Dante Alighieri - La Divina Commedia
Konrad Falke - Die Göttliche Komödie
Hölle - Gesang 01

Inmitten auf der Fahrt durch unser Leben
Fand ich mich jäh in einem finstern Walde,
Dieweil der recht Weg mir ging verloren.

O, was - zu sagen, wie er war - ist hart doch
Dieser verwachsne Wald, dornig und buschig,
Der beim Drandenken schon erneut das Grauen!

So ist er herb, daß herber kaum der Tod ist -
Doch eh' vom Heil ich handle, das mir wurde,
Red' ich von anderm erst, das dort ich wahrnahm.

Ich weiß nicht so recht zu melden, wie ich eintrat,
So war ich voller Schlaf in jenem Zeitpunkt,
Als ich den wahren Weg ließ seitwärts liegen;

Doch wie zum Fuß ich eines Bergs gelangt war
- Dort, wo ihr Ende fand die waldige Talschlucht,
Die mit Entsetzen mir das Herz durchschüttert -,

Schaut' ich empor: und sah ich seine Schultern
Umsäumt schon von den Strahlen des Planeten,
Der einen richtig führt auf jedem Pfade.

Da ward die grause Angst etwas beschwichtigt,
Die tief im See des Herzens mir gewaltet
Die Nacht, die so voller Jammer ich verbrachte;

Und jenem gleich, der - mit erschöpftem Atem
Entronnen aus dem Weltmeer ans Gestade -
Sich kehrt zur tückereichen Flut und hinstarrt:

So kehrte auch mein Geist, ob er schon fortfloh,
Staunend sich hinter sich, zu schau'n den Durchpaß,
Der keinen je noch ließ am Leben bleiben.

Dann, als ich kurz erholt den müden Körper,
Nahm ich den Weg auf, dort am öden Hange,
So, daß der Standfuß stets der tiefere war.

Doch sieh, gleichsam zu Anfang schon der Halde:
Ein Panther, schmächtig und gar rasch beweglich,
Der mit gescheckt-buntfarbigem Fell bececkt war!

Und nicht entfernt' er mir sich aus den Augen;
Vielmehr versperrt' er also meinen Pfad mir,
Daß ich zur Umkehr mehrfach stand gewendet.

Es war die Zeit der ersten Morgenfrühe;
Die Sonne stieg empor mit jenen Sternen,
Die bei ihr waren, als die Liebe Gottes

Erstmals bewegte all die schönen Dinge:
So daß mir Anlaß guter Hoffnung wurde
Vor jenem Tier mit dem gefleckten Felle,

Die Tagesstund' und holde Zeit des Jahres -
Doch so nicht, daß nicht Bangen mir erweckte
Der Anblick, der mir ward, von einem Löwen

(Der machte Miene, auf mich loszustürzen
Mit stolzem Haupt und mit wußheißem Hunger,
So daß es war, als schaudre selbst die Luft drob!)

Und einer Wölfin, die von allen Süchten
Besessen schien, in ihrer Abgezehrtheit,
Und viele schon in Bitternis ließ leben!

Die brachte über mich solche Beschwernis
Durch jenes Grau'n, das ihr vom Anblick ausging,
Daß ich verlor die Hoffnung auf die Höhe;

Und wie's zu Mut ist dem, der gern Gewinn sucht
(Und's kommt die Zeit, die ihm Verluste zufügt;
So daß er, was er denkt auch, weint und trauert!):

Also tat mir das Tier ohn' allen Frieden,
Das, mir entgegentretend, Schritt für Schritt mich
Dorthin zurücktrieb, wo die Sonne schweigt.

Derweil ich niederglitt zum tiefen Grunde,
Ward meinen Augen einer dargeboten,
Des Stimm' erloschen schien vor langem Stummsein.

Als ich ihn wahrnahm in der weiten Öde
»Erbarm dich meiner!" rief ich ihm entgegen,
Wer du auch seist: ob wirklich Mensch, ob Schatten!«

Versetzt' er mir: »Nicht Mensch, Mensch war ich früher;
Und meine Eltern waren einst Lombarden
Und Mantuaner von Geburt sie beide.

Zur Welt kam unter Julius ich, ob spät auch,
Und lebt' im Rom des trefflichen Augustus,
Zur Zeit der Götter voller Falsch und Lüge.

Dichter war ich und sang von dem gerechten
Sohn des Anchises, der von Troja herkam,
Als Ilion, das gewaltige, lag in Asche ...

Doch du? Was kehrst zu solcher Pein du wieder?
Warum ersteigst du nicht den Berg der Wonne,
Der Anfang ist und Ursach' alles Glückes?« -

»So bist du denn Virgil, bist jene Quelle,
Die uns der Rede reichste Stromflut spendet?«
Erwidert' ich mit schambeschwerter Stirn.

»O du, der andern Sänger Zier und Leuchte:
Helf' mir nun langer Fleiß und große Liebe,
Die mich dein Buch so tief durchforschen ließen!

Du bist mein Meister, du mein hohes Vorbild;
Du bist all-einzig der, von dem ich abnahm
Den schönen Stil, der Ehre mir gebracht hat ...

Schau dort das Tier, vor welchem ich mich wandte,
Erette mich von ihm, berühmter Weiser,
Denn es macht zittern Adern mir und Pulse!« -

»Dir ziemt es, andre Reise einzuschlagen«,
Gab er Bescheid als er micht sah in Tränen,
»Willst du dem wilden Orte hier entrinnen!

Denn dieses Tier, vor dem du Hilfe schreist,
Läßt keinen je an sich vorüberziehen,
Nein, so setzt es ihm zu, bis es ihn umbringt;

Und ist von Wesen esso bös und tückisch,
Daß nie es stillt das gier-entbrannte Lechzen
Und nach dem Fraß mehr Hunger hat als vorher.

Viel Bestien sind's, mit denen es sich gattet,
Und mehr noch werden's sein - bis einst der Jagdhund
Daherkommt, der zu Tod es würgt in Qualen!

