Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Otto Gildemeister - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Das Gedicht beginnt mit genauer Zeitbestimmung. Nach dem Psalmisten währt unser Leben siebenzig Jahre, der halbe Lebensweg bedeutet also fünfundfreißig. Dante, im Jahre 1285 geboren, verlegt den Beginn seiner mystischen Pilgerfahrt in das Jahr 1300, welches zugleich ein kirchliches Jubeljahr war. Es war Frühlingsanfang; die Sonne stand wie am Schöpfungsmorgen, das heißt im Sternbilde des Widders, und es war, wie der 21. Gesang lehrt der Todestag Christ, den die Überlieferung auf den 25. März verlegte.
Die allegorische Bedeutung des ersen Gesanges ist schon von den ältesten Auslegern im wesentlichen festgestellt worden. Der Dichter ist in dem dunklen Walde des gottentfremdeten weltlichen Lebens verirrt; die wilden Tiere, die in diesem Walde hausen, das heißt die zügellosen Laster der Zeit, Wollust (das Pardeltier), Stolz und Herrschsucht (der Löwe) und Geiz oder Habgier (die Wölfin) drohen ihn zu verderben und hindern ihn, das Heil, welches er vor sich sieht, „den Berg der Wonnen”, den die Sonne, das Licht der Wahrheit, bestrahlt, zu erreichen. Die gehobene Stimmung der Jugend ermutigt ihn zwar eine Zeitlang, von der Weltlust, dem „bunten Wilde”, Befriedigung zu erwarten, „Gutes zu hoffen”, aber schließlich verzweifelt er, dem Labyrinthe der Sünde und des Irrtums zu entkommen. Da sendet ihm die Gnade den Retter in der Person Virgils, der im Sinne des Mittelalters als der vollkommenste Dichter, als der Sänger der römischen Weltherrschaft für Dante der Vertreter der höchsten menschlichen Bildung und Weisheit ist. An Virgils Hand, von menschlicher Erkenntnis geleitet, wird er den Weg finden, der allein zur Erlösung aus dem dunklen Walde führt; zuerst das Entsetzen vor den Abgründen der Sünde, sodann die Heilswirkung der Buße, den Weg durch die Hölle und durch das Fegefeuer, wo die Geister „zufrieden Pein bestehn”, weil die Pein nur Läuterung ist zum ewigen Frieden, im Anschauen Gottes. Dies Anschauen des Himmlischen freilich vermag Virgil ihm nicht zu gewähren; dazu bedarf es der christlichen Erleuchtung und der göttlichen Gnade, welche beide in der Gestalt der Beatrix, der verklärten Jugendgeliebten Dantes, verkörpert erscheinen.
Nur darf man weder in diesem ersten Gesange noch überhaupt in der göttliche Komödie sich ausschließlich an die Allegorie halten. Die Personen wie die Vorgänge haben immer neben ihrer sinnbildlichen Bedeutung ihre volle Existenz als wirkliche Individuen, als wirklich Geschehendes. Der Virgil der Hölle ist nicht bloß eine allegorische Figur, sondern zugleich der historische Dichter der Äneis; Beatrix ist nicht allein die vermenschlichte Theolgie oder die Gratia perficiens, sondern zugleich die schöne Florentinerin, die in dem Herzen des neunjährigen Dante die unverlöschliche Liebesflamme entzündet hatte. Dies Verfließen des eigentlichen und des symbolischen oder des allegorischen Sinnes geht durch das ganze Gedicht, und auf ihm beruht zu nicht geringem Teile der poetische Eindruck.
Wie man die göttliche Komödie zu lesen habe, dazu hat Dante selbst in der Widmung, die er an Can Grande della Scala schrieb, Anleitung gegeben. Dort nennt der sein Werk „polysensum, hoc est plurium sensuum” und er führt den 114. Psalm („Als Israel aus Ägypten zog”) an, um zu zeigen, wie in den nämlichen Worten ein tieferer unter dem buchstäblichen Sinne liegen könne. Er sagt: „Sehen wir den Buchstaben an, so bedeutet er den Auszug der Kinder Israels unter Moses. Sehen wir auf die Allegorie, so bedeutet er unsere Erlösung durch Christus. Sehen wir auf den moralischen Sinn, die Bekehrung der Seele von dem Elende der Sünde zum Stande der Gnade. Sehen wir auf den anagogischen Sinn, den Ausgang der heiligen Seele aus der Knechtschaft dieser Verderbnis in die ewige Freiheit der Herrlichkeit.” So wie er es hier meint, hat er in seiner eigenen Dichtung parallel laufende, aber verschiedene Ideen zu einer untrennbaren Kunstform zusammengeschmiedet.

Auf halbem Wege dieser Lebensreise
Fand ich in einem dunklen Walde mich,
Weil ich verirrt war von dem rechten Gleise.

Zu sagen, wie er war, ist fürchterlich,
Der wilde Wald im rauhen, dichten Grunde;
Gedenk' ich sein, erneut der Schrecken sich.

Kaum minder bitter ist die Todesstunde,
Doch um des Guten willen, das ich fand,
Verschweig' ich auch vom andren nicht die Kunde.

Wie ich hineinkam, ist mir kaum bekannt,
So hatte Schlaf die Sinne mir benommen,
Als ich vom wahren Weg mich abgewandt.

Doch bald, an eines Hügels Fuß gekommen,
Als ich dem Ende jenes Tals genaht,
Das meine Seele hielt von Furcht beklommen,

Blickt' ich empor und sah des Hügels Grat
Schon in den Strahlen des Planeten prangen,
Der andre richtig lenkt auf jeden Pfad.

Da war ein wenig von der Furcht vergangen,
Die meines Herzens Tiefe hielt umstrickt
Die Nacht hindurch, die ich verlebt in Bangen.

Und wie am Ufer, wann er halberstickt
Der Meeresflut entronnen ist, der Schwimmer
Sich umschaut und aufs droh'nde Wasser blickt,

So wandte mein Gemüt, noch flüchtend immer,
Sich um nach jenem Passe voll Gefahr;
Denn ein Lebendiger verließ ihn nimmer.

Nur kurze Zeit bot sich zu rasten dar,
Und weiter schritt ich durch die öde Stelle,
Daß stets der feste Fuß der untre war.

Da - fast schon an des Hügels steiler Schwelle -
Ließ sich ein Pardel, flink und hurtig, sehn;
Das war bekleidet mit geflecktem Felle.

Und immer blieb es mir vor Augen stehn,
Ja, sperrte mir so sehr den Weg nach oben,
Daß oftmals ich beschloß zurückzugehn.

Der Morgen hatt' indessen sich erhoben,
Die Sonne stieg mit dem Gestirn empor,
Das bei ihr war, als Gottes Liebe droben

Zuerst bewegte jenen Wunderchor;
So daß mir, Gutes von dem bunten Wilde
Zu hoffen, neuen Mut heraufbeschwor

Die Tagesstunde und des Frühlings Milde,
Doch nicht genug, der Furcht mich zu entziehn
Beim Anblick eines Löwen im Gefilde.

Mir war's, als säh' ich hohen Hauptes ihn
Mit grimmen Hunger wider mich sich rüsten,
So daß die Luft vor ihm zu zittern schien.

Und eine Wölfin, die von allen Lüsten
Belastet schien in ihrer Magerkeit,
Als ob um sie schon viele trauern müßten,

Beschwerte mir das Herz mit großem Leid
Durch Schrecken, die aus ihrer Näh' entsprangen:
Die Hoffnung auf die Höh' entschwand mir weit.

Und wie ein Mann, der am Erwerb behangen,
Wann nun die Zeit kömmt, da Verlust sich zeigt,
Von Klag' und Trauer völlig ist befangen,

So hatte sich in Gram mein Herz geneigt,
Als jetzt entgegenkommend mich die schlimme
Dorthin zurücktrieb, wo die Sonne schweigt.

Wie ich hinunterfloh vor ihrem Grimme,
Trat mir vor Augen einer nahebei,
Dem rauh von langem Schweigen schien die Stimme.

Als ich ihn sah in dieser Wüstenei, -
»Ob du ein Geist bist, ob ein menschlich Wesen,
(Rief ich ihn an,) erbarm dich, steh mir bei!«

Er sprach: »Nicht Mensch; ein Mensch bin ich gewesen.
Die Eltern waren ein lombardisch Paar.
In Mantua ist die Mutter mein genesen

»Sub Julio, obwohl es spät schon war.
Unter August bin ich nach Rom gekommen,
Als falschen Göttern rauchte der Altar.

»Ein Dichter war ich, und ich sang den frommen
Sohn des Anchises, der von Troja kam,
Als Ilions Stolz in Asche war verglommen.

»Du aber, fliehst zurück du in den Gram?
Warum ersteigst du nicht den Berg der Wonnen,
Wo alles Glück Ursprung und Anfang nahm?« -

- »So bist du der Virgil, bist du der Bronnen,
(Versetzt' ich mit verschämtem Angesicht,)
Aus dem so voller Redestrom geronnen?

»O aller andern Dichter Ehr' und Licht,
Vergilt mir all die Lieb' und langes Streben,
Mit denen ich mich wandt' an dein Gedicht.

»Du bist mein Meister, meine Leucht' im Leben;
Von dir hab' ich gelernt, von dir allein,
Die schöne Schreibart, die mir Ruhm gegeben.

»Vor jenem Tier stellt' ich das Wandern ein:
Hilf mir von ihm, du Weiser ohnegleichen;
Denn zittern macht es Adern und Gebein. -«

- »Du mußt das Ziel auf andrem Weg erreichen,
(Antwortet' er, da er mich weinen sah,)
Wenn du aus dieser Wildnis willst entweichen.

»Die Wölfin, so dich schrecket, lässet ja
Nie einen Wandrer ziehn auf seiner Straße:
Sie drängt ihn in den Wald und würgt ihn da.

»Grausam und bös ist sie in solchem Maße,
Daß niemals satt wird ihre heiße Gier,
Und hat mehr Hunger nach als vor dem Fraße.

»Gar viele Geschöpfe paaren sich mit ihr,
Und derer wird noch mehr sein, und wird währen,
Bis einst der Jagdhund töten wird das Tier.

»Der wird sich nicht von Land und Silber nähren,
Sondern von Weisheit, Lieb' und Frömmigkeit,
Und langobardisch Land wird ihn gebären.

