Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Der Dichter stellt dar, wie er, in einem wilden Walde verirrt und von drei wilden Tieren am Ersteigen eines Hügels gehindert, den Virgil erblickt, der ihm verspricht, ihm die Strafen der Hölle und des Fegefeuers zu zeigen; dann werde ihn Beatrice ins Paradies geleiten.

Inmitten auf dem Pfade unsres Lebens
Fand ich mich irr' in einem dunklen Walde,
Dieweil des rechten Weges ich verfehlt.

Schwer kommt es mir an, zu sagen, wie's beschaffen
Mit jenem Wald war, wild und rauh und dicht,
Daß mir Erinnrung schon die Furcht erneuert.

Nur wenig bittrer ist, denn sie, der Tod.
Doch um vom Heil, das ich dort fand, zu sprechen,
Sag' ich vom Andern, was ich dort erschaut. 9

Wie ich hineingerieth, nicht kann ich's sagen;
Denn solchermaßen war ich voll des Schlafs,
Als von dem wahren Weg' ich abgekommen.

Doch als ich war an eines Hügels Fuß
Gelangt, wo jenes Thal ein Ende nahm,
Das mir mit Furcht das Herz erschüttert hatte:

Blickt' ich zur Höh' und sah des Hügels Schultern
Umfangen schon von des Planeten Strahlen,
Der Jeden recht auf jeder Straße führt. 18

Geschwichtigt war darauf die Furcht ein wenig,
Die in des Herzens See mir war verblieben
Zur Nacht, die ich verbracht in solcher Angst.

Und jenem gleich, der, mit erschöpftem Odem,
Dem Meer entkommen, auf dem Ufer sich
Mit starrem Blick zur drohnden Flut rückwendet:

So wendete mein Geist, in steter Flucht,
Sich rückwärts, um den Pfad sich zu beschauen,
Der Keinem jemals lebend noch entließ. 27

Als ich die müden Glieder ausgeruht,
Nahm an dem öden Abhang so den Weg ich,
Daß stets ich feststand auf dem tiefren Fuße.

Und sieh, es zeigt, grad am Beginn der Höhe,
Ein Panther sich, leicht und sehr schnellen Laufes,
Der war mit buntgeflecktem Fell bekleidet,

Und eher nicht ging er mir aus den Augen,
Bis er mich so am Weitergehen gehindert,
Daß mehrmals ich der Umkehr willens war. 36

Es war die Zeit, da sich der Morgen anhebt;
Die Sonne stieg empor mit jenen Sternen,
Die mit ihr waren, als die Liebe Gottes

Zuerst die schönen Ding' in Regung brachte,
So daß mir Grund zu gutem Hoffen gab
Von jenem Thiere mit dem bunten Felle

Der Zeiten Stunde, wie die süße Jahrszeit;
Nicht aber also, daß nicht Furcht mir weckte
Der Anblick eines Löwen, der sich zeigte. 45

Das Ansehn hatt' er, auf mich loszukommen,
Erhobnen Haupts und mit gewalt'gem Hunger,
So daß die Luft davon zu beben schien.

Auch eine Wölfin, die mit allen Gierden,
Trotz ihrer Magerkeit, beladen schien,
Und vielen schon das Leben hat verbittert,

Die ließ erstarren also meine Glieder
Vor Schreck, der mir von ihrem Anblick kam,
Daß mir die Hoffnung auf die Höh' verging. 54

Und wie dem ist, der dem Gewinnste nachgeht
Und, kommt die Zeit, daß ihn Verlust betrifft,
In allen Sinnen sich betrübt und wehklagt:

So that auch mir das friedelose Thier,
Das auf mich zukam und mich Schritt vor Schritt
Dahin zurücktrieb, wo die Sonn' erschweiget.

Als nun zu tiefrem Ort hinab ich stürzte,
Da bot sich meinen Augen Einer dar,
Deß Stimm' erloschen schien vor langem Schweigen. 63

Als ich ihn in der großen Wüst' erblickte:
»Erbarme meiner dich!« rief ich ihm zu,
»Ob Schatten oder Mensch, wer du auch sein magst!«

Antwort gab er: »Nicht Mensch mehr, Mensch einst war ich;
Lombarden waren die Erzeuger mein,
Und Mantua war beider Vaterland.

Geboren unter Julius, ob auch spät,
Lebt' ich in Rom unter August dem Guten,
Zur Zeit der falschen und erlognen Götter. 72

Ich war Poet und sang von dem gerechten
Sohn des Anchises, der von Troja kam,
Nachdem das stolze Ilium eingeäschert.

Doch du, was kehrst du ein bei solcher Qual?
Warum besteigst du nicht den Berg der Wonne,
Der Grund und Ursach ist von allen Freuden?« -

»O, bist du der Virgil und jene Quelle,
Die also reichen Strom der Red' ergießt?«
Gab ich zur Antwort mit verschämtem Antlitz. 81

»O du der andern Dichter Ehr' und Leuchte!
Helf' mir der lange Fleiß, die große Liebe,
Die dein Gedicht mich so durchforschen lassen!

Du bist mein Meister, du mein Musterbild,
Du bist der Einzige, von dem ich lernte
Der Rede Schmuck, der Ehre mir gebracht.

Du siehst das Thier, das mich zur Umkehr zwang,
Hilf mir von ihm, berühmter Weiser, denn;
Es macht erzittern mir so Puls' als Adern.« - 90

»Einschlagen mußt du jetzo andern Weg«,
Erwiedert er, da er mich weinen sah,
»Willst du dich retten aus dem wüsten Orte;

Denn dieses Thier, ob dem du Hülf' errufst,
Läßt Keinen ruhig seine Straße ziehen,
Nein, es verfolgt ihn, bis es ihn getödtet.

Es hat so bösgeartete Natur,
Daß es niemals die Lust der Gierde stillt,
Und nach dem Fraß mehr Hunger hat als vorher. 99

Viel Thiere sind's, womit es sich begattet,
Und mehr noch werden's sein, bis einst wird kommen
Der Windhund, der es bis zum Tod verwundet.

Nicht wird von Erde der, noch Geld sich nähren,
Vielmehr von Weisheit, Lieb' und Tugend; mächtig
Auch wird er zwischen Feltr' und Feltro sein;

Wird sein Italiens Heil, des demuthniedern,
Für das Camilla starb, die Jungfrau, Turnus,
Euryalus und Nisus, All' in Wunden. 108

Der wird das Thier aus jeder Stadt verjagen,
Bis er zur Höll' es wieder heimgeschickt,
Von wo der Urneid es heraufgesendet.

Zu deinem Besten also mein' ich und denk' ich,
Daß du mir folgst, ich will dein Führer sein
Und dich von hier zum ew'gen Ort geleiten,

Wo der Verzweiflung Schrei du hören wirst,
Sehn wirst die alten, schmerzgequälten Geister,
Die alle nach dem zweiten Tode jammern. 117

Dann wirst du Jene sehen, die begnügt
Im Feuer sind, weil sie zu kommen hoffen,
Wann es auch sei, zu den glücksel'gen Geistern.

Willst du empor zu diesen, wird geleiten
Dich eine Seele, würdiger denn ich;
Ihr überlaß' ich dich bei meinem Scheiden.

Denn jener König, der da oben herrschet,
Weil seinem Willen ich entgegen war,
Läßt nicht durch mich zu seiner Stadt gelangen.

Er waltet überall und dort regiert er;
Alldort ist seine Stadt, sein hoher Thron:
O glücklich der, den er für dort erwählet!« -

Und ich zu ihm: »Ich bitte dich, o Dichter,
Bei jenem Gott, den du erkannt nicht hast,
Damit dies Uebel ich und Schlimmres fliehe:

Führ' mich dahin, wovon du eben sprachst,
Damit des heil'gen Petrus Pfort' ich schaue,
Wie Jene, die so traurend du geschildert.« -

Hierauf schritt vorwärts er, und ich ihm nach.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 02
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 02

Anrufung. Zweifel, ob seine Kräfte hinreichen werden, Virgil durch die Hölle zu folgen. Doch auf dessen Zureden ermuthigt er sich und folgt ihm, als seinem Führer und Meister.

Zur Rüste ging der Tag und tiefes Dunkel
Enthob die Wesen, so auf Erden sind,
All ihrer Mühen; einzig ich allein

Hielt mich bereit, zu tragen die Beschwerden
Des Wegs, wie auch des Mitleids, welche soll
Die Rückerinnrung schildern, die nicht irrt.

O Mus', o hoher Geist, nun steht mir bei!
Erinnrung, die du aufschriebst, was ich schaute,
Hier soll dein edler Sinn sich offenbaren! - 9

Und so begann ich: »Dichter, der mich leitet,
Erwäge meine Kraft, ob sie auch tüchtig,
Eh du dem schweren Gang mich anvertrauest.

Du sagest, daß des Sylvius Erzeuger
Im Fleisch, verweslich, zur Ensterblickeit
Einst eingegangen sei, und zwar leibhaftig.

Doch wenn der Widersacher alles Bösen
Nachsichtig war, den hohen Zweck erwägend,
Der von ihm ausgehn sollt', das Was und Wie, 18

Scheint Jener nicht dem Mann von Einsicht unwerth,
Erwählt zu sein zum Ahn der hohen Roma
Und ihres Reichs im allerhöchsten Himmel.

Denn Rom und Reich, will man die Wahrheit sagen,
Sie wurden zu dem heil'gen Sitz bestimmt,
Allwo des höhern Petrus Nachfahr thronet.

Durch diesen Gang, um welchen du ihn rühmst,
Erfuhr er Dinge, die der Anlaß wurden
Zu seinem Sieg und zu des Papstes Mantel. 27

Hin ging es, das Gefäß der Auserwählung,
Um Kräftigung dem Glauben zu gewähren,
Der des Erlösungspfades Anfang ist.

Doch ich, wozu hingehn? und wer gestattet's?
Ich bin Aeneas nicht, bin Paulus nicht;
Nicht würdig deß halt' ich mich, noch wer anders.

Dahero, wenn den Gang ich nun vollziehe,
Befürcht' ich, daß die Wandrung thöricht sei:
Du weißt als Weiser besser was ich meine. 36

Gleich Jenem, der jetzt nicht will, was er wollte,
Und andern Sinns den frühern Vorsatz ändert,
So daß er gänzlich aufgibt sein Beginnen:

So that auch ich an jener dunkeln Küste,
Verdarb durch Sinnen mir das Unternehmen,
Wofür im Anfang ich so eifrig war.« -

»Wenn richtig ich dein Wort verstanden habe«,
Gab Antwort des Großheerz'gen Schatten mir,
»So ist von Kleinmuth deine Seel' erfaßt, 45

Der oft den Menschen so verwirrt, daß er
Absteht von ehrenvollem Unternehmen,
Wie falsches Sehn ein Thier, wann leicht es scheut.

Damit von dieser Scheu du dich befreiest,
Sag' ich, weshalb ich kam und was ich hörte,
Als Leid ich allererst um dich gefühlt.

Bei Jenen war ich in dem Zwischenstande;
Und eine Frau rief mich, so schön und selig
Daß ich sie dringend bat, mir zu gebieten. 54

Die Augen glänzten heller ihr als Sterne,
Und sanft und lieblich fing sie an zu sprechen
Mit Engelsstimme so in ihrer Sprache:

»O du gefäll'ge Mantuanerseele,
Die ihren Ruhm noch in der Welt bewahrt
Und wahren wird, so lang Bewegung dauert!

Der mir befreundet ist, doch nicht dem Glücke,
Verhindert wird an dem todöden Strande
Ihm so der Weg, daß er aus Scheu sich wendet. 63

Fast fürcht' ich, daß schon so verirrt er sei,
Daß ich zu spät als beistand mich erhoben,
Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte.

Nun geh, und hilf mit deiner Rede Schmuck
Und dem, was nöthig ist zu seiner Rettung,
Ihm so, daß ich darob getröstet sei.

Ich bin Beatrix, die dich gehen heißt;
Von dort kam ich, wohin zurück ich strebe,
Liebe bewog mich, daß ich zu dir rede. 72

Wenn ich vor meinem Herren werde stehn,
Will ich mit Lobe deiner oft gedenken.« -
Hier schwieg sie, aber ich begnn darauf:

O du der Tugend Weib, durch das allein
Die Menschheit alles überragt, was lebt
In jenem Himmel mit den kleinern Kreisen.

So sehr erfreuet dein Befehl mein Herz,
Daß selbst Vollzognes mir Verzögrung schiene;
Mehr nicht bedarf's, als deinen Wunsch zu nennen. 81

Doch sag den Anlaß mir, daß nicht du scheuest
Herab in diesen Mittelpunkt zu steigen
Aus Himmelshöhn, wonach dein Sehnen glüht. -

»Da du genau denn solches wissen willst,
Sag' ich dir kurz«, antwortete sie mir,
»Warum hierher zu kommen ich nicht scheue.

Zu scheuen hat man solche Dinge nur,
Die Macht besitzen, Anderen zu schaden,
Doch andre nicht, denn sie sind minder schrecklich. 90

Ich bin durch Gottes Gnade so schaffen,
Daß euer Jammerzustand mich nicht trifft,
Noch dieses Brandes Flamme mich ergreift.

Ein edles Weib im Himmel sieht mit Mitleid
Die Hindrung dort, wohin ich dich entsende,
Und hemmt den harten Urtheilsspruch dort oben.

Sie wählte ihrem Wunsch gemäß Lucía
Und sagte: Es bedarf dein Treuer dein
Zu dieser Frist, und dir empfehl' ich ihn. 99

Lucía, Feindin jeglicher Bedrängung,
Enthub sich zu dem Orte, wo ich war;
Ich saß bei der unväterlichen Rahel.

