Dante Alighieri - La Divina Commedia
Bernd von Guseck - Die Göttliche Komödie
Fegefeuer - Gesang 01

Der Berg der Läuterung.

Gespannt die Segel mag zu bess'rer Flut
Das Schifflein meines Genius nun dringen,
Das hinter sich läßt jenes Meeres Wuth;

Und von dem zweiten Reiche werd' ich singen,
Wo rein von Sünden wird des Menschen Geist
Und würdig, sich zum Himmel aufzuschwingen.

Doch aufersteh'n die todte Dichtkunst heißt,
Ihr heil'gen Musen, da ich bin der Eure,
Und du, Kolliope, Du allermeist,

Mein Lied begleitend mit dem Klang befeu're,
Den einst die Pieriden mußten spüren,
Daß sie die Hoffnung selbst verließ, die theure! -

Des Orients milde Farbe von Saphiren,
Die in der heitern Klarheit zu erblicken,
Der reinen Lust zunächst den Erdrevieren,

Gab meinen Augen wiederum Entzücken,
Als ich der dumpfen Lust entrann erfreut,
Die Aug' und Brust mir traurig wollt' erdrücken;

Der schöne Stern, der Liebestrost verleiht,
Ließ schon den ganzen Osten lachend sehen,
Die Fische nun verhüllend, sein Geleit.

Ich wandte mich zur Rechten und sah stehen
Am andern Pol vier Sterne, deren Reihen
Nur einst das erste Menschenpaar gesehen.

Der Himmel schien sich ihres Lichts zu freuen -
Verwaist bist du, des Nordens Hemisphäre,
Weil dieser Anblick nie dich mag erfreuen!

Als ich von ihnen abgewandt mich kehre
Ein wenig nach der andern Poles Kreise,
Wo schon verschwand der Wagen in das Leere,

Begegn' ich nah und einsam einem Greise.
Ehrwürdig stellte sich sein Anblick dar,
Wie seinem Sohn sich zeigt ein Vater weise.

Sein Bart war lang, vermischt mit weißem Haar,
Wie sein Gelock, das ähnlich von der Stirne
Ihm doppelt auf die Brust gefallen war.

Die Strahlen von dem heil'gen Viergestirne
Verklärten ihm das Antlitz so mit Licht,
Daß Sonnenschein es vorkam meinem Hirne.

»Wer seid Ihr, die dem ew'gen Kerker,« spricht
Der Greis und regt des Barts ehrwürd'ge Fläume,
»Stromauf den finstern Fluß, entfloh'n? Was bricht

Euch Bahn? Wer war Euch Leuchte denn daheime,
Als Ihr hervorgingt aus der tiefen Nacht,
Die schwarz umhüllt des Höllenthales Räume?

Wird das Gesetz des Abgrunds so verlacht
Gibt's neuen Rath im Himmel zu bezeugen,
Der Euch verdammt an meinen Berg gebracht?«

Mein Führer faßte mich und ließ mich neigen,
Mit Worten und mit Händen, um den Frommen
Durch Knie und Brauen Ehrfurcht zu bezeigen.

Dann sagt' er ihm: »Ich bin von selbst nicht kommen,
Ein himmlisch Frauenbild mit sanfter Klage
Hat Diesem zur Gesellschaft mich genommen.

Doch weil's dein Wille, daß dir unsre Lage
Erläutert werde, wie sie war uns Beiden,
So darfs nicht sein, daß meiner dir's versage.

Der hier sah nie den letzten Abend scheiden,
Doch war er thöricht ihm so nah gerannt,
Daß nur sehr wenig Zeit war, ihn zu meiden.

Wie schon gesagt, ward ich zu ihm gesandt,
Um ihn zu retten, wo kein Weg gewesen,
Als der, auf dem ich mich hieher gewandt.

So hab' ihm ganz gezeigt das Volk der Bösen
Und jetzt die Geister denk' ich ihm zu zeigen,
Die unter deiner Obhut sich erlösen.

Wie ich ihn hergeführt, laß mich verschweigen:
Von oben kommt mir Kraft, die hilft mir eben
Ihn führen, dich zu seh'n, dir sich zu neigen.

Jetzt dulde gern, daß er sich herbegeben:
Er sucht die Freiheit, die so theuer gar!
Das weiß, wer ihr geopfert selbst das Leben,

Du weißt es, dem für sie nicht bitter war
Der Tod in Utica, wo du gelassen
Die Hülle, die wird sein dereinst so klar.

Nicht sind die ew'gen Sprüche uns erlassen,
Denn Dieser lebt und mich bannt Minos nicht:
Ich bin vom Kreise, der bestimmt zu fassen

Auch deiner Marcia keusches Augenlicht,
Die noch: »Sei wieder mein!« dich scheint zu flehen.
Um ihrer Liebe willen wehr' uns nicht!

Laß uns durch deine sieben Reiche gehen!
Ich werd' ihr Freundliches von dir einst sagen,
Gefällt dir's, drunten dich genannt zu sehen.« -

»Mein Auge fand an Marcia solch Behagen,
So lang' ich jenseit war,« sprach er darauf,
»Daß meine Größe du zu ihr magst tragen.

Jetzt da uns trennt des bösen Flusses Lauf,
Kann sie nach dem Gesetz mich nicht bewegen,
Das ward gegeben, als ich kam herauf.

Doch wenn ein Himmelsbild dich führt zum Segen,
Wie du mir sagst, bedarf's nicht Schmeicheleien;
Genug, daß du mich anrufst ihretwegen!

So gehe denn, laß Jenem angedeihen
Von Binsen einen Gürtel, und ihn baden
Das Antlitz, um von Qualm es zu befreien.

Denn ziemen mag sich's nicht, das Aug' beladen
Mit Nebel vor dem Ersten zu erscheinen.
Der Hüter von des Paradieses Pfaden.

Dies Eiland, rings umher, es trägt auf seinen
Gestaden dort, wo sie die Woge schlägt,
Viel Binsen auf dem weichen Grund, dem reinen.

Rein andres Pflänzchen, das im Lenz ausschlägt
Und Winters überdauert, kann hier leben,
Weil es dem Sturm nicht nachzugeben pflegt.

Dann mögt Ihr Euch nicht wieder herbegeben.
Die Sonne, die jetzt aufgeht, wird Euch zeigen,
Zum Berg Euch leichtern Aufgangs zu erheben.«

Somit verschwand er. Ich stand auf mit Schweigen
Und drängte ganz mich an den Führer an
Und richtete mein Aug' auf ihn. - »Wir steigen

Hernieder, folge meinem Schritt,« begann
Er jetzt, »wir kehren um, denn zu vermuthen
Ist, daß der Berg sich diesseit senken kann.«

Schon floh besiegt von hellen Morgengluthen
Die Dämmerung, daß ich von Licht umhüllt
Erkannt das Meer am Wellenschlag der Fluthen.

Wir gingen durch das einsame Gefild
Wie solche, die den Weg verloren hatten,
Noch immer, falsch zu gehn, von Furcht erfüllt.

Als wir gekommen, wo der Thau der Matten
Kämpft mit der Sonne und nur wenig schwindet,
Weil er sich bergen kann im tiefen Schatten,

Da legte beide Hände, sanft geründet
Mein Meister, um zu schöpfen, auf das Kraut,
Und ich, dem sein Beginnen schon verkündet,

Neigt' ihm die Wange thränenreich bethaut;
Da gab er ihr die Farbe zum Gewande
Zurück, die ihr die Hölle tief umgraut.

Wir kamen d'rauf zu jenem öden Strande,
Der niemals seine Wasser sah befahren
Von Einem, der dann schied aus diesem Lande,

Hier gab er mir den Gurt, wo Binsen waren.
O Wunder! Welche Pflanzen er auch pflückte,
Ich konnte neu erstanden sie gewahren

So schnell, als ich gebrochen sie erblickte!


Gesang 02

Die Neuangekommenen.

Schon trat die Sonne in den Horizont,
Der mit dem Scheitelpunkt im Mittagskreise
Jerusalem bedeckt, jetzt unbesonnt.

Die Nacht, die ihm entgegensteht, kam leise
Vom Ganges mit der Wage dort gegangen,
Die ihr entfällt, sobald sie wächst. Im Kreise

Wo ich nun war, sah ich die Purpurwangen
Der lieblichen Aurora, schnell verblüht,
Vor Alter schon von Goldgelb rings umfangen.

Wir waren noch am Meere - wie's geschieht,
Daß Einer, der den Weg bedeckt zur Stunde
Im Herzen geht, doch mit dem Leib verzieht -

Und sieh! wie bei der nahen Morgenstunde
Aus dichten Dünsten Mars mit rother Helle
Im Niedergang erglüht am Küstengrunde,

Erschien mir - und ich seh' es noch zur Stelle -
Ein Licht, das über's Meer so schleunig kam,
Daß ihm kein Flug wohl gleichen konnt' an Schnelle.

Als ich den Blick ein wenig von ihm nahm,
Den Führer zu befragen, sah ich's gleiten
Viel leuchtender und größer. D'rauf bekam,

Wie es mir schien, an seinen beiden Seiten
Es etwas Weißes, und ihm floß von dort
Nach unten, was ein Kleid schien zu bedeuten.

Mein Meister sprach noch immer nicht ein Wort,
Indeß das Weiß sich öffnete zu Schwingen,
Da kannt' er wohl den Schiffenden sofort.

Er rief: »Auf deine Kniee vor allen Dingen!
Der Engel Gottes" Laß die Hände falten!
Nun wird zu sehn den Boten dir gelingen!

Sieh! Er verachtet Menschenwerk, ihn halten
Nicht Ruder, keine andern Segel oben,
Als seine Flügel zu so fernem Walten.

Sieh, wie er sie zum Himmel hat erhoben,
Sieh ihn sein ewiges Gefieder schlagen,
Das nicht, wie sterbliches, sich mag erproben.« -

Dann, wie er mehr und mehr zu uns getragen,
Der Göttervogel, ward er klar erkannt,
Doch konnt' ihn nah das Auge nicht ertragen.

Ich senkt' es tief. Und Jener kam an's Land
Mit einem Schifflein, schnell und leicht, von hinnen,
Wie es das Wasser niemals noch gekannt.

Am Steuer stand der Himmlische im Sinnen,
Auf seinem Antlitz Seligkeit geschrieben
Und mehr als hundert Geister saßen drinnen.

»In exitu« - so sangen sie schon drüben
Einstimmig allzumal und was im gleichen
Psalm Israels noch weiter steht geschrieben.

Dann macht' er still des heil'gen Kreuzes Zeichen,
Sie warfen alle d'rauf sich an die Küste;
Schnell, wie er kam, sah ich ihn jetzt entweichen.

Der Schwarm, der dablieb, that als ob er wüßte
Nichts von dem Ort und sah sich nun zuweilen,
Wie Einer, der viel Neues suchen müßte.

Nach allen Seiten schoß mit Strahlenpfeilen
Die Sonne, die schon aus des Himmels Mitte
Vermocht den Widder hatte zu enteilen.

Da hob das neue Volk mit lauter Bitte
Die Stirn zu uns: »Wenn ihr ihn wißt, so zeigt
Den Weg zum Berge unsrem bangen Schritte!« -

Virgil versetzte d'rauf: »Ihr glaubt vielleicht
Daß wir Erfahrung hier vom Orte hegen,
Doch sind wir fremd, wie ihr euch hier bezeigt.

Kurz vor euch kamen wir auf andern Wegen,
Die waren so gewaltig rauher Art,
Daß uns ein Spiel scheint, hier uns zu bewegen.« -

Die Seelen, die sogleich bei mir gewahrt
Am Athmen, daß ich noch nicht von den Todten,
Verwunderten sich sehr; und wie sich schaart

Und zuströmt alles Volk um einen Boten,
Der ihm den Oelzweig bringt und Keiner säumt,
Zu hören, was ihm Neues wird entboten,

So hingen alle Seelen ungesäumt
An meinem Anblick, daß sie fast vergaßen,
Welch' hoher Vorzug ihnen eingeräumt.

Ich sah die eine über alle Maßen
Liebreich sich nah'n. als wollt' sie mich umarmen,
Daß meine Sinne Gleiches sich vermaßen.

Ach! Nur das Scheinbild blieb euch noch, ihr Armen!
Dreimal umschlang ich sie von hinten zwar;
Doda traf ich meine Brust nur mit den Armen.

Vor Staunen, glaub' ich, ward ich roth sogar,
Worauf der Schatten lächelnd aufzubrechen
Sich wandte, doch ich folgt' ihm, wie ich war.

Er bat mich sanft, ich möge ruhn. Am Sprechen
Erkannt' ich, wer er war und bat ihn sehr,
Ein wenig zu verziehn, mit mir zu sprechen.

Er gab zur Antwort: »Wie ich dich bisher
Geliebt im Erdenleib, dem ich entnommen,
Lieb' ich dich noch. Doch du: wo kommst du her?« -

»Casella mein, um einst zurückzukommen,
Wo ich jetzt bin, d'rum mach' ich diese Reise;
Doch du, warum ist dir das Ziel genommen?« -

Und er zu mir: »Mich kränkte bitt'rer Weise
Nur der, der fortnimmt, wann und wen er will,
Mehrmals versagt er mir den Weg, denn weise

Thut er den Willen des Gerechten still,
Doch seit drei Monden nimmt er auf in Frieden
Wahrhaftiglich, wer immer eingehn will.

Ich war am Strande, als ich abgeschieden,
Dort, wo des Tibers Wasser salzig wird,
Da ward ich gütig von ihm auch beschieden!

Zu jener Mündung flog er jetzt, dort irrt
Und sammelt Alles sich an jener Stelle,
Was nicht zum Acheron hernieder schwirrt.« -

Und ich: »Wenn kein Gesetz dir trübt das Helle
Gedächtniß oder wehrt den Liebessang,
Der immer mir gestillt des Herzens Welle,

Gefall' es dir mit seinem süßen Klang,
Die Seele mir zu trösten, die noch inne
Dem Leibe wohnt und sich hier ängstigt bang.« -

»Die Liebe, die mir spricht in meinem Sinne«« -
Begann er d'rauf so süß, daß noch in mir
Gar lieblich klingt das schöne Lied der Minne.

Mein Meister und die Andern, die sich hier
Bei ihm befanden, schienen so zufrieden,
Als ob nichts Andres sie berührte schier.

Wir gingen, auf sein Lied gespannt, in Frieden,
Als jener Greis erschien gar ehrenfest
Und zürnte: »Was ist das? Ihr könnt ermüden?