Der wird sich nähren nicht von Geld und Ländern,
Vielmehr von Weisheit einzig, Kraft und Liebe,
Und aufersteh'n wohl zwischen Filz und Filze:

Italien, dem gebeugten, wird zum Heil er,
Für das einst starb, als Jungfrau noch, Kamilla,
Turnus, Nisus, Euryalus an Wunden.

Er wird vertreiben es aus allen Städten,
Bis er's zurückversetzt hat in die Hölle,
Von wo der Erste Neid es hergesendet...

Darum, zu deinem Besten, denk' und rat' ich,
Daß du mir folgst: ich will dich führend leiten
Und bringen dich von hier zur ewigen Stätte,

Allwo du hörst die Schreie der Verzweiflung
Und siehst die früheren Geister so im Leiden,
Daß jeder laut den zweiten Tod bejammert!

Alsdann schaust jene du, die wohlzufrieden
Sind in der Glut, weil einzugeh'n sie hoffen,
Wann es auch sei, zu den glückseligen Scharen.

Doch willst zu diesen drauf empor du steigen,
Gibt's eine Seele, mehr als ich des würdig:
Mit ihr belaß ich dich in meinem Scheiden.

Denn jener Kaiser, der dort hehr gebietet,
- Weil einst ich widerstrebte seiner Satzung -
Will nicht, daß seiner Stadt durch mich man nahe.

Er waltet überall, doch dort regiert er;
Alldort ist seine Stadt, sein hoher Thronsitz:
O glücklich der, den er dorthin beruft!«

Und ich zu ihm: »O Dichter, ich beschwör' dich
Bei jenem Gotte, welchen du nicht kanntest
(Damit ich flieh' diesseitiges Leid und Schlimmres):

Führ du mich dorthin, wo du eben sagtest,
Auf daß ich schau' das Tor des heil'gen Petrus
Und jene, die du schilderst so voll Trauer!«

Da schritt er hin - und ich ihm auf den Fersen.


Gesang 02

Zur Rüste ging der Tag; und graues Dämmer
Enthob die Wesen, die da sind auf Erden,
All ihren Müh'n: nur ich, allein und einzig,

Hielt mich bereit, den Kampf zu überstehen
- So mit dem Wege wie mit dem Erbarmen -
Den schildern soll Erinn'rung, die nicht fehlgeht.

O Muse! Hoher Geist! Jetzt schickt mir Hilfe!
Erinn'rung, die du aufschriebst, was ich schaute,
Hier mag sich deine Adligkeit erwahren!

Ich hub so an: »Dichter, der du mich leitest,
Betrachte meine Kraft, ob sie auch stark ist,
Eh' du dem kühnen Gange mich anheimgibst.

Du kündest, daß des Silvius Erzeuger,
Hinfällig noch, in die unsterblich-ew'ge
Welt sich begab; und zwar mit irdischen Sinnen.

Indessen, wenn der Gegner alles Bösen
Huldvoll ihm war, der hohen Wirkung denkend,
Die sollt' auf Erden hier von ihm entspringen,

Scheint er nicht unwert einem Mann von Einsicht:
Er ward dem hehren Rom und seinem Weltreich
Im Himmelsglanz zum Vater auserlesen;

Rom wie sein Reich - die Wahrheit zu bekennen! -
Waren vorherbestimmt zur heiligen Stätte,
Allwo der Folger thront des größten Petrus.

Durch diese Fahrt, für die du Ruhm im spendest,
Erfuhr er Dinge, die der Anstoß wurden
Zu seinem Sieg wie zu des Papstes Mantel.

Hin ging auch das Gefäß der Auserwählung,
Um Stärkung jenem Glauben herzuholen,
Der Anfang ist vom Wege der Erlösung . . .

Doch ich, wie käm ich hin? Und wer gewährt' es?
Ich bin Aeneas nicht, ich bin nicht Paulus;
Würdig hiezu halt' ich mich nicht, noch sonstwer.

Drum, wenn ich jetzt zum Gehen mich verstehe,
So fürcht' ich doch, die Ankunft sei vermessen -
Weise bist du; weißt's besser, als ich rede!«

Und gleich wie der, der nicht will, was er wollte,
Und, neuem Plan zulieb, den Vorsatz ändert,
So daß vom Anfang er sich gänzlich abkehrt:

So tat auch ich an jenem finstern Berghang;
Denn, sinnend, gab ich auf das Unternehmen,
Zu dem im ersten Anlauf ich so rasch war.

»Wenn richtig ich dein Wort verstanden habe,«
Versetzte da des Hochgesinnten Schatten,
»So ist dein Herz von Feigheit angegriffen,

Die oft dem Menschen so den Weg belagert,
Daß sie von lobenswertem Tun ihn abschreckt,
Ähnlich wie falsches Schau'n ein Tier, wenn's scheut!

Doch daß aus der Befürchtung du dich lösest,
Sag' ich, weshalb ich kam und was mir kund ward,
Als erstmals Mitleid mich um dich erfaßte . . .

Bei jenen war ich in dem Zwischenstande;
Und eine Frau rief mich, so selig-herrlich,
Daß frei mir zu gebieten ich sie anging.

Es strahlten ihre Augen mehr als Sterne;
Und so begann zu sprechen, mild und lieblich,
Mit engelhaftem Klang in ihrer Rede:

»O du gefällige Mantuanerseele,
Von der der Ruhm noch in der Welt andauert
- Und dauern wird, solang die Welt dahinrollt -:

Mein Freund (doch nicht der Freund des Schicksalwechsels!)
Wird dort am öden Berghang so gehindert
In seinem Weg, daß er vor Angst gewandt steht;

Und fürcht' ich, daß er schon so seh verwirrt ist,
Daß ich zu spät zur Hilfe mich erhoben,
Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte.

Nun reg dich; und mit deinem würdigen Worte,
Und was noch sonst zu seiner Rettung nottut,
Tritt so ihm bei, daß ich mich mag getrösten!