»Durch ihn wird einst das arme Land befreit,
Für das Camilla ward im Kampf erschlagen,
Euryalus mit Nisus fiel im Streit.

»Der wird sie dann durch alle Städte jagen,
Bis in die Höll' er sie getrieben hat,
Woher sie Satans Neid ans Licht getragen.

»Daher zu deinem Besten ist mein Rat,
Daß du mir folgst: ich werde dich geleiten
Durch ew'gen Raum hinweg von diesem Pfad.

»Da wirst du Heulen der Vermaledeiten
Vernehmen und die alten Geister sehn,
Die traurig nach dem Tode schrein, dem zweiten,

»Und jene, die zufrieden Pein bestehn
Im Feuer, weil sie froh der Hoffnung leben,
Wann immer, zu den Sel'gen einzugehn.

»Willst du sodann zu diesen dich erheben,
So komm' ein Geist, den höh're Würde ziert;
Dem werd' ich dich beim Abschied übergeben.

»Denn jener Kaiser, der dort hoch regiert,
Hat nie durch mich zu seiner Stadt erhoben,
Weil wider sein Gesetz ich rebelliert.

»Er herrschet überall und thronet droben,
Wo seine Stadt und hoher Sessel steht;
O selig, wen er auserwählt dort oben!« -

Und ich zu ihm: »Ich bitte dich, Poet,
Bei jenem höchsten Gott, den du nicht kanntest,
Damit nichts Schlimmres über mich ergeht,

»Führ mich, wohin du schon den Blick mir wandtest:
Laß mich der Tür Petri ansichtig sein
Und jener Geister, die du traurig nanntest.« -

Da schritt er vor, und ich schritt hinterdrein.


Gesang 02

Dem ersten Entschlusse des Dichters folgt zaghaftes Bedenken. Er zweifelt an seiner Kraft und Würdigkeit, den Weg durch die Geisterwelt zu gehen. Zwar habe Äneas und das „Gefäß der Wahl” (vas electionis, wie Paulus in der Apostelgeschichte 9, 15. genannt wird), vor dem Tode Elysium und Paradies geschaut, aber Dante kann sich ihnen nicht gleichstellen. Dem Äneas vergönnte Gott („der Feind des Bösen”) diesen Gang, weil er durch die Verkündigungen des Anchises befähigt werden sollte, der „Vater Roms”, der Vorbereiter der auf Kaisertum und Papsttum ruhenden Weltordnung zu werden. Und Paulus ward in den Himmel entrückt, um den christlichen Glauben kräftiger lehren zu können. So hohe Rücksichten stehen dem Unterfangen Virgils nicht zur Seite.
Virgil beruhigt den Furchtsamen mit dem Hinweise auf den himmlischen Auftrag, dem er folgt. Virgil war „bei jenen, die in Zweifel schweben”, das heißt bei den tugendhaften Heiden, die in der Vorhölle, in einem Zweifelzustande, weder unselig noch selig, weilen, als Beatrix, vom höchsten Himmel herabsteigend, ihm den Befehl brachte, Dantes sich anzunehmen. Verschleiert wird angedeutet, daß die Mutter Gottes selbst die Hilfesendende war. Als Vermittlerinnen gebraucht sie die heilige Lucia, eine syrakusanische Märtyrin, zu der Dante, welcher „ihr Getreuer” genannt wird, in einem besonderen Andachtsverhältnis gestanden haben mag, und vor allem des Dichters verklärte Jugendliebe, Beatrix, „wahres Lob des Herrn” genannt, wohl deshalb, weil, wie Dante in der Vita nuova erzählt, die Leute, wenn sie auf der Straße ging, Gott priesen, der ein solches Wunder schuf.
Es ist gewiß nicht unrichtig, in den drei heiligen Frauen, die sich Dantes erbarmen, die drei Arten der Gnade, wie die scholastische Theologie sie definiert hat, symbolisiert zu sehen, in Maria die gratia praeveniens, die den ersten unverdienten Anstoß zur Besserung gibt, in Lucia die gratia operans oder nach anderen die erleuchtende Gnade, und in Beatrix die gratia perficiens, die das Streben des Bußfertigen mit Vollendung krönt. Unverkennbar ist aber die Beatrix des Gedichts außerdem als Spenderin der göttlichen, dem Menschen nur auf dem Wege der Offenbarung zugänglichen Wahrheit in einen Gegensatz zu Virgil, dem Vertreter der höchsten menschlichen Intelligenz und Weisheit gebracht, wie sie denn am Schlusse des Fegefeuers geradezu mit der heiligen Kirche identifizeirt erscheint. Die gelehrte Auslegung mag genötigt sein, die geheimnisvollen Beziehungen von der Gestalt, wie der Dichter sie hinstellt, abzuscheiden und mit harten Strichen tabellarisch zu ordnen; der Leser sollte sich hüten, diesen Prozeß mitzumachen, vielmehr die Gestalt so nehmen, wie Dante sie geschaffen hat, als Einheit und Realität, aus der man wohl vieles abstrahieren kann, die aber selbst sich nie einfach in eine Abstraktion verwandeln läßt.

Der Tag entschwand, und alle Kreatur
Erlöste Dämmerung von Müh' und Treiben
Des Tagewerks, und ich, der eine, nur

Mußte für jenen Kampf gerüstet bleiben
So mit dem Weg wie mit dem Herzeleid,
Den mein Gedächtnis treulich wird beschreiben.

O Musen, hoher Geist, seid hilfsbereit!
Gedächtnis, das aufschrieb, was ich gesehen,
Hier wird sich zeigen deine Trefflichkeit.

So hob ich an: »Poet, vernimm mein Flehen
Und sieh, ob meine Kraft auch wohlbestellt,
Eh du mir zutraust solchen Weg zu gehen.

»Du hast erzählt, daß dein gerechter Held,
Noch eh er seinen Zoll dem Tode zollte,
Im Fleische ging zur wandellosen Welt;

»Doch wenn des Bösen Feind so wohl ihm wollte,
Weil er die hohe künft'ge Wirkung sah,
Und wer und was von ihm entpsirgnen sollte,

»So sagt Vernunft mir, daß dem recht geschah,
Den Gott in empyreischen Regionen
Zum Vater Roms und seines Reichs ersah,

»Der beiden, die gegründet sind zu thronen
An heil'ger Stätte, (denn so ist es wahr,)
Allwo des größren Petrus Erben wohnen.

»Auf jenem Gang, der ihm beschieden war,
Vernahm er Dinge ja, daraus entsprangen
Sein Sieg und auch der päpstliche Talar.

»Auch das Gefäß der Wahl ist hingegangen
Zur Stärkung jenes Glaubens, der uns lehrt,
Den Weg zum Heile richtig anzufangen.

»Doch ich? wie käm' ich hin? wie wär' ich's wert?
Ich bin nicht Paulus noch der Sohn Anchises;
Nicht ich noch jemand hält mich so geehrt.

»Drum, wenn ich ginge, fürcht' ich, so erwies' es
Als töricht sich und mehr als ich gesollt.
Doch du bist weis' und siehest klar auch dieses.«

Wie einer, der nicht will, was er gewollt,
Und wechselt seine Vorsätz' und Gedanken
Und nun verwirft, wo erst er Lob gezollt,

So fing ich an im finstren Tal zu schwanken,
Weil im Bedenken die Entschließung schwand,
Die anfangs hurtig war und sonder Wanken.

»Wofern ich deine Wort recht verstand,
(Versetzte des erlauchten Römers Schemen,)
So wird dein Herz von Feigheit übermannt,

»Die oft den Menschen pflegt ganz einzunehmen,
Daß, wie vor Truggebild ein scheues Tier,
Er absteht von ruhmvollem Unternehmen.

»Damit nun diese Furcht sich lös' in dir,
Vernimm, was ich vernommen hab', als eben
Der Schmerz um dich zuerst sich regt' in mir.

»Ich war bei jenen, die in Zweifel schweben;
Da rief ein selig Weib mich, schön und licht,
So daß ich bat, Befehle mir zu geben.

»Ihr Auge glänzte mehr denn Sternenlicht,
Und sie begann zu reden mit so schlichter
Und sanfter Stimme, wie ein Engel spricht:

»- O feine Seele, Mantuas holder Dichter,
Des Nam' auf Erden lebt und leben wird,
Solange droben stehn die Himmelslichter,

»Mein Freund, nicht Freund des Glückes, ist verirrt
Im öden Tal und so gehemmt im Wege,
Daß er urück sich kehrt von Furcht verwirrt.

»Schon fürcht' ich, daß er fern vom rechten Stege,
Nach dem, was ich vernahm an meinem Ort,
Und daß zu helfen ich zu spät mich rege.

»Nun geh, gebrauche dein geschmücktes Wort
Und alles, was not tut, ihm beizustehen,
Und mir zum Trost sei du sein Schirm und Hort.

»Ich bin Beatrix, die dich mahnt zu gehen;
Ich komm' aus Höh'n, wohin mich's wieder zieht.
Liebe bewog mich, hier dich anzuflehen.

»Wann meinen Herrn mein Auge wiedersieht,
Will ich vor ihm gedenken dein mit Loben. -
Da schwieg sie, und ich sprach, bevor sie schied:

»O Weib voll Tugend, heil'ge Kraft von oben,
Die über alles, was der Mond umkreist,
Das menschliche Geschlecht emporgehoben,

»So sehr gefällt mir, was dein Wort mich heißt,
Daß, wär's getan, es mir zu langsam wäre,
Und ich versteh', wohin dein Wunsch mich weist.

»Die Ursach' aber sag mir und erkläre,
Weshalb du in dies Zentrum dich getraust,
Da du doch heim verlangst zur weiten Sphäre? -

- »Weil du so gern ins Innre weiter schaust,
(Versetzte sie,) so will ich kurz dir sagen,
Weshalb hierher zu kommen mich nicht graust.

»Furcht soll man nur vor dem im Herzen tragen,
Was Schaden uns zufügen kann und Leid,
Vor andrem nicht; denn da ist nichts zu sagen.

»Ich bin von Gott in Gnaden so gefeit,
Daß Flamme dieser Brunst mich nie erreiche,
Mich nie berühre eure Traurigkeit.