Welch' Zaudern! Welche Säumniß hält euch fest?
Eilt auf den Berg, die Kruste abzulegen,
Die Gott nicht offenbar euch werden läßt!« -

Wie Tauben, welche, Körner pickend, pflegen
Das Feld vereint in Schaaren zu bedecken,
Still, ohne ihren Stolz zur Schau zu legen,

Wenn etwas kommt, vor dem sie sich erschrecken,
Die Atzung schnell verlassen, überkommen
Von größern Sorgen, welche Furcht erwecken, -

So sah ich jene neue Schaar der Frommen
Den Sang verlassen und zum Berghang eilen,
Wie Einer, der nicht weiß wohin zu kommen.

Auch wir beschlossen, länger nicht zu weilen.


Gesang 03

König Manfred.

Indeß in schneller Flucht sie sich zerstreut,
Hin über das Gefild zum Berg ergossen,
Wo uns bestraft die Allgerechtigkeit,

Schmiegt' ich mich an den Treusten der Genossen.
Wie würd' ich ohne ihn gefahren sein?
Wer hätte mir den Bergpfad wohl erschlossen?

Er schien sein eignes Handeln zu bereu'n -
O zart Gewissen, bitter zu ertragen
Ist dir ein jeder Fehl, auch noch so klein!

Als seine Füße sich der Eil' entschlagen,
Die jeder Stattlichkeit stets Eintrag thut,
Fing mein gepreßter Geist erst an zu tagen

Und ließ den Blick im sehnsuchtsvollen Muth
Weit von sich aufwärts zu der Höhe fliegen,
Die sich zum Himmel hebt. Die rothe Gluth

Der Sonne flammte hinter mir entstiegen
Und brach sich vor mir durch die Leibsgestalt,
An die sich ihre Strahlen mußten schmiegen.

Ich sah mich um, aus Furcht, daß ich so bald
Verlassen sei, weil nur auf meiner Seite
Die Erd' ich finster sah, mir wurde kalt!

Da wandte sich mein Trost, der mich befreite,
Und sprach: »Wie kannst du solches Mißtrau'n haben?
Glaubst du mich nicht bei dir, daß ich dich leite?

Schon ist es Abend dort, woselbst begraben
Der Leib, in dem ich einen Schatten warf,
Den die Brindisier nach Neapel gaben,

Und siehst du vor mir jetzt kein Abbild scharf,
So mag des Himmels Klarheit dich bescheiden,
Wo auch kein Strahl den andern hemmen darf.

Doch Qualen, Frost und Hitze zu erleiden
Macht solchen Körper fähig jene Kraft,
Die uns das Wie? nicht gibt zu unterscheiden.

Ein Thor, wer hofft, daß uns're Wissenschaft
Jemals den unbegrenzten Weg ergründe,
Den die Dreieinigkeit sich setzt und schafft!

Drum sei der Mensch zufrieden, wie er's finde,
Denn könnt' er Alles schauend sich erheben,
Bedurft' es nicht Maria's mit dem Kinde!

Ihr sehet Manche fruchtlos danach streben,
Es hätte sich ihr Wunsch gestillt - indeß
Er ihnen jetzt zum ew'gen Kampf gegeben.

Ich meine Plato, Aristoteles
Und viele And're!« - D'rauf die Stirne neigend
Sprach er nicht mehr, so blieb ein Jegliches.

Wir kamen an den Fuß des Berges schweigend,
Da fanden wir so schroff ihn, daß die Beine
Sich lang' umsonst bemühten, zu ihm steigend.

Von Lerici nach Turbia ist der eine
So wüst' als schlimme Bergpfad eine Stiege
Bequem und offen gegen diese Steine.

»Wer weiß jetzt, wo der Hang sich leichter füge,«
So sprach der Meister, hemmend seinen Gang,
»Daß ohne Flügel man ihn doch erstiege?«

Indeß er seinen Blick zu Boden zwang.
Zu untersuchen, wo der Weg zu wählen
Und ich hinaufsah nach dem Felsenhang,

Erschienen linker Hand mir viele Seelen,
Die ihre Füße gegen uns bewegt
So langsam, daß ihr Geben zu verhehlen.

»Erheb' die Augen!« sprach ich jetzt erregt,
»Dort wird man uns den besten Rath ertheilen,
Wenn aus dir selbst der eig'ne fehl uns schlägt.« -

Er sah mich an: »Laß uns entgegeneilen!«
Rief er, mit freiem Blick zu mir gewandt,
»Und halt', o Sohn, die Hoffnung fest derweilen.« -

Nachdem wir tausend Schritte schon gerannt,
Und sie so weit noch waren, als die Strecke
Ein guter Schleud'rer würfe mit der Hand,

Da drückten Alle sich zur harten Decke
Des hohen Felsens, eng in sich gewendet,
Wie Einer steht, erfaßt vom jähen Schrecke.

»O ihr Erwählten, welche gut geendet,«
Begann Virgil, »bei jenem künft'gen Frieden,
Der, wie ich glaub', euch Allen zugewendet,

Sagt, wo der Felsen flach ist, daß entschieden
Man aufwärts keine Zeit verlieren würde -
Denn Zeitverlust von Weisen wird gemieden.« -

Wie Schäflein, die hervorgehn aus der Hürde,
Erst eins, dann zwei und drei, die andern stehen
Gesenkten Kopfs in schüchtern stiller Würde

Und was das erste thut, thun sie und gehen
Und bleiben hinter ihm, wenn's stehen will,
In Einfalt, unbewußt, warum's geschehen -

So sah ich auch die Spitze kommen still
Der Glücklichen mit sittiger Geberde,
Ehrbaren Gangs, und als sie im Gerüll

Das Licht vor meinen Füßen auf der Erde
Getheilt erblicken, mir zur rechten Seite
Den Schatten auf dem Grunde, blieb die Heerde

Gleich stehn und zog zurück sich, da sie scheute,
Und all' die Andern, ohne doch zu kennen
Den Grund, sie blieben gleichfalls im Geleite.

»Ich will euch, eh' ihr fragt, sofort bekennen,
Daß dieß ein Menschenkörper, den ihr seht
Das Sonnenlicht hier auf der Erde trennen.

Nicht mag's euch wundern, sondern glaubt: er geht
Mit Himmelskraft gerüstet zu erreichen
Die Höhe, deren Gipfel droben steht.« -

So sprach mein Meister und die Würdereichen:
»Kehr' um und geh' mit uns, du reiner Geist!«
Und machten mit verkehrter Hand uns Zeichen.

Da fing der Eine an: »Wer du auch seist,
Sieh mich im Gehen an, ob auf den Auen
Jenseit du mich gesehn zu haben weißt?« -

Ich wandte mich um fest ihn anzuschauen:
Blond war er, schön und adelich von Gaben,
Doch theilt' ein Hieb die eine seiner Brauen.

Als ich darauf, ihn je gesehn zu haben
Bescheiden abgelehnt, rief er: »Schau her!«
Und wies die Wunde, in die Brust gegraben.

Dann sprach er lächelnd: »Manfred bin ich, der
Constanzen's Enkel war, der Kaiserin;
Drum bitt' ich dich: nach deiner Wiederkehr

Geh' nur zu meiner schönen Tochter hin,
Der zweier Kronen Ehre ist entsprungen,
Sag' ihr, wenn's anders heißt, wo ich jetzt bin.

Als mir der Leib im Kampfe war durchdrungen
Von zweien Todesstreichen, gab ich mich
An Ihn, der gern verzeiht, wo schwer gerungen.

Von schauderhaften Sünden schwer war ich,
Doch die Allgüte reicht so weit, zu tragen
Was ihr sich zukehrt, langen Arms zu sich.

Und wenn Cosenza's Hirt, der mich zu jagen
Von Clemens ward gesandt, nur, wie ich meine,
Verstanden klar, was Gottes Wort will sagen,

So lägen meine sterblichen Gebeine
Noch an der Brücke, noch bei Benevent
Gesammelt in der Hut der schweren Steine.

Jetzt wäscht der Regen sie, der Wind sie trennt
Im Ausland längs des Verde, wo er ihnen
Die Stätte ohne Kerzen gab. So brennt

Der Fluch doch nicht, daß nimmer er zu sühnen
Und nicht die ew'ge Lieb' ihm Trost erwirbt,
So lange noch der Hoffnung Zweige grünen!

Wahr ist es, wer in der Verdammniß stirbt
Der heil'gen Kirche, ob er auch bereute,
Muß außen steh'n, wo er um Einlaß wirbt -

Für jene Zeit, die ihn der Sünde zeihte
Das Dreißigfache, wenn dem Urtheil nicht
Ein gut Gebet die Abkürzung bereite.

Nun sieh, ob du mich kannst erfreu'n, im Licht
Eröffnend meiner trefflichen Constanze,
Wie du mich hast geseh'n, was mir gebricht!

Denn Irdische verhelfen uns zum Glanze.«


Gesang 04

Der Aufgang

Wenn sich in Freuden oder auch in Schmerzen,
Die irgend eine Kraft in Anspruch nehmen,
Die Seele recht versenkt im Geist und Herzen,

So scheint sie gar nichts And'res wahrzunehmen.
Das mag dem Irrthum manches Menschen wehren:
In unserm Leib zwei Seelen anzunehmen.

Drum, wenn wir etwas sehen oder hören,
Was starken Anklang hat in uns gefunden,
Entflieht die Zeit, der Mensch läßt sich nicht stören.

Denn jener Sinn, zu merken auf die Stunden,
Steht unter dem, der ganz die Seel' umfangen,
Der ist befreit und jener ist gebunden.

Wohl konnt' ich die Erfahrung hier erlangen,
Da ich dem Geiste zugehört, indessen
An fünfzig Grade höher aufgegangen

Die Sonne war und ich es nicht ermessen,
Bis alle Geister riefen, laut vereint:
»Hier ist, wonach der Wunsch euch so besessen!«

Oft eine größ're Lücke fest verzäunt
Des Winzers Gabel wohl mit Dorngesträuchen
Zur schönen Zeit, wo sich die Traube bräunt,

Als uns're Gasse, zu des Berges Reichen.
Mein Führer blieb mit mir sodann allein,
Nachdem wir sah'n die Schaar von uns entweichen.

Geht's nach Sanleo, Noli doch hinein,
Bismantova's Gebirg ist zu erringen
Mit Menschenfüßen! Doch hier mußt' es sein

Im Fliegen, nämlich auf den raschen Schwingen
Der hohen Sehnsucht hinter dem Begleiter,
Der mir das Licht der Hoffnung sollte bringen.

Wir stiegen durch die Felsenspalten weiter;
Von jeder Seite preßt' uns hart die Enge,
Und Hand und Fuß begehrt' der Weg als Leiter.

Als wir gelangten an das Randgehänge
Des hohen Felsens zu den off'nen Rainen:
»O, Meister,« fragt ich, »welchen dieser Gänge?«

»Nur nicht bergab, «versetzt' er, »sollt' ich meinen,
Du brauchst hinauf nur hinter mir zu gehen,
Bis uns ein weiser Führer mag erscheinen.«

Hoch war der Gipfel, nicht zu übersehen,
Und stolz der Abhang: ein Diopter würde
In des Quadranten Hälfte nach ihm stehen.

Ich rief, ermattet von des Weges Bürde:
»O, theurer Vater, blick' dich um und siehe,
Ich bleib allein, wenn du nicht hältst!« Mit Würde

Sprach er darauf: »Mein Sohn, bis dorthin ziehe
Dich nur!« und zeigt auf einen Vorsprung droben,
Der schien, als ob er rings den Berg umziehe.

Mich spornten seine Worte, daß nach oben
Ich angestrengt ihm nachzuklimmen eilte,
Bis auf den Ringwall ich den Fuß gehoben.

Da setzten wir uns Beide. Es verweilte
Mein Blick im Osten, wo wir aufgestiegen,
Wie es den Wand'rer freut. Indeß ich weilte,

Ließ ich die Augen erst zur Tiefe fliegen,
Dann hob ich sie zur Sonne, staunend sehr,
Daß sie von links uns traf. Wir Beide schwiegen.

Wohl sah der Dichter, daß ich mehr und mehr
Verwirrt den Sonnenwagen sah zur Seite,
Der zwischen uns und Norden zog daher.

Und also sprach er: »Hätten zum Geleite
Castor und Pollux sich dem hellen Licht,
Das auf- und niedersteigt, gesellt für heute,

Sähst du den Thierkreis röthlich glüh'n und dicht
Noch an den Sterngebilden beider Bären,
Wenn es nicht aus dem alten Wege bricht.

Willst du, wie solches sei, dir recht erklären,
So denke dir, wie Zion ist gelegen.
Auf einem Horizont zwei Hemisphären,

So steht es jenseit diesem Berg entgegen,
Und jene Straße, welche zu befahren
Einst Phaëton schlecht wußte, ist deswegen

Hier von der andern Seite zu gewahren,
Als sie dort drüben kommt. Du wirst es sehen,
Wenn dein Verstand darüber ist im Klaren.« -

»Gewiß, mein Meister,« sprach ich, nie gesehen
Hab' ich so klar, als jetzt ich unterscheide,
Wo mein Begreifen schien gar schwach zu stehen.

Denn jener Halbkreis in dem Weltgebäude,
Den eine Wissenschaft Aequator nennt,
Der ewig ist der Jahreszeiten Scheide,

Weicht aus dem Grunde, den dein Wissen kennt
Nach Norden, während weiland die Hebräer
Ihn schauten, wo die Sommerhitze brennt.

Doch so dir's lieb ist, möcht' ich wissen eher,
Wie wir hinaufgeh'n, meine Augen reichen
Nicht zu dem Berg, er scheint mir immer höher.« -

Und er zu mir: »Es ist des Berges Zeichen,
Daß stets der Anfang schwierig zu erklimmen,
Und kommt man höher, pflegt sich's auszugleichen.

Drum wenn er so zu deinem Wunsch wird stimmen,
Daß dir der Aufgang wird so leicht fürwahr,
Als unten fröhlich auf dem Schiff zu schwimmen,

Dann bist du, wo der Pfad zu Ende war,
Daselbst erwarte deinen Harm zu stillen,
Mehr sag' ich nicht; ich weiß es, das ist wahr.« -

Als er gesagt dies Wort zu mir im Stillen,
Klang eine Stimme nach: »Vielleicht wirst du
Dich früher setzen müssen seinetwillen.« -

Wir wandten uns bei ihrem Klang im Nu
Und sahen einen großen Stein zur Linken,
Den weder ich, noch er geseh'n. Ihm zu

Jetzt eilten wir, und Leute sah'n wir winken,
Die ruhten hinter'm Fels im Schatten grün,
Wie Menschen, welche lässig niedersinken.

Und ihrer Einer, der mir müde schien,
Saß dort und hatte seine Knie' umschlungen,
Und hielt das Antlitz zwischen diesen Knie'n.

»Mein theurer Meister,« sprach ich, nah gedrungen.
»Sieh Jenen, der sich mehr hinfällig zeigt,
Als wenn er sei von Faulheit nur durchdrungen.«

Da wandt' er sich zu uns, doch hob er leicht
Das Antlitz kaum zu seiner Schenkel Fläche
Und sprach: »Geh nur hinauf! du kannst's vielleicht.« -

Jetzt wußt' ich, wer er war und jene Schwäche,
Von der mein Athem noch etwas beklommen,
Hielt mich nicht ab zu nahen, daß er spreche.