Ich bin Beatrice, die zu geh'n dich aufruft;
Von dorther komm' ich, wo ich heim mich sehne:
Liebe trieb mich, die mich auch zwingt zu sprechen.

Wann wieder erst vor meinem Herrn ich stehe,
Will dein ich lobend oft vor ihm gedenken . . .«
Sie schwieg darauf. Und so nunmehr begann ich:

»O Herrin solcher Tugend, durch die einzig
Die Menschheit übertrifft, was da begrenzt wird
Vom Himmel, der in kleinsten Kreisen umschwingt:

So sehr willkommen ist mir dein Verlangen,
Das das Gehorchen, schon geübt, mir spät scheint;
Mehr nicht bedarf's, als deinem Wunsch zu künden . . .

Doch sag den Grund mir, weshalb du nicht Scheu trägst,
Hierher in diesen Erdkern abzusteigen
Aus Himmelshöh'n, wohin du Rückkehr glühst?«

»Da du's so sehr ins Tiefste willst ergründen,
Sag' ich in Kürze dir« - gab sie mir Antwort -,
»Warum ich mich nicht fürchte, herzukommen!

Fürchten soll man sich nur vor jenen Dingen,
Die mächtig sind, uns Übles zuzufügen;
Vor andern aber nicht, sie sind nicht furchtbar.

Ich bin von Gott geschaffen, Dank ihm, also,
Daß weder euer Elend mich kann rühren,
Noch Flammen dieses Feuers mich ergreifen ...

Ein Weib lebt hold im Himmel, das erbarmt sich
Jener Bedrohnis, der ich dich entsende,
So daß sie hartes Urteil bricht dort oben;

Die ging Lucien an mit ihren Bitten
Und sprach: »Nunmehr bedarf dein Vielgetreuer,
Daß du ihm hilfst; und ich empfehl' ihn dir!«

Lucia, Feindin jedes Gramgeschickes,
Brach auf und kam zum Orte, wo ich weilte,
Die ich zur Seite saß der alten Rahel;

Sie sprach: »Beatrice, wahrer Gottespreis,
Was springst du dem nicht bei, der so dich liebte,
Daß er um dich verließ die Alltagsherde?

Vernimmst du nicht den Jammer seiner Klagen?
Gewahrst du nicht den Tod, der auf ihn eindringt
Im Wogentanz, wie sein kein Meer sich rühmt?«

Auf Erden war noch niemand so beflissen,
Sein Glück zu schaffen und zu flieh'n sein Unglück,
Wie ich es war nach so gefallenen Worten.

Herab kam ich von meinem seligen Sitze,
Verlassend ganz mich auf dein würdiges Reden,
Das Ruhm dir bringt und allen, die's bewahren!«

Und als zu mir sie das gesprochen hatte,
Hob sie die Strahlenaugen auf voll Tränen,
Wodurch sie mich noch mehr zum Gehen antrieb ...

So naht' ich mich denn dir, wie sie es wollte:
Vor jenem Raubtier erhob ich dich von hinnen,
Das dir zum Berg den nächsten Weg versperrte.

Was also ist? Warum, warum verweilst du?
Was hegst du soviel Zagheit noch im Herzen?
Weshalb nicht Tatenrang und Freimut hast du,

Wo doch drei solche höchstverklärte Frauen
Um dich sich sorgen an dem Hof des Himmels
Und dir mein Wort so großes Heil verkündet?«

So wie die Blumen, von dem Frost der Nacht
Gebeugt und zu, wann sie die Sonn' erleuchtet,
Sich heben, offen all', auf ihren Stengeln:

Allso ward mir, mit meiner müden Stärke;
Und soviel Kühnheit strömte mir zum Herzen,
Daß ich begann dem gleich, der sich befreit sieht:

»O wie barmherzig jene, die mir beistand,
Und gütig du, der du so bald gehorchtest
Der wahren Weisung, die sie dir erteilte!

Du hast mit Sehnsucht mir das Herz beflügelt
So sehr nach dieser Fahrt, mit deinen Worten,
Daß ich gekehrt bin zu dem ersten Vorsatz.

Drum auf! Ein einziger Wille treibt uns beide:
Du bist der Führer, du der Herr und Meister!«
So sprach zu ihm ich; und als er vorausschritt,

Betrat auch ich den Pfad, rauh und beschwerlich.


Gesang 03

»Durch mich gelangt man in die Stadt der Qualen,
Durch mich gelangt man in das ewige Leiden,
Durch mich gelangt man zum verlornen Volke.

Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer:
Mich gründet die göttlich-hehre Allmacht,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe.

Vor mir ward nichts in dieser Welt erschaffen,
Wenn Ewiges nicht; und selber daur' ich ewig.
Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren!«

Solcherlei Worte, finsterschwarz an Farbe,
Sah ich geritzt zu Häupten eines Tores;
Drum ich: »Meister, ihr Sinn bedünkt mich hart!«

Doch er zu mir, als einer von Erfahrung:
»Hier heißt es, jede Furcht dahintenlassen;
Jedwede Feigheit sei hier ganz erstorben!

Wir sind gelangt zum Ort, wo ich dir sagte,
Daß du wirst schauen die gequälten Scharen,
Die der Erkenntnis Gut verloren haben.«

Und als er seine Hand auf meine legte,
Mit heiterm Antlitz, draus ich Stärkung hernahm,
Führt' er mich ein in die geheimen Dinge.

Allhier Geseufz, Gewein' und lautes Jammern
Erschallten durch die Luft, bar aller Sterne,
So daß ich gleich darob in Tränen schmolz.

Verschiedne Zungen, grauenvolle Reden,
Worte des Schmerzes, Schreie wilder Zornwut,
Stimmen, schrill, dumpf, verzweifelt Händeklatschen

Erregten ein Getös, das ewig umwogt
In diesem Dunst und Qualm zeitloser Schwärze,
Gleichwie der Sand, wenn es in Wirbeln dreinbläst.