»Ein holdes Weib erbarmt im Himmelreiche
Sich jenes Irrenden; drum bin ich hier,
Damit sich droben hart Gericht erweiche.

»Sie rief Lucia her und sprach zu ihr:
Daß nicht vom Weg ab dein Getreuer schreite,
Bedarf er dein und ich empfehl' ihn dir. -

»Lucia, die zu retten stets Bereite,
Ging stracks und kam zu meinem Sitze gern,
Wo Rahel sitzt, die alte, mir zur Seite.

»Sie sprach: Beatrix, wahres Lob des Herrn,
Soll, der so sehr dich liebt, zu Grunde gehen,
Der deinethalb sich hielt vom Pöbel fern?

»Hörst du sein Klagen nicht? kannst du nicht sehen,
Wie ihm der Tod zusetzt auf jenem Fluß,
Vor dem des Meeres Stolz nicht kann bestehen?

»Nie war ein Mensch so hurtig von Entschluß,
Gewinn zu suchen, Schaden zu beschwören,
Wie ich, als diese Rede kam zum Schluß.

»Ich kam herab von jenen sel'gen Chören,
Vertrauend deiner Rede, deren Zier
Dich selber ehr und alle, die sie hören. -

»So redete die Himmlische mit mir,
Die weinend dann die Strahlenaugen wandte,
Und rasch zu kommen wuchs mir die Begier.

»Und also kam ich her, wie sie mich sandte,
Und schirmte dich vor jener schlimmen Brut,
Die dir zum Berg den kurzen Weg verrannte.

»Nun denn, warum, warum sinkt dir der Mut?
Warum ins Herz lockst du so feiges Grauen?
Warum gebricht Kühnheit und tapfre Glut,

»Da drei so hochgebenedeite Frauen
Am Hof des Himmels sorgend dein gedacht
Und auch mein Wort auf Heil dich läßt vertrauen?" -

Wie zarte Blumen, die der Frost der Nacht
Verschloß und beugte, sich auf ihrem Schafte
Heben und öffnen, wann die Sonne lacht,

So meine Stärke, die vorher erschlaffte.
Ins Herz war wackre Kühnheit eingekehrt,
Daß ich das Wort nahm wie der Heldenhafte:

»O gütig sie, die Hilfe mir beschert!
Und freundlich du, so schleunig nachzuleben
Den wahren Worten, die sie dich gelehrt!

»Du hast mir solche Sehnsucht eingegeben
Mit deinen Worten, dein Genoß zu sein,
Daß sich erneuert hat mein erstes Streben.

»Nun geh; ein einz'ger Will' ist in uns zwein,
Du Führer, du Gebieter, du der Meister.« -
So sprach ich, und ihm folgend trat ich ein

Auf tiefem Waldesweg ins Reich der Geister.


Gesang 03

Die Inschrift des Höllentors besagt, daß die Dreieinigkeit (Macht, Weisheit, Liebe) die Hölle schuf aus Gerechtigkeit, das heißt zur Strafe für die ersten Geschöpfe, die von Gott abgefallenen Engel. Hier scheint es am Orte, die im Gedichte zerstreute Topographie der Hölle vorweg zu erledigen.
Die Hölle bildet unter der Erdoberfläche einen Trichter, dessen Spitze im Mittelpunkt der Erde, also des Weltalls (nach dem alten System) liegt. Den Deckel des Trichters bildet ein Kreis, in dessen Mitte Jerusalem, an dessen Peripherie u. a. Florenz sich befindet. Die Achse des Trichters liegt mithin in der Linie von Jerusalem durch das Erdzentrum nach der südlichen und der westlichen Hemisphäre. Die Wand des Trichters senkt sich in acht Absätzen zur Tiefe. Auf jedem Absatze ist einer der neun Höllenkreise, nur auf einem liegen zwei konzentrisch nebeneinander. Zwischen dem Tor und dem großen Kreise liegt neutrales Revier, der Ort der verächtlichen Geister, die es weder mit Gott noch mit dem Bösen gehalten haben. Unter ihnen erkennt Dante einen, „der aus Feigheit den großen Verzicht leistete”. Wahrscheinlich ist Papst Cölestin V. gemeint, der, um sich aus den Kämpfen des Lebens zurückzuziehen, sein Amt aufgab und dadurch dem von Dante über alles gehaßten Bonifazius VIII. Raum machte. Die Strafe, welche an diesen Feigen vollstreckt wird, soll den Auslegern zufolge die Natur derselben versinnbildlichen, das willenlose Folgen hinter einer Fahne, die nie rasten darf und immer im Kreise läuft, die Anstachelung verächtlicher Tiere, die Hingabe von Blut und Tränen an das Gewürm im Staube. In manchen der folgenden Höllenstrafen tritt ein symbolischer Zusammenhang mit dem bestraften Laster zu Tage, doch ist die Frage, ob man gerade in jeder Einzelheit danach suchen sollte.
Auf dies neutrale Grenzland folgt der die Hölle umschließende Fluß Acheron, über den Charon die Seelen schifft. Die unseligen Schatten eilen trotz ihrer Furcht, angespornt von dem Stachel der ewigen Gerechtigkeit, nach dem Strande. Dante selbst wird vom Charon zurückgewiesen, weil sein Körper für das Geisterschiff zu schwer wäre, außerdem weil, wie Virgil ihm zu verstehen gibt, kein Guter je den Acheron durchschiffte.

Ich führe zu der Stadt voll Schmerz und Grausen,
Ich führe zu dem wandellosen Leid,
Ich führe hin, wo die Verlornen hausen.

Ihn, der mich schuf, bewog Gerechtigkeit.
Mich gründete die Macht des Unsichtbaren,
Die erste Lieb' und die Allwissenheit.

Geschöpfe gibt es nicht, die vor mir waren,
Als ewige, wie selbst ich ewig bin.
Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren. -

Ich sah die Wort' in unsres Wegs Beginn
In dunklen Lettern über einer Pforte;
Drum sprach ich: »Meister, hart ist mir der Sinn.«

Und er zu mir, verstehend meine Worte:
»Jedweder Zweifel schweig' auf diesem Pfad,
Und alle Feigheit sterb' an diesem Orte.

»Wir sind zur Stelle, wie ich kund dir tat,
Wo ich zu dem betrübten Volk dich bringe,
Das der Erkenntnis Gut verloren hat.«

Und heiter nun, daß ich die Furcht bezwinge,
Legt' er die Hand in meine Hand, und dann
Führt' er mich ein in die geheimen Dinge.

Da hob Gestöhn und Weh und Heulen an
Rings durch die sternenlose Luft zu hallen,
Daß anfangs ich zu weinen drob begann.

Verschiedne Sprachen, grauenhaftes Lallen,
Wortes des Schmerzes und des Zornes Schmähn,
Gekreisch und Ächzen und der Hände Schallen,

Dies schien in stetem Aufruhr sich zu drehn,
Durch niegefärbte Luft im Kreis geschwungen,
Dem Sande gleich, wann Wirbelwinde wehn.

Und ich, des Haupt Entsetzen hielt umschlungen,
Sprach: »Meister, welcher Schall, der rings erbebt?
Wer sind sie, scheinbar so von Schmerz bezwungen?«

Und er zu mir: »Der Lärm, der sich erhebt,
Ist den elend'gen Seelen derer eigen,
Die ohne Schand und ohne Lob gelebt.

»Die sind vermischt hier mit dem Chor der feigen
Engel, der Gott nicht treu blieb und auch nie
Ihm Trotz bot, sondern stand beiseit in Schweigen.

»Der Himmel, schön zu bleiben, bannte sie;
Und wenn sie in der tiefen Hölle wären,
Hätten die Frevler ein'gen Ruhm durch die.«

Und ich: »Was, Meister, dulden sie des Schweren,
Daß sie anstimmen solches Wehgeschrei?«
Er gab zur Antwort: »Kurz will ich's erklären.

»Hoffnung des Todes ist für sie vorbei,
Und in Verworfenheit, lichtloser, trüber,
Neiden sie jedes Los, wie es auch sei.

»Kein Ruhm blieb in der Welt von ihnen über;
Gnad' und Gerechtigkeit verschmäht sie gar;
Nichts mehr von ihnen, schau und geh vorüber.«

Und ich hinblickend nahm ein Fähnleich wahr,
Das wirbelnd lief vorbei an unsrer Stätte
Und aller Rast, so schien's, unwürdig war.

Und hinterdrein kam eine lange Kette
So vielen Volks - ich glaubt' im Leben nicht,
Daß je der Tod so viel erschlagen hätte.

Alsbald gewahrt' ich ein bekannt Gesicht
Und sah den Schatten des vorüberwallen,
Der feig beging den großen Amtsverzicht,

Und durch einen wußt' ich nun von allen;
Daß dies die Memmen seien, sah ich klar,
Die Gott und Gottes Feinden gleich mißfallen.

Dies Jammervolk, das nie lebendig war,
Ging nackt einher und ward vielmals zerstochen
Von Wespen rings und großer Fliegenschar.

Das Blut lief ihnen von den Backenknochen,
Vermischt mit Tränen, auf die Zeh'n herab,
Wo ekle Würmer, es zu sammeln, krochen.

Und vorwärts schauend, was es weiter gab,
Sah ich viel Volks nach einem Flusse rennen
Und sagte: »Meister, schlag es mir nicht ab,

»Die Leute mir und den Gebrauch zu nennen,
Weshalb sie hasten nach des Flusses Strand,
Wie ich im trüben Lichte mag erkennen.«

Und er zu mir: »Der Grund wird dir bekannt,
Sobald wir stillstehn beim Hinuntersteigen
An Acherons trübsel'gem Uferrand.«

Da mußt' ich denn die Augen schamhaft neigen,
Aus Furcht, daß ich mit Reden ihn verletzt,
Und bis zum Flusse brach ich nicht mein Schweigen.

Und siehe, übers Wasser kam gesetzt
Zu Schiff ein Alter, weiß von Greisenhaaren,
Und schrie: »Verruchte Seelen, zittert jetzt!

»Hofft nimmermehr den Himmel zu gewahren.
In ew'ge Finsternis zum andern Bord,
In Gluten und in Frost werd' ich euch fahren.

