Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer

Gesang 01

Um bessre Fluten zu durchfahren, zieht nun
Die Segel auf das Schifflein meines Geistes,
Das hinter sich so grause Wogen läßt.

Von jenem zweiten Reiche will ich singen,
Allwo geläutert wird des Menschen Seele
Und würdig, zu dem Himmel aufzusteigen.

Auf's neu ersteh' hier die erstorbne Dichtung,
Da ich ja euer bin, ihr heil'gen Musen;
Hier zeige sich Calliope ein wenig,

Begleitend meinen Sang mit jenem Tone,
Deß Macht derart die unglücksel'gen Elstern
Empfanden, daß sie nie Vergebung hofften. -

Des morgenländ'schen Sapphirs süße Farbe,
Die ganz den heitern Schein des reinen Aethers,
Der bis zum Mondeskreise herrscht, durchdrang,

Gab meinen Augen neu Entzücken wieder,
Sobald ich aus der Todesluft heraufstieg,
Die mir so Blick als Brust umdüstert hatte.

Der schöne Stern, der uns zum Lieben mahnet,
Erweckte jetzt des ganzen Ostens Lachen,
Die Fisch' einschleiernd, die Geleit ihm waren.

Zur Rechten wandt' ich mich, zum andern Pole
Den Sinn hinlenkend, und vier Stern' erblickt' ich,
Nie sonst geschaut, als von den ersten Menschen.

Zu freun schien sich der Himmel ihrer Flammen.
O mitternächtige, verwaiste Gegend,
Weil deß beraubt du bist, sie zu erblicken!

Als nun von ihrem Anblick ich geschieden,
Indem ich mich zum andern Pole wandte,
Wo schon der Wagen war hinabgesunken:

Sah neben mir ich einen Greis, allein,
Dem Ansehn nach so großer Ehrfurcht würdig,
Als nur der Sohn dem Vater zollen kann.

Lang war, mit weißem Haar vermischt, sein Bart,
Im übrigen dem Haupthaar gleich, von welchem
Zwei Locken auf die Brust herab ihm fielen.

Die Strahlen jenes heil'gen Viergestirns
Umgaben sein Gesicht mit solchem Glanze,
Daß es mir war, als sei vor ihm die Sonne.

»Wer seid ihr, die, dem dunkeln Strom entgegen,
Entflohn ihr seid dem ewigen Gefängniß?«
Sagt' er, den würdevollen Bart erhebend.

»Wer war euch Führer, oder wer die Leuchte,
Als ihr hervorgingt aus der tiefen Nacht,
Die unablässig schwärzt das Thal der Hölle?

Verletzt man die Gesetze so des Abgrunds?
Hat man im Himmel neuen Plan beschlossen,
Daß ihr, Verdammte, kommt zu meinen Höhlen?« -

Darauf erfaßte schnell mich mein Begleiter
Und mahnte mich durch Worte, Händ' und Winke,
Mit Knien und Augen Ehrfurcht zu bezeigen.

Hierauf begann er: »Von mir selbst nicht kam ich.
Vom Himmel kam ein Weib, auf deren Bitten
Ich diesem als Begleiter beigestanden.

Doch da dein Will' es ist, mehr zu erfahren
Von dem, was Wahres sei an unserm Zustand,
Kann nicht der meine sein, es dir zu weigern.

Es sah der hier noch nicht den letzten Abend;
Doch war er ihm sehr nah durch seine Thorheit:
Nur um ein Kleines wär' er abgerollt.

Wie ich gesagt: ich ward ihm zugesendet,
Um ihn zu retten; und nicht andern Weg
Als diesen gab's, den ich hieher genommen.

Gezeigt ihm hab' ich all das Sündenvolk
Und will ihm nun auch jene Geister zeigen,
Die unter deiner Obhut hier sich läutern.

Lang wär's, zu sagen, wie ich ihn geführet.
Von oben stammt die Kraft, die, dich zu sehen,
Zu hören dich, mir ihn geleiten hilft.

Gefall' es dir, sein Kommen gut zu heißen:
Er sucht die Freiheit, ein so theures Gut,
Wie der weiß, der für sie sein Leben opfert.

Du weißt es; denn nicht war für sie dir bitter
Der Tod in Utica, wo du die Hülle
Wegwarfst, die glänzen wird am großen Tage.

Nicht ward durch uns verletzt die ew'ge Satzung:
Denn dieser lebt, und mich hält Minos nicht,
Da aus dem Kreis' ich bin, wo deiner Marcia

Sittsames Aug' in seinem Blick dich anfleht,
Du wollest, heil'ge Brust, sie dein noch achten.
So sei bei ihrer Lieb' uns denn geneigt!

Laß uns durchwandern deine sieben Reiche;
Ich werde deinen Dank zurück ihr bringen,
Wenn du's erlaubst, da unten dich zu nennen.« -

»So sehr war Marcia meiner Augen Weide,
So lang ich dort war«, sprach er drauf, »daß ich
Ihr jede Gunst erwies, die sie verlangte.

Nun, da jenseit des schlimmen Stroms sie weilet,
Bewegt sie mich nicht mehr, ob des Gesetzes,
Gegeben, als die Vorhöll' ich verließ.

Doch, schickt und leitet dich ein Weib des Himmels,
Wie du gesagt, bedarf es nicht des Schmeichelns:
Es gnüget, daß du es durch sie begehrest.

Geh denn und lasse diesen sich umgürten
Mit glatter Bins' und das Gesicht sich baden,
Daß er von jedem Schmutz gesäubert werde;

Denn nie darf man mit Augen, die nur irgend
Ein Nebel hält umflort, dem Diener nahen,
Der von den Ersten ist im Paradiese.

Dies Inselchen trägt um den tiefsten Strand her,
Dort unten, wo die Wogen es bespülen,
Der Binsen manch' in seinem weichen Schlamme;

Denn keine andre Pflanze, welche Zweige
Hervortreibt oder Holz wird, kann dort wachsen,
Weil sie den Stößen nicht nachgiebig ist.

Dann aber kehrt nicht mehr hieher zurück:
Die Sonne, die jetzt aufgeht, wird euch weisen.
Besteigt den Berg nur am bequemsten Aufgang.« -

Damit verschwand er. Ich nun, ohn' ein Wort
Zu sagen, stand ich auf und trat ganz nahe
Zum Führer hin und wandt' auf ihn die Augen.

Und er begann: »Sohn, folge meinen Schritten!
Umkehren laß uns, denn von diesseits neigt
Sich diese Ebne nach den untern Grenzen.« -

Die Dämmrung siegte ob der Morgenfrühe,
Die vor ihr floh, so daß ich schon von ferne
Der Meereswellen Flimmern unterschied.

Wir gingen auf der öden Ebne vorwärts,
Wie wer zurückkehrt zur verfehlten Straße;
Denn bis zu ihr zu gehn erscheint ihm nutzlos.

Als wir dahin gelangt, wo mit der Sonne
Der Thau im Streit, und weil an schatt'gem Ort
Er sich befindet, wenig sich verringert:

Da legte ausgestreckt die beiden Hände
Der Meister sanft hin auf das zarte Gras,
Worauf ich, als ich seine Kunst gewahrte,

Entgegenhielt ihm die bethränten Wangen:
Da bracht' er nun an mir zum Vorschein wieder
Die Farbe, so die Hölle mir verdunkelt.

Drauf kamen wir an das verlassne Ufer,
Das keinen seine Flut beschiffen sah,
Der dann der Rückkehr kundig sei gewesen.

Hier gürtet' er mich nun, wie jener wollte:
O Wunder! - wie er die bescheidne Pflanze
Sich ausgewählt, erzeugte sie sich dort,

Wo er sie ausgerissen, plötzlich wieder.


Gesang 02

Es war die Sonne schon zum Horizonte
Gekommen, dessen Mittagskreis bedecket
Jerusalem mit seinem Scheitelpunkte;

Schon stieg die Nacht, ihr gegenüber kreisend,
Aus Ganges' Flut empor mit jener Wage,
Die, wenn sie voll wird, ihrer Hand entsinkt:

So daß die weißen wie die rothen Wangen
Der lieblichen Aurora, wo ich war,
Sich golden färbten vor zu hohem Alter.

Noch schritten wir längs des Gestades hin,
Wie Leute, die den Weg sich überdenken,
Im Herzen gehn, doch mit dem Körper weilen.

Und sieh - gleichwie beim Nahn des Morgenlichtes,
Gen Abend hin, tief auf der Meeresfläche,
Mars röthlich durch die dicken Nebel schimmert:

So schien mir dort - o möcht' ich noch es sehen! -
Durch's Meer ein Licht so schnell herbeizukommen,
Daß seinem Lauf kein Flug sonst zu vergleichen.

Und als ein Weilchen ich von ihm das Auge
Hinweggewandt, den Führer zu befragen,
Sah ich es glänzender und größer wieder.

Darauf erschien an ihm von allen Seiten
Ein unerklärbar weißer Glanz und unten
Ging nach und nach ein andrer von ihm aus.

Und noch verlor mein Meister nicht ein Wort,
Bis jenes erste Weiß die Flügel aufthat,
Worauf den Steuermann er wohl erkannte

Und rief: »Geschwind laß auf die Knie dich nieder!
Den Engel Gottes sieh! die Hände falte!
Von nun an wirst du solche Boten sehen.

Sieh, wie der Menschen Mittel er verschmähet,
Er brauchet Ruder nicht, noch andre Segel
Als seine Flügel, nach so fernen Ufern.

Sieh, wie er nach dem Himmel sie gerichtet,
Die Luft mit ewigem Gefieder schlagend,
Das nicht wie sterblich Haar den Stoff verändert.« -

Als mehr und mehr der göttliche Beschwingte
Dann auf uns zukam, zeigt' er stets sich heller,
Daß in der Näh' ihn nicht ertrug das Auge.

Drum schlug ich's nieder. Jener kam an's Ufer
In einem Nachen, also schnell und leicht,
Daß er im Wasser keine Spur zurückließ.

Am Steuer stand der überird'sche Fährmann,
Dem Seligkeit war an die Stirn geschrieben,
Und drinnen saßen mehr als hundert Geister.

»In exitu Israel de Aegypto«
Begannen alle nun mit einer Stimme,
Und alles, wie's im Psalme weiter heißt.

Drauf segnet' er sie mit des Kreuzes Zeichen:
Da stürzten alle nach dem Strande hin,
Und er fuhr schnell davon, wie er gekommen.

Die Schaar, die dort zurückblieb, schien am Orte
Sich fremd zu fühlen, als sie um sich schaute,
Wie einer, der in Neuem sich versucht.

Nach allen Seiten hin warf hellen Tag
Die Sonne, die mit blitzenden Geschossen
Den Steinbock von des Himmels Mitte jagte:

Als gegen uns das neugekommne Volk
Die Stirn erhob und sprach: »Wenn ihr ihn wisset,
Zeigt uns den Weg, der nach dem Berge führet.« -

Virgil antwortete: »Ihr seid vermuthlich
Des Glaubens, daß des Orts wir kundig wären;
Doch wir sind fremd hier, so wie ihr es seid.

Wir sind nur kurz vor euch erst hergekommen,
Auf andrem Wege, der so rauh und mühsam,
Daß Spiel uns scheinen wird, den zu ersteigen.« -

Die Seelen, die an mir gewahr geworden,
Daß ich noch lebte, weil ich Athem holte,
Verwunderten sich sehr und wurden bleich.

Und wie den Boten, der den Oelzweig trägt,
Das Volk umdrängt, um Neues zu erfahren,
Und niemand scheut, daß er getreten werde:

So starrten die beglückten Seelen alle
Mir in's Gesicht, so viel auch ihrer waren,
Uneingedenk, daß sie sich läutern wollten.

Hervor aus ihnen sah ich eine schreiten,
Mich zu umarmen, mit so großem Drange,
Daß mich's bewog, das Nämliche zu thun.

O leere Schatten, nur zum Ansehn tauglich!
Dreimal umschlang ich ihn mit meinen Armen
Und dreimal kehrten leer zur Brust sie wieder.

Vor Staunen, glaub' ich, wechselt' ich die Farbe,
Darob der Schatten lacht' und sich zurückzog,
Und ich schritt, folgend, über ihn hinaus.

Sanft sagt' er mir, ich möchte stille halten:
Daran erkannt' ich, wer er war, und bat ihn,
Daß er, mit mir zu sprechen, kurz verweile.

Er gab zur Antwort: »So wie ich dich liebte
Im Erdenleib, so nun auch frei von ihm;
Drum bleib' ich stehn; allein wohin denn gehst du?« -

»O mein Casella! einst zurückzukehren
Hieher, wo jetzt ich bin, mach' ich die Reise«,
Sagt' ich, »doch was hielt dich so lang zurück?« -

Und er zu mir: »Geschehn ist mir kein Unrecht,
Wenn der, der aufnimmt, wann und wen er will,
Mehrmals die Ueberfahrt mir hat verweigert.

Denn aus gerechtem Willen stammt der seine.
In Wahrheit nahm er seit drei Monden Jeden,
Wer es nur wollte, mit Befried'gung ein.

Drum ich, der sich zur Küste hingewendet,
Da wo der Tiber Wellen salzig werden,
Auch gütig von ihm aufgenommen wurde

An jener Mündung, welche seinem Fittig
Zum Ziele dient; denn dort nimmt stets man auf,
Wer nicht zum Acheron hinab gestürzt wird.« -

Und ich: Versagt ein neu Gebot dir nicht
Erinnrung oder Brauch des Liebessanges,
Der oftmals all mein Sehnen mir gestillt,

So mög' es dir gefallen, mir die Seele
Etwas zu trösten, die, mit ihrem Leibe
Hieher gekommen, sehr ermattet ist.« -

»O Liebe, die zu mir im Geiste redet«,
Begann hierauf er also süß zu singen,
Daß mir im Innern fort noch tönt die Süße.

Mein Meister, wie auch ich und jene Seelen,
Die bei ihm standen, waren so ergriffen,
Als gab's für unsern Geist nichts Andres mehr.

Wir gingen all' aufmerksam und gespannt
Auf seine Tön', als flugs der würd'ge Greis
Ausrief: »Was ist denn das, ihr trägen Geister?

Welch lässig Zaudern, welch Verweilen ist das?
Eilt hin zum Berg, der Rind' euch zu entkleiden,
Die euch am Anschaun Gottes noch verhindert!« -

Wie Tauben, die, versammelt auf der Weide
Und ohne, nach Gewohnheit, sich zu brüsten,
Sich ruhig Körner oder Unkraut picken,

Sobald sich etwas zeigt, was sie verschüchtert,
Das Futter augenblicklich liegen lassen
Weil sie von größrer Sorg' ergriffen sind:

So sah ich jene frischgekommne Schaar
Weggehen vom Gesang, hin nach dem Berge,
Gleich dem, der geht und doch das Ziel nicht kennt.

Und auch nicht minder schnell war unser Scheiden.


Gesang 03

Obschon die eil'ge Flucht sie, die zum Berge
Sich wendeten, wohin Vernunft uns treibt,
Durch das Gefild umher zerstreuet hatte,

So hielt doch ich mich an den treuen Führer;
Wie wär' ich denn ohn' ihn auch hingekommen?
Wer hätte mich den Berg hinaufgeleitet?

Doch schien er bei sich selber sich zu tadeln.
O würdiges, empfindliches Gewissen,
Wie ist dir kleiner Fehl so bittrer Stachel!

Als seine Füße nun die Eile hemmten,
Die jeder Handlung ihre Würde raubet:
Da ließ mein anfangs engbeklommner Sinn,

Gleichsam entzückt, der Sehnsucht freien Lauf:
Ich richtete mein Antlitz nach dem Berge,
Der zu dem Himmel sich sehr hoch erhebet.

Die Sonne, die mir roth im Rücken flammte,
Erschien gebrochen vorn durch meinen Körper,
Woran die Strahlen Widerstand erfuhren.

Ich wandte mich zur Seiten, in der Furcht,
Daß ich verlassen worden, als die Erde
Vor mir allein ich nur verdunkelt sah.

Und er mein Trost: »Warum mißtraust du denn?«
Begann zu mir herumgewandt zu sprechen,
»Glaubst du, ich sei nicht bei dir, ich dein Führer?

Schon Abend ist es dorten, wo begraben
Mein Körper liegt, mit dem ich Schatten warf;
Neapel hat ihn, und Brundusium mißt ihn.

Nun, wenn er jetzt vor mir nicht Schatten wirft,
Sei dir's mehr Wunder nicht, als jene Himmel,
Wo einer nicht des andern Licht verhindert.

Qual zu erdulden, heiße so wie kalte,
Macht derlei Körper fähig jene Kraft,
Die, was sie schafft, vor unserm Blick verhüllet.

Ein Thor ist, wer da hofft, daß unser Denken
Den endlos weiten Weg durchlaufen könne
Der einen Wesenheit in drei Personen.

Befriedigt euch, ihr Menschen mit dem Weil;
Denn wenn ihr alles hättet einsehn können,
So war nicht nöthig, daß gebar Maria.

Vergebens schmachten saht ihr ja so Große,
Daß wohl gestillt wär' worden ihr Verlangen,
Das ihnen nur zur ew'gen Klage dient.

Wohl mein' ich Aristoteles und Plato
Und andre viel« - - Hier neigt' er seine Stirne,
Und sprach nichts weiter und verharrt in Trauer. -

Indeß gelangten wir zum Fuß des Berges.
Hier fanden wir den Felsen also steil,
Daß hurt'ge Füße da vergeblich waren.

Die zwischen Lerici und Turbia wildste,
Einsamste Straße ist noch eine Treppe,
Die, gegen jene, leicht ersteigbar scheint.

»Wer weiß nun, wo der Abhang so sich neigt«,
Begann der Meister, seinen Schritt anhaltend,
»Daß, wer nicht Flügel hat, aufklimmen könne?«

Und weil er noch, den Blick zur Erde senkend,
Des Wegs Beschaffenheit bei sich erwog,
Und ich zur Höh umher am Felsen schaute:

Erschien zur linken Hand mir eine Schaar
Von Seelen, die sich auf uns zu bewegten;
Doch schien's nicht so, weil sie zu langsam gingen.

Erheb, o Meister«, sagt' ich, »deine Augen,
Da kommt von dort, der uns wird Rath ertheilen,
Wenn du von selber ihn nicht finden kannst.« -

Er sah darauf mich an und freien Blickes
Sprach er: »Gehn wir dahin, sie schreiten langsam;
Steh fest in deiner Hoffnung, lieber Sohn.« -

Als wir wohl tausend Schritt gethan, befand sich
Die Schaar von uns noch so entfernt, so weit
Wohl mit der Hand ein guter Schleudrer würfe.

Als alle sich zum harten Felsen drängten
Des hohen Abhangs, fest und unbeweglich,
Wie jemand schaut, der einen Zweifel hegte:

»O wohl geschiedne, auserwählte Geister«,
So sprach Virgil sie an, »bei jenem Frieden,
Den, wie ich glaub', ihr allesammt erwartet:

Sagt uns doch, wo der Berghang so sich neiget,
Daß zu der Höh der Aufgang möglich wird;
Denn wer mehr weiß, haßt mehr den Zeitverlust.« -

Wie aus dem Stall die Schafe gehen, einzeln,
Zu zwei'n, zu dreien, und die andern furchtsam
Dastehn, zu Boden Aug' und Schnauze senkend,

Und was das erste thut, thun auch die andern,
Sich an die Seit' ihm drängend, wenn es stehn bleibt,
Einfältig sanft, und das Warum nicht wissend:

So sah den Leiter der glücksel'gen Heerde
Ich nun zum Vorwärtskommen sich bewegen,
Verschämt im Antlitz und ehrbaren Ganges.

Sobald die Vordern unterbrochen sahen
Das Licht zu meiner Rechten auf der Erde,
So daß dem Felsen zu der Schatten lag:

Verweilten sie, etwas zurück sich ziehend;
Und all die Andern, die dahinter kamen,
Den Grund nicht kennend, thaten ebenso.

»Auch ohne daß ihr fragt, will ich euch sagen,
Daß dieser, den ihr seht, lebend'ger Leib ist:
Drum ist der Sonne Schein zertheilt am Boden.

Seid nicht darob verwundert, sondern glaubet,
Daß ohne Kraft nicht, die der Himmel sendet,
Er diese Wand zu übersteigen wage.« -

Also der Meister, und die würd'ge Schaar
Sprach: »Kehret um und schreitet vor uns her!«
Und macht' ein Zeichen mit der Hände Rücken.

Von ihnen einer sprach: »Wer du auch seiest,
Kehr, also wandelnd, dein Gesicht mir zu
Und sinne nach, ob jenseits du mich sahest.« -

So that ich denn und blickte starr ihn an.
Schön war und blond er und von edlem Anblick,
Doch eine Braue hatt' ein Hieb gespalten.

Als drauf ich ehrerbietig es verneint,
Ihn je gesehn zu haben, sagt' er: »Siehe!«
Und zeigt ein Wundenmal zu höchst der Brust.

Dann sprach er lächelnd weiter: »Manfred bin ich,
Der Enkelsohn der Kaiserin Constanze:
Drum bitt' ich dich, geh, wenn zurück du kehrest,

Zu meiner schönen Tochter, die der Welt
Siciliens und Castiliens Stolz geboren:
Sag ihr das Wahre, wenn man andres saget.

Nachdem der Leib mir durch zwei Todeswunden
Gebrochen worden, gab ich mich mit Thränen
Zurück an Jenen, welcher gern verzeiht.

Furchtbar hatt' ich gesündigt; doch die Gnade
Hat, die unendliche, so weite Arme,
Daß gern sie aufnimmt, was zu ihr sich wendet.

Wenn damals nur der Seelenhirt Cosenza's,
Den Clemens mich zu jagen ausgesendet,
Dies Blatt, in Gott bedacht, gelesen hätte:

So lägen die Gebeine meines Leibes
Bei Benevento's Brückenausgang noch
Im Schutz des Steinmals, unter dessen Bürde.

Jetzt wäscht der Regen sie, fegt sie der Wind
Fast aus dem Reich hinaus, entlängs des Verde,
Wohin man mit gelöschtem Licht sie brachte.

Doch schadet nicht ihr Fluch so sehr, daß nicht
Die ew'ge Liebe wiederkehren könne,
So lang die Hoffnung Keime zeigt des Grünens.

Wahr ist, daß, wer im Bann der heil'gen Kirche
Hinscheidet, wenn am End' er auch bereuet,
An diesem Abhang dreißigmal so lange

Für alle Zeit, die er im Trotz verharrte,
Verweilen muß, wenn solcherlei Beschluß nicht
Durch manch ein fromm Gebet Abkürzung findet.

So sieh denn zu, ob du mich kannst erfreuen,
Berichtend meiner trefflichen Constanze,
Wie du mich sahst, und dies Verbot dazu;

Denn für uns hier kann jenseits viel geschehen.«


Gesang 04

Wenn bei'm Ergetzen oder auch bei'm Leiden,
Das irgend eine Kraft in uns erfasset,
Die Seele ganz in dieser Kraft sich sammelt:

So scheint sie keiner andern mehr zu achten;
Und dies beweist den Irrthum, wenn wir meinen,
Daß Seelen mancher Art in uns erglühten.

Und deshalb, hört man etwas oder sieht es,
Was unsre Seele mächtig an sich fesselt,
Wird man nicht inne, wie die Zeit entschwindet;

Denn eine andre Kraft ist, die da höret,
Als die, die unsre Seele gänzlich einnimmt:
Dies' ist gebunden gleichsam, jene frei.

Hievon wurd' ich in Wahrheit überzeugt,
Als jenem Geist ich mit Bewundrung horchte;
Denn funfzig Grade hatt' erstiegen wohl

Die Sonn', und nicht gewahr geworden war ich's,
Als wir hinkamen, wo mit eins die Seelen
Uns zuschrien: »Hier der Ort, wonach ihr trachtet!«

Oft ist die Lücke größer, die der Landmann
Mit einer Gabelvoll von seinen Dornen
Im Zaun ausbessert, wenn der Wein sich bräunet,

Als dort der enge Paß war, den allein wir,
Mein Führer und ich hinter ihm, erklommen,
Nachdem von uns die Schaar getrennt sich hatte.

San Leo erreicht man, steigt nach Noli nieder
Und nach Bismantova empor zum Gipfel
Auf seinen Füßen, doch hier muß man fliegen;

Mit schnellen Schwingen, mein' ich, dem Gefieder
Der großen Sehnsucht, nachgezogen Jenem,
Der Hoffnung mir verlieh und Einsicht gab.

Wir klommen in dem Riß des Felsen aufwärts;
An jeder Seite streiften wir die Wand,
Und Fuß und Hand erheischt' der Boden unten.

Als wir jetzt auf dem höchsten Simse standen
Des hohen Abhangs, in der offnen Gegend:
»Mein Meister«, sprach ich, »wie nun geht es weiter?« -

Und er zu mir: »Thu keinen Fehltritt abwärts;
Gewinne hinter nur nur stets den Berg,
Bis ein erfahrner Führer sich uns zeiget.« -

Der Blick erreichte nicht des Gipfels Höhe,
Und steiler war der Abhang als die Linie,
Die den Quadranten nach der Hälfte theilt.

Ich war ermattet, als ich jetzt begann:
»O lieber Vater, kehr dich um und siehe,
Ich bleib allein zurück, wenn du nicht weilest.« -

»O Sohn«, versetzt' er, »müh dich bis dahin nur«,
Und zeigt' auf einen Vorsprung, etwas höher,
Der ganz umkreist den Berg von jener Seite.

Da spornten seine Worte so mich an,
Daß ich ihm nach mit Hand und Fuß mich mühte,
Bis ich den Gürtel unter mich gewann.

Nun setzten beide wir darauf uns nieder,
Nach Ost gerichtet, wo wir aufgestiegen,
Da jeder gern sich umzuschauen pflegt.

Erst blickt' ich auf die tiefen Ufer nieder,
Dann auf zur Sonn', und ich war drob verwundert,
Daß ihre Strahlen uns von links her trafen.

Der Dichter sahe wohl, daß ganz in Staunen
Ich mir betrachtete des Lichtes Wagen,
Wo zwischen uns und Mitternacht er hinzog.

»Wenn Castor«, sagt' er drum zu mir, »und Pollux
In der Gesellschaft jenes Spiegels wären,
Der auf- und niederwärts sein Licht entsendet:

So würdest du den röthlich glühnden Thierkreis
Noch näher bei den Bärenkreisen sehen:
Er wiche denn aus seiner alten Bahn.

Wenn du nun einsehn willst, wie dies geschehe,
So denk, in dir gesammelt, Zion dir
Und diesen Berg so auf der Erde stehend,

Daß beide Einen Horizont nur haben,
Doch andre Hemisphären; drum der Weg,
Den Phaëton zum Unheil schlecht befahren,

Wie du erkennen wirst, zur einen Seite
Dem hier, zur andern jenem gehen muß,
Wenn dein Verstand recht deutlich dies erwäget.« -

»Gewiß, mein Meister«, sprach ich, »niemals hab' ich
So klar gesehn hierin, wo meine Einsicht
Mir mangelhaft erschien, als jetzt ich sehe:

Daß des erhabnen Umschwungs Mittelkreis,
Den eine Wissenschaft Aequator nennet,
Und der stets fest bleibt zwischen Sonn' und Winter,

Aus jenem deinem Grunde sich von hier aus
Nordwärts so weit entfernt, als die Hebräer
Ihn nach der heißen Gegend liegen sahen.

Doch, wenn dir's nicht zu lästig, möcht' ich wissen,
Wie viel des Wegs noch ist; es steigt der Gipfel
Ja höher auf, als meine Augen reichen.« -

Und er zu mir: »Der Berg ist so beschaffen,
Daß er, am Anfang unten stets beschwerlich,
Je mehr man aufsteigt, mindre Mühe macht.

Drum, wenn er so gemächlich dir wird scheinen,
Daß dir so leicht wird sein das Aufwärtssteigen,
Als führest du stromabwärts auf dem Schiffe:

Dann wirst am Ziel du dieses Weges sein;
Dort hoffe von den Mühen auszuruhen.
Mehr sag' ich nicht; dies weiß ich für gewiß.« -

Kaum daß er nun sein Wort geendigt hatte,
Sprach eine Stimm' in unsrer Näh: »Vielleicht
Wirst du vorher zu sitzen nöthig haben.« -

Beim Ton derselben wandten wir uns um
Und sahn zur Linken einen großen Felsblock,
Den erst nicht ich, noch er gesehen hatte.

Dort mühten wir uns hin; da waren Leute,
Die hinter jenem Stein im Schatten standen,
Wie solche, die aus Trägheit an sich lehnen.

Und ihrer Einer, der sehr matt mir schien,
Saß und umfing die Knie mit beiden Armen
Und hielt sein Antlitz zwischen sie gesenkt.

»Mein lieber Meister«, sprach ich, »siehe doch
Den dort, der sich am lässigsten bezeiget,
Als wenn die Faulheit seine Schwester wäre.« -

Da wandt' er sich und blickte scharf uns an,
Das Antlitz über'n Schenkel nur erhebend,
Und sagte: »Steig hinauf, denn du bist rüstig.«

Hierauf erkannt' ich ihn, und die Beklemmung,
Die etwas noch beschleunigte den Athem,
Behinderte mich nicht, zu ihm zu gehen;

Und als ich bei ihm stand, hob kaum das Haupt er
Und sprach: »Hast du gesehen, wie die Sonne
Zur linken Schulter ihren Wagen führet?« -

Sein träg Geberden und die kargen Worte
Bewegten meine Lipp' etwas zum Lächeln;
Da nun begann ich: »Jetzt, Belacqua, dauerst

Du mich nicht mehr; doch sag mir, warum sitzest
Du grade hier: harrst du auf einen Führer?
Wie, oder pflegst du der gewohnten Weise?« -

Und er: »Was, Bruder, trägt das Steigen ein?
Der Pförtner Gottes, der der Schwelle hütet,
Er ließe doch mich nicht zum Läutrungsfeuer.

Erst muß hier draußen mich so oft der Himmel
Umkreisen, als er es beim Leben that,
Weil bis auf's End' ich meine Reu versparte.

Hilft mir nicht früher ein Gebet, das aufsteigt
Aus einem Herzen, das in Gnaden lebt:
Was hilft ein andres, das Gott nicht genehm ist?« -

Doch stieg der Dichter vor mir schon bergan
Und sagte: »Komm nun; sieh, es hat die Sonne
Den Mittagskreis erreicht, und an dem Strande

Bedeckt der Fuß der Nacht bereits Marocco.«


Gesang 05

Schon war ich von den Schatten weggegangen
Und folgte den Fußstapfen meines Führers,
Als hinter mir, den Finger auf mich richtend,

Der eine rief: »Sieh, bei dem Untern scheinet
Der Sonnenstrahl zur Linken nicht zu leuchten,
Auch scheint wie lebend er sich zu geberden.« -

Beim Tone dieser Worte schaut' ich rückwärts
Und sah, wie sie mit Staunen nach mir blickten,
Nach mir nur und dem unterbrochnen Lichte.

»Was läßt du dir den Geist so sehr befangen,«
Begann der Meister, »daß im Gehn du einhältst?
Was kümmert dich, was hier man zu sich raunet?

Komm, folge mir und laß die Leute reden!
Fest wie ein Thurm steh, dessen Spitze niemals
Sich hin und her bewegt im Wehn der Winde.

Denn stets entfernt der Mensch, in dem Gedanke
Sich auf Gedanke jagt, sich von dem Ziele,
Da einer ja des andern Feuer schwächt.« -

Was konnt' ich darauf sagen, als: »Ich komme.« -
So sagt' ich, überflogen von der Röthe,
Die oft uns der Verzeihung würdig macht.

Inzwischen kamen Leute quer den Abhang,
Die eine kurze Strecke vor uns gingen
Und Vers für Vers das »Miserere« sangen.

Als sie gewahrten, daß ich keinen Durchgang
Dem Licht gestattete durch meinen Körper,
Schloß ihr Gesang mit langem, heisrem Oh!

Und zwei von ihnen, gleichsam Abgesandte,
Sie eilten uns entgegen mit der Frage:
»Wollt ihr uns euren Zustand wissen lassen?« -

Worauf mein Meister: »Kehrt nur wieder um
Und saget denen, die euch abgesendet,
Es sei hier dessen Körper wahres Fleisch.

Und blieben stehn sie seines Schattens wegen,
Wie ich vermuthe, gnüge das als Antwort:
Man ehr' ihn; werth noch kann er ihnen sein.« -

Nie hab' ich noch so schnell entflammte Dünste
Bei Nachtanbruch das Blau zertheilen sehen,
Noch, wenn die Sonne sank, Augustgewölke,

Als jen' in kürzrer Zeit emporwärts eilten
Und mit den andern dann zu uns zurück,
Gleich einer Schaar mit losgelassnem Zügel.

»Viel sind der Leute, die uns so bedrängen
Und dich zu bitten kommen«, sprach der Dichter,
»Drum geh und hör sie an im Weitergehen.« -

»O Seele, die zur Seligkeit du wallest
Mit jenem Leib, den die Geburt dir gab«,
So riefen sie, »halt ein den Schritt ein wenig.

Schau, ob du einen je von uns gesehen,
Daß jenseits du von ihm berichten kannst;
Ach, warum gehst du, warum nicht verweilst du?

Wir alle sind gewaltsam einst gestorben
Und waren Sünder bis zur letzten Stunde,
Bis uns des Himmels Licht es ließ gewahren;

So daß wir, reuig und Verzeihung übend,
Mit Gott in Frieden aus dem Leben schieden,
Den zu erschaun uns jetzt Verlangen quält.« -

Und ich: »Wie sehr ich euch in's Antlitz blicke,
Doch kenn' ich keinen; wünscht ihr aber etwas,
Was ich zu thun vermag, erkorne Geister:

So sprecht, und ich will's thun, bei jenem Frieden,
Der mich von Welt zu Welt ihn suchen heißet,
Indem ich solchen Führers Schritten folge.

Und Einer sprach darauf: »Wir alle glauben,
Was du versprichst, auch ohne daß du schwörest,
Wenn Ohnmacht nur den Willen nicht vereitelt;

Weshalb ich, der zuerst das Wort ich nehme,
Dich bitte, wenn du je das Land, das zwischen
Carls Reich und der Romagna liegt, erblickest,

Um so mit deinen Bitten mir in Fano
Hülfreich zu sein, daß dort man für mich bete,
Damit ich sühnen kann die schweren Sünden.

Von dort her war ich; doch die tiefen Wunden,
Woraus das Blut floß, das mich einst belebte,
Empfing im Schooß ich der Antenoriden,

Wo ich am sichersten zu sein vermeinte.
Von Este der bewirkt' es, dessen Zorn
Viel weiter ging, als Billigkeit erlaubte.

Doch wenn ich hingeflohn nach Mira wäre,
Als man mich überfiel bei Oriaco,
So wär' ich jenseits noch, allwo man athmet.

Ich lief zum Sumpf, verfing in Schlamm und Rohr mich,
So daß ich fiel, und sah dort einen See
Sich auf der Erd' aus meinem Blute bilden.« -

Dann sprach ein Andrer: »Sollte das Verlangen,
Das dich zur Höhe ziehet, sich erfüllen,
So hilf dem meinen auch mit frommem Sinne.

Ich war von Montefeltro, war Buonconte;
Nicht sorgt für mich Johanna, noch ein Andrer:
Drum geh' gesenkten Blicks ich unter diesen.« -

Und ich: »Welch Schicksal hat, welch Abenteuer
Dich so von Campaldino weggeführet,
Daß nie man deine Grabesstätte wußte?« -

»O«, sagt' er drauf, »am Fuß des Casentino
Strömt quer ein Wasser, Namens Archiano,
Am Apennin entspringend überm Kloster.

Dort, wo sein Name sich verlieret, kam ich,
Zu Fuße fliehend, mit durchstochner Kehle,
Das Feld mit meinem Blut befleckend, an.

Hier schwand mir die Besinnung wie die Rede:
Verstummend, während ich Maria sagte,
Fiel hin ich und ließ nur den Leib zurück.«

Das Wahre sag' ich; meld' es den Lebend'gen.
Ein Engel Gottes nahm mich, doch ein Dämon
Schrie: »Du vom Himmel, was beraubst du mich?

Du führest dessen ew'ges Theil mit dir,
Das mir entgeht um eines Thränleins willen;
Doch werd' ich mit dem andern anders schalten.« -

Du weißt gar wohl, wie in der Luft sich sammelt
Der feuchte Dunst, der rückkehrt in das Wasser,
Sobald er aufsteigt, wo die Kält' ihn trifft:

Der böse Wille, der nur Unheil sinnet,
Vereint mit Scharfsinn, regte Dampf und Sturm
Auf durch die Kraft, so ihm Natur verliehen.

Drauf hüllt das Thal er, als der Tag erloschen,
Von Pratomagno bis zum großen Joche,
In Nebel und bedeckt den Himmel oben,

So daß die schwangre Luft zu Wasser wurde.
Der Regen fiel und in die Bäch' ergoß sich
Das, was das Land davon nicht in sich sog;

Und wie's mit größern Bächen sich vereinigt,
Hin stürzt' es nach dem königlichen Strome
So schnell, daß keine Macht zurück es hielt.

Der wilde Archian fand meinen Leichnam
Erstarrt an seiner Mündung und er trieb ihn
Zum Arno, auf der Brust das Kreuz mir lösend,

Das ich, von Schmerz bezwungen, auf mir machte:
Dann wälzt' er durch die Ufer mich zum Abgrund,
Umhüllt' und deckte mich mit seinem Raube.« -

»Ach, wenn zur Welt du bist zurückgekehret
Und ausgeruht von deiner langen Reise«,
Begann der dritte Geist nun nach dem zweiten:

»Erinnre meiner dich! Ich bin die Pia;
Siena gab, Maremma nahm den Leib mir:
Der weiß es, welcher, sich mit mir vermählend,

Beringt mich einst mit seinem Ringe hatte.« -


Gesang 06

Beim Auseinandergehn vom Würfelspiele
Bleibt, wer verlor, verdrießlich noch zurück
Und probt verstört noch einmal durch die Würfe,

Indeß die Menge mit dem andern weggeht;
Der rennt voraus, der zupfet ihn von hinten,
Der bringt sich von der Seit' ihm in's Gedächtniß.

Doch sonder Aufhalt hört er den und jenen;
Wem er die Hand reicht, dringt in ihn nicht weiter,
Und also macht er vom Gedräng sich los.

So ging es mir in jenem dichten Haufen,
Da mein Gesicht ich hin und wieder wandte
Und mit Versprechen mich von ihm befreite.

Hier war der Aretiner, der den Tod
Von Ghin di Tacco's wildem Arm empfangen,
Und jener, so ertrunken bei der Hetzjagd.

Hier hat, erhobnen Armes, Federigo
Novello, wie von Pisa der, der wacker
Sich zeigen ließ den trefflichen Marzucco.

Den Grafen Orso sah ich und die Seele
Getrennt von ihrem Leib durch Haß und Neid,
Nicht durch begangne Schuld, wie sie mir sagte;

Pierre de la Prosse mein' ich. Mag sich vorsehn,
So lang sie athmet, die Brabanterin,
Daß drob sie nicht zu schlimmrer Schaar einst zähle.

Als ich nun los all jener Schatten war,
Die flehten, daß ein Andrer für sie bitte,
Daß ihre Heiligung beschleunigt werde:

Begann ich nun: »Du scheinest mir ausdrücklich
An einer Stell', o du mein Licht, zu leugnen,
Daß das Gebet des Himmels Rathschluß beuge;

Und diese Leute bitten stets um solches.
Sollt' ihre Hoffnung deshalb eitel sein?
Wie, oder ist dein Wort mir nicht recht klar?« -

Und er zu mir drauf: »Meine Schrift ist deutlich,
Und auch die Hoffnung Jener ist kein Irrthum,
Erwägt man es mit recht gesundem Geiste;

Denn Gottes hoher Spruch wird nicht erniedrigt,
Wenn feur'ge Lieb' in einem Nu erfüllet
Das, welchem gnügen muß, wer hier verweilet.

Und dort, wo diesen Satz ich aufgestellt,
Ward kein Vergehen durch Gebet gesühnet,
Weil das Gebet von Gott ja noch nichts wußte.

Drum wahrlich, nicht in so erhabnen Zweifel
Vertiefe dich, wenn Jene dir's nicht sagt,
Die Licht bringt zwischen Wahrheit und Vernunft.

Vielleicht verstehst du's nicht: Beatrix mein' ich,
Die lächelnd und glückselig du wirst sehen
Hier oben auf dem Gipfel dieses Berges.« -

Und ich: »Laß eilen uns, mein guter Führer;
Schon fühl' ich mich so matt nicht als vorher
Und seh' auch, daß der Berg nun Schatten wirft.« -

»Wir werden fürder gehn an diesem Tage«,
Erwiedert' er, »so weit wir immer können;
Doch anders steht die Sach, als du dir denkest.

Denn eh du oben, siehst du wiederkehren
Die, so sich hinterm Abhang jetzt verbirgt,
So daß du ihren Strahl nicht unterbrichst.

Doch sieh dort eine einsam stehnde Seele,
Die unverwandt nach uns herüber blicket,
Die soll den kürzesten der Pfad' uns zeigen.« -

Wir gingen zu ihr. O Lombardenseele,
Wie standest stolz du und verachtend da,
So würdig langsam deinen Blick bewegend!

Sie sprach zu uns nicht das geringste Wort,
Nein, ließ uns gehn und blickt' allein uns an,
Nach Art des Löwen, wenn er ruhend daliegt.

Doch nahete sich ihr Virgil und bat sie,
Den besten Pfad zum Aufgang uns zu zeigen;
Doch Antwort nicht gab jen' auf seine Bitte;

Vielmehr nach unserm Lande frug sie uns,
Nach unserm Leben. Da begann mein Führer:
»In Mantua« ... Die ganz in sich Versunkne

Hub jetzt sich zu ihm hin von ihrer Stelle
Und sprach: »Ich bin Sordell, o Mantuaner,
Aus deiner Stadt« - und beid' umarmten sich.

Ach, Magd Italien, Wohnhaus du des Jammers,
Schiff ohne Steuermann in argem Sturme,
Nicht Herrin von Provinzen, sondern Lusthaus!

Wie eilig war doch jene edle Seele,
Blos ob des süßen Klangs der Vaterstadt,
Hier ihren Landsmann festlich zu begrüßen!

Und jetzt nicht können ohne Zwietracht bleiben,
Die in dir leben, und einander nagen,
Die eine Mauer einschließt und ein Graben.

Du Jammervolle, such an deiner Meere
Gestaden doch und schau dir dann in's Innre,
Ob sich ein Theil in dir des Friedens freuet.

Was hilft's, daß dir Justinian den Zügel
Hat wieder angelegt, wenn leer der Sattel?
Gäb's kein Gesetz, so wär' die Schmach geringer.

O Volk, du solltest doch dich unterwerfen
Und Cäsar in dem Sattel sitzen lassen,
Wenn, was dir Gott vorschreibt, du recht verständest.

Sieh, wie's so ganz zum wilden Thier geworden,
Weil du es nicht mit deinen Sporen zähmtest,
Als an den Zügel du die Hand gelegt.

O deutscher Albrecht, warum gibst du auf
Das Thier ob seiner Störrigkeit und Wildheit,
Und solltest seinen Sattel doch beschreiten.

Drum mag gerechte Schickung der Gestirne
Dein Blut betreffen, unerhört und offen,
So daß sein Nachfahr Furcht davor empfinde!

Denn ihr, du und dein Vater, habt geduldet,
Daß, da von Habsucht jenseits ihr befangen,
Des Reiches Garten wüst gelassen würde.

Komm, die Montecchi sieh, die Cappelletti,
Monald' und Filippeschi, Mann, sorgloser!
Die voller Furcht und jene voll Betrübniß.

Komm, Grausamer, und sieh die Unterdrückung
All deiner Edlen, heil auch ihre Schäden,
Und du wirst sehn, wie sicher Santafior' ist.

Komm, komm und sieh, wie sich dein Rom beklagt,
Einsam und Wittwe; wie es Tag und Nacht ruft:
»Mein Cäsar, ach, warum bist du nicht bei mir?«

Komm her und sieh dein Volk, wie es sich liebt:
Und wenn Mitleid mit uns dich gar nicht anficht,
So schäme wenigstens dich deines Rufes!

Und, wenn es mir erlaubt ist, höchster Jovis,
Der du für uns am Kreuz hienieden littest,
Worauf sonst ruht denn dein gerechtes Auge?

Ist's eine Vorbereitung etwa, die du triffst
Zu einem Heil in deines Rathes Tiefen,
Das gänzlich unsern Blick verborgen ist?

Denn von Tyrannen voll sind alle Länder
Italiens, und zum Marcellus wird
Ein jeder Schuft, der nur Parteiung stiftet.

O mein Florenz, mit dieser Abschweifung,
Die dich nicht trifft, kannst du zufrieden sein,
Dank deinem Volk, das solche Vorsicht zeiget.

In Vielen wohnt Gerechtigkeit, doch säumt sie,
Um ohne Rath zum Bogen nicht zu greifen;
Doch dein Volk trägt sie auf der Zungenspitze.

Wie Viel' entziehn sich den gemeinen Lasten;
Allein dein Volk antwortet gar behend,
Und ungerufen schreit's: »Ich nehm' es auf mich!«

Sei fröhlich denn; wohl hast du Grund dazu,
Du Reiche, Friedensvolle, du Verständ'ge!
Ob wahr ich rede, spürt man an der Wirkung.

Athen und Lacedämon, die vor Zeiten
Gesetz' ertheilten und der Sitte pflegten:
Nur wenig Zeichen guten Lebens gaben

Sie im Vergleich mit dir, die du so feine
Vorkehrung triffst, daß bis Novembers Mitte
Nicht ausreicht, was du im Oktober spannest.

Wie vielmal hast du, seit du dich erinnerst,
Gesetze, Münzen, Aemter und Gebräuche
Gewechselt und erneut des Rathes Glieder?

Und wenn du's recht bedenkst und Licht dir wird,
So wirst du sehn, du gleichest jenem Kranken,
Der Ruh nicht finden kann auf weichen Federn

Und durch Umwenden gegen Schmerzen kämpfet.


Gesang 07

Nachdem das ehrbar freudige Begrüßen
Sich dreimal oder viermal wiederholet,
Trat nun Sordell zurück und sprach: »Wer seid ihr?« -

»Eh noch die Seelen würdig, aufzusteigen
Zu Gott, zu diesem Berge sich gewendet,
Ließ mein Gebein Octavian begraben:

Ich bin Virgil; und nicht ob andren Fehles,
Als weil ich nicht geglaubt, miss' ich den Himmel!«
So ließ hierauf mein Führer sich vernehmen. -

Gleich dem, der plötzlich etwas vor sich siehet,
Worüber er erstaunt, was bald er glaubt,
Bald nicht, und sagt: es ist, nein, es ist nicht:

So ging es Jenem; drauf den Blick er senkte,
Demüthig wieder naht' und ihn umarmte
Da, wo Geringre zu umfassen pflegen.

»O der Lateiner Ruhm«, sprach er, »durch welchen,
Was sie vermocht' einst, unsre Sprache zeigte,
O ew'ger Glanz des Orts, woher ich stammte!

Welch ein Verdienst zeigt mir dich, welche Gnade?
Wenn du mich würdigest, dein Wort zu hören,
Sprich, kommst du aus der Höll'? aus welchem Kreise?«

»Durch alle Kreise jenes Reichs der Qualen«,
Antwortet' er, »bin ich daher gekommen:
Durch Himmelskraft, die mich bewogen, komm' ich.

Durch Thun nicht, nein, durch Nichtthun büßt' ich ein
Der höchsten Sonn' Anschaun, das du ersehnest,
Und die ich leider nur zu spät erkannt.

Ein Ort ist unten, traurig nicht durch Qualen,
Durch Dunkelheit allein, allwo die Klagen,
Nicht wie Geheul ertönen, nein, wie Seufzer.

Dort weil' ich unter den unschuld'gen Kleinen,
Vom Zahn des Tods getroffen, eh sie noch
Von erster Schuld des Menschen frei geworden;

Dort weil' ich unter jenen, so die heil'gen
Drei Tugenden nicht schmückten, aber fehllos
Die andern all erkannten und befolgten.

Doch wenn du's weißt und kannst, so gib uns Kunde,
Wie wir am ehsten hin gelangen, wo
Wahrhaft das Purgatorium beginnet.« -

Er sprach: »Kein fester Ort ist uns bestimmt;
Ich darf hinauf, umher auch darf ich gehen;
So weit ich kann, begleit' ich dich als Führer.

Doch siehe, wie bereits der Tag sich neigt,
Nicht rathsam ist es, in der Nacht zu steigen:
Gut wär's, an schönen Aufenthalt zu denken.

Entfernt von hier zur Rechten da sind Seelen:
Zu ihnen bring' ich dich, wenn dir's genehm ist;
Wohl ohne Freude nicht lernst du sie kennen.« -

»Wie ist dies?« war die Antwort: »wer bei Nacht
Aufsteigen wollte, würd' ihn jemand hindern?
Wie, oder stieg' er nicht, weil er nicht könnte?« -

Da strich Sordell, der gute, mit dem Finger
Hin auf der Erd' und sprach: »Sieh, diesen Strich selbst
Nicht überschrittst du nach der Sonne Scheiden.

Nicht deshalb, weil ein Andres Hindrung böte
Als nächt'ge Finsterniß, empor zu steigen;
Die aber hemmt durch Ohnmacht unsern Willen.

Wohl könnte man, trotz ihr, hinunter gehen
Und an der Küste rings umirrend wandeln,
So lang der Horizont den Tag zurückhält.« -

Da sprach, sich schier verwundernd, mein Gebieter:
»So führ uns denn dahin, wo, wie du sagst,
Verweilend wir Ergetzen finden können.« -

Noch waren wir nicht weit von dort gegangen,
Als ich gewahrte, daß der Berg sich einbog,
Wie bei der Erde Thälern es sich findet.

»Dahin«, begann der Schatten, »laßt uns gehen,
Wo sich der Bergabhang zum Schooße wölbet,
Wir wollen dort den neuen Tag erwarten.« -

Ein krummer Pfad ging zwischen Fels und Ebne,
Der an den Rand uns der Vertiefung brachte,
Bis wo ihr Saum mehr als zur Hälfte schwindet.

Gold, feines Silber, Scharlachbeer und Bleiweiß,
Das Holz aus Indien, voll heitern Glanzes,
Smaragd, frisch strahlend, eben erst gebrochen,

Dies alles würd' an Farbe von den Kräutern
Und Blumen, die das Thal enthielt, besiegt,
Wie das Geringre weichen muß dem Größern.

Nicht hatte die Natur dort blos gemalt,
Nein, durch die Lieblichkeit von tausend Düften
Erschuf sie ein ununterscheidbar Neues.

Salve Regina sangen Seelen, die ich
Im Grünen dort auf Blumen sitzen sahe,
Und die sich, ob des Thals, nicht eher zeigten.

»Bevor der Sonne kleiner Rest sich senket«,
Begann der Mantuaner, unser Führer,
»Verlanget nicht, daß ich euch hingeleite.

Von dieser Anhöh werdet ihr das Antlitz
Und das Benehmen Aller besser sehen,
Als drunten in dem Thale zwischen ihnen.

Der dort am höchsten sitzet, mit dem Anschein,
Als hab' er, was ihm oblag, schwer versäumet,
Und der den Mund nicht rührt zum Sang der Andern:

Der Kaiser Rudolf war er, der die Wunden,
Woran Italien hinstarb, heilen konnte,
Das spät sich jetzt herstellt durch einen Andern.

Der Zweite, dessen Anblick ihn ermuthigt,
Das Land beherrscht' er, dem die Flut entquillt,
Die, Moldau erst, dem Meer als Elbe zuströmt.

Sein Nam' ist Ottokar; selbst in den Windeln
War er viel besser, als im Barte Wenzel,
Sein Sohn, deß Weide Trägheit ist und Wollust.

Und jener Kleingenaste, der in tiefer
Berathung scheint mit dem von güt'gem Aussehn,
Starb auf der Flucht, die Lilien entehrend:

Seht hin nur, wie er an die Brust sich schlägt.
Seht dann den Andern, der der Wange, seufzend,
Aus seiner Hand ein Bett bereitet hat.

Von Frankreichs Pest sind Vater sie und Schwäher:
Sie kennen sein beflecktes Lasterleben,
Und daher rührt ihr Schmerz, der so sie trifft.

Der, der so stark von Gliedern scheint, und singend
Einstimmt mit dem von männlich kräft'ger Nase,
War einst mit jeder Tugendkraft umgürtet:

Und wenn nach ihm geblieben wär' als König
Der Jüngling hinter ihm, so hätte Tugend
Recht aus Gefäß sich in Gefäß ergossen,

Was von den andern Erben nicht zu rühmen.
Jakob und Friedrich haben nur die Reiche,
Des Erbtheils Bestes hat von ihnen Keiner.

Gar selten nur erzeugt sich durch die Sprossen
Die Redlichkeit der Menschen fort, und solches
Will, der sie gibt, damit man um sie flehe.

Auch den Großnasigen betrifft mein Wort
Gleich sehr, wie den, der mit ihm singet, Peter,
Ob dem schon Puglia und Provence klagen.

So weit steht ab vom Samen hier die Pflanze,
Als sich Constanze rühmt des Ehgemahles
Noch mehr denn Margareth' und Beatrice.

Den König auch einfachen Lebenswandels,
Heinrich von England, seht allein dort sitzen:
Dem treiben bessre Sprossen seine Zweige.

Dann, der am tiefsten sitzet unter jenen,
Nach oben blickend, ist der Markgraf Wilhelm,
Um welchen Alessandria durch Krieg

Läßt weinen Monferrat und Canavese.«


Gesang 08

Schon war's die Stunde, die der Schiffer Herz
Mit Heimweh füllt und es erweicht, am Tage,
Da trauten Freunden Lebewohl sie sagten;

Und die den Pilger bei der ersten Wallfahrt
Mit Liebe quält, hört eine Glock' er ferne,
Die zu beweinen scheint des Tags Ersterben:

Als ich begann, vom Hören abzulassen,
Und sah, wie sich der Seelen ein' erhoben,
Die winkte mit der Hand, daß man sie höre.

Sie kam heran und hob die beiden Händ'
Empor, die Augen nach dem Aufgang richtend,
Als sagte sie zu Gott: »Was gilt mir Andres?«

»Te lucis ante« tönt' aus ihrem Munde
So andachtsvoll und mit so süßem Laute,
Daß es mich meiner selbst vergessen machte.

Drauf auch die Andern sanft und andachtsvoll
Einstimmten und den ganzen Hymnus sangen,
Den Himmelskreisen zu die Blicke wendend.

Hier schärf, o Leser, wohl den Sinn für's Wahre!
Denn, wahrlich, also fein ist hier der Schleier,
Daß leicht es ist, zum Innern durchzudringen.

Ich sah nun jene auserwählte Schaar,
Nachdem ihr Sang verhallt, zur Höhe schauen,
Wie in Erwartung, bleich und demuthsvoll;

Und sah dann aus der Höh sich niederlassen
Zween Himmelsboten mit entflammten Schwertern,
Woran die Spitzen stumpf und abgerundet.

Grün, gleich den eben erst gesproßten Blättern,
War ihr Gewand, das, von den grünen Schwingen
Gefächelt und bewegt, sich ihnen nachzog.

Es blieb der ein' ob uns ein wenig schweben,
Der andre senkte sich zum Saume drüben,
So daß die Schaar sich in der Mitte hielt.

Wohl war ihr blondes Haupthaar zu erkennen,
Allein ihr Antlitz blendete das Auge,
Wie Kraft an Uebermaß sich leicht verwirret.

»Die Beiden kommen von Maria's Schooße«,
Begann Sordell, »das Thal hier zu bewachen,
Der Schlange wegen, die sich bald wird zeigen.« -

Worauf ich, der nicht wußt', aus welcher Gegend,
Rings um mich sah und, wie zu Eis erstarret,
Mich dicht andrängt' an die vertrauten Schultern.

Sordello drauf: »Nun laßt hinab uns steigen
Und mit den großen Schatten Zwiesprach halten:
Es wird sie euer Anblick sehr erfreuen.« -

Drei Schritte, scheint mir's, hatt' ich nur gethan,
Da war ich unten; und ich sah dort Einen,
Der blickt' auf mich, als wollt' er mich erkennen.

Schon war's die Zeit, da sich die Luft verdunkelt,
Doch so nicht, daß nicht zwischen seinen Augen
Und meinen deutlich ward, was erst undeutlich.

Er kam auf mich zu, ich ging ihm entgegen.
»O edler Richter Nino, welche Freude,
Dich unter den Verdammten nicht zu sehen!« -

Kein schöner Gruß ward unter uns versäumet.
Dann fragt' er mich: »Seit wann bist du gekommen
Zum Fuß des Berges durch die fernen Wasser?«

»O«, sagt' ich, »durch die düstern Orte kam ich
Heut morgen; noch bin ich im ersten Leben,
Obschon mit diesem Gang das zweit' erwerbend.« -

Doch kaum, daß sie mein Wort vernommen hatten,
So zogen sich Sordell und er zurück,
Wie Leute, welche stracks bestürzt geworden.

Der wandte zu Virgil sich, der zu Einem,
So dorten saß und rief: »Auf, Conrad, auf!
Komm her und sieh, was Gott aus Gnaden wollte.«

Darauf zu mir: »Bei dem besondern Danke,
Den Ihm du schuldest, welcher so verbirgt
Den ersten Grund, daß da hin keine Furt ist:

Wirst jenseits du der breiten Wogen sein,
So sag Johanna, daß für mich sie flehe,
Da, wo man sich Unschuldiger erbarmet.

Wohl mag mich ihre Mutter nicht mehr lieben,
Da sie den Witwenschleier hat getauscht,
Den einst die Arme noch zurück wird wünschen.

An ihr läßt sich nur gar zu leicht erkennen,
Wie lang im Weib der Liebe Feuer daure,
Wenn Umgang oder Blick nicht stets es anfacht.

So schön Begräbniß wird ihr nicht bereiten
Die Viper, die in's Feld führt Mailands Schaaren,
Als ihr Gallura's Hahn bereitet hätte.« -

Er sprach's, indeß sein Antlitz das Gepräge
Des echten Eifers eingezeichnet trug,
Der nur gemäßigt in dem Herzen lodert.

Sehnsüchtig blickt' ich stets nur auf zum Himmel,
Dahin, wo langsamer die Sterne gehen,
Dem Rade gleich, wo dies der Achs' am nächsten.

Da sprach mein Führer: »Sohn, was blickst empor du?«
Und ich zu ihm: »Nach jenem Dreigestirne,
Wovon der ganze Pol diesseits entflammt ist.« -

Und er zu mir: »Die vier so hellen Sterne,
Die du heut morgen sahst, sind jenseits unter-,
Und dies' an ihrer Statt nun aufgegangen.« -

Er sprach noch, als Sordell ihn zu sich zog
Und sagte: »Sieh dort unsern Widersacher!«
Und hub den Finger, daß dahin er schaute.

An jener Seite, wo das kleine Thal
Nicht Schutzwehr hat, ließ sehn sich eine Schlange,
Die Even wohl die bittre Frucht gereicht.

Durch Gras und Blumen strich der böse Streifen;
Den Kopf wand hin und her sie, und sie leckte
Den Rücken sich, dem Thier gleich, das sich glatt macht.

Nicht sah ich, und kann drum es auch nicht sagen,
Wie sich des Himmels Habichte bewegten,
Doch einer wie der andre regte sich.

Wie in der Luft die grünen Schwingen rauschten,
Entfloh die Schlange, und die Engel kehrten
Gleichschwebend nach der Höh an ihren Ort.

Der Schatten, der dem Richter sich genähert,
Als dieser rief, ließ gar nicht ab von mir
Mit seinem Blick, so lang der Angriff währte.

»Soll jene Leuchte, die zur Höh dich führet,
In deinem Willen so viel Nahrung finden,
Als nöthig bis zum blumenvollen Gipfel«,

Begann er: »sage mir, ob wahre Kunde
Von Val di Magra und der Nachbarschaft
Du irgend weißt, denn ich war mächtig dorten.

Den Namen Conrad Malaspina führt' ich:
Ich bin der alte nicht, doch von ihm stamm' ich;
Den Meinen hegt' ich Liebe, was hier läutert.« -

»O«, sprach ich drauf zu ihm: »in euren Landen
War ich noch nie; doch wo verweilt man denn
In ganz Europa, daß man sie nicht kenne?

Der Ruf, der euer Haus mit Ehren nennet,
Preist eure Herren, preist die ganze Gegend,
Daß davon weiß, wer selbst nie dort gewesen.

Auch schwör' ich euch, so wahr hinauf ich strebe,
Daß euer ehrenvoll Geschlecht des Ruhmes
Der Börse wie des Schwerts sich nicht entäußert.

Gewohnheit leiht, Natur ihm solchen Vorzug,
Daß, lenkt das schlimme Haupt die Welt auch schief,
Allein es grad geht und die Krümmen meidet.« -

Und er: »So geh; es lagert sich die Sonne
Nicht siebenmal im Bette, das der Widder
Mit den vier Füßen deckt und überschreitet,

So wird dir diese liebevolle Meinung
Recht mitten in das Haupt befestigt sein
Mit stärkern Nägeln, als durch Andrer Rede,

Wird nicht gehemmt der Lauf des Urteilsspruches.« -


Gesang 09

Des altergrauen Tithons Schlafgenossin,
Nur erst dem Arm des süßen Freunds entstiegen,
Erbleichte schon am Saum des Horizontes:

Es leuchtet' ihre Stirn von Edelsteinen,
Geordnet zur Gestalt des kalten Thieres,
Das mit dem Schwanze zu verletzen pflegt;

Und zwei der Schritte, so die Nacht thut, hatte
Sie schon gethan zum Orte, wo wir waren,
Zum dritten senkte sie bereits die Flügel:

Als ich, was an mir war von Adam's Erbschaft,
Besiegt vom Schlaf, in's Gras hernieder neigte,
Wo eben erst wir alle Fünfe saßen.

Zur Stunde, wo die Schwalb' ihr traurig Klagen
Beginnt - es ist dies nach dem Morgenanbruch,
Wohl zur Erinnrung an ihr erstes Wehe -,

Da unser Geist, dem Fleische mehr entfremdet
Und vom Gedanken minder eingenommen,
In sich fast göttliche Gesichte hegt:

Glaubt' einen Adler ich im Traum zu sehen,
Am Himmel schwebend, goldenen Gefieders,
Der offnen Flugs sich niederlassen wollte.

Er schien mir dort zu sein, allwo die andern
Von Ganymedes einst verlassen worden,
Als dieser ward entrückt zum Götterchore.

Bei mir nun dacht' ich: Wohl nur aus Gewohnheit
Stößt dieser hier, an andrem Ort verschmäht er
Vielleicht, etwas als Fang empor zu tragen.

Dann schien mir, daß in etwas schnellerm Kreisen
Er schrecklich wie ein Blitz herab sich stürzte
Und bis zum Feuerkreis empor mich raffte.

Dort schien's, als würden er und ich zu Flammen;
Und so durchsengte die geträumte Glut mich,
Daß sich der Schlummer plötzlich enden mußte.

Nicht anders schüttelte sich einst Achilles
Und warf, erwacht, im Kreis' umher die Blicke,
Da er nicht wußte, wo er sich befände,

Als schlafend ihn die Mutter weg von Chiron
In ihren Armen flüchtete nach Skyros,
Von wo nachher die Griechen ihn entführten:

Als ich mich schüttelte, da mir vom Antlitz
Der Schlaf entfloh; ich wurde todtenbleich,
Wie einer, der von jähem Schreck erstarrte.

Es stand allein mein Helfer mir zur Seite;
Die Sonne war schon höher als zwei Stunden,
Mein Antlitz nach dem Meere hingewendet.

»Nicht fürchte dich«, sprach jetzo mein Gebieter,
»Sei nur getrost, wir sind an gutem Orte:
Sink nicht in dich, entfalt' itzt alle Kräfte.

Du bist nunmehr im Purgatorium.
Sieh dort den Felsen, der es rings umschließet,
Sieh dort den Eingang, wo getrennt er scheinet.

Noch vor der Dämmrung, die dem Tag vorangeht,
Als deine Seel' im Thale drinnen schlief,
Auf Blumen, die den tiefern Boden schmücken,

Kam eine Frau und sagt': »Ich bin Lucia:
Aufnehmen laßt mich Jenen, der da schlummert,
Auf die Art will ich ihm den Weg erleichtern.«

Sordell blieb bei den andern edlen Schatten;
Sie nahm dich auf, da sich der Tag erhellte,
Kam sie herauf und ich auf ihren Spuren.

Hier legte sie dich hin; doch vorher wies mir
Ihr schönes Auge dort den offnen Eingang;
Worauf sogleich sie und der Schlaf entwichen.« -

So wie ein Mensch im Zweifel sich ermannet
Und seine Furcht in Zuversicht verwandelt,
Nachdem die Wahrheit ihm entschleiert ist:

Ward ich ein andrer auch, und da mich sorglos
Mein Führer sah, stieg er empor den Felsen,
Und ich dicht hinter ihm, der Höhe zu.

Wohl siehst du, Leser, wie ich meinen Stoff
Erhabner bild', und drum erstaune nicht,
Wenn ich mit größrer Kunst ihn unterstütze.

Wir nahten uns und kamen zu dem Orte,
Wo ich das, was zuerst als Bruch erschien,
Dem Spalte gleich, der eine Mauer trennet,

Als Thür erkannte, mit drei Stufen drunter,
Die zu ihr führten, von verschiednen Farben,
Und einem Pförtner, der kein Wort noch sagte.

Und wie das Aug' ich mehr und mehr erhoben,
Sah ich ihn sitzen auf der höchsten Stufe
Mit solchem Antlitz, daß ich's nicht ertrug.

Und in der Hand hatt' er ein bloßes Schwert,
Das so die Strahlen gegen uns zurückwarf,
Daß ich den Blick in's Leer' oft wenden mußte.

»Ihr dorten, sagt, was wollt ihr denn?« begann er
Zu sprechen, »wo ist euer Schutzgeleite?
Habt Acht, daß das Heraufgehn euch nicht schade!« -

»Ein Weib des Himmels, kundig dieser Dinge«,
Erwiedert' ihm mein Meister, »sagt' uns eben
Vor kurzem: Geht dahin, dort ist die Pforte!« -

»Mag sie zum Heil auch meine Schritte fördern«,
Begann der freundliche Thorhüter wieder;
»So kommt an unsre Stufen denn heran!« -

Wir traten näher, und die erste Stufe
War weißer Marmor, so polirt und glatt,
Daß sie mich wiedergab, wie ich erscheine.

Die zweite war vom tiefsten Purpurschwarz,
Von rauhem, durch und durch verbranntem Stein,
Der Läng' und Quere nach ganz voller Risse.

Die dritte, die sich dann auf beiden thürmte,
Schien Porphyr mir, so flammender, zu sein,
Wie Blut, das eben aus der Ader vorquillt.

Auf dieser stand, mit beider Füße Sohlen
Der Bote Gottes, sitzend auf der Schwelle,
Die mir von diamantnem Felsen schien.

Auf den drei Stufen zog mit edlem Willen
Mein Führer mich empor und sprach: »Begehre
Demüthig, daß er dir das Schloß eröffne.«

Da warf ich fromm mich vor die heil'gen Füße,
Schlug dann vorher noch dreimal an die Brust
Und fleht' um Mitleid, daß er ein mich lasse.

Da schrieb er sieben P mir an die Stirne
Mit seines Schwertes Spitz' und sagte: »Sorge,
Dir drinnen diese Wunden abzuwaschen.« -

Asch' oder Erde, die man trocken ausgräbt,
Die hätten wohl die Farbe seines Kleides,
Darunter er hervor zwei Schlüssel zog.

Der eine war von Gold, der andre silbern:
Erst mit dem weißen, dann auch mit dem gelben
Eröffnet' er die Pforte, mir zu Wunsche.

»Versaget einmal einer dieser Schlüssel,
Daß er im Schlosse sich nicht umdrehn läßt,
Dann«, sprach er, »bleibet dieser Weg verschlossen.

Kostbarer ist der eine, doch der andre
Verlangt viel Kunst und Sinn, damit zu öffnen,
Denn der ist's grade, der den Knoten löst.

Von Petrus sind sie; eher mög' ich, sagt' er,
Im Oeffnen irren, als verschlossen halten,
Sobald das Volk sich mir zu Füßen würfe.« -

Dann stieß die Thür der heil'gen Pfort' er auf
Und sprach: »So tretet ein! doch merkt euch wohl,
Daß, wer zurückblickt, auch zurück muß kehren.« -

Und als sich nun in ihren Angeln drehten
Die Flügelzapfen jenes heil'gen Thores,
Die von Metalle sind und stark und tönend:

So rasselnd, noch so knarrend zeigte sich
Tarpeja nicht, als ihr Metell, der Gute,
Entrissen ward, wodurch sie dann verarmte.

Dem ersten Ton wandt' ich mich achtsam zu,
Und das »Te Deum« glaubt' ich im Gesange,
Vermischt mit süßen Klängen, zu vernehmen.

Und grade solch ein Bild erweckt' in mir
Das, was ich hörte, wie man dann empfängt,
Wenn zum Gesang sich Orgeltöne mischen,

Daß man bald hört, bald auch nicht hört die Worte.


Gesang 10

Als wir im Innern nun der Pforte waren,
Die außer Brauch kommt durch verkehrte Neigung,
Wodurch der krumme Weg als grad erscheinet:

Hört' ich mit Schallen wieder sie verschließen;
Hätt' ich den Blick nun nach ihr rückgewendet,
Wie hätt' ich wohl den Fehl entschuld'gen können?

Wir stiegen durch zerklüftetes Gesteine,
Deß Spalt in Schlangenwindung vorwärts lief,
Der Welle gleich, die sich entfernt und nähert.

»Hier gilt's, ein wenig sich der Kunst bedienen«,
Begann mein Führer, »daß man hüben bald,
Bald drüben naht der Seite, die zurückweicht.« -

Dies machte so vorsichtig unsre Schritte,
Daß früher schon des Mondes dunkler Theil
Sein Bett erreicht', um drein sich zu versenken,

Eh wir aus diesem Gang herausgelangten.
Doch als im Freien wir und Offnen waren,
Wo sich des Berges Boden wieder schließet:

Da hielten wir, erschöpft ich, aber beide
Des Weges ungewiß, auf einer Fläche,
Einsamer noch als Straßen in der Wüste.

Vom Rande, wo sie an das Leere grenzet,
Zum Fuß des hohen Abhangs, der emporsteigt,
Würd' eines Menschen Körper dreimal messen.

Wohin auch meines Blickes Flug sich lenkte,
Zur linken jetzt und dann zur rechten Seite,
Schien dies Gesims mir solcher Art beschaffen.

Noch hatten keinen Schritt wir drauf gethan,
Als ich gewahrte, daß ringsum das Ufer,
Das man mit Unrecht einen Aufstieg nannte,

Von weißem Marmor sei und so verziert
Mit Bilderwerk, vor dem nicht Polyclet nur,
Selbst die Natur beschämt gestanden hätte.

Der Engel, der zur Erde den Beschluß
Gebracht des viele Jahr' erweinten Friedens,
Der nach dem langen Bann den Himmel aufthat,

Erschien vor unsern Augen so leibhaftig
Dort eingehaun mit lieblicher Geberde,
Daß er kein Bild zu sein schien, welches schweiget.

Geschworen hätte man, er spräch' ein Ave!
Weil Jen', auch dort im Bild war, die den Schlüssel
Gewandt, die höchste Liebe zu erschließen.

Und ausgeprägt in ihrer Miene trug sie
Die Wort': »Ich bin die Magd des Herrn« so deutlich,
Wie ein erhaben Bild in Wachs gedrückt.

»Halt nicht auf einen Ort den Sinn gerichtet«,
Sprach der geliebte Meister, der mich hatte
An jener Seite, wo das Herz man trägt.

Drum wandt' ich mit dem Antlitz mich und sahe,
Gleich nach Maria, an derselben Seite,
An der ich neben meinem Führer ging,

In Fels gehaun ein anderes Ereigniß:
Drum trat ich, an Virgil vorbei, ihm näher,
Damit vor meinen Augen sich's entfalte.

Dort war gehaun in selben Marmor: Wagen
Und Stiere, so die Bundeslade zogen;
Weshalb ein Amt man scheut, das nicht befohlen.

Voraus ging Volk, das war in sieben Chöre
Getheilt, von dem zwei meiner Sinne sagten,
Der eine nein, der andre ja - es singt.

Gleichwohl geriethen auch beim Weihrauch-Opfer,
Das vorgestellt dort war, so Nas' als Augen,
Die über Ja, die über Nein in Streit.

Dort tanzt voraus dem heiligen Gefäße
Der demüth'ge Psalmist, geschürzten Kleides;
Und hier war mehr und minder er als König.

Gradüber sah man, wie aus eines großen
Palastes Fenster Michal staunend schaute,
Ein Weib voll Unwill' und voll Mißvergnügen.

Nun ging ich von dem Orte, wo ich stand,
Um nah zu schaun ein anderes Begebniß,
Das hinter Michal mich erbleichen machte.

Dort war im Bild erzählt der hohe Ruhm
Des Römerfürsten, dessen große Tugend
Gregor zu seinem großen Siege führte.

Ich spreche dieses von Trajan, dem Kaiser;
Und eine Wittwe hielt sein Roß am Zügel,
In Schmerz und Thränen lebhaft dargestellt.

Und um ihn her sah man ein groß Gedränge
Zahlloser Reiter, und die goldnen Adler
Bewegten gleichsam drüber sich im Winde.

Und dort vor allen Jenen schien zu sagen
Die Jammervolle: »Herr, verschaff mir Rache
Ob meines Sohns Ermordung, drum ich wehklag';«

Und er, Antwort zu geben: »Warte nur
So lange, bis ich kehr';« und sie, als Eine,
In der der Schmerz nicht Weile kennt: »O Herr,

Wenn du nicht kehrst?« - und er: »Wer dann den Thron hat,
Wird dir sie leisten;« sie darauf: »Was nützt dir
Des Andern Tugend, denkst du nicht der deinen?«

Drauf er: »Getröste dich, mich zwingt die Pflicht,
Sie zu erfüllen noch, bevor ich scheide.
Das Recht verlangt's, und Mitleid heißt mich weilen.« -

Er, welcher niemals neue Dinge sah,
Hat dieses sichtbare Gespräch gebildet,
Nur neu für uns, weil man's diesseit nicht findet.

Indeß ich noch am Anschaun mich ergetzte
Der Bilder solcher Demuth, deren Anblick
Mir theuer war auch wegen ihres Meisters:

»Sieh hier die vielen Leute, doch sie machen
Nur wenig Schritte«, flüsterte der Dichter,
»Die werden uns hinauf zur Höhe weisen.« -

Und meine Augen, die zu schaun gespannt
Und lüstern waren, Neues zu erblicken,
Sie wandten eilig sich nach ihm herum.

Doch will ich, Leser, nicht zurück dich schrecken
Vom guten Vorsatz, wenn ich jetzt berichte,
Wie Gott verlangt, daß man die Schuld bezahle.

Acht' auf die Art der Marter nicht, bedenke
Die Folge; denke, daß sie schlimmsten Falles
Nicht weiter gehn kann als der Urtheilsspruch.

»Mein Meister, was sich auf uns zu beweget«,
Sprach ich, »das scheinen Menschen nicht zu sein;
Doch weiß ich nicht, was sonst, so schwankt mein Sehen.«

Und er zu mir: »Die schwere Art der Qual,
Die sie erdulden, krümmt sie so zu Boden,
Daß auch mein Blick drob erst im Streit gelegen.

Doch blicke fest nur hin und suche Jenen,
Der mit dem Felsblock ankommt, zu erkennen;
Schon kannst du sehn, wie jeglicher sich abquält!« -

O stolze Christen, arme, schwache Wesen,
Wie krank seid ihr an eures Geistes Augen
Und setzt Vertraun auf Schritte, die zurückgehn!

Seht ihr nicht ein, daß wir nur Würmer sind,
Erzeugt, den Himmelsschmetterling zu bilden,
Der schutzlos zufliegt dem gerechten Richter?

Was macht denn so hochfahrend euren Geist,
Da ihr Insekten nur und unvollkommen,
Dem Wurme gleich, in dem die Bildkraft fehlging?

Wie man, um Decke oder Dach zu stützen,
Als Tragstein eine menschliche Gestalt
Die Knie oft an die Brust anstemmen siehet,

Die wahre Pein, trotzdem daß sie nichts Wahres,
Dem, der sie sieht, erregt: so sah ich Jene
Also gekrümmt, da recht ich hingeschaut.

Wahr ist, daß mehr und minder sie sich bückten,
Nachdem des Rückens Last groß oder kleiner:
Und weß Geberd' am duldendsten sich zeigte:

Schien weinend doch, »ich kann nicht mehr!« zu sagen.


Gesang 11

»O Vater unser, oben in den Himmeln,
Durch nichts beschränkt, als durch die höchste Liebe,
Die zu dem Erstgeschaffenen du trägst:

Gepriesen sei dein Nam' und deine Macht
Von jeder Kreatur, wie sich's geziemet,
Als Dank für deinen süßen Lebenshauch.

Es komme uns der Friede deines Reiches,
Da wir dazu von selber nichts vermögen,
Mit aller Klugheit, wenn er uns nicht kommt.

Wie deine Engel ihren Willen dir
Zum Opfer bringen, singend Hosianna,
So mögen's auch die Menschen mit dem ihren.

Auch heute gib uns unser täglich Brot,
Denn ohne dies geht in der rauhen Wüste
Des Lebens rückwärts, wer sich vorwärts müht.

Und wie wir Unrecht, welches wir erduldet,
Verzeihn jedwedem, so verzeihe gnädig
Auch uns, und achte nicht, ob wir's verdient.

Laß unsre Tugend, die so leicht zu Fall kommt,
Durch unsern alten Erbfeind nicht versuchen,
Nein, mach uns frei von ihm, der so sie heimsucht.

Doch diese letzte Bitte, lieber Herr,
Thun wir für uns nicht, die's nicht mehr bedürfen,
Vielmehr für die, so hinter uns verblieben.« -

So sich und uns erflehten gute Wallfahrt
Die Schatten dort, die unter ihrer Last,
Der ähnlich, die man oft im Traum empfindet,

Verschiedentlich gequält und all' erschöpft ganz,
Im Kreise gingen auf dem ersten Simse,
Sich von der Finsterniß der Welt zu läutern.

Wenn jenseit stets zum Heil man für uns betet,
Was können hier für Jene thun und sagen
Die, so zum Wollen gute Ursach haben?

Wohl soll man ihnen von den Makeln helfen,
Die sie von hier gebracht, daß rein und leicht
Sie Ausgang finden zu den Sternenkreisen.

»Soll euch Gerechtigkeit und Mitleid baldigst
Entlasten, daß die Schwing' ihr regen könnet,
Die eurem Wunsch gemäß euch heben möge:

So zeiget uns, zu welcher Hand der Aufgang
Der kürzre ist, und sind der Wege mehre,
So lehrt uns den, der minder steil sich senket.

Denn der, der mit mir kommt, ist durch die Bürde
Des Fleisches Adam's, welches ihn bekleidet,
Empor zu steigen wider Willen träge.« -

Nicht zu erkennen war, von wem die Worte
Herkamen, so zurück aus jen' erfolgten,
Die der gesagt, in dessen Spur ich trat.

Doch ward gesagt: »Geht rechter Hand mit uns
Am Abhang weiter, und ihr werdet finden,
Daß ihn ein Lebender ersteigen kann.

Und wär' ich von dem Felsblock nicht verhindert,
Der meinen stolzen Nacken unterjochet,
Weswegen ich das Antlitz tief muß tragen:

So würd' ich den, der lebt und nicht sich nennet,
Betrachten, um zu sehn, ob ich ihn kenne,
Und Mitleid ob der Last ihm abzunöth'gen.

Lateiner bin ich, mächt'gen Tuskers Sohn;
Wilhelm Aldobrandeschi war mein Vater;
Ich weiß nicht, ob bei euch bekannt der Name.

Das Alter des Geschlechts, die edlen Thaten
Von meinen Ahnen machten mich so stolz,
Daß unser aller Mutter ich nicht dachte,

Und jedem so Verachtung zeigte, daß ich
Deswegen starb, wie's die Sanesen wissen
Und jedes Kind in Campagnatico.

Ich heiße Humbert; und nicht mir nur Schaden
Hat Stolz gebracht, denn die Genossen alle
Hat er in's Unglück mit hineingezogen.

Um ihn muß hier ich diese Last nun tragen
So lange, bis ich Gott befriedigt habe:
Weil nicht im Leben, muß ich's hier bei Todten.« -

Zuhörend beugt' ich tief mein Antlitz nieder.
Und ihrer Einer, doch der nicht, der sprach,
Wand unter jener Last sich, die ihn engte,

Und sah mich und erkannte mich und rief,
Auf mich die Augen mit Beschwerde richtend,
Nach mir, der ganz gebückt ging neben ihnen.

»O«, fragt' ich ihn, »bist du nicht Oderisi,
Die Ehr' Agubbio's und jener Kunst,
Die zu Paris man nennt Illuminiren?« -

»Dem Auge, Bruder, lachen mehr die Blätter«,
Sprach er, »die Franes Bolognese malt:
Jetzt hat die Ehr' er ganz, ich nur zum Theile.

Wohl wär' ich so bescheiden nicht gewesen,
So lang ich lebte, weil ein stark Begehren,
Mich auszuzeichnen, mir das Herz beseelte.

Für solchen Hochmuth zahl' ich hier die Strafe;
Nicht einmal hier auch wär' ich, hätt' ich Gott nicht
Mich zugewandt, da ich noch sünd'gen konnte.

O eitler Ruhm der menschlichen Vermögen!
Wie währt doch kurz die Blüth' auf ihrem Gipfel,
Wenn eine rohe Zeit nicht etwa folgte.

So glaubte Cimabue das Feld zu halten
In Malerei, jetzt hat die Ehre Giotto,
So daß nun Jenes Ruhm im Schatten steht.

So nahm der eine Guido auch dem andern
Der Sprache Ruhm; vielleicht ist schon geboren,
Der beid' aus ihrem Nest vertreiben wird.

Der Ruf der Welt ist nur ein Windeshauch,
Der bald von hier und bald von dorten wehet
Und mit der Gegend auch den Namen ändert.

Wird größer sein dein Ruf, wenn alt geworden
Das Fleisch von dir sich trennt, als wenn gestorben
Du wärst, bevor du ließest Brei und Klapper,

Eh tausend Jahr' vergehn? Im Ewigen
Ein kleiner Theilchen, als ein Augenblick
Im Himmelskreis, der sich am trägsten wendet.

Von dem, der vor mir her des Wegs so wenig
Hier vor sich bringt, erscholl einst ganz Toscana:
Nun wird in Siena kaum von ihm geflüstert,

Worin er herrschte, als vernichtet wurde
Die florentin'sche Wuth, die damals noch
Hochmüthig war, wie jetzt sie käuflich ist.

Des Grases Farbe gleich ist euer Name,
Die kommt und geht; die Sonn' entfärbt es wieder,
Durch die es aus der harten Erde keimet.« -

Und ich zu ihm: »Dein Wahrheitsreden flößet
Mir Demuth ein und leget mir den Hochmuth.
Du, wer ist der, von dem du eben sprachst?« -

»Es ist dies«, sagt' er, »Provenzan Salvani,
Und hier ist er, weil er sich angemaßet,
Siena ganz in seine Hand zu bringen.

So ist gegangen er und geht er ruhlos
Seitdem er starb: denn solche Münz' entrichtet
Zur Buße der, der zu vermessen war.« -

Und ich: »Wenn solcher Geist, der mit der Reue
Nimmt Anstand bis zum Ende seines Lebens,
Da unten weilen muß und nicht heraufkommt,

Sofern ihm Bitten nicht dazu verhelfen,
Eh so viel Zeit vergeht, als dort er lebte:
Wie ward denn dem gestattet, herzukommen?« -

»Als am ruhmreichsten grad er lebte«, sprach er,
»Freiwillig auf den Marktplatz von Siena
Stellt' er sich, jeder Scham entsagend, hin

Und that, den Freund aus seiner Noth zu retten,
Die der erduldete in Carls Gefängniß,
Was ihn erbeben macht' in jeder Ader.

Mehr sag' ich nicht und weiß, ich spreche dunkel.
Doch kurze Zeit noch währt's, daß deine Nachbarn
Dir also thun, daß du dir's kannst erklären.

Und diese That enthob ihn jenen Schranken.«


Gesang 12

Selbander, wie die Stier' im Joche gehen,
Ging ich mit jener schwerbeladnen Seele,
So lang der holde Meister es erlaubte.

Doch als er sagte: »Laß ihn, komm nun weiter,
Denn es gilt hier mit Segel und mit Rudern,
So gut ein jeder kann, sein Schifflein treiben«,

Da richtet' ich mich auf, wie wenn man gehn will,
Mit ganzem Leib, wiewohl noch die Gedanken
Demüthig und gebeugt in mir verblieben.

Ich war im Gang und folgte williglich
Den Schritten meines Meisters, und wir beide
Erwiesen schon an uns, wie leicht wir waren,

Als er mir sagte: »Senke deine Blicke!
Es wird, den Weg dir zu erleichtern, dienen,
Wenn du den Ort siehst, den dein Fuß betritt.

Wie ob Begrabnen flache Leichensteine,
Damit uns ihr Gedächtniß hinterbleibe,
Das Abbild dessen tragen, der einst lebte;

Weshalb wir oftmals sie davor beweinen,
Weil uns der Stachel der Erinnrung schmerzet,
Der schon allein als Sporn den Guten dient:

So sah ich, doch von bessrer Art, Gestalten,
Gemäß der hohen Kunst, hier ausgehauen,
So weit der Weg hervortritt von dem Berge.

Ich sahe den, der edler war geschaffen
Als andre Kreatur, vom Himmel nieder
Blitzartig stürzen, an der einen Seite.

Ich sah Briareus an der andern Seite
Vom himmlischen Geschoß getroffen liegen,
Schwer für die Erd' in seiner Todeskälte.

Ich sah Thymbräus, sahe Mars und Pallas,
Gewaffnet um den Vater, der Giganten
Allhin zerstreute Glieder sich betrachten.

Ich sah am Fuß des großen Baues Nimrod,
Gleichsam bestürzt hin auf die Völker schauend
In Sennaar, die mit ihm stolz sich zeigten.

O Niobe, mit welchen Schmerzensblicken
Sah ich dich auf dem Wege dargestellt,
Todt um dich her die zweimal sieben Kinder!

O Saul, wie schienst du auf dem eignen Schwerte,
Im Tod erblaßt auf Gilboa zu liegen,
Das dann nicht Thau, nicht Regen mehr empfand!

O thörichte Arachne, dich auch sah ich,
Schon halb als Spinne, traurig auf den Fetzen
Des Werkes, das zum Unglück dir gedieh!

O Roboam, hier scheinest du im Abbild
Nicht mehr zu drohn, vielmehr führt es ein Wagen,
Eh es ein Andrer jagt, voll Furcht von dannen.

Der Felsen-Estrich zeigt' Alkmäon auch,
Der seiner Mutter ließ zu stehen kommen
Gar theuer jenen unheilvollen Schmuck.

Er zeigte dann, wie in des Tempels Innern
Her über Sanherib die Söhne stürzten,
Und als er todt, daselbst ihn liegen ließen.

Er zeigte der Tamyris grauses Blutbad
Und Rachegrimm, als sie zu Cyrus sprach:
»Du dürstetest nach Blut, nun trinke satt dich!«

Er zeigte, wie, geschlagen, die Assyrer
In Eil' entfliehn, als Holofernes todt war,
Und auch die Reste seines grausen Todes.

In Asch' und Trümmern sah ich Troja liegen:
O Ilion, wie erniedrigt, wie im Staube
Zeigt dich das Bild uns, welches man hier sieht!

Wer war des Pinsels und des Griffels Meister,
Der Umriss' oder Züg' entwerfen konnte,
Die dort den feinsten Sinn erstaunen machten?

Die Todten schienen todt, Lebend'ge lebend;
Nicht Bessres sah, wer je das Wahre sah,
Als ich, so lang gebückt ich ging, betreten.

Nun brüstet euch, und geht erhobnen Hauptes,
Ihr Kinder Evens, neiget nicht das Antlitz,
Daß des Verderbens Weg ihr sehen könntet! -

Schon hatten mehr wir von dem Berg umgangen,
Und mehr vollbracht die Sonne ihres Weges,
Als der befangne Geist sich denken konnte:

Als Jener, welcher immer mit Bedacht
Vorausging, sagte: »Heb dein Haupt empor;
Nicht Zeit mehr ist's, versunken so zu gehen.

Sieh einen Engel dort, der sich beeilt,
Entgegen uns zu kommen! sieh, es kehret
Zurück vom Dienst des Tages sechste Stunde!

Mit Ehrfurcht schmücke nun Geberd' und Antlitz,
Daß ihn es freu', hinauf uns zu geleiten:
Bedenk', daß dieser Tag nie wieder taget.« -

Schon war ich so gewöhnt an seine Mahnung,
Nur Zeit nicht zu verlieren, daß hierinnen
Sein Wort nicht räthselhaft mir konnte sein.

Es kam nun auf uns zu das schöne Wesen,
Weiß von Gewand, und sein Gesicht erglänzte
Dem Strahlenzittern gleich des Morgensternes.

Die Arme that es auf und dann die Schwingen,
Und sagte: »Kommt! hier nahe sind die Stufen,
Auf denen sich's nun leicht zur Höhe steiget.

Nur wen'ge nehmen diese Botschaft wahr.
O Menschen ihr, geboren aufzuschweben,
Warum denn fallt ihr so bei wenig Winde?« -

Er führt' uns hin, wo durchgehau'n der Felsen,
Berührte mit den Flügeln mir die Stirne,
Und dann verhieß er einen sichern Aufgang.

Wie dort zur Rechten, wenn den Berg man aufsteigt
Zur Kirche, die beherrscht die Wohlregierte,
Die jenseits Rubaconte's Brücke lieget,

Des Aufgangs jähe Steile durch die Treppen
Gebrochen wird, die man vorzeiten machte,
Da Hauptbuch noch und Daube richtig waren:

So wird auch hier der Abhang, der sehr steil
Vom nächsten Umkreis ab sich senkt, gemildert;
Doch streift der Felsen rechts und links den Gehnden.

Als wir dorthin nun unsre Leiber wandten,
»Beati pauperes spiritu« sangen
Da Stimmen so, daß keine Red' es schildert.

Ach, wie verschieden von den Höllenschlünden
Sind diese doch! da hier man mit Gesängen
Eintritt und drunten nur mit wilden Klagen.

Wir stiegen schon empor die heil'gen Stufen,
Und sehr viel leichter schien es mir zu fallen,
Als es mir früher auf der Ebne vorkam.

Weshalb ich: »Meister, sage, welch ein Schweres
Ist denn von mir genommen, da vom Steigen
Ich keinerlei Beschwerde fast empfinde?« -

Und er drauf: »Wenn die P, die, fast verlöscht,
Dir auf der Stirn noch stehen sind geblieben,
Verschwunden ganz und gar sind, wie das eine:

Dann siegt ob deinen Füßen so dein Wille,
Daß sie, geschweig' als Müh es zu empfinden,
Das Steigen sich zur Lust gereichen lassen.« -

Da ging es mir wie jenen, die mit etwas
Am Kopf herumgehn, ihnen unbewußt,
Wenn Andrer Winke sie nicht drob bedeuten;

Weshalb die Hand Gewißheit sich verschafft
Und sucht und findet und den Dienst verrichtet,
Den unser Auge nicht uns leisten kann.

Und mit der Rechten ausgespreizten Fingern
Fand ich nur sechs Buchstaben an den Schläfen,
Die mit den Schlüsseln der mir eingeschnitten.

Als er dies sahe, lächelte mein Führer.


Gesang 13

Wir standen auf der Stiege höchstem Punkte,
Wo sich der Berg zum zweitenmal verenget,
Der, wenn man ihn ersteigt, von Sünden löset.

Dort zieht nun ebenso, wie bei der ersten,
Ein Sims sich um die Höhe rings herum,
Nur daß der Kreis viel enger ist gebogen.

Nicht Schatten sind, noch Bilder hier zu sehen;
Der Abhang zeigt sich glatt, der Weg desgleichen,
Aus Felsgesteine von schwarzgelber Farbe.

»Wenn wir, zu fragen, hier auf Leute harrten«,
Erwog der Dichter nun, »so möchte, fürcht' ich,
Die Wahl des Wegs sich wohl zu sehr verzögern.« -

Dann richtet' er den Blick fest auf die Sonne,
Und kehrte der Bewegung Mittelpunkte
Die rechte Seite zu, die linke auswärts.

»O süßes Licht, auf das ich voll Vertrauen
Den neuen Weg betrete, führ' uns«, sagt' er,
»Wie man hier innen einen führen muß.

Du wärmst die Welt, du leuchtest über ihr:
Zwingt andrer Grund dich nicht zum Gegentheile,
Stets müssen deine Strahlen Führer sein.« -

Wie viel man hier zu einer Meile rechnet,
So viel schon hatten Schritte wir gethan
In kurzer Zeit durch unsern rüst'gen Eifer,

Und hörten auf uns zugeflogen kommen,
Doch sahen nicht sie, Geister, die uns gütig
Einladungen zum Tisch der Liebe machten.

Die erste Stimme, die vorüberflog,
»Vinum non habent« ließ sie laut ertönen
Und wiederholt' es mehrmals hinter uns.

Und eh sie durch Entfernung dem Gehöre
Gänzlich entschwand, rief eine andr' im Fluge:
»Ich bin Orestes«; doch auch diese blieb nicht.

»O Vater«, fragt' ich, »was sind das für Stimmen?« -
Und wie ich fragte, horch! ertönt die dritte,
Die sagte: »Liebet, die euch Leides thaten.« -

Der gute Meister: »Dieser Umkreis strafet
Die Schuld des Neids, drum werden auch von Liebe
Die Stricke an der Geißel hier geschwungen.

Ihr Zaum, der muß ganz andern Klanges sein:
Du hörst sie, denk' ich, meiner Weisung nach
Eh du gelangst zum Orte der Verzeihung.

Doch hefte fest die Augen in die Luft,
Und vor uns wirst ein Volk du sitzen sehen,
Da Alle längs dem Felsen hin sich lagern.« -

Nun öffnet' ich mehr als vorher die Augen:
Ich blickte vorwärts und da sah ich Schatten
Mit Mänteln, gleich an Farbe dem Gesteine.

Und als wir etwas weiter vorgeschritten,
Hört' ich: »Maria bitte für uns!« rufen,
»Michael und Petrus« flehn und »alle Heil'gen!«

Nicht glaub' ich, daß auf Erden heut zu Tage
Jemand so hart sei, daß er nicht ergriffen
Von Mitleid würd' ob dem, was dann ich sahe;

Denn als so nah zu ihnen ich gelanget,
Daß ihr Gehaben sich mir deutlich kundthat,
Da preßte großer Schmerz mir Thränen aus.

Mit härner Kutte schienen sie bekleidet;
Ein jeder hielt den andern mit der Schulter,
Und alle stützte dann die Wand des Berges.

So stehn die Blinden, denen Nahrung fehlet,
An Ablaßorten Unterhalt zu betteln,
Und einer lehnt den Kopf so an den andern,

Damit in Jedem bald sich Mitleid rege,
Nicht durch den Ton der bloßen Worte, nein,
Auch durch den Anblick, der nicht minder heischet.

Und wie den Blinden nicht die Sonne nützet,
Will auch den Schatten, die ich grad erwähnte,
Das Licht des Himmels nichts von sich gewähren.

Denn allen bohrt ein Eisendraht die Lider
So durch und näht sie zu, wie wildem Sperber
Man thut, weil er sich ruhig nicht verhält.

Es schien mir Unrecht, Einen anzusehen
Blos im Vorübergehn, der mich nicht sähe:
Drum wandt' ich mich zu meinem weisen Rathe.

Wohl wußt' er, was ich Stummer sagen wollte;
Drum wartet' er auf meine Frage nicht
Und sagte: »Rede, doch sei kurz und bündig.« -

Virgil kam auf mich zu von jener Seite
Des Simses, wo herab man stürzen konnte,
Weil kein Geländer es daselbst umgab.

Zur andern Seite waren mir die Schatten
Voll Demuth, die die fürchterliche Naht
So quälte, daß die Wangen Thränen netzten.

Zu ihnen wandt' ich mich und: »Ihr, voll Hoffnung«,
Begann ich, »einst das hehre Licht zu schauen,
Das eurer Sehnsucht einz'ges Streben ist:

Soll ehestens euch Gnade das Gewissen
Befreien von den Schäumen, so daß klar
Durch sie der Strom des Geistes niederflösse:

So sagt mir, denn es ist mir lieb und theuer,
Ob eine Seel' aus Latium hier bei euch?
Vielleicht ist's ihr auch recht, lernt sie mich kennen.« -

»O Bruder, Bürgerin ist hier jedwede
Von einer wahren Stadt; doch du willst sagen,
Daß sie als Fremdling in Italien lebte.« -

Dies, also schien es mir, kam mir als Antwort
Von etwas ferner her, als wo ich stand,
Weshalb ich weiter vorschritt, um zu hören.

Da sah ich einen Schatten, der verweilte,
Dem Anschein nach, und will man fragen, wie?
Er hob das Kinn empor nach Art der Blinden.

»Geist«, sprach ich, »der sich beugt, um aufzusteigen,
Wenn du bist Jener, der mir Antwort gab,
So mach dich mir bekannt durch Ort und Namen.« -

Er sprach: »Ich war Sieneserin und läutre
Mit diesen andern hier das böse Leben,
Zu dem aufweinend, der sich uns mag schenken.

An Weisheit fehlt es mir, obschon Sapìa
Genannt ich ward, und über Andrer Schaden
Hatt' ich mehr Freud' als über eignes Glück.

Daß du nicht etwa glaubst, ich will dich täuschen,
So hör', ob, wie ich sag', ich thöricht war.
Ich stieg schon von der Jahre Bogen nieder,

Als meine Landsgenossen nah bei Colle
Im Feld anrückten gegen ihre Feinde;
Und Gott bat ich um das - was schon er wollte.

Geschlagen wandten sich zu bittern Schritten
Der Flucht die Meinen, und die Jagd erblickend,
Empfand ich Lust, die über Alles ging,

So sehr, daß ich erhob mein kühnes Antlitz,
Und Gott zurief: Nun fürcht' ich dich nicht mehr!
Der Amsel gleich bei kurzem lindem Wetter.

Am letzten Tag des Lebens fühlt' ich Sehnsucht,
Mit Gott mich zu versöhnen; dennoch würde
Durch Reu' nicht meine Schuld verringert sein,

Wenn Pietro Pettinagno meiner nicht
Gedacht in heiligem Gebete hätte,
Er, der aus Liebe meiner sich erbarmte.

Doch du, wer bist du, der du unsern Zustand
Erforschen willst und, wie ich glaube, offen
Die Augen trägst und Athem schöpfend redest?«

Ich sprach: »Hier wird der Blick mir auch genommen,
Doch kurze Zeit blos; denn nur wenig Anstoß
Gab ich, indem ich ihn aus Neid gewendet.

Viel größer ist die Furcht, worin die Seele
Mir schwebt der Qual des tiefern Kreises wegen,
So daß die Last von unten schon mich drückt.« -

Und sie zu mir: »Wer hat dich denn geleitet
Herauf zu uns, da du von Rückkehr sprichst?« -
Und ich: »Der bei mir ist und jetzt nicht redet.

Noch bin ich lebend; fordre drum von mir,
Erwählter Geist, willst du, daß ich noch jenseits
Für dich die ird'schen Füße regen soll.« -

»O, dies zu hören, ist so neu«, versetzt' er,
»Daß es von Gottes Gunst ein großes Zeichen:
Drum hilf bisweilen mir durch dein Gebet.

Auch bitt' ich dich bei deinem liebsten Wunsche,
Betrittst du je Toscana's Boden wieder,
Den Ruf stell' wieder her mir bei den Meinen.

Du wirst sie bei dem eitlen Volke finden,
Das hofft auf Talamon und da mehr Hoffnung
Verliert, als bei dem Suchen der Diana:

Doch mehr verlieren da die Admirale.« -


Gesang 14

»Wer ist denn der, der unsern Berg umkreiset,
Eh noch der Tod zum Flug bereit ihn machte,
Und, wie er will, sein Aug' aufthut und zuthut?« -

»Nicht weiß ich, wer er ist, nur, daß allein nicht:
Ersuch' ihn, daß er sich dir näher stelle,
Und red' ihn höflich an, damit er spreche.« -

So sprachen dort, einander zugeneiget,
Zween Geister mir zur Rechten; dann erhoben
Sie die Gesichter, um mit mir zu reden.

Der eine sprach: »O Seele, die du, haftend
Am Körper noch, empor zum Himmel steigest,
Aus Liebe gib uns Trost, belehr uns doch:

Woher und wer du bist; denn diese Gnade,
Die du erfährst, erregt uns solch Erstaunen,
Wie etwas heischt, was nie noch dagewesen.« -

Und ich: »Es fließet mitten durch Toscana
Ein Flüßchen, das am Falteron' entspringet
Und hundert Meilen weit des Laufs nicht satt wird -

Von diesem bring' ich meinen Leib hieher.
Euch sagen, wer ich sei, wär' nutzlos reden;
Denn es ertönet noch nicht weit mein Name.« -

»Durchdring' ich recht den Sinn deß, was du sagest,
Mit dem Verstand«, erwiederte mir jener,
Der früher sprach, »so redest du vom Arno.« -

Der andre sprach zu ihm: »Warum verheimlicht
Denn dieser da den Namen jenes Flusses,
Wie man's bei schreckenvollen Dingen thut?« -

Und der deshalb befragte Schatten löste
So seine Pflicht: »Nicht weiß ich's, doch wohl billig
Mag solches Thales Namen untergehen.

Denn vom Beginn, dort wo so wasserreich ist
Das Hochgebirg, von dem sich trennt Pelorum,
Daß wenig Stellen darin reicher sind,

Bis wo er zum Ersatze wieder spendet
Das, was vom Meer der Himmel aufgetrocknet,
Woher die Flüss' empfangen, was sie führen:

Wird Tugend so als Feindin, gleich der Schlange,
Verjagt von Allen, sei's nun durch Verhängniß
Des Ortes, sei's durch Unart, die sie antreibt;

Wodurch des unglücksel'gen Thals Bewohner
Ihr Wesen dergestalt verändert haben,
Daß Zaubrin Circe sie zu weiden scheinet.

Durch schnöde Schweine, würdiger der Eicheln
Als andrer Kost, geschaffen für den Menschen,
Lenkt er zuerst hin seinen armen Lauf.

Dann trifft er, tiefer kommend, kleine Hund' an,
Die bissiger, als ihre Kraft gestattet;
Unwillig macht er ihnen eine Schnauze.

Er fällt noch mehr: je breiter er nun wird,
Sieht um so mehr aus Hunden Wölfe werden
Der maledeite, unheilsvolle Graben.

Abstürzend dann durch manche tiefe Schlünde,
Trifft er auf Füchse, die so voller Trug,
Daß keine List sie fürchten, die sie fange.

Ich hör' nicht auf, damit mich der vernehme:
Gut wird's ihm sein, wenn er einst dessen denket,
Was ein wahrhafter Geist mir jetzt enthüllt.

Ich sehe deinen Neffen, der am Ufer
Des wilden Stroms zum Jäger werden wird
An jenen Wölfen, die er all' einschüchtert.

Ihr Fleisch verkauft er, während sie noch leben;
Dann schlachtet er sie ab, gleich altem Viehe;
Das Leben raubt er Vielen, sich die Ehre.

Bluttriefend kehrt er aus dem traur'gen Walde
Und läßt ihn so, daß wohl in tausend Jahren
Er nicht ein Wald wird, wie bisher er war.« -

Wie bei Verkündigung zukünft'gen Schadens
Sich trübt das Antlitz deß, der sie anhöret,
Von welcher Seit' auch die Gefahr ihm drohe:

So sah die andre Seel' ich, die die Stellung
Des Hörens hatte, trüb und traurig werden,
Nachdem das Wort sie in sich aufgenommen.

Der einen Reden und der andern Miene
Verlockten mich, die Namen zu erfahren;
So that ich bittend denn darnach die Frage.

Weshalb der Geist, der erst zu mir gesprochen,
Auf's neu begann: »Du willst dazu mich bringen,
Das dir zu thun, was du mir selbst nicht thun willst.

Allein da Gott in dir will leuchten lassen
So seine Gunst, werd' ich es dir nicht weigern:
Drum wisse, daß ich bin Guido del Duca,

Es war mein Blut von Mißgunst so entbrannt,
Daß, sahst du einen Menschen heiter werden,
Mich hättest du von Neid gefärbt gesehen.

Von meiner Aussaat ernt' ich solches Stroh.
O Menschen, warum liegt euch so am Herzen,
Was Ausschluß der Genossenschaft bedingt?

Dies ist Rinier; dies ist der Ruhm, die Ehre
Des Hauses Calboli, aus dem dann Keiner
Zum Erben seiner Tugend sich gemacht.

Und zwischen Po, Gebirg und Strand und Reno
Ist nicht blos sein Geschlecht beraubt der Güter,
Erforderlich für Wahrheit und Vergnügen;

Es ist auch zwischen diesen Grenzen voll
Von giftigem Genist, so daß zu spät es
Sein würde, durch Bebau'n es auszureuten.

Wo sind die Guten: Lizio, Traversaro,
Heinrich Manardi, Guido di Carpigna?
Wie seid ihr ausgeartet, Romagnolen,

Da Wurzeln faßt ein Fabbro in Bologna,
Ein Bernardin di Fosco in Faenza,
Ein edles Reis aus niedrigem Gesträuche!

Wundre dich nicht, o Tusker; wenn ich klage,
Kommt in's Gedächtniß mir Guido da Prata,
Ugolin d' Azzo, welcher mit uns lebte,

Friedrich Tignoso mit der Schaar, das Haus
Der Traversara und die Anastagi,
Enterbt sind die Geschlechter alle beide;

Die Frau'n und Ritter, wie die Müh'n und Freuden,
Die Lieb' und edle Sitt' uns einst gewähret,
Wo nun die Herzen also schlimm geworden.

O Brettinoro, warum fliehst du nicht,
Da dein Geschlecht von dannen ist gegangen,
Und vieles Volk, um ruchlos nicht zu werden?

Bagnacaval thut wohl, nicht fortzuzeugen,
Und Castrocaro schlimm, und schlimmer Conio,
Daß sie für mehr noch solcher Grafen sorgen.

Dran wohl thun die Pagani, wenn ihr Teufel
Davon sich macht; jedoch nicht so, daß jemals
Ein unbefleckter Ruf von ihnen bliebe.

O Ugolin de' Fantoli, dein Name
Steht sicher, seit man keinen mehr erwartet,
Der, einst ausartend, ihn verdunkeln könne.

Doch geh nun Tusker; denn ich habe jetzo
Weit mehr zu weinen Lust, als fortzusprechen,
So hat mir das Gespräch das Herz beengt.« -

Wir wußten wohl, daß jene theuren Seelen
Uns hörten gehn; und dadurch, daß sie schwiegen,
Bewirkten sie, daß wir dem Pfade trauten.

Als wir fortschreitend uns allein befanden,
Kam, gleich dem Blitze, der die Luft durchspaltet,
Entgegen eine Stimm' uns, welche sprach:

»Es wird mich jeder tödten, der mich findet«,
Und schwand dahin, wie Donner, welcher abrollt,
Wenn er urplötzlich das Gewölk durchbrochen.

Und kaum war das Gehör vor ihr in Ruhe,
Als schon die zweit' erscholl mit solchem Krachen,
Das einem Donner glich, der bald erfolget:

»Ich bin Aglauros, die zu Stein geworden!« -
Worauf, um an den Dichter mich zu drängen,
Ich mehr zurück den Schritt, als vorwärts that.

Schon war die Luft nach allen Seiten ruhig,
Als jetzt er sprach: »Das war der harte Zaum,
Der stets den Menschen sollt' in Schranken halten;

Doch faßt ihr nach dem Köder, daß der Haken
Des alten Erbfeinds zu ihm hin euch ziehet;
Weshalb Zuruf und Zügel wenig nutzt.

Euch ruft der Himmel, der euch rings umkreiset,
Und zeigt euch seine ew'gen Prachtgebilde,
Und doch blickt euer Auge nur zur Erde:

Drum straft euch Der, der jegliches durchschaut.« -


Gesang 15

So viel als, von dem Schluß der dritten Stunde
Bis zum Beginn des Tages, von der Sphäre
Sich zeigt, die wie ein Kind sich stets beweget:

So viel schien bis zum Abend hin der Sonne
Von ihrer Laufbahn übrig noch zu sein:
Dort war es Abend, diesseits Mitternacht.

Es traf ihr Strahl uns mitten auf die Nase,
Weil wir den Berg so weit umschritten hatten,
Daß wir nun grade gegen Abend gingen:

Als ich die Stirne mir beläst'gen fühlte
Von einem starkern Glanze denn vorher,
Und Staunen mir die neuen Ding' erweckten.

Drum hob ich ob dem Bogen meiner Brauen
Die Händ' empor und bildet' einen Schirm,
Daß er des Glanzes Uebermaß vermindre.

Wie wenn vom Wasser oder einem Spiegel
Der Strahl zur Seite gegenüber springt,
Und in derselben Richtung aufwärts steiget,

In der er einfiel, und gleich weit dann abweicht
Von eines Steines Fall in selbem Abstand,
Wie es Erfahrung und Versuch uns lehret:

So schien es mir, daß ich getroffen würde
Von dort vor mir zurückgeworfnem Lichte;
Weshalb ich schnell davon den Blick abwandte.

»Was ist das, lieber Vater, daß die Augen
Ich so nicht schützen kann, daß es mir nützt?«
Sagt' ich; »auch scheint es auf uns zu zu kommen.« -

»Laß dich's nicht wundern, wenn die Dienerschaft
Des Himmels dich noch blendet«, war die Antwort:
»Ein Bot' ist's, der zum Aufwärtssteigen ladet.

Bald wird nicht mehr, zu schaun dergleichen Dinge,
Dir lästig sein, vielmehr dir Lust gewähren,
Soweit Natur dich stimmt, sie zu empfinden.« -

Als wir zum benedeiten Engel kamen,
Begann er heiter: »Tretet ein von hier
Zu minder steilem Aufgang, als die andern.« -

Schon fern von dort begannen wir zu steigen,
Und: »Beati misericordes« tönt' es
Da hinter uns, und: »Freu dich, der du siegest.« -

Wir beide nun, mein Meister und ich, stiegen
Allein empor; und ich gedacht' im Gehen
Aus seinen Worten Nutzen mir zu schöpfen,

Und wandte mich zu ihm, ihn also fragend:
»Was wollte denn der Geist aus der Romagna,
Von Ausschluß sprechend von Genossenschaft?«

Drauf er: »Den Nachtheil seines größten Fehlers
Erkennt er; drum auch darf man sich nicht wundern,
Wenn er ihn rügt, daß drob man minder weine.

Weil eure Wünsche sich auf das erstrecken,
Was sich durch Mitgenossenschaft verringert,
So drückt' der Neid den Blasebalg für Seufzer.

Doch wenn aus Liebe zu der höchsten Sphäre
Sich eure Sehnsucht nach dort oben kehrte,
Dann herrscht' in eurer Brust nicht jene Furcht:

Denn so viel mehr man dort das Unsre nennet,
Um so viel mehr des Guts besitzt ein jeder,
So viel mehr Liebe flammt in jenen Räumen.« -

»Befriedigt, bin ich hungriger doch worden,
Als wenn ich erst geschwiegen hätte«, sagt' ich,
»Und weitern Zweifel heg' ich in der Seele.

Wie kann das sein, daß ein vertheiltes Gut
Die mehreren Besitzer reicher mache
Durch sich, als wenn es Wenige besitzen?« -

Und er zu mir: »Sobald du immer wieder
Den Geist nur auf die ird'schen Dinge heftest,
So erntest Dunkel du vom Licht der Wahrheit.

Das endlos, unaussprechlich hohe Gut,
Das droben ist, eilt so der Lieb' entgegen,
Dem Strahl gleich, der auf helle Körper trifft.

So viel gibt es sich hin, als Lieb' es findet;
So daß, wie weit auch Liebe sich erstrecke.
Bei ihr der ew'ge Schatz nur immer zunimmt.

Und wie viel mehr man droben sich verstehet,
Jemehr ist liebenswerth das, was sich liebt,
Und, Spiegeln gleich, gibt man einander wieder.

Und wenn dich meine Rede nicht befriedigt,
Wirst du Beatrix sehn, die wird dir völlig
So den wie jeden andern Wunsch benehmen.

Nur sorge, daß alsbald gelöscht auch werden
Wie schon die zwei, so die fünf andern Wunden,
Die ohne Schmerzen sich nicht schließen lassen.« -

Grad als ich sagen wollte: »Du befriedigst ...«
Sah ich mich angelangt am neuen Kreise,
So daß mich still die gier'gen Augen machten.

Da war es mir, als ob in ein verzücktes
Gesicht ich plötzlich hingerissen würde,
Und säh' in einem Tempel viele Leute;

Und eine Frau, die an dem Eingang stand
Mit mutterholder Miene, schien zu sagen:
»Mein Sohn, warum hast du uns das gethan?

Dein Vater, sieh, und ich wir haben schmerzlich
Nach dir gesucht« - und als hierauf sie schwieg,
War das, was mir zuvor erschien, verschwunden.

Drauf sah ich eine zweite, der die Wangen
Die Tropfen netzten, so der Schmerz entpresset,
Wenn er aus Zorn entstanden gegen Andre;

Die sagte: »Wenn du Herr bist jener Stadt,
Um deren Namen Götter so gestritten,
Von der auch alle Wissenschaft ausstrahlet,

So räche dich an den verwegnen Armen
Pisistratus, die unser Kind umarmten.« -
Doch der Gebieter schien ihr sanft und gütig,

Mit Mäßigung im Antlitz, zu entgegnen:
»Was sollen dem wir thun, der Leid uns wünschet,
Wenn der von uns verdammt wird, der uns liebt?« -

Drauf sah ich Volk, von Zornesglut entbrannt,
Mit Steinen einen Jüngling tödten, immer
Sich laut zurufend: »Steinigt, steinigt ihn!«

Ihn aber sah ich, den die Last des Todes
Schon niederzog, sich hin zur Erde neigen;
Doch hielt sein Aug' er stets dem Himmel offen,

Zum höchsten Herrn in solchen Kampfe betend,
Daß seinen Feinden er verzeihen möchte,
Mit jenem Blick, dem Mitleid sich erschließet.

Als meine Seel' ich zu den Außendingen,
Die außer ihr noch wahr sind, wieder wandte,
Erkannt' ich meinen Wahn, der doch kein falscher.

Mein Führer, der bemerkte, daß ich that
Wie einer, der vom Schlaf sich losmacht, sagte:
»Was hast du, daß du dich nicht halten kannst?

Und gingst doch mehr als eine halbe Meile
Die Augen schließend und mit schwanken Füßen,
Wie wer von Schlaf gebückt geht oder Wein.« -

»Mein lieber Vater, hörest du mich an,
Will ich dir sagen«, sprach ich, »was ich sahe,
Als mir die Füße so befangen waren.« -

Und er drauf: »Hättest du auch hundert Larven
Vor dem Gesicht, doch bliebe mir von dir
Der mindeste Gedanke nicht verschlossen.

Was du gesehn, geschah, damit du nicht
Dein Herz den Friedenswassern zu eröffnen
Dich weigertest, die ew'gem Quell entfließen.

Ich fragte nicht: was fehlt dir? jenem gleich,
Bei dem das Aug' allein nur sieht, das nicht
Mehr sieht, sobald entseelt der Körper daliegt;

Ich fragt' um sicher deinen Tritt zu machen.
Antreiben muß man so die Schlaffen, Trägen,
Daß sie ihr Wachsein, wenn es rückkehrt, nutzen.« -

Wir gingen durch den Abend weiter, spähend,
So weit die Blicke sich erstrecken konnten,
Dem abendlichen Strahlenglanz entgegen.

Und siehe, nach und nach kam auf uns her
Ein Rauch gezogen, dunkel wie die Nacht,
Und keinen Ort gab's, uns vor ihm zu retten:

Der nahm den Blick uns und die freie Luft.


Gesang 16

Der Hölle Schwarz und einer Nacht, ermangelnd
Jedweden Sternes unter traur'gem Himmel,
So schwer als möglich von Gewölk beschattet,

War meinem Antlitz nicht so dichter Schleier,
Noch dem Gefühle je so widerwärtig,
Wie jener Rauch, der uns daselbst bedeckte,

Denn nicht ertrugen ihn die offnen Augen:
Weshalb mein kundiger und treuer Führer
Sich zu mir stellt' und mir die Schulter bot.

Wie hinter seinem Führer geht der Blinde,
Daß er sich nicht verirr' und stoß' an etwas,
Das ihn verletze oder gar ihn tödte:

So schritt ich durch die herbe, trübe Luft,
Auf meinen Führer horchend, der blos sagte:
»Hab Acht, daß du von mir getrennt nicht werdest.« -

Ich hörte Stimmen und jedwede schien mir
Um Frieden und um Mitleid anzuflehen
Das Gotteslamm, das unsre Sünden trägt.

Ihr Eingang war nur immer »Agnus Dei«.
Es hielten All' ein Wort und eine Weise,
So daß vollkommne Eintracht sie bezeigten.

»Sind Geister dies, was ich jetzt hör', o Meister?«
Sagt' ich, und er mir: »Du vermuthest recht,
Und wollen so des Zornes Knoten lösen.« -

»Wer bist du denn, der unsern Rauch du theilest
Und von uns sprichst, als wenn du immer noch,
Wie Menschen thun, die Zeit nach Tagen mäßest?« -

So hört' ich eine Stimme dorten sagen.
Worauf der Meister sprach: »Antwort' ihm nur,
Und frag ihn, ob von hier man aufwärts steige.

Und ich zu jenem: »Wesen, das sich läutert,
Um rein zu deinem Schöpfer rückzukehren:
Wenn du mir folgst, so sollst du Wunder hören.« -

»So weit's erlaubt mir ist, werd' ich dir folgen«,
Sprach er, »und wenn das Sehn der Rauch verhindert,
Soll uns an dessen Statt das Hören gelten.« -

Worauf ich nun begann: »Mit jener Hülle,
Die einst der Tod mir löset, steig' empor ich,
Und durch der Hölle Jammer kam ich her.

Und schloß Gott also mich in seine Gnade,
Daß er mich seinen Hof will schauen lassen
In solcher Art, die wider neuern Brauch:

So birg mir nicht, wer vor dem Tod du warest,
Nein, sag mir's, sag auch, bin auf rechtem Weg ich?
Es sollen deine Wort' uns Führer sein.« -

»Ich war Lombard', und Marco war mein Name;
Die Welt kannt' ich und liebte jene Tugend,
Worauf jetzt niemand mehr den Bogen spannet.

Um aufzusteigen, gehst den rechten Weg du.«
So sprach er und hinzu fügt' er: »Ich fleh' dich,
Daß, wenn du oben bist, du für mich betest.« -

Und ich zu ihm: »Auf Treu gelob' ich dir,
Zu thun, was du verlangst; doch macht ein Zweifel
Mich bersten fast, wenn ich ihn mir nicht löse.

Erst war er einfach, jetzo wirkt er doppelt
Durch deinen Ausspruch, der gewiß mir macht,
Womit ich ihn verbinde, hier wie sonstwo.

In Wahrheit ist die Welt so ganz verlassen
Von jeder Tugend, wie du ausgesagt,
Und so geschwängert nnd bedeckt von Bosheit;

Allein ich bitte, zeige mir die Ursach,
Daß ich sie seh' und sie auch andern zeige;
Es sucht sie der im Himmel, der auf Erden.« -

Erst tiefen Seufzer stieß er aus, vom Schmerze
Zum Ach verstärkt, und dann begann er: »Bruder,
Die Welt ist blind, und du kommst recht von ihr.

Ihr, die ihr lebt, bezieht jedwede Ursach
Stets auf den Himmel oben, wie wenn alles
Sich mit Nothwendigkeit durch ihn bewegte.

Wenn dies so wäre, wäre ja vernichtet
Der freie Will', und wär's Gerechtigkeit,
Für Gutes Lust, für Böses Trauer ernten?

Der Himmel legt den Grund zu euren Trieben;
Nicht, sag' ich, allen; doch gesetzt, ich sagt' es,
So bleibt euch Einsicht ja für Gut und Böses,

Und freier Wille, der, wenn er die Mühen
Der ersten Kämpf' ausdauert mit dem Himmel
Und wohl erstarkt ist, dann auch gänzlich sieget.

Ihr unterwerft euch besserer Natur
Und größrer Macht freiwillig; diese schafft
Den Geist in euch, der nicht vom Himmel abhängt.

Drum, weicht die jetz'ge Welt vom rechten Wege,
So liegt der Grund in euch, in euch nur sucht ihn;
Dies will ich wahrhaft dir ausspähen helfen.

Hervor geht aus der Hand deß, der sie zärtlich
Anschaut, noch eh sie ist, nach Kindes Weise,
Das bald mit Weinen, bald mit Lachen tändelt,

Die Seele, die, einfältig, noch nichts weiß,
Als daß, vom heitern Schöpfer angetrieben,
Sie gern zu dem sich wendet, was ergetzet.

Erst findet an Geringem sie Vergnügen:
Hier täuscht sie sich und rennt ihm eifrig nach,
Lenkt ihre Liebe Zaum nicht oder Führer.

Darum bedarf's als Zügel der Gesetze,
Bedarf's des Herrschers, der zum wenigsten
Den Thurm der wahren Stadt erkennen lasse.

Gesetze gibt's; doch wer befolgt sie? Niemand.
Der Hirt, der anführt, wiederkäun zwar kann er,
Allein es sind die Klaun ihm nicht gespalten.

Weshalb das Volk, das seinen Führer sieht
Nach dem nur trachten, was es selbst begehret,
Daran sich weidet und nichts weiter fordert.

Wohl kannst du sehen, daß die schlechte Leitung
Der Grund ist, daß die Welt so schlimm geworden,
Nicht weil in euch verderbt sei die Natur.

Zwei Sonnen hatte Rom, als es die Welt
In Ordnung brachte, welche beide Straßen
Erleuchteten, die Gottes und der Welt.

Verlöscht hat jene diese; und gelangt ist
Das Schwert zum Hirtenstab; so muß nun beides
Sehr übel fahren durch Gewaltsamkeit,

Da so verbunden Keins das Andre fürchtet.
Glaubst du nur nicht, betrachte nur die Aehre;
Denn jedes Kraut erkennt man an dem Samen.

Im Lande, welches Etsch und Po bewässern,
War einstens Muth und edler Sinn zu finden,
Eh Friedrich noch in Streit verwickelt wurde. /p>

Jetzt kann sie jeder sicher dort entbehren,
Wer sonst aus Scham es unterlassen möchte,
Zn sprechen oder umzugehn mit Guten.

Noch sind drei Alte dort, aus denen schilt
Die alte Welt die neue; denen scheint es
Zu lang, eh Gott sie ruft zu besserm Leben;

Der gute Gerhard, Conrad von Palazzo
Und Guido von Castel, den man auf fränkisch
Wohl besser nennt den einfachen Lombarden.

Gestehe nun, ob nicht die Kirche Roms,
Da zwei Gewalten sie in sich vereinigt,
In Schlamm versinkt, sich und die Last besudelnd?« -

»Du folgerst richtig«, sprach ich, »o mein Marco;
Und jetzt begreif' ich, weshalb von dem Erbe
Die Söhne Levi's waren ausgeschlossen.

Doch wer ist Gerhard, den du weise nennest,
Der vom vertilgten Volk ist übrig blieben,
Zum Vorwurf dem verwilderten Jahrhundert?« -

»Entweder täuscht dein Wort mich oder prüft mich«,
Antwortet' er, »da du, toskanisch redend,
Vorgibst, vom guten Gerhard nichts zu wissen.

Ein andrer Beinam' ist mir nicht bekannt,
Ich nähm' ihn denn von seiner Tochter Gaja.
Gott sei mit euch; ich geh' mit euch nicht weiter.

Sieh dort die Dämmrung, die den Rauch durchleuchtet,
Bereits erglänzen; deshalb muß ich scheiden,
Eh noch der Engel, der dort ist, sich zeiget.« -

So sprach er und nicht weiter wollt' er hören.


Gesang 17

Gedenk, o Leser, wenn dich in den Alpen
Ein Nebel überfiel, durch den du sahest
Nur wie der Maulwurf durch die Augenhäute,

Wie dann die feuchten und verdickten Dünste
Zu lichten sich beginnen, und die Scheibe
Der Sonne schwach durch sie hindurch nur scheinet:

Dann wirst der Vorstellung du nahe kommen,
Die Sonne so zu sehn, wie ich sie wieder
Erblickt', als sie im Untergehen war.

So, den verläss'gen Schritten meines Meisters
Anpassend meine, trat aus solcher Wolk' ich
An's Licht, das schon erstarb am tiefen Strande.

Einbildungskraft, die du uns oft entrückest
So ganz dem Außen, daß wir nichts vernehmen,
Und wenn auch tausend Tuben uns umtönten!

Wer regt dich an, wenn's nicht die Sinne thun?
Licht regt dich an, deß Ursprung in dem Himmel,
Selbst, oder weil's herab ein Wille leitet.

Vom Zorne Jener, die einst ward verwandelt
Zum Vogel, der zumeist sich freut des Sanges,
Erschien in meiner Einbildung das Abbild:

Und hiebei war mein Geist so in sich selbst
Zurückgezogen, daß von außen nichts
Es gab, was er noch aufgenommen hätte.

Dann trat vor die verzückte Phantasie
Ein Mann am Kreuz, in dessen Antlitz sich
Stolz und Verachtung wies, und also starb er.

Bei ihm stand Ahasver der Große, Esther,
Sein Weib, und Mardochai, der Gerechte,
Der so rechtschaffen war in Wort und That.

Und wie dies Bild nun wieder in sich selbst
Zergangen, gleich der Blase, der das Wasser,
Woraus sie sich gebildet, wieder mangelt:

Hob vor dem innern Blick sich eine Jungfrau,
Die weinte sehr und sprach: »O Königin,
Warum hast du aus Zorn in's Nichts gewollt?

Lavinia nicht zu missen, gabst du Tod dir;
Nun bin ich hin dir, bin's, die trauert, Mutter,
Ehr über deinen als des Andern Tod.« -

Wie sich der Schlaf bricht, wenn ein neuer Strahl
Urplötzlich die geschlossnen Augen trifft,
Und noch gebrochen zuckt, eh ganz er schwindet:

So sank die Einbildung auch vor mir nieder,
Sobald der Glanz mir das Gesicht getroffen,
Ein größerer, als wir ihn sonst gewahrten.

Ich wandte mich, zu sehen, wo ich wäre,
Als eine Stimme rief: »Hier steigt man aufwärts!«
Was jeden andern Vorsatz mir benahm,

Und in mir die Begierde stark erregte,
Zu sehen, wer das wäre, der gesprochen;
Denn niemals ruht sie, bis man ihr sich zeiget.

Doch wie die Sonne unsern Blick belästigt
Und durch zu starken Glanz ihr Bild verschleiert:
So reichte hier auch meine Kraft nicht zu.

»Dies ist ein Himmelsbote, der den Pfad uns
Zum Aufgang zeigt, auch wenn wir nicht drum bitten,
Und selber sich mit seinem Licht verhüllet.

Er macht's mit uns, wie's mit sich selbst der Mensch macht:
Denn wer die Noth sieht und auf Bitten wartet,
Dem liegt im Sinn schon böslich das Versagen.

Laß unsern Fuß denn solchem Rufe folgen!
Beeilen wir den Aufgang, eh es dunkelt;
Sonst wär's unmöglich, bis der Tag zurückkehrt.« -

So sprach zu mir mein Führer, und wir wandten
Zusammen unsern Schritt zu einer Stiege,
Und als ich ankam bei der ersten Stufe,

Da hört' ich Flügelschlag mir nah, ich fühlte
Ein Wehn im Antlitz und vernahm: »Beati
Pacifici,
die bösen Zornes ledig!«

Schon hatten sich ob uns so hoch erhoben
Die letzten Strahlen, denen folgt die Nacht,
Daß allerorts her sich die Sterne zeigten.

»O meine Kraft, warum entweichst du so mir?«
Sprach bei mir selbst ich, als ich die Bewegung
Der Füße mir versetzt in Stillstand fühlte.

Wir waren, wo nicht weiter mehr emporging
Die Stieg', und hatten dort uns festgestellt;
Grad wie ein Schiff, das an dem Ufer landet.

Ich horcht' ein wenig auf, ob ich vernähme
Nur irgend etwas in dem neuen Kreise;
Dann wandt' ich mich zum Meister und ich sprach:

»Mein theurer Vater, sage, welch Vergehen
Wird in dem Kreise, wo wir sind, geläutert?
Stehn still die Füß' auch, thu's nicht deine Rede!« -

»Zum Heil die Liebe, so die Pflicht versäumte,
Ergänzt man hier«, versetzt' er; »rüst'ger nimmt man
Das träg geführte Ruder wieder auf.

Doch daß noch klarer du die Meinung fassest,
So folg im Geist mir, und du wirst gewinnen
Etwelche gute Frucht von unserm Weilen.

Es waren weder Schöpfer noch Geschöpf«,
Begann er, »jemals ohne Lieb', o Sohn,
Sei's geist'ge, sei's natürliche; du weißt es.

Die der Natur war immer frei von Irrthum;
Die andre kann im Gegenstand sich irren,
So durch zu viel wie durch zu wenig Thatkraft.

So lang sie nur den wahren Gütern nachgeht
Und in den Nebendingen selbst sich mäßigt,
Kann sie nicht Ursach sein zu böser Lust;

Doch kehrt sie sich zum Schlimmen oder jagt sie
Mehr oder minder, als sie soll, nach Gutem,
Dann wirkt dem Schöpfer das Geschöpf entgegen.

Hieraus kannst du begreifen, daß die Liebe
Der Same jeder Tugend in euch sein muß,
Und jeder Handlung, welche Straf' erheischet.

Weil nun die Liebe nie vom Wohle dessen,
Was ihr gefällt, ihr Antlitz wenden kann,
So sind vor Selberhaß die Dinge sicher,

Und weil man sich kein Wesen denken kann,
Getrennt vom höchsten, blos für sich bestehend:
So fehlt auch, dies zu hassen, jeder Trieb.

Es bleibt, daß, wenn einteilend recht ich rede,
Das Uebel, was man liebt, den Nächsten trifft,
Und dreifach quillt die Lieb' aus eurem Schlamme.

Der, wenn sein Nächster unterdrückt wird, hofft
Erhebung und allein deswegen wünscht er
Von seiner Höhe den hinabgestürzet;

Der fürchtet zu verlieren Macht und Gunst
Und Ehr' und Ruhm, hebt sich ein Andrer höher:
Drum liebt er aus Verdruß das Gegentheil.

Und der glaubt durch Beleid'gung so beschimpft sich,
Daß er von Rach' erfüllt wird, und ein Solcher
Muß auf den Schaden dann des Andern sinnen.

Solch dreigestalt'ge Liebe nun beweint man
Hier unten; doch nun hör auch von der andern,
Die in verkehrter Art dem Guten nachjagt.

Verworren denkt sich jeglicher ein Gut,
In dem die Seel' ausruhen möcht', und wünscht es,
Weshalb er es auch zu erreichen strebet.

Zieht träg nur, dies zu schaun und zu erreichen,
Die Lieb' euch zu ihm hin, so strafet euch,
Nach wahrhaftem Bereuen, dies Gesims hier.

Noch gibt es Gut, das euch nicht glücklich macht:
Nicht ist's Glückseligkeit, noch wahres Wesen,
Die Wurzel und die Frucht jedweden Heiles.

Die Liebe, die zu sehr sich diesem hingibt,
Beweint man über uns in dreien Kreisen;
Doch wie man sie muß dreigetheilt sich denken,

Darüber schweig' ich, daß du's selber findest.« -


Gesang 18

Es hatte so geschlossen seine Rede
Der hohe Lehrer und aufmerksam blickt' er
In's Antlitz mir, ob ich befriedigt schiene.

Und ich, von neuem Durste noch gestachelt,
Schwieg äußerlich, allein im Innern sprach ich:
»Vielleicht wird ihm zu vieles Fragen lästig.«

Doch als den Willen der wahrhafte Vater
Bemerkte, der sich kund zu geben scheute,
Gab er durch Sprechen mir den Muth zu sprechen.

Worauf ich: »Meister, es belebt mein Blick
Sich so an deinem Licht, daß klar ich sondre,
Was alles deine Red' aussagt und lehret.

Deshalb nun bitt' ich dich, mein theurer Vater,
Belehr' mich von der Liebe, der du zuschreibst
Jedwedes Rechtthun, wie sein Gegentheil.« -

»So richt' auf mich die Lichter des Verstandes«,
Begann er: »und einleuchtend soll dir werden
Der Blinden Irrthum, die sich Führer dünken.

Der Geist, geschaffen mit dem Trieb zu lieben,
Ist regsam für jedwedes, was gefällt,
Sobald Gefallen ihn zum Thun ermuntert.

Das Wirkliche gibt eurer Fassungskraft
Die Richtung und entfaltet sie in euch,
So daß die Seele zu ihm hin sich wendet.

Und wenn sie, so gewendet, sich ihm zuneigt,
Ist diese Neigung Liebe, ist Natur,
Die durch Gefallen sich in euch erneuert.

Dann, wie das Feuer nach der Höhe strebet,
Durch eingebornen Zug, emporzusteigen
Dahin, wo es in seinem Wesen dauert:

So kommt auch der ergriffne Geist in Sehnsucht,
In geistige Bewegung, die nie ruht,
Bis der geliebte Gegenstand ihn letzet.

Nun kannst du wohl ermessen, wie verborgen
Die Wahrheit sei dem Volk, das jede Liebe
An sich für etwas Lobenswerthes hält.

Deshalb vielleicht, weil stets ihr Gegenstand
Als gut erscheint; doch nicht jedwedes Siegel
Ist gut, wenn auch das Wachs vortrefflich ist.« -

»Es hat dein Wort, und weil mein Geist ihm folgte«,
Gab ich zur Antwort, »mir die Lieb' erkläret,
Doch dies mit weitrem Zweifel mich erfüllt,

Daß, wird von außen Lieb' uns dargeboten,
Und folgt die Seele nur dem Trieb, so ist es,
Geh' recht sie oder falsch, nicht ihr Verdienst.« -

Und er zu mir: »Wie weit Vernunft hier siehet,
Kann ich dir's sagen; doch für Weitres warte
Nur auf Beatrix; Sach ist dies des Glaubens.

Jedwede Wesensform, die von dem Stoffe
Verschieden ist, und doch mit ihm verbunden,
Hält ganz besondre Kraft in sich verschlossen,

Die, ohne daß sie wirkt, erkannt nicht wird,
Und anders nie sich kund gibt, als durch Wirkung,
Wie Leben in dem Baum durch grüne Zweige.

Deshalb, von woher ihm die Kenntniß komme
Der Urbegriff', ist unbewußt dem Menschen,
Wie auch der Reiz deß, was zuerst begehrt wird:

Sie liegen in euch, wie der Trieb in Bienen,
Honig zu machen, und dies Urbegehren
Hat keinen Grund in sich zu Lob noch Tadel.

Daß nun zu der Kraft sich all andre füge,
Ist eingeboren euch die Kraft des Rathes,
Die soll bewahren der Beistimmung Schwelle.

Dies' ist der Urgrund, von woher man leitet
Die Ursach, euch zu lohnen, je nachdem sie
Gut oder schlimme Lieb' aufnimmt und sichtet.

Die, so nachsinnend auf den Grund gedrungen,
Gewahrten diese eingeborne Freiheit,
Und gaben so der Welt die Sittenlehre.

Entsteh' nun jede Lieb' auch, schließen wir,
Die in euch aufflammt, aus Nothwendigkeit,
So liegt in euch die Macht doch, sie zu zügeln.

Beatrix nennet nun den freien Willen
Solch edle Kraft; darum gib auch wohl Acht,
Daß du dran denkst, wenn sie davon dir spräche.« -

Der Mond, der fast bis Mitternacht gezögert,
Dem Kessel gleichend, welcher ganz in Glut,
Ließ die Gestirn' uns spärlicher erscheinen

Und zog den Pfad, dem Himmelslauf entgegen,
Auf dem die Sonne strahlet, wenn der Römer
Sie zwischen Sarden sinken sieht und Corsen.

Und jener edle Schatten, dessen Name
Pietola über Mantua's Oerter hebt,
Hatt' abgelegt die Bürde meiner Fragen,

Weshalb ich, da die offen klare Auskunft
Auf meine Fragen ich empfangen hatte,
Wie einer dastand, der halbschlafend träumet.

Doch plötzlich ward von dieser Schläfrigkeit
Durch Leut' ich frei, die hinter unserm Rücken
In Bogen auf uns zugeschritten kamen.

Und wie Ismenus und Asopus sahen
Längs ihres Laufs bei Nacht ein toll Gedränge,
Wenn die Thebemer Bacchus' Hülfe brauchten:

So bogen ihren Schritt in jenem Kreise,
Wie ich bemerkt', auch viele von den Nahnden
Die guter Will' und rechte Liebe spornet.

Bald waren sie an uns heran, weil eilig
Der ganze große Haufe vorwärts schritt,
Und zwei der Vordersten, die riefen weinend:

»Es ging Maria eiligst zum Gebirge,
Und Cäsar griff, Ilerda zu bezwingen,
Massilien an und eilte dann nach Spanien.« -

»Drum schleunigst, daß nicht Zeit verloren gehe
Durch wenig Liebe!« schrien darauf die Andern;
»Des Rechtthuns Eifer läßt die Gnad' ergrünen!« -

»O Volk, in dem der scharfe Eifer nun
Ersetzt, was Lässigkeit vielleicht und Zaudern
In euch durch Lauheit, recht zu thun, verschuldet,

Der hier ist lebend, traun, ich täusch' euch nicht,
Und will hinauf, sobald die Sonne leuchtet;
Drum saget uns, wo nah der Eingang ist.« -

So lauteten die Worte meines Führers.
Und einer von den Geistern sagte: »Komme
Nur hinter uns, so wirst den Spalt du finden.

Wir sind so voll Begierd', uns zu bewegenm
Daß wir nicht weilen können, drum verzeihe,
Wenn dir unhöflich scheint, was uns gemäß ist.

Abt war ich zu Verona in San Zeno,
Als einst der gute Barbarossa herrschte,
Von welchem Mailand noch mit Jammern spricht.

Und Einer hat schon einen Fuß im Grabe,
Der dieses Kloster bald beweinen wird
Und trauern, daß er je ihm vorgestanden;

Weil seinen Sohn er, schlimm am ganzen Körper,
Am Geiste schlimmer, schlimm zur Welt gekommen,
Gesetzt hat an des echten Hirten Stelle.« -

Ich weiß nicht, sprach er weiter oder schwieg er,
So weit war über uns er schon hinaus;
Doch dies hört' ich und sucht' es zu behalten.

Und er, der Helfer mir in jeder Noth war,
Sprach: »Wende dich hieher und sieh zwei Seelen,
Die eben kommen und die Trägheit schelten.«

Nachschrieen diese allen: »Sterben mußte
Erst jenes Volk, vor dem das Meer sich theilte,
Bevor der Jordan seine Erben sah.

Und jenes, das die Mühen nicht ertragen
Bis an das Ende mit Anchises' Sohne,
Gab einem Leben ohne Ruhm sich hin.« -

Dann, als die Schatten sich von uns so weit
Entfernt, daß sie nicht mehr zu sehen waren,
Entsprang in mir ein anderer Gedanke,

Auf den viel andre und verschiedne folgten.
So schweift' ich von dem einen zu dem andern,
Bis ich die Augen vor Entzücken schloß,

Und so mein Sinnen sich in Traum verkehrte.


Gesang 19

Zur Stunde, da nicht mehr des Tages Wärme
Des Mondes Kälte lauer machen kann,
Besiegt von Tellus, manchmal von Saturn auch;

Wann fern im Morgenland die Geomanten
Erscheinen sehn ihr »größer Glück« auf Wegen,
Die kurz nur noch die Dämmrung dunkel läßt:

Kam eine Frau zu mir im Traume, stotternd,
Mit schiefem Blick, mit ganz verkrümmten Füßen,
Verkrüppelt an der Hand und fahler Farbe.

Ich sah sie an; und wie die Sonn' entstrickt
Die kalten Glieder, so die Nacht ersteifte,
So macht' auch ihr mein Blick die Zunge schmeidig,

Und kurz darauf hob sie sich ganz empor,
Und ihr verstört Gesicht bekam die Farbe,
Wie nur sie sich die Liebe wünschen mag.

Dann, als ihr so gelöst die Sprache war,
Sang sie jetzt so, daß ich mit Müh nur hätte
Von ihr den aufmerksamen Sinn gewendet.

»Ich bin«, sang sie, »die lockende Sirene,
Die auf dem Meer die Schiffer irre leitet,
So voller Anmuth bin ich, hört man mich.

Ich zog Ulyß, entzückt ob meinem Sange,
Von seinem Pfad, und wer mit mir verkehret,
Geht selten weg, so ganz bezaubr' ich ihn.« -

Noch hatte sie nicht ihren Mund geschlossen,
Als augenblicks ein heilig Weib erschien,
Dicht in der Näh' mir, jene zu beschämen.

»Virgil, Virgil, wer ist denn diese da?«
Sprach sie voll Zorn; und jener kam herbei,
Der Ehrbaren stets mit dem Blicke folgend.

Und diese faßte jen', und auseinander
Schlug sie ihr das Gewand und wies den Leib mir;
Der weckte mich mit Stank, so von ihm ausging.

Die Augen wandt' ich, und Virgil, der gute,
Sprach: »Dreimal mindstens rief ich: Auf und komme!
Laß uns die Oeffnung suchen, wo du eintrittst.« -

Ich stand jetzt auf, und alle Kreise waren
Des heil'gen Bergs schon voll vom hohen Tage;
Hingingen wir, die neue Sonn' im Rücken.

Dem Führer folgend, senkt' ich meine Stirne,
Wie einer, welchen der Gedanken Schwere
Zn einem halben Brückenbogen macht;

Als: »Kommt, hier geht man durch!« ich hörte sagen
In solchem lieblichen und güt'gen Tone,
Wie man in ird'schem Land ihn nicht vernimmt.

Mit offnen Flügeln, denen gleich des Schwanes,
Kam zwischen den zwei Wänden harten Felsens
Der nun herauf, der so zu uns gesprochen.

Die Schwingen regt' er dann und fächelt' uns,
Versichernd, daß glückselig sei'n »qui lugent«,
Weil gute Seelen Trost erlangen werden.

»Was hast du, daß du stets zu Boden schauest?«
Begann zu mir mein Führer, als wir beide
Nun etwas höher waren, als der Engel.

Und ich: »Mit solchem Zweifel hemmt den Schritt mir
Ein neu Gesicht, das zu sich hin mich ziehet,
Daß ich des Sinnens nicht mich kann entschlagen.« -

»Sahst du die alte Zauberin«, so sprach er,
»Um die man über uns allein noch weinet?
Sahst du wohl, wie der Mensch von ihr sich frei macht?

Das gnüge dir; den Fuß stampf auf die Erde:
Heb auf den Blick zum Lockspiel, welches schwinget
Der ew'ge König mit den großen Kreisen.« -

So wie der Falk, der auf die Klaun erst schaut,
Dann nach dem Ruf sich wendet und sich ausstreckt
Vor Gierde nach der Atzung, die ihn locket;

So that auch ich und ging, so lang der Felsen
Sich spaltet, um zum Aufgang Bahn zu geben,
Bis dahin, wo den Umkreis man beginnt.

Als frei nun in dem fünften Kreis ich stand,
Sah Volk ich auf demselben, welches weinte
Und mit dem Antlitz auf dem Boden lag.

»Adhaesit pavimento anima mea«
Hört' ich sie sagen mit so tiefem Seufzen,
Daß kaum die Worte man verstehen konnte.

»O ihr Erwählten Gottes, deren Leiden
Gerechtigkeit und Hoffnung linder machen!
Zeigt uns den Weg doch zu den hohen Stiegen.« -

»Wenn ihr euch hier nicht niederwerfen dürfet,
Und wollt den Pfad zum Aufgang früher finden,
So haltet eure Rechte stets nach außen.«

So bat der Dichter, und so war die Antwort
Nicht weit vor uns; weshalb ich aus der Rede
Das andre, was verschwiegen blieb, entnahm.

Auf des Gebieters Blicke wandt' ich meine;
Worauf er mir mit heitrem Wink erlaubte,
Daß ich dem Blick des Wunsches Worte gäbe.

Jetzt, als nach meinem Sinn ich schalten konnte,
Begab ich mich zu jenem Wesen hin,
Deß Wort es mir vorher bemerkbar machte.

Ich sagte: »Geist, in dessen Thränen reifet,
Wo ohne man zu Gott nicht kehren kann,
Laß deine größre Sorg' etwas bei Seite!

Wer warst du, und warum kehrt ihr den Rücken
Nach oben? sag mir auch, ob ich dir etwas
Erflehn soll dort, von wo ich lebend komme.« -

Und er zu mir: »Weswegen unsre Rücken
Der Himmel sich zukehrt, weißt du; doch vorher
Scias, quod ego fui successor Petri.

Es stürzt sich zwischen Chiaveri und Sestri
Ein schöner Fluß herab; von seinem Namen
Schreibt sich der Anspruch meines Blutes her.

Kaum mehr als einen Mond prüft' ich, wie schwer sei
Der große Mantel dem, der rein ihn hält:
Flaumfedern scheinen alle andern Lasten.

Spät leider! war es, daß ich mich bekehrte;
Doch als ich röm'scher Hirt geworden war,
Entdeckt' ich so das lügnerische Leben.

Ich fand, daß dorten man das Herz nicht stillet,
Noch höher steigen kann im ird'schen Leben;
Deshalb entbrannte Lieb' in mir zu diesem.

Bis zu dem Augenblick war meine Seele
Elend, von Gott geschieden, voller Geizes:
Jetzt werd' ich, wie du siehst, deshalb gestraft.

Was Geiz verübt, das wird hier offenbar,
Indem sich die bekehrten Seelen läutern;
Und keine härtre Strafe hat der Berg.

Denn wie dort unser Aug' auf ird'sche Dinge
Geheftet, sich nach oben nicht erhob,
So drückt es hier Gerechtigkeit zu Boden.

Wie unsre Liebe für jedwedes Gute
Der Geiz erstickte, drob das Thun erstarb:
Hält hier Gerechtigkeit uns hingestreckt,

An Händen und an Füßen festgebunden,
Und wie des Herrn gerechter Will' es ist,
So lange haften reglos wir am Boden.« -

Ich war zu ihm gekniet und wollte sprechen;
Doch als ich anfing, und, wenn auch durch's Ohr nur,
Er merkte, daß ich Ehrfurcht ihm bezeigte:

Da sprach er: »Welch ein Grund beugt so herab dich?« -
Und ich zu ihm: »Um eurer Würde willen
Hat mich gepeinigt mein gerecht Gewissen.« -

»Richt' auf die Füße dich, steh auf, mein Bruder«,
Antwortet' er; »nicht irr'; ich bin nur Mitknecht
Von dir und mit den andern einer Macht.

Wenn je des heil'gen Evangeliums Worte,
Die »neque nubent«, lauten, du verstandest,
Erkennst du wohl, warum ich also rede.

Doch gehe nun, verweile dich nicht länger,
Da dies dein Bleiben mich im Weinen störet,
Womit ich das, wovon du sprachest, fördre.

Jenseits hab' ich noch eine Nicht', Alagia
Mit Namen, gut an sich, wenn unser Haus nur
Sie durch sein schlimmes Beispiel nicht verderbet:

Die ist allein mir dort zurückgeblieben.«


Gesang 20

Schlecht kämpft ein Wille gegen bessern Willen,
Drum zog, nach seinem Wunsch, ich wider Wunsch
Den Schwamm zurück, der noch nicht satt des Wassers.

So ging ich denn, und auch mein Führer ging
Da, wo es gangbar war, entlängs des Felsen,
Wie man auf Mauern geht dicht an den Zinnen.

Denn jenes Volk, dem tropfenweis den Augen
Das Weh entquillt, das alle Welt bedrücket,
Liegt vielmehr nach der offnen Außenseite.

Vermaledeiet seist du alte, Wölfin,
Die mehr als alle andern wilden Thiere
Du Raub begehst in endlos gier'gem Hunger.

O Himmel, dessen Kreisen man es zumißt,
Daß sich der Dinge Stand hienieden ändert:
Wann wird erscheinen der, vor dem sie fliehet?

Wir gingen spärlichen, langsamen Schrittes,
Ich, auf die Schatten achtend, die ich weinen
Und mitleidswürdig sich beklagen hörte.

Zufällig hört' ich dort: »Maria, süße!«
Vor uns hin also durch das Weinen rufen,
Gleich einem Weib, das in den Wehen liegt;

Und ferner noch: »Du warest ja so arm,
Wie jene Herberg' uns es sehen lässet,
Wo du die heil'ge Bürde niederlegtest.« -

Und dann vernahm ich noch: »Fabricius, Guter
Bei Armuth wolltest du viel lieber Tugend
Besitzen, als bei Lastern großen Reichthum.« -

Mir hatten diese Worte so gefallen,
Daß ich vorschritt, um Kunde von dem Geiste
Zu haben, der sie auszusprechen schien.

Auch rühmt' er ferner die Freigebigkeit,
Die gegen Jungfraun Nicolaus erwiesen,
Zur Ehre hinzuleiten ihre Jugend.

»O Seele, die du so vortrefflich redest,
Wer warst du, sag mir«, sprach ich, »und warum
Erneust nur du allein so würdig Lob?

Nicht fruchtlos sollen deine Reden sein,
Kehr' ich zurück, den kurzen Lauf zu enden
Von jenem Leben, das zum Ende eilet.« -

Und er: »Ich sage dir, nicht Trostes halber,
Den ich von dort erwarte, sondern weil du
So große Gnad' erfährst, noch eh du todt bist.

Ich war die Wurzel jener schlimmen Pflanze,
Die alles Land der Christen so beschattet,
Daß gute Frucht davon man selten pflücket.

Doch wenn Douai, Gent, Lille und Brügg' es könnten,
So würden bald an ihm sie Rache nehmen;
Und Jenen bitt' ich drum, der Alles richtet.

Jenseits führt' ich den Namen Hugo Capet:
Von mir entstammten die Philipp' und Ludwig,
Durch welche Frankreich neuerdings regiert wird.

Sohn war ich eines Schlächters in Paris.
Als alle alten Kön'ge bis auf Einen,
Der grau gekleidet ging, erloschen waren,

Fand in die Händ' ich mir den Herrschaftszügel
Des Reichs gezwungen und so große Macht
Durch neu Erworbnes, stärker noch durd Freunde,

Daß die verwaiste Krone zugesprochen
Dem Haupte meines Sohnes ward, mit welchem
Begannen die gesalbten Schädel Jener.

So lang die große provenzal'sche Mitgift
Noch mein Geschlecht beraubt der Scham nicht hatte,
Galt es nicht viel, doch that es auch nichts Böses.

Hierauf begann mit Lügen und Gewalt
Es seinen Raub und nahm nachher als Buße
Ponthieu, die Normandie und die Gascogne.

Karl kam dann nach Italien, und als Sühne
Bracht' er zum Opfer Konradin und nachmals
Schickt' er Tommaso himmelwärts - zur Buße.

Ich seh die Zeit, nicht sehr entfernt vom Heute,
Aus Frankreich einen andern Karl hervorziehn,
Der besser kennen lehrt sich und die Seinen.

Auszieht er waffenlos, nur mit der Lanze,
Mit der Judas gekämpft, und diese legt er
So auf Florenz an, daß der Wanst ihm platzet.

Drauf wird nicht Land er, sondern Sünd' und Schmach
Gewinnen, um so schimpflicher für ihn,
Je leichter er dergleichen Schaden achtet.

Den, der dem Schiff entsteiget als Gefangner,
Seh' ich sein Kind verhandeln und verkaufen,
Wie mit den Sklavinnen Piraten thun.

Habgierigkeit, was kannst du mehr noch wirken,
Da du mein Blut so hast an dich gezogen,
Daß es nicht mehr des eignen Fleisches achtet.

Daß Künft'ges wie Vergangnes kleiner scheine,
Seh' ich die Lilien einziehn in Anagni,
Und im Statthalter Christum als Gefangnen.

Seh', wie man ihn zum andernmal verspottet,
Seh' Essig auch und Gall' an ihm erneuern,
Seh' todt ihn zwischen Schächern, die noch leben.

Seh' dann so grausam, daß ihn dies nicht sättigt,
Den späteren Pilatus; ohne Vollmacht
Dringt in den Tempel er mit gier'gen Segeln.

O du, mein Herr, wann wird die Freude mir,
Zu sehn die Rache, welche tief gehüllet
In dein Geheimniß, deinen Zorn besänftigt?

Was ich von jener einzigen Verlobten
Des heil'gen Geistes sagt', und was zu mir
Dich wenden ließ, daß ich es dir erkläre,

Ist uns statt aller Bitten angeordnet,
So lang der Tag währt; aber wenn es Nacht wird,
Ertönt an dessen Statt das Gegentheil.

Wir reden stets dann von Pygmalion,
Den zum Verräther, Räuber, Schwagermörder
Sein gieriges Gelüst nach Golde machte;

Und von dem Elend des habsücht'gen Midas,
Der seinem gierigen Verlangen folgte,
Weswegen man mit Fug ihn stets verlacht.

Wir denken ferner auch des thör'gen Achan
Der von der Beute stahl, so daß noch hier ihn
Der Zorn des Josua zu pein'gen scheinet.

Dann klagen, nebst dem Mann, wir an Sapphira;
Lob wird dem Huftritt gegen Heliodorus;
Und Polymnestor, der den Polydorus

Getödtet, kreist der ganze Berg zur Schande.
Zuleßt noch ruft man hier sich zu: »Nun Crassus,
Sag uns, du weißt es ja, wie Gold denn schmeckt.«

Zuweilen reden wir, der laut, der leise,
Je wie der Antrieb uns zum Reden spornt,
In heftigerem, bald bald sanftrem Tone.

Drum war ich bei des Guten Lob, am Tage
Vorher, auch nicht allein hier; doch so eben
Ließ Niemand in der Näh' die Stimme hören.« -

Wir waren schon von ihm hinweggegangen
Und strebten auf dem Wege fortzukommen,
So weit, als es in unsern Kräften lag:

Da fühlt' ich, wie bei einem Sturz, erzittern
Den Berg, darob ein Schauer mich erfaßte,
Wie der empfindet, der zum Tode gehet.

Traun, nicht so stark ward Delos einst erschüttert,
Bevor Latona drauf ihr Nest bereitet,
Die beiden Himmelslichter zu gebären.

Dann scholl von überall ein solches Rufen,
Daß auf mich zu der Meister kam und sagte:
»Nicht fürchte dich, so lang ich dich geleite!« -

»Gloria in excelsis Deo!« sangen Alle,
So viel ich in der Näh' davon verstand,
Woraus den Sinn des Rufs man deuten konnte.

Wir blieben still und unbeweglich stehen,
Den Hirten gleich, die einst den Sang vernommen,
Bis das Erbeben nachließ und ihn schloß.

Dann setzten unsern heil'gen Weg wir fort,
Im Blick die Schatten, die am Boden lagen
Und die gewohnte Klage neu begannen.

Niemals erregte mir Unwissenheit
Sehnsucht zu wissen mit so großem Kampfe,
Wenn mein Gedächtniß mich hierin nicht täuschet,

Als, wie mir schien, ich sinnend damals kämpfte;
Doch wagt' ich, ob der Eile, nicht zu fragen,
Noc konnt' ich für mich selbst etwas begreifen:

So ging ich scheu denn und nachdenklich weiter.


Gesang 21

Der eingeborne Durst, der nie gestillt wird,
Wenn mit dem Wasser nicht, um dessen Gnade
Geflehet einst das Samariterweib,

Zerquälte mich; doch trieb mid fort die Eile
Auf dem erschwerten Weg, dem Führer nach,
Und Mitleid fühlt' ich bei gerechter Strafe.

Und siehe, wie es Lucas uns beschrieben,
Daß Christus Zweien auf dem Weg erschien,
Als er bereits der Grabeshöhl' entstiegen:

Erschien ein Schatten uns, der nach uns ging,
Zu Füßen auf die Schaar, die dalag, blickend;
Auch sahen wir ihn nicht, als bis er sprach

Und sagte: »Brüder, Gott verleih euch Frieden!« -
Da wandten wir uns plötzlich, und Virgil
Gab ihm das Zeichen, das dem Gruß entspricht.

Drauf er begann: »Zum Chor der Sel'gen bringe
Dich der wahrhafte Richterspruch in Frieden,
Er, der zu ew'gem Banne mich verdammt.« -

»Wie?« sprach er, weil wir rüstig weiter schritten,
»Seid Schatten ihr, die Gott der Höh' nicht würdigt:
Wer hat euch auf den Pfad zur ihr geleitet?« -

Mein Lehrer drauf: »Wenn du die Maal' anschauest,
Die dieser trägt, und die ein Engel zeichnet,
Glaubst wohl du, daß er einst bei Guten thronet?

Doch weil die, welche fortspinnt Tag und Nacht,
Ihm seinen Rocken noch nicht abgesponnen,
Den Klotho jedem aufsteckt und umwickelt:

So konnt' allein herauf nicht seine Seele,
Die dein' und meine Schwester ist, gelangen,
Dieweil sie nicht nach unsrer Weise schaut.

Drum ward ich aus dem weiten Schlund der Hölle
Beschieden, ihn zu weisen, und will's ferner,
So weit ihn meine Lehre führen kann.

Doch sag uns, wenn du's weißt: warum gab kürzlich
Der Berg denn solchen Ruck, warum schrien Alle
Auf einmal, bis hinab zum feuchten Fuße?« -

Er traf mich so im Zielpunkt des Verlangens,
Indem er fragte, daß schon durch die Hoffnung
Mein Durst an seiner Heftigkeit verlor.

Und jener sprach: »Es gibt nichts, was die heil'ge
Einrichtung dieses Bergs als ordnungswidrig
Empfände, oder was ganz außer Brauch sei.

Hier findet keinerlei Verändrung statt;
Doch nimmt der Himmel auf, was ihm entstammte,
Dann kann's geschehn, und nicht aus andrem Grunde.

Deshalb fällt Regen nicht, noch Schnee, noch Thau,
Nicht Hagel mehr, noch Reif auch, weiter oben,
Als bis zur kurzen Stiege von drei Stufen.

Nicht dichte Wolken zeigen sich, noch dünne,
Nidt Blitzesleuchten, noch des Thaumas Tochter,
Die jenseits oft die Himmelsgegend ändert.

Auch trockner Dunst steigt weiter nicht empor,
Als bis zur Höh' der drei erwähnten Stufen,
Worauf der Stellvertreter Petri steht.

Wohl weiter unten bebt schwach oder stark er;
Allein durch Wind, der sich im Erdgrund birgt,
Nicht weiß ich, wie, bebt er hier oben niemals:

Er bebt hier dann, wenn so sich eine Seele
Gereinigt fühlt, daß sie sich aufschwingt, oder
Zu schweben strebt, und dann folgt solch ein Rufen.

Beweis der Rein'gung ist ihr Will' allein,
Der, gänzlich frei, Verbindungen zu wechseln,
Die Seel' ergreift und Freud' ihr gibt am Wollen.

Erst will sie wohl; doch läßt es nicht der Trieb zu,
Den die Gerechtigkeit als Gegenwillen
Im Sündigen, so wie im Leiden setzte.

Und ich, der schon fünfhundert Jahr' und drüber
In solcher Qual gelegen, fühlte grade
Den Willen frei zu einer höhern Stufe.

Drum hörtest das Erbeben du, und Lob
Die frommen Geister auf dem Berge singen
Dem Herrn, der sie sobald nach oben ladet.«

So sprach er, und weil man sich in dem Maße
Des Trunkes freut, als groß der Durst gewesen,
Kann ich nicht sagen, wie er mich erquickte.

Der weise Führer drauf: »Nun seh das Netz ich,
Das euch hier fängt und wie man ihm entschlüpfet;
Warum's hier bebt; worüber ihr euch freut.

Nun, wer du warst, laß mich gefällig wissen,
Und weshalb du so viel Jahrhundert' hier
Gelegen, gib mir jetzo kund durch Worte.« -

»Zur Zeit, als mit des höchsten Königs Beistand
Der gute Titus jene Wunden rächte,
Woraus das Blut, verkauft von Judas, floß:

War ich mit einem Namen, dessen Ehre
Noch währt jenseits«, antwortete der Geist,
»Gar hoch berühmt, jedoch noch nicht im Glauben.

So süß war da mein sangesreicher Hauch,
Daß Rom mich zu sich zog, den Tolosaner,
Wo Myrten ich erwarb als Zier der Schläfe.

Mein Name, Statius, tönt dort noch im Volke:
Von Theben sang ich und Achill, dem Helden;
Der zweiten Last erlag ich unterweges.

Ich nährte meine Glut durch jene Funken,
Die mich erwärmten mit der Götterflamme,
An welcher mehr als Tausend sich entzündet:

Die Aeneïde mein' ich, die mir Mutter
Und Amme mir im Dichten ist gewesen,
Und nicht ein Quentchen wög' ich ohne sie.

Und um zur Zeit Virgils gelebt zu haben,
Würd' ich ein Jahr noch länger hier verweilen,
As es bedarf, um aus dem Bann zu kommen.« -

Bei diesen Worten sah Virgil mich an
Mit einem Blick, der schweigend sagte: »Schweige!«
Doch alles kann die Kraft nicht, was sie will;

Denn Lachen ist und Weinen der Empfindung,
Draus sie entstehn, so folgsam, daß dem Willen
Des wahrern Menschen minder sie gehorchen.

Drum lächelt ich nur, wie ein Mensch, der blinzet;
Weshalb der Schatten schwieg und in die Augen
Mir blickte, wo sich mehr der Ausdruck zeiget.

»So wahr sich«, sprach er, »dir die Müh' um's Heil
Vollenden soll, warum denn eben zeigte
Dein Antlitz mir das Leuchten eines Lächelns?« -

Nun bin von beiden Theilen ich gefangen:
Der heißt mich schweigen hier, der dort beschwört mich,
Zu reden, drum ich seufz' und man versteht es.

»Sprich«, sagte mir der Meister, »scheu dich nicht
Zu reden, sondern sprich und sag ihm jenes,
Was er mit solchem Eifer wünscht zu wissen.« -

»Vielleicht, daß du erstaunt bist, alter Geist«,
Nahm ich das Wort hierauf, »ob meines Lächelns;
Doch soll noch größres Staunen did ergreifen.

Der hier, der meinen Blick zur Höhe leitet,
Ist der Virgil, dem du die Kraft entlehntest,
Zu singen von den Göttern und den Menschen.

Wenn andern Grund du für mein Lächeln annimmst,
Laß fahren ihn als falsch und glaub', es seien
Nur jene Wort' es, die von ihm du sprachest.« -

Schon beugt' er sich, die Füße zu umfassen
Des Lehrers, doch der sprach: »Thu's nicht, o Bruder;
Denn du bist Schatten und siehst einen Schatten.« -

Und er im Aufstehn: »Hier kannst du die Größe
Der heißen Liebe gegen dich begreifen,
Da, unsre Körperlosigkeit vergessend,

Die Schatten ich als greiflich Ding behandle.«


Gesang 22

Schon war der Engel hinter uns geblieben,
Er, der zum sechsten Kreis uns hingewiesen
Und von der Stirne mir ein P getilgt;

Und sie, die dürsten nach Gerechtigkeit,
Hatt' er genannt »Beati«; sie dagegen
Schrien »Sitiunt«, ohn' andres vorzubringen

Erleichterter, als durch die andern Schlünde,
Ging ich dahin, so daß ich ohne Mühe
Den schnellen Geistern nach der Höhe folgte:

Als jetzt Virgil begann: »Es hat die Liebe,
Entflammt von Tugend, andre stets entzündet,
Sobald die Flamme nur sich sehen ließ.

Weshalb seitdem, daß in den Höllenvorhof
Zu uns hernieder Juvenal gestiegen,
Der mir, wie du mich liebst, verkündet hat,

Ich dir so zugethan war, wie man mehr nicht
Es einem sein kann, den man nie gesehen,
So daß die Stufen kurz mir scheinen werden.

Doch sag mir und verzeihe mir als Freund,
Laß ich den Zügel allzu traulich gehen,
Und wie ein Freund antwort' auf meine Frage:

Wie konnte denn in deiner Brust der Geiz
So Wurzel fassen bei so großer Einsicht,
Von der erfüllt du warst durch deinen Eifer?« -

Erst regten diese Worte Statius
Zum Lächeln auf, dann sprach er: »Alles, was
Du sagst, ist mir ein theures Liebeszeichen.

Es zeigen sich in Wahrheit oftmals Dinge,
Die für den Zweifel falschen Anlaß bieten,
Dieweil der wahre Grund verborgen ist.

So zeigt mir deine Frag' auch deine Meinung,
Als habe Geiz mich in der Welt besessen,
Vielleicht des Kreises halb, worin ich lebte.

So wisse denn, daß Geiz nur allzusehr
Mir fremd war, und ob dieses Uebermaßes
Ich Tausende von Monden hier verbüße.

Und hätt' ich meine Neigung nicht gezügelt,
Damals, als ich's begriffen, wo du gleichsam
Im Zorn zurufst der menschlichen Natur:

»Wozu verführst du, fluchenswerther Hunger
Nach Golde, nicht die Gier der Sterblichen!«
So hört' ich wälzend dort das Qualgezänke.

Da ward ich inne, daß zu weit die Hände
Die Flügel öffnen könnten, und bereute
Auch dieses, wie die anderen Gebrechen.

Wie viel' erstehn dereinst mit kahlem Scheitel,
Weil ihnen nahm, im Leben wie im Sterben,
Unwissenheit die Reue dieses Fehlers!

Und wisse, daß die Schuld, die einer andern
Im graden Gegensatz zuwiderhandelt,
Mit ihr zugleich ihr Uepp'ges hier verliert.

Drum, bin der Läutrung halber ich gewesen
Bei jenem Volk, das seiner Geiz beweint,
So war es grad des Gegentheiles wegen.« -

»Doch, als du sangst die grausenvollen Waffen
Der doppelten Betrübniß Jocastens«,
Begann der Sänger jetzt der Hirtenlieder,

»Nach dem, was Klio hier durch dich besinget:
Scheint gläubig dich noch nicht gemacht zu haben
Der Glaube, ohne den Rechtthun nicht gnüget.

Ist's so denn, welche Sonne, welche Leuchte
Entfinsterten dich so, daß du die Segel
Dann hinter jenem Fischer her gerichtet?« -

Und er: »Du hast zuerst mich zum Parnaß
Geführt, daß ich aus seinen Grotten tränke,
Und du, nächst Gott, hast mich zuerst erleuchtet.

Du machtest es, wie wer im Dunklen gehet
Und hinter sich das Licht hält; hilft's auch ihm nicht,
Zeigt's doch den Weg den Leuten hinter ihm.

Da, als du sprachst: »Die Zeit wird neu, zurückkommt
Gerechtigkeit und erstes Menschenalter,
Vom Himmel steigt ein neu Geschlecht hernieder« -

Ward ich durch dich ein Dichter, ward ich Christ.
Doch daß dir klarer wird, was hier ich schildre,
Streck' ich die Hand aus, um es auszumalen.

Es war die Welt schon ganz und gar erfüllt
Vom wahren Glauben, welchen ausgesäet
Die Liebesboten jenes ew'gen Reiches.

Auch stimmte ja dein vorerwähntes Wort
Zu dem der neuen Heilverkünder also,
Daß mir Gewohnheit wurde, sie zu hören.

Dann kamen sie mir selbst so heilig vor,
Daß ich, als sie Domitian verfolgte,
Nicht ohne Thränen ihren Jammer ansah.

So lang ich selber jenseits mich befand,
Lieh ihnen Hülf' ich und ihr reiner Wandel
Ließ mich verschmähen alle andern Sekten.

Zwar, eh ich im Gedicht die Griechen führte
An Thebens Flüsse, hatt' ich schon die Taufe;
Allein aus Furcht war ich nur heimlich Christ

Und zeigte lange Zeit mich noch als Heide;
Und diese Lauheit ließ den vierten Zirkel
Mich mehr als vier Jahrhunderte durchkreisen.

Du also, der die Decke mir gehoben,
Die alles Heil mir barg, das ich erwähne,
Da uns nod Zeit zum Steigen übrig bleibet:

Sag mir, wo ist Terentius, unser Freund?
Wo, wenn du's weißt, Cäcilius, Plautus, Varro?
Sag, sind verdammt sie und in welchem Kreise?« -

»Sie, Persius und ich und viele Andre«,
Sprach nun mein Führer, »sind bei jenem Griechen,
Den mehr als Andre je die Musen säugten,

Im ersten Kreise des lichtlosen Kerkers.
Dort reden wir gar oft von jenem Berge,
Den unsre Nährerinnen stets bewohnen.

Euripides, Anakreon sind bei uns,
Simonides und Agathon und andre
Der Griechen, deren Stirn einst Lorbeer zierte.

Dort sieht man Solche auch, die du besungen,
Antigone, Deïphile, Argia,
Und auch Ismenen, traurig wie sie war;

Auch die, die einst den Quell Langia zeigte,
Wie des Tiresias Tochter und die Thetis,
Und mit den Schwestern auch Deïdamia!« -

Es schwiegen nun bereits die beiden Dichter,
Von neuem drauf bedacht, umher zu schauen,
Da Steigen so wie Wänd' ein Ende hatten.

Auch blieben schon des Tags vier Dienerinnen
Zurück, und an die Deichsel trat die fünfte,
Die glühnde Spitze stets nach oben richtend.

Da sprach mein Führer: »Nach dem Rande müssen,
So glaub' ich, wir die rechten Schultern wenden,
Den Berg umkreisend, wie wir schon gethan.«

So war hier die Gewohnheit unser Führer;
Und minder zweifelnd nahmen wir den Weg,
Da jene würdige Seel' ihn gut geheißen.

Voran nun schritten sie, und hinter ihnen
Ging ich allein und lauschte dem Gespräche,
Das Einsicht in die Dichtkunst mir gewährte.

Doch plötzlich unterbrach die süßen Reden
Ein Baum, der mitten auf dem Wege stand,
Mit Aepfeln, schön und lieblichen Geruches.

Und wie nach oben abnimmt eine Tanne
Von Zweig zu Zweig, also der dort nach unten,
Damit, so däucht mir, Niemand ihn ersteige.

Von jener Seite, wo der Weg geschlossen,
Fiel von dem Fels ein klares Naß hernieder,
Das durch das obre Laubwerk sich vertheilte.

Die beiden Dichter nahten sich dem Baume;
Und eine Stimme rief aus seinen Zweigen:
»Von diesem Baume dürft ihr nicht genießen.«

Dann sagte sie: »Mehr dachte deß Maria,
Daß ehrenvoll die Hochzeit und vollkommen,
Als ihres Mundes, der nun für euch bittet.

Den alten Römerinnen auch genügte
Zu ihrem Trunke Wasser; es verschmähte
Die Speisen Daniel und erwarb sich Weisheit.

Schön war wie Gold das erste der Weltalter;
Durch Hunger wurden ihm die Eicheln schmackhaft,
So wie durch Durst jedweder Bach zum Nektar.

Heuschrecken, Honig sind die Kost gewesen,
Die einst den Täufer in der Wüste nährten,
Dafür ist er so ruhmreich, so erhaben,

Wie euch das Evangelium verkündigt.«


Gesang 23

Indeß ich noch auf's grüne Laub die Augen
Geheftet hielt, wie jener pflegt zu thun,
Der seine Zeit mit Vogelfang vergeudet:

Sprach der mir mehr als Vater war: »O Sohn,
Komm nun hinweg; wir haben vortheilhafter
Die Zeit, die uns vergönnt ist, anzuwenden.« -

Mein Antlitz und den Schritt nicht minder wandt' ich
Bald jenen Weisen nach, die also sprachen,
Daß ich des Gehens Müh darob vergaß.

Und wir vernahmen klagenden Gesang:
»Labia mea, Domine«, derartig,
Daß Freud' und Schmerz zugleich er uns erweckte.

»Was ist das, lieber Vater, was ich höre?« -
Begann ich. Er drauf: »Schatten, welche gehen,
Wohl um den Knoten ihrer Schuld zu lösen.«

So wie gedankenvolle Pilger thun,
Die unterweges fremdem Volk begegnen,
Daß sie zwar hinschaun, aber stehn nicht bleiben:

So kam, sehr schnell sich hinter uns bewegend,
Heran ein Haufe schweigsam frommer Seelen,
Die im Vorübergehen uns bestaunten.

Die Augen aller waren tief und hohl;
Bleich war ihr Antlitz und so abgemagert,
Daß sich die Haut fest an die Knochen legte.

Nicht also bis auf's Aeußerste der Haut
War, mein' ich, Erisichthon eingetrocknet
Durch Hunger, als er ihn am meisten scheute.

»Das ist«, sprach ich nachdenkend bei mir selber,
»Das Volk, das einst Jerusalem verloren,
Als von des Söhnleins Fleisch Maria aß.« -

Die Augen glichen Ringen ohne Steine:
Und wer im Menschenantlitz omo liest,
Der konnte wohl das m darin erkennen.

Wer dächte wohl, daß eines Apfels Duft
Und eines Wassers, heft'gen Wunsch erzeugend,
So wirken könne, wüßt' er nicht das Wie?

Noch staunt' ich drob, was sie so ausgehungert,
Weil mir die Ursach noch verborgen blieb
Von ihrer Magerkeit und dürren Haut:

Und aus des Kopfes Tiefe blickt' ein Schatten,
Die Augen auf mich richtend, starr mich an;
Dann rief er laut: »Was wird mir da für Gnade?« -

Ich hätt' ihn niemals am Gesicht erkannt;
Doch offenbar ward mir aus seiner Stimme,
Was sein Aussehn in sich Entstelltes hatte.

Doch jener Funk' entzündete mir gänzlich
Die Vorstellung der hingeschwundnen Lippe,
Und ich erkannte das Gesicht Forese's.

»Entsetze nicht dich vor dem trocknen Aussatz,
Der mir«, fleht' er mich an, »die Haut entstellt,
Noch daß an Fleisch ich solchen Mangel leide!

Nein, sprich mir wahr von dir, und wer dort seien
Die beiden Seelen, welche dich begleiten,
Nicht unterlaß es, mir davon zu sprechen.« -

»Dein Antlitz, das als todt ich einst beweinte,
Erregt mir jetzt nicht mindre Schmerzensklagen»,
Versetzt' ich, »da ich so entstellt es sehe.

Drum sag, bei Gott, mir, was euch so entblättert:
Heiß mich nicht reden, während noch ich staune,
Denn übel spricht, wer andern Wunsches voll.« -

Und er zu mir: »Durch ew'gen Rathschluß senket
Auf's Wasser und den Baum, der uns im Rücken,
Sich eine Kraft, wodurch ich also schwinde.

All jenes Volk, das dort so klagend singet,
Weil über Maß der Kehle Gier es folgte,
Wird hier durch Hunger und durch Durst geläutert.

Zu trinken und zu essen reizt den Drang uns
Der Duft, der von der Frucht kommt und der Feuchte,
Die sich von oben über's Grün verbreitet.

Und nicht blos von einmaligem Durchkreisen
Des Raums wird unsre Qual hier aufgefrischt:
Ich sage Qual, und sollte Wohlthat sagen;

Denn zu dem Baume führt uns jene Sehnsucht,
Die Christum freudig trieb zum Rufe: Eli!
Als er mit seinem Herzblut uns erlöste.« -

Und ich zu ihm: »Von jenem Tag, Forese,
Da du die Welt mit besserm Leben tauschtest,
Sind noch fünf Jahre nicht bis jetzt verflossen.

War früher schon die Macht in dir erloschen,
Noch mehr zu sünd'gen, als die Stund' erschien
Des guten Schmerzes, der uns Gott versöhnet:

Wie bist du denn schon hier herauf gekommen?
Ich glaubte dich da unten noch zu finden,
Wo Zeit durch Zeit wird wieder gut gemacht?« -

Und er zu mir: »So schnell hat mich gefördert,
Daß ich der Qualen süßen Wermuth trinke,
Das bitterliche Weinen meiner Nella.

Mit ihren frommen Bitten, ihren Seufzern
Entriß sie mich dem Abhang, wo man wartet,
Und machte frei mich von den andern Kreisen.

Gott ist sie um so theurer und geliebter,
Die arme Wittwe, die so sehr id liebte,
Je mehr allein sie steht in guten Werken;

Denn selber die sardinische Barbagia
Ist, was die Fraun betrifft, bei weitem keuscher,
Als die Barbagia, wo ich sie zurückließ.

Was soll ich dir, o theurer Bruder, sagen?
Vor meinem Blicke liegt die Zukunft schon,
Von der die Stunde jetzt nicht gar so fern ist,

In der man von den Kanzeln wird verbieten
Den schamlos frechen Frauen von Florenz,
Beim Ausgehn so entblößt die Brust zu zeigen.

Bedurft' es je bei Frauen der Barbaren,
Der Sarazenen, geistlicher und andrer
Vermahnung, daß verhüllt sie gehen sollten?

Doch wenn gewiß die Unverschämten wüßten,
Was ihnen flugs der Himmel zubereitet,
Sie thäten jetzt den Mund schon auf zum Heulen.

Denn wenn mich das Voraussehn hier nicht täuschet,
Wird Leid sie treffen, eh noch sproßt der Bart
Dem, den man jetzt mit Wiegenliedern einlullt.

O Bruder, nun verhehl dich mir nicht länger:
Du siehst, daß nicht blos ich, nein, all die Leute
Dahin schaun, wo die Sonne du verdeckest.« -

Drum ich zu ihm: »Wenn du zu Sinn dir bringest,
Wie du mit mir, wie ich mit dir verkehret,
Wird solch Erinnern dich noch jetzt bedrücken.

Von jenem Leben brachte der mich ab,
Der vor mir hergeht, als noch ehegestern
Sich rund gewiesen dort die Schwester Jenes -

(Und auf die Sonne zeigt' ich). Dieser führte
Mich durch die tiefe Nacht der wahren Todten,
In diesem wahren Fleische, das ihm folget.

Von dorther brachte mich herauf sein Mahnen,
Indeß wir steigend hier den Berg umkreisten,
Der grad' euch richtet, was die Welt verkrümmet.

So lange, sagt er, sei er mir Begleiter,
Bis dort ich bin, allwo Beatrix sein wird:
Dort ist es mir bestimmt, ohn' ihn zu bleiben.

Virgil ist dieser, der mir solches saget
(Ich zeigt' auf ihn), - und jener andre Schatten
Ist der, um den vorhin, ihn zu entlassen,

Jedweder Abhang eures Reichs erbebte.«


Gesang 24

Das Sprechen stört' uns nicht im Gehn, noch dieses
Im Sprechen; sondern redend eilten wir,
Dem Schiffe gleich von gutem Wind getrieben.

Die Schatten, so auf's neu gestorben schienen,
Sie zogen durch die Höhlen ihrer Augen
Verwundrung ein, als sie mich lebend sahen.

Und ich, fortsetzend meine Rede, sagte:
»Langsamer steigt wohl, um des Andern willen,
Empor der Schatten dort, als sonst er thäte.

Doch sag mir, wenn du's weißt, wo ist Piccarda?
Sag mir, ob merkenswerthe Leut' ich sehe
Dort unterm Volke, das mich so betrachtet.« -

»Froh pranget meine Schwester - ob mehr schön,
Ob gut mehr sie zu nennen, weiß ich nicht -
Im hohen Himmel schon mit ihrer Krone.«

So sagt' er erst und dann: »Nicht untersagt ist,
Hier jeglichen zu nennen, da dermaßen
Verzehrt sind unsre Züge durch das Fasten.

Der ist (und auf ihn zeigt' er) Buonagiunta
Von Lucca Buonagiunt', und jenes Antlitz
Jenseits von ihm, noch magrer als die andern,

Hielt einst die heilge Kirch' in seinen Armen:
Er war aus Tours und reinigt sich durch Fasten
Hier von den Aalen und dem Wein Bolsena's.« -

Viel andre zeigt' er dann mir nach einander,
Und jedem schien es recht, genannt zu werden,
So daß ich keine finstre Miene sah.

Ich sah umsonst hungrig die Zähn' anwenden
Ubaldin della Pila. Bonifacius,
Der mit dem Krummstab viel des Volks geweidet;

Sah Herrn Marchese, welchem einst zu Forli
Bei mindrem Durste Muße war zum Trinken,
Und der sich dennoch nimmer satt gefühlt. -

Doch wie der's macht, der sdaut und eins dem andern
Vorzieht, so macht' auch ich's mit dem von Lucca,
Der selber besser mich zu kennen schien.

Er murmelt', und so etwas wie Gentucca
Hört' ich, da, wo die Marter er empfand
Von der Gerechtigkeit, die ihn verzehrte.

»O Seele«, sprach ich, »die so Lust bezeiget,
Mit mir zu reden, laß mich dich vernehmen,
Befried'ge dich und mich mit deinen Worten!« -

»Geboren ist ein Weib, das noch den Schleier
Nicht trägt«, begann er, »welches meine Stadt,
Schmäht man sie auch, dir angenehm wird machen.

Mit dieser Vorverkündung kommst du hin;
Und ob mein Murmeln Irrthum dir gegeben,
Das wird die Wirklichkeit dir dann beweisen.

Doch sprich, ob ich hier Jenen vor mir sehe,
Der uns die neuen Reime schuf, beginnend:
O Frauen ihr, der Liebe Kennerinnen.« -

Und ich: »Ich bin ein solcher, der, wenn Liebe
Mich anweht, es bemerkt, und in der Weise,
Wie sie es innen vorsagt, niederschreibet.« -

»O Bruder«, sagt' er, »nun seh' ich das Hemmniß,
Das den Notar, Guitton' und mich zurückhielt
Vom neuen, süßen Styl, den jetzt ich höre.

Ich sehe nun wohl ein, wie eure Federn
Der, die euch vorspricht, ganz getreulich folgen,
Was von den unsern wahrlich nicht geschehen.

Und wer sich weiter wagt, um zu gefallenm
Der untersdeidet beide Style nicht.« -
Und darauf schwieg er. wie befriedigt, still.

Wie Vögel. die am Nilstrom überwintern,
Bisweilen sich zu einer Schaar versammeln,
Dann eiliger in langer Reihe ziehen:

So zeigte dort sich auch das ganze Volk;
Wegwendend sein Gesicht, beeilt's die Schritte,
Gleich leicht durch Magerkeit wie durch den Willen.

Und wie ein Mensch, der matt vom Laufen ist,
Die andern gehn läßt und gemächlich wandelt,
Bis sich das Drängen seiner Brust erleichtert:

So ließ Fores' an sich vorüberziehen
Die heil'ge Schaar und ging mit mir dahinter,
Und sprach: »Wann werd' ich dich wohl wiedersehen?« -

»Wer weiß«, entgegnet' ich, »wie lang ich lebe?
Allein so bald wird nicht die Rückkehr sein,
Daß nicht mein Wunsch voraus zum Ufer eile,

Dieweil der Ort, wo mir das Leben wurde,
Von Tag zu Tag sich mehr des Heils entäußert,
Und traur'gem Sturz sid zuzuneigen scheinet.« -

»Nun geh«, sprach er; »den der's zumeist verschuldet,
Seh' ich geschleift von eines Thieres Schweife
Nach jenem Thal, wo nie man sich entsündigt.

Mit jedem Schritte rennt die Bestie schneller
Und immer schneller, bis es ihn zerstampfet
Und schnöd entstellt den Körper fahren läßt.

Nicht oft mehr wenden um sich jene Kreise
(Und auf zum Himmel blickt' er), daß dir klar wird,
Was dir mein Wort nicht weiter deuten kann.

Bleib jetzt zurück, es ist die Zeit so theuer
In diesem Reich, daß zu viel ich verliere,
Wenn ich so gleichen Schrittes mit dir gehe.« -

Wie wohl zuweilen im Galopp ein Reiter
Hervorsprengt aus der Schaar, die ruhig hinzieht,
Um sich beim ersten Angriff Ruhm zu holen:

So trennt' er sich von uns in größter Eile;
Ich aber blieb zurück bei jenen Beiden,
Die einst der Welt so sehr als Führer dienten.

Und als er nun so weit vor uns entschwunden,
Daß nur die Augen ihm Begleiter waren,
Wie seinen Worten meine Nachgedanken:

Erblickt' ich die lebend'gen schweren Zweige
Von einem andern Baum, nicht weit entfernt,
Weil ich mich eben erst ihm zugewendet.

Da sah ich drunter Volk die Händ' erheben,
Und hört' etwas sie in die Zweige rufen,
Fast wie verlangende und thör'ge Kinder,

Die flehn, und doch wird nicht erhört ihr Flehen,
Vielmehr, um ihr Verlangen noch zu schärfen,
Hält hoch und unverhüllt man das Gewünschte.

Drauf ging davon man, gleichsam wie enttäuscht;
Wir aber nahten uns dem großen Baume,
Der so viel Flehn und Thränen von sich wies.

»Geht nur vorüber, ohne nah zu treten!
Mehr oben ist ein Baum, von welchem Eva
Gepflückt, und dieser ist davon entsprossen.« -

So hört' ich aus den Zweigen jemand sprechen:
Weshalb Virgil und Statius und ich
Dicht an der Seite, die emporsteigt, gingen.

»Erinnre dich«, so sprach's, »der Maledeiten,
Erzeugt in Wolken, die, von Wein gesättigt,
Mit ihrer Doppelbrust Theseus bekämpften;

Und der Hebräer, feig durch Trunk geworden,
Weshalb auch Gideon Gefährten fehlten,
Als er gen Madian die Höhn hinabstieg.« -

So uns an einem von den Rändern haltend,
Hinschritten wir und hörten von den Sünden
Der Kehle, denen schlimmer Lohn zu Theil wird.

Dann gingen freier auf der Straß' allein
Wir tausend Schritt' und auch wohl mehr noch weiter,
Nachsinnend jeder, ohn' ein Wort zu sprechen.

»Was geht so sinnend denn ihr drei allein?« -
Sprach plötzlich eine Stimme, drob ich auffuhr,
Wie Thiere thun, die furchtsam sind und scheuen.

Aufrichtet' ich das Haupt, zu sehn, wer's wäre:
Und niemals sah man noch in einem Ofen
Glas oder Erz so glutroth und so leuchtend,

Als ich dort Einen sah, der sprach: »Gefällt's euch
Emporzusteigen, müßt ihr hier euch wenden:
Hierhin geht, wer eingehen will zum Frieden.« -

Sein Anblick hatte mich des Sehns beraubt;
Drum trat ich hinter ineine beiden Lehrer,
Wie jemand, welcher nachfolgt, um zu horchen.

Und wie die Heroldin der Morgendämmrung,
Die Luft des Maien, sich bewegt und duftet,
Geschwängert ganz von Kräutern und von Blumen:

So fühlt' ich einen Hauch mir auf die Mitte
Der Stirne wehn und sich den Fittig regen,
Der mich Ambrosiaduft empfinden ließ.

Und sagen hört' ich: »Glücklich, wen die Gnade
So sehr erleuchtet, daß des Gaumens Gier nicht
Zu groß Verlangen in die Brust ihm hauchet,

Nein, wer da hungert stets, so viel es recht ist.«


Gesang 25

https://books.google.de/books?id=nUU0AAAAMAAJ&pg=PR31&dq=dante+kom%C3%B6die&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjbh8Oj1ZjfAhWMqaQKHd7eCgUQ6AEINTAC#v=onepage&q&f=true 108

<<< list operone >>>