Und ich, von Schreck das Haupt umschauert tragend,
Sprach: »Meister, was ist das, was ich vernehme?
Und was für Volk erscheint so schmerzbezwungen?«

Und er zu mir: »Hier dieses Jammerdasein
Führen die elend-nichtigen Seelen jener,
Die ohne Lob und ohne Tadel lebten.

Vermischt sind sie mit der verruchten Rotte
Von Engeln, die nicht widersetzlich waren,
Doch auch nicht treu Gott, sondern abseits standen.

Ausspie'n die Himmel sie, um schön zu bleiben;
Und auch die tiefe Höll' sackt sie nicht in sich,
Weil Ruhm wohl hätten Böse selbst vor ihnen.«

Und ich: »Meister, was ist denn also qualvoll
Für sie, daß es sie macht so heftig jammern?«
Versetzt' er: »Sagen werd' ich dir's, in Kürze!

Hier diesen fehlt die Hoffnung, je zu sterben;
Und dies ihr blindes Leben ist so niedrig,
Daß jedes andere Schicksal sie beneiden.

Selbst ihr Gedächtnis läßt die Welt nicht dauern:
So Gnade wie Gerechtigkeit verwirft sie.
Kein Wort von ihnen; schau - und geh vorüber!«

Und ich, der nochmals schaute, sah ein Fähnlein,
Das rings im Kreise hinlief also eilig,
Daß mich's zu jeder Rast unwillig dünkte;

Und hinterher folgt' ihm solch langer Anhang
Von Menschen, wie ich nie vermutet hätte,
Daß schon der Tod soviel davon verdorben.

Dann, als ich drunter den erkannt und diesen,
Sah und erkannt' ich auch den Schatten jenes,
Der voller Kleinmut einst das Höchste preisgab!

Sogleich begriff ich und ward dessen sicher,
Daß dieses war die Schar der Memmenseelen,
Gott mißgefällig und auch seinen Feinden.

Die Kläglichen, die nie recht lebend wurden,
Sie waren nackt und tausendfach gestachelt
Von Mücken und von Wespen, die dort schwärmten:

Die streiften ihnen ihr Gesicht mit Blut,
Das, tränenuntermischt, zu ihren Füßen
Von ekelhaften Würmern ward gesogen.

Doch drauf, als ich der Schau mich weiter hingab,
Sah Volk am Strand ich eines großen Stromes;
Weshalb ich sagte: »Meister, nun gewähr mir,

Daß, wer die sind, ich hör', und welche Satzung
Sie läßt zur Überfahrt so willig scheinen,
Wie bei dem fahlen Licht ich's mag erkennen!«

Und er zu mir: »Solches wird kund dir werden,
Sobald wir nunmehr unsere Schritte hemmen
Am leidvollen Gestad des Acheron!«

Hierauf, die Augen scham-erfüllt beschattet,
Fürchtend, mein Sprechen möcht' ihm lästig fallen,
Enthielt bis hin zum Fluß ich mich der Rede.

Und sieh: auf uns zu fuhr in einem Nachen
Ein Greis, ganz weiß im altersbleichen Haupthaar,
Schreiend: »Weh über euch, verruchte Seelen!

Nicht hofft, jemals den Himmel noch zu schauen:
Hier bin ich, euch zum andern Strand zu schaffen,
In ewige Finsternisse, Glut und Frost . . .

Und du, die du hier stehst, lebendige Seele,
Heb dich hinweg von diesen, die gestorben!«
Doch als er sah, daß ich mich nicht entfernte,

Rief er: »Auf andrem Weg, durch andre Häfen
Kommst du zum Strand, nicht hier, zum Überfahren;
Leichterem Kahn geziemt es, dich zu tragen!«

Mein Führer drauf: »Charon, nicht solches Toben!
Gewollt wird so es dort, allwo man kann auch
Das, was man will; und mehr nicht darfst du fragen.«

Da wurden ruhig die behaarten Wangen
Dem Fährmann jenes gräulichen Gewässers,
Der um die Augen Flammenräder hatte.

Allein die Seelen, nackt und ganz von Kräften,
Verfärbten sich und schlugen mit den Zähnen,
Sobald die grausen Worte sie begriffen:

Sie fluchten Gott und ihren Elternpaaren,
Dem Menschengeschlecht, dem Ort, der Zeit, dem Samen
Von ihrer Zeugung, ihrer Erdgeburt.

Dann drängten samt und sonders sie, vereinigt,
Laut heulend sich zum unheilvollen Strande,
Der eines jeden harrt, der Gott nicht fürchtet.

Der Dämon Charon, mit den Feueraugen
Heran sie winkend, rafft sie all zusammen;
Und mit dem Ruder schlägt er den, der zögert.

Gleichwie zur Herbstzeit sich die Blätter lösen,
Eins hinterm andern her, bis daß der Baumstamm
Zurück der Erde hat sein Kleid gegeben:

Ganz ähnlich wirft sich Adams schlimmer Same
Von jenem Ufer dort, hintereinander,
Auf Zeichen, wie die Vögel auf die Lockung.

So fahren sie dahin, auf dunkler Welle;
Und eh' noch, daß sie drüben ausgestiegen,
Sammeln sich hier schon wieder neue Scharen.

»Mein lieber Sohn!« sprach da der Meister freundlich;
»Alle, die sterben unterm Zorne Gottes,
Sie kommen hier aus jedem Land zusammen.

Und willig sind sie, übern Strom zu setzen; Denn göttliche Gerechtigkeit treibt so sie, Daß sich die Furchtverwandelt in Verlangen.

Hier durch geht niemals eine gute Seele!
Und drum, wenn Charon über dich sich aufhält,
Magst du wohl wissen, was sein Wort dir kündet . . .«

Nach diesen Worten ward die düstre Landschaft
So fürchterlich durchbebt, daß an den Schrecken
Erinnerung mich in Schweiß noch heute badet.

Der tränenreiche Grund stieß einen Wind aus,
Der blitzend warf ein purpurrotes Leuchten,
Das mir betäubte jede Seinsempfindung.

