Dante Alighieri - La Divina Commedia

Die Göttliche Komödie

Inhaltsübersicht von Otto Gildemeister

Hölle

Hölle 01

Das Gedicht beginnt mit genauer Zeitbestimmung. Nach dem Psalmisten währt unser Leben siebenzig Jahre, der halbe Lebensweg bedeutet also fünfundfreißig. Dante, im Jahre 1285 geboren, verlegt den Beginn seiner mystischen Pilgerfahrt in das Jahr 1300, welches zugleich ein kirchliches Jubeljahr war. Es war Frühlingsanfang; die Sonne stand wie am Schöpfungsmorgen, das heißt im Sternbilde des Widders, und es war, wie der 21. Gesang lehrt der Todestag Christ, den die Überlieferung auf den 25. März verlegte.

Die allegorische Bedeutung des ersen Gesanges ist schon von den ältesten Auslegern im wesentlichen festgestellt worden. Der Dichter ist in dem dunklen Walde des gottentfremdeten weltlichen Lebens verirrt; die wilden Tiere, die in diesem Walde hausen, das heißt die zügellosen Laster der Zeit, Wollust (das Pardeltier), Stolz und Herrschsucht (der Löwe) und Geiz oder Habgier (die Wölfin) drohen ihn zu verderben und hindern ihn, das Heil, welches er vor sich sieht, „den Berg der Wonnen”, den die Sonne, das Licht der Wahrheit, bestrahlt, zu erreichen. Die gehobene Stimmung der Jugend ermutigt ihn zwar eine Zeitlang, von der Weltlust, dem „bunten Wilde”, Befriedigung zu erwarten, „Gutes zu hoffen”, aber schließlich verzweifelt er, dem Labyrinthe der Sünde und des Irrtums zu entkommen. Da sendet ihm die Gnade den Retter in der Person Virgils, der im Sinne des Mittelalters als der vollkommenste Dichter, als der Sänger der römischen Weltherrschaft für Dante der Vertreter der höchsten menschlichen Bildung und Weisheit ist. An Virgils Hand, von menschlicher Erkenntnis geleitet, wird er den Weg finden, der allein zur Erlösung aus dem dunklen Walde führt; zuerst das Entsetzen vor den Abgründen der Sünde, sodann die Heilswirkung der Buße, den Weg durch die Hölle und durch das Fegefeuer, wo die Geister „zufrieden Pein bestehn”, weil die Pein nur Läuterung ist zum ewigen Frieden, im Anschauen Gottes. Dies Anschauen des Himmlischen freilich vermag Virgil ihm nicht zu gewähren; dazu bedarf es der christlichen Erleuchtung und der göttlichen Gnade, welche beide in der Gestalt der Beatrix, der verklärten Jugendgeliebten Dantes, verkörpert erscheinen.

Nur darf man weder in diesem ersten Gesange noch überhaupt in der göttliche Komödie sich ausschließlich an die Allegorie halten. Die Personen wie die Vorgänge haben immer neben ihrer sinnbildlichen Bedeutung ihre volle Existenz als wirkliche Individuen, als wirklich Geschehendes. Der Virgil der Hölle ist nicht bloß eine allegorische Figur, sondern zugleich der historische Dichter der Äneis; Beatrix ist nicht allein die vermenschlichte Theolgie oder die Gratia perficiens, sondern zugleich die schöne Florentinerin, die in dem Herzen des neunjährigen Dante die unverlöschliche Liebesflamme entzündet hatte. Dies Verfließen des eigentlichen und des symbolischen oder des allegorischen Sinnes geht durch das ganze Gedicht, und auf ihm beruht zu nicht geringem Teile der poetische Eindruck.

Wie man die göttliche Komödie zu lesen habe, dazu hat Dante selbst in der Widmung, die er an Can Grande della Scala schrieb, Anleitung gegeben. Dort nennt der sein Werk „polysensum, hoc est plurium sensuum” und er führt den 114. Psalm („Als Israel aus Ägypten zog”) an, um zu zeigen, wie in den nämlichen Worten ein tieferer unter dem buchstäblichen Sinne liegen könne. Er sagt: „Sehen wir den Buchstaben an, so bedeutet er den Auszug der Kinder Israels unter Moses. Sehen wir auf die Allegorie, so bedeutet er unsere Erlösung durch Christus. Sehen wir auf den moralischen Sinn, die Bekehrung der Seele von dem Elende der Sünde zum Stande der Gnade. Sehen wir auf den anagogischen Sinn, den Ausgang der heiligen Seele aus der Knechtschaft dieser Verderbnis in die ewige Freiheit der Herrlichkeit.” So wie er es hier meint, hat er in seiner eigenen Dichtung parallel laufende, aber verschiedene Ideen zu einer untrennbaren Kunstform zusammengeschmiedet.

Hölle 02

Dem ersten Entschlusse des Dichters folgt zaghaftes Bedenken. Er zweifelt an seiner Kraft und Würdigkeit, den Weg durch die Geisterwelt zu gehen. Zwar habe Äneas und das „Gefäß der Wahl” (vas electionis, wie Paulus in der Apostelgeschichte 9, 15. genannt wird), vor dem Tode Elysium und Paradies geschaut, aber Dante kann sich ihnen nicht gleichstellen. Dem Äneas vergönnte Gott („der Feind des Bösen”) diesen Gang, weil er durch die Verkündigungen des Anchises befähigt werden sollte, der „Vater Roms”, der Vorbereiter der auf Kaisertum und Papsttum ruhenden Weltordnung zu werden. Und Paulus ward in den Himmel entrückt, um den christlichen Glauben kräftiger lehren zu können. So hohe Rücksichten stehen dem Unterfangen Virgils nicht zur Seite.

Virgil beruhigt den Furchtsamen mit dem Hinweise auf den himmlischen Auftrag, dem er folgt. Virgil war „bei jenen, die in Zweifel schweben”, das heißt bei den tugendhaften Heiden, die in der Vorhölle, in einem Zweifelzustande, weder unselig noch selig, weilen, als Beatrix, vom höchsten Himmel herabsteigend, ihm den Befehl brachte, Dantes sich anzunehmen. Verschleiert wird angedeutet, daß die Mutter Gottes selbst die Hilfesendende war. Als Vermittlerinnen gebraucht sie die heilige Lucia, eine syrakusanische Märtyrin, zu der Dante, welcher „ihr Getreuer” genannt wird, in einem besonderen Andachtsverhältnis gestanden haben mag, und vor allem des Dichters verklärte Jugendliebe, Beatrix, „wahres Lob des Herrn” genannt, wohl deshalb, weil, wie Dante in der Vita nuova erzählt, die Leute, wenn sie auf der Straße ging, Gott priesen, der ein solches Wunder schuf.

Es ist gewiß nicht unrichtig, in den drei heiligen Frauen, die sich Dantes erbarmen, die drei Arten der Gnade, wie die scholastische Theologie sie definiert hat, symbolisiert zu sehen, in Maria die gratia praeveniens, die den ersten unverdienten Anstoß zur Besserung gibt, in Lucia die gratia operans oder nach anderen die erleuchtende Gnade, und in Beatrix die gratia perficiens, die das Streben des Bußfertigen mit Vollendung krönt. Unverkennbar ist aber die Beatrix des Gedichts außerdem als Spenderin der göttlichen, dem Menschen nur auf dem Wege der Offenbarung zugänglichen Wahrheit in einen Gegensatz zu Virgil, dem Vertreter der höchsten menschlichen Intelligenz und Weisheit gebracht, wie sie denn am Schlusse des Fegefeuers geradezu mit der heiligen Kirche identifizeirt erscheint. Die gelehrte Auslegung mag genötigt sein, die geheimnisvollen Beziehungen von der Gestalt, wie der Dichter sie hinstellt, abzuscheiden und mit harten Strichen tabellarisch zu ordnen; der Leser sollte sich hüten, diesen Prozeß mitzumachen, vielmehr die Gestalt so nehmen, wie Dante sie geschaffen hat, als Einheit und Realität, aus der man wohl vieles abstrahieren kann, die aber selbst sich nie einfach in eine Abstraktion verwandeln läßt.

Hölle 03

Die Inschrift des Höllentors besagt, daß die Dreieinigkeit (Macht, Weisheit, Liebe) die Hölle schuf aus Gerechtigkeit, das heißt zur Strafe für die ersten Geschöpfe, die von Gott abgefallenen Engel. Hier scheint es am Orte, die im Gedichte zerstreute Topographie der Hölle vorweg zu erledigen.

Die Hölle bildet unter der Erdoberfläche einen Trichter, dessen Spitze im Mittelpunkt der Erde, also des Weltalls (nach dem alten System) liegt. Den Deckel des Trichters bildet ein Kreis, in dessen Mitte Jerusalem, an dessen Peripherie u. a. Florenz sich befindet. Die Achse des Trichters liegt mithin in der Linie von Jerusalem durch das Erdzentrum nach der südlichen und der westlichen Hemisphäre. Die Wand des Trichters senkt sich in acht Absätzen zur Tiefe. Auf jedem Absatze ist einer der neun Höllenkreise, nur auf einem liegen zwei konzentrisch nebeneinander. Zwischen dem Tor und dem großen Kreise liegt neutrales Revier, der Ort der verächtlichen Geister, die es weder mit Gott noch mit dem Bösen gehalten haben. Unter ihnen erkennt Dante einen, „der aus Feigheit den großen Verzicht leistete”. Wahrscheinlich ist Papst Cölestin V. gemeint, der, um sich aus den Kämpfen des Lebens zurückzuziehen, sein Amt aufgab und dadurch dem von Dante über alles gehaßten Bonifazius VIII. Raum machte. Die Strafe, welche an diesen Feigen vollstreckt wird, soll den Auslegern zufolge die Natur derselben versinnbildlichen, das willenlose Folgen hinter einer Fahne, die nie rasten darf und immer im Kreise läuft, die Anstachelung verächtlicher Tiere, die Hingabe von Blut und Tränen an das Gewürm im Staube. In manchen der folgenden Höllenstrafen tritt ein symbolischer Zusammenhang mit dem bestraften Laster zu Tage, doch ist die Frage, ob man gerade in jeder Einzelheit danach suchen sollte.

Auf dies neutrale Grenzland folgt der die Hölle umschließende Fluß Acheron, über den Charon die Seelen schifft. Die unseligen Schatten eilen trotz ihrer Furcht, angespornt von dem Stachel der ewigen Gerechtigkeit, nach dem Strande. Dante selbst wird vom Charon zurückgewiesen, weil sein Körper für das Geisterschiff zu schwer wäre, außerdem weil, wie Virgil ihm zu verstehen gibt, kein Guter je den Acheron durchschiffte.

Hölle 04

Auf geheimnisvolle Weise, schlafend gelangt der Dichter über den Acheron an den Rand des Trichters, aus dessen Tiefe das Geheul der Verdammten schallt. Er betritt den ersten Höllenkreis, wo jene Geister wohnen, „die im Zweifel scheben”, die Seelen der Tugendhaften, welche ungetauft gestorben sind. Es ist die Vorhölle der alten Theologie, der Limbus patrum, in welchem die Gerechten des Alten Bundes, bis Christus kam, verweilten, die gerechten Heiden (nach Dantes Theorie) ewig weilen, ohne Pein, aber auch ohne Hoffnung. Die Lehre von der Vorhölle stützt sich auf 1. Epistel Petri, 3, 18, aber dort steht von der Erlösung der Patriarchen nichts, und Dante zeigt sich deshalb bemüht, Bestätigung der kirchlichen Überlieferung zu erlangen. Virgil, der erst fünfzig Jahre in der Hölle war, als Christus niederfuhr, berichtet als Augenzeuge jener Erlösung.

Die erlauchtesten unter den Heiden erfreuen sich einer hellen Wohnstätte in einem gleichmäßig nach allen Seiten strahlenden Lichte, das mithin von der Dunkelheit „halbkugelförmig” umgrenzt wird. Hier wird Dante von den größesten Dichtern begrüßt; sie behandeln ihn als ihregleichen, und sie sagen ihm Dinge, die ihn beglücken, die aber wiederzusagen ihm nicht ziemt. Noch nennt er drei Gruppen anderer Heiden, 1. solche, welche mit den Geschicken Roms in Beziehung stehen, auch Trojaner als Ahnen der Römer, die sich um Elektra, Tochter des Atlas und des Dardanus Mutter, scharen; 2. die Philosophen des Altertums, als deren größester Aristoteles, „der Meister der Wissenden”, den obersten Sitz einnimmt, gemäß der während des Mittelalters ihm erwiesenen fast göttlichen Verehrung; nur zwei werden näher charakterisiert, Demokrit als Urheber der Lehre, daß der Zufall die Welt hervorbrachte, Dioskorides als Verfasser eines Werkes über die Qualitäten der Pflanzen und Steine; etwas befremdlich gesellen sich Orpheus und der sagenhafte Sänger Linus zu dieser Gruppe; 3. die Naturforscher, Mathematiker, Ärzte. Isoliert stehen Saladin, als einziger unter den mohammedanischen Großen und Averroes, der arabische Ausleger des Aristoteles. Die beiden letztgenannten, wie auch der arabische Arzt Avicenna, beweisen, daß Dantes Toleranz sich nicht auf gas klassische Heidentum beschränkt.

Daß Dante, der selbst das Griechische nicht las, den Homer in diesem Gesange so hoch erhebt, erklärt sich daraus, daß er unbedingt glaubte, was Aristoteles, Virgil und andere ihm bekannte alte Schriftsteller zum Lobe Homers sagen. Den griechischen Dichter läßt er mit einem Schwerte auftreten, ein Hinweis auf den kriegerischen Inhalt der Ilias.

Hölle 05

Im zweiten Kreise beginnt die eigentliche Hölle. Minos, nach der Art des Mittelalters in einen Teufel verwandelt, weist jeder Seele den Kreis an, der ihrer besonderen Sünde gebührt; die Zahl der Ringe, die sein Schweif schlägt, gibt die Zahl des Kreises an.

In dem zweiten Kreise wird Fleischeslust und sündliche Liebe gebüßt. Semiramis, welche die Ehe zwischen Eltern und Kindern erlaubt haben soll, um ihre blutschänderische Liebe zum eigenen Sohne zu legalisieren, Dido, Kleopatra und andere berühmte Schatten ziehen in dem ewigen Wirbelsturm, der ihre Leidenschaft symbolisch andeutet, vorüber, bis zwei kommen, die allein Dante ihren Ruhm verdanken, Francesca da Rimini und Paul Malatesta. Die unnachahmlichen Verse, welche ihnen gewidmet sind, lassen erkennen, daß Dante von einem Ereignisse spricht, welches seinen Zeitgenossen in frischer Erinnerung war und tiefe Teilnahme erweckt, vermutlich auch zu vielfachen Gerüchten und Zweifeln Anlaß gegeben hatte.

Francesca war die Tochter Guido Polentas, Herrn von Ravenna. Im Jahre 1275, zehn Jahre nach Dantes Geburt, ward sie aus politischen Gründen mit Gianciotto, ältestem Sohn des Herrn von Rimini, Malatesta Verucchio, verheiratet. Der zweite Sohn Paolo, der schon seit 1269 vermählt war, bekleidete 1282 ein militärisches Kommando in Florenz, war also wahrscheinlich Danten wenigstens von Ansehen bekannt. Gianciotto entdeckte im Jahre 1285, daß zwischen seiner Gemahlin und Paolo ein Liebesverhältnis bestehe; er überraschte sie und stach sie nieder. Boccaccio will in Ravenna von einem alten Diener Dantes gehört haben, Paul habe, weil er schön gewesen sei, den Freiverkehr für seinen lahmen und häßlichen Bruder gemacht; Francesca habe ersteren für den Bräutigam gehalten, sich in ihn verliebt und erst am Morgen nach der Brautnacht den Irrtum entdeckt. Dante selbst lebte während seiner letzten Jahre in Ravenna bei Guido Polenta, dem Neffen Francescas und wird von diesem die näheren Umstände der Familientragödie gehört haben. Er würde schwerlich den von Boccaccio erzählten Betrug, der Francescas Schuld so wesentlich gemildert hätte, verschwiegen haben, wenn er davon gewußt oder daran geglaubt hätte. Denn augenscheinlich synpatisierter mehr mit den Ehebrechern als mit dem betrogenen Gatten, dem er den tiefsten Hölleinkreis, "Kaïna", den Aufenthalt der Verwandtenmörder, in Aussicht stellt. (Gianciotto lebte noch um die Zeit, in die Dante seine Höllenfahrt verlegt; er starb 1304.)

Das Buch, welches Francesca und Paolo an dem verhängnisvollen Tage lasen, ist einer jener Ritterromane aus dem Sagenkreise König Arturs, die zu Dantes Zeit in allen Landen Europas eifrig gelesen wurde, "die Geschichte Lanzelotts vom See", welche im 66. Kapitel ausführlich erzählt, wie Königin Ginevra, auf Zureden des Königs Galehaut oder Galeotto, dem im stillen sie anbetenden Ritter "das ersehnte Lächeln" zeigt, das den ersten Kuß herbeiführte. Galeotto war der Kuppler gewissermaßen, und desalb sagte Francesca, das Buch sei ihr Galeotto gewesen.

