Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 10
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Fegfeuer - Gesang 10

Dante beschreibt die Pforte des Purgatoriums und das Aufsteigen der Dichter zum ersten Vorsprung, auf welchem sie an seinem Rande Bilder der Demuth in Stein gehauen und dann verschiedene Seelen unter sehr schweren Lasten auf sich zukommen sehen.

Als wir im Innern nun der Pforte waren,
Die außer Brauch kommt durch verkehrte Neigung,
Wodurch der krumme Weg als grad erscheinet:

Hört' ich mit Schallen wieder sie verschließen;
Hätt' ich den Blick nun nach ihr rückgewendet,
Wie hätt' ich wohl den Fehl entschuld'gen können?

Wir stiegen durch zerklüftetes Gesteine,
Deß Spalt in Schlangenwindung vorwärts lief,
Der Welle gleich, die sich entfernt und nähert. 9

„Hier gilt's, ein wenig sich der Kunst bedienen”,
Begann mein Führer, „daß man hüben bald,
Bald drüben naht der Seite, die zurückweicht.” -

Dies machte so vorsichtig unsre Schritte,
Daß früher schon des Mondes dunkler Theil
Sein Bett erreicht', um drein sich zu versenken,

Eh wir aus diesem Gang herausgelangten.
Doch als im Freien wir und Offnen waren,
Wo sich des Berges Boden wieder schließet: 18

Da hielten wir, erschöpft ich, aber beide
Des Weges ungewiß, auf einer Fläche,
Einsamer noch als Straßen in der Wüste.

Vom Rande, wo sie an das Leere grenzet,
Zum Fuß des hohen Abhangs, der emporsteigt,
Würd' eines Menschen Körper dreimal messen.

Wohin auch meines Blickes Flug sich lenkte,
Zur linken jetzt und dann zur rechten Seite,
Schien dies Gesims mir solcher Art beschaffen. 27

Noch hatten keinen Schritt wir drauf gethan,
Als ich gewahrte, daß ringsum das Ufer,
Das man mit Unrecht einen Aufstieg nannte,

Von weißem Marmor sei und so verziert
Mit Bilderwerk, vor dem nicht Polyclet nur,
Selbst die Natur beschämt gestanden hätte.

Der Engel, der zur Erde den Beschluß
Gebracht des viele Jahr' erweinten Friedens,
Der nach dem langen Bann den Himmel aufthat, 36

Erschien vor unsern Augen so leibhaftig
Dort eingehaun mit lieblicher Geberde,
Daß er kein Bild zu sein schien, welches schweiget.

Geschworen hätte man, er spräch' ein Ave!
Weil Jen', auch dort im Bild war, die den Schlüssel
Gewandt, die höchste Liebe zu erschließen.

Und ausgeprägt in ihrer Miene trug sie
Die Wort': „Ich bin die Magd des Herrn” so deutlich,
Wie ein erhaben Bild in Wachs gedrückt. 45

„Halt nicht auf einen Ort den Sinn gerichtet”,
Sprach der geliebte Meister, der mich hatte
An jener Seite, wo das Herz man trägt.

Drum wandt' ich mit dem Antlitz mich und sahe,
Gleich nach Maria, an derselben Seite,
An der ich neben meinem Führer ging,

In Fels gehaun ein anderes Ereigniß:
Drum trat ich, an Virgil vorbei, ihm näher,
Damit vor meinen Augen sich's entfalte. 54

Dort war gehaun in selben Marmor: Wagen
Und Stiere, so die Bundeslade zogen;
Weshalb ein Amt man scheut, das nicht befohlen.

Voraus ging Volk, das war in sieben Chöre
Getheilt, von dem zwei meiner Sinne sagten,
Der eine nein, der andre ja - es singt.

Gleichwohl geriethen auch beim Weihrauch-Opfer,
Das vorgestellt dort war, so Nas' als Augen,
Die über Ja, die über Nein in Streit. 63

Dort tanzt voraus dem heiligen Gefäße
Der demüth'ge Psalmist, geschürzten Kleides;
Und hier war mehr und minder er als König.

Gradüber sah man, wie aus eines großen
Palastes Fenster Michal staunend schaute,
Ein Weib voll Unwill' und voll Mißvergnügen.

