Dante Alighieri - La Divina Commedia
Die Göttliche Komödie
Inhaltsübersicht von Otto Gildemeister

Hölle

Hölle 01

Das Gedicht beginnt mit genauer Zeitbestimmung. Nach dem Psalmisten währt unser Leben siebenzig Jahre, der halbe Lebensweg bedeutet also fünfundfreißig. Dante, im Jahre 1285 geboren, verlegt den Beginn seiner mystischen Pilgerfahrt in das Jahr 1300, welches zugleich ein kirchliches Jubeljahr war. Es war Frühlingsanfang; die Sonne stand wie am Schöpfungsmorgen, das heißt im Sternbilde des Widders, und es war, wie der 21. Gesang lehrt der Todestag Christ, den die Überlieferung auf den 25. März verlegte.
Die allegorische Bedeutung des ersen Gesanges ist schon von den ältesten Auslegern im wesentlichen festgestellt worden. Der Dichter ist in dem dunklen Walde des gottentfremdeten weltlichen Lebens verirrt; die wilden Tiere, die in diesem Walde hausen, das heißt die zügellosen Laster der Zeit, Wollust (das Pardeltier), Stolz und Herrschsucht (der Löwe) und Geiz oder Habgier (die Wölfin) drohen ihn zu verderben und hindern ihn, das Heil, welches er vor sich sieht, „den Berg der Wonnen”, den die Sonne, das Licht der Wahrheit, bestrahlt, zu erreichen. Die gehobene Stimmung der Jugend ermutigt ihn zwar eine Zeitlang, von der Weltlust, dem „bunten Wilde”, Befriedigung zu erwarten, „Gutes zu hoffen”, aber schließlich verzweifelt er, dem Labyrinthe der Sünde und des Irrtums zu entkommen. Da sendet ihm die Gnade den Retter in der Person Virgils, der im Sinne des Mittelalters als der vollkommenste Dichter, als der Sänger der römischen Weltherrschaft für Dante der Vertreter der höchsten menschlichen Bildung und Weisheit ist. An Virgils Hand, von menschlicher Erkenntnis geleitet, wird er den Weg finden, der allein zur Erlösung aus dem dunklen Walde führt; zuerst das Entsetzen vor den Abgründen der Sünde, sodann die Heilswirkung der Buße, den Weg durch die Hölle und durch das Fegefeuer, wo die Geister „zufrieden Pein bestehn”, weil die Pein nur Läuterung ist zum ewigen Frieden, im Anschauen Gottes. Dies Anschauen des Himmlischen freilich vermag Virgil ihm nicht zu gewähren; dazu bedarf es der christlichen Erleuchtung und der göttlichen Gnade, welche beide in der Gestalt der Beatrix, der verklärten Jugendgeliebten Dantes, verkörpert erscheinen.
Nur darf man weder in diesem ersten Gesange noch überhaupt in der göttliche Komödie sich ausschließlich an die Allegorie halten. Die Personen wie die Vorgänge haben immer neben ihrer sinnbildlichen Bedeutung ihre volle Existenz als wirkliche Individuen, als wirklich Geschehendes. Der Virgil der Hölle ist nicht bloß eine allegorische Figur, sondern zugleich der historische Dichter der Äneis; Beatrix ist nicht allein die vermenschlichte Theolgie oder die Gratia perficiens, sondern zugleich die schöne Florentinerin, die in dem Herzen des neunjährigen Dante die unverlöschliche Liebesflamme entzündet hatte. Dies Verfließen des eigentlichen und des symbolischen oder des allegorischen Sinnes geht durch das ganze Gedicht, und auf ihm beruht zu nicht geringem Teile der poetische Eindruck.
Wie man die göttliche Komödie zu lesen habe, dazu hat Dante selbst in der Widmung, die er an Can Grande della Scala schrieb, Anleitung gegeben. Dort nennt der sein Werk „polysensum, hoc est plurium sensuum” und er führt den 114. Psalm („Als Israel aus Ägypten zog”) an, um zu zeigen, wie in den nämlichen Worten ein tieferer unter dem buchstäblichen Sinne liegen könne. Er sagt: „Sehen wir den Buchstaben an, so bedeutet er den Auszug der Kinder Israels unter Moses. Sehen wir auf die Allegorie, so bedeutet er unsere Erlösung durch Christus. Sehen wir auf den moralischen Sinn, die Bekehrung der Seele von dem Elende der Sünde zum Stande der Gnade. Sehen wir auf den anagogischen Sinn, den Ausgang der heiligen Seele aus der Knechtschaft dieser Verderbnis in die ewige Freiheit der Herrlichkeit.” So wie er es hier meint, hat er in seiner eigenen Dichtung parallel laufende, aber verschiedene Ideen zu einer untrennbaren Kunstform zusammengeschmiedet.

Hölle 02

Dem ersten Entschlusse des Dichters folgt zaghaftes Bedenken. Er zweifelt an seiner Kraft und Würdigkeit, den Weg durch die Geisterwelt zu gehen. Zwar habe Äneas und das „Gefäß der Wahl” (vas electionis, wie Paulus in der Apostelgeschichte 9, 15. genannt wird), vor dem Tode Elysium und Paradies geschaut, aber Dante kann sich ihnen nicht gleichstellen. Dem Äneas vergönnte Gott („der Feind des Bösen”) diesen Gang, weil er durch die Verkündigungen des Anchises befähigt werden sollte, der „Vater Roms”, der Vorbereiter der auf Kaisertum und Papsttum ruhenden Weltordnung zu werden. Und Paulus ward in den Himmel entrückt, um den christlichen Glauben kräftiger lehren zu können. So hohe Rücksichten stehen dem Unterfangen Virgils nicht zur Seite.
Virgil beruhigt den Furchtsamen mit dem Hinweise auf den himmlischen Auftrag, dem er folgt. Virgil war „bei jenen, die in Zweifel schweben”, das heißt bei den tugendhaften Heiden, die in der Vorhölle, in einem Zweifelzustande, weder unselig noch selig, weilen, als Beatrix, vom höchsten Himmel herabsteigend, ihm den Befehl brachte, Dantes sich anzunehmen. Verschleiert wird angedeutet, daß die Mutter Gottes selbst die Hilfesendende war. Als Vermittlerinnen gebraucht sie die heilige Lucia, eine syrakusanische Märtyrin, zu der Dante, welcher „ihr Getreuer” genannt wird, in einem besonderen Andachtsverhältnis gestanden haben mag, und vor allem des Dichters verklärte Jugendliebe, Beatrix, „wahres Lob des Herrn” genannt, wohl deshalb, weil, wie Dante in der Vita nuova erzählt, die Leute, wenn sie auf der Straße ging, Gott priesen, der ein solches Wunder schuf.
Es ist gewiß nicht unrichtig, in den drei heiligen Frauen, die sich Dantes erbarmen, die drei Arten der Gnade, wie die scholastische Theologie sie definiert hat, symbolisiert zu sehen, in Maria die gratia praeveniens, die den ersten unverdienten Anstoß zur Besserung gibt, in Lucia die gratia operans oder nach anderen die erleuchtende Gnade, und in Beatrix die gratia perficiens, die das Streben des Bußfertigen mit Vollendung krönt. Unverkennbar ist aber die Beatrix des Gedichts außerdem als Spenderin der göttlichen, dem Menschen nur auf dem Wege der Offenbarung zugänglichen Wahrheit in einen Gegensatz zu Virgil, dem Vertreter der höchsten menschlichen Intelligenz und Weisheit gebracht, wie sie denn am Schlusse des Fegefeuers geradezu mit der heiligen Kirche identifizeirt erscheint. Die gelehrte Auslegung mag genötigt sein, die geheimnisvollen Beziehungen von der Gestalt, wie der Dichter sie hinstellt, abzuscheiden und mit harten Strichen tabellarisch zu ordnen; der Leser sollte sich hüten, diesen Prozeß mitzumachen, vielmehr die Gestalt so nehmen, wie Dante sie geschaffen hat, als Einheit und Realität, aus der man wohl vieles abstrahieren kann, die aber selbst sich nie einfach in eine Abstraktion verwandeln läßt.

Hölle 03

Die Inschrift des Höllentors besagt, daß die Dreieinigkeit (Macht, Weisheit, Liebe) die Hölle schuf aus Gerechtigkeit, das heißt zur Strafe für die ersten Geschöpfe, die von Gott abgefallenen Engel. Hier scheint es am Orte, die im Gedichte zerstreute Topographie der Hölle vorweg zu erledigen.
Die Hölle bildet unter der Erdoberfläche einen Trichter, dessen Spitze im Mittelpunkt der Erde, also des Weltalls (nach dem alten System) liegt. Den Deckel des Trichters bildet ein Kreis, in dessen Mitte Jerusalem, an dessen Peripherie u. a. Florenz sich befindet. Die Achse des Trichters liegt mithin in der Linie von Jerusalem durch das Erdzentrum nach der südlichen und der westlichen Hemisphäre. Die Wand des Trichters senkt sich in acht Absätzen zur Tiefe. Auf jedem Absatze ist einer der neun Höllenkreise, nur auf einem liegen zwei konzentrisch nebeneinander. Zwischen dem Tor und dem großen Kreise liegt neutrales Revier, der Ort der verächtlichen Geister, die es weder mit Gott noch mit dem Bösen gehalten haben. Unter ihnen erkennt Dante einen, „der aus Feigheit den großen Verzicht leistete”. Wahrscheinlich ist Papst Cölestin V. gemeint, der, um sich aus den Kämpfen des Lebens zurückzuziehen, sein Amt aufgab und dadurch dem von Dante über alles gehaßten Bonifazius VIII. Raum machte. Die Strafe, welche an diesen Feigen vollstreckt wird, soll den Auslegern zufolge die Natur derselben versinnbildlichen, das willenlose Folgen hinter einer Fahne, die nie rasten darf und immer im Kreise läuft, die Anstachelung verächtlicher Tiere, die Hingabe von Blut und Tränen an das Gewürm im Staube. In manchen der folgenden Höllenstrafen tritt ein symbolischer Zusammenhang mit dem bestraften Laster zu Tage, doch ist die Frage, ob man gerade in jeder Einzelheit danach suchen sollte.
Auf dies neutrale Grenzland folgt der die Hölle umschließende Fluß Acheron, über den Charon die Seelen schifft. Die unseligen Schatten eilen trotz ihrer Furcht, angespornt von dem Stachel der ewigen Gerechtigkeit, nach dem Strande. Dante selbst wird vom Charon zurückgewiesen, weil sein Körper für das Geisterschiff zu schwer wäre, außerdem weil, wie Virgil ihm zu verstehen gibt, kein Guter je den Acheron durchschiffte.

Hölle 04

Auf geheimnisvolle Weise, schlafend gelangt der Dichter über den Acheron an den Rand des Trichters, aus dessen Tiefe das Geheul der Verdammten schallt. Er betritt den ersten Höllenkreis, wo jene Geister wohnen, „die im Zweifel scheben”, die Seelen der Tugendhaften, welche ungetauft gestorben sind. Es ist die Vorhölle der alten Theologie, der Limbus patrum, in welchem die Gerechten des Alten Bundes, bis Christus kam, verweilten, die gerechten Heiden (nach Dantes Theorie) ewig weilen, ohne Pein, aber auch ohne Hoffnung. Die Lehre von der Vorhölle stützt sich auf 1. Epistel Petri, 3, 18, aber dort steht von der Erlösung der Patriarchen nichts, und Dante zeigt sich deshalb bemüht, Bestätigung der kirchlichen Überlieferung zu erlangen. Virgil, der erst fünfzig Jahre in der Hölle war, als Christus niederfuhr, berichtet als Augenzeuge jener Erlösung.
Die erlauchtesten unter den Heiden erfreuen sich einer hellen Wohnstätte in einem gleichmäßig nach allen Seiten strahlenden Lichte, das mithin von der Dunkelheit „halbkugelförmig” umgrenzt wird. Hier wird Dante von den größesten Dichtern begrüßt; sie behandeln ihn als ihregleichen, und sie sagen ihm Dinge, die ihn beglücken, die aber wiederzusagen ihm nicht ziemt. Noch nennt er drei Gruppen anderer Heiden, 1. solche, welche mit den Geschicken Roms in Beziehung stehen, auch Trojaner als Ahnen der Römer, die sich um Elektra, Tochter des Atlas und des Dardanus Mutter, scharen; 2. die Philosophen des Altertums, als deren größester Aristoteles, „der Meister der Wissenden”, den obersten Sitz einnimmt, gemäß der während des Mittelalters ihm erwiesenen fast göttlichen Verehrung; nur zwei werden näher charakterisiert, Demokrit als Urheber der Lehre, daß der Zufall die Welt hervorbrachte, Dioskorides als Verfasser eines Werkes über die Qualitäten der Pflanzen und Steine; etwas befremdlich gesellen sich Orpheus und der sagenhafte Sänger Linus zu dieser Gruppe; 3. die Naturforscher, Mathematiker, Ärzte. Isoliert stehen Saladin, als einziger unter den mohammedanischen Großen und Averroes, der arabische Ausleger des Aristoteles. Die beiden letztgenannten, wie auch der arabische Arzt Avicenna, beweisen, daß Dantes Toleranz sich nicht auf gas klassische Heidentum beschränkt.
Daß Dante, der selbst das Griechische nicht las, den Homer in diesem Gesange so hoch erhebt, erklärt sich daraus, daß er unbedingt glaubte, was Aristoteles, Virgil und andere ihm bekannte alte Schriftsteller zum Lobe Homers sagen. Den griechischen Dichter läßt er mit einem Schwerte auftreten, ein Hinweis auf den kriegerischen Inhalt der Ilias.

Hölle 05

Im zweiten Kreise beginnt die eigentliche Hölle. Minos, nach der Art des Mittelalters in einen Teufel verwandelt, weist jeder Seele den Kreis an, der ihrer besonderen Sünde gebührt; die Zahl der Ringe, die sein Schweif schlägt, gibt die Zahl des Kreises an.
In dem zweiten Kreise wird Fleischeslust und sündliche Liebe gebüßt. Semiramis, welche die Ehe zwischen Eltern und Kindern erlaubt haben soll, um ihre blutschänderische Liebe zum eigenen Sohne zu legalisieren, Dido, Kleopatra und andere berühmte Schatten ziehen in dem ewigen Wirbelsturm, der ihre Leidenschaft symbolisch andeutet, vorüber, bis zwei kommen, die allein Dante ihren Ruhm verdanken, Francesca da Rimini und Paul Malatesta. Die unnachahmlichen Verse, welche ihnen gewidmet sind, lassen erkennen, daß Dante von einem Ereignisse spricht, welches seinen Zeitgenossen in frischer Erinnerung war und tiefe Teilnahme erweckt, vermutlich auch zu vielfachen Gerüchten und Zweifeln Anlaß gegeben hatte.

Francesca war die Tochter Guido Polentas, Herrn von Ravenna. Im Jahre 1275, zehn Jahre nach Dantes Geburt, ward sie aus politischen Gründen mit Gianciotto, ältestem Sohn des Herrn von Rimini, Malatesta Verucchio, verheiratet. Der zweite Sohn Paolo, der schon seit 1269 vermählt war, bekleidete 1282 ein militärisches Kommando in Florenz, war also wahrscheinlich Danten wenigstens von Ansehen bekannt. Gianciotto entdeckte im Jahre 1285, daß zwischen seiner Gemahlin und Paolo ein Liebesverhältnis bestehe; er überraschte sie und stach sie nieder. Boccaccio will in Ravenna von einem alten Diener Dantes gehört haben, Paul habe, weil er schön gewesen sei, den Freiverkehr für seinen lahmen und häßlichen Bruder gemacht; Francesca habe ersteren für den Bräutigam gehalten, sich in ihn verliebt und erst am Morgen nach der Brautnacht den Irrtum entdeckt. Dante selbst lebte während seiner letzten Jahre in Ravenna bei Guido Polenta, dem Neffen Francescas und wird von diesem die näheren Umstände der Familientragödie gehört haben. Er würde schwerlich den von Boccaccio erzählten Betrug, der Francescas Schuld so wesentlich gemildert hätte, verschwiegen haben, wenn er davon gewußt oder daran geglaubt hätte. Denn augenscheinlich synpatisierter mehr mit den Ehebrechern als mit dem betrogenen Gatten, dem er den tiefsten Hölleinkreis, "Kaïna", den Aufenthalt der Verwandtenmörder, in Aussicht stellt. (Gianciotto lebte noch um die Zeit, in die Dante seine Höllenfahrt verlegt; er starb 1304.)

Das Buch, welches Francesca und Paolo an dem verhängnisvollen Tage lasen, ist einer jener Ritterromane aus dem Sagenkreise König Arturs, die zu Dantes Zeit in allen Landen Europas eifrig gelesen wurde, "die Geschichte Lanzelotts vom See", welche im 66. Kapitel ausführlich erzählt, wie Königin Ginevra, auf Zureden des Königs Galehaut oder Galeotto, dem im stillen sie anbetenden Ritter "das ersehnte Lächeln" zeigt, das den ersten Kuß herbeiführte. Galeotto war der Kuppler gewissermaßen, und desalb sagte Francesca, das Buch sei ihr Galeotto gewesen.

Der Familie Malatesta begegnen wir in der Hölle" noch zweimal. Im 27. Gesange werden der alte Verucchio und ein dritter Sohn, Malatestino, als zwei Fanghunde geschildert, und im 28. Gesange wird Malatestino von Rimini eines Meuchelmordes beschuldigt. Das Geschlecht hat sich bis ins 16. Jahrhundert in Rimini behauptet; Lord Byrons Paristina, welche im Jahre 1418 mit Riccolo, Markgrafen von Ferrara, sich vermählte, war eine Malatesta.

Francescas berühmter Ausspruch, daß es keinen größeren Schmerz gebe, als im Elend sich des Glücks zu erinnern, scheint Dante auf eine Stelle in Virgil zurückführen zu wollen. Dein Lehrer kennt dies Leid," sagt sie zu unserem Dichter. Man hat aber eine solche Stelle in Virgils Werken nicht gefunden (das von Philaletes zitierte Ifandum regina jubes renovare dolorem enthält den gerade entgegengesetzten Gedanken), wohl aber nachgewiesen, daß in dem Danten wohlbekannten Werke des Boëthius "de cosolatione" die Worte vorkommen: In omni adversitate fortunae infelicissimum genus infortunii est fuisse felicem. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Dante diesen Satz im Auge hatte, jedenfalls wahrscheinlicher, als daß er, wie ein Ausleger meint, Francesca ganz allgemein sagen lassen wollte, Virgil als ein weiser Mann werde wohl wissen, daß sie recht habe.

Schon den alten Kommentatoren ist die besondere Ergriffenheit aufgefallen, mit der Dante diesen 5. Gesang schließt, und sie erklären sie so, daß er selbst auf eine von Sünden der Liebe nicht freie Jugend zurückgeblickt habe. Ohne dem zu widersprechen, kann man sich auch mit einer minder persönlichen und vielleicht poetischeren Deutung begnügen; die Betrachtung, daß so das Menschenschicksal sei, daß eine so süße Sehnsucht wie die der Liebe zu solchem Elend führen könne, reichte wohl aus, den Zeugen dieses Elends so zu erschüttern, wie es dargestellt wird.

Hölle 06

Im dritten Kreise büßen diejenigen, welche dem Bauche gefrönt haben, die Schlemmer und Völler, in den Schlamm dahingestreckt wie Schweine, bewacht von dem "Dämon Cerberus", dessen dreifacher Rachen ein Sinnbild ihres Lasters scheint. Mit dem Laster der Völlerei selbst beschäftigt sich der Gesang sehr wenig; er wird vom Dichter mit lakonischer Verachtung behandelt; von allen diesen Sündern wird nur ein einziger der Erwähnung gewürdigt, und mit diesem wird von ganz anderen Dingen als von den Freuden der Tafel geredet. Der Florentiner, welcher sich selbst als Zeitgenossen Dantes zu erkennen gibt, Ciacco mit Namen, scheint eine Art öffentliche Rolle in seiner Stadt gespielt zu haben. Boccaccio erzählt von ihm einen lustigen Schwank (Decameron IX, 8), und schildert ihn als einen Feinschmecker und nimmersatten Schmarotzer, der übrigens bei seinen reicheren Mitbürgern wohl gelitten war, weil er Geist und Witz besaß.
Um die Prophezeihung zu verstehen, die Dante dem Ciacco in den Mund legt, braucht man sich nicht in das Wirrsal der florentinischen Parteiungen zu vertiefen. Zwei feindliche Familiengruppen, die Weißen und die Schwarzen genannt, hatten im Jahre 1300 die Stadt in Unruhe gestürzt, in einem Augenblicke, wo Dante als einer der Prioren im Regimente saß. Die Prioren verbannten die Häupter beider Gruppen, doch scheint man die Weißen (welche auch aus irgend einem Grunde la parte selvaggia, die Waldpartei, hieß) glimpflicher behandelt zu haben. Der Führer der Schwarzen Corso Donati gewann die Unterstützung des Papstes Bonifaz VIII., des "Starken", von welchem V. 69 die Rede ist. Auf Antrieb des Papstes bemächtigte Karl von Valois, Bruder des Königs von Frankreich, sich der Stadt Florenz, und die Schwarzen verbannten mit vielen anderen ihnen feindlichen Bürgern auch Dante, welcher damals sich zu den Weißen hielt (1302), bis er später, wie er an einer anderen Stelle von sich rühmt, für sich allein eine Partei bildete und als einsamer Flüchtling für die kaiserliche Sache und die Regeneration Italiens eiferte. Unter französischem Schutze vertrieben im Jahre 1304 die Schwarzen alle zu den Weißen gehörenden Familien. Von dieser Katastrophe scheint Dante zu sprechen, wo er der "drei Jahreswenden" erwähnt, V. 67, und jedenfalls geht aus V. 70 hervor, daß die Prophezeihung nicht früher als 1304, wenn so früh, geschrieben wurde.
Man wird bemerken, daß Dante drei Fragen an Ciacco richtet, 1. wohin der Bürgerzwist führen werden; 2. wie viele Gerechte in Florenz seien; 3. wo einige verstorbene verdiente Mitbürger jetzt sich aufhielten. Nur zwei Gerechte sind in Florenz, aber Ciacco nennt sie nicht; einen derselben wird jeder erraten. Von den namhaft gemachten gut gesinnten Bürgern finden wir Farinata bei den Ketzern (Gesang 10, 33), Tegghiajo und Rusticucci im Flammenregen Sodoms (Ges. 17, 41 ff.), und Mosca bei den Zwietrachtschürern (Ges. 28, 103 ff.).
Am Schlusse des Gesanges wird die Frage, ob die Höllenpein nach der Auferstehung des Fleisches sich steigern werde, bejaht, weil Leib und Seele vereint eine höhere Vollkommenheit darstellen als die Seele allein, und das vollkommenere Wesen wie mehr Lust so auch mehr Schmerz empfindet. Im "Paradiese" wird derselbe Satz in entgegengesetzter Richtung auf die Seligen angewandt.
Aus den drei letzten Versen ersieht man, daß die beiden Dichter den Kreis quer durchschneiden, bis zu seinem inneren Rande, wo es zum vierten Kreise hinabgeht, zu den Geizigen und den Verschwendern. Dort hält Plutus, der Gott des Reichtums, hier zum Teufel degradiert, Wache.

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In einer unverständlichen Höllensprache ruft Plutus den Satan die Eindringlinge an. Die Ausleger haben sich den Kopf zerbrocken, um klar zu machen, was der Dichter im Dunkel halten wollte. Neuerdings deutet man die rätselhaften Worte als eine Corruption des hebräischen Satztes pach pi Satan, pach pi Satan hallehabe, was heißen würde: Spei, Satans Mund, spei, Satans Mund, Feuer. Vielleicht hat Dante einen solchen hebräischen Vers mit Hilfe eines sprachkundigen Mannes angefertigt, ohne sich um die genaue Wiedergabe des Gehörten zu kümmern.

Im vierten Kreis werden die gestraft, welche an den irdischen Gütern freveln, der Geiz sowohl wie die Verschwendung. Den einen Halbkreis durchwandern die Geizigen, unter ihnen viele Geistliche; den andern Halbkreis der Verschwender in entgegengesetzter Richtung. So gleichen die beiden Züge der zwiefachen Strudelbewegung der Charybdis. An den beiden Enden des Halbkreises stoßen sie zusammen und bellen einander mit Schmähworten an. Keiner dieser Sünder wird der Nennung des Namens gewürdigt.

Die irdischen Güter stehen unter der Verwaltung der Fortuna, die keineswegs, wie die gewöhnliche Meinung ist, zu den Teufeln gehört. Virgil belehrt den Dichter eines besseren. Wie Gott die Lenkung der himmlischen Gestirne »den Intelligenzen« anvertraut hat, welche das Volk Engel nennt, (so sagt Dante in seinem Convito), ebenso hat er die irdischen Güter unter die Verwaltung Fortuna's gestellt, deren steter Flug der Notwendigkeit, d. h. dem ewigen Ratschlusse Gottes, folgt und die man deshalb mit Unrecht schmäht und verwünscht. Ihr Wechsel ist ebenso gesetzmäßig wie die Bewegung der Himmel, welche so geordnet ist, daß jeder Teil jedem Teile sichtbar wird. Daß Dante die Intelligenzen oder Engel als »Götter« bezeichnet, ist nur ein Anklang an den antiken Sprachgebrauch. Bei den Alten waren Jupiter, Mars, Venus u. s. w. zugleich Götter und Gestirne, und Dante glaubte an die Wirklichkeit dieser Wesen,denen er nur eine andere Stellung, seiner christlichen Kosmologie gemäß, anwies.

Mit V. 98 beginnt der zweite Tag der mystischen Reise. Die Sterne, welche aufgingen, als Virgil an die Oberwelt trat, sinken jetzt; Mitternacht ist vorüber; der 26. März nimmt seinen Anfang. Man gelangt niedersteigend in den fünften Kreis, an den weiten sumpfigen See des Styx, in dem die Zornigen liegen.

Die Ausleger sind uneinig darüber, was für Sünder es sind, die unter dem Wasser des Styx liegen und ungesehen jammern. Die einen nehmen an, daß ihr Laster die Trägheit war (vgl. V. 124), gewissermaßen der Gegensatz des Zorns, wie die Verschwendung Gegensatz des Geizes. Die andern erklären sich für Groll und Neid, die im Innern brennen, ohne zu offnem Ausbruch zu kommen, und die das heitre Leben demjenigen, der sich diesen Lastern hingiebt, verdunkeln wie Rauch. Diese Deutung scheint mir die einfachere; Trägheit im Sinne der scholastischen Theologie ist Saumseligkeit in der Erfüllung der christlichen Pflichten, nichts was zum Zorne in directem Gegensatze stünde. Auffallend ist es allerdings, daß die Trägheit, obwohl sie zu den sieben Todsünden gehört, in der Hölle keinen Platz findet, während sie im Fegefeuer ihren besonderen Ring einnimmt. Allein dasselbe tträfe vom Neide zu, wenn hier statt seiner die Tragheit angenommen würde.

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