»Und du, Lebendiger, was machst du dort?
Geh, hebe dich hinweg von diesen Toten!«
Doch als er mich nicht gehn sah, fuhr er fort:

»Auf andrem Weg, mit anderem Piloten,
Nicht hier kömmst du hinüber, nicht durch mich:
Denn deine Last verlangt nach leichtren Booten.«

Da sprach der Führer: »Charon, füge dich.
Man will es also droben, wo Verlangen
Und Können eins ist; und nicht weiter sprich.«

Gleich wurden ruhig die behaarten Wangen
Des Schiffers auf dem schwefelfahlen Sumpf,
Um dessen Augen Feuerräder schwangen.

Die Seelen aber, nackt und matt und stumpf,
Erblaßten zähneklappernd, als den Ohren
Erscholl des Fährmanns höhnischer Triumph.

Sie fluchten Gott, verwünschten und verschworen
Eltern und Menschheit, Ort und Zeit und Saat
Der Zeugung und Geburt, die sie geboren.

Dann zogen sie zuhauf den einen Pfad
Laut weinend nach dem Strand, dem unheilvollen,
Dem jeder Mensch, wer Gott nicht fürchtet, naht.

Der Dämon Charon, dem die Augen rollen,
Winkt sie heran und heißt geschart sie stehn;
Sein Ruder schlägt sie, wenn sie rasten wollen.

Und wie im Herbst die Blätter niederwehn,
Eins nach dem andern, bis den Schmuck der Locken
Die Bäume rings am Boden liegen sehn,

So wirft sich Admas böser Sam' erschrocken
Vom Strande dort hinunter, Mann um Mann,
Auf Charons Wink, wie Vögel auf das Locken.

Durchs dunkle Wasser fahren sie alsdann,
Und eh sie auf der andern Seite landen,
Häuft diesseits wieder neue Schar sich an.

»Sohn, (sprach der Meister, der mir beigestanden,)
So viel' im Zorne Gottes sterben, hier
Versammeln sie sich all aus allen Landen

»Und eilen übers Wasser hastig schier,
Weil die Gerechtigkeit sie spornt zu sputen;
So daß die Furcht sich wandelt in Begier.

»Nie kreuzt den Fluß die Seele eines Guten,
Und also kannst du, wenn dich Charon schilt,
Was dir sein Wort bedeutet, leicht vermuten.«

Als er geendet, bebte das Gefild
So heftig, daß noch immer von dem Grausen
In der Erinnerung der Schweiß mir quillt.

Die Tränenflur erhob ein Windessausen
Und scharlachrotes Licht fuhr übers Feld;
Da schwanden mir die Sinn', und bei dem Brausen

Fiel ich wie einer, den der Schlaf befällt.


Gesang 04

Auf geheimnisvolle Weise, schlafend gelangt der Dichter über den Acheron an den Rand des Trichters, aus dessen Tiefe das Geheul der Verdammten schallt. Er betritt den ersten Höllenkreis, wo jene Geister wohnen, „die im Zweifel scheben”, die Seelen der Tugendhaften, welche ungetauft gestorben sind. Es ist die Vorhölle der alten Theologie, der Limbus patrum, in welchem die Gerechten des Alten Bundes, bis Christus kam, verweilten, die gerechten Heiden (nach Dantes Theorie) ewig weilen, ohne Pein, aber auch ohne Hoffnung. Die Lehre von der Vorhölle stützt sich auf 1. Epistel Petri, 3, 18, aber dort steht von der Erlösung der Patriarchen nichts, und Dante zeigt sich deshalb bemüht, Bestätigung der kirchlichen Überlieferung zu erlangen. Virgil, der erst fünfzig Jahre in der Hölle war, als Christus niederfuhr, berichtet als Augenzeuge jener Erlösung.
Die erlauchtesten unter den Heiden erfreuen sich einer hellen Wohnstätte in einem gleichmäßig nach allen Seiten strahlenden Lichte, das mithin von der Dunkelheit „halbkugelförmig” umgrenzt wird. Hier wird Dante von den größesten Dichtern begrüßt; sie behandeln ihn als ihregleichen, und sie sagen ihm Dinge, die ihn beglücken, die aber wiederzusagen ihm nicht ziemt. Noch nennt er drei Gruppen anderer Heiden, 1. solche, welche mit den Geschicken Roms in Beziehung stehen, auch Trojaner als Ahnen der Römer, die sich um Elektra, Tochter des Atlas und des Dardanus Mutter, scharen; 2. die Philosophen des Altertums, als deren größester Aristoteles, „der Meister der Wissenden”, den obersten Sitz einnimmt, gemäß der während des Mittelalters ihm erwiesenen fast göttlichen Verehrung; nur zwei werden näher charakterisiert, Demokrit als Urheber der Lehre, daß der Zufall die Welt hervorbrachte, Dioskorides als Verfasser eines Werkes über die Qualitäten der Pflanzen und Steine; etwas befremdlich gesellen sich Orpheus und der sagenhafte Sänger Linus zu dieser Gruppe; 3. die Naturforscher, Mathematiker, Ärzte. Isoliert stehen Saladin, als einziger unter den mohammedanischen Großen und Averroes, der arabische Ausleger des Aristoteles. Die beiden letztgenannten, wie auch der arabische Arzt Avicenna, beweisen, daß Dantes Toleranz sich nicht auf gas klassische Heidentum beschränkt.
Daß Dante, der selbst das Griechische nicht las, den Homer in diesem Gesange so hoch erhebt, erklärt sich daraus, daß er unbedingt glaubte, was Aristoteles, Virgil und andere ihm bekannte alte Schriftsteller zum Lobe Homers sagen. Den griechischen Dichter läßt er mit einem Schwerte auftreten, ein Hinweis auf den kriegerischen Inhalt der Ilias.

Den tiefen Schlaf aus meinem Haupte scheckte
Ein schwerer Donner, und mich schüttelnd sprang
Ich auf wie einer, den man plötzlich weckte.

Mein ausgeruhtes Auge schweift' entlang
Und spähte scharf, sobald ich mich erhoben,
Zu sehen, wo ich sei auf meinem Gang.

Wahr ist's, ich stand jetzt auf dem Rande oben
Der Senkung zu dem Abgrund aller Qual,
Wo Donner ew'gen Wehgeheules toben.

Schwarz war und tief und neblig dieses Tal;
Ich unterschied nur Dunkelheit, nichts weiter,
So scharf hinab fuhr meines Auges Strahl.

Ganz totenbleich begann nun mein Begleiter:
»Jetzt steigen wir hinab zur finstren Welt:
Ich will der erste sein, und du sei zweiter.«

Und ich, gewahrend wie ihn Bläss' entstellt,
Versetzte: »Kann ich gehn, wo angstbeklommen
Mein Tröster steht, der sonst mich aufrecht hält?«

Und er zu mir: »Die Qual, zu der wir kommen,
Der Seelen drunten malt aufs Angesicht
Das Mitleid mir, das du für Furcht genommen.

»Des Weges Länge treibt uns; säume nicht.«
So mußt' ich mich mit ihm hinabbegeben
Zum ersten Kreise, der die Höll' umflicht.

Da hört' ich nirgend Klage sich erheben;
Von Seufzern nur schien er erfüllt zu sein,
Davon die ew'gen Lüfte rings erbeben.

Und solches kam von Trauer ohne Pein,
Die große Scharen dort im Herzen tragen,
Von Kindern, Männern, Frauen, groß und klein.

Der gute Meister sprach: »Du willst nicht fragen,
Zu welchen Geistern du gekommen bist;
Bevor du weitergehst, will ich es sagen,

»Nicht Sünder sind's, doch unzugänglich ist
All ihr Verdienst, weil sie der Tauf' entbehrten,
Die als ein Stück des Glaubens kennt der Christ,

»Sie waren vor dem Christentum und ehrten
Deshalb den Schöpfer nicht, wie er's begehrt;
Ich selbst bin einer der zu spät Belehrten.

»Durch solchen Mangel, nicht mit Schuld beschwert,
Sind wir verloren, elend nur zu achten,
Weil ohne Hoffnung Sehnsucht uns verzehrt.«

Schwer ward ums Herz mir, diese zu betrachten;
Denn Männer von gar hoher Trefflichkeit
Sah ich in diesem Höllenvorhof schmachten.

»Bescheid, Herr, gib mir, Meister, gib Bescheid,«
Rief ich, um jenen Glauben zu bestärken,
Der über jeden Irrtum Sieg verleiht.

»Ward je ein Mensch hier frei dank eignen Werken
Oder durch fremde und ward selig dann?«
Und der, der meine Absicht mochte merken,

Versetzt': »Ich war noch neu in diesem Bann,
Da sah hierher ich einen Mächt'gen kommen,
Gekrönt gleich einem, der den Sieg gewann.

»Der nahm den ersten Vater und den frommen
Sohn Abel mit sich, Noah auch, und nahm
Moses, der das Gesetz von Gott vernommen,

»Und David und Erzvater Abraham,
Isaak und Israel mit zwölf der Seinen,
»Und Rahel, die so hoch zu stehn ihm kam.

»Und viele noch erlöste sein Erscheinen;
Vor ihnen aber gab's, das merke dir,
Erlöster Menschengeister auch nicht einen.«

So sprach er, und im Reden schritten wir
Stets fürbaß durch den Wald, ohn' abzubiegen;
Den Wald gedrängter Geister mein' ich hier.

Noch waren wir nicht hinabgestiegen
Seit meinem Schlaf, als ich ein Feuer sah
Halkugelförm'ge Finsternis besiegen.

Wir waren etwas fern, doch schon so nah,
Daß alle Zeichen, die ich sah, bewiesen,
Ein ehrenwertes Volk verweile da.

»O du, in Wissenschaft und Kunst gepriesen,
Wer sind dort die Gelehrten, daß so weit
Das Los der andern bleibt getrennt von diesen?«

Und er zu mir: »Des Namens Rühmlichkeit,
Die noch von ihnen tönt in deinem Leben,
Schafft droben Gunst, die solchen Rang verleiht.«

Und eine Stimme hört' ich sich erheben:
»Ehret den höchsten Meister im Gesang!
Er kehrt zurück, der erst sich fortbegeben.«

Sodann, als stille ward des Rufers Klang,
Sah ich vier hohe Schatten näher schreiten;
Ihr Antlitz war nicht froh, noch war es bang.