Der Familie Malatesta begegnen wir in der Hölle" noch zweimal. Im 27. Gesange werden der alte Verucchio und ein dritter Sohn, Malatestino, als zwei Fanghunde geschildert, und im 28. Gesange wird Malatestino von Rimini eines Meuchelmordes beschuldigt. Das Geschlecht hat sich bis ins 16. Jahrhundert in Rimini behauptet; Lord Byrons Paristina, welche im Jahre 1418 mit Riccolo, Markgrafen von Ferrara, sich vermählte, war eine Malatesta.

Francescas berühmter Ausspruch, daß es keinen größeren Schmerz gebe, als im Elend sich des Glücks zu erinnern, scheint Dante auf eine Stelle in Virgil zurückführen zu wollen. Dein Lehrer kennt dies Leid," sagt sie zu unserem Dichter. Man hat aber eine solche Stelle in Virgils Werken nicht gefunden (das von Philaletes zitierte Ifandum regina jubes renovare dolorem enthält den gerade entgegengesetzten Gedanken), wohl aber nachgewiesen, daß in dem Danten wohlbekannten Werke des Boëthius "de cosolatione" die Worte vorkommen: In omni adversitate fortunae infelicissimum genus infortunii est fuisse felicem. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Dante diesen Satz im Auge hatte, jedenfalls wahrscheinlicher, als daß er, wie ein Ausleger meint, Francesca ganz allgemein sagen lassen wollte, Virgil als ein weiser Mann werde wohl wissen, daß sie recht habe.

Schon den alten Kommentatoren ist die besondere Ergriffenheit aufgefallen, mit der Dante diesen 5. Gesang schließt, und sie erklären sie so, daß er selbst auf eine von Sünden der Liebe nicht freie Jugend zurückgeblickt habe. Ohne dem zu widersprechen, kann man sich auch mit einer minder persönlichen und vielleicht poetischeren Deutung begnügen; die Betrachtung, daß so das Menschenschicksal sei, daß eine so süße Sehnsucht wie die der Liebe zu solchem Elend führen könne, reichte wohl aus, den Zeugen dieses Elends so zu erschüttern, wie es dargestellt wird.

Hölle 06

Im dritten Kreise büßen diejenigen, welche dem Bauche gefrönt haben, die Schlemmer und Völler, in den Schlamm dahingestreckt wie Schweine, bewacht von dem "Dämon Cerberus", dessen dreifacher Rachen ein Sinnbild ihres Lasters scheint. Mit dem Laster der Völlerei selbst beschäftigt sich der Gesang sehr wenig; er wird vom Dichter mit lakonischer Verachtung behandelt; von allen diesen Sündern wird nur ein einziger der Erwähnung gewürdigt, und mit diesem wird von ganz anderen Dingen als von den Freuden der Tafel geredet. Der Florentiner, welcher sich selbst als Zeitgenossen Dantes zu erkennen gibt, Ciacco mit Namen, scheint eine Art öffentliche Rolle in seiner Stadt gespielt zu haben. Boccaccio erzählt von ihm einen lustigen Schwank (Decameron IX, 8), und schildert ihn als einen Feinschmecker und nimmersatten Schmarotzer, der übrigens bei seinen reicheren Mitbürgern wohl gelitten war, weil er Geist und Witz besaß.

Um die Prophezeihung zu verstehen, die Dante dem Ciacco in den Mund legt, braucht man sich nicht in das Wirrsal der florentinischen Parteiungen zu vertiefen. Zwei feindliche Familiengruppen, die Weißen und die Schwarzen genannt, hatten im Jahre 1300 die Stadt in Unruhe gestürzt, in einem Augenblicke, wo Dante als einer der Prioren im Regimente saß. Die Prioren verbannten die Häupter beider Gruppen, doch scheint man die Weißen (welche auch aus irgend einem Grunde la parte selvaggia, die Waldpartei, hieß) glimpflicher behandelt zu haben. Der Führer der Schwarzen Corso Donati gewann die Unterstützung des Papstes Bonifaz VIII., des "Starken", von welchem V. 69 die Rede ist. Auf Antrieb des Papstes bemächtigte Karl von Valois, Bruder des Königs von Frankreich, sich der Stadt Florenz, und die Schwarzen verbannten mit vielen anderen ihnen feindlichen Bürgern auch Dante, welcher damals sich zu den Weißen hielt (1302), bis er später, wie er an einer anderen Stelle von sich rühmt, für sich allein eine Partei bildete und als einsamer Flüchtling für die kaiserliche Sache und die Regeneration Italiens eiferte. Unter französischem Schutze vertrieben im Jahre 1304 die Schwarzen alle zu den Weißen gehörenden Familien. Von dieser Katastrophe scheint Dante zu sprechen, wo er der "drei Jahreswenden" erwähnt, V. 67, und jedenfalls geht aus V. 70 hervor, daß die Prophezeihung nicht früher als 1304, wenn so früh, geschrieben wurde.

Man wird bemerken, daß Dante drei Fragen an Ciacco richtet, 1. wohin der Bürgerzwist führen werden; 2. wie viele Gerechte in Florenz seien; 3. wo einige verstorbene verdiente Mitbürger jetzt sich aufhielten. Nur zwei Gerechte sind in Florenz, aber Ciacco nennt sie nicht; einen derselben wird jeder erraten. Von den namhaft gemachten gut gesinnten Bürgern finden wir Farinata bei den Ketzern (Gesang 10, 33), Tegghiajo und Rusticucci im Flammenregen Sodoms (Ges. 17, 41 ff.), und Mosca bei den Zwietrachtschürern (Ges. 28, 103 ff.).

Am Schlusse des Gesanges wird die Frage, ob die Höllenpein nach der Auferstehung des Fleisches sich steigern werde, bejaht, weil Leib und Seele vereint eine höhere Vollkommenheit darstellen als die Seele allein, und das vollkommenere Wesen wie mehr Lust so auch mehr Schmerz empfindet. Im "Paradiese" wird derselbe Satz in entgegengesetzter Richtung auf die Seligen angewandt.

Aus den drei letzten Versen ersieht man, daß die beiden Dichter den Kreis quer durchschneiden, bis zu seinem inneren Rande, wo es zum vierten Kreise hinabgeht, zu den Geizigen und den Verschwendern. Dort hält Plutus, der Gott des Reichtums, hier zum Teufel degradiert, Wache.

Hölle 07

In einer unverständlichen Höllensprache ruft Plutus den Satan die Eindringlinge an. Die Ausleger haben sich den Kopf zerbrocken, um klar zu machen, was der Dichter im Dunkel halten wollte. Neuerdings deutet man die rätselhaften Worte als eine Corruption des hebräischen Satztes pach pi Satan, pach pi Satan hallehabe, was heißen würde: Spei, Satans Mund, spei, Satans Mund, Feuer. Vielleicht hat Dante einen solchen hebräischen Vers mit Hilfe eines sprachkundigen Mannes angefertigt, ohne sich um die genaue Wiedergabe des Gehörten zu kümmern.

Im vierten Kreis werden die gestraft, welche an den irdischen Gütern freveln, der Geiz sowohl wie die Verschwendung. Den einen Halbkreis durchwandern die Geizigen, unter ihnen viele Geistliche; den andern Halbkreis der Verschwender in entgegengesetzter Richtung. So gleichen die beiden Züge der zwiefachen Strudelbewegung der Charybdis. An den beiden Enden des Halbkreises stoßen sie zusammen und bellen einander mit Schmähworten an. Keiner dieser Sünder wird der Nennung des Namens gewürdigt.

Die irdischen Güter stehen unter der Verwaltung der Fortuna, die keineswegs, wie die gewöhnliche Meinung ist, zu den Teufeln gehört. Virgil belehrt den Dichter eines besseren. Wie Gott die Lenkung der himmlischen Gestirne »den Intelligenzen« anvertraut hat, welche das Volk Engel nennt, (so sagt Dante in seinem Convito), ebenso hat er die irdischen Güter unter die Verwaltung Fortuna's gestellt, deren steter Flug der Notwendigkeit, d. h. dem ewigen Ratschlusse Gottes, folgt und die man deshalb mit Unrecht schmäht und verwünscht. Ihr Wechsel ist ebenso gesetzmäßig wie die Bewegung der Himmel, welche so geordnet ist, daß jeder Teil jedem Teile sichtbar wird. Daß Dante die Intelligenzen oder Engel als »Götter« bezeichnet, ist nur ein Anklang an den antiken Sprachgebrauch. Bei den Alten waren Jupiter, Mars, Venus u. s. w. zugleich Götter und Gestirne, und Dante glaubte an die Wirklichkeit dieser Wesen,denen er nur eine andere Stellung, seiner christlichen Kosmologie gemäß, anwies.

Mit V. 98 beginnt der zweite Tag der mystischen Reise. Die Sterne, welche aufgingen, als Virgil an die Oberwelt trat, sinken jetzt; Mitternacht ist vorüber; der 26. März nimmt seinen Anfang. Man gelangt niedersteigend in den fünften Kreis, an den weiten sumpfigen See des Styx, in dem die Zornigen liegen.

Die Ausleger sind uneinig darüber, was für Sünder es sind, die unter dem Wasser des Styx liegen und ungesehen jammern. Die einen nehmen an, daß ihr Laster die Trägheit war (vgl. V. 124), gewissermaßen der Gegensatz des Zorns, wie die Verschwendung Gegensatz des Geizes. Die andern erklären sich für Groll und Neid, die im Innern brennen, ohne zu offnem Ausbruch zu kommen, und die das heitre Leben demjenigen, der sich diesen Lastern hingiebt, verdunkeln wie Rauch. Diese Deutung scheint mir die einfachere; Trägheit im Sinne der scholastischen Theologie ist Saumseligkeit in der Erfüllung der christlichen Pflichten, nichts was zum Zorne in directem Gegensatze stünde. Auffallend ist es allerdings, daß die Trägheit, obwohl sie zu den sieben Todsünden gehört, in der Hölle keinen Platz findet, während sie im Fegefeuer ihren besonderen Ring einnimmt. Allein dasselbe tträfe vom Neide zu, wenn hier statt seiner die Tragheit angenommen würde.

Hölle 08

Der Styx umgiebt als fünfter Kreis den in gleicher Fläche liegenden sechsten. Fährmann über den Styx ist Phlegias, der im Zorn, weil Apollo seine Tochter überwältigte, den Tempel in Delphi verbrannte. Während der Fahrt erkennt Dante im Sumpfe einen Landsmann, den auch Boccaccio im Decameron (IX, 8) als brutalen, jähzörnigen und hochmütigen Menschen schildert, Philipp Cavicciuoli, Argenti zubenannt, weil er sein Pferd mit Silber beschlagen ließ. Seiner rohen Leidenschaft wird Dante's gerechter Zorn gegenübergestellt, um dessen Willen Virgil ihn lobt und glücklich preist.

Am inneren Ufer des Styx liegt, einer mittelalterlichen Festung ähnlich, die Höllenstadt Dis, so genannt nach dem römischen Pluto, mit dem Satan indentificirt wird. Diese Stadt bildet den sechsten Kreis, zugleich die Grenzscheide zwischen der oberen und der unteren Hölle, den Sünden der bloßen Unmäßgkeit einerseits und denen der Bosheit und Herzensverderbtheit andererseits. An dieser Stelle begegnet den beiden Wanderern der erste Widerstand, der den Worten Virgils nicht glaubt und seiner Aufforderung nicht gehorcht.

Hölle 09

Um den erbleichenden Gefährten nicht noch mehr zu erschrecken, verschließt Virgil seinen Unmut und die Sorge, die der Widerstand der Teufel ihm erregt; aber seine Worte, die er abbricht und verschluckt, verraten Zweifel, in denen er schwebt, und Dante fragt ihn deshalb, ob wohl schon einmal einer den Weg aus dem ersten Kreise in diese Tiefen gemacht habe. Das bejaht Virgil. Er kennt den Weg in die unterste Hölle, in den Kreis des Judas, wohl, denn die thessalische Zauberin Erichtho, die Lucan in dem Epos Pharsalia als Geisterbeschwörerin auftreten läßt, hat ihn einst gezwungen ihr einen Todten von dort heraufzuholen.

Während Virgil noch redet, erscheinen die Dienerinnen der Hekate, die "Erynnen", auf dem Turme der Höllenstadt, die Medusa rufend, daß sie die Eindringlinge in Stein verwandle. Einst war Theseus wie sie in die Unterwelt gekommen und war lebend entronnen; sein Beispiel, meinen die Furien, habe die beiden ermutigt, Gleiches zu wagen, und man dürfe daher sie nicht schonen. Vor dem Anblick der Medusa bewahrt Virgil seinen Schützling, und alsbald naht der Engel, der ohne Kampf die Pforte der Festung öffnet und die Dämonen zur Ruhe bringt, sie an die üblen Erfahrungen erinnernd, welche sie bei früheren Auflehnungen gegen den Willen des Allmächtigen und selbst damals machten, als Herkules in die Hölle kam und Cerberus sich dem gottgesandten Helden widersetzen wollte. Trage der Höllenhund doch noch die Spuren der Kette am Halse, mit der Herkules ihn fortschleppte.

In V. 61-65 fordert Dame ausdrücklich auf, den verborgenen Sinn der seltsamen Erzählung zu merken. Nicht zu verkennen ist, daß in der Zitadelle der unteren Welt die Hölle ihre stärksten Hindernisse auftürmt, damit der rettungsuchende Mensch (Dante) den notwendigen Weg des Heils nicht vollende, daß menschliche Weisheit (Virgil) solche Hindernisse nicht zu bewältigen vermag und daß es himmlischen Beistandes bedarf, um diese Festung zu überwinden, Daß die Medusa den das Herz versteinernden Zweifel, welcher zum Unglauben und damit zum Tode führt, darstelle, hat zuerst Philalethes (König Johann von Sachsen) vermutet, und diese Erklärung leuchtet mir am meisten ein, umsomehr, als wir sogleich erfahren, daß in der Höllenstadt die Ketzer, die Sünder wider den alleinseligmachenden Glauben, ihre Strafe verbüßen. Ob die Erynnien, wie einige meinen, das böse Gewissen bedeuten, lasse ich dahingestellt; man beruft sich darauf, daß das böse Gewissen immer den Zweifel zu Hilfe rufe, wie die Furien die Medusa herbeirufen. Dagegen ließe sich einwenden, daß die Qual des Gewissens auch zur Reue, Buße und Rechtfertigung führen könne. Vielleicht darf man die Furien als die Verzweiflung am Heil auffassen, die in ihrer Wut alle Gnadenmittel verschmäht und dem Unglauben ohne Rettung verfällt. Vielleicht auch sind die Furien nur Staffage, und die Medusa allein ist der Mittelpunkt der Allegorie.

Der Anblick der inneren Stadt, also des sechsten Kreises, erinnert Dame an die zahlreichen Grabhügel, die zu seiner Zeit bei Arles, wo die Rhone Lachen bildet, zu sehen waren. Ähnliche Hügel gab es unweit Pola am Carnaro (Quarnero), dem Grenzflusse zwischen Italien und Kroatien. Die über dem Erdboden stehenden Gräber der Höllenstadt wird man sich zu denken haben wie die großen steinernen Gruftkammern der allitalienischen Kirchhöfe, in denen Raum für mehrere Leichen war. An der Grenze des Sarggefildes, wo die Ketzer in ewiger Glut liegen, längs der Stadtmauer setzen die Wanderer ihren Weg fort.

Hölle 10

In den Feuersärgen erwarten die Verdammten die Auferstehung des Fleisches und das letzte Gericht, welches nach der Stelle beim Propheten Joel (Kap. 3, V. 2 und 12) im Tal Josaphat bei Jerusalem stattfinden wird. Dante fragt, ob er in die Särge blicken dürfe, ohne hinzuzufügen, daß er zu sehen wünsche, ob er hier Landsleute antreffe. Als Virgil ihm dieses Verschweigen leise verweist, rechtfertigt Dante sich: der Führer selbst habe ihm vorhin (Gesang 5, V. 76 ff.) voreiliges Fragen abgeraten.

Schon im 6. Gesange hatte Dante den Ciacco gefragt, wo er den wackeren Farinata treffen werde; jetzt redet Farinata selbst ihn an, an der Sprache ihn als Toskaner erkennend. Vor Dantes Geburt war Farinata der mächtigste Führer der florentinischen Ghibellinen, aus dem edlen Geschlechte der Uberti, ein großartiger, aber herrschsüchtiger und von Parteigeist erfüllter Patriot. Dantes Vorfahren hielten sich zu den Guelfen, obgleich der Dichter selbst der kaiserlichen Sache eifrig ergeben war und von weltlichem Einfusse der Päpste nichts wissen wollte. Zweimal halte Farinata die Gegenpartei aus Florenz verjagt, zuerst 1248 mit Hilfe Friedrichs II., damals aber nur auf kurze Zeit. Schon 1251 kehrten die Guelfen siegreich zurück, und nun mußten die Ghibellinen nach Siena entweichen. Dort sammelte, von König Manfred unterstützt, Farinata ein starkes Heer, und durch List wußte er die Florentiner in den Wahn zu versetzen, daß sie ohne Schwertstreich sich Sienas bemächtigen könnten. Als nun die Bürger ins Feld rückten, wurden sie, nichts Böses ahnend, bei Montaperti am Flusse Arbia von Manfreds deutschen Reitern und den Ghibellinen plötzlich angegriffen, in ihren eigenen Reihen waren Verräter; eine furchtbare Niederlage folgte, und zum zweiten Male mußten die Guelfen aus Florenz fliehen. Gern hätten Manfreds Stellvertreter und der ghibellinische Adel den Sieg benutzt, um die verhaßte Stadt gänzlich zu vernichten; in einer Versammlung der Führer war schon beschlossen worden, Florenz zu einem offenen Dorfe zu machen. Farinata allein widersprach und vereitelte den Anschlag. Er starb 1264, drei Jahre später kamen die Guelfen, unter dem Beistande Karls von Anjou, wieder in den Besitz der Macht. Während der folgenden Jahrzehnte ließ die Bürgerschaft zwar die meisten vertriebenen Ghibellinen nach und nach zurückkehren, aber unerbittlich nahmen sie von jeder Amnestie die Familie Uberli aus; das Blutbad von Montaperti blieb unvergessen; des patriotischen Protestes ihres Familienhauptes gegen die Zerstörung der Stadt gedachte man nicht. Darum sagt Dante: 'Die Euren haben die Kunst der Rückkehr nicht gelernt.' Wie schwer diese Kunst sei, antwortete Farinata, werde Dante selbst erfahren, ehe die Mondgöttin (Hekate) fünfzigmal ihr Antlitz wechsle, also vor Juni 1304. Im Frühjahr 1304 bemühte sich der päpstliche Hof, die Parteien zu versöhnen, aber der Versuch scheiterte, und Dante mußte mit den übrigen Opfern der Umwälzung von 1302 in der Verbannung bleiben.

