein Hund ist, der im Bellen geifert,
Und sich beruhigt, wenn den Fraß er knirschet,
Den er allein zu schlingen strebt und kämpfet:

Dem ähnlich wurden jene trif'gen Lefzen
Des Dämon Cerberus, der dort andonnert
Die Seelen, so, daß gern sie taub sein möchten.

Wir schritten über die Schatten, die Gußregen
Zusammen schwemmt, und setzten unsre Sohlen
Auf ihre Nichtigkeit, die Wesen scheinet.

Sie lagen an der Erd' all' mit einander;
Nur Einer war, der schnell sich hub zum Sitzen,
Sobald er uns an ihm vorübergehn sah.

»O du, der durch die Hölle hier geführt wird,
Sprach er zu mir: erkenne mich, vermagst du's!
Du wardst geboren, ehe ich zerstört war.«

Und ich zu ihm: »»Vielleicht entrückt die Pein'gung,
Die du erleidest, so dich meinen Sinnen,
Daß mir's nicht scheint, daß ich dich je gesehen.

Doch sag' mir, wer du bist, der zu so traur'ger
Wohnstatt verdammt und so beschaffner Pein'gung,
Daß, giebt es größ're, keine doch so widrig.««

Und zu mir sprach er: »Deine Stadt, die Neides
So voll ist, daß der Sack schon überschüttet,
Umfing auch mich in jenem heitern Leben.

Ihr Bürger pflegtet Ciacco mich zu nennen,
Und wegen der fluchwürd'gen Schuld der Kehle,
Wie du ersiehst, vergeh' ich hier am Regen.

Doch ich unsel'ge Seele bin nicht einsam;
Denn alle Diese sind in gleicher Strafe,
Um gleiche Schuld.« - Mehr sagt' er da nicht weiter.

Ich aber sprach zu ihm: »»Ciacco dein Leiden
Drückt so mich, daß es Thränen mir entlocket,
Doch, weist du's, sage mir, was wird noch werden

Aus jenen Bürgern der entzweiten Stadt dort,
Ob Einer drin gerecht, auch sag' die Ursach,
Warum so großer Zwiespalt sie befallen?««

Und er zu mir: »Nach langem Zwiste kommen
Zu Blut sie; aber die Parthei vom Walde
Verjagt die andere mit viel Beleid'gung.

Doch fügt sich's dann, daß diese fällt und, ehe
Noch drei der Sonnen schwinden, sinkt die Andre,
Kraft Eines, welcher dicht am Ufer kreuzet.

Hoch tragen wird sie lange Zeit die Stirnen,
Mit schweren Lasten die Andre nieder haltend,
Wie sie auch drüber wein' und deß sich schäme.

Zwei sind gerecht, allein nicht angehöret.
Hochmuth und Neid und Geiz sind die drei Funken,
Die Aller Herzen dort entzündet haben.«

Hier macht' er seinem Klagelaut' ein Ende.
Und ich zu ihm: »»Noch will ich, daß du mehr mich
Belehrst und mir noch mehr der Rede schenkest.

Farinata und Tegghiajo, die so würdig,
Jacopo Rusticucci, Arrigo und Mosca
Und die Andern, die den Sinn gewandt auf Rechtthun:

Sag mir, wo sind sie? Lehr' auch die mich kennen:
Sehr drängt es mich zu wissen: ob der Himmel
Sie sänftigt, ob die Hölle sie erbittert?««

Und er: »Dieselben sind bei schwärzern Seelen:
Verschiedne Sünden ziehn sie tief zum Grund hin;
Steigst du so weit hinab, magst du sie schauen.

Doch, wenn du wieder in der süßen Welt bist,
Bitt' ich dich: bring mich Andern ins Gedächtniß!
Mehr sag ich nicht, antworte dir nichts weiter.«

Drauf kehret' er den graden Blick in's Schielen,
Sah mich ein wenig an, das Haupt dann neigt' er -
Und sank mit ihm hin wie die andern Blinden.

Mein Führer aber sprach: »Der hebt sich nimmer,
Bis einst vom Schall der himmlischen Posaune
Wenn ihre feindliche Gewalt erscheinet,

Ein Jeder schaut das traur'ge Grab dann wieder,
Nimmt wiederum sein Fleisch und seine Bildung
Und hört, was in die Ewigkeit fortdröhnet.«

So gingen wir durch wustiges Gemenge
Von Schatten und von Regen, langsam schreitend,
Berührend Ein'ges vom zukünft'gen Leben.

Weshalb ich sagte: »»Meister, diese Martern,
Ob sie wohl wachsen nach dem großen Richtspruch,
Ob sie sich lindern, ob so brennend bleiben?««

Und er zu mir: »Kehr' um zu deiner Lehre,
Die will, daß, je vollkommner ist ein Wesen,
Je mehr soll Lust es fühlen und auch Schmerzen.

Obwohl nun diese Schaaren der Verdammten
Zu wirklicher Vollendung nie gelangen;
Doch hoffen sie dann mehr zu sein, als jetzo.«

Wir wandelten so rundum jene Straße,
Viel mehr besprechend, als ich wiedersage,
Gelangten wir zum Ort, wo man hinabsteigt:

Hier trafen Plutus wir, den großen Feind, an.


Gesang 07

Plutus, der altheidnische Gott der Reichthümer, erhebt sich wider die Wandernden, wolfartig dämonisirt, mit drohendem Geprahle; sinkt aber nichtig zusammen, als Virgil ihn an des prachtstolzen Lucifer Sturz erinnert. Nun gelangen sie ungehindert in den vierten Kreis hinab. Hier sehen sie schwere Lasten mit Geheul wälzen, hin und her, von den Seelen derer, denen das Erraffen oder Vergeuden der irdischen Schätze den Frieden nahm, "der Anfang ist und Urgrund jeder Wonne" (s. Hölle 1/58 u. 78). Wie Lucifers Schönheit, wie Plutus Geprahl schwindet jenseits die nichtige Freude am glänzenden Reichthum, er wird nun, vor dem erwachten Bewußtsein der nur daran gewöhnten Seele, ein dunkler Klump, eine häßliche Last, von welcher sie sich nicht mehr losmachen kann, womit sie sich nun alle Ewigkeit hindurch fortplagt, ruhelos und friedlos. Geizige und Verschwender wälzen sich hier in geschiednen Halbkreisen die Lasten zu, stoßen auf einander und werfen sich gegenseitig ihr nichtiges Treiben vor; nur um wieder umzukehren, wieder aufeinander zu stoßen und sich wieder zu fragen: warum sie halten und warum sie rollen? Dante glaubt einige der Seelen zu erkennen, Virgil aber sagt ihm, er täusche sich: weil sie das göttliche Leben gänzlich verkannt haben und nur im Staube gewühlt, seien sie als Seelen unkenntlich und dunkel von Schmutz. Der Dichter Gespräch wendet sich nun auf die Vertheilerin irdischer Güter, auf Fortuna. Dante will sie, die allgemeine Ansicht in sich vorbildend, als ein dämonisches Wesen, mit Klauen betrachten; Virgil aber schilt in ihm die Thorheit der Sterblichen und sagt ihm: Fortuna, von Gott zur Bewegerin der irdischen Schimmer bestellt, rolle, gleich den andern Lichtmächten des Himmels (s. Paradies 2/127), menschlicher Einsicht unerreichbar, ihre wechselnde Sphäre, selig erhaben über dem Schelten sich selbst trügender Sterblicher. Hierauf gelangen die Wanderer, den Kreis durchschneidend, zu einem Quell, der, den Zorn vorbildend, überkocht. Seinem Abflusse folgend, kommen sie in den fünften Kreis, wo das Wasser den heißen Sumpf Styx bildend. Hierein finden sie die zornerfüllten Seelen versenkt, die sich einander ewig stoßen und mit Zähnen zerreißen. Sie fühlen nun durch Andre, wie lästig sie Andern geworden. Tief unter ihnen im Grundschlamm sind, die sich selbst das sonnenheitre Leben durch faule Grämelei getrübt. Ihr trauriges Bewußtsein umgiebt sie nun in Gestalt faulen Schlammes. Die Dichter aber umwandeln einen großen Bogen des schmutzigen Sees, bis sie zuletzt am Fuße eines Thurmes anlangen.

"Empor Satan, steig auf in Glanz, du Alpha!"
Hub jetzo Plutus an mit heis'rer Stimme;
Allein der edle Weise, wohlvertrauet

Mit Allem, sprach, zu trösten mich: "Nicht schade
Dir deine Bängniß; welche Macht er habe,
Nicht soll er dir vom Fels zu steigen wehren!"

Drauf wandt' er sich zur aufgeblasnen Lefze
Zurück und sagte: "Schweige, Wolf, verfluchter!
Verzehre dich in dir mit deinem Grimme!

Nicht sonder Fug ist dieser Gang zur Tiefe:
Man will dort oben ihn, wo Michael einst
Die Rache nahm an prangendstolzer Schändung!"

Gleichwie vom Winde die geblähten Segel
Verwickelt fallen, wenn der Mast zerschellt ist:
So viel zur Erden das grausame Unthier.

So stiegen wir hinab zur vierten Tiefung,
Stets mehr einnehmend des qualvollen Randes,
Der alles Weh der Welt in sich einsacket.

Gerechtigkeit des Herrn, wer faßt so viele
Der neuen Mühn und Plagen, als ich sahe?
Warum muß unsre Schuld uns so verderben!

Wie dort die Woge pflegt auf der Charybdis,
Die sich mit der bricht, gegen sie anrennt:
So muß das Volk sich hier im Reigen wenden.

Hier sah ich zu viel Volk mehr, als wo anders,
Von dieser Seit; und der, mit großem Heulen,
Gewicht'ge Lasten wälzend, kraft des Busens.

Sie stießen gen einander, und doch wandten
Sich Alle wieder hier, zurücke wälzend,
Schrien: "Warum hältst du?" und die "Warum rollst du?"

So kehrten sie zurück, im düstern Kreis hin,
Von jeder Hand zur Stelle gegenüber,
Und riefen wieder sich ihr schändend Lied zu.

Drauf wandte Jeder sich, wie er gelangt war,
Durch seinen Halbkreis, zu dem neuen Stoßkampf;
Ich aber, dessen Herz beinah zerknirscht war,

Begann: "O Meister sage mir nunmehro
Welch' Volk dies, und: ob alle geistlich waren,
Die tonsurirt sind, hier zu unsrer Linken?" -

Und er zu mir: "All' mit einander waren
So blind an Geist in ihrem ersten Leben,
Daß keine Spende sie gethan mit Maßen:

Es bellt dies klar genug aus ihre Stimme,
Erreich sie im Kreis die beiden Stellen,
Wo Schuld sie, die sich widerspricht, entzweiet.

Die waren geistlich, die nicht haar'ge Deckung
Am Haupte tragen, Päbst' und Kardinäle,
In denen Geiz das Aeußerste zu thun pflegt." -

Und ich: "O Meister, von den so Beschaffnen,
Möcht ich vielleicht wohl einige erkennen,
Die unrein waren von dergleichen Uebeln." -

Und er zu mir: "Du machst dir leere Bilder:
Was sie beschmutzt', ihr nichts erkennend Leben
Macht sie nun dunkel jeglichem Erkennen.

Sie kommen ewig zu den zweien Stößen:
Die werden auferstehen, aus dem Grabe,
Die Faust geschlossen, - die mit dünnen Haaren.

Schlecht spenden und schlecht hegen raubte ihnen
Die schöne Welt und stellte zu dem Streit sie:
Wie dieser sei - dazu schmück' ich nicht Worte!

Nun Söhnlein, kannst du sehn das kurze Scherzen
Der Güter, die Fortunen anbefohlen,
Um die der Menschen Heer sich so zerstürmet!

Denn alles Gold, das unterm Mond hienieden
Ist oder war, von diesen matten Seelen
Könnt' es nicht eine einz'ge ruhen machen." -

"O Meister, sprach ich: Sag' mir weiter: jene
Fortuna, welche du mir nennst, wer ist sie,
Die so die Güter dieser Welt in Klau'n hat?" -

Und er zu mir: "O thörige Geschöpfe,
Wie viel Unwissenheit ist's, die Euch lähmet!
Jetzt nimm in deinen Mund hin meine Lehre:

Er, dessen Wissen Alles übersteiget,
Erschuf die Himmel und satzt' ihnen Lenker,
Daß jeder Theil nach jedem Theile strahle,

Gleichmäßig überall das Licht vertheilend:
Dem gleich bestellt er auch den ird'schen Schimmern
Gemeinsam eine Schaffnerin und Fürstin,

Die änderte, nach Zeit, die eitlen Güter
Von Volk zu Volk, von diesem Blut auf andres:
Ganz außer aller Wehr der Menscheneinsicht.

Drum herrschet ein Geschlecht, das andre schmachtet,
Folgend derselben Richterspruche, welcher
Verborgen ist, wie in dem Gras die Schlange.

Eure Einsicht kommt mir ihr niemals zu Streite:
Sie schaut, urtheilt und herrscht in ihrem Reiche
So fort, wie andre Götter in den ihren.

Ihre Umwälzungen kennen keinen Stillstand:
Nothwendigkeit macht sie so flüchtig eilen:
Oft giebt's da einen, der Umsturz erfähret!

Das ist sie, die so oft ans Kreuz gebracht wird,
Von denen auch, die wohl sie loben sollten,
Die ihr mit Unrecht Schimpf und Schande leihen.

Doch sie ist selig und hört nicht auf Solches:
Und, mit den andern Erstgeschaffnen heiter,
Rollt ihre Sphära sie, in sel'ger Wonne.

- Nun steigen wir hinab zu größrer Pein'gung!
Schon sinkt jedweder Stern, deer erst emporstieg,
Als ich mich hub, und Säumen wird verwehret."

Den Kreis durchschnitten wir zum neuen Absturz
Ob einem Quell, der überkocht und abfließt,
Durch eine Klüftung, die von ihm genagt wird.

Das Wasser war viel trüber noch als grauroth:
Wir aber, im Geleit der fahlen Wogen,
Gelangten nieder auf ungleichem Pfade.

Es bildet einen Sumpf, der Styx benannt ist,
Der traur'ge Bach, wenn er hinabgekommen,
Am Fuße der bösartigen, grauen Ufer,

Und ich, der da begierig war zu spähen,
Sah schmutz'ge Schaaren in derselben Lache,
Nackt allesamt und sehr erzürnten Ansehns.

Dieselben stießen sich, nicht nur mit Fäusten:
Nein, mit dem Haupt auch und mit Brust und Füßen:
Mit Zähnen sich in Stück' und Fetzen reißend.

Der gute Meister sprach: "Mein Sohn, nun schaue
Die Seelen Jener, welche Zorn besiegt hat:
Auch will ich, daß du es als sicher glaubest,

Daß unterm Wasser Schaaren sind, die seufzen,
Und dieses Wasser aufwärts wallen machen,
Wie dir das Auge sagt, wo es sich hinkehrt.

Im Schlamme sagen sie: "Wir waren elend,
In jener süßen Luft, die sich der Sonne
Erfreuet, trägen Qualm im Herzen tragend!

Jetzt härmen wir uns hier, im schwarzen Grundschlamm!"
Den Hymnus stammeln sie aus ihrer Kehle;
Weil sie ihn ganzen Worts nicht sagen können." -

So, großen Bogen jenes schmutz'gen Pfuhles
Umgingen, zwischen trocknem Rand und Sumpf, wir,
Mit Augen spähend, wer des Schmutzes einschlingt.

Wir kamen zum Fuß eines Thurms am Ende.


Gesang 08

Auf dem Thurm erschienen zwei Feuerzeichen, dem ein drittes fern über dem Sumpf antwortet und schneller als ein Pfeil, kommt der zornige Tempelverwüster Flegias, der Fährmann des Orts, in einem Boot herüber, mit grimmiger Anrede. Virgils Antwort bewältigt ihn. Die Dichter steigen ein und fahren über. Da klammert sich der zornige Geist des Florentiners Filippo Argenti an das Schiff. Virgil stößt ihn zurück. Dante schilt seinen Abscheu gegen den tobenden Sünder heraus, und Virgil umarmt seinen Schüler dafür. Argenti wird nun von den andern Zornigen angerufen, fast zerrissen, und wendet zuletzt seine Zähne gegen sich selbst. Hierauf nahen sich die Schiffenden der Stadt des Dis (Satan, Luzifer), mit tiefen Gräben und eisernen Mauern, worin das göttliche Licht der Liebe und Wahrheit, das die Guten im Paradiese beseligt und die Büßenden im Fegefeuer läutert, den Feinden Gottes und denen die ewig unreines Bewußtsein haben zur flammenden Qual wird. Die Dichter steigen am Thore aus; aber eine Schaar von mehr als tausend gefallnen Engeln droht von da herab. Virgil geht zu ihnen, sie wollen ihn (die irdische Erkenntniß) behalten, Dante soll allein zurückgehen. Letzterer erschrickt darüber; Virgil aber sagt ihm: er werde ihn nicht verlassen und theilt Jenen den Willen Gottes heimlich mit: - Da schließen sie auch ihm das Thor, und zürnend kehrt er zurück, zu Dante sagend: daß dieser Trotz nicht neu sei, bald aber komme ein Mächtiger, durch den das Thor ihnen offen stehen werde.

Fortfahrend sag ich, daß, um vieles früher
Als wir gelangt zum Fuß des hohen Thurmes,
Schon unsre Augen auf zum Gipfel gingen,

Ob zweier Flämmchen, die wir stellen sahen,
Ein andres dann ihr Zeichen wiedergeben,
Fern, daß das Aug' es kaum entnehmen konnte.

Und ich, gekehrt zum Meere aller Einsicht,
Sprach: "Was besaget dies, und was antwortet
Das andre Licht dort, und wer sind, die's machten?"

Und er zu mir: "Da, auf den schmutz'gen Wellen,
Kannst du schon sehen, was man hier erwartet;
Wenn es des Sumpfes Qualm dir nicht verhüllet."

Strang hat von sich niemalen Pfeil getrieben,
Der durch die Luft gefahren wär', so schnelle,
Als ich da sah ein kleines Schifflein kommen,

Herüber durch die Fluth, gen uns, auf dieser,
Unter der Leitung eines einz'gen Fährmanns:
Der schrie: "Nun, bist du da, verruchte Seele?" -

"Flegias, Flegias, du schreiest in das Leere,
Sprach mein Gebieter: denn du hast uns diesmal
Nicht länger, als den Unflat überschiffend."

Wie Einer, welcher großen Trugs gewahr wird
Den man ihm angethan und dann ergrimmet,
So wurde Flegias vom Zorn befangen.

Mein Führer stieg nun in das Boot hinunter
Und schuf dann, daß ich hinter ihm hineinging,
Und erst, als ich darin war, schien's beladen.

Sobald der Führer mit mir in dem Schiff war,
Eilt der uralte Kiel dahin, zertheilend
Mehr Wassers, als er sonst mit andern pfleget.

Indem wir jagten auf dem todten Graben,
Kam mir vor's Antlitz Einer voll von Schlamme
Und sprach: "Wer bist du, der du vor der Zeit kommst?"

Und ich zu ihm dann: "Komm' ich auch, - nicht bleib ich:
Doch wer bist du, der so besudelt worden?"
Er sprach: "Das siehst du, Einer der da weinet!" -

Und ich zu ihm: "Mit Weinen und mit Jammern,
Vermaledeiter Geist, verbleibe dorten!
Ich kenne dich, wie ganz beschmutzt du seiest!"

Da reckte er zum Borde beide Hände:
Weshalb der weise Meister in zurückstieß
Und sprach: "Hinweg da, sammt den andern Hunden!" -

Dann schlang die Arm' er um den Hals mir, küßte
Mein Antlitz, sprechend: "Abscheuvolle Seele
Gesegnet sei, die sich um dich gegürtet!

Der war auf Erden ein hochmüthig Wesen,
Huld ist es nicht, die sein Gedächtniß zieret:
So ist sein Schatten hier von Grimm erfüllet.

Wie Viel' hält oben man für große Kön'ge,
Die dann hier liegen, wie die Schwein' im Kothe,
Verlassend hinter sich graunvolle Flüche!" -

Und ich: "O Meister, sehr erfreuet war ich,
Ihn eingetaucht zu sehn in diese Lake,
Bevor hinaus wir kämen aus dem See!" -

Und er zu mir: "Noch ehe sich das Ufer
Dir schauen lässet, wird dir schon genügt sein.
Es fügt sich, daß du des Verlangten froh wirst." -

Nur kurz darauf, sah ich dergleichen Fetzen
Aus Jenem machen, von den schmutz'gen Schaaren,
Daß Gott ich drum noch lobe und ihm danke.

All', alle schrieen: "Auf Philipp Argenti!" -
Der florentinische Geist, der hochmuthtolle,
Mit Zähnen kehret' er sich gen sich selber.

Hier ließen wir ihn, mehr sag' ich von dem nicht:
Doch in die Ohren traf mich nun ein Wehschrein,
Weshalb mein Aug' ich, vorwärtsspähend, schirmte.

Der gute Meister aber sprach: "Nun, Söhnlein,
Naht sich die Stadt uns, die den Namen Dis hat
Mit argen Bürgern, mit gar großem Haufen." -

Und ich: "O Meister, die Moscheen derselben
Seh ich genau da innen in der Tiefe,
Purpurn, als wenn sie aus dem Feuer kämen." -

Er aber sagte mir: "Das ew'ge Feuer
Das innen sie umlohet, zeigt so roth sie,
Wie du sie schaust in dieser tiefen Hölle." -

Wir kamne nun auch in die tiefen Gräben,
Die jene trostberaubte Stadt umklüften:
Die Mauern aber schienen mir von Eisen.

Nicht ohne großen Umkreis da zu machen,
Gelangten wir hin, wo der starke Fährmann
"Steigt aus! uns zurief: denn hier ist der Eingang!" -

Ich sahe mehr als tausend an den Thoren
Vom Himmel Abgefallne, die aufsäßig
Herriefen: "Wer ist der, der ohne Sterben

Durch das Gebiet des todten Volkes wandelt?" -
Mein weiser Meister aber macht' ein Zeichen,
Daß er geheim mit ihnen reden wolle:

Da bargen sie etwas ihr großes Zürnen
Und sprachen: "Komm' allein du, Jener gehe,
Der so verwegen in dies Reich hereindrang:

Er kehr' allein zurück die thör'ge Straße,
Seh', ob er's kann; doch du wirst hier verbleiben,
Der ihn geleitet durch so dunkle Gegend!" -

Bedenk' o Leser, ob mir da der Muth fiel,
Bei'm Halle der vermaledeiten Reden;
Denn nimmermehr hofft' ich zurückzukehren! -

"Mein theurer Führer, der mir, mehr als sieben
Mal, Sicherheit zurückgab, und mich löste
Aus großer Noth, die mir entgegendrohte:

Verlaß mich nicht, sprach ich, also verstöret:
Und, ist das Weiterschreiten mir verwehret,
Laß unsre Spur vereint uns wiederfinden!" -

Doch der Gebieter, der dahin geführt mich,
Sprach: "Fürchte nichts; denn unser Fürderschreiten,
Geschenkt von so Gewalt'ger, nimmt uns Niemand!

Doch harre mein dahier und tröst' und nähre
Den hingesunknen Geist mit guter Hoffnung:
Nicht werd ich in der tiefen Welt dich lassen:"

So geht er hin und so verläßt er hier mich,
Der holde Vater, und ich bleib' im Zweifel,
Daß Nein und Ja sich mir im Haupte streiten.

Nicht hören konnt' ich, was er ihnen sagte;
Doch lange war er nicht allda bei ihnen,
Als Alles um die Wette floh nach innen.

Die Thore schlossen jene, unsre Gegner,
Vor meines Herren Brust, der außen stehn blieb,
Und sich zu mir langsamen Schrittes wandte,

Die Augen an der Erde und die Braunen
Leer aller Kühnheit, und mit Seufzen sprach er:
"Wer wehret mir die wehevollen Häuser?" -

Und zu mir sprach er: "Du, wenn ich auch kämpfe,
Verzage nicht, in dieser Prüfung sieg' ich,
Was drinnen auch sich zur Vertheidgung umtreibt.

Dies ihr Vermessen ist nicht neu, sie übten
Es schon an weniger verborgner Pforte,
Die man noch immer ohne Schloß erfindet.

Du sahest über ihr die düstre Inschrift,
Und schon kommt hier, von ihr herab, die Steile,
Die Kreise nieder wandelnd ohn' Geleite,

Ein Solcher, durch den uns die Stadt wird aufgehn."


Gesang 09

Virgil spricht, den himmlischen Boten sehnlichst erwartend, mit sich selbst. Dante nimmt Befürchtungen aus seinen Reden und fragt: ob wohl je ein Bewohner der Vorhölle in die tiefere hinabsteige? Virgil sagt ihm, es geschehe selten, doch sei er selbst, beschworen von der Zauberin Erichtho, schon einmal in dem tiefsten Höllenkreis gewesen; alles sei ihm bekannt, er möge daher getrost sein. Indem erblickt Dante auf der Zinne des ehernen Turms drei sich selbst zerfleischende Höllenfurien, Bilder der Verzweiflung, welche die Gorgo Medusa herbeirufen ihn zu versteinern. Virgil heißt ihn, sich vor dieser verhüllen und abwenden, und schirmt ihn noch mit seinen Händen. In dem schlangenumwundenen versteinernden Haupt des Wesens, welches den Tempel der Pallas, der Weisheit, geschändet, ist die Sünde aus dem Geist, der im Haupte wohnt, vorgebildet. Die Mauer, davor die Dichter stehen und welche die ganze tiefere Hölle umkreist, umschließt nähmlich keine Seelen, die, natürlichem Triebe folgend, sündigten; sondern allein solche, welche die Kraft des Geistes geschändet, indem sie dieselbe auf widernatürliches gewandt. In dem furchtbaren versteinernden Blick der Medusa ist die, göttliches Leben tötende, Macht geistiger Sünde ausgedrückt, wogegen Abwenden und das Umfangen tieferer Kenntnis, in Virgil vorgebildet, schirmt. Hierauf erscheint, gleich einem Sturmwind nahend, der himmlische Bote mit einer Rute. Alle Sünder im Sumpf und die bösen Engel und Erscheinungen auf dem Tore fliehen. Die Pforte geht auf, der Himmlische schilt die Gottlosen und schwebt zurück: die Dichter aber treten ein. Da stellt sich die Stadt innen als ein Gefilde voll offener, glühender Gräber dar, worin die Ketzer leiden. Das Licht der Wahrheit, welches ihnen zeigt, dass es ein göttliches Leben gebe, dessen sie nun nicht mehr fähig sind, peinigt sie in Gestalt ewiger Flammen und macht ihre Grüfte glühen. Der Sarg, d. h. der von ihnen behauptete Tod der Seele, ist ihre Qual.

Die Farbe, womit Furcht mich außen malte,
Als ich umkehren sahe meinen Führer,
Zwang schneller in ihn zurück die an ihm neue.

Aufmerksam stand er, wie ein Mensch der horchet;
Denn weit vermocht' er nicht den Blick zu senden
Durch dunkle Luft und angehäuften Nebel.

"Wir müssen dennoch siegen in den Streite,
Begann er: wenn nicht ... so Gewalt'ge bot sich ...
Wie lange dünkt mich's, ehe Jemand nahet!" -

Wohl sahe ich, wie wieder er den Anfang
Der Rede milderte mit dem was nachkam,
Was Worte waren jenen frühern ungleich:

Dem ungeachtet gab sein Sprechen Furcht mir,
Indem ich seine abgebrochne Rede
Zu schlimm'rem Sinn bezog, als sie wohl hatte.

"In diesen Abgrund des trübsel'gen Kessels
Stieg je wohl einer von der ersten Stufe,
Die nur bestraft mit abgeschnittner Hoffnung?"

Die Frage that ich; aber er: "Nur selten
Geschiehet es, antwortet' er: daß Einer
Von uns den Weg hier macht, auf dem ich gehe.

Wahr ist's, daß ich schon einmal war da unten,
Beschworen von der grausamen Erichtho,
Die Schatten wieder rief in ihre Leiber.

Seit kurzem war das Fleisch erst meiner ledig,
Als sie mich eingehn macht' in diese Mauer,
Um einen Geist aus Judas Kreis zu ziehen.

Das ist der tiefst' und dunkelste der Orte,
Der fernste auch vom Himmel, der um's All kreist:
Wohl weiß den Weg ich, darum sei getrost nun.

Der Sumpf hier, der so mächt'gen Qualm aushauchet,
Umgiebt ringsher die Stadt die klagevolle,
In die wir nun nicht ohne Zürnen dringen." -

Und Andres sagt' er; doch ich hab's im Sinn nicht:
Indem mein Auge ganz mich hingezogen
Zum hohen Thurme mit der glüh'nden Zinne:

Wo ich auf einmal schnell emporgerichtet
Drei Höllenfurien sah, mit Blut gefärbte,
Die Weiber-Glieder und Geberden hatten,

Umgürtet mit den allergrünsten Hydern.
Zu Haaren hatten Schlängelchen sie und Schlangen,
Womit die harten Schläfen umwunden waren.

Und Jener, der gar wohl die Mägde kannte
Der Königin des endelosen Weinens,
"Schau, sagt' er mir: die grimmigen Erinnen!

Die ist Megära, auf der linken Seite,
Die, welche weint zur Rechten, ist Alecto,
Tisiphone ist mitten." - Danach schwieg er.

Mit ihren Klau'n zerriß die Brust sich jede:
Sie schlugen sich mit Fäusten, schrien so laut auf,
Daß ich mich an den Dichter drängt' aus Bängniß.

Medusa komm, daß wir zu Stein ihn machen!
Schrien alle sie, indem sie niederschauten:
Zu schlecht an Thesus rächten wir den Anfall!" -

"Kehr' rückwärts dich und halt' verhüllt dein Antlitz;
Denn, wenn sich Gorgo zeigt und du ersähst sie,
So gäb' es keine Wiederkehr nach oben!" -

So sprach der Meister, und er selber wandte
Mich und verließ sich nicht auf meine Hände,
Daß er mich nicht mit seinen noch umschirmet.

O ihr, die ihr gesunde Sinne habet,
Betrachtet wohl die Lehre, die sich birget
Unter dem Schleier der fremdart'gen Verse! -

Und schon kam, über jene trüben Wogen,
Das Krachen eines Schalles, voll Entsetzen,
Davon erbebeten die Ufer beide,

Gethan nicht anders, als von einem Sturmwind,
Der, ungestüm durch sich entgegne Gluten,
Den Wald zerpeitscht und, sonder einen Aufhalt,

Gezweig zerspellt und abreißt und entführet:
Staubwirbelnd vorwärts wandelt er mit Stolze,
Und macht die Thiere fliehen und die Hirten. -

Die Augen löst' er mir und sprach: "Nun richte
Den Nerv des Sehns auf den uralten Schaum hin,
Dort wo am allerherbsten ist das Qualmen.

Gleichwie Frösche, vor der Feindin Schlange,
Sich durch das Wasser allesammt entfernen,
Bis sie sich wieder all' am Grunde sammeln;

Sah mehr als tausend Seelen ich verstöret
Vor Einem fliehen, welcher bei der Furth da
Den Styx durchwandelte mit trocknen Sohlen.

Vom Antlitz wehrt' er sich die schwere Luft ab,
Vorwärts bewegend oftmals seine Linke,
Und nur von dem Befängniß, schien es, litt er.

Wohl merkt' ich, daß vom Himmel er gesandt war,
Und wandte mich zum Meister, und er winkte,
Daß still ich wäre und mich jenem neigte. -

Ach, wie erschien derselbe mir voll Zürnens:
Zur Pforte kam er und mit einer Ruthe
That er sie auf, da war für ihn kein Aufhalt.

"Vom Himmel ausgejagte Gräuelschaaren!
Begann er auf der fürchterlichen Schwelle:
Wovon ernährt in Euch sich solch' Vermessen?

Warum denn schlagt Ihr aus gen jenen Willen,
Dem nie das Ziel kann abgeschnitten werden,
Und welcher mehrmals Euch das Weh gemehrt hat?

Was hilft's mit Häupten gen das Schicksal stoßen?
Dort Euer Cerberus, gedenkt ihr dessen?
Trägt jetzo noch enthaart so Kinn wie Kehle!" -

Drauf wandt' er sich zurück die schmutz'ge Straße
Und sprach zu uns kein Wort, gethan als Einer,
Den andre Sorge mehr beeilt und mahnet,

Als dessen, welcher eben vor ihm stehet. -
Wir regten unsre Füße zu der Stadt hin,
Nunmehr gesichert, nach den heil'gen Worten.

Ein gingen wir nun sonder alles Streiten;
Ich aber, der Verlangen trug zu spähen
Die Art, die so gethane Festung einschließt,

Wie ich darin war, sende rings die Augen:
Und schau nach jeder Hand hin groß' Gefilde,
Voll Wehelauts und schreckenvoller Marter.

Gleichwie bei Arles, wo der Rhodan stehn bleibt,
Gleichwie bei Pola nahe am Quarnaro,
Der Welschland schließt und seine Gränzen netzet,

Die Gräber rings die Flur uneben machen,
So thaten sie es auch hier nach allen Seiten:
Nur daß die Weise hier um vieles bittrer:

Da zwischen den Grabstätten Flammen waren
Vertheilt, davon sie ganz so glühend waren,
Daß heißer Eisen kein Gewerb' erfordert.

All' ihre Deckel waren aufgehoben
Und draus entstiegen solche harte Klagen,
Daß wohl von Traur'gen sie uns Wunden schienen.

Und ich: "O Meister wer sind diese Schaaren,
Die, eingeschlossen hier in diesen Särgen,
Sich hören lassen mit so wehen Seufzern?" -

Und er zu mir: "Da innen sind die Ketzer
Mit ihren Folgern, jeder Art, und viel mehr
Als du vermeinest sind erfüllt die Grüfte.

Der Gleiche ist hier bestattet mit dem Gleichen,
Und mehr und minder glühend sind die Särge." -
Drauf gingen wir, zur linken Hand gewendet,

133 Zwischen den Gräbern und den hohen Zinnen.


Gesang 10

Die Dichter wandeln zwischen den Mauern und den Gräbern, Dante begehrt, da er die Deckel offen sieht, die Begrabenen zu schauen. Virgil sagt ihm, die Gräber würden hier über den Sündern, die Seele und Leib zugleich gestorben glauben, am jüngsten Tage, wenn sie ihre Leiber wieder empfangen, gänzlich geschlossen. Indem vernimmt Dante, aus einer der Grabstätten, eine ihn anrufende Stimme. Virgil führt ihn näher. Farinata, der stolze Ghibelline, hat sich erhoben, und sagt Dante, dass er dessen Vorfahren oft aus der Stadt vertrieben. Dante entgegnet ihm, dass sie immer wiedergekehrt seien, welche Kunst hingegen Farinatas Anhang nicht wohl gelernt habe. Da erhebt sich neben Farinata ein anderer Schatten Cavalcante Cavalcanti, der nach seinem Sohn Guido späht und fragt, ob er, als Dantes Freund, nicht mitgekommen, durch gleiche Hoheit des Geistes? Aus Dantes Antwort schließt er fälschlich, dass Guido gestorben, und sinkt schmerzlich zurück, da Dante seinen Irrtum nicht sogleich begreift und berichtigt. Der starre Farinata aber nimmt, um jenen unbekümmert, das Gespräch wieder aus, sagend: das Unglück der Seinen schmerze ihn mehr als sein glühend Lager; dann weissagt er Dante gleiches Unglück der Verbannung und fragt: warum die Seinen in Florenz so hart gerichtet würden? Dante wirft die Schuld aus Farinatas Sieg an der Arbia und jener erwidert, dass er nicht ungereizt Blut vergossen, doch der Einzige gewesen sei, der sich der schon beschlossenen Zerstörung von Florenz widersetzt. Noch er fährt Dante von ihm, dass die Schatten der hierher Verdammten, die Gegenwart nicht erkennten, wohl aber die ferne Zukunft dämmern sähen, bis die Gräber dereinst gänzlich und damit ihre Kenntnisse verschlossen würden. Dante bittet ihn nun aus Mitleid, dem hingesunknen Cavalcante zu sagen: dass sein Sohn noch lebe. Virgil ermahnt seinen betrübten Schüler, der Weissagung Farinatas zu gedenken, sagt ihm aber tröstend: von BGeatrice werde er den eigentlichen Weg zum wahren, göttlichen Leben erfahren. Hierauf wenden sie sich links nach der Mitte, einem Tale zu, daraus übler Geruch emporsteigt.