Er hob den Kopf kaum, als ich nah gekommen,
Und sprach: »Hast wohl geseh'n den Sonnenwagen
Dir über deine linke Schulter kommen?« -

Sein träges Thun und auch sein kurzes Fragen
Bewog zum Lachen meine Lippe schier,
Dann sprach ich: »O Belacqua, dich beklagen

Kann ich jetzt nicht, doch sprich, warum du hier
Noch sitzen bleibst? Erwartest du Gefährten?
Ist die gewohnte Trägheit über dir?« -

Und er: »Was hilft das Gehen? Mir verwehrten
Doch Gottes Engel, die am Thore sitzen,
Den Eingang zu der Läut'rung der Verklärten.

Erst muß ich außen vor den Himmelssitzen
So lange steh'n, als ich verschob im Leben
Die gute Zeit zur Reue zu benützen,

Wenn kein Gebet mich früher kann erheben
Aus einem Herzen, das da lebt in Gnade. -
Was Gott nicht hört, kann es mir Rettung geben?« -

Schon war der Dichter vor mir auf dem Pfade
Und sprach: »Jetzt komme! In Mittagshöhen lacht
Die Sonne hier bereits, und am Gestade

Bedeckt Marokko schon der Fuß der Nacht.«


Gesang 05

Die Ermordten.

Ich war von jenen Schatten schon geschieden
Und folgte meines Führers schnellem Schritte,
Als hinten auf mich zeigend, von den Müden

Der Eine schrie: »Seht, wie das Licht die Mitte
Des Letzten nicht durchdringt auf seinem Gange!
Wie ein Lebend'ger scheint mir seine Sitte!« -

Ich wandte meine Augen bei dem Klange
Und sah die Schatten all' verwundert blicken
Auf mich, nur mich, wie ich das Licht empfange.

»Was läßt du so die Seele dir verstricken«,
So sprach der Meister, »daß du säumst zu gehen?
Was kümmert dich das Flüstern und das Nicken?

Mir nach! Und laß die Leute redend stehen!
Sei wie ein fester Thurm, der seine Zinnen
Niemals mag beugen vor des Windes Wehen;

Der Mensch, der immer treibt in seinen Sinnen
Gedanken auf Gedanken, wird bethört,
Denn einer läßt den andern gleich zerrinnen.« -

»Was kann ich thun, als gehn, wie sich's gehört?«
Sprach ich gefärbt mit jener Glut der Wangen,
Die macht den Menschen der Verzeihung werth.

Indessen auf dem Querweg kam gegangen
Ein wenig vor uns vieles Volk herab,
Die Vers und Vers das Miserere sangen.

Als sie bemerkten, daß ich Raum nicht gab
Dem Strahl durch meinen Körper durchzuscheinen,
Brach in ein langes Ach! die Hymne ab.

Und zwei von ihnen auf geschwinden Beinen
Als Boten rannten zu uns, um zu fragen:
»Sagt uns, wer seid Ihr? Dürft ihr hier erscheinen?«

Mein Meister sprach: »Kehrt um! Ihr könnt es sagen
All' denen, die Euch hergesendet hatten,
Daß dieser Leib noch wahrhaft Fleisch getragen,

Und weilten sie, zu schauen seinen Schatten,
Wie ich mir denke, sei's genug! Sie mögen
Dem Hochwillkomm'nen ihren Gruß abstatten.«

Nie sah ich Abends je so schnell sich regen
Sternschnuppen, die durch klaren Himmel schießen,
Noch Sonnenblick durd Herbstgewölk nach Regen,

Als Jene aufwärts eilend uns verließen
Und mit dem Andern auf uns nieder gingen,
Wie Rosse, wenn man läßt den Zügel schießen.

»Viel sind es, welche uns entgegendringen,
Um dich zu bitten,« sprach Virgil, »somit
Geh' nur und hör' im Gehen, was sie bringen.« -

»O Seele, die du freudig noch kannst mit
Den Gliedern, so du von Geburt hast, gehen,«
So schrie'n sie: »Hemm' ein wenig deinen Schritt.

Schau, ob du Einen je von uns gesehen,
Daß du von uns zurück magst Nachricht tragen!
Was gehst du noch? Warum bleibst du nicht stehen?

Wir wurden Alle mit Gewalt erschlagen
Und waren Sünder bis zur letzten Stunde,
Da sollte uns das Licht des Himmels tagen,

Daß reuig und versöhnt mit Gott zum Bunde
Des Friedens wir dem Leben dort entrückt:
Die Sehnsucht, Gott zu schauen, stillt die Wunde!« -

Und ich: »Obschon ich euch recht angeblickt,
Kenn' ich doch Niemand - kann ich zu Gefallen
Euch etwas thun, ihr Geister hochbeglückt,

Sagt an! Bei jenem Frieden soll's euch allen
Gescheh'n, der hinter dieses Füjrers Füßen
Von Welt zu Welt mich läßt, ihn suchend, wallen!« -

Und Einer sprach: »Auch ohne Schwur erschließen
Mag sich auf deine Wohltbat das Vertrauen,
Doch um dem Willen nicht den Pfad zu schließen:

So bitt' ich dich, wenn du magst jemals schauen
Das Land, daß ist gelegen in der Mitte
Von Karl's und der Romagna weiten Auen,

Dann sei mir freundlich ja mit deiner Bitte
In Fano, daß man für mich beten möge
Und ich die Läut'rung schwerer Sduld erstritte.

Dort war ich: doch die tiefen Wundenschläge,
Die mich des Bluts, in dem ich saß, beraubt,
Empfing ich einst in Antenor's Gehege,

Wo ich mich damals sicherer geglaubt,
Durch den von Este, dessen Zorn mich haßte
Viel mehr, als es das Recht will überhaupt.

Doch wenn die Flucht nach Mira ich erfaßte
Als bei Oriaco sie mich überfallen,
Ich säße noch im Erdenleib zu Gaste.

Allein ich lief zum Moor; dort mußt' ich fallen
Vom Sumpf gehindert, meiner Adern Flut
Sah ich die Erde grausig überwallen.« -

Da sprach ein Andrer: Daß der Wunsch sich gut
Erfülle, der dich herzog, bitt' ich innig,
Daß mir dein Mitleid gebe guten Muth.

Buonconte, der von Montefeltro, bin ich
Giovanna, noch sonst Wer, mag Sorgen haben
Um mich, d'rum geh' ich hier so trüb' und sinnig.« -

Und ich: »Wie ward dein Glück so untergraben?
Was riß gewaltsam dich aus Campaldin,
Daß man bis jetzt nicht weiß, wo du begraben?« -

»O,« sprach er d'rauf, »am Fuß des Casentin
Ein Wasser, der Archiano, hin sich windet,
Das über'm Kreuz entspringt im Apennin.

Da, wo sein Name späterhin verschwindet,
Kam ich auf meiner Flucht, es färbt' den Ort
Blut aus durchbohrter Kehle! Hier erblindet'

Mein Auge, und es war mein letztes Wort
Maria's heil'ger Name; ich fiel nieder
Und meine Hülle blieb verlassen dort.

So spreche wahr, verkünd' es für die Brüder:
Mich nahm der Engel Gottes. Der der Hölle
Schrie: Du vom Himmel, du beraubst mich wieder?

Du führst das Ewige zur lichten Zelle
Nur um ein Thränchen, das es mir entzieht,
Doch mit dem Andern spring' ich um zur Stelle!

Du weißt, wie in der Lust zusammenzieht
Der feuchte Dunst, der niederströmt als Regen,
Sobald er kommt, wo ihn der Frost durchzieht:

Der Böse drauf, der nur kann Böses hegen
In seinem Sinn, warf seiner Kraft Gewicht
Hinein, um Sturm und Wolken zu bewegen;

Das Thal, als sei verlöscht das Tageslicht,
Auf Pratomagno's großem Joch bedeckte
Mit Nebel sich, der Himmel ward so dicht,

Daß sich die schwang're Wolke berstend streckte,
Der Regen fiel und in die Gründe floß
Was nicht die Erde litt und in sich leckte,

Und wie's den steilen Ufern ziemte goß
Zum königlichen Fluß der Schwall sich nieder
So schnell, daß nichts ihn aufhielt, wie er schoß.

An seiner Mündung meine kalten Glieder
Fand der Archiano, wild zum Arno stürzt'
Er sie und löst das Kreuz der Arme wieder,

Das ich im Schmerz mir auf der Brust geschürzt.
Zur Küste wälzt' er mich und dann zum Grunde,
Von seinem Raub bedeckt und überstürzt.« -

»O kehrst du einst zur Welt auf deiner Runde
Und hast gerastet von der langen Reise,«
So klang es aus des dritten Geistes Munde,

»Denk' auch an mich, die Pia. Aus dem Kreise
Siena's bin ich, doch in der Maremme
Erschlagen, das weiß der, der zum Beweise

Der Ehe mich beringt mit seiner Gemme.


Gesang 06

Nothruf um Italiens Weh.

Wenn man vom Zaraspiel ist aufgestanden,
Bleibt, wer verloren hat, betrübt zurück
Und wirft für sich noch, ob er wird zu Schanden;

Dem Andern folgt das Volk und preist sein Glück,
Der geht voran, der faßt ihn gar am Kleide,
Bemerkbar macht sich Jeder mit Geschick.

Er bleibt nicht stehn und hört auf alle Beide;
Der, dem er etwas reicht, drängt ihn nicht mehr,
Und so vertheidigt er sich vor dem Neide.

In soldem Schwarme war ich ungefähr,
Versprechend löst' ich mich von ihren Klagen
Und wandte stets mein Antlitz hin und her.

Da war der Aretiner, der erschlagen
Von Ghin da Tacco's wildem Rächerarme
Und Jener, der ertrank im raschen Jagen,

Da hat, die Hände ausgestreckt im Harme,
Novello, und von Pisa, der zumeist,
Um den Marzucco start erschien, der Arme;

Id sah den Grafen Orso und der Geist,
Der nur durch Groll und Neid vom Leib geschieden,
Nicht um begangne Sünden, wie es heißt,

Ich meine Pierre la Brosse - d'rum mag hienieden
Sich verseh'n zeitig die Brabanterin,
Daß ihr nicht wird ein schlimm'res Loos beschieden.

Als ich von allen Schatten, deren Sinn
Auf schnell're Heiligung nur stand zu beten,
Befreit, ging wieder meines Wegs dahin,

Begann ich: »Du verwirfst, was sie erflehten;
Ausdrücklich sagtest du's, mein Licht. und zwar:
Des Himmels Rathschluß beuge nicht das Beten:

Und diese bitten doch darum sogar!
Soll also denn vergeblich sein ihr Hoffen?
Wie? Oder ist dein Spruch mir nicht recht klar?« -

Er sagte: »Meine Meinung liegt dir offen;
Doch ihre Hoffnung wird d'rum nicht zu Schanden,
Wenn sie gesunder Geistesblick getroffen.

Des Urtheils Strenge bleibt ja doch vorhanden,
Wenn auch die Liebe, die sich Gott verbindet,
Erfüllt, was Jene löst aus ihren Banden:

Und dort, wo ich den Ausspruch dir verkündet,
Sühnt sich die Schuld durch alles Beten nicht,
Weil das Gebet den Weg zu Gott nicht findet.

Bei solchen hohen Zweifeln wehrt die Pflicht
Zuweilen dir, bis Sie kann Lösung geben,
Die zwischen Wahrheit und Verstand bringt Licht!

Verstehst du? Beatrice mein' ich eben,
Du wirst sie droben seh'n im Lichtrevier
Von diesem Berge selig lächelnd schweben.« -

Und ich: »O guter Meister, eilen wir!
Ich bin nicht mehr so müde, wirst du sehen,
Und schau! Der Berg wirft schon den Schatten hier!« -

»Wir werden mit dem Tage vorwärts gehen,«
Erwiedert' er, »so weit wir kommen können:
Doch anders, wie du denkst, wird es geschehen.

Eh' du hinaufkommst, wird von Neuem brennen
Die Sonne, die sich deckt schon mit dem Strande,
Daß ihren Strahl du nicht mehr brechen können.

Dod sieh dort eine Seele an dem Rande
Ganz einsam steh'n, den Blick nach uns gekehrt,
Die zeigt uns wohl den nächsten Weg im Lande.«

Wir kamen zu ihr: stolz und ehrenwerth,
Lombarden-Seele, standest du gelassen,
Langsam das Auge nach uns zugekehrt.

Sie sagte nichts zu uns, und wollt' uns lassen
Vorübergehn, als wir ihr genaht,
Wie'n Löwe, der sich ruht. Doch nicht erlassen

Konnt' ihr Virgil das Wort, indem er bat,
Vom besten Aufgang Kunde uns zu geben,
Und sie ertheilt' der Frage keinen Rath,

Vielmehr nach unserm Land und unserm Leben
Frug sie. Mein theurer Führer drauf begann:
»Aus Mantova« - da sprang mit mächt'gem Beben

Der Schatten auf und hub zu sprechen an:
»O Mantovaner, sieh, ich bin Sordell,
Aus deinem Lande!« - und umarmt' ihn dann.

Italien, weh dirm Sclavin! Schmerzenzell'
Schiff ohne Steuermann vom Sturm befangen!
Nicht Länderherrscherin, vielmehr Bordell!

Die milde Seele fühlte schnell Verlangen
Nur bei dem süßen Klang aus ihrem Lande,
Den Stadtgenossen freudig zu umfangen

Und deine Städte steh'n im Kriegesbrande
Und Jeder wider seine Nächsten wüthet,
Umhegt von einem Wall und Grabenrande.

Such' deine Seemacht, Arme, die vermiethet
An allen Küsten, wahre deinen Schooß,
Wenn noch ein Theil in dir den Frieden hütet!

Was hilft es, da dein Sattel reiterlos,
Daß Justinian den Zaum dir neu gegeben?
Die Schande wäre sonst wohl nicht so groß!

O Volk, du solltest besser sein ergeben,
Im Sattel deinen Kaiser sitzen lassen,
Verständest du, was Gott dir kund will geben;

Sieh, wie das Thier ist bös und ausgelassen,
Weil es der Sporn nicht strafend bringt zur Ruh,
Seit deine Hände nach dem Throne fassen!

O deutscher Albrecht, was verließest du
Das Roß im wilden ungezähmten Muthe?
In seine Bügel treten kam dir zu!

Gerechtes Urtheil falle deinem Blute
D'rob von den Sternen, klar und unbestritten,
Und dein Nachfolger scheu' die Zornesruthe!

Du und dein Vater, was habt ihr gelitten,
Durch Habsucht fern gehalten, daß der Garten
Des Reichs verwüstet unter Feindestritten?