Und hin fiel ich, wie wer vom Schlaf bezwungen.


Gesang 04

Brach da den tiefen Schlaf in meinem Haupte
Ein dumpfer Donner so, daß ich emporfuhr
Wie einer, der gewaltsam wird geweckt.

Und das erholte Aug' sandt' ich im Kreise,
Hoch aufgereichtet; uns sah starr dann vor mich,
Die Gegend zu erkennen, wo ich wäre -:

Wahr ist's, daß ich mich an dem Steilhang vorfand
Des abgrundtiefen Talschlunds voller Schmerzen,
Der Tosen faßt von ungezählten Schreien!

Schwarz, bodenlos war er und dampfdurchwirbelt
So sehr, daß, was ich auch den Blick einbohrte,
Ich doch nicht das Geringste mocht' erhaschen.

»Wohl, steigen ab wir in die blinde Welt!«
Hub da der Dichter an, ganz blaß geworden;
»Ich werde erster sein, und bist zweiter.«

Und ich, der seine Farbe jetzt gewahrte,
Sprach: »Wie gelang' ich hin, wenn du zurückbebst,
Der Stütze meinem Schwanken pflegst zu sein?«

Doch er zu mir: »Die Qualennot der Völker,
Die hier im Grunde schmachten, malt ins Antlitz
Mir jenes Mitleid, das als Furcht du denkst . . .

Geh'n wir! Der lange Weg treibt uns zur Eile.«
Also betrat er - und ließ mich betreten -
Den ersten Umkreis, der den Abgrund gürtet.

Allhier (nach jenem, was da war zu hören!)
Gab es Wehklagen nicht, sei's denn von Seufzern,
Die rings die ewige Luft erbeben machten.

Solches kam her vom Leiden ohne Martern,
Drin sich die Scharen härmen, groß uns zahlreich,
Von Kindern und von Frauen und von Männern.

Der gütige Meister jetzt zu mir: »Du fragst nicht,
Was das für Geister sind, die du hier wahrnimmst?
So magst du wissen, eh' du weiterwanderst:

Sündlos sind sie; und wenn Verdienst sie haben,
Es fruchtet nichts, weil sie der Tauf' entbehrten,
Die Teil ist von dem Glauben, den du glaubst,

Und lebten sie gleich vor dem Christentume,
Sie ehrten doch den Höchsten nicht genügend -
Und hier von diesen bin ich selber einer . . .

Und solcher Mängel willen - nicht Verschuldung! -
Sind wir verloren; doch nur so gepeinigt,
Daß ohne Hoffnung wir in Sehnsucht leben.«

Groß Leid griff mir ans Herz, als ich das hörte;
Denn Seelen von gar hoher Menschentugend
Erkannt' ich, die in diesem Vorhof schwebten.

»Sag mir, mein Meister, sag mir dies, o Herr,«
Begann ich - einmal ganz mich zu versichern
Im Glauben, welcher obsiegtjedem Irrtum -:

Entrann hier jemals einer, sei's durch eignes,
Sei's Anderer Verdienst, und ward noch selig?«
Und er, der wohl verstand mein dunkles Reden,

Versetzte: »Neuling war ich in dem Staub hier,
Als einen ich sah kommen, der da Macht hat,
Mit Zeichen des Triumphes überkrönt.

Wegnahm er hier den Geist der ersten Vaters
Und Abels, seines Sohns, und jenen Noahs,
Auch Moses', satzungbringend wie gehorsam;

Erzvater Abraham und König David;
Israel mit dem Vater und den Söhnen
Und Rahel auch, für die so lang er diente;

Und noch viel andre mehr - und schuf sie selig ...
Und magst du wissen, daß vor eben diesen
Menschliche Geister nicht Erlösung fanden!«

Nicht ließen wir die Fahrt, mocht' er gleich reden;
Nein, vielmehr schritten durch den Wald wir -
Den Wald, mein' ich, von dichtgedrängten Geister.

Noch dehnte sich nicht weither unsre Straße
Vom Ort des Schlafs, als ich ein Feuer wahrnahm,
Das halbrund-hell die Finsternis besiegte;

Entfernt noch waren wir von ihm ein wenig:
Doch so sehr nicht, daß ich nicht sah, wie teilweis
Ein würdiges Volk an jener Stzätte weilte.

»O, der du zierst so Wissenschaft als Kunst:
Wer sind die dort, die solchen Vorzug haben,
Daß sie vom Los der andern steh'n gesondert?«

Und er zu mir: »Die rühmende Erwähnung,
Die droben tönt, in deiner Welt, von ihnen,
Erwirkt im Himmel Huld, die so sie fördert.«

Derweilen ward ein Ruf von uns vernommen:
»Ehrung erweist dem größten aller Dichter!
Sein Schatten kehrt, der jüngst sich fortbegeben.«

Wie drauf die Stimme schwieg und ganz verstummte,
Sah ich vier hohe Schatten sich uns nähern;
Ihr Ausseh'n war nicht traurig und nicht heiter.

Da hub der gütige Meister an zu reden:
»Schau jenen, mit dem Schwerte dort in Händen,
Der vor den drei'n einhergeht als ein Herrscher;

Das ist Homer, von allen Dichtern König!
Der dort 'Horaz, der Spötter, der darauffolgt;
Ovid ist dritter, letzter ist Lukan

Deshalb, weil jeder sich mit mir begegnet
Im Namen, den dort rief die Einzelstimme,
Ehren sie mich; und gut tun sie daran.«

So sah ich sammeln sich die hohe Schule
Der Meister des erhabensten Gesanges,
Der ob den andern gleich dem Adler hinfliegt.

Als sie ein Weilchen sich besprochen hatten,
Wandten zu mir sie sich, huldvollen Grußes;
Und lächelte mein Herr ob solcher Achtung.

Doch mehr der Ehre noch sie mir erzeigten,
Als sie mich auf in ihre Reihe nahmen,
So daß ich Sechster war bei soviel Weisheit.