Hin geht nunmehr, in einer engen Gasse,
Zwischen der Stadt Ummaurung und den Martern
Mein Meister und ich hinter seinen Schultern.

"O hohe Kraft, die durch die argen Kreise
Mich leitet, hub ich an: wie dir's beliebet,
So sprich zu mir und g'nüge meinen Wünschen!

Das Volk, das in den Grüften da umherliegt,
Kann man es schauen? Sind doch abgehoben
Die Deckel all' und Niemand giebt da Obacht.

Und er zu mir: "Sie werden all' verschlossen,
Wenn sie von Josaphat zurücke kehren,
Mit ihren Leibern, die sie droben ließen.

Es haben seine Gruft auf dieser Seite
Mit Epikur all' seine Jünger inne,
Die Seel' und Leib zugleich gestorben meinen.

Dann auf die Frage, welche du mir machest,
Wird dir hier innen bald genüget werden,
Dazu dem Wunsche, den du mir verschweigest." -

Und ich: "Mein edler Führer nicht verberg' ich
Mein Herz dir, als um weniger zu sprechen:
Wozu du mich nicht erst anjetzt gestimmet." -

"O Tusker, der du durch die Stadt des Feuers
Lebendig wandelst, so bescheiden redend,
Gefalle dir's, zu weilen an der Stelle!

Es offenbart dich deine Art zu sprechen,
Als jener edlen Vaterstadt entstammet,
Der ich vielleicht nur allzulästig worden." -

Urplötzlich kam sothane Red' aus einem
Der Sarkophage, weshalb ich, in Bängniß,
Mich etwas dichter meinem Führer anschloß.

Er aber sagte: "Kehr' dich um, was thust du?
Sieh Farinat' dort, der sich aufgerichtet,
Vom Gürtel aufwärts wirst du ganz ihn schauen!" -

Schon hatt' ich mein Gesicht gespannt auf seines:
Er aber, er erhub mit Brust und Stirn sich,
Als ob er spottete der ganzen Hölle!

Und meines Führers schnelle Hände trieben
Mich eifrig zwischen jenen Grüften zu ihm,
Indem er sprach: Gezählt sei'n deine Worte!

Sobald ich war am Fuße seines Grabes,
Sah er mich etwas an, dann, fast verächtlich,
Befragt' er mich: "Wer waren deine Eltern?" -

Ich, der begierig war ihm zu gehorchen,
Verbarg sie nicht, nein, that sie gänzlich kund ihm:
Worauf er etwas seine Braun emporhub.

Dann sprach er: "Grausam waren sie entgegen
Mir, meinen Vätern, so wie meinem Anhang;
So, daß ich zweimal sie zersprenget habe!" -

"Ob auch verjagt - sie kehrten ringsher wieder,
Antwortet' ich ihm: einmal wie das andre;
Doch nicht gut lernten diese Kunst die Euren!" -

Hierauf erhub sich, offenbart dem Blicke
Ein Schatten, längs desselben, bis zum Kinne:
Ich glaube, daß er sich auf Knie'n erhoben.

Er spähte rings um mich, als hätt' er Sehnsucht
Zu sehen, ob ein Andrer mit mir wäre?
Doch als sein Spähn ihm nichtig ausgefallen,

Sprach weinend er: "Wenn du durch dieses blinde
Gefängniß wandelst, durch des Geistes Hoheit, -
Mein Sohn wo ist er, und warum nicht mit dir?" -

Und ich zu ihm: "Nicht durch mich selber komm' ich.
Er, der da harret, führet mich hindurch hier,
Den euer Guido wohl verachtet hatte." -

Es hatten seine Reden, sammt der Strafe,
Mir seinen Namen allbereits verlesen;
Darum war meine Antowort so vollständig.

Schnell aufgerichtet aber rief er: "Wie doch?
Du sprachst: er hatte? Lebet er denn nimmer?
Trifft seine Augen nicht das Licht, das süße?" -

Als er nun ein'ge Zögerung gewahrte,
Die ich noch eben machte vor der Antwort,
Fiel er zurück, und kam nicht mher zum Vorschein.

Doch jener andre Kühne, dessentwillen
Ich da verweilt, nicht ändert' er die Miene,
Regte den Hals nicht, bog auch keine Seite.

"Und wenn ... fortfahrend in der ersten Rede:
Sie jene Kunst, sprach er: nicht wohl erlernet;
So quält mich solches mehr als dieses Lager!

Allein nicht funfzigmal wird neu entzündet
Des Weibes Antlitz, welche hier regieret,
So wirst du wissen, wie viel diese Kunst wiegt!

Und willst du in der süßen Welt je dauern;
Sag mir warum das Volk da gen die Meinen
So schändlich ist, in jeder seiner Satzung?" -

Worauf ich: "Jene Schlacht, das große Blutbad,
Das einst die Arbia in Roth gefärbet,
Läßt solch Gebetlein thun in unserm Tempel." -

Drauf, als erseufzend er das Haupt geschüttelt:
"Nicht hatt' allein ich Schuld dran, sagt' er: sicher
Nicht grundlos regt' ich mich da mit den Andern.

Ich aber war allein, wo einst Jedweder
Es zuließ, daß Florenz vertilget würde,
Der der es schirmte offnen Angesichtes!" -

"Ach, soll noch jemals euer Saame ruhen,
So bat ich ihn: so löst mir diesen Knoten,
Der meinen Urtheilsspruch mir noch umwirrt hat.

Es scheint, ihr schauet, wenn ichs recht entnehme,
Vorauswärts, was die Zeit mit sich heranführt,
Und haltet mit der Gegenwart es anders?" -

"Wir sehen, wie wer schwaches Augenlicht hat,
Die Dinge, sprach er: welche noch entfernt sind:
So viel noch strahlet uns der höchste Lenker:

Nahn sie sich oder sind, ist gänzlich eitel
All unser Schaun und, bringt es uns kein Andrer,
So wissen nichts wir eures Menschenzustands.

Daraus kannst du ersehn, wie gänzlich todt einst
Wird unser Wissen, von dem Augenblick an,
Als sich der Zukunft Thür dereinst verschließet."

Drauf, wie von meiner Schuld betroffen, sagt' ich:
So mögt ihr jenem Hingesunknen sagen:
Sein Sohn verweile noch bei den Lebend'gen!

Und, war ich früher stumm zu solcher Antwort,
Laßt wissen ihn, ich war es, annoch schwebend
Im Irrthum, welchen ihr mir nun gelöset." -

Allein bereits rief mich zurück mein Meister,
Weshalb ich eifriger dem Geiste flehte,
Mir anzusagen, wer hier mit ihm wäre?

Er sagte mir: "Mit mehr als tausend lieg' ich;
Hier innen wohnet auch der zweite Friedrich,
Der Kardinal auch, von den andern schweig' ich."

Drauf barg er sich: zum alten Dichter aber
Wandt' ich zurück die Schritte, wieder denkend
An jene Rede, die mir feindlich dünkte.

Er regte sich und so, im Fürderschreiten,
Sprach er zu mir: "Warum bist so verstört du?" -
Und ich genügte ihm auf seine Frage.

"Dein Geist bewahre es, was du vernommen
Hast, gegen dich! empfahl mir dieser Weise:
Nun merk' hier auf! - und seinen Finger hub er:

Wirst dermaleinst du sein im süßen Lichtstrahl
Derjen'gen, deren schönes Aug' das All schaut:
Von ihr wirst deines Lebens Pfad du lernen."

Darauf zur linken Hand wandt' er den Fuß hin:
Die Mauer lassend, gingen wir nach mitten,
Auf einem Pfade, welcher auf ein Thal trifft,

136 Das bis daauf sein Ruch mißfallen machte.


Gesang 11

Wo der Kreis der Irrlehrer und ihrer Anhänger an den der Gewalttätigen stößt, finden die Fortwandelnden ein Grabmal, dessen Inschrift sagt: es bewahre den Papst Anastasius. Damit wird nicht allein angedeutet: dass ein Papst ein Irrlehrer sein könne, sondern zugleich: dass Irrlehre bei Mächtigen nicht fern von Gewalttat stehe. Die Dichter schreiten langsam, um sich erst an den Stank zu gewöhnen, der von dem Blutstrom in der Tiefe heraufsteigt. Auf Dantes Bitte benutzt Virgil diese Zeit, ihn über die Ordnung der Höllenkreise zu belehren und sagt ihm: außerhalb der eisernen Mauer, in den bereits durchschrittenen Kreisen litten die Unenthaltsamen, welche sich natürlichen Trieben überlassen; innerhalb der Mauer aber, im nächsten tieferen Höllenkreise, die, welche sich, unnätürlichen Trieben nachgebend, entmenscht und vertiert haben: sie teilten sich ein in die Gewalttätigen gegen den Nächsten, gegen sich selbst und gegen Gott. Tiefer darunter seien dann die Betrüger und ganz zuunterst die lieblosen Verräter, die an den ihnen Vetrauenden und somit am meisten an Liebe und Wahrheit gevrefelt. Zuletzt erklärt Virgil, auf Dantes Befragen, noch, warum die Wucherer mit zu den Gewalttätern gegen Gott gerechnet sind, und ermahnt seinen Schüler, da schon der Morgen herannahe, zum Weitergehen.

Am äußern Rande eines hohen Ufers,
Das große Trümmerstein' im Kreis gebildet,
Gelangten wir zu grauserem Verschlusse.

Und hier, um grimmen Uebermaßes willen,
Des Stankes, den der tiefe Grund emporwirft:
Annahten wir ihm hinter einem Deckel

Gewalt'gen Sargs, an dem ich eine Schrift sah,
Die sprach: "Ich berge den Pabst Anastasius,
Den einst Fotin vom graden Weg gezogen." -

"Langsam geschehn muß unser Niedersteigen;
Damit der Sinn sich an den traur'gen Odem
Etwas gewöhn' und dann ihn nicht beachte." -

Also der Meister, und ich sagte: "Finde
Etwas Ersatz, damit die Zeit nicht unnütz
Vergeh!" und er: "Sieh, daß ich daran denke.

Mein Söhnlein, innerhalb sothaner Felsen,
Begann er drauf: sind immer kleinrer Kreise
Drei, abgestuft wie die, so du verlassen.

All' sind erfüllt sie von verdammten Geistern;
Doch, daß dir dann das Schaun allein genüge,
Hör' nun, wie, und warum sie so in Zwang sind.

Jedweder Bosheit Ziel, die in dem Himmel
Haß findet, ist Unrecht und all' solch' Ziel da
Quält mit Gewalt dann oder Trug die Andern:

Doch, weil der Trug des Menschen eigne Sünde,
Mißfällt er Gott mehr und darum sind unten
Die Trügenden und mehr des Wehs befällt sie.

Gewaltthätigen ward der erste Kreis ganz;
Doch, weil Gewalt man übt an dreien Personen,
Ist in drei Ringe er getheilt erbauet.

An Gott, an sich, am Nächten kann man üben
Gewalt, an diesen selbst und deren Gütern;
Wie du es hören sollst mit offnen Gründen.

Mord, durch Gewalt und schmerzenvolle Wunden,
Uebt man am Nächsten, und an seiner Habe
Verwüstung, Brand und schädigend' Erpressen.

Drum Mörder, Jeden der böslich verwundet,
Verwüster, Beutemacher, alle peinigt
Der erste Ring, in unterschiednen Schaaren.

Gewaltsam Hand anlegen kann der Mensch dann
An sich und seine Güter; drum im zweiten
Der Ringe muß, ohn' irgend Heil, bereuen

Jedweder, der sich eurer Welt beraubet,
Verspielet und verwüstet sein Vermögen
Und, wo er heiter leben sollte, weinet.

Gewalt kann man dann üben gen die Gottheit,
Im Herzen sie verlängernd und verwünschend,
Und die Natur und ihre Güte schmähend:

Darum denn brandmarkt der geringre Umkreis
Mit seinem Zeichen Sodom und Caorsa,
Und den, der Gott verwünschend, spricht von Herzen.

Den Trug, der jegliches Gewissen naget,
Kann Jemand üben an dem, der ihm trauet
Und auch an dem, der kein Vertraun mit einsackt:

Die letztere Art ertödtet, wie es scheinet,
Nur jenes Liebesband, das die Natur schafft:
Weshalb im zwoten Kreise sich annistet:

Die Heuchelei, das Schmeicheln und wer zaubert,
Verfälschung, Dieberei und Simonie dann,
Kuppler, Bestechliche und gleicher Unflat.

Doch durch die andre Art vergißt man Liebe
Die, so Natur schafft, und die dann hinzukommt,
Wovon besonderes Vertraun erwächset:

Weshalb im kleinsten Kreise, wo die Stelle
Des Weltalls ist, da seine Stätte Dis hat,
Der, so verräth, in Ewigkeit zernagt wird." -

Und ich: "O Meister, klar genug vorangeht
Dein Lehren und gar trefflich unterscheidest
Den Schlund du und das Volk, das solchen einnimmt;

Doch sag' mir: Jene in dem fetten Sumpfe,
Die, welche Sturm treibt und die Regen peitschet,
Und die sich mit so herber Zung' entgegnen:

Warum sind die nicht in der glühn'den Stadt hier
Gestraft, behält sie Gott in seinem Zorne,
Und - thut er's nicht: warum sind sie dann also?" -

Und er zu mir sprach: "Warum irrt so weit nur
Dein Geist von dem ab, deß er sonst gewohnt ist:
Wie, oder ob dein Sinn wo anders hinschaut?

Erinnerst du dich nicht derselben Worte,
Mit welchen deine Ethik wohl erwäget
Die drei Neigungen, die der Himmel nicht will:

Die Unenthaltsamheit, Bosheit und tolle
Verthierung und wie Unenthaltsamkeit Gott
Minder betrübt und mindre Schelt' empfähet:

Sobald du diese Lehre wohl betrachtest
Und dir zu Sinne führst: wer die waren,
Die oben, außen, ihre Strafe leiden:

Wirst wohl du sehn, warum von diesen Bösen
Getrennt sie sind und warum minder zürnend
Die göttliche Gerechtigkeit sie schmettert." -

"O Sonne, die jedweden trüben Blick heilt,
Du gnügest also mir wenn du erklärest,
Daß Zweifeln mir nicht minder süß als Wissen!

Noch wende dich etwas zurücke, sprach ich:
Dorthin wo du mir sagest: Wucher schmähe
Die Güte Gottes, lös' auch diesen Knoten!" -

"Philosophie, sprach er: belehret Jeden,
Der nach ihr strebt, und nicht in einem Theil nur:
Wie ihre Laufbahn die Natur beginnet

Vom göttlichen Verstand und seiner Werkkunst,
Und, wenn du deine Physik wohl durchforschest,
So wirst du finden nach nicht vielen Blättern:

Daß Eure Werkkunst der, so viel sie kann nur,
Nachfolget, wie der Schüler folgt dem Meister:
Daß Eure Werkkunst gleichsam Gottes Enklin.

Von diesen Beiden, führest du den Anfang
Der Genesis dir recht zu Sinn, geziemt es
Sein Leben zu empfahn, das Volk zu mehren:

Und weil der Wuchrer andre Wege einschlägt,
Verachtet er Natur, so an ihr selbst, wie
In ihrer Schül'rin, da er baut auf Andres;

Doch folg' mir nun, denn weitergehn erfreut mich,
Da schon die Fisch' am Horizont aufspringen,
Der Wagen auch ganz auf dem Kaurus lieget,

115 Und man erst weit von hier den Hang hinabsteigt."


Gesang 12

Als Symbol der Vertierten oder Gewalttätigen gegen den Nächsten, sich und Gott, tritt den Dichtern, am Eingange in den ersten Kreis der tieferen Hölle, das, durch naturwidrigen Trieb entstandene Halbtier, der Minotaurus entgegen. Virgil erinnert ihn an seinen Untergang durch Thesus, und das ehemals menschenverschlingende Ungeheuer fällt sich selbst an, in unmächtiger Schattenwut, so dass die Dichter Zeit behalten, die furchtbare Zertrümmerung dieses Randes hinabzuklimmen. Die Steine regen sich unter Dantes Füßen und er erfährt, dass dieses Ufer des heißen Blutstroms, worin die Gewalttätigen am Nächsten leiden, bei Christi Verscheiden so zertrümmert. (Hier ließt man zwischen den Zeilen: "weil an ihm Gewalt verübt worden".) Das Blut ihrer Erschlagenen tritt hier vor der Sünder Bewusstsein, mehr oder minder hoch und heiß sprudelnd wie aus frischen Wunden. Centauren, die Bilder raschvertilgender Wut, umjagen beständig die Sünder, drohend mit Geschossen. Nessus hält die Dichter an; Virgil aber sagt: er werde Chiron Rede stehen, und bittet diesen, seinen Auftrag erzählend, um einen Geleiter, der auch Dante über die Furt trage; da er noch nicht wie die Seelen auf der Luft wandeln könne. Der weise Chiron, hier das Insichgehen der Sünder vorbildend, welches übereilter Tat folgt, gebeut Nessus ihren Willen zu tun. Dieser geleitet sie also und trägt Dante, wo der Strom seichter und seichter wird, über die Furt. Auf dem Wege zeigt er ihnen in dem Blute leidende Tyrannen: Alexander, Dionys, Azzolin und Obizzo von Esti; dann, seitwärts einsam, den Schatten Guidos von Montfort, der in der Kirche mordete und nicht genannt, nur bezeichnet wird. Außer diesen nennt er ihnen, als die da seufzen, wo der Strom wieder tiefer wird: Attila, Pyrrhus von Epirus, Sextus Pompejus, Rinier von Corneto und Rinier Pazza. Hierauf veerlässt der die Dichter, nach Erfüllung seines Auftrages, am inneren Rande des Blutstroms und sprengt durch die Furt zurück.

Der Ort, wo wir vom Strand zu klimmen kamen,
War wild und so durch das allda Vorhandne,
Daß jedem Blick davor geschaudert hätte!

Wie jener Bergfall, welcher in die Seite,
Disseit Trient, den Strom der Etsch geschlagen,
Durch Erdstoß oder mangelhafte Hältniß:

Denn von der Höh', von der er sich beweget,
Zur Ebne ist der Fels so steil, daß einen
Fußpfad er böte, dem der oben wäre:

So war der Niedergang in diesen Abgrund.
Und auf dem Gipfel der zerrißnen Klüftung,
Lag ausgestreckt jener Gräuel Kretas,

Der in der falschen Kuh empfangen worden,
Und als er uns ersah, biß er sich selber,
Wie Einer, den der Zorn inwendig aufreibt.

Mein Weiser schrie zu ihm hinüber: "Meinst du
Vielleicht, daß hier der Herzog von Athen sei,
Der Droben auf der Erde dir den Tod gab?

Hinweg von da! Unthier! denn dieser steigt nicht
Von deiner Schwester unterwiesen nieder:
Er kommt um eure Strafe zu betrachten." -

Gleichwie ein Stier, der sich gewaltsam aufwirft,
Wenn eben er den Todesstreich empfangen,
Nicht wandeln kann, nur hie und dahin auffährt:

Desgleichen thun sah ich den Minotaurus.
Und der Erfahrne rief: "Lauf zu der Furt hin,
So lang er tobt ist's gut, daß du hinabsteigst!" -

So nahmen wir den Weg den Schutt hinunter,
Der Steine, die sich unter meinen Füßen
Oftmals, von solcher neuen Last, bewegten.

Nachdenklich ging ich und er sprach: "Du sinnest
Vielleicht dem Einsturz nach, der von dem Toben,
Dem viehischen, bewacht ist, das ich dämpfte.

Jetzt sollst du wissen, daß, beim ersten Male,
Als hier hinab ich stieg zur tiefen Hölle,
Derselbe Fels noch nicht hinabgestürzt war;

Doch sicher wenig früher, seh ich recht es,
Als Jener herkam, der die große Beute
Dem Dis hinwegnahm, aus dem obern Kreise:

Von allen Seiten zitterte das Graunthal,
Das tiefe, daß ich glaubte, daß das ganze
All Lieb' empfänd', wodurch, wie Einer meinet,

Die Welt schon oft zum Chaos umgekehrt ward:
Und um dieselbe Stund' erlitt der alte
Fels hier und anderwärts noch größern Einsturz.

Doch senk' thalein die Augen; denn es nahet
Der Strom von Blut, in welchem Jeder kochet,
Der durch Gewaltthat Andern Schaden zufügt." -

O blinde Gier, o übertolles Wüthen,
Das uns so spornet in dem kurzen Leben,
Und in dem ew'gen uns so bös erweichet!

Geschwungen sah ich einen weiten Graben,
Als solchen, der den ganzen Plan umfähet,
Nach dem, was mein Gebieter mir gesaget.

Und, zwischen ihm und dem Fuß des Ufers, rannten
Centauren hintereinander, pfeilbewehret,
Wie sonst auf Erden sie zur Jagd gezogen.

Uns niederklimmen sehend, blieben Alle
Da stehn und dreie sprengten aus der Schaar vor,
Mit Bogen und vorher erwählten Pfeilen:

Und Einer schrie von fern: "Zu welcher Marter
Kommt ihr, die ihr das Ufer niederklimmet?
Sagt es von da, wenn nicht, schieß ich den Pfeil ab!" -

Mein Meister aber sprach: "Die Antwort werden
Wir, nicht gar weit von hier, an Chiron geben!
Schlimm war's von jeher, daß dein Trieb so rasch war!" -

Dann sagt' er, mich anrührend: "Das ist Nessus,
Der um die schöne Dejanira hinstarb
Und aus sich selbst Blutrache für sich übte.

Der in der Mitte auf die Brust sich blickt, ist
Der große Chiron, der Achillen aufzog,
Der andre Pholus, der so voll von Zorn war.

Zu Tausenden, rings um den Graben, ziehn sie
Pfeilschießend jede Seele, die mehr auswill
Dort aus dem Blut, als ihre Schuld sie austhat." -

Wir näherten uns den geschwinden Thieren:
Chiron nahm einen Pfeil, und mit dem Kerbtheil
Warf er den Bart zurück sich von der Kiefer.

Als sich der große Mund nunmehr enthüllet,
Sagt' er zu den Gefährten: "Merkt ihr wohl es,
Wie der da hinten regt, was er berühret?

Dergleichen thun sonst nicht der Todten Füße?" -
Mein Führer, der bereits ihm an der Brust stand,
Allwo die zwei Naturen sich vermählet,

Antwortete: "Wohl lebt er und so einsam
Muß ich ihm zeigen diesen dunkeln Abgrund.
Nothwendigkeit führt ihn herein, nicht Schaulust.

Herabgeschwebt vom Hallelujasingen
Kam die, so mir dies neue Amt befohlen:
Der ist kein Räuber, ich kein Geist des Frevels.

Doch bei der Tugend, durch die meine Schritte
Ich rege, durch so ungebahnte Straße,
Gieb einen uns der Deinen, dem wir folgen,

Der auch den Ort uns zeige, wo die Furt ist,
Und diesen hier auf seinem Rücken trage:
Er ist kein Geist, daß er die Luft durchwalle!"

Nun wandt' über die rechte Brust sich Chiron
Und sprach zu Nessus: "Kehr' und führ' sie also
Und trifft euch andrer Schwarm an, halt ihn ferne!" -

Nun zogen wir, im sicheren Geleite,
Entlang dem Ufer des purpurnen Sudes,
Drinn die Gesottnen grimme Schreie thaten.

Volk sah ich da versenkt bis zu der Braue:
Der große Centaur sprach: "Tyrannen sind es,
Die schnell die Hand geregt zu Blut und Plündrung.

Dahier beweint man unbarmherz'ge Sünden:
Schau Alexander, Dionis' den grausen,
Der einst Sicilien böse Jahre machte;

Doch jene Stirn da, die das Haar so schwarz hat,
Ist Azzolin, der andre da, der Blonde
Ist Obizzo von Esti, der in Wahrheit

Auf Erden dort erwürget ward vom Stiefsohn." -
Dann wandt' ich mich zum Dichter, doch er sagte:
"Der sei dir nun der Erst' und ich der Zweite." -

Ein wenig weiter machte der Centaur Halt,
Bei einer Schaar, die bis herauf zur Kehle
Hervorzustehn schien aus dem heißen Sprudel.

Er zeigt uns einen Schatten seitwärts, einsam,
Und sprach: "Der da durchstach im Schooße Gottes
Das Herz, das an der Themse noch verehrt wird." -

Drauf sah ich Schaaren, welche aus dem Strome
Das Haupt erhuben sammt dem ganzen Rumpfe,
Und von denselbigen gar Viel' erkannt' ich!

So wurde mehr und mehr nun immer seichter
Das Blut, so daß es nur die Füße deckte,
Und hier war unsre Furt durch diesen Graben.

"Gleichwie du hier nach dieser Seite schauest
Den Sprudel, daß er immer mehr versieget,
Sprach der Centaur: so will ich, daß du glaubest,

Daß nach der andern mehr und mehr sich tiefet
Sein Grund, bis wieder er dorthin gelanget,
Wo es der Tyrannei gebührt zu seufzen.

Die göttliche Gerechtigkeit zerpeinigt
Dort Attila, der einst der Erde Geißel,
Pyrrhus und Sextus und entpresset ewig

Die Thränen, die sie mit dem Sude löset
Dem Rinier von Cornet' und Rinier Pazzo,
Die allen Straßen so viel Kampf bereitet." -

Drauf wandt' er sich und lief die Furt zurücke.


Gesang 13

Über den Blutstrom gelangt, betritt Dante den zweiten Kreis der Gewalttätigen, den Wald der in wildes Dorngestrüpp verwandelten Selbstmörder, den Aufenthalt der missgestalteten Unglücksvögel, der Harpyen. Er hört mneschliche Wehklagen, sieht aber niemanden, der sie ausstößt. Da heißt ihn Virgil einen Zweig abbrechen. Als er ihm gehorcht, blutet der verletzte Stamm und fängt an zu schelten, erzählt aber, auf Virgils freundlichen Zuspruch, dass er, der Vertraute Friedrich des Zweiten, Pietro delle Vigne, sich selbst entleibt habe, als man ihn fälschlich des Verrates an seinem Herrn beschuldigt. Er bittet seinen Namen von dem Schlage der Missgunst wieder aufzurichten und gibt weitere Kunde von dem Zustande in diesem Kreise. Wenn die Seele, düsteren Unglücksgedanken Raum gebend, verwildert und sich selbst gewaltsam von ihrem Leibe trennt, bleibt die Trennung in ihrer Vorstellung ewig. Im Gefühl ihrer Unwürdigkeit fällt die an Gott verweifelte, Menschengestalt verlierend, dem Zufall anheimgegeben, eine Lebensstufe tiefer und wird ein hässlich verkrüppeltes Dorngewächs, in dessen Gezweige die zu trüben Vorstellungen, welche sie zum Frevel getrieben, in Gestalt der scheußlichen Harpyen ewig nisten. Sie vermag sich ihrer nun nicht mehr zu erwehren und hat keine andere Lebensäußerung als Klage, wenn sie an ihr nagen und zehren. Selbst am jüngsten Tage holt sie ihren Leib nur, damit er sie, an ihrem Gezweig aufgehangen, beständig ihres Frevels gemahne. Den Leib zu bewohnen, achtet sie sich selbst nicht würdig. - Während Dante dies von dem blutenden Stamme vernimmt: brechen, vor schwarzen Hündinnen (ewig jagenden Sorgen) fliehend, zwei menschlichgestaltete Schatten verwüstend durch das Dickicht. Der Vordere, Lano, ein Verschwender, welcher, in Sorgen verzweifelnd, den Tod im Gefecht gesucht, ruft, noch jenseits geängstet, den Tod an, aber vergeblich: die Seele stirbt nicht. Der andere, Jakopo von Sant Andrea, kam, nach Vergeudung seines Gutes, in Verzweiflung um: deshalb sieht ihn hier der Dichter von den schwarzen Hündinnen (den Sorgen), als er sich atemlos in einem Busche verbirgt, ergreifen und zerfleischen und zerstückt davontragen. Der dabei verletzte Busch klagt und bittet Dante, seine zerstreuten Blätter wieder um ihn zu sammeln, gibt einen abergläubigen Grund, künftigen Kriegsunglückes der Stadt Florenz, an, und schließt mit der Nachricht: dass er sich das eigene Haus zum Galgen gemacht: indem er sich darin erhenkt.

Es war da Nessus noch nicht ganz hinüber,
Als wir uns schon in ein Gebüsch begaben:
Das war von keinem einz'gen Pfad bezeichnet:

Nicht grüne Blätter, nein von fahler Farbe,
Nicht glatte Zweige, nein knotig verdrehte,
Nicht Aepfel waren da, nein gift'ge Dornen,

So rauhe Wälder und so dichte haben
Die wilden Thiere nicht, die, was bebaut wird,
Vermeiden zwischen Cecina und Corneto.

Hier bau'n ihr Nest die gräulichen Harpyen, die
Von den Strophaden die Trojaner trieben,
Mit trauriger Verkündung künft'gen Leides.

Breit ihre Flügel, Hals und Antlitz menschlich,
An Füßen Klauen, den großen Leib befiedert,
Wehklagen sie auf den seltsamen Bäumen.

Der gute Meister aber: "Eh' du weiter
Eindringst, vernimm: Du bist im zweiten Kreise,
Begann er mir zu sagen: und wirst darin sein;

Bis du gelangt zum schreckenvollenb Sandmeer:
Darum sieh wohl umher: ob du nicht Dinge
Gewahrst, die meine Rede dir bestät'gen?" -

Ich hörte ringsher Weheklagen ziehen,
Und sahe doch kein Wesen, das sie ausstieß:
Weshalb ich jetzo ganz verwirret anhielt.

Ich glaub' er mochte glauben ich vermeinte:
So viele Stimmen kämen durch die Büsche,
Von Leuten, die sich dort vor uns verborgen:

Drum sprach der Meister: "Wenn du hier ein Zweiglein
Von einem der Gewächse brichst, so werden
Die Wahngedanken, die du hegst, verschwinden." -

Da streckte ich die Hand ein wenig vorwärts
Und pflückt' ein Zweiglein eines großen Dornstrauchs:
Da schrie sein Stamm zu mir: "Warum mich brechen?" -

Und als er drauf von Blute dunkel worden
Schrie er auf's neu: "Warum mich so zerreißen?
Hast du nicht einen Odemzug von Mitleid?

Wir waren Menschen und sind nun Bäume worden!
Mitleid'ger hätte deine Hand sein sollen;
Wenn Schlangenseelen wir gewesen wären!" -

Gleichwie bei einem grünen Scheit, das brennet
An einem Ende, und am andern seufzet,
Und von dem Winde zischet, der entweichet:

So kam aus diesem Risse, mit einander,
Gespräch und Blut hervor, drum ließ den Wipfel
Ich fallen und stand Einem gleich, der Furcht hat.

"Wenn er vorher es hätte glauben können,
Sprach nun mein Weiser: Du verletzte Seele,
Was er allein aus meinem Lied ersehen;

So hätt' er nicht nach dir die Hand gerecket;
Doch das Unglaubliche ließ mich zur That ihn
Verleiten, deren Schuld mir selbst zur Last fällt.

Doch sag' ihm, wer du warst, daß er dagegen
Zu ein'ger Sühne deinen Ruf erneue,
Dort auf der Welt, wohin er wieder gehn darf." -

Und das Gezweig: "Du lockst mit süßem Wort so,
Daß ich micht schweigen kann: nicht fall' es lästig,
Wenn ich etwas mit Reden haften bleibe.

Der war ich, welcher heide Schlüssel hatte
Vom Herzen Friedrichs und so sanft sie wandte,
Zuschließend und aufschließend, daß aus dessen

Geheimniß jeden Mann ich gleichsam austrieb.
So treu war ich in dem ruhmvollen Dienste,
Daß Schlaf und Pulsschlag ich darum verloren.

Die Hure, welche niemals vom Palaste
Des Caesar die begier'gen Augen wandte,
Sie, Aller Tod und Laster aller Höfe,

Entflammte gegen mich so alle Seelen
Und die entflammten entflammten den August so,
Daß heitre Ehren trübe Trauer wurden!

Mein Geist, in seinem grambeschwerten Hange,
Vermeinend durch den Tod den Gram zu fliehen,
Macht' ungerecht mich gegen mich Gerechten.

Ja, bei den neuen Wurzeln dieses Holzes,
Schwör' ich euch zu, daß nie ich Treu' gebrochen,
An meinem Herrn, der so der Ehre würdig!

Und wenn der Euren einer zu der Welt kehrt,
Auf richt' er mein Gedächtniß, das noch daliegt
Vom Schlage, welchen Mißgunst ihm gegeben." -

Ein wenig horcht' er noch, dann, als er still war,
Sprach der Poet zu mir: "Verlier' die Zeit nicht,
Nein, sprich und frag' ihn, wenn dich mehr erfreuet." -

Drum ich zu ihm: "Befrage du ihn weiter
Um Alles, was du meinst; das mir genüge,
Da ich's nicht kann, solch Mitleid dringt ins Herz mir." -

Darauf begann er wieder: "Wenn der Mann dir
Gern jenes thun soll, was dein Wort begehret,
Gefangner Geist, woll' fürder dir's gefallen

Zu sagen: wie die Seel' in diese Knorren
Gebunden wird und, kannst du es, so sag' auch:
Ob keine je sich löst aus diesen Gliedern?

Da zischte laut derselbe Stamm und endlich
Verkehrte sich der Wind zu solcher Stimme:
"In aller Kürze wird hierauf Euch Antwort:

Wenn eine Seele sich verwildert scheidet
Vom Leibe, welchem sie sich selbst entrissen,
Schickt Minos sie zum siebenten der Schlünde.

Sie fällt zum Wald: kein Platz ist ihr erlesen,
Nein, wo der Zufall irgend sie hinschleudert,
Dort keimet sie empor gleichwie ein Speltkorn,

Sprießt auf als Schößling und als wilde Pflanze
Und die Harpyen dann ihrer Blätter zehrend,
Erzeugen Klag' und Fenster auch der Klage!

Wie Andre gehn wir einst nach unsrer Hülle;
Doch nicht daß Einer wieder sich mit kleide:
Unrecht wär' haben was der Mensch sich raubet!

Hier schleppen wir sie her, und in dem traur'gen
Wald werden unsre Leiber aufgehangen,
An seiner Seele läst'gem Dorn' ein Jeder!" -

Noch standen wir am Stamme dort aufmerkend,
Vermeinend, daß er mehr noch sagen werde:
Als wir von einem Lärm betroffen wurden,

Gleich einem Menschen, welcher einen Eber
Ankommen hört und hinter ihm das Jagen,
Und hört die Thier' und auch die Zweige prasseln.

Und siehe, Zween da von der linken Seite
Nackt und zerkrallet, so gewaltig fliehend,
Daß von dem Wald sie jeden Fächer brachen.

"Herbei, herbei o Tod!" so schrie der Vordre,
Der Andre, der zu langsam sich im Lauf schien,
Schrie nach ihm: "Lano, deine Beine waren

Nicht so geschäftig im Gefecht am Toppo!" -
Und drauf, als ihm vielleicht der Odem ausging,
Macht' er aus sich und einem Busch ein Bündel.

Und hinter ihnen war der Wald erfüllet
Von schwarzen Hündinnen, gierig und jagend,
Wie Doggen, welche von der Kette los sind.

In den Geduckten hieben sie die Zähne
Und rissen selbigen in Stück' und Fetzen,
Dann trugen sie dahin die wehen Glieder.