Sieh die Montecchi, Capelletti warten,
Monaldi, Andre mehr, sorgloser Mann,
Die längst des gleichen trüben Looses harrten!

Komm, homm Grausamer! Sieh die Noth dir an
Von deinen Edeln, tröste, die verzagen
Und schau', ob Santafior sich schützen kann!

Sieh deine Roma sitzen dort und klagen,
Verwittert, einsam, Tag und Nacht betrübt:
»Mein Kaiser, kannst du mir den Schutz versagen?«

Komm, sieh das Volk, wie es einander liebt:
Und kann dich nichts zum Mitleid uns bewegen,
Sei es dir Schmach, die deinen Nachruhm trübt!

Du höchster Gott, bin ich nicht zu verwegen,
Der du für uns gekreuzigt warst hienieden,
Ist abgekehrt von uns dein Blick voll Segen?

Wie? Oder hast du uns ein Gut beschieden
In deines Rathes Tiefen, wundervoll
Bereitend vor zu unserm künft'gen Frieden,

Daß jetzt Italiens Länder alle voll
Sind von Tyrannen, und ein jeder Bauer,
Der mitläuft, zum Marcellus werden soll?

Nun, mein Florenz, dich füllt doch nicht mit Trauer
Die Abschweifung, die dich ja nicht berührt,
Dank deinem Volk, das sorglich für die Dauer!

Gerechtigkeit im Herzen man nicht spürt,
Weil ohne Rathschluß sie nicht kommt zu Tage,
Darum dein Volk sie nur im Munde führt:

Gemeinherrschaft erregt sonst manche Klage,
Allein dein Volk schreit eifrig: »Das besorgen
Wir ganz allein, daß sich die Last ertrage!«

Sei froh, du hast Fahrwasser, bist geborgen,
Reich, friedlich, voller Weisheit und Verstand:
Ob ich die Wahrheit sprach, bleibt nicht verborgen.

Athen und Lacedämon, die gekannt
Zuerst Gesetze, und gebildet Wesen,
Die hielten fest an ihrem Staatsverband,

Doch du, die so Subtiles stets erlesen,
Daß, was du im October nahmst zu spinnen,
Novembers Mitte nicht mehr da gewesen,

Wie oft, seit du der Zeit dich kannst entsinnen,
Hast du gewechselt Aemter, Geld, Gesetze
Und Sitten und dein Volk erneut von innen?

Und wenn du's recht bedenkst, wie ich dich schätze,
Wirst du dich jener Kranken ähnlich sehen,
Die nicht kann ruhn im Bett, ob sie sich setze

Und lege, die vor Schmerz sich stets muß drehen.


Gesang 07

Die Fürsten.

Nachdem die freudige Begrüßung noch
Drei- oder viermal Beide mußte laben,
Stand ab Sordell und sprach: »Wer seid Ihr doch?« -

»Eh' sich gekehrt zu diesem Berg erhaben
Die Seelen, daß sich ihrem Gott verkünde,
Ward mein Gebein von Octavian begraben.

Ich bin Virgil, um keine andre Sünde,
Mißt' ich den Himmel, als weil ich kein Christ,«
So gab mein Führer zum Bescheid geschwinde.

Wie Einer, dessen Auge plötzlich mißt
Etwas, das ihn verwundern muß zu schauen,
Er glaubt's und nicht, und weiß nicht, ob es ist:

So schien mir Jener, senkte seine Brauen
Und naht' in Demuth, ohne aufzusehn,
Umarmend ihn, wo Niedre sich's getrauen.

»O Glorie des Lateinervolks, durch den
Einst unsre Sprache ihre Kraft bezeigte,
Du ewige Zier, die meiner Stadt ersehn,

Verdient' ich's, daß dein Anblick mir sich zeigte?
Wenn du mich werth hältst, mir ein Wort zu sagen,
Sprich: kommst du her, so weit die Hölle reichte?« -

»Durch alle Kreise in dem Reich der Klagen,«
Erwiedert' er, »bin ich hieher gekommen;
Mit Jenem, durch des Himmels Kraft getragen,

Um Thun nicht, sondern Nichtthun ward genommen
Der Sonne Anblid mir, der gilt dein Sehnen,
Die mir zu spät zur Kenntniß mußte kommen.

Ein Ort ist drunten, nicht von Marterscenen
Getrübt, nur dunkel, wo ein leises Weinen
Nur klingt und Seufzen statt Geschrei und Stöhnen;

Dort weil' ich bei den unschuldsvollen Kleinen,
Die schlug des Todes Zahn, bevor sie frei
Von ihrem Sündenerbtheil, dem gemeinen,

Dort weil' ich auch bei denen, so die drei
Hochheil'gen Tugenden nicht angethan
Und andern, ohne Laster, folgten treu.

Dod wenn du weißt und kannst, so sag' uns an,
Wie wir dem Orte, wo das Fegefeuer
Beginnt, so schnell als möglich können nahn.« -

Er sprach: »Uns ist kein Pfad bestimmt, doch freier
D'rum kann ich aufwärts in die Runde kommen;
So weit ich führen könnte, bin ich Euer!

Doch seht, der Tag ist schon beinah verglommen
Und aufwärts kann man nimmer gehn bei Nacht,
So denkt denn auf ein gutes Unterkommen.

Hier rechts sind Seelen, wie ich mir gedacht;
Wenn Ihr's gestattet, führ' ich Euch zu ihnen,
Wo die Bekanntschaft Euch Vergnügen macht.« -

»Wie denn?« versetzt' ich. »Wer sich wollt' erkühnen
Bei Nacht des Aufgangs, würd' er's nicht vollbringen?
Wer würd ihn hindern d'ran?« - Mit ernsten Mienen

Strich über'n Grund Sordell: »Zu überspringen
Nicht einmal diese kleinen Furchen wären,
Sobald die Sonnenstrahlen untergingen.

Nicht, daß dir etwas Andres würde wehren,
Als nächt'ges Dunkel, in die Höh' zu steigen,
Das kann zur Ohnmacht jeden Wunsch verkehren.

Wohl dürfte man sich niederwärts versteigen
Und um den Abhang irren in der Runde,
So lang der Horizont nicht Tag will zeigen.« -

Mein Meister d'rauf, verwundert ob der Kunde,
Sprach: »Führ' uns denn, wo über Nacht zu weilen
So köstlich ist, wie du gesagt zur Stunde.«

Als wir ein wenig fern im Weitereilen,
Bemerkt' ich eine Bergschlucht in dem harten
Gestein, wie oft es hier die Thäler theilen.

»Dort,« sprach der Schatten, »gehn wir in den Garten,
Der in des Berghangs Schooße sich befindet,
Da wollen wir den neuen Tag erwarten.« -

Ein Pfad, der zwischen Schroff und Flach sich windet,
Führt' uns zur Schlucht, um unten einzukehren,
Wo mehr als halb der steile Rand verschwindet.

Gold oder feines Silber, Scharlachbeeren,
Des Indigo's hellleuchtend klares Blau,
Und frisch gebrochene Smaragden wären

Besiegt durch jene reiche Blumenschau,
Wie Niedres wird von Höherm, die wir fanden
Mit schönen Pflanzen auf der tiefen Au.

Nicht durch Natur gemalt sind sie vorhanden
Mit lieblichen Gerüchen ohne Zahl,
Die sich zum unbestimmten Duft verbanden.

Salve Regina singend allzumal
Auf Grün und Blumen saßen viele Seelen,
Die man von außerhalb nicht sah im Thal.

»Eh' nicht die Sonne ganz sich fort mag stehlen,«
Sprach der von Mantua, Der uns hergebracht,
»Wollt nicht Euch hinzuführen mir befehlen.

Von diesem Vorsprung nehmt vielmehr in Acht
Geberd' und Antlitz Jedes unter ihnen,
Der in der Schlucht sein Lager hat gemacht.

Der dort erhaben sitzt und scheint an Mienen
Versäumt zu haben, wozu er verbunden
Und nicht den Mund bewegt, dem Sang zu dienen,

War Kaiser Rudolf, welcher all' die Wunden
Italiens heilen konnte, die geschlagen
Daß ihm erst spät ein Retter wird gefunden.

Der Andre, den er anschaut mit Behagen,
Beherrscht das Land, aus welchem ihr Gewässer
Die Elb' und Moldau hin zum Meere tragen.

Sein Nam' ist Ottokar, er war viel besser
In Windeln, als sein Wenceslaw im Bart,
Der lebt in Ueppigkeit und Ruh als Fresser!

Die kleine Nase dort, die Ihr gewahrt
Im engen Rath mit Jenem, wild von Blicken,
Starb auf der Flucht, die Lilie schlecht bewahrt.

Seht, wie er schlägt die Brust, die will ersticken!
Den Andern seht, wie seufzend er der Wange
Ein Bett macht aus der Hand! Die Schmerzen drücken

Den Vater und den Schwiegervater bange
Von "Frankreichs Plage", weil sie dessen Leben
Im Koth des Lasters wissen. Dort der Lange,

Der scheint so stark gegliedert und sich eben
Zum Mannhaftnasigen im Sang gekehrt,
War einst von jeder Tugend reich umgeben

Und wäre nach ihm König, wie er's werth,
Der Jüngling, den du hinter ihm siehst ragen,
Ging von Gefäße zu Gefäß der Werth

Das läßt sich nicht von andern Erben sagen:
Jakob und Friedrich haben wohl die Reiche,
Doch bess'res Erbtheil nicht davon getragen.

Gar selten, daß der Sproß dem Stamme gleiche
In Menschentugend: das will fort und fort
Gott, der sie gibt, daß man sein Ziel erreiche.

Auch dem mit starker Nase gilt mein Wort,
Wie Pedro, welcher singt im Ehrenkranze:
Apulien und Provence beklagt es dort!

So schlechter, als ihr Same, ist die Pflanze,
Als mehr, wie Beatrix und Margareth,
Sich ihres Gatten rühmen kann Constanze.

Den König, der so einfach lebte, seht
Ihr sitzen dort allein, Heinrich den Dritten,
Dem es mit seinen Sprossen besser geht.

Der, welcher tiefer liegt in ihrer Mitten
Und aufblickt, ist Guglielmo der Marchese,
Durch welchen Alessandria gelitten

Im Krieg und Montferrat und Canavese.


Gesang 08

Die Schlange.

Schon war die Stunde, die mit Sehnsuchtstrieben
Den Schiffer füllt und ihm das Herz erweicht
Um Tag des Abschieds von den süßen Lieben,

Die macht des Pilgers Auge tbränenfeucht,
Wenn er von fern die Glocken hört erklingen,
Gleichsam den Tag beweinend, der entweicht:

Da lauscht' ich jetzt vergebens auf das Singen,
Und eine Seele sah ich sich erheben,
Mit ihrer Hand Gehör sich zu bedingen.

Sie kam und hob die beiden Hände eben,
Den Blick gen Ost gerichtet, daß vom Bunde
Mit ihrem Gott sie möge Zeugniß geben.

Te lucis ante, ging aus ihrem Munde
So fromm und in so lieblich süßen Klängen,
Daß ich darob mich selbst vergaß zur Stunde.

Die Andern sich in Andacht um sie drängen
Und folgen ihr durch jene Hymne ganz
Und alle Augen an den Sphären hängen.

Nun schärf', o Leser, für der Wahrheit Glanz
Dein Auge: dünn geworden ist der Schleier,
Leicht durchzuschau'n. So sah der Frommen Kranz,

Nachdem beendigt war der Andacht Feier,
Zum Himmel blickend steh'n mit tiefem Schweigen,
Gleichsam in Demuth harrend. Und aus freier

Lust sah ich gehn hervor und niedersteigen
Zwei Engel, deren Schwerter Flammen schossen,
Doch abgebroch'ne Spitzen konnten zeigen.

Grün, wie des Lenzes Blätter jung entsprossen,
War ihr Gewand, das sie von grünen Schwingen
Bewegt und weit nachwehend, schön umflossen.

Ein wenig über uns sie niedergingen
Auf jedem Thalrand Einer von den Beiden,
Daß sie die Seelen zwischen sich empfingen.

Wobl war ihr blondes Haupt zu unterscheiden,
Doch nicht ihr Antlitz, das den Blick beklommen,
Wie beim Zuviel die Kraft sich muß bescheiden.

»Die Beiden aus Maria's Schooße kommen,«
Begann Sordell, »dies Thal hier vor den Tücken
Der Schlange zu bewachen, und die Frommen.«

Ich, der nicht wußte, wo sie zu erblicken,
Sah rasch mich um und drängte mich im jähen
Schreck ganz erstarrt an des Getreuen Rücken.

Sordell fuhr fort: »Nun laßt uns niedergehen
Zu jenen großen Schatten, sie zu grüßen;
Gar lieb wird ihnen sein, Euch hier zu sehen.«

Drei Schritte, glaub' ich, nur hernieder ließen
Mich unten sein, da sah mich Einer an,
Als wollt' er mich erkennen und begrüßen.

Die Luft sich zu verfinstern schon begann,
Doch nicht so sehr, daß sie vor unsern Blicken
Nicht aufgeklärt, was früher lag im Bann.

Er nahte mir, ich ihm: o welch' Entzücken,
Du milder Richter Nino, war es mir,
Dich nicht bei den Verdammten zu erblicken!

Kein schöner Gruß fehlt' zwischen mir und dir.
Dann fragt' er: »Seit wie lange bist du kommen
Durch ferne Wasser zu dem Berge hier?« -

»O,« sprach ich, »durch die Hölle schmerzbeklommen
Kam ich heut' früh, und bin im ersten Leben,
Wie du das and're hier hast angenommen.« -

Und wie ich diese Antwort kaum gegeben,
Fuhr er zurück und auch Sordell, wie man
Sieht Leute plötzlich vor Bestürzung beben.

Der sah Virgil und Jener Einen an
Der da saß: »Auf, Currado!« rief er. »Sieh,
Was Gott aus Gnaden Großes wirken kann!«

Und dann zu mir: »Bei den Gefühlen, die
Du Jenem dankbar schuldest, der verborgen
Uns hält auf Erden das Warum und Wie -

Bist du jenseit der breiten Flut geborgen,
Geh' zu Giovanna: wo man gibt Gehör
Der Unschuld, soll sie betend für mich sorgen;

Denn ihre Mutter liebt mich wohl nicht mehr,
Seitdem sie abgelegt die weißen Schleier,
Nada denen sie sich sehnt im Elend sehr.

An ihr begreift sich leicht, wie Liebesfeuer
Nur eine kurze Zeit sich hält in Frauen,
Wenn Aug' und Sinn nicht oft es weckt. Zur Feier

Wird ihr die Viper Mailands nimmer bauen
Ein Grabmal so vollkommen schön im Tempel,
Als sich Gallura's Hahn wohl mocht' getrauen.«

So sprach er, und sein Antlitz trug den Stempel
Von dem gerechten Eifer, der entzündet
Im Herzen, als ein würdiges Exempel.