Da sprach der Meister aller Trefflichkeiten:
»Schau ihn, der mit dem Schwerte kömmt daher
Und wie ein Fürst die dreie scheint zu leiten:

»Das ist der Dichter oberster, Homer.
Ihm folgt Horaz, der Meister der Satiren;
Der dritte ist Ovid, Lukan ist der.

Weil jener Name zukömmt allen vieren,
Der von der Stimme mir gewidmet war,
So ehrn sie mit Recht mich als den Ihren.«

So sah ich dort die schöne Jüngerschar
Des Herrschers des erhabensten Gesanges,
Der höher fliegt denn alle, gleich dem Aar.

Als sie gehört die Ursach unsres Ganges,
Kehrten zu mir sie gleich mit Grüßen sich;
Da lächelte Virgil ob des Empfanges.

Sie aber ehrten noch viel höher mich:
Zu einem ihrer Schar ward ich erlesen,
Und unter solchen ging als sechster ich.

So führten mich zum Licht die hohen Wesen,
Von Dingen redend, drob zu schweigen hier
Schön ist, wie dort das Reden schön gewesen.

Und vor ein stolzes Schloß gelangten wir,
Das hohe Mauern siebenmal umkreisen,
Und rings ein schöner Fluß beut Schutz und Zier.

Den überschritten wir wie festes Eisen,
Und dann durch sieben Tore schritt ich fort.
Zu einem grünen Anger mit den Weisen.

Leute mit stillen Augen waren dort
Voll hoher Würd' im Antlitz, meistens schweigend,
Und wenn sie sprachen, tönte sanft ihr Wort.

So traten wir auf eine Seit' und steigend
Auf einen offnen lichten Oberbau,
Von wo ich alles sah, hinab mich neigend.

Dort gegenüber auf der grünen Au
Konnt' ich die großen Geister nun gewahren,
Und still noch rühm' ich selbst mich solcher Schau.

Ich sah Elektra und in ihren Scharen
Sah ich Äneas dort und Hektor gehn,
Cäsar, gewaffnet, mit dem Blick des Aaren.

Ich sah Kamilla mit Penthesile'n
Am andern End' und sah bei seiner lieben
Lavinia König Latinus stehn.

Ich sah den Brutus, der Tarquin vertrieben,
Lukretia, Marcia und Kornelia,
Und Saladin, allein abseits geblieben.

Als ich die Stirn erhob und weiter sah,
Schaut' ich den Meister derer, welche wissen,
Im Philosophenkreise saß er da.

Ein jeder ehrt ihn, lauscht wie hingerissen;
Und Plato sah ich, sah den Sokrates
Vor allen übrigen um ihn beflissen.

Und Anaxagoras, Diogenes
Und Demokrit, dem Zufall Gott vertreten,
Zeno und Heraklit, Empedokles,

Und Dioskorides, der Qualitäten
Verdienten Sammler sah ich, Orpheus dann,
Seneca, Linus, Tullius den beredten.

Euklid mit Ptolemäus trat heran,
Hippokrates, Avicenna mit Galenen,
Avrroes, der schriftgelehrte Mann.

Ich kann nicht reden voll von allen jenen;
Denn also jagt mein großes Thema mich,
Daß oft das Wort nicht nachkömmt dem Geschehnen.

Die Schar der sechs verengt auf zweie sich;
Aus stiller Luft in zitternde geleitet
Auf andrem Weg der weise Führer mich,

Dahin, wo nichts mehr ist, was Licht verbreitet.


Gesang 05

Im zweiten Kreise beginnt die eigentliche Hölle. Minos, nach der Art des Mittelalters in einen Teufel verwandelt, weist jeder Seele den Kreis an, der ihrer besonderen Sünde gebührt; die Zahl der Ringe, die sein Schweif schlägt, gibt die Zahl des Kreises an.
In dem zweiten Kreise wird Fleischeslust und sündliche Liebe gebüßt. Semiramis, welche die Ehe zwischen Eltern und Kindern erlaubt haben soll, um ihre blutschänderische Liebe zum eigenen Sohne zu legalisieren, Dido, Kleopatra und andere berühmte Schatten ziehen in dem ewigen Wirbelsturm, der ihre Leidenschaft symbolisch andeutet, vorüber, bis zwei kommen, die allein Dante ihren Ruhm verdanken, Francesca da Rimini und Paul Malatesta. Die unnachahmlichen Verse, welche ihnen gewidmet sind, lassen erkennen, daß Dante von einem Ereignisse spricht, welches seinen Zeitgenossen in frischer Erinnerung war und tiefe Teilnahme erweckt, vermutlich auch zu vielfachen Gerüchten und Zweifeln Anlaß gegeben hatte.

Francesca war die Tochter Guido Polentas, Herrn von Ravenna. Im Jahre 1275, zehn Jahre nach Dantes Geburt, ward sie aus politischen Gründen mit Gianciotto, ältestem Sohn des Herrn von Rimini, Malatesta Verucchio, verheiratet. Der zweite Sohn Paolo, der schon seit 1269 vermählt war, bekleidete 1282 ein militärisches Kommando in Florenz, war also wahrscheinlich Danten wenigstens von Ansehen bekannt. Gianciotto entdeckte im Jahre 1285, daß zwischen seiner Gemahlin und Paolo ein Liebesverhältnis bestehe; er überraschte sie und stach sie nieder. Boccaccio will in Ravenna von einem alten Diener Dantes gehört haben, Paul habe, weil er schön gewesen sei, den Freiverkehr für seinen lahmen und häßlichen Bruder gemacht; Francesca habe ersteren für den Bräutigam gehalten, sich in ihn verliebt und erst am Morgen nach der Brautnacht den Irrtum entdeckt. Dante selbst lebte während seiner letzten Jahre in Ravenna bei Guido Polenta, dem Neffen Francescas und wird von diesem die näheren Umstände der Familientragödie gehört haben. Er würde schwerlich den von Boccaccio erzählten Betrug, der Francescas Schuld so wesentlich gemildert hätte, verschwiegen haben, wenn er davon gewußt oder daran geglaubt hätte. Denn augenscheinlich synpatisierter mehr mit den Ehebrechern als mit dem betrogenen Gatten, dem er den tiefsten Hölleinkreis, "Kaïna", den Aufenthalt der Verwandtenmörder, in Aussicht stellt. (Gianciotto lebte noch um die Zeit, in die Dante seine Höllenfahrt verlegt; er starb 1304.)

Das Buch, welches Francesca und Paolo an dem verhängnisvollen Tage lasen, ist einer jener Ritterromane aus dem Sagenkreise König Arturs, die zu Dantes Zeit in allen Landen Europas eifrig gelesen wurde, "die Geschichte Lanzelotts vom See", welche im 66. Kapitel ausführlich erzählt, wie Königin Ginevra, auf Zureden des Königs Galehaut oder Galeotto, dem im stillen sie anbetenden Ritter "das ersehnte Lächeln" zeigt, das den ersten Kuß herbeiführte. Galeotto war der Kuppler gewissermaßen, und desalb sagte Francesca, das Buch sei ihr Galeotto gewesen.

Der Familie Malatesta begegnen wir in der Hölle" noch zweimal. Im 27. Gesange werden der alte Verucchio und ein dritter Sohn, Malatestino, als zwei Fanghunde geschildert, und im 28. Gesange wird Malatestino von Rimini eines Meuchelmordes beschuldigt. Das Geschlecht hat sich bis ins 16. Jahrhundert in Rimini behauptet; Lord Byrons Paristina, welche im Jahre 1418 mit Riccolo, Markgrafen von Ferrara, sich vermählte, war eine Malatesta.

Francescas berühmter Ausspruch, daß es keinen größeren Schmerz gebe, als im Elend sich des Glücks zu erinnern, scheint Dante auf eine Stelle in Virgil zurückführen zu wollen. Dein Lehrer kennt dies Leid," sagt sie zu unserem Dichter. Man hat aber eine solche Stelle in Virgils Werken nicht gefunden (das von Philaletes zitierte Ifandum regina jubes renovare dolorem enthält den gerade entgegengesetzten Gedanken), wohl aber nachgewiesen, daß in dem Danten wohlbekannten Werke des Boëthius "de cosolatione" die Worte vorkommen: In omni adversitate fortunae infelicissimum genus infortunii est fuisse felicem. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Dante diesen Satz im Auge hatte, jedenfalls wahrscheinlicher, als daß er, wie ein Ausleger meint, Francesca ganz allgemein sagen lassen wollte, Virgil als ein weiser Mann werde wohl wissen, daß sie recht habe.

Schon den alten Kommentatoren ist die besondere Ergriffenheit aufgefallen, mit der Dante diesen 5. Gesang schließt, und sie erklären sie so, daß er selbst auf eine von Sünden der Liebe nicht freie Jugend zurückgeblickt habe. Ohne dem zu widersprechen, kann man sich auch mit einer minder persönlichen und vielleicht poetischeren Deutung begnügen; die Betrachtung, daß so das Menschenschicksal sei, daß eine so süße Sehnsucht wie die der Liebe zu solchem Elend führen könne, reichte wohl aus, den Zeugen dieses Elends so zu erschüttern, wie es dargestellt wird.

So stieg ich nieder aus dem ersten Kreis
Zum zweiten, der, um minder Raum sich streckend,
Mehr Schmerz umschließt und mehr des Wehgeschreis.

Gräßlich sitzt Minos da, die Zähne bleckend,
Prüft jede Schuld am Eingang, richtet, schickt,
Mit Ringen seines Schweifs den Leib bedeckend.

Wann nämlich ihn die arme Seel' erblickt,
So treibt es sie, daß sie ihm alles künde,
Und weil er weß, was sich für jede schickt,

Schlingt dieser Kenner jeder Menschensünde
Um seinen Leib den Schweif so viele Mal,
So viele Grad' er meint der finstren Gründe.

Stets harren sie vor ihm in großer Zahl,
Und jede tritt heran und läßt sich richten,
Redet und hört und fährt hinab zu Tal.

»Du, dessen Schritt' ins Haus der Pein sich richten,«
Rief Minos aus, sobald er mich erschaut,
Einhaltend im Geschäft so großer Pflichten;

»Gib acht, eh sich dein Fuß hineingetraut;
Laß nicht des Eingangs Weite dich betören.«
Da sprach Virgil: »Was schreist du so laut?