Es nahm mich bei der Hand nun mein Geleiter,
Und führte mich zum Strauch hin, der vergeblich
Durch alle jene blut'gen Risse weinte.

"O Jakob, rief er aus: von Sant' Andrea!
Was half dir's: daß du mich als Schirm gebraucht hast?
Hab' ich wohl Schuld an deinem sünd'gen Leben?" -

Und als mein Meister jetzo bei ihm stillstand,
Sprach er: Wer warst du, der so vielen Stellen
Mit Blut entathmet schmerzenvolle Rede?" -

Und er zu uns: "Ihr Seelen, die gekommen,
Hier anzuschaun das ehrberaubte Metzeln,
Das meine Blätter so von mir getrennt hat:

O sammelt sie am Fuß des traur'gen Büschels!
Ich war aus jener Stadt, die mit dem Täufer
Getauscht den früheren Beschirmer, weshalb

Der stets mit seiner Kunst sie wird betrüben;
Und, wär es nicht, daß an der Furt des Arno
Von ihm annoch etwas zu schauen bliebe:

Die Bürger, die vordem sie, auf der Asche,
Die Attila zurückließ, neu erbauet,
Hätt' er daselbst umsonst arbeiten machen.

Zum Galgen schuf ich mir die eigne Wohnung!


Gesang 14

Dante sammelt die zerstreuten Blätter um den klagenden Stamm und betritt den dritten Kreis der Gewaltthätigen, wo die Gewaltthätigen gegen Gott Strafe leiden. Das Licht göttlicher Liebe und Wahrheit, welches die Heiligen beseligt, die sich Bessernden läutert, selbst die guten Heiden in der Vorhölle noch heiter umstrahlt, sahen wir schon den Läugnern der Unsterblichkeit zur Qual werden; doch traf es dort nur die Grüfte derselben, die Sinnbilder des ewigen Todes, den sie gelehrt; - aber dem Bewußtsein derer, die sich unmittelbar an Gott versündigt, wird es zur unmittelbaren Qual, und der Dichter sieht es hier nicht als einiges Licht, sondern in Gestalt zerrissner, sengender Feuerflocken auf die Schuldigen herabfallen, die entweder durch tolle Läuterung, oder widernatürliche Entweihung der Liebe, oder durch Wucher gewaltthätig wider Gott handelten. Die erste Schaar, die der Lästerer, liegt zu Boden geschmettert auf ödem fruchtlosen Sandgefilde, noch immer ohmächtig trotzend, und nicht eigentlich die Flammenerscheinung Gottes; sondern ihr eigner Trotz dagegen, ist ihre Qual. Diesen tiefen Gedanken sehn wir an Kapaneus vorgebildet, mit welchem Virgil spricht. - Die zweite Schaar, welche die Liebe entweiht hat, ist in ewiger Flucht vor den reinen Flammen, die nur den ewig Unreinen Brandmale sengen, während die sich wieder zu Gott Wendenden selbst der Heide Virgil, wie die selige Beatrice davon nicht verletzt werden. - Die dritte Schaar, die der Wucherer, krümmt sich in sich zusammen, hält die eitle nun leere Geldtasche noch immer fest und strebt vergebens sich die Gedanken an Gottes Güte abzuwehren, welche sie brennend überfallen; weil sie an ihr gefrevelt. Nachdem die Dichter immer am Walde hingehend, an deer ersten Schaar vorüber sind, gelangen sie zu einem blutrothen Bach: Virgil sagt: derselbe sei merkwürdiger als alles bisher Erblickte, und erklärt seinem Schüler die Entstehung der Höllenflüsse, die eigentlich immer derselbe Sündenstrom sind. Er hat seinen Ursprung aus der Zeiten Verderbniß, die in dem aus Gold, Silber, Kupfer, Eisen und Thon geformten und zersprungnen Bilde eines Greises versinnlicht wird, fließt nicht ins Meer, sondern in den Abgrund, zuerst den traurigen Acheron dann den heißen Styx, dann tiefer den von Blut kochenden Phlegeton, zuletzt aber um den Dis, von dem alle Trauer kommt, den durch diesen erstarrenden Cocytus bildend. Dante frägt nach dem Lethe, Virgil aber sagt ihm: der sei nicht in der Hölle, sondern jenseits, außerhalb, wo bessere Seelen sich nach vollbrachter Buße waschen. Hierauf durchschneiden sie den Kreis, am versteinerten Ufer des Baches hinwandelnd. Ueber demselben erlischt natürlich das göttliche Flammen, eben weil der Strom der verdunkelnde Sündenstrom ist: wo er sich zuletzt als Cocytus sammelt schwindet auch elle Wärme.

Da Liebe zu dem Ort, wo ich geboren,
Mich antrieb, rafft' ich die zerstreuten Blätter,
Und gab sie dem zurück, der nun schon heiser.

Dann kamen wir zur Gränze, wo sich theilet
Der zwote Kreis von dritten und allwo man
Sieht der Gerechtigkeit entsetzlich Schalten.

Die neuen Dinge recht zu offenbaren,
Sag' ich, daß wir zu einer Ebne kamen,
Die jede Pflanz' aus ihrem Lager ausstößt.

Ihr ist der wehevolle Wald Umkränzung,
Ringsher, wie diesem der unsel'ge Graben.
Hier hielten wir die Füß' an, Rand bei Rande.

Der Boden war ein dürrer Sand und häuf'ger:
Nicht andrer Art beschaffen als derselbe,
Der von den Füßen Cato's einst gedrückt ward.

O Strafe Gottes, wie mußt du von Jedem
Gefürchtet werden, welcher dereinst lieset:
Was meinen Augen offenbar geworden!

Von nackten Seelen sah ich viele Herden,
Die all' gar kläglich weinten, und verschiednes
Gesetz schien ihnen dorten auferleget:

Ein Volk lag auf dem Rücken, an der Erde:
Ein andres saß da, ganz in sich gekauert:
Ein drittes rannte da ganz unaufhörlich.

Des Volks, das umlief, war bei weitem mehr da
Und wen'ger dessen, welches in der Pein lag;
Doch mehr zum Schrei gelöst war dessen Zunge.

Auf all' den mächt'gen Sand da, leisen Falles,
Hinregneten gelöste Feuerflocken:
Wie eines Schnees in Alpen, ohne Windhauch.

Wie Alexander, in den heißen Fluren
Von Indien, auf seinen Haufen Flammen
Herfallen sah, noch auf der Erde lodernd:

Weshalb bedacht er war den Grund zu stampfen
Mit seinen Schaaren, weil die Glut sich besser
Auslöschen ließ, so lang sie einsam brannte:

Dem ähnlich fiel die ew'ge Glut hernieder;
Wovon der Sand erglomm, wie unter'm Stahle
Der Zunder, um das Leiden zu verdoppeln.

Ohn' irgend eine Ruhe war das Tanzen
Der armen Hände, hierin jetzt, dann dorthin,
Den frischen Brand von sich zurückeschlagend:

Und ich begann: "O Meister, der besieget
Die Dinge all'; nur nicht die harten Teufel,
Die uns am Thoreingang entgegenkamen:

Wer ist der Große, der da scheint als acht' er
Des Brands nicht, und so höhnend und verdreht liegt:
Daß ihn der Regen nicht zu reifen scheinet?" -

Und jener Selb'ge, deß gewahr geworden:
Daß meinen Führer ich um ihn befraget,
Schrie: "Wie ich lebend war: so bin ich todt auch!

Ob Zeus ermüde seinen Schmidt, von welchem
Er zürnend den geschärften Blitz genommen,
Davon am letzten Tag' ich ward durchschmettert:

Und wenn umwechselnd er die andern müd' macht,
Im Monghibello, in der schwarzen Werkstatt,
Hinschreiend: Freund Vulkanus, hilf mir, hilf mir!

Wie er gethan bei dem Gefecht von Phlegra,
Und mich mit aller seiner Stärke schleudert:
Doch würde nimmermmehr ihm frohe Rache!" -

Mein Führer rief hierauf mit solcher Stärke,
Daß ich so laut ihn nimmer noch gehöret:
"O Kapaneus, in dem, daß nie sich dämpfet

Dein Ueberstolz, bist du weit mehr gestrafet!
Und keine Marter, außer deinem Toben,
Wär' deiner Wuth so ganz vollkommne Zücht'gung!" -

Dann wandt' er sich zu mir mit sanftrer Lippe
Und sprach: "Der war der sieben Kön'ge einer,
Die Theben stürmten, und bot und heut, so scheint es,

Gott Trotz und wenig scheint er ihn zu ehren;
Doch seine Schmähungen sind, wie ich's sagt' ihm,
Recht seiner Brust gebührende Brandmäler.

Nun folg' mir nach und schau', daß du die Füße
Anjetzt nicht in den Sand, der glühet, setzest:
Nein, halt sie immer dicht am Wald zurücke." -

Stillschweigend kamen wir hin, wo ein Bächlein,
Ein kleines, außerhalb des Walds entsprudelt,
Des Röthe mich noch jetzo schaudern machet.

Wie von dem Bulicam' das Bächlein ausgeht,
Das unter sich die Sünderinnen theilen,
So durch den Sand hinabrann dieses gleichfalls.

Sein Grund und seines Ufers Hänge waren
Zu Stein geworden, auch die Seitenränder,
Woraus ich merkte, daß daselbst der Pfad war.

"Von allem Andern, was ich dir gezeiget,
Nachdem wir eingewandert durch den Eingang,
Desselben Schwelle Niemandem verwehrt ist,

Ward noch kein Ding von deinem Aug' entdecket,
Merkwürdig wie das gegenwärt'ge Bächlein,
Das über sich die Flammen sämmtlich auslöscht." -

Er waren dies die Worte meines Führers:
Drum bat ich: daß er mir die Speise reiche,
Wonach er mir gespendet das Verlangen.

"Im Meere lieget ein verwüstet' Eiland,
Sprach er nun weiter: das Creta genannt wird,
Unter deß König einst die Erde keusch war:

Ein Berg ist dorten, vormals sehr anmuthig,
Durch Wasser und Gebüsch, der Ida heißet:
Nun ist verödet er als etwas Altes.

Rhea erwählt' ihn einst, zur sichern Wiege
Für ihren Sohn, und um ihn nicht zu bergen
Hieß, wenn er weinte, sie Geschrei erheben.

Im Berge steht aufrecht ein großer Alter,
Der seine Schultern kehret gen Damiata,
Und Rom anschauet als wie seinen Spiegel.

Es ist sein Haupt gemacht aus feinem Golde
Und reines Silber ist, so Arm als Busen:
Dann ist von Kupfer er bis zu der Gablung.

Von da hinab ist Alles gutes Eisen;
Nur daß der rechte Fuß gebrannter Thon ist,
Und ruht auf dem doch mehr, als auf dem andern.

Zerspellt ist jeder Theil; das Gold allein nicht,
Von einem Risse, welcher Thränen träufelt,
Die dann vereint aushöhlen jene Grotte.

Ihr Lauf ergießet sich in diesen Abgrund:
Sie bilden Acheron und Styx und Phlegeton
Und gehen dann durch die enge Leitung nieder,

Bis zu dem Ort, wo man nicht mehr hinabsteigt.
Sie bilden den Cocyt und - welch ein Sumpf dies -
Du wirst es sehn; drum wird's hier nicht erzählet." -

Und ich zu ihm: "Wenn gegenwärt'ges Bächlein,
In solcher Art von unsrer Welt herabkommt:
Warum erscheint es erst an diesem Rande?" -

Und er zu mir: "Du weißt, der Raum ist rund hier,
Und bei dem allen, daß du mehr zur Linken
Hereingelangt, hinab zum Grunde steigend,

Hast du noch nicht den ganzen Kreis umwandelt:
Darum: wenn dir ein neues Ding erscheinet,
Darf es kein Staunen in dein Antlitz bringen." -

Ich aber: "Meister wo ist Phlegeton dann?
Und Lethe; da du von dem einen schweigest,
Vom andern sagst: er komm aus jenem Träufeln?" -

Jedwede deiner Fragen, war die Antwort:
Erfreut mich; doch des rothen Wassers Kochen
Könnt' ihrer eine lösen, die du thatest.

Wirst Lethe schaun; doch außerhalb des Abgrunds:
Allwo die Seelen sich zu waschen gehen,
Sobald die Schuld bereut und abgewälzt ist." -

Dann sprach er: "Nun ist's Zeit, sich zu entfernen
Vom Walde, siehe daß du hinter mir gehst:
Die Ränder geben Pfad, die nicht entglommen,

Und über ihnen lischt jedwede Flamme." -


Gesang 15

Der Sündenstrom verhüllt sich wider die göttlichen Flammen in finsteren Qualm. Auf einem seiner nur schwachen Dämme wandern die Dichter dahin und erblicken nun die Seelen derer, die sich mit widernatürlicher Unzucht befleckt. Gleichsam lichtscheu fliehen diese Unreinen die reinen göttlichen Flammen. Nicht in dem Licht, in ihnen selbst in dem sündhaften Boden, auf dem sie wandeln, ist ihre Qual (s. Hölle 14,73), der Feuerregen besteht aus Teilen göttlichen Lichtes, höllische Flammen gibt es bei Dante nicht. Das Böse ist bei ihm dunkel und leidet vom göttlichen, himmlischen Licht nur, weil es ihm ewig entgegensteht. Im ersten Buche Moses 19,24 heißt es ausdrücklich: "Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen von dem Herrn, vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha." Dieses himmlische Feuer vom Herrn peinigt nach Epistel Judae 7 Sodom ewiglich, und Dante hat diese Vorstellungen in sein großes Ganze verwebt. Die widernatürlich Unkeuschen trotzen dem göttlichen Lichte nicht wie die Lästerer, sie ertragen wie Adam nach dem Sündenfall das Nahen Gottes nicht, sie fliehen, als schämten sie sich ihrer Sünde, und wagen nicht stehen zu bleiben. Dieser Zustand ist trefflich geschildert an einem der Sünder, Dantes ehemaligen Lehrer, Brunetto Latini, der ihm entgegenkommt, nicht stehen bleiben will, aber umkehrt und eine Zeitlang mit ihm wandelt. Derselbe schilt die Sitten der Florentiner, ermahnt Dante, sich davon zu säubern, ermutigt ihn zu seinem Werke und sagt ihm endlich gar, dass seine dereinstige Verbannung aus Florenz zu seinem Seelenheil gereichen werde: alles Charakterzüge, die beweisen, dass Dante diesen Sündern erwachte Furcht vor der Gottheit und teilweise Erkenntnis des Göttlichen beilegt, Brunetto Latini nennt ihm noch einige der hier leidenden Sünder, worunter viele Jugendlehrer, und eilt sodann, seine Schar wieder einzuholen.

Nun trägt uns einer jener harten Säume,
Und drüber nachtet so des Baches Qualmen,
Daß Fluth und Dämm' es vor dem Feuer birget

Wie zwischen Brügge und Cadsant die Flandrer,
Bang vor der Fluth, die gegen sie sich anwirft,
Den Schrim erbaun, damit das Meer entweiche:

Und wie die Paduaner, längs der Brenta,
Zu schützen ihre Villen und Kastelle,
Noch ehe Kärnthen Sommerwärme spüret:

In gleicher Art erbauet waren selbe;
Obwohl sie nicht so hoch und nicht so mächtig,
Wer es nun war, der Meister aufgeführet.

Schon waren wir vom Wald so weit entfernet,
Daß, wo er war, ich nicht mehr schauen konnte,
Hätt' ich darum mich auch zurückgewendet:

Als eine Schaar von Seelen wir antrafen,
Die längs des Dammes kam und eine jede
Schaut' uns so an, wie Einer pflegt am Abend

Den Andern anzuschaun, zur Zeit des Neumonds:
Und spitzeten nach uns die Augenbrauen,
Gleichwie ein alter Schneider nach dem Oehre.

So angeblinzt von selbiger Gesellschaft,
Ward ich erkannt von Einem, der am Saume
Mich fassete, und schrie: "O welch ein Wunder!" -

Und ich, als seinen Arm er nach mir streckte,
Senkte mein Aug' in den verbrannten Anblick,
Bis das versenkte Antlitz meine Sinne

Nicht länger hinderte, ihn zu erkennen:
Und mein Gesicht hin zu dem seinen neigend,
Antwortet' ich: "Seid ihr da, Herr Brunetto?" -

Und er: "Mein Söhnlein, laß dir's nicht mißfallen,
Wenn Brunetto Latini nun ein wenig
Mit dir umkehrt und die Gefährten ziehn läßt." -

Ich sprach: "So viel ich kann, bitt' ich um Solches,
Und, wollt ihr daß ich mich mit euch hier setze,
Thu ich's, gefällt es dem, mit dem ich gehe." -

O Söhnlein, sprach er: wer von dieser Heerde
Nur stehen bleibt, der liegt dann hundert Jahre,
Ohn' sich zu fächeln, wenn die Glut ihn senget.

Drum geh nur fort, ich folge deinem Saume
Und kehr dann wieder um zu meiner Rotte,
Die läuft, beweinend ihre ew'gen Schäden." -

Ich wagte nicht vom Weg hinabzusteigen,
Um gleich mit ihm zu gehn; doch hielt das Haupt ich
Geneigt, wie Einer der verehrend wandelt.

Anhub er: "Welcher Zufall, welche Schickung,
Führt hier herab dich vor dem letzten Tage?
Und wer ist Jener, welcher dir den Weg zeigt?" -

"Dort oben, oben in dem heiteren Leben,
Sprach ich, verlor ich mich in einem Thale,
Bevor annoch mein Lebensziel erfüllt war.

Erst gestern Morgen wandt' ich ihm den Rücken:
Der hier erschien mir, als ich drein zurücksank,
Und führt mich wieder heim auf diesem Wege." -

Und er zu mir: "Wenn deinem Stern du folgest,
Kannst ehrenvollen Hafen du nicht fehlen;
Hab ich es recht erkannt im schönen Leben:

Und wenn ich nicht so früh gestorben wäre,
Ersehend, das der Himmel dir so gnädig,
Ich hätte dich zu deinem Werk ermuntert.

Allein das Volk, das boshaft undankbare,
Das niederstieg von Fiesole vor Alters,
Und noch etwas vom Berg hat und vom Felsen:

Läßt einst, zum Heil dir, sich zum Feind dir machen
Und es ist recht: denn unter herbe Sorbi
Schickt es sich nicht, zu pflanzen süße Feigen!

Uralte Sag' auf Erden nennt sie Blinde,
Ein geizig Volk, ein neidiges und stolzes;
Schaff', daß von ihren Sitten du dich säuberst!

So viel der Ehr' bewahret dein Geschick dir,
Daß ein Theil wie der andre hungern werden
Nach dir; doch ferne sei das Kraut dem Schnabel!

Stroh machen sollen die Fiesoler Thiere,
Aus ihnen selbst und nicht die Pflanze rühren,
Dafern noch eine ihrem Mist entsprießet:

Worin aufleben soll der heilge Saame
Derselben Römer, die da blieben, während
Das Nest erbaut ward für so viele Bosheit." -

"Wenn alles mein Gebet erfüllet wäre,
Antwortete ich ihm: noch wärt ihr jetzo
Nicht aus der menschlichen Natur verbannet;

Denn stets im Sinn bleibt, und in's Herz kommt nun mir
Das lieb' und gute väterliche Abbild
Von euch: wie ihr auf Erden stündlich, stündlich

Mich lehretet: wie sich der Mensch verewigt!
Und wie ich werth es halte soll man immer,
So lang ich leb', an meiner Zunge schauen!

Was ihr erzählt von meinem Lauf, ich schreib' es
Und heb es auf, sammt andrem Wort, zur Zwiesprach
Mit Einer, die ihn weiß, - gelang' ich zu ihr.

So viel, das will ich, sei euch offenbaret,
Daß, wenn mich mein Gewissen nur nicht martert,
Zum Schicksal, wie es will, ich schon bereit bin.

Nicht neu ist meinen Ohren dieses Angeld:
Drum, wie es ihr geliebt, schwing' jetzt Fortuna
Ihr Rad um und der Bauer seine Hacke!" -

Da wandte sich auf seiner rechten Wange
Zurück mein Meister, und sah mir in's Antlitz,
Dann sagte er: "Wohl höret wer es merket!" -

Allein, darum nicht wen'ger redend, ging ich
Mit Herrn Brunnett' und fragte: wer da seiner
Genossen erste und vornehmste wären? -

Und er zu mir: "Gut ist es Ein'ge kennen
Von Diesen, doch von andern schweigen löblich;
Da kurz die Zeit wär' zu so vielem Sprechen.

Im Ganzen wisse, daß sie sämmtlich Schüler,
Auch wohl Gelehrte waren, großen Rufes,
Von einerlei Vergehn auf Erden schmutzig.

Priscianus läuft mit dieser traur'gen Schaar da,
Franziskus von Accorso auch, und, hättest
Verlangen du gehabt nach solchem Grinde,

Du konntest den sehn, der vom Knecht der Knechte
Vom Arno ward versetzt zum Bachiglione,
Wo er dann ließ die arggespannten Nerven.

Mehr sagen würd' ich; doch mitgehn und reden
Kann nun nicht länger dauern; weil ich dorten
Aufsteigen sehe neuen Qualm vomm Sange:

Volk kommt allda, bei welchem ich nicht sein darf!
Es sei dir anempfohlen mein Thesaurus,
In dem ich annoch leb' und mehr nicht bitt' ich!" -

Drauf wandt' er sich und schien von denen einer,
Die zu Verona nach dem grünen Tuche
Durch's Feld hinlaufen, und erschien von diesen

Der, welche obsiegt und nicht der verspielet.


Gesang 16

Die Wandernden vernehmen nun schon das Brausen des zu dem Kreise der Trügenden hinabstürzenden Sündenstromes. Da trennen sich drei der vorüberfliehenden Schatten von der Schar der Übrigen und bitten Dante stehen zu bleiben. Er tut es, nach dem Virgil gesagt: dass sie, ihren Fehl ausgenommen, ehrenwerte Männer seien.Sie fassen sich alle drei bei den Händen und laufen so im Kreise umher, da sie nicht wagen, still zu stehen. Dante erfährt, dass zwei der Schatten von jenen sind, wonach der Ciacco gefragt (Hölle 6,79), nämlich Tegghiajo Aldobrandi und Jakopo Rusticucci; der dritte aber ist Guidoguerra. Alle sind Florentiner und Dante bezeigt ihnen als Staatsmännern solche Achtung, dass er sagt, er würde unter sie hinabgesprungen sein, wäre die Glut nicht gewesen. Rusticucci fragt den Dichter: ob noch Großmut und Edelsinn in Florenz herrschen? Dante aber ruft aus: dass das neue Volk, das vom Land und aus der Fremde in die Stadt gezogen, und plötzlich erworbener Reichtum Florenz stolz und übermütig gemacht, worüber es bereits zu weinen habe. Die drei Florentiner bekräftigen das Treffende seines Ausrufs, lösen ihr Rad auf und eilen ihrer Schar nach. Weiterhin gelangt Dante, wo der Sündenstrom tosend in den Abgrund stürzt. Virgil will seinem Schüler nun das Bild des Trugs in aller Anschaulichkeit aus dem Abgrunde herauf erscheinen lassen, was nicht geschehen kann, wenn Dante sich nicht aller List entäußert: er heißt ihn deshalb das Symbol der List, den Strick abnehmen, womit er noch umwunden ist und womit er einst den Panter, d. h. das sinnliche Vergnügen, listig erhaschen wollen. Dante gibt ihn als ein verwickeltes Knäuel an Virgil und dieser schleudert es in den Abgrund. Da erhebt sich nach und nach aus der dunklen Tiefe das ganze scheußliche Bild des Truges von Dantes Auge. Wir findes es zu Anfang des siebzehnten Gesanges vollständig geschildert.

Schon war ich dort, wo man vernahm das Brausen
Des Wassers, das zum andern Kreis hinabfiel:
Dem Summen gleich, das Bienenkörbe machen:

Als miteinander sich drei Schatten trennten,
Im Lauf, von Einem Schwarme, der vorbeifloh,
Unter dem Regensturz der strengen Marter:

Sie kamen auf uns zu und Alle schrieen:
"Du bleibe stehn; denn nach dem Kleide scheinst du,
Ein Mann zu sein aus unsrer Stadt, der argen!" -

Weh, welche Wunden sah ich ihren Gliedern,
So neu als alt, von Flammen eingesengt!
Noch thut mir's weh; wenn ich daran nur denke.

Auf ihr Zurufen achtete mein Weiser,
Und wandte sein Gesicht mir zu und: "Warte!
Sprach er: denn höflich muß man sein zu diesen!

Und, wäre nicht das Feuer, welches sprühet
Des Orts Natur; so würd' ich sagen: mehr noch
Als ihnen ziemte dir gefäll'ges Eilen." -

Da huben, als wir standen, Jene wieder
Ihr altes Lied an und, genaht uns, machten
Ein Rad aus sich zusammen alle dreie

Wie Kämpfer pflegen nackend und gesalbet
In's Aug zu fassen ihren Griff und Vortheil,
Eh untereinander sie sich haun und stoßen:

So hielt umwirbelnd Jeder dort sein Antlitz
Auf mich gewendet; daß der Hals die Reise
Den Füßen immerdar entgegen machte.

"Und, bringet Elend dieses losen Ortes
Uns in Verachtung, uns und unsre Bitten,
Fing Einer an: und schwarz und nacktes Aussehn;

Neig' unser Ruhm das Herz dir, uns zu sagen:
Wer du bist, welcher die lebend'gen Füße,
So ungefährdet, durch die Hölle schleifet?

Der hier, des Spuren du mich treten siehest,
Bei allem, daß er nackt ist und geschunden,
War er an Range höher als du glaubest:

Der trefflichen Gualdrada Enkel war er,
Hieß Guidoguerra, und in seinem Leben
That viel er mit dem Geist und mit dem Schwerdte.

Der Andre, welcher hinter mir den Sand tritt,
Ist Tegghiajo Aldobrandi, dessen Namen
Man oben auf der Erde schätzen sollte!

Ich aber, der mit ihm in gleicher Qual ist,
War Jakob Rusticucci, und mehr hat sicher
Mein fühllos Weib, als andres mir geschadet!" -

Wär ich geschirmt gewesen gen das Feuer,
Ich wäre unter sie hinabgesprungen:
Mein Lehrer hätt' es, glaub' ich, auch gelitten;

Doch, weil ich mich verbrannt hätt' und gesenget,
So überwand die Furcht den guten Willen,
Der mich begierig schuf, sie zu umarmen.

Dann hub ich an: "Verachtung nicht, nein, Leid hat
Mir euer Zustand in das Herz gedrücket
(Wovon ich mich erst spät befreien werde)

Sogleich, als mein Gebieter hier mir Worte
Gesagt, woraus ich bei mir selbst geschlossen:
Daß solche Leute, wie ihr seid, nun kämen.

Aus eurer Stadt bin ich und immer hab' ich
Mir euer Thun und die geehrten Namen
Mit Inbrunst vorgestellt und angehöret.

Ich laß die Gall' und geh nach süßen Aepfeln,
Versprochen mir von dem wahrhaften Führer:
Doch bis zum Centrum muß zuvor ich stürzen." -

"Soll deine Seele lange deine Glieder
Geleiten, gab mir Jener nun zur Antwort: <
Und soll' dein Ruhm noch lange nach dir leuchten;

Sprich: wohnen Edelsinn und Tapferkeit noch
In unsrer Stadt, wie sie vordem gepfleget,
Wie, oder sind sie ganz daraus entwichen?

Denn Guglielmo Borsiere, der seit kurzem
Klagt mit uns und dort geht mit den Gefährten,
Betrübt uns sehr mit allen seinen Reden!" -

"Das neue Volk, die plötzlichen Gewinne
Sie haben Stolz und Uebermuth erzeuget
In dir Florenz, daß schon darum du weinest!" -

So rief ich mit erhobnem Antlitz; aber
Die Drei, so dies als Antwort nahmen, blickten
Sich an einander, wie man blickt bei Wahrheit.

"Wenn andremal' es dich so wenig kostet,
War Aller Antwort: Andern zu genügen,
Glückselig du, der also für sich hinruft!

Drum wenn du kommst aus diesen düstern Orten,
Und wieder kehrst, zu schaun die schönen Sterne,
Und es dich freut zu sagen: ich war dorten!

Sieh, daß von uns du redest zu dem Volke." -
Drauf lösten sie das Rad auf und im Fliehen
Erschienen Flügel ihre schnellen Füße.

Ein Amen ließe nimmermehr sich sprechen,
So schnell, wie sie von da entschwunden waren:
Darum gefiel dem Meister es, zu gehen.

Ich folgt' ihm. Wenig waren wir gegangen,
Als uns der Schall der Wasser schon so nah war,
Daß unser Wort kaum wär' vernommen worden.

Wie jener Strom, der seinen eignen Lauf hat,
Zuerst vom Berge Viso gegen Osten,
Herab vom linken Hang' der Apenninen,

Und Aquacheta oberhalb genannt ist,
Bevor thalein er stürzt in's tiefe Bette,
Und dieses Namens ledig ist bei Forli:

Da, oberhalb San Benedetto, braust er
Herab die Alpen in einem Sprung zu stürzen,
Wo sich für Tausend Obdach finden sollte.

So hörten wir, ein steil Gestad hinunter,
Das dunkle Wasser tosen, also, daß es
Das Ohr betäubet hätt' in wenig Stunden.

Ich hatte einen Strick um mich geschlungen,
Und mit demselben meint' ich irgend einmal
Den Panther mit dem bunten Fell zu haschen:

Hierauf, als ich ihn ganz von mir gelöset,
Also, wie mein Geleiter mich geheißen,
Reicht' ich ihm den, gewunden und gewickelt:

Worauf er sich zur rechten Seiten wandte
Und dann, etwas entfernt von dem Gestade,
Hinab ihn schleuderte zum tiefen Abgrund.

Gewiß muß etwas Neues hier entsprechen,
Begann ich zu mir selbst: dem neuen Zeichen,
Dem mit dem Auge so der Meister nachfolgt.

O wie bedachtsam müssen doch die Menschen
Bei denen sein, die nicht allein das Thun sehn,
Nein auch in die Gedanken mit dem Sinn schaun.

Er sprach zu mir: "Bald wirst du oben schauen
Was ich erwart', und was dein Sinnen träumet,
Muß bald sich deinem Angesicht enthüllen." -

Der Wahrheit, die das Antlitz trägt der Lüge,
Soll, wie er kann, der Mensch die Lippen schließen;
Weil ohne Schuld er Schande sich bereitet;

Doch hier kann ich nicht schweigen, und bei dieser
Komödie Versen, schwör' ich Dir, o Leser,
Wenn sie nicht langer Gunst entbehren sollen:

Daß ich durch jene dicht' und finstre Luft da
Aufsteigen sahe, schwimmend, ein Gebilde,
Verwunderlich gewiß jedwedem Herzen!

Wie der zurückkehrt, welcher taucht, den Anker
Zu lösen, der entweder ein Felsen
Packt, oder was sonst noch im Meer verborgen,

Sich oben strecket, und die Füße nachzieht.


Gesang 17

Der dreileibige Gerion des Altertums, der, schändlichen Verrat übend, die Fremden seinen Stieren vorwarf, bis Herkules ihn dreimal getötet, erscheint hier, poetisch umgestaltet, als Bild des Truges, mit ehrlichen Mannes Antlitz, mit nach Katzenart in Haar verborgenen Klauen und mit rätselhaft buntem, geringeltem und geschildetem Schlangenkleide, dessen Schwanz nach Skorpionenart in eine spitze Gabel endigt. Sein Benehmen ist seinem Sinn gemäß: er landet vorsichtig nur mit dem Leibe und, auf Fang lauernd, schaukelt er seinen Schweif, die alles durchbohrende, hinterlistige Waffe in der Luft. Als die Dichter zu ihm hinabgehen, gewahrt Dante auf einem Vorpsurnge des glühenden Sandfeldes, gegen den Abrund des Betrugs hin, die Seelen der Wucherer sitzen, die, zu ewiger Erinnerung, ihren Geldsäckel vor der Brust hängen haben, darauf noch das Wappen, das sie geschändet. Ihre Sünde hängt ihnen ewig an und sie krümmen sich in sich zusammen, wenn die Gedanken an Gott, an dem sie sich versündigt, sie in Gestalt sengender Feuerflocken überfallen. Sie sprechen höhnend von noch Lebenden, die ihren Adel durch Wucher schänden, und Dante verweilt nicht lange bei diesen Unkenntlichen; sondern eilt zu Virgil, welcher bereits die Schultern des gefälligen Truges erstiegen. Nicht ohne große Furcht, klimmt Dante zu ihm hinauf; aber Virgil (die Einsicht) schirmt ihn gegen den drohenden Schweif des Ungeheuers, indem er sich zwischen denselben und seinen Schüler setzt. So fliegen sie in mannigfachen Kreisen hinunter, zu dem nach und nach deutlicher erdämmernden Abgrund, wo Gerion sie, dem zum Cocyt hinabstürzenden Sündenstrom zur Linken, niedersetzt und unwillig, dass er Virgil (der Einsicht) halben, keinen Trug vollführen können, von dannen eilt, wie ein geschnellter Pfeil.

"Da sieh das Unthier mit gespitztem Schweife,
Das Berge durchdringt, Mauern bricht und Schilde:
Da sieh es, was die ganze Welt verpestet!" -

So hub mein Führer an zu mir zu sprechen
Und winkte ihm, daß zu dem Rand es käme,
Dicht an das Ende jenes Marmorpfades.

Und dies scheuselige Gebild des Truges
Kam an und kam herauf mit Brust und Schultern;
Doch zog es seinen Schweif nicht an das Ufer.

Sein Antlitz war gerechten Mannes Antlitz,
Gar linde hatte es sein Fell von außen,
Das andre Ende aber gänzlich Schlange,

Zwei Tatzen haarbedeckt bis zu den Schultern,
Den Rücken und die Brust und beide Seiten
Hatt' es bemalt mit Knoten und mit Schildchen.

Einschlag und Aufsatz im Gewebe machen
Mit mehren Farben Tartarn nicht noch Türken,
Auch spannte solche Weben nie Arachne.

So wie zuweilen an dem Strand die Kähne
Halb in dem Wasser stehn, halb auf dem Lande,
Und so wie dort sich bei den deutschen Schlemmern

Der Biber setzt, um seine Jagd zu machen:
So saß das schlimmste Unthier auf dem Saume,
Der mit Gestein beschließt die sand'ge Wüste.

Es schaukelte sein Schweif da ganz im Leeren,
Nach oben drehend seine gift'ge Gabel,
Die nach Skorpionart das Ende waffnet.

Der Führer sprach: "Es muß sich unsre Wandrung
Nunmehr ein wenig drehen bis zu jenem
Bösart'gen Unthier, welches dort sich lagert." -

Drum stiegen wir hinab der rechten Brust nach,
Und machten zehen Schritte auf dem Borde,
Um recht den Sand zu meiden und das Glimmen.

Und als wir zu dem Thiere hingekommen,
Sah ich, ein wenig weiter auf dem Sande,
Dasitzen Leute, nah' dem engern Raume.

Hier sprach der Meister: "Damit du vollkommne
Erfahrung mit dir nimmst aus diesem Kreise,
So geh nunmehro hin und schau ihr Treiben.

Kurz aber seien dorten deine Reden:
Indem du kehrest, red' ich mit dem Thiere,
Daß es uns leihe seine starken Schultern." -

So annoch auf dem allerletzten Vorsprung
Des siebenten Umkreises, ganz alleine
Ging ich, wo jene traur'gen Leute saßen.

Hervor aus ihren Augen brach das Leiden,
Bald hier bald da mit ihren Händen wehrten
Sie bald den Gluthen, bald den heißen Boden.

Nicht anders machen es die Hund' im Sommer,
Bald mit dem Maul, bald mit dem Fuß, gebissen
Von Flöhen, oder Fliegen, oder Bremsen.