Mein Auge stets zum Himmel flog erblindet,
Dort, wo die Sterne sich nur langsam drehen,
Wie's nach der Achse sich bei Rädern findet.

Mein Führer sprach: »Was willst du droben sehen?«
Und ich: »Nach den drei Lichtern schau' ich gerne,
Von denen scheint der Pol im Brand zu stehen.«

Und er zu mir: »Die vier so hellen Sterne
Die du heut' früh gesehn, sind schon hinab,
Statt ihrer stiegen diese hoch zur Ferne.«

Er sprach's, da zog Sordell ihn von mir ab
Und rief: »Sieh dort den Widersacher kommen.«
Und streckt' den Finger aus, wo sich's begab.

Von dort, wo nicht der Berg in Schutz genommen
Das kleine Thal, kam eine Schlange her,
Von der wohl Eva bitt're Frucht bekommen.

Durch Kraut und Blumen schlich ihr Streif einher,
Der Kopf zuweilen rückwärts umgeschlagen,
Wie 'n Thier sich putzt mit Lecken ungefähr.

Ich sah es nicht und kann es d'rum nicht sagen,
Wie sich der Himmelsfalken Ruhe störte,
Doch sah ich beide ihre Schwingen schlagen.

Als sie die Luft im Flug durchschneiden hörte,
Da floh die Schlange und das Engelpaar
Flog auf zum Posten, der ihm angehörte.

Der Schatten, der genaht dem Richter war,
Als er ihn rief, ließ von mir seine Blicke
Nicht ab, selbst bei des Angriffs Kampfgefahr.

»Die Leuchte, die dich führt hinauf zum Glücke,
Mag so viel Kraft in deinem Willen finden,
Daß er des höchsten Himmels Schmelz erblicke!«

Begann er: »Hast du Nachricht zu verkünden
Von Valdimagra oder nahen Orten,
Sag' an: ich war einst groß in jenen Gründen,

Currado Malaspina hieß ich dorten,
Der alte nicht, doch wohl mit ihm verwandt,
Die Meinen liebt' ich, was an diesen Pforten

Mich läutert.« - »O,« sprach ich, »in Eurem Land
War ich noch nie, doch kann man wo verkehren
In ganz Europa, wo es nicht bekannt?

Der Ruhm, der Euer Haus bekränzt mit Ehren,
Spricht von den Herren, spricht vom Lande recht,
Daß auch, wer nicht dort war, Euch weiß zu ehren.

Ich schwör' Euch, daß sich Euer gut Geschlecht
Niemals, so wahr ich mag nach Oben gehen,
Verwirkt der Börse und des Schwertes Recht.

Mag auch der Bosheit Haupt die Welt verdrehen,
Natur und Brauch bevorzugt es, grad' aus
Zu geh'n und böse Wege zu verschmähen.« -

Und er: »Wohlan! die Sonne wird in's Haus
Nicht sieben Mal sich lagern, das zu decken
Der Widder tritt mit allen Vieren aus,

Bis diese güt'ge Meinung sich vollstrecken
Wird an dir selbst und sich befest'gen gut
In deinem Haupt! Das wird sich dir entdecken,

Wenn nichts dem Lauf des Spruches Einhalt thut.«


Gesang 09

Die Stufen der Pforte.

Des alten Titon Liebchen machte schon
Den Rand des Ostens silberweiß erscheinen,
Aus ihres lieben Freundes Arm entfloh'n,

Lichthell war ihre Stirn von Edelsteinen,
Die mußten sich, zur Bildung zugeschnitten,
Des Thiers, das mit dem Schweife sticht, vereinen.

Soon hatte zwei von ihren Aufgangsschritten
Zu unserm Ort gethan die stille Nacht,
Und senkte schon die Schwingen zu dem dritten,

Als ich, der meinen Adam mitgebracht,
Vom Schlaf besiegt, in's Gras mich niederstreckte,
Wo wir uns alle Fünf den Sitz gemacht.

Zur Stunde, wo die Schwalbe früh erweckte
Ihr traurig Lied, weil sie in Luftregionen
Vielleicht des frühern Grams Gedächtniß schreckte,

Wo unser Pilgergeist, der hier muß wohnen
Im Fleisch mehr, als im Höheren befangen,
Gleichsam von Gott erfüllt ist zu Visionen,

Sah ich im Traum am Himmel schwebend prangen
Hoch einen Aar mit goldenem Gefieder,
Als sei herabzustoßen sein Verlangen.

Es schien mir dort zu sein, wo einst die Brüder
Von Ganymed, dem Fürstensohn, verlassen,
Als er zum Göttersaal erhob die Glieder.

Ich dacht' in mir: »Der scheint nur hier zu fassen
Die Beute, die für seine Fänge gut,
Und jeden andern Ort vielleicht zu hassen.«

Nachdem er nun gekreist und sich geruht,
Sdoß er hernieder furchtbar, gleich dem Blitze,
Und raubte mich und trug mich auf zur Glut.

Da schien's, als brannten Beide wir vor Hitze,
Und wirklich schmerzte der geträumte Brand,
Daß er den Schlaf mir brach am Felsensitze.

Nicht anders einst Achill den Schreck empfand,
Die wachen Augen rollend wild im Kreise,
Nicht wissend, wo er eben sich befand,

Als ihn die Mutter in den Armen leise
Von Chiron trug nach Styros' Strand von hinnen,
Wo ihn die Griechen holten auf der Reise,

Als ich aufschrack, da mir aus meinen Sinnen
Der Schlummer floh und mich erfüllt' mit Pein,
Wie sich bestürzt der Mensch nicht kann besinnen.

Zur Seite war mein Trost mir ganz allein,
Die Sonne stand schon hoch, mehr als zwei Stunden,
Gekehrt zum Strande war das Antlitz mein.

»O fürchte nichts!« sprach er, dem ich verbunden,
»Sei ruhig, denn wir sind an guter Stelle,
Die Kraft muß frei dir sein und nicht gebunden.

Du stehst nun an des Purgatoriums Schwelle,
Sieh dort den Wall, der ringsum es verschließt,
Und dort den Eingang, wo dir scheint die Helle.

Noch vor dem Frühroth, das den Tag erschließt,
Als deine Seele schlafend in der Pflege
Auf Blumen lag, wo deren Zierde sprießt,

Erschien ein Frauenbild im Thalgehege:
»Sie, ich bin Lucia! Laß mich Jenen tragen
Und schlummernd ihm erleichtern seine Wege!«

Sordell blieb mit den Andern, wo sie lagen;
Sie nahm dich auf und bei des Morgens Strahl
Kam sie hierher, ich folgt' ihr ohne Zagen;

Hier setzte sie dich ab und erst empfahl
Ihr schönes Auge mir die off'ne Pforte,
Dann schwand sie hin und auch dein Schlaf zumal.« -

Wie Einer, dem die Zweifel vor dem Worte
Der Wahrheit fliehn, die ihm nicht mehr verborgen,
Die Furcht verkehrt in Zuversicht zum Horte,

So ward ich auch und da mich ohne Sorgen
Mein Führer sah, stieg er empor den Rand,
Zur Höhe folgt' ich durch den hellen Morgen.

Du siehst, o Leser, wie ich immer fand
Erhabnen Stoff, d'rum staune nicht! Entfaltet
Erscheint mit weit mehr Kunst dir sein Gewand! -

Wir kamen an den Ort, wo sich gestaltet
Ein Durchbruch, der mir Anfangs war erschienen
Nur wie ein Riß, der eine Mauer spaltet.

Ich sah ein Thor, zu dem als Aufgang dienen
Drei Stufen, die verschied'ne Farben tragen,
Und einen Thorwart schweigend über ihnen.

Und wie ich mehr die Augen aufgeschlagen,
Sah ich ihn auf der höchsten Stufe sitzen,
Sein Antlitz konnte nicht mein Blick ertragen.

Er trug ein nacktes Schwert, vor dessen Blitzen,
Die uns sein Spiegel warf entgegen grade,
Ich oft umsonst mein Auge sann zu schützen.

»Sagt an, was wollt Ihr dort auf jenem Pfade?«
Begann er jetzt. »Wo ist denn das Geleit?
Seht zu, daß Euch die Ankunft hier nicht schade!« -

»Ein himmlisch Frauenbild hier eingeweiht,«
Antwortet' ihm mein Meister, »sagt' uns eben:
Geht nur dorthin, da ist die Pforte weit!«

»So wird sie fördern Euer würdig Streben!«
Sprach d'rauf der Pförtner freundlich voller Milde.
»Ihr könnt auf unsre Stufen Euch erheben.

Wir kamen an. Die erste glich dem Schilde,
Von weißem Marmor so geschliffen rein,
Daß sie zum Spiegel diente meinem Bilde-

Die zweite war von einem dunkeln Stein,
Rauch, wie von Brand versengt, die ihn erhitzte,
Geborsten in der Läng' und quer hinein.

Die dritte, die sich schwer auf Beide stützte,
Schien mir Porphyr, so flammendroth entbrannt,
Wie Blut, das eben aus den Adern spritzte.

Die beiden Fersen hielt auf ihrem Rand
Der Engel Gottes, sitzend auf der Schwelle,
Die mir erschien, wie lichter Diamant.

Hinauf die Stufen zog des Führers Schnelle
Mich willig: »Bitt' in Demuth, zu erschließen,«
So sprach er, »jenes Schloß der Gnadenzelle!«

Ich warf mich brünstig zu den heil'gen Füßen,
Erbarmen flehend, Einlaß in die Thür,
Und schlug dreimal die Brust, um ihn zu grüßen.

Mit seines Schwertes Spitze schrieb er mir
Auf meine Stirne sieben P.: »die Wunden
Wasch' ab, sobald du drinnen, sag' ich dir!«

Erd' oder Arsche, trocken aufgefunden,
War gleicher Farbe wohl mit seinem Kleide,
Aus dem er zog zwei Schlüssel, eng verbunden,

Der eine Gold, der and're Silber Beide
Nahm er, den weißen erst und dann den gelben,
Und wirkte an der Thür zu meiner Freude.

»Wenn einer von den Schlüsseln zu demselben
Zweck siche nicht richtig dreht,« so sprach er jetzt,
»Thut sich der Weg nicht auf in den Gewölben.

Der ein' ist theurer, doch der and're setzt
Mehr Kunst und Sinn voraus, eh' er mag schließen,
Denn er ist, der den Knoten löst zuletzt.

Von Petrus hab' ich sie, er sprach: erschließen
Soll ich viel eher falsch, als sperren dort,
Wenn nur das Volk sich wirft zu meinen Füßen.«

D'rauf schlug er an die Thür zum heil'gen Ort
Und sprach: »Geht ein, doch sag' ich Euch, im Falle
Ihr rüdwärts blickt, müßt ihr hinaus sofort.«

Als auf den Angeln nun der heil'gen Halle
Gewalt'ge Flügelthüren sich gedreht,
Die ganz von starkem klingendem Metalle,

Hat nicht Tarpeja so gekreischt und spät
Sich der Gewalt gefügt, als ihr genommen
Metell, der gute, der für sie gefleht.

Ich lauschte dem Geräusch, das ich vernommen,
Und ein Tedeum schien mir zu erklingen,
Von Stimmen, die musikbegleitet kommen.

Der Eindruck, der in mir hervorzubringen,
War der, wie es gewöhnlich wird geschehen,
Wenn sie zur Orgel in der Kirche singen,

Wo man bald etwas kann, bald nichts verstehen.


Gesang 10

Der erste Rundweg.

Als wir im Innern waren, wo erscheinen
So wenig Seelen nur aus bösem Hange,
Der krummre Wege läßt gerade scheinen,

Hört' ich die Pforte zugeh'n an dem Klange,
Und hätt' ich umgeschaut, was wär' der That
Entschuldigung gewesen, die verfange?

Wir stiegen auf durch einen Felsenpfad,
Der rechts und links sich wand nach beiden Seiten,
So wie die Woge, welche flieht und naht.

»Hier muß Geschicklichkeit uns weiter leiten,«
Begann mein Führer, »daß wir uns hinauf
Anhaltend rechts und links den Weg bereiten.«

Das hielt uns so in unsern Schritten auf,
Daß sich des Mondes schmaler Rand der Welle
Im Niedergang genaht, eh' unser Lauf

Gewann der engen Feldkluft äuß're Schwelle,
Und wir gelangten, wo der Bergesrand
Zurücktritt, bildend eine off'ne Stelle:

Ermüdet ich, und Beide unbekannt
Mit unserm Weg, auf ebnem Platz der Sphäre;
So einsam; wie ein Pfad im Wüstensand:

Von seinem Saum; wo er begrenzt das Leere;
Bis zu des Berges Fuß der höher steigt,
Etwa dreimal ein Mensch zu messen wäre.

Und auch nach rechts und links, so weit gereicht
Mein Auge fernhinab, um zu erspähen,
Hat das Gesims sich ebenso gezeigt.

Noch hatten wir die Stufe, die zum Gehen
Sehr unbequem, mit Füßen nicht beschritten,
Als ich bemerkte, daß sie rings zu sehen

Von weißem Marmor, d'rauf zur Zier geschnitten
Viel Bildwerk so, daß nicht nur Poliklet,
Auch die Natur hier hätte Schmach erlitten.

Der Engel, der auf Erden das Decret
Gebracht zum viele Jahr' beweinten Frieden,
Daß nach dem Bann der Himmel offen steht,

Erschien vor uns so wahrhast und entschieden
Dort eingeschnitten, wo er liebreich ragte,
Als sei uns nicht ein stummes Bild beschieden;

Geschworen hätt' ich, daß er: Ave! sagte.
Dann war auch dort der heil'gen Jungfrau Bild,
In der uns einst die höchste Liebe tagte

Und ihre Miene sprach die Worte mild:
Ecce ancilla Dei! klar und eigen,
Wie nur in Wachs ein Abdruck es erfüllt.

»Nicht einem Orte stets dich achtsam zeigen!«
So sprach mein süßer Meister, dem ich nah
Zur Seite, wo das Herz den Menschen eigen.

Daher ich wandte meinen Blick und sah
Rüdwärts der Jungfrau drüben auf der Seite
Des Führers in den Fels gehauen da

Ein and'res Bild, worauf ich dem Geleite
Virgil's vorausging mit geschwinden Schritten,
Daß es sich besser meinen Augen deute.

Dort sah ich in den Marmor selbst geschnitten
Die Bundeslade auf dem Ochsenwagen,
Die keinen unbefohl'nen Dienst gelitten,

Vor ihr, in sieben Chöre eingetragen,
Kam Volk, das ließ den einen meiner Sinne
»Sie singen, ja!« den andern: »Nicht doch!« sagen.