So wanderten wir vollends nach dem Lichtkreis,
Solcherlei redend, daß Verschweigen schön ist,
Wie das Gespräch es war, dort wo's geschah.

Kamen zum Fuß wir eines stolzen Schlosses,
Siebenfach eingekreist von hohen Mauern,
Geschützt ringsum von einem hübschen Flüßchen.

Das überschritten wie wie festen Boden;
Durch sieben Pforten trat ich mit den Weisen:
Wir langten an auf frischbeblümter Matte.

Leute gab's dort mit langsam-ernsten Augen,
Von würdiger Hoheit in Gebärd' und Mienen;
Sie sprachen selten, mit gedämpften Lauten.

Wir zogen nunmehr aus der einen Ecke
In offnem Plan hinab, licht und erhaben,
So daß sie all gesehen werden konnten.

Dort gegenüber, auf dem grünen Flursamt,
Zeigten sich so mir jene großen Geister,
Daß ihres Anblicks ich mich heut noch freue.

Ich sah Elektra dort, mit viel Begleitern
Darunter ich Äneas, Hektor kannte;
Cäsar in Rüstung, mit den Adleraugen.

Ich sah Camilla und Penthesilea
Zur andern Seite; sah Latin, den König,
Der bei Lavinia, seiner Tochter, saß.

Ich sah den Brutus, der Tarquinius bannte,
Lukrezia, Julia, Marzia und Kornelia;
Und, ganz allein, gewahrt' ich Saladin.

Dann, als ich etwas mehr erhob die Wimpern,
Sah ich den Meister derer, die da wissen,
Thronen im stillen Schoß der Philosophen.

Alle betrachten ihn, erweisen Ehr' ihm;
Dort auch erblickt' ich Sokrates und Plato,
Die ihm vor allen andern nahestehen.

Auch Demokrit, der eine Zufallswelt setzt,
Anaxágoras, Diogenes und Thales,
Empedokles, Zenon und Herkleitos.

Und sah den wackern Sammler von Arzneien,
Dioscorid mein' ich; und sah den Orpheus,
Tullius und Linus und auch Seneka.

Euklid, den Geometer, Ptolemäus,
Galen, Hippokrates und Avicenna,
Averroes, den großen Kommentator.

Ich kann nicht aller voll Erwähnung tun;
Denn so treibt vorwärts mich des Stoffes Fülle,
Daß oft der Wirklichkeit die Rede nachsteht.

Die Schar der Sechs schmilzt nun auf Zwei herab:
Auf anderm Pfad bringt mich der weise Führer
- Fern solcher Ruhe! - in die Luft, die zittert.

Und dorthin komm' ich, wo kein Licht mehr leuchtet.


Gesang 05

Also stieg ab ich aus dem ersten Kreise
Zum zweiten hin, der mindern Raum umgürtet,
Doch um so größern Schmerz, zum Schreien zwingend,

Es steht dort Minos fürchterlich und fletscht;
Er untersucht die Sündenschuld beim Eingang,
Urteilt, schickt fort, je wie er sich umringelt.

Ich meine, daß, wenn die verruchte Seele
Ihm vors Gesicht kommt, ganz sie sich ihm öffnet;
Und jener Kenner sämmtlicher Vergehen

Sieht gleich, was für ein Ort der Höll' ihr tauglich:
Er gürtet mit dem Schweif sich soviel Male,
Wieviele Kreis' er will, daß sie verlocht wird.

Immer vor seinem Antlitz steh'n sie zahlreich,
Treten im Wechsel jede hin zum Urteil:
Sprechen und hören - und sind abgeschleudert.

»O, der du kommst zum qualdurchschrillten Gasthaus,«
Schrie Minos mich an, als er mich erblickte,
Ablassend vom Geschäft so wichtigen Amtes;

»Sieh, wie du eintrittst und wem du dich hingibst:
Nicht täusche dich der breite Raum des Zugangs!«
Mein Führer drauf zu ihm: »Was schreist du nur?

Du hindre nicht sein schicksalstarkes Wandern!
Gewollt wird so es dort, allwo man kann auch
Das, was man will; und mehr nicht darfst du fragen.«

Nunmehr beginnen die leidvollen Töne
Sich hörbar mir zu machen; nun gekommen
Bin ich, wo vielfach Weinen mich erschüttert:

Ich kam zum Ort, von allem Lichte stumm,
Der aufbrüllt wie das Meer es tut im Sturme,
Wenn es von Gegenwinden wird bestrichen.

Der höllische Orkan, der niemals endet,
Entrafft die Geister jäh mit seinem Grimme;
Wirbelnd und peitschend schafft er ihnen Qual.

Wenn an die rauhe Felswand hin sie prallen,
Da gibt's ein Kreischen, ein Gewein' und Klagen:
Sie fluchen hier der göttlichen Gewalt!

Einsah ich, daß zu so beschaffner Marter
Verurteilt sind die fleischlichen Verbrecher,
Die die Vernunft den Lüsten unterwerfen.

Und wie die Staare trägt ihr Flügelpaar
Zur kalten Zeit, in breitem, vollem Schwarme,
So jener Hauch die unglückseligen Geister:

Hierhin, dorthin führt er, hinauf, hinab sie;
Keinerlei Hoffnung läßt sie je erstarken,
Nicht nur auf Ruh' nicht, selbst auf mindre Pein.

Und wie die Kraniche zieh'n, krächzend ihr Klagelied,
Ordnend im Äther sich zu langen Reihen,
So sah ich näherkommen, weheseufzend,

Schatten, getragen vom genannten Sturm;
Weshalb ich sagte: »Meister, wer sind jene
Gescharten, die die schwarte Luft so geißelt?« -

»Die erste jener dort, von denen Kunde
Du hören möchtest,« sprach zu mir er alsdann,
»War einstens Herrscherin über viele Zungen.«

Von schlimmer Unzucht war sie so verdorben,
Daß Lust erlaubt sie schuf in ihrer Satzung,
Die Schmach zu heben, der sie selbst verfallen.