Nun ging ich von dem Orte, wo ich stand,
Um nah zu schaun ein anderes Begebniß,
Das hinter Michal mich erbleichen machte. 72

Dort war im Bild erzählt der hohe Ruhm
Des Römerfürsten, dessen große Tugend
Gregor zu seinem großen Siege führte.

Ich spreche dieses von Trajan, dem Kaiser;
Und eine Wittwe hielt sein Roß am Zügel,
In Schmerz und Thränen lebhaft dargestellt.

Und um ihn her sah man ein groß Gedränge
Zahlloser Reiter, und die goldnen Adler
Bewegten gleichsam drüber sich im Winde. 81

Und dort vor allen Jenen schien zu sagen
Die Jammervolle: „Herr, verschaff mir Rache
Ob meines Sohns Ermordung, drum ich wehklag';”

Und er, Antwort zu geben: „Warte nur
So lange, bis ich kehr';” und sie, als Eine,
In der der Schmerz nicht Weile kennt: „O Herr,

Wenn du nicht kehrst?” - und er: „Wer dann den Thron hat,
Wird dir sie leisten;” sie darauf: „Was nützt dir
Des Andern Tugend, denkst du nicht der deinen?” 90

Drauf er: „Getröste dich, mich zwingt die Pflicht,
Sie zu erfüllen noch, bevor ich scheide.
Das Recht verlangt's, und Mitleid heißt mich weilen.” -

Er, welcher niemals neue Dinge sah,
Hat dieses sichtbare Gespräch gebildet,
Nur neu für uns, weil man's diesseit nicht findet.

Indeß ich noch am Anschaun mich ergetzte
Der Bilder solcher Demuth, deren Anblick
Mir theuer war auch wegen ihres Meisters: 99

„Sieh hier die vielen Leute, doch sie machen
Nur wenig Schritte”, flüsterte der Dichter,
„Die werden uns hinauf zur Höhe weisen.” -

Und meine Augen, die zu schaun gespannt
Und lüstern waren, Neues zu erblicken,
Sie wandten eilig sich nach ihm herum.

Doch will ich, Leser, nicht zurück dich schrecken
Vom guten Vorsatz, wenn ich jetzt berichte,
Wie Gott verlangt, daß man die Schuld bezahle. 108

Acht' auf die Art der Marter nicht, bedenke
Die Folge; denke, daß sie schlimmsten Falles
Nicht weiter gehn kann als der Urtheilsspruch.

„Mein Meister, was sich auf uns zu beweget”,
Sprach ich, „das scheinen Menschen nicht zu sein;
Doch weiß ich nicht, was sonst, so schwankt mein Sehen.”

Und er zu mir: „Die schwere Art der Qual,
Die sie erdulden, krümmt sie so zu Boden,
Daß auch mein Blick drob erst im Streit gelegen. 117

Doch blicke fest nur hin und suche Jenen,
Der mit dem Felsblock ankommt, zu erkennen;
Schon kannst du sehn, wie jeglicher sich abquält!” -

O stolze Christen, arme, schwache Wesen,
Wie krank seid ihr an eures Geistes Augen
Und setzt Vertraun auf Schritte, die zurückgehn!

Seht ihr nicht ein, daß wir nur Würmer sind,
Erzeugt, den Himmelsschmetterling zu bilden,
Der schutzlos zufliegt dem gerechten Richter? 126

Was macht denn so hochfahrend euren Geist,
Da ihr Insekten nur und unvollkommen,
Dem Wurme gleich, in dem die Bildkraft fehlging?

Wie man, um Decke oder Dach zu stützen,
Als Tragstein eine menschliche Gestalt
Die Knie oft an die Brust anstemmen siehet,

Die wahre Pein, trotzdem daß sie nichts Wahres,
Dem, der sie sieht, erregt: so sah ich Jene
Also gekrümmt, da recht ich hingeschaut. 135

Wahr ist, daß mehr und minder sie sich bückten,
Nachdem des Rückens Last groß oder kleiner:
Und weß Geberd' am duldendsten sich zeigte:

Schien weinend doch, „ich kann nicht mehr!” zu sagen.

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