So war's auch mit dem Weihrauch, der darinne
Gebildet war, wo sich beim Ja und Nein
Entzweiten Nas' und Augen im Beginne.

Voran dem Weihgefäß in Demuth rein
Ging der Psalmist und tanzte, der sich traute
Mehr und auch minder als ein Fürst zu sein.

Ihm gegenüber aus dem Fenster schaute,
Des großen Schlosses, Michal, die befand
In Trauer sich, die ihr vom Auge thaute.

Ich ging vom Orte weiter, wo ich stand,
Um nah zu schau'n die folgende Historie,
Die hinter Michal strahlend ich erkannt.

Dort sah ich dargestellt die hohe Glorie
Des Römerkaisers, dessen Herrlichkeit
Gregor bewegt zur himmlischen Victorie.

Ich spreche von Trajan und seiner Zeit:
Und eine Wittwe hielt an seinem Zügel,
In Thränen ausdrucksvoll und bitterm Leid;

Rings um ihn her voll Reiter Thal und Hügel,
Die Adler in den goldenen Standarten
Bewegten scheinbar durch die Luft die Flügel.

Die Arme, deren Augen auf ihn starrten
Schien ihn zu fleh'n: »Herr! Räche meinen Sohn,
Der mir erschlagen ist!« - »Du mußt erwarten,«

Schien er zu sagen, »meine Rückehr schon!«
Und sie, von rastlos wildem Schmerz besessen:
»O Herr, wenn du nicht heimkehrst auf den Thron?«

Und er: »Wer dann an meiner Statt gesessen
Giebt dir dein Recht!« - Und sie: »Was hilft es dir,
Wenn And're thun die Pflicht, die du vergessen?«

D'rauf er: »Nun, tröste dich! Wohl ziemt es mir,
Zu lösen meine Pflicht, eh' ich mag geben:
Gerechtigteit und Mitleið hält mich hier!« -

Der, welcher nie ein neues Ding gesehen,
Hat diese Rede sichtbar dargestellt,
Nun wohl für uns, weil hier es nie geschehen.

Indeß ich mich ergötzt, die Wunderwelt
Der Bilder solcher Demuth zu betrachten,
Die ihres Meisters wegen schon gefällt:

»Da kommen viele Seelen her im sachten
Schritt,« murmelte der Dichter, »diese schicken
Uns wohl zu höhern Stufen, als wir dachten.«

Mein Auge, das noch eifrig war zu blicken
Nach Neuigkeiten, wo sie schön zu finden,
War jetzt nicht langsam, nach ihm umzublicken.

Ich will dich jetzt, o Leser, nicht entwinden
Dem guten Vorsatz, wenn du hörst mit Schauern,
Wie Gott will, daß die Schuld sich sühnt, verkünden.

Nicht um die Form der Büßung magst du trauern,
Denk' an die Folgen, denk': im schlimmsten Falle
Kann es nur bis zum großen Spruche dauern!

Ich sagte: »Meister, was ich dort am Walle
Seh' zu uns kommen, scheinen mir nicht Leute,
Ich weiß nicht was, so werd' ich irr im Schwalle.«

Und er zu mir: »Die Qual, der sie zur Beute,
Drückt sie mit schwerer Last zur Erde nieder,
So daß mein Auge gleichfalls war im Streite.

Doch blicke fest dorthin und löse wieder,
Was unter jenen Felsen kommt gegangen,
Dann wirst du seh'n, wie jeder regt die Glieder.«

O stolze Christen, elend, schwach, befangen,
Die geistig blind sich wagen in die Stürme,
Wo rückwärts sie, statt vorwärts, nur gelangen!

Seht ihr denn nicht, daß wir nur sind Gewürme,
Bestimmt, den Engelschmetterling zu bilden -
Und daß vor der Gerechtigkeit nichts schirme?

Was wagt sich eure Seele einzubilden?
Ihr gleicht dem halb entwickelten Insect,
Des Wurmes formlos ringenden Gebilden.

Wie oft an Dach und Wölbung man entdeckt
Als Stützen, sie zu tragen, Karyatiden,
Wo sich das Knie der Brust entgegenstreckt,

Die aus Unwahrem wahre Qual beschieden,
Wer sie erblickt: so sah ich, die da zogen,
Nachdem ich sie recht sorglich unterschieden.

Wahr ist, daß mehr und minder sie gebogen,
Nachdem sie trugen mehr und minder schwer,
Und wer am Meisten zur Geduld bewogen,

Schien bang zu sagen: »Ach! Ich kann nicht mehr!«


Gesang 11

Die Stolzen.

»O Vater Unser, der du bist im Himmel,
Nicht abgeschlossen, sondern um zu halten
Mit Liebe deiner Schöpfung Sterngewimmel;

Gelobet sei dein Name und dein Walten
Von jeder Creatur, wie ihr beschieden
Dir Dank zu bringen für dein gütig Schalten;

Zu uns, ach! komme deines Reiches Frieden,
Da wir aus uns zu ihm nicht kommen können,
Mit uns'rer Kraft, wenn er nicht kommt hieniden;

Dein Wille, nie im Himmel anerkennen
Die Engel mit Hosianna dein Gebot,
Geschehe auch auf Erden, dich zu nennen;

Gib uns auch heute unser täglich Brot,
Da, wenn es fehlt, wir fruchtlos weiter streben
In dieser Wüste, wo uns drückt die Noth;

Vergieb uns uns're Schuld, wie wir vergeben
All' unsern Schuldigern, die uns gebeugt
Und sieh nicht auf Verdienst in unserm Leben;

Führ' uns nicht in Versuchung, da so leicht
Der alte Feind mag uns're Tugend trüben;
Erlöse von dem Uebel, wo sich's zeigt!

Die letzte Bitte, Vater, den wir lieben,
Ist nicht für uns, wir brauchen sie nicht mehr,
Sie gilt für die, die hinter uns geblieben.«

So betend, pilgerten die Schatten her,
Wie man zuweilen träumt bei nächt'ger Stunde,
Geängstigt unter ihren Lasten schwer,

Nur mehr und minder, Alle in die Runde
Ermüdet um das erste Bergkarnies,
Daß dort ihr Geist vom Dunst der Welt gesunde.

Wenn sie für uns dort beten stets, was ließ
Sich hier für sie von denen thun und sagen,
Die guten Willen haben? Doch wohl dies:

Der Sünde Zeichen, die sie hier getragen,
Abwaschen helfen, daß sie leicht und rein
Sich schwingen können zu dem Sternenwagen.

»So mag Barmherzigkeit Euch bald der Pein
Entlasten, daß Ihr könnt die Flügel regen,
Die Eurem Wunsch Befriedigung verleih'n,

Als Ihr uns zeigt zur Treppe von den Wegen
Den kürzesten und gibt es mehr als einen,
So sagt uns den, der minder steil gelegen.

Denn dieser mein Begleiter, der in seinen
Leib Adam's noch gekleidet, muß im Streben
Hier gegen seinen Willen langsam scheinen.«

Die Antwort, welche sie darauf gegeben
Dem, dessen Schritt ich folgte, sind bekannt
Zwar den nicht werden, der gesprochen eben,

Doch ward gesagt: »Kommt nur zur rechten Hand
Mit uns, da werdet Ihr die Stelle finden,
Wo ein Lebend'ger steigen kann zum Rand.

Und wehrte mir der Fels nicht, den verminden
Mein stolzer Nacken muß, daher nun rennt
Mein Blick am Boden hin, gleich eines Blinden,

So würd' ich den, der lebt und sich nicht nennt,
Betrachten, um sein Mitleid zu erringen
Für diese Last und seh'n, ob er mich kennt.

Ich war Toskaner, nicht von den Geringen,
Guiglielm' Aldobrandeschi ward genannt
Mein Vater; hörtet Ihr den Namen klingen?

Das alte Blut und meiner Ahnen Stand
Und schöne Thaten machten mich vermessen,
Daß ich nicht dachte an das Vaterland,

Verachtend alle Menschen, bis ich dessen
Lohn fand im Tode: Siena denkt noch mein
Und wer in Campagnatico gesessen.

Ich bin Omberto und nicht mich allein
Verdarb der Stolz, auch alle meine Leute
Zog er in gleiches Unglück mit hinein.

Drum muß ich tragen diese Lasten heute
Um ihn, bis Gott Genugthuung geschehen,
Bei Todten, da ich lebend nicht bereute.«

Ihm lauschend neigt' ich mein Gesicht im Gehen
Und Einem [nicht demselben, der das sagte]
Gelang's, sich unter seiner Last zu drehen,

Er sah mich, kannte mich und rief und zagte,
Da er sein Auge mühsam haften ließ
Auf mir, der ganz gebückt ging. Und ich fragte:

»Seh' ich wohl recht? Bist du nicht Oderis,
Ugobbio's Ehre, dessen Werke machen
Die Kunst so hoch geachtet in Paris?« -

»Ha, Bruder,« sprach er, »mehr die Blätter lachen,
Die malte Franco Bolognese's Hand,
Ganz ist die Ehre sein - halb meinen Sachen!

So höflich hätt' ich das nicht anerkannt
In meinem Leben, weil in dem Verlangen
Nach höchstem Vorzug war mein Herz entbrannt.

Den Lohn des Stolzes muß ich hier empfangen
Und noch wär' ich nicht hier, hätt' ich mich nicht
Zu Gott gewandt, vom Leben noch umfangen.«

O eitler Ruhm der Menschenkunst, wie bricht
Das Grün auf deinem Gipfel bald im Walten
Der Zeit, wenn sie nicht selbst ihn bringt an's Licht.

Es glaubte Cimabue stolz zu halten
Das Feld der Malerei - und Giotto jetzt
Verdunkelt seinen Ruhm. So hat den alten

Der and're Guido seines Throns entsetzt
Und nun ist schon der Mann vielleicht geboren,
Der Beide aus dem Neste jagt zuletzt.

Nicht anders ist der Ruf der Welt erkoren,
Als Windhauch, welcher kommt von hier und dort,
Den Namen wechselnd, wie der Strich verloren.

Was hast du mehr des Ruhms, wenn man dich fort
Im Alter trug, als wärest du geschieden,
Eh' du verlernt dein kindisch lallend Wort, -

Nach tausend Jahren? deren Raum entschieden
Doch kürzer ist zur Einigkeit, als nur
Ein Aufblick zu der Sonne Lauf hienieden.

Der, welcher vor dir langsam seine Spur
Verfolgt, ließ ganz Toscana von sich schallen,
Und jest spricht Siena kaum, was es erfuhr,

Da er war Feldherr, als die Macht verfallen
Der Florentiner, welche stolz und reich
Geprangt wie nun entehrt, in ihren Hallen.

Des Grases Farb' ist Euer Nachruhm gleich,
Die kommt und geht und in demselben Scheine,
Der sie aus harter Erde ruft, wird bleich.« -

Und ich zu ihm: »Dein wahres Wort stillt meine
Vermessenheit und bricht der Demuth Bahn.
Doch von wem sprachst du, daß er hier erscheine?« -

»Das,« sprach er, »ist Salvani Provenzan,
Und er ist hier, weil er in seine Hände
Zu bringen Siena sucht' im stolzen Wahn.

So starb er, und er geht nach seinem Ende
Hier ohne Rast: und dieser Zustand reicht
Genugthuung für Stolz, daß er ihn ende.«

Und ich: »Wenn dieser Geist, der hat erreicht,
Eh' er bereut, den letzten Rand im Leben,
Dort unten bleibt, und nicht nach oben steigt,

Wenn ihm Gebet nicht hilft, sich zu erheben,
Eh' seine Erdenzeit nicht neu verronnen,
Wie ward der Eintritt hier ihm frei gegeben?« -

Worauf der Geist zur Untwort mir begonnen:
»Als er in Ehren lebte, trat er frei
Auf Siena's Platz, von Scham entfernt, gesonnen,

Den Freund zu lösen aus der Sclaverei,
Die er in Karls Gefängniß trug, und blöde
In allen Fiebern zittert' er dabei.

Mehr sag' ich nicht und weiß, daß meine Rede
Dir dunkel: doch die Zeit wird bald sich finden,
Wo du sie deuten kannst in Nachbarnfehde.

Die That ließ diese Schranken vor ihm schwinden.


Gesang 12

Bilder des Stolzes.

Wie ein Gespann im gleichen Joche zieht,
So ging ich mit der Seele schwerbeladen,
So lang' es litt der Lehrer, der uns schied;

Doch als er rief: »Laß ihn auf seinen Pfaden!
Hier ist es gut, wenn jeder, wie er kann,
Sein Schiff mit Segeln treibt zu den Gestaden.« -

Da richtet' ich den Leib empor, wie man
Zu gehen pflegt, obgleich ich noch inmitten
Des Weges blieb im Geist gebeugt, und sann.

So brach nun auf und folgte gern den Schritten
Des Meisters und wir zeigten Beide drauf
Wie leicht wir waren, da wir aufwärts schritten,

Als er mir sagte: »Sieh hinab im Lauf,
Es wird dir gut sein und den Weg vertreiben,
Zu seh'n den Boden, wo du trittst hinauf.«

Wie man, daß ihr Gedächtnis möge bleiben,
Pflegt über die Begrab'nen ihren Steinen:
Wer sie einst waren, Inschrift einzutreiben,

Dadurch man immer muß auf's Neue weinen,
Vom Stachel der Erinnerung getroffen,
Die nur bei frommer Liebe wird erscheinen -

So wurden dort viel besser noch getroffen
Die Kunstgebilde auf des Weges Spur,
Den außerhalb der Bergeshang ließ offen.

Ich sah, der mehr als jede Creatur
War edel einst geschaffen, wie in Eile
Er blitzumflammt vom Himmel nieder fuhr;

Sah Briareus zermalmt vom Donnerkeile,
Der an der andern Seite auf dem Grunde
Schwer lag, erstarrt im Tode vor dem Pfeile;

Timbräus sah ich, Pallas, Mars im Bunde
Gewaffnet um den Vater her betrachten
Die Glieder der Giganten in der Runde;

Sah Nimrod, und sein großes Werk, den machten
Bestürzt die Folgen und er sah die Schaaren,
Die mit auf Sinear zu bauen dachten;

O, Niobe, wie mußt' ich dich gewahren
Vom Schmerz gezeichnet, welcher dich durchwühlt,
Als deine Söhne dir erschlagen waren!

O, Saul, wie nach dem Herzen dir gezielt
Das eig'ne Schwert, in Gelboë daneben,
Daß du nicht Thau, noch Regen mehr gefühlt!

O, thörichte Arachne, sah ich weben
Dich halb als Spinne schon, trüb auf den Fäden
Des Werks, das schlecht für dich sich mußt' ergeben?