Drauf als das Aug' ich Ein'gen senkt' in's Antlitz,
Darein das qualenvolle Feuer triefet,
Erkannt ich Keinen; aber ich gewahrte,

Daß jedem von dem Halse hing ein Seckel,
Der eig'ne Farb' und eig'ne Zeichnung hatte:
Und daran schien ihr Auge sich zu weiden.

Und, wie ich schauend unter sie gelange,
Erkannt ich blau auf einem Seckel,
Das eines Leun Gesicht und Bildung hatte.

Dann, weiterführend meines Blickes Wandrung,
Sah einen andern ich, der roth wie Blut war
Und eine Gans wies, heller noch als Butter.

Und Einer, der mit einer trächt'gen, blauen
Zuchtsau den weißen Sack gezeichnet hatte,
Begann zu mir: "Was machst du in der Kluft hier?

Jetzt geh' hinweg und, weil du auch noch lebest,
So wisse daß mein Nachbar Vitaliano
Hier sitzen wird an meiner linken Seite!

Ich Paduaner, bei den Florentinern
Sitz' ich, und oft zerbellen sie das Ohr mir,
Schreiend: Es komme der erhabne Ritter,

Der bringen wird den Säckel mit drei Schnäbeln!" -
Drauf zog den Mund er und die Zunge reckt' er
Vor wie ein Ochs, der sich die Nase leckt.

Und ich, befürchtend, mehr des Redens möcht' ihm
Mißfallen, der mich kurz zu sein ermahnet,
Ging nun zurück von jenen matten Seelen

Und suchte meinen Führer, der indessen
Gestiegen auf den Bug des grausen Thieres:
Und zu mir sagte: "Sei nun stark und wacker!

Nun klimmt man nieder auf sothaner Leiter.
Steig auf voran! Ich will inmitten bleiben,
Daß dir der Schweif kein Leid zufügen könne." -

Wie Einer, der so nahe ist dem Schauer
Des Fiebers, daß die Nägel ihm schon fahl sind,
Der ganz erbebt, erblickt er nur den Schatten:

So wurde mir, bei den entbotnen Reden;
Doch seine Mahnungen erregten Scham mir,
Die tapfre Diener macht bei milden Herren.

Ich setzte mich nun auf die ries'gen Schultern.
"So ... wollt' ich sagen; doch die Stimme kam nicht,
Wie ich geglaubet: ... halte mich umfasset!" -

Doch er, der andre Male schon mir beisprang,
Mehr oben, mächtiglich, sobald ich aufstieg,
Umschlang er mit den Armen mich und hielt mich.

Und sprach: "Nunmehro rege dich Gerion!
Die Räder breit, allmählig sei dein Sinken:
Gedenk' der neuen Last, die nun du trägest." -

So wie das Schifflein von dem Ufer losgeht,
Zurück, zurück; so hub er sich von dannen,
Und drauf, als er sich ganz im Freien fühlte,

Wo erst die Brust war, kehrt' er seinen Schweif hin,
Und den gestreckt, gleichwie ein Aal, bewegt' er,
Und mit den Tatzen rafft' er sich die Luft an.

Nicht größer mein' ich ist die Furcht gewesen,
Als Phaëton die Zügel fallen lassen,
Wovon der Himmel, wie man noch sieht brannte:

Noch als der arme Ikarus die Hüften
Entfiedern fühlte, durch des Wachses Schmelzen,
Indem der Vater schrie: dein Weg ist übel:

Als meine war; als ich nun sah daß ringshin
Ich in der Luft war, sahe wie jedweder
Anblick erloschen, außer jenes Unthiers.

Von dannen geht es schwimmend langsam, langsam
Kreist es und sinkt, ich aber, nicht gewahr' ich's:
Als daß mich's in's Gesicht und unten anweht.

Ich hörte schon zur rechten Hand den Strudel
Da unter uns graunvoll Getöse machen;
Weshalb ich mit dem Aug' das Haupt hinreckte.

Dann ward ich noch furchtsamer bei dem Abgrund:
Weil ich da Feuer sah und Klagen hörte,
Weshalb ich mich zusammenzog ganz zitternd:

Und sah darauf, was ich vorher nicht sahe,
Das Sinken und Kreisen durch die großen Uebel,
Die sich da nahten, von verschiednen Seiten.

Gleichwie ein Falk, der lang' auf seinen Flügeln
War und nicht Vogel und nicht Federspiel sah,
Den Falkner rufen macht: O weh, du sinkest!

Und niederschwebt unmuthig, dann sich schnell schwingt
In hundert Rädern und sich ferne setzet
Von seinem Meister, mißgelaunt und tückisch:

So setzt' uns auf den Grund hinab Gerion,
Auf unsre Füß', am Fuß des schroffen Felsen:
Und, als er unsre Last sich abgeladen,

Entschnellt' er sich, wie von der Sehn' ein Bolzen.


Gesang 18

Dante hat, auf Gerion hinabschwebend, den ganzen tieferen Höllenraum erblickt und schildert ihn nun im Allgemeinen als einen tiefabstürzenden Kessel, dessen Rand zehn Klüfte ringförmig umgeben, überbrückt von mächtigen Felsen. Diese zehn Klüfte, Übelbulgen genannt, nehmen die Trügenden auf; aber der tiefere, brunnenartige Kessel die Verräter und den Lucifer oder Dis, im Eise des Cocytus, er reicht bis zur Mitte der Erde, die zugleich des Weltalls Mitte ist. Die Dichter gelangen nun zur ersten der Klüfte (Bulgen), wo gehörnte Dämonen, ihnen gleichsam die von denselben Betrogenen vor die Seele bringend, Kuppler und Verführer geißelnd vor sich hertreiben. In sinnreicher Ordnung laufen die Kuppler und Verführer einander entgegen. Von den ersten gegen die Dichter kommenden erkennt Dante den Bologneser und Guelfen Caccianimico, welcher beschämt das Antlitz bergen will, ihm aber zuletzt erzählt, dass er seine Schwester, die schöne Ghisola veredet, sich dem Marchese Obizzo von Esti zu ergeben. Nachdem er noch vernommen, dass der Ort von Bolognesern wimmle, beschreitet Dante die erste Felsbrücke, von welcher sie nun den Durchzug der Verführer betrachten. Entgegen kommt ihnen nun Jason, der hier als Verführer der Hysipyle und Medea büßt; aber selbst in dieser Schande sein königliches Aussehen bewahrt. Hierauf gelangt Dante zur zweiten Bulge, die so tief und eng ist, dass man nur von der Höhe ihrer Überbrückung in sie hinabschauen kann. In deren Tiefe sieht er die Schmeichler, vor deren unreines Bewusstsein, was sie an Menschen gelobt, nun geradezu in Gestalt ihres Kotes tritt, in welchem sie sich ganz versunken erscheinen. Der eine, Alessio Interminei von Lucca, schlägt sich, als Dante ihn trotz des Schmutzes erkennt, verzweifelnd und sich selbst Vorwürfe machend, an das leere Haupt. Nachdem Virgil seinem Schüler noch die schmeichelnde Buhlerin Thais, in gleichem Unflat gezeigt, eilen sie von der alle Sinne beleidigenden Kluft hinweg.

Ein Ort ist in der Hölle Uebelbulgen
Benamet ganz von Stein und Eisenfarben.
Gleichwie die Fassung, die ihn rings umwindet.

Recht in der Mitte des bösart'gen Feldes
Ergähnt ein Brunnen, mächtig weit und tief auch,
Deß Art ich ihres Orts erzählen werde.

Der Saum, der bleibt, ist also kreisrund, zwischen
Dem Brunnen und dem Fuß des hohen Steinbords,
Und hat getheilt den Grund in zehen Thäler.

Gleichwie wo, zur Vertheidigung der Mauer,
Mehrfache Gräben die Kastell' umschließen,
Sich jene Stelle wo sie sind, gestaltet:

Dergleichen Bild gewährten hier dieselben.
Und, wie an solchen Vesten, von den Thoren
Zum Ufer außen, Brücken sich erfinden:

So sprangen von dem Grund des Felsen Klippen
Hervor und theileten die Wäll' und Gräben,
Bis zu den Brunnen, der sie kappt und sammelt.

An diesem Orte, von Gerions Rücken
Geschüttelt, fanden wir uns: und der Dichter
Wandte zur Linken sich; ich aber folgt' ihm.

Zur rechten Hand hin sah ich neue Buße
Und neue Peinigung und neue Pein'ger,
Davon erfüllet war die erste Bulge.

Im Abgrund waren dort die Sünder nackend:
Die Hälfte disseit zog gen unser Antlitz,
Die drüben mit uns, doch in schnellern Schritten:

Gleichwie die Römer, wegen großer Menge,
Im Jubeljahr den Volksschwarm auf der Brücke
In solcher Art hinüberschaffen lernten,

Daß einerseits sie all' die Stirnen haben
Gen das Castell und wallen nach San Pietro,
Doch von den andern Ufer gen den Berg ziehn.

Von hie von da sah auf dem schwarzen Felsen,
Gehörnte Teufel ich mit großen Geißeln,
Die grausamlich sie peitscheten von hinten.

Weh! Wie die Beine sie sie heben machten,
Schon mit dem ersten Hiebe, und wohl keiner
Erwartete den zweiten oder dritten!

Indem ich fortging, stießen meine Augen
Auf einen dort: ich aber, eilig sagt' ich:
"Nicht ist's das Erstemal, daß den ich schaue!" -

Drum hielt ich fest die Augen, ihn zu fassen:
Der holde Führer blieb auch mit mir stehen,
Erlaubt' auch, daß etwas zurück ich ginge.

Und der Gepeitschte meinte sich zu bergen,
Das Antlitz neigend, doch es half ihm wenig,
Da ich begann: "Du, mit dem Aug' am Boden!

Sind deine Züge, die du trägst, nicht trügrisch
Bist du Venedico Caccianimico!
Sprich, was dich in so scharfe Lage brachte?" -

Und er zu mir: "Nicht gern erzähl' ich solches;
Allein mich zwinget deine laute Stimme,
Die mich gedenken macht des frühern Lebens!

Ich war es, welcher Ghisola die schöne
Verführt, zu thun den Willen des Marchese;
Wie der verstümmelte Bericht auch laute.

Doch klag' ich Bologneser hier nicht einsam,
Nein, dieser Ort ist so von uns erfüllet,
Daß so viel Zungen jetzt nicht sipa sagen

Gelernet zwischen Savena und Rheno!
Und willst davon du Bürgschaft oder Zeugen,
So denk' zurück an unser Herz voll Habgier!" -

Indem er also sprach, hieb ihn ein Teufel
Mit seiner Geißel, sprechend: "Fort du Kuppler!
Hier giebt es keine Frauen für Gepräge!" -

Ich schloß mich wiederum an mein Geleit an,
Sodann gelangten wir mit wen'gen Schritten
Hin, wo ein Felsen aus dem Rande vorsprang.

Gar leichtlich stiegen wir empor auf diesen
Und, rechts gewandt auf seinem schründ'gen Rücken,
Verließen wir dieselben ew'gen Kreise.

Als wir gekommen, wo er hohl ist unten,
Um Durchgang zu gewähren den Gepeitschten,
Sprach mein Geleiter: "Warte bis der Anblick

Dich trifft von jenen andern Schlimmgebornen,
Derselben Antlitz du noch nicht geschauet,
Deswegen weil sie mit uns hingegangen." -

Von der uralten Brücke sahn den Zug wir,
Der gegen uns kam von der andern Seite,
Und den die Geißel gleichermaßen schmettert.

Der gute Meister, ohne meine Frage,
Sprach zu mir: "Sieh den großen der daherkommt
Und um den Schmerz, so scheint's, nicht Thränen ausgießt.

Wie er noch wahrt das königliche Ansehn!
Jason ist es, der durch Muth und Einsicht
Die Kolchier beraubt des Widdervließes.

Derselbe kam zum Eilande von Lemnos,
Als die entbrannten, unbarmherz'gen Weiber
All' ihren Männern einst den Tod gegeben.

Daselbst mit Zeichen und geschmückten Reden,
Berückte er Hypsipyle, die junge,
Die kurz zuvor getäuschet all' die Andern.

Daselbst verließ er schwanger sie und einsam:
Dergleichen Schuld verdammt zu solcher Pein'gung:
Auch für Medea wird geübt die Rache.

Es geht mit ihm, wer auf die Weise täuschet.
Und dies genüge, von der ersten Klüftung
Zu wissen und von denen, die sie fasset." -

Schon waren wir nun, wo der Steig, der schmale,
Sich mit dem zwoten jener Wälle kreuzet,
Und Schulter leiht von dem zu jenem Bogen.

Hier hörten wir ein Volk, das in der zwoten,
Der Bulgen klagt und mit dem Maule prustet,
Und selber sich zerschläget mit den Fäusten.

Die Ufer waren überkleibt mit Schimmel,
Vom Hauch des Abgrunds, der sich da verdicket,
Und feindlich kämpfte wider Aug' und Nase.

So tief ist dieser Grund, daß keine Stelle
Genügt zum Schaun, ersteigt man nicht den Rücken
Des Bogens, wo der Fels darüber hinhängt.

Dort kamen hin wir und im Graben drunten,
Sah Leute ich versenkt in eine Lake,
Die schien entströmt den menschlichen Priveten.

Und, suchend mit dem Aug' da unten, sahe
Ich Einen, dessen Haupt so voll von Dreck war,
Daß nicht zu sehn war, ob er Lai', ob Pfaffe!

Der schrie zu mir: "Warum bist du so gierig
Mich anzusehn, mehr als die andern Schmutz'gen?" -
Und ich zu ihm: "Weil, wenn ich recht nachdenke,

Ich dich vordem gesehn mit trocknen Haaren;
Du bist Alessio Interminei von Lucca!
Drum blickt' ich mehr dich an, als all die Andern!" -

Und er darauf, sich seinen Kürbis schlagend:
"Hierab versenkten mich die Schmeicheleien,
Vor denen meiner Zunge nie geekelt." -

Worauf der Führer zu mir sagte: "Mache,
Daß dein Gesicht du etwas vorwärts streckest,
Um recht zu fassen mit dem Blick, das Antlitz

Von jener schmutzgen, haarzerrauften Dirne,
Die dort sich krauet mit den koth'gen Nägeln,
Und nun sich kauert und auf Füßen stehet:

Thais, die Hure ist's, die ihrem Buhlen,
Befragt' er sie: Bist du mir nun recht dankbar?
Zur Antwort gab: O wahrlich, unermeßlich!

Doch hier sei unsre Schau nunmehr gesättigt!" -


Gesang 19

Angekommen über der dritten Bulge, sieht Dante die Seelen, welche sich der Sünde Simons des Zauberers schuldig gemacht d. h. um irdischen Gewinnes willen geistliche Ämter erstrebt oder Handel damit getrieben. Ihre Strafe besteht darin, daß sie mit Haupt und Leib tief in den Boden gesenkt sind, aus dem allein die Füße ragen. Das göttliche Licht der reinen Lehre, das sie gleichsam mit Füßen getreten, wandelt nun, nachdem ihr Gewissen erwacht ist, in sinnlicher Gestalt von Flammen, hin und her auf ihren Sohlen, während sie sich selbst ganz in das Irdische gesenkt erkennen. Sie wissen, daß sie immer tiefer einsinken: die Nachfolgenden fallen dem Bewußtsein der Vorgänger immer mit zur Last; weil ein Mißbrauch andre nach sich zieht. Die Reihenfolge der so zur Tiefe hinabsinkenden, kirchlichen Sünder erinnert an das Hinabfließen des Sündenstromes, der die allgemeine Verderbnis darstellt (siehe Hölle 13). - Die Tiefe dieser Kluft ist so entsetzlich, daß Dante nur von der Erkenntnis selbst, von Virgil, hinabgetgragen, den Sündern naht. Er spricht mit dem Papst Nicolaus V., der ihn anfänglich für Papst Bonifazius hält, seine Sünden erzählt und viele, noch ärgere Nachfolger nennt, die ihn in die Tiefe hinabdrücken werden. Unser Dichter läßt sich gegen denselben kräftig über die Entweihung der päpstlichen Würde durch Anraffen von Schätzen aus, wozu Hölle 1 V. 97 u. w. trefflich stimmt. Virgil (Einsicht) hört ihm zufrieden zu, und trägt ihn dann wieder aus diesem verderblichen Abgrund empor, bis auf die steile Brücke, die über die folgende, die vierte Bulge führt.

O Simon Magus, o elende Schüler,
Die ihr die Dinge Gottes, die der Tugend
Vermählet bleiben sollen, raubbegierig,

Eh'brecherisch verhurt für Gold und Silber;
Nun muß von euch erhallen die Drommete:
Dieweil ihr in der dritten Bulge stecket!

Wir waren schon zur folgenden der Grüfte
Gestiegen auf den Fels, zu jener Stelle,
Die grade auf des Grabens Mitte lothet.

O höchste Weisheit, wie groß ist die Wirkung,
Die du in Himmel, Erd' und böser Welt zeigst,
Und wie gerecht vertheilet deine Allmacht!

Ich sahe an der Seite und am Grunde
Den gelblichschwarzen Felsen, voll von Gruben,
Von einer Breite all' und rund war jede.

Sie schienen mir nicht kleiner und nicht größer,
Als die in meinen schönen San Giovanni
Zum Stande für die Täufer ausgehau'nen:

Derselben eine ich, vor wenig Jahren,
Zersprengt, für Einen, der sonst darin umkam;
Der sei mein Siegel und enttäusche Jeden!

Aus jeder Grube Mündung ragten dorten
Die Füße eines Sünders, bis zur Wade
Die Beine, doch inwendig stak das Andre.

Die Sohlen waren beid' entflammet Allen;
Weshalb so mächtig die Gelenke zuckten,
Daß Seil und Flechttau sie zerstücket hätten!

Wie sich das Flackern öhlgetränkter Dinge
Nur auf der äußern Fläche pflegt zu regen,
Geschah's hier von den Fersen zu den Zehen.

"Wer ist doch Jener, Meister, der viel mehr klagt
Und zappelt, als die andern ihm Gesellten?
Fragt' ich: an dem auch glüh'ndre Flamme sauget?" -

Und er zu mir: "Willst du, daß ich dich trage
Hinab am Rande, welcher tiefer lieget,
Hörst du durch ihn von ihm und seinen Sünden." -

Und ich: "Mir ist es schön was dich erfreuet:
Du bist der Herr, weißt daß ich mich nicht scheide
Von deinem Willen, weißt was ich verschweige!" -

Hierauf gelangten wir zum vierten Walle,
Und wandten uns und stiegen links hinunter,
Zu dem durchlöcherten und engen Grunde.

Der gute Meister aber ließ noch nicht mich
Von seiner Hüfte, bis er mich zu Hölung
Gebracht, des Mannes, der so schlug mit Beinen.

"O wer du seist, die Obres hat zu unterst,
Wie einen Pfahl gerammt, betrübte Seele,
Begann ich da: vermagst du es, so rede!" -

Ich stand, gleich einem Mönch, der Beichte höret
Den falschen Meuchler, der, bereits versenket,
Ihn wieder ruft, damit der Tod noch weile.

Er aber schrie: "Hast dich schon eingestellet,
Hast dich schon eingestellet, Bonifazius?
Um ein'ge Jahre täuschete die Schrift mich.

Bist du so schnell gesättiget der Habe,
Um die du dich nicht scheutest mit Betruge
Die schöne Frau zu fahn und dann zu schänden?" -

Da wurde ich wie solche Leute, welche,
Da eine Antwort sie nicht fassen, gleichsam
Beschämt dastehn und nichts zu erwiedern wissen.

Darauf sprach Virgilius: "Sag' ihm nur muthig:
Der bin ich nicht, der bin ich nicht, den du meinst!" -
Und ich antwortete, wie mir geboten.

Weshalb der Geist da ganz die Füße drehte,
Dann seufzend und mit jammervoller Stimme
Mir sagte: "Also was begehrst von mir du?

Verlangt so sehr dich, wer ich sei, zu wissen,
Daß du darum das Ufer hier herabkamst,
So wiss': ich trug dereinst den großen Mantel.

Und war in Wahrheit recht ein Sohn der Bärin,
So gierig zu erhöhn die jungen Bärlein,
Daß oben ich das Gut, hier mich einsackte,

Mir unters Haupt gezerret sind die Andern,
Die mir mit Simonie vorangegangen,
Im Risse des Gesteines abgeplattet.

Ich werde gleichfalls dahinunter sinken,
Wenn jener kommt, für den ich dich gehalten,
Als ich vorhin gethan die eil'ge Frage.

Doch längre Zeit ist's, daß ich mir die Füße
Gesengt dahier und so verkehrt gestanden,
Als er gepflanzt stehn wird mit glühenden Füßen:

Denn nach ihm kommt, mit noch viel schlimmern Werken,
Vom rechten Untergang ein Hirt, gesetzlos,
Dem es gebührt, daß den und mich er decke!

Ein neuer Jason wird's, von dem berichten
Die Makkabäer, und, wie diesem mild war
Sein König, so sei's dem der Lenker Frankreichs!" -

Ich weiß nicht, ob ich nicht zu eifrig worden,
Als ich in dieser Weise ihm entgegnet:
"He, sage jetzo mir: wie viel des Schatzes

Heischt' unser Herr zuerst vom heil'gen Petrus,
Eh er die Schlüssel in desselben Macht gab?
Gewiß nichts heischt' er, als nur: Folge nach mir!

Nicht Petrus, nicht die Anderen verlangten
Gold, Silber von Mätthäus, als geloost ward
Um's Amt, das eingebüßt die arge Seele.

Drum steh' dahier, denn du bist wohl gezüchtigt,
Und hüte wohl die schlimmgeraubte Münze,
Die gegen Carl dich so beherzt geschaffen.

Und, wär es nicht, daß mir annoch es wehret
Die Achtung vor den hocherhabnen Schlüsseln,
Die du gehalten in dem heitern Leben:

Ich würde noch viel härt're Worte brauchen;
Da eure Habsucht alle Welt betrübet,
Die Guten tretend und die Bösen hebend!

Euch, Hirt, gewahrte der Evangelist auch,
Als Jene, welche auf den Wassern sitzet,
Von ihm gesehn ward buhlen mit den Kön'gen.

Sie, die geboren ward mit sieben Häuptern,
Und Zeugniß hatte von den zehen Hörnern;
So lange Tugend lieb war ihrem Gatten.

Ihr machet euren Gott aus Gold und Silber,
Und was noch fehlet euch zum Götzendienste,
Als daß der einen und ihr hundert ehret!

O Konstantin, wie vielen Uebels Mutter
War, nicht dein Uebertritt, nein jene Schenkung,
Die von dir nahm der erste reiche Vater!,' -

Und, während ich ihm da sothanes Lied sang,
War Wuth es, war's Gewissen, das ihn nagte:
Gewaltig zappelt' er mit beiden Sohlen.

Ich glaube, wohl gefiel es meinem Führer,
Mit so zufriedner Lippe horcht' er immer
Dem Tone der wahrhaft bestimmten Reden.

Drauf umfing er mich mit beiden Armen
Und, als er gänzlich auf der Brust mich hatte,
Stieg er zurück den Weg, den er gekommen,

Und ward nicht müde mich an sich zu haben,
Bis er zur Höh' des Bogens mich getragen,
Der von dem vierten Damm Weg ist zum fünften.

Hier sänftiglich ließ er die Last hernieder,
Sanft, sanft, des schründig rauhen Felsen willen,
Der auch für Ziegen böse Straße wäre:

Dann that von dort sich mir ein andres Thal auf.


Gesang 20

Von der Brücke, wohinauf Virgil ihn getragen, sieht Dante in der vierten Bulge die Seelen, welche frevelhaft die Erkenntniß der Zukunft erstrebt: sie sind damit gestraft, daß ihr Antlitz sammt dem Leibe, bis an die Hüfte, gänzlich nach rückwärts umgekehrt ist, so daß sie nicht vermögend sind nach vorwärts zu schauen. Sie wollten auf Erden das Geheimniß Gottes, die Zukunft, welche die Heiligen glaubensvoll in Gott schauen, durch frevelhafte Mittel erspähen. Ihr erwachtes Bewußtsein nennt sie daher jenseits dieser Gnade so unwürdig, daß sie sich, gleichsam ewig beschämt zurückwenden und ihren Frevel beweinen. Ihr Zug ist so langsam wie der einer Litanei, wodurch ihr trauriges Nachsinnen noch mehr hervorgehoben wird. Dante weint vor Mitleid; aber Virgil schilt diesen Antheil Sünde an der Gerechtigkeit Gottes, und zeigt ihm unter den Vorübergehenden zuerst den Zeichendeuter Amphiaraus, bei welchem, im obigen Sinne bedeutsam, Minos (das erwachte Bewußtsein der Schuld) erwähnt wird: dann den Tiresias von Theben und den hetrurischen Aruns: ferner Tiresias Tochter Manto, bei welcher der alte Dichter der Entstehung seiner Vaterstad Mantua, ausführlich gedenkt. Nachdem er noch Eurypilus, Michael Scotus, Guido Bonnati und Asdente erwähnt und der Zauberinnen gedacht, treibt er Dante zum Forteilen an: indem der Mond schon sinke. Hierauf verlassen sie diese Brücke und wandern zur folgenden. Vgl. Matth. 17, 16; Luc. 9, 41 und Weish. 1, 3.

Von neuer Strafe muß nunmehr ich dichten,
Und Inhalt leihn dem zwanzigsten Gesange,
Des ersten Lieds, geordnet den Versenkten.

Ich war nunmehr schon ganz und gar bereitet,
Hinabzuschaun in den enthüllten Abgrund,
Der da benetzt ward von beklommnem Schluchzen:

Und sahe Leut' in dem ringförm'gen Schluchzen:
Herkommen, still und weinend, in dem Schritte,
Den Litaneien machen auf der Welt hier.

Als tiefer ich das Antlitz auf sie neigte,
Schien wunderbar verdreht zu sein ein Jeder,
Vom Kinne bis zu dem Beginn des Rumpfes:

Daß das Gesicht gewandt war zu den Schultern:
Sie mußten rückwärts gehen, weil denselben
Das Vorwärtsschauen ganz und gar benommen.

Es hat vielleicht schon, durch Gewalt von Lähmung,
Sich Einer gänzlich so herumgewendet;
Doch sah ich's nicht, glaub' auch nicht es geschehe.

Soll Gott dich, Leser, Frucht gewinnen lassen
Von deinem Lesen, denk' nun bei dir selbst nach:
Ob ich das Antlitz trocken haben konnte,

Als unser Bild ich nun von nahem schaute,
So gar verkehret, daß der Augen Weinen
Ihm das Gesäß benetzte durch den Spalt hin!

Gewiß ich weinte, an ein Horn gelehnet,
Des harten Felsen, so, daß mein Geleiter
Mir sagte: "Bist du auch der Thoren einer?

Hier lebet Mitleid, wenn es recht erstorben:
Wer ist verbrecherischer wohl als Einer,
Der über Gottes Richtspruch Leid empfindet?

Streck' hin das Haupt, streck' hin es, schau ihn, dem sich
Aufthat, vor der Thebaner Aug', die Erde;
Weshalb sie alle schrieen: wohin versinkst du,

Amphiaraus, warum weichst du vom Kampfe?
Und nimmer hielt er an mit thalein stürzen,
Bis bei Minos, der Jeglichen erfasset.

Sieh, wie er Brust gemacht hat aus den Schultern:
Weil allzusehr er vorwärts schauen wollen,
Schaut er zurück nun, macht den Weg nun rückwärts.

Da sieh Tiresias, der seine Züge
Geändert, als aus einem Mann er Weib ward,
Indem sich wandelten die Glieder alle:

Und wieder er genöthigt war zu schlagen
Die zwei verwundnen Schlangen mit dem Stabe,
Eh er sein männlich Haar zurückerhalten.

Der da, der zu dem Bauche kehrt die Schulter,
Ist Aruns, der in Lunis Bergen, dort, wo
Der Carrareser hackt, der unten hauset,

Die Grotte zwischen weißen Marmorn hatte
Zu seinem Aufenthalt, wo Stern' und Meerflut
Zu überschaun, der Blick ihm unbeschränkt war.

Und Jene, welche ihre Brüste decket,
Die du nicht schaust, mit den gelösten Zöpfen,
Und was von Haut behaart ist trägt nach dorten.

War Manto, die durch viele Lande schweifte,
Dann dort sich niederließ, wo ich geboren,
Weshalb es mich erfreut, horchst du ein wenig:

Nachdem ihr Vater von dem Leben ausschied,
Und Dienerinn die Stadt des Bachus wurde,
Zog diese lange zeit durch in der Welt um.

Ein See liegt auf Italien, dem schönen,
Am Fuß der Alpen, welcher Deutschland abschließt,
Nah' an Tirol, und ist benamt Benacus.

Aus tausend und mehr Quellen glaub' ich netzt sich
Penninus zwischen Garda und Balcamonica
Mit Wassern, welches in dem Seee stehn bleibt.

Dort mitten ist ein Ort, allwo der Bischof
Trients und der von Brescia, auch Verona's,
Einsegnen könnte, nähm er seinen Weg hin.

Peschiera ragt ein schönes, starkes Bollwerk,
Zu trotzen Bergamasken und Brescianern,
Da, wo des Sees Umuf'rung niedrer abfällt,

Von dort muß dann hernieder strömen Alles,
Was in Benacus Schoos nicht bleiben kann,
Und geht als Strom hinab die grünen Triften.

Sobald das Wasser seinen Lauf beginnt,
Heißt nicht mehr es Benacus, sondern Mincio,
Bis nach Governo, wo es fällt zum Po.

Es fließt nicht weit, so findet's eine Niedrung,
In der es sich ausdehnt und sich versumpfet,
Und wird zur Sommerzeit bisweilen schädlich.

Die wilde Jungfrau, dort vorüberstreifend,
Erblickte Land da mitten in dem Sumpfe,
Ohn' allen Anbau, leer auch von Bewohnern.

Dort, jeden menschlichen Verein zu fliehen,
Blieb mit den Dienern sie, ihr Werk zu treiben,
Und lebt' und ließ da ihre leere Hülle.

Die Menschen dann, die rings verstreuet waren,
Vereinten an dem Ort sich, weil er fest war
Durch Sumpf, den er nach allen Seiten hatte.

Sie bauten über dem Gebein die Stadt auf.
Nach der, die erst den Ort erwählt, benannten
Sie Mantua ihn, ohn' anderes Augurium.

Es war vordem darin viel mehr des Volkes,
Bevor die Thorheit jenes Cassalodi
Des Pinamonte Täuschung angenommen.

Drum unterweis' ich dich, daß, hörst du anders
Dereinst den Ursprung meiner Stadt erzählen,
Den wahren Hergang keine Lüge berge." -

Und ich: "O Meister, deine Sagen sind mir
So sicher und erwerben mein Vertraun so,
Daß andre mir erloschne Kohlen wären.

Doch sag' mir: ob im Volke, das herankommt,
Du einen schauest, des Betrachtens würdig;
Da nur allein darauf mein Sinn gestellt ist." -

Da sagt' er mir: "Der, welcher von der Wange
Den Bart reckt über seine braunen Schultern,
War einst, als Griechenland so leer von Männern,

Daß ihrer kaum noch blieben in der Wiege,
Augur und gab mit Calchas an den Zeitpunkt
In Aulis, um das erste Tau zu kappen.

Er hieß Eurypiles, und meine hohe
Tragödie singt ihn so, an einem Orte,
Du kennst ihn, weil du ganz und gar sie kennest!

Der Andre, der so schmal ist um die Seiten,
Michael Scotus war er, der in Wahrheit
Der magischen Blendwerke Spiel verstanden.

Sieh da Guido Bonatti, schau Asdente,
Der jetzt sich gern befleißigt haben möchte
Mit Drath und Leder; doch zu spät bereuet.

Sieh die Elenden, die, verlassend Nadel
Und Spul' und Webschiff, Zauberinnen wurden,
Bosheiten übeten mit Kraut und Wachsbild.

Doch endlich komme; denn schon hält die Gränze
Der zwo Halbkugeln und berührt die Woge,
Jenseit Sevilla, Kain mit seinen Dornen.

Und gestern Nacht schon war der Mond erfüllet:
Des denkst du wohl, da er dir nicht zum Schaden
Geleuchtet hat in jenem tiefen Waldgrund." -

So sagt' er mir, indeß wir weitergingen.


Gesang 21

Die Wandernden betreten die folgende Brücke, von deren Höhe Dante in die fünfte, sehr dunkle Bulge hinabschaut. Hier sind die bestechlichen Amtleute gestraft. Wie, vor das Bewußtsein der Gewaltthätigen am Nächsten, das Blut der Erschlagenen tritt (Hölle 12), umgiebt die Seelen dieser Sünder das Bewußtsein ihres unreinen Thuns, in Gestalt einer ihnen ewig anhaftenden, unreinen, dunklen Masse: wollen sie auftauchen, so erscheinen ihnen alle ihre Sünden (wie den Gewaltthätigen Hölle 12 die Centauren), vorgebildet in einer Schaar gräßlicher Dämonen und stoßen sie desto zerrissener und tiefer in ihren ewigen Zustand zurück. Zuerst sieht Dante nicht die Sünder, nur die sie bedeckende schwarze Masse. Indem er da hinabstarrt, bringt ein Dämon einen Rathsherrn aus Lucca, wirft ihn in die Tiefe und eilt zurück, noch Andre aus jener Stadt zu holen. Die, nicht ohne Sinn, hinterlistig unter der Brücke versteckten Dämonen (seine Sünden), ergreifen den Hinabgeworfenen mit Hacken und drücken ihn in den zähen Pechbrei hinab. Virgil giebt Dante den Rath, sich vorsichtig hinter einer Klippe zu bergen, und geht vollends über die Brücke, mit den Dämonen zu reden. Sie stürzen wüthend auf Virgil ein; der aber sagt: er wolle mit Einem von ihnen sprechen. Da tritt Uebelschwanz (Hölle 17, V. 1) trotzig hervor, läßt aber den Haken sinken und gebietet den Andern Ruhe, als Virgil ihm sagt, die Wandrung sei im Himmel beschlossen. Dante tritt nun auch hinzu; da will der Dämon Wirrwarr ihn, mit Bewilligung der Andern, zerfleischen; Uebelschwanz aber gebeut ihm Ruhe und bietet, mit hinterlistiger Gefälligkeit, den Wandernden eine Schaar der Seinigen zum Geleit an, fälschlich vorgebend: die Brücke über die nächste Bulge sei nur hier gestürzt, weiterhin sei noch eine unversehrt. Zu diesem Geleit ruft er zehn Dämonen auf, zu Aller Anführer aber, sehr sinnvoll, den ehrwürdigen Wirrebart, der ihnen hierauf mit einer so vertrackten Pfeife vorangeht, daß die Vertracktheit und Gemeinheit der hier bestraften Sünder kräftig genug gespiegelt erscheint. - Die Dichter folgen, Dante nicht ohne Furcht, dem verdächtigen Geleite.

Von Brücke so zu Brücke, Andres redend,
Was zu verkünden dieses Lied nicht sorget,
Gelangten wir und hielten nun den Gipfel,

Als stehn wir blieben, Uebelbulgens andre
Kluft anzuschaun und andre nicht'ge Thränen:
Ich aber fand sie wunderbarlich dunkel.

Wie in dem Arsenal der Benekianer,
Zur Winterzeit das pech, das zähe, siedet,
Zu dem Kalfatern ihrer lecken Schiffe;

Da sie nicht segeln können, wo indessen
Sich der ein neues baut und der verstopfet
Die Rippen dem, das mehr gemacht der Reisen.

Der pocht am Vordertheil und der am Steuer,
Der fertigt Ruder und der windet Taue,
Der flickt das kleine Segel und das große:

So, nicht durch Feuer, durch göttliches Wirken
Allein nur, sott ein reichlich Pech daunten,
Das überall die Ufer überklebte.

Ich sah dasselbe, aber in demselben
Wallungen nur, die jenes Sieden auftrieb,
Sah ganz es schwellen und verdickt sich setzen.