»Nicht wag es, seinen Schicksalsgang zu stören:
Man will es so dort oben, wo man kann
Das, was man will. Laß mich kein Wort mehr hören.«

Jetzt fing der Schall von Schmerzenstönen an
Hörbar zu werden, jetzt war ich gekommen,
Wo Jammer zu durchbohren mich begann.

Ich war am Ort, wo jedes Licht verglommen,
Der brüllt, wie die empörte Meeresflut,
Wann Nord und Süd den Angriff unternommen.

Der Hölle Wirbelsturm, der nimmer ruht,
Jagt hier die Geister, sich im Flug zu drehen,
Und peitscht sie mit erbarmunsloser Wut.

Wann bis sie an den Rand der Tiefe wehen,
Dann Kreischen und Gestöhn und Weheschrein;
Dann hört man sie die Kraft des Höchsten schmähen.

Ich hörte, daß zu so beschaffner Pein
In diesen Kreis fleischliche Sünder fahren,
So die Vernunft der Lust zum Opfer weihn.

Wie in der kalten Zeit ein Schwarm von Staren
Die Flügel schwingt in weitem, dichtem Heer,
So führt der Windhauch diese Geisterscharen

Hinunter und hinauf und hin und her.
Kein Hoffen tröstet sie, Rast zu erringen,
Was sag' ich Rast? nur Leiden minder schwer.

Und wie die Kranich' ihr Klage singen,
Die Luft durchschneidend in gestreckter Reih',
So kamen jetzt auf jenes Sturmes Schwingen

Schatten daher mit kläglichem Geschrei.
Drum fragt' ich: »Herr, wer sind die, die gezwungen,
Von schwarzer Luft gegeißelt, ziehn vorbei?« -

- »Die erste derer, die im Kreise geschwungen
Dahinziehn, (so zur Antwort gab er mir,)
War Kaiserin einst über viele Zungen.«

»Sie war so preisgegeben brünst'ger Gier,
Daß zum Gesetz sie machte das Belieben,
Die Schmach zu wenden, welche lag auf ihr:

»Semiramis, von der die Alten schrieben,
Des Ninus Weib und Thronnachfolgerin
In Landen, die des Sultans Raub geblieben.

»Und sie, die in Verzweiflung fuhr dahin,
Sichäus' falsche Witwe ist die zweite;
Ihr folgt Ägyptens üpp'ge Königin.

»Helena schaue, die zu solchem Streite
Ursache ward, schau den Achilles dort,
Den erst der Tod vom Liebeskampf befreite.

»Schau Paris, Tristan, -« und mit Hand und Wort
Nannt' er und wies mir tausend so betörte,
Die Liebe hat gebracht an solchen Ort.

Nachdem ich so von ihm die Namen hörte
Der Fraun des Altertums und edlen Herrn,
Ergriff mich Mitleid, das mich fast verstörte.

Und ich begann: »Poet, ich spräche gern
Mit jenen zwei, die miteinander gehen,
Vom Winde leicht getragen, nicht mehr fern.«

Und er: »Gib acht, sobald sie näher wehen;
Dann bitte sie, so wie dein Sinn begehrt,
Bei ihrer Liebe, und sie werden stehen.«

Wie nun der Wind in unsren Weg sie kehrt,
Erheb' ich meine Stimm': »O arme Schatten,
Steht Rede, wenn's ein andrer nicht verwehrt.«

Wie von Begier gelockt zwei Taubengatten
Mit offnen Flügeln nach dem trauten Nest,
Vom Wunsch getragen, fliegen von den Matten,

So von dem Schwarm, den Dido nie verläßt,
Kamen sie durch die böse Luft geflogen:
So hielt mein liebevoller Ruf sie fest.

»Freundliches Wesen, das so hold gewogen
Uns heimsucht, trotz des schwarzen Sturms und Schwalls,
Uns, deren Blut das Erdreich hat gesogen,

»Wär' gnädig uns der Herr des Weltenalls,
Wir würden dich zu segnen ihn beschwören,
Weil dich erbarmt hat unsres bittren Falls.

»Was dir gefällt zu reden und zu hören,
Wir sind zu Red' und zu Gehör bereit,
Dieweil der Wind abläßt, uns zu verstören.

»Die Stadt, wo ich zur Welt kam, liegt nicht weit
Von jenem Meere, wohin der Po sich senket,
Um auszuruhn mit seinem Heergeleit.

»Liebe, die schnell das Herz der Edlen lenket,
Hielt diesen durch die schöne Bildung fest,
Die ich verlor, daß noch die Art mich kränket..

»Liebe, die nie Geliebtem Lieb' erläßt,
Ergriff zu ihm mich mit so süßem Zwange,
Daß, wie du siehst, sie noch mich nicht verläßt.

»Und Liebe weiht' uns einem Untergange.
Kaïna harret des, der uns erschlug.«
Die Wort' ertönten mir mit leisem Klange.

Als ich die armen Seelen hörte, schlug
Den Blick ich nieder, nicht sufschauend, ehe
Der Meister nicht, an was ich denke, frug.

Da hob ich an und gab ihm Antwort: »Wehe!
Welch eine süße Sehnsucht und Bgier
Hat sie ins Leid geführt, wo ich sie sehe!«

Dann wieder wandt' ich mich und sprach zu ihr:
»Francesca, deine Marter zu betrachten,
Bringt heiße Tränen in die Augen mir.

»Sag aber nun, bei jenem süßen Schmachten -
Woran vergönnte Lieb' in jener Zeit,
Daß kenntlich sich die dunklen Wünsche machten?«

Da sprach sie: »Keine größre Traurigkeit
Als sich erinnern aus beglückten Tagen
Im Elend, und dein Lehrer kennt dies Leid.

»Doch wenn dein Herz dich treibt, danach zu fragen,
Wie jene Lieb' entsprang in unsrer Brust,
So will ich tun wie die, so weinend sagen.

»Wir lasen eines Tages zu unsrer Lust
Vom Lanzelott, wie Lieb' ihn hielt gebunden,
Wir beid' allein, uns keines Args bewußt.

»Oft hatten schon die Augen sich gefunden
Bei diesem Lesen, oft erblaßten wir,
Doch eine Stelle hat uns überwunden:

»Da wo das heißersehnte Lächeln ihr
Zuerst geküßt wird von dem hohen Streiter,
Da küßte bebend meine Lippen mir

»Dieser, hinfort mein ewiger Bgleiter.
Galeotto war das Buch und der es schrieb.
An jenem Tage lasen wir nicht weiter.«

Indes der eine Geist dies so beschrieb,
Weinte der andre, daß vom Überwallen
Des Mitleids ich betäubt und leblos blieb

Und niederfiel, wie tote Körper fallen.


Gesang 06

Im dritten Kreise büßen diejenigen, welche dem Bauche gefrönt haben, die Schlemmer und Völler, in den Schlamm dahingestreckt wie Schweine, bewacht von dem "Dämon Cerberus", dessen dreifacher Rachen ein Sinnbild ihres Lasters scheint. Mit dem Laster der Völlerei selbst beschäftigt sich der Gesang sehr wenig; er wird vom Dichter mit lakonischer Verachtung behandelt; von allen diesen Sündern wird nur ein einziger der Erwähnung gewürdigt, und mit diesem wird von ganz anderen Dingen als von den Freuden der Tafel geredet. Der Florentiner, welcher sich selbst als Zeitgenossen Dantes zu erkennen gibt, Ciacco mit Namen, scheint eine Art öffentliche Rolle in seiner Stadt gespielt zu haben. Boccaccio erzählt von ihm einen lustigen Schwank (Decameron IX, 8), und schildert ihn als einen Feinschmecker und nimmersatten Schmarotzer, der übrigens bei seinen reicheren Mitbürgern wohl gelitten war, weil er Geist und Witz besaß.
Um die Prophezeihung zu verstehen, die Dante dem Ciacco in den Mund legt, braucht man sich nicht in das Wirrsal der florentinischen Parteiungen zu vertiefen. Zwei feindliche Familiengruppen, die Weißen und die Schwarzen genannt, hatten im Jahre 1300 die Stadt in Unruhe gestürzt, in einem Augenblicke, wo Dante als einer der Prioren im Regimente saß. Die Prioren verbannten die Häupter beider Gruppen, doch scheint man die Weißen (welche auch aus irgend einem Grunde la parte selvaggia, die Waldpartei, hieß) glimpflicher behandelt zu haben. Der Führer der Schwarzen Corso Donati gewann die Unterstützung des Papstes Bonifaz VIII., des "Starken", von welchem V. 69 die Rede ist. Auf Antrieb des Papstes bemächtigte Karl von Valois, Bruder des Königs von Frankreich, sich der Stadt Florenz, und die Schwarzen verbannten mit vielen anderen ihnen feindlichen Bürgern auch Dante, welcher damals sich zu den Weißen hielt (1302), bis er später, wie er an einer anderen Stelle von sich rühmt, für sich allein eine Partei bildete und als einsamer Flüchtling für die kaiserliche Sache und die Regeneration Italiens eiferte. Unter französischem Schutze vertrieben im Jahre 1304 die Schwarzen alle zu den Weißen gehörenden Familien. Von dieser Katastrophe scheint Dante zu sprechen, wo er der "drei Jahreswenden" erwähnt, V. 67, und jedenfalls geht aus V. 70 hervor, daß die Prophezeihung nicht früher als 1304, wenn so früh, geschrieben wurde.
Man wird bemerken, daß Dante drei Fragen an Ciacco richtet, 1. wohin der Bürgerzwist führen werden; 2. wie viele Gerechte in Florenz seien; 3. wo einige verstorbene verdiente Mitbürger jetzt sich aufhielten. Nur zwei Gerechte sind in Florenz, aber Ciacco nennt sie nicht; einen derselben wird jeder erraten. Von den namhaft gemachten gut gesinnten Bürgern finden wir Farinata bei den Ketzern (Gesang 10, 33), Tegghiajo und Rusticucci im Flammenregen Sodoms (Ges. 17, 41 ff.), und Mosca bei den Zwietrachtschürern (Ges. 28, 103 ff.).
Am Schlusse des Gesanges wird die Frage, ob die Höllenpein nach der Auferstehung des Fleisches sich steigern werde, bejaht, weil Leib und Seele vereint eine höhere Vollkommenheit darstellen als die Seele allein, und das vollkommenere Wesen wie mehr Lust so auch mehr Schmerz empfindet. Im "Paradiese" wird derselbe Satz in entgegengesetzter Richtung auf die Seligen angewandt.
Aus den drei letzten Versen ersieht man, daß die beiden Dichter den Kreis quer durchschneiden, bis zu seinem inneren Rande, wo es zum vierten Kreise hinabgeht, zu den Geizigen und den Verschwendern. Dort hält Plutus, der Gott des Reichtums, hier zum Teufel degradiert, Wache.