Rehabeam! Jetzt drohet nicht dein Reden
In deinem Bilde, das in Furcht und Qualen
Flieht auf dem Wagen, eh' sie dich befehden;

Dann sah ich auch das harte Steinfeld malen:
Wie einst Alkmäon seine Mutter ließ
Den Unglücksschmuck gar theuer dort bezahlen;

Es zeigte, wie das Paar der Söhne stieß
Auf Sanherib in seines Tempels Hut,
Und wie es ihn als Todten dann verließ;

Es zeigte das Verderben, wie mit Wuth
Tomiris damals bot dem Cyrus Hohn:
»Ich will dir sättigen den Durst nach Blut;«

Es zeigte die Assyrer, wie sie floh'n,
Nachdem ihr Feldherr Holofern erschlagen,
Und auch, wie er gefunden seinen Lohn;

Ich sah in Asche Troja's Trümmer ragen,
O Ilion! wie zeigte dich das Bild,
Das man dort sah, mit tiefer Schmach geschlagen!

Wer Meister wär' des Pinsels, um erfüllt
Vom Geist die Scenen wieder hier zu geben,
Die dort ein hoher Genius enthüllt!

Todt schienen Tode - Lebende zu leben;
Nicht besser sah's, wer einst die Wahrheit sah,
Als ich, der ging gebückt: wie sich's begeben.

Nun bläht euch, geht mit stolzem Antlitz ja,
Ihr Kinder Eva's, laßt den Blick nicht sinken,
Den bösen Pfad zu seh'n, dem ihr so nah! -

Schon blieb des Berges größter Theil zur Linken,
Und mehr vergangen war der Sonne Lauf,
Als dem befang'nen Geiste mocht' bedünken -

Da sagte der, der achtsam stets vorauf
Mir ging: »Empor dein Haupt! Es will nicht frommen
Und ist nicht Zeit, so blind zu geh'n hinauf.

Sieh dort den Engel, der zu uns zu kommen
Sich anschickt! Sieh! Die sechste Hüterin
Hat schon den Dienst des Tages übernommen.

Mit Ehrfurcht schmücke deinen Blick und Sinn,
Daß er uns gern hinaufschickt, und bedenke:
Der Tag geht auf Niewiederkehr dahin.«

Gewohnt der Mahnung, daß ich die Geschenke
Der Zeit nicht soll verlieren, hört' ich gern,
Was mir nicht unverständlich, wie ich denke.

Das schöne Wesen kam zu uns von fern,
Schneeweiß gekleidet; Strahlen ihm umfingen
Das Antlitz, flimmernd wie der Morgenstern.

Er öffnete die Arme, dann die Schwingen
Und sagte: »Kommt! Hier sind Euch nah die Stufen,
Um Euch gemächlich nun hinauf zu schwingen.«

Wie Wen'ge kommen doch auf solches Rufen!
O, Mensch! warum läßt du dich sinkend schauen,
Da du emporzufliegen doch berufen?

Er führt' uns, wo der Felsen eingehauen,
Dort schlug er meine Stirn mit seinem Flügel
Und hieß dem sichern Aufgang mir vertrauen.

Wie rechts, wenn man ersteigen will den Hügel,
Wo hoch die Kirche liegt im Angesicht
Der Wohlberath'nen über'm Brückenflügel,

Sich gleich des Aufgangs kühne Steile bricht
Durch Stufen die bereitet einst in Zeiten,
Wo sicher war das Maaß und das Gewicht:

So war's am Berghang, welcher von dem zweiten
Der Kreise hier gar schroff herniederfällt,
Doch streifte das Gestein auf beiden Seiten.

Wir wanden uns empor, sieh da! es hält
Beati pauperes uns, so gesungen,
Daß keine Red' es schildert in der Welt.

Ach! wie ganz anders ist der Pfad umklungen,
Als der zur Hölle: hier durch fromme Lieder,
Durch grause Klagen dort, wird eingedrungen!

Wir stiegen aufwärts heil'ge Treppen wieder,
Und wie mir schien, daß mir weit leichter wäre,
Als regt' ich auf der Eb'ne meine Glieder,

Begann ich: »Meister, sage, welche Schwere
Ist von mir abgenommen, daß ich fast
Gar keiner Mühsal weiter mich erwehre?«

Er sagte: »Wenn die P. die du noch hast
In deinem Antlitz, um sie abzubüßen,
Wie nun das eine, sämmtlich sind erblaßt,

Dann siegt der gute Will' in deinen Füßen,
Daß sie nicht nur kein Mühen mehr empfinden,
Vom Steigen, sondern Lust, empor zu schießen.« -

Da macht ich's wie die Menschen, welche finden
Etwas an ihrem Kopf, das sie nicht wissen,
Bis And'rer Winke boshaft es verkünden,

Worauf die Hand zur Hülfe schnell beflissen,
Die sucht und findet, zu dem Dienst verwandt,
Den nicht das Auge thun kann, wie es müssen, -

Und mit den Fingern meiner Rechten fand
Ich sechs nur von den Lettern, die geschnitten
Der mit den Schlüsseln auf der Schläfe Rand:

Mein Führer lächelte bei meinen Schritten.


Gesang 13

Die Neidischen

Wir waren auf dem Gipfel von der Stiege,
Wo sich zum zweitenmal zurückgezogen
Der Berg, der führt entsündigend zum Siege,

Dort ist ein Absatz eben so gezogen
Rings um den Berg, wie es der erste war,
Nur, daß sich schneller krümmt der zweite Bogen.

Kein Schatten ist, kein Bild dort wunderbar,
Der Rand in grauer Farbe nur des harten
Gesteins, der Weg an allen Wesen baar.

»Wenn wir zu fragen hier auf Jemand warten,«
Bemerkte jetzt der Dichter, »fürcht' ich sehr,
Daß uns're Wahl verzögert wird.« - Wir harrten,

Da blickt er fest zur Sonne, ließ nachher
Die Linke um die Rechte sich bewegen,
Die bildete das Centrum ungefähr.

»O süßes Licht! dem ich auf neuen Wegen
Vertrauend folge, führe du uns hier,«
So sprach er, »wie es nöthig ist, zum Segen!

Du spendest Glut der Welt, du leuchtest ihr
Und wo kein and'rer Grund zum Gegentheile,
Vertraut man seine Führung immer dir!«

So viel man jenseit rechnet eine Meile,
War diesseit schon von uns zurückgelegt,
In kurzer Zeit durch Willenskraft und Eile,

Da hörten wir, wie Geisterflug sich regt'
Von Unsichtbaren, deren Rede zog
Uns hin zum Liebesmahl, gar tief bewegt.

Die erste Stimme, die vorüberflog
Vinum non habent! sprach mit lautem Schalle
Und wiederholt' es, wie sie weiter zog,

Und eh' ich noch gehört die Worte alle,
Kam eine and're, ohne dort zu ruh'n,
»Ich bin Orest!« schrie sie und folgt' dem Schwalle.

»O, Vater! Welche Stimmen sind das nun?«
Und wie ich fragte, sieh! da kam die dritte,
Die sagte: »Liebet, die Euch böses thun!«

Der gute Meister: »Dieses Ringwalls Mitte
Entsühnt die Schuld des Neides, darum klingen
Die Saiten hier von sanfter Liebesbitte,

Der Zügel muß das Gegentheil erringen,
Es wird dir, glaub' ich, noch zu hören glücken,
Eh' wir zur Stufe der Verzeihung dringen.

Doch schau' nur durch die Luft mit festen Blicken,
So wirst du Leute vor uns sitzen sehen
Und Jeden längs des Felsens mit dem Rücken.«

Da blickt' ich schärfer, als bis jetzt geschehen,
Und Schatten sah ich vor mir, deren Kleide
Die Farbe des Gesteins nur anzusehen.

Und als wir etwas näher kamen Beide:
»Maria! bitte für uns!« hört' ich sie,
Und auch zu allen Heil'gen schrei'n, im Leide.

Ich glaub', auf dieser Erde weilte nie
Ein Mensch so hart, der nicht wär' eingenommen,
Bei dem, was ich nun sah, von Sympathie;

Denn als ich ihnen jetzt so nah gekommen,
Daß sich ihr Zustand meinem Aug' entdeckt,
Ward ich von schweren Schmerzen überkommen.

Mit här'nem Kleide schienen sie bedeckt,
Und Eines Schulter mußt' den Andern stützen.
Und alle stützt' der Fels, wo sie gestreckt.

So steh'n die Blinden, welche nichts besitzen,
An Kirchenthüren, wo des Bettelns wegen
Sie ihre Köpfe wechselnd unterstützen,

Um bald das Mitleid And'rer zu erregen
Und durch den Klang der Worte nicht allein,
Auch durch den Anblick tief sie zu bewegen,

Und wie ihr Auge nicht der Sonne Schein
Erblickt, so wollte diesen Schatten wieder
Des Himmels Licht die Wohlthat nicht verleih'n,

Denn Allen schloß ein Draht die Augenlider,
Wie man es einem wilden Falken thut,
Damit er ruhig halte sein Gefieder.

Mir schien's im Gehen, wie ein Uebermuth,
Die anzuseh'n, die mich nicht sehen sollen,
Daher ich wandte mich zum Führer gut,

Wohl wußt' er, was ich damit sagen wollen,
Drum wartet' er nicht meine Frage ab:
»Sprich! Kurz und deutlich!« war sein Wort erschollen.

Virgil ging auf der Seite wo herab
Man fallen konnte und den Pfad verfehlen,
Weil keine Brustwehr schützend ihn umgab.

Die and're Seite zeigte mir die Seelen
Der Frommen, in dem grausen Druck befangen,
Daß sie vor Schmerz gebadet ihre Kehlen.

»Ihr, die Ihr sicher seid einst zu gelangen
Zum hohen Licht in reinerer Gestalt,
Nach welchem Euer einziges Verlangen -

So möge des Gewissens Schaum Euch bald
Die Gnade lösen, daß ihm klar entsteige
Des Geistes Strom mit siegender Gewalt,

Als Ihr mir sagt, der ich mich dankbar zeige,
Ob eine Seele hier Lateinerin;
Ihr wäre gut vielleicht, daß sie nicht schweige.« -

»Mein Bruder, Jede hier ist Bürgerin
Von einer wahren Stadt, doch du willst sagen:
Italien kannte sie als Pilgerin.« -

Das schien, ein wenig weiter wo sie lagen,
Zur Antwort ich zu hören drauf, daher
Ich ihnen näher mich beschloß zu wagen.

Bei Andern sah ich einen Schatten, der
Zu horchen schien, als fragt' er: »Wie?« gehoben
Das Kinn empor, wie'n Blinder ungefähr.

»Geist!« sprach ich, »der hier büßt zu geh'n nach oben,
Bist du's, der Antwort gab, wie sich erwiesen,
Laß mich nach Stadt und Namen auch dich loben.« -

»Von Siena bin ich, sühne hier mit Diesen
Das böse Leben, das ich nun erkannt,
Zu Ihm mit Thränen, der sich mild bewiesen.

Ich war nicht weise, ob ich auch genannt
Sophia, weil ich freudiger bewogen
Der Andern Schaden, als mein Glück, empfand.

Damit du ja nicht glaubst, daß ich gelogen,
So höre, ob ich thöricht war. So sah
Schon niedersteigen meiner Jahre Bogen,

Da waren meine Bürger, Colle nah,
Gespaart im Felde mit dem Feind zu streiten
Und ich erbat von Gott, was dann geschah.

Geschlagen wurden sie, die sich zerstreuten
In bitt'rer Flucht, und wie ich sah die Jagd,
Erfaßt mich Freude, ungleich andern Leuten,

So sehr, daß kühn mein Antlitz ich gewagt
Zu Gott empor: »Ich fürchte dich hienieden
Nicht mehr!« hab' ich, der Amsel gleich, gesagt.

Am Ende meines Lebens wollt' ich Frieden
Mit Gott, und noch würd' ich nicht besser sein
Durch Buße, als verdient mir war beschieden,

Wenn nicht Pier Pettinagno stets mich ein-
Geschlossen hätte in sein frommes Flehen,
Der sich aus Christenlieb' erbarmte mein.

Doch wer bist du, der fragt nach unsern Wehen
Und athmend spricht, so wie ich wahrgenommen,
Und wohl die Augen frei hat, um zu sehen?« -

»Die,« sprach ich, »werden mir auch hier genommen
In kurzer Zeit: die Strafe scheint geringe
Für sie, wenn sie von Neide überkommen.

Viel größer ist die Furcht, mit der ich ringe,
Vor jener Qual, die macht das Herz mir pochen,
Als ob ich schwer mit Last schon drunter ginge.«

Und sie zu mir: »Wer hat dir Bahn gebrochen
Zu uns hier, wenn du glaubst zurückzukehren?« -
Und ich: »Der bei mir ist und nicht gesprochen.

Ich lebe noch, drum magst du dich erklären,
Erwählter Geist, dafern du willst, daß ich
Jenseit dir soll erfüllen ein Begehren.«

»O, das zu hören ist so wunderlich,
Ein großes Zeichen, daß dich Gott muß lieben;«
Erwiedert' er, »drum bete auch für mich.

Nun bitt' ich dich bei deinen höchsten Trieben:
Wenn jemals du betrittst Toscana's Land,
Bring' mich in guten Ruf bei meinen Lieben,

Du wirst sie seh'n dem eiteln Volk verwandt,
Das hofft auf Talamon - und wird's erringen
So wenig, als man die Diana fand.

Die Admirale trifft's vor allen Dingen.


Gesang 14

Italiens Entartung.

»Wer ist es, der auf unserm Berge kreist,
Eh' ihm der Tod den freien Flug gegeben,
Und, wie er will, die Augen schließt und weist?

Er hat sich nicht allein hieher begeben,
So frag' ihn du, am nächsten ist er dir,
Und sanft, damit er spricht.« So hört' ich eben

Zwei Geister, wie sie redeten von mir,
Der Eine zu dem Andern, rechter Hand,
Dann hoben sie das Antlitz für und für.

Der Eine sprach: »O Seele, die, gebannt
Im Leibe noch, zum Himmel wagt zu gehen,
Zum Troste mache liebreich uns bekannt:

Woher du kommst, und wie es mag geschehen,
Daß du uns Wunder nimmst mit deiner Gnade,
Die etwas will, das nie zuvor gesehen.« -

Und ich: »Inmitten von Toscana grade
Strömt hin ein Fluß aus Falterona's Brunnen,
Mit hundert Meilen Lauf zum Meergestade:

Dort hab' ich meinen Lebensweg begonnen,
Unnöthig wär's zu sagen, wer ich bin,
Weil noch mein Name wenig Klang gewonnen.« -

»Dafern ich richtig deiner Rede Sinn
Begreife, sprichst du von dem Arnofluß,«
Erwiederte der Erste wie vorhin,

Und zu ihm sprach der Andre: »Warum muß
Er nur des Flusses Namen uns verschweigen,
Wie etwas Schreckliches, das gibt Verdruß?«

Und drauf der Schatten, den er frug als Zeugen:
»Ich weiß nicht, aber, daß man ihn vergißt,
Scheint werth der Name, der dem Thale eigen;

Denn von dem Anfang, wo sie schwanger ist
Die Alpenwelt, wo nie der Quell ermattet,
Daß sich ein Ort nur selten mit ihm mißt,

Bis da, wo er dem Meer zurückerstattet,
Was aus der Flut gesaugt der Himmel schon,
Und reich die Flüsse damit ausgestattet,

Wird so die Tugend wie ein Feind gefloh'n
Von Allen, gleich der Schlange in dem Gleise -
Des Ortes Unheil! Schlechter Sitten Lohn!