Es ist Semiramis, von der wir lesen,
Daß sie gefolgt auf Ninus, dem sie Weib war;
Sie hielt das Land, wo jetzt der Sultan waltet.

Die andre ist, die liebend sich den Tod gab
(Und brach die Treue sie Sichäus' Asche);
Dann kommt Kleoparea, die wollustreiche.

Helena schau dort, um die solch unsel'ge
Zeit einst verstrich; und sieh Achill, den großen,
Der mit der Liebe noch zum Schlusse kämpfte.

Sieh Paris, Tristan dort -» Und mehr als tausend
Von Schatten wies er mir, mit Wort und Finger,
Die Liebesglut aus unserm Leben trieb.

Als meinen Lehrer ich vernommen hatte,
Wie er der Vorzeit Frau'n und Ritter nannte,
Packte mich Schmerz: und fast stand ich verstört.

Und ich begann: »O Dichter, gar zu gerne
Spräch' ich mit jenen zwei'n, die paarweis schweben
Und scheinen so dem Winde leicht zu sein!«

Und er zu mir: »Nimm wahr die Zeit, wann näher
Sie bei uns sind; alsdann bei jener Liebe
Beschwör sie, die sie hinrafft - und sie kommen!«

Sobald als da der Wind sie auf uns zubog,
Erhob die Stimm' ich: »O gequälte Seelen,
Naht zum Gespräch mit uns, wehrt's euch kein Andrer!«

Ähnlich wie Tauben, von Begier gelockt,
Mit Schwingen breit und stark, zum süßen Neste
Zieh'n durch die Luft, vom Wollen hingetragen:

Also entschwenkten sie der Schar der Dido,
Auf uns zu steuernd durch den grausen Sturmwind;
So mächtig war mein mitleidglühender Ruf.

»O Wesen du, liebreich und voller Güte,
Das du besuchst durch purpurschwarze Qualmluft
Uns, die wir einst mit Blut die Erde färbten:

Wär' uns als Freund geneigt des Weltalls Herrscher,
Wir flehten wohl ihn an um deinen Frieden,
Weil du Erbarmen hast mit unsrer Marter!

Wovon du hören, was du sprechen möchtest,
Wir werden's hören hier und selber sprechen,
Solang der Sturm, wie eben jetzt, verstummt . . .

Es liegt die Stadt, drin ich geboren wurde,
Am Meerestrand, dort, wo der Po hinausströmt,
Ruh' zu erlangen samt den Flußgefährten.

Liebe, die edlen Herzen rasch sich einglüht,
Ergriff hier Diesen zu dem schönen Leibe,
Der mir geraubt ward (und doch schmerzt die Art mich!);

Liebe, die Lieben nie erläßt Geliebten,
Ergriff zu Dieses Wohlgestalt mich so stark,
Daß, wie du siehst, sie jetzt noch nicht mich freigibt;

Liebe stürzt uns in Einen Untergang:
Kaïna harrt des, der das Sein uns löschte!«
Die Wort ward uns von ihnen hergetragen.

Als ich begriff die qualzerrissenen Seelen,
Senkt' ich den Blick; und solang hielt ich tief ihn,
Bis daß der Dichter zu mir sprach: »Was sinnst du?«

Als ich Bescheid gab, hub ich an: »O Jammer!
Welch holdes Täumen, welches Glutverlangen
Führte wohl die zum schmerzerfüllten Hinschied?«

Drauf wandt' ich neu mich ihnen zu; und sprach ich
Und fing so an: »Francesca, deine Martern
Machen zu Tränen traurig mich und fromm!

Doch sag mir: In der Zeit der süßen Seufzer
Woran und wie beschied der Liebesgott euch,
Daß ihr erkannt die ungewissen Wünsche?«

Und sie zu mir: »Kein größer Herzeleid,
Als sich erinnern an die Zeit des Glückes,
Wenn wir im Elend; und das weiß dein Lehrer!

Doch trägst zu kennen du die erste Wurzel
Von unsrer Liebe solch ein stark Begehren,
So will ich tun wie der, der weint und spricht ...

Wir lasen eines Tages, zur Unterhaltung,
Von Lanzelot, wie Liebesnot ihn drängte;
Wir waren einsam und ohn' allen Argwohn.

Zu mehren Malen trieb die Augen hoch uns
Jenes Gedicht und macht' uns blaß das Antlitz;
Doch Eine Stelle war's, die uns besiegte.

Als wir da lasen vom ersehnten Lächeln,
Wie es geküßt ward von so hehrem Liebsten,
Küßte hier der, den nichts mehr von mir fortreißt,

Mich auf den Mund, an allen Gliedern zitternd!
Galeotto ward das Buch und der's verfaßte -
An jenem Tage lasen wir nicht weiter...

Derweil der eine Geist mir dies bekannte,
Weinte der andre so, daß ich vor Mitleid
Ohnmächtig wurde, ganz als ob ich stürbe;

Und hin fiel ich, wie toter Körper hinfällt.


Gesang 06

Bei Rückkehr des Bewußtseins - das sich zuschloß
Vorm jammervollen Los der zwei Verwandten,
Das mit Betrübnis gänzlich mich verwirrte -;

Ach, neue Marterqualen, neue Märt'er
Schau' ringsum ich, was ich mich auch bewege,
Und wie mich wende, und wohin ich starre!

Ich bin im dritten Kreis, im Kreis des Regens,
Des ewigen, maledeiten, eisig-schweren,
Der sich nach Art und Weise niemals ändert.

Grobkörniger Hagel, schmutziges Naß, Schneeschauer
Stürzt durch die finster-dicke Luft hernieder;
Es stinkt der Boden, der all dieses aufsaugt.

Cerberus, Bestie grausam und entsetzlich,
Stößt aus drei Rachen kötergleich ein Bellen
Über das Volk hin, das hier eingetunkt liegt!