Sie sprach: Beatrix, Gottes wahrer Preis,
Warum nicht hilfst du dem, der so dich liebte,
Daß er um dich sich aus der Meng' erhob?

Hörst du den Jammer seiner Klage nicht?
Siehst du den Tod nicht, gegen den er ankämpft
Am Bergstrom, dessen sich das Meer nicht freut? - 108

Auf Erden war wohl Niemand so behende,
Auf Vortheil auszugehn, Nachtheil zu meiden,
Als ich, nach also kundgegebnen Worten,

Herniederkam von meinem sel'gen Sitze,
Auf deiner würd'gen Rede Macht vertrauend,
Die dich und die, so sie vernommen, ehrt.« -

Nachdem sie dieses nun zu mir gesprochen,
Abwandt' ihr strahlend Aug' sie, thränenfeucht,
Wodurch sie mich zu größrer Eile zwang: 117

Und so kam ich zu dir, wie sie es wollte,
Und scheuchte von dir jenes wilde Thier,
Das dir des Berges nächsten Weg verwehrte.

Was ist es denn? Warum verweilst du denn?
Was hegst du solche Feigheit im Gemüthe?
Warum fehlt dir der Freimuth und die Kühnheit,

Da solche drei gebenedeite Frauen
Am Hof des Himmels sich für dich verwenden,
Und dir mein Wort so großes Heil verheißt?« -

Wie, vom Nachtfrost geschlossen und geneigt,
Sich Blumen, wenn die Sonne sie bescheint,
Auf ihrem Stiel aufrichten und sich öffnen:

So auch erhob ich die gesunkne Kraft,
Und also frischer Muth kam mir zu Herzen,
Daß ich als ein entschloßner Mann begann:

»O Mitleidsvolle, die so für mich sorgte,
Und du, Gefäll'ger, der so schnell gehorsamt
Den Worten, drin sie Wahrheit dir gereicht!

Du hast mir mit Verlangen nach dem Gang
Also das Herz erfüllt durch deine Worte,
Daß ich den ersten Vorsatz wieder hege.

Geh denn! Derselbe Will' ist uns gemeinsam:
Der Führer du, Gebieter mir und Meister.«
Ich sprach's zu ihm, und als er vorwärts schritt,

Eintrat in den Weg, so tief und waldig.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 03
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 03

Sie gelangen an die Höllenpforte, lesen ihre Inschrift und treten ein, treffen auf die im Suchen des Heils Fahrlässigen, Unentschiedenen, kommen an den Acheron zu Charon, der die Seelen überfährt, und Dante schlummert am Ufer des Flusses ein.

»Durch mich gelangt man in die Stadt der Schmerzen,
Durch mich gelangt man in die ew'ge Qual,
Durch mich gelangt man zum verlornen Volke.

Gerechtigkeit bestimmte meinen Gründer,
Es baute mich die hohe Gottesmacht,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe.

Vor mir gab es noch nicht erschaffne Dinge,
Nur ewige; und ewig daur' auch ich.
Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren.«
- 9

Ich sahe diese Wort' in dunkler Farbe
Geschrieben an dem Giebel einer Pforte;
Drum ich: »Ihr Sinn bleibt, Meister, mir verschlossen.« -

Drauf er zu mir als ein Erfahrener:
»Hier muß man jede Furcht dahinten lassen,
Jedwede Feigheit hier in sich ertödten.

Wir sind zum Ort gelangt, wovon ich sprach,
Daß du hier schauen wirst die Schmerzgequälten,
Für die der Einsicht Heil verloren ging.« 18

Und als er seine Hand gelegt in meine
Mit heitrem Antlitz, drob ich Trost erfaßte,
Weiht' er mich ein in die geheimen Dinge.

Hier hört' ich Seufzer, Klagen, schreckliche Wehe
Ertönen durch die Luft, die ohne Sterne,
Worüber anfangs Thränen ich vergoß.

Verschiedne Sprachen, grauenvolle Reden,
Ausschrei'n der Qual, des Zornes Wuthausbrüche,
Dazu Handschläg' und Laute, scharf und heiser, 27

Erregten ein Getös, das stets umherwogt'
In jener Luft, so finster und so zeitlos,
Wie Kreis' ein Wirbelwind im Sande wühlt.

Ich, dem das Haupt von Schrecken war umfangen,
Sprach: »Meister, was ist dies, was ich vernahm?
Welch Volk ist dies? von welchem Schmerz ergriffen?« -

Und er zu mir: »Das ist die Klageweise,
So hier die Unglücksseelen derer halten,
Die sonder Schmach, doch sonder Lob auch lebten. 36

Gemischt in jenen schauervollen Chor
Sind Engel, welche zwar nicht treulos waren,
Doch auch Gott treu nicht, sondern sich nur lebten.

Ausstieß sie, unentstellt zu sein, der Himmel;
Auch nahm die tiefe Hölle sie nicht auf,
Daß nicht die Bösen Ruhm von ihnen hätten.« -

Drauf sprach ich: »Meister, was schmerzt sie so sehr,
Daß ihnen solches Jammern es erspreßt?« -
Antwortet er: »Das will ich kurz dir sagen: 45

Sie haben keine Hoffnung je zu sterben;
Ihr dumpfes Leben ist so niedrer Art,
Daß sie all andren Looses Neider sind.

Von ihnen bleibt nicht in der Welt Erinnrung,
Von Recht und Gnade werden sie verschmäht.
Nichts mehr von ihnen; sieh und geh vorüber.«

Und als ich schaute, sah ich da ein Fähnlein,
Das ringsum kreisend also schnell sich drehte,
Daß mir's zu jeder Ruh unwillig schien. 54

Und hinter ihm kam ein so langer Zug
Von Volk, daß niemals ich geglaubt,
Es hätte je der Tod so viel vernichtet.

Nachdem ich manchen drunter hatt' erkannt,
Schaut' ich, und sah den Schatten deß, der einst
Aus niedrem Sinn Verzicht auf Großes that.

Alsbald erkannt' ich und war deß gewiß,
Daß dies die Rotte jener Schlechten sei,
Die Gott und seinen Feinden gleich mißfallen. 63

Die Jämmerlichen, die nie lebend waren,
Sie ginen nackt und wurden sehr gestochen
Von Fliegen und von Wespen großer Art,

Die ihnen das Gesicht mit Blut befleckten,
Das, Thränen beigemischt, zu ihren Füßen
Von eklen Würmern aufgesogen ward.

Und als ich ferner mich hingab dem Schauen,
Sah ich viel Volks an einem großen Flusse;
Weshalb ich sprach: »Gewähre, Meister, mir, 72

Daß ich, wer jene sind, erfahr', und was
Sie so bereit zum Ueberfahren macht,
Wie durch das schwache Licht ich kann erkennen.« -

Und er zu mir: »Erfahren sollst du dies,
Wann unsre Schritte wir einhalten werden
Am Ufer des düstern Acheron.«

Nun, mit gesenkten Augen voller Scham,
In Furcht, daß ihm mein Fragen lästig wäre,
Enthielt ich bis zum Flusse mich des Sprechens. 81

Und sieh, es kam im Nachen auf uns zu
Ein greiser Alter mit schneeweißen Haaren,
Der rief mit Macht: »Weh euch, verworfne Seelen!

Nicht hofft, den Himmel jemals zu erblicken!
Ich komm', euch an den andern Strand zu bringen,
In ew'ge Finsterniß, in Hitz' und Frost.

Doch du, der du dort stehst, lebend'ge Seele,
Geh weg von diesen, welche schon gestorben.«
Und als er sah, daß ich noch nicht davonging, 90

Sprach er: »Auf andrem Weg, in andrer Weise
Wirst du, nicht hier, zum Strand hinüberkommen:
Weit leichtren Kahn bedarf es, dich zu tragen.« -

Mein Führer drauf: »Ereifre dich nicht, Charon,
Man will's dort oben, wo vollziehn man kann
Das, was man will, und frage weiter nicht.« -

Drauf wurden ruhig die bewollten Wangen
Des Fährmanns auf dem dunkelfarb'gen Pfuhle,
Deß Augen rings ein Flammenkreis umgab. 99

Doch jene Seelen, die so nackt und elend,
Sie wurden bleich und klappten mit den Zähnen,
Sobald die rauhen Worte sie vernommen.

Gott lästerten sie dann und ihre Eltern,
Das menschliche Geschlecht, Ort, Zeit und Ursach
Ihres Entstehns und des Geborenwerdens.

Dann drängten alle, die sich dort befanden,
Sich, kläglich weinend, nach dem Schreckensufer,
Das jedes Menschen harrt, der Gott nicht fürchtet. 108

Charon, der Dämon, Kohlenglut im Blick,
Winkt sie herbei und nimmt sie alle auf,
Und treibt den mit dem Ruder, der da zaudert.

Wie, wenn im Herbst die Blätter niederfallen,
Eins nach dem andern, bis der ganze Zweig
Der Erde wiedergab all seine Zierde:

So stürzt sich Adams Same gleicherweise
Von jenem Ufer, Einer nach dem Andern,
Auf Winke, wie ein Vogel auf den Lockruf. 117

So fahren ab sie auf der dunklen Welle;
Doch eh sie jenseit noch sind ausgestiegen,
Versammelt diesseit schon sich neue Schaar. -

»Mein Sohn«, so sprach zu mir der güt'ge Meister,
»Die, so da sterben unter Gottes Zorn,
Aus allen Ländern, kommen hier zusammen

Und sind bereit, über den Strom zu setzen,
Da sie die göttliche Gerechtigkeit
So treibt, daß Furcht sich in Verlangen wandelt.

Von hier nicht schiffen gute Seelen über;
Und wenn sich Charon über dich beklagt,
Kannst du nun wissen, was sein Wort bedeutet.« -

Als dies gesagt, erbebte das Gefilde,
Das furchtbare, so stark, daß die Erinnrung
Der Furcht davor mich noch mit Schweiße badet.

Ein Sturm fuhr aus dem thränenfeuchten Boden,
Der auf in einem rothen Strahle blitzte,
Was so mir jegliche Besinnung nahm,

Daß ich hinfiel, wie ein vom Schlaf Befangner.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 04
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 04

Vom Donner erweckt folgt Dante seinem Führer in den Limbus, den ersten Kreis, wo sich diejenigen befinden, auf denen nur dadurch Sünde haftet, weil sie nicht getauft wurden, also die gerchten Heiden.

Es brach den tiefen Schlaf im Haupte mir
Ein Donnerschlag, so schwer, daß auf ich fuhr,
Wie jemand, den man mit Gewalt erweckte;

Und ringsum wandt' ich das geruhte Auge,
Emporgerichtet und mit festem Blick,
Daß ich den Ort erkenne, wo ich sei.

Wahr ist es, ich befand mich an dem Rande
Des qualenvollen Thals des Höllenabgrunds,
Das in sich faßt den Schall endlosen Wehes. 9

Tief war er, dunkel und so voller Nebel,
Daß, wollt' ich bis zum Grund die Blicke tauchen,
Nicht das geringst' ich unterscheiden konnte.

»Laß nun hinab uns zu der blinden Welt«,
Begann der Dichter, bleichen Angesichtes;
»Vorangehn werd' ich, und du wirst mir folgen.« -

Und ich, der sein Entfärben wahrgenommen,
Sprach: »Wie soll gehn denn ich, wenn du erbangst,
Der sonst mir Tröster ist in meinem Zagen?« - 18

Und er zu mir: »Die Angst der Schmerzgequälten
Da unten malet mir in's Angesicht
Das Mitleid, welches dir als Furcht erscheint.

Laß gehn uns, wie der lange Weg uns mahnet.« -
So trat er ein und ließ auch mich betreten
Den ersten Kreis, der jene Kluft umschließt.

Daselbst, soweit es mein Gehör vernahm,
Gab es Wehklagen nicht, vielmehr nur Seufzer,
Die hier die ew'ge Luft erzittern machten; 27

Und dies kam her von Schmerzen sonder Martern
Der Schaaren, deren's viel' und große gab
Von Kindern, wie von Frauen und von Männern.

Da sprach der gute Meister: »Fragst du nicht,
Was das für Geister sind, die du dort siehst?
So wisse denn, bevor du weiter gehst,

Daß sie nicht fehlten; haben sie Verdienst,
So gnügt es nicht, weil sie der Tauf' entbehren,
Des Glaubens Pforte, welchen du bekennst; 36

Und wenn sie vor dem Christenthume lebten,
Verehrten Gott sie nicht wie sich's gebührt:
Und so gehör' ich selbst zu jenen selben.

Ob solchen Mangels, nicht ob andrer Schuld
Sind wir verdammt und nur dadurch gequält,
Daß sonder Hoffnung wir in Sehnsucht leben.« -

Als ich dies hört', ergriff mich tiefer Schmerz,
Weil ich erkannte Leute großer Tugend,
Die in dem Zwischenreich des Vorhofs schwebten. 45

»Sag mir, o Meister, sage, Herr, mir doch«,
Begann ich, weil gewiß ich werden wollte
Des Glaubens, welcher allen Wahn besiegt:

»Gelangt wer je hinaus, sei's durch sein eignes,
Sei es durch fremd Verdienst, zur Seligkeit?« -
Und er, der mein verhülltes Wort begriff,

Sprach jetzt: »Ich war erst kurz in diesem Zustand,
Als einen Mächt'gen [*]Jesus Christus. ich ankommen sah,
Der war gekrönet mit des Sieges Zeichen. 54

Er nahm hinweg von hier des Urahns Schatten,
Und Abels, seines Sohns, und den des Noah,
Des Moses, der Gesetz gab, Abraham,

Den folgsamen Erzvater, König David,
Israel, nebst dem Vater und den Söhnen
Und Rahel auch, um die soviel er that,

Und andre viel', und machte sie glückselig;
Und wissen sollst du, daß vor diesen niemals
Noch Menschenseelen draus erlöset worden.« - 63

Nicht hemmten wir den Gang, dieweil er sprach,
Vielmehr durchschritten wir trotzdem den Wald,
Den Wald, mein ich, von dichten Geisterschaaren.

