Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 12
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 12

Im siebenten Kreise, wo an traurigem, rauhem Orte die Gewaltthätigen Strafe leiden, ist Minos Wächter. Sie erblicken im Strome von Blut die Tyrannen, Mörder und Räuber. Drei Centauren wollen die Dichter am Weitergehen hindern; endlich aber trägt sie einer auf seiner Kruppe über den Sirom.

Der Ort, wo wir den Abhang niederklommen,
War wilder Fels, und was sonst da war, so,
Daß jeder Blick darob vor Schauder bebte.

Wie jener Bergsturz, der einst in die Seite
Des Bergs diesseit Trient die Etsch gebrochen,
Sei's durch Erdbeben oder schwachen Halt;

Denn von des Berges Höh', da er herabkam,
Bis zu der Ebne ist der Fels so steil,
Daß er von dort kein Niedersteigen zuläßt: 9

So war vom Felsrand unser Niedergang.
Und auf der Höhe der zerschellten Mauer
Lag jene Schmach der Kreter hingestreckt,

Die in dem Kuhgebild empfangen worden.
Als uns der Greul ersah, biß er sich selber,
Wie wer von innrer Wuth gestachelt wird.

Mein Weiser rief ihm zu: „Du glaubst gewiß,
Hier nahe sich der Herzog von Athen,
Der droben auf der Welt den Tod dir gab? 18

Hinweg, du Ungethüm! denn dieser kommt nicht
Hierher, von deiner Schwester unterwiesen,
Er kommt vielmehr, um eure Pein zu schaun.” -

Dem Stiere gleich, der los sich reißt, indessen
Der Todesstreich ihn schwer getroffen hat,
Und gehn nicht kann, nur hin und wieder taumelt:

So sah ich auch den Minotaurus thun.
Und jener Kluge rief: „Eil nach dem Ausgang,
So lang er tobt, kannst leicht du niedersteigen.” - 27

Nun nahmen wir den Weg durch das Gerölle
Des Felsen dort, das unter meinen Füßen,
Ganz ungewohnt der Last, sich oft bewegte.

Nachdenklich ging ich, und er sprach: „Du sinnst wohl
Dem Einsturz nach, den jenes viehische
Getobe hütet, das ich eben dämpfte?

So wisse denn: als ich zum erstenmale
Hernieder zu der tiefen Hölle stieg,
War dieser Fels noch nicht hinabgefallen. 36

Doch sicher kurz vorher, entsinn' ich recht mich,
Als Jener, der dem Dis die große Beute
Entrissen hat, vom obern Kreise kam,

Erbebte so das tiefe Thal des Grausens
Allüberall, daß mir es schien, das Weltall
Erglüht' in Liebe, die ja, wie man sagt,

Oftmals die Welt zum Chaos hat verwandelt;
Und in dem Augenblicke stürzte hier
Und sonstwo noch der alte Fels zusammen. 45

Doch heft' in's Thal die Blicke, denn es nähert
Der Blutstrom sich, in welchem Jene sieden,
Die andern durch Gewaltsamkeit geschadet.” -

O blinde Gier, vernunftlos eitles Toben,
Das uns im kurzen Leben also spornt
Und in dem ewigen so schlimm uns bettet!

Im Bogen sah ich einen breiten Graben
Sich krümmen, der die ganze Fläch' umzirkte,
Wie mein Geleiter mir davon gesagt. 54

Und zwischen diesem und dem Uferrande
Trabten Centauren reihweis, pfeilbewehrt,
Wie auf der Welt zur Jagd zu gehn sie pflegten.

Bei unserm Anblick hielten alle still;
Drei aber sprengten aus der Schaar hervor
Mit Bogen und voraus erles'nen Pfeilen.