Daher so ganz verändert ihre Weise
Der Unglückthals Bewohner, daß sie sehr
Den Thieren gleich aus Circe's Zauberkreise.

Durch schnöde Schweine, denen Eicheln mehr
Als Menschenspeise ziemen, kommt vom Sitze
Des Quells zuerst sein ärmlich Thal daher,

Dann trifft er, wie er niedersteigt, auf Spitze,
Die bissig sind weit über ihr Vermögen,
Verächtlich kehrt er sich von ihrem Sitze,

Und wie er weiter fällt im Wasserregen,
Da findet Wölfe, statt der Hundeschaar
Der Unglücksstrom auf fluchbedeckten Wegen,

Dann stürzt er sich in Klüfte voll Gefahr,
Dort wohnen Füchse voll von Trug und Listen,
Daß noch kein Scharfsinn ihrer mächtig war.

Nicht schwieg ich, ob's auch And're hören müßten,
Und was in Wahrheit mir enthüllt der Geist,
Das wäre Manchen gut, wenn sie es wüßten!

Ich sehe deinen Neffen, der beweist
Sich als der Wölfe Jäger an dem Rande
Des grimmen Flusses, wo er sie zerreißt,

Ihr Fleisch verkauft noch bei lebend'gem Stande,
Sie tödtet wie das Vieh, und Vielen raubt
Das Leben, sich den Ruhm im Vaterlande,

Voll Blut geht er hervor, der überhaupt
Den Wald verläßt, daß er in tausend Jahren
Sich nicht im frühern Zustand neu belaubt.« -

Wie bei der Botschaft künftiger Gefahren
Der Blick des Hörers lauschend sich verstört,
Und sucht, woher der Angriff zu gewahren,

Sah ich die and're Seele hingekehrt
Ihm lauschen voller Angst und sich betrüben,
Nachdem sie seine Worte recht gehört.

Die Rede und des Andern Anblick trieben
Den Wunsch mir auf, zu wissen ihre Namen,
Ich frug und bat sie d'rum. - »Was du geblieben

Uns schuldig, das wir nicht von dir vernahmen,«
Begann der Geist, der sprach zu mir vorhin,
»Das soll ich thun! Jedoch weil in dir kamen

Zur Klarheit Gottes Wege unserm Sinn
Und seine Gnade, sei dir's unbenommen:
Guido del Duca, wisse, daß ich bin.

Mein Blut war so von bitterm Neid entglommen,
Daß, wenn ich einen Menschen froh geseh'n,
Ich fast vor schnöder Mißgunst umgekommen.

Mein Same, fürcht' ich, wird die Früchte seh'n.
O Mensch, was hängt dein Herz so ganz verloren
An Gütern, die Gemeinschaft stets verschmäh'n?

Das ist Rinier, zur Ehr' und Zier geboren
Des Hauses Calboli, wo keine Erben
Für seinen Werth sind später auserkoren.

Und nicht sein Blut allein sah ich verderben
Wo zwischen Po und Berg der Rheno schwoll,
In dem, was Wahrheit, Wissenschaft erwerben,

Denn zwischen jenen Grenzen ist es voll
Von gift'gen Dornen, daß es anzubauen
Wohl spät erst wiederum gelingen soll.

Wo ist Manardi, Licio zu schauen,
Pier Traversar' Guido Carpigna jetzt?
Bastarde wohnen in Romagna's Auen!

Ist in Bologna Fabbro schon ersetzt?
Bernardin Fosco in Faenza's Mauern,
Das edle Reis, auf niedern Stamm gesetzt?

Nicht wund're dich, Toscana's Sohn, mein Trauern,
Gedenk' ich noch an Guido, Ugolin,
Die mit uns lebten, voll von Wehmuthschauern,

Und an Tignoso, seine Sippschaft kühn,
Die Traversara, Anastagi - Beiden
Ist so entartet ihr Geschlecht gedieh'n! -

Die Damen und die Ritter, Lust und Leiden,
Die uns bewegt zu Lieb' und Ritterpflicht,
Wo jetzt so böse Herzen sich beneiden!

O Brettinoro, warum fliehst du nicht,
Da deine Herrschaft ist davon gegangen,
Und Viele, die nicht böse, zum Gericht?

Wohl thut Bagnacaval, nicht zu verlangen
Nach Söhnen, Castrocaro schlimm, und mehr
Noch Conio, die schon damit angefangen;

Wohl thun einst die Paganim wenn vorher
Ihr Dämon fort ist, doch nicht so, daß nimmer
Ein nicht ganz reines Zeugniß möglich wär'.

O Ugolin de Fantoli, auf immer
Gesichert ist dein Name, da nach dir
Kein Sohn verdunkeln kann den Ehrenschimmer!

Doch gehe jetzt, Toscaner, weil ich hier
Mehr Lust zum Weinen, als zum Sprechen finde,
So schnürt der Gram das Herz zusammen mir.« -

Wir wußten, daß den Seelen wohl verkünde
Das Fortgeh'n unser Tritt - daher mit Schweigen
Vertrauten wir sofort dem Pfadgewinde.

Indeß wir einsam wieder vorwärts steigen,
Sieh! eine Stimme kommt, die hör' ich sagen,
Vorüberfliegend, wie sich Blitze zeigen:

»Wer irgend mich ergreift, wird mich erschlagen!«
Und flieht, wie Wetterschein, der sich verhüllt,
Wenn plötzlich berstend sich die Wolken jagen;

Kaum hatte das Gehör sich d'rauf gestillt,
Da kam die And're tosend hinterdrein,
Wie Donnerton, der bald nach jenem brüllt:

»Ich bin Aglaurus, welcher ward zum Stein!«
Daß ich, um an den Dichter mich zu schmiegen,
Zurücktrat, nicht mehr vorwärts ging allein.

Die Lüfte schon von allen Seiten schwiegen,
Er sprach zu mir: Ist das der starke Zaum,
Mit welchem soll der Mensch sich selbft besiegen?

Ihr gebt der Lockung stets von Neuem Raum,
Mit der der alte Feind euch an sich zieht,
Und auf den Ruf zur Tugend hört ihr kaum;

Euch mahnt der Hiinmel, der euch rings umglüht
Mit seiner ew'gen Pracht in schöner Klarheit,
Und euer Auge nur zur Erde sieht!

Daher euch strahlt der Urquell aller Wahrheit.«


Gesang 15

Visionen der Milde.

So viel vom letzten Schlag der dritten Stunde
Bis Tagesanfang Weg die Sphäre macht,
Die wie ein Kind sich tummelt in der Runde,

So viel schien vom Laufe nicht vollbracht
Der Sonne, um den Abend uns zu bringen.
Dort war die Vesper, drüben Mitternacht.

Die Strahlen unser Angesicht umfingen,
Weil wir den Berghang schon so weit umkreist,
Daß g'raden Weges wir nach Westen gingen;

Da fühlt' ich meine Stirne allermeist
Vom Glanz beschweren, der mich konnte blenden,
Daß es verwirrte völlig meinen Geist.

Ich machte mir daher mit beiden Händen
Auf meinen Brauen einen Schirm gar schnell,
Das sichtbar Drückende mir abzuwenden.

So wie vom Wasser oder Spiegel hell
Der Strahl zurückspringt mit derselben Kraft,
Mit der ihn niederführte sein Gefäll',

Und sich im gleichen Winkel auch entrafft
Vom senkrecht graden Fall der Steingewichte,
Wie es Erfahrung lehrt und Wissenschaft:

So schien ich von zurückgestrahltem Lichte
Vor mir getroffen, daß ich ging befangen
Mit schleunig abgewandtem Angesichte.

»Wer ist es, süßer Vater, der umfangen
Von Glanz, daß ich mich schirme kaum vor Schaden,«
Sprach ich, »kommt fernher auf uns zu gegangen?« -

»Nicht wund're dich, daß dich auf deinen Pfaden
Die Himmlischen noch blinden,« sagt er mir,
»Der Bote kommt, zum Aufgang einzuladen.

Bald wird zu schauen diese Dinge dir
Nicht lästig sein, vielmehr dich hoch entzücken,
Wenn die Natur dich fähig macht dafür.« -

Der Segensengel nahte unsern Blicken
Und sprach mit froher Stimme: »Gehet ein!
Ihr sollt die Stufen minder steil erblicken.« -

Wir stiegen, von ihm scheidend, im Verein
Und »Selig die Barmherzigen! Und Freude
Dem Sieger!« ward gesungen hinterdrein.

Mein Meister nun und ich, wir gingen Beide
Einsam empor, da dacht' ich durch Befragen
Im Geh'n zu finden nützliche Bescheide;

Ich wandte mich daher, um ihn zu fragen!
»Was wollte aus Romagna jene Seele,
Von Gütern und Gemeinschaft sprechend, sagen?« -

Und er zu mir: »Von ihrem größten Fehle
Kennt sie den Schaden, sie ermahnt zu wachen
Deshalb, auf daß dich nicht der gleiche quäle.

Weil euer Sinn sich hängt an solche Sachen
Wo die Gemeinschaft schmälert einen Theil:
So kommt der Neid, die Seufzer anzufachen.

Doch wenn die Liebe zu dem höchsten Heil
Empor euch lenkte weislich das Verlangen,
Wär' eure Brust von jenem Schaden heil,

Denn dort, je mehr des Guten wir errangen,
Besitzt ein Jeder desto mehr beschieden
Und wird von Liebe wärmer nur umfangen.«

»Ich bin viel weniger, als erst, zufrieden,«
Sprach ich, »da mir ein größ'rer Zweifelmuth
Erwacht, seitdem zu schweigen du vermieden.

Wie kann es sein, daß ein vertheiltes Gut
Mehr Reichthum unter viel Besitzer bringe,
Als wenn es nur in wenig Händen ruht?«

Und er zu mir: »Weil du auf Erdendinge
Den Geist nur richtest, siehst du Dunkelheit
Im wahren Licht, wie klar dich's auch umringe.

Das Gut, das unerschöpflich allezeit
Dort oben wohnt, strömt über in der Liebe,
Wie ein Lichtkörper Strahlen rings verleiht.

Es gibt, so lang es findet gleiche Triebe!
So, daß wo Liebe breitet ihr Gefieder,
Gott will, daß ew'ge Kraft sie wachsend übe,

Und wer dort unten wohl erkennt die Brüder,
Der findet Grund zur Lieb' und liebt sie mehr,
Und wie ein Spiegel strahlen sie sich wieder.

Und gibt dir meine Rede nicht Gewähr,
So siehst du Beatrice, die wird stillen
Dir dies und jedes andere Begehr.

Besorge nur, daß bald sich schließend füllen,
Wie schon die zwei, die übrigen fünf Wunden,
Die sich vernarben um der Schmerzen willen.«

Ich wollte sagen: »Hast mir Licht gefunden!«
Da sah ich auf dem dritten Kreis mich oben,
So daß ich schwieg um Alles zu erkunden.

Mir schien, als sei ich plötzlich mir enthoben
Wie durch Verzückung, Wunder zu erschließen
Und säh' im Tempel viele Menschen droben;

Und eine Frau am Eingang mit der süßen
Geberde einer Mutter sprach: »Mein Sohn,
Wie hast du das an uns gethan? Wir ließen

Dich aller Orten schmerzlich suchen schon!«
Und wie sie das gesagt mit Liebessehnen,
Verschwand mit einem Male die Vision.

Dann kam ein and'res Frauenbild in Thränen,
Wie sie der Schmerz erzeugt, wenn wir anstatt
Geehrt zu sein, uns schwer beleidigt wähnen;

Die sagte: »Bist du Herr in jener Stadt,
Um deren Namen einst die Götter stritten,
Wo jedes Wissen seinen Ursprung hat,

So räche nun die Schmach, die wir erlitten
In uns'rer Tochter, o Pisistratus!«
Der Herr schien freundlich und auf ihre Bitten

Sprach er gemäßigt, ferne vom Verdruß:
»Was soll ich thun mit denen, die uns hassen,
Wenn ich, die uns geliebt, verdammen muß?« -

Dann sah ich zornentbrannt nach Steinen fassen
Viel Volk, um einen Jüngling zu erschlagen,
Laut schreiend: Martert, martert ihn! - Den Blassen

Sah ich zum Tod getroffen ohne Klagen
Zur Erde sinken, wo sie ihn verriethen,
Doch stets die Augen betend aufgeschlagen

Zum hohen Herrn in diesem grimmen Wüthen;
Er möge den Verfolgern doch verzeihen!
Sein Anblick wußte Mitleid zu gebieten. -

Als meine Seele kehrte von der freien
Beschauung zu den wahrhaft äußern Dingen;
Erkannt' ich meine Fehler, wie sie seien.

Mein Führer sah, wie ich mich loszuringen
Gleichsam vom Schlafe strebte. »Hast du keine
Kraft,« sprach er, »dich zu halten und zu zwingen?

Du gehst geschloss'nen Auges und die Beine
Sich kreuzend mehr als eine halbe Meile,
Gleichwie vom Schlafe trunken oder Weine.« -

»O theurer Vater, willst du eine Weile
Mich hören,« sprach ich, »werd' ich dir verkünden,
Was meinem Geist erschienen mittlerweile.« -

Und er: »Wenn hundert Larven oder Binden
Dein Antlitz deckten, wär' mir nicht verschlossen
Dein Denken, auch das kleinste, zu ergründen.

Das, was du sahst, geschah, daß sich erschlossen
Dein Herz dem Quell des Friedens möge zeigen,
Der aus dem ew'gen Borne sich ergossen.

Ich fragte nicht, was hast du, wie es eigen
Dem, wo der Körper daliegt ohne Leben
Und noch das Auge, das nicht sieht, will zeugen,

Vielmehr, um Kraft dir in den Fuß zu geben.
So muß man Träge mahnen, welche säumen,
Sich beim Erwachen fleißig zu erheben.« -

Wir gingen in den abendlichen Räumen
Dahin und ließen uns're Blicke dringen,
Dem späten Strahl entgegen. Sieh! da bäumen

Sich Dünste auf, die nach und nach sich ringen
In uns're Nähe, finster wie die Nacht.
Nicht möglich war's, daß wir dem Dampf entgingen,

Der uns um Aug' und reine Luft gebracht.


Gesang 16


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