Als wiederkam die Kraft, die mir entschwand,
Weil mich der Jammer, wie ich euch erzählte,
Um jene beiden Schwäger überwand,

Erblickt' ich neue Qualen und Gequälte.
Wohin ich schritt, umgaben Foltern mich,
Was ich für Ziel und Augenmerk auch wählte.

Im dritten Kreis, des Regens, wandert' ich,
Des ewigen, verfluchten, kalten, schweren,
An Maß und Art stets unveränderlich.

Durch finstre Lüfte, die sich nimmer klären,
Stürzen sich Hagel, Schnee und trüber Guß;
Die Erde stinkt, darauf sie sich entleeren.

Ein fremd und grausam Untier, Cerberus,
Dreimäulig, bellend wie ein Hund und beißend,
Plagt die Ersäuften in dem Regenfluß.

Die Augen rot, der Bart ist schwarz und gleißend
Und weit der Bauch; er schlägt die Krallen ein,
Die Geister kratzend, schindend und zerreißend.

Der Regen macht, daß sie wie Hunde schrein;
Die eine Seite mit der andern deckend,
Drehn sie sich hin und her in ihrer Pein.

Cerberus nun, das Scheusal, uns entdeckend,
Fuhr auf, keins seiner Glieder blieb in Ruh,
Die Rachen öffnend und die Hauer bleckend.

Mein Führer streckte seine Händ' im Nu,
Griff Erdreich auf und warf es mit den vollen
Fäusten den drei begier'gen Schlünden zu.

Und wie ein Hund, der gierig erst gebollen,
Verstummt, sobald er einbeißt in den Raub,
Denn nur dem Fressen gilt sein Kampf und Grollen,

So schloß dem Dämon Cerberus der Staub
Die wüsten Schnauzen, die den Maledeiten
So donnern, daß sie flehn, sie wären taub.

Wir mußten über die Verdammten schreiten,
Die Regen hinstreckt, unsre Sohle trat
Auf diese menschengleichen Nichtigkeiten.

Am Boden lagen all um unsern Pfad;
Nur einer war behend sich zu erheben,
Sobald er merkte, daß wir ihm genaht.

»O du, der sich ins Höllenreich begeben,
(Sprach er,) erkenne mich, wenn du vermagst;
Du lebtest, eh ich abschied aus dem Leben.«

Und ich zu ihm: »Die Qual, der du erlagst,
Mag Ursach sein, daß mir dein Bild entfallen,
Und daß ich nicht vermag, was du mir sagst.

»Sag aber, wer du bist, weshalb verfallen
So schlimmem Ort und so beschaffnem Leid,
Dem - wenn nicht größten - widrigsten von allen.«

Da sprach er: »Deine Stadt, die so von Neid
Erfüllt ist, daß der Topf schon überfließet,
Hat mich beherbergt in der heitren Zeit.

»Ich bin es, den ihr Bürger Ciacco hießet,
Auf den der sünd'gen Gurgel wegen dicht
der Regen, wie du siehst, sich nun ergießet.

»Nicht ich allein erdulde dies Gericht;
All diese müssen gleiche Pein ertragen
Um gleiche Schuld.« - Und weiter sprach er nicht.

Da sagt ich: »Ciacco, wohl sind deine Plagen
Beweinenswert; doch wenn ihr künft'ges wißt,
So sage mir: wie weit zu gehen wagen

Die Bürger jener Stadt voll Bürgerzwist,
Ob ein Gerechter lebt in der entzweiten,
Und was die Ursach solches Haders ist.«

Und er versetzte drauf: »Nach langem Streiten
Kömmt es zum Blut; dann wird die Waldpartei
Die andre ächten und ihr Schmach bereiten.

»Bald aber wird sie fallen binnen drei
Jahrwenden, und die andere wird sie schlagen;
Ein Starker lauert schon und springt ihr bei.

»Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen,
Die andre drückend unters Joch der Macht,
So sehr sie zürnen mag darob und klagen.

»Gerecht sind zwei, doch wer hat ihrer acht?
Neid, Übermut und Geiz, die sind im Bunde,
Drei Funken, deren Glut den Zwist entfacht.«

Hier brach er ab mit seiner Trauerkunde.
Und ich zu ihm: »Von andrem, was du weißt,
Begehr' ich Auskunft noch aus deinem Munde.

»Tegghiajo, Farinata, die man preist,
Mosca und Rusticucci, jene alle,
Die auf das Gute richteten den Geist,

»Wo sind sie? rede mir von ihrem Falle.
Mich drängt's zu wissen, wo sie sind und wie,
Ob Himmelsseim sie nährt, ob Höllengalle.«

Und er: »Bei schwärzren Seelen triffst du die;
Verschiedne Schuld ist unten ihre Plage;
Wenn du so tief hinabsteigst, schaust du sie.

»Du aber, wenn du kehrst zum lichten Tage,
Gedenke mein und zu den Leuten sprich.
Mehr sag' ich nicht und hör' auf keine Frage.«

Die graden Augen blickten scheel auf mich
Ein Weilchen noch, und dann die Stirne neigend,
Warf er mit ihr zu andern Blinden sich.

Mein Führer sprach: »So wird er liegen, schweigend,
Bis der Trompetenstoß der Engel schallt,
Wann ihr Besieger kömmt, vom Himmel steigend;

»Dann finden all ihr traurig Grab alsbald
Und werden sich im Fleische neu erheben
Und hören, was ewig widerhallt.«

So mußten wir durch das Gemengsel streben
Der Schatten und des Regens, zwischendrein
Berührend mancherlei vom künft'gen Leben.

Davon ich sagte: »Meister, diese Pein,
Wird sie noch größer nach dem jüngsten Tage,
Geringer oder scharf wie heute sein?«

Und er: »Die eigne Wissenschaft befrage;
Sie lehrt, daß je vollkommner etwas ist,
Es desto mehr empfindet Lust wie Plage.

»Dem Volk, von dem du hier umgeben bist,
Wird wirkliche Vollkommenheit nie eigen,
Doch wird's vollkommner nach als vor der Frist.«

Was mehr wir sprachen, muß ich hier verschweigen.
Den runden Weg durchmaßen wir vereint
Und kamen an den Punkt zum Tiefersteigen.

Da trafen wir Plutus, den großen Feind.


Gesang 07

In einer unverständlichen Höllensprache ruft Plutus den Satan die Eindringlinge an. Die Ausleger haben sich den Kopf zerbrocken, um klar zu machen, was der Dichter im Dunkel halten wollte. Neuerdings deutet man die rätselhaften Worte als eine Corruption des hebräischen Satztes pach pi Satan, pach pi Satan hallehabe, was heißen würde: Spei, Satans Mund, spei, Satans Mund, Feuer. Vielleicht hat Dante einen solchen hebräischen Vers mit Hilfe eines sprachkundigen Mannes angefertigt, ohne sich um die genaue Wiedergabe des Gehörten zu kümmern.

Im vierten Kreis werden die gestraft, welche an den irdischen Gütern freveln, der Geiz sowohl wie die Verschwendung. Den einen Halbkreis durchwandern die Geizigen, unter ihnen viele Geistliche; den andern Halbkreis der Verschwender in entgegengesetzter Richtung. So gleichen die beiden Züge der zwiefachen Strudelbewegung der Charybdis. An den beiden Enden des Halbkreises stoßen sie zusammen und bellen einander mit Schmähworten an. Keiner dieser Sünder wird der Nennung des Namens gewürdigt.

Die irdischen Güter stehen unter der Verwaltung der Fortuna, die keineswegs, wie die gewöhnliche Meinung ist, zu den Teufeln gehört. Virgil belehrt den Dichter eines besseren. Wie Gott die Lenkung der himmlischen Gestirne »den Intelligenzen« anvertraut hat, welche das Volk Engel nennt, (so sagt Dante in seinem Convito), ebenso hat er die irdischen Güter unter die Verwaltung Fortuna's gestellt, deren steter Flug der Notwendigkeit, d. h. dem ewigen Ratschlusse Gottes, folgt und die man deshalb mit Unrecht schmäht und verwünscht. Ihr Wechsel ist ebenso gesetzmäßig wie die Bewegung der Himmel, welche so geordnet ist, daß jeder Teil jedem Teile sichtbar wird. Daß Dante die Intelligenzen oder Engel als »Götter« bezeichnet, ist nur ein Anklang an den antiken Sprachgebrauch. Bei den Alten waren Jupiter, Mars, Venus u. s. w. zugleich Götter und Gestirne, und Dante glaubte an die Wirklichkeit dieser Wesen,denen er nur eine andere Stellung, seiner christlichen Kosmologie gemäß, anwies.

Mit V. 98 beginnt der zweite Tag der mystischen Reise. Die Sterne, welche aufgingen, als Virgil an die Oberwelt trat, sinken jetzt; Mitternacht ist vorüber; der 26. März nimmt seinen Anfang. Man gelangt niedersteigend in den fünften Kreis, an den weiten sumpfigen See des Styx, in dem die Zornigen liegen.

Die Ausleger sind uneinig darüber, was für Sünder es sind, die unter dem Wasser des Styx liegen und ungesehen jammern. Die einen nehmen an, daß ihr Laster die Trägheit war (vgl. V. 124), gewissermaßen der Gegensatz des Zorns, wie die Verschwendung Gegensatz des Geizes. Die andern erklären sich für Groll und Neid, die im Innern brennen, ohne zu offnem Ausbruch zu kommen, und die das heitre Leben demjenigen, der sich diesen Lastern hingiebt, verdunkeln wie Rauch. Diese Deutung scheint mir die einfachere; Trägheit im Sinne der scholastischen Theologie ist Saumseligkeit in der Erfüllung der christlichen Pflichten, nichts was zum Zorne in directem Gegensatze stünde. Auffallend ist es allerdings, daß die Trägheit, obwohl sie zu den sieben Todsünden gehört, in der Hölle keinen Platz findet, während sie im Fegefeuer ihren besonderen Ring einnimmt. Allein dasselbe tträfe vom Neide zu, wenn hier statt seiner die Tragheit angenommen würde.