Augen hat er glutrot, Bart schmierig-schwarz,
Den Bauch gebläht und scharf bekrallt die Pfoten;
Er kratzt die Geister, schindet und zerreißt sie.

Heulen macht sie der Regen selbst wie Hunde;
Mit einer Seite leih'n sie Schirm der anderen:
Es dreh'n gar oft sich um die die ärmsten Sünder.

Als Cerberus uns sah, der große Lindwurm,
Riß er die Schnauzen auf und wies die Zähn' uns:
Er hatte nicht Ein Glied, das still er hielte.

Allein mein Führer spreizte seine Finger,
Griff von dem Schlamm - und mit den vollen Fäusten
Warf er hinab ihn in die gierigen Schlünde!

Wie jener Hund, der belfernd nähergeifert
Und ruhig wird, sobald den Fraß er einschnappt
(Denn nur ihn zu verschlingen strebt und ringt er):

Derart gehabten sich die schmutzigen Fratzen
Des Dämons Cerberus, der all die Seelen
So sehr erschüttert, daß sie taub sein möchten.

Wir schritten über Schatten hin, die plattschlägt
Der schwere Guß, und setzten unsre Sohlen
Auf ihre Nichtigkeit, die Körper scheint.

Sie lagen auf dem Boden, samt und sonders;
Nur einer nicht: der schnellt' ins Sitzen jählings,
Als er uns sah an sich vorüberwandern.

»'O, der du wirst durch diese Höll' geleitet«,
Sprach er zu mir, »erkenn mich wieder, kannst du's:
Du bist, bevor ich noch verwest, gewesen!«

Und ich zu ihm: »Die Marter, die du duldest,
Entzieht vielleicht dich also meinem Geiste,
Daß mich nicht dünkt, ich hab' dich je gesehen.

Doch sag mir, wer du bist, daß an so leid'gen
Ort du versetzt wardst und zu solcher Strafe,
Daß, gibt's auch größere, keine ist so häßlich?«

Und er zu mir drauf: »Deine Stadt, die derart
Von Neid strotzt, daß schon überläuft das Becken,
Hielt bei sich im lichten Erdenleben.

Ihr Bürgersleute nanntet einst mich Ciacco:
Um der verfluchten Lust des Gaumens willen
Brech' ich - du siehst's - im Regen hier zusammen.

Und bin ich ärmster Sünder hier nicht einzig;
Denn alle diese steh'n in gleicher Strafe
Für gleiche Schuld ...« Und mehr nicht ließ er hören.

Versetzt' ich ihm: »O Ciacco, dies dein Leiden
Bedrückt mich so, daß es zum Weinen einlädt ...
Doch sag mir, wenn du's weißt: Wohin noch kommen

Die Bürger der parteizerrißnen Stadt?
Ist einer drin gerecht? Und sag den Grund mir,
Warum hat solche Zwietracht sie befallen?«

Und er zu mir: »Nach langem Wortgezänke
Fließt endlich Blut; und die Partei der "Bauern"
Vertreibt die andre voller Schimpf und Schande.

Alsdann hernach geschieht's, daß diese hinstürzt,
Binnen drei Sonnen, und die andre hochsteigt
Durch die Gewalt solch eines, der noch schwank ist:

Stolz wird sie lange Zeit die Stirnen tragen,
Knechtend die andre unter schweren Frohnden,
Wie sie darob auch jammre, wie sie knirsche!

Gerecht sind zwei, doch niemand achtet ihrer;
Hochmut, Scheelsucht und wilde Habgier heißen
Die Feuerfunken, die das Herz entzünden ...«

Hier setzt' er Schluß dem tränenwürdigen Liede;
Doch ich zu ihm: »Noch möcht' ich, daß du lehrst mich
Und weitre Rede mir machst zum Geschenke!

Tegghiaio, Farinata, einst so würdig,
Arrigo Mosca und der Rusticucci,
Und all die andern, nur auf Rechttun denkend:

Sag mir, wo sind sie? Mach, daß ich sie kenne!
Denn groß Verlangen treibt mich, zu vernehmen,
Ob sie der Hmmel atzt, die Höll' vergiftet.«

Und jener: »Sie sind beiden schwärzern Seelen!
Verschiedne Schuld drückt sie hinab zum Grunde;
Wenn also tief du steigst, wirst du sie schauen ...

Doch weilst du wieder auf der süßen Erde,
Bitt' ich dich, ruf mich andern ins Gedächtnis -
Mehr sag' ich nicht; und mehr nicht geb' ich Antwort.«

Die graden Augen dreht' er drauf ins Schielen;
Besah mich kurz und neigte jäh die Stirne:
Hinfiel mit ihr er zu den andern Blinden.

Da sprach zu mir mein Führer: »Nimmer hebt er
Sich hoch vorm Ruf der englischen Posaune,
Wann nahen wird die grimme Macht des Richters!

Jeder kehrt dann zurück zum Jammergrabe,
Nimmt wieder auf sein Fleisch und äußere Formung,
Hört an den Spruch, der dröhnt für ewige Zeiten.«

So schritten wir durch ekelhaftes Mischmasch
Von Schatten und von Regen, mäßigen Schrittes,
Rührend ein wenig an das künftige Leben.

Weshalb ich sprach: »Herr, werden diese Qualen
Noch wachsen nach dem großen Richterspruche,
Geringer werden oder so noch brennen?«

Und er zu mir: »Zu deiner Weisheit kehre,
Die will, daß, um wieviel ein Ding vollkommner,
Es größere Wonne fühlt und drum auch Leiden!

Obschon hier diese gottverfluchte Rotte
Zu wirklicher Vollendung niemals eingeht,
Harrt ihrer dort doch, mehr als hier zu sein.«

Wir kreisten rings im Bogen mit dem Pfade
- Beredend andres noch, das ich nicht melde -
Und kamen so zum Ort, wo man hinabsteigt.

Dort fanden Plutus wir, den großen Erzfeind.


Gesang 07


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