Noch waren wir nicht allzuweit gegangen
Vom obern Rand diesseit, da sah ein Feu'r ich,
Das einer Schattenhemisphär' obsiegte.

Wir waren etwas noch von dort entfernt,
Doch so nicht, daß ich nicht zum Theil erkannt,
Daß ehrenwerthe Schaar den Ort einnähme. 72

»O du, den jede Kunst und Weisheit ziert,
Wer sind die mit dem ehrenvollen Ansehn,
Das von der Andern Art sie unterscheidet?« -

Und er zu mir: »Der ehrenvolle Ruf,
Der fort von ihnen tönt im Leben droben,
Trägt Gnad' im Himmel ein, die so sie fördert.« -

Und mittlerweile hört' ich eine Stimme:
»Auf! Ehre sei dem sehr erhabnen Dichter!
Sein Schatten, der entfernt war, kehrt zurück!« - 81

Als aufgehört die Stimm' und stille schwieg,
Sah ich hervor vier große Schatten schreiten,
Von Ansehn weder traurig, noch auch heiter.

Da fing der gute Meister an zu sagen:
»Schau jenen mit dem Schwert in seiner Hand,
Der vor den andern wie ein Fürst einhergeht,

Das ist Homer, der oberste der Dichter.
Der andre, welcher folgt, Horaz der Spötter.
Ovid als dritter und Lucan als letzter. 90

Weil jeglicher von ihnen die Bezeichnung
Mit mir gemein hat, die die Stimm' ausrief,
Erweisen sie mir Ehr' und thun dran wohl.« -

So sah ich dort vereint die schöne Schule
Des Fürsten im erhabensten Gesange,
Der ob den andern wie ein Adler schwebt.

Als sie ein wenig Zwiegespräch gehalten,
Sahn sie mich an mit grüßender Geberde,
Ob welcher Ehre lächelte mein Meister. 99

Doch mehr erzeigten sie mir noch der Ehre;
Denn anreihn ließen sie mich ihrer Zahl,
So daß der Sechst' ich war bei solcher Weisheit.

So gingen bis zum Lichtglanz wir selbander,
Von Dingen sprechend, drob zu schweigen schicklich,
Wie's dorten schicklich war, davon zu reden.

An edlen Schlosses Fuß gelangten wir,
Das hohe Mauern siebenfach umkreisten
Und das ein schönes Flüßchen rings umschloß. 108

Das überschritten wir wie festen Boden.
Durch sieben Pforten ging ich mit den Weisen;
Aufnahm uns eine Au' mit frischem Grün.

Dort waren Leute, langsam ernsten Blickes
Und würd'gen Ansehns in Geberd' und Mienen;
Sie sprachen wenig und mit sanfter Stimme.

Und nach der Seiten einer zogen wir
Zu offnem Platz, erhellt und hochgelegen,
So daß wir Alle dort beisammen sahn. 117

Grad gegenüber auf dem grünen Rasen,
Da wurden mir gezeigt die hohen Seelen,
Durch deren Schau ich selbst mich höher fühlte.

Ich sah Elektra dort mit viel Gefährten;
Hector erkannt' ich drunter und Aeneas,
Den Cäsar auch, bewehrt mit Adlerblick;

Camilla schaut' ich und Penthesilea
Zur andern Seit', und sah König Latinus,
Der bei Lavinia, seiner Tochter, saß;

Sah jenen Brutus, der Tarquin verjagte,
Lucretia, Julia, Martia und Cornelia,
Und seitwärts einsam sah ich Saladin.

Als ich ein wenig mehr die Augen hob,
Sah ich den Meister derer, welche wissen,
Dort in der Philosophen Kreise sitzen,

All' ihn bewundern, all' ihm Ehr' entbietend.
Ich sah daselbst auch Sokrates und Platon,
Die näher ihm als alle Andern stehen;

Dann Demokrit, deß Welt auf Zufall ruht,
Thales, Diogen und Anaxagoras,
Zeno, Empedokles und Heraklit.

Ich sah der Eigenschaften guten Sammler,
Ich meine Dioscorides, sah Orpheus,
Tullius und Livius, Seneca, den Lehrer

Des Sittlichen, Euklid und Ptolomäus,
Hippokrates, Galen und Avicenna,
Averroës, den mächt'gen Kommentator.

Nicht kann ich hier von Allen ganz berichten,
Da so der große Stoff mich weiter drängt,
Daß für die That oftmals das Wort nicht hinreicht.

Um Zwei verminderte die Sechszahl sich:
Auf andrem Weg führt' mich der weise Führer
Aus jener ruh'gen in die Luft, die zittert;

Und dahin kam ich, wo nichts ist, was leuchtet.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 05
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 05

Im zweiten Kreise ist Minos, der Höllenrichter. Hier werden die Sünder in der Liebe durch grausame Winde in der dicken, finstern Luft umgetrieben. Francesca von Rimini erzählt ihr Vergehen, und Dante fällt wie todt dahin.

So stieg ich von dem ersten Kreis hinab
Zum zweiten, welcher einfaßt engern Raum,
Doch soviel Pein mehr, die zur Klag' anstachelt.

Graunvoll steht Minos dort und fletscht die Zähne,
Prüft an dem Eingang die Verschuldungen,
Urtheilt, schickt weg, je wie er sich umschlingt.

Ich meine, wenn die schlimmgeborne Seele
Vor ihn gelangt, so beichtet sie ihm alles;
Und jener Kenner aller Schuldvergehen, 9

Wohl wissend, welchem Raum sie angehöre,
Umringelt sovielmal sich mit dem Schweife,
Als Stufen man hinab sie bringen soll.

Stets sieht zugleich man viele vor ihm stehen,
Die, einzeln jed', ihr Urtheil dort empfangen,
Sprechen und hören, und es folgt ihr Sturz. -

»Du, der du zu der Qualherberge kommst«,
Sprach zu mir Minos, als er mich erblickte,
Einhaltend im Vollzug so wicht'en Amtes, 18

»Schau, wie du eintrittst und auf was du traust,
Und täusche dich nicht ob des Eingangs Weite.« -
Da sprach zu ihm mein Führer: »Was denn schreist du?

Nicht hindre den von Gott verhängten Gang:
So wll man es dort oben, wo man kann
Das, was man will, und frage drum nicht weiter.« -

Nun fingen an vernehmbar mir zu werden
Die Schmerzenslaut'; ich war dahin gekommen,
Wo groß Wehklagen meine Ohren traf. 27

Den Ort betrat ich, alles Lichtes baar,
Der brüllte, wie bei Sturm das Meer es thut,
Wenn es gegeißelt wird von Gegenwinden.

Die Höllenwindsbraut, welche niemals ruht,
Reißt fort in ihrem tollen Zug die Geister,
Die sie durch Stoß und Ueberstürzen quält.

Wenn an den Absturz sie nun hingelangen,
Erhebt sich dort Geschrei, Wehklag' und Jammern;
Der Tugend fluchen sie, der göttlichen. 36

Und ich vernahm, daß hier zu solcher Qual
Verdammt die fleischlichen Verbrecher wären,
Bei denen die Vernunft der Lust erliegt.

Und wie die Staare ziehn, vom Flug getragen,
In breiter, voller Schaar, zur Winterszeit:
So führt die schlimmen Seelen jener Windstoß

Hierhin, dorthin, nach unten und nach oben,
Und niemals tröstet Hoffnung sie,
Nicht nur des Ruhn's, nein, auch selbst mindrer Leiden. 45

Und wie die Kraniche ihr Klaglied singen,
Wenn sie die Luft in langer Reih' durchziehn:
So sah dahin ich ziehn, ihr Wehe jammernd,

Getrieben von besagter Qual die Schatten.
Deshalb nun sprach ich: »Meister, wer sind jene,
Die von der grausen Luft so Pein erleiden?« -

»Die erste jener Seelen, davon Kunde
Du haben willst«, sprach Jener drauf zu mir,
»War über viele Sprachen Herrscherin. 54

Der Wollusr Laster war sie so ergeben.
Daß ihr Gesetz Gelüst gestattete,
Um den erlittnen Vorwurf abzuwälzen.

Es ist Semiramis, von der man liest,
Thronfolgerin des Ninus, ihrer Gatten;
Das Land besaß sie, wo der Sultan herrscht.

Die dort gab sich den Tod in Liebeswahnsinn
Und brach die Treu der Ache des Sichäus;
Dann kommt Cleopatra, die Schwelgerische.« - 63

Ich schaute Helena, um die solch Unheil
Sich einst erhub; ich sah Achill den Helden,
Ihn, der zuletzt noch mit der Liebe kämpfte;

Sah Paris, Tristan, und er zeigte mir,
Und nannte sie, wohl mehr als tausend Schatten,
Die durch die Lieb' aus unserm Leben schieden.

Als ich den Meister hatte nennen hören
Die Frauen und die Helden alter Zeiten,
Ergriff mich Mitleid und beinah Bestürzung. 72

Und ich begann: »O Dichter, gerne spräch' ich
Mit jenen Beiden, die zusammen gehen
Und also leicht im Windhauch sich bewegen.« -

Und er zu mir: »Nimm wahr, wenn näher sie
Uns werden sein, dann bitte bei der Liebe,
Die jene leitet, und sie werden kommen.« -

Sobald der Wind sie her zu uns geweht,
Rief ich sie an: »O leidbeschwerte Seelen,
Sprecht doch mit uns, wenn es euch Niemand wehrt!"« 81

Wie Tauben, vom Verlangen angetrieben
Zum süßen Nest, mit weiten, sichren Flügeln
Vom Wunsch getragen durch die Luft hineilen:

So trennten sie vom Schwarm sich, worin Dido,
Auf uns zukommend durch die schöde Luft:
So mächtig war der liebevolle Zuruf.

»O gütiges und huldgeneigtes Wesen,
Das durch die purpurschwarze Luft uns aufsucht,
Uns, die wir einst die Welt mit Blut gefärbt! 90

Wenn uns geneigt des Weltalls Herrscher wäre,
Um deinen Frieden würden wir ihn bitten,
Für dein Mitleid mit unsrer bittern Pein.

Sag, was du hören, was du sprechen möchtest;
Wir wollen hören, wollen mit dir sprechen,
So lang der Wind, wie jetzt, sich still verhält.

Es liegt die Stadt, worinnen ich geboren,
Am Meeresstrand, zu dem der Po sich senkt,
Um Rast mit seinem Flußgefolg' zu finden 99

Liebe, die schnell ein edles Herz ergreift,
Fing Jenen mit dem Reize der Gestalt,
Die mir geraubt ward, so, wie's noch mich kränket;

Liebe, die Keinem Gegenlieb' erläßt,
Ergriff mich in der Luft an ihm so mächtig,
Daß, wie du siehst, sie noch nicht von mir weichet.

Liebe, sie führte uns zugleich zum Tode:
Kaina wartet deß, der uns getödtet.« -
Dies Wort ward uns von ihnen zugebracht. 108

Als ich vernommen die bedrängten Seelen,
Neigt' ich mein Antlitz und hielt es geneigt,
Bis mich der Dichter fragte: »Was denn sinnst du?« -

Antwortend nun, begann ich; »Weh mir Armen!
Welch süßes Sinnen, welches Glutverlangen
Hat zum unsel'gen Schritte sie geführt!« -

Dann, weiter sprechend, wandt' ich mich zu ihnen,
Und begann: »Francesca, deine Leiden
Bewegen mich zu bangen Mitleidszähren. 117

Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer,
Wodurch und wie gestattete die Liebe,
Daß ihr die zweifelhaften Wünsch' erkanntet?« -

Und sie zu mir: »Nicht größern Schmerz wohl gibt's,
Als an glücksel'ge Zeit sich zu erinnern
Zur Zeit des Jammers, und dies weiß dein Lehrer.

Doch wenn den ersten Grund von unsrer Liebe
Zu kennen du so große Neigung hast,
Will ich wie jener thun, der weinend redet.

Wir lasen eines Tages zum Ergötzen
Von Lanzelot, wie ihn die Lieb' umstrickte:
Wir waren einsam und ohn' alles Arg.

Wohl mehr als einmal wirkte jenes Lesen,
Daß wir anblickten uns und uns entfärbten;
Doch eine Stelle war's, die uns bezwang.

Als wir von dem ersehnten Lächeln lasen,
Erweckt vom Kusse solches Liebenden,
Da küßte Er, der nie von mir sich trennt,

Am ganzen Leibe bebend, mir den Mund.
Verführer war das Buch und der's geschrieben -
An jenem Tage lasen wir nicht weiter.« -

Dieweil der eine Geist nun dieses sagte,
Weinte der andre so, daß vor Mitleiden
Mir die Besinnung schwand, wie wenn ich stürbe,

Und wie ein Leichnam fällt, so fiel ich hin.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 06
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 06

Wieder zu sich gekommen, findet sich Dante im dritten Kreise, wo die Schlemmer im Kothe stecken und von heftigem Regen und Hagel gequält werden und Cerberus sie anbellt und fortwährend bedroht. Dante unterhält sich mit Ciacco über den Zwiespalt in Florenz.

Bei des Bewußtseins Rückkehr, das sich schloß
Vor Mitleidsschmerz um jene zwei Verwandte,
Daß Traurigkeit mich ganz bestürzt gemacht:

Erblickt' ich neue Qualen und Gequälte
Rings um mich her, wie ich mich auch bewege,
Wohin ich mich auch wend' und spähend schaue.