In demselben Sarge wie Farinata liegt der Guelfe Cavalcante, wie Farinata epikureischer Ketzerei beschuldigt. Sein Sohn Guido Cavalcante war Dantes Altersgenosse und Freund, Dichter und Philosoph, von Boccaccio im Decameron (VI, 9) interessant charakterisiert. Des Vaters Verwunderung darüber, daß sein Sohn nicht mit Dante gleichen Schritt halte, und Dantes Antwort, daß Guido vielleicht den Virgil zu sehr geringgeschätzt habe, scheinen darauf zu deuten, daß Dante es bedauerte, in dem Freunde einen ebenbürtigen Geist nicht erkennen zu dürfen. Übrigens war auch Guido schon gestorben, als die "Hölle" erschien.

Aus Cavalcantes Fragen entnimmt Dame, daß diese Toten keine Kunde von der Gegenwart haben; gleichwohl prophezeien sie, früher Ciacco, jetzt Farinata. Darüber läßt der Dichter sich von Farinata aufklären. Er bedurfte für die Maschinerie des Gedichts einer Theorie, welche den Toten die Gabe der Weissagung beilegt. Am letzten Tage erlischt die Erkenntnis der Verdammten, weil dann keine Zukunft mehr ist.

Daß Friedrich II. sich unter den Ketzern befindet, wird nicht befremden. Das Mittelalter betrachtete den freidenkenden, selbst mit Sarazenen zwanglos verkehrenden Hohenstaufen mit unheimlichem Grauen. Schrieb man doch ihm das lästerliche Buch de tribus impostoribus zu, welches Moses, Jesus und Mohammed als drei Betrüger darstellt. Außer ihm wird nur noch ein Ketzer genannt, "der Kardinal". Wenn man im 13. Jahrhundert sagte: "der Kardinal", so meinte man Octavian Ubaldini (blühte um 1260), der am päpstlichen Hofe eine leitende Rolle gespielt haben und ein so eifriger Ghibelline gewesen sein soll, daß man ihm die Äußerung in den Mund legt: "Wenn es eine Seele gäbe, so hätte ich sie für die Ghibellinen verloren." In der Geschichte ist der Glanz dieses Namens sehr dunkel geworden; man weiß nicht recht anzugeben, worin seine Leistungen für die ghibellinische Sache bestanden haben.

Die bedenkliche Prophezeiung Farinatas hat den Dichter beunruhigt. Virgil mahnt ihn, sich jetzt solcher Sorge zu entschlagen und an das Nächste zu denken; die Aufklärung über seine Zukunft, deren er bedürfe, werde Beatrix ihm verschaffen, ein Hinweis auf den 17. Gesang des Paradieses.

Die letzte Terzine zeigt, wie Virgil seine Wanderung einrichtet. In jedem Kreise geht er eine Strecke rechts den äußeren Rand entlang, schwenkt dann links und begibt sich quer durch die Kreisfläche nach dem inneren Rande, wo man zum nächsten Kreise hinabsteigt.

Hölle 11

Noch in dem Kreise der Ketzer treffen die Wanderer den Papst Anastasius II. (erwählt 496), welcher von einem gewissen Photinus, Diakonus in Thessalien, zu falscher Lehre verleitet worden sein soll. Die Stelle zeigt, daß nach Dantes Meinung das päpstliche Amt allein keine Sicherheit gegen Irrlehre bietet.

Vor dem Abstieg in die untere Hölle erläutert Virgil das System, nach dem die Strafen sich abstufen, damit sein Begleiter fortan nicht mehr zu fragen, sondern nur zu sehen brauche. Mit einigen Abänderungen folgt er der Ethik des Aristoteles, auf die er V. 81 ff. sich ausdrücklich beruft. Der griechische Philosoph kennt drei Arten verwerflicher Sitten, Unmäßigkeit, tierisches Wesen und Schlechtigkeit oder Bosheit. Zur Unmäßigkeit zählt er die zügellose Befriedigung der an sich naturgemäßen Triebe, der Geschlechtsliebe, der Freude an Speise und Trank, der Freude an Erwerb und Besitz, des Zornes, des Ehrgeizes u. s. w. Die Sünden der Unmäßigkeit in Liebe, Schwelgerei, Geiz und Zorn (Vergl. jedoch Seite 67, Nachtrag, wonach hier statt Zorn Trägheit zu lesen wäre. Auch die Bedeutung der untern Höllenkreise wird dort in ein etwas anderes Licht gerückt) sind demgemäß von Dante in den Kreisen 2 bis 5 der oberen Hölle untergebracht. Der sechste Kreis vertritt eine dem Griechen unbekannte Gattung, die Ketzerei. Unter tierischem Wesen oder bestialitas, wie die Lateiner es übersetzen, versteht Aristoteles allerlei Handlungen, die der menschlichen Natur zu widersprechen und nicht einem ihr gemäßen Bedürfnisse zu entspringen scheinen, wie Grausamkeit, gewisse Arten der Fleischeslust, das Menschenfressen, bis herab zu krankhaften Unarten wie Nägelkauen u. dgl. Die Bezeichnung "tierisches Wesen" ist nicht glücklich, da es sich vorzugsweise um Erscheinungen handelt, die der unschuldigen Tierwelt fern liegen. Dante schiebt an dieser Stelle die Gewaltsamkeit (als eine Unterabteilung der aristotelischen Bosheit, malizig, oder Schlechtigkeit) ein und läßt die "Bestialität" auf sich beruhen. Bosheit oder malizia ist ihm jede auf Verletzung eines Rechtes ausgehende Handlung, sei es, daß dieselbe durch Gewalt oder durch Betrug vollzogen wird. Im letzteren Falle entspricht sie der aristotelischen Bosheit oder Schlechtigkeit. Der Betrug ist Gott am meisten verhaßt und gehört deshalb in die beiden untersten Kreise, je nachdem er nur im allgemeinen die Menschenpflicht oder außerdem noch ein besonderes Band der Pietät verletzt. Er wird "die der menschlichen Natur eigene Sünde" genannt, entweder weil sie auf Mißbrauch der Intelligenz beruht oder weil sie mehr oder minder in allen Menschen sich regt, so daß "jedes Gewissen davon schlägt" (V. 52).

Der erste der drei unteren Höllenkreise, der siebente der ganzen Hölle, umfaßt nun die Gewalttätigen, die halbwegs den Bestialischen der aristotelischen Theorie entsprechen. Sie sind in drei "Ringe" gesondert, je nachdem sie gefrevelt haben: 1. wider den Nächsten oder dessen Gut (Totschläger, Räuber, Erpresser), oder 2. wider sich selbst oder das eigne Gut (Selbstmörder und sinnlose Zerstörer der zu weisem und heiterem Genusse bestimmten Habe), oder 3. wider Gott oder die von Gott gewollte Ordnung der Natur (Lästerer, unnatürlicher Wollust Frönende, Wucherer). Für diese beiden letzteren Kategorien stehen die typischen Städte Sodom und Cahors. Cahors in Languedoc war im Mittelalter als Sitz von Geldverleihern berühmt und so verrufen, daß cahorsinus im barbarischen Latein geradezu Wucherer bedeutet. Wie der Wucher als Frevel wider die Natur gelten kann, erklärt der Schluß des Gesanges. Nach der Genesis soll der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen, von den Gaben der Natur und seiner Kunst, das heißt der von Gott stammenden Fähigkeit zweckmäßiger Arbeit, leben. Daß "die Kunst die Natur nachahme", also ihre Tochter und Schülerin sei, lehrt Aristoteles in der "Physik". Wenn also der Wucherer seine Hoffnung auf arbeitsloses Zinsennehmen setzt, verstößt er gegen Gottes Ordnung, bricht sie gewaltsam und gehört in den siebenten Kreis.

Diese Höllenordnung hat für den Dichter einen dunklen Punkt. Die Sünder, welche im Schlamme für Zorn, im Sturm für Fleischeslust, im Regen für Schlemmerei büßen, und diejenigen, welche in stetem Rundgange einander Geiz und Verschwendung vorwerfen, befinden sich alle in minderer Pein außerhalb der glühenden Stadt. Haben sie nicht ebenso wie die anderen Gottes Zorn erregt? In dieser Frage spiegelt sich eine theologische Meinung, deren Widerlegung dem Dichter am Herzen liegt, als ob Gottes Zorn etwas Absolutes, ohne Gradunterschied sei. Darum verweist Virgil nachdrücklich auf die oben erwähnte Lehre des Aristoteles von der dreifachen Art der Verschuldung, welcher eine Abstufung der Strafen entspricht. Aristoteles sagt in seiner Ethik ausdrücklich nur, daß die tierartigen Laster minder schlimm seien als die Bosheit, aber es versteht sich bei ihm von selbst, daß er die Unmäßigkeit als den entschuldbarsten Grad des Lasters ansieht. Die bestialitas, sagt er, verderbe nicht das Edelste im Menschen, die Vernunft, sondern habe es überhaupt nicht. Die Bosheit dagegen mißbrauche gerade dies Edelste.

Während der Unterredung der beiden Dichter ist in der Oberwelt das Sternbild der Fische über dem Horizont erschienen, und der "Wagen" steht gegen den "Caurus", das heißt nach der antiken Terminologie der Winde gegen Nordnordwest gerichtet. Für den 26. März ergibt dies die Zeit kurz nach zwei Uhr Morgens. Beiläufig sieht man aus dieser und anderen Stellen, daß die Bewohner der Vorhölle nicht wie die übrigen Verlorenen die Erkenntnis der gegenwärtigen Ereignisse der Oberwelt verloren haben; Virgil wenigstens weiß genau, wie die Sterne stehen, die er doch nicht sieht.

Zu beachten ist in diesem Gesange, daß im siebenten Höllenkreise Kreis und Ring (Unterabteilung des Kreises) unterschieden werden und daß erster, zweiter, dritter Kreis hier sich nur auf die untere Hölle bezieht, also für siebenter, achter, neunter Kreis steht.

Hölle 12

Der Abhang zum siebenten Kreise wird seiner schrägen Konfiguration wegen mit einer Lokalität bei Trient verglichen, die festzustellen den Forschern noch nicht gelungen scheint. (Nachträglich finde ich, daß eine veronesische Chronik zitiert wird, welche berichtet, daß am 20. Juni 1509 bei stillem Wetter ein Stück des Berges oberhalb der Klause unweit Verona eingestürzt sei. Dante befand sich damals in Verona. Die Notiz wäre bedeutsam für die Bestimmung der Entstehungszeit der Göttlichen Komödie. Indes bleibt zweifelhaft, ob Dante gerade diesen Fall im Auge hatte.) Den Weg bewacht, ein Symbol unmenschlicher Grausamkeit und Tyrannei, der Minotaurus von Kreta, den Pasiphaë, des Minos Weib, von einem Stier gebar, und den Ariadne, des Minos Tochter, also die Halbschwester des Ungeheuers, in die Hände des Theseus, "des Herzogs von Athen", lieferte. Der Bergsturz selbst ist eine Folge des Erdbebens, welches kurz vor Christi Höllenfahrt, nämlich im Augenblicke seines Todes, stattfand. Dies Erdbeben war so gewaltig, als ob das Chaos wiederkehre, das nach der Lehre des Empedokles immer eintritt, wenn im Weltall eine der beiden Urkräfte Liebe und Haß das Übergewicht über die andere gewinnt.

Im ersten Ringe des siebenten Kreises bewachen Centauren den siedenden Blutstrom, als ihre Führer Chiron, der Lehrer des Achilles, Nessus, der "aus sich selbst", aus seinem Blute, das Rachewerkzeug schuf, und Pholus, der bei der Hochzeit des Pirithous den wilden Kampf mit den Lapithen entzündete. Chiron legt die Spalte des Pfeils an die Sehne und zieht sie hinters Ohr zurück, auf die Wanderer zielend. Durch diese Bewegung streicht er den Bart zurück und enthüllt den Mund. Ehe er abdrückt, staunt er, daß unter Dantes Schritten die Steine sich bewegen. Er ist kolossal, denn Virgil reicht ihm nur an die Stelle, wo der Menschenleib mit der Pferdebrust sich vereint.

Von den namhaft gemachten Gewalttätigen ist Alexander wohl kaum der Mazedonier, den Dante in anderen Schriften als glorreichen Monarchen preist, sondern der Tyrann von Pherä, eine Geißel Siziliens wie Dionys. Azzolin ist der berühmte Wüterich Ezzelin, Obizzo ein Markgraf von Ferrara zu Dantes Zeit, von dessen Gewalttätigkeiten wir nichts wissen und dessen Tod durch die Hand seines Sohnes Azzo mehr dem Gerüchte als der Geschichte angehört. Nicht genannt, aber bezeichnet wird Guido von Montfort, der Sohn jenes Simon von Montfort, der 1265 als Rebell gegen Heinrich III. von England fiel. Guido, um den Vater zu rächen, erstach 1291 des Königs Neffen Heinrich von Cornwallis zu Viterbo in der Kirche. Das Herz des Ermordeten ward in London in einem Denkmal verwahrt. Pyrrhus ist der König von Epirus, schon als Feind Roms dem Dichter verhaßt, Sextus der Sohn des Pompejus, welcher als Seeräuber gegen die Triumvirn kämpfte, ein Gegner Cäsars und des Kaisertums. Ganz am Schlusse werden zwei gefürchtete Straßenräuber des 13. Jahrhunderts genannt, Rainer von Corneto, ein Zeitgenosse Dantes, und Rainer Pazzo, um eine Generation älter, beide den Florentinern wohlbekannt durch ihre Wegelagerungen.

Hölle 13

Die Wildnis, mit welcher im Eingange der zweite Ring des siebenten Kreises verglichen wird, ist die berüchtigte Maremma zwischen dem Flusse Cecina und der Stadt Corneto, zu Dantes Zeit ein von Schlangen und Sauen bewohnter Sumpfwald an den Grenzen Toskanas und des päpstlichen Gebietes. Die hier nistenden Harpyien kommen in der Äneïs vor, wo sie den auf den Strophaden landenden Trojanern das Mahl besudeln und ihnen schlimme Hungersnot in Italien weissagen. Ebenso sind die unheimlichen Bäume dieses Ringes, welche bluten und wehklagen, der Äneïs entlehnt, daher Virgil V. 46 ff. sagt, Dante kenne solche Bäume nur aus jenem Gedichte.

Die Frevler gegen sich selbst, Selbstmörder und Spieler, sind die Insassen dieses Ringes. Unter den ersteren ist Friedrichs II. berühmter Kanzler Pietro delle Vigne, der, als er in Ungnade fiel und des Verrats beschuldigt wurde, im Kerker sich umgebracht haben soll. Seine Unschuld ist unerwiesen, aber Dante hält ihn für ein Opfer der Verleumdung und "der Metze, die immer nach dem Kaiserhofe lauernd späht", der Mißgunst.

Einige der Verdammten werden von schwarzen Hündinnen zerfleischt. Der erste von diesen ist ein gewisser Lano aus Siena, der sein Gut verpraßt und dann in einem Gefechte gegen die Aretiner am Toppo im Val de Chiana den Tod gesucht hatte, wie er ihn noch in der Hölle sucht. Der ihm folgende zweite Verdammte höhnt ihn, daß er jetzt noch schneller als damals am Toppo in den Tod zu rennen suche.