Und einer schrie von fern: „Zu welcher Marter
Kommt ihr, die ihr den Abhang niedersteigt?
Sagt es von dorten uns, wo nicht, so schieß' ich.” - 63

Mein Meister sprach darauf: „Die Antwort wollen
Wir dort dem Chiron in der Nähe geben:
Stets war verderblich dein voreilig Wesen.” -

Drauf mich berührend, sprach er: „Das ist Nessus,
Der um die schöne Dejanira starb
Und sich mit seinem eignen Blute rächte;

Der mitten, welcher auf die Brust sich blickt,
Der große Chiron, der Achillens pflegte;
Der andre Pholus, der so wüthend war. 72

Zu Tausenden umziehn sie rings den Graben,
Auf jede Seele schießend, die dem Blute
Sich mehr entringt, als ihre Schuld gestattet.” -

Nun näherten wir uns den wilden Wesen.
Chiron zog einen Pfeil, und mit der Kerbe
Strich hinter die Kinnladen er den Bart.

Als so den großen Mund er freigemacht,
Sprach er zu den Gefährten: „Seht ihr wohl,
Wie hinten der, was er berührt, bewegt? 81

Das ist den Füßen Todter sonst nicht eigen.” -
Mein Führer, der schon vor der Brust ihm stand,
Da, wo die zwei Naturen sich verbinden,

Sprach: „Wohl ist lebend er, und so allein
Darf ich ihn durch das dunkle Thal geleiten:
Nothwendigkeit, nicht Lust treibt ihn dazu.

Vom Hallelujasingen her kam Jene,
Die dieses neue Amt mir aufgetragen.
Er ist kein Räuber, ich kein Diebesgeist. 90

Doch bei der Kraft, durch die ich meine Schritte
Auf also wilder Straße fortbewege,
Gib einen uns der Deinen, zum Geleite,

Daß er uns zeige, wo hindurch man geht,
Und diesen hier auf seine Kruppe nehme,
Da er kein Geist, um durch die Luft zu schreiten.” -

Zu Nessus wandte Chiron sich zur Rechten
Und sprach: „Kehr um und führe so sie hin,
Und triffst auf andre Schaar du, heiß sie weichen.” - 99

Nun zogen mit der sicheren Geleitschaft
Wir längs dem Ufer des glutrothen Sudes,
Wo die Gesottnen grell Geschrei erhuben.

Drin sah ich Volk bis an die Augenbrauen.
Der große Centaur sprach: „Das sind Tyrannen,
Die ihre Hand mit Blut und Raub befleckten.

Hier weint man wegen mitleidsloser Frevel.
Schau Alexander, Dionys den Wilden,
Der einst Sicilien Trübsalsjahre gab. 108

Und jene Stirn, mit den kohlschwarzen Haaren,
Ist Ezzelino's; die dort, mit den blonden,
Von Est' Obizzo's, der auf Erden droben

In Wahrheit wurd' erstickt vom Rabensohn.” -
Drauf wandt' ich mich zum Dichter, doch der sagte:
„Der sei jetzt Erster dir, ich nur der zweite.” -

Ein wenig weiter hielt nun der Centaur
Bei einem Volke still, das bis zur Kehle
Aus jenem Sprudel vorzuragen schien. 117

Er wies auf einen Schatten, seitwärts, einsam,
Und sprach: „Der spaltete im Schooße Gottes
Ein Herz, das an der Themse noch man ehrt.” -

Dann sah ich Volk, das aus dem Bach heraus
Den Kopf mitsammt dem ganzen Rumpf emporhielt,
Und unter diesen kannt' ich Viele wieder.

So ward der Blutbach seicht und seichter stets,
Bis er zuletzt nur noch die Füße deckte;
Und dort war unser Durchgang durch den Graben. 126

„So wie du nun nach jener Seite zu
Den Sprudel immer seichter werden siehest”,
Sprach der Centaur, „so thu' ich dir zu wissen,

Daß nach der andern zu stets mehr und mehr
Sein Grund sich senkt, bis er dem Ort sich nahet,
Wo die Tyrannenwuth zu stöhnen hat.

Denn die Gerechtigkeit des Höchsten peinigt
Hier jenen Attila, der Erde Geißel,
Pyrrhus und Sextus, und in Ewigkeit 135

Erpreßt sie Thränen, die der Sud hervorlockt,
Dem Rinier von Cornet und Rinier Pazzo,
Die den Landstraßen so viel Kämpfe brachten.” -

Dann kehrt' er wieder durch die Furt zurücke.

<<< zweisprachig Inhalt list operone >>>