Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Paradies

Gesang 01

Die Glorie dessen, der da Alles reget,
Durchdringt das ganze Weltall und erstrahlet
In einem Theile mehr, im andern minder.

Ich war im Himmel, der von seinem Glanze
Das meist' umfaßt, und sah, was zu berichten
Nicht weiß noch kann, wer von da oben kehrte,

Weil, wenn wir uns dem höchsten Ziele nahen,
Sich unser Anschaun also sehr vertieft,
Daß die Erinnrung keinen Rückweg findet.

Ich will jedoch, was ich vom heil'gen Reiche
Mir im Gedächtniß aufbewahren konnte,
Nunmehr zum Stoffe meines Liedes machen.

O gütiger Apoll, für's letzte Wagniß
Mach so mich zum Gefäße deiner Kraft,
Wie's zum Verleihn des theuren Lorbeers nöthig.

Bis hieher war ein Gipfel des Parnasses
Genügend mir; doch jetzt muß ich mit beiden
Eintreten in die Laufbahn, die noch übrig.

Kehr' ein in meine Brust, durchathme mich,
Wie damals, als du einst den Marsyas
Aus seiner Glieder Scheide hast gezogen!

O Kraft, du göttliche, leihst du dich so mir,
Daß ich den Schatten nur des sel'gen Reiches,
Wie mir im Haupt sein Bild ruht, wiedergebe:

Dann wirst du dem dir theuren Baum mich nahen
Und mich bekränzen sehn mit jenem Laube,
Dessen der Stoff und du mich würdig machen.

So selten pflücken sich davon, o Vater,
Cäsaren oder Dichter zum Triumphe
(Der menschlichen Gelüste Schuld und Schmach),

Daß das Peneische Gezweige Freud'
Erregen sollt' in Delphi's heitrer Gottheit,
Wenn einer noch Verlangen darnach trägt.

Geringem Funken folgt oft große Flamme:
Vielleicht, daß einst nach mir mit bessern Tönen
Man flehen wird, daß Cirrha wiederhalle.

Dem Sterblichen steigt aus verschiednen Schlünden
Empor die Weltenleuchte; doch aus jenem,
Wo sich vier Kreis' und drei der Kreuze treffen,

Geht sie mit günst'germ Lauf hervor, mit besserm
Gestirn verbunden, und nach ihrer Weise
Erweicht und prägt sie mehr das Wachs der Welt.

Jenseits war Morgen fast und diesseits Abend
Durch solchen Schlund geworden, und ganz weiß war
Die eine Erdenhälft', und schwarz die andre,

Als ich Beatrix nach der linken Seite
Gewendet sah und in die Sonne schauen:
So fest sah nie ein Adler auf sie hin.

Und wie ein zweiter Strahl pflegt aus dem ersten
Hervorzugehn und wieder aufzusteigen,
Gleich einem Pilger, der umkehren will:

So ward ihr Thun, das durch die Augen ich
In mir hatt' aufgenommen, nun das meine,
Und fester, als gewohnt, blickt' ich zur Sonne.

Viel ist erlaubt daselbst, was unsern Kräften
Hier nimmer ist vergönnt, Dank jenem Ort,
Der zum Besitz der Menschheit ward geschaffen.

Nicht lange hielt ich's aus, doch auch so kurz nicht,
Daß ich nicht Funken ringsum sprühen sah,
Wie Eisen, das aus Flammen glühend kommet.

Und plötzlich schien sich Tag zum Tag zu fügen,
Als hätte der Allmächtige den Himmel
Mit einer zweiten Sonne noch geschmückt.

Beatrix stand, fest auf die ew'gen Kreise
Den Blick geheftet; ich auf sie die Augen
Gerichtet, die ich weggewandt von oben.

Von ihrem Anschaun ward mir innen also,
Wie Glaucus ward beim Kosten jenes Krautes,
Das zu des Meeres Göttern ihn gesellte.

Entrückt dem Menschlichen sich fühlen - Worte
Beschreiben's nicht; drum mög' das Beispiel gnügen,
Wem Gnade die Erfahrung vorbehält.

Ob ich von mir nur das war, was vor kurzem
Du schufst, o Liebe, die den Himmel lenket,
Weißt du, die du mit deinem Licht mich hobest.

Sobald das Kreisen, welches du, Ersehnte,
Zum ew'gen machst, auf sich den Sinn mir lenkte,
Durch Harmonie, die du regierst und ordnest:

Da schien vom Himmel, durch der Sonne Flamme,
Soviel entbrannt, daß Regen oder Sturmflut
Nie einen also weiten See gebildet.

Des Klanges Neuheit und des Lichtes Umfang
Entzündeten in mir solch ein Verlangen
Nach ihrem Grund, als ich noch nie empfunden.

Drauf sie, die mich wie ich mich selbst durchschaute,
Um das erschütterte Gemüth zu stillen,
Noch eh ich bat, den Mund eröffnete,

Und so begann: »Du selbst machst dich befangen
Durch falsche Einbildung, daß du nicht siehest,
Was wohl du sähst, wenn du sie abgeworfen.

Du bist nicht auf der Erde, wie du meinest;
Doch flog ein Blitz, dem Ursprungsort entfliehend,
Nicht also schnelle, wie du dahin kehrest.«

War ich des ersten Zweifels nun entkleidet
Durch jene lächelnden und kurzen Worte,
Verstrickt ich mehr mich doch in einen neuen,

Und sagte: »Schon erholt' ich mich befriedigt
Von großem Staunen: aber jetzt erstaun' ich
Wie diese leichten Körper ich durchfliege.« -

Drauf sie, nach einem mitleidsvollen Seufzer,
Mit jenem Blick die Augen auf mich wandte,
Den auf ihr irrend Kind die Mutter richtet;

Und sie begann: »Geordnet unter sich
Sind alle Ding', und dieses ist die Form,
Worin das Weltall seinem Schöpfer gleichet.

Es sehn hierin die höheren Geschöpfe
Die Spur der ew'gen Macht, in der das Ziel liegt,
Wofür bestimmt ist die besagte Regel.

Der Ordnung, die ich meine, zugeneigt
Sind alle Wesen, nach verschiednen Loosen,
Bald mehr, bald weniger dem Ursprung nahe;

Weshalb sie nach verschiednen Häfen steuern
Durch's große Meer des Daseins und jedwedes
Mit dem verliehnen Triebe, der's beweget.

Der ist es, der zum Mond das Feuer trägt;
Der ist es, der sich regt im Menschenherzen;
Der zieht und hält die Erd' in sich zusammen.

Und nicht nur die Geschöpfe, welche ledig
Sind der Vernunft, treibt dieser Bogen vorwärts,
Nein, die auch, die Vernunft und Liebe haben.

Die Vorsehung nun, die so Großes ordnet,
Hält stets in Ruh mit ihrem Licht den Himmel,
In dem sich der dreht, der am sdnellsten eilet.

Und jetzt hierher, als zu bestimmtem Sitze,
Trägt uns davon die Schnellkraft jener Sehne,
Die, was sie abschnellt, heitrem Ziel zusendet.

Wahr ist es, daß, sowie die Form gar oftmals
Nicht übereinstimmt mit dem Zweck der Kunst,
Dieweil der Stoff zu spröd ist, zu entsprechen:

So weicht von dieser Bahn zuweilen auch
Die Kreatur, die Macht hat, abzulenken,
Hierdurch gereizet, hin nach andrer Richtung,

Und wenn, wie man aus einer Wolke Feuer
Kann fallen sehn, von falschem Hang zur Erde
Der erste Anstoß hingetrieben wird.

Nicht brauchst du, schätz' ich's recht, ob deinem Steigen
Mehr zu erstaunen, als ob einem Bache,
Fällt er von hohem Berg hinab zur Tiefe.

Nein, Wunder wär's an dir, wenn du, befreiet
Von Hinderung, da unten haften bliebest
Wie wenn lebend'ges Feuer blieb' am Boden.« -

Drauf wandte wieder sie den Blick zum Himmel.


Gesang 02

O ihr, die voll Verlangens ihr, zu hören,
Gefolgt in winzig kleinem Nachen seid
Dem Kiele meines Schiffs, das singend steuert:

Kehrt wieder nur zurück an eure Ufer!
Wagt euch auf's hohe Meer nicht, denn vielleicht,
Verliert ihr mich, bleibt ihr verirrt dahinten.

Die Flut durchsegl' ich, die man nie befahren:
Minerva haucht, es leitet mich Apollo,
Neun Musen zeigen mir die Bärinnen.

Ihr andern Wen'gen, die zu rechter Zeit
Den Hals ihr nach dem Brod der Engel wendet,
Von dem man lebt hier, und doch sein nie satt wird:

Es kann auf's hohe Meer sich euer Fahrzeug
Wohl wagen, wenn ihr meiner Furche folget,
Noch eh die Flut vor ihm sich wieder ebnet.

Nicht staunten also jene Ruhmesreichen,
Die Coldis einst gesucht, wie ihr thun werdet,
Als Jason sie zum Pflüger werden sahen.

Es trug der anerschaffne, ew'ge Durst
Uns hin zu dem, nach Gott geformten Reiche
So schnell fast, wie den Himmel gehn ihr sehet.

Beatrix blickt' empor und ich auf sie;
Und in so kurzem, als ein Bolzen aufliegt
Und, von der Nuß gelöset, vorwärts schnellt,

Sah ich mich hingelangt, wo Wunderwürd'ges
Auf sich den Blick mir zog, weshalb auch Jene,
Der mein Bemühn verhüllt nicht konnte bleiben,

So heiter als wie schön zu mir sich wandte
Und sagte: »Dankbar richt' auf Gott den Sinn,
Der uns zum ersten Stern gelangen lassen.« -

Da schien es mir, als ob uns eine Wolke
Bedeckte, leuchtend, dicht, fest und geschliffen,
Wie Diamant, auf den die Sonne trifft.

Es nahm uns in sich auf die ew'ge Perle,
Wie Wasser aufnimmt einen Strahl des Lichtes,
Indem es selbst doch ungeschieden bleibet.

War Körper ich, und faßt man hier nicht, wie,
Was Umfang hat, ein Andres in sich dulde,
Was sein doch muß, dringt Körper ein in Körper:

So sollt' uns dies den Wunsch noch mehr entzünden,
Die Wesenheit zu schaun, in der man siehet,
Wie unsere Natur und Gott sich einten.

Dort werden schauen wir, was hier wir glauben,
Nicht durch Beweis, nein, durch sich selbst erkannt,
Gleich dem Urwahren, welchem wir vertrauen.

Zur Antwort gab ich: »Herrin, so voll Andacht,
Als ich nur immer sein kann, dank' ich ihm,
Der mich der Welt der Sterblichen entrückte.

Doch saget mir: was sind die dunkeln Flecken
An diesem Körper, die auf Erden drunten
Die Leute so von Kain fabeln lassen?« -

ie lächelte ein wenig und dann sprach sie:
»Wenn auch die Meinung irrt der Sterblichen,
Wo nicht der Sinne Schlüssel auf kann schließen:

So sollten wahrlich dich jetzt nicht die Pfeile
Des Staunens treffen, da, den Sinnen folgend,
Die Schwingen der Vernunft zu kurz du siehest.

Dech sage mir, was du hierüber denkest.« -
Und ich: »Wenn hier Verschiedenes erscheinet,
Rührt's von der Dicht' und Dünne her der Körper.« -

Und sie: »Gewiß wirst du getaucht in Irrthum
Sehn deine Meinung, wenn du recht anhörest
Die Gründe, die dagegen ich erhebe.

Die achte Sphäre zeigt euch viele Lichter,
An denen man, nach Wirkung, wie nach Größe,
Verschiednerlei Erscheinung finden kann.

Wenn Dünnes nur und Dichtes dies bewirkte,
So würd' in allen eine Kraft nur walten,
Mehr oder minder oder gleich vertheilet.

Verschiedne Kräfte müssen Folgen sein
Verschiedner Bildungsgründ'; und außer einer
Verschwinden diese ganz, nach deiner Ansicht.

Noch mehr: wär Dünne jenes Dunklen Ursach,
Wie du annimmst, so müßte der Planet
Entweder mehr als nur zum Theil des Stoffes

Beraubt sein, oder wie an einem Körper
Vertheilt ist Fett und Magres, müßte dieser
In seinem Innern auch die Lagen wechseln.

Wär' Ersteres, dann würd' es offenbar
Bei Sonnenfinsterniß, weil dann das Licht
Durchscheinen müßte, wie durch andres Dünnes.

So ist es nicht; drum laß den andern Fall uns
Betrachten; widerleg' ich diesen auch,
Dann ist als falsch erwiesen deine Ansicht.

Wenn nun die Dünnheit durch und durd nicht geht,
So muß es eine Grenze geben, wo
Ihr Gegentheil das Weiterdringen hindert;

Von dorten schlägt der Strahl des Lichts zurück,
Wie eine Farbe rückkehrt aus dem Glase,
Das hinterwärts durch Blei verschlossen wird.

Nun wirst du sagen, daß sich dunkler dorten
Der Strahl erweise, als an andern Theilen,
Weil er zurück aus größrer Tiefe kommt.

Von diesem Einwand kann dich die Erfahrung
Befrein, willst du sie nur versuchen, die ja
Von allen Strömen eurer Kunst die Quelle.

Drei Spiegel nimm, und zwei von ihnen halte
Gleich weit entfernt von dir, der dritte treffe
Entfernter zwischen beiden deine Augen.

en Blick auf sie, laß hinter deinen Rücken
Ein Licht hinstellen, das die drei erleuchte
Und, rückgestrahlt von allen, zu dir kehre.

Ist auch an Umfang das entfernteste
Der Bilder nicht so groß, wirst du hier sehen,
Wie's doch in gleicher Stärke leuchten muß.

Nun, wie bei Einwirkung der warmen Strahlen,
Von Schnee wie von der frühern Farb' und Kälte
Befreit, der Boden ist zurückgeblieben:

So will ich, was im Geiste dir noch haftet,
Mit so lebend'gem Lichte dir erhellen,
Daß es dir flimmern wird bei seinem Anschaun.

Innert des Himmels ew'gen Gottesfriedens
Drehet ein Körper sich, in dessen Kraft
Das Sein von allem ruht, was er enthält.

Der Himmel nächster, mit so vielen Lichtern,
Vertheilt dies Sein an unterschiedne Wesen,
Von ihm getrennt und doch von ihm umschlossen.

Die andern Kreise, mannigfach verschieden,
Bethätigen, was sie Besondres haben,
Nach ihren Zwecken, ihrer Zeugungskraft.

Es folgen also diese Weltorgane,
Wie du nun siehst, sich stufenweis, so daß sie
Von oben nehmen und nach unten wirken.

Beachte wohl den Gang, wie ich ihn gehe
Durch diesen Ort zur Wahrheit, die du suchest,
Daß dann du selbst die Furt zu finden wissest.

Kraft und Bewegung jener Heil'gen Kreise
Mußwohl, gleich wie vom Schmied die Kunst des Hammers,
Ausgehen von allseligen Bewegern.

Der Himmel, den so viele Lidter schmücken,
Nimmt vom urtiefen Geiste, der ihn drehet,
Das Bildniß an und wird zu dessen Siegel.

Und wie die Seel' in eurem Erdenstaube
Durch mannigfache Glieder, angemessen
Für manche Fähigkeiten, sich vertheilet:

So auch entfaltet jene höchste Einsicht
Vervielfacht in den Sternen ihre Güte,
Indem sie sich um ihre Einheit schwinget.

Verschiedne Kraft geht mit dem edlen Körper,
Den sie belebt, verschiednes Bündniß ein,
Sich ihm vermählend, wie sich euch das Leben.

Der heiteren Natur nach, draus sie stammet,
Strahlt die gemischte Kraft durch ihren Körper,
Wie Freude durch lebend'ge Augensterne.

Aus ihr entstammt das, was, von Licht zu Lichte,
Verschieden scheint, und nicht von Dicht' und Dünne:
Sie ist des Bildens Urgrund, die hervorbringt

Nach ihrer Güte Trübes so wie Helles.« -


Gesang 03

Die Sonne, die mein Herz mit Lieb' einst wärmte,
Beweisend hatte sie und widerlegend
Der Wahrheit süßes Antlitz mir enthüllt,

Und ich, um mich berichtigt zu bekennen
Und überzeugt, hob nun, so weit sich's ziemte,
Das Haupt gerader auf, es auszusprechen.

Doch ein Gesicht erschien mir, das so nahe
Mich zu sich hinzog, um es anzuschauen,
Daß ich nicht mehr an mein Bekenntniß dachte.

Wie aus durchscheinendem, polirtem Glase,
Aus spiegelglatten, ruhigen Gewässern,
Die nicht so tief, daß nicht den Grund man sähe,

So schwach das Abbild unsres Angesichtes
Rückkehrt, daß eine Perl' an weißer Stirne
Nicht minder schnell zu unserm Blick gelanget:

So sah ich manch Gesicht, bereit zum Sprechen;
Drob in den Gegensatz des Wahns ich fiel,
Der zwischen Mensch und Quell einst Lieb' entzündet.

Und schnell, sobald ich sie gewahrt, vermeinend,
Es sei'n dies Spiegelbilder, um zu sehen,
Von wem sie kämen, wandt' ich meine Augen;

Doch sah ich nichts; drum blickt' ich wieder vorwärts
Grad in das Licht der süßen Führerin,
Die lächelnd in den heil'gen Augen flammte.

»Es nehme dich nicht Wunder«, sprach sie, »wenn ich
Ob deiner kindischen Gedanken lächle,
Da sie den Schritt zum Wahren noch nicht wagen,

Vielmehr dich, wie gewohnt, in's Leere führen.
Wahrhaft'ge Wesen sind es, die du schauest,
Hierher verbannt um mangelhaft Gelübde.

Drum sprich mit ihnen, höre zu und glaube,
Daß das wahrhafte Licht, das sie befriedigt,
Sie nimmer läßt den Fuß von ihm abwenden.« -

Und zu dem Schatten, der am meisten Lust
Zu sprechen zeigte, wandt' ich mich und sagte
Gleich einem, den zu heft'ger Wunsch beirret:

»O wohlerschaffner Geist, der an den Strahlen
Des ew'gen Lebens du die Süße schmeckest,
Die, kostet man sie, nie man nie begreift.

Erfreulich wird mir's sein, thust du genug mir,
Was deinen Namen, euer Loos betrifft.« -
Worauf bereit er heitern Blides sagte:

»Gerechtem Wunsch wird niemals unsre Liebe
Das Thor verschließen, darin Jener gleichend,
Die ihren ganzen Hof sich ähnlich wünscht.

Ich war auf Erden eine Klosterjungfrau,
Und siehst du mich genau an, werd' ich dir
Nicht unbekannt sein, bin ich jetzt auch schöner.

Denn, als Piccarda wirst du mich erkennen,
Hierher versetzt mit diesen andern Sel'gen,
Glückselig auf der langsamsten der Sphären.

All unsre Triebe, die entflammt allein
Sind in der Lust am heil'gen Geiste, freun sich,
Daß sie in seinen Orden aufgenommen.

Und dieses Loos, das wohl so niedrig scheint,
Ist uns bestimmt, weil unsere Gelübde
Versäumt und unerfüllt in etwas blieben.« -

Drauf ich zu ihr: »In euren wunderbaren
Gesichtern strahlt etwas von Göttlichem,
Das, wie ihr früher uns erschient, verändert.

Drum konnt' ich mich auch nicht so schnell erinnern;
Doch jetzo hilft mir das, was du mir sagtest,
So daß mir das Erkennen leichter wird.

Doch sage mir: Die ihr hier glücklich seid,
Verlangt ihr wohl nach einem höhern Orte,
Um mehr zu schaun, um mehr euch zu befreunden?« .

Erst lächelte sie mit den andern Schatten;
Dann gab sie mir so freud'ge Antwort, daß sie
Schien zu erglühn von erster Liebe Feuer:

»Die Kraft der Lieb' allein beruhigt, Bruder,
In uns den Willen, der nur wünschen läßt,
Was jetzt wir haben, und nicht reizt nach Andrem.

Verlangten weiter oben wir zu sein,
So stimmten unsre Wünsdie nicht zusammen
Mit dessen Willen, der hieber uns setzte;

Was du nicht sehen wirst, in diesen Kreisen,
Wenn's nöthig hier, der Liebe sich zu widmen,
Und wenn ihr Wesen du dir recht betrachtest.

Vielmehr ist's wesentlich zum Seligsein,
Sich innerhalb des Willens Gottes halten,
Damit all unsre Willen einer werden;

So daß, wie wir von Grad zu Grad vertheilet
Durch dieses Reich sind, es dem ganzen Reiche
Und Dem gefällt, der uns zu seinem Willen

Lust einflößt, und sein Will' ist unser Frieden:
Er ist das Meer, in das einströmet alles,
Was er erschafft und was Natur hervorbringt.« -

Da ward mir klar, wie jeder Ort im Himmel
Ist Paradies, wenn auch nicht gleichermaßen
Des höchsten Gutes Gnade drauf sich senket.

Doch wie's geschieht, daß, einer Speise satt,
Man doch nadı andrer nod Gelüst empfindet,
Und man für jene dankt und diese fordert:

So that auch ich es durch Geberd' und Worte,
Von ihr zu wissen, welch Geweb' es wäre,
Dran sie das Webschiff nicht zu Ende zog.

»Ein hoch Verdienst und frömmstes Leben«, sprach sie,
»Hub höher eine Frau, nach deren Regel
Man drunten in der Welt trägt Kleið und Schleier,

Damit man bis zum Tode wach' und schlafe
Mit jenem Bräut'gam, der jedwed Gelübde
Annimmt, das Lieb', ihm zu gefallen, eingeht.

Ihr nachzufolgen, floh ich, jung an Jahren,
Die Welt und hüllte mich in ihr Gewand
Und weihte mich dem Leben ihres Ordens.

Da rissen Männer mich, gewöhnt an Böses
Mehr als an Gutes, aus der süßen Klause.
Gott weiß es, wie darauf mein Leben war!

Und jener andre Glanz, der sich dir zeiget
An meiner rechten Seit', und der da leuchtet
Von allem Lichte dieser unsrer Sphäre,

Sagt von sich aus, was ich von mir verkünde:
Auch sie war Schwester, auch ihr ward genommen
Der heil'gen Binde Schatten von dem Haupte.

Doch ward sie gegen ihren Willen auch
Zurückgewandt zur Welt, und gegen Sitte:
Nie legte sie doch ab des Herzens Schleier.

Dies ist die Glanzerscheinung jener großen
Constanze, die vom zweiten Sturm aus Schwaben
Gebar den dritten und die letzte Macht.« -

So sprach sie und hub drauf: »Ave Maria«
Zu singen an; und singend so entschwand sie,
Dem schweren Dinge gleich in tiefem Wasser.

Mein Blick, der ihr so weit gefolgt als möglich,
Nachdem er sie verloren, kehrte sich
Dem Ziele zu des größeren Verlangens,

Und wandte ganz sich nach Beatrix hin;
Doch diese strahlte so in meine Augen,
Daß es im Anfang nicht mein Blick ertrug,

Und dies ließ mich mit meinen Fragen zögern.


Gesang 04

Eh stürbe Hungers wohl, wer zwischen zweien
Gleich lockenden und gleich entfernten Speisen
Die Wahl hat, eh zum Mund er eine brächte.

So stünd' ein Lamm wohl zwischen zweier Wölfe
Grausamer Gier, nach beiden Seiten bangend;
So stünd' ein Hund aud zwischen zweien Hirschen.

Drum, wenn ich schwieg, weil ich von meinen Zweifeln
Gleich sehr befallen ward, lob' ich mich nicht,
Noch tadl' ich mich, da's so die Noth erheischte.

Ich schwieg, allein es standen meine Wünsche
Mir im Gesicht gemalt, dazu das Fragen
Viel wärmer, als es Wort' ausdrücken könnten.

Da that Beatrix, wie einst Daniel that,
Als er den Grimm Nebucadnezar's stillte,
Der ungerechter Weis' ihn grausam machte,

Und sprach: »Ich merke wohl, wie dich befängt
Ein' und der andre Wunsch, so daß dein Eifer
Sich selbst so hemmt, daß er nicht kund sich gibt.

Du denkst: Sofern der gute Wille währet,
Wie kann wohl die Gewaltthat eines Andern
Vermindern dann das Maß mir des Verdienstes?

Auch gibt zu Zweifeln neuen Anlaß dir
Die Meinung, daß die Seelen zu den Sternen
Rückkehren, wie dies Plato ausgesprochen.

Dies sind die Fragen, welche deinen Willen
Gleich sehr bedrängen; deshalb will von der ich,
Die mehr des Bittern hat, zuerst dir reden.

Der Seraph nichtm zumeist in Gott versunken,
Nicht Moses, Samuel, die zween Johannes,
- Nimm den du willst - ja selber nicht Maria,

Befinden sich in einem andern Himmel
Als jene Geister, die dir jüngst erschienen,
Noch währt mehr oder mindre Jahr' ihr Weilen

Nein, alle zieren sie den ersten Kreis
Und haben unterschiedlich süßes Leben,
Den ew'gen Hauch mehr oder minder fühlend.

Sie zeigten hier sich, nicht, weil dieser Sphäre
Sie grade zuertheilt, nein, anzudeuten
Die weniger erhabene des Himmels.

So thut es noth zu eurem Geist zu sprechen,
Weil er allein durch's Sinnliche begreifet,
Was ihn sodann der Einsicht würdig macht.

Drum läßt sich auch die heil'ge Schrift herab
Zu eurer Fähigkeit, und Fuß und Hand
Ertheilt sie Gott und meint doch andres drunter;

Die heil'ge Kirch' auch stellt mit Menschenansehn
Den Gabriel und Michael euch dar,
Wie Jenen, welcher den Tobias heilte.

Das, was Timäus von den Seelen sagt,
Ist dem, was hier man schaut, nicht zu vergleichen,
Denn. wie er's sagt, scheint er es auch zu meinen.

Die Seele kehrt zu ihrem Sterne, sagt er,
Weil er von dort sie her entnommen glaubt,
Als die Natur sie zur Gestalt bestimmte.

Vielleicht ist auch sein Ausspruch andern Sinnes,
Als es das Wort besaget, und dann niöchte
Sein Inhalt wohl nicht zu bespötteln sein.

Ist seine Meinung, daß auf diese Kreise
So Preis als Tadel ihrer Wirkung falle,
Dann möcht' auf Wahres wohl sein Bogen zielen.

Und dieser Grundsatz, falsch verstanden, führte
Die ganze Welt einst irr, daß sie so weit ging,
Sie Jupiter, Merkur und Mars zu nennen.

Der andre Zweifel, der in dir sich reget,
Enthält des Giftes wen'ger, da sein Schlimmes
Dich nicht von mir auf Andres lenken könnte.

Daß in der Menschen Augen ungerecht
Unsre Gerechtigkeit erscheint: von Glauben
Ist's ein Beweis, nicht ketzerischer Bosheit.

Allein, weil eure Fassungskraft gar wohl
Vermag in diese Wahrheit einzudringen,
Werd' ich, wie du es wünschest, dich befried'gen.

Besteht Gewalt darin, daß wer da leidet,
In das, was ihm Gewalt anthut, nicht willigt,
Sind jene Seelen nicht durch sie entschuldigt.

Denn Willen, welcher nicht will, tilgt man nicht;
Vielmehr wirkt er wie die Natur im Feuer,
Ob tausendmal ihn auch Gewalt ablenke.

Drum, wenn er nun sich beugt, viel oder wenig,
So folgt er der Gewalt; so thaten jene,
Die doch zum heil'gen Ort rückkehren konnten.

Denn wär' ihr Wille ungebeugt geblieben,
Wie der Laurentius auf dem Roste hielt,
Und Mutius gegen seine Hand hart machte:

Hätt' er, sobald sie frei, sie auf die Straße,
Davon man sie entführt, zurückgetrieben;
Doch solch ein fester Will' ist allzu selten.

Durch diese Worte nun, hast du, wie nöthig,
Sie aufgenommen, ist getilgt dein Zweifel,
Der dich noch oft mit Unruh hätt' erfüllt.

Doch nun legt dir ein andres Hemmniß sich
Vor Augen in den Weg, daß du von selber
Daraus nicht kämest, eher müde würdest.

Ich habe deinen Geist nun überzeugt:
Nicht unwahr sein könnt' eine sel'ge Seele,
Weil stets sie in der Näh' ist des Urwahren;

Doch konntest du dann von Piccarda hören,
Wie ihrem Schleier treu Constanze blieb,
So daß sie hier mir scheint zu widersprechen.

Wie vielmal ist es schon geschehn, o Bruder,
Daß, um Gefahr zu fliehen, wider Willen
Man das gethan, was sich zu thun nicht ziemte.

So ward, vom Vater um die That gebeten,
Alkmäon seiner eignen Mutter Mörder:
Um Ehrfurcht nicht zu missen, ward er ruchlos.

Bei diesem Punkt bedenke, wie Gewalt sich
Zum Willen oft gesellt, und so sie wirken,
Daß sich die Thaten nicht entschuld'gen lassen.

An sich zwar willigt nicht der Will' in's Uebel,
Allein in so weit doch, als er befürchtet,
Er fall' in größer Leid, zög' er zurück sich.

Drum, wenn Piccarda so sich ausdrückt, spricht sie
Vom unbedingten Willen, ich jedoch
Vom andern, und wir beide haben Recht.« -

So war das Wogen jenes heil'gen Stromes,
Der aus dem Quelle aller Wahrheit kam;
So stellte sie zufrieden meine Wünsche.

»O Göttliche, Braut des Urliebenden«,
Sprach jetzt ich, »deren Wort mich überströmet
Und so erwärmt, daß wieder auf ich lebe!

Die Tiefe meiner Liebe reicht nicht zu,
Für solche Huld den Dank euch zu erstatten;
Doch Er, der sieht und kann, vergelte Solches.

Ich sehe wohl, daß unsre Einsicht nimmer
Gesättigt wird, erhellt sie nicht das Wahre,
Vor dem kein andres Wahre Raum gewinnet.

Sie ruht in ihm, wie Wild in seinen Höhlen,
Wenn sie's erreicht hat, und sie kann's erreichen;
Wenn nicht, so wäre jeder Wunsch vergeblich.

Hierdurch entspringet aus des Wahren Wurzel
Nach Schößlingsart der Zweifel, und Natur
Treibt uns von Höh zu Höh empor zum Gipfel.

Dies reizt mich an, dies gibt die Kühnheit mir,
Mit Ehrfurcht euch nach einer andern Wahrheit
Zu fragen, Herrin, die mir dunkel ist.

Ich wüßte gern, ob man verfehlt Gelübde
Durch andre gute Werk' ersetzen könne,
Die nicht zu leicht auf eurer Wage wögen.« -

Da blickte mich Beatrix an mit Augen,
So voller Liebesfunken und so göttlich,
Daß, da die Kraft mir schwand, ich ab mich wandte

Und fast, gesenkten Blicks, mich selbst verlor.


Gesang 05

»Schein' ich entflammt dir in der Glut der Liebe
In höhrem Maß, als man's gewohnt auf Erden,
So daß ich deiner Augen Kraft besiege,

So darfst du dich nicht wundern, denn dies kommt
Von dem vollkommnen Schaun, das, wie's erkennet,
Nach dem erkannten Heil den Fuß bewegt.

Ich werde wohl gewahr wie deiner Einsicht
Aufleuchtet schon etwas vom ew'gen Lichte,
Das, kaum gesehen, immer Lieb' entzündet.

Und wenn ein Andres euch verlockt zur Liebe,
So ist's nur eine Spur von jenem Lichte,
Die, obwohl mißerkannt, darin erschimmert.

Du möchtest wissen, ob durch andre Dienste
Sich ein verfehlt Gelübd' ersetzen lasse,
So daß die Seele sicher sei vor Vorwurf.«

Also begann Beatrix diesen Sang,
Und, wie wer nicht abbrechen will die Rede,
Fuhr so sie in der heil'gen Sache fort:

»Die größte Gabe, die aus seiner Fülle
Gott schaffend gab, die seiner Güt' am meisten
Entspricht, und die er selbst am höchsten schätzet:

War sicherlich die Freiheit unsres Willens,
Womit vernünftige Geschöpfe wurden
Und sind begabt, sie all' und sie allein.

Nun wird, denkst du darob ein wenig nach,
Sich des Gelübdes hoher Werth dir zeigen,
Ist's so, daß Gott einstimmt, wenn du einstimmest.

Denn beim Vertrage zwischen Gott und Menschen
Bringt man mit jenem Schatze, den ich nannte,
Ein Opfer, und thut dies als eigne That.

Was also kann man zum Ersatze geben?
Meinst du gut anzuwenden, was du darbotst,
So wilst du wohlthun mit unrechtem Gute.

Des Hauptpunkts bist du nun gewiß; weil aber
Die heil'ge Kirch' entbindet, was entgegen
Dem Wahren scheint, das ich dir offenbaret,

Mußt du ein Weilchen noch am Tische sitzen,
Da Hülfe noch zu der Verdauung braucht
Die harte Speise, die du eingenommen.

Oeffne den Geist dem, was ich dir enthülle,
Und halt' es fest dort; denn verstanden haben,
Behält man's nicht, macht noch nicht Wissen aus.

Zwei Dinge sind zum Wesen solchen Opfers
Erforderlich: das eine ist die Sache,
Draus es besteht, das andre der Vertrag.

Der letztre wird nie anders aufgehoben,
Als durch Erfüllung, und derselbe ist es,
Von dem ich oben so genau gesprochen.

Drum war Nothwendigkeit bei den Hebräern
Das Opfern selbst, wenn auch das Opfer manchmal,
Wie du ja wissen mußt, verwandelt wurde.

Das andre, was als Stoff dir dargethan ward,
Kann so beschaffen sein, daß es nicht Sünde,
Mit einem andern Stoff es zu vertauschen.

Doch wechsle man nicht seiner Schultern Bürde
Nach eigner Willkür, ohne daß sich drehen
Sowohl der weiße als der gelbe Schlüssel.

Und jegliche Vertauschung schätz' als thöricht,
Wenn das Erlaßne in dem Uebernommnen
Nicht wie die Vier in Sechs enthalten ist.

Wiegt etwas drum durch seinen Werth so schwer,
Daß es darniederzieht jedwede Schale,
So ist Ersatz durch andre Spend' unmöglich.

Treibt, Sterbliche, kein Spiel mit dem Gelübde!
Seid treu, doch auch dabei nicht unbesonnen,
Wie Jephtha war mit seinem Weihgeschenk,

Dem's mehr zu sagen ziemte: »Uebel that ich«,
Als daß sein Wort er hielt und Schlimmres übte.
Gleich thöricht war der Griechen großer Feldherr,

Drum Iphigenia ihr schönes Antlitz
Beweint' und weinen machte Weis' und Thoren,
Wenn sie von solchem Opfer reden hörten.

Bedächt'ger seid, ihr Christen, im Beschließen,
Seid nicht der Feder gleich bei jedem Winde,
Und glaubt nicht, daß euch rein'ge jedes Wasser!

Ihr habt das alt' und neue Testament,
Und eurer Kirche Hirten, der euch leitet:
Dies dient genugsam euch zu eurem Heile.

Will schnöde Gier zu andrem euch verlocken:
Als Menschen handelt, nicht wie thör'ge Schafe,
Daß unter euch der Jud' euch nicht verlache!

Thut nicht dem Lamme gleich, das seiner Mutter
Milch fahren läßt und albern und leichtfertig
Herumrennt für sich selbst, nach seiner Lust!« -

So sprach zu mir Beatrix, wie ich schreibe;
Dann wandte sie sich sehnsuchtsvoll zurück
Nach jener Gegend, wo die Welt belebter.

Ihr Schweigen, die Verwandlung ihrer Miene,
Sie machten den begier'gen Geist mir schweigen,
Der neue Fragen in Bereitschaft hatte.

Und wie ein Pfeil, der schon das Ziel getroffen,
Bevor die Sehne noch zur Ruh gekommen,
So flogen wir dahin zum zweiten Reiche.

Hier sah ich meine Herrin, als in's Licht
Sie dieses Himmels einging, also heiter,
Daß der Planet davon noch mehr erstrahlte.

Und wandelte der Stern sich und ward heiter,
Wie ward erst mir, der ich nach meinem Wesen,
Bin so veränderbar in jeder Weise!

Sowie in ruhigem und klarem Weiher
Die Fische dem nachziehn, was solcher Art
Von außen kommt, daß sie's für Nahrung halten:

So sah Glanzschimmer ich, wohl mehr als tausend,
An uns heranziehn, und aus jedem tönt' es:
»Da kommt, der unsre Liebe mehren wird!«

Und so wie jeglicher an uns herankam,
Sah man den Schatten voller Wonn' erglänzen
Im hellen Strahlenschein, der von ihm ausging.

Nun denk', o Leser, wenn nicht weiter ginge,
Was hier beginnt, welch ängstliches Verlangen,
Mehr zu erfahren, die empfinden würdest;

Und wirst an dir erkennen, wie ich wünschte,
Von jenen ihren Zustand zu vernehmen,
Sobald sie meinen Augen sich gezeigt.

»Zum Heil Geborner, dem die ew'ge Gnade
Zu schaun vergönnt die Throne des Triumphes,
Eh du den Kriegeszug noch aufgegeben.

Vom Licht, das durch den ganzen Himmel strahlet,
Sind wir entflanımt; drum, willst du über uns
Aufklären dich, so sätt'ge dich nach Wunsche«! -

So ward von einem jener frommen Geister
Zu mir gesagt und von Beatrix: »Sprich,
Sprich nur getrost, glaub' ihnen wie Gottheiten.« -

»Wohl seh' ich, wie du dir aus eignem Lichte
Dein Nest gebaut. und daß dein Aug' es strahlet,
Darum, sobald du lächelst, es erfunkelt.

Doch weiß ich, wer du bist, nicht, würd'ge Seele,
Noch warum dieser Sphäre Grad du einnimmst,
Die sich mit fremdem Strahl den Menschen birgt.«

Dies sagt' ich, hingewendet nach dem Lichte,
Das vorher zu mir sprach; auf welche Wort' es
Viel leuchtender als früher noch erglänzte.

Gleichwie die Sonne, die sich selbst verhüllet
Durch zu viel Licht, wenn aufgezehrt die Hitze
Die Mischung hat der angehäuften Dünste:

So aus erhöhter Freude barg sich mir
In ihrem Glanz die heilige Gestalt,
Und gab mir Antwort, also dicht verschlossen,

So, wie der folgende Gesang es singt.


Gesang 06

Als Konstantin zurück den Adler wandte,
Des Himmels Lauf entgegen, der ihm folgte
Einst mit dem Urahn, der Lavinien raubte,

Hielt hundert sich und aber hundert Jahre
Der Vogel Gottes an Europa's Grenze,
Den Bergen nah, draus er zuerst gekommen.

Und unterm Schatten seiner heil'gen Schwingen,
Beherrscht' er dort die Welt von Hand zu Hand,
Und also wechselnd kam er dann in meine.

Ich war Cäsar und bin Justinianus;
Auf höchster Liebe Wunsch, die ich empfinde,
Bannt' ich aus dem Gesetz Zuviel und Leeres.

Und eh ich diesem Werke mich gewidmet,
Glaubt' ich, in Christo sei nicht mehr als eine
Natur, und mir genügte solcher Glaube.

Allein der benedeite Agapetus,
Der damals Oberhirt war, lenkte mich
Mit seinem Worte zu dem wahren Glauben.

Ich schenkt' ihm Zutraun, und was er mich lehrte,
Seh' klar ich ein nun, so wie du erkennest
Jedweden Widerspruch von falsch und wahr.

Sobald mein Schritt nun mit der Kirche ging,
Gefiel es Gottes Huld, mich zu begeistern
Für's hohe Werk, dem ich mich ganz ergab.

Dem Belisar vertraut' ich an die Waffen,
Mit welchem so des Himmels Rechte war,
Daß mir's ein Zeichen schien, ich solle ruhen.

Auf deine erste Frage nun bezieht sich
Hier meine Antwort; doch ihr Inhalt zwingt
Mich, einen Zusatz noch hinzuzufügen,

Damit du siehest, mit wie vielem Rechte
Sich auflehnt wider das hochheil'ge Zeichen,
Wer sich's aneignet, wer ihm widerstrebet.

Sieh, welche Tugend würdig es gemacht
Der Ehrfurcht; wie es mit dem Tag begann,
Da Pallas starb, um ihm das Reich zu geben.

Du weißt, wie es in Alba Wohnstatt nahm
Mehr als dreihundert Jahre, bis zuletzt
Die drei mit dreien für dasselbe kämpften;

Weißt, was es that, von dem Sabinerraub an
Bis zu Lucretia's Weh, durch sieben Kön'ge
Da es die Nachbarvölker rings besiegte;

Weißt, was es that, getragen von den Römern,
Den tapfern, gegen Brennus, gegen Pyrrhus
Und andre Fürsten oder Bundsgenossen,

Wodurch Torquat und Quinctius, dem der Name
Vom wirren Haar ward, Decier und Fabier
Den Ruhm erlangt, dem gern ich Weihrauch streue.

Es schlug den Stolz der Araber zu Boden,
Die hinter Hannibal die Alpenfelsen,
Vovon du, Po, herabfällst, überstiegen.

Es triumphirten Scipio und Pompejus
Als Jüngling' unter ihm, und jenem Hügel,
An welchem du geboren, schien es bitter.

Dann, nah dem Zeitpunkt, als die Welt der Himmel
Zu seiner heitern Ruhe bringen wollte,
Nahm Cäsar, nach dem Willen Roms, es auf;

Und was es that vom Var bis hin zum Rheine:
Isère und Saone und auch die Seine sahn es,
Und jedes Thal, durch das sich füllt die Rhone.

Was es gethan dann, als es von Ravenn' aus
Sprang über'n Rubicon, war solchen Fluges,
Daß Zunge nicht noch Feder folgen könnte.

Darauf nach Spanien seine Schaaren führt' es,
Und gen Durazzo, und Pharsalia traf es,
Daß man den Schlag empfand am warmen Nile.

Antander sah und Simois es wieder,
Von wo's gekommen und wo Hektor ruhet,
Und schwang sich auf zu Ptolomäus Schaden.

Dann wie ein Blitz, stürzt' es auf Juba nieder,
Und wandte wieder sich zum Abendlande,
Wo es die pompejan'sche Tuba hörte.

Von dem, was es beim nächsten Träger that,
Bellt Brutus in der Hölle dort mit Cassius,
Und Modena war traurig und Perugia.

Auch weint darob Kleopatra voll Trauer,
Die ihm entfliehen wollt' und von der Schlange
Den plößlichen und finstern Tod sich holte.

Mit diesem drang es bis zum rothen Meere,
Durch diesen gab der Welt es solchen Frieden,
Daß Janus' Tempel nun geschlossen wurde.

Dod was das Zeichen, das den Mund mir öffnet,
Vorher gethan und nachmals thun noch wollte
Im ird'schen Reiche, das ihm unterthan,

Das wird gering und dunkel an Bedeutung,
Wenn man es in der Hand des dritten Cäsar
Mit klarem Auge sieht und reinem Sinne.

Denn die Gerechtigkeit, die mich beseelet,
Gab ihm, in dessen Hand, von dem ich rede,
Den Ruhm, zu über ihres Zornes Rache.

Nun staun' ob dem, was ich dir wiederhole!
Mit Titus eilt' es dann, sich an der Rache
Für ehemal'ge Sündenthat zu rächen.

Und als der Longobarden Zahn verwundet
Die heil'ge Kirche, stand ihr Karl der Große,
In Schutze seiner Flügel, siegreich bei.

Nun kannst du selbst urtheilen über Jene,
Die ich vorher anklagt', und ihre Sünden,
Die Ursach sind von allen euren Leiden.

Dem öffentlichen Zeichen stellt entgegen
Die gelben Lilien der, der's nur für sich will,
Daß schwer zu sehn ist, wer sich mehr vergehe.

Laßt unter anderm Zeichen ihre Künste
Die Ghibellinen treiben; übel folgt ihm
Allzeit, wer von Gerechtigkeit es scheidet.

Und nicht zertrümmr' es dieser neue Karl
Mit seinen Guelfen; nein, die Klauen fürcht' er,
Die höhrem Löwen schon die Mähne zausten.

Schon öftermals beweinten ja die Söhne
Die Schuld des Vaters; und man glaube nicht,
Daß Gott das Wappen tausch' um seine Lilien.

Es schmückt sich aber dieser kleine Stern
Mit guten Geistern, die einst thätig waren,
Daß ihnen Ehr' und Ruhm im Tode folge;

Und wenn, der Art abirrend, nun die Wünsche
Hierauf sich richten, müssen minder lebhaft
Die Strahlen wahrer Lieb' empor sich heben.

Doch liegt in dem Ausgleichen unsres Lohnes
Mit dem Verdienst ein Theil schon unsrer Wonne,
Da wir ihn kleiner nicht noch größer sehen.

Weshalb die thätige Gerechtigkeit
Den Trieb in uns so sänftigt, daß er niemals
Auf irgend etwas Böses sich kann richten.

Verschiedne Stimmen geben süße Weisen;
Verschiedne Stufen unsres Lebens bilden
In diesen Kreisen süße Harmonie.

Und in der gegenwärt'gen Perle leuchtet
Das Licht Roméo's, welchem man ein großes
Und schönes Werk mit schlechtem Dank vergolten.

Jedoch die Provenzalen, die entgegen
Ihm wirkten, lachen nicht, denn übel fähret,
Wer Andrer Tugend sich zum Nachtheil schätzt.

Vier Töchter hatte, alle Königinnen,
Raimondo Berlinghier', und dies bewirkte
Roméo, ein geringer, fremder Mann.

Doch dann bewogen Jenen scheele Reden,
Von dem Gerechten Rechenschaft zu fordern,
Der ihm nachwies statt zehne fünf und sieben,

Worauf er, arm und alt, von dannen ging.
Und wüßte nur die Welt, welch Herz er hatte,
Der bissenweis sein Leben sich erbettelt:

Sie lobt ihn sehr, sie würd' ihn mehr noch loben.


Gesang 07

»Osanna, sanctus Deus Sabaoth,
Superillustrans claritate tua
Felices ignes horum malahoth!«

Indem es sich zu seiner Weise wandte,
Gewahrt' ich, daß es also sang, das Wesen,
Auf welchem sich ein Doppelstrahl zertheilte;

Und dieses und die anderen bewegten
Im Tanze sich und gleich den schnellsten Funken
Verbarg sie mir ein plötzliches Entfernen.

Ich zweifelte und: »sag's ihr, sag's ihr«, sprach ich
Bei mir, »o sag' es«, sprach ich, »meiner Herrin,
Daß sie den Durst durch süße Tropfen stille.«

Doch jene Ehrfurcht, die sich meiner gänzlich
Bemächtigt, denk ich nur an B und X,
Sie beugte nieder mich gleich dem, der einschläft.

Dod kurz nur duldete Beatrix solches;
Denn sie begann mit Lächeln so zu reden,
Daß einer drob im Feuer glüdlich wäre:

»Nach meiner sichern Meinung hab' ich dir
Die Frag' erregt: wie wohl gerechte Rache
Gerechter Weise Strafe könnt' erleiden.

Alein ich werde bald den Sinn dir lösen.
Du höre nur; denn meine Worte werden
Mit einer großen Lehre dich beschenken.

Den Zaum der Willenskraft, der ihm zum Heil war,
Nicht duldend, hat der Mann, der nicht geboren,
Verdammend sich, verdammt sein ganz Geschlecht.

Wodurch die Menschheit krank darnieder lag
An großem Irrthum viele hundert Jahre,
Bis sich herabgelassen Gottes Wort,

Wo's die Natur, die sich von ihrem Schöpfer
Entfremdet hatte, seinem Wesen einte,
Blos durch die Wirkung seiner ew'gen Liebe.

Nun richte deinen Sinn auf meine Rede:
Sie, die Natur, geeint nun ihrem Schöpfer,
War, wie sie einst geschaffen, rein und gut;

Doch durd sich selbsten ward sie ausgeschlossen
Vom Paradies, weil sie sich abgewendet
Vom Weg der Wahrheit und von ihrem Leben.

Erwägt man nun die Strafe, die am Kreuze
Die angenommene Natur erlitt,
Hat keine je wohl so gerecht gezüchtigt;

Und doch war keine je so ungerecht,
Sieht man auf die Person, die sie erlitten,
Mit der geeint war solcherlei Natur.

Drum ging von einer That Verschiednes aus:
Derselbe Tod gefiel Gott und den Juden;
Die Erd' erbebt' ob ihm, aufging der Himmel.

Nun kann es dir nicht schwierig mehr erscheinen,
Wenn man behauptet, daß gerechte Rache
Hierauf gerächt ward von gerechtem Richter.

Doch seh' ich von Gedanken zu Gedanken
Getrieben deinen Geist zu einem Knoten,
Deß Auflösung er harrt mit großer Sehnsucht.

Du denkst: Wohl seh' ich ein, was ich vernehme;
Allein weshalb zu unserer Erlösung
Gott diesen Weg gewählt, ist mir verborgen.

Verborgen ist, o Bruder, solcher Rathschluß
Den Augen eines jeden, dessen Geist
Nicht durch der Liebe Glut ist mündig worden.

Mit Wahrheit sag' ich's, weil nach diesem Ziele
Man viel hinblickt und wenig es erspähet,
Weshalb am würdigsten war solche Weise.

Die Güte Gottes, welche von sich wegstößt
Jedweden Neid, sprüht solche Glut in sich,
Daß ew'ge Herrlichkeiten draus hervorgehn.

Das, was unmittelbar aus ihr enttropfet,
Unendlich ist es, weil sich niemals ändert
Sein Eindruck, wenn sie ihn hat aufgeprägt.

Das, was aus ihr unmittelbar entströmet,
Ist gänzlich frei, weil's niemals unterlieget
Der Einwirkung der neuerzeugten Dinge.

Es gleicht ihr mehr, drum liebt sie es auch mehr,
Dieweil die heil'ge Glut, die Alles ausstrahlt,
Im Aehnlichsten ja auch am hellsten leuchtet.

Aus allen diesen Dingen ziehet Vortheil
Die menschliche Natur; und fehlet eines,
So muß sie es an ihrem Adel büßen.

Die Sünd' allein beraubet sie der Freiheit
Und macht unähnlich sie dem höchsten Gute,
Weil sie von seinem Licht nur wenig aufnimmt;

Und nie gelangt sie zu der frühern Würde,
Wenn nicht, für schlimm Gelüst, gerechte Strafen
Ersetzen, was die Sünd' ihr hat geraubt.

Eure Natur, als sie in ihrem Samen
So gänzlich sündigte, entfernte sich
Von ihrer Würde, wie vom Paradiese.

Und nicht vermochte sie, wenn du recht scharf
Aufmerkst, sich irgend wieder herzustellen,
Wenn sie nicht eine dieser Furthen wählte:

Entweder, daß Gott nur nach seiner Gnade
Verziehen hätte, oder daß der Mensch
Genug that aus sich selbst für seine Thorheit.

Nun richte deinen Blick auf jenen Abgrund
Des ew'gen Rathes fest, so sehr du kannst,
Indem du streng auf meine Reden achtest.

Es konnte nie der Mensch in seinen Schranken
Genugthun, weil er durch Gehorsam jetzt
Nicht bis zu dem Grad sich demüth'gen konnte,

Als er zuvor durch Trotz erhöhn sich wollte.
Dies ist die Ursach, daß versagt dem Menschen
Es war, aus eigner Kraft genug zu thun.

Es mußt' auf seinen Wegen also Gott
Erneu'n den Menschen zu vollkommnem Leben:
Auf einem sag' ich, oder auch auf beiden.

Doch weil um so erwünschter ist das Werk
Des Handelnden, je mehr es von der Güte
Des Herzens zeugt, von dem es ausgegangen:

Fand Gottes Güte, die der Welt sich aufprägt,
Indem all ihre Mittel sie gebrauchte,
Freude daran, euch wieder zu erheben.

Und zwischen erstem Tag und legter Nacht
Gab's nie so hohes, herrliches Verfahren
Durch Diesen oder Jenen, noch wird's geben.

Großmüthiger war Gott, da er sich selbst gab,
Daß wieder sich der Mensch erheben könne,
Als wenn er nur die Schuld ihm hätt' erlassen.

Und all die andern Wege reichten nicht
Hin zur Gerechtigkeit, wenn Gottes Sohn
Sich nicht erniedrigt hätte, Fleisch zu werden.

Nun, um dir jeden Wunsch wohl zu erfüllen,
Komm' ich auf eine Stelle noch zurück,
Damit darin so klar als ich du sehest.

Du sagst: ich seh' die Luft, ich seh' das Feuer
Und Erd' und Wasser und was draus sich mischet,
Gehn in Verderbniß und gar kurz nur dauern;

Und diese Dinge wurden doch geschaffen.
Drum wenn das wahr ist, was vorhin ich sagte,
So müßten sicher sein sie vor Verderbniß.

Die Engel, Bruder, und das reine Land,
Woselbst du bist, kann man geschaffen nennen,
So wie sie sind, nach ihrem ganzen Wesen.

Die Elemente aber, die du nanntest,
Und jene Dinge, die daraus entstehen,
Sind von geschaffner Kraft hervorgebracht.

Geschaffen war der Stoff, den sie besitzen,
Geschaffen war die Bildungsthätigkeit
In jenen Sternen, die rings um sie kreisen.

Der heil'gen Lichter Strahl und ihr Bewegen
Zieht aus des Stoffes kraftbegabter Mischung
Die Seele jedes Thiers, wie auch der Pflanzen.

Doch unmittelbar schafft unser Leben
Die höchste Güt' und flößet Lieb' ihm ein
Zu sich, daß stets es dann nach ihr verlanget.

Und daraus kannst auf eure Auferstehung
Du ferner schließen, wenn du überdenkest,
Wie da geschaffen ward das Fleisch des Menschen,

Als das Urelternpaar geschaffen wurde.«


Gesang 08

Es glaubt' ehmals die Welt zu ihrem Nachtheil,
Die schöne Cypris, sich im Kreise drehend
Des dritten Sterns, entflamme thör'ge Liebe.

Deshalb erwiesen nicht nur ihr allein
Mit Opfern und mit Weiherufen Ehre
Die alten Völker in dem alten Wahne;

Nein, ehrten auch Dionen und Cupido,
Als Mutter jene, diesen als den Sohn,
Und sagten, daß auf Dido's Schooß er weile.

Von ihr, mit der ich hier beginn', entlehnten
Den Namen sie des Sterns, der mit der Sonne
Liebäugelt bald von vorn und bald von hinten.

Wie ich zu ihm aufstieg, gewahrt' ich nicht;
Doch als ich drin war, ließ mich's meine Herrin
Erkennen, die ich sah noch schöner werden.

Und wie man in der Flamme Funken siehet
Und im Gesang die Stimmen unterscheidet,
Wenn eine fest steht und die andre wechselt:

So sah in jenem Licht ich andre Lichter
Im Kreis sich drehn, mehr oder minder eilig,
Wohl nach dem Maße ihres Gottanschauens.

Aus kalter Wolke stürzten niemals Winde,
Sei's sichtbar oder nicht, mit solder Schnelle,
Daß sie verzögert nicht und träg erschienen

Dem, der die götterhaften Lichter hätte
Auf uns zukommen sehn, den Kreis verlassend,
Der anhub bei den hohen Seraphinen;

Und hinter jenen, die zuerst sich zeigten,
Ertönt' ein solches Hosianna, daß ich immer
Voll Sehnsucht blieb, es wieder zu vernehmen.

Drauf kam der eine näher zu uns her,
Und er begann: »Wir alle sind bereit
Für deinen Wunsch, daß du dich unsrer freuest.

Wir drehen mit den Himmelsfürsten uns
In einem Kreis und Umschwung, einem Durste,
Von denen du auf Erden schon gesaget:

»Die ihr erkennend lenkt den dritten Himmel« -
Und sind so lieberfüllt, daß, dir zu Liebe,
Nicht minder uns ein wenig Ruh erfreut.«

Nachdem ich ehrfurchtsvoll hierauf zur Herrin
Den Blick erhoben, und sie ihretwegen
Mich sicher und zufrieden nun gestellt:

Da wandt' ich auf das Licht ihn, das so schönes
Versprechen that, und: »Saget, wer ihr seid«,
Rief ich, bedrängt von mächtigem Gefühle.

Wie sah ich's größer jetzt und heller werden
Von neuer Freude, so die frühre Freude
Noch in ihm mehrt', als ich es angeredet!

Also beschaffen sprach's: »Es hielt die Welt mich
Nur kurze Zeit; wär's länger noch gewesen,
Viel Böses wäre nicht, das nun wird sein.

Es hält mich meine Wonne dir verborgen,
Die mich ringsher umstrahlt und mich verhüllt,
Dem Wurme gleich von seiner Seid' umwunden.

Du hast mich sehr geliebt und hattest Ursach:
Denn wär' ich unten blieben, hätt' ich dir
Mehr als das Laub gezeigt von meiner Liebe.

Das linke Ufer dort, bespült vom Rhodan,
Nachdem er mit der Sorgue sich gemischt,
Erwartete mich seiner Zeit als Herrn,

Wie dort Ausonien's Horn, das mit den Städten
Bari, Gaeta und Crotona prangt,
Wo Tronto sich und Verd' in's Meer ergießen.

Schon funkelt' an der Stirne mir die Krone
Von jenem Lande, das die Donau wässert,
Nachdem die deutschen Ufer sie verlassen.

Die schöne Insel auch, die oftmals dunkelt,
Zwischen Pachinum und Pelor', am Golfe,
Der von dem Ostwind härt'sten Kampf besteht,

Nicht durch Typhon, doch vom entstehnden Schwefel:
Sie auch hätt' ihre Kön'ge noch erwartet,
Von mir abstammend durch Rudolph und Karl,

Wenn schlimme Herrschaft, welche stets erbittert
Die unterworfnen Völker, nicht Palermo
Zum Rufe: »Stirb nur, stirb!« bewogen hätte.

Und säh' mein Bruder dies voraus, er würde
Die geiz'ge Armuth Kataloniens
Wohl fliehn, damit sie ihm nicht Schaden bringe;

Denn, wahrlich, nöthig ist es, vorzusehen
Für ihn wie auch für Andre, daß sein Fahrzeug,
Belastet schon, nicht mehr noch Last empfange.

Sein sparsam Wesen, von freigebigem
Abstammend, hätte solche Diener nöthig,
Die nicht blos sorgten, Kisten anzufüllen.« -

»Weil ich nun glaube, daß die hohe Wonne,
Die mir dein Reden, mein Gebieter, einflößt,
Da wo jedwedes Heil beginnt und endigt,

Von dir gesehn wird, wie auch ich sie sehe,
Ist sie mir theurer noch; auch dies ist werth mir,
Daß du, zu Gott aufschauend, es erkennest.

Du hast mir Freud' erregt, und so erklär' mir,
Da mich dein Wort zu Zweifeln hat bewegt,
Wie Herbes kommen kann aus süßem Samen?« -

So ich; er drauf: »Kann ich dir eine Wahrheit
Darthun, so wirst du der, die du verlangest,
Den Blick zuwenden, wie bisher den Rücken.

Das Heil, das al das Reich, so du durchsteigest,
Lenkt und zufriedenstellt, läßt seine Vorsicht
Die Kraft in diesen großen Körpern sein;

Und nicht blos die Naturen sind im Geiste,
Der ganz volkommen ist, vorausbedacht,
Vielmehr ihr Sein zugleich mit ihrer Wohlfahrt.

Deshalb, was immer dieser Bogen abschießt,
Geordnet fliegt's nach vorbestimmtem Zwecke,
So wie der Pfeil, der auf sein Ziel gerichtet.

Wär' es nicht so, die Wirkungen des Himmels,
Den du durchwandelst, würden solche sein,
Daß Trümmer sie darböten, und nicht Werke.

Dies kann nicht sein, sind die Intelligenzen
Nicht mangelhaft, die diese Sterne lenken,
Wie der selbst, der sie nicht vollkommen schuf.

Soll sich dies Wahre dir noch mehr erhellen?« -
Und ich: »Nein, ich erkenn' es für unmöglich,
Daß die Natur ermüd' in dem, was noth thut.« -

Drauf er noch: »Sag, wär's für den Menschen schlimmer
Auf Erden nicht, wenn er nicht Bürger wäre?« -
»Wohl«, sprach ich, »und nicht fordr' ich drob Beweis.« -

»Und kann er's sein, wenn man nicht unten lebt
In mannigfache Stände unterschieden?
Traun nicht, wenn euer Meister recht geschrieben.« -

Šo weit nun war, beweisend, er gekommen;
Dann folgert' er: »Drum müssen auch verschieden
Die Wurzeln eurer Thätigkeiten sein.

Drum wird auch der ein Solon, der ein Xerxes,
Der ein Melchisedek und der ein Solcher,
Der fliegend durch die Luft den Sohn verloren.

Die kreisende Natur, die Siegel ist
Dem ird'schen Wachs, übt wirksam ihre Kunst;
Doch macht sie keinen Unterschied im Wohnhaus.

Daher kommt's, daß im Mutterleib sich Esau
Von Jakob trennt und von so niedrem Vater
Quirinus stammt, daß man dem Mars ihn eignet.

Es würde die gezeugete Natur
Stets gleichen Weg mit den Erzeugern nehmen,
Wenn Gottes Vorsehung nicht mächt'ger wirkte.

Nun liegt vor dir, was hinter dir gewesen.
Doch, daß du wissest, daß ich dein mich freue,
So nimm noch diesen Zusatz für dich hin:

Stets wird Natur, wenn sich das Glück ungünstig
Zeigt gegen sie, wie jeder andre Samen,
Fällt er auf fremden Boden, schlecht gedeihen.

Und wollte nur die Welt da unten achten
Auf jenen Grund, wie die Natur ihn leget,
Sie würd', ihm folgend, gutes Volk erzeugen.

Allein ihr zwinget den zum Priesterleben,
Der für das Schwertumgürten ward geboren,
Und macht zum König den, der pred'gen sollte:

Drum weicht auch euer Schritt so ab vom Wege.« -


Gesang 09

Nachdem dein Karl, anmuthige Clemenza,
Mich aufgeklärt, theilt' er mir mit die Täuschung,
Die seinem Samen widerfahren sollte.

Doch sprach er: »Schweig und laß die Jahre rollen;
Ich kann nichts weiter sagen, als daß folgen
Gerechter Jammer wird auf euren Schaden.« -

Schon hatte sich des heil'gen Lichtes Leben
Zur Sonne rückgewandt, die es erfüllet,
Als zu dem Gut, dran Alles Gnüge findet.

Betrogne Seelen, ruchlose Geschöpfe,
Die ihr von solchem Gut die Herzen wendet
Und euren Sinn auf eitle Dinge richtet!

Und eine zweite, sieh! von jenen Leuchten
Kam auf mich zu; und durch den äußern Schimmer
Gab sie den Willen kund, mir zu gefallen.

Beatrix Augen, die sie fest wie vorher,
Auf mich gerichtet hielt, bestätigten
Durch ihren Beifall mich in meinem Wunsche.

»Ach, mögst du mein Verlangen bald erfüllen,
Glücksel'ger Geist«, sprach ich; »«gib den Beweis mir,
Daß, was ich denk', in dich hinüberstrahlet.« -

Worauf das Licht, das mir noch unbekannt war,
Aus seiner Tiefe, draus es vorher sang,
Sprach, wie wer einen wohlzuthun sich freuet:

»In jenem Theile des verderbten Landes
Italien, der zwischen dem Rialto,
Der Brenta und der Piave Quellen lieget:

Erhebt ein Hügel sich, nicht allzuhoch,
Von wo einst eine Fackel niederflammte,
Die rings die Gegend mächtiglich verheerte.

Aus einer Wurzel stammen ich und sie.
Cunizza hieß ich, und erglänze hier,
Weil dieses Sternes Licht mich einst besiegte.

Allein die Ursach meines Looses seh' ich
Mir freudig nach und härme nicht mich drüber,
So schwer auch euer Pöbel dies wohl fasset.

Von diesem hellen, strahlenden Juwele
In unserm Himmel, der zunächst mir ist,
Blieb großer Ruhm zurück, und eh er schwindet,

Wird das Jahrhundert fünfmal sich erneuen.
Sieh nun, ob sich der Mensch hervorthun soll,
Damit dem ersten folg' ein zweites Leben.

Doch dies bedenkt der heut'ge Haufe nicht,
Den hier die Etsch umschließt, dort Tagliamento,
Und der, gezüchtigt selbst, nicht Reu' empfindet.

Bald wird's geschehn, daß Padua dem Sumpfe
Das Wasser röthet, das Vicenza badet,
Weil für die Pflicht verstockt die Völker sind.

Und wo Cagnan und Sile sich gesellen,
Herrscht Einer und erhebt sein Haupt so hoch,
Daß man das Net schon flicht, um ihn zu fangen.

Den Treubruch seines gottvergeßnen Hirten
Wird Feltre noch beweinen, der so ruchlos,
Daß keiner je nach Malta ging um Gleiches.

Zu mächtig würde wohl der Bottig werden,
Der all das Blut der Ferraresen faßte,
Und müde, wer es unzenweise wöge,

Das dieser höf'sche Priester schenken wird,
Zu zeigen, daß Partei er halt', und solche
Geschenke werden sein nach Landessitte.

Spiegel sind droben, Throne nennt ihr sie,
Von wo Gott richtend auf uns niederstrahlet,
So daß uns solche Reden gut erscheinen.« -

Hier schwieg sie und erregt' in mir die Meinung,
Als habe sie sich Andrem zugewendet,
Dem Kreisen nach, das sie begann wie vorher.

Die andre Wonne, die mir schon bekannt war,
Erstrahlte mir helleuchtend vor dem Blicke,
Feinem Rubin gleich, den die Sonne trifft.

Die Freudigkeit erzeugt dort oben Glanz,
Wie Lächeln hier; doch wird der Schatten drunten
Auch dunkel äußerlich, wie trüb der Geist ist.

»Gott siehet Alles, und dein Schaun vertieft sich
In ihn«, sprach ich, »glücksel'ger Geist, so daß
Kein Wink von ihm dir kann verborgen bleiben.

Drum deine Stimme, welche stets den Himmel
Ersetzt mit dem Gesang der frommen Feuer,
Die aus sechs Flügeln sich ein Chorhemd bilden:

Warum genügt sie meiner Sehnsucht nicht?
Ich dürfte nicht erst deiner Frage harren,
Durchschaut' ich dich so, wie du mich durchschauest.

Das größte Thal, drin sich das Wasser ausdehnt«,
Begann er nun mit diesen Worten, »außer
Dem großen Meere, das die Erd' umkränzet,

Streckt zwischen Feindsgestaden sich der Sonne
So weit entgegen, daß Meridian es
Dort macht, wo früher Horizont gewesen.

Anwohner jenes Thales war ich, zwischen
Ebro und Macra, die mit kurzem Laufe
Genua's Gebiet von dem Toskana's trennen.

Fast gleich gen Untergang und Aufgang liegen
Buggéa und die Stadt, woher ich stamme,
Die einst den Hafen heiß von Blute machte.

Fulco war ich genannt bei jenem Volke,
Dem kund mein Name war; und dieser Himmel
Erfährt von mir Eindruck, wie ich von ihm einst.

Denn mehr entbrannte nicht des Belus Tochter,
Sichäus und Creusa schwer betrübend,
Als ich, so lange nicht mein Haar geschoren;

Noch die Rhodoperin, die einst betrogen
Ward von Demophoon, noch auch Alcides,
Als er Jolen in sein Herz geschlossen.

Doch hier bereut man nicht, vielmehr man lächelt,
Nicht ob der Schuld, die nicht mehr in den Sinn kommt,
Nein, ob der Kraft, die ordnet' und voraussah.

Hier schauet man die Kunst, die solche Wirkung
Mit Schmuck versieht, und man erkennt das Gute,
Weshalb die untre Welt zur obern kehret.

Daß du jedoch mit ganz erfüllten Wünschen,
Die hier in dieser Sphär' entstanden sind,
Von dannen gehst, muß Weitres ich noch sagen.

Du möchtest wissen, wer in diesem Licht ist,
Das hier zunächst mir also hell erfunkelt,
Wie Sonnenstrahl in ungetrübtem Wasser.

So wisse denn, daß drinnen sich beruhigt
Rahab und, eingereihet unsrer Ordnung,
Von ihr das Siegel höchsten Grades führt.

Von diesem Himmel, bis zu den der Erde
Schatten sich zuspitzt, ward vor andern Seelen
Sie durch den Siegszug Christi aufgenommen.

Wohl ziemt es, sie in irgend einem Himmel
Als Palme jenes hohen Ruhms zu lassen,
Der einst erworben ward durch beide Hände.

Denn sie beförderte den ersten Sieg
Des Josua in dem gelobten Lande,
Deß zu gedenken wenig rührt den Papst.

Es zeuget deine Stadt - von dem gepflanzet,
Der seinem Schöpfer einst den Rücken wandte,
Und dessen Neid soviel beweint schon wurde -

Und breitet aus die maledeite Blume,
Die auf Irrwege Schaf und Lämmer führte,
Weil einen Wolf zum Hirten sie gemacht.

Das Evangelium und die großen Lehrer
Sind drob verlassen, und die Dekretalen
Allein studirt man, wie's die Ränder zeigen.

Hierum bemühn sich Papst und Kardinäle;
Es pilgert nicht ihr Sinn nach Nazareth,
Wohin einst Gabriel den Flug genommen.

Allein der Vatikan und jene andern
Erwählten Orte Roms, so Gräberstätten
Der Heerschaar wurden, die dem Petrus folgte,

Vom Eh'bruch werden bald befreit sie sein.


Gesang 10

Es schuf, auf ihren Sohn mit Liebe blickend,
Die beide, sie wie er, urewig athmen,
Die erste, unaussprechlich hohe Kraft

All das, was unser Aug' und Geist durchkreiset,
Mit solcher Ordnung, daß nicht ohn' Entzücken,
Wer es anschaut, darauf verweilen kann.

Drum heb', o Leser, zu den hohen Kreisen
Den Blick mit mir empor nach jener Gegend,
Wo sich ein Zirkel mit dem andern kreuzet;

Und dort beginn' am Kunstwerk dich zu letzen
Des Meisters, der's mit solcher Liebe hegt,
Daß er von ihm niemals das Auge wendet.

Schau hin, wie sich der schräge Kreis von dorten
Abzweigt, der die Planeten trägt, um denen,
Die ihn zu Hilfe rufen, beizustehn.

Und wär' nicht ihre Bahn geneigt, so würde
Im Himmel viele Kraft vergebens sein
Und unten jede Wirkung fast erstorben.

Und wär' von grader Bahn mehr oder minder
Entfernt ihr Gang, sehr mangelhaft dann wäre
Die Weltenordnung, oben so wie unten.

Nun bleib auf deiner Bank, o Leser, sitzen,
Nachdenkend dem, was man dir vorgekostet,
Willst du recht froh sein, eh du müde bist.

Ich habe vorgesetzt dir; iß nun selber;
Denn meine ganze Sorg' erheischt der Stoff,
Um dessentwillen ich zum Schreiber worden.

Die Dienerin, die größte der Natur,
Die mit der Kraft des Himmels sich dem Weltall
Einprägt, und deren Licht die Zeit uns mißt,

Mit jenem Punkt, der oben ward erwähnet,
Verbunden, kreiste durch die Schneckenlinien,
Worin sie jedesmal sich früher zeiget:

Und ich kam bei ihr an; doch von dem Steigen
Gewahrt' ich nur so viel, als von dem ersten
Gedanken man gewahrt bei dessen Kommen.

Beatrix ist's, die man sich wandeln siehet
In also schnellem Nu von gut zu besser,
Daß dies ihr Thun bei ihr nicht Zeit bedarf.

Wie mußt' an sich schon das nun leuchtend sein,
Was in der Sonne war, in die ich eintrat,
Durch Farbe nicht, allein durch Licht erkennbar!

Rief ich Verstand auch auf und Kunst und Uebung,
Sagt' ich's doch nicht, weil man sich's niemals dächte;
Doch glauben kann man's und zu sehn sich wünschen.

Und wenn zu schwach sind unsre Vorstellungen
Für also Hohes, darf's nicht Wunder nehmen,
Da nie ein Blick jenseits der Sonne drang.

So war hier nun die vierte Kinderschaft
Des hohen Vaters, der sie ewig sättigt,
Beweisend, wie er haucht und wie er zeuget.

Beatrix hub jetzt an: »O danke, danke
Der Sonne nun der Engel, die zu dieser
Sichtbaren dich durch ihre Gnad' erhoben.« -

Kein sterblich Herz war jemals so zur Andacht
Geneigt, so wie zur Gottergebenheit
Also bereit mit seinem ganzen Streben,

Als ich bei dieser Rede war geworden:
So ganz versenkt' ich meine Lieb' in Gott,
Daß in Vergessenheit Beatrix hinschwand.

Doch zürnte drob sie nicht, nein, so gefiel's ihr,
Daß ihrer Augen Glanz, indem sie lachte,
Den Geist mir, statt auf Eins, auf Mehres lenkte.

Ich sah lebendiger Glanzlichter manche
Zur Mitt' uns machen, aber sich zum Kranze,
An Stimme süßer, als im Anblick leuchtend.

So sehn wir oft die Tochter der Latona
Umgürtet, wenn die Luft sich so verdichtet
Daß sie rückstrahlt den Streifen ihres Gürtels.

Am Himmelshof, woraus zurück ich kehre,
Gibt's viel so schöne, kostbare Juwelen,
Daß man dem Reich sie nicht entführen kann.

Von solchen war auch der Gesang der Lichter;
Doch wer zum Aufflug sich nicht kann befiedern,
Erwarte von dorther vom Stummen Kunde.

Als nun so singend jene glühnden Sonnen
Uns hatten rings umkreist zu dreien Malen,
Gleich Sternen, die den festen Polen nahe:

Erschienen sie wie Frau'n mir, die vom Tanze
Nicht ruhen, sondern nur stillstehend lauschen,
Bis sie erfüllt sind von den neuen Weisen.

Und drin in einem hört' ich so beginnen:
Wenn jener Gnadenstrahl, dran sich entzündet
Wahrhafte Lieb', und der durch Liebe wächst,

So stark vervielfacht in dir wiederstrahlet,
Daß er hinauf dich führet jene Stiege,
Drauf Niemand ohne Rückkehr niedersteigt:

Wer seine Schale Wein dir weigern wollte
Für deinen Durst, dem würde Freiheit fehlen,
Gleichwie dem Wasser, das zum Meer nicht flösse.

Zu wissen wünschest du, mit welchen Blumen
Der Kranz geschmückt ist, der die schöne Frau,
Die dich zum Aufflug stärkt, erschaut mit Liebe.

Einst zählt' ich zu der heil'gen Schaar der Lämmer,
Die auf den Weg hinführt Dominicus,
Wo wohl sich nährt, wer nicht davon abirret.

Der hier, der mir am nächsten ist zur Rechten,
War Bruder mir und Lehrer, es ist Albert
Von Köln, und ich bin Thomas von Aquino.

Willst du auch all die andern kennen lernen,
So folge rings umher, wie ich sie nenne,
Mit deinem Blicke dem glücksel'gen Kranze.

Das dritte Licht zeigt uns Gratianus' Lächeln,
Der weltlichem und geistlichem Gerichte
So half, daß man sich freut im Paradiese.

Das vierte, das demnächst den Reigen ziert,
War jener Petrus, der, gleich jener Armen
Der heil'gen Kirche seinen Schatz geopfert.

Das fünfte Licht, das schönste unter uns,
Ist so liebathmend, daß die ganze Welt
Sich drunten sehnt, Nachricht von ihm zu haben.

Drin wohnt das hohe Licht, dem also tiefe
Weisheit zu Theil ward, daßm wenn Wahres wahr ist,
Zu so viel Schau kein zweites sich erhoben.

Hierauf siehst du das Licht von jener Kerze,
Die drunten, noch in's Fleisch gebannt, tief innerst
Der Engel Wesen und ihr Amt erspähte.

In jenem andern kleinern Lichte lächelt
Der christlichen Jahrhunderte Vertheid'ger,
Mit deß Latein sich Augustin versehen.

Läßt du des Geistes Auge jetzo gleiten
Von Licht zu Licht, wie ich das Lob verkünde,
Bleibst du beim achten schon begierig stehn.

Weil alles Heil sie schaut, ist darin selig
Die heil'ge Seele, die der Welt Betrug
Dem offenbart, der aufmerksam sie höret.

Der Leib, draus sie vertrieben wurde, lieget
Dort unten in Ciel d'oro, und sie kam
Aus Pein und aus Verbannung hier zum Frieden.

Ich sah auch noch den glühnden Odem flammen
Von Isidorus, Beda und von Richard,
Der im Betrachten mehr war denn ein Mensch.

Der hier, von den dein Blick zu mir zurückkehrt,
Ist eines Geistes Licht, dem, in Gedanken
Vertieft, des Todes Nahn zu zaudern schien.

Es ist das ew'ge Licht von Sigieri,
Der, einstens in der Halmengasse lehrend,
Verhaßte Wahrheiten durch Schlüss' erwies.« -

Drauf, gleich der Uhr, die uns zur Stunde wecket,
Da Gottes Braut aufsteht, dem Bräutigam
Den Gruß, daß er sie liebe, darzubringen,

Worin ein Theil den andern zieht und treibet,
»Tin, tin« erklingend mit so süßem Tone,
Daß der geneigte Geist von Liebe schwellt:

Sah ich den ruhmesvollen Kranz sich drehen
Und Stimm' um Stimme wechseln im Accord,
Mit solcher Süße, die man sonst nicht kennet,

Als dort nur, wo die Wonne ewig währt.

Gesang 11

O thorheitvolle Sorge Sterblicher,
Wie sind sie trügerisch doch, jene Schlüsse,
Die dir den Flügelschlag zur Tiefe wenden!

Der ging den Rechten nach, den Aphorismen
Ein Anderer, der sucht' ein Priesteramt,
Und der zu herrschen durch Gewalt und Ränke;

Der legt' auf Raub, der sich auf bürgerlich
Geschäft, und der, der Fleischeslust ergeben,
Erschöpfte sich, der ruht' im Müßiggange:

Als ich, von allen diesen Dingen frei,
Im Himmel droben mit Beatrix war,
Wo man so ehrenvoll mich aufgenommen. -

Als jedes Licht nun in den Punkt des Kreises
Zurückgekehrt, wo es zuvor gewesen,
Blieb stehn es, wie die Kerz' auf einem Leuchter.

Und ich vernahm in Innern jenes Lichtes,
Das vorher zu mir sprach, wie es mit Lächeln
Begann, indem es sich weit heller machte:

»So wie ich mich, blick' ich in's ew'ge Licht,
An seinem Strahl entzünd', also versteh' ich
Auch was du denkest und was dessen Ursach.

Du zweifelst, und du wünschest ausgelegt
In so ausführlichen und offnen Worten,
Was ich gesagt, daß deinem Sinn es klar sei,

Als ich vorhin sprach: »Wo man wohl sich nähret«,
Und fernerhin: »«kein zweites sich erhoben«;
Und hier ist nöthig, wohl zu unterscheiden.

Die ew'ge Vorsicht, so die Welt regieret
Durch jenen Rath, dran jeglicher erschaffne
Blick scheitert, eh er in die Tiefe dringet,

Auf daß zu ihrer Wonne kommen möge,
In sich gesichert und ihm desto treuer,
Die Braut Desjenigen, der lauten Rufes

Sie sich verlobt mit benedeitem Blute:
Verordnete zwei Fürsten ihr zum Heile,
Die sie zu beiden Seiten führen sollten.

Der Eine war an Feuer ganz seraphisch,
Der Andere war auf der Erd' an Weisheit
Ein Abglanz von dem Licht der Cherubim.

Von Einem werd' ich sprechen; preist man Einen,
Spricht man von beiden, welchen man auch wähle;
Denn beider Wirken hatte nur ein Ziel.

Zwischen Tupino und dem Bach, entquellend
Dem Hügel, den Ubald erwählt, der Sel'ge,
Senkt hoch vom Berg sich, fruchtbar, eine Lehne,

Woher, von Porta-Sole, Kält' und Hitze
Perugia fühlt, und hinter ihnen klaget
Ob schweren Joches Gualdo mit Nocera.

Von diesem Abhang, wo die Steil' am meisten
Sich mildert, ging der Welt auf eine Sonne,
Wie diese oftmals sich erhebt am Ganges.

Drum, wer von diesem Orte spricht, der nenn' ihn
Ascesi nicht, zu wenig würd' er sagen;
Nein, Orient, wenn recht er sagen will

Noch war nicht weit entfernt sie von dem Aufgang,
Als sie die Erde schon ein wenig Stärkung
Empfinden ließ von ihrer großen Kraft.

Denn, Jüngling noch, gerieth er mit dem Vater
Um solch ein Weib in Streit, dem, wie dem Tode,
Niemand des Wohlgefallens Thür eröffnet.

Hierauf vor seinem geistlichen Gerichtshof
Verlobt' er sich mit ihr, et coram patre:
Und liebte drauf von Tag zu Tag sie mehr.

Beraubt des ersten Gatten, blieb dies Weib
Verachtet, unbekannt und ohne Freier,
Elf hundert Jahr' und mehr, bis dieser kam.

Nicht half der Ruf ihr, daß bei dem Amyclas
Sie sorglos fand beim Tone seiner Stimme
Er, der der Sdrecken war der ganzen Welt.

Nicht half's ihr, daß sie standhaft blieb und muthig,
Als damals, wo Maria unten weilte,
Mit Christo sie zum Kreuze sich erhob.

Doch, um nicht allzu dunkel fortzufahren,
Denk' dir Franciscus und die Armuth jetzo
Als diese Liebenden in meiner Rede.

Es gaben ihre Eintracht, heitern Mienen,
Die wunderbare Lieb' und süßen Blicke
Veranlassung zu heiligen Gedanken,

So daß zuerst sich der ehrwürd'ge Bernhard
Der Schuh' entledigt' und so großem Frieden
Nachzog, und selbst die Eile schien ihm langsam.

O unbekannter Reichthum, wahrhaft Gut!
Die Schuh' warf ab Egidius, auch Sylvester,
Dem Bräut'gam folgend, so gefiel die Braut.

So zieht nun jener Vater, jener Meister
Mit seinem Weib und den Genossen allen,
Schon mit der Demuth Strick umgürtet, fort.

Kleinmuth des Herzens senkt' ihm nicht die Augen,
Weil er der Sohn war Peter Bernardone's,
Noch weil er wundersam verachtet schien.

Nein, königlich eröffnet Innocenz
Er seinen harten Vorsatz, und empfing
Von ihm das erste Siegel seines Ordens.

Als nun das Volk, das arme, sich vermehret,
Dem folgend, dessen wunderbares Leben
Man besser in des Himmels Glorie sänge:

Da ward gekrönt mit einer zweiten Krone
Vom ew'gen Geiste, durch Honorius,
Des Oberhirten heiliges Verlangen.

Und als er, dürstend nach dem Martyrthume,
In stolzer Gegenwart des Sultans Christum
Gepredigt und von denen, die ihm folgten;

Und weil zu herb er zum Bekehren fand
Das Volk und nicht vergebens weilen wollte,
Kehrt' er zurück zur Frucht ital'scher Pflanze.

Auf hartem Felsen, zwischen Tiberstrom
Und Arno ward ihm Christi letztes Siegel,
Das seine Glieder noch zwei Jahre trugen.

Als dem, der ihn zu solchem Heil erkoren,
Es nun gefiel, zum Lohn ihn zu erheben,
Den er durch sein Erniedrigen errungen:

Empfahl den Brüdern, als den rechten Erben,
Er seine Frau, die er so hoch gehalten,
Mit dem Gebot, sie voller Treu zu lieben.

Aus ihrem Schooß heimkehrend in sein Reich,
Wollte die hohe Seele sich erheben,
Und seinem Leib nicht andre Bahre wünscht' er.

Nun denke, welcher würdige Genosse
Der mußte sein, der nach dem rechten Zeichen
Des Petrus Barke lenkt' auf hohem Meere,

Und dieser nun war unser Pariarch.
Woraus du schließen kannst, daß, wer ihm folget,
Wie er gebietet, gute Waaren ladet.

Allein nach neuer Weid' ist seine Heerde
So gierig worden, daß es schier unmöglich,
Daß sie sich nicht zerstreu' auf andre Weiden;

Je weiter nun sich seine Schaf' entfernen
Und von ihm irre gehen, um so leerer
An Milch dann kehren sie zum Stall zurück.

Wohl sind noch solche, die den Schaden fürchten
Und sich zum Hirten drängen, doch so wen'ge,
Daß ihre Kutten nicht viel Tuch erfordern. -

Sind meine Worte nun nicht unverständlich,
Ist dein Anhören aufmerksam gewesen,
Und rufst du dir zurück, was ich gesprochen:

So wird zum Theil dein Wunsch befriedigt sein,
Denn du erkennst den Baum, den man zerstücket,
Und du erkennst den Tadel in den Worte:

»Wo wohl sich nährt, wer nicht abirrt davon.« -


Gesang 12

Sobald das letzte Wort hervorgebracht
Die benedeite Flamme, so begann auch
Das heil'ge Mühlenrad sogleich zu kreisen.

Doch hatt' es noch nicht voll sich umgewendet,
Als schon ein andres seinen Kreis umschloß,
Und zu ihm stimmt' im Schwung wie im Gesange,

Gesang, der so weit unsre Musen, unsre
Sirenen übertrifft an süßem Laute,
Wie ein ursprünglich Licht den Widerschein.

Gleich wie in zarter Wolke sich zwei Bogen,
Gleichlaufend und von gleichen Farben wölben,
Wenn Juno ihre Dienerin befehligt,

Und aus dem inneren entsteht der äußre,
Dem Wiederhalle jener Holden gleich,
Die Lieb' aufzehrte, wie die Sonne Nebel,

Und die das Volk hienieden ahnen lassen,
Vertrag geschlossen habe Gott mit Noah,
Er wolle nie die Welt mehr überfluten:

Also umkreiseten uns ringsherum
Die beiden Kränze immerblühnder Rosen,
Der äußere dem inneren entsprechend.

Als nun der Reigen und das andre Hochfest,
So des Gesangs, wie des Entgegenflammens
Der freundlichen und freudevollen Lichter,

Zugleich im Nu einhielt und eines Sinnes,
Den Augen gleich, die auf den Wink des Willens
Zumal sich öffnen oder schließen müssen:

Kam mitten aus der neuen Lichter einem
Ein Laut, der mich zu sich hinzog, daß ich
Der Nadel glich, die nach dem Stern sich wendet.

Und es begann: »Die mich verschönt, die Liebe,
Reizt mich, vom andern Führer dir zu sagen,
Deswillen man so gut hier spricht von meinem.

Mit Recht erwähnt man beide miteinander,
So daß, wie sie zugleid im Kampfe stritten,
Gemeinsam ihnen auch die Glorie leuchte.

Die Heerschaar Christi, die auf's neu zu waffnen
So theuer kam, zog hinter seiner Fahne
Gar langsam, zweifelhaft und spärlich her,

Als jener Kaiser, welcher ewig herrschet,
Sich annahm seiner Streiterschaar, die schwankte,
Aus Gnad' allein, nicht weil sie's würdig waren,

Und, wie gesagt, der Braut zu Hülfe kam
Mit zweien Helden, deren Thun und Reden
Das irre Volk nun zur Besinnung brachte.

In jenem Lande, wo der sanfte Zephir
Ersteht, die jungen Zweige zu erschließen,
Womit Europa wieder neu sich kleidet,

Nicht allzuweit vom Wogenschlag der Fluten,
Wohinter, wegen ihres langen Laufes,
Sich allen Menschen oft die Sonne birgt:

Da lieget das glücksel'ge Calaroga,
Unter dem Schutze jenes mächt'gen Schildes,
Drin unterjocht der Löw' und unterjocht wird.

Dort kam zur Welt der liebentflammte Freier
Des Christenglaubens, jener heil'ge Ringer,
Den Seinen gütig, doch den Feinden furchtbar;

Und es ward so sein Geist, als er geschaffen,
Erfüllt von thät'ger Kraft, daß er, im Leibe
Der Mutter noch, sie zur Prophetin machte.

Dann als am heil'gen Borne die Verlobung
Vollzogen zwischen ihm war und dem Glauben,
Wo sie sich gegenseit'ges Heil verliehen,

Erschaut' im Schlaf die Frau, die für ihn Zeugniß
Hat abgelegt, die wundernswerthe Frucht,
Die von ihm ausgehn sollt' und seinen Erben.

Und daß er auch, als der er war, erschiene,
Dazu regt' an ein Geist ihn zu benennen
Mit dem Besitzwort deß, dem ganz er eigen:

Dominicus wurd' er genannt; ich spreche
Von ihm, wie von dem Ackersmann, den Christus
Für seinen Garten sich zur Hülf' erwählte.

Wohl schien er Christi Bot' und Freund zu sein;
Dann seiner Liebe frühste Zeichen waren
Nach jenem ersten Rath, den Christus gab.

Oftmals ward er gefunden von der Amme
Schweigsam und wachend auf der Erde liegend,
Als sagt' er: »Dazu kam ich auf die Welt.«

O du, sein Vater, in der That ein Felix!
Und seine Mutter, wahrhafte Johanna,
Ist's richtig ausgelegt, wie man behauptet.

Nicht für die Welt, für die man jezt sich abmüht,
Dem Ostienser und Thaddeus folgend,
Vielmelr aus Liebe nur zum wahren Manna,

Ward er in kurzer Zeit ein großer Lehrer,
Daß er begann den Weinberg zu umgehen,
Der bald verfalbt, zeigt sich der Winzer lässig.

Und von dem Stuhle, der einst güt'ger war
Der frommen Armuth - was nicht Schuld des Stuhles,
Nein Jenes, der drauf sitzt und ist entartet: -

Nicht zwei und drei für sechse zu ertheilen,
Die Pfründe nicht erst leergewordner Stelle,
Nicht Zehnten, so den Armen Gottes sind,

Erbat er; nein, Erlaubniß, mit der Welt,
Der irrenden, zu kämpfen für den Samen,
Draus zweimal zwölf der Pflanzen hier dich kränzen.

Dann mit Gelehrsamkeit zugleich und Eifer
Und apostol'schem Amte, drang er vor,
Dem Bergbach gleich, der vollem Quell entströmet;

Und in das ketzerische Strauchwerk traf
Dort am lebendigsten sein Ungestüm,
Wo sich der Widerstand am stärksten zeigte.

Aus ihm entsprangen dann verschiedne Bäche,
Die da bewässern den kathol'schen Garten,
So daß viel frischer seine Büsche grünen.

War so das eine Rad des Zwiegespannes,
Drauf sich vertheidigte die heil'ge Kirche,
Und ihren Bürgerzwist im Feld besiegte:

Muß wohl hinreichend offenbar dir sein
Die Trefflichkeit des andern, davon Thomas,
Eh ich hier ankam, also freundlich sprach.

Allein das Gleis, das einst die äußre Rundung
Von seinem Umfang machte, ist verlassen,
So daß, wo Weinstein war, nun Schimmel lieget.

Es hat sich seine Schaar, die mit den Füßen
Dicht seinen Spuren folgte, so gewendet,
Daß, was einst vornen war, nach hinten trifft.

Und bald wird man es an der Ernte merken,
Wie schlecht das Feld bestellt, wenn sich das Unkraut
Beklagt, daß man die Scheuer ihm versage.

Zwar sag' ich: wer da suchte Blatt um Blatt
In unsrem Buch, würd' eine Seite finden,
Worauf er läs': »ich bin noch der ich war.«

Doch von Casale nicht, noch Acquasparta
Wird dieser sein, von wo nur solche kommen,
Die bald zu weit die Schrift, zu eng bald deuten.

Ich bin die Seele des Bonaventura
Von Bagnoreggio, der in großen Aemtern
Die ird'sche Sorge stets zurückgesetzt.

Illuminat und Augustin sind hier,
Die, als die ersten unbeschuhten Armen,
Sich Gott zum Freunde durch den Strick gemacht.

Mit ihnen hier ist Hugo von Sanct Victor
Und Mangiador und Peter von Hispanien,
Der drunten in zwölf Büchern glänzend strahlet.

Nathan der Seher, der Metropolite
Chrysostomus und Anselm und Donatus,
Der würdigte, die erste Kunst zu pflegen.

Rhaban ist hier, es leuchtet mir zur Seite
Der Abt Joachim aus Calabrien,
Begabt mit einem Geist prophet'scher Art.

So großem Paladine nachzueifern,
Bewog mich die entflammte Freundlichkeit
Des Bruder Thomas und sein lieblich Reden,

Und mit mir sämmtliche Genossenschaft.«


Gesang 13

Vorstelle sich, wer recht zu fassen wünschet,
Was nun ich sah, - und fest halt' er das Bild,
Wie Felsen stehn, indessen ich es schildre, -

Fünfzehn Gestirne, die verschiednen Orts
Den Himmel mit so heiterm Glanz beleben,
Daß er jedwede dichte Luft besieget;

Stell' sich den Wagen vor, dem Tag und Nacht
Ein solcher Raum genügt an unserm Himmel,
Daß bei der Deichsel Umschwung er nie schwindet;

Er denke sich die Mündung jenes Hornes,
Die anfängt bei der Spitze jener Achse,
An der das erste Rad umher sich drehet;

Und wie zwei Zeichen sie am Himmel bilden,
Dem gleich, das Minos Tochter einst gemacht,
Als sie im Tode sich erstarren fühlte;

Und wie das ein' erglänzet in dem andern,
Und beide sich in solcher Weise drehen,
Daß eins voraus geht und das andre folget:

Und kaum erst einen Schatten wird er haben
Vom wahren Sternbild und dem Doppelreigen,
Der um den Ort sich drehte, wo ich stand,

Weil's über das, was wir gewohnt, so weit geht,
Als über der Chiana Lauf das Kreisen
Des Himmels, der vorauseilt allen andern.

Dort sang man Bacchus nicht, und nicht Apollo,
Nein, drei Personen göttlicher Natur,
Die mit der menschlichen ein Wesen bildet.

Gesang und Reigen waren nun beendet,
Und zu uns wandten sich die heil'gen Lichter,
Bglückend sich mit immer neuer Sorge.

Dann brach der eintrachtsvollen Geister Schweigen
Das Licht, aus dem das wunderbare Leben
Des Armen Gottes mir berichtet wurde,

Und sprach: »Ist eine Garbe leer geworden,
Und schon das Saatkorn eingebracht, so reizt mich,
Die andre noch zu leeren, süße Liebe.

Du glaubst, daß in die Brust, aus der genommen
Die Rippe ward, das Antliß draus zu bilden,
Deß Gaumen hoch zu stehn kommt aller Welt,

Gleichwie in die, so, von dem Speer durchbohret,
Nachher wie vorher also gnuggethan,
Daß sie von aller Schuld aufwiegt die Schale,

Soviel des Lichts, als der Natur des Menschen
Erlaubt nur sei, wär' eingeflößet worden
Von jener Kraft, die dies' und jene schuf;

Und drum bestaunst du, was ich oben sagte:
Es gäbe nicht ein zweites gleiches Gut
Wie das im fünften Lichtglanz eingeschlossne.

Thu auf die Augen nun für meine Antwort,
Und du wirst sehn dein Glauben und mein Reden
In Wahrheit Eins, wie Kreis und Mittelpunkt.

Das, was nicht stirbt, wie das, was sterben kann,
Ist nur ein Abglanz jenes Gottgedankens,
Den unser Himmelsherr aus Liebe zeuget;

Denn das lebend'ge Licht, das also ausgeht
Von seinem Leuchtenden, daß nie sich's trennet
Von ihm, noch von der Liebe, die ihr drittes:

Durch seine Güte sammelt's seine Strahlen,
Gleichsam zurückgespiegelt, in neun Himmeln,
Und bleibt in Ewigkeit nur immer Eines.

Von hier steigt's nieder zu den letzten Kräften
Von Akt zu Akt da unten so abnehmend,
Daß es nur Dinge schafft zufäll'ger Dauer;

Und unter den Zufälligkeiten mein' ich
Geschaffne Dinge, die des Himmels Umschwung
Durch Samen oder ohne sie erzeugt.

Das Wachs von jenen und wer es bepräget,
Stimmt nicht stets überein; drum unterm Stempel
Das Urbild mehr und minder kommt zum Vorschein.

Woher's auch rührt, daß Bäume gleicher Gattung
Bald bessre und bald schlechtre Früchte bringen,
Und ihr verschiednen Geists geboren werdet.

Wenn ganz vollkommen wär' das Wachs beschaffen,
Und wirkt' in seiner höchsten Kraft der Himmel:
Des Siegels Glanz erschiene dann vollkommen.

Doch die Natur bleibt darin stets zurück,
Aehnlich dem Künstler schaffend, der zwar Uebung
Der Kunst hat. dem jedoch die Hände zittern.

Drum, wenn den hellen Blick der ersten Kraft
Entflammte Liebe lenkt und also stempelt,
Dann zeigt sich gänzliche Volkommenheit.

Auf solche Weise ward die Erd' einst würdig
Gemacht der höchsten thierischen Vollendung;
Auf solche Weise ward die Jungfrau schwanger.

So daß ich dich ob deiner Meinung lobe:
Nie war, noch wird die menschliche Natur sein,
Wie einst sie war in jenen zwei Personen.

Und führ' ich nun nicht weiter fort zu reden:
»Wie aber war denn Jener ohne Gleichen?«
So würde deine Frag' auf's neu beginnen.

Daß dir jedoch klar werde, was noch dunkel:
Bedenke, wer es war und was ihn trieb,
Zu bitten, als zu ihm gesagt ward: »bitte.«

Ich sprach nicht so, daß du nicht sehen könntest,
Ein König war es, der um Weisheit bat,
Damit er ein vollkommner Herrscher wäre;

Nicht um die Zahl der Lenker zu erfahren,
Die oben walten, oder ob Nothwend'ges
Je mit Zufälligem Nothwend'ges gebe;

Nicht ob, was erst bewegt, Bewegung leihe;
Noch ob man aus dem halben Kreise könne
Ein Dreieck bilden ohne rechten Winkel.

Darum, erwägst du dies und was ich sagte,
Ist königliche Weisheit jenes Schauen
Ohn' Gleichen, das der Pfeil trifft meine Absicht.

Und richtest auf »Erhob« du klar die Augen,
Siehst du, daß es auf Kön'ge nur Bezug hat,
Die zahlreich sind, doch sind die guten selten.

Mit dieser Unterscheidung fass' mein Wort;
Und so kann's wohl bestehn mit deiner Meinung
Vom ersten Vater und von unsrer Wonne.

Doch immer sei es Blei an deinen Füßen,
Langsam zu gehn, gleich einem müden Wandrer,
Was Ja und Nein betrifft, eh du nicht einsiehst;

Denn der steht unter Thoren niedrig wohl,
Der Ja und Nein sagt sonder Unterscheidung,
So in dem einen wie im andern Falle.

Weshalb es auch geschieht, daß oft sich neiget
Vorschnelle Meinung nach der falschen Seite,
Und daß Vorliebe dann die Einsicht lähmet.

Noch mehr als fruchtlos geht hinweg vom Ufer,
Weil er zurück nicht kehrt, wie er gegangen,
Wer nach dem Wahren fischt und hat die Kunst nicht.

Davon gibt auf der Welt es offne Proben,
Parmenides, Meliß, Brissus und Viele,
Die zwar ausgingen, doch wohin nicht wußten.

So auch Sabell, Arius und die Thoren,
Die gleichsam Schwerter waren für die Schrift,
Da sie die graden Blicke schielend machten.

Nicht mögen allzu sicher sein die Menschen
In ihrem Urtheil, dem gleich, der im Felde
Das Korn abschätzt, noch eh es reif geworden.

Wohl sah ich früher schon zur Winterszeit
Den Dornbusch stachlig und verwildert stehen,
Und dann die Ros' auf seinem Gipfel tragen;

Und sah ein Schiff auch graden Laufs und eilig
Auf seiner ganzen Fahrt das Meer durchziehen,
Und noch beim Eingang in den Hafen scheitern.

Frau Berta glaube nicht, noch Meister Martin,
Sehn den sie stehlen, aber jenen opfern,
Als säßen sie dem ew'gen Rathschluß bei:

Denn jener kann sich heben, dieser fallen.«


Gesang 14

Vom Centrum nach dem Kreis, vom Kreis zum Centrum
Bewegt das Wasser sich in runder Wanne,
Je wie der Stoß, von außen oder innen.

Das, was ich hier anführe, kam urplötzlich
In das Gedächtniß mir, sobald die Seele
Des Bruders Thomas, die glorreiche, schwieg,

Der Aehnlichkeit zufolge, die sich zeigte
In seinem Wort und jenem der Beatrix,
Der es gefiel, nach ihm, so zu beginnen:

»Dem hier ist nöthig, ob er's auch nicht sagt,
Nicht mit der Stimme, noch selbst im Gedanken,
In einer andern Wahrheit Grund zu spähen.

So sagt ihm denn, ob jener Glanz, womit sich
Hier euer Wesen schmücket, euch wird bleiben
In Ewigkeit, wie er sich jetzo zeiget.

Und wenn er bleibt, so saget, wie, nachdem
Ihr sichtbar wieder umgeschaffen worden,
Es möglich, daß er euch am Sehn nicht hindert.« -

Und wie, durch höhrer Freude Trieb und Zug,
Zugleich die, so im Tanze sich bewegen,
Die Stimm' erhöhn und heiter sich geberden:

So zeigten auf die schnelle fromme Rede
Die heil'gen Reigenkränze neue Freude
In ihrem Schwung und wunderbaren Sange.

Wer sich beklaget, daß man stirbt hienieden,
Um dort zu leben, der erkennet nicht
Des ew'gen Thaues labungsvolle Kühle.

Das Eins und Zwei und Drei, das ewig lebt
Und ewig herrscht in Drei und Zwei und Einem,
Selbst unumschränkt und Alles doch umfassend -

War dreimal nun von allen jenen Geistern
Gesungen worden, und in solcher Weise,
Die schöner Lohn für jede Tugend wäre.

Und in den göttlichsten der Lichter hört' ich,
Vom kleinern Kreis' aus, eine sanfte Stimme,
Etwa wie die des Engels zu Maria,

Antworten drauf: »So lang die Feier dauert
Des Paradieses, wird auch unsre Liebe
Ringsher ausstrahlen solch ein Glanzgewand.

Es stammet seine Klarheit aus der Inbrunst,
Die Inbrunst aus dem Schaun; dies ist so groß,
Als Gnad' auf seine Straft hernieder fließet.

Sobald uns jenes ruhmvoll heil'ge Fleisch
Wird neu umgeben, wird auch unser Leib
Anmuth'ger sein, weil er dann ganz vollkommen.

Deshalb wird auch, womit das höchste Gut
Freiwillig uns beschenkt, der Glanz zunehmen,
Ein Glanz, der es zu schauen uns befähigt:

Daher muß auch das Schaun, es muß die Inbrunst
Zunehmen an dem Schaun, das sie entflammt,
Zunehmen muß der Strahl, der ihr entspringet.

Doch wie die Kohle, welche Flammen sprühet
Und durch lebend'gen Glanz sie überwindet,
So daß sie ihres Glanzes Schein behauptet:

So wird auch dieser Glanz, der uns umgibt,
Besiegt durch die Erscheinung sein des Fleisches,
Das jeden Tag noch stets die Erde deckt.

Und doch wird so viel Licht uns nicht behindern,
Da kräftig werden sein des Körpers Glieder
Zu alle dem, was uns ergetzen kann.« -

Es schienen mir so eilig und beeifert
Die beiden Chöre - »Amen!« auszurufen,
Daß sie wohl Sehnsucht zeigten nach den Leibern;

Vielleicht nicht blos für sich, nein, für die Mütter,
Die Väter und die andern, die sie liebten,
Noch ehe sie zu ew'gen Flammen wurden.

Und sieh, ringsum entstand von gleicher Helle
Ein Glanz, noch außer dem, der dort schon war,
Dem gleich, wenn sich der Horizont erheitert.

Und so wie beim Beginn des Abends neue
Erscheinungen sich aufthun an dem Himmel,
So daß die Sach' als wahr scheint und nicht:

So schien es mir, daß dort sich neue Wesen
Erblicken ließen, die noch einen Kreis
Um jene beiden andern Kreis' umschrieben.

O wahrhaft Strahlen du des heil'gen Geistes!
Wie traf's jo schnell und glanzvoll meine Augen,
Daß sie, davon besiegt, es nicht ertrugen.

Doch es erschien Beatrix mir so schön
Und lächelnd, daß ich's nebst dem sonst Geseh'nen
Muß übergehn, weil's das Gedächtniß fliehet.

Darnach gewannen wieder Kraft die Augen,
Sich zu erheben, und ich sah entrückt mich
Zu höhrem Heil, allein mit meiner Herrin.

Wohl nahm ich's wahr, daß ich erhoben worden,
An der entflammten Heitre jenes Sternes,
Der mir von ungewohnter Röthe schien.

Von ganzem Herzen und in jener Sprache,
Die ein' in Allen ist, bracht' ich ein Opfer
Gott dar, wie es die neue Gnad' erheischte.

Und noch war nicht in meiner Brust erschöpfet
Die Glut des Opfers, als ich auch erkannte,
Daß angenehm die Spende sei und glücklich.

Denn mit so starkem Lichtschein und so rothem
Erschienen Lichter zwischen zweien Strahlen,
Daß ich »Wie schmückst du sie doch, Helios!« ausrief.

Wie von dem einen Pol der Welt zum andern
Verschieden glänzt durch groß' und kleine Lichter
Die Milchstraß' also, daß drob Weise grübeln:

So voll von Sternen bildeten im tiefen
Mars jene Strahlen das ehrwürd'ge Zeichen,
Das vier Quadranten in dem Kreise machen.

Hier muß die Kunst wohl dem Gedächtniß nachstehn,
Denn an dem Kreuze glänzte Christus also,
Daß ich kein würdig Gleichniß finden kann.

Doch wer sein Kreuz aufnimmt und folget Christus,
Wird mir verzeihn das, was ich unterlasse,
Sieht er in jenem Schimmer Christus blitzen.

Von Arm zu Arm, vom Gipfel bis zum Fuße
Bewegten Lichter sich, die hell aufstrahlten
Im Uebergehn und im Zusammentreffen.

So sieht hienieden man grad und gewunden,
Langsam und schnell, das Ansehn stets verändernd,
Der Körper kleinste Theile, lang und kurz,

Sich in dem Strahl bewegen, der bisweilen
Durchstreift den Schatten, den zu ihrem Schutze
Die Leute sich durch Kunst und Witz verschaffen.

Und so wie Geig' und Harfe, wohlgestimmt
In vielen Saiten, süß Getön' erzeugen
Für den, der auch die Weise nicht verstehet:

So von den Lichtern, die mir dort erschienen,
Ließ sich ein Hymnus in dem Kreuz vernehmen,
Der hin mich riß, verstand ich ihn auch nicht.

Wohl merkt' ich, daß von hohem Lob er tönte;
Denn ich vernahm: »Steh auf und überwinde«,
Wie einer, der zwar hört, doch nicht verstehet.

So sehr ward ich von Liebe hier befangen,
Daß es nichts gab bis dahin, was mich jemals
Gefesselt hätte mit so süßen Banden.

Vielleicht erscheint zu kühn mein Wort, indem es
Die Lust hintansetzt an den schönen Augen,
In deren Anschaun sich mein Sehnen stillt.

Doch wer gewahrt, daß die lebend'gen Siegel
Jedweder Schön', erhöht, auch mächt'ger wirken,
Und ich nach ihnen mich nicht rückgewendet,

Kann mich entschuld'gen, daß ich zur Entschuld'gung
Mich anklag', und des Wortes Wahrheit sehen:
Daß hier die heil'ge Lust nicht ausgeschlossen,

Weil sie, je höher, desto reiner wird.


Gesang 15

Ein güt'ger Will', in welchem stets die Liebe
Sich offenbart, die rechter Weise wehet,
Wie die Begierd' im bösen kund sich gibt,

Gebot Stillschweigen jener süßen Leier
Und ließ die heil'gen Saiten, so die Rechte
Des Himmels spannt und nachläßt, ruhig werden.

Wie könnten taub sein den gerechten Bitten
Die Wesen dort, die, um mich zu bestimmen,
Daß ich sie bät', einmüthig stille schwiegen!

Wohl billig ist's, daß ohne Grenzen leide,
Wer jener Liebe sich beraubt, aus Liebe
Zu Dingen, die nicht ew'ge Dauer haben.

Wie durch die stille, reine, heitre Luft
Bisweilen plötzlich niederfährt ein Schimmer,
Die ruh'gen Augen zur Bewegung reizend,

Und dies ein Stern scheint, der den Ort verändert,
Nur daß sich an der Stell', an der er aufflammt,
Kein Stern verliert; auch dauert es nicht lange:

So glitt vom Arme, der nach rechts sich streckte,
Zum Fuße jenes Kreuzes hin ein Stern
Durch's ganze Sterngebild, das dort erglänzte;

Doch nicht vom Bande trennte der Juwel sich,
Nein, lief des Kreuzes Breite schräg hinunter,
Gleich einem Funken hinter Alabaster.

So zeigte sich Anchises' frommer Schatten,
Verdienet Glauben unsre größte Muse,
Als in Elisium er den Sohn erblickte.

»O sanguis meus, o super infusa
Gratia Dei; sicut tibi, cui
Bis unquam coeli janua reclusa!«

So jenes Licht; drum ich mich zu ihm wandte;
Dann kehrt' ich meinen Blick auf meine Herrin,
Und hier wie dort erfaßte mich Entzücken;

Denn es erglomm in ihrem Aug' ein Lächeln,
Daß ich mit meinem zu berühren glaubte
Den Grund der Gnad' und meines Paradieses.

Drauf, lieblich anzusehen und zu hören,
Fuhr fort der Geist in dem, was er begonnen;
Doch so tiefsinnig, daß ich es nicht faßte.

Allein aus Vorsatz nicht sprach er so dunkel,
Nein, aus Nothwendigkeit: denn was er sagte,
Ging über aller Sterblichen Begriffe.

Und als der Bogen seiner glühnden Liebe
So weit war abgespannt, daß seine Rede
Zu unsrer Einsicht Fassungskraft sich senkte,

Da war das erste Wort, das ich verstand:
»Gebenedeiet seist du, Dreimaleiner,
Der meinem Samen sich so hold erwiesen!«

Drauf fuhr er fort: »Die lange, süße Sehnsucht,
Geschöpft durch Lesen aus dem größten Buche,
Drin nie sich ändert weder Schwarz noch Weiß,

Hast du gestillt, o Sohn, in diesem Lichte,
Aus dem ich zu dir spreche, Dank sei Jener,
Die dir zum hohen Flug die Schwingen lieh.

Du glaubst, daß zu mir komme dein Gedanke
Vom Urgedanken aus, wie aus der Eins,
Wenn man's versteht, die Fünf und Sechs entspringet.

Und deshalb, wer ich sei, fragst du mich nicht,
Noch weshalb ich dir freudiger erscheine,
Als jeder Andr' in dieser heitern Schaar.

Wahr glaubest du, daß die geringern Geister,
So wie die großen in den Spiegel schauen,
Drin, eh du denkst, sich dein Gedanke zeiget.

Doch daß die heil'ge Lieb', in der ich wache
Mit stetem Schaun, und die mich dürsten machet
Von süßer Sehnsucht, besser sich erfülle,

So spreche deine Stimme sicher, freudig
Und kühn den Willen aus, sprich aus den Wunsch,
Auf welchen meine Antwort schon bereit ist.« -

Hin sah ich auf Beatrix, die mich hörte,
Noch eh ich sprach, mir einen Wink zulächelnd,
Der meinem Wunsch die Flügel wachsen ließ.

Und ich begann: »Es wurden Lieb' und Einsicht,
Sobald sich euch das Urgleichmaß gezeiget,
In jeglichem von euch in gleichem Maße.

Denn in der Sonne, die euch wärmt und leuchtet
Mit Wärm' und Licht, sind sie so gleich vorhanden,
Daß alle sonst'ge Gleichheit unvollkommen.

Doch bei den Sterblichen sind Wunsch und Einsicht
Aus jener Ursach, die euch offenbar ist,
Verschiedentlich befiedert an den Schwingen:

Weshalb ich, der ich sterblich bin, mich fühle
In solcher Ungleichheit; drum dankt allein
Mein Herz auch nur dem väterlichen Gruße.

Ich fleh' dich an, lebendiger Topas,
Der du das köstliche Juwel hier schmückest,
Daß du mit deinem Namen mich befriedigst.« -

»O du, mein Sproß, an dem ich im Erwarten
Mich schon ergetzt', ich war einst deine Wurzel.«
Dies war der Anfang seiner Red' als Antwort;

Dann sprach er weiter: »Er, von dem dein Stamm
Sich nennt, der hundert Jahr' und drüber
Den Berg umkreist hat auf dem ersten Simse,

Er war mein Sohn und war dein Urgroßvater.
Wohl ist es Pflicht, daß du so langes Leiden
Durch gute Werk' ihm abzukürzen suchest.

Florenz in seinen alten Umfangsmauern,
Worin man noch vernimmt die Terz und None,
War mäßig einst und keusch und lebt' in Frieden.

Nicht gab es Kettchen da, nicht goldnes Stirnband,
Nicht Frau'n mit prächt'gen Schuhen und mit Gürteln,
Was mehr in's Auge fiel als die Person.

Noch machte nicht die Tochter, kaum geboren,
Dem Vater bang, da frühe Eh' und Mitgift
In keiner Art das Maß noch überschritten.

Noch standen Häuser leer nicht von Bewohnern,
Noch war Sardanapal nicht eingezogen,
Zu zeigen, was in Zimmern man vermöchte.

Noch hatt' Uccellatojo Montemalo
Nicht überboten: doch wie der im Steigen
Besiegt ist, wird er's auch im Sturze werden.

Bellincion Berti sah ich noch umgürtet
Von Bein und Leder, sah noch seine Frau
Vom Spiegel gehn mit ungeschminktem Antlitz;

Den Nerli und den Vecchio sich begnügen
Sah ich noch mit unüberzognem Felle
Und ihre Frau'n am Rocken mit der Spindel.

Die Glücklichen! wo sie begraben werde,
War jede sicher noch, und noch war keine
Im Ehebett verlassen, Frankreichs halber.

Die eine wachte sorglich an der Wiege
Und brauchte zur Beschwichtigung die Sprache,
An der die Eltern sich zuerst ergetzen;

Die andre, die den Flachs vom Rocken spann,
Erzählte der Familie Geschichten
Von den Trojanern, Fiesole und Rom.

Ein Lapo Salterell', eine Cianghell
Wär' solch ein Wunder damals wohl gewesen,
Wie jetzo Cincinnatus und Cornelia.

Solch einem ruhigen, solch einem schönen
Leben der Bürger, solcher süßen Heimat,
So redlicher Mitbürgerschaft verlieh mich

Maria, die in schweren Weh'n Gerufne;
In eurem alten Baptisterium
Ward ich ein Christ, mit Namen Cacciaguida.

Mir Bruder war Moront' und Eliseo;
Aus Val di Pado holt' ich nieine Frau,
Von der dein Zunam' auch ist hergeleitet.

Dann that ich unter Kaiser Konrad Dienste;
Der mich für seine Ritterschaft gegürtet:
In solche Gunst kam ich durch edle Thaten.

Ich folgt' ihm, die Verruchtheit zu befehden
Jenes Gesetzes, dessen Volk sich anmaßt,
Durch Schuld des Hirten, das, was euch gehöret.

Hier ward ich nun von jenem schnöden Volke
Entfesselt von der trügerischen Welt,
Durch deren Lieb' unrein wird manche Seele,

Und kam vom Martyrthum zu diesem Frieden.« -


Gesang 16

O du armsel'ger Adel unsres Blutes!
Wenn du die Leute schon zum Stolz verleitest
Hienieden, wo doch matt ist unsre Liebe,

So soll mir das nie wunderbar erscheinen,
Da dort ich, wo nicht falsche Lust uns irr führt,
Ich mein' im Himmel, Stolz darob empfunden.

Wohl bist ein Mantel du, der bald zu kurz wird,
Dieweil, wird ihm nicht läglidh nadıgeholfen,
Die Zeit mit ihrer Scheer' ihn rings umschreitet.

Mit jenem »Ihr«, das Rom zuerst geduldet,
Und das sein Volk nur selten heut gebraucht,
Begann ich meine Wort' an ihn zu richten.

Weshalb Beatrix, etwas seitwärts stehend,
Wie Jene lächelnd that, die, wie berichtet,
Gehustet bei Ginevrens erstem Fehltritt.

»Ihr seid«, begann ich alsofort, »mein Ahne,
Ihr flößt mir alle Kühnheit ein, zu sprechen,
Ihr hebt mich so, daß ich mich höher fühle.

Durch so viel Ströme füllet sich mit Wonne
Mein Innres, daß es über sich erfreut ist,
Weil's dieses aushält, ohne zu zerspringen.

So sagt mir nun, o ihr, mein theurer Ursprung,
Wer waren eure Ahnen, und was schrieb man
Für eine Jahreszahl in eurer Kindheit?

Sagt mir, wie groß der Schafstall Sanct Johannis
Damals gewesen, und was für Geschlechter
Darin der höchsten Sitze würdig waren?« -

Wie in dem Windeshauch wohl eine Kohle
Zur Flamm' auflebt, so sah ich jenes Licht
Bei meinen Schmeichelreden hell erglänzen.

Und wie sich's meinen Augen schöner zeigte,
So sprach's mit sanfterer und süßrer Stimme,
Allein nicht in der heut'gen Redeweise:

»Seit jenem Tag, als Ave ward gesaget,
Bis zur Geburt, da die nun sel'ge Mutter
Sich mein entband, mit dem sie schwanger ging,

Kam fast fünfhundert fünfzig und drei Male
Zum Löwen dieser feurige Planet,
Um unter seinen Tatzen zu entflammen.

Gleich meinen Vätern ward auch ich geboren
Im Orte, wo zuerst das letzte Sechstheil
Erreicht, wer in dem Jahreswettlauf rennt.

Dies gnüge von den Ahnen dir zu wissen;
Denn, wer sie waren und woher sie kamen,
Ist besser zu verschweigen als zu sagen.

All' jene, welche waffenfähig waren
Damals, von Mars ab bis zum Täufer, zählten
Ein Fünftheil nur von denen, so jetzt leben;

Allein die Bürgerschaft, die jetzt gemischt ist
Mit Campi, mit Certaldo und Figghine,
Sah rein man selbst im letzten Handwerksmanne.

Wie besser wär's, ihr hättet die genannten
Geschlechter nur zu Nachbarn, und Galuzzo
Und Trespiano lägen an den Grenzen,

Als im Gebiet, und nicht den Stank zu dulden
Des Bauern von Aguglio und von Signa,
Der schon zum Gaunern seinen Blick gespitzt!

Und war das Volk, das auf der Welt am meisten
Entartet ist, Stiefmutter nicht dem Kaiser,
Nein mild, wie eine Mutter ihrem Sohne:

Wohl mancher Florentiner, der jetzt wechselt
Und schachert, wär' nach Simifont gekehret,
Wo sein Großvater betteln einst gegangen.

Die Conti hätten Montemurlo noch,
Die Cerchi wären in Acone's Sprengel,
Die Buondelmonti wohl in Valdigrieve.

Stets war ja die Vermischung der Familien
Der Anfang von den Leiden unsrer Stadt,
Wie bei den Körper überflüss'ge Speise.

Und eher, als ein blindes Lamm, stürzt hin
Ein blinder Stier; und oftmals schneidet besser
Und mehr ein Schwert allein, als fünfe schneiden.

Betrachtest Urbisaglia du und Luni,
Wie sie dahin sind und wie ihnen auch
Nachfolgen Sinigaglia und Chiusi:

Zu hören, wie vergehen die Geschlechter,
Wird als nichts Neues, Hartes dir erscheinen,
Da auch die Städte selbst zu Grunde gehn.

Alles, was euer, unterthan dem Tod ist's,
Wie ihr; in manchem nur, was lange dauert,
Zeigt er sich nicht, weil euer Leben kurz ist.

Und wie das Drehen dort des Mondenhimmels
Rastlos bedeckt und aufdeckt die Gestade,
So macht es auch Fortuna mit Florenz:

Deshalb darf dir nicht wunderbar erscheinen,
Was ich von jenen hohen Florentinern
Dir sage, deren Ruhm die Zeit verbirgt.

Ich sah die Ughi, sah die Catellini,
Greci, Filipp', Ormanni, Alberichi,
Schon im Verfalle, doch berühmte Bürger;

Ich sah so große, wie auch altberühmte,
Mit jenem von Sannella den von Arca,
Und Soldanier, Ardinghi und Bostichi.

Und ob dem Thor, das jetzt beladen ist
Mit neuem Treubruch von so arger Schwere,
Daß bald wird Untergang der Kahn erfahren,

Wohnten die Ravignani, woher stammte
Graf Guido, und wer nachher nur den Namen
Vom hohen Bellincione hat geführet.

Der della Pressa wußte schon, wie man
Regieren müss', und Galligajo hielt sdon
Im Haus vergoldet Degenknopf und Bügel.

Groß war des Grauwerks Säule schon, die Giuochi,
Sacchetti, die Sifanti und Barucci,
Die Gall', und die sich schämen ob des Scheffels.

Der Stamm, aus dem entsprossen die Calfucci,
War groß schon, und es waren schon zum Rath
Erwählt die Sizii und Arrigucci.

O wie erblickt' ich Jene, die gestürzt nun
Ihr Hochmuth! und die goldnen Kugeln machten
Blühen Florenz in allen großen Thaten.

So handelten die Väter derer, welche,
So oft erledigt ist der Bischofssitz,
Im Konsistorium weilen und sich mästen.

Das übermüth'ge Volk, das wie ein Drache
Den hetzt, der fliehtm und gegen den ein Lamm ist,
Der ihm den Zahn weist oder auch die Börse,

Stieg schon empor, doch aus so niedrem Volke,
Daß Ubertin Donato nicht erfreut war,
Als ihn sein Sdwäher zog in solche Sippschaft.

Von Fiesole herabgekommen, wohnte
Schon Caponsacco auf dem Markt, schon waren
Giuda und Infangato gute Bürger.

Unglaubliches, doch Wahres werd' ich sagen:
In kleinen Umkreis trat man durch ein Thor ein,
Das man nach denen della Pera nannte.

Jedweder, der das schöne Zeichen trägt
Des großen Freiherrn, dessen Preis und Name
Das Fest des heil'gen Thomas stets erneuert,

Empfing von jenem Ritterschlag und Rechte,
Obichon der, der's mit goldner Zier umwindet,
Sich heut zu Tage zu dem Volk gesellet.

Schon gab es Gualterott' und Importuni;
Und ruhiger noch würde Borgo sein,
Wär' es von neuen Nachbarn frei geblieben.

Das Haus, dem euer Jammer ist entsprungen
Durch den gerechten Zorn, der Tod euch brachte
Und eurer Heiterkeit ein Ende setzte,

War hochgeehrt nebst seinen Anverwandten.
Schlimm that'st du, Buondelmont', auf Antrieb Andrer
Mit ihm nicht einzugehn das Ehebündniß.

Wie Viele wären froh jetzt, die nun traurig,
Wenn Gott der Ema dich verstattet hätte,
Als du zum erstenmal zur Stadt gekommen.

Allein es mußte dem zerschellten Steine,
Der nach der Brücke schaut, Florenz ein Opfer
In seines Friedens letzten Tagen bringen.

Mit diesen und mit solcherlei Geschlechtern
Hab' ich Florenz gesehn in solcher Ruhe,
Daß nirgend es da Ursach' gab zu Klagen.

Und unter diesen hab' ich so gerecht
Sein Volk gesehn, so glorreich, daß die Lilie
Sich niemals umgekehrt am Speere zeigte,

Noch jemals durch Entzweiung roth erschien.«


Gesang 17

Wie zu Climenen kam, gewiß zu werden
Deß, was er gegen sich vernommen, jener,
Der noch die Väter karg den Söhnen macht:

Also stellt' ich mich dar, und so erkannt' es
Beatrix auch, so wie die heil'ge Leuchte,
Die meinethalb den Ort gewechselt hatte.

Drum meine Herrin: »Ström' aus dir die Glut
Des heißen Wunsches«, sprach sie, »daß vom Stempel
Des Inneren sie wohl geprägt erscheine!

Nicht deshalb, daß sich unser Wissen mehre,
Indem du sprichst, nein, daß du dich gewöhnest,
Den Durst zu künden, daß man Trank dir reiche.« -

»O du, mein theurer Stamm, der du dich hebest
So hoch, daß, wie die ird'schen Geister sehen,
Ein Dreieck fasse nicht zwei stumpfe Winkel,

Du so erschauest die zufäll'gen Dinge,
Noch eh sie wirklich sind, da du den Punkt siehst,
In welchem alle Zeiten gegenwärtig:

Als in Gemeinschaft mit Virgil ich war
Dort auf dem Berge, der die Seelen heilet,
Wie niedersteigend zu der Welt des Todes,

Erfuhr ich über mein zukünft'ges Leben
Gar schwere Worte, wenn ich auch gestählet
Mich fühle gegen des Geschickes Schläge.

Deshalb möcht' ich den Wunsch befriedigt wissen,
Zu hören, welches Schicksal sich mir nahe;
Denn vorgesehner Pfeil kommt sachter an.« -

So sprach ich jetzt zu jenem selben Lichte,
Das vorhin zu mir sprach; und wie Beatrix
Es wollte, hatt' ich meinen Wunsch gebeichtet.

In Räthseln nicht, womit die thör'gen Heiden
Sich fangen ließen einst, eh das Lamm Gottes,
Das unsre Sünden trägt, getödtet wurde;

Nein, klaren Wortes und bestimmter Rede,
Antwortete die väterliche Liebe,
Verhüllt, doch offenbar in seiner Wonne:

»Der Zufall, der sich über eures Stoffes
Bestimmte Grenzen nicht hinaus erstrecket,
Ist gänzlich dargestellt im ew'gen Blicke.

Doch wird hierdurch er zu Nothwend'gem nicht,
So wenig. als durch's Aug', in dem sich's spiegelt,
Ein Schiff, das abwärts auf dem Strome gleitet.

Von dorten kommt mir, wie von einer Orgel
Zum Ohre süße Harmonie gelanget,
Die Zeit vor Augen, die sich dir bereitet.

Wie Hippolyt sich aus Athen entfernte,
Der argen, treulosen Stiefmutter wegen,
So wirst auch du Florenz verlassen müssen.

So will man es und schon strebt man es an,
Und bald wird der's bewirken, der drauf sinnet,
Dort, wo man Christum jeden Tag verschachert.

Dem Rufe nach wird dem gekränkten Theile,
Wie stets, die Schuld zukommen; doch die Rache
Wird zeugen für die Wahrheit, die sie kündet.

Verlassen wirst du alles, was am meisten
Du je geliebt: das ist der erste Pfeil,
Der dich ereilt vom Bogen der Verbannung.

Du wirst erfahren, wie nach Salze schmecket
Das Brod der Fremde und wie schwer der Gang,
Auf fremden Treppen auf- und abzusteigen.

Doch was zumeist die Schultern dir wird drücken,
Wird die Gesellschaft sein, die thör'ge, schlimme,
Mit der du wirst in diese Tiefe fallen;

Denn ganz undenkbar, thöright ganz und ruchlos,
Wird gegen dich sie sein; doch wenig später
Sind ihr, nicht dir, die Schläfe roth davon.

Von ihrer Unvernunft wird ihr Verfahren
Beweis dir sein, so daß dir's nutzen wird,
Partei nur für dich selbst gemacht zu haben.

Dein erster Zufluchtsort, wo Schutz du suchest,
Wird sein des mächtigen Lombarden Güte,
Der auf der Leiter führt den Heil'gen Vogel

Und also güt'gen Blick auf dich wird lenken,
Daß bei euch beiden wird, von That und Bitte,
Das frühre sein, was später kommt bei andern.

Bei ihm wirst den du sehn, bei deß Geburt
Auf ihn der Stern hier solchen Einfluß übte,
Daß ruhmeswerth einst seine Thaten sind.

Noch haben sie die Menschen nicht gewahret
Ob seiner Jugend; denn neun Jahr' erst haben
Sich diese Kreis' um ihn herum gewunden.

Doch eh den hohen Heinrich der Gascogner
Betrügt, erscheinen Funken seiner Tugend,
Indem er sich um Geld und Müh nicht kümmert;

Und wird in Zukunft sein großmüthig Wesen
Zu solchem Ruf gedeihn, daß seine Feinde
Nicht still die Zungen werden halten können.

Auf ihn vertrau und seine Gunstbeweise.
Durch ihn wird viel des Volks verändert werden,
Da ihren Zustand Reich' und Arme wechseln.

Geschrieben sollst du's tragen im Gedächtniß
Von ihm, doch sagen nicht... « Noch sagt' er Dinge,
Dem selbst, der sie erleben wird, unglaublich.

Dann fügt' er bei: »O Sohn, dies sind die Glossen
Zu dem Gesagten; sieh die Nachstellungen,
Die wen'ger Jahr' Umschwünge uns verbergen.

Doch sollst du deine Nachbarn nicht beneiden,
Denn über die Bestrafung ihrer Falschheit
Wird sich dein Leben weit hinaus erstrecken.« -

Da durch Stillschweigen nun die heil'ge Seele
Bereit sich wies, den Einschlag zu beenden
In dem Gewebe, das ich angezettelt,

Begann ich, gleichwie einer, der im Zweifel
Sich Rath zu holen wünscht bei einem Menschen,
Der einsieht und das Rechte will und liebt:

»Wohl seh' ich, o mein Vater, wie die Zeit
Auf mich anrennt, mir Streiche zu versetzen,
Am härtsten dem, der sid nachläßig zeiget.

Drum gut ist's, wenn ich mich mit Vorsicht rüste,
So daß, bin ich des liebsten Orts beraubet,
Mir mein Gesang die andern nicht verscherze.

Denn drunten in der Welt, der endlos bittern,
Und auf dem Berg, zu dessen schönem Gipfel
Die Augen meiner Herrin mich erhoben,

Und dann im Himmel auch, von Stern zu Sterne,
Hab' ich gelernt, was, wenn ich's wiedersage,
Gar Vielen an Geschmack wird beißend sein;

Und bin ich ein furchtsamer Freund der Wahrheit,
So fürcht' ich, nicht bei Jenen fortzuleben,
Die diese Zeit die alte nennen werden.« -

Das Licht, in dem mein Kleinod sich erfreute,
Das hier ich fand, empor flammt' es zuerst,
So wie ein Sonnenstrahl im goldnen Spiegel;

Dann sprach's zu mir: »Ein trauriges Gewissen,
Sei es ob eigner, sei's ob fremder Schande,
Wird immer deine Rede herb empfinden.

Allein trotzdem begib dich alles Hehlens,
Mach offenbar, was alles du geschaut,
Und laß den immer kratzen, wen es jucket!

Denn wär' auch widerlich beim ersten Kosten
Das, was du sagst, so wird es, wenn verdauet,
Doch lebenskräft'ge Nahrung hinterlassen.

Dem Winde gleich, der an die höchsten Gipfel
Am stärksten trifft, wird wirken dies dein Rufen;
Und dies legt nicht geringen Grund zur Ehre.

Drum wurden dir gezeigt in diesen Kreisen,
Auf jenem Berg und in dem Schmerzensthale,
Die Seelen nur, die durch den Ruf bekannt schon:

Denn nie begnügt der Geist sich am Gehörten,
Noch legt er solchem Beispiel Glauben bei,
Deß Wurzel unbekannt ist und verborgen,

Noch andrem Grund, der nicht in's Auge fällt.«


Gesang 18

Schon freute sich allein ob seines Wortes
Der sel'ge Geist dort, und ich kostete
Das mein'ge nach, mit Herbem Süßes mäß'gend.

Und jene Herrin, die zu Gott mich führte,
Sprach: »Aendre die Gedanken! denk: ich bin
Dem nahe, der jedwedes Unrecht mildert.«

Ich blickte bei dem liebevollen Laute
Nach meinem Trost; und welche Lieb' ich dorten
Im heil'gen Auge sah, verschweig' ich hier;

Nicht, weil ich meiner Rede nicht vertraute,
Nein, weil der Geist nicht kann so bald zu sich
Rückkehren, wenn ihn nicht ein Andrer leitet.

Soviel nur kann darüber ich berichten,
Daß, als ich sie anschaute, meine Liebe
Frei war von jedem anderen Verlangen,

So lang die ew'ge Lust, die graden Weges
Strahlt' auf Beatrix, aus dem schönen Antlitz
Mich durch den Widerschein zufrieden stellte:

Als, mich mit eines Lächelns Blitz besiegend,
Sie zu mir sprach: »Umwende dich und höre:
Nicht ist in meinem Blick nur Paradies.« -

Wie man hienieden wohl bisweilen sieht
Die Lieb' im Blick, wenn sie so mächtig waltet,
Daß ganz ergriffen wird davon die Seele:

So auch erkannt' ich an des heil'gen Glanzes
Aufflammen, dem ich jetzt mich zugewendet,
Den Wunsch, zu mir ein wenig noch zu sprechen.

Und er begann: »Auf dieser fünften Stufe
Des Baumes, der vom Gipfel hat sein Leben,
Stets Früchte trägt und niemals sich entblättert,

Gibt's sel'ge Geister, die, eh sie von drunten
Zum Himmel kamen, solchen Rufs genossen,
Daß reichen Stoff erböte jeder Muse.

Deshalb schau hin nun auf des Kreuzes Arme:
Der, den ich nennen werde, wird jetzt thun,
Was in der Wolke thut ihr schnelles Feuer.« -

Ich sah dem Kreuz entlängs ein Licht hinziehen,
Und: »Josua« hört' ich dann, als dies geschahe;
Und eher hört' ich nichts, bis es geschehen.

Und bei des hohen Maccabäers Namen
Sah ich ein andres kreisend sich bewegen;
Und für das Kreisen war die Freud' ihm Geißel.

So, wegen Karls des Großen, wegen Roland,
Verfolgte zwei mein aufmerksamer Blick,
So wie dem Flug des Falken folgt das Auge.

Drauf zogen Wilhelm nun und Renouard
So wie der Herzog Gottfried meine Blicke
Hin nach dem Kreuz und endlich Robert Guiscard.

Dann zu den andern Lichtern sich gesellend,
Bewies die Seele, die mit mir gesprochen,
Als Meister sich im Chor der Himmelssänger.

Ich wandte mich zur Rechten, an Beatrix,
Zu sehen, was mir nun zu thun gebühre,
Werd' es durch Wink geboten oder Worte;

Und ihre Lichter sah ich also lauter,
So anmuthsvoll, daß ihre Glanzerscheinung
Die andern und ihr letztes Selbst besiegte.

Und wie - weil immer mehr er Wonn' empfindet -
Der, so das Rechte thut, von Tag zu Tage
Gewahr wird, daß sich seine Tugend mehret:

Fand ich, daß durch mein Kreisen, mit dem Himmel
Zugleich, der Bogen schon gewachsen war,
Da ich geschmückter noch sah jenes Wunder.

Und wie in kurzem Uebergang zurückkehrt
Die Weiße in ein Fraunantlitz, sobald es
Der Bürde der Schamröthe rich entlastet:

Also erschien sie mir, da ich mich wandte,
Durch jenes sechsten, mildern Sternes Weiße,
Der aufgenommen mich in seine Sphäre.

Da sah ich nun in jener Jovis-Fackel
Das Sprühn der Liebe, die sich drin befand,
Darstellen unsre Sprache meinen Augen.

Und wie vom Ufer aufgeflogne Vögel,
Gleichsam als Glückwunsch zu der neuen Weide,
Zu langer bald, bald runder Schaar sich bilden:

So sangen fliegend heilige Geschöpfe
Dort in den Lichtern und sie stellten dar
Bald D, bald I, bald L in ihren Formen,

Erst schwebten sie nach ihres Sanges Weise;
Darauf zu einem von den Zeichen werdend,
Verweileten sie kurze Zeit und schwiegen.

O göttliche Calliope, die du
Die Geister glorreich machst und sie verewigst,
Und sie durch dich die Städte wie die Reiche:

Erleuchte mich mit dir, daß ihre Bilder
Ich so darstelle, wie ich sie empfangen;
Zeig deine Kunst in diesen kurzen Versen! -

Es bildeten nun jene fünfmal sieben
Vokal' und Consonanten, und ich merkte
Die Theile, wie sie mir gereiht erschienen.

»Diligite justitiam« war der erste
Theil jener ganzen Inschrift, Zeit- und Nennwort,
»Qui judicatis terram«, war der letzte.

Drauf in dem M des fünften Wortes waren
Geordnet sie der Art, daß Jupiter
Von Silber dort erschien, verziert mit Golde.

Drauf sah ich andre Lichter nach der Spitze
Des M sich niederlassen und dort weilen,
Das Gut besingend, glaub' ich, das sie anzieht.

Dann, wie wenn Glutbränd' auf einander stoßen,
Und unzählbare Funken aufwärts stieben,
Woraus die Thoren zu weissagen pflegen:

So schienen dorten mehr als tausend Lichter
Emporzusteigen, mehr und minder, wie sie
Die Sonn' anweiset, welche sie entzündet;

Und als in Ruh an seiner Stell' ein jedes,
Sah ich aus dem in sich verschiednen Feuer
Nun eines Adlers Kopf und Hals sich bilden.

Der, so dort oben malt, hat keinen Führer;
Er führet selbst; ja von ihm schreibt sich her
Sogar die Kraft, die auch die Nester bildet.

Die andern Sel'gen, die sich erst begnügten,
Zu bilden eine Lilienkron' um's M,
Sie fügten sacht sich dem Gespräg des Adlers.

O hold Gestirn, welch' und wie viel Juwelen
Stellten mir unsere Gerechtigkeit
Als Wirkung dar des Himmels, den du schmückest!

Drum bitt' ich jenen Geist, von dem dein Schweben
Ausgeht und deine Kraft, daß er betrachte,
Woher der Rauch, der deine Strahlen trübet;

Daß er sich wiederum einmal erzürne
Ob Kaufens und Verkaufens in dem Tempel,
Der sich auf Zeichen und auf Martern gründet.

O Himmelsheerschaar, die ich hier erblicke,
Bete für alle die, so auf der Erde
Verirrt sich haben, bösem Beispiel folgend!

Sonst pflegte mit dem Schwert man Krieg zu führen;
Doch jetzt, das Brod entziehend hier und dorten,
Das keinem noch verschloß der güt'ge Vater.

Doch du, der du nur schreibst, um auszustreichen,
Denk, Petrus so wie Paulus leben noch,
Die für den Weinberg, den du wüst legst, starben.

Du sagst mit Recht: So fest ist mein Verlangen
Auf den gestellt, der einsam leben wollte,
Und dem ein Tanz das Märtyrthum verschaffte,

Daß ich den Fischer nicht noch Paulus kenne.


Gesang 19

Vor mir erschien mit ausgespannten Flügeln
Das schöne Bild, woselbst in süßer Wonne
Die engverbundnen Seelen selig waren.

Und eine jegliche schien ein Rubin,
Worin ein Sonnenstrahl so flammend glühte,
Daß er zurück in meine Augen strahlte.

Doch was mir jetzo darzustellen bleibet,
Gab keine Zunge von sich, schrieb nie Dinte,
Noch ward's je von der Phantasie begriffen.

Ich sah und hört' auch dort den Schnabel reden
Und in der Stimm' ertönen: »Ich« und »Mein«,
Als es dem Sinne nach hieß »Wir« und »Unser«.

Und er begann: »Weil ich gerecht und fromm war,
Ward ich zu dieser Herrlichkeit erhoben,
Die sich durch Wunsch allein nicht läßt erreichen;

Und ließ von mir auf Erden solch Gedächtniß
Zurück, daß dort die bösgesinnten Menschen
Es preisen zwar, doch nicht dem Beispiel folgen.«

So wird von vielen Kohlen eine Hitze
Gefühlt nur, wie von vielen Liebesseelen
Ein einz'ger Ton nur kam aus jenem Bilde.

Drauf ich: »O ihr unwandelbaren Blüthen
Der ew'gen Wonne, die ihr nur als einen
All eure Düfte mich empfinden lasset!

O fült durch Anhauch mir die große Leere,
Die lange mich in Hunger schnachten ließ,
Da keine Speis' ich fand dort auf der Erde.

Wohl weiß ich: macht des Herrn Gerechtigkeit
Sich andre Reich' im Himmel auch zum Spiegel,
Sieht sie doch euren nicht durch einen Schleier.

Ihr wißt, wie aufmerksam bereit ich bin,
Zu hören; ja ihr kennt auch jenen Zweifel,
Der mir so lang ist ungestillt geblieben.«

Gleichwie ein Falk, nach abgezogner Kappe,
Den Kopf bewegt und mit den Flügeln flattert,
Weil er begierig sich und freudig zeiget:

Sah jenes Bild ich thun, das aus Lobpreisern
Zusammen war gewebt der ew'gen Gnade,
Mit Sängen, die nur kennt, wer droben selig.

Drauf fing es an: »Er. der den Zirkel drehte
An äußerster Weltgrenz', und innert deren
So viel Verborgnes schied und Offenbares:

Nicht konnt' er seine Kraft so voll ausprägen
Im ganzen Weltenall, daß nicht sein Wort
Noch blieb in endelosem Uebermaße.

Davon Beweis ist, daß der erste Stolze,
Der Gipfel der Geschöpfe, weil das Licht
Er nicht erwarten wollte, herben Fall that.

Draus man ersieht, daß jegliche geringre
Natur zu klein Gefäß ist für das Gut,
Das, endlos, nur sich mit sich selber mißt.

Drum kann auch unser Blick, der ganz nothwendig
Der Strahlen irgend einer ist des Geistes,
Von welchem ganz erfült sind alle Dinge,

Nicht seinem Wesen nach so mächtig sein,
Daß nicht er seinen Ursprung weit entfernter
Erscheinend sähe, als er wirklich ist.

Drum dringt der Blick, der eure Welt erfasset,
Auch in die ewige Gerechtigkeit
So tief nur ein, wie in das Meer das Auge.

Denn wenn dies auch den Grund ersieht am Ufer,
Sieht's ihn doch nicht auf hohem Meer, und dennoch
Ist er vorhanden, nur birgt ihn die Tiefe.

Es gibt kein Licht. kommt's nicht von jener Heitre,
Die nie sich trübt, vielmehr ist's Finsterniß,
Des Fleisches Schatten, oder auch sein Gift.

Genug ist nun der Schleier dir gelüftet,
Der die lebendige Gerechtigkeit
Dir barg, wornach du also häufig fragtest,

So daß du sprachst: Geboren wird ein Mensch
Am Indusstrom, und dorten spricht ihm niemand,
Noch liest, noch schreibt ihm Einer je von Christus;

Und gut ist all sein Wollen und sein Thun,
So weit die menschliche Vernunft es einsieht;
Von Sünd' ist frei sein Leben wie sein Reden.

Stirbt er nun ungetauft und ohne Glauben,
Wie kann Gerechtigkeit ihn nun verdammen?
Wo liegt denn seine Schuld, wenn er nicht glaubet? -

Wer bist du, daß du zu Gericht willst sitzen,
Um tausend Meilen weit davon zu richten
Mit dem beschränkten, spannenlangen Blicke?

Fürwahr, wer hier mit mir fortklügeln wollte,
Wenn über euch die heil'ge Schrift nicht stände,
Der würd' erstaunlich viel zu zweifeln finden.

O ird'sche Wesen, stumpfgesinnte Geister!
Der höchste Wille. der an sich nur gut ist,
Weicht nie von sich, da er das höchste Gut.

Was mit ihm übereinstimmt, ist gerecht:
Nicht kann erschaffnes Gut ihn an sich ziehen,
Er aber läßt erstrahlend es entstehen.«

Wie überm Neste ihre Kreise ziehet
Die Störchin, wenn die Jungen sie geweidet,
Und die Geweideten nach ihr emporschaun:

So that - und so erhob auch ich die Augen -
Das benedeite Bild, das seine Flügel,
Getrieben von so sel'gen Geistern, regte

Und kreisend sang und sprach: »Gerade so,
Wie meine Weisen dir sind unverständlich,
So ist's euch Sterblichen das ew'ge Urtheil.« -

Dann fuhren fort die von dem heil'gen Geiste
Entflammten Lichter mit Gesang im Zeichen,
Das in der Welt den Römern Ehrfurcht brachte.

Und es begann aufs neu: »Zu diesem Reiche
Stieg nicht empor, wer nicht an Christus glaubte,
Nicht eh, noch seit man ihn an's Kreuz geschlagen.

Doch siehe! viele rufen: Christus! Christus!
Die am Gericht ihm minder nah stehn werden,
Als mancher, welcher Christum gar nicht kannte.

Und solche Christen wird sogar der Heide
Verdammen, wenn sich die zwei Schaaren trennen,
Die eine ewig reich, die andre darbend.

Was wird der Perser dann zu sagen haben
Ob euren Kön'gen, sieht das Buch er offen,
Darin verzeichnet steht all ihre Schande?

Da wird man unter Albrecht's Thaten sehen
Auch jene, die zur Eile treibt die Feder,
Wodurch das Reich von Prag zur Wüste wird;

Da wird man sehn den Jammer an der Seine,
Den durch der Münze Fälschung der veranlaßt,
Der sterben wird von eines Ebers Stoße;

Da wird man sehn den Stolz, den Habgier stachelt,
Der so bethört den Schotten und den Briten,
Daß sie's nicht dulden will in ihren Grenzen;

Wird sehn die Ueppigkeit, das Schwelgerleben,
Von Spaniens Herrscher, so wie des von Böhmen,
Der Tugend nie gekannt hat, noch erstrebte;

Wird sehn beim Lahmen von Jerusalem
Verzeichnet seine Güte durch ein I,
Indeß ein M das Gegentheil verzeichnet;

Wird sehn die Habgier und die Feigheit dessen,
Der im Besitz der Feuerinsel ist,
Allwo sein langes Leben schloß Anchises

Um anzudeuten, wie so tief geschätzt er,
Sein Leben machen abgekürzte Lettern,
Die viel auf wenig Raum besagen werden.

Und jedem zeigen sich die schmutz'gen Thaten
Des Oheims und des Bruders, die zwei Kronen
Und solch ein trefflich Volk verschändet haben.

Und den von Portugal, den von Norwegen
Wird man erkennen dort, und den von Rascien,
Der einst verfälscht gesehn Venedigs Stempel:

O glücklich Ungarn, wenn es sich nicht länger
Mißhandeln läßt, und glückliches Navarra,
Wenn's durch den Berg sich schützt, der es umgürtet!

Und glaube jeder, daß als Angeld dessen
Schon Nicosia, so wie Famagosta
Ob ihres Viehs unwillig sich beschweren,

Das von der Andern Seite sich nicht trennet« -


Gesang 20

Wenn Jene, so die ganze Welt erleuchtet,
Herniedersteigt von unsrer Himmelshälfte,
Und nun der Tag allwärts sich still verzehret:

Erscheint der Himmel, der von ihr allein
Zuvor erhellt ward, plötzlich wieder leuchtend
Durch viele Lichter, draus nur eins erglänzet.

Und dieser Himmelswechsel kam zu Sinn mir,
Sobald der Welt und ihrer Führer Zeichen
Den benedeiten Schnabel schweigen ließ.

Denn noch weit leuchtender begannen jene
Lebend'gen Lichter alle nun Gesänge,
Entschwunden und entfallen dem Gedächtniß.

O süße Liebe, die sich hüllt in Lächeln,
Wie feurig branntest du in jenen Funken,
Die nur belebt von heiligen Gedanken!

Nachdem die theuren, leuchtenden Gesteine
Darein gefaßt das sechste Licht ich sahe,
Den Engeltönen Schweigen aufgeleget:

Glaubt' eines Flusses Murmeln ich zu hören,
Der klar herniederfällt von Fels zu Felsen,
Darin den Reichthum seiner Quelle zeigend.

Und wie der Ton der Zither an dem Halse
Gestalt gewinnt, so wie auch an der Mündung
Der Feldschalmei, woselbst eindringt der Hauch:

Dem gleich, ohn' alle Zögrung abzuwarten
Hob sich auch jener Murmelton des Adlers
Im Hals' aufwärts, als ob gehöhlt er wäre.

Er ward zur Stimm', und dann ging er hervor
Aus seinem Sdınabel in Gestalt von Worten,
Wie sie das Herz, drein ich sie schrieb, erhoffte.

»«Den Theil an mir, der in sterblichen Adlern
Sieht und erträgt die Sonne«, so begann er,
»Den mußt du festen Blickes jetzt betrachten,

Weil von den Feuern, draus ich mich gebildet,
Die, wovon mir das Aug' im Haupte funkelt,
Die Gipfel sind von allen ihren Stufen.

Der mir inmitten glänzt des Augensternes,
Er war des heil'gen Geistes Sänger, der
Von Stadt zu Stadt die Bundeslade führte.

Jetzt weiß er die Verdienste seines Sanges,
Wie weit die Wirkung seines Raths gegangen,
An der Belohnung, welche dem entspricht.

Von fünfen, die der Braue Bogen bilden,
Gab jener, der am nächsten liegt dem Schnabel,
Der armen Wittwe Trost ob ihres Sohnes.

Jetzt weiß er, wie so theuer kommt zu stehen,
Wenn man nicht Christus folgt, durch die Erfahrung
Des sel'gen Lebens hier, so wie des andern.

Und der zunächst ihm folget in dem Umkreis,
Von dem ich eben red', am obern Bogen,
Verzögerte den Tod durch wahre Buße:

Jetzt weiß er, daß der ew'ge Richterspruch
Nicht wird verwandelt, wenn auch würd'ge Bitte
Auf Erden aus dem Heut ein Morgen macht.

Der nun folgt, ward, mit mir und den Gesetzen,
In guter Absicht, doch mit schlimmen Folgen,
Zum Griechen, um dem Hirten auszuweichen:

Nun weiß er, daß das Uebel, so entsprungen
Aus seiner guten That, zwar ihm nicht schädlich,
Jedoch der Welt dann zum Verderb geworden.

Der, den du siehest an des Bogens Neigung,
War Wilhelm, dessen Tod das Land beweinet,
Das über Karls und Friedrichs Leben weint.

Jeßt weiß er, wie so sehr der Himmel liebt
Gerechten König, und in seinem Ansehn
Gibt er's durch seinen Glanz auch zu erkennen.

Wer wird auf Erden, wo man irrt, wohl glauben,
Daß der Trojaner Ripheus in dem Bogen
Das fünfte jener heil'gen Lichter wäre?

Jetzt weiß er viel von jenem, was die Welt
Nicht einzusehn vermag von Gottes Gnade,
Obschon sein Blick nicht reichet bis zum Grunde.« -

Gleichwie die Lerche, so die Luft durchkreiset,
Anfänglich singt, dann aber schweigt, befriedigt
Durch letzten Lautes Süße, die sie sättigt:

So schien's auch mir beim Abbild von der Wirkung
Des ew'gen Wonneglücks, nach dem die Sehnsucht
Jedwedes Ding zu dem macht, was es ist.

Und war in mir der Zweifel auch so deutlich,
Wie Farb' in einem Glas, das sie umkleidet,
Ließ er mir Zeit doch nicht, schweigsam zu warten;

Nein, aus dem Munde drängt' er mit der Kraft sich
Des Nachdrucks mir: »Was sind denn das für Dinge?«
Darob ich große Freud' erfunkeln sahe.

Hierauf gab mit noch mehr erglühtem Auge
Zur Antwort niir das benedeite Bild,
Um nicht im Staunen schweben mich zu lassen:

»Ich sehe, daß du diese Dinge glaubest,
Weil ich sie sag'; allein du siehst das Wie nicht,
So daß du sie zwar glaubst, doch nicht verstehest.

Du gleichest jenem, welcher zwar die Sache
Beim Namen kennt, doch ihre Wesenheit
Durchschaun nicht kann, erklärt sie nicht ein Andrer.

Das Reich der Himmel leidet Ueberwält'gung
Durch brünst'ge Lieb' und durch lebend'ge Hoffnung,
Von denen Gottes Wille wird besieget.

Nicht, wie der Mensch den Menschen überwältigt,
Vielmehr siegt er, weil er sich läßt besiegen,
Und so besiegt, siegt er durch seine Güte.

Der Braue erstes Leben und das fünfte
Erreget Staunen dir, weil du mit solchen
Geschmückt erschaust die Region der Engel.

Nidit starben, wie du glaubest, sie als Heiden,
Nein, festen Christenglaubens, dies ans künft'ge,
Und dieses ans vergangne Leiden Christi.

Denn aus der Hölle, wo zu gutem Wollen
Man nie sich wendet, kehret in's Gebein
Das eine doch, zum Lohn lebend'ger Hoffnung;

Lebend'ger Hoffnung, die die ganze Kraft
Legt' ins Gebet zu Gott, es zu erwecken,
Damit sein Will' aufs neu sich regen könne.

Die ruhmesreiche Seele, die ich nenne,
Kehrt' in das Fleisch zurück auf kurze Zeit,
Und glaubt' an Jenen, der ihr helfen konnte.

Und Glaub' entflammte sie mit solchem Feuer
Zu wahrer Liebe, daß beim zweiten Tode
Sie würdig war, zu solcher Lust zu kommen.

Die andre dann, durch Gnade, die entströmet
So tiefem Quell, daß nie noch ein Geschöpf
Mit seinem Blick die erste Well' erreichte,

Weiht' ihre Liebe drunten ganz dem Rechten;
Drum Gott ihr auch durch stufenweise Gnaden
Das Aug' erschloß für künftige Erlösung.

Weshalb sie glaubt' an dies' und von der Zeit an
Nicht mehr ertrug den Stank des Heidenthumes,
Und darum schalt auf die verkehrten Völker.

Es dienten ihr zur Taufe die drei Frauen,
Die du am rechten Rade dort erblicktest,
Vor aller Taufe mehr denn tausend Jahre.

O Gnadenwahl, wie doch so weit entfernet
Liegt deine Wurzel von dem Blicke derer,
Die nicht den Urgrund ganz und gar erschauen!

Doch ihr, o Sterbliche, enthaltet streng euch,
Zu richten! da wir selbst, die Gott doch schauen,
Die Auserwählten noch nicht alle kennen.

Und doch gewährt uns Freude solcher Mangel,
Weil unser Heil in diesem Heil sich läutert,
Daß das, was Gott will, wir auch immer wollen.« -

So ward von jenem göttlichen Gebilde,
Um hell mir den kurzsicht'gen Blick zu machen,
Mir die erquickende Arznei gegeben.

Und wie dem guten Sänger mit der Schwingung
Der Saiten folgt ein guter Zitherspieler,
Wodurch mehr Anmuth dem Gesang zu Theil wird:

So, während es noch sprach, entsinn' ich mich,
Sah ich die beiden benedeiten Lichter,
Wie beider Augen Blick zugleich erfolget,

Die Flämmchen auch bewegen mit den Worten.


Gesang 21

Schon ruhten meine Augen auf dem Antlitz
Der Herrin wieder, und mein Geist mit ihnen,
Von jedem andern Streben abgewendet;

Doch lächelte sie nicht, nein: »Lächelt' ich«,
Begann sie jetzt, »wo würde dir geschehen,
Wie Semele, da sie zu Asche wurde.

Denn meine Schönheit, die sich mit den Stufen
Des ewigen Palastes mehr entflammet,
Wie du gesehn, je höher wir gestiegen,

Hemmt' ich sie nicht, sie glänzte solchermaßen,
Daß deine ird'sche Kraft vor ihrem Glanze
Wie Laub erschiene, das der Blitz herabschlägt. -

Zum siebenten Glanzkreis sind wir erhoben,
Der unter des erglühnden Löwen Brust,
Vereint mit dessen Kraft, hinab jetzt strahlet.

Nun folge deinen Augen mit dem Geiste,
Und laß ihn Spiegel werden für das Bild,
Das dir in diesem Spiegel wird erscheinen!« -

Wer wüßte, welche Weid' ich da genoß
Mit meinen Blick in dem holdsel'gen Antlitz,
Als ich mich jetzt zu andrer Sorge wandte,

Der würd' erkennen, wie mir's wonnig war,
Der himmlischen Geleit'rin zu gehorchen,
Wägt er das eine mit dem andern ab.

In dem Krystalle, der, die Welt umkreisend,
Den Namen trägt von seinen theuren Führer,
In dessen Reich erstorben jede Bosheit,

Erblickt' ich eine Leiter, goldenfarbig,
Vom Strahl durchschienen und so aufgerichtet,
Daß ihrer Höh' mein Blick nicht folgen konnte.

Und auf den Stufen sah ich niedersteigen
So viel Lichtscheine, daß ich allen Glanz
Des Himmels auf den Stern ergossen glaubte.

Und wie sich, aus natürlicher Gewohnheit,
Die Dohlen allzumal bei Tagesanbruch,
Ihr kalt Gefieder zu erwärmen, regen,

Die einen wegziehn ohne Wiederkommen,
Rückehren andre, von woher sie kamen,
Und andre, immer kreisend, sich verweilen:

So schien es mir, daß es auch hier sich fände
In jenem Sprühen, das zugleich sich zeigte,
Sobald sich's auf bestimmter Stufe traf.

Und jener Geist, der uns zunächst sich hielt,
Ward also hell, daß bei mir selbst ich sagte:
»Wohl seh' die Lieb' ich, die du mir bezeigest:

Doch sie, von der das Wie und Wann des Redens
Und Stillseins ich erwarte, schweigt; weshalb,
Sehr gegen meinen Wunsch, ich noch nicht frage.« -

Worauf nun sie, die mein Verschweigen sahe,
Im Anschaun dessen, der da Alles schauet,
So sprach: »Eröffne nur dein heiß Verlangen!« -

Und ich begann hierauf: »Nicht mein Verdienst
Macht würdig dessen mich, daß du antwortest;
Doch jener wegen, die die Frag' erlaubt,

Woll', o du sel'ges Leben, das verborgen
Du bist in deiner Lust, bekannt mir machen
Die Ursach, die dich mir so nahe bringet!

Und sage, warum schweigt in diesem Kreise
Die süße Symphonie des Paradieses,
Die in den tiefern also fromm ertönet?« -

»Du hast der Sterblichen Gehör und Auge«,
Antwortet' er; »man singt hier deshalb nicht,
Weshalb Beatrix auch nicht hat gelächelt.

Hinab die Stufen auf der heil'gen Leiter
Stieg ich so weit, blos um dich zu erfreuen
Durch Red, und durch das Licht, das mich umkleidet;

Nicht größre Liebe gab mir größre Eile;
Denn gleich' und größre glüht von hier nach oben,
Wie dies der Flammenglanz auch offenbaret.

Doch höchste Liebe, die zu schnellen Dienern
Uns macht des Rathes, der die Welt regieret,
Theilt, wie du siehst, hier unser Amt uns zu.Beatrr -

»Ich sehe«, sprach ich, »wohl, o heil'ge Leuchte,
Wie freie Liebe hier an diesem Hofe
Genügt, der ew'gen Vorsicht zu gehorchen.

Doch das ist, was mir schwer wird, zu erkennen,
Warum allein du wurdest auserwählet
Zu diesem Amte unter den Genossen.« -

Noch war ich nicht zum letzen Wort gekommen,
Als es ein Centrum macht' aus seiner Mitte
Und, ähnlich einem Mühlstein, schnell sich drehte.

Dann sprach die Liebe, die darinnen lebte:
»Es richtet sich auf mich ein göttlich Licht,
Das hier, worein gehüllt ich bin, durchdringend,

Durd dessen Kraft, vereint mit meinem Schauen,
So sehr erhöht ich werde, daß ich schaue
Das höchste Wesen, draus es ist entsprungen.

Daher nun kommt die Freud', in der ich flamme,
Weil meinem Schauen, je nachdem es klar ist,
Ich durch der Flamme Klarheit auch entspreche.

Doch die verklärteste himmlischer Seelen,
Der Seraph, der in Gott am schärfsten blicket,
Wird deiner Frage selbst nicht gnügen können,

Da, was du fragest, der Art in den Abgrund
Des ewigen Rathschlusses ist versenket,
Daß kein erschaffner Blick es je gewahret.

Und kehrst zur Welt der Sterblichen du wieder,
Bericht's, auf daß man sich nicht mehr erdreiste,
Nach solchem Ziel die Füße zu bewegen.

Der Geist, hier Licht, ist auf der Erde Rauch;
Daraus ersieh, ob drunten er vermöge,
Was er nicht kann, vom Himmel aufgenommen!« -

Also entscheidend waren seine Worte,
Daß von der Frag' ich ließ und mich beschränkte,
Demüthig ihn zu fragen, wer er wäre.

»Aufragen Felsen zwischen zweien Ufern
Italiens, nicht fern von deiner Heimat,
So hoch, daß dort viel tiefer rollt der Donner,

Und bilden einen Höcker, Namens Catria;
Darunter lieget eine heil'ge Wildniß,
Einsamer Gottanbetung fromm geweihet.«

Also begann er seine dritte Rede;
Und dann fortfahrend sagt' er also: »Hier nun
Ergab ich mich so streng dem Dienste Gottes,

Daß ich bei Speisen, mit Olivensafte
Gewürzt nur, Frost und Hitze gern ertrug,
Zufrieden in beschaulichen Gedanken.

Dies Kloster pflegt' einst fruchtbar diesen Himmeln
Sich zu erweisen; nun ist's wüst geworden,
Und an der Zeit ist's, daß sich's offenbare.

Pier Damiano war ich an dem Orte,
Und war Petrus Peccator in dem Kloster
Der lieben Frau'n am adriat'schen Ufer.

Nur wenig blieb mir ird'schen Lebens übrig,
Als man mich wählt' und zog zu diesem Hute,
Der jetzt von Schlechtem nur zu Schlechtrem wechselt.

Es kam einst Cephas, kam das große Werkzeug
Des heil'gen Geistes, mager beid' und barfuß,
Von jeglicher Herberge Speis' annehmend.

Die neuern Hirten wollen rechts und links
Gestützt sein und geführt, da sie so schwer sind,
Und daß man ihnen nach die Schleppe trage.

Mit ihren Mänteln deden sie die Zelter,
Daß unter einem Fell zwei Bestien gehen.
O himmlische Geduld, die so viel duldet!« -

Nach diesem Worte sah ich andre Flämmchen
Hinab die Leiter steigen und dann kreisen,
Und jedes Kreisen machte sie viel schöner.

Dann stellten sie sich rings um jenes her
Und thaten einen Ruf, so starken Lautes,
Daß sich kein ird'scher kann damit vergleichen;

Doch ich vernahm ihn nicht, betäubt vom Schalle.


Gesang 22

Noch ganz betäubt vom Schrecken, wandt' ich mich
Zur Führerin, dem Kindlein gleich, das Zuflucht
Bei dem stets sucht, den es am meisten trauet.

Und wie die Mutter, die dem athemlosen,
Erbleichten Söhnlein schnell mit ihrer Stimme,
Die's zu beschwicht'gen pflegt, zu Hülfe eilet,

Sprach Jene: »Weißt du nicht, daß du im Himmel?
Weißt du nicht, daß er gänzlich heilig ist?
Und alles drin aus rechtem Eifer kommet?

Wie hätte dich - jetzt kannst du dir es denken -
Mein Lächeln erst und der Gesang verwandelt,
Da dich so sehr schon hat bestürzt dies Rufen;

Und hättest du die Bitten drin verstanden,
Dir wäre schon die Rache kund geworden,
Die du, noch eh du stirbst, erschauen wirst.

Es trifft das Schwert des Himmels nicht zu spät,
Noch auch zu früh, wie dem es wohl mag scheinen,
Der dies mit Hoffnung oder Furcht erwartet.

Doch richte deinen Blick nunmehr auf Andre;
Denn viel erlauchte Geister wirst du sehen,
Wenn du auf mein Geheiß die Blicke wendest.« -

Id wandte, wie sie mir gebot, die Augen
Und sah wohl hundert kleine Sphären, alle
Mit gegenseit'gen Strahlen sich verschönend.

Ich stand wie einer, der in sich zurückdrängt
Den Stachel des Verlangens und zu fragen
Nicht wagt, weil das Zuviel er scheuet.

Jedoch die größte und die leuchtendste
Von jenen Perlen näherte sich mir,
Wilfährig meinem Wunsche zu genügen.

Und ich vernahm aus ihr: »«Wenn du, wie ich,
Die Liebe sähest, die in uns entflammt ist,
Du hättest deine Wünsche kund gethan;

Doch, daß dich Warten nicht im Lauf verspäte
Zum hohen Ziel, will ich auf deine Frage,
Die so zurück du hältst, dir Antwort geben.

Der Berg, an dessen Abhang liegt Cassino,
Ward einst auf seinem Gipfel oft besucht
Von dem getäuschten, schlimmgesinnten Volke.

Und ich bin's, der zuerst hinauf den Namen
Von Dem getragen, so der Erde brachte
Die Wahrheit, die uns nun so sehr erhöht.

Und solche Gnade strahlt' auf mich hernieder,
Daß ich ringsum das Land zurückgeführet
Vom falschen Dienste, der die Welt verlockte.

Die andern Feuer alle waren Männer,
Sich weihend der Betrachtung, voll der Wärme,
Die heil'ge Blüthen läßt entstehn und Früchte.

Dies ist Macarius, dies ist Romualdus,
Die hier sind meine Brüder, die in Klöster
Den Fuß gebannt und stark ihr Herz behalten« -

Und ich zu ihm: »Die Liebe, die du zeigest,
Indem du mit mir sprichst, der güt'ge Blick,
Den ich bemerk' in allen euren Gluten,

Hat mein Vertrauen gleicherweis erweitert,
Wie vor der Sonne sich die Ros' entfaltet,
Wenn sie so weit sich öffnet, als sie kann.

Drum fleh' ich, Vater, dich, mich zu versichern,
Ob so viel Gnade mir zu Theil kann werden,
Daß ich dein Antlitz unverhüllt erblicke.« -

Und er drauf: »Dein erhabner Wunsch, o Bruder,
Wird in der letzten Sphäre sich erfüllen,
Wo sich all andr' erfüllen, wie auch meiner.

Dort ist vollendet, reif und ganz volständig
Jedwede Sehnsucht, weil in ihr allein
Jedweder Theil ist, wo er immer war;

Denn sie ist nicht im Raum, hat keine Pole,
Und unsre Stiege führt bis hin zu ihr,
Weshalb sie deinem Blick auch so verschwindet.

Bis dort hinauf sah ihren obern Theil
Jakob der Patriarch einst sich erstrecken,
Als sie beladen ihm mit Engeln schien.

Doch, um sie zu ersteigen, hebt jetzt Niemand
Den Fuß vom Boden auf, und meine Regel
Blieb drunten nur dem Pergament zum Schaden.

Die Mauern, die Abteien einst gewesen,
Sind Räuberhöhlen worden, und die Kutten
Sind Säcke, voll von schlechtgewordnem Mehle.

Dem Willen Gottes handelt schwerer Wucher
Nicht so zuwider, als die Frucht es thut,
Die also thöricht macht das Herz der Mönche;

Denn alles, was die Kirche wahrt, gehöret
Dem Volke, das um Gotteswillen bittet,
Verwandten nicht, noch andern Schlimmern gar.

Das Fleisch der Sterblichen ist so verführbar,
Daß drunten nicht ein guter Anfang dauert
Vom Eichelkeime bis zum Eichelntragen.

Petrus begann einst ohne Gold und Silber,
Und ich mit Betübungen und mit Fasten,
Franciscus mit Erniedrigung sein Kloster.

Und schaust du auf den Anfang eines jeden
Und überdenkst dann, wo es hingerathen,
So siehst du, wie aus Weißem Schwarzes worden.

Der Jordan hat sich, traun! rückwärts gewendet:
Ein größres Wunder war's, als Gott es wollte,
Das Meer fliehn sehn, als hier Abhülfe wäre.« -

So sprach er; drauf er sich zu den Genossen
Begab, und es vereinte sich die Schaar;
Dann hob sich alles, gleich dem Wirbelwinde.

Die süße Herrin trieb, empor die Leiter,
Durch einen bloßen Wink mich ihnen nach:
So siegt' ob meinem Wesen ihre Kraft.

Und nie hienieden, wo man auf- und absteigt,
Wie's die Natur will, gab's so schnell Bewegen,
Das meinem Fluge man vergleichen könnte.

So wahr ich, Leser, je zurück zum heil'gen
Triumphzug kehr', um den ich meine Sünden
So oft bewein' und mir die Brust zerschlage:

Nicht hättst du in so schnellem Zug den Finger
Bewegt durch's Feuer, als ich sah das Zeichen,
Das auf den Stier folgt, und als drin ich war.

O ruhmeswürd'ge Stern', o Licht, erfüllet
Mit großer Kraft, von dem, wie ich erkenne,
Herstammt, was, wie's auch sei, an Geist ich habe.

In euch ging auf, in euch ging wieder unter
Die Mutter dessen, was da lebt auf Erden,
Als ich zuerst Toscana's Luft empfand;

Und dann, als mir die Huld ward, zu betreten
Den hohen Kreis, der euch in sich umschwinget,
Ward eure Region mir zuertheilt.

Zu euch empor aufseufzet meine Seele
Voll Ehrfurcht nun, sich Kraft von dort zu holen
Zum schweren Schritte, der sie zu sich zieht.

»So nah bist du dem allerletzten Heile«,
Begann Beatrix nun, »daß deine Augen
Sich zu dem klarsten Blicke schärfen müssen.

Und drum, eh du dich mehr darein vertiefest,
Schau dort hinab und sieh, wieviel der Welt ich
Nun unter deine Füße schon gebracht!

So daß dein Herz, mit aller Kraft, sich freudig
Darstelle jenen siegesreichen Schaaren,
Die heiter diesen Aetherring durchwandeln.«

Rückwärts nun wandt' ich meinen Blick durch alle
Die sieben Sphären, und sah unsre Kugel
So, daß ich lächelt' ob des dürft'gen Ansehns.

Und dessen Urtheil halt' ich für das beste,
Der sie geringschätzt; wer an Höhres denkt,
In Wahrheit kann man den wohl trefflich nennen.

Ich sah die Tochter der Latona, leuchtend
Und baar des Schattens, der mir Grund gegeben,
Daß ich sie einst bald dicht, bald dünn mir dachte.

Den Anblick deines Sohnes, Hyperion,
Ertrug ich hier, und sah, wie sich bewegen
Um ihn, ganz nahe, Maja und Dione.

Hierauf erschien mir Jupiters gedämpfter
Glanz zwischen Sohn und Vater, draus mir klar
Erhellte das Verändern ihres Ortes.

Und alle sieben zeigten sich mir sämmtlich
In ihrer Größ', in ihrer Schnelligkeit,
Wie in dem Abstand ihrer Stellungen.

Der kleine Fleck, der uns so üppig macht,
Als mit dem ew'gen Zwillingspaar ich kreiste,
Wies sich mir ganz mit seinen Höhn und Tiefen;

Dann blickt' ich wieder auf die schönen Augen.


Gesang 23

Wie zwischen dem geliebten Laub der Vogel,
Auf seiner süßen Jungen Neste ruhend,
Die Nacht zubringt, die uns verbirgt die Dinge,

Damit er die ersehnten Blicke schaue,
Und Kost erspähe, sie damit zu äzen,
Wobei die saure Müh' ihm lieblich scheinet,

Und so der Zeit voreilt, auf offnem Zweige
Mit brennender Begier die Sonn' erwartend,
Indem des Tags Anbruch er scharf belauschet:

So stand jetzt meine Herrin aufgerichtet
Und aufmerksam gewendet nach der Gegend,
Wo minder eilig sich die Sonne zeiget,

Daß mir, der sie verlangend harren sahe,
Wie einem wurde, der in seiner Sehnsucht
Noch Andres wünscht und hoffend doch sich füget.

Doch wenig Zeit verging nur zwischen beidem,
Dem Harren, mein' ich nämlich, und dem Schauen,
Wie mehr und mehr die Sonne sich erhellte.

Da sprach Beatrix: »Siehe dort die Schaaren
Des Siegszugs Christi, und die ganze Frucht,
Geerntet von dem Kreisen dieser Sphären.« -

Mir schien entflammt zu sein ihr ganzes Antlitz,
Und ihre Augen so erfüllt von Wonne,
Daß ich's zu schildern unterlassen muß.

Wie in den heitern Vollmondnächten Trivia
Inmitten jener ew'gen Nymphen lächelt,
Die dorten alle Himmelstiefen schmücken:

So sah ich eine Sonn' ob tausenden
Von Leuchten, die sie allesammt entflammte,
Wie unsre die, so droben wir erschauen.

Und durch's lebend'ge Licht hindurch erglänzte
Die leuchtende Substanz mit solcher Klarheit
In's Antlitz mir, daß ich sie nicht ertrug.

»Beatrix, Führerin, o theure, süße!« -
Worauf sie sprach: Was so dich überwältigt,
Ist Kraft, vor der sich keine andre schützet.

Hier ist die Weisheit und die Macht, wodurch einst
Der Weg sich aufthat zwischen Erd' und Himmel,
Wornach so lang schon solche Sehnsucht war.

Wie Feuer, das hervorbricht aus der Wolke
Und so sich ausdehnt, daß der Raum ihm fehlet,
Und gegen seine Art zur Erd' es stürzet:

So trat mein Geist, der während jenes Festmahls
War stärker worden, aus sich selbst heraus,
Und kann sich des Geschehnen nicht erinnern.

»Schlag auf den Blick und schau, wie jetzt ich bin!
Du sahest solche Dinge, daß du fähig
Geworden bist, mein Lächeln zu ertragen.« -

Ich war wie der, dem ein Gesicht entschwunden,
Der wieder zu sich kommt und sich vergebens
Bemüht, es vor den Sinn zurückzubringen:

Als nun mein Ohr vernahm dies Anerbieten,
So werth des Danks, daß er niemals erlischt
Im Buche, drin Geschehnes wird verzeichnet.

Ertönten jetzt auch alle jene Zungen,
Die Polyhymnia und ihre Schwestern
Mit ihrer süßten Milch am meisten nährten,

Mir beizustehn: ein Tausendtheil des Wahren
Erreicht' ich nicht, das heil'ge Lächeln feiernd,
Und wie das heil'ge Antlitz es verklärte.

Und so muß auch, das Paradies besingend,
Das heil'ge Lied bisweilen Sprünge machen,
Wie wer den Pfad sich abgeschnitten findet.

Doch wer des Gegenstands Gewicht bedächte,
Und wie die Schulter sterblich, drauf es lastet,
Der schölte nicht sie, wenn sie drunter bebte.

Das ist kein Pfad für kleine, leichte Nachen,
Den der verwegne Kiel durchfurcht, noch auch
Für einen Fährmann, der sich selber schonet.

»Warum entzückt dich so mein Angesicht,
Daß du dich nicht zum schönen Garten wendest,
Der unter Christi Strahlen Blüthen treibt?

Dort ist die Ros', in der das Wort des Höchsten
Fleisch ward, und dort sind auch die Lilien,
Durch deren Duft den rechten Weg man findet.« -

Also Beatrix. Ich, der ganz bereit
Für ihren Rath war, wagte mich noch einmal
In diesen Kampf mit meinen schwachen Blicken.

Wie meine Augen einst, bedeckt von Schatten,
Im Sonnenstrahl, der klar durch eine Spalte
Der Wolken schien, sahn eine Blumenwiese:

So sah ich hier viel Schaaren auch von Lichtern,
Von glühnden Strahlen angeflammt von oben,
Doch konnt' ich nicht des Glanzes Quell entdecken.

O güt'ge Kraft, die du sie also prägtest!
Du hobest dich empor, um meinen Augen,
Die allzu schwach noch waren, Raum zu geben.

Der schönen Blume Namen, den ich immer
Anrufe früh und spät, bewog mich dringend,
Den Geist zu richten auf der Feuer größtes.

Und als in beiden Augen mir sich zeigte
Die Art und Größe des lebend'gen Sternes,
Der oben siegt, wie er hier unten siegte:

Ließ eine Flamme sich im Himmel nieder,
Nach Kronenart zu einem Reif gewunden,
Der ihn umzirkt' und um ihn her sich drehte.

Die süßeste der Weisen hier auf Erden
Und die die Seel' am meisten zu sich lockt,
Wär' wie das Donnern der zerrißnen Wolke,

Verglichen mit dem Tönen jener Leier,
Womit der schöne Sapphir war gekrönet,
Durch den des Himmels Blau am reinsten strahlet.

»Die Engelsliebe bin ich, die umkreiset
Die hohe Wonne, die dem Leib entwehet,
Der einst die Herberg' unsrer Sehnsucht war;

Und kreisen werd' ich, Himmelskönigin,
So lang dem Sohn du folgst und göttlicher
Die höchste Sphäre machst, weil du dort eingehst.« -

So endigte nun die im Kreis gesungne
Tonweise sich, und all die andern Lichter,
Maria's Namen ließen sie ertönen.

Der königliche Mantel aller Sphären
Der Welt, der mehr erglänzt und sich belebet
Vom Anhauch Gottes und von seinem Wirken,

War über uns mit seinem innern Rande
So weit entfernt, daß seine Glanzerscheinung
Sich dorten, wo ich war, noch nicht mir zeigte.

Drum hatten meine Augen nicht die Kraft,
Der Flamme, der gekrönten, nachzufolgen,
Die sich erhob in ihres Sohnes Nähe.

Und wie das Kindlein, das nach seiner Mutter
Die Arme streckt, wann es die Milch empfangen:
So dehnte, durch den Geist, der sich nach außen

Entflammt, der Lichter jedes so empor sich
Mit seiner Spitze, daß die hohe Liebe,
Die sie Maria weihten, kund mir wurde.

Dann weilten sie daselbst vor meinem Blicke,
So süßen Tons: »Regina Coeli« singend,
Daß ich die Wonne nie vergessen werde.

Wie groß ist doch der aufbewahrte Vorrath
In jenen übervollen Speichern, welche
Zum Sä'n hier unten gute Pflüger waren!

Hier lebt man und genießt von jenem Schatze,
Den weinend man erwarb in der Verbannung
Von Babylon, wo man das Gold zurückließ.

Hier unter dem erhabnen Sohne Gottes
Und der Maria, triumphiret siegreich,
So mit dem alten wie dem neuen Bunde,

Er, der da hält die Schlüssel solcher Glorie.


Gesang 24

»O Tischgenossenschaft, zum großen Mahle
Des benedeiten Lamms erwählt, das euch
So speist, daß eure Sehnsucht stets gestillt wird:

Wenn durch die Gnade Gottes dieser kostet
Voraus von dem, was von dem Tisch euch fällt,
Bevor der Tod sein Ziel ihm vorgeschrieben,

So denkt an seine übergroße Sehnsucht!
Bethaut ein wenig ihn, ihr, die ihr trinket
Stets von dem Quell, draus quillt, woran er denkt.« -

Also Beatrix, und die freud'gen Seelen,
Gleich Sphären, schwangen sich um feste Pole,
Gewaltig flammend nach Kometenweise.

Und wie sich Räder in der Uhren Innern
So drehn, daß dem Betrachtenden das erste
Zu ruhen scheint, das letzte stark zu eilen:

So ließen jene Ringeltänze, die sich
Verschiedentlich bewegten, schnell und langsam,
Mich auf die innre Freudenfülle schließen.

Aus dem, den als den schönsten ich erkannte,
Sah ich ein Feuer treten, so glückselig,
Daß keins von größrer Helle dort zurückblieb.

Und dreimal tanzt' es um Beatrix her
Mit solchem göttlichen Gesang, daß diesen
Die Phantasie mir nicht kann wieder sagen.

Weshalb mein Kiel die Schildrung übergehet,
Da unsre Einbildung für also Zartes
Zu grell an Farb' ist, wie vielmehr die Sprache.

»O heil'ge Schwester mein, die du so innig
Uns anflehst, deiner heißen Liebe willen
Mach' ich mich los von jener schönen Sphäre.« -

Nachdem das heil'ge Feuer angehalten,
Wandt' es nach meiner Herrin hin den Hauch,
Der also sprach, wie ich berichtet habe.

Und sie: »O ew'ges Licht des großen Mannes,
Dem unser Herr die Schlüssel ließ, die jener
Hinabgebracht, zu dieser Freuden Wunder!

Prüf' über schwer' und leichte Punkte diesen,
Wie dir's gefällt, in Rücksicht jenes Glaubens,
Durch dessen Kraft du über's Meer geschritten.

Ob recht er liebt, recht hofft und glaubt; verborgen
Bleibt dir es nicht, weil dahin du dein Auge
Gerichtet hältst, wo Alles zu erschaun ist.

Doch weil dies Reich hier Bürger hat geschaffen
Durch den wahrhaften Glauben, ist es gut,
Daß ihm du nahst, zu dessen Preis zu sprechen.« -

Wie sich der Baccalaur stillschweigend rüstet
Bis ihm der Meister vorlegt seine Frage,
Sie zu beweisen, nicht sie zu entscheiden:

So rüstet' ich mich auch mit allen Gründen,
Indem sie sprach, um dann bereit zu sein
Für solchen Frager und für solch Bekenntniß.

»Nun sage, guter Christ, erklär' dich offen:
Was ist der Glaube?« - Drauf die Stirn ich hob
Zu jenem Licht, aus dem mich dies anwehte.

Dann wandt' ich zu Beatrix mich, und diese
Gab schnell mir einen Wink, daß ich die Wasser
Der innern Quell' aus mir entsprudeln ließe.

»Die Gnade, die es mir vergönnt, zu beichten«,
Begann ich nun, »so hohem Glaubensheldenm
Verleih mir, auszudrücken, was ich denke.«

Und fuhr dann fort: »Wie der wahrhafte Griffel
Uns schrieb, o Vater, deines theuren Bruders,
Der Rom mit dir auf gute Wege brachte:

Glaub' ist der Stoff von dem, was wir erhoffen.
Und der Beweis von dem, was wir nicht sehen;
Das scheint mir seine Wesenheit zu sein.« -

Darauf vernahm ich: »Richstig denkest du,
Wenn du begreifst, weshalb er zu den Stoffen,
Zu den Beweisesgründen dann ihn zählte.« -

Und ich hierauf zu ihm: »Die tiefen Dinge,
Die ihren Anblick mir hieselbst gestatten,
Sind drunten unsern Augen so verborgen,

Daß ihr Bestehn allein im Glauben liegt,
Auf den sich die erhabne Hoffnung gründet;
Drum hat er auch vom Stoffe die Bezeichnung.

Von diesem Glauben müssen wir alsdann
Ohn' alles weitre Sehen Sdílüsse machen,
Drum wird er als Beweisesgrund bezeichnet.« -

Drauf hört' ich: »Würd' auf Erden so verstanden,
Was dort man durch Gelehrsamkeit erlangt,
So fände des Sophisten Witz nicht statt.« -

So athmet' es aus jener Liebesflamme,
Und fuhr dann fort: »Sehr wohl hat sich bewähret
Nach Mischung und Gewicht nun diese Münze.

Doch sage mir, hast du sie auch im Beutel?« -
Und ich: »So glänzend hab' ich sie und rund,
Daß nichts mir ist undeutlich im Gepräge.« -

Hierauf tönt' aus dem Innern jenes Lichtes,
Das dort erglänzte: »Dieses theure Kleinod,
Auf welches sich jedwede Tugend gründet,

Woher kam dir's?« - Und ich: »Die Regenflut
Des heil'gen Geistes, welche sich ergossen
Hat auf die alten und die neuen Blätter,

Das ist der Urtheilsschluß, der mir so scharf
Es hat gefolgert, daß ein jeglicher Beweis
Mir gegen jenen gänzlich stumpf erscheinet.« -

Dann hört' ich noch: »Die alte und die neue
Vorausschickung, die so dich überzeugte,
Warum hältst du sie für den Ausspruch Gottes?« -

Ich: »Der Beweis, der mir das Wahr' erschließt,
Die Werke sind's, zu denen die Natur
Niemals das Eisen glüht' und schlug den Amboß.« -

Die Antwort war: »Sprich, wer versichert dich,
Daß diese Werk' erfolget? Grade das ist's,
Was man beweisen muß; niemand beschwört dir's.« -

»Wenn sich die Welt zum Christenthume wandte
Ohn' alles Wunder«, sprach ich, »ist dies eine
So groß, daß kaum das Hunderttheil die andern;

Denn arm und ungespeist hast du betreten
Das Ackerfeld, zu sä'n die gute Pflanze,
Die, Weinstock einst, nun ist zum Dorn geworden.« -

Hierauf nun sang der hohe, heil'ge Hof
Ein: »Gott dich loben!« wir hin durch die Sphären,
In Weisen, wie man sie dort oben singet.

Und jener Himmelspair, der so mich, prüfend,
Von Zweig zu Zweig emporgezogen hatte,
Daß wir uns näherten den leşten Blättern,

Begann: »Die Gnade, die Gefallen findet
An deinem Sinn, sie öffnete den Mund
Bis hierher dir, wie man ihn öffnen sollte;

So daß ich bill'ge, was du vorgebracht;
Doch was du glaubst, das sollst du jetzt bekunden,
Und auch, woher es deinem Glauben kam.« -

»O sel'ger Geist und Vater, der du schauest,
Was so du glaubtest, daß, zum Grab hineilend,
Du jugendlich're Füße hast besiegt«,

Begann ich jetzt, »du willst, daß ich das Wesen
Von meinem will'gen Glauben hier bekenne,
Und auch den Grund willst du, drauf er sich stützet.

So höre denn: Ich glaub' an einen ein'gen
Und ew'gen Gott, der, selber unbeweget,
Durch Lieb' und Sehnsucht regt den ganzen Himmel;

Und nicht blos physische Beweise hab' ich
Und metaphysische dafür, mir gibt es
Die Wahrheit auch, die sich von hier ergossen

Durch Moses, die Propheten und die Psalmen,
Durch's Evangelium, und durch euch, als ihr,
Vom glühnden Geist göttlich durchdrungen, schriebet.

Ich glaub' an drei urewige Personen,
Und glaube sie ein Wesen und doch dreifach,
So daß zugleich sie »Sind« und »Ist« gestatten.

Von diesem abgrundtiefen Gotteswesen,
Das ich erwähne, gibt oft meinem Geiste
Des Evangeliums Lehre das Gepräge.

Dies ist der Ursprung, dieses ist der Funke,
Der dann sich zur lebhaftern Flamm' erweitert
Und, wie ein Stern am Himmel, in mir funkelt.« -

Gleichwie ein Herr, der hört, was ihm gefällt,
Den Diener drauf umarmt, wenn dieser schweiget,
Indem er zu der Neuigkeit sich glückwünscht:

In gleicher Weis' umfing zudreien Malen
Mich segnend mit Gesang, sobald ich schwieg,
Das apostol'sche Licht, auf deß Geheiß ich

Gesprochen hatt': so freut' es meine Rede. -


Gesang 25

Sollt' es geschehen, daß die heil'ge Dichtung,
Bei der mir Erd' und Himmel beigestanden,
So daß durch viele Jahr' ich mager worden,

Die Grausamkeit besiegte, die mich ausschließt
Vom schönen Stall, drin ich als Lamm geschlafen,
Den Wölfen feindlich, die ihn noch umlagern:

Mit andrer Stimme dann, mit andrem Haupthaar
Kehrt' ich als Dichter wieder und empfinge
Den Ehrenkranz am Quelle meiner Taufe;

Denn dort trat in den Glauben ich, der Gott
Vertraut die Seelen machet, und weswegen
Dann Petrus also mir die Stirn umkreiste.

Hierauf naht' uns ein Licht aus jener Schaar,
Aus welcher der hervortrat, den einst Christus
Zurückließ als der Stellvertreter Ersten.

Und meine Herrin, voll von heitrer Freude,
Sprach nun zu mir: »«Sieh, siehe dort den Großen,
Um den man drunten pilgert nach Galizien.« -

Gleichwie wenn eine Taube dem Gefährten
Sich zugesellt, und eins dem andern girrend
Und es umkreisend Liebesgunst bezeiget:

So sah ich auch die beiden ruhmesreichen
Erhabnen Fürsten sich begrüßen, preisend
Die Speise, die dort oben man genießet.

Als aber die Begrüßung war beendigt,
Da traten beide schweigend vor mich hin,
So flammend, daß mein Blick geblendet wurde.

Und lächelnd ließ Beatrix sich vernehmen:
»Erhabner Geist, durch den die reichen Freuden
Von unsrer Kirche dargestellt sind worden,

Sprich von der Hoffnung hier in diesen Höhen;
Du kennst sie, denn du stellst so oft sie dar,
Als Jesus vor den Dreien sich verkläret.« -

»Erhebe denn dein Haupt und sei versichert,
Daß, was heraufkommt von der Erdenwelt,
An unsern Strahlen Reife muß erlangen.« -

Es kam mir dieser Trost vom zweiten Feuer;
Drum hob ich zu den »Bergen« auf die Blicke,
Vor deren großer Last sie erst sich senkten.

»Da unser Kaiser es aus Gnaden will,
Daß, vor dem Tod, im innersten der Höfe,
Du Aug' in Aug' erblickest nah die Fürsten,

Auf daß, sahst du das Wahre dieses Hofes,
Die Hoffnung, die zur Lieb' auf Erden reizet,
Dadurch in dir und Andern Kraft gewinne:

Drum sage, was sie ist, wie deiner Seele
Zum Schmuck sie dient, woher sie dir gekommen?« -
So fuhr das zweite Licht zu sprechen fort.

Und jene Heil'ge, die mir das Gefieder
Der Schwingen zu so hohem Fluge lenkte,
Kam meiner Antwort solcher Art zuvor:

»Die Kirche, welche kämpft, hat keinen Sohn
Von größrer Hoffnung, also zeigt's geschrieben
Die Sonne, die all unser Heer bestrahlet.

Drum ist erlaubt ihm, daß er aus Aegypten
Zum Anschaun komme nach Jerusalem,
Bevor des Kampfes End' ihm vorgeschrieben.

Die andern beiden Fragen, die du thatest,
Nicht wissenshalber, nein, daß er berichte,
Wie lieb dir diese Tugend, überlass' ich

Ihm selber, denn sie werden ihm nicht schwer sein,
Noch ihn ruhmredig machen; Antwort geb' er
Darauf, und Gottes Gnade steh' ihm bei.«

Gleich einem Schüler, der dem Lehrer folget,
Bereit und schnell in dem, was er gelernt hat,
Damit er seine Tüchtigkeit bekunde,

Sprach ich: »Hoffnung ist ein gewiß Erwarten
Zukünft'ger Herrlichkeit, die Gottes Gnade
So wie das frühere Verdienst erzeugen.

Von vielen Sternen kommt mir dieses Licht;
Doch Jener flößt' es mir zuerst in's Herz,
Der höchster Sänger war des höchsten Führers.

Es hoffen, singet er in seinen Psalmen,
Auf dich all' die, so deinen Namen wissen,
Und wer ihn nicht weiß, hat der meinen Glauben?

Du hast mich dann in deinem Brief bethauet
Mit seinen Tropfen, daß davon ich voll bin
Und euren Regen nun ergieß auf Andre.« -

Indeß ich sprach, erzittert' ein Geleucht'
In dem lebend'gen Innern jener Fackel
Plötzlich, durchdringend, nach des Blitzes Weise.

Drauf haucht' es so: »Die Liebe, die mich jetzt noch
Durchglühet für die Tugend, die mir folgte
Bis zu der Palm' und zum Ausgang des Kampfes,

Will, daß ich dir von ihr, der du dich freuest,
Nochmals vorathm', und gern vernehm' ich, sprichst du
Von dem mir, was die Hoffnung dir verheißet.« -

Und ich: »Die alten und die neuen Schriften
Bezeichnen mir das Ziel - und selbst zeigt mir sich's -
Der Seelen, die sich Gott zu Freunden machte.

Jesaias sagt, daß jed' in seiner Stadt
Mit doppeltem Gewand wird sein bekleidet,
Und seine Stadt ist dieses sel'ge Leben.

Doch weit geläuterter noch hat dein Bruder
Dort, wo er von den weißen Kleidern handelt,
Uns diese Offenbarung kund gethan.« -

Und vorher, eh die Wort' ich noch geendigt,
Ließ über uns »Sperent in te« sich hören,
Worauf die Reigen alle Antwort gaben.

Aufflammt' ein solches Licht dann unter ihnen,
Daß, wär' der Himmelskrebs solch ein Krystall,
So wär' ein Wintermond ein einz'ger Tag.

Und wie sich eine Jungfrau froh erhebet
Und geht und in den Reigen tritt, zu Ehren
Der Braut allein, nicht weil sie eitel:

So sah ich das verklärte Licht sich nahen
Den Beiden. welche sich im Kreise drehten,
Wie es zu ihrer glühnden Inbrunst paßte;

Und einstimmt's in das Lied und in die Weise.
Und meine Herrin sah fest auf sie hin,
Ganz einer Braut gleich, unbewegt und schweigend.

»Das ist der, welcher unserm Pelikane
Gelegen an der Brust, und dieser wurde
Vom Kreuz herab zu großer Pflicht erlesen.« -

So sprach die Herrin; doch deshalb nicht wandte
Den Blick sie ab vom aufmerksamen Schauen
Bei ihren Worten, nicht vorher noch nachher.

Gleich jenem, welcher späht und meint zu sehen,
Daß sich die Sonn' ein weniges verdunkle,
Weil durch das Sehn er macht, daß nicht er siehet:

So that auch ich bei jenem letzten Feuer,
Bis mir gesagt ward: »Warum blendst du dich,
Etwas zu sehen, was nicht statt hier findet?

Erd' ist mein Leib auf Erden und wird's bleiben
Sammt allen andern, bis daß unsre Zahl
Mit dem urewigen Beschlusse stimmet.

Mit den Gewanden sind im sel'gen Kloster
Nur die zwei Lichter, die emporgestiegen;
Und dies sollst du in eurer Welt verkünden.« -

Auf dieses Wort kam jenes Flammenkreisen
Zur Ruh, zusammt der süßen Harmonie,
Die aus dem Ton dreifachen Hauchs entstanden,

Wie, um Beschwerden oder Fahr zu meiden,
Die erst in's Wasser eingeschlagnen Ruder
Auf einer Pfeife Tönen alle ruhn.

Wie wurd' ich, ach! im Innersten erschüttert,
Als ich, Beatrix anzuschaun, mich wandte,
Da ich nicht sehn sie konnt', obgleich ich nahe

Mich ihr befand und in der Welt der Sel'gen!


Gesang 26

Als ich noch bangt' ob meines Blicks Erlöschen,
Ging aus dem Flanımenglanz, der ihn geblendet,
Ein Hauch hervor, der mich aufmerksam machte;

Der sprach: »«Bis zum Gebrauche des Gesichtes
Du wieder kommst, das dir an mir erloschen,
Ist's billig, daß ich sprechend dir's vergüte.

Beginne denn und sprich, worauf dein Geist
Gerichtet ist, und überzeuge dich,
Dein Blick sei nur geblendet, nicht erstorben.

Denn die durch diese göttlichen Gefilde
Dich leitet, deine Herrin, hat im Blicke
Die Kraft, die Ananias' Hand besaß.«

Ich sprach: »Wie's ihr beliebt, früh oder spät,
Sei'n heil die Augen, jene Thor', in welche
Sie einzog mit der Glut, die stets mich senget.

Das Gut, das diesen Hof zufriedenstellet,
Ist A und O der Schriften, die mich hier
Mehr oder minder stark die Liebe lehren.« -

Dieselbe Stimme, die vorhin die Furcht
Des plößlichen Erblindens mir benommen,
Bewog mich zu dem Streben, fortzusprechen,

Und sagte: »Wahrlich, durch ein enger Sieb
Mußt du es klären; sagen mußt du, wer
Den Bogen dir nach solchem Ziel gerichtet.« -

Und ich: »Durch philosoph'sche Gründe mußte,
Wie durch Auctorität, die uns von hier kommt,
Sich wohl einprägen in mir solche Liebe.

Denn Gutes, in wie weit's als gut erkannt wird,
Entzündet Liebe so, und um so größre,
Jemehr an Trefflichkeit es in sich faßt.

Drum muß zum Wesen, wo's so sehr hervorragt,
Daß jedes Gut, das außer ihm sich findet,
Nichts andres als ein Strahl ist seines Lichtes,

Mehr als nach andern hin voll Liebe streben
Der Geist von jedem, der erkennt die Wahrheit,
Auf welche solcherlei Beweis sich gründet.

Und solche Wahrheit deckt vor dem Verstande
Mir Der auf, der die höchste Liebe mir
Von allen Wesen zeigt, die unvergänglich.

Kund gibt sie mir des wahren Autors Stimme,
Der, von sich selber sprechend, Mosen sagte:
All meine Macht will ich dich sehen lassen.

Du selbst auch zeigst sie mir, wo du die hohe
Verkünd'gung des Geheimnisses beginnest
Von hier, die all' auf Erden übertrifft.« -

Und ich vernahm: »Nach menschlichem Verstande
Und höhrem Wort, das damit übereinstimmt,
Bewahr' also Gott deine höchste Liebe.

Doch sage, fühlest du noch andre Seile
Dich zu ihm ziehn, damit du alle Stacheln
Kund thust, womit dich diese Liebe reizet?« -

Nicht blieb verborgen mir die heil'ge Absicht
Des Adlers Christi, nein, vielmehr erkannt' ich,
Wohin er mein Bekenntniß leiten wollte.

Deshalb begann ich wieder: »«All die Stacheln,
Die unser Herz zu Gott hintreiben können,
In meiner Liebe treffen sie zusammen;

Denn das Dasein der Welt, so wie das meine,
Der Tod, den er, damit ich leb', erlitten,
Wie das, was jeder Gläub'ge hofft gleich mir,

Nebst der lebend'gen, vorerwähnten Kenntniß,
Entrissen mich dem Meer der falschen Liebe
Und setzten an das Ufer mich der wahren.

Das Laub, wovon der ganze Garten grünet
Des ew'gen Gärtners, lieb' ich in dem Maße,
Als dieser Gutes ihm verliehen hat.« -

Sobald ich schwieg, ertönt' ein göttlich süßer
Gesang hin durch den Himmel, und die Herrin
Sang mit den andern: »Heilig, heilig, heilig!«

Und wie man wird erweckt von grellem Lichte
Durch unsrer Sehkraft Geist, der wiederkehret
Beim Glanze, der von Haut zu Haut eindringet,

Und der Erwachte sich vor'm Sehen scheuet,
So unbewußt ist ihm sein schnell Erwachen,
Bis ihm die Urtheilskraft zu Hülfe kommet:

So nahm Beatrix all unreines Wesen
Mir von den Augen mit dem Strahl der ihren,
Der mehr als tausend Meilen weit erglänzte;

Worauf ich besser dann als vorher sahe,
Und fast bestürzt ob eines vierten Lichtes
Mir Kund' erbat, das ich bei uns erblickte.

Und meine Herrin: »Innert dieser Strahlen
Freut ihres Schöpfers sich die erste Seele,
Die jemals jene höchste Kraft erschaffen.« -

Dem Blatte gleich, das beim Vorüberrauschen
Des Winds die Spitze neigt und dann sich hebet
Durch eigne Kraft, die wieder auf ihn richtet:

So that auch ich, von Staunen ganz ergriffen,
Indeß sie sprach, und dann ermannt' ich mich,
Ein brennendes Verlangen auszudrücken,

Und ich begann: »O Frucht, die, ganz gezeitigt,
Allein erzeugt du warest, erster Vater,
Dem jede Gattin Tochter oder Schnur ist!

In tiefster Ehrfurcht fleh' ich, daß du mir
Dein Wort vergönnst; du siehest mein Verlangen,
Und, dich nur bald zu hören, sag' ich's nicht.« -

Oft regt ein Thier sich unter einer Decke
So heftig, daß sein innrer Trieb hindurchscheint,
Weil die Umhüllung der Bewegung folget:

So ließ die erste Seele gleichermaßen
Durch die Umhüllung durch mich auch erkennen,
Wie freudiglich sie mir willfahren wollte.

Drauf hauchte sie: »Sagst du den Wunsch auch nicht,
Erkenn' ich besser ihn, als du erkennest
Was irgend am gewissesten dir sein mag,

Weil ich in den wahrhaften Spiegel schaue,
Der alle Dinge macht zu seinem Abbild,
Doch keines macht zum Abbild ihn von sich.

Du hörtest gern, wie lang es ist, daß Gott
Mich in den hohen Garten setzt', allwo dich
Zu langem Steigen Jene vorbereitet;

Wie lang er meiner Augen Lust gewesen,
So wie den wahren Grund des großen Zornes,
Und welche Sprach' ich bildete und brauchte.

Nun sieh, mein Sohn, an sich war nicht das Kosten
Des Baums die Ursach zu so langen Banne,
Vielmehr nur, weil ich übertrat die Schranken.

Wo deine Herrin den Virgil berufen,
Sehnt' ich viertausend und dreihundert Sonnen
Und zweie mich nach der Versammlung hier.

Und sah die Sonne hin durd alle Lichter
Auf ihrem Pfad neunhundert dreißig Male
Sich wenden, als ich dort auf Erden war.

Die Sprache, die ich sprach, war ganz erloschen,
Eh auf das nie zu endende Gebäu
Des Nimrod Volk sein Augenmerk gerichtet;

Denn keine Wirkung des Verstandes war,
Da sich des Menschen Neigung mit dem Umschwung
Des Himmels ändert, je von langer Dauer.

Werk der Natur ist's, daß die Menschen sprechen;
Jedoch ob so, ob so, das überläßt
Euch die Natur dann, wie es euch beliebet.

Eh ich hinabstieg zu der Hölle Qualen,
Hieß auf der Erden El das höchste Gut,
Von dem die Freude kommt, die mich umhüllet;

Dann nannte man's Eli, und so geziemt sich's,
Weil Redebrauch bei Sterblichen dem Laub
Am Zweige gleicht, das welkt und andres kommt.

Am Berg, der aus der Wog' am meisten raget,
War ich, mit reinem und beflecktem Leben,
Von sechster Stunde Morgens, sieben Stunden,

Bis wann die Sonne den Quadranten wechselt.


Gesang 27

Dem Vater und dem Sohn und heil'gen Geiste
Sang: Gloria! das ganze Paradies,
So daß der süße Klang berauscht mich machte.

Das, was ich sah, erschien mir wie ein Lächeln
Des Weltenalls, weil meine Trunkenheit
In mich einströnte durch Gehör und Auge.

O Freud', o unaussprechlich hohe Wonne,
O volles Sein des Friedens und der Liebe,
O sichrer Reichthum, ledig jedes Wunsches!

Vor meinen Augen standen die vier Fadeln
In hellem Glanz, und die zuerst gekommne
Begann hierauf lebhafter zu erstrahlen,

Und ändert' ihr Aussehen solchermaßen,
Als tauschten Jupiter und Mars, wenn diese
Zu Vögeln worden wären, ihr Gefieder.

Die Vorsehung, die hier im sel'gen Chore
Das Amt wie dessen Wechselzeit vertheilet,
Hatt' überall Stillschweigen auferleget,

Als ich vernahm: »Wenn ich mich jetzt verfärbe,
So wundere dich nicht, denn du wirst sehen,
Wie, was ich sag', all diese wird verfärben.

Der sich auf Erden meinen Sitz anmaßet,
Ja meinen Sitz, ja meinen Sitz, der ledig
Steht vor dem Angesicht des Sohnes Gottes,

Hat meine Grabstatt zur Kloak' entwürdigt
Voll Bluts und Stanks, darob sich der Verworfne,
Der hier hinabgestürzt ward, freun mag drunten.« -

Von jener Farb', in der früh oder abends
Sich eine Wolk' im Widerschein der Sonne
Darstellt, sah ich bedeckt den ganzen Himmel.

Und wie ein züchtig Weib, das sicher einhält
Der Tugend Pfad, hört sie von einer Andern
Fehltritten nur, ob dieser schon erbanget:

So wandelte Beatrix auch ihr Ansehn;
Und so verdunkelte sich auch der Himmel,
Glaub' ich, als einst die höchste Macht gelitten.

Dann fuhr der Geist in seiner Rede fort
Mit einer Stimm', also in sich verändert,
Daß stärker nicht sein Aussehn sich verwandelt:

»Es wurde Christi Braut nicht auferzogen
Durch mein und Linus' Blut und das des Cletus,
Daß zum Erwerben schnöden Gelds sie diene;

Nein, um das sel'ge Leben zu erwerben,
Vergossen Sixtus, Pius und Calixtus
Und Urban unter großer Klag' ihr Blut.

Nicht war es unsre Absicht, daß zur Rechten
Von denen, die uns folgen, säß' ein Theil
Der Christen, und der andere zur Linken;

Noch, daß auch die mir übergebnen Schlüssel
Zum Zeichen dienen sollten auf der Fahne,
Die gegen die Getauften zög' in's Feld;

Noch, daß mein Bild als Siegel man gebrauche
Für Freiheitsbriefe, käufliche, voll Lügen,
Darob ich oft erröth' und Funken sprühe.

In Hirtenkleidern siehet man dort unten
Raubgier'ge Wölf' auf allen Weideplätzen.
O Rache Gottes, warum zögerst du?

Anschicken Basken sich und Caorsiner,
Zu trinken unser Blut: o guter Anfang,
Zu welchem schnöden Ende mußt du sinken!

Allein die hohe Vorsicht, die durch Scipio
Den Ruhm der Welt für Rom vertheidigt hatte,
Wird, meiner Meinung nach, bald Hülfe schaffen.

Und du, Sohn, der du ob der ird'schen Bürde
Hinab noch kehren wirst, thu' auf den Mund,
Und nichts verbirg, was ich dir nicht verberge.« -

So wie es von gefrornen Dünsten schneiet
In unsre untre Luft, wenn sich berühret
Das Horn der Himmelsziege mit der Sonne:

So sah den Aether ich nach oben, sich
Verschönend, schneien von siegtrunknen Dünsten,
Die ihren Aufenthalt mit uns hier hatten.

Mein Auge folgte ihrer Lichterscheinung,
Und folgte, bis des Zwischenraums Entfernung
Das weitre Vorwärtsdringen ihm benommen.

Weshalb die Herrin, die befreit mich sahe
Vom starren Schaun nach oben, sagte: »Senke
Den Blick und sieh, wie du dich hast gewendet.« -

Seit damals, wo zuerst ich rückgeschaut,
Fand ich entfernt mich um den ganzen Bogen,
Der Mitt' und End' umfaßt des ersten Klima's.

So daß Ulysses' thör'ge Furt ich sahe
Jenseits bei Gades, diesseits nah das Ufer,
An dem Europa ward zur süßen Bürde.

Und mehr hätt' ich erforscht des Fleckchens Lage,
Wär' unter meinen Füßen nicht die Sonne
Um mehr noch als ein Zeichen fortgerückt.

Mein lieberfüllter Sinn, der Lust nur immer
Fand an der Herrin, wagte mehr als jemals,
Zu ihr die Augen wieder zu erheben.

Und wenn Natur und Kunst Lockspeise bieten,
Um durch die Augen das Gemüth zu fesseln,
In Fleischesformen oder deren Bildniß:

All dieses wär' als nichts erschienen gegen
Die Himmelswonne, die zurück mir strahlte,
Als ich zum Lächeln ihres Blicks mich wandte.

Die Kraft nun, welche mir der Blick ertheilte,
Vom schönen Nest der Leda riß sie los mich
Und trieb mich fort zum allerschnellsten Himmel.

Die höchsten und lebhaftsten seiner Theile
Sind so gleichförmig, daß ich nicht kann sagen,
Welchen Beatrix mir zum Standort wählte.

Doch diese, welche mein Verlangen sahe,
Begann mit einem also heitern Lächeln,
Daß Gott in ihrem Blick sich schien zu freuen:

»Das Wesen der Bewegung, das die Mitte
In Ruh erhält, doch ringsum alles Andre
Bewegt, beginnt von hier, als seiner Grenze.

Und dieser Himmel ruht in Gottes Geist
Allein, drin sich die Lieb' entflammt, die jenen
Bewegt, so wie die Kraft, die er herabströmt.

Gleich einem Kreis umfaßt ihn Licht und Liebe,
Wie er die andern Kreis', und jenen Umfang
Kennt der allein, der ihn umher gegürtet.

Nichts andres läßt uns seinen Schwung erkennen;
Die andern werden nur durch ihn gemessen,
So wie die Zehne durd die Zwei und Fünfe.

Und wie die Zeit in diesem Napf die Wurzeln,
Und in den anderen die Blätter habe,
Das kann dir offenbar nunmehro sein.

O Gier, die du die Sterblichen so tief
In dich versenkst, daß Niemand hat die Stärke,
Den Blick aus deinen Wellen zu erheben!

Die Blüthen sind wohl gut des Menschenwillens;
Allein es wandelt der beständ'ge Regen
Die echten Pflaumen in mißrathne Früchte.

Unschuld und Glauben findet man allein
Noch bei den Kindlein; dann entfliehen beide,
Noch eh die Wangen sich mit Haar bedecken.

Der Mensch, wenn er noch stammelt, lebet mäßig,
Der mit gelöster Zunge dann verschlinget
Jedwede Speise zu jedweder Zeit;

Der Mensch, wenn er noch stammelt, liebt und höret
Die Mutter, der dann, bei vollkommner Sprache,
Den Wunsch wohl hegt, begraben sie zu sehen.

So wird die weiße Haut, beim ersten Anblick
Der schönen Tochter Jener schwarz, die uns
Den Morgen bringt und hinterläßt den Abend.

Doch du, daß du nicht drüber staunst, bedenke,
Daß Keiner jetzt auf Erden ist, der herrsche;
Drum geht das menschliche Geschlecht so irr.

Doch eh noch Januar sich ganz entwintert
Ob des dort überseh'nen Hunderttheiles,
Hört man so laut die obern Kreis' ertönen,

Daß das Geschick, das man so lang erharrte,
Die Hintertheile macht zu Vordertheilen,
So daß die Flotte graden Laufs wird segeln;

Und rechte Frucht wird dann der Blüthe folgen.« -


Gesang 28

Nachdem sie in Betreff des jetz'gen Wandels
Der armen Sterblichen das Wahr' eröffnet,
Die paradiesisch mir das Herz entzückt:

Gleich Jenem, welcher einer Fackel Schein,
Die hinter ihm aufflammt, im Spiegel schauet,
Eh noch in Blick und Sinn sie ihm gefallen,

Und sich umwendet, um zu sehn, ob denn
Das Glas ihm Wahrheit sagt, und sieht, daß beide
Wie Liedesweis' und Wort zusammenstimmen:

So that auch ich, wie ich mich jetzt erinnre,
Indem ich in die schönen Augen blickte,
Drin Liebe, mich zu fahn, die Schlinge flocht.

Und als ich mich gewandt, und meine Augen
Das schauten, was in diesem Buch erscheinet,
So oft man recht betrachtet seine Kreisung,

Sab einen Punkt ich, der so scharfes Licht
Ausstrahlte, daß das Aug', davon geblendet,
Sich ob der großen Schärfe schließen mußte.

Und selbst der Stern, der uns am kleinsten scheinet,
Wär' gleich dem Monde, ständ' er neben ihm,
Wie sich zwei Sterne zu einander stellen.

In jenem Abstand wohl, in dem das Licht
Dem Hofe nah erscheint, den es drum malet,
Wenn, der es trägt, am dichtesten der Dunst ist:

In solcher Fern' umkreist' ein Feuerring
Den Punkt so schnell, daß er besiegt wohl hätte
Den Schwung, der um die Welt am schnellsten kreiset.

Der war von einem zweiten eingeschlossen,
Vom dritten der, der dann von einem vierten,
Der vierte dann vom fünften, der vom sechsten.

Es folgte drauf der siebente, so breit
Sich schon ausdehnend, daß der Juno Botin
Zu eng wohl wäre, ganz ihn zu umfassen.

So auch der acht' und neunt', und ein jedweder
Bewegte sich langsamer, wie der Zahl nach
Er größern Abstand von dem Einen hatte.

Und jeder hatte desto reinres Feier,
Je minder fern er war vom reinen Funken,
Wohl weil von ihm er mehr durchdrungen war.

Und meine Herrin, die mich sehr in Sorge
Befangen sah, sprach: »Von dem Punkt hängt ab
Der Himmel und die sämmtliche Natur.

Schau jenen Kreis, der ihm zunächst gelegen,
Und wisse, daß er sich so schnell bewegt
Durch die entflammte Liebe, die ihn treibet.« -

Und ich zu ihr: »Wär' in die Welt die Ordnung
Gelegt, die ich in diesen Kreisen sehe:
Befried'gen würde mich, was vor mir lieget.

Doch in der Welt des Sichtbaren erblickt man
Die Schwingungen nur um so göttlicher,
Je ferner sie dem Mittelpunkte liegen.

Drum, soll ein End' erreichen mein Verlangen
In diesem wunderbaren Engelstempel,
Der Liebe nur und Licht zu Grenzen hat:

So möcht' ich hören noch, warum sich Urbild
Und Abbild nicht in gleicher Art bewegen;
Denn ich für mich erwäge dies vergebens.« -

»Wenn deine Finger nicht zu solchem Knoten
Hinreichend sind, so ist dies wohl kein Wunder,
So fest ward er, weil man ihn unversucht ließ.«

So sprach die Herrin; dann auch: »Nimm dazu noch,
Was ich dir sage, willst du dich ersätt'gen,
Und strenge deinen Geist darum nun an.

Die Körpersphären sind bald weit, bald enge,
Je nach dem Mehr und Minder jener Kraft,
Die sich erstreckt durch alle ihre Theile.

Gewirkt wird größres Heil durch größre Güte
Und größres Heil umfaßt der größre Körper,
Wenn seine Theile gleich vollkommen sind.

Weshalb auch dieser, der das hohe Weltall,
So weit sich's ausdehnt, mit sich reißt, dem Kreise,
Der höchste Lieb' und Einsicht faßt, entspricht.

Darum, wofern den Maßstab an die Kraft
Du nun anlegst und nicht an die Erscheinung
Der Stoffe, die gerundet dir erscheinen,

Wirst du das wunderwürdige Verhältniß
Von Groß zu Mehr, von Klein zu Minder sehen
In jedem Himmel, seiner Kraft entsprechend.« -

Wie strahlend bleibt und rein die Hemisphäre
Der Luft, wenn Boreas aus jener Wange
Den Hauch ausstößt, wo er gelinder ist,

Wodurch sich löst und reint der dicke Nebel,
Der sie getrübt, daß drob der Himmel lächelt
Mit all dem Schönen, welches ihn begleitet:

So war's bei mir auch, als mich meine Herrin
Durch ihre Antwort aufgehellt, und sich
Die Wahrheit sehn ließ, wie ein Stern im Himmel.

Und als hierauf nun ihre Worte ruhten,
Sprühten die Kreis' in gleicher Weise Funken,
Als wie ein Eisen Funken gibt, das glühet.

Es folgte seinem Feuer jeder Funken;
Und so groß war die Zahl, daß sie sich mehr
Vertausendfacht, als beim Schachbret durchs Doppeln.

Von Chor zu Chor hört' ich ein »Hosianna«
Dem festen Punkt, der in dem Wo sie hält
Und stets sie halten wird, drin stets sie waren.

Und sie, die meinen Geist in Zweifeln sahe,
Sprach nun: »Es haben dir die ersten Kreise
Gezeigt die Seraphim und Cherubim;

Die folgen so geschwind dem. was sie fesselt,
Um möglichst ähnlich jenem Punkt zu werden,
Und können's, wegen des erhabnen Schauens.

Die Liebesgeister, die sie dann umkreisen,
Nennt man des göttlichen Antlitzes Thronen,
Weil sie der ersten Dreiheit Grenze sind.

Und wissen mußt du, daß sie Wonn' empfinden
So viel, als eindringt ihre Kraft zu schauen
In's Wahr', in dem sich jede Einsicht stillet.

Hieraus ersieht man, daß die Seligkeit
Sich auf anschauendes Erkennen gründe,
Nicht auf die Liebe, die erst diesem folget.

Und Maß ist für das Schauen das Verdienst,
Das Gottes Gnad' ertheilt, und Willensgüte:
So steiget man empor von Grad zu Grade.

Die zweite Dreizahl, welche gleicherweise
In diesem ewigblühnden Lenze wurzelt,
Den nie der nächt'ge Widder nod entlaubet,

Läßt auch fortwährend »Hosiann'« erklingen,
In der drei Ordnungen dreifachen Weisen,
Die Freud' enthalten, drin es sich verdreifacht.

Die Hierarchie enthält drei Gottesschaaren:
Die Herrschaften zuerst und dann die Kräfte,
Die dritte Ordnung endlich sind die Mächte.

Sodann in den vorletzten beiden Reigen,
Erzengel kreisen dort und Fürstenthümer;
Aus Engelspielen ganz besteht der letzte.

Und alle Reigen schaun empor nach oben,
Und wirken so hinab, daß, wie zu Gott
Sie all' gezogen werden, all' sie ziehen.

Und diese Ordnungen pflag Dionysius
Mit also großer Sehnsucht zu betrachten,
Daß er sie nannt' und unterschied wie ich.

Doch von ihm hat sich dann Gregor entfernet;
Weshalb er auch, sobald in diesem Himmel
Den Blick er aufthat, über sich gelächelt.

Denn wenn kund that so tief geheimes Wahres
Ein Mensch auf Erden, wundre drob dich nicht;
Denn ihm mittheilt' es, wer's da oben sahe,

Nebst noch viel andrem Wahren dieser Kreise.« -


Gesang 29

So lang, wenn beide Kinder der Latona,
Vom Widder dies bedeckt, dies von der Wage,
Zugleich sich mit dem Horizont umgürten,

Desselben Zung' einstehet im Zenith,
Bis beide dann, die Hemisphäre tauschend,
Aus jenes Gürtels Gleichgewichte treten:

Stand mit dem Angesicht, verschönt vom Lächeln,
Beatrix schweigend, fest nach jenem Punkte
Hinblickend, der mich so gefangen nahm.

Drauf sie begann: »Ich sag' - ich frage nicht -
Das, was du hören willst; denn dort erschaut' ich's,
Wo jedes Wo und Wann zusammentrifft.

Nicht, um für sich des Gutes zu gewinnen,
Was ganz unmöglich, nein, damit ihr Abglanz
Rücstrahlend sagen könn': »Ich bin vorhanden« -

Gab ew'ge Lieb' in ihrer Ewigkeit,
Der Zeit und des Begriffes baar, sich kund,
Wie's ihr gefiel, in neuen Liebeskräften.

Doch ruhte sie vorher nicht gleichsam müßig;
Da weder vor- noch nachher stattgefunden,
Daß Gott ob diesen Wassern sich bewegte.

Und Form und Stoff, ganz rein, verbunden, gingen
Zu fehlerfreier Wirklichkeit hervor,
Drei Pfeilen gleich von dreigesehntem Bogen.

Und wie durch Glas, durch Bernstein und Krystall
Ein Strahl durchglänzt, daß keine Zeit man wahrnimmt
Von seiner Ankunft bis zum vollen Dasein,

So strahlt' auch jene dreigestalt'ge Wirkung
Vom Herrn zugleich aus in das ganze Sein,
Und sonder Unterscheidung im Beginne.

Den Wesen ward die Ordnung anerschaffen
Und zuertheilt, und jene wurden Gipfel
Der Welt, die reine That zum Zweck erhielten.

Reine Naturkraft war der Grundbereich;
Inmitten gingen Kraft und Thätigkeit
Ein solches Band ein, das niemals sich löset.

Euch schrieb Hieronymus vom langen Zuge
Der Säklen, da der Engel Schöpfung statt fand,
Eh noch die andre Welt geschaffen wurde;

Doch diese Wahrheit steht auf vielen Blättern
Derer, die aus dem heil'gen Geiste schrieben:
Du findest sie, wenn recht hinein du blickest.

Und auch schon die Vernunft sieht davon etwas,
Die nicht zuließe, daß die Weltbeweger
So lang schon waren. eh die Welt vollendet.

Nun weißt du, wo und wann geschaffen worden
Die Liebeskräft', und wie; so daß gelöscht
In deiner Sehnsucht schon sind drei der Wünsche.

Gewiß, man käme zählend bis zu zwanzig
So schnell nicht, als ein Theil der Engel störte
Den untern Grund von euren Elementen.

Der andre blieb und er begann die Kunst,
Die du hier siehst, mit solcherlei Vergnügen,
Daß er sich vom Umschwingen niemals trennet.

Ursach des Sturzes war der maledeite
Hochmuth desjenigen, den du gesehen,
Wie er von aller Wucht der Welt beschwert ist.

Bescheiden waren, die du hier erblickest,
Sich anzusehen als ein Werk der Güte,
Die sie zu solcher Einsicht fähig machte.

Drum wurden ihre Blick' auch so erhoben,
Durch Gnadenlicht und eigenes Verdienst,
So daß sie vollen, festen Willen haben.

Auch darfst du zweifeln nicht, vielmehr gewiß sein,
Daß Gnad' empfangen auch Verdienst bekundet,
Sobald die Neigung sich ihr willig öffnet.

Nun kannst ob dieser heiligen Versammlung
Genug du sinnen, wenn du meine Worte
Begriffen hast, auch ohne sonst'ge Hülfe.

Doch weil auf Erden dort in euren Schulen
Die Lehre geht, daß die Natur der Engel
So ist, daß sie versteht, gedenkt und will:

So sag' ich noch, damit du klar erkennest
Die Wahrheit, die da unten man verwirret,
Da solche Lehre sie macht doppelsinnig:

Da diese Wesen von dem Antlitz Gottes
Beseligt waren, wandten nie die Blicke
Sie von ihm ab, vor welchem nichts verborgen.

Drum wird ihr Anschaun auch nicht unterbrochen
Von neuen Dingen, und nicht der Erinnrung
Bedürfen sie durch ein getheiltes Denken,

So daß da unten man im Wachen träumet,
Glaubt und auch nicht glaubt, Wahres auszusagen;
Doch in dem Letztern ist mehr Schuld und Schande.

Ihr wandelt drunten nicht auf einem Pfade
Im Forschen; also sehr reißt euch dahin
Die Liebe zu dem Schein und was sie sinnet.

Doch dieses duldet man hier mit geringrem
Unwillen noch, als wenn die heil'ge Schrift
Beiseit gesetzt wird oder gar verdrehet.

Man denkt daran nicht, wieviel Blut es kostet,
Sie in die Welt zu sä'n, und wie geliebt ist,
Wer mit demüth'gem Sinne sich ihr nahet.

Nach Scheine trachtet jeder und er sinnt nur,
Was er erfinden soll, und dieses pred'gen
Die Pfaffen, die vom Evangelium schweigen.

Der predigt, daß der Mond sich rückwärts wandte
Beim Leiden Christi und sich zwischenstellte,
Daß nicht der Sonne Licht auf Erden schiene;

Ein Andrer, daß das Licht von selbst sich barg:
Weshalb sich auch bei Spaniern und bei Indern
Die Finsterniß wie bei den Juden zeigte.

Florenz hat so viel Lapi nicht und Bindi,
Als derlei Fabeln durch das ganze Jahr
Sich allwärts von den Kanzeln hören lassen.

So daß die Schäflein, die es nicht verstehen,
Genährt mit Winde von der Weide kehren:
Und nicht zu sehn den Schaden, frommt doch nicht.

Nicht sagte Christus zu den ersten Jüngern:
Geht hin und prediget den Leuten Possen;
Vielmehr legt er wahrhaften Grund bei ihnen;

Und dieser tönte so aus seinem Munde,
Daß sie im Kampf, um Glauben zu entzünden,
Zu Schwert und Speer das Evangelium machten.

Jetzt geht man aus, um Possen nur und Schwänke
Zu predigen; nur daß man lache, blähet
Sich die Kapuz', und mehr verlangt man nicht.

Doch solch ein Vogel nistet in dem Zipfel,
Daß, wenn das Volk ihn säh', würd' es den Ablaß
Erkennen auch, auf welchen es vertrauet,

Durch den zunahm auf Erden so die Thorheit,
Daß auch ohn' eines Zeugnisses Beweis,
Man jeglichem Versprechen Glauben schenkte.

Hiermit nun mästet Sanct Anton sein Schwein
Und andre mehr, die schlimmer sind als Schweine
Und die mit Münze sonder Stempel zahlen.

Doch weil wir weit sind abgeschweift, so wende
Die Blicke nun zurück zur graden Straße,
Dainit wir Weg und Zeit zugleich abkürzen.

Dies Engelwesen stuft so weit empor sich
An Zahl, daß niemals eine Sprach' es gab,
Noch menschlichen Verstand, der dahin reiche.

Beachtest du, was Daniel enthüllet,
So wirst du sehen, daß bestimmte Zahl sich
Uns hinter seinen Tausenden verbirgt.

Das Urlicht, welches ganz in ihnen strahlet,
So vielfach wird's von ihnen aufgenommen,
Als Geister sind, mit denen es sich einet:

Drum, weil sich nach der Stärke des Empfangens
Die Neigung richtet, ist der Liebe Süße
In ihnen auch verschieden, heiß und lauer.

Sieh nun die Höhe und den Ueberschwang
Der ew'gen Kraft, die sich so viele Spiegel
Geschaffen hat, worin sie sich vertheilet,

Doch ein' in sich verbleibend, wie vorher.


Gesang 30

Vielleicht sechs tausend Meilen fern von uns
Erglüht die sechste Stund', und diese Welt
Neigt schon den Schatten fast zur ebnen Fläche,

Wenn uns so tief die Höh' der Himmelswölbung
Beginnt zu werden, daß gar mancher Stern
Den Schein verliert bis her zu unserm Grunde;

Und wie alsdann die hellste Dienerin
Der Sonne weiter geht, schließt sich der Himmel
Von Bild zu Bild, bis auf das allerschönste.

Auf gleiche Weis' erlosch auch der Triumph,
Der stets den Punkt, der mich besiegt, und welcher
Umschlossen scheint von jenem, was er einschließt,

Umgaukelt, nach und nach vor meinen Blicken,
Weshalb mich Blendung so wie Liebe zwang,
Die Augen nach Beatrix hinzuwenden.

Wenn alles, was bisher ich von ihr sagte,
In einen Lobspruch man zusammenfaßte,
Zu wenig wär's, mir diesmal zu genügen.

Die Schönheit, die ich sah, sie überschreitet
Nicht unser Maß nur, nein, ich glaube sicher,
Daß ganz sich ihrer nur ihr Schöpfer freue.

Besiegt bekenn' ich mich von diesem Umstand,
Mehr als ein Komiker und ein Tragöde
Besiegt je ward von einem Punkt des Stoffes;

Denn wie die Sonn' ein sdhwächres Aug' entkräftet,
So lähmt auch mein Gedächtniß in sich selber
Die Rückerinnerung des süßen Lächelns.

Vom ersten Tag, da ich in diesem Leben
Ihr Antlitz sahe, bis zu diesem Anblick,
Vermochte mein Gesang es darzustellen;

Nun muß davon ich abstehn, daß mein Dichten
Je weiter ihrer Schönheit folgen könne,
Wie von dem höchsten Ziele jeder Künstler;

So daß ich mächt'germ Ton sie überlasse,
Als dem aus meiner Tuba, die dem Ende
Des schwier'gen Gegenstandes nun sid nähert.

Mit eines eil'gen Führers Wink und Stimme
Begann sie wieder: »Aus dem größten Körper
Sind wir zum Himmel reinsten Lichts gelanget,

Ganz geist'gen Lichtes, nur erfüllt von Liebe,
Liebe zu wahrem Gute, voll von Wonne,
Wonne, die übersteiget alles Süße.

Hier wirst du beide Kriegerschaaren sehen
Des Paradieses; ein' in jenem Aufzug,
Wie du sie wirst beim Weltgericht erblicken.« -

Wie plötzliches Erblitzen, das die Geister
Des Sehens so zerstreuet, daß die Kraft es
Benimmt, die stärksten Dinge zu gewahren:

Also umstrahlte mich ein lebhaft Licht,
Und ließ von solchem Schleier seines Glanzes
Mich ganz umhüllt, daß nichts mir sichtbar war.

»Stets nimmt die Liebe, welche diesen Himmel
Beseligt, in sich auf mit solchem Gruße,
Die Kerze für die Glut geschickt zu machen.« -

Und nicht sobald gelangten mir in's Innre
Die kurzen Wort', als ich mich auch sogleich
Weit über meine Kraft erhoben fühlte.

Und neue Sehkraft ward in mir entzündet,
Der Art, daß kein so helles Licht es gäbe,
Daß es mein Blick nicht ausgehalten hätte.

Und ich erblickt' ein Licht, gleich einem Flusse,
Von Glanz erschimmernd, zwischen zwei Gestaden,
Die wunderbar vom Lenz geschmückt erschienen.

Lebend'ge Funken stiegen auf vom Flusse,
Und senkten überall sich auf die Blumen,
Rubinen ähnlich, welche Gold umsäumet

Dann, wie berauscht von Düften, fielen rückwärts
Sie wieder in den wunderbaren Strudel,
Und während der einsank, stieg der empor.

»Der hohe Wunsch, der dich jetzt brennt und treibet,
Von dem, was du hier siehst, Nachricht zu haben,
Gefällt mir um so mehr, je mehr er zunimmt.

Allein du mußt von diesem Wasser trinken,
Bevor so großer Durst in dir sich stillet.«
So sprach zu mir die Sonne meiner Augen,

Und fügt' hinzu: »Der Fluß und die Topase,
Die ein- und ausgehn, und der Kräuter Lachen
Sind Schattenbilder nur von ihrer Wahrheit.

Nicht, daß an sich die Dinge dunkel wären;
Vielmehr auf deiner Seite liegt der Mangel,
Weil sich dein Blick noch nicht so hoch erhebet.« -

Kein Kind, das sich so heftig mit dem Antlitz
Der Milch zuwendete, sobald es aufwacht,
Wenn's im gewohnten Schlafe sich verspätet,

Als ich, um beßre Spiegel noch zu machen
Aus meinen Augen, mich zur Welle bückte,
Die strömt, damit man drin vollkommner werde.

Und wie der Saum nur meiner Augenlider
Davon getrunken hatte, schien es mir,
Daß seine Länge sei zur Runde worden.

Dann, Leuten gleich, die unter Larven gingen
Und anders nun erscheinen, wenn das fremde
Ansehn sie abgelegt, das sie vermummte:

So wandelten sich Blumen mir und Funken
Zu größrem Fest, so daß ich beide Höfe
Des Himmels mir geoffenbart gesehen.

O Gottes Strahlenglanz, durch den ich schaute
Den hohen Siegeszug des wahren Reiches,
Gib mir zu sagen Kraft, wie ich ihn sahe!

Licht glänzt dort oben, welches sichtbar macht
Den Schöpfer dem Geschöpfe, das allein
In seinem Anschaun seinen Frieden findet.

Und es erweitert in Gestalt des Kreises
Sich so, daß es der Sonn' in seinem Umfang
Ein allzu reicher Gürtel würde sein.

Aus Strahlen bildet sich sein ganzes Wesen,
Rückstrahlend bis zum Rand des Erstbewegten,
Das hieraus Leben und Kraftäußrung schöpfet.

Und wie ein Hügel mit dem Fuß im Wasser
Sich spiegelt, gleich als wollt' er sehn, wie reich
Geschmückt er sei an Kräutern und an Blumen:

So sah ich über'm Lichtglanz, rings gereihet,
Sich spiegeln, auf wohl mehr als tausend Sitzen
Alle, die von uns heimgekehrt nach oben.

Und wenn der tiefste Grad schon in sich aufnimmt
So großes Licht, wie groß ist dessen Fülle
Erst in den höchsten Blättern dieser Rose!

Mein Blick verlor sich in der Weite nicht,
Noch in der Höhe, sondern ganz umfaßt' er
Das Wie und das Wieviel von dieser Wonne.

Die Nähe gibt hier nichts, noch nimmt die Ferne;
Denn dort, wo Gott unmittelbar regieret,
Da gelten nicht natürliche Gesetze.

Zum gelben Mittelpunkt der ew'gen Rose,
Die sich ausbreitet, absluft und zum Preise
Der Sonne duftet, welche ewig lenzet,

Zog mich als einen, welcher schweigt, und reden
Doch möchte, hin Beatrix, sagend: »Schaue,
Wie groß ist die Versammlung weißer Kleider!

Sieh unsre Stadt, wie weit sie rings sich ausdehnt,
Sieh unsre Sitze, wie sie so erfüllt sind,
Daß man nur wenig Volk noch hier sich wünschet!

Auf jenem großen Sitz, wohin du blickest,
Der Krone wegen, die darauf schon lieget,
Wird, eh an diesem Hochzeitsmahl du theilnimmst,

Die Seele des erhabnen Heinrichs sitzen,
Die, Kaiser drunten, kommen wird, Italien
Zu ordnen, eh dazu es noch bereit ist.

Es hat die blinde Gier euch so bezaubert,
Daß ihr dem Kinde ähnlich seid geworden,
Das Hungers stirbt und doch wegjagt die Amme.

Und Oberhaupt des geistlichen Gerichtshofs
Ist Einer dann, der, offen wie geheim,
Nicht gehn mit Jenem wird desselben Weges.

Doch kurze Zeit dann wird ihn Gott nur dulden
Im heil'gen Amt und ihn dahin verstoßen,
Wo, dem Verdienst, nach Simon Magus ist;

Drob Bonifacius tiefer kommt zu liegen.«


Gesang 31

In einer weißen Rose Bildung zeigte
Mir also sich die heil'ge Heeresschaar,
Die Christus durch sein Blut zur Braut erkoren.

Allein die andre, welche fliegend schauet
Und singt die Glorie dessen, der die Lieb' ihr
Und Güt' einflößt, die sie so herrlich macht,

Wie eine Bienenschaar, so in die Blumen
Hinaus jetzt fliegt und später wiederkehret
Zum Ort, wo süße Arbeit sie bereitet,

Senkte zur großen Blume sich hernieder,
Die so viel Blätter schmücken, und zurück dann
Flog sie, wo ewig ihre Liebe wohnet.

Das Antlitz Aller war lebend'ge Flamme,
Golden das Flügelpaar; so weiß all Andres,
Daß nie zu solchem Weiß der Schnee gedeihet.

Wenn in die Blume sie von Sitz zu Sitze
Sich senkten, reichten Frieden sie und Inbrunst,
Die sie erwarben, sich, die Seiten fächselnd.

Doch hinderte das flatternde Gedränge,
Das zwischen dem, was oben, und der Blume
Sich regte, nicht das Schauen und den Glanz;

Denn es durchdringet jenes heil'ge Licht
Das Weltall, je nachdem es dessen würdig,
So daß nichts Widerstand ihm leisten kann.

Dies in sich sichre, freuderfüllte Reich,
Voll von Bewohnern, alten so wie neuen,
Hielt Blick und Lieb' auf einen Punkt gerichtet.

O dreifach Licht, das, ihrem Aug' erfunkelnd
In einem einz'gen Stern, sie so befriedigt,
Schau her auf unser sturmbewegtes Leben!

Wenn die Barbaren, aus der Gegend kommend,
So jeden Tag bedeckt wird von der Bärin,
Die sich mit dem geliebten Jungen drehet,

Staunen ergriff, wenn Roma's kühne Werke
Sie nun erblickten und der Lateran
Empor ob allen Erdendingen ragte:

Wie mußt' ich, der zu Göttlichem gekommen
Vom Menschlichen, von Zeitlichem zu Ew'gem,
Und von Florenz zu gutem, weisem Volke,

Ob alle dem erfüllt von Staunen sein!
Traun, unter diesem und bei solcher Wonne
War mir genehm: nichts hören und verstummen.

Und wie ein Pilgrim, welcher in dem Tempel
Seines Gelübds umschauend sich ergetzet
Und, wie er sei, einst zu berichten hofft:

So auch, durch das lebend'ge Licht hinschreitend,
Ließ ich die Augen durch die Stufen gleiten,
Hinauf bald, bald hinab und bald im Kreise.

Antlitze sah ich, welche Lieb' einflößten,
Von fremdem Licht geschmückt und eignem Lächeln;
Geberden auch, geziert mit jeder Tugend.

Die allgemeine Form des Paradieses
War gänzlich scon erfaßt von meinem Blicke,
Der noch auf keinem Theil bestimmt verweilt;

Drum wandt' ich mich mit neu entbranntem Wunsche,
Zu fragen meine Herrin über Dinge,
Worüber mein Verstand in Zweifeln schwebte.

Ein Andrer, als ich meinte, gab mir Antwort.
Zu sehn glaubt' ich Beatrix und, gekleidet
Wie das ruhmwürd'ge Volk, sah einen Greis ich,

Durch dessen Augen und auf dessen Wangen
Sich güt'ge Freud' ergoß in frommer Weise,
Wie's ansteht einem liebevollen Vater.

Und: »Wo ist sie?« so fragt ich ihn in Eile.
Und er: »Um deinen Wunsch zum Ziel zu führen,
Berief Beatrix mich von meinem Sitze;

Und blickest hin du nach dem dritten Kreise
Des höchsten Grads, so wirst du auf dem Throne,
Den ihr Verdienst bestimmt, sie wieder sehen.« -

Und ohn' Antwort hob ich den Blick empor
Und sah sie eine Krone um sich bilden,
Die von sich spiegelte die ew'gen Strahlen.

Von jener Gegend, wo's am höchsten donnert,
Ist nicht so weit entfernt ein sterblich Auge,
Wie tief es auch in's Meer hinab sich senke,

Als dort mein Blick entfernt war von Beatrix;
Doch hinderte dies nicht, daß unvermittelt
Ihr Bildniß wär zu mir herabgekommen.

»O Herrin, du, in der mein Hoffen grünet,
Die du zu meinem Heil herab dich ließest,
Mit deinem Fuß die Hölle zu betreten:

An so viel Dingen, die durch deine Macht
Und deine Huld bisher gesehn ich habe,
Erkenn' ich deine Gnad' und deine Tugend.

Zur Freiheit zogst du mich, der Sklav' ich war,
Durch alle Mittel, alle jene Wege,
Die nur vermochten, diese zu bewirken.

Bewahre deine Großmuth gegen mich,
Daß meine Seele, die gesund du machtest,
Dir wohlgefällig sich vom Körper löse!« -

So betet' ich, und sie, die so Entfernte,
Schien mir zu lächeln und mich anzublicken;
Drauf wandte sie sich zu der ew'gen Quelle.

Da sprach der heilge Greis: »Damit vollständig
Du deine Reise nun zu Ende bringest,
Wozu mich Bitt' und heil'ge Liebe sandte,

Durchfliege mit den Augen diesen Garten;
Denn diese Schau wird deinen Blick noch stärker
Im Aufflug für der Gottheit Strahl entzünden.

Und sie, die Himmelskönigin, für die ich gänzlich
In Lieb' erglüh', wird alle Huld uns schenken;
Dieweil ich Bernhard bin, ihr Vielgetreuer.« -

Gleich jenem, welcher etwa aus Kroatien
Kommt, unser heil'ges Schweißtuch anzuschauen,
Und ob des alten Rufes deß nicht satt wird,

Nein, bei sich selber sagt, so lang man's zeiget:
»Mein wahrer Gott und Heiland, Jesus Christus,
So also war dein Angesicht gestaltet"«

So war's auch mir, als die lebend'ge Lieb'
Ich dessen schaute, der in dieser Welt schon
Gekostet jenes Friedens durch Beschauung.

»Du Sohn der Gnade, dieses Wonneleben«,
Begann hierauf er, »bleibt dir unbekannt,
Wenn du die Augen nur zu Boden senkest;

Nein, blicke durch die Kreise bis zum fernsten,
Bis du die Königin dort thronen siehest,
Der unterthan dies Reich ist und ergeben.« -

Ich hob die Augen, und gleichwie am Morgen
Die Aufgangsgegend an dem Horizonte
Jen' überstrahlt, wo sich die Sonne neiget:

So sah mein Blick, gleichsam aus einem Thale
Bergaufwärts steigend, einen Punkt am Rande,
Der jede andre Reih' an Licht besiegte.

Und wie dort, wo den Wagen man erwartet,
Den Phaëton schlecht lenkte, sich das Licht
Stärker entflammt und abnimmt nach den Seiten:

So war auch jene Friedensoriflamme
Inmitten mehr belebt, doch überalhin
Verminderte sich gleicher Art das Feuer.

Und nach der Mitte zu sah mehr als tausend
Festlicher Engel ich mit offnen Flügeln,
An Glanz verschieden all' wie an Bewegung.

Und ihren Spielen sah ich, ihren Sängen,
Dort eine Schönheit lächeln, welche Wonne
War für die Augen all der andern Heil'gen.

Und hätt' ich solchen Reichthum auch der Rede,
Wie in der Einbildung, so wagt' ich dennoch
Den kleinsten ihrer Reize nicht zu schildern.

Bernhard, als er aufmerksam meine Blicke
Auf ihre heiße Glut gerichtet sahe,
Kehrt' ihr die seinen zu mit solcher Inbrunst,

Daß glühender, zu schaun, die meinen wurden.


Gesang 32

Frei übernahm, entbrannt für seine Wonne,
Jener Beschauliche das Amt des Lehrers,
Und er begann mit diesen heil'gen Worten:

»Die Wunde, die Maria heilt' und schloß,
Hat Jene dort geschlagen und geöffnet,
Die ihr zu Füßen sitzt in hoher Schöne.

Dann in der Reihe, so die dritten Sitze
Dort bilden, sitzet Rahel unter ihr,
Zusammt Beatrix, wie du kannst ersehen.

Sara, Rebecca, Judith, dann auch jene,
Die Ahnfrau war des Sängers, der aus Reu'
Ob des Vergehns sprach: Miserere mei!

Dann kannst du sehn, von Stufe so zu Stufe
Herniedersteigend, wie ich, sie dir nennend,
Von Blatt zu Blatt abwärts der Rose folge.

Vom siebenten der Grad' abwärts, wie gleichfalls
Zurück zu ihm, sind noch hebräische Frauen,
Die scheiden ab der Blume krause Blätter.

Denn nach dem Blick, mit welchem sie zum Glauben
An Christum schauten, sind sie hier die Mauer,
Durch welche sich die heil'gen Stufen theilen.

An dieser Seite, wo die Blume reif ist
In allen ihren Blättern, sitzen jene,
Die an den Christ, der kommen sollte, glaubten;

Dort in dem andern Theil, wo die Halbkreise
Von leerem Raum sind unterbrochen, sizzen
Die auf den Christus blickten, der erschienen.

Und wie von hier aus der glorreiche Sitz
Der Himmelsherrin und die andern Sitze
Darunter eine solche Scheidung bilden:

So dort der Sitz des herrlichen Johannes,
Der, heilig stets, Einöd' und Martyrthum
Erduldete und zwei Jahr' in der Hölle;

Und unter ihm sind auserwählt, zu sondern,
Franciscus, Benedict und Augustinus
Und Andre, bis hinab von Kreis zu Kreise.

Nun schau' auf Gottes hohe Vorsehung;
Denn es wird beiderlei Ansicht des Glaubens
Zu gleichem Theil einst diesen Garten füllen.

Und wisse, daß man abwärts von der Stufe,
Die mitten auf die beiden Grenzen trifft,
Durch eigenes Verdienst nicht kommt zu sitzen;

Vielmehr durch fremdes, nach Bedingungen;
Denn alle diese Geister sind geschieden,
Bevor noch wahre freie Wahl sie hatten,

Wie du aus ihrem Antlitz kannst erkennen,
So wie aus ihren kinderhaften Stimmen,
Wenn du sie recht anblickest und anhörest.

Nun zweifelst du, und zweifelnd schweigst du still;
Allein ich will das starke Band dir lösen,
Worein spitzfind'ges Denken dich verstricket.

Es kann im weiten Umfang dieses Reiches
Kein Zufall irgend Stätte finden, wie auch
Nicht Traurigkeit, nicht Hunger oder Durst.

Denn fest bestimmt durch ewige Gesetze
Ist alles, was du siehst, so daß es hier
Genau sich anpaßt, wie der Ring dem Finger.

Und deshalb ist auch sonder Ursach nicht
Zu wahrem Leben hergeeilt dies Volk:
Es ging hier ein mehr oder minder trefflich.

Der Fürst, durch den dies Reich in solcher Liebe
Und solcher Wonne sich des Friedens freuet,
Daß auch kein Wille mehr zu wünschen wagt,

Beschenkt, durch seinen heitren Anblick schaffend,
Die Seelen all nach seiner Gnade Willen
Verschiedentlich; und diese Wirkung gnüge,

Und dies ist in der heil'gen Schrift ausdrücklich
Und klar bemerkt bei jenen Zwillingen,
Die schon im Mutterleib der Zorn bewegte.

Drum, wie sich an der Farbe schon der Haare
Die Gnade zeigt, muß auch das höchste Licht
Den Scheitel ihnen würd'ger Weis' umkränzen.

Nicht also nach dem Lohne des Verdienstes
Sind auf verschiedne Stufen sie gereiht,
Nein, nach dem Unterschied des ersten Vorzugs.

Es reicht' also in jenen frühen Zeiten,
Zum Heile solcher unschuldsvollen Seelen
Der Glaube schon allein der Eltern hin.

Nachdem erfüllt die ersten Zeiten waren,
Bedurft' es bei den Knäblein der Beschneidung,
Um den unschuld'gen Schwingen Kraft zu geben.

Doch als die Zeit der Gnade war gekommen,
Ward ohne die volkommne Taufe Christi
Dort unten rückbehalten solche Unschuld.

Schau nun in's Angesicht, das dem von Christo
Am meisten gleicht; denn seine Klarheit einzig
Kann dich befähigen zum Anschaun Christi.« -

Ich sah auf sie sich solche Wonn' ergießen,
Die hergetragen ward von heil'gen Seelen,
Geschaffen, jene Höhen zu durchfliegen,

Daß alles, was vorher ich je gesehen,
Mich nicht in solchem Staunen schweben ließ,
Noch mir von Gott ein solches Bild gewährte.

Und jene Liebe, die zuerst herabkam
Und sang: »Ave, Maria voller Gnaden!«
Entfaltete vor ihr nun ihre Flügel.

Und Antwort klang dem göttlichen Gesange
Aus allen Theilen des glücksel'gen Hofes,
So daß drob jedes Antlitz sich verklärte.

»O heil'ger Vater der du meinetwillen
Hier unten weilst, den süßen Platz verlassend,
Auf welchem du nach ew'gem Loose sitzest:

Wer ist der Engel, der mit solcher Wonne
Blickt in die Augen unsrer Königin,
So voller Liebe, daß er Flamme scheinet?« -

So nahm noch einmal Zuflucht ich zur Lehre
Dessen, der durch Maria sich verschönte,
Wie durch der Sonne Strahl der Stern des Morgens.

Und er zu mir: »Freimüthigkeit und Anmuth,
Soweit in einem Engel, einer Seele
Es sein kann, hat er, und nach unserm Willen;

Denn es ist jener, der hinab die Palme
Trug zu Maria, als der Gottessohn
Mit unsrer Bürde sich belasten wollte.

Doch folge mit den Augen jetzt, wie sprechend
Ich gehen werd', und sieh die großen Edlen
Von diesem höchst gerechten, frommen Reiche!

Die beiden, die am seligsten dort thronen,
Weil sie der Königin am nächsten sitzen,
Sind gleichsam die zwei Wurzeln dieser Rose.

Der ihr zur Linken seinen Sitz hat, ist
Der Anherr, dessen unbedachtes Kosten
Dem menschlichen Geschlecht kostet so Bittres.

Zur Rechten siehst du jenen alten Vater
Der heil'gen Kirche, dem Christus die Schlüssel
Hat anvertraut zu dieser schönen Blume.

Und Jener, der, bevor er noch gestorben,
Die schweren Zeiten sah der schönen Braut,
Die einst erworben ward mit Speer und Nägeln,

Sitzt neben ihm; und bei dem andern ruhet
Der Führer, unter dem von Manna lebte
Das Volk des Undanks, Wankelmuths und Starrsinns.

Dem Petrus gegenüber sitzt dort Anna,
Im Anschaun ihrer Tochter so befriedigt,
Daß sie nicht wegblickt beim Hosiannasingen.

Dem ält'sten Menschenahn sitzt gegenüber
Lucía, welche deine Herrin rief,
Als im Hinstürzen du die Augen schlossest.

Doch weil die Zeit flieht deines Traumgesichtes,
Laß uns hier halten, gleich dem kund'gen Schneider,
Der, wie das Tuch reicht, das Gewand verfertigt,

Und unsern Blick zur ersten Liebe lenken,
So daß, auf sie hinschauend, ein du dringest,
So weit es möglich ist ob ihres Glanzes.

Gewiß, nicht nur vielleicht, gehst du zurück,
Regst du die Flügel, vorzuschreiten glaubend;
Drum muß man Gnade durch Gebet erlangen,

Gnade von Jener, die dir helfen kann;
Du also folge mir mit solcher Inbrunst,
Daß sich dein Herz von meinem Wort nicht trennet!« -

Und nun begann dies heilige Gebet er:


Gesang 33

»O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohnes,
Demüth'ger, hehrer als sonst ein Geschöpf ist,
Vorausbestimmtes Ziel urew'gen Rathes!

Du adeltest die menschliche Natur
Der Art, daß ihr Erzeuger nicht verschmähte
Sich darzustellen als von ihr Erzeugtes.

In deinem Leib ist jene Lieb' entglommen,
Durch deren Wärme hier in ew'gem Frieden
So herrlich diese Blum' emporgekeimt.

Hier oben bist du unsre Mittagsfackel
Der Lieb', und bei den Sterblichen da unten
Bist die lebend'ge Quelle du der Hoffnung.

Herrin, du bist so groß, so viel vermagst du,
Daß, wer nach Gnade ringt und dich nicht anfleht,
Dem gleicht, der ohne Flügel fliegen möchte.

Es eilet deine Güte nicht allein
Zu Hülfe dem, der bittet, sondern oftmals
Kommt sie freiwillig noch dem Flehn zuvor.

In dir vereinet sich Barmherzigkeit,
Frommheit und Großmuth, in dir eint sich alles,
Was nur von Güt' in einem Wesen ist.

Nun flehet dieser, der vom tiefsten Pfuhle
Der Welt bis hierherauf gesehen hat
Der Geister Leben, eines nach dem andern;

Er fleht dich an um Kraft durch deine Gnade,
Daß er sich höher noch mit seinen Blicken
Erheben könne zu dem letzten Heile.

Und ich, der nie für mein Schaun mehr entbrannte,
Als jetzt für seins, weih' dir all meine Bitten,
Und bitte, sie nicht zu gering zu achten,

Auf daß die Wolken seiner Sterblichkeit
Du ihm zerstreuest all durch deine Bitten,
So daß sich ihm das höchste Heil entfalte.

Auch fleh' ich, Kön'gin, dich, denn was du willst,
Das kannst du ja, gesund ihm zu bewahren
Nach solchem Schaun die Neigungen des Herzens.

Dein Schutz besieg' in ihm menschliche Regung:
Sieh, wie Beatrix dir und alle Sel'gen,
Daß du mein Flehn erhörst, die Hände falten!« -

Die Augen, die Gott innig liebt und ehret,
Gerichtet auf den Flehenden, bezeigten,
Wie angenehm ihr fromme Bitten seien.

Dann wandten sie sich hin zum ew'gen Lichte,
In das, man glaub' es, nicht eindringen darf
So klar der Blick von einem andern Wesen.

Und ich, der ich dem Ziel jetzt aller Wünsche
Mich näherte, so wie es sich gebührte,
Löscht' in mir nun die Gluten des Verlangens.

Es winkte Bernharð mir mit sanftem Lächeln,
Daß in die Höh' ich blickte; doch ich war
Schon selbst geneigt, zu thun, was er verlangte:

Denn meine Sehkraft, welche heller wurde,
Drang mehr und mehr stets ein in jenen Strahl
Des hehren Lichts, das in sich selbst vollkommen.

Von da an ward mein Schauen immer kräft'ger,
Daß unser Wort für solchen Blick nicht hinreicht,
Und das Gedächtniß weicht dem Uebermaße.

Gleich jenem, dem im Traum etwas erschienen,
Davon der Eindruck nach dem Traum noch bleibet,
Indeß ihm Andres nicht kommt in die Sinne:

So ist jetzt mir; denn gänzlich fast entschwunden
Ist meine Vision, und stets noch träuft mir
In's Herz das Süße, das aus ihr entsprungen.

So schwindet auch der Schnee hin vor der Sonne;
So flog dahin im Wind auch das Orakel,
Das die Sibyll' auf leichte Blätter schrieb.

O höchstes Licht, das so weit übersteiget
Die Denkkraft Sterblicher, leih meinem Geiste
Ein wenig doch von dem, wie du erschienest!

Gib meiner Zunge doch so große Kraft,
Daß einen Funken nur von deiner Glorie
Sie künft'gem Volke hinterlassen könne!

Denn kehrt auch etwas nur in mein Gedächtniß,
Und tönt ein wen'ges nur in diesen Versen,
Wird mehr man deine Siegsgewalt begreifen.

Vom Glanze, glaub' ich, des lebhaften Strahles,
Den ich ertrug, wär' ich geblendet worden,
Hätt' ich die Augen von ihm abgewendet.

Doch ich erinnre mich, daß ich nur kühner
Durch ihn im Schauen ward, bis meinen Blick
Ich dann vereinte mit der Kraft ohn' Ende.

O Gnadenüberschwang, durch den ich wagte,
Den Blick so ganz in's ew'ge Licht zu tauchen,
Bis endlich drin das Schauen unterging!

Ich sah, wie sich vereint in seiner Tiefe,
Gebunden in ein einz'ges Buch durch Liebe,
Das, was sich in dem Weltenall zerblättert:

Wesen, Zufälliges und ihr Verhältniß,
Dies alles miteinander so verbunden,
Daß, was ich sag', ein schwacher Schein nur ist.

Dieser Verknüpfung allgemeine Form
Glaub' ich gesehn zu haben, weil, dies sagend,
Ich reichlichere Wonne noch empfinde.

Ein Augenblick senkt mich in mehr Vergessen,
Als drittehalb Jahrtausende die Fahrt,
Die schaun ließ den Neptun der Argo Schatten.

So schaute, voll Anstaunens, meine Seele
Aufmerksam, unbeweglich, fest hinstarrend,
Und immer mehr ward sie zum Schaun entzündet.

Und also wird man dort vor jenem Lichte,
Daß man, um andern Anblicks willen, niemals
Drein will'gen kann, sich von ihm abzuwenden

Weil es das Heil, den Gegenstand des Wollens,
Ganz in sich faßt, und außer jenem sonst'ges
Vollkommne sich als mangelhaft erweiset.

Jetzt wird mir selbst für das, was ich behalten,
Die Sprache mehr noch stammeln, als dem Kinde,
Das an der Brust noch seine Zunge netzet.

Nicht, weil mehr als ein einfach Scheinen glänzte
In dem lebend'gen Lichte, das ich sahe,
Das immer bleibt, wie es zuvor gewesen;

Nur weil der Blick sich mir durch Schaun verstärkte,
Verwandelte sich jener eine Schein
Für mich, da selber ich ein Andrer wurde.

In jener tiefen, klaren Wesenheit
Des hehren Lichts erschienen mir drei Kreise,
Von dreien Farben und von einem Umfang;

Zwei spiegelten, wie Iris in der Iris,
Sich gegenseitig, Feuer schien der dritte,
Gleichförmig hin nach beiden Seiten wehend.

Wie ist doch für die Vorstellung das Wort
Zu karg, zu schwach! und das, was ich gesehen,
So groß, daß, wenig sagen, nicht genüget.

O ew'ges Licht, das du in dir nur ruhest,
Allein dich selbst begreifst, und, dich verstehend,
So wie von dir verstanden, liebst und lächelst!

Die Kreisung, die in dir also empfangen
Sich zeigte, wie zurückgestrahltes Licht,
Als ich sie ein'ge Zeit ringsum betrachtet,

Schien mir in sich, in ihrer eignen Färbung,
Mit unserm Bildniß ausgemalt zu sein,
Weshalb mein Schaun sich ganz darein versenkte.

Wie sich der Geometer ganz vertiefet,
Den Zirkel auszumessen, und nachsinnend
Nicht findet das Prinzip, das er bedarf:

So ging es mir bei jenem neuen Anblick.
Ich wollte sehn, wie sich denn zu dem Kreise
Das Bild verhielt', und wie hinein es passe;

Doch hierzu gnügten nicht die eignen Sdwingen,
Ward nicht mein Geist von einem Blitz getroffen,
Der ihm das brachte, was er sich ersehnte.

Hier brach die Kraft der hohen Phantasie;
Doch schon bewegte meinen Wunsch und Willen,
So wie ein Rad, das gleicher Umschwung treibet,

Die Liebe, die beweget Sonn' und Sterne.


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