»Pape Satan pape Satan aleppe« -
So schrie uns Plutus an; jedoch der Meister
Der alles wußte, sprach: »Die Felsentreppe

Uns zu verwehren haben diese Geister
Nicht Macht genug; drum fasse wieder Mut.«
Und diesen Trost vernehmend, ging ich dreister.

Dann zu dem Maul, aus dem sich Grimm entlud,
Sich wendend, sprach er: »Schweig, verfluchter Drache!
Verzehr'dich in dir selbst mit deiner Wut.

Nicht ohne Grund durchschreiten wir fir Lache:
Man will es droben, wo Sanct Michael
Anstolzer Hurerei vollzog die Rache.«

Wie die vom Wind geblähten Segel schnell
Verwickelt fallen, wenn der Mast zerkracht ist,
So fiel dahin der grimmige Gesell.

Bald war ich, wo der vierte Ring im Schacht ist,
Und weiter ging's den schmerzensreichen Pfad,
Wo alle Schuld der Welt zuhauf gebracht ist.

Gerechter Gott, wr hat die Qual, wer hat
Die Foltern aufgehäuft, die ich gesehen!
Warum zermalmt uns so die eigne Tat?

Gleichwie die Wogen der Charybdis gehen,
Wo eine Brandung sich an andrer bricht,
So muß das Volk sich hier im Reigen drehen.

So viel des Volks sah ich im Leben nicht.
Sie kommen mit Geheul von beiden Enden
Und wälzen mit den Brüsten schwer Gewicht

und stoßen auf einander dann und wenden
Alsbald sich wieder rückwärts mit Geschrei:
»Warum so knausern?« und »warum verschwenden?«

So wird der schlimme Rundgang stets von zwei
Verschiednen Seiten wieder unternommen,
Stets mit derselben schmäh'nden Litanei.

Ein jeder kehrt, wann er so weit gekommen
Durch seinen Halbkreis, zu dem neuen Strauß.
Und ich, der ganz zerknirscht war und beklommen,

Sprach: »Meister, was bedeutet dies Gbraus?
Sind jene Pfaffen, die sich links gewendet,
Die mit den Glatzen? Leg' den Sinn mir aus.«

Und er: »Sie alle waren so verblendet
Im Geiste, droben in der Menschenwelt,
Daß niemals sie mit rechtem Maß gespendet,

Wie ihre Stimme klar genug es bellt,
So oft sie an den Punkt zurück sich kehren,
Wo gegenteil'ge Schuld getrennt sie hält.

»Pfaffen sind jene, die des Schopfs entbehren,
Darunter mancher Papst und Cardinal,
Die sich der Macht des Geizes nicht erwehren.«

Und ich: »Mein Meister, unter dieser Zahl
Müßt' ich, so mein' ich, manchen wiederkennen,
Der sich befleckt mit dieses Lasters Mal.«

Und er zu mir: »Du könntest keinen nennen;
Denn weil sie dort erkenntnislos gehaust,
Sind hier sie dunkel jeglichem Erkennen.

Sie stoßen ewig sich, wie du sie schaust,
Und werden auferstehn zum Weltgerichte,
Die kahlgerupft, die mit geschloßner Faust.

Schlecht geben und schlecht sparen hat vom Lichte
Sie so verbannt in diese Wutgeschnauf,
Davon noch mehr zu sagen ich verzichte.

Du siehst, mein Sohn, kurz ist der Posse Lauf,
Ger Güter, die Fortuna hält in Händen,
Um die auf Erden tobt solch ein Gerauf.

Denn alles Gold der Welt, wenn sie es fänden,
Kann von den müden Seelen, die wir schaun,
Nicht einer einzigen Erquickung spenden.« -

- »Meister, (versetzt' ich,) wolle mir vertraun,
Wie ist es, daß die Güter unsrer Erde,
Jene Fortuna also hält in Klau'n.« -

Und er darauf zu mir: »O blöde Herde,
Wie ihr zum eignen Schaden misversteht!
Nun fasse wohl, was ich dir sagen werde.

Er, dessen Wissen über alles geht,
Er schuf die Himmel und gab Lenker ihnen,
Daß jeder Teil sich jedem glänzend dreht,

Das Licht verteilend, wie ihm gut erschienen:
So setzt' er über Erdenherrlichkeit
Fortuna, ihm als Schaffnerin zu dienen,

Damit das eitle Gut zur rechten Zeit
Von Volk zu Volk, von Blut zu Blut gelange,
Entrückt der menschlichen Verschlagenheit;

Auf daß ein Volk verwelk', ein andres prange,
Je nach dem Urteil, welches jene fällt,
Die ungesehn bleibt, wie im Gras die Schlange.

Nichts wider sie vermag Weisheit der Welt:
Wie ihres Reichs die andren Götter walten,
So lenkt sie ihres, richtet und bestellt.

In ihrem Wechsel ist kein Innehalten;
Notwendigkeit verleiht ihr schnellen Flug;
Rasch folgen neue Herren drum den alten.

Das ist sie, die ans Kreuz schon mancher schlug,
Der eh sie loben sollt' und der mit schlimmer
Nachred' ihr lohnt und lästerlichem Lug.

Sie aber lebt verklärt und hört es nimmer;
Mit Gottes Erstlingen, voll Heiterkeit,
Rollt sie die Kugel hin, beseligt immer.

Jetzt steigen wir hinab zu größrem Leid;
Die Sterne sinken schon, die aufgegangen,
Als ich hinausging, und es drängt die Zeit.«

Wir waren an des Kreises Rand gegangen;
Da war ein Rinnsal in den Fels gehaun,
Ein kochendes Gewässer aufzufangen.

Viel dunkler war die Flut als tiefstes Braun,
Und in Gesellschaft dieser düstren Welle
Gingen hinab wir einen Weg voll Graun.

Das traurige Gewässer jener Quelle
Macht unten eine Lache, Styx genannt,
Am Fuß der fürchterlichen Felsenwälle.

Und ich, der aufmerksam zu schauen stand,
Sah schlamm'ge Leute, die im Sumpfe lagen,
Nackt alle, die Gesichter zornentbrannt.

Ich sah sie sich nicht nur mit Fäusten schlagen,
Nein, mit den Füßen auch, mit Kopf und Brust,
Und sich mit Zähnen reißen und zernagen.

Der Meister sprach: »Dies, wie du wissen mußt,
Ist Volk, das sich vom Zorne ließ besiegen.
Auch sollst du glauben, denn mir ist's bewußt,

Daß unter Wasser viele seufzend liegen
Und treiben Blasen auf dem Wasser hier,
Ringsum, wohin auch deine Blicke fliegen.

Im Schlamme schrein sie: Traurig waren wir,
Weil drinnen angefüllt von trägem Rauche,
Im Sonnenlicht, im heitren Luftrevier;

Jetzt trauern wir in dieser schwarzen Jauche. -
Dies Liedlein gurgeln sie in ihrem Schlund,
Weil keiner reden kann mit freiem Hauche.«

Wir kreisten um der Pfütze weites Rund,
Auf jene schauend, die der Schlamm erstickte,
Hinwandelnd zwischen Riff und sumpf'gem Grund,

Bis ich am Ufer einen Turm erblickte.


Gesang 08

Der Styx umgiebt als fünfter Kreis den in gleicher Fläche liegenden sechsten. Fährmann über deen Styx ist Phlegias, der im Zorn, weil Apollo seine Tochter überwältigte, den Tempel in Delphi verbrannte. Während der Fahrt erkennt Dante im Sumpfe einen Landsmann, den auch Boccaccio im Decameron (IX, 8) als brutalen, jähzörnigen und hochmütigen Menschen schildert, Philipp Cavicciuoli, Argenti zubenannt, weil er sein Pferd mit Silber beschlagen ließ. Seiner rohen Leidenschaft wird Dante's gerechter Zorn gegenübergestellt, um dessen Willen Virgil ihn lobt und glücklich preist.

Am inneren

Fortfahrend sag' ich: lange schon bevor
Wir an den Fuß des hohen Turms getreten,
Ging unser Blick zu seiner Spitz' empor.

Zwei Flämmchen sah ich, die dort oben wehten,
Und fern auf ihr Signal antwortend dann
Ein andres, das die Augen kaum erspähten.

Drob ich zum Meer der Weisheit so begann:
»Was sagen diese Flammen? und die dritte,
Was meldet sie? wer zündete sie an?«

Und er zu mir: »Du sähest in der Mitte
Des Sumpfes ihn, der kommen wird, schon nahn,
Wenn es der Qualm der trüben Pfütze litte.«

Nie flog des Schützen Pfeil die luft'ge Bahn
Vom Strange bis ans Ziel mit solcher Schnelle,
Wie ich herüber einen winz'gen Kahn

Uns sah entgegenkommen durch die Welle;
Und nur ein einz'ger Schiffer saß im Boot,
Der rief: »Verruchter Geist, bist du zur Stelle?« -

- »Phlegias, Phlegias, du hast falsch gedroht,
(Sagt' ihm mein Herr); du wirst von uns dich trennen,
Wann wir hinüber sind durch diesen Kot.«

Gleich einem Mann, der, ohn' es zu erkennen,
Betrogen ward und merkt es hinterdrein,
So schien von Zorn jetzt Phlegias zu brennen.

Mein Führer stieg in jenen Nachen ein,
Und ich ihm nach, und erst da ich gekommen,
Schien mir das Schiff von Last beschwert zu sein.

Sobald der Kahn uns beide aufgenommen,
Durchschnitt der alte Kiel des Wassers mehr,
Als er mit andrer Fracht jemals durchschwommen.

Indeß wir fuhren durch dies todte Meer,
Sah einen ganz voll Schlamm ich vor mir stehen,
Der sprach: »Wie kömmst du vor der Zeit hieher?«

Und ich zu ihm: »Ich kam, doch werd' ich gehen.
Doch wer bist du, entstelltes Wesen? sprich.«
Und er: »Ein weinender; das kannst du sehen.«

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