Ich bin im dritten Kreise, dem des Regens,
Des ew'gen, maledeiten, kalten, schweren,
Bei dem sich Art und Weise niemals ändert. 9

Grobkörn'ger Hagel, schwarze Flut und Schnee
Stürzt aus der schattendichten Luft herab;
Die Erde stinkt, die solches aufgenommen.

Ein Thier, grausam und schrecklich, Cerberus,
Bellt aus drei Rachen, ganz nach der Art der Hunde,
Jedweden an, der dort hinab versenkt ist.

Die Augen roth, den Bart schwarz und begeifert,
Den Bauch geschwollen, Klauen an den Tatzen,
Krallt er die Geister, schindet und zerreißt sie. 18

Die heulen ob des Regens wie die Hunde;
Die eine Seite dient zum Schirm der andern;
Oft wenden sich die gottvergeßnen Schächer.

Als Cerberus, der große Wurm, uns sah,
Sperrt' er den Rachen auf und wies die Hauer;
Kein Glied an ihm, das nicht bewegt sich hätte.

Ausbreitete mein Führer jetzt die Hände,
Griff in die Erd' und warf mit voller Faust
Von dieser in den gierdevollen Schlund. 27

Und wie ein Hund, der voller Freßgier bellt,
Sich dann beruhigt, wenn den Fraß er beißt,
Den zu verschlingen er nur strebt und trachtet:

So thaten jetzt auch jene garst'gen Schnauzen
Des Dämons Cerberus, der dort die Seelen
So grimm anbellt, daß taub zu sein sie wünschen.

Auf Schatten schritten wir, die niederstreckte
Des Regens Schwer', und setzten unsern Fuß
Auf ihre Leerheit, welche Körper schien. 36

All', die da waren, lagen auf der Erde,
Nur Einer hob zum Sitzen sich empor,
Sobald er uns vorübergehen sah.

»Der du durch diese Hölle wirst geleitet«,
Sprach er, »erkenne mich, wenn du's vermagst:
Geboren wurdest du, eh' ich gestorben.« -

Und ich zu ihm: »Die Qual, die du erleidest,
Verhüllt vielleicht dich meinen Sinnen so,
Daß mir es scheint: nie hätt' ich dich gesehen. 45

Doch sag mir, wer du bist, weshalb in solchen
Wehort geschickt und zu so schwerer Strafe,
Daß, gibt's auch größre, keine doch so greulich.« -

Und er nun: »Deine Stadt, die also voll ist
Des Neides, daß der Sack schon überläuft,
Umschloß auch mich in jenem heitern Leben,

Und Ciacco hieß ich unter euch Mitbürgern:
Um die verdammenswerthe Schuld des Gaumens
Werd' ich vom Regen, wie du siehst, vernichtet. 54

Doch bin ich nicht allein solch traurig Wesen;
Denn alle diese stehn in gleicher Qual,
Durch gleiche Schuld.« - Und weitres sagt' er nicht. -

Zur Antwort gab ich: »Ciacco, deine Pein
Rührt so mich, daß sie Thränen mir entlockt.
Doch sag mir, wenn du's weißt, wohin die Bürger

Noch der entzweiten Stadt gelangen werden,
Ob wer gerecht drin ist; auch nenn' den Grund mir,
Warum sie solche Zwietracht hat ergriffen.« 63

Und er darauf zu mir: »Nach langem Hader
Kommt es zu Blut, und es verjagt die wilde
Partei die andere zu großem Schaden.

Doch dann will das Geschick, daß diese falle
Nach dreien Sonnen, und sich jen' erhebe
Durch Einen, der jetzt falsche Rolle spielt.

Hoch wird sie lange Zeit die Stirn aufrichten,
Die andre haltend unter schwerem Druck,
Wie die auch drüber klag' und sich ereifre. 72

Gerecht sind zwei, doch hört man sie nicht an:
Hochmuth und Neid und Habsucht, die drei Funken,
Sie sind's, wodurch die Herzen so entbrannten.« -

Hier macht' er seiner Jammerred' ein Ende.
Drauf ich: »Ich bitte dich, belehr' mich mehr
Und gönne das Geschenk mir weitrer Rede.

Tegghiajo, Farinata, die so Würd'gen.
Arrigo, Mosca, Jacob Rusticucci,
Und andre, die den Sinn auf Gutthat wandten, 81

Sag mir, wo sind sie? lasse mich sie kennen;
Denn groß Verlangen drängt mich, zu erfahren,
Ob sie der Himmel lohnt, die Hölle quält.« -

Und er: »Sie sind bei den noch schwäzern Seelen:
Es drückte sie zum Grund vielfält'ge Schuld;
Steigst du soweit hinab, kannst du sie sehen.

Doch bist du wieder in der süßen Welt,
Dann bring' mich Andern, bitt' ich, in's Gedächtniß.
Mehr sag' ich nicht, antworte dir nicht weiter.« - 90

Hier dreht' er den geraden Blick zum Schielen,
Sah kurz mich an, senkte das Haupt und fiel
Mit diesem wagrecht zu den andern Blinden.

Der Führer sprach zu mir: »Nicht mehr erwacht der
Bis zu dem Ton der himmlischen Posaunen,
Wann die Gewalt kommt, welche sie bestraft.

Dann wird sein traurig Grab ein Jeder finden,
Anthun sein Fleisch. die vorige Gestalt,
Und hören, was in Ewigkeit erdröhnet.« - 99

So gingen denn wir durch die wüste Mischung
Von Schatten und von Regen langsam fort,
Vom künft'gen Leben Einiges besprechend.

Drum sagt' ich: »Meister, werden diese Qualen
Noch wachsen nach dem großen Urtheilsspruch?
Wird linder oder brennender die Pein?«

Und er zu mir: »Denk deines Weisen Lehre,
Die sagt, daß, je vollkommener ist ein Wesen,
Um so viel mehr fühl' es so Lust als Schmerz. 108

Und kann auch diese maledeite Rotte
Zu wahrhafter Vollendung nie gelangen,
So hofft sie's doch in Zukunft mehr als früher.« -

Auf jener Straß' umkreisten wir die Runde,
Viel mehr verhandelnd, als ich sagen kann.
Dann kamen wir zum Ort, wo man hinabsteigt,

Und fanden Pluto dort, den großen Feind.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 07
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 07

Im vierten Kreise Pluto als Wächter am Eingang. Strafe der Verschwender und Geizigen, einander große Lasten zuzuwälzen. Virgil preist die Fortuna. Im fünften Kreise stoßen und quälen sich gegenseits die Zornigen, und die Trübsinnigen stehen im Schlamme des Styx. Dante kommt zu einem Thurm.

»Pape, Satan, pape, Satan, alleppe!«
Erhub jetzt Plutus polternd seine Stimme.
Und er, dem Alles klar, der edle Weise,

Sprach, Muth mir zu verleihn: »Nicht niederschlagen
Laß dich die Furcht; was er für Macht auch habe,
Nicht soll er dich am Felsenklimmen hindern.«

Dann wandt' er sich zur aufgeworfnen Lippe,
Und rief: »Sei still, vermaledeiter Wolf;
Verzehre selber dich in deiner Wuth.

Nicht ohne Grund ist dieser Gang zur Tiefe;
So will man's oben, wo einst Michael
Ob frevelstolzen Abfalls Rache nahm.« -

Und gleich wie die vom Wind geschwellten Segel,
Wenn brach der Mast, in sich zusammenfallen,
So fiel das grause Ungeheu'r zu Boden.

So stiegen wir hinab zur vierten Schlucht,
Stets mehr vordringend in der Qualen Abgrund,
Der in sich sackt die Schuld der ganzen Welt.

O allgerechter Gott! wer häufte so viel
Schrecklicher Müh'n und Plagen, als ich sah?
Warum verderbt uns unsre Schuld denn so?

Wie dort ein Wogenschwall ob der Charybdis,
Der sich am andern bricht, auf den er stößt:
So muß das Volk sich hier im Kreise drehen.

Hier sah des Volks ich viel mehr, als wo anders,
Von jeder Seite unter Wuthgeheul
Gewalt'ge Lasten mit der Brust fortwälzend.

Sie stießen auf einander, doch es wandte
Sich jeder rückwärts dann, zurück sie wälzend;
»Was hältst du ein?« rief der, der: »warum rollst du?«

So drehten sie sich durch den düstern Zirkel,
Von jeder Hand zum Punkte gegenüber,
Und riefen sich die schmähnde Weise zu.

Dann wandte jeder sich, war er zu Ende,
In einem Halbkreis um zu neuem Treffen.
Und ich, dem fast das Herz zerpeinigt war,

Begann: »Mein Meister, nun erkläre mir,
Welch Volk ist dies, und waren Alle Pfaffen
Zu unsrer Linken hier, die Glattgeschornen?« -

Und er zu mir: »Sie alle waren Blinde
Im ersten Leben dergestalt am Geiste,
Daß keine Gabe sie mit Maß ertheilten.

Hinlänglich klar bellt es die Stimm' aus ihnen,
Wenn sie im Kreis gelangen zu den Stellen,
Wo gegentheil'ge Schuld sie dann entzweit.

Dies waren Pfaffen, die nicht haar'ge Decke
Am Haupte tragen, Päpst' und Kardinäle,
In denen Geiz sein Uebermaß erprobt.« -

Und ich drauf: »Meister, unter so Beschaffnen
Würd' ich wohl den und jenen wieder kennen,
Die sich befleckten mit dergleichen Lastern.« -

Und er zu mir: »Du hegst nur eitlen Wahn:
Ihr niedres Leben, welches sie besudelt,
Verdunkelt sie für jegliches Erkennen.

Allewig kommen sie zum Doppelstoß;
Die werden immer mit geschloßner Faust
Dem Grab erstehn, die mit gestutzten Haaren.

Schlecht Geben und schlecht Wahren hat beraubt sie
Der schönen Welt und zu dem Streit gebracht,
Den, wie er sei, durch Wort' ich nicht verschönre.

Hier kannst du, Sohn, die kurze Posse sehen
Der Güter, die dem Glück sind übertragen,
Um die das Menschenvolk sich so zerzaust.

Denn alles Gold, das unterm Mond sich findet
Und je sich fand, nicht könnt' es einer einz'gen
Von diesen matten Seelen Ruh verschaffen.«

»O Meister«, sprach zu ihm ich, »sag mir noch:
Wer ist Fortuna, die, wie du jetzt sagtest,
Der Erde Güter in den Klauen hält?«

Und er zu mir: »O thörichte Geschöpfe!
Wie sehr unwissend doch zu eurem Schaden!
Nun merk' auf meinen Spruch mit offnem Munde:

Er, dessen Weisheit alles übersteigt,
Die Himmel schuf er und gab ihnen Lenker,
So daß jedweder Theil allhinwärts leuchtet,

Das Licht gleichmäßig überall vertheilend.
Auf gleiche Weise gab dem Glanz der Welt
Er eine Schaffnerin und Führerin,

Daß sie von Zeit zu Zeit die ird'schen Güter
Von Volk zu Volk, von dem Geschlecht zu andrem,
Ganz wider Menscheneinsicht wechseln ließe.

Deshalb nun herrscht ein Volk, das andre duldet,
Je wie der Urteilsspruch von Jener fällt,
Die, wie die Schlang' im Kraut, verborgen waltet.

Nicht kann eu'r Wissen Widerstand ihr leisten:
Sie flehet vor, urtheilt und herrscht in ihrem
Bereich, wie andre Götter in dem ihren.

Nicht haben Stillstand ihre Wechselfälle:
Nothwendigkeit heißt sie behende sein;
Gar oft gibt's Solche, die der Wechsel trifft.

Sie ist es, die so oft an's Kreuz geheftet
Von denen wird, die Lob ihr schuldig wären,
Und sie mit Unrecht tadeln nur und schmähen.

Doch selig in sich selbst, hört sie es nicht;
Mit andern Urgeschöpfen rollt sie heiter
Hin ihre Kugel und genießt der Wonne.« -

Nun stiegen wir hinab zu größrem Jammer.
Schon sinkt jedweder Stern, der sich erhub,
Als ich den Gang begann; versagt ist Zaudern.

Den Kreis durchschritten wir zum andern Rande
An einem Quell, der schäumend sich ergießt
Durch einen Bach, der ihm den Ursprung dankt.

Das Wasser war weit dunkler noch als Purpur,
Und in Geleitschaft seiner düstern Wogen
Gelangten wir auf grausem Pfad hinab.

Es bildet einen Sumpf, deß Name Styx,
Der trübe Bach, wenn er hinabgelangt ist
Zum Fuß der unheilvollen, grauen Ufer.

Und ich, der ich im Schaun verloren stand,
Sah schlammbeladnes Volk in jener Pfütze,
Sie alle nackt und grimmverbißnen Anblicks.

Die stießen sich, und nicht blos mit der Faust,
Nein, mit der Brust auch, mit dem Kopf, den Füßen,
Sich mit den Zähnen Stück für Stück verstümmelnd.

Der gute Meister sagte: »Sohn, nun siehe
Die Seelen derer, die der Zorn besiegte;
Auch wünsch' ich sicher dich zu überzeugen,

Daß dorten, unterm Wasser, Leute seufzen
Und dessen Oberfläch' in Wallung setzen,
Wie dir das Auge sagt, da wo sich's ringelt.

Sie sagen, fest im Schlamm: Wir waren traurig
In holder Luft, die sich der Sonn' erfreut,
Weil in uns träger Dunst die Wohnung nahm;

Nunmehr sind wir betrübt im schwarzen Schlamme.
Dies Lied nun gurgeln sie nur in der Kehle;
Nicht können sie mit klarem Wort es sagen.« -

So, zwischen trocknem Rand und Sumpf durchkreisten
Den großen Bogen wir des schmutz'gen Pfuhles,
Auf jene, die den Schlamm verschluckten, blickend;

An eines Thurmes Fuß dann kamen wir.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 08
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 08

Hier angelangt erblickt er auf dem Thurm zwei Flammen, denen eine dritte entspricht, worauf sie Phlegyas übersetzt, während dessen Dante dem Philipp Argenti begegnet. Die Dichter gelangen zur Stadt des Dis; doch werden sie am Eintritt durch Dämonen verhindert.