Indem ich fest allda hinunterstarrte,
Zog mich mein Führer, rufend: "Schau doch, schau doch!" -
Zu sich, von jener Stelle, wo ich weilte.

Da wandt ich mich, gleich einem dem es lange
Währt etwas zu erblicken, das er fliehn muß
Und welchen schnelle Herzensangst entmuthigt,

Daß er der Schau halb nicht die Flucht verzögert:
Und hinter uns sah einen schwarzen Teufel
Ich hergelaufen kommen, auf dem Felsen.

O weh! wie war von Ansehn er so gräulich!
Wie schien er mir auch von Geberde schrecklich,
Mit offnen Flügeln, leicht auf seinen Füßen!

Die Schulter sein, die stachlig war und ragend,
Belud ein Sünder ihm mit beiden Lenden,
Und fest hielt an den Füßen er die Sehne.

Er sprach von unsrer Brück': "O Schlimmekrallen
Seht einen Rath dahier von Santa Zita!
Steckt unter ihn, ich geh' zurück nach andern,

In jene Stadt, die gut damit versehn ist.
Bestechlich ist da Jeder, nur Bontur nicht.
Aus Wein macht man da Ja für baare Münze.

Nun warf er ihn hinab, und auf dem Felsen
Wandt' er sich um: nie ward ein Hund gelöset
In solcher Eil', dem Diebe nachzujagen.

Der sank hinab und tauchete betheert auf;
Doch die Dämonen, unter jener Brücke,
Schrien auf: "Hier innen giebt's kein heilig' Antlitz,

Hier innen schwimmt man anders als im Serchio!
Darum, begehrst du nicht von unsern Rissen,
Bring' über's Pech nichts Uebriges heraus da!" -

Dann zahnten sie ihn an mit hundert Haken,
Und riefen: "Zugedeckt mußt hier du tanzen!
Damit du, kannst du, heimlich was erschnappest." -

Nicht anders lassen Köche von den Dienern
Hinuntertauchen, in des Kessels Mitte,
Das Fleisch mit Kreueln, will' es oben schwimmen.

Der gute Meister sprach: "Daß man nicht sehe
Daß du hier bist; duck' hinter einen Felsen
Dich nieder, irgend einen Schirm zu haben.

Und sei um keinen Schimpf, den man mir anthut,
Besorgt: die Dinge da bracht' ich in Anschlag.
Schon andremale war in solchem Zank ich!" -

Drauf schritt er jenseit von dem Brückenkopfe,
Und als er auf dem sechsten Ufer ankam,
War es sein Amt, die Stirne fest zu haben!

Mit selbem Wüthen und mit selbem Toben,
Womit die Hund' ausfahren auf den Armen,
Der stets sogleich verlanget, wo er stehn bleibt:

Aus fuhren die, so unterm Brücklein steckten
Und wandten gegen ihn all' ihre Kreuel:
Er aber rief: "Sei eurer Keiner boshaft!

Und ehe euer Haken mich ergreifet,
Thu Einer sich hervor, der mich vernehme;
Dann erst beschließe man, mich zu zerreißen!" -

Da schrieen Alle: "Uebelschwanz, geh du vor!" -
Drum ging da Einer und die Andern blieben
Der kam zu ihm, ihn fragend: Was ihm lieb sei? -

"meinst du wohl, Uebelschwanz, daß du mich nieder
Gestiegen siehst dahier, begann mein Meister:
Bereits gefaßt auf alle eure Händel,

Ohn' Gottes Willen und ohn' rechte Schickung?
So laß mich ziehen; denn im Himmel will man,
Daß Andern ich die wilde Straße zeige!" -

Da war der Uebermuth ihm so gefallen,
Daß er zum Fuße sinken ließ den Haken
Und Jenen sagt': "Er bleib' nun ungestochen!" -

Mir aber rief mein Führer: "Du da, welcher
So tief geduckt sich an der Brücke Klippen,
Getrost komm' jetzo wiederum zu mir her!

Drum regt' ich mich und kam zu ihm in Eile:
Da thaten alle Teufel so hervor sich,
Daß ich gebebt: sie hielten den Vertrag nicht.

So sah vordem ich die Fußvölker zittern
Die auf Vertrag abzogen von Caprona,
Als sie sich unter so viel Feinden schauten.

Ich drückte mich mit meinem ganzen Leibe,
An meinen Führer, und die Augen wandt' ich
Nicht ab von ihrem Anblick, der nicht gut war.

Die Kreuel neigten sie und: "Willst du? Soll ich
Den Rücken ihm" ... sprach Einer zu dem Andern.
Sie aber sprachen: "Ja, such ihn zu krallen!"

Allein derselbe Dämon, der gesprochen
Mit meinem Führer, wandte schnell sich gänzlich
Zurück und sagte: "Ruhig, ruhig, Wirrwarr!" -

Dann sagt' er uns: "Auf dieser Klippe kann man
Nicht mehr viel weiter gehen; denn im Abgrund,
Gänzlich zertrümmert, liegt der sechste Bogen.

Gefällt's euch aber weiter vorzugehen;
So nehmt den Weg hier über dieser Kluft hin:
Nah' ist ein andrer Fels, der da den Steg macht.

Gestern, fünf Stunden später als die Stunde
Erfüllten tausend und zwei hundert sechzig
Und sechs der Jahr' sich, daß der Steg zerschellt ward.

Dorthin entsend' ich etliche der Meinen,
zu schaun ob Einer da sich etwa lüfte:
Geht mit dahin: sie werden ja nicht falsch sein!

Vor Andreducker, und du Gnadentreter,
Begann er nun zu rufen: auch du Klaffhund,
Und Wirrebart geleite diese Zehn!

Es ahlte sich dazu Gierbrand, Giftdrache,
Schindsau, der Hauer hat und Kratzenhund auch,
Und Firlefanz und Rotherboßt der Tolle:

Späht ringsumher in allem Leimgebrodel.
Die lasset heil ziehn bis zur andern Klippe,
Die unversehrt geht über die Geklüfte!" -

"Ach Meister, was ist, was ich hier erblicke?!
Sagt' ich: o gehn allein wir, ohn Geleite,
Weißt du den Weg; für mich begehr' ich's nimmer!

Bist du so achtsam wie du sonst zu sein pflegst?
Siehst du nicht wie sie fletschen ihre Zähne,
Und uns mit ihren Brauen Leiden androhn?" -

Und er zu mir: "Ich will nicht, daß du zitterst!
Laß fletschen immerhin sie, wie sie wollen!
Sie thun es gen die jammernden Gesottnen." -

Zum linken Damme machten sie die Wendung;
Doch jeder hatt' erst mit dem Zahn gekniffen
Die Zung, als Zeichen gegen aller Führer,

Und der den Steiß gemacht zur Heertrompete.


Gesang 22

Die Dichter gehn am Rande der Kluft hin, im Geleit der Dämonen, deren Gehaben sich nun, gemäß ihren Namen, dramatisch entwickelt. Wo der Anführer, der ehrwürdige Wirrbart erscheint, tauchen die Sünder, welche sich Delphinen gleich gelüftet, ängstlich nieder; Dämon Kratzenhund aber bemerkt einen, der hervorsieht und hakt ihn am Kopf an. Alle schreien: Dämon Rotherboßt solle ihn augenblicklich zerfleischen! Auf Dantes Bitte befrägt Virgil den Gequälten: wer er sei? Eben offenbart er sich als Navarresen, und König Thibauts bestechlichen Diener, als ihn Dämon Schindsau mit seinem Eberzahn reißt. Nun zerrt ihn der ehrwürdige Wirrebart zu sich, aus der Gewalt der Andern und hält ihn, als Obman grausamgefällig, mit der Gabel, damit Virgil mehr von ihm vernehmen könne. Als er eben mehr hier befindliche Sardinier nennen will, kann Dämon Gierbrand sich nicht halten und hakt ihm einen Fetzen vom Arme und Dämon Giftbrache will ihn heimlich zwicken, als Wiirebarts Zorn Alle stillt. Der so gleichsam von seinen eignen Verbrechen gequälte Sünder erzählt nun: daß ihm nachbarlich zwei Sardinier in der Pein seien: Fra Gomita und Herr Michael Zanche. Er fürchtet sich aber plötzlich vor dem Dämon Firlefanz, doch als dieser durch Wirrebarts Drohn gestillt ist, verspricht er den Dichtern an seiner Statt sieben Tusker und Lombarden, mit einem Pfiff aus dem Pech zu locken, falls die schreckenden Dämonen einen Augenblick zurücktreten wollten. Dämon Klaffhund ahnt hierin seine Absicht zu entschlüpfen und macht Einwendung. Nun gesteht der schlaue Sünder schändlich zu handeln, indem er seine Genossen in Noth bringen wolle. Dieses Wort aber lockt grade den schadenfrohen Dämon Andreducker, die übrigen zum Zurücktreten zu bereden; dabei aber droht er dem Sünder ihn selbst bis über das Pech zu verfolgen, wenn er die Freiheit zum Entspringen benütze. Die Dämonen treten zurück. Der Navarese ersieht sich den Augenblick und entschlüpft unter das Pech; Andreducker, ihm nachgeschwungen, erreicht ihn nicht und schwebt erzürnt empor, wird aber von dem ruchlosen Dämon Gnadentreten angefallen und stürzt mit diesem kämpfend in das Pech, dessen göttliche Glut sogleich Frieden stiftet. Die gottlosen Dämonen vermögen sich nicht zu erheben, da sendet Wirrebart trauernd die Uebrigen hinab, sie mit Haken hervorzuziehen. In dieser Beschäftigung werden sie von den Dichtern verlassen.

Schon sah ich Reuter aus dem Lager rücken
und Sturm beginnen, oder Mustrung halten;
Zuweilen auch abziehn zu ihrer Rettung:

Wettrenner sah ich auch durch eure Stadt hin,
O Aretiner, und Geschwader jagen,
Und Festturniere auch und Ringelrennen,

Bald mit Trompeten, bald mit Glockenklingen,
Mit Trommeln und mit zeichen von Castellen,
Und mit einheimischem und fremdem Zeuge;

Doch sah ich nie mit so vertrackter Pfeife
Noch Reiterschaar bewegen oder Fußvolk,
Noch Schiff nach Landes- oder Sternenzeichen! -

Wir gingen also mit den zehn Dämonen.
O gräßliche Gesellschaft! Doch im Tempel
Mit Heil'gen, und mit Schlemmern in der Schenke!

Nur auf das Pech war jetzo mein Betrachten,
Zu schaun all' die Beschaffenheit der Bulge,
So wie des Volks, das drinnen eingesotten.

Wie die Delphine, wenn sie Zeichen geben
Den Schiffern, mit dem Bogen ihres Rückens,
Daß sie ihr Schiff zu retten sich entschlössen:

So, dann und wann, die Strafe zu erleichtern,
Zeigt' einer von den Sündern seinen Rücken
Und barg ihn wieder, schneller als es blitzet.

Und wie am Saum, im Wasser eines Grabens,
Die Frösche nur mit ihrem Maul hervorstehn,
Daß sie die Füß' und alles Dicke bergen:

Verhielten hier sich überall die Sünder.
Allein, wie Wirrebart sich nahte, zogen
Sie unter die Wallungen sich zurücke.

Ich sah, und noch erschrickt mein Herz darüber,
Sich Einen so verweilen, wie's geschiehet,
Daß sitzen bleibt ein Frosch, ein andrer fortschlüpft,

Und Kratzenhund, der näher gegen ihn war,
Hakt' ihm den eingepichten Schopf und zog ihn
Auf, daß er mir Fischottern ähnlich vorkam.

Ich kannte da schon eines Jeden Namen,
So merkt' ich sie, als sie berufen worden,
Und dann wenn sie sich riefen horcht' ich auf wie?

"O Rotherboßt mach' flink und hau' die Klauen
Ihm in den Rücken ein, daß du ihn schindest!"
Schrieen allzusammen die Vermaledeiten.

Und ich: "Mein Meister, kannst du es, so mache
Daß du erfahrest, wer der Unglücksel'ge,
Der in die Hand gekommen seiner Feinde." -

Mein Führer trat nun näher, ihm zur Seite,
Fragt' ihn woher er sei? - Er gab zur Antwort:
"Ich bin gebürtig aus dem Reich Navarra.

Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knechte,
Sie, die mich zeugete mit einem Schurken,
Der selber sich, so wie sein Gut, verwüstet.

Dann war ich Knecht des guten Königs Zhibaut.
Da fing ich an Durchstecherei zu machen,
Wovon ich Rechenschaft geb' in der Glut hier." -

Und Schindsau, dem aus seinem Maul ein Hauer
Vorging, auf jeder Seite, wie dem Schweine,
Ließ fühlen ihn, wie deren einer reißet.

Es war die Maus da unter schlimmen Katzen;
Doch Wirrebart umschloß ihn mit den Armen
Und rief nun: "Still! so lange ich ihn kreule!" -

Und wandte sein Gesicht nach meinem Meister
"Frag', sagt er: weiter ihn, willst du wissen
Von ihm, bevor ein Andrer ihn zerstücket!" -

Der Meister: "Sag denn, von den andern Sündern:
Kennst du wohl einen, der Lateiner wäre,
Hier unterm Pech?" Und er: "Nur eben ging ich

Von einem fort: der war da aus der Nähe!
O daß ich noch mit ihm bedecket wäre,
So dürft' ich jetzt nicht Klau' und Haken fürchten!" -

Und Gierbrand sprach: "Das haben wir zu lange
Gelitten!" nahm am Arm ihn mit dem Haken,
So daß er zerrend einen Fetzen mitnahm.

Giftdrache wollt' ihm gleichfalls Knüffe geben,
Am Beine unten, wessenthalb ihr Zehntmann
Sich wandte ringsum, ringsum, bösen Aussehns.

Als sie ein wenig nun gestillet waren,
Befragte den, der annoch seine Wunden
Betrachtete, mein Führer sonder Weilen:

"Wer war's, von dem du dich, wie du erzählest,
Zum Unheil trenntest, um hier anzulanden?" -
Er aber sagte: "Fra Gomita war es,

Der von Gallura, alles Trugs Behältniß:
Der in der Hand hielt seines Herren Feinde
Und ihnen that, daß sich deß alle rühmen.

Geld nahm er an und ließ sie dann ganz stille,
Wie er es nennt: - in andern Diensten war er
Auch Gauner, nicht ein kleiner, nein ein großer!

Es pflegt bei ihm zu sein Herr Michel Zanche,
Von Logodor', und ihre Zungen fühlen
Nie matt sich, von Sardinien zu sprechen.

Weh mir! Sehr ihr den Andern, der da grinset?
Ich würde mehr noch sagen; doch ich fürchte
Der schickt sich an, um mir den Grind zu schaben?" -

Ihr Oberprobst, zu Firlefanz gewendet,
Der, ihn zu stechen, seine Augen drehte,
Rief: "Heb' dich weg von hier, du böser Vogel!" -

"Wenn ihr noch schauen wollet oder hören,
Begann nun der Geängstigte von neuem:
So schaff' ich Tusker her und auch Lombarden!

O zögen sich zurück die Schlimmekrallen,
Daß Jenen nicht vor ihrer Rache bangte!
Und ich dahier, auf selber Stelle sitzend,

Für Einen, der ich bin, schaff' ich Euch sieben,
Sobald ich pfeife, wie es unser Brauch ist
Zu Zeiten, wenn sich Einer da hervormacht." -

Bei diesem Wort hub Klaffhund seine Schnauze,
Schüttelnd das Haupt und sprach: "Hör' doch die Bosheit,
Die er erdacht hat, sich hinabzuwerfen!" -

Doch Jener, welche Ränke hatt' in Fülle,
Gab nun zur Antwort: "Ja, ich bin zu schändlich,
Wenn ich den Meinen größres Leid bereite!" -

Und Andreducker hielt sich nicht und wider
Die Andern sagt' er ihm: "Fährst du hinunter,
So komm' ich hinter dir nicht im Galopp her,

Nein, übers Pech hin schlag' ich mit den Flügeln!
Verlaßt die Höh', es soll das Ufer Schirm sein,
Zu sehn, ob du allein mehr gilst als wird da!" -

Nun Leser, wirst von neuem Spiel du hören:
Zum andern Ufer wandten All' die Augen,
Zuerst der, der im sprödsten war zu folgen.

Der Navarreser sah sich gut die Zeit ab,
Stand auf den Sohlen und im Augenblicke
Sprang und befreit' er sich von ihrer Absicht.

Von selbem Streich war Jeder nun betroffen,
Doch der zumeist, der das Versehn veranlaßt;
Drum fuhr er ab und schrie: "Du bist erhaschet!" -

Doch wenig half es; denn die Flügel konnten
Den Schreck nicht überjagen: - unter taucht' er,
Und der, im Fliegen, richtete die Brust auf.

Nicht anders taucht in einem Nu die Ente,
Sobald der Falke sich ihr naht, hinunter:
Der aber kehrt empor bös' und unwillig.

Und Gnadenvertreter, von dem Spiel erboßet,
Hielt hinter ihm mit Fliegen, sehr erfreuet,
Daß der entkommen und er zanken könne.

Und wie nunmehr verschwunden war der Gauner,
Wandt' er die Krallen wider den Genossen,
Und war mit ihm verklauet über'm Graben.

Allein der Andre war ein starker Sperber,
Ihn gut zu greifen, aber Beide fielen
Hin in des brodelnden Gesümpfes Mitte.

Streitschlichter war allda sogleich die Hitze,
Allein das Sicherheben war unmöglich.
So hatten sie sich eingepicht die Flügel.

Und Wirrebart, mit seinen Andern trauernd,
Hieß viere fliegen, von dem Ufer jenseits,
Mit allen Kreueln und gewaltig eilig

Von hier von da ab rannten sie zur Stelle.
Die Haken reckten sie gen die Bepichten,
Die schon gesotten waren in der Kruste:

Und wir verließen sie in dem Gewirre.


Gesang 23

Die Dichter wandeln unbegleitet weiter. Dante fürchtet, die wegen ihnen beleidigten Dämonen möchten ihnen nachjagen. Virgil sinnt auf Rettung und als die Dämonen herangestürmt kommen, umfaßt er seinen Schützling und giebt sich mit ihm dem Abhange der nächsten Bulge hin. Den Dämonen ist die Gewalt benommen, ihnen zu folgen (sie bilden nur die Sünden ihres Kreises vor): Die Geretteten aber betreten den Abgrund der getünchten Heuchler. Diese schreiten, gleichsam in frommer Prozession, langsam einher, in Mönchskutten, die, außen vergoldet blenden, innen aber von Blei sind und schwer auf ihnen lasten. Während die wahrhaft Heiligen, von allem Irdischen entäußert, in den freien Himmel schweben, empfinden die Seelen der Scheinheiligen jenseits, daß das Blei irdischen Sinnes sie zu Boden zieht; daß sie nur "getünchte Gräber" sind, daß ihre Hülle nur von außen der heiligen gleicht, während innen trauriges Elend wohnt. - Dante spricht mit einem der Sünder, Fra Catalano aus Florenz, und will eben dessen Thun schelten, als er Kaiphas gekreuzigt am Boden sieht: weil seine Sünde offenbar geworden, ist er nackend und muß die andern Heuchler über sich hinschreiten lassen: er hatte (s. Ev. Joh. Cap. 11 V. 50) den Rath gegeben, einen Menschen (Christum) für das Volk zu opfern, nun straft ihn sein Bewußtsein, Minos, damit, daß er Vieler Last empfindet. Gleiche Strafe leiden die Theilhaber jenes Rathes. Virgil befragt nun den Bruder Catalano um einen Ausweg aus dieser Kluft, und erfährt von ihm, daß alle Brücken über dieselbe eingestürzt seien, wolle er ihr entkommen, so möge er versuchen, auf den Trümmern der nächsten Brücke hinauszuklimmen. Virgil, erkennend wie Dämon Uebelschwanz ihn belogen (Hölle 21 V. 106) eilt zürnend, dem gegebenen Rath nachzukommen und Dante folgt ihm.

Stillschweigend einsamlich und ohn' Geleite
Fortschritten wir, der vor, der Andre nach ihm,
Wie Minoriten ihre Straße wandeln.

Gerichtet war auf des Aesopus Fabel
Mein Sinnen ob des gegenwärt'gen Streites;
Wo er erzählt vom Frosch und von der Feldmaus:

Denn mehr läßt sich 'jetzt' und 'nun' vergleichen
Wie die mit jenem, hält Beginn und Ausgang
Man wohl zusammen aufmerksamen Sinnes.

Und so wie ein Gedank' entkeimt dem andern,
Entsproß von diesem alsobald ein neuer,
Der mir verdoppelte die erste Bängniß.

Ich dachte: unserthalb sind die betrogen
Mit Schimpfe wie mit Schaden, so beschaffnem,
Daß sehr ich glaube daß er sie verdrieße.

Wenn Zorn sich auf den bösen Willen häufet,
So jagen sie uns hinterdrein noch ärger,
Als je ein Hund dem Hasen den er schnappet.

Schon fühlt' ich alle meine Haare schauern,
Vor Bangen, und ich gab nach rückwärts Obacht,
Als ich begann: "O Meister birgst du schnell nicht

Dich, so wie mich, hab' vor den Schlimmekrallen
Ich große Furcht, als hätten wir sie hinter uns:
So lebhaft denk ich's, daß ich schon sie höre!" -

Und er: "Wär' ich von bleibelegtem Glase,
So würd' ich doch dein äußres Bild nicht schneller
Abnehmen, als dein inn'res ich erfasse:

Gar jetzt kam dein Gedanke zu dem meinen
So gleichen Ganges und so gleichen Ansehns,
Daß ich aus beiden einen Rath gebildet

Fall's hier der rechte Rand dermaßen abfällt,
Daß wir hinab zur andern Bulge können;
So mögen wir gedachter Jagd entfliehen." -

Noch hatt' er mir den Rath nicht ganz ertheilet:
Als ich sie kommen sah, gespannt die Flügel,
Nicht sehr entfernt, in Willen uns zu fangen.

Mein Führer faßte mich nunmehr in Eile:
Gleichwie die Mutter, die vom Lärm erwacht ist,
Und siehet nahe sich entflammte Lohe

Und nimmt den Sohn und flieht und sich nicht aufhält
(Mehr Sorg um den als um sich selber tragend)
So lange, daß sie nur ein Hemd' umwürfe.

Und nieder von dem Joch des harten Ufers,
Gab er sich auf dem Rücken hin dem Abhang,
Der eine Seite schließt, der nächsten Bulge.

Nie schoß so schnell ein Wasser durch die Leitung,
Das Rad zu drehn an eines Dorfes Mühle,
Wenn es am meisten nun den Schaufeln nahet,

Als dort mein Meister, jene Kluft hinunter,
Indem er mich auf seinem Busen mitnahm:
Als wär' sein Sohn ich und nicht sein Gefährte.

Kaum hatten seine Füß' erlangt das Bette
Des untern Grunds, als über uns die Höhe
Sie schon erreicht; doch war da keine Furcht mehr:

Denn die erhabne Vorsicht, die zu Schaffnern
Des fünften Grabens sie bestellen wollen,
Gewalt von da zu scheiden nahm sie Allen.

Dort unten fanden ein betünchtes Volk wir,
Das rings herum ging, sehr langsamen Schrittes,
Weinend und matt im Antlitz und bewältigt.

Sie hatten Kutten an mit tiefen Kappen
Vor ihren Augen, nach dem Schnitt bereitet,
Wie er zu Köln gemacht wird für die Mönche.

Vergoldet sind sie außen, daß es blendet,
Doch innen alle Blei, und also lastend,
Daß, gegen diese, Friedrich sie von Stroh gab.

O Eiwgkeiten durch abmüh'ner Mantel!
Wir wandten uns noch weiter, linker Hand hin,
Mit ihnen, merkend auf das traur'ge Weinen;

Doch ob der Last kam jenes müde Volk da
So langsam an, daß immer wir in neuer
Gesellschaft, bei jedweder Hüftbewegung.

Drum ich zum Meister: "Schaue ob du einen
Da find'st, bekannt nach Werken oder Namen;
O wend' im Gehen ringsumher das Auge."

Und Einer, der vernahm die Tuskersprache,
Rief hinter uns: "O haltet an die Füße,
Ihr, die ihr durch die finstre Luft so rennet!

Vielleicht wird dir von mir, was du verlangest?" -
Drauf sich der Führer wandt' und sprach: "So warte,
Und wandle dann in seinem Schritte weiter." -

Ich blieb und sah Zween großen Drang der Seele
Darthun im Angesicht, mir gleich zu kommen,
Doch hielt die Last sie und der enge Weg auf.

Als sie erreicht uns, mit sehr schiefem Auge
Sahn sie mich an und ohn' ein Wort zu sagen;
Drauf wandeten sie zu einander sich und sprachen:

"Der scheint lebendig nach der Kehle Regung!
Und, sind gestorben sie, durch welch' ein Vorrecht
Gehn sie entkleidet von der schweren Stola?" -

Dann sagten mir sie: "Tusker, der du ankamst,
Bei der Genossenschaft der traur'gen Heuchler,
Zu sagen wer du seist woll' nicht verschmähen!" -

Und ich: "Geboren und erzogen wurde
Ich in der großen Stadt am schönen Arno,
Und bin im Körper, den ich immer hatte.

Doch ihr, wer seid ihr, denen so gewalt'ges
Leid, wie ich schau', herab die Wange tropfet,
Und welche Pein liegt auf euch, die so vorsprüht?" -

Der Eine sprach zu mir: "Die gelben Kutten
Hier sind von Blei, so dick, daß die Gewichte
Dermaßen klirren machen die Wage.

Wir waren lust'ge Brüder aus Bologna,
Ich Catalano und der Loderingo
Benannt, und beid' aus deiner Stadt erkoren,

Wie man sonst einen Einzigen erwählet,
Zu wahren ihren Frieden, und wir thaten
So, daß es noch sich zeigt um den Gardigno!" -

Und ich begann: "O Brüder, eure bösen" ...
Doch mehr nicht sprach ich, denn ich sah nun einen
Gekreuzigt an die Erde mit drei Pfählen.

Als er mich sah, verkehret' er sich gänzlich
Und blies in seinen Bart hinein mit Seufzen.
Und Bruder Catalan, der des gewahr ward,

Sprach zu mir: "Der Gepfählte, den du schauest
Sagt' einst den Pharisäern: nöthig sei es,
Daß für das Volk ein Mensch gemartert werde!

Querüber liegt nun nackend er im Wege,
Wie du es schauest, und er muß nun fühlen
Bei Jedem, eh' er fortgeht, was er wieget;

In gleicher Art wird auch gequält sein Schwäher
In dieser kluft, die Andern auch des Rathes,
Der für die Juden war ein böser Saamen!" -

Hierauf sah ich Virgilius erstaunen
Ob dessen, der da war im Kreuz gespannet,
So schimpflich in der ewigen Verdammniß.

Dann an den Bruder richtet' er die Worte:
"Mißfall' es euch nicht, dürft ihr, mir zu sagen:
Ob hier nach rechter Hand ein Ausweg liege,

Durch den wir beide hier entkommen mögen,
Ohn' anzutreffen von den schwarzen Engeln,
Die uns dem Grund hier zu entreißen kämen?" -

Drauf er zur Antwort gab: "Eh' du es hoffest
Naht sich ein Felsen, der vom großen Kreis kommt,
Und all' die grausen Thäler überbrücket:

In diesem nur ist er zerschellt und deckt's nicht.
Aufsteigen möget ihr auf seinem Schutte,
Der übermäßig liegt an Seit' und Grunde." -

Der Führer stand etwas gesenkten Hauptes,
Dann sagt' er: "Schlimm berichtete was Noth that,
Der, welcher drüben jene Sünder hacket." -

Da sprach der Mönch: "Einst hört' ich in Bologna
Viel Teufelslaster nennen, unter andern
Auch, daß er Lügner ist und Lügenvater."

Nun schritt der Führer fort mit großen Schritten,
Von Zorn ein wenig aufgeregt im Antlitz;
Weshalb von den Belasteten ich wegging,

Den Stapfen folgend, der geliebten Füße.


Gesang 24

Dante, betrübt von der Stimmung Virgils, wird durch dessen sanftes Anschaun wieder getröstet und gelangt mit seiner Hülfe, wiewohl mühsam, auf den Trümmern der zerschellten Brücke, wieder aus der Kluft der Heuchler, auf die Brücke der nächsten Bulge. Da er von dort aus nicht deutlich entnehmen kann, was darin vorgeht, steigen sie am Rande jenseits hinab. Nun sieht Dante die Strafe der Diebe. Ihr Bewußtsein (Minos) straft dieselben mit dem Anblick ihrer Sünden, in Gestalt schleichender und überfallender Schlange, denen sie vergeblich zu entfliehen trachten: wie sie auf Erden das Eigenthum raubten und verwirrten, rauben und verwirren ihnen die Schlangen ihr letzes Eigenthum, ihre menschliche Gestalt. Zuerst sieht Dante den Kirchenräuber Vanni Fucci aus Pistoja, vom Biß einer feurigen Schlange, zu Asche zerfallen, welcher Vorgang an die feurigen Schlangen erinnert, womit Gott die widersetzlichen Israeliten strafte (4. Buch Mos. Cap. 21 V. 6). Die Asche Vanni Fuccis sammelt sich wieder und seine Gestalt erneuet sich. Als sich Dante wundert, ihn, der so viel offne Mordthaten begangen, in dieser Bulge zu finden, gesteht er beschämt, daß er Kirchengefäße gestohlen, für welchen Frevel man Andre gehenkt habe. Damit Dante sich nicht freue ihn hier zu sehn, sagt er ihm das Unglück der Weißen in Picenerfelde voraus.

In jenem Theil des jugendlichen Jahres,
Da Sol sich unterm Wassermann das Haar frischt,
Und schon die Nächt' im halben Tag entweichen:

Wenn nun der Reif nachahmet auf der Erde
Das Bild des Schnees, seines weißen Bruders,
Doch dauert seiner Feder Schnitt nicht lange

Da steht der Landmann, welchem Futter mangelt,
Und schaut umher und siehet das Gefilde
Weiß schimmern ganz und schlägt sich drob die Hüfte,

Und geht in's Haus und hier und dorten klagt er,
Dem Armen gleich, der nicht weiß was er thun soll,
Geht wieder dann und fasset neue Hoffnung,

Erblickend wie die Welt Gesicht gewechselt
In wenig Zeit, und nimmt den Hirtenstab nun
Und treibt die Schäflein aus, um sie zu weiden:

So ward ich da um meines Meisters willen;
Als ich ihn sahe so die Stirne falten,
Und auch so schnell kam auf das Weh das Pflaster.

Denn als wir zur zerstörten Brücke kamen,
Wandt' er zu mir sich, mit dem holden Blicke,
Den ich zuerst gesehn am Fuß des Berges.

Die Arme that er auf, als einen Rath er
Bei sich beschlossen, und, zuvor die Trümmrung
Genau betrachtend, griff er mich mit Händen.

Und Einem gleichend, welcher baut und abschätzt,
Bei dem man immer sieht, daß er vorausdenkt,
Also, mich aufwärts hebend zu dem Gipfel

Des einen Blocks, zeigt' einen andern Fels er
Und sprach: "Du mußt an diesen da dich klammern:
Doch prüf' erst, ob er dich zu tragen mächtig?" -

Das war kein Weg für einen in der Kutte,
Da wir nur kaum, er leicht, ich fortgehoben
Hinaufzugehn vermocht von Trumm zu Trumme:

Und, war's nicht so bestellet, daß das Ufer
Desselben Ringes, niedrer als das andre,
Von ihm nicht weiß ich's; doch ich wär' erlegen;

Allein weil Uebelbulgen gen den Eingang
Des alltertiefsten Brunnens ganz sich neiget,
So bringt jedweden Theiles Lag' es mit sich,

Daß eine Seite ragt, die andre abfällt.
Doch kamen endlich hin wir auf den Gipfel,
Von wo der letzte Felsenblock getrennt ist.

Der Lunge Odem war mir, als ich oben
War, so erschöpft, daß ich nicht weiter konnte,
Vielmehr mich setzte bei der ersten Ankunft.

"So mußt die Trägheit du abstreifen! sagte
Mein Meister: denn in Federn liegend kommt man
Niemals zu Ruhm, nie unter Baldachine!

Wer aber ohne den sein Leben aufzehrt,
Der lässet solche Spur von sich auf Erden,
Wie Rauch in Lüften und wie Schaum im Wasser.

Drum steh' empor, besiege die Erschöpfung,
Mit jenem Muth, der jede Schlacht gewinnet,
Wenn er nicht hinfällt mit dem schweren Leibe.

Weit längre Stiege ziemt es zu erklimmen:
Nicht gnüget es geschieden sein von dieser.
Verstehst du mich, thu' so, daß es dir fromme!" -

Auf stand ich damals, mich weit mehr mit Odem
Versehend zeigend, als ich selbst mich fühlte.
Und sagte: "Geh, denn ich bin stark und muthig!" -

Am Felsen aufwärts nahmen wir den Weg nun,
Der höckrig war und schmal, schwer zu erklimmen
Und sehr viel jäher noch als der von vorher.

Fortsprechend ging ich, um nicht matt zu scheinen
Als eine Stimm' entstieg dem nächsten Graben,
Zu ungefüg' um Worte darzustellen.

Nicht weiß ich was sie sprach, war auf dem Rücken
Ich schon des Bogens, der hier überführet.
Doch der da sprach, schien mir zu Wuth gereizet.

Tief neigt' ich mich, doch die lebend'gen Augen
Nicht konnten sie zum Grund hin, ob des Dunkels,
Weshalb ich: "Meister, sieh daß du zum andern

Rand kommst, und steigen wir die Wand hinunter,
Denn so wie hier ich hör' und nichts verstehe,
So blick ich auch hinab und nichts erkenn' ich." -

"Nicht andre Antwort geb' ich dir, begann er,
Als nur die That; denn ehrenwerther Bitte
Soll mit dem Werke man nachkommen schweigend." -

Der Brück' entstiegen wir, hinab vom Kopf,
Wo sie sich einet mit dem achten Ufer,
Und drauf ward mir die Bulge offenbaret:

Ich sah da innen fürchterliche Haufen
Von Schlangen, und von so vertrackter Weise,
Daß die Erinn'rung noch mein Blut erstarret.

Mehr rühm' sich Lybien nicht mit seinem Sande,
Denn bringt es Wassernattern, Langennattern
Und Brillenschlange, Ottern auch und Ringler;

Doch nicht so viel Gezücht und nicht so gift'ges
Hat jemals es gezeigt mit ganz Aethiopien
Sammt allem Land, das überm rothen Meer ist.

Durch dieses graus' und sehr elende Wimmeln
Hinrannten Schaaren nackend und geängstet,
Ohn' Hoffnung auf Schlupfloch und Heliotropus.

Es banden Schlangen ihre Hände rückwärts,
Die bohrten durch die Hüften ihren Schwanz und
Das Haupt und waren vorn verknäuelt.

Und sieh, auf Einem, der an unserm Rand war,
Warf eine Schlange sich, die ihn durchbohrte,
Da wo der Hals den Schultern sich verbindet.

Nicht 'O' ward je so schnell mit 'I' geschrieben,
Als er entglomm und brannt' und gänzlich Asche
Mußt er allda im Niederfallen werden.

Und drauf, als an der Erd' er so zerstört war,
Aufsammelte sich die Asch' und aus sich selber
Ward wieder sie derselb' im Augenblicke.

So wird berichtet von den großen Weisen,
Daß auch der Phönix stirbt und wieder auflebt,
Wenn dem fünfhundertsten der Jahr' er nahet.

Nicht Kraut, nicht Korn äßt er in seinem Leben,
Und nur von Weihrauchthränen und von Ingber
Und Nard' und Myrrhen ist sein letzter Holzstoß.

Und wie der ist der hinfällt und nicht weiß wie?
Durch Macht des Dämons, der zur Erd' ihn reißet,
Auch andrer Stockung, die befäht den Menschen:

Wenn er nun aufsteht und sich rings betrachtet,
Gänzlich verwirret von dem großen Schreckniß,
Das er erlitten hat und schauend aufseufzt:

So stand der Sünder drauf emporgerichtet.
Gerechtigkeit des Herrn, wie ist sie strenge,
Daß solche Schläge sie zur Rache blitzet!

Der Führer fragte dann ihn: wer er wäre?
Drauf er antwortet': Ich fiel von Toskana
Vor kurzer Zeit in diesen wilden Schlund hier.

Ein viehisch Sein, kein menschliches gefiel mir,
Dem Maulthier, das ich war. Bin Vanni Fucci,
Das Vieh, Pistoja war mir würd'ge Höle!" -

Und ich zum Führer: "Sag' ihm, nicht entschlüpfen
Soll er, frag' welch' Vergehn ihn da herabstieß,
Da ich ihn einst als Blutmann und voll Wuth sah." -

Der Sünder, der's vernahm, verstellte sich nicht,
Nein, wendete zu mir nun Sinn und Antlitz
Und färbete mit jämmerlicher Schaam sich.

Dann sprach er: "Daß du dich um mich bemüht, schmerzt
Mich mehr im Leid, darinnen du mich siehest,
Als da dem andern Leben ich geraubt ward.

Abschlagen kann ich nicht, was du begehrest
Ich bin so tief verworfen, weil ein Dieb ich
Am herrlichen Geräth der Sakristei ward,

Und fälschlich ward ein anderer gehenket.
Allein, daß du dich solcher Schau nicht freuest,
Wenn jemals du entkommst den dunklen Orten.

Thu' auf die Ohren meiner Kund' und höre:
Pistoja wird zuerst von Schwarzen magrer,
Hierauf erneut Florenz so Volk als Sitte,

Dann ziehet Mars Glut her von Valdimagra
Die eingehüllet ist in trübe Wolken,
Und mit Gestürm, mit heftigem und herbem,

Wird dann gefochten im Picener Felde:
Worauf er schnell zertheilen wird den Nebel;
So, daß jedweder Weiße davon wund wird!

Und das hab' ich gesagt, damit dich's schmerze!" -


Gesang 25

Kaum wieder zu seiner Gestalt gelangt, beginnt der Kirchenräuber Gott zu lästern, wird aber von den Gedanken an seine Sünden, von den Schlangen, so bewältigt, daß er nicht weiter sprechen kann und endlich flüchtet. Ihm nach jagt der Centaur Cakus, welcher, mit Bezug auf die Centauren des 12. Gesanges, Mord und Diebstahl zugleich vorbildet, daher grade hier gegen den Mörder und Dieb Fucci sehr sinnreich auftritt: auf seinem Rücken liegt der göttliche Drache, der die, dem Gericht Gottes Trotzenden, welche nicht fliehen, mit Flammen überschüttet (Hölle 15 V. 37). Nun sieht Dante wie einer der Sünder, von einem Andern, der zur Schlange geworden, plötzlich angefallen wird, so daß er mit ihm zusammenfließend eine Ungestalt, ein Bild des verwirrten letzen Eigenthums darstellt. Auf einen andern Dieb fährt eine andere Schlange los, verwundet ihn am Nabel und fällt vor ihm zu Boden. Nun sieht Dante, wie die Schlange sich in den Menschen und der Mensch in die Schlange verwandelt, und ein jedes mit der Gestalt des Andern davon zieht. Deutlich ist darin die Idee versinnlicht, daß die Diebe gar nichts Eignes haben, indem sie sich des Fremden anmaßen. Ihr Thun ist hier wie bei den Zornigen (Hölle 7 V. 112) ihre Strafe, recht im Sinne Salomons, welcher (B. d. Weisheit Cap. 11 V. 17), bei Gelegenheit der Schlangenplage Egyptens, sagt: die Egypter seien mit Schlangen gestraft worden: weil sie Schlangen angebetet: "denn womit Einer sündigt, damit wird er geplaget." - Die Verwandelten fliehn von dannen.

Am Schlusse seiner Rede hub der Räuber
Zu frechem Hohn geballt die beiden Fäuste
Ausrufend: Nimm das, Gott, dir ball' ich zu sie!

Von da an wurden mir die Schlangen Freunde,
Denn Eine ringelte sich um den Hals ihn,
Als spräch sie: ich will nicht, daß du weiter redest;

Und eine And're um die Arm' und band ihn,
Sich selber so herum nach vorwärts windend,
Daß er mit ihnen keinen Zuck thun konnte.

Pistoja, ach Pistoja, was beschließest
Du nicht, dich einzuäschern, daß du schwindest,
Da deinen Stamm du überragst mit Sünd'gen?

In allen finstern Höllenkreisen sah ich
Nicht einen Schatten gegen Gott so trotzig,
Auch den nicht, der herabfiel Thebens Mauern.

Er floh hinweg und redete kein Wort mehr.
Und einen Centauren sah ich, voll von Zorne,
Ankommen, schreiend: Wo ist, wo ist der Trotz'ge!?

Ich glaube, nicht Maremma hat so viele,
Wieviel der Schlangen hatt' auf seinem Rücken,
Bis da, wo unsere Gestalt beginnet.

Doch auf den Schultern, hinter dem Genicke,
Mit off'nen Fittigen, lag ihm ein Drache:
Der Jeden anflammt, der entgegen kommet.

Mein Meister aber sagte: das ist Cacus,
Der unterm Fels des Hügels Aventinus
Vordem oft eine Lache Blutes machte.

Er geht nicht gleichen Weg mit seinen Brüdern,
Des Raubes halben, den er trüg'risch übte
An der gewalt'gen Heerde, die ihm nahte:

Wonach ein Ende nahm sein schielend Treiben
Unter der Keule Herkules, der hundert
Ihm damit gab, wovon nicht zehn er fühlte.

Indem er also sprach, und jener durchlief,
So kamen unter uns heran drei Schatten,
Die weder ich, noch mein Geleiter eher

Gewahret, bis dieselben schrien: Wer seid ihr?
Weshalb denn unsre Sage jetzo ruhte,
Und wir fortan nur merketen auf Jene.

Ich kannte beide nicht, doch es begab sich,
Wie es durch einen Zufall sich ereignet,
Daß Einer einen Andern nennen mußte,

Und fragen: "Wo ist Cianfa nur geblieben?" -
Drum legt' ich, daß mein Führer achtsam wäre
Den Finger mir vom Kinn auf an die Nase.

Bist du, o Leser, träge nun, zu glauben
Was ich erzählen will, kein Wunder ist es;
Da ich, der's sah, mir kaum es zugestehe.

Als er auf sie gehoben hielt die Brauen,
Da wirft sich eine Schlange mit sechs Füßen
Hin vor den einen und umfängt ihn gänzlich;

Umschlang den Bauch ihm mit den Mittelfüßen,
Und mit den vordern nahm sie seine Arme,
Hieb dann die Zähn' in die wie jene Wang' ihm,

Dehnt' ihre Hinterfüß' auf seinen Schenkeln,
Und steckt' ihm zwischen beiden ihren Schwanz durch
Und bog ihn hinten in die Hüften aufwärts.

Nie war ein Epheu so fest angenestelt
An einem Baum, wie das grau'nvolle Unthier
Um jenes Andern Glieder seine rankte.

Drauf pichten sie zusammen, gleich als wären
Sie heißes Wachs, und mischten ihre Farben,
Und weder die noch die schien wie sie erst war:

Wie sich dem Brennen oben am Papyrus
Voranbeweget eine braune Farbe,
Die noch nicht schwarz ist, und die weiße schwindet.

Die andern Zweie sahn da zu, und Beide
Schrie'n: "Ach, Agnello, wie du dich veränderst!
Sieh doch, du bist ja weder Zwei noch Einer!" -

Schon waren die zween Häupter eins geworden,
Als draus gemischt erschienen zween Gebilde
In einem Antlitz, worin zween vergangen.

Die beiden Arm' entstanden aus vier Stummeln:
Die Schenkel mit den Beinen, Bauch und Kasten
Sie wurden nie vorher geseh'ne Glieder.

Gänzlich vernichtet war ihr erstes Aussehn:
Beider und Keines schien das wirre Bildniß,
Und so ging es hinweg, langsamen Schrittes,

Wie unter des Hundssternes scharfer Geißel,
Der grüne Eidechs, Zaun mit Zaun vertauschend,
Ein Blitz erscheinet, wenn er über'n Weg läuft;

Also erschien da, gen die Bäuche fahrend
Der beiden Andern, ein erboßtes Schlänglein,
Bräunlich und schwärzlich, wie ein Pfefferkorn ist.

Und jenen Theil, allwo zuerst empfangen
Wird unsre Nahrung, bohrt' es durch dem Einem,
Dann fiel sie nieder, vor ihm hingestrecket.

An sah sie der Gestoch'ne, doch nichts sagt' er,
Nein, nur auf seinen Füßen stehend, gähnt' er,
Als ob ihn Schlaf befiele, ober Fieber;

Er sah die Schlange an, und die ihn wieder;
Der aus dem Stich, die aus dem Maule dampften
Gewaltig, es begegnete der Rauch sich.

Lucanus schweige jetzt, wo er beginnet
Vom traurigen Sabellus und Nassidius,
Und habe Acht zu hören was nun vorgeht.

Von Cadmus schweig' und Arethusa', Ovidius,
Denn, wenn er den in Schlang' und die in Quelle
Verwandelt, dichtend, ich beneid' ihn nimmer:

Denn zwei Naturen, Stirne gegen Stirne
Verwandelt' ernie so, daß beider Formen
Bereit gewesen wären, Stoff zu tauschen.

Doch die entsprachen dergestalt einandr,
Daß ihren Schwanz die Schlange schuf zur Gabel.
Der Wunde dann zusammenzog die Fersen.

Und Bein' und Schenkel pichten so von selber
Zusammen, daß in Kurzem die Verbindung
Kein Merkmal ließ, das noch erschienen wäre.

Der durchgespalt'ne Schweif nahm die Gestalt an,
Die dort verloren ging, und seine Haut ward
Nun weich, dagegen aber hart die andre.

Ich sah die Arm' eingeh'n in ihre Höhlen,
Doch jenes Thieres kurze Füße beide
So viel sich strecken, als sich jene kürzten.

Dann wurden ganz verzwängt die Hinterfüße
Zu jenem Gliede, das der Mann verbirget;
Der Andre hatt' aus seinem zween der Pfoten.

Indem der Rauch nun Einen um den Andern
Mit neuer Farbe decket, und das Haar schafft
Auf Diesem hier, und von dem Andern ablöst,

Hub dieser sich, der Andre fiel zur Erde,
Doch drum nicht wenden die verruchten Lichter,
Darunter Jeder änderte die Schnautze.

Wer aufrecht war, zog hin sie nach den Schläfen,
Und vom zu vielen Stoff, der sich dahin schob,
Vor gingen Ohren aus den glatten Wangen:

Was nicht nach hinten lief und sich zurück hielt,
Des Ueberfluß ward Nase dem Gesichte
Und schwellte, soviel nöthig war, die Lippen.

Der, welcher dalag, recket vor die Schnautze,
Und zieht in's Haupt zurücke seine Ohren,
Wie es mit ihren Hörnern macht die Schnecke;

Die Zunge, die eer früher ganz und fertig
Zum Reden hatte, theilt sich, die getheilte
Schließt sich am andern, und der Rauch hört auf nun.

Die Seele, die zum Ungeheuer worden,
Flieht zischend nun von dannen, durch das Thal hin,
Der Andere, nachreden jener, sprudelt:

Dann kehret'er ihr zu die neuen Schultern
Und sprach zum andern: Nun soll Boso kriechend,
Wie ich getahn, hinwandeln diese Straße.

So sahe ich die siebente der Wüsten
Verwandeln und vertauschen; hier entschuld'ge
Mich Neuheit, irrt die Feder um ein Stäubchen.

Geschah es auch, daß meine Augen etwas
Verwirret waren, und der Geist ermattet:
Nicht konnten Jene so versteckt entfliehen,

Daß ich nicht Puccio Sciancat' errathen:
Der aber war's, der von den drei Gefährten,
Die erst gekommen, nicht Gestalt gewechselt:

Der Andre der, ob dem du klagst, Gaville.


Gesang 26

Nachdem er der Stadt Florenz (die so arge Bürger ernährt, wie die fünf, Hölle 24 unde 25 erwähnten Diebe) schweres Unglück vorhergesagt, erzählt Dante wie er zur achten Bulge gelangt, worin die bösen Rathgeber von einzelnen Flammen hinweggestohlen umherwandeln. Der Sinn dieser Strafe ist: Wer Andern bösen Rath giebt, versündigt sich an dem Licht, das ihm Gott vor Andern gegeben hat: er entführt es, er stiehlt es Gott. Dieses Gott entwendete Licht wird jenseits vor der Sünder erwachten Bewußtsein (Minos) brennende Qual. Die heiligen Rathgeber wie Elias (V. 35) wenden ihr Licht Gott zu, fahren daher in demselben, Gott verbunden, in den Himmel; die bösen Rathgeber aber begleitet das Gott entwandte Licht in die Hölle hinab, und jemehr sie dessen entwandt, desto größer ist ihre Qual. Sie werden davon nach des Dichters Ausdruck hinweggestohlen, im Sinn der heil. Schrift (B. d. Weisheit Cap. 11 V. 17): "womit einer sündigt, damit wird er geplagt." Diese geistigen Diebe sehen wir hier ganz entrückt: während wir die Diebe am äußern Eigenthum nur ihres letzten äußern Eigenthums, ihrer Gestalt beraubt sahen (Hölle 24 und 25). - Unter den Lichtern des Abgrunds erblickt unser Dichter eine Doppelflamme, und bittet Virgil zu warten, bis sie herankäme. Letzterer sagt ihm, daß darin Ulysses und Diomedes, die vereint durch bösen Rath gesündigt, vereint Qual litten, auch mit Bezug auf das römische Riech, für den Diebstahl am Palladium. Auf Virgils Befragung erzählt die größere Spitze der Flamme, Ulysses, wie er durch eigne Schuld verloren gegangen, indem er seine Genossen irre geführt, bis über die Säulen des Herkules hinaus, und, göttlichen Willen zuwider, an den Fegefeuerberge auf der jenseitigen Halbkugel landen wollen: da habe Gottes Wirbelsturm sein Schiff ergriffen und versenkt. Ulysses steht hier als potenzirtes Bild irreführenden Rathes. (Zu vergleichen ist über die Strafe Jerem. 23 wo es V. 29 heißt: "Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr ... darum siehe, ich will an die Propheten, ... die mein Wort stehlen einer dem andern ... und verführen mein Volk mit ihren Lügen und losen Theildingen." Hiezu stimmt das heidnische Bild vom Stehlen des Weisheitsymboles, des Palladiums; auch wird in derselben Schriftstelle V. 19 der Wirbelwind erwähnt, der über die Irreführenden kommen soll.)

Genieße des Florenz, daß du so groß bist,
Daß du die Flügel über Meer und Land schlägst
Und durch die Hölle sich dein Name breitet!

Ich traf hier bei den Dieben fünf so arge
Als deine Bürger an, daß Schaam mich ankommt,
Du aber auch nicht steigst in großen Ehren!

Doch wenn man gegen Morgen Wahres träumet,
Wirst du in wenig Zeit von dem erfahren,
Was außer Andern dir auch Prato gönnet:

Und wär' es schon, es wäre nicht zu frühe:
O wär' es schon so, da es einmal sein soll!
Denn mehr mich drücken wird's, jemehr ich altre.

Wir gingen weg von da, und auf den Stufen,
Die uns der Rand geboten zum Hinabgehn,
Stieg wieder auf mein Führer, mich geleitend.

Und fürder wandelnd die einsame Straße,
Zwischen den Klippen und den Felsenblöcken,
Kam ohn' die Hand der Fuß allein nicht weiter.

Drauf fühlt' ich Leid und fühl' es jetzt von neuem,
Wend' ich den Sinn auf das was ich geschauet,
Und zügle mehr die geist'ge Kraft als ehe,

Daß sie nicht geh', wo Tugend sie nicht leitet,
Daß, hat ein günst'ger Stern mir, oder Höh'res
Solch' Gut geschenkt, ich mir es selbst nicht neide!

Wie viel der Landmann, der am Hügel ausruht,
Zur Zeit wenn Jener, der die Welt erleuchtet,
Sein Angesicht uns weniger verbirget:

Wenn nun die Fliege weicht der Wassermücke,
Leuchtwürmchen schauet unten in dem Thale:
Wo Trauben er einsammelt, oder pflüget:

Von so viel Flammen leuchtete nun gänzlich
Die achte Bulge, wie ich das ersahe,
Sobald ich stand: wo sich der Grund gezeiget.

Wie Jener, der sich mit den Bären rächte,
Den Wagen des Elias sah im Scheiden,
Als sich die Rosse steil zum Himmel huben,

Und er nicht so mit Augen folgen konnte,
Daß Andres er erblickt, als nur die Flamme
Gleich einem Wölklein auf zur Höhle fahren:

Also bewegte jede durch den Schlund sich
Der Kluft, da keine das Entrückte zeiget:
Und jede Flamme stiehlet einen Sünder.

Hoch auf der Brücke stand zum Schau'n ich aufrecht,
Daß, hätt' ich nicht ein Felsenstück ergriffen,
Ich wär' hinabgefallen sonder Anstoß.

Der Führer, der mich so gespannt erblickte,
Sprach: "In den Feuern sind die Geister, jeder
Hüllt sich in das, von welchem er gebrannt wird." -

Ich aber sprach: "Mein Meister, solches hörend
Von dir, bin sichrer ich; doch hatt' ich Ahnung,
Daß so es wär': und schon wollt' ich dich fragen,

Wer in dem Feuer ist, das so getheilt kommt
Von oben, gleich als stieg's vom Stoß, darauf einst
Eteokles gelegt ward mit dem Bruder?" -

Er gab zur Antwort mir: "Da innen quält sich
Ulyss' und Diomed' und so zusammen
Gehn in der Strafe sie, wie einst im Hassen.

Innen in ihrer Flamme wird beseufzet
Die List mit jenem Rosse, die das Thor brach,
Daraus der Römer edle Saat hervorging.

Beweint wird drin die Kunst, ob welcher todt noch
Deidamia wehklaget um Achillen:
Auch für's Palladium wird da die Pein gelitten." -

"Vermögen sie im Innern dieser Gluten
Zu sprechen, sagt' ich: Meister, bitt' ich sehr dich
Und wiederum, daß tausend gilt die Bitte,

Daß du mir nicht versagest hier zu warten,
Bis die gehörnte Flamme hergelanget:
Du siehst wie ich in Drang mich zu ihr neige." -

Und er zu mir nun: "Deine Bitt' ist würdig
Gar vielen Lobes und ich nehm' sie an drum;
Doch sorge, daß sich deine Zunge halte:

Mich lasse reden; denn begriffen hab' ich
Was du begehrst: sie würden vielleicht spröde,
Dieweil sie Griechen sind, auf dein Befragen." -

Als nun die Flamme dorten angekommen,
Wo meinem Führer Zeit und Ort gelegen,
Hört' ich ihn reden in sothaner Weise:

"O ihr, die zween ihr seid in einem Feuer,
Hab' ich's um euch verdient, so lang ich lebte,
Hab' ich's um euch verdient, viel oder wenig,

Als in der Welt ich schrieb die hehren Verse:
Bewegt euch nicht, doch eurer Einer sage
Wo er, durch sich verloren, hinging sterben?" -

Das größre Horn an der uralten Flamme
Begann sich nun zu schütteln, ganz so rauschend
Wie eine solche, die der Sturm belästigt:

Darauf die Spitze hie und dahin werfend,
Als wäre es die Zunge, welche spräche,
Warf Stimme sie hervor und sagte: Als ich

Von Circe fortgesegelt, die mich hinzog
Mehr als ein jahr, da, nahe bei Gaëta,
Bevor Aeneas also es benamet,

Nicht Zärtlichkeit für meinen Sohn, noch Ehrfurcht
Für meinen greisen Ahn, noch schuld'ge Liebe,
Die wohl Penelopen erheitern sollen,

Vermochten in mir ob des Drangs zu siegen,
Den ich empfand, kundig der Welt zu werden,
Menschlicher Laster auch und edler Thatkraft.

Ich warf mich in das hohe, offne Meer hin,
Allein mit einem Schiff und jener kleinen
Genossenschaft, die mir annoch verblieben.

Ein Ufer wie das andre sah bis Spanien
Ich, und Marokko und Sardiniens Insel
Und alle, die ringsher dies Meer bespület.

Ich und die Andern waren alt und säumig,
Als wir zu jener engen Mündung kamen,
Wo Herules bezeichnet seine Male,

Damit der Mensch nicht weiter vorwärts dringe.
Zur rechten hand ließ ich zurück Sevilla,
Zur andern hatt' ich Ceuta schon gelassen.

O Brüder, sagt' ich: die durch hunderttausend
Gefahren ihr zum Occident gelangt seid:
Der annoch gar so kleinen Abendwache

Der Sinne, die euch übrig ist geblieben,
Wollt jetzo nicht entziehen die Erkundung,
Folgend dem Sol, des Erdraums ohne Völker.

Gedenket alle nun an euren Ursprung:
Ihr wurdet nicht gezeugt, wie Vieh zu leben,
Nein nachzugehn der Tugend und dem Wissen.

Ich machte die Genossen zu der Reise
Mit dieser kurzen Rede so begierig,
Daß ich sie dann kaum mehr gehemmet hätte.

Und, morgenwärts gewandt das Steuer, machten
Aus Rudern Flügel wir, zum thör'gen Fluge,
Stets mehr gewinnend auf der linken Seite.

All' die Gestirne schon vom andern Pole
Sah ich bei Nacht und unsern also niedrig,
Daß er nicht aufstieg aus dem Meeresboden.

Fünfmal erneuet und so oft erloschen
War uns das Licht von untenher am Monde,
Seitdem wir die verwegne Bahn betreten;

Als endlich uns ein Berg erschien, verdunkelt
Durch die Entfernung, und er schien so hoch mir,
Wie ich vordem noch keinen hatt' erblicket.

Wir jauchzten drum, doch bald wandt' es in Leid sich:
Weil von dem neuen Land ein Wirbelsturm kam
Und mächtig schlug das Vordertheil des Schiffes.

Dreimal macht' er's mit allen Wassern kreisen,
Sodann das Steuer heben und den Schnabel
Hinuntersenken, wie's gefiel dem Andern:

Bis über uns das Meer geschlossen wurde.


Gesang 27

Die Flamme des Ulysses schweigt und geht, von Virgil entlassen, weiter. Eine andre, den Grafen Guido von Montefeltro bergend, kommt heran und fragt Virgil: ob Krieg in der Romagna sei? Virgil heißt Dante reden und dieser schildert in wenigen, kräftigen Zügen den Zustand jenes Landes. Hierauf erzählt Guido, der Meinung, Dante könne nie zur Oberwelt zurückkehren, den schändlichen Rathschlag, den er dem Pabst Bonifacius gegeben, Penestrino zu stürzen: dann wie Franziskus und einer der schwarzen Cherubinen dieses Kreises sich um seine Seele gestritten und letzterer gesiegt habe: so daß er, Guido, nun von Minos, jenes Rathes wegen, zum Diebesfeuer verdammt sei. Die schwarzen Cherubinen waren einst die leuchtendsten Engel: sie wollten aber mit Lucifer das göttliche Licht entwenden; der Dichter setzt sie deshalb als Symbole des Lichtentwendens dem Höllenkreise vor, dessen Seelen, des Lichtdiebstahles wegen, im entwandten Licht Pein leiden. Die Flamme Guidos geht hinweg, die Dichter aber wandern zur neunten Bulge. Zu bemerken ist noch, daß hier die schwarzen Cherubinen der achten Bulge der Hölle vorstehn, wie wir die leuchtenden Cherubinen im achten Kreise des Himmels finden werden.

Schon aufgerichtet war die Flamm' und ruhig,
Nicht weiter sprechend, und sie ging hinweg schon
Von uns, entlassen von dem süßen Dichter:

Als eine andre, welche hinter ihr kam,
Den Blick uns wenden ließ auf deren Gipfel,
Ob eines wirren Schalls, der da hervorging,

Wie der sicil'sche Stier zuerst gebrüllet
Vom Jammer dessen (wie es auch gerecht war),
Der ihn ausbildete mit seiner Feile:

Er brüllte mit der Stimme des Gequälten,
So daß er, ob er gleich nur war von Erze,
Doch schien als sei er von dem Schmerz durchdrungen:

Also, anfänglich weder Weg noch Oeffnung
Im Feuer habend, in desselben Sprache
Verkehreten sich die trübsel'gen Reden:

Doch drauf, als sie sich ihren Wg gebahnet
Auf durch die Spitze, ihr die Schwingung gebend,
Die ihnen im Ausgehn ertheilt die Zunge:

Vernahmen wir: "O du, zu dem ich jetzo
Die Stirne kehr', der eben auf Lombardisch
Gesagt: Nun geh! ich fache dich nicht weiter!

Weil ich vielleicht ein wenig spät gekommen,
Verdrieß dich's nicht zu weilen, mit mir sprechend,
Sieh, mich verdrießt es nicht, obwohl ich brenne.

Wenn du nur eben in die blinde Welt hier
Gefallen bist von der Lateiner Lande.
Dem süßen, draus all' meine Schuld ich bringe:

Sprich, hat Romagnas Volk Krieg oder Frieden?
Denn von den Bergen war ich, die Urbino
Vom Joche scheiden, draus die Tiber vorbricht." -

Noch war, auf unten merkend, ich geneiget,
Als mein Geleiter mir die Seite rührte
Und sagte: "Sprich du; der ist ein Lateiner." -

Und ich, der schon die Antwort fertig hatte,
Begann ihm ohne Zögerung zu sagen:
"O Seele, die verborgen ist da unten,

Deine Romagna ist nicht, war auch nimmer
Befreit von Krieg, - im Herzen seiner Zwingherrn;
Allein erklärt verließ ich keinen dorten.

Ravenna steht, wie viele Jahr' es dastand:
Der Adler von Polenta brütet dorten,
So daß er Cervia deckt mit seinen Flügeln.

Die Stadt, die einst die lange Prüfung aushielt,
Und von Franzosen blut'gen Haufen machte,
Erfindet sich unter den grünen Branken.

Verrucchios alter Bluthund und der neue,
Die mit Montagna bös verfuhren, machen
Da wo sie bleiben aus den Zähnen Bohrer.

Die Städte vom Lamon' und vom Santerno
Führt an der junge Leu vom weißen Neste,
Der nach der Jahreszeit Parthei vertauschet.

Und jene, deren Saum der Savio netzet,
Gleichwie sie zwischen Ebne liegt und Berge,
So lebt sie zwischen Tyrannei und Freiheit.

Jetzt bitt' ich, wer du seist mir zu verkünden;
Sei nicht verschlossner, als ein Andrer dir war,
Soll in der Welt dein Name Stirne halten." -

Drauf, als die Flamm' etwas gebrauset hatte,
Nach ihrer Weise, schwang die scharfe Spitze
Sie her und hn, darauf gab solchen Hauch sie:

"Glaubt' ich, daß meine Antwort nun erginge
An Einen, der jemals zur Welt zurückkehrt,
Die Flamme hier blieb fürder unerschüttert;

Allein dieweil niemals als diesem Abgrund
Jemand gekehrt, dafern ich hör' das Wahre;
Antwort' ich dir, ohn' alle Furcht vor Schande.

Kriegsmann war ich zuerst, dann Franziskaner,
Vermeinend, so umgürtet, abzubüßen:
Und sicher wär mein Glaub' erfüllet worden;

War nicht der Hohepriester, Weh' ergreif' ihn!
Der mich zurückwarf in die ersten Sünden:
Und wie und weshalb, sollst von mir du hören.

So lang ich ein Gebild von Fleisch und Bein war,
Das mir die Mutter gab, war all' mein Treiben
Nicht löwenartig, nein, nach Fuchses Weise.

Die Hinterlisten und verdeckten Wege
All' wußt' ich sie und so trieb ihre Kunst ich,
Daß zu der Erde Rand' der Ruf hinausdrang.

Als ich mich sah gelanget zu dem Theile
Von meinem Alter, wo Jedweder sollte
Die Segel neigen und die Taue sammeln:

Ward mir zuwider, was mir erst behaget,
Und ich ergab mich reuvell und gebeichtet:
Und weh, ich Armer wär' gerettet worden!

Allein der Fürst der neuen Pharisäer,
Krieg führend nahe bei dem Laterane
Und nicht mit Sarazenen noch mit Juden;

Denn Christ war seiner Widersacher jeder,
Kein einz'ger war Akri erobern gangen,
Noch jemals Kaufmann in des Sultans Lande;

Nicht höchstes Amt, nicht heilige Gesetze
Ehrt' er in sich, und auch an mir die Schnur nicht,
Die einst viel schlanker machte ihre Träger:

Nein, wie einst Konstantin berief Sylvestern,
Aus dem Soract, vom Aussatz ihn zu heilen:
Also berief mich der zu seinem Pfleger:

Daß ich ihm stillete sein stolzes Fieber.
Er fragte mich um Rath, allein noch schwieg ich,
Weil seine Worte mir wie trunken schienen."

Drauf sagt' er mir: "Dein Herz soll nicht erbangen,
Ich absolvir' dich nun, du aber lehrst mich:
Wie Penestrino ich zu Boden werfe?

Den Himmel kann ich schließen und erschließen,
Wie du es weißt; denn zweie sind der Schlüssel,
Die mein Vorgänger nicht so werth gehalten,

Nunmehro brachten mich die wicht'gen Gründe
Dahin, daß Schweigen mir erschien als Schlimmstes,
Ich sagte: Vater, wäschest du mich wieder

Von dieser Sünd', in die ich jetzt verfalle:
Ein lang' Versprechen und ein kurzes Halten
Wird auf dem hohen Stuhl dich siegen machen.

Franziskus kam, als todt ich war, mich holen;
Doch einer von den schwarzen Cherubinen
Sagt' ihm: Nicht raub' ihn, thue mir nicht Unrecht!

Er muß hinab zu meinen Dienern kommen!
Weil er den trügerischen Rath gegeben,
Seit welchem ich ihm immer dicht am Schopf war.

Wer nicht bereut, dem kann man nicht vergeben,
Noch kann zugleich bereuen man und wollen,
Des Widerspruchs halb, der es nicht erlaubet.

O weh mir Armen, wie ich mich geschüttelt!
Als er mich nahm und sprach: vielleicht hast niemals
Du es geglaubt, daß Logiker ich wäre?

Zu Minos schleppt' er mich, und der umstrickte
Achtmal mit seinem Schweif den grausen Rücken
Und sprach, als drein er biß vor großem Ingrimm:

Der ist ein Schuldiger des Diebes-Feuers!
Drum ich verloren bin, wo du es schauest
Und, so gekleidet wandeln, härm' ich ab mich!" -

Als also sie vollendet ihre Rede,
Ging sie hinweg, die Flamme, weheklagend
Windend und schlagend ihre scharfe Spitze.

Wir zogen weiter, ich, so wie mein Führer,
Am Fels empor, bis auf den andern Bogen,
Der deckt die Kluft, wo denen Zius gezahlt wird

Die, böse Spaltung stiftend, Last erwerben.


Gesang 28

Dante erblickt nun in der neunten Bulge die Seelen derer, die Zwiespalt unter den Menschen gestiftet. Vor ihr, bei Minos erwachtes, Bewußtsein tritt nun ihre Sünde in dämonischer Gestalt, ihr Innerstes zu zerfleischen; mit dem Schwert der Zwietracht die Einigkeit engverbundner Teile zerstörend. Wenn sie ihren verhängnissvollen Kreis durchschritten, werden die kaum geheilten Wunden von ihrer Sünde die sie in ihrer ganzen Scheußlichkeit erblicken, wieder aufgerissen, so daß sie nie wieder eins werden. Unstreitig hat der Dichter hier den Gegensatz von 1. Kor. 12 V. 13 u. w. ausdrücken wollen, wo Paulus sagt, die Menschheit solle in Liebe einig sein und wie eines Leibes Glieder zusammenwirken. - Zuerst tritt vor die Betrachtenden Mahomet, der das einige Wachstum der Religion der Liebe gestört. Sein ganzer Leib ist zertrennt vom Kinn bis zum Steiß, die Größe seine Wunde ist der Größe der Trennung analog, die er stiftete. Was bei ihm noch zusammenhält, das Haupt, ist bei Ali vollends gespalten, weil dieser wiederum des Mahometanismus Einheit zerstört. Mahomet heißt Dante dem Sektierer Fra Dolcin sagen: er solle sich auf Hungersnot gefasst machen, die ihm den Sieg entreißen werde. Hierauf treten politische Unruhstifter auf. Pier da Medicina weissagt, Malatestino werde die Herren Guido von Cassaro und Angiolello von Cagnano freundlich einladen, aber verräterisch ins Meer werfen lassen: dann reißt er des Curio Mund auf: ... dem Stifter der römischen Unruhen, der Cäsar antrieb den Rubicon zu übersteigen, ist die kecke Zunge herausgeschnitten. Auch der Florentiner Mosca stellt sich nun dar (vergl. Hölle 6 V. 80), die abgehauenen Hände erhebend, klagt sich dieser Mann der Tat an, die Zwietracht in Tuscien gesäet zu haben. "Deinem Geschlecht zum Verderben" sagte Dante und betrübt ihn dadurch noch tiefer. Endlich hält Bertram von Bornio sein vom Rumpfe getrenntes Haupt den Dichtern entgegen und erzählt, wie er Vater und Sohn entzweit und dafür zur Vergeltung die Strafe leide, daß sein Hirn von seinem Ursprung im Rückenmark getrennt sei.

Wer könnte, selbst auch ungebundnen Wortes,
Genug vom Blut und von den Wunden sagen,
Die jetzt ich sah, erzählt' er vielemal' auch!

Gewiß zu schwach wär' hier jedwede Zunge,
Aus Mangel unsrer Sprache und Erinn'rung,
Die wenig Raum, so viel zu fassen, haben.

Wenn gleich sich alle sammelten die Schaaren,
Die jemals auf der schicksalvollen Erde
Von Puglien um ihr rothes Blut geklaget,

Durch Römerhand und durch das lange Kriegen,
Das so gewalt'ge Beute gab an Ringen,
Wie Livius beschreibet, der nicht irret:

Samt jenen, die von Schlägen Weh empfangen,
Weil Robert Guiskard sie entgegenstanden,
Und jene, deren weiß Gebein man noch liest

Bei Ceperano, wo ein jeder Puglier
Ein Lügner war, und da bei Tagliacozzo,
Wo waffenlos gesiegt Alard' der alte;

Und der ein Glied durchbohrt, der eins verstümmelt
Gezeigt; es wäre doch nichts im Vergleiche
Zur schauervollen Art der neunten Bulge!

Kein Faß, dem Mittelstück ausfiel und Gere
Klafft also auf, wie ich da Einen sahe
Zerhaun vom Kinn' hinab bis wo man farzet:

Zwischen den Beinen hing das Eingeweid' ihm,
Und das Geschling' erschien, der ekle Sack auch,
Der Unrath macht aus dem, was man verschlinget.

Als ich mit Schaun ganz an ihm hafte, blickt' er
Mich an und riß mit Händen sich die Brust auf,
Und rief: "Da siehe, wie ich micht zerfleische!

Da siehe es, wie Mahomet zersetzt ist!
Es geht vor mir Ali einher und weinet,
Das Angesicht zertheilt vom inn zum Schopfe,

Und all' die Andern, so du hier erschauest,
Aussäer waren sie von Zwist und Spaltung
So lang sie lebten: drum sind so zespellt sie.

Ein Teufel ist dort hinten, der uns spaltet
So grausamlich der Schärfe seines Schwerdtes
Auf's neu' aussetzend jeden dieses Haufens,

Wenn wir die wehevolle Bahn umwallet;
Da wiederum geschlossen sind die Wunden,
Eh einer dort von neuem vor ihn hintritt.

Doch wer bist du, der vom Gestein da gaffet,
Wohl um zu säumen mit dem Gang zur Strafe,
Die dir auf Selbstanklage zuerkannt ward?" -

""Ihn hat der Tod noch nicht erreicht, auch führt ihn
Nicht Schuld zu Pein, entgegnete mein Meister:
Doch, völlige Erfahrung ihm zu reichen,

Muß ich, der ich gestorben bin, ihn führen
Die Hölle hier hinab von Kries' zu Kreise:
Und wahr ist Solches, wie ich dir es sage."" -

Mehr war'n als hundert, die, als das sie hörten,
Stehn blieben in der Kluft, mich anzuschauen,
Vergessend vor Erstaunen ihre Marter.

"Nun sag' dem Fra Dolcin, daß er sich rüste,
(Du der vielleicht in kurzem sieht die Sonne)
Wenn er nicht bald mir folgen will hierunter,

Mit so viel Vorrath, daß die Schneeumzinglung
Den Novarresern nicht den Sieg verschaffe;
Denn anders ihn erringen sei so leicht nicht!" -

Indem er einen Fuß zum Weiterschreiten
Erhub, sprach Mahomet zu mir die Worte:
Dann streckt'er ihn, hinweg zu gehn, zur Erde.

Ein Andrer, der den Hals durchstochen hatte,
Die Nase auch bis zu den Brau'n verstümmelt,
Und der der Ohren nicht mehr hatt' als eines,

Vor Staunen mit den Andern stehn geblieben,
Zum Schaun, that vor dem Andern auf die Kehle,
Die überall von außen purpurroth war,

Und sprach :"O du, den Sünde nicht verdammet,
Den einst ich oben im lateinischen Land sah,
Wenn mich zu große Aehnlichkeit nicht täuschet;

Erinn're dich an Pier da Medicina,
Kehrst je du, neu zu schaun die sanfte Ebne,
Die von Vercelli sich nach Marcabò neigt:

Laß wissen jene besten Zween aus Fano,
So Herren Guido, wie auch Angiolello,
Daß, ist das Vorwärtsschauen hier nicht eitel,

Sie ausgeworfen werden aus dem Schiffe,
Und nahe bei Catolica zerschellet,
Durch Untreu eines schurkischen Tyrannen!

Zwischen den Inseln Cypern und Majarco,
Sah nie so große Schurkenthat Neptunus,
Nicht von Piraten, nicht vom Griechenvolke!

Jener Verräther, der nur sieht mit einem,
Und hält die Stadt ... wo Einer mit mir hier ist,
Der gern sie nie geschauet haben möchte! ...

Wird sie berufen da zur Unterhandlung,
Drauf so thun, daß beim Winde von Focara
Sie nicht Gelübde, nicht Gebet bedürfen." -

Und ich zu ihm: ""Nun zeig' mir und erkläre,
Soll ich von dir nach oben Kunde bringen,
Wer jener ist, dem das Geschaute herb däucht?"" -

Drauf an die Kinnlad' eines der Genossen
Legt' er die Hand und that ihm so den Mund auf,
Ausrufen: "Dieser ist es, und er spricht nicht:

Dieser Verjagte schlug die Feigheit nieder
In Cäsar, ihm betheuernd, daß der Rüst'ge
Stets Nachtheil litt' durch all und jedes Harren.

O wie erschien er mir nun ganz entmuthigt,
Mit aus der Gurgel weggeschnittner Zunge,
Curio, der so vermessen war im Sprechen!

Und Einer, dem die Hand und die gestutzt war,
Die Stummeln durch die dunkle Luft erhebend,
So daß das Blut das Anlitz ihm befleckte,

Rief aus: ""Du wirst gedenken auch des Mosca!
Der, wehe, sagte: Kopf hat was gethan ist!
Was für das Thuskervolk die schlimme Saat war!""

"Und deines Stammes Tod!" fügt' ich hinzu noch;
Weshalb derselbe, Schmerz zu Schmerzen häufend,
Fortging als ein Elender und ein Toller.

Allein ich blieb, die Rotte zu betrachten,
Und sah etwas, das ich mich scheuen würde
Ohn' andere Beweise zu erzählen,

Versicherte mich des nicht mein Gewissen,
Das edele Geleit, das Menschen kühn macht
Unter dem Panzer des Sichlauterfühlens.

Ich sah gewiß, und noch scheint mir's ich seh' ihn,
Hauptlos einhergehn einen Rumpf, gleichwie auch
Die andern gingen der elenden Heerde:

Und das gelöste Haupt hielt er am Schopfe
Und wiegt' es mit der Hand, gleich der Laterne,
Und dieses sah uns an und rief: o wehe!

Er machte aus sich selber seine Leuchte,
Zwei waren eins uns Einer war in Zweien:
Wie das bestehn kann, weiß ... der so regieret!

Als er gerade war am Fuß der Brücke,
Hub er den Arm hoch mit dem ganzen Haupte,
Um näher uns zu bringen seine Worte:

Die waren: "Siehe nun die läst'ge Strafe,
Du, welcher athmend wallt, die Todten schauend,
Sieh', ob wohl eine sei so groß wie diese?

Damit du aber Kunde von mir bringest,
So wiss' ich bin Bertram von Bornio, jener,
Der einst dem jungen König bösen Rath gab.

Ich hetzte Sohn und Vater gen einander,
Mehr that mit Absalon nicht Ahitophel
Und mit David, durch bösgesinntes Stacheln.

Weil ich so nahverbundne Wesen trennte,
Tragich getrennt nunmehr mein Hirn, o wehe!
Von seinem Anfang, der in diesem Rumpf ist:

So ist an mir Vergeltungsrecht zu schauen!" -


Gesang 29

Dante kann sich von der gräßlichen Schau der neunten Bulge nicht sogleich trennen, weil er noch eines Verwandten Schatten, den von Geri del Bello sucht. Virgil sagt ihm: er sei bereits vorüber und habe Dante mit dem Finger gedroht; was Dante nun darauf deutet, daß sein Tod von den Verwandten noch ungerächt sei. - Hierauf gelangen die Wandernden zur letzten Bulge, zur zehnten, worin sie die Fälscher in unreiner Luft mit unzähligen Krankheiten gestraft finden. Es erfüllt sich hier der Fluch, der (s. d. 5 B. Mos. Cap. 28) über die, welche das Gesetz nicht halten, unter andern also ergeht: "Der Herr wird dich schlagen mit Schwulst, Fieber, Hitze, Brunst, Dürre, giftiger Luft ... mit Grind und Krätze, Wahnsinn, Blindheit und Rasen des Herzens ... und wirst auf deinen Wegen kein Glück haben und wirst Gewalt und Unrecht leiden müssen dein Lebelang und Niemand wird dir helfen" u. s. f. - Wie die Fälscher der Metalle, der Rede und der Person, Ungehöriges in Alles mischten, erscheinen sie sich nun ganz von materieller Unreinigkeit und geistiger Krankheit erfüllt. Der falsche Sinn ihres Thuns, der ihnen Schaden brachte, wird hier in zween Fälschern der Person, in Myrrhas und Schicchis rasenden Geistern vorgebildet, welche die Uebrigen sinnlos in der entsetzlichen Kluft hin und her schleppen (s. Hölle 30 V. 25). Zuerst spricht Dante mit Albero da Siena, der, im Sinn obigen Fluches, auf Erden ungerechter Weise verbrannt worden; aber hier schädlicher Alchymie wegen leidet, zusammen mit dem gleichartigen Sienesen Capocchio, der an ihm lehnet. Das Unreine ihres Thuns tritt vor ihr Bewußtsein in sinnlicher Gestalt von Krätze, von der sie sich ewig nicht befreien können. Da sie Metalle fälschten, ist ihre Seelenkrankheit materieller vorgebildet, als z. B. bei den Fälschern der Rede, die wir im folgenden Gesange mit hitzigem Fieber gestraft sehn (s. Hölle 30 V. 99). Capocchio, der in Siena verbrannt worden, ergreift die Gelegenheit, Schlimmes von dieser Stadt zu sagen.

Das viele Volk und die verschiednen Wunden,
Sie hatten meine Augen so berauschet,
Daß sie allda gern hätten weinen mögen.

Da sprach Virgil zu mir: "Warum noch starrst du?
Warum verweilet dein Gesicht noch unten,
Bei den verstümmelten unsel'gen Schatten?

So hast du nicht gethan bei andern Bulgen:
Gedenk', wenn du zu zählen sie vermeinest,
Daß zwei und zwanzig Miglien dieses Thal kreist;

Auch ist der Mond schon unter unsern Füßen,
Und wenig Zeit ist uns annoch gewähret,
Und mehr noch giebt's zu schaun, als du vermeinest." -

""Dafern du hättest, gab ich drauf zur Antwort,
Geachtet auf den Grund, warum ich schaute,
Wohl hättest zu mir noch vergönnt die Weile."" -

Ein wenig ging ... und ich ging hinter ihm her ...
Der Führer; aber ich gab ihm zur Antwort
Und sagte noch: ""Im Innern dieser Kluft hier,

Wo ich die Augen so bestimmt gerichtet,
Glaub' ich, beweint ein mir verwandter Schatten
Die Schuld, die man so schwer bezahlt da unten."" -

Drauf sprach der Meister: "Nicht zerstreue trauernd
Sich dein Gedanke fürder auf denselben;
Streb' Andrem nach, der aber bleibe dorten.

Denn ihn sah ich auf dich, am Fuß der Brücke,
Herdeuten und sehr drohen mit dem Finger,
Und hörte nennen ihn: Geri del Bello.

Du warest da so gänzlich abgewendet
Auf den, der einst vertheidigt Altafort,
Daß du nicht dorthin sahest, deshalb ging er!" -

""O mein Geleiter, sein gewaltsam Ende,
Das ihm noch ungerochen blieb, begann ich:
Macht' ihn auf Einen zürnen, der des Schimpfes

Theilhaftig ihm erschien, weshalb er fortging,
Ohn' mich zu sprechen, wie ich mir es denke:
Und darin mehrt' er mir an ihm das Mitleid!"" -

So sprachen wir bis zu der ersten Stelle,
Die des Gesteines nächste Klüftung zeiget,
Wär' mehr des Lichts vorhanden, bis zum Grunde.

Als wur zur letzten der Clausuren kamen
Von Uebelbulgen, daß die Laienbrüder
Derselben unserm Blick erscheinen mochten;

Durchbohrten mich Wehklagen, mannigfache,
Derselben Pfeile Mitleid zugespitzet;
D'rum ich die Ohren mit den Händen deckte.

Welch' Schreien wär', wenn aus den Krankenhäusern
Von Valdichiana, zwischen Heu- und Herbstmond,
Und von Maremma und Sardinien alle

Leidwehn in einer Kluft vereinigt wären,
So war es hier, und solch' ein Stank ging aus da,
Wie er von eiterfaulen Gliedern ausgeht.

Wir stiegen neider auf dem letzten Rande
Des langen Felsen immer links hinunter;
Hier drang nunmehro mein Gesicht viel schärfer

Hinab zum Grund, wo des Höchsten Dien'rin,
Unfehlbare Gerechtigkeit bestrafet,
Die sie hierein verzeichnet, - die Verfälscher,

Ich glaube nicht, daß traur'ger einst zu schaun war
Das ganz und gar erkrankte Volk Aeginas,
Als der Bösartigkeit die Luft so voll war,

Daß alle Thiere bis zum kleinsten Wurme
Daniederfielen, drauf die alten Völker
Sich, wie die Dichter es für sicher halten,

Erneueten aus der Ameisen Saamen:
Als es gewesen längs der dunkeln Kluft da,
Die Geister schmachten sehn in mehren Haufen.

Deer Eine auf dem Bauch, der auf der Schulter
Des Andern lag er, und ein Andrer regte
Sich kriechend weiter auf dem traur'gen Wege.

Wir gingen Schritt vor Schritt, ohne zu sprechen,
Hinschauend und auffordernd nach den Kranken,
Die ihre Leiber nicht erheben konnten.

Zween sah ich sitzen, an einander lehnend
Wie man zum Wärmen Pfann' an Pfanne lehnet,
Von Haupt zu Fuß von bösem Grinde fleckig:

Und niemals sah ich eine Striegel führen,
Von einem Burschen, den sein Herr erwartet,
Noch auch von einem, der ungerne wach bleibt:

Wie jeder oftmals da der Nägel Reißen
Hinführte über sich, ob großen Tobens
Des Jückens, welchem nie mehr Lindrung nahet.

Die Nägel aber zogen so den Grind ab,
Wie Messer Schuppen von dem Brassen, oder
Von andrem Fisch, der sie noch breiter hätte.

"O du, der mit den Fingern sich zernestelt,
Fing mein Geleiter an zu ihrer einem:
Und der du öfters Zangen machst aus ihnen,

Sag' mir: ist ein Lateiner unter denen,
Die hier enthalten sind, soll dir der Nagel
In Ewigkeit ausreichen zu der Arbeit." -

""Lateiner sind wir, die du so entstellt siehst,
Wir alle beide, sprach der Eine weinend:
Doch du, wer bist du, der du uns befragest?"" -

Mein Führer sprach zu ihm: "Ich steige nieder
Mit diesem Lebenden, von Sturz zu Sturze,
Und bin gewillt die Hölle ihm zu zeigen."

Da trennte sich das Aneinanderlehnen,
Und zitternd wandte sich nach mir ein Jeder,
Mit Andern die's vom Wiederhall vernommen.

Der gute Meister kehrte ganz zu mir sich,
Und sprach: "Sag ihnen nun, was du begehrest."
Und ich begann, nachdem er es so wollte:

""Soll euer Angedenken nicht verfliegen
Dort in der ersten Welt aus Menschensinnen,
Nein weiter leben unter vielen Sonnen:

So sagt mir, wer ihr seid, und welches Volkes,
Es schrecke eure ekl' und läst'ge Strafe
Euch nimmer ab, euch mir zu offenbaren!"" -

"Bin aus Arezzo: Albero da Siena,
Sprach nun der Ein': ließ mich in's Feuer werfen,
Doch das, warum ich starb, führt nicht hierher mich,

Wahr ist's, daß ich ihm sagt', im Scherze redend:
Ich könnt' im Flug mich in die Luft erheben;
Und er, der Lust d'ran hatt' und wenig Einsicht,

Wollte, daß ich die Kunst ihm zeigt' und ließ mich
Blos weil ich nicht zum Dädalus ihn machte,
Von dem verbrennen, der ihn dort als Sohn hielt.

Doch hat mich in der zehen Bulgen letzte
Der Alchimie halb, die ich trieb auf Erden,
Minos, der niemals irren darf, verdammet." -

Ich aber sprach zum Dichter: ""War wohl jemals
Ein Volk so eitel wie das Sieneser?
Gewiß auch das französische nicht ärger!"" -

Worauf der andre Krätz'ge, der mich hörte,
Entgegnete: "Nimm aus davon den Stricca,
Der immer mäßig auszugeben wußte,

Und Niccolo, der jene reiche Sitte
Zuerst erfunden mit der würz'gen Nelke,
Im Garten, wo sich solch' Gesäm' anwurzelt.

Nimm aus davon den Klubb, worin den Weinberg
Caccian d'ascian verschwelget und den Prachtwald,
Und Abbagliato seinen Witz herfürgab.

Doch daß du wissest, wer dir also beistimmt
Gen die Sanesen; schärfe recht das Auge
Auf mich, daß dir mein Antlitz gut antworte.

So wirst du sehn: ich bin Capocchios Schatten,
Der einst durch Alchimie Metalle fälschte:
Und mußt erinnern dich, kenn' ich dich wirklich,

Daß ich ein guter Affe der Natur war!" -


Gesang 30

Dante sieht nunmehr zween rasende Geister heranstürmen, die ihm von dem Aretiner Griffolino, als Schicchis und Myrrhas Seelen bezeichnet werden (über ihre Bedeutung s. d. Inh. v. Ges. 29). Myrrha, welche frevelhafte Liebe zum Verbrechen trieb, jagt vorüber, Schicchi aber, den irdischer Gewinn verlockt, packt den aus gleichem Motiv gesündigt habenden Capocchio an der Kehle, und schleift ihn von dannen. Nun erblickt Dante einen Wassersüchtigen am Boden; dieser bittet ihn sein, des Meister Adams Elend zu betrachten, der auf Erden Alles vollauf hatte, nun aber (wie der reiche Mann Luc. 16 V. 24) vergeblich nach einem Tröpflein Wasser schmachtet. Die Erinnerung an die schöne Gegend, in welcher er so schändlich gesündigt, mehrt seine Qual, der gewonnene falsche Reichthum ist zerronnen, seine Seele verschmachet, indem sie von unreinem Stoffe scheinbar wohlgenährt ist. Neben demselben erblickt Dante zween andere Seelen in hitzigem Fieber liegen: auf sein Befragen bezeichnet Meister Adam sie ihm als Wortverfälscher, die eine als Potiphars verläumderisches Weib, die andere als Sinon, welcher die Trojer durch Lüge verleitet, das hölzerne Pferd in die Stadt zu ziehen. (Das Irrereden im hitzigen Fieder vergleicht sich der Lüge). - Sinon erzürnt, sich von Meister Adam als schlecht bezeichnet zu hören, schlägt ihn auf seinen Wanst, welches von Jenem durch einen Faustschlag in's Gesicht erwiedert wird, worauf sich ein Zank entspinnt, worin beide sich ihre Sünden vorwerfen. Dante wird von Virgil gescholten, daß er dort so lange zuhört, und geht beschämt mit ihm von dannen.

In jener Zeit, als Juno zornentbrannt war,
Um Semele, gen das Geschlacht von Theben:
Wie sie es darthat ein und andre Male:

Ward Athanas wahnsinnig, so gewaltig,
Daß er, die Gattin schauend mit zwei Söhnen
Hergehn, belastet auf jewwedem Arme,

Ausrief: Spannt aus die Netze, daß ich fange
Die Löwin sammt den Jungen an der Furt hier!
Und drauf die unbarmherz'gen Klauen streckt' er,

Den einen greifend, der Learch benamt war,
Und schwang ihn und zerschellt' an einem Stein ihn,
Doch Jen' ertränkte mit der andern Last sich:

Und als Fortuna einst darnieder wandte
Der Trojer Macht, die alles sich vermessen,
Daß sammt dem Reich der König mit zunicht ward:

Ließ Hekuba trüb, elend und gefangen,
Nachdem Poyxena sie todt erblicket,
Und ihres Polydorus an dem Strande

Des Meers die Traurige gewahr geworden,
Unsinnig Bellen hören gleich dem Hunde:
So hatte ihr der Schmerz den Sinn verkehret;

Allein nicht Thebens Furien und nicht Trojas
Ersah man je gen einen so entsetzlich,
Noch Thiere stacheln noch gar Menschenleiber:

Wie zween ich bleich' und nackte Schatten sahe,
Die beißend rannten in derselben Weise,
Wie rennt ein Schwein, das aus dem Stall hervorbricht.

Hin zu Capocchio kam der ein' und zahnt' ihn
Am Kehlkopf also an, daß er ihn schleifend
Den Bauch zerkratzen ließ am harten Boden.

Der Aretiner aber, welcher zitternd
Blieb, sagte mir: "Der Kobold ist Gian Schicchi
Und rasend rennt er, Andre so zerschändend." -

""O, sagt' ich ihm: soll dir der Andre dort nicht
Die Zähn' einhau'n, so falle dir's nicht lästig
Zu sagen wer er ist, eh' er hinweggeschlüpft."" -

Und er zu mir: "Es ist die alte Seele
Myrrhas der frevelhaften, die des Vaters
Geliebte ward, mit mehr als rechter Liebe.

Zu sündigen mit ihm gelangte diese,
Indem sie sich verstellt in fremde Bildung,
Gleichwie der Andre, der da läuft, es aushielt,

Der Heerde schönste Stute zu gewinnen,
Sich zu verstellen als Buoso Donati,
Ein Testament in aller Form diktirend." -

Und drauf, als die zween Rasenden vorüber,
Auf die mein Auge ich gerichtet hatte,
Wandt' ich's, zu schaun die andern Schlimmgebornen:

Sah einen dann, vergleichbar einer Laute,
Wär' er am Unterleib gestutzt gewesen,
Von da ab wo der Mensch ihn hat gegabelt.

Die schwere Wassersucht, die ungleich schaffet
Die Glieder durch den Saft, den schlecht sie umsetzt,
So daß das Antlitz nicht entspricht dem Wanste,

Macht' ihn die Lippen aufgesperret halten
Wie der Schwindsücht'ge thut, der ob des Durstes
Zum Kinn die eine zieht, die andre aufwärts.

"O ihr, die ihr ohn' alle Plage hierseid,
Warum? weiß ich nicht, in der Welt des Jammers,
Sprach er zu uns: betrachtet und beachtet

Nun recht das Elend hier des Meister Adam.
Ich hatte lebend g'nug des, was ich wollte,
Und jetzt, ach, wünsch' ich nur ein Tröpflein Wasser.

Die Bächlein, welche von den grünen Hügeln
Des Casentin herniedergehn zum Arno,
Kühl machend ihre Bett' umher und üppig,

Stehn immerdar vor mir, und ach, umsonst nicht:
Indem ihr Bild mich fort und fort ausdörret,
Mehr als dies Weh, das fleischlos mein Gesicht macht:

Denn die Gerechtigkeit, die streng mich peinigt,
Nimmt Anlaß von dem Ort, wo ich gesündigt,
Die Seufzer mein in schnell're Flucht zu bringen.

Romena liegt da, wo ich die Legierung
Gefälscht, die mit des Täufers Bild beprägte;
Weshalb verbrannt ich droben ließ den Körper.

Doch, säh' ich hier die schurk'sche Seele Guidos,
Auch Alexanders, oder ihres Bruders,
Für Brandas Brunnen gäb' ich solche Schau nicht!

Hierinnen ist die eine schon, wenn Wahres
Die wüth'gen Schatten sagen, die hier umgehn;
Allein was hilft's? geschnürt sind meine Glieder!

Wenn ich auch nur so leicht noch wäre, daß ich
Gehn könnte einen Zoll in hundert Jahren:
Ich hätte mich schon auf den Weg begeben,

Ihn unter dem entstellten Volk zu suchen;
Obgleich es eilf der Miglien so hinumliegt,
Und auch wohl schmäler nicht als eine halbe.

Durch sie bin ich bei solcherlei Gesinde:
Sie haben mich verführt Floren zu schlagen,
Die drei Karat enthielten an Legierung." -

Und ich zu ihm: ""Wer sind die beiden Armen,
Die gleich der feuchten Hand im Winter dampfen,
Gezwängt an deiner rechten Seite liegend?"" -

"Hier fand ich sie, auch wandten sie sich nimmer,
Antwortet' er: seit in die Kluft ich stürzte,
Und glaub', sie wenden sich in Ewigkeit nicht.

Die ist die Falsche, die verläumdet Joseph,
Sinon von Troja der, der falsche Grieche,
Im hitz'gen Fieber qualmen so viel Dampf sie.

Und deren Einer, den's verdrießen mochte,
Auf solche Weise schlecht genannt zu werden,
Schlug mit der Faust auf seinen harten Wanst ihn:

Und der erscholl, als wär' er eine Pauke;
Doch meister Adam schlug ihn in das Antlitz
Mit seinem Arme, der nicht wen'ger hart schien,

Indem er sprach: Wenn mir auch die Bewegung
Versagt ist mit den Gliedern, die zu schwer sind;
Hab' ich den Arm noch frei zu solcher Arbeit!" -

Worauf der wieder sprach: ""Als du zum Feuer
Hingingest, war er dir nicht ganz so rührig;
Doch war er's so und mehr, sobald du prägest."" -

Der Wassersücht'ge aber: "Wahres sagt du
Hievon; doch warst du kein so wahrer Zeuge,
Als man, bei Troja, dich nach Wahrheit fragte!" -

"Und sprach ich falsch; so fälschest du die Münze,
Sprach Sinon: und ich lieg' um einen Fehl hier,
Doch du um mehr als sonst ein andrer Teufel!"" -

"Erinnre dich, Meineidiger, des Pferdes,
Antwortete der mit geschwoll'nem Wanste:
Und sei dir's Strafe, daß es alle Welt kennt!" -

""Der Durst sei Strafe dir, begann der Grieche:
Der dir die Zunge sprengt, dein Eiterwasser
Dazu, was vor den Augen dir den Wanst thürmt!""

Worauf der falsche Münzer: "Also thut sich
Dein Mund zur Bosheit auf, wie er gewohnt ist;
Denn, hab' ich Durst und füllet mich die Nässe,

So hast du Brennen, dazu Schmerz im Haupte:
Und zu belecken des Narzissus Spiegel
Bedarf's, zu nöth'gen dich, nicht vieler Wort!" -

Sie anzuhören stand ich wie gebannet,
Als mir der Meister sagte: "Schau nur, schau nur,
Denn wenig fehlet, daß ich mit dir zanke!" -

Als ich ihn zürnend zu mir reden hörte,
Wandt' ich mit solcher Scham mich gegen ihn hin,
Daß sie mich wieder überläuft beim Denken.

Und wie der ist, deer sich ein Unglück träumet,
Daß träumend er begehret nur zu träumen
Und was schon ist, als wär' es nicht, sich wünschet.

Gehabt' ich mich, der ich, nicht reden könnend,
Mich doch entschuld'gen wollt' und immerdar mich
Entschuldigte und dennoch glaubt' ich thät's nicht.

"Es wäschet größern Fehl geringer' Schämen,
Als deines war, begann nunmehr mein Meister:
Drum lasse jegliche Betrübniß fahren,

Und denke, daß ich stets bei dir, geschäh' es
Noch öfter, daß der Zufall dich hin führte,
Wo etwa Leut' in solchem Zanken wären:

Denn gern das hören ist gemeine Neigung.


Gesang 31

Virgil hat den Dichter über seine Beschämung beruhigt. Sie wandeln nun nach dem Rande des mittleren Höllenschlundes. Eine düstere Dämmerung waltet hier. Der furchtbare Schall eines Hornes dringt zu Dantes Ohr. Er späht vorwärts und glaubt eine Menge Thürme den Rand des Abgrundes umragen zu sehen: Virgil aber sagt ihm: es seien Riesen, die mit dem halben Leib in dem Brunnen stünden. Nach und nach erblickt Dante sie wirklich und preist die Natur, daß sie nicht mehr solche Wesen schafft, wo sich der Geist mit ungeheurer Körperkraft zu bösem Thun verbindet. Die Riesen, welche sich mit Verrath und Gewalt an Gott versündigt haben, umgeben billig, halbhineingesenkt, den tiefsten Abgrund der Hölle, zugleich die furchtbare, erst jenseits gefesselte Gewalt des Verrathes überhaupt andeutend. Die Größe hier bestrafter Verbrechen wird gewissermaßen auch körperlich vorgebildet. - Zuerst stellt sich Nimrod, der Erbauer des Thurms zu Babel, dar, der wirren Lautes in unverständlicher Sprache seufzet. Virgil sagt, er klage sich selbst an, und ruft ihm zu: er solle lieber mit dem Horn blasen, als so wirre Sprache herausstoßen. Dann sagt er zu Dante: der Uebermuth desselben habe veranlaßt, daß man nun mehr als eine Sprache auf Erden habe. Nun gelangen die Wandernden zu dem mit Ketten fünfmal umwundenen Ephyaltes. Dante verlangt darauf auch den Briaseus zu sehen, Virgil aber sagt ihm: er sei fern von da, und führt ihn, während Ephyaltes seine Ketten schüttelt, zu Antäus, der ungefesselt ist. Auf Virgils Zureden ergreift der Riese ihn, der Dante umfasset, und setzt so beide in den Abgrund hinab. Nach Hiob 26 V. 5 seufzen die Riesen unter den Wassern (der Sündflut); Dante stellt sie an den Rand des Sündenstromes, welcher zu Eis erstarrt die ärgsten Sünder bedeckt (s. Hölle 34 V. 10-12 u. d. Anm.)

Dieselbe Zunge that zuerst mir wehe,
So daß sie beide Wangen mir gefärbet,
Und reichte dann mir auch die Arzenei dar.

So höret' ich, es sei Achilles Lanze
Und seines Vaters ein Geräth gewesen
Zuerst zu böser, dann zu guter Schenkung.

Wir wandten dem elenden Thal den Rücken,
Auf jenem Rand, der ringsher es umgürtet,
Ihn überschreitend sonder ein Gespräche.

Hier war's nicht völlig Nacht, auch Tag nicht völlig,
So daß mein Blick nur wenig vorwärts reichte,
Allein ich hört' ein hohes Horn so blasen,

Daß jeden Donner es geschwächet hätte:
Und seines Halles Weg entgegen wandte
Ich meine Augen nur auf eine Stelle.

Nach der unsel'gen Schlacht, als Karl der Große
Den heiligen Kriegzug verloren hatte,
Blies auch Orlando nicht so gar entsetzlich.

Nicht lang' hielt ich das Haupt emporgerichtet,
Als es mich däucht', ich säh' viel' hohe Thürme,
Weshalb ich: »Meister, welche Stadt ist diese?« -

Und er zu mir: »»Da in den Finsternissen
Du noch zu weit von dort entfernet wandelst,
Geschiet's, daß du dich irrest im Vermuthen.

Sehn wirst du recht, wenn du dorthin gelangest,
Wie sehr der Sinn sich täuscht aus der Entfernung;
Drum stachle selber dich ein wenig vorwärts.«« -

Liebreich hierauf ergriff er bei der Hand mich
Und sprach: »»Eh wir noch weiter vorgedrungen,
Daß es dur weniger unheimlich dünke,

Vernimm: es sind nicht Thürme, sondern Riesen,
Und in dem Brunnen steh'n sie rings am Rande
Vom Nabel abwärts, alle mit einander.«« -

Gleichwie, sobald der Nebel sich zertheilet,
Der Blick sich nach und nach zusammenbildet,
Was ihm der Dunst verhüllet, den die Luft häuft:

Also die dick' und dunkle Luft durchdringend,
Indem ich mehr und mehr dem Rande nahte,
Floh mch der Irrthum, aber kam mich Furcht an;

Denn, wie an seiner zirkelförm'gen Mauer
Sich Montereggion mit Thürmen krönet,
Also umthürmeten das Ufer, welches

Umgiebt den Born, von ihrem halben Leib an
Entsetzliche Giganten, die vom Himmel
Noch Jupiter bedroht, sobald es donnert:

Und ich erkannte schon des einen Antlitz,
Schultern und Brust und großen Theil des Bauches,
Und an den Seiten nieder beide Arme.

Natur that wahrlich wohl, als sie das Schaffen
Von so gestalten Wesen unterlassen,
Um Mars derlei Vollstreckeer zu entziehen:

Und, reueten sie nicht die Elephanten
Und Walle, wer es recht erwäget, achtet
Sie drum noch für gerechter und für weiser;

Denn da, wo sich die Urtheilskraft des Geistes
Dem bösen Willen und der Macht vereinet,
Kann keinen Damm die Menschheit gegenstellen.

Sein Angesicht schien mir so lang und breit wie
Zu Rom der Pinienzapfen am Sanct Peter,
Auch waren dem gemäß die andern Glieder:

So daß das Ufer, welches ihm ein Schurz war,
Von mitten aufwärts, doch so viel noch sehen ließ
Von oben, daß, sein Haupthaar zu erreichen,

Drei Friesen sich umsonst vermessen hätten;
Denn von ihm sah ich dreißig große Spannen,
Vom Ort herab, wo man den Mantel heftet.

»Raphel maï amech izabi amli!«
Begann nunmehr der grause Mund zu rufen,
Für den sich sanft're Psalmodien nicht schickten.

Und zu ihm sprach mein Führer: »»Irre Seele,
Halt dich an's Horn und tob dich aus mit diesem
Wenn Zorn dich oder andre Stimmung ankommt.

Such' dir's am Hals, da wirst die Schnur du finden,
Die es gebunden hält, o wirre Seele!
Da schau' es, es umringt die große Brust dir!««

Drauf sagt' er mir: »»Der klaget an sich selber:
Es ist Nimrod, durch dessen arg' Vermessen
Man nicht mehr eine Sprach' auf Erden redet.

D'rum lassen wir ihn, reden wir nicht unnütz:
Denn so ist ihm jedwede andre Sprache,
Wie Andern seine ist, die Niemand kennet.«« -

Wir machten aslo nun noch mehr des Weges,
Linkshin gewandt, und einen Pfeilschuß weiter
Sah'n wir den zwoten, wilder viel und größer.

Wer ihn so einzufesseln war der Meister,
Kann ich nicht sagen, doch geschnüret hatt' er
Den andern vorn, den rechten Arm nach hinten,

Mit einer Kette, die ihn hielt gebunden,
Vom Hals hinab, daß auf dem Unbedeckten
Sie sich umherschlang, bis zur fünften Windung

»Der Uebermüth'ge wollte sich versuchen
Am höchsten Jupiter mit seiner Stärke,
Sprach mein Geleiter; d'rum wird ihm die Zücht'gung.

Ephialtes heißt er, that einst große Dinge,
Als die Giganten Furcht den Göttern machten,
Die Arme, die er schwang, bewegt er nie mehr.« -

Und ich zu ihm: »»Dürft' es geschehn, so wünscht' ich,
Daß von dem ungemess'nen Briareus
Kenntniß erlangen möchten meine Augen!«« -

Worauf er sprach: Du wirst Antäus schauen,
Hier nahe bei, der redet und gelöst ist,
Der uns zum Grund wird bringen aller Sünde

Der, den du schau'n willst, steht weit mehr nach dorthin
Und ist gebunden und gethan wie dieser;
Nur daß er noch viel wilder ist im Antlitz.

Es war noch kein Erdbeben so gewaltig,
Daß es geschüttelt einen Thurm so mächtig,
Wie Ephialtes rasch war sich zu schütteln.

Da fürchtete den Tod ich mehr als jemals,
Und nöthig war dazu nichts als das Bangen
Hätt' ich die Fesseln nicht an ihm gewahret.

Wir aber zogen nun noch weiter vorwärts
Und kamen zu Antäus, der fünf Klaftern,
Das Haupt nicht mitgezählt, dem Schlund entragte.

»O du, der im verhängnißvollen Thale,
Das Scipio'n zum Erben schuf des Ruhmes,
Als Hannibal entflohe mit den Seinen,

Dir einst zur Beute tausend Leu'n gelangt hast:
Von dem, hätt'st du im kühnen Krieg den Brüdern
Geholfen, man noch jetzt zu glauben scheinet,

Du hättest Sieg gebracht den Erdensöhnen!
Setz' uns hinab (es falle dir nicht lästig),
Wo den Cocytusstrom die Kälte fesselt.

Send' uns nicht fort zu Titius und Typhoeus,
Verleihn kann der von dem was hier verlangt wird;
D'rum neige dich herab und zieh das Maul nicht.

Er kann dir in der Welt noch Ruhm bereiten;
Da er noch lebt und hofft noch langes Leben,
Ruft ihn nicht vor deer Zeit zu sich die Gnade.« -

So sprach der meister; aber in der Eile
Griff meinen Führer, nahm ihn mit den Händen,
Von denen Herkules einst großen Zwang litt.

Virgilius, als er sich fassen fühlte,
Rief mir da zu: »Komm her, daß ich dich fasse!« -
Drauf' macht er mich mit ihm zu einem Knäuel

Gleichwie der Carisendathurm zu schau'n ist,
Unter der Neigung, ziehet ein Gewölke
So über ihn, daß er entgegen hanget,

Schien mir Antäus, als ich achtend dastand,
Zu schau'n wie er sich neigt', und also war es,
Daß gern ich einen andern Weg genommen:

Doch leicht hinab zum Abgrund, der verschlinget
Den Lucifer sammt Judas, setzt' er uns;
Doch so gebeuget weilt' er da nicht lange,

Und hub empor sich wie der Mast im Schiff.


Gesang 32

Die Musen werden um Beistand angerufen, der Höllenschilderung Schlußstein zu setzen; denn die Dichter betreten, dem Mittelpunkt der Erde nahend, den letzten Abgrund. Dieser nimmt den herniederrinnenden Sündenstrom auf (s. Hölle XIV V. 112 u. d. Anm.), der hier als Cocytussee von göttlicher Liebesglut widerstrebender, satanischer, lichtloser Kälte zu Eis erstarrend, die darein versenkten Verräther ewig fesselt. Hierhin drücken alle Lasten, hier ist, am entferntesten von Gott der furchtbarste Sündenzwang. Während die Seeligen in Gottes Nähe, ledig aller Last, in der endlosesten, lichtesten Freiheit schweben, gelöst in flammender Liebe zu Gott und seiner Schöpfung, ist hier die finsterste Finsterniß, die engste Enge, die kälteste Kälte, der abgeschlossenste Egoismus, mit all' seinem Haß, mit all' seiner gottentfernten, gottlosen Qual. Vier Abtheilungen hat der starre Cocytussee: die äußere, Caina, nimmt die Verräther an Verwandten auf, die zweite, Antenora, die Vaterlandsverräther, die dritte, Ptolemäa, die an Gastfreunden, die letzte, innerste, Giudecca, die an Wohlthätern und Gott. - Dante betritt zuerst die nach dem Brudermörder Cain benannte Caina (s. Hölle V V. 107) und sieht hier die Schatten noch so weit dem Eis entragen, als der Mensch vor Scham erröthet. Alle beugen, ewig beschämt, das Antlitz nieder und weinen: hier ist »in der äußersten Finsterniß Heulen und Zähnklappen.«. Die Thränen erstarren vor der Sünder Augen. Zween Brüder, die sich verrathen und getödtet, sind so dicht an einander gefroren, daß ihre Locken sich mischen. Als Dante sie anredet, heben sie die Häupter und wollen ihn anschaun, aber frierende Thränen schließen ihre Augen: in Wuth darüber stoßen sie sich wie Böcke; denn es ist nicht Liebe, es ist Haß, der den Einen ewig dicht vor die Phantasie des Andern stellt. Ein andrer Verräther, Camiccion dei Pazzi, verräth, daß sie aus dem Geschlecht der Alberti da Mangone stammen, und nennt ihm dazu noch den Sassol Mascheroni, welcher dicht vor ihm steht. Hierauf betritt Dante die zweite Abtheilung, die nach dem Troianer Antenor benannte Antenora. Hier stößt er den Landesverräther Bocca, ohne es zu wollen, mit dem Fuß an's Haupt. Als dieser ihn ausschilt, nimmt er ihn bei den Haaren und will ihn zwingen, sich zu nennen Da verräth ein anderer Landesverräther dessen Namen. Bocca rächt sich dafür, indem er wieder Jenen nennt und noch viele Andre, die hier Strafe leiden. Endlich erblickt Dante Zween in ein Loch gefroren, davon der Eine des Andern Haupt benagt, und befragt den Nagenden, was ihn zu solchem viehischen Hassen treibe? versprechend: er wolle die Schande des Gehaßten auf Erden ausbreiten, dafern seine Zunge nicht verdorre. - Die Liebenden (s. Hölle V V. 77 u. w.) beschwor Dante bei ihrer Liebe, den Verräther bewegt er durch Antheil an seinem Hasse.

Hätt' ich die Verse nun so rauh und heiser,
Als sie gebührten dem trübsel'gen Abgrund,
Auf welchen all' die andern Felsen wuchten;

Drückt' ich den Saft aus dem, was mir im Sinn ist,
Noch völl'ger aus; doch da ich sie nicht habe,
Geh ich nicht ohne Furcht an das Erzählen.

Denn nicht als Spiel zu nehmen ist mein Vorwurf,
Des ganzen Weltall's Mitte zu beschreiben,
Noch für die Zunge, die Mama, Papa lallt.

Doch mögen meinem Lied die Frauen beistehn,
Die einst Amphion halfen Theben schließen,
Daß nicht verschieden von der That mein Wort sei.

O, du vor Allen mißgeschaffner Haufe,
Der du am Ort bist, der so graus zu schildern,
War't Schaaf' ihr, oder Ziegen hier, war's besser.

Als wir im finstern Brunnen unten waren,
Unter des Riesen Füßen, sehr viel tiefer,
Und ich noch auf zur hohen Mauer sahe,

Hört' ich mir sagen: »Schaue, wie du durchkommst;
Und gehe so, daß du nicht mit den Sohlen
Die Häupter trittst elender, schwacher Brüder.« -

Drauf ich mich wandt', und vor mir einen See sah
Und unter meinen Füßen, der durch Kälte
Von Glas das Ansehn hatte, nicht von Wasser.

Nie machte seinem Lauf so starke Decke
Zur Winterzeit der Donaustrom in Oestreich,
Noch je der Don dort unterm kalten Himmel,

Als hier sie war; denn wär' auch Tabernichi's,
Wär Pietrapana's Berg darauf gefallen,
Sie hätt' am Saume nicht einmal geknistert.

Und wie der Frosch, zum Ouacken mit dem Maule
Vorstehet aus dem Wasser, wenn die Bäu'rin
Vom Aehrenlesen unterweilen träumet:

So stacken fahl hier bis so weit das Schamroth
Sich zeigt, die traur'gen Schatten in dem Eise,
Mit Zähnen klappend nach der Störche Weise.

Hinabgekehrt hielt jeglicher das Antlitz,
Es giebt aus ihrem Mund die Kälte, aber
Das traur'ge Herz aus ihren Augen Zeugniß.

Als ich da etwas um mich her geblicket,
Sah' ich zu Füßen Zween so dicht gedränget,
Daß sich ihr Haupthaar in einander mischte.

»Ihr, die ihr so die Brüste dränget, sprach ich,
Wer seid ihr?« - Und sie bogen ihre Hälse.
Als die Gesichter sie gen mich erhoben,

Da troffen ihre Augen, die erst innen
Weich waren, auf die Lippen, und die Thränen
Bezwang der Frost dazwischen und verschloß sie.

Wohl nie band eine Klammer Holz mit Holze
So fest zusammen; drob sie wie zwei Böcke
Einander stießen, solch' ein Zorn befing sie.

Und einer, welcher durch den Frost die Ohren
Beide verloren, sprach, das Antlitz immer
Hinabgekehrt: »Was siehst du uns so viel an?

Begehrst du, wer die Beiden sind, zu wissen?
Das Thal, dem der Bisenzio entströmet,
War Albert's, ihres Vaters, und auch ihres.

Ein Leib gebar sie Beid', und ganz Caïna
Kannst du durchsuchen, dennoch keinen Schatten
Fänd'st würd'ger du zu stecken in der Gallert;

Nicht der, dem Brust und Schatten ward durchstochen
Mit einem Stoße, von des Artus Hand,
Focaccia nicht, nicht der, der mit dem Haupte

Mich so befängt, daß ich nicht fürder schau',
Er war benamet Sassol Mascheroni;
Bist Tusker du, so weißt du, wer er war.

Und, daß du mich nicht mehr mit Reden plagest,
So wiss', ich war der Camicion de' Pazzi,
Und warte auf Carlin, der mich entschuld'ge.« -

Drauf sah' ich der Gesichter tausend' hündisch
Geworden durch den Frost, weshalb mir jetzo
Und ewig schaudert vor gefrornen Lachen.

Und während wir da nach der Mitte gingen,
In welcher alle Schwere sich vereinigt,
Und ich erzitterte im ew'gen Schatten;

War's Absicht, war es Schicksal, oder Zufall,
Ich weiß nicht; doch hin durch die Häupter wandelnd
Stieß stark ich Einem mit dem Fuß in's Antlitz.

Er schrie mich weinend an: »Warum mich treten?
Wenn du nicht kommst, die Rache noch zu steigern
Von Mont' Aperti, warum dann mich quälen?« -

Und ich: »Mein Meister, nun erwarte hier mich,
Daß ich durch ihn aus einem Zweifel komme,
Dann treibe mich, so viel du willst, zur Eile.« -

Der Führer stand, ich aber sprach zu jenem,
Der immerwährend noch hartnäckig fluchte:
»Wer bist du, welcher Andere so ankeift?« -

»Erst, wer bist du, der geht durch Antenora,
Zerstoßend, sprach er: Andern ihre Wangen,
So daß, wär' lebend ich, zu viel es wäre?« -

»Ich bin noch lebend, und es kann dir lieb sein,
War meine Antwort: willst du Ruhm, so setz' ich
Zu anderen Berühmten deinen Namen!« -

Und er zu mir: »«Das Gegentheil begehr' ich.
Heb' dich hinweg, sei mir nicht länger lästig;
Denn schlecht weißt du im Abgrund hier zu schmeicheln.« -

D'rauf nahm ich bei den Haaren des Genicks ihn,
Und sprach: »Du wirst dich dennoch nennen müssen,
Sonst soll hier oben nicht ein Haar dir bleiben.« -

Drauf er zu mir: »Weil du mich kahl machst, sag' ich
Dir weder, wer ich bin, noch zeig' ich dir es,
Und rammst du tausendmal mit dir das Haupt mir.« -

Schon hatt' ich um die Hand den Schopf gewunden,
Und mehr als einen Büschel ihm entrissen,
Indeß er bellte, und die Augen senkte;

Als nun ein Andrer rief: »Was hast du, Bocca?
Genügt dir's nicht, zu klappen mit den Zähnen,
Mußt du noch bellen? Welcher Teufel plagt dich?« -

»Nun, sprach ich: will ich nicht, daß du noch redest,
Verräther, schlechter; doch zu deiner Schande
Werd' ich von dir wahrhafte Kunde bringen!« -

»Geh' hin, sagt' er: und was du willst, erzähle!
Doch schweige nicht, wenn du von hier hinauskommst,
Von dem, der jetzt so flink die Zunge hatte.

Er weint hier über der Franzosen Silber.
Ich sahe, kannst du sagen, den von Duera
Da, wo die Sünder in der Kühle sitzen.

Hätt'st du gefragt, wer etwa noch hier stecke;
Hast du zur Seite den von Beccheria,
Dem einst Florenz die Gurgel abgeschnitten.

Gianni del Soldanier, glaub' ich, ist weiter
Dorthin mit Ganellon und Tribaldello,
Der einst Faënza, als man schlummert', aufthat.« -

Wir waren schon von ihm hinweggegangen,
Als zween ich sahe in ein Loch gefroren,
So daß das eine Haupt dem andern Hut war.

Und wie man Brot hinunterwürgt aus Hunger,
So hieb das Obere die Zähn' in's Unt're,
Da wo das Hirn sich dem Genick verbindet.

Nicht anders hat einst Tideus angenaget
Des Menalippus Schläf' aus Haß, wie der es
Dem Schädel und den andern Theilen anthat.

»Du, der durch so ein viehisch Zeichen darthut
Haß gegen Jenen, welchen du verzehrest,
Sag' mir, warum? sprach ich: auf den Vertrag hin

Daß, wenn mit Recht du klagest über Jenen,
Weiß ich nur, wer ihr seid, und sein Verbrechen,
Ich dir's noch oben in der Welt vergelte;

Dafern die nicht verdorrt, mit der ich rede.« -


Gesang 33

Der Sünder erhebt sein Haupt von dem grausen Mahle, giebt sich als Graf Ugolino, den Benagten aber als den Erzbischof Ruggieri zu erkennen, erzählt dann, wie dieser ihn sammt Söhnen und Enkeln verrätherisch gefangen, in einen Thurm sperren und verhungern lassen. Nach vollendeter Erzählung nimmt er das benagte Haupt wieder in die Zähne. Der Sinn der Gruppe ist dieser: Ruggieri's Phantasie muß demselben, nach erwachtem Bewußtsein, beständig das Bild des hungernden Ugolino nahe bringen: so wie Jener ewig den Gehaßten vor sich sieht und keine andere Empfindung mehr kennt, als Rachegefühl und Haß, ausgenommen während der Erzählung, wo sich seine Phantasie einen Augenblick der Vergangenheit zuwendet. Schwieg doch auch, Hölle V V. 77 u. w., der heftige Sturm so lange Franzeska früherer Zeiten gedachte; aber wie der Sturm sinnlicher Liebe jene wieder ergreift und fortführt, zwingt diesen Lieblosen wieder der Hunger des Hasses, Jenen von neuem und ewig zu zernagen. - Nach einer gegen Pisa ausgesprochenen Verwünschung geht Dante weiter und betritt die dritte Abtheilung, die Ptolemäa, so benannt nach dem Ptolemäus, welcher seine Gastfreunde verrätherisch umgebracht (s. B. I d. Maccab. Cap. 16). Die Sünder sind hier überrückgebeugt: von den Augenhöhlen aufgefangen. gerinnen ihre Thränen erst zu Eisklumpen, dann, ohne Ausweg, dringen sie gänzlich in's Innere. Wer den Freund verräth, beleidigt sein eigenes Innerste, der Freund ist gleichsam ein Theil seines Herzens. Der Schmerz um solche That muß also mehr in das Herz dringen, als irgend ein anderer. Dante wundert sich, hier, wo alle göttliche Wärme entzogen ist, noch eine Luftbewegung zu fühlen. Virgil sagt ihm: er werde bald sehen, wer das Wehen errege. Indeß bittet ihn ein hier gestrafter Freundesverräther, ihm das Eis von den Augen zu lösen, damit er seine Qual einmal ausweinen möge. Er antwortet ihm: er solle sich ihm nennen, und thue er (Dante) nicht seinen Willen, so müsse er (Dante) bis zum Grunde des Eises gehen. Der Verräther, nicht wissend, daß Dante letzteres ohnedies thun werde, legt seine Rede thörigerweise für ein günstiges Versprechen aus und giebt sich als die Seele Alberigos zu erkennen, zusetzend: wie es droben um seinen Leib stehe, ob er schon gestorben, wisse er nicht; denn solchen Vorrang habe die Ptolemäa, daß die Seele sobald sie Verrath begehe, sogleich in den Cocytus stürze: ein Dämon fahre dann statt ihrer in den Leib und regiere ihn so lange, bis seine Zeit gänzlich abgelaufen. Diese Darstellung bezieht sich auf Joh. XIII V. 27, wo es von Judas heißt: »Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn.« Der Sinn aber ist der: Sobald die Seele den Freund verräth, ist all ihre Liebe entwichen, sie ist im starren Eise des ewigen Hasses, sie hat ihr Leben und alle ihre Lust verloren, sie ist lebendig todt und all ihr Thun ein gänzlich böses. - Dante geht hinweg, ohne dem Freundesverräther das Eis abzunehmen: solche That wäre ein thöriger Eingriff in die ewige Nothwendigkeit und Gerechtigkeit.

Den Mund erhub vom unbarmherz'gen Mahle
Der Sünder, ihn abwischend an den Haaren
Des Hauptes, das von hinten er zerstöret.

Dann hub er an: »Du willst ich soll erneuen
Verzweiflungsvollen Schmerz, der mir das Herz drückt,
Sein nur gedenkend, eh' davon ich rede.

Doch sollen meine Worte Saamen werden,
Der Schimpf trägt dem Verräther, den ich nage;
So sieh zugleich mich reden, und auch weinen.

Ich weiß nicht, wer du bist, noch welcher Art du
Herabgekommen hier, doch Florentiner
Scheinst du in Wahrheit mir, hör' ich dich reden.

So wisse denn, ich war Graf Ugolino,
Und dieser hier der Erzbischof Ruggieri;
Nun sag' ich dir, warum ich solch' ein Nachbar.

Daß einst, in Folge seiner schlimmen Ränke,
Ich, der ihm trauete, gefangen worden,
Und dann getödtet, thut nicht Noth zu sagen.

Drum, was du selbst nicht kannst erfahren haben,
Das ist, wie so entsetzlich war mein Ende,
Sollst hören du, und seh'n, ob er mir weh that.

Ein enges Mauerloch in jenem Käfig,
Der nun von mir den Namen trägt des Hungers,
Und drein man Andere noch muß verschließen,

Hatte durch seinen Spalt schon manchen Mond mir
Gezeiget, als ich fiel in bösen Schlummer,
Der von der Zukunft mir wegriß den Schleier,

Der hier erschien als Herr mir und Gebieter:
Den Wolf mit seinen Wölflein jagt' am Berg' er,
Vor dem Lucca nicht sehn kann der Pisaner.

Mit magern Hündinnen, gierigen, schlauen,
Hatt' er Gualandi und dazu Sismondi,
Lanfranchi auch sich vor die Stirn genommen.

Nach kurzem Lauf schien mir der Wolf ermüdet
Sammt seinen Jungen, und mir war als säh' ich
Von spitzen Zähnen theilen ihre Seiten.

Als ich darauf erwacht war, noch vor Tage,
Hört' ich im Schlafe weinen meine Söhne,
Die bei mir waren, und nach Brot verlangen.

Sehr hart bist du, wenn es dich noch nicht schmerzet,
Das denkend, was mir nun im Herzen ahnte:
Und weinst du nicht, worüber weinst du sonst wohl?

Schon waren auf wir, und die Stunde nah'te,
Wo man die Speise uns zu reichen pflegte,
Und Jeder zweifelte ob seines Traumes;

Da hörte ich den Ausgang schließen unten,
Am schreckenvollen Thurm, weshalb ich blickte
In's Antlitz meinen Söhnen, und nichts sagte;

Ich weinte nicht, so innerlich versteint' ich.
Sie weineten. Mein Anselmuccio aber
Sagte: du starrest so, Vater! was hast du?

Doch weint' ich nicht, und gab auch keine Antwort
Den ganzen Tag, und auch die Nacht darauf nicht,
Bis in die Welt die neue Sonn' emporstieg.

Als nun ein wenig Strahl sich eingeschlichen
In's schmerzliche Gefängniß, und ich sahe
In vier Gesichtern da mein eig'nes Aussehn:

Biß ich vor Wehe mich in beide Hände.
Und jene, meinend, daß ich's aus Begierde
Zu essen thäte, huben schnell empor sich

Und sagten: Vater, minder wehe thät es
Uns, äßest du von uns; umgeben hast du
Uns mit dem armen Fleisch, so nimm es wieder.

Da faßt' ich mich, sie nicht mehr zu betrüben,
Den Tag, so wie den andern, blieben stumm wir:
O harte Erde, daß du dich nicht aufthat'st?

Als wir nunmehr den vierten Tag erreiche,
Warf Gaddo sich mir ausgestreckt zu Füßen,
Und rief: Mein Vater, warum hilfst du mir nicht?

Da starb er und, wie du mich schauest, sah ich
Die drei hinsinken einen nach dem andern
Zwischen dem fünften Tag und sechsten, wo ich,

Schon blind, begann auf jeden hinzutasten,
Drei Tage rief ich sie nach ihrem Tod noch,
Worauf, mehr als der Schmerz, vermocht der Hunger!«

Als er gesagt das, nahm er augenrollend
Auf's Neu' den armen Schädel in die Zähne,
Die stark wie eines Hund's dem Knochen waren.

O Pisa, Pisa! Schande du der Völker
Im schönen Lande wo das »si« ertönet;
Da deine Nachbarn träg' sind dich zu strafen,

Soll regen sich Capraja und Gorgona
Und Dämm' am Arno machen, vor der Mündung,
Daß er in dir ertränke jede Seele.

Denn wenn den Ruf Graf Ugolino hatte,
Verrathen dich zu haben mit den Vesten,
Hätt'st du die Söhne nicht so martern sollen.

Die jungen Jahre machten, neues Theben,
Unschuldig den Uguccion' und Brigata,
und die zween andern, die das Lied schon nannte.

Wir gingen weiter hin, allwo die Kälte
Erschrecklich rauh ein andres Volk umstricket,
Nicht vorgebückt, nein, überrück gebeuget.

Das Weinen selber lässet da nicht weinen,
Der Schmerz, der vor den Augen Hemmung findet,
Kehrt sich hinein, zu mehren die Bedrängniß:

Indem die ersten Thränen Klumpen bilden,
Und also wie crystallene Visire
Unter den Brau'n den ganzen Kelch erfüllen.

Und ob mir schon, gleichwie aus einer Hornhaut,
Der Kälte wegen jegliche Empfindung
Gewichen war aus meinem Angesichte;

Schien es mir doch, als fühlt' ein wenig Wind ich:
Weshalb ich: »Meister, wer erreget diesen?
Erlischt denn nicht hier unten jede Wärme?« -

Drauf er zu mir: »Gar bald gelangst du dorthin,
Wo dir dein Auge drauf wird Antwort geben,
Schauend den Grund, warum der Hauch daher stürzt!« -

Und ein Elender aus der eis'gen Kruste
Schrie zu uns her: »O Seelen, so entsetzlich,
Daß euch der allerletzte Platz bestimmt ist,

Lös't mir vom Angesicht die harten Schleier,
Daß ich den Schmerz austob', der mir in's Herz frißt,
Ein wenig eh' das Weinen wieder frieret!« -

Drum ich zu ihm: »Willst du, daß ich dir helfe,
So sag' mir, wer du bist, und lös' ich dich nicht,
So müss' ich bis zum Grund des Eises gehen!« -

Da sagt' er: »Bruder Alderigo bin ich,
Der mit den Früchten aus dem bösen Garten
Bin ich, der Dattel hier empfängt für Feige.« -

»O, sagt' ich ihm, bist du nun auch gestorben?« -
Und er zu mir: »Wie es um meinen Leib steht,
Dort in der Welt, deß hab' ich keine Kenntniß.

Dergleichen Vorrang hat die Ptolemäa,
Daß oft schon hier herab die Seele stürzet,
Bevor noch Atropos ihr Schwung gegeben.

Und daß du williger mir lösen mögest
Vom Angesichte die verglas'ten Thränen,
So wisse, daß, sobald verräth die Seele,

Wie ich es that, ihr Körper ihr geraubt wird
Von einem Dämon, der ihn dann regieret,
Bis endlich seine Zeit ganz umgelaufen:

Sie aber stürzet in sothanen Hälter:
Vielleicht sieht man auch noch den Körper droben,
Des Schattens, der da hinter mir einwintert:

Du mußt es wissen, wenn du erst herabkommst;
Ser Branca d' Oria ist's, und viele Jahre
Sind schon entfloh'n, seit er so eingesperrt ward.« -

»Ich glaube, sagt' ich ihm: daß du mich täuschest:
Denn Branca d' Oria ist nie gestorben,
Und ißt und trinkt und schläft und trägt Gewande.«

»Im Graben oben, bei den Schlimmekrallen,
Sprach er, wo jenes zähe Pech aufbrodelt,
War Michel Zanche noch nicht angekommen,

Als der den Teufel ließ an seiner Stelle
In seinem Leib und eines ihm Verwandten,
Der den Verrath mit ihm vereint vollbrachte.

Doch recke nun die Hand daher und thu' mir
Die Augen auf!« - Doch that ich sie ihm nicht auf
Und Milde war's ihm ungefällig werden.

O Genueser, Menschen, abgewendet
Von aller Sitt', und voll jedweden Frevels,
Warum seid ihr nicht aus der Welt gereutet!

Denn bei dem schlimmsten Schatten aus Romagna
Fand ich der Euren Einen, der im Geist sich
Ob seiner That schon im Cocytus badet,

Und noch lebendig scheint im Leibe droben.

Gesang 34

Der Höllensturm, den wir zuerst das Meer der Zeitlichkeit bewegen, dann vor dem göttlichen Blitzen und dem himmlischen Gesandten zurückweichen sahen (s. d. Anmerk. z. Hölle I V. V. 22-24 und III V. 133-134 und IX V. 64-72), weht den Dichter nun mächtiger an; aber er nimmt Virgil, die menschliche Einsicht, zum Schirm, und geht ihm muthig entgegen, dahin über Schatten, welche gänzlich von Eis umschlossen sind. Nun stellt die Einsicht, Virgil, ihn vor sich hin, damit er im Anblick der besiegten Bosheit erstarke, und zeigt ihm das Prinzip alles Bösen in dem gestürzten Luzifer. Wie sinnreich ist dieser gedacht! Je mehr er strebt sich auf nächtigen Fittigen zu erheben, je fester kerkert er sich ein; denn der Sündenstrom, den er erzeugt (s. d. Anm. z. Hölle XIV V. 112), kehrt zu ihm zurück und erstarrt vom Wehen seiner Flügel zu todtem Eis; ein Gegensatz des seligen Stroms, der von Gott ausgeht und das Weltau belebt (s. Porad. XXX V. 61). Wie schön Luzifer einst in Gottes Nähe war, so häßlich ist er nun durch sein Gottverlassen. Zum haarigen Scheusal verthiert ragt er aus dem Mittelpunkt der Welt und der Schwere in das Amphitheater der Höllenkreise empor; ein riesiges Symbol des unreinsten Bewußtseins. In seinen drei Rachen zernagt er je einen Sünder und der Quälende weint, selbst größere Qual leidend, darüber hin aus drei vereinten Angesichtern, ein unseliges Gegenbild zu dem Dreifachseligen! Gottes Weisheit leuchtet ihm nicht, der Gedanke an die göttliche Allmacht ist ihm brennende Qual, und der heiligen Wärme göttlicher Liebe hat er sich entzogen, so leidet er alle Qualen seines dreitheiligen Reiches: Finsterniß, Brand und Frost (s. Hölle III V. 87). Aus dem schwarzen Antlitz weint seine sinnliche Thorheit, aus dem glutrothen seine vermessene Gewaltthätigkeit, aus dem bleichen sein liebloser Trug. Diesen drei falschen Trieben entsprechen die drei Stürme, die von seinen Fittigen ausgehen, zugleich die drei Thiere des ersten Gesanges: der bethörende Panther, der drohende Löwe und, als Mutter des Truges, die gierende Wölfin. Virgil erklärt seinem Schüler nun, wer die drei in Luzifers Rachen geplagten Sünder sind. Der Vordere, Judas, der Verräther an Christus seinem göttlichen Wohlthäter und dem Reich Gottes, ist mit dem Haupt, das er Gott hätte zuwenden sollen, im glühenden Rachen Luzifers und wird am innerlichsten zerfleischt. Die andern Beiden frevelten am weltlichen römischen Reich, indem sie an dessen Oberhaupt, Cäsar, ihrem menschlichen Wohlthäter Verrath begangen: deshalb hängen sie mit dem Haupt hervor, aus dem schwarzen Rachen der leidenschaftliche Brutus, aus dem bleichen der kalt überlegende Cassius. Nachdem nun Dante alles dieses geschaut und die falsche Furcht abgelegt, da er die Ohnmacht des Bösen vor Gott erkannt, steigt Virgil mit ihm an der haarigen Seite Lucifers in den Mittelpunkt des Eises, der Erde und der Welt hinab und wendet sich dort mit ihm, plötzlich nach jenseits keuchend emporsteigend, indem er während der Umkehr sagt: Auf solcher Stiege müsse man sich von so großem Unheil entfernen, d. h. nur gänzliche Umkehr vermag uns von der Sünde zu befreien. Als sie jenseits des Mittelpunktes so hoch emporgestiegen, als sie diesseits in das Eis hinabgestiegen, sieht Dante mit Verwunderung Luzifers Füße dem Eis entragen. Sie ruhen nun etwas in einer tiefdunklen Kluft. Virgil erklärt ihm, welchen Punkt sie durchgangen, und sagt ihm, daß Luzifer bei seinem Sturz vom Himmel die Mitte der Welt durchbohrt habe, die Erde sei auf der südlichen Halbkugel vor Entsetzen unter das Meer gewichen und auf unserer Halbkugel hervorgetreten, die Höhe Golgatha, Sion bildend; jenseits zurücksprühend habe sie sich als Fegefeuerberg erhoben. So giebt es Rettung für Lebende wie für reuig Gestorbene. An einem Bache, der von jenseits (die abgewaschenen Sünden herniederführend) herabgeht, klimmen sie nun mühsam empor, bis sie durch eine runde Oeffnung (vermuthlich vom Sturz Luzifers gebildet) den Himmel wieder erblicken und emporsteigen zum Wiedersehn der Sterne. Es ist sinnreich, daß sie da hinausschreiten, wo die Sünde (Dis) in die Erde hineingekommen. Es ist ferner sinnreich, daß da eine lange, finstere Leere ist, die nur nach dem Schall des klagenden Baches durchwandert wird, bis endlich der Himmel wieder erscheint: denn der Anfang der Reue ist ein finsterer Schmerz, bis beharrliches Streben uns daraus zur Klarheit erhebt, und ein Licht, ein ermuthigender Stern aufdämmert (s. Fegef. 1 V. 19).

»Vexilla regis prodeunt inferni
Entgegen uns; drum schaue vorwärts, sagte
Mein Meister: schaue, ob du ihn erkennest!«

Wie, wenn ein großer Nebel wehet, oder
Wenn es auf unserer Halbkugel nachtet,
Von ferne eine Mühl' erscheint, die Wind regt,

Solch' ein Gebäu' wähnt' ich nunmehr zu schauen.
Drauf, vor dem Winde, hinter meinen Führer
Zog ich mich; denn es war kein andrer Schutz da.

Schon war ich (und mit Furcht bring' ich's in Verse)
Dort, wo die Schatten all' bedecket waren,
Und wie ein Splitterchen im Glas durchschienen

Liegend sind ein'ge. andre aufgerichtet,
Die mit dem Haupt, die mit den Sohlen, einer
Krümmt wie ein Bogen sein Gesicht zu Füßen.

Als wir so weit nun vorgegangen waren,
Da es gefiel dem Meister, mir zu zeigen
Die Creatur, die einst so schön erschienen,

Zog er mich vor sich hin, und hieß mich stillsteh'n,
Und sprach: »da schau' den Dis, und schau' die Stätte,
Wo es geziemt, daß du mit Muth dich waffnest.

Wie ich nunmehro starr und heiser worden,
Das frage nicht, o Leser, denn ich schreib's nicht,
Da alles Sprechen da zu wenig sagte.

Ich starb da nicht, und blieb da auch nicht lebend:
Nun denk' bei dir, hast du ein Stäubchen Einsicht,
Wie mir da ward, ohn' dieses und ohn' jenes.

Der Kaiser aber des wehvollen Reiches
Mit halber Brust entraget' er dem Eise:
Und eher gleich ich einem der Giganten,

Als die Giganten gleichen seinen Armen.
Daraus ermiß nun, wie das Ganze sein muß,
Soll es dem so gestalten Theil entsprechen.

Wenn er so schön war, wie er nun entstellt ist,
Und gegen seinen Schöpfer hub die Brauen,
Wohl muß von ihm herkommen alles Trauern.

O welch' ein großes Wunder er mir däuchte,
Als drei Gesichter ich an seinem Haupt sah!
Das eine vorn, und es war dieses gluthroth:

Zween and're waren, die daran sich schlossen
Ueber der Mitte von jedweder Schulter,
Und dann sich einten in der Scheitelgegend:

Das rechte mochte zwischen Weiß und Gelb sein:
Das linke aber war zu schau'n wie Jene
Die dort herkommen, wo der Nil in's Thal fällt.

Unter jedwedem hub zween große Flügel
Er, wie sie ziemten so gewalt'gem Vogel;
Meersegel sah' ich niemals noch so große.

Nicht Federn hatten sie, neinm ihre Art war
Wie die der Fledermäus': und damit flattert'
Er so, daß von ihm gingen drei der Stürme,

Durch welche der Cocytus ganz zu Eis fror.
Aus sechs der Augen weinet' er, und über
Drei Kinne tropft' er Thrän' und blut'gen Geifer.

In jedem Munde malmt' er mit den Zähnen
Je einen Sünder, wie in einer Breche,
So daß er dreien solche Oualen machte.

Bei jenem Vordern war das Beißen gar nichts
Gen das Zerkrallen, denn es blieb der Rückgrad
Ihm von der Haut zuweilen ganz entblößet.

»Die Seele, die da oben größte Pein hat,
Sagte der Meister: ist Judas Ischariot,
Der drinn das Haupt hat und heraus die Beine.

Von jenen Zweien mit dem Haupt nach unten,
Ist, der dort hängt vom schwarzen Rachen, Brutus.
Schau', wie er sich verdreht, und keinen Laut giebt:

Der Andr' ist Cassius, der so stark gebaut ist.
Doch wieder steigt die Nacht, und Zeit ist's jetzo,
Hinwegzugeh'n, da Alles wir geschauet.

Wie er es wollt', umschlang ich nun den Hals ihm;
Er aber nahm nunmehro Zeit und Ort wahr,
Und, als die Flügel weit geöffnet waren,

Hing er sich schnell an die behaarte Seite.
Von Zotte dann zu Zotte stieg er nieder,
Zwischen dem dicken Haar und eis'ger Rinde.

Als wir dort angekommen, wo der Schenkel
Sich drehet auf dem breiten Theil der Hüfte,
Wandte der Führer mit Beschwer und Aengsten

Das Haupt hin, wo er erst die Füße hatte,
Und griff am Haar sich fort, wie ein Mensch der aufklimmt,
Daß ich vermeint, es ging zurück zur Hölle.

»Halt wohl dich fest, denn auf sothaner Leiter,
Begann mein Meister, keuchend, wie ein Müder:
Muß man sich trennen von so großem Unheil.« -

Drauf ging er aus durch eine Felsenöffnung
Und setzte mich dort auf dem Rande nieder
Dann stellt' er sich zu mir mit sich'rem Schritte.

Ich hub die Augen, meinend, Luziferen
Zu schauen, wie ich ihn verlassen hatte,
Und sah die Beine ihn nach oben kehren.

Und ob ich dazumal durchschüttert worden,
Mag sich der Pöbel denken, der nicht einsieht,
Welches der Punkt war, den ich nun durchgangen.

»Erheb' dich, rief der Meister: auf den Füßen!
Der Weg ist lang, und übel ist die Straße,
Und schon zur halben Terza steigt die Sonne.« -

Kein prächt'ger Saal war's, drinn wir uns befanden,
Nein, eher ein natürliches Gefängniß,
Das bösen Grund, und Mangel hatt' an Lichte.

»Bevor ich mich dem Abgrund noch entreiße,
Mein Meister, sagt' ich, als ich aufrecht dastand:
Sag' mir, um aus dem Irrthum mich zu ziehen:

Wo ist das Eis nunmehr? und der, wie steht er
Kopfunter, und wie ging die Sonn' aus Abend
Nach Morgen über, in so kurzem Zeitraum?« -

Und er zu mir: »Du denkst noch immer jenseits
Des Mittelpunkts zu sein, wo ich mich festgriff
Am Haar des bösen Wurms, der durch die Welt bohrt.

Jenseits warst du so lang', als ich hinabstieg;
Als ich mich kehrte, gingest du den Punkt durch,
Nach dem sich alle Lasten ziehen, ringsher;

Und kamst nun unter jene Hemisphäre,
Die der entgegen, die vom großen Trocknen
Bedeckt, auf dessen Höh' der Mensch zerstört ward,

Der ohne Schuld geboren war und lebte.
Du hast die Füße über kleinem Spiegel,
Den der Giudecca andre Seite bildet.

Hier ist es Morgen, ist es jenseits Abend;
Und der sein Haar zu unsrer Leiter hergab,
Gestellt ist er noch eben so wie früher.

Von dieser Seite fiel er ab vom Himmel;
Die Erde aber, die einst hier sich dehnte,
Aus Furcht vor ihm, nahm sie das Meer zur Hülle,

Und kam zu unsrer halben Kugel: aber
Im Flieh'n vor ihm ließ sie vielleicht die Leere,
Die hier erscheint, und sprang zurück nach oben.

Dort unten aber ist so weit entfernet
Von Beelzebub, als sich sein Grab erstrecket,
Ein Raum, nicht sichtbar, nur am Schall erkennbar

Von einem Bächlein, welches hier herabkommt
Durch eine Felsenkluft, die es genagt hat,
Gewundnen Laufes, den es wenig neiget.« -

Der Führer trat und ich in den verborgnen
Schluchtweg, zur lichten Welt zurück zu kehren;
Und ohne irgend nur der Ruh' zu pflegen,

Aufklommen wir, er erst, und ich dahinter,
Bis endlich von des Himmels schönen Dingen
Ich etwas sah' durch eine runde Oeffnung;

Draus stiegen wir zum Wiederseh'n der Sterne.


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