Dieser zweite ist ein Florentiner, Jakob von Sankt Andreas, ein toller Verschwender, der Goldstücke ins Wasser warf, Landhäuser anzündete, kostbare Stoffe zerstörte, um eine Kurzweil zu haben. Ob er ein Spieler oder ein Selbstmörder oder beides war, finde ich nicht angegeben, Vor den Hunden fliehend, klammert er sich an einen Strauch, in welchem ein nicht genannter Florentiner steckt, der sich an seinem Hause erhängt hat. Offenbar spielt Dante auf einen stadtkundigen Vorfall an. Zum Verständnis der Worte dieses Florentiners muß man merken, daß Johannes der Täufer als Schutzpatron der Stadt den heidnischen Mars verdrängt haben soll. Darum grollt Mars der Stadt und sucht sie mit häufigen Kriegen heim. Eine trümmerhafte Bildsäule des Mars, die als Palladium der Stadt galt, stand noch bis 1333 an der alten Arnobrücke; ohne sie, meint der Geist, würde der Wiederaufbau des von Attila zerstörten Florenz nicht gelungen sein. Weshalb gerade an dieser Stelle an die alten Stadtsagen und an das Marsbild erinnert wird, ist nicht mehr zu erkennen. Man hat deshalb einen allegorischen Sinn angenommen. Der Täufer sei der florentinische Goldgulden, welcher das Bild dieser Heiligen zeigte, und bedeute den Mammondienst, dem die Bürger sich ergehen hätten, untreu dem kriegerischer Geiste der Vorfahren, der unter dem Mars zu verstehen sei und dessen letzte Überreste allein noch den Untergang abwendeten. Richtig ist, daß Dante auch an einer anderen Stelle Johannes den Täufer nennt, wo er das Geldstück meint.

Hölle 14

Der dritte Ring des siebenten Kreises umschließt die Frevler wider Gott und Natur, die alle unter demselben Feuerregen auf glühendem Sande dulden, nur mit der Abstufung, daß die Gotteslästerer liegen, die Wucherer sitzen, die Wollüstigen wandern. Der Sand ist wie die Libysche Wüste, durch die Catos Heer, wie Lucans Epos es schildert, marschieren mußte, und der Feuerregen gleicht den glühenden Flocken, die - nach dem unechten Briefe Alexanders an Aristoteles - in Indien auf das mazedonische Heer niederfielen und, wie Dante mißverständlich annimmt, von den Kriegsleuten ausgestampft wurden.

Als Gotteslästerer wird Capaneus vorgeführt, einer der Sieben gegen Theben, von dem Statius in der Thebaïs erzählt, wie er den Jupiter höhnte und dafür vorn Blitz erschlagen ward. Hier ist Jupiter nicht als heidnischer Gott, sondern als Vertreter der wahren göttlichen Macht zu verstehen. Auch an anderen Stellen behandelt Dante die Lichtgötter des Altertums mit religiöser Achtung. Ohnehin verknüpfte die naivere Zeit unbefangen Biblisches und Mythologisches mit dem Geschichtlichen, wie denn auch die klassische Gigantenschlacht im Tale Phlegra und der volkstümliche Name des Ätna "Mongibello" nebeneinander stehen.

Die drei ineinander liegenden Ringe des siebenten Kreises sind: Blutstrom, Dornenwald und glühender Sand. Aus dem ersten Ringe fließt das kochende Blut durch den Wald nach dem dritten Ringe und durch diesen in einem von steinernen Wänden eingefaßten Kanal nach dem achten Kreise hinab. Die Ufer des Kanals bilden Steindämme, die vor dem Sande schützen, und über denen kein Feuer regnet, weil der Dunst des Kanals es erstickt. In solchen steinernen Einfassungen wurde, wie es scheint, im 14. Jahrhundert das heiße Wasser des Sprudels von Viterbo nach den umliegenden Badehäusern, die oft zugleich liederliche Häuser sein mochten, geleitet.

Den Ursprung der vier Höllenflüsse verlegt Dante in den Idaberg auf Kreta, dahin, wo im goldenen Zeitalter Saturn König war, wo Rhea den neugeborenen Jupiter vor den Nachstellungen des Vaters verbarg. Der Greis, der in dem Berge steht und die Flüsse ausströmen 1äßt, ist dem Traumgesichte Nebukadnezars (Daniel 2, 51 ff.) nachgebildet; er scheint die vier Zeitalter des Menschengeschlechts zu bedeuten, dessen Tränen, aus der Sünde entstanden, in den Abgrund sickern. Der rote Fluß, der den siebenten Kreis durchschneidet, ist der Phlegethon, das heißt der brennende. Virgil spielt auf diese Bedeuumg des Namens an, wo er sagt, daß Dante aus dem Sieden der Flut selbst hätte schließen können, wie sie heiße. Da die Alten auch den Lethe in die Unterwelt verlegten, wundert Dante sich, diesen nicht anzutreffen; erst auf dem Berge des Fegefeuers, im irdischen Paradiese wird er den Strom des Vergessens finden.

Hölle 15

Der Phlegethon ist von Dämmen eingefaßt, die der Dichter mit den Meerdeichen der flandrischen Küste von ISrügge bis Wissant (Guizzante, unweit Calais) und den Deichen der Brenta vergleicht, welch letztere das Land schützen, wenn der Schnee der Chiarentana, eines Höhenzuges im Trenlino, schmilzt. Nur ist der Damm am Höllenflusse niedriger, so daß der im Sande schreitende, entgegenkommende Geist den Mantelsaum des auf dem Damme gehenden Dante fassen kann.

Dieser Geist ist der im 13. Jahrhundert hochberühmte florentinische Philosoph, Rhetor und Poet Brunetto Latini (1220-1294), Dantes verehrter Lehrer, von dem Villani sagt: "Er war ein großer Philosoph und Meister der Rhetorik und verfaßte das gute, nützliche Buch il Tesoro und il Tesoretto (Schatz und kleinen Schatz) und den Schlüssel zum Tesoro und mehrere andere Bücher in der Philosophie und das Buch von den Tugenden und Lastern und war unser Stadtschreiber; aber er war ein weltlicher Mensch, und wir haben sein erwähnt, weil er der erste und der Meister war, den Florentinern Schliff zu geben und ihnen das Sprechen und die Kunst beizubringen, unsere Republik nach den Regeln der Politik zu lenken." Sein Hauptwerk, der Tesoro, dessen Pflege er V. 119 dem Dante ans Herz legt, ist eine Kompilation aus der Bibel, dem Plinius u. s. w., an welche sich eine Anweisung schließt, wie ein von einer Stadt erwählter Signore sich zu verhalten habe. Wie Dame ihn hochschätzte, zeigen seine Verse; Brunetto ist neben Farinata der einzige von den Verdammten, der mit "Ihr" angeredet wird, eine Auszeichnung, die sonst in der ganzen Divina Commedia nur der Beatrix und dem Urahnen des Dichters Cacciaguida (Paradies 16, 10) widerfährt.

Brunetto ist nach Ciacco und Farinata der dritte Geist, der Danten Unheil weissagt. Er weist darauf hin, daß ein unversöhnlicher Gegensatz bestehe zwischen der großen Menge und den wenigen guten Bürgern. Dieser Gegensatz wird auf den Stammbaum zurückgeführt; die alten Geschlechter, zu denen Dante sich zählt, stammen aus Rom, die Menge ist großenteils aus Fiesole eingewandert und noch immer so rauh und hart wie der Felsen, auf dem Fiesole liegt. Dantes politische Vereinsamung während der Verbannungszeit ist ein Vorwurf für beide Parteien. Sie werben um ihn, aber er verschmäht die eine wie die andere: sie mögen sich untereinander zertreten, wie das Vieh die Streu zertritt, aber sie sollen das edle Kraut aus römischem Samen nicht berühren. Dantes Antwort, daß der Umschwung des Glücksrades ihm so gleichgültig sein werde wie des Bauern Spatenstich, der die Scholle umwendet, wird von Virgil belobt als ein Beweis rechten Zuhörens, denn sie zeigt, daß er Virgils Verse mit Aufmerksamkeit sich zu nutze gemacht hat. "Man besiegt jedwedes Geschick durch Ertragen," steht in der Äneïs, "superandu omnis fortuna ferendo est."

Die Sünder dieser Region scheinen nach ihrem irdischen Berufe in Scharen geteilt, die sich nicht miteinander vermengen dürfen. Brunetto geht mit lauter Geistlichen und Gelehrten; im folgenden Gesange treffen wir lauter Staatsmänner und Soldaten. Brunetto macht drei seiner Genossen namhaft, den berühmten Grammatiker Priscianus (6. Jahrhundert), den Rechtslehrer Franz Accursius aus Bologna († 1294) und einen, wie es scheint, besonders liederlichen Bischof aus Dantes eigner Zeit, Andrea de' Mozzi, den Papst Bonifaz VIII. ("der Knecht der Knechte Gottes") um 1298 von Florenz nach Vicenza (am Flusse Bacchiglione) versetzte, woselbst dieser unwürdige Prälat bald darauf starb.

Die letzte Terzine spielt auf ein veronesisches Volksfest an, das Dante aus eigener Anschauung gekannt haben wird. Am ersten Fastensonntag fand ein Wettlauf nackter Männer statt, bei welchem der Sieger ein Stück grünen Tuchs erhielt. So schnell wie der beste dieser Läufer rennt Brunetto, um seine Gefährten einzuholen.

Hölle 16

Den Dichtern begegnen die Geister dreier erlauchter Florentiner, denen entgegenzugehen sich geziemt hätte, wenn das Feuer nicht gewesen wäre. Da diese Geister nicht rasten dürfen, schwingen sie sich, um mit Dante reden zu können, im Kreise, einer in des andern Fußstapfen tretend, den Hals zurückwendend, wenn die Füße vorwärts eilen. Diese drei sind:

1. Graf Guido Guerra aus dem Geschlechte der Guidi, die in Toskana Pfalzgrafen waren. Im Anfange des 13. Jahrhunderts heiratete ein Guido die Erbtochter des Bellincione de' Ravignani, desselben, der im Paradiese, Gesang 16, V. 99 unter den allen Edlen der Stadt als "der hohe Bellincione" aufgeführt wird. Von dieser Erbtochter Waldrada stammte Guido Guerra, ein gewaltiger Kriegsmann der Guelfen, als Dante ein Kind war, und ein guter Patriot, wie er denn die Stadt zu seiner Erbin einsetzte. Bei Benevent focht er mit Karl von Anjou gegen König Manfred.

2. Tegghiajo Aldobrandi, ein weiser Mann, dessen Rat, wenn er befolgt worden wäre, den Florentinern jenes Blutbad am Flusse Arbia (1260) erspart haben würde, von dem im 10. Gesange, V. 84 die Rede war. Nach diesem Landsmann wie auch nach dem folgenden hatte Dame schon den Ciacco gefragt (Gesang 6, 79).

3. Jakob Rusticucci, ein Plebejer von Abkunft, aber ein angesehener, beliebter und tüchtiger Bürger, der eine böse Frau hatte und deshalb, wie es heißt, sich dem Laster ergab. Dieser dritte ist es, welcher das Wort führt.

Der von Rusticucci erwähnte Wilhelm Borsiere muß kurz vor 1300 gestorben sein, da er die neuesten Nachrichten aus Florenz den älteren Verdammten überbracht hat. Von ihm erzählt Boccaccio im Decameron (I, 8), daß er ein feiner und witziger Kopf war. Als ein reicher geiziger Genuese ihn fragte, was Neues, Niegesehenes er wohl in seinem Saale malen lassen könnte, antwortete Borsiere: »Ich kann euch etwas raten, was ihr nie gesehen habt: lasset die Freigebigkeit hineinmalen.«

Dantes Antwort auf Rusticuccis Fragen faßt kurz zusammen, was das Ende des 13. Jahrhunderts in Florenz umgewandelt hat, die Zunahme des Reichtums, Einwanderung Fremder, steigende Macht der Zünfte, anfangs unter Führung ehrgeiziger Edelleute, dann vollständige Ausschließung der Geschlechter vorn Regiment. Um 1300 war bereits die Exekutive ganz in den Händen der von den Zünften und Stadtvierteln, immer nur auf wenige Monate, gewählten Prioren, und der einflußreiche Demagoge Giano della Bella hatte ein Gesetz durchgebracht, welches dies Amt dem Adel unzugänglich machte. Die Geister geben dem Dichter zu verstehen, daß, wenn er in Florenz ebenso offen seine Meinung sagte wie in der Hölle, es ihm dort mehr kosten würde.

Vom inneren Rande des siebenten Kreises fällt der Phlegethon tief hinab in den achten, ähnlich dem Flusse Acquacheta beim Kloster San Benedetto in den Apenninen. Die Acquacheta vertauscht unter Forli ihren Namen und heißt Monrone, der erste Fluß, wenn man von den Quellen des Po am Veso oder Viso ostwärts geht, welcher am Nordabhange der Apenninen nicht in den Po, sondern ins Meer mündet. Dante bemerkt, daß in San Benedetto noch Tausende Schutz finden könnten, wenn nämlich die Mönche ihren Reichtum nicht für sich allein verzehrten.

Der Dichter erzählt uns, er habe damals einen Strick auf dem Leibe getragen, hoffend, mit dem das "bunte Pardel", die Fleischeslust, zu bändigen, und dar Virgil diesen Strick jetzt in den Abgrund wirft, um dem Geryon das Signal zu geben, heraufzukommen. Daß Dante in jungen Jahren den Franziskanerstrick anlegte, wenn auch nicht in den Orden eintrat, bezeugt einer der ältesten Kommentatoren Francesco da Buti; die hier vorgetragene Erzählung mag daher wohl bedeuten, dar für den innerlich geläuterten, von den Schrecken der Hölle überzeugten Menschen es solcher äußerlichen Kasteiung nicht mehr bedarf, daß der Strick weggeworfen werden kann.

Hölle 17

Der von Herkules getötete König Geryon, der seine Gäste tückisch überwältigte und seinen Stieren zum Fraße vorwarf, erscheint, während die Alten ihn als dreileibigen Riesen schildern, hier als ein Ungeheuer mit freundlichem Menschenantlitz und schlangenartigem Leibe, ein Symbol des Betruges. Wie er auf den Rand des siebenten Kreises sich niederläßt, den Schweif in die Tiefe hängen lassend, gleicht er dem Biber, der, nach der Sage, den öligen Schwanz ins Wasser streckt, um die Fische zu locken. Ehe die Wandrer den Rücken Geryons besteigen, tritt Dante zu den im heißen Sande und im Feuerregen sitzenden Wucherern. Durch Beschreibung ihrer Wappen brandmarkt er verschiedene florentinische Geschlechter, deren Namen die Kommentare anführen, die uns aber kaum mehr interessieren. Unter den Florentinern sitzt ein Paduaner, (es ist ein Scrovigni, wie das Wappen mit der Sau, scrofa, anzeigt,) welcher einem noch lebenden Mitbürger Vitaliano einen Platz in der Hölle in Aussicht stellt, während die Florentiner ihrerseits einen gewissen Bojamenti de' Bicci, "den Fürsten der Ritter", das heißt den verrufensten aller patrizischen Wucherer ihrer Stadt, in ihrer Mitte erwarten. Die Familie des letzteren führte drei Böcke im Wappen. Man meint, Dante habe durch Anführung der Wappen andeuten wollen, daß der Wucher die Familien, nicht bloß einzelne ihrer Mitglieder, angesteckt habe.

Hölle 18

Von nun an führen die Höllenkreise besondere Namen. Der achte Kreis heißt Malebolge, und seine zehn Unterabteilungen, kreisförmige Gräben oder Täler, nennt Dante bolge, welches der Plural von bolgia, Felleisen, ist, aber so sehr den Klang eines Eigennamens gewonnen hat, daß es geraten scheint, das Wort in den deutschen Text herüberzunehmen. Auch dem Italiener ist bolgia in der eigentlichen Bedeutung kaum geläufig; schon alte Herausgeber pflegen zu erklären daß es so viel sagen wolle wie ein Mantelsack, eine Tasche oder dergleichen.

Die Anordnung des Kreises wird deutlich genug vom Dichter beschrieben; konzentrisch umkreisen die zehn Bolgen, tiefe Terraineinschnitte, den in der Mitte gähnenden Schlund, der zum letzten, neunten Kreise abstürzt, und quer durch sämtliche Gräben läuft ein Damm, auf dem man von dem äußeren Rande nach dem Schlunde gehen kann. Dieser Damm überschreitet die Gräben in Form von Brückenbogen. Solcher Dämme sind mehrere vorhanden.

In der ersten Bolge (Kuppler und Verführer) schreiten die Sünder in zwei entgegengesetzten Zügen, ähnlich wie in Rom während des Jubiläums (1300) die ungeheure Pilgermenge auf der Engelsbrücke in zwei Zügen sich bewegen mußte, je nachdem sie in derRichtung des "Schlosses" (der Engelsburg) oder des "Berges" (des Janiculum) ging.

Der erste Geist, den Dante erkennt, ist Venedico Caccianimico († zwischen 1290 und 1300), ein angesehener Bolognese, der seine schöne Schwester Gisela dem Markgrafen Azzo VIII. von Este um Geld oder politische Dienste verkuppelt haben soll. Über den Vorgang scheinen verschiedene Gerüchte umgelaufen zu sein, daher ausdrücklich die hier gegebene Darstellung als die richtige betont wird. Wenn der Verdammte von dem Lande zwischen Reno und Saveno spricht, wo man sipa sage (statt si, ja), so meint er Bologna.

Unter den Verführern treffen wir Jason, den Argonauten. Als er nach Lemnos kam, hatten dort die Weiber alle Männer umgebracht; nur den König Thoas hatte seine Tochter Hypsipyle durch List dem Blutbade entzogen. Jason verführte und verließ sie.

Die zweite Bolge beherbergt die Schmeichler. Diese sind mit Kot so bedeckt, daß man nicht unterscheidet, ob sie Tonsur haben oder nicht, Geistliche oder Laien sind. Unter ihnen ist Alexius Interminei, ein ghibellinischer Florentiner, ein glattzüngiger Demagoge, wie es scheint. Eine zahlreiche Gattung wird vertreten von einer Figur der römischen Komödie, der Thaïs, welche im "Eunuchen" des Terenz die Geliebte des Thraso ist. Sie wird ohne weiteres als historische Person behandelt und ein Vers, der im Stücke sie charakterisiert, wie ein wirklich gesagtes Wort zitiert. Bei Terenz schickt der Verliebte ihr ein kostbares Geschenk und fragt dann den Unterhändler, ob Thaïs auch recht viel Dank für ihn habe, worauf der Unterhändler antwortet: "ungeheuren" (ingentes).

Hölle 19

Von Simon Magus, der nach der Apostelgeschichte Kap. 8 den Aposteln die Gaben des heiligen Geistes abkaufen wollte, ward im Mittelalter der Schacher mit heiligen Dingen, namentlich mit geistlichen Ämtern, "Simonie" genannt. Die Simonisten sind in der dritten Bolge untergebracht, köpflings in Röhren steckend, so daß nur die Füße aus der Öffnung vorragen. Daute vergleicht die Röhren mit den runden Vertiefungen, welche im Baptisterium St. Johannis zu Florenz neben dem Taufbecken angebracht waren, damit an den Tauftagen vor Ostern und Pfingsten die amtierenden Priester, in diesen Vertiefungen stehend, vor dem Andrange der Menge geschützt blieben. Einmal geriet ein spielendes Kind in eine solche Vertiefung und konnte nicht herausgezogen werden, bis Dante dazu kam und die Flursteine aufbrach. Aus der Art, wie er hier auf den Vorfall anspielt, scheint hervorzugehen, dafl man ihm die Lebensrettung hernach als Tempelschändung ausgelegt hat.

Auf Virgils Schultern in die Bolge hinabgetragen, befragt Dante einen der Gepeinigten, ähnlich dem Beichtiger eines Mörders, der lebendig begraben werden soll und nun, um Frist zu gewinnen, den Beichtiger aufzuhalten sucht; ein dem Leben entnommenes Bild, denn solches Begraben, und zwar mit dem Kopfe nach unten, gehörte zu den Strafmitteln der Zeit. Der Angeredete ist Papst Nikolaus III. (1277-1280), der zuerst die Nepotenbereicherung in großem Maßstabe betrieb und von den Sizilianern Geld nahm, um sie gegen Karl von Anjou zu unterstützen. Der verdammte Geist in seinem Loche glaubt, Bonifacius VIII. rede ihn an, und wundert sich darüber, weil er (nach einer "Schrift", wahrscheinlich einer astrologischen) dessen Tod noch nicht erwartete. Bonifaz VIII. starb 1303; er hatte 1294, nachdem er den schwachen Cölestin V. zum Verzichte bewogen hatte, mit französischer Hilfe und Versprechungen aller Art seine Wahl durchgesetzt, obwohl damals schon 77 Jahre alt, und während seines Pontifikats grolle Reichtümer gesammelt, seine zahlreichen Verwandten zu kirchlichen Würden befördert, sogar die Form des Kreuzzugs mißbraucht, um sich der Besitzungen der Colonnas zu bemächtigen. Für Dante war er der Inbegriff aller verwerflichen Politik, der Rebell gegen die göttliche Ordnung, die dem Kaiser das weltliche Regiment zuwies. Hier wird indes nur seine Simonie betont: er hat die "schöne Frau", die Kirche, um Geld gekauft, um sie dann zu prostituieren. Der Papst ist gleichsam der Gemahl der Kirche.

Nikolaus III. war ein Orsini, daher er sich Sohn der Bärin (orsar) und seine Nepoten Bärlein nennt. Nach seiner Beschreibung kommen die simonistischen Päpste in eine besondere Röhre, und jedesmal, wenn ein neuer eintrifft, fährt sein Vorgänger, um ihm Platz zu machen, in eine tiefere Höhlung hinab. Nikolaus hat seit 1280, zwanzig Jahre lang, in der Röhre gesessen; Bonifaz, sagt er, wird schneller abgelöst werden, denn schon 1307 wird Klemens an seine Stelle kommen, der Baske oder Gascogner, "der Hirt aus Westen", die Kreatur König Philipps des Schönen, der mit dem Hohepriester Jason oder Josua im Buche der Makkabäer verglichen wird, weil er wie dieser von einem Tyrannen die geistliche Würde um schnöden Entgelt erkaufte. So werden an dieser Stelle drei Päpste mit einem Eisen gebrandmarkt.

Auf den römischen Stuhl deutet Darrte die Vision des h. Johannes (Offenbarung 17) von dem Weibe, die auf dem siebenköpfigen Tiere sitzt, nur daß er dem Weibe selbst, also dem Papsttum, die sieben Köpfe und zehn Hörner gibt. Anscheinend betrachtet er Köpfe und Hörner als Attribute der Kirche, die von den schlechten Hirten als Einnahmequelle millbraucht wurden. Die Ausleger sehen deshalb in ihnen die sieben Sakramente und die zehn Gebote, als in welchen die Stärke der Kirche beruhe. Von den Götzendienern unterscheiden sich die Päpste nur insofern, als die letzteren, die jedes Geldstück zum Gott machen, hundertmal mehr Götzen haben. Als Anfang solches Verderbens betrachtet Dante die Schenkung Konstantins, an deren Echtheit er natürlich nicht zweifelte.

Hölle 20

Der Dichter zeigt an, daß die "Hölle" nur den ersten Teil des ganzen Werkes bildet, "das erste Lied, la prima canzone". Dann beschreibt er die vierte Bolge mit den Wahrsagern und Zauberern. Das Mitleid, das in den früheren Kreisen nicht anstößig erschien, wird hier von Virgil gerügt. In Malebolge muß das Erbarmen und die Nächstenliebe sterben, sonst wäre sie nicht die lebendige Liebe, die Gott fordert. Sie ist menschliche Schwäche Dantes; die Verklärten wie Beatrix (Ges. 2, V. 91 ff.) bleiben gleichgültig beim Anblick der Verdammten, was schon im Begriffe der Seligkeit liegt.

Den Reigen eröffnet wieder ein Held aus Statius' Thebaïs, der Seher Amphiaraus, der, obwohl er seinen Tod im Kampfe vorauswußte, in den Krieg der Sieben gegen Theben mitzog und während des Angriffs von der Erde verschlungen ward. Ihm gesellt sich der thebanische Prophet Tiresias, der, als er zwei sich paarende Schlangen mit dem Stabe schlug, in ein Weib verwandelt ward und erst, als er nach sieben Jahren dieselben Schlangen wiedertraf und wieder schlug, die männliche Gestalt zurückgewann. Dann folgt aus Lucans Pharsalia der etrurische Zeichendeuter, welcher "deserla moenia Lunae" (wie Dame statt "Lucae" gelesen hat) bewohnte. Dante hat aus Lunä die Stadt Luni gemacht, die in der Nähe der Marmorbrüche von Carrara lag. Ausführlicher ist die Rede von des Tiresias zauberkundiger Tochter Manto, weil sie Virgils Geburtsstadt Mantua gründete. Vom Benacus (Gardasee), dort wo drei Bistümer zusammentreffen, fließt der Mincio nach der Niederung, wo die Thebanerin die hewohnbare Stelle der künftigen Stadt entdeckte. Nach Virgil war Mantos Sohn der Gründer; auffällig ist, daß Dante hier von ihm abweicht und zwar geflissentlich. Die Anspielung auf Mantuas Entvölkerung bezieht sich darauf, daß zu Dantes Zeit der Graf von Casalodi, beredet von dem schlauen Demagogen Pinamonte, viele edle Geschlechter aus Mantua vertrieb, worauf Pinamonte selbst die Herrschaft an sich riß und gegen den Adel mit Schafott und Verbannung wütete.

Virgil erkennt den in seiner Aneïs vorkommenden Seher Eurypylus, den Ratgeber der Griechen im trojanischen Kriege, einem nach Dantes Anschauung frevelhaften, weil gegen die Stammutter Roms gerichteten Unternehmen. Bei diesem Anlasse nennt Dante Virgils Aneïs "eine Tragödie", was nur den Stil des Gedichts bezeichnen soll. Wie er in der Widmung an Can Grande della Scala auseinandersetzt, macht die hohe, vornehme Ausdrucksweise den tragischen Stil, die gemeine, volkstümliche den komischen; deshalb habe er sein eignes Gedicht "Komödie" genannt, da es in der Vulgarsprache abgefaßt sei, wie die Weiber im Verkehr miteinander reden, sicut et mulierculae communicant. Für Dantes Zeit war das Latein immer noch eine lebendige Sprache, die edle und vornehme, neben welcher das Italienische sich mit untergeordnetem Range zu bescheiden hatte. Er selbst schreibt sein Latein mit der Freiheit und Unbefangenheit, mit welcher man die Muttersprache handhabt, ohne von der ciceronianischen Schablone eine Ahnung zu haben.

Den klassischen Zauberern folgen drei mittelalterliche: Michael Scott aus Balweary, Friedrichs II. Arzt und Astrolog, dem seine Schriften über Alchimie, Chiromantie u. s. w. den Ruf eines großen Nekromanten eintrugen. Eine Menge Wundergeschichten von ihm waren (und sind in Schottland noch) in Umlauf. Sodann Guido Bonatti aus Forli, der Sterndeuter des Grafen Guido von Montefeltro, und als dritter ein als Wahrsager berühmter Schuster Asdente aus Parma.

Die Zeitangabe am Schlusse bereitet den Auslegern große Schwierigkeiten, weil in der Nacht, wo Dante die Reise begann, am 26. März 1300, der Mond nicht voll war und überhaupt nicht aufging. Ob man nun dieses Umstandes willen, wie viele tun, das ganze Datum verwerfen und auf den 6. oder 9. April verlegen soll, nmuß den Gelehrten zur Entscheidung überlassen bleiben. Schwierigkeiten ergeben sich auch, wenn man diese letzteren Tage annimmt. Vollmond war in der Nacht vom 4. zum 5. April 1300. Keinem Zweifel unterliegt es, daß eine Morgenstunde des zweiten Tages der Höllenfahrt bezeichnet werden soll.

Der Mond wird mit den Worten "Kain und sein Strauch" bezeichnet, weil nach der Volkssage der sogenannte Mann im Monde Kain ist, der einen Dornstrauch schleppt. Im "Paradiese" Gesang 2, V. 51 verwirft Dante diese Fabel.

Hölle 21

In der fünften Bolge sind die Sünder, welche Dante barattieri, Tauschkrämer, nennt, diejenigen, welche öffentliche Amter zum Geldgewinn ausnutzen. Eine besondere Teufelsgattung bewacht sie, die malebranche (böse Klauen), deren einer gerade einen Ältesten aus Lucca heranschleppt. Lucca wird durch den Namen einer Lokalheiligen Sancta Zita bezeichnet. Die Teufel verhöhnen den Lucchesen mit Anspielungen auf seinen heimatlichen Fluß Serchio und auf das berühmte Christusbild im Dome zu Lucca, das sogenannte heilige Antlitz, das ihm nun nicht mehr helfen könne.

In V. 94-96 wird auf ein Ereignis angespielt, dessen Augenzeuge Dante in seinem 25. Jahre war. Die guelfischen Städte Toskanas berannten Caprona, eine Burg der Pisaner; die Besatzung ergab sich, und als man sie durchs Lager führte, schrieen die Truppen: hängt sie! hängt sie! Doch blieb es bei den Worten.

V. 106 ff. lehrt uns, daß das Erdbeben beim Tode Christi, welches den Bergsturz im siebenten Höllenkreise verursachte (Ges. 12, V. 31 ff.), auch einige Brücken von Malebolge niederwarf. Dies ist, wie der Teufel angibt, "gestern vor 1266 Jahren, und zwar fünf Stunden später, als es jetzt ist", geschehen. Christi Tod fällt nach der Annahme der Kirchenväter auf den 25. März des Jahres 34 in die neunte Stunde oder vor drei Uhr nachmittags. Es ist demnach in dem Augenblicke, von dem das Gedicht redet, vor zehn Uhr vormittags am 26. März 1300.

Der groteske Schluß des Gesanges deutet darauf hin, daß, wie sich später zeigt, der Hauptmann der Malepranken den Virgil belogen hat; die andern Teufel bezeugen ihr Einverständnis mit diesem Streiche; dann gibt der Hauptmann das rüpelhafte Trompetensignal zum Abmarsch.

Hölle 22

Anknüpfend an die teuflische Trompete am Schlusse des vorigen Gesanges zählt der Dichter allerlei Arten von Truppenbewegungen, Wettspielen und Schiffsmanövern auf, bei denen Signale gebraucht werden; nie hat er ein solches Signal gehört wie das des unsaubren Geistes.

Die Delphine, von denen V. 19- 21 die Rede ist, gelten, wenn sie auf der Oberfläche des Meeres spielen, für Sturmverkünder, die den Schiffer warnen.

Der erste Verdammte, mit dem die Wandrer reden, wird von den Kommentatoren Ciampolo (so viel wie Johann Paul) genannt, ein ungetreuer Diener König Thibauts II. von Navarra, der den Beinamen des Guten führte und 1270 starb. Mit ihm sitzt im heißen Bade der Mönch Gomita aus Gallura in Sardinien, welcher gehängt wurde, weil er um Geld Gefangene seines Herrn laufen ließ. Der sodann erwähnte Don Michael Zanche war Seneschall des Königs Enzius von Sardinien, eines natürlichen Sohnes Friedrichs II.; was ihm den Platz im Pechbrei verschafft hat, ist nicht bekannt. Er heiratete König Enzios Witwe, die ihm die Herrschaft Logodoro zubrachte. Im Jahre 1275 ermordete ihn sein Eidam Branca Doria aus Genua, dessen Geist wir in dem Höllenkreise Kaïna (Ges. 33, V. 136 ff.) antreffen. Die beiden Sardinier reden selbst in der Hölle von nichts als ihren heimatlichen Interessen, ein Charakterzug, der vielleicht auch auf andere Landsmannschaften passen würde.

Hölle 23

Bedenkend, wie die beiden Teufel, da sie einem andern zu schaden gedachten, sich selbst Ungemach zuzogen, erinnert sich der Dichter der Fabel Äsops, wie der Frosch die Maus beredete, ihren Fuß an den seinen zu binden, und sie dann, ins Wasser tauchend, erstickte. Weil nun die tote Maus an dem Faden oben schwamm, lockte sie einen Weih, der sie und den Frosch herausholte und beide fraß.

Der Ausdruck V. 23 "wär' ich Blei und Glas" bedeutet:, wär' ich ein Spiegel.

In der sechsten Bolge sind die Heuchler, angetan mit bleiernen Kutten von dem Schnitte, wie die Benediktiner von Clugny sie tragen. Einer Sage zufolge hätte Kaiser Friedrich II. die überführten Verräter in bleierne Röcke stecken und so ins Feuer werfen lassen: darauf spielt Dante an. So schwer ist das Gewicht des Bleies, daß "die Wage", das heißt der Träger des Gewichts, unter der Last ächzt.

Zwei der Heuchler sind Mitglieder des Ordens der "lustigen Brüder", frati godenti, der unter Urban IV. in Bologna gegründet ward. Diese Brüder legten kein Gelübde ab, blieben in der Welt, verpflichteten sich aber, fromm zu leben, nur für die Kirche das Schwert zu ziehen, kein Amt zu bekleiden außer zur Friedensstiftung. Wahrscheinlich war der Name ursprünglich als Spott gemeint. Solche "ledige", das heißt den Parteiungen fremde Männer, wurden gern zu Schiedsrichtern berufen. Als solche wurden die beiden hier genannten von den Florentinern, um die Zeit der Geburt Dantes, als nach König Manfreds Tode die Herrschaft der Ghibellinen zur Neige ging, in Eid genommen. Man machte sie sogar zu Podestàs, sie sollen aber unter dem Deckmantel der Frömmigkeit ihren eigenen Vorteil gesucht haben. Jedenfalls verhinderten sie nicht den Aufruhr, der 1267 zur Vertreibung der Ghibellinen führte. Bei der Gelegenheit zerstörte das Volk im Stadtviertel Gardingo die Häuser der Uberti, der vornehmsten Ghibellinen, und noch um 1300 waren die Plätze nicht wieder bebaut.

Die Pharisäer und die Mitglieder des Hohen Rates, die den Tod Christi herbeiführten, namentlich der Hohepriester Kaïphas und dessen Schwäher Hannas (vergl. Ev. Johannis 10, V. 47 ff.) liegen in der Bolge gekreuzigt am Boden, und ewig wandeln die anderen bleischweren Heuchler über sie hinweg.

Hölle 24

So schnell wie im Februar (Italiens) der Reif, "der Bruder des Schnees", von den Wiesen, wo er den Anblick einer beschneiten Fläche hervorrief, wieder verschwindet, so schnell verliert sich des Dichters Besorgnis, als er mit Virgil die sechste Bolge verläßt. Bei dem Aufklettern aus der Tiefe kömmt es ihm zu statten, daß der ganze achte Kreis, Malebolge, eine schiefe Ebene bildet, die gleichmäßig nach der Mitte, wo es zur tiefsten Hölle geht, abfällt und daß daher in jeder der zehn Bolgen das innere Ufer niedriger als das äußere ist.

Die siebente Bolge ist voll furchtbarer Schlangen; die aufgezählten Namen afrikanischer Schlangen sind meistens der Pharsalia des Lucan entlehnt, als Chelydri (Wassernattern), Cenchris (Fleckenottern), Jaculi (Lanzennattern), Pharëen (Brillenschlangen), Amphisbaenae (Ring]er). Vor ihnen schützt dort weder Schlupfloch noch der unsichtbar machende Stein Heliotrop. Es ist die Bolge der Diebe. Dante wundert sich, unter diesen den Vanni Fucci aus Pistoja zu treffen; denn dieser Bastard (er nennt sich selbst "Maultier"), ein wütiger Parteigänger der "Schwarzen", hatte wohl manchen Mord auf der Seele. Er ist aber zu den Dieben verwiesen worden, weil er aus dem Dome zu Pistoja das Altargerät gestohlen, es im Hause eines Unschuldigen versteckt und dann diesen angegeben und an den Galgen geliefert hatte.

Um den zur Partei der "Weißen" sich haltenden Dante zu betrüben, weissagt Vanni Fucci ihm den nahen Niedergang derselben. Um 1300 behaupteten sich die Weißen nicht nur in Florenz, sondern hatten auch in Pistoja die Schwarzen unterdrückt. Aber schon 1301 wurden sie aus Florenz vertrieben und bald darauf in Pistoja von den florentinischen Gegnern, welche mit Lucca im Bunde und vom Markgrafen Malaspina geführt waren, gestürzt. Aus dem Tale von Magra, sagt Fucci, werde dies Unwetter gegen die Weißen heranziehen: dort nämlich lagen des Markgrafen Besitzungen. Wegen der von Vanni Fucci erwähnten Schlacht auf dem Felde von Piceno ist man im unklaren; vermutlich ist eine Niederlage der Ghibellinen im Jahre 1302 gemeint.

Hölle 25

Am Schlusse seiner Worte macht Vanni Fucci in der Richtung nach dem Himmel mit beiden Händen jenes alte Zeichen der Verhöhnung, welches man "die Feige stechen" nennt. Die Faust wird dem Verhöhnten entgegengestreckt, so daß der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger vorschaut. Darob befreundet sich der Dichter mit den Schlangen, weil sie den Gotteslästerer anfallen und hindern, Hände und Mund zu gebrauchen. Dieser Frevler erscheint ärger als Capaneus, den wir im siebenten Höllenkreise als Verächter Jupiters lästern hörten.

Unter den Dieben erscheint der (in der Äneïs als semihomo) von Dante als Centaur dargestellte Cacus, der weiland unter dem Aventin seine Höhle hatte, ein flammenspeiender Räuber, Sohn des Vulkan. Herkules, dessen Rinder er gestohlen hatte, tötete ihn, vor dem zehnten Keulenschlage, meint Dante. Bei der Beschreibung des Unholdes wird wieder au[ den Schlangenreichtum der Maremma, der sumpfigen Wildnis im Südwesten Toskanas, angespielt. Als Dieb ist er nicht bei den Centauren im siebenten Kreise.

Der Rest des Gesanges ist fünf edlen Florentinern, lauter Dieben, gewidmet. Beide Parteien, die Weißen wie die Schwarzen, finden sich vertreten. Cianfa Donati, derjenige, der seinen Genossen abhanden gekommen ist, hat sich in ein Reptil verwandelt und verschmilzt dann mit Agnello Brunelleschi zu einem einzigen Ungetüm. Buoso Abati vertauscht seinen Menschenleib mit dem einer Schlange, in der Guercio Cavaleanti steckt, wie der Schlußvers anzeigt; denn Guercio ward in Gaville ermordet und der Ort dafür von den Verwandten gezüchtigt. - Der vierte, Puccio Sciancato, bleibt unverwandelt; Dante erkennt ihn, was beweist, daß er, hier von verstorbenen Zeitgenossen redet.

Die Schilderung der unheimlichen Umgestaltungen, die sich an diesen Sündern vollziehen, vergleicht der Dichter mit dem, was Lucans Pharsalia von den römischen Kriegern Sabellus und Nassidius berichtet, wie sie auf geheimnisvolle Art durch Eidechsen- und Schlangenbiß umkommen, und mit Ovids Metamorphosen, namentlich mit der Verwandlung des Cadmus in eine Schlange. Aber er betont, daß bei Ovid das Wunder nur die Hälfte des hier gesehenen ausmache, eine einfache Verwandlung, während hier zwei Geschöpfe ihre Form vertauschen.

Hölle 26

Anknüpfend an die fünf Florentiner Verdammten, weissagt der Dichter, von einem wahrheitverkündenden Morgentraume erleuchtet, seiner Vaterstadt nahes Unheil, wie die kindlichen Nachbarstädte, Prato usw., es ihr wünschen. Die Wanderer steigen von der Einfassung der siebenten Bolge, auf die sie sich von der Brücke hinabbegeben hatten (Ges. 24, V. 72 ff.), wieder auf den Dammweg, der rauher und abschüssiger wird, je mehr er sich der Mitte des Kreises nähert, so daß sie beim Klettern die Hände zu Hilfe nehmen müssen. Sie kommen an die achte Bolge der schlimmen Ratgeber, deren Schicksal dem Dichter eine Mahnung ist, seinen Witz (sein Ingenium) in strenger Zucht zu halten, damit diese Gabe der Sterne, wenn nicht direkt Gottes, ihm nicht zum Schaden ausschlage.

Hier sind die Geister in Flammen gehüllt. Eine derselben spaltet sich in zwei Spitzen, wie das Feuer tat, das die Leichen der feindlichen Brüder Eteokles und Polynices verzehrte. In dieser Flamme wohnen vereint Ulisses und Diomedes, wie sie im Leben vereint Trojas Verderben suchten. Wieder ist es ein Frevel gegen Roms Ahnherrn, der hier gestraft wird. Sie legten die Bresche in die Mauern Trojas, durch welche Äneas, "Roms edler Same", auszog; sie raubten das Palladium der Stadt; Ulisses entführte der Deïdamia ihren jungen Gatten Achill, ohne dessen Hilfe sie nicht fallen konnte.

Die Erzählung, die Dante dem Ulisses in den Mund legt, ist entweder von ihm erfunden oder aus uns verlorener Quelle geschöpft. Sie hat mit Homer nur die Circe gemein, deren Insel an die Küste verlegt wird, wo Virgils Aneas seine Amme Cajeta bestattete, den Ort (jetzt Gaëa) nach ihr benennend. Dante läßt den Ulisses eine Fahrt nach der westlichen Halbkugel unternehmen, nach der "menschenlosen Welt", denn man dachte sie sich ganz von Meer bedeckt. Das Schiff fährt fünf Monate in südwestlicher Richtung, bis es an den verhängnisvollen Berg gelangt. Daß mit diesem Berge der Berg des Fegefeuers gemeint sei, erhellt daraus, daß außer diesem nach Dantes Annahme kein Land auf der westlichen Halbkugel liegt. Das Fegefeuer liegt nach Dante am anderen Ende des von Jerusalem durch den Mittelpunkt der Erde gehenden Diameters.

Hölle 27

Eine zweite Flamme redet die Wandrer an. Anfangs gleicht ihr unartikulierter Ton dem Gebrüll, welches aus dem ehernen Stier des Tyrannen von Agrigent, Phalaris, erscholl, wenn ein Mensch in den glühenden Bauch verschlossen wurde, ein Schicksal, dem bekanntlich der Anfertiger des Erzbildes als erstes Opfer verfiel. Der Geist dieser Flamme hat gehört, wie der Mantuaner Virgil lombardisch sprach, als er die beiden Griechen verabschiedete. (In der Übersetzung kann der Dialekt natürlich nur als Abweichung von der Schriftsprache ganz allgemein angedeutet werden, während im Urtext wirklich lombardische Worte Virgils zitiert werden.) Der Geist ist ein Romagnole, und seine Frage veranlaßt den Dichter, über den Zustand der Romagna sich zu äußern.

Seit Dantes Geburt war die Geschichte dieses Landes eine fast ununterbrochene Kette von Fehden und Umwälzungen gewesen; Parteiung in den Städten und Ehrgeiz der Adelsgeschlechter führte zu stets neuen Bündeleien und Kriegen. Um 1299 kam eine Art Landfrieden zu stande; damals war Krieg nur in den Gemütern, wie Dante sagt. Während der gedachten Wirren hatten die Polentas von Ravenna (die Familie der unglücklichen Francesca von Rimini) ihre Macht ausgebreitet (Wappen ein Adler); die Stadt Forli, wo 1282 der berühmte Ghibelline Graf Guido von Montefeltro ein Heer von Franzosen und Guelfen gründlich geschlagen hatte, war unter die Herrschaft der Familie Ordelaffi (Wappen ein grüner Löwe) geraten; die Malatestas vom Schlosse Verrucchio, in welche Familie Francesca Polenta zu ihrem Unheil heiratete, hatten sich in Rimini behauptet, ein böses Tyrannengeschlecht, hier vertreten durch den Schwäher Francescas, "die alte Dogge", und dessen einäugigen Sohn Malatestino, welcher seinen gefangenen Gegner Montagna Percitati, als der alte Malatesta immer wieder nach dessen Befinden fragte, im Kerker umbringen ließ. In Imola am Santerno und in Faenza am Lamone hatte die Familie Pagani (Wappen ein roter Löwe in weißem Felde) sich festgesetzt, die abwechselnd zu den Guelfen und den Ghibellinen sich hielt; in Cesena am Flusse Savio endlich war beständiger Wechsel der Herrschaft, bald derer von Montefeltro, bald der Malatestas, so daß weder die Macht eines Einzigen noch die Bürgerfreiheit wurzeln konnte.

Der Geist in der Flamme ist kein anderer als eben jener Graf Guido von Montefeltro, der größeste unter den ghibellinischen Kriegsmännern in Dantes Jugendzeit. Bis 1284 hatte er in der Romagna den Guelfen und dem römischen Hofe die Spitze geboten, dann sich mit der Kirche versöhnt und nach Piemont zurückgezogen. Um 1288 berief Pisa ihn als Regenten, und bis 1293 diente er der Stadt mit Erfolg, unbekümmert um den Bann, den der Papst deshalb über ihn verhängte. Im Jahre 1294 abermals mit Rom versöhnt, kehrte er nach der Romagna zurück, trat aber bald, der Welthändel müde, in den Franziskanerorden und starb 1298 in Ancona.

Die ergreifende Erzählung, wie er sein Seelenheil verlor, gründet sich auf folgende Begebenheit. Dantes Erzfeind Papst Bonifacius VIII. veranstaltete um 1297 einen Kreuzzug, nicht etwa gegen Ungläubige, nicht gegen die Besieger von Acre (das 1290 den Christen verloren ging), sondern gegen Römer, gegen die Familie Colonna, deren Burg Pellestrino aber sich unbezwinglich erwies. Ähnlich wie Kaiser Konstantin den Papst Silvester, der Sage nach, berief, um des Aussatzes los zu werden, ließ Bonifaz den kriegskundigen Guido aus dem Kloster holen und gebot ihm bei der Pflicht des Gehorsams, von allen etwaigen Sünden im voraus ihn lossprechend, anzugeben, wie man der Feste beikommen möge. Guido sträubte sich, aber zuletzt, nachdem er die Absolution erhalten hatte, riet er dem Papste, weil die Burg nur mit List zu gewinnen sei, "viel zu versprechen, wenig zu halten". Bonifaz folgte dem Rate und bewog durch weitgehende Zusagen die Colonnas zur Übergabe der Burg, hielt aber sein Wort so wenig, daß die betrogenen Gegner es vorzogen, ihrer Sicherheit wegen zu flüchten.

Man wird bemerken, daß in Dantes Erzählung wieder ein Hieb auf den Papst Cölestin V., der die Schlüssel Petri freiwillig niederlegte, abfällt.

Der Teufel, welcher trotz der päpstlichen Absolution die Seele Guidos holt, ist ein schwarzer Cherub. Im "Paradiese" werden wir sehen, daß die Cherubim den achten Rang der neun himmlischen Heerscharen (von unten gezählt) einnehmen, den zweithöchsten also. Dem entspricht es, daß im achten Kreise der Unterwelt schwarze Cherubim walten.

Am Schlusse des Gesanges wenden sich die Wanderer zur neunten Bolge, in die Minos diejenigen verweist, "die spaltend ihre Last vermehren". Der dunkle Ausdruck des Urtextes, "che scommettendo acquistan carco" enthält einen Wortwitz, den die Übersetzung nicht recht wiedergeben kann. Während eine Last gewöhnlich durch Zusammenbringen entsteht, bereiten die Sünder der neunten Bolge sich eine Last (nämlich von Schuld) durch Auseinanderbringen (scommettendo), durch Zwietrachtstiften.

Hölle 28

Die Blutszenen der neunten Bolge gemahnen den Dichter an die Schlachtfelder Apuliens, zumal an Cannä, wo so viele römische Ritter fielen, daß ihre silbernen Ringe einen Scheffel füllten, und an die Kämpfe der Apulier gegen den Normannen Robert Guiscard, an Manfreds Niederlage, die Dante ungenau nach Ceperano verlegt, und an Karl von Anjous Sieg über Konradin bei Tagliacozzo. Den letztgedachten Sieg soll der französische Ritter Alard de Vallery herbeigeführt haben durch den Rat, die Ritter Karls sollten im Hinterhalt warten, bis die Deutschen sich beim Plündern zerstreuten, und erst dann einhauen.

Es sind zunächst Schismatiker und Stifter großer Religionsparteien, welche in der neunten Bolge erscheinen, neben den mohammedanischen auch ein Spezimen der christlichen Sektierer, die schon im 13. Jahrhundert in Italien sich regten und Rom gegenüber auf die Einfachheit der apostolischen Zeit pochten. Fra Dolcino, über den Dante dem Mohammed Worte in den Mund legt, lebte noch um 1300; er war vor der Inquisition in die Berge von Novara geflohen und führte dort, vom Hunger genötigt, mit seinen Anhängern eine Art von Räuberleben. Sieben Jahre lang erwehrte er sich aller Angriffe der umwohnenden Machthaber, bis er im Winter 1306/1307, von Schneemassen blockiert und aller Lebensmittel beraubt, sich den Novaresen ergab. Er ward zu Vercelli mit greulichen Martern hingerichtet, standhaft bis zuletzt.

Der Herr von Medicina (einem Städtchen unweit Bologna), welcher dann erscheint, soll aus Eigennutz Unfrieden zwischen den Malatesta und den Polenta genährt haben. Er war Dantes Zeitgenosse. Die Prophezeiung, die ihm in den Mund gelegt wird, erfüllte sich einige Jahre später. Malatestino, der einäugige Tyrann von Rimini, "der Sohn der alten Dogge", von dem schon im vorigen Gesange die Rede war, lud zwei angesehene Edelleute von Fano nach Cattolico zur Unterredung; die bestochenen Schiffer aber warfen beide in Säcke eingeschnürt über Bord. Rimini wird bezeichnet als eine Stadt, welche je gesehen zu haben einer der Insassen der Bolge noch täglich verwünsche. Bei Rimini (Ariminium) überschritt Cäsar den Rubicon; Curio, der aus Rom vertriebene Tribun, stachelte den Zaudernden an (so erzählt Lucan in der Pharsalia) mit den Worten: Tolle moras, semper nocuit differe paratis. (Zaudere nicht; dem Gerüsteten war stets schädlich das Warten.) Diese Worte, die den Bürgerkrieg entschieden, büßt Curio in der Hölle, und deshalb wünscht er Rimini nie gesehen zu haben.

Auch jenen Mosca, nach dem er im 6. Gesange, V. 80 den Ciacco fragte, trifft Dante hier. Mosca spielte eine Rolle bei einer Tat, deren unheilvolle Folgen Dante wiederholt beklagt. Im Anfange des 13. Jahrhunderts hatte Buondelmonte sich mit einer Amidei verlobt, dann aber eine Donati geheiratet. Die Amidei erschlugen den Jünglinge auf der Straße. Mosca halte sie angetrieben; gegen ihr Zögern sagte er: "cosa fatta, capo ha, ist's getan, so ist es aus." Aber endloser Familien- und Parteihader in Florenz und Toskana knüpfte sich an die blutige Tat. Mosca gehörte zu der Familie der Lamberti, die wahrscheinlich schon untergegangen war, als Dante sein Gedicht schrieb.

Mit Fug befindet sich unter den Zwietrachtstiftern auch Bertrand de Born, Herr von Hautefort, der bekannte normannische Sänger, der Prinz Heinrich von England gegen seinen Vater zur Empörung anstachelte und zugleich den König so zu bezaubern wußte, daß dieser ihn völlig begnadigte. Er trägt zur Strafe seinen Kopf in der Hand, so daß das Gehirn von seinem Quell oder Ursprunge (dal suo principio), dem Rückenmark, getrennt ist. Er vergleicht sich selbst mit Ahitophel, der Absalons Empörung gegen David begünstigte, wie im zweiten Buche Samuelis Kap. 15 ff. erzählt wird.

Hölle 29

Virgil gibt den Umfang der neunten Bolge, auf die nur noch eine kleinere folgt, zu zweiundzwanzig ital. Meilen an, wofür ich, da wir nach geopraphischen Meilen rechnen, fünf Meilen gesetzt habe (1 geogr. M. = 4,408 Miglien). Der Gesang beginnt mit ein Uhr nachmittags oder etwas später, da angegeben wird, daß der Mond, der am Tage vorher voll gewesen war, "unter den Füßen" der Wanderer, also im Zenith bei den Antipoden, gestanden habe, was am Tage nach Vollmond die genannte Stunde ergeben würde. Es ist indes schon bemerkt worden, daß in Betreff des Mondes und der sonstigen Data des Gedichts Widersprüche obwalten. Der Tag, der 26. März, stimmt nicht mit der angenommenen Mondphase.

Unter den Verdammten hat Dante einen Oheim seiner Mutter, Geri del Bello, entdeckt, von dem die alten Kommentatoren allerlei Übles, sogar Falschmünzerei, berichten. Er wurde aus Florenz verbannt und von einem Manne, dessen Vetter er umgebracht hatte, ermordet. Wie man aus dem Zusammenhange sieht, hatte Bellos Familie den Tod des Verwandten ungerochen gelassen, was Dante als eine Art Unrecht empfindet. Dreißig Jahre nach Bellos Ermordung soll sein Sohn die Rache doch noch vollzogen haben.

In der zehnten Bolge, "dem letzten Klostergange" des achten Kreises, herrscht mehr Jammer und Entsetzen, als in den größesten Spitälern, wenn man sie alle vereinigte, selbst in der heißen Fieberzeit herrschen würde. Die Spitäler des sumpfigen Valdichiana, der wüsten Maremma und der ungesunden Insel Sardinien werden als Stätten besonders furchtbaren Elends angeführt. Beim Anblick der Bolge erinnert sich der Dichter der von Ovid beschriebenen Pest, die zur Zeit des Königs Äacus in Agina erst die Tiere, dann die Menschen hinraffte, bis die Insel fast ausgestorben war. Jupiter verwandelte hernach Ameisen (myrmex) in Menschen, die davon Myrmidonen genannt wurden.

Die zehnte Bolge straft die Fälscher. Griffolino von Arezzo hatte sich gegen Albert von Siena gerühmt, fliegen zu können, und unter dem Vorwande, ihn die Kunst zu lehren, den Gimpel ausgebeutet. Albert aber gab ihn schließlich als Hexenmeister bei seinem Pflegevater, dem Bischof von Siena, an, der den Griffolino verbrennen ließ. In der achten Hölle ist er jedoch nicht wegen dieser Gaukelei, sondern wegen Goldfälscherei.

Die Erwähnung Sienas veranlaßt einen kleinen Exkurs über den Charakter der Sienesen, welche schlimmer, windiger seien als die Franzosen, "die Erfinder aller eitlen und verderblichen Moden", wie Boccaccio zu dieser Stelle anmerkt. Von der frivolen Üppigkeit und Verschwendung, der reichen Sienesen waren allerlei Geschichten im Umlauf, auf die Dante anspielt. Es gab eine Gesellschaft von zwölf jungen Herren, die in einem Jahre sich mit Gastereien und Festen ruinierten; ein gewisser Niccolo Bonsignori ließ Fasanen und Kapaunen auf einem Feuer von Gewürznelken braten. Der mit letzterem genannte Stricca ist nicht weiter bekannt, doch zeigt der Zusammenhang, daß es ironisch gemeint ist, wenn er von dem Tadel des Leichtsinns ausgenommen wird.

Die Bemerkungen über Siena legt Dante einem florentinischen Bekannten in den Mund, einem gewissen Capocchio, der die Sienesen zu hassen besonderen Grund hatte; denn sie verbrannten ihn wegen betrügerischer Alchimie. Er soll ein Tausendkünstler gewesen sein, der es namentlich verstand, die Natur täuschend zu kopieren.

Hölle 30

Um sich für Jupiters Untreue zu rächen, machte Juno, nicht zufrieden, Semele zerstört zu haben, deren Schwester Ino samt dem Gemahl Athamas wahnsinnig. Athamas hielt seine Gattin für eine Löwin, riß ihr den einen ihrer Zwillinge Learchus vom Arme und schleuderte ihn gegen einen Felsen. Ino sprang mit dem anderen Sohne ins Meer, wo beide in Seegötter verwandelt wurden. Hekuba, dem Jammer über den Tod ihrer letzten Kinder erliegend, ward zur wütenden Hündin. Mit dem Toben dieser mythischen Personen vergleicht Dante die Raserei, welche in der höllischen Pestgrube herrscht. Einige der Schalten stürmen beständig wie im wildesten Fieberwahnsinn durch den Raum und fallen die übrigen mit Zähnen und Fäusten an. Einer von diesen ist Gianni Schischi von den Cavalcanti, der bei einem vielberufenen Verbrechen Helfer war. Buoso Donati, derselbe, der im 25. Gesange, V. 140 unter den florentinischen Dieben vorkömmt, war von seinem nach der Erbschaft begierigen Neffen ermordet worden; Schicchi legte sich ins Bett des Toten und diktierte, dessen Stimme nachahmend, dem herbeigerufenen Notar ein Testament, das den Mörder zum Erben einsetzte, ihm selbst eine kostbare Stute und andere Schätze vermachte.

Der andere wütige Schatte ist Myrrha, die ihren Vater König Cinyras von Paphos frevelhaft liebte und mit ihm den Adonis erzeugte. Weil sie den Vater durch erborgte Gestalt täuschte, ist sie unter die Fälscher versetzt.

Der Sünder, dessen geschwollener Leib und hagerer Kopf an die Form einer Laute erinnern, ist Meister Adam von Brescia, welcher zu Romena, unweit der Quellen des Arno, florentinische Goldmünzen (mit dem Bilde Johannes des Täufers) nachmachte. Die Söhne jenes Grafen Guido, des Enkels der guten Frau Waldrada, dem wir im 16. Gesange begegnet sind, Alexander, Guido und Aghinolfo, waren die Mitschuldigen Meister Adams. Sich an ihnen zu rächen, sagt er, wäre ihm mehr wert als der schöne Brunnen von Siena, Fonte Branda oder Blanda. Die Goldgulden von Florenz oder Zechinen hielten 1/3 Unze feines Gold ohne allen Zusatz; Meister Adam setzte drei Kanal, das heißt ein Achtel des Gewichts, Kupfer zu. Der Frevel erschien einem Florentiner wie Dante umso ärger, als seine Vaterstadt auf die Redlichkeit ihrer Münze stolz und eifersüchtig den guten Ruf ihres Geldes zu wahren bemüht war. Der Falschmünzer erlitt zu Danzes Lebzeiten den Feuertod.

Die Maße der zehnten Bolge werden im Urtext auf elf Miglien Umfang und eine halbe Miglie Breite angegeben. Das wären, die Meile zu 4,4 Miglien und die Miglie zu 5400 Fuß gerechnet, zwei und eine halbe geographische Meile Umfang und 2700 Fuß oder 1550 Ellen Breite. In der Übersetzung mußten die Ziffern versgerechter gemacht, das heißt abgerundet werden.

Meister Adam gerät in Zank mit seinem Leidensgenossen Sinon, jenem griechischen Überläufer, der die Trojaner beredete, das hölzerne Pferd in ihre Stadt zu lühren. Zu dem Gezänk der beiden ist nur zu bemerken, daß Sinon dem Falschmünzer so viel Sünden als fabrizierte Gulden anrechnet und ihn dadurch an die Spitze aller Verdammten befördert; ferner, daß die Redensart "den Spiegel des Narzissus lecken" eine gezierte Umschreibung für Wasser vom Erdboden trinken ist, weil solches Wasser dem Narzissus als Spiegel diente.

Dadurch, daß Dante dem Streite begierig zuhört, zieht er sich Virgils Tadel zu, und er gewinnt danach, ohne es zu wissen, nämlich durch die Zeichen der Beschämung, dessen Verzeihung.

Hölle 31

Im 18. Gesange wurde beschrieben, wie Malebolge, der achte Kreis, nach der Mitte sich abdacht und in der Mitte ein Schacht sich öffnet. Am Rande dieses Schachtes, dessen Boden der neunte und letzte Kreis einnimmt, stehen jetzt die Wanderer. Rings um den Schacht stehen als Wächter Giganten, mit den Füßen drinnen, mit halbem Leibe über den Rand ragend, wie um Schloß Montereggione bei Siena die Türme in gleichen Abständen ragen. Etwa 27 Fuß tief fällt die Felswand des Schachtes ab, und die Riesen sind ungefähr 54 Fuß hoch. Das Gesicht des ersten, sagt Dante, war so lang wie der Pinienzapfen, der von Hadrians Grab nach der (alten) Peterskirche geschafft worden war, und die übrigen Glieder waren im Verhältnis. Dieser Zapfen maß 6 Fuß; vom Nabel bis an den Hals, wo man den Mantel befestigt, waren zehn italienische Ellen (18 Pariser Fuß), für den Hals sind 3 Fuß zu rechnen. Dies ergibt 27 Fuß vom Nabel bis zum Scheitel; für die untere Hälfte, der die Felswand als Schurzfell dient, ist ebensoviel zu rechnen. Mit Recht wird daher gesagt, daß drei Friesen, hochgewachsene Männer, einer auf dem anderen stehend, nicht an das Haupthaar des Giganten gereicht hätten. Daß der Kopf ein Neuntel der Körperlänge ausmache, ist auch sonst als Regel aufgestellt worden.

Der erste dieser Riesen, Nimrod, redet in einer Sprache, die, wie Virgil bezeugt, andere Menschen nicht mehr verstehen. Man hat gleichwohl sich gequält, die unverständlichen Worte aus dem Arabischen oder auch als Anagramm zu deuten. Sollte Dante nicht geflissentlich dem Urheber der babylonischen Verwirrung den Fluch der Unverständlichkeit auf die Zunge gelegt haben?

Der zweite Riese, Fialtes (Ephialtes bei den Griechen), ist der Gigant, der mit seinem Bruder Otos den Pelion auf den Ossa türmte, um den Olymp zu erstürmen.

Antäus, der dritte, hauste in Nordafrika, unweit Zanna, wo Scipio den Hannibal schlug. Virgil besänftigt ihn mit Schmeichelworten: hätte Antäus in der Gigantenschlacht mitgekämpft, Jupiter wäre vielleicht unterlegen! und er deutet ihm an, daß Dante der Mann sei, in der Oberwelt seinen Namen zu verherrlichen. "Der kann dir geben, was man hier begehrt," nämlich gute Nachrede auf Erden, wonach die Verdammten aller Höllenkreise, mit Ausnahme des letzten, sich sehr begierig zeigen.

Antäus setzt die beiden Wanderer auf den Boden des untersten Kreises nieder. Indem er sich bückt, sieht er aus wie ein Turm, der sich neigt. Den Eindruck eines sich neigenden Turms hat man, wie Dante anführt, vor dem schiefen Turm Carisenda in Bologna, wenn man lange hinaufblickt, während die Wolken gegen die Seite, auf welcher der Bau überhängt, ziehen. Dann scheint die Wolke festzustehen, der Turm sich zu bücken.

Hölle 32

Der neunte Kreis bildet eine steil nach der Mitte abfallende, trichterförmige Fläche (V. 16), deren tiefster Punkt das Zentrum der Erde und, nach dem Ptolemäischen System, des Weltalls ist. Er teilt sich in vier Gebiete, die Kaïna (nach dem Brudermörder), Antenora (nach dem Vaterlandsverräter Antenor von Troja), Ptolemäa (nach dem Ptolemäus des Makkabäerbuchs, welcher die Gastfreundschaft durch Meuchelmord entweihte), und Judecca (nach Judas Ischariot) heißen. Eine Strafe beherrscht alle, ewiger Frost, der sich aber steigert, je näher man dem Zentrum kömmt, wo den drei Erzverrätern wider Gott und Cäsar eine besondere Pein vorbehalten ist.

Das Eis des Cocytus, der wie ein gefrorener See den ganzen Raum ausfüllt, ist so dick, daß es nicht einmal krachen würde, wenn der Berg Tabernick (in Slavonien) oder der Pietrapana (im Lucchesischen) hinauffiele. Die namhaft gemachten Verdammten in Kaïna sind:

1. Zwei Grafen aus dem Hause der Alberti von Mangona, das im oberen Tale des Bisenzio ansässig war. Sie sollen sich gegenseitig umgebracht haben. "Verräterischer Meuchelmord saß diesem Hause im Blute," sagt ein alter Kommentator.

2. König Arturs Bastard Mordrec, der sich wider den Vater empörte. In der Schlacht durchbohrte Arturs Lanze ihm "Brust und Schatten"; denn die Sonne schien durch die Wunde. Sterbend versetzte Mordrec dem Vater einen tödlichen Hieb.

3. Focaccia Cancellieri von Pistoja, ein Anhänger der "Weißen", der aus Rache seinen zu den "Schwarzen" haltenden Verwandten Detto Cancellieri ermordete.

4. Sassol Mascheroni aus Florenz, der seinen Neffen, um ihn zu beerben, ermordete. Man köpfte ihn, nachdem man ihn an ein Faß genagelt und so zum Richtplatze geschafft hatte.

5. Camicione de' Pazzi aus dem Val d' Arno, der seinen Verwandten Ubertino tötete. Er wartet in der Hölle auf die Ankunft seines Vetters Carlino de' Pazzi, gegen den er harmlos erscheinen wird. Dieser Carlino verriet 1502 eine ihm von den ghibellinischen Pistojern anvertraute Burg den Florentinern und lieferte damit Partei- und Blutsfreunde an die Schlachtbank.

In der zweiten Abteilung Antenora stößt Dante auf einen, der sich nicht nennen will, wie denn überhaupt die Verräter nicht wie die anderen Höllenbewohner den Wunsch hegen, im Gedächtnis der Menschen fortzuleben, und statt dessen sich begierig zeigen, von ihren Leidensgefährten Schlechtes zu sagen. Zum 10. Gesange ist schon von der Niederlage die Rede gewesen, welche die Sienesen und die aus Florenz vertriebenen Ghibellinen am Flusse Arbia den Florentinern beibrachten. Diese Niederlage heißt hier die Schlacht bei Montaperti. Bocca degli Abati diente im florentinischen Heere, war aber im geheimen Einverständnisse mit den Ghibellinen. Er hieb dem Fahnenträger der Stadt plötzlich die Hand ab, so daß die Fahne sank und die ohnehin überrumpelte Schar vollends in Verwirrung geriet. Dante hat als Knabe die Geschichte erzählen hören; nun er vernimmt, daß hier einer wegen Montaperti Pein leidet, will er sich vergewissern, ob die Sage recht hatte, und er weiß genug, sobald Boccas Name ihm verraten wird.

Dem ghibellinischen folgt der guelfische Verräter. Buoso von Duera (Dovara) nahm zu Karl von Anjous Zeit Geld von den Franzosen und erleichterte ihnen den Marsch nach Mittelitalien.

Beccaria, Abt von Valombrosa, wurde 1258 als Verschwörer gegen Florenz enthauptet.

Soldanier wird unter die Verräter versetzt, weil er, obwohl aus ghibellinischem Geschlechte, sich an die Spitze der Zünfte stellte und seine eigene Partei zu Grunde richtete.

Ganelon ist der bekannte Verräter aus der Rolandssage.

Tribadello schickte den Bolognesen einen Wachsabdruck des Torschlüssels seiner Vaterstadt Faenza und führte so deren Niederlage herbei. Sein Motiv war Rache.

Wer endlich der Verdammte ist, der einen anderen zerfleischt, wie Tydeus in der Wut des Kampfes den Kopf des Melanippus zerbiß, lehrt der nächste Gesang.

Hölle 33

Pisa war im 13. Jahrhundert eifrig ghibellinisch. Als aber 1284 seine Flotte von den Genuesen zerstört und die Blüte seiner Geschlechter erschlagen oder gefangen war, übertrug die geängstigte Stadt, dem Untergange nah, die Herrschaft dem Grafen Ugolino della Gherardesca, dessen Familie immer an der Spitze der Ghibellinen gestanden, der aber persönlich mit den Guelfen sich gut stand, sogar seine Schwester dem pisanischen Guelfen Giovanni Visconti verheiratet hatte. Um sich zu befestigen, teilte Graf Ugolin die Macht mit dem Neffen Niro Visconti; da er aber merkte, daß dieser seinen Sturz plante, und da die Ghibellinen allmählich sich wieder erhoben, verband er sich im stillen mit den letzteren, in der Absicht, mit ihrer Hilfe die Alleinherrschaft an sich zu reißen. Die Geschlechter Gualandi, Sismondi und Lanfranchi standen mit Erzbischof Roger degli Ubaldini an der Spitze der Ghibellinen; am 30. Juni 1288 wich Nino vor ihnen aus der Stadt, und Ugolin versuchte vergebens, ihnen die Macht streitig zu machen. Nach heftigem Straßenkampfe ward er mit seinen Söhnen Gaddo und Uguccione und seinen Enkeln Brigita und Anselmuccio gefangen genommen und in den Turm der Gualandi am Platze der Anziani gesperrt. Im März 1289 ließen die Sieger trotz des Geschreis der um Erbarmen flehenden Gefangenen den Turm verschließen und den Schlüssel in den Arno werfen. Nach acht Tagen öffnete man den Kerker und begrub die Verhungerten. Selbst den erflehten geistlichen Beistand hatte man ihnen versagt.

Das ist der geschichtliche Kern der Begebenheit, die den Stoff zu Dantes furchtbaren Versen geliefert hat. Der Vorwurf, daß Ugolin Schlösser Pisas den Feinden verraten habe, läßt sich nicht mehr begründen; zwar lieferte er 1285 den Lucchesen zwei Burgen aus, doch ist es möglich, daß es geschah, um einen Angriff auf die fast wehrlose Stadt abzukaufen. Immerhin fällt das Zeugnis Dantes, des Zeitgenossen und Nachbarn, ins Gewicht. Man hat dem Dichter vorgeworfen, daß er Ugolins Söhne fast als unschuldige Kinder darstelle, da doch schon die Enkel Waffen trugen und einige derselben sogar verheiratet waren und Kinder hatten. Vielleicht hat Dante es nicht gewußt oder es nicht wissen wollen. Jedenfalls waren die mit ihm gefangenen Söhne nicht die Väter der beiden verhungerten Enkel und möglicherweise jünger als diese. Der alte Graf, den auch Dante mit zäher Lebenskraft ausstattet, war ein Mann, dem auch als Großvater noch Kinder geboren werden konnten.

In Ugolins Erzählung von dem Traume, der ihn im Kerker erschreckte, ist von dem Hügel die Rede, der so schwelle, "daß Pisas Augen nicht bis Lucca tragen". Damit ist der Monte Giuliano gemeint; ohne ihn würden die beiden Städte, die nur etwa drei Meilen voneinander entfernt liegen, sich gegenseitig sehen können.

Gegen Pisa, wo die schreckliche Tat geschah, ruft Dante die Rache der Nachbarstädte auf, und wenn diese säumen, sollen Capraja und Gorgona, die Inseln vor der Arnomündung, den Fluß verstopfen, damit er "dies neue Theben" (mit Anspielung auf die Greuel, die vom Geschlechte des Cadmus verübt wurden) ersäufe.

In der Ptolemäa, der dritten Abteilung der Verräterhölle, treffen die Wanderer wieder einen Frate godente oder "lustigen Ordensbruder", den Alberigo de' Manfredi. Dieser hatte von einem andern Manfredi während eines Wortwechsels einen Backenstreich empfangen, den er, obwohl der Beleidigen um Vergebung bat, blutig zu rächen beschloß. Verzeihung heuchelnd lud er den Vetter und dessen Söhnlein zu Tisch; auf das Stichwort "bringt das Obst" kamen zwei andere Manfredi und ermordeten beide Gäste. Daher nannte man meuchlerische Streiche "Obst des Fra Alberigo". Dies geschah 1285 zu Faenza. Um 1300 lebte Alberigo noch, und der Dichter stellt sich deshalb verwundert, ihn schon dort unten zu finden. Aber für die Ptolemäa gilt das besondere Gesetz, daß die Seele des ihr verfallenen Sünders sofort nach der Missetat, während der Körper noch fortlebt, zur Hölle fährt. So ist es möglich, daß Branca d' Oria (aus der berühmten genuesischen Familie), der seinen Schwiegervater Michael Zanche (vergl. Ges. 22, V. 88) mit Hilfe eines Neffen bei Tische ermordete, schon im Jahre 1300 in der Hölle sitzt, obgleich er 1311 noch lebte. Er kam zugleich mit dem Ermordeten in der Unterwelt an, sogar noch etwas früher, als ob die Teufel Verräter schneller beförderten als andere Sünder. Es wird erzählt, die Dorias hätten wegen dieser Stelle den Dichter, als er 1311 zu Kaiser Heinrich VII. nach Genua kam, übel behandelt; doch ist dies wenig glaublich. Die Hölle ist wahrscheinlich erst nach 1311 veröffentlicht worden.

Den Alberigo bewegt Dante durch das Versprechen, ihm das Eis von den Augen nehmen zu wollen, zur Erzählung seiner Missetat; er fügt die Beteuerung hinzu: "ich will ins tiefste Eis hinabfahren, wenn ich dir nicht helfe." Diese Worte enthalten einen Doppelsinn, der den Sünder täuscht. Während er in ihnen eine Bekräftigung des Versprechens erblickt, denkt Dante an das Ende seines Wegs, der ihn wirklich ins tiefste Eis führen soll, an den untersten Punkt der Hölle. Demgemäß betrügt er den Alberigo um den Lohn seines Bekenntnisses, und er rühmt sich dessen, weil es redlich sei, den Verräter mit gleicher Münze zu zahlen.

Wie Pisa wird auch Genua in diesem düstersten aller Höllengesänge gegeißelt, die siegreiche wie die besiegte Stadt. Genua war von Parteihader kaum minder heimgesucht als Florenz selbst.

Hölle 34

Ein alter lateinischer Karfreitagshymnus beginnt mit den Worten, mit denen Virgil seinen Begleiter vor das Angesicht Satans führt: "Vexilla regis prodeunt"; "inferni" setzt Virgil hinzu: "Des Höllenkönigs Fahnen schreiten vor entgegen uns." Des Reimes wegen mußte der Vers, da inferni keinen deutschen Reim bietet, etwas abgeändert werden. Im untersten Höllenraum, Judecca geheißen, sieht Lucifer oder Dis (das ist Pluto), zur Hälfte diesseits, zur Hälfte jenseits des Erdzentrums, die drei Erzverräter, die Frevler an Gott und Cäsar, ewig zermalmend. Lucifers Arm ist ungefähr neunmal so groß wie der ganze Körper eines der Giganten; man hat sich ihn fast fünfhundert Fuß lang und die Gestalt des Höllenfürsten vierzehn- bis fünfzehnhundert Fuß hoch zu denken. Der größere Teil des Körpers steckt jedoch verborgen in der Schlucht, in der er steht; erst von der halben Brust an ragt er über die Umgebung hinaus, immerhin noch vierhundert Fuß. Er müßte weit über den Rand des neunten Höllenkreises, der nur siebenundzwanzig Fuß hoch ist, sich emporheben, wenn nicht anzunehmen wäre, daß der Kreis selbst sich nach der Mitte stark senke. Drei Gesichter hat Lucifer, eins rot, eins weiß-gelb, eins schwarz. Daß dieselben eine allegorische Bedeutung haben, ist wahrscheinlich genug; nach einigen bedeuten sie die drei Weltteile Europa, Asien, Afrika, was wenig einleuchtet; die meisten alten Kommentatoren und viele neuere sind einig daß die Farben auf drei Laster oder infernale Eigenschaften hinweisen, und sie bieten uns eine reiche Auswahl. Haß, Neid, Geiz, Stolz u. s. w. Beachtenswert scheint, daß die älteste Überlieferung sich für "Unwissenheit, Haß und Ohnmacht" entscheidet, was genau den Gegensatz zu den Attributen der göttlichen Dreieinigkeit, Weisheit, Liebe, Macht, bildet; doch wage ich es nicht, die Farben auf jene drei zu verteilen.

Auffallen wird, daß Dante - im Gegensatz zu Plutarch und Shakespeare - den Cassius stark und feist nennt. Er hat vermutlich den in Ciceros dritter catilinarischer Rede als feist bezeichneten Lucius Cassius mit Gajus Cassius verwechselt, Plutarch aber nicht gelesen.

In dem Augenblicke, wo die Wanderer sich anschicken, die Hölle zu verlassen, bricht auf der Oberwelt die Nacht an; es sind also etwa vierundzwanzig Stunden seit dem Beginn der Reise verflossen, von denen zwölf auf die sechs oberen, zwölf auf die drei unteren Kreise kommen.

Lucifers Hüftgelenk, die Mitte des Körpers, befindet sich neben dem Zentrum der Erde; demgemäß wird von diesem Punkte an oben, was bisher unten war, und Dante hatte den Eindruck, daß der den Füßen Lucifers zustrebende Virgil plötzlich statt hinab hinauf klettere, also in die Hölle zurückkehre. Denn natürlich erscheinen die Füße jetzt nicht mehr unter, sondern über den Klimmenden. Die Dummen, meint Dante, würden es ihm wohl glauben, daß er bei dem Anblick verwirrt worden sei, während er bei einigem Nachdenken sich nicht hätte wundern sollen.

Eine weitere Folge des Durchganges durch das Zentrum ist es, daß die Wanderer aus dem Abend plötzlich in den Morgen übertreten. Eben war die Sonne seit mehr als zwei Stunden untergegangen, jetzt ist es mit einmal die dritte Stunde nach Sonnenaufgang. Über zwei Stunden hatte das Klettern von Luzifers Brust bis zu seinen Füßen gewährt.

Die Verse 112 ff. beweisen, daß Jerusalem den Mittelpunkt der Oberfläche derjenigen Hemisphäre bildet, innerIialb welcher die Hölle liegt. In der verlängerten Achse des Höllentrichters fortschreitend, müssen die Wanderer also zu den Antipoden Jerusalems gelangen. Dante hatte hierbei eine Schriftstelle, Hesekiel 5, V. 5, im Auge: "So spricht der Herr: das ist Jerusalem, die ich in die Mitte der Völker (Luther übersetzt: unter die Heiden) gesetzt habe und ringsumher Länder." Zunächst gelangen die Dichter in ein kreisförmiges Gewölbe, dessen Boden dem Umfange der Judecca auf der anderen Seite genau entspricht. Der Ursprung dieser Höhle ist folgender.

Satan stürzte vom Himmel auf die Erde an dem Jerusalem gegenüberliegenden Punkte und fuhr bis ins Zenrum, wo er stecken blieb. Das Land verhüllte sich vor schrecken mit Meer und floh auf die andere Erdhälfte. Die Erde aber, die der Sturz Satans aus dem Innern der Erdkugel verdrängte, entwich nach oben und bildete dort den Berg des Fegefeuers, eine hohle Röhre zurücklassend. Unten also in dieser Höhlung befinden sich jetzt die Dicher, und von dort steigen sie durch den leergebliebenen, von einem Wasserlaufe begleiteten Raum, welcher ebenso lang ist wie die Hölle, "die Gruft Beelzebubs", zur Oberfläche der anderen Hemisphäre hinauf. Dazu scheinen sie zwanzig Stunden oder mehr zu brauchen, denn sie beginnen um neun Uhr etwa zu steigen, und als sie oben ankommen, ist es Nacht; sie sehen die Sterne über sich, und wie der Anfang des "Fegefeuers" zeigt, ist es kurz mr Sonnenaufgang.

Das letzte Wort der "Hölle" ist Sterne. Mit dem nämlichen Worte endet das "Fegefeuer", endet das "Paradies".


Fegefeuer

Fegefeuer 01

Der zweite Teil der Göttlichen Komödie beginnt mit einer Anrufung der Musen, namentlich der epischen, und einer Anspielung auf den Wettkampf, in welchem die Pieriden von den Musen besiegt und in Elstern verwandelt wurden.

Es ist Nacht; "bis zum ersten Kreise", das heißt bis zum Horizonte (nach anderen bis zum ersten oder Mondhimmel) dehnt sich die saphirblaue Luft; am Horizont steht bedeutungsvoll die Venus, der Stern der Liebe, das Zeichen der Fische überglänzend, und nach Süden zu erscheint ein so herrliches Viergestirn, daß unsere nördliche Hemisphäre, weil sie des Anblicks entbehrt, zu beklagen ist. Dieses Sternbild bedeutet, wie aus Gesang 31, V. 104 ff, erhellt, die vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Mäßigung, Stärke, Klugheit; nur das erste Menschenpaar im Stande der Unschuld hat es leuchten sehen, der bewohnten Erde zeigt es sich nicht. Das irdische Paradies nämlich befindet sich auf der Höhe des Berges, an dessen Fuß Virgil und Dante beim Austritt aus der Unterwelt jetzt gelangt sind. In dem Augenblicke, wo sie ankommen, ist der große Bär, der von dieser Stelle (Jerusalem gegenüber auf der südlichen und westlichen Halbkugel) nur tief am Horizont gesehen wird, schon untergegangen. Dante hat sich nicht an die landläufigen Vorstellungen gehalten, die das Fegfeuer in die Unterwelt neben die Hölle verlegten, also weitab von der Stätte des irdischen Paradieses.

Die Wanderer treffen zuerst den Wächter der Zugänge zum Berge des Heils, Cato von Utica, den seiner Gerechtigkeit und durch den Tod bewährten Freiheitsliebe wegen Dante zu der kleinen Zahl der Heiden rechnet, welche eine besondere Gnadenfügung erlöst hat. Freilich wird er bis zum Jüngsten Gericht die ankommenden Seelen der Bußfertigen zu beaufsichtigen haben; dann aber soll auch er in den Himmel eingehen. Sein Weib Marcia wird in der Vorhölle der tugendhaften Heiden mit aufgeführt; ihr Schicksal bekümmert den Gatten nicht mehr, nach dem Gesetze, das den Geretteten jedes Mitleid mit den Verlorenen, als welches der vollkommenen Glückseligkeit Abbruch tun würde, benimmt. Merkwürdig ist, daß Dante an Cato den Selbstmord, dem er in der Hölle so entsetzliche Strafe zuerkennt, geradezu als Beweis der Tugend preist.

Der Berg des Fegefeuers steht auf einer runden Inselfläche. Rings um die Insel wächst Schilf, die Pflanze der Demut. Der Berg selbst ist zu denken als eine im ganzen kegelförmige, aber unten steilere, oben immer sanfter ansteigende Höhe, um welche übereinander sieben horizontale Einschnitte sich ziehen, je einen Kreis für jede der sieben Todsünden bildend. Der Gipfel ist eine Ebene, das irdische Paradies. Ehe man in das eigentliche Fegefeuer gelangt, hat man die unteren Regionen des Berges zu überwinden, wo die des Einlasses noch nicht gewürdigten Seelen sich harrend aufhalten.

Das Aufsteigen ist am schwierigsten im Beginne und wird leichter, je mehr man sich dem Ziele nähert, wie die bußfertige Abwendung von der Sünde, je länger sie währt, umso leichter erscheint.

Fegefeuer 02

Um die Zeitbestimmung der ersten Verse zu verstehen, man sich erinnern, daß Jerusalem und der Berg des Fegefeuers einander antipodisch gegenüberliegen. Der Horizont mithin, dessen Meridian mit seinem höchsten Grade, mit dem Zenit, über Jerusalem hingeht, oder "es bedeckt", ist auch der Horizont des Fegefeuers, und während dort die Sonne untergeht, ist hier Sonnenaufgang. Am Ganges, nach Dantes Geographie 90 Grad östlich von Jerusalem, ist Mitternacht, das Sternbild der Wage geht durch den Meridian. Dante sagt, die Wage entfalle den Händen der Nacht, sobald diese siege, das heißt länger als der Tag werde, zur Zeit der Herbstäquinoktien; denn um diese Zeit geht die Wage lange vor Mitternacht unter. Da die Sonne jetzt im Zeichen des Widders steht, so passiert der Steinbock, der 90 Grad westlicher sich befindet, um Sonnenaufgang den Meridian, von dem er sich entfernt, so wie der Tag vorrückt. Deshalb wird V. 55, um dies Vorrücken zu bezeichnen, gesagt, daß die Sonne den Steinbock mit ihren Pfeilen (man muß an den antiken Sonnengott denken) vom Meridian verjage.

Schon in dem Gespräche mit Cato war die Freiheit, welche Dante sucht, mit der politischen Freiheit, für die Cato starb, in Parallele gebracht. Der Weg durch das Fegefeuer soll ihn zu der Freiheit der ewigen Erlösung führen. Dem entspricht es, daß die an der Insel der Reinigung landenden, für das Fegefeuer bestimmten Seelen den Psalm "Als Israel aus Ägypten kam" anstimmen, denn nach Dantes eigener Erklärung (in dem Widmungsschreiben an Can Grande della Scala) feiert dieser Psalm seinem verborgenen Sinne nach den Ausgang der Seele aus der Knechtschaft der irdischen Verderbnis in die Freiheit der ewigen Herrlichkeit.

Unter den Gelandeten erkennt Dante seinen Freund, den Sänger und Musiker Casella. Er muß geraume Zeit vor 1300 gestorben sein, denn Dante wundert sich, ihn erst jetzt ankommen zu sehen. Von Casella erfahren wir, daß der Eintritt ins Fegefeuer nicht immer sofort nach dem Tode erfolgt. Die geretteten Seelen versammeln sich zwar sogleich am Ausflusse des Tiber, aber der himmlische Fährmann nimmt nicht alle in sein Schiff auf; je nach ihrem Verschulden müssen sie längere oder kürzere Zeit am Strande harren. Seit drei Monaten aber, seit dem Anfange des Jubeljahres 1300, hat der verkündete Ablaß die zeitlichen Strafen niedergeschlagen und die Überfahrt beschleunigt.

Casella singt eine von Dantes eigenen Kanzonen, deren erster Vers lautet: Amor che nella mente mi ragione. Vielleicht hatte der Sänger selbst die Musik dazu gesetzt. Boccaccio erzählt in seiner Vita di Dante, daß Dante in seiner Jugend sich an Musik und Gesang sehr erfreut habe und ein Freund aller trefflichen Musiker seiner Zeit und Heimat gewesen sei. Diese Liebe zur Musik habe Ihn zur Abfassung vieler Gedichte getrieben, zu denen er dann von solchen Freunden liebliche und meisterliche Weisen habe setzen lassen. Im Convito II, 14 spricht Dante selbst über die Macht der Musik in Worten, die seine Empfänglichkeit für "die Eintracht holder Töne" über alle Zweifel erhebt.

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