Fortfahrend sag' ich, daß viel früher noch,
Als wir am Fuß des hohen Thurmes waren,
Wir unsern Blick zu dessen Zinn' erhuben,

Weil wir zwei Flämmchen dort aufstecken sahen,
Ein andres dann das Zeichen wiedergeben,
So fern, daß kaum das Aug' es absehn konnte.

Und ich, zum Meer mich aller Einsicht wendend,
Sprach: »Was besagt dies? und was denn antwortet
Das andre Feu'r, und wer sind, die es machen?«

Und er zu mir: »Dort auf den schmutz'gen Wogen
Kannst du gewahren schon, was zu erwarten,
Wenn es des Sumpfes Dunst dir nicht entzieht.« -

Nie schnellt' ein Strang noch einen Pfeil von sich,
Der also rasch den Pfad der Luft durchschnitten,
Als ich ein kleines Schifflein kommen sah,

Her durch die Wogen auf uns zu gerichtet,
Von einem einz'gen Fährmann nur gelenkt,
Der schrie: »Bist du nun da, verruchte Seele?« -

»O Phlegias, für diesmal, Phlegias,
Schreist du umsonst«, sprach mein Gebieter; »länger
Hast du uns nicht, als wir den Sumpf durchfahren.« -

Gleich einem, der von großem Truge hört,
Der ihm gespielt ist, und sich drob ereifert:
So ward nun Phlegias vom Zorn ergriffen.

Mein Führer stieg hinab nun, in den Nachen
Und ließ darauf auch mich zu sich eintreten,
Und erst als ich drin war, schien er belastet.

Sobald wir beide nun im Nachen waren,
Zog hin der alte Kiel, weit tiefer furchend
Die Wasserflut, als er bei andern pflegt.

Dieweil wir so den todten Moor durcheilten,
Macht Einer voller Schlamm sich auf mich zu
Und sprach: »Wer bist du, der zu früh du kommst?« -

Und ich zu ihm: »Komm ich, bleib ich doch nicht.
Doch wer bist du, der also sich besudelt?« -
Er drauf: »Du siehst, ich bin ein Klagender.« -

Und ich zu ihm: »Mit Jammer und mit Schmutze
Bleib mir vom Leibe, maledeiter Geist;
Ich kenne dich, wie auch dich Schmutz besudelt.« -

Drauf griff er nach dem Kahn mit beiden Händen:
Deshalb stieß ihn zurück der weise Meister
Und sprach: »Mach weg dich nebst den andern Hunden!« -

Dann schlang die Arm' er um den Hals mir, küßte
Mich in's Gesicht und sprach: »Du Eiferseele,
Gesegnet Jene, die dich einst getragen!

Der war auf Erden ein hochmüthig Wesen;
Güt' ist es nicht, die sein Andenken schmückt;
Drum rast noch hier sein Schatten gegen sich.

Wie viel' ehrt man als Könige da droben,
Die hier als Schwein' im Kothe stehen werden,
Entsetzliche Verachtung hinterlassend.« -

Und ich: »O Meister, sehr würd' es mich freuen,
Säh' ich in dieser Brüh' ihn untertauchen,
Noch eh wir diesen See verlassen haben.« -

Und er zu mir: »Bevor noch das Gestade
Dem Blick sich zeigt, sollst du befriedigt sein;
Wohl ziemt sich's, daß sich dir dein Wunsch erfüllt.« -

Und kurz nachher sah ich derlei Zerfleischung
Begehn an Jenem von der schmutz'gen Menge,
Daß ich Gott noch deswegen lob' und preise.

Sie alle schrien: »Los auf Philipp Argenti!«
Da wandte sich des Florentiners Geist,
Der zorn'ge, auf sich selber mit den Zähnen.

Dort ließen wir ihn; weitres sag' ich nicht.
Doch an mein Ohr schlug mir ein Schmerzensschrei,
Daß mit gespanntem Aug' ich vorwärts starrte.

Der gute Meister sprach: »Nunmehr, mein Sohn,
Naht sich die Stadt, die führt den Namen Dis,
Mit argen Bürgern, mit der großen Rotte.« -

Und ich: »Mein Meister, schon erkenn' ich sicher
Dort innerhalb des Thales die Moscheen
Glutroth, wie wenn sie aus dem Feuer kämen!« -

Und er, er sprach zu mir: »Das ew'ge Feuer,
Das sie durchbrennt von innen, zeigt sie roth,
Wie du jetzt siehst in dieser untern Hölle.« -

Bald kamen wir auch in die tiefen Gräben,
Die jene trostverlaßne Stadt umzirken:
Die Mauer schien von Eisen mir zu sein.

Nicht ohne großen Umkreis erst zu machen,
Gelangten wir zum Ort, wo laut der Fährmann:
»Steigt aus!« uns zurief, »denn hier ist der Eingang.«

Ich sah wohl mehr als tausend der vom Himmel
Gestürzten auf den Thoren, die ergrimmt:
»Wer ist das«, riefen, »welcher ohne Tod

Die Reiche des gestorbnen Volks durchwandert?« -
Da gab mein weiser Meister einen Wink,
Daß er geheim mit ihnen sprechen wollte.

Nun hielten sie im Grimm ein wenig inne
Und sprachen: »Komm allein; der zieh von dannen,
Der also frech betreten dies Gebiet!

Allein geh' er zurück die thör'ge Straße;
Versuch' er, ob er's kann; hier bleibe du,
Der durch so finstre Gegend ihn geführt.« -

Nun denk, o Leser, ob ich muthlos wurde
Beim Laute der vermaledeiten Worte;
Denn nie glaubt' ich hierher zurückzukehren.

»O theurer Führer, der mir Zuversicht
Gab, mehr als siebenmal, und mich gezogen
Aus schwerer Fahr, die Hindrung mir gedroht:

»Verlasse«, sprach ich, »nicht den ganz Bestürzten!
Und wenn das Weitergehn versagt uns ist,
Laß schnell auf unsrer Spur zurück uns finden.« -

Und er, der Meister, der mich hingeführet,
Sprach: »Keine Furcht! von Mächt'gem ist bestimmt,
Daß unsern Gang hier Niemand hemmen darf.

Doch hier erwarte mich und nähr' und stärke
Mit guter Hoffnung den erschöpften Geist!
Nicht werd' ich in der untern Welt dich lassen.« -

So geht er denn, und läßt mich dort zurück,
Der süße Vater, und ich bleib' in Zweifeln,
So daß im Haupt mir Ja und Nein sich streiten.

Nicht konnt' ich hören, was er jenen sagte;
Doch stand er dort bei ihnen nicht gar lange,
Als jeder schleunigst nach dem Innern floh.

Die Pforten schlossen unsre Widersacher
Dem Meister vor der Brust, der außen blieb
Und sich zu mir gemachen Schrittes wandte.

Den Blick zu Boden und die Stirne baar
Jedweder Zuversicht, sprach er mit Seufzen:
»Wer wehrt mir Zutritt zu den Jammerstätten?« -

Zu mir nun sprach er: »Nicht erschrecke dich,
Daß ich erzürnt bin; diesen Kampf besteh' ich,
Was drin auch zur Vertheidigung sich rüste.

Nicht neu ist solcher Uebermuth; sie übten
Ihn schon an weniger geheimer Pforte,
Die sich seitdem noch ohne Schloß befindet:

Du sahest über ihr die düstre Schrift.
Schon steigt diesseits von ihr den Abhang nieder,
Hinwandelnd durch die Kreise sonder Führung.

Ein Solcher, dem für uns die Stadt sich öffnet.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 09
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 09

Sie erblicken die Furien und andere Uugethüme; ein Engel führt sie in die Stadt, wo die Ungläubigen in glühenden Särgen liegen, zwischen denen Dante und Virgil durch die Stadt gehen.

Das Blaß, womit die Furcht mich überfärbet,
Als meinen Führer ich rückkehren sah,
Verdrängte bald das an ihm ungewohnte.

Aufmerksam stand er still, wie wer da horcht;
Denn weit vermochte nicht sein Blick zu dringen,
Der düstern Luft, des dichten Nebels wegen.

»Nothwendig werden wir im Kampfe siegen«,
Begann er, »wenn nicht ... solche Frau erbot sich.
Wie lang mich's dünkt, eh' der Erhoffte naht!« -

Ich merkte wohl, wie den Beginn der Red' er
Verdeckte mit dem andern, was dann kam;
Denn andre waren's als die frühern Worte.

Doch um nichts minder weckte Furcht sein Reden,
Weil ich sein abgebrochnes Wort vielleicht
In schlimmrem Sinne nahm, als den es hatte.

»Steigt wohl in diesen Grund der Jammerhöhle
Je irgend wer vom ersten Grade nieder,
Wo nur geknickte Hoffnung ist die Strafe?«

So fragt' ich ihn, und jener: »Selten nur
Geschieht's«, gab er zur Antwort, »daß von uns
Jemand den Weg macht, den ich jetzt betrete.

Wahr ist's, daß ich schon einmal unten war,
Beschworen von Erichto, jener Grausen,
Die Schatten wieder in die Leiber rief.

Seit kurzem erst hatt' ich das Fleisch verlassen,
Als sie mich eingehn ließ durch jene Mauer,
Um einen Geist aus Juda's Kreis zu ziehn.

Das ist der tiefste Ort, der finsterste,
Vom Himmel, der das All umkreist, der fernste:
Wohl weiß den Weg ich; darum sei getrost.

Der Sumpf hier, der aushaucht den Pestgestank,
Umzingelt rings umher die Stadt der Qualen,
Wo nie wir ohne Kampf eindringen können.«

Und andres sagt' er noch, doch es entfiel mir;
Denn gänzlich hingezogen war mein Blick
Zum hohen Thurme mit der glühnden Zinne,

Wo flugs an einer Stell' ich aufrecht sah
Drei Höllenfurien, befleckt mit Blute,
Von weibermäß'ger Bildung und Geberde:

Grasgrüne Schlangen trugen sie als Gürtel;
Schlänglein und Ottern dienten statt der Haare,
Die um die wilden Schläfe her sich wanden.

Und er, der wohl die Dienerinnen kannte
Der Königin des Reiches ew'ger Klage:
»Sieh«, sprach er, »die Erinnyen, die grimmen!

Dies' ist Megära, dort zur linken Seite;
Die da zur rechten, welche weint, Alecto;
Tisiphone inmitten;« - darauf schwieg er.

Die Brust zerkrallte jede mit den Nägeln,
Schlug mit den Händen sich und schrie so laut,
Daß ich aus Furcht mich an den Dichter drängte.

»Medusa, komm! dann wird zu Stein er werden!«
So riefen alle, nach der Tiefe blickend;
»An Theseus rächten wir den Anfall ziemlich.« -

»Kehr' dich nur um, und schließe deine Augen;
Denn wenn sich Gorgo zeigt, und du sie sähest,
Dann bliebe keine Rückkehr dir nach oben.«

So sprach der Meister, und er wandte selbst mich,
Und meine Hände gnügten ihm so wenig,
Daß er mich mit den seinen noch umschloß.

O, die ihr euch gesunder Einsicht freut,
Erwägt die Lehre wohl, die unter'm Schleier
Des seltsamen Gedichts verborgen liegt!

Und schon herauf kam aus den trüben Wogen
Das Krachen eines schreckenvollen Schalles,
Vor dem die Ufer beid' erzitterten.

Nicht anders schien's, als käm's von einem Sturme,
Der, ungestüm durch Widerstreit der Gluten,
Den Wald, ohn' irgend nachzulassen, peitscht,

Die Aest' abreißt, verstreut, die Blüthen fegt,
In staubgehülltem Pompe vorwärts stürmt
Und in die Flucht so Heerd' als Hirten jagt. -

Die Augen ließ er frei und sprach: »Jetzt richte
Der Sehkraft Nerv auf jenen alten Schaum,
Da wo am beißendsten der Rauch dir scheint.« -

So wie vor einer feindgesinnten Schlange
Sich alle Frösch' in schneller Flucht zerstreuen,
Bis jeder auf dem Lande niederhockt:

So sah ich mehr denn tausend irrer Seelen
Vor Einem in der Flucht, der an der Furt
Den Styx mit trocknen Sohlen überschritt.

Vom Antlitz weht' er weg die dicke Luft,
Die Linke häufig vor sich hin bewegend,
Und schien nur matt durch solcherlei Beklemmung.

Wohl merkt' ich bald, er sei ein Himmelsbote,
Und wandte mich zum Meister; doch der winkte,
Daß still ich ständ' und mich vor jenem neigte.

Ach, wie voll Zürnens schien er mir zu sein!
Zur Pforte kam er und mit einer Ruthe
Oeffnet' er sie, die nicht ihm widerstand.

»Auswürflinge des Himmels, schmählich Volk!«
Hub er die Red' an auf des Grausens Schwelle.
»Was nährt in euch denn solch Vermessen auf?

Was widersetzt ihr euch denn jenem Willen,
Dem nie das Ziel vereitelt werden kann,
Und der schon oftmals eure Pein verschärfte?

Was hilft's, dem Schicksal sich entgegenstemmen?
Es geht eu'r Cerberus - denkt nur daran -
Deshalb noch unbehaart an Kinn und Kehle.« -

Drauf wandelt' er zurück die schmutz'ge Straße,
Doch uns gönnt' er kein Wort; den Anschein hatt' er
Von einem, den ganz andre Sorge kümmert,

Als welche den betrifft, der vor ihm steht.
Wir aber lenkten nach der Stadt die Schritte,
In uns befestigt durch die heil'gen Worte.

Ohn' alles Hemmniß traten wir hinein;
Ich aber, der ich zu betrachten wünschte,
Welch Wesen solche Festung in sich schließe:

Schickt', als ich drinnen war, den Blick umher,
Und sah zu beiden Seiten weit Gefilde,
Voll Jammer und entsetzenvoller Qual.

So wie bei Arles, wo sich die Rhone staut,
So wie bei Pola, nahe dem Quarnero,
Der dort Italiens Grenzen schließt und netzt,

Gräber die ganze Flur uneben machen:
So gab es hier auch deren überall;
Nur daß derselben Art sich bittrer zeigte.

Denn zwischen den Grabstätten lohten Flammen,
Die jene dort so ganz und gar durchglühten,
Daß glühnder Eisen kein Gewerbe fordert.

All ihre Deckel waren abgehoben,
Und schwere Klagen tönten draus hervor,
Als wären's die Elender und Gequälter.

Und ich: »O Meister, wer sind jene Leute,
Die, eingesargt in jenen Todtenladen,
So schmerzensvolles Seufzen hören lassen?«

Und er: »Das sind die Sektenoberhäupter
Nebst den Anhängern jeder Sekt'; indessen
Viel voller, als du meinst, sind jene Gräber;

Denn Gleicher liegt mit Gleichem hier begraben,
Und mehr und minder glühend sind die Grüfte.« -
Und als er rechtshin sich gewendet, gingen

Wir zwischen Martern und den hohen Zinnen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 10
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 10

Auf Dante's Wunsch, mit einem der Glaubenslosen zu sprechen, führt Virgil ihn zu Farinata degli Uberti und zu Cavalcanti. Farinata sagt ihm seine Verbannung aus Florenz voraus. Cavalcanti sucht seinen Sohn Guido in Dante's Gesellschaft.

Nun gingen fort auf eingeengtem Pfade,
Zwischen der Stadt Gemäuer und den Martern,
Mein Meister vorn, ich hinter seinen Schultern.

»O hohe Kraft, die durch die Lasterkreise
Hindurch mich führt«, sprach ich, »wie's gut ihr dünkt,
Sprich, und befriedige mir meine Wünsche.

Das Volk, das da umherliegt in den Gräbern,
Kann man es sehn? Es sind ja alle Deckel
Gehoben schon, und Niemand stehet Wache.« -

Und er zu mir: »Zuthun wird man sie alle,
Wenn die von Josaphat rückkehren werden
Mit ihren Leibern, die sie droben ließen.

Grabstätte hat nach dieser Seite zu
Mit Epicur die ganze Zahl der Schüler.
Die mit dem Leib die Seel' auch todt sich denken.

Doch was die Frag' angeht, die du mir thust,
So sollst du bald hierin befriedigt werden.
Ja in dem Wunsche selbst, den du verschweigst.« -

Und ich: »Mein guter Führer, nicht verhehl' ich
Mein Herz dir anders, als um kurz zu sprechen,
Wie du ja eben mich dazu ermahnt.« --

»O Tusker, der du durch die Stadt der Flammen
Noch lebend gehst und so bescheiden redest,
Belieb', an dieser Stelle hier zu weilen.

Es macht dich deine Mundart offenkundig
Als Eingebornen jener edlen Stadt,
Der ich vielleicht zu lästig einst gewesen.« -

Aus einem von den Särgen tönt' urplötzlich
Dies Wort hervor; deswegen zog ich scheu
Mich etwas näher hin zu meinem Führer.

Er aber sagte: »Wende dich, was machst du?
Sieh Farinata dort, der auf sich richtet:
Vom Gürtel aufwärts kannst du ganz ihn sehen.« -

Schon haftete mein Aug' in seinem Auge;
Schon hob mit Brust und Stirn er sich empor,
Als ob die Höll' er ganz und gar verachte.

Des Führers muthig rasche Hände stießen
Mich zwischen die Grabstätten zu ihm hin,
Indem er sprach: »Bedacht sei'n deine Worte!«

Als ich am Fuß nun seines Grabes stand,
Blickt' er mich flüchtig an, und fast wie zornig
Fragt' er mich drauf: »Wer waren deine Väter?« -

Ich, der begierig war, ihm zu willfahren,
Verhehlt' ihm nichts, nein, ließ ihn alles wissen;
Worauf die Brauen er ein wenig hob.

»Sie waren«, sprach er dann, »grausame Gegner
Mir, meinen Vätern, wie auch meinem Anhang,
So daß ich zweimal sie vertreiben mußte.« -

»Ob auch vertrieben, kehrten beidemale
Von allen Seiten«, sprach ich, »sie zurück;
Schlecht aber lernten diese Kunst die Euren.« -

Drauf stand ein Schatten neben jenem auf,
Dem Blicke sich enthüllend bis zum Kinn,
Der auf den Knieen, glaub' ich, sich erhoben.

Er blickt' um mich herum, als wie begierig,
Zu sehn, ob noch ein Zweiter bei mir wäre;
Doch als sein Argwohn gänzlich war getilgt,

Sprach weinend er: »Wenn du auf höhern Antrieb
Durch dieses düstere Gefängniß wandelst,
Sag mir: wo ist mein Sohn? warum nicht mit dir?« -

Und ich zu ihm: »Nicht komm' ich von mir selber;
Der dorten wartet, führt mich hier hindurch,
Er, den eu'r Guido wohl verachtet hatte.« -

Es hatten seine Worte, wie die Art
Der Qual, an seinen Namen schon erinnert:
Drum gab ich ihm auch so entschiedne Antwort.

Im Nu erhob er sich und fragte: »Wie?
Er hatte, sagtest du? lebt er nicht mehr?
Nicht mehr erquickt das süße Licht sein Auge?« -

Als er gewahrte, daß, bevor ich Antwort
Hierüber gab, ich etwas zögerte:
Fiel er zurück und kam nicht mehr zum Vorschein.

Doch jener Andre, Stolze, dessentwegen
Ich stehn dort blieb, nicht ändert' er die Miene,
Bog nicht den Nacken, krümmte nicht die Seite.

So sprach er, seine früh're Red' ergänzend:
»Wenn jene Kunst sie schlecht verstanden haben,
Das peinigt mich weit mehr als dieses Lager.

Doch nicht mehr funfzigmale wird erstrahlen
Der Herrin Antlitz, welche hier regieret,
Daß du erfährst. wie schwer die Kunst hier lastet.

Und so du willst der süßen Welt dich freuen,
So sag: was macht bei jeglichem Gesetze
Dies Volk so grausam gegen mein Geschlecht?« -

Drauf ich: »Die Niederlage, das Gemetzel,
Das große, das die Arbia blutroth färbte,
Läßt solch Gebet in unserm Tempel thun.« -

Mit Seufzen schüttelt' er das Haupt und sprach:
»Das that ich nicht allein; auch wär' ich sicher
Ohn' Ursach mit den Andern nicht gegangen.

Doch war allein ich der, als jeder zuließ,
Daß man Florenz vom Boden tilgen sollte,
Der's offnen Angesichts verteidigte.« -

»Will jemals euer Samen Ruhe finden,
So löset«, bat ich ihn, »mir diesen Knoten,
Der hier mein Urtheil ganz umschlungen hält.

Ihr scheint vorauszusehn, wenn recht ich's fasse,
Das, was der Lauf der Zeiten mit sich bringt;
Doch anders scheint es für die Gegenwart.« -

»Wir sehn, wie der, der schwachen Auges ist,
Die Dinge«, sprach er, »die uns ferne liegen:
Soviel noch leuchtet uns der höchste Führer;

Doch sind sie vor uns oder nahn, ist nichtig
All unsre Einsicht, und belehrt uns Niemand,
Dann wissen wir von eurem Zustand nichts.

Begreifen kannst du nun, daß unser Wissen
Ganz todt wird sein von jenem Augenblick,
Wenn sich das Thor der Zukunft einst verschließt.« -

Hierauf, mich wie von Schuld ergriffen fühlend,
Sprach ich: »So sagt denn jenem Hingesunknen:
Daß den Lebend'gen noch sein Sohn gehöre;

Und war ich vorher für die Antwort stumm,
So wiss' er, daß ich's war, weil ich dem Irrthum
Schon nachgedacht, den ihr mir habt gelöst.« -

Schon rief der Meister mich zu sich zurück;
Weshalb den Geist ich bat, daß er mir eiligst
Ansage, wer im Grab noch bei ihm läge.

»Mit mehr als Tausenden lieg' ich zusammen«,
Sprach er; »der zweite Friedrich ist hier drinnen,
Der Kardinal auch; von den andern schweig' ich.« -

Hierauf verbarg er sich; ich aber wandte
Zum alten Dichter meine Schritt' und dachte
An jene Rede, die mir feindlich schien.

Und er schritt fürder, und da so wir gingen,
Sagt' er zu mir: »Was bist du so bedenklich?« -
Und seiner Frage that ich drauf Genüge.

»Bewahr' im Geiste, was du gegen dich
Vernommen hast«, ermahnte mich der Weise;
»Und merk' nun auf« - hierbei hob er den Finger: -

»Wann einst du stehst vor'm süßen Lichtstrahl Jener,
Vor deren schönem Aug' das All sich aufthut,
Wird klar durch sie dein Lebensweg dir werden.« -

Hierauf zur Linken wandt' er seinen Schritt;
Die Mauer lassend, gingen nach der Mitte
Wir einen Pfad, der führt zu einem Thale,

Das sein Gestank bis oben lästig machte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 11
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 11

Am Rande des siebenten Kreises findet er den Papst Anastasius II., da wo entsetzlicher Gestank hervorquillt. Er hört von Virgil, daß in den drei folgenden Kreisen die Sünden der Gewaltthätigkeit, des Betrugs und des Wuchers gestraft werden.

Scharf an dem Saum hin eines hohen Ufers,
Im Kreis gethürmt aus großen Felsenblöcken,
Gelangten wir zu grauserer Umwallung.

Und hier, des übermäßig scheußlichen
Gestankes halb, der aus der Tief' empordringt,
Begaben wir uns hinter einen großen

Sargdeckel. dessen Inschrift mir besagte:
»Hier liegt verwahrt Papst Anastasius,
Den einst Photin vom rechten Weg verlockte.« -

»Wir dürfen langsam nur hinuntersteigen,
Damit den eklen Qualm der Sinn etwas
Gewohnter werd' und dann ihn nicht beachte.« -

Also der Meister, und ich sprach zu ihm:
»Sinn' auf Ersatz, daß nicht verloren gehe
Die Zeit;« - und er: »Du siehst, ich sinne drauf. -

Mein Sohn, es liegen innert dieser Felsen«,
Begann die Red' er nun, »drei kleinre Kreise,
Gleich denen stufenweis, die du verlassen.

Sie alle sind voll maledeiter Geister;
Doch daß du dann am Schaun genug hast, höre,
Wie und warum hier eingezwängt sie sind.

Ziel aller Bosheit, so verhaßt dem Himmel,
Ist Unrecht, und all solches Unrecht schadet
Dem Nächsten durch Gewalt und durch Betrug.

Doch weil Betrug des Menschen eigne Sünde,
Straft Gott ihn mehr; und drum stehn die Betrüger
Zu unterst, und es trifft sie größre Pein.

Der erste Kreis ist voll Gewaltsamer;
Doch weil Gewalt man dreifach üben kann,
Theilt auch sein Bau sich in drei Binnenkreise.

Gewalt thun kann man Gott, sich selbst, dem Nächsten,
Und wieder diesem selbst und seiner Habe,
Wie du mit klarem Grund es hören wirst.

Todtschlag und schmerzliche Verwundung übt man
Am Nächsten aus, und gegen seine Habe
Verwüstung, Brand und schädigend Entwenden.

Drum, die da morden, die zum Tod verwunden,
Die Räuber und Verwüster, alle peinigt
Der erste Zirkel in getrennten Schaaren.

Gewaltsam Hand anlegen kann ein Mensch
An sich und seine Güter. darum muß
Im zweiten Zirkel dann erfolglos büßen,

Wer irgend nur sich eurer Welt beraubt,
Wer das, was er besitzt, verspielt, vergeudet,
Wer jammert, wo er fröhlich sollte sein.

Gewalt anthun kann endlich man der Gottheit,
Wenn man sie mit dem Herzen schmäht nnd leugnet,
Und die Natur mißschätzt und ihre Güte;

Und deshalb brandmarkt auch der kleinste Zirkel
Mit seinem Zeichen Sodom und Cahors
Und wer, Gott lästernd, aus dem Herzen spricht.

Den Trug, der jegliches Gewissen nagt,
Kann man ausüben gegen den, der traut,
Und gegen den, der ihm Vertrauen weigert.

Die letztre Weise scheint nur zu vernichten
Das Band der Liebe, das Natur geknüpft;
Drum nisten sich auch ein im zweiten Kreise:

Das Heucheln, Schmeicheln und die Zauberei,
Verfälschung, Dieberei und Simonie,
Kuppler, Bestechliche und solcher Unflath.

Durch erstre Art vergißt man jene Liebe,
Die die Natur schafft, sowie die hinzukommt,
Woraus besondre Zuversicht entsteht:

Weshalb im kleinsten Kreise, wo der Punkt
Des Weltalls ist, in welchem Dis den Sitz hat,
Verrath in Ewigkeit Zermalmung leidet.« -

Und ich: »O Meister, wie so klaren Gang
Geht dein Beweis, wie deutlich unterscheidet
Er diesen Abgrund und das Volk darinnen.

Doch sage mir: die in dem schlamm'gen Pfuhle,
Die hier der Wind zerzaust, dort Regen peitscht,
Und die sich mit so scharfer Zunge geißeln:

Warum nicht leiden in der glühnden Stadt
Die Strafe sie, wenn ihnen Gott so zürnet?
Und thut er's nicht, warum in solcher Weise?« -

Und er zu mir: »Warum schwärmt doch dein Geist
So von dem Pfad, den er sonst inne hält?
Wie, oder schaut dein Sinn nach andrer Richtung?

Erinnerst du dich jener Worte nicht,
Womit abhandelt deines Griechen Ethik
Die drei von Gott verbotnen Neigungen:

Die Unenthaltsamkeit, Bosheit und wilde
Thierheit, und wie die Unenthaltsamkeit
Gott minder reizt und wen'ger Tadel erntet?

Wenn du die Unterscheidung recht erwägst
Und in den Sinn dir rufst: wer jene waren,
Die oben außerhalb dort Strafe leiden:

Wirst wohl du sehn, warum von jenem Auswurf
Getrennt sie sind, und weshalb minder zürnend
Die göttliche Gerechtigkeit sie züchtigt.« -

»O Sonne, die du heilst des Blickes Trübung,
Durch deine Lösung stillst du so mein Sehnen,
Daß, wie das Wissen, Zweifel selbst mich freut.

Drum geh mit mir ein wenig noch zurücke
Bis dahin«, sprach ich, »wo du meinst, daß Wucher
Die Güte Gottes höhn'; entwirr den Knoten.« -

»Philosophie belehrt den, der ihr obliegt,
Und zwar nicht blos an einer Stelle«, sprach er,
»Wie die Natur anhebet ihren Ausgang

Vom göttlichen Verstand und seiner Kunst.
Und wenn du deine Physik wohl beachtest,
So wirst du schon nach wenig Blättern finden,

Daß eure Kunst, wie weit sie's treibe, jener
Nur wie der Schüler seinem Meister folgt,
So daß sie gleichsam Gottes Enkelin.

Von diesen beiden, wenn du dich erinnerst
Des Buchs der Genesis im Anfang, soll nun
Der Mensch das Leben ziehen und es fördern.

Und weil der Wuchrer einschlägt andern Weg,
Verschmäht er die Natur an sich und jene,
Die ihr nacheifert; denn auf andres hofft er.

Doch folge mir, ich wünsche jetzt zu gehn:
Die Fische zittern schon am Horizonte;
Der Wagen liegt ganz nach dem Caurus zu,

Und fern erst steigt den Abhang man hernieder.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 12
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 12

Im siebenten Kreise, wo an traurigem, rauhem Orte die Gewaltthätigen Strafe leiden, ist Minos Wächter. Sie erblicken im Strome von Blut die Tyrannen, Mörder und Räuber. Drei Centauren wollen die Dichter am Weitergehen hindern; endlich aber trägt sie einer auf seiner Kruppe über den Sirom.

Der Ort, wo wir den Abhang niederklommen,
War wilder Fels, und was sonst da war, so,
Daß jeder Blick darob vor Schauder bebte.

Wie jener Bergsturz, der einst in die Seite
Des Bergs diesseit Trient die Etsch gebrochen,
Sei's durch Erdbeben oder schwachen Halt;

Denn von des Berges Höh', da er herabkam,
Bis zu der Ebne ist der Fels so steil,
Daß er von dort kein Niedersteigen zuläßt:

So war vom Felsrand unser Niedergang.
Und auf der Höhe der zerschellten Mauer
Lag jene Schmach der Kreter hingestreckt,

Die in dem Kuhgebild empfangen worden.
Als uns der Greul ersah, biß er sich selber,
Wie wer von innrer Wuth gestachelt wird.

Mein Weiser rief ihm zu: »Du glaubst gewiß,
Hier nahe sich der Herzog von Athen,
Der droben auf der Welt den Tod dir gab?

Hinweg, du Ungethüm! denn dieser kommt nicht
Hierher, von deiner Schwester unterwiesen,
Er kommt vielmehr, um eure Pein zu schaun.« -

Dem Stiere gleich, der los sich reißt, indessen
Der Todesstreich ihn schwer getroffen hat,
Und gehn nicht kann, nur hin und wieder taumelt:

So sah ich auch den Minotaurus thun.
Und jener Kluge rief: »Eil nach dem Ausgang,
So lang er tobt, kannst leicht du niedersteigen.« -

Nun nahmen wir den Weg durch das Gerölle
Des Felsen dort, das unter meinen Füßen,
Ganz ungewohnt der Last, sich oft bewegte.

Nachdenklich ging ich, und er sprach: »Du sinnst wohl
Dem Einsturz nach, den jenes viehische
Getobe hütet, das ich eben dämpfte?

So wisse denn: als ich zum erstenmale
Hernieder zu der tiefen Hölle stieg,
War dieser Fels noch nicht hinabgefallen.

Doch sicher kurz vorher, entsinn' ich recht mich,
Als Jener, der dem Dis die große Beute
Entrissen hat, vom obern Kreise kam,

Erbebte so das tiefe Thal des Grausens
Allüberall, daß mir es schien, das Weltall
Erglüht' in Liebe, die ja, wie man sagt,

Oftmals die Welt zum Chaos hat verwandelt;
Und in dem Augenblicke stürzte hier
Und sonstwo noch der alte Fels zusammen.

Doch heft' in's Thal die Blicke, denn es nähert
Der Blutstrom sich, in welchem Jene sieden,
Die andern durch Gewaltsamkeit geschadet.« -

O blinde Gier, vernunftlos eitles Toben,
Das uns im kurzen Leben also spornt
Und in dem ewigen so schlimm uns bettet!

Im Bogen sah ich einen breiten Graben
Sich krümmen, der die ganze Fläch' umzirkte,
Wie mein Geleiter mir davon gesagt.

Und zwischen diesem und dem Uferrande
Trabten Centauren reihweis, pfeilbewehrt,
Wie auf der Welt zur Jagd zu gehn sie pflegten.

Bei unserm Anblick hielten alle still;
Drei aber sprengten aus der Schaar hervor
Mit Bogen und voraus erles'nen Pfeilen.

Und einer schrie von fern: »Zu welcher Marter
Kommt ihr, die ihr den Abhang niedersteigt?
Sagt es von dorten uns, wo nicht, so schieß' ich.« -

Mein Meister sprach darauf: »Die Antwort wollen
Wir dort dem Chiron in der Nähe geben:
Stets war verderblich dein voreilig Wesen.« -

Drauf mich berührend, sprach er: »Das ist Nessus,
Der um die schöne Dejanira starb
Und sich mit seinem eignen Blute rächte;

Der mitten, welcher auf die Brust sich blickt,
Der große Chiron, der Achillens pflegte;
Der andre Pholus, der so wüthend war.

Zu Tausenden umziehn sie rings den Graben,
Auf jede Seele schießend, die dem Blute
Sich mehr entringt, als ihre Schuld gestattet.« -

Nun näherten wir uns den wilden Wesen.
Chiron zog einen Pfeil, und mit der Kerbe
Strich hinter die Kinnladen er den Bart.

Als so den großen Mund er freigemacht,
Sprach er zu den Gefährten: »Seht ihr wohl,
Wie hinten der, was er berührt, bewegt?

Das ist den Füßen Todter sonst nicht eigen.« -
Mein Führer, der schon vor der Brust ihm stand,
Da, wo die zwei Naturen sich verbinden,

Sprach: »Wohl ist lebend er, und so allein
Darf ich ihn durch das dunkle Thal geleiten:
Nothwendigkeit, nicht Lust treibt ihn dazu.

Vom Hallelujasingen her kam Jene,
Die dieses neue Amt mir aufgetragen.
Er ist kein Räuber, ich kein Diebesgeist.

Doch bei der Kraft, durch die ich meine Schritte
Auf also wilder Straße fortbewege,
Gib einen uns der Deinen, zum Geleite,

Daß er uns zeige, wo hindurch man geht,
Und diesen hier auf seine Kruppe nehme,
Da er kein Geist, um durch die Luft zu schreiten.« -

Zu Nessus wandte Chiron sich zur Rechten
Und sprach: »Kehr um und führe so sie hin,
Und triffst auf andre Schaar du, heiß sie weichen.« -

Nun zogen mit der sicheren Geleitschaft
Wir längs dem Ufer des glutrothen Sudes,
Wo die Gesottnen grell Geschrei erhuben.

Drin sah ich Volk bis an die Augenbrauen.
Der große Centaur sprach: »Das sind Tyrannen,
Die ihre Hand mit Blut und Raub befleckten.

Hier weint man wegen mitleidsloser Frevel.
Schau Alexander, Dionys den Wilden,
Der einst Sicilien Trübsalsjahre gab.

Und jene Stirn, mit den kohlschwarzen Haaren,
Ist Ezzelino's; die dort, mit den blonden,
Von Est' Obizzo's, der auf Erden droben

In Wahrheit wurd' erstickt vom Rabensohn.« -
Drauf wandt' ich mich zum Dichter, doch der sagte:
»Der sei jetzt Erster dir, ich nur der zweite.« -

Ein wenig weiter hielt nun der Centaur
Bei einem Volke still, das bis zur Kehle
Aus jenem Sprudel vorzuragen schien.

Er wies auf einen Schatten, seitwärts, einsam,
Und sprach: »Der spaltete im Schooße Gottes
Ein Herz, das an der Themse noch man ehrt.« -

Dann sah ich Volk, das aus dem Bach heraus
Den Kopf mitsammt dem ganzen Rumpf emporhielt,
Und unter diesen kannt' ich Viele wieder.

So ward der Blutbach seicht und seichter stets,
Bis er zuletzt nur noch die Füße deckte;
Und dort war unser Durchgang durch den Graben.

»So wie du nun nach jener Seite zu
Den Sprudel immer seichter werden siehest«,
Sprach der Centaur, »so thu' ich dir zu wissen,

Daß nach der andern zu stets mehr und mehr
Sein Grund sich senkt, bis er dem Ort sich nahet,
Wo die Tyrannenwuth zu stöhnen hat.

Denn die Gerechtigkeit des Höchsten peinigt
Hier jenen Attila, der Erde Geißel,
Pyrrhus und Sextus, und in Ewigkeit

Erpreßt sie Thränen, die der Sud hervorlockt,
Dem Rinier von Cornet und Rinier Pazzo,
Die den Landstraßen so viel Kämpfe brachten.« -

Dann kehrt' er wieder durch die Furt zurücke.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 13
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 13

In der zweiten Abtheilung des siebenten Kreises werden die gegen sich selbst und ihr eignes Hab' und Gut Gewaltthätigen gestraft. Jene sind in rauhe Baumstürze verwandelt, auf denen die Harpyien nisten; diese werden von schwarzen Hündinnen verfolgt. Dante spricht mit Petrus a Vineis und erfährt von einem Florentiner die unglücklichen Ereignisse in seiner Vaterstadt.

Noch nicht war Nessus jenseits angelangt,
Als wir uns schon in ein Gebüsch begaben,
Das keines Pfades Spur uns blicken ließ.

Nicht grünes Laubwerk, nein, von düstrer Farbe;
Nicht glatt Gezweig, nein knotig und verkrümmt;
Nicht Früchte gab es da, nur gift'ge Dornen.

Nicht in so rauhem Wald haust, noch so dichtem,
Das Wild, das die bebauten Fluren scheut,
Die zwischen Cecina sind und Cornetó.

Dort bau'n ihr Nest die greulichen Harpyen,
Die mit der traur'gen Kunde künft'gen Wehes
Von den Strophaden die Trojaner trieben.

Mit breiten Flügeln, Menschenhals und Antlitz,
Mit Klau'n am Fuß, den dicken Leib befiedert,
Wehklagen sie auf den entstellten Bäumen.

Der gute Meister nun: »Noch eh du eintrittst,
Erfahre, daß im zweiten Kreis du bist«,
Sprach er zu mir, »und darin wirst du bleiben,

Bis du zur furchtbaren Sandebne kommst.
Schau wohl dich um, dann wirst du Dinge sehen,
Die Glauben meinem Wort verschaffen werden.« -

Schon hört' ich überallher Weh erschallen
Und sah Niemanden doch, von dem es käme;
Weshalb ich ganz betroffen stehen blieb.

Ich glaub', er mochte glauben, daß ich glaubte:
So viele Stimmen kämen aus den Stümpfen
Vom Volke, das sich unserthalb verbärge.

Weshalb der Meister sagte: »Wenn ein Zweiglein
Von einer dieser Pflanzen ab du brichst,
Wird dein Gedanke sich als falsch erweisen.« -

Ich streckte drauf die Hand ein wenig aus,
Von einem Dorngebüsch ein Zweiglein brechend;
Da rief sein Stamm: »Was zerrest du an mir?« -

Und als ein Fleck von schwarzem Blute wurde,
Schrie er auf's neu: »Was schindest du mich denn?
Hegst du in dir denn keinen Sinn des Mitleids?

Wir waren Menschen und nun sind wir Bäume.
Es sollte deine Hand wohl frömmer sein,
Und wären Schlangenseelen wir gewesen.«

Gleichwie bei grünem Scheit, das angebrannt ist
Am einen End' und an dem andern träufelt,
Und durch die Luft, die von ihm ausgeht, zischt:

So kamen aus der wundgerißnen Stelle
Wort' und auch Blut zugleich, weshalb das Zweiglein
Ich fallen ließ und dastand wie ein Scheuer.

»Hätt' er vorher nur daran glauben können,
Verletzte Seel',« erwiederte mein Weiser,
»Was er doch schon aus meinen Versen wußte,

So hätt' er nimmer Hand an dich gelegt;
Doch das Unglaubliche der Sache ließ mich
Zur That ihn reizen, was mich selbst nun reuet.

Doch sag ihm, wer du warst, damit zur Sühnung
Er deinen Ruf dort in der Welt erneure,
Wohin zurückzukehren ihm erlaubt ist.« -

Der Stamm darauf: »So lockt dein süßes Wort mich,
Daß ich nicht schweigen kann; nicht sei euch lästig,
Lass' ich im Reden mich ein wenig gehn.

Der bin ich, der die beiden Schlüssel hatte
Zum Herzen Friedrichs und so sanft sie drehte,
Wenn ich es zuschloß oder auf es schloß,

Daß sein Geheimniß jedem ich entzog;
Und solche Treu trug ich zum hohen Amte,
Daß mir darüber ausging Schlaf und Puls.

Die Metze, welche vom Palast des Cäsars
Niemals die buhlerischen Augen wandte,
Sie, Aller Untergang, der Höfe Laster,

Entflammte wider mich die Geister Aller,
Die, nun entflammt, so den August entflammten,
Daß heitre Ehren sich in Trauer kehrten.

Mein Geist, im Hang des Ueberdrusses, hoffend,
Verachtung durch den Tod zu fliehen, machte
Mich gegen mich Gerechten ungerecht.

Bei dieses Baums seltsamen Wurzeln schwör' ich,
Daß ich nie meinem Herrn, der aller Ehren
Höchst würdig war, die Treu gebrochen habe.

Kehrt einer je von euch zur Welt zurück,
So richt' er wieder auf mein Angedenken,
Das noch vom Streich des Neids darniederliegt.« -

Ein wenig harrend, sprach darauf der Dichter:
»Da er jetzt schweigt, verliere keine Zeit;
Sprich und befrag' ihn, willst du mehr noch wissen.« -

Drauf ich zu ihm: »Befrage du ihn weiter,
Wovon du glaubst, daß es mir Gnüge thu';
Ich könnt' es nicht, so sehr ergreift mich Mitleid.« -

Drum er begann: »Soll dieser hier dir thun
Aus freiem Sinn, worum dein Wort ihn bittet,
Gefangner Geist, so möge dir gefallen

Zu sagen, wie die Seel' in diese Knoten
Gefesselt wird; auch sag uns, wenn du kannst,
Ob sie sich je befreit von solchen Gliedern?« -

Da blies der Geist den Odem stark von sich;
Dann wandelte der Hauch sich in die Worte:
»Kurz soll die Antwort sein auf eure Frage.

Wenn wild die Seele sich vom Körper scheidet,
Von dem sie selber sich hat losgerissen,
Schickt Minos sie zum siebenten der Schlünde.

Sie stürzt an ungewähltem Ort zum Walde,
Da, wo der Zufall grade hin sie schleudert;
Dort faßt sie Wurzel, wie ein Korn vom Spelz,

Schießt auf zum Sprößling und zum Waldgewächse.
Und die Harpy'n, von ihren Blättern weidend,
Bewirken Schmerz ihr, und dem Schmerz Auslassung.

Gleich andern werden wir nach unsern Hüllen
Uns umthun einst, doch nicht damit bekleiden;
Denn billig ist's, zu missen, was man wegwarf.

Hier schleppen wir sie her, und aufgehangen
Im düstern Walde werden unsre Leiber,
An seines Schattens läst'gen Dornbusch jeder.«

Wir hatten an den Stamme noch geweilt,
Erwartend, daß er mehr noch sagen werde,
Als wir erschreckt durch einen Lärmen wurden,

Gleich einem, der den Eber und die Meute
Auf seinen Standort zu losstürzen sieht,
Die Thiere hört und wie die Aeste knacken.

Und sieh, zwei Schatten dort zur linken Seite,
Die fliehen nackend und zerkratzt so eilig,
Daß vom Gebüsch sie alle Zweige brechen.

Der vordre schrie: »Komm jetzt, komm doch, o Tod!« -
Der andre, dem es noch zu langsam ging,
Rief: »Lano, nicht dermaßen hurtig waren

Die Beine dir beim Lanzenspiel von Toppo.« -
Und dann, weil ihm vielleicht der Athem ausging,
Macht' er aus sich und einem Busch ein Bündel.

Im Rücken ihnen war der Wald ganz voll
Von schwarzen Bracken, gierig und behende,
Windhunden gleich, die ihrer Kett' entflohen.

Den, der sich duckte, packten ihre Zähne,
Und sie zerfleischten jenen fetzenweise;
Dann schleppten fort sie die zerrissnen Glieder.

Drauf faßte mich mein Führer bei der Hand
Und führte mich zum Busche, der vergebens
Aus jenen blut'gen Rissen sich beklagte.

»O Jakob«, rief er aus, »von Sankt Andrea,
Was half dir's, daß du mich als Schirm gebrauchtest?
Trag' ich denn Schuld an deinem argen Leben?« -

Als nun der Meister bei ihm stille stand,
Sprach er: »Wer warst du, der aus so viel Wunden
Mit Blut zugleich schmerzvolle Red' ausstößt?« -

Und er zu uns: »O Seelen, die gekommen
Ihr seid, zu sehn die schmähliche Verschändung,
Die so mich meiner Zweige hat beraubt:

Les't sie am Fuß des armen Strauchs zusammen.
Ich war aus jener Stadt, die für den »Täufer«
Den ersten Schutzherrn preisgab, drum ihr Mars

Auch stets mit seiner Kunst wird Trauer bringen.
Und wäre nicht am Uebergang des Arno
Von ihm noch irgend eine Spur verblieben:

Die Bürger, so sie nachmals auf der Asche,
Die Attila zurückließ, neu erbauten,
Vergebne Arbeit hätten sie gethan.

Es mußte mir mein Haus zum Galgen dienen.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 14
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 14

In der dritten Abtheilung, einem Felde glühenden Sandes, werden die wider Gott, die Natur und die Kunst Gewaltthätigen gestraft, die Gotteslästerer, indem Flammen auf sie herabregnen. Darunter Capaneus. An einem Blutbache steht eine Bildsäule, aus deren Thränen der Phlegethon nebst den drei andern Höllenflüssen entspringt.

Da Liebe zum Geburtsort mich ergriffen,
So sammelt' ich die rings verstreuten Zweige
Und gab dem, der schon heiser war, sie wieder.

Dann kamen wir zur Grenze, wo sich scheidet
Der zweite Kreis vom dritten; dorten sahn wir
Furchtbare Anstalt der Gerechtigkeit.

Recht kund zu thun die unerhörten Dinge,
Sag' ich, daß wir zu einer Ebne kamen,
Die kein Gewächs auf ihrem Boden duldet.

Der Wald der Schmerzen bildet einen Kranz
Um sie, wie um den Wald der Trauergraben.
Hier blieben wir nun dicht am Rande stehn.

Der Boden war ein trockner, feiner Sand,
Und andrer Weise nicht war er beschaffen
Als jener, den einst Cato's Fuß betrat.

O Rache Gottes, wie so große Furcht
Muß jeden überkommen, welcher liest,
Was offenbart hier meinen Augen wurde!

Da sah ich viele Schaaren nackter Seelen,
Die allzusammen ganz erbärmlich weinten;
Doch schien verschiedne Straf' ihr Loos zu sein.

Denn manche lagen rücklings auf dem Boden;
Ein andrer Theil saß ganz in sich gekrümmt;
Noch andre rannten immerfort umher.

Derer, die liefen, war die größre Menge,
Die kleinre derer, die in Qualen lagen,
Doch für den Schmerzschrei war die Zunge freier.

Und auf das weite Sandmeer regnet' es
In sanftem Fall mit breiten Feuerflocken,
Wie, wenn kein Hauch sich regt, Schnee in den Alpen.

Wie Alexander in den heißen Strichen
Von Indien zur Erde dichte Flammen
Auf seine Schaar herniederfallen sah;

Drum er auch seine Krieger mit den Füßen
Den Boden stampfen ließ, weil so vereinzelt
Der feur'ge Dunst sich desto leichter löschte:

So fiel dort unverlöschlich Feu'r hernieder,
Wovon der Sand, wie unter'm Feuerstahle
Der Zunder, heiß ward, um die Qual zu steigern.

Stets ging der Tanz der unglücksel'gen Hände
Fort ohne Rast, bald hierhin und bald dorthin
Die immer neuen Gluten von sich schüttelnd.

Ich sprach nun: »Meister, dem nichts widersteht,
Als die hartnäckigen Teufel, welche uns
Beim Eingang durch das Thor entgegentraten:

Wer ist der Große, der, des Brands nicht achtend,
So trotzig und mit wilden Blicken daliegt,
Daß ihn die Glut nicht mürb' zu machen scheint?«

Und eben Jener, der vernommen hatte,
Daß ich den Führer über ihn befragte,
Schrie: »Wie ich lebend war, so bin auch todt ich.

Mag Jupiter auch seinen Schmied ermüden,
Von dem im Zorn den scharfen Blitz er nahm,
Womit am letzten Tag er mich durchbohrte;

Mag er die andern nach der Reih' ermüden
Dort in des Mongibello ruß'ger Werkstatt,
Ausrufend: Hilf Vulkan, mein Guter, hilf mir!

Wie in der Schlacht von Phlegra er gethan;
Mag auch aus aller Macht sein Blitz mich treffen,
Doch soll er seiner Rache nicht sich freun!« -

Drauf rief mein Führer mit so großer Kraft,
Als ich bisher noch nie von ihm vernommen:
»O Capaneus, daß nie sich legt dein Hochmuth,

Das ist für dich nur um so größre Strafe:
Denn keine Marter, wenn die eigne Wuth nicht,
Wär' eine Pein, wie deinem Trotz sie ziemt.« -

Mit sanftrer Lippe sprach er drauf zu mir:
»Der war der Sieben einer, welche Theben
Berannt, und trotzte Gott und trotzt, so scheint es,

Noch immer ihm, ja scheint ihn zu verachten.
Doch wie ich ihm gesagt: Hier dient sein Trotz
Ihm zu besonders angemeßner Zierde.

Jetzt geh mir nach und sieh wohl zu, die Füße
Noch nicht auf den durchglühten Sand zu setzen;
Nein, halte sie vielmehr dicht am Gebüsch.«

Stillschweigend kamen wir nun zu dem Orte,
Wo aus dem Wald hervor ein Bächlein quillt,
Vor dessen Röth' ich jetzo noch erschaudre.

Wie aus dem Schwefelquell ein Bach entspringt,
Den unter sich die Sünderinnen theilen:
So floß auch jener durch den Sand hernieder.

Der Grund desselben, wie die beiden Ufer,
Und auch die Seitenränder waren Stein;
Draus ich ersah: Hier sei der Uebergang.

»Von allem andern, was ich dir gezeigt,
Nachdem wir eingetreten durch die Pforte,
Von deren Schwelle Keinen man zurückweist,

War nichts, was deine Augen je bemerkten,
So merkenswerth, als dieser Bach es ist,
Der alle Flammen über sich verlöscht.« -

So lauteten die Worte meines Führers:
Drum bat ich, daß er mir die Speise reiche,
Wornach die Sehnsucht er in mich gelegt.

»In Meeres Mitte liegt ein wüstes Eiland«,
So sprach er nun, »das Creta ist geheißen.
Keusch war die Welt einst unter dessen König.

Dort ist ein Berg, der vormals der Gewässer
Und Wälder sich erfreut, mit Namen Ida;
Nun ist verödet er und kahl vor Alter.

Zur sichern Wieg' erwählt ihn einstens Ida;
Für ihren Sohn, und besser ihn zu bergen,
Ließ, wenn er weinte, sie Geschrei erheben.

Im Berge drinnen steht ein hoher Greis,
Aufrecht, die Schultern hin nach Damiette,
Den Blick gen Rom, als wäre dies sein Spiegel.

Es ist sein Haupt aus feinem Gold gebildet,
Aus reinem Silber seine Brust und Arme;
Dann, bis wo er sich spaltet, ist er Erz;

Von da hinab geläutert Eisen alles,
Und nur gebrannter Thon der rechte Fuß,
Auf dem mehr, als dem andern, grad' er steht.

Bis auf das Gold, ist jeder Theil geborsten
Zu einem Riß, aus welchem Thränen tröpfeln,
Die dann sich sammelnd jenen Stein durchbrechen.

Ihr Abfluß stürzt sich in dies Thal und bildet
Den Acheron, den Styr und Phlegethon;
Dann gehn hinab sie durch die enge Rinne

Bis dahin, wo man nicht mehr abwärts steigt,
Und bilden den Cocyt, doch wie beschaffen
Der Sumpf sei, wirst du sehn; so schweig' ich drüber.« -

Und ich zu ihm: »Wenn hier vor uns der Bach
In solcher Weis' aus unsrer Welt herabkommt:
Warum sehn wir ihn erst an diesem Rande?« -

Und er zu mir: »Du weißt, der Raum ist rund,
Und wenn du auch schon viel von ihm durchschritten,
Stets linker Hand zum Grunde niedersteigend:

Hast du den Kreis doch noch nicht ganz durchmessen;
Drum, wenn auch etwas Neues uns erscheint,
Braucht deshalb Staunen nicht dein Blick zu zeigen.« -

Und ich drauf: »Meister, wo ist Phlegethon
Und Lethe? denn von einem sagst du gar nichts,
Vom andern, daß ihn dieser Regen bildet.« -

»Es freuen sehr mich alle deine Fragen«,
Versetzt' er; »doch des rothen Wassers Sieden
Sollt' eine wohl, die du gethan, dir lösen.

Sehn wirst du Lethe, doch nicht hier im Abgrund,
Nein dort, wohin zum Bad die Seelen gehn,
Wenn die bereute Schuld sie abgebüßet.«

Dann sagt' er noch: »Zeit ist es nun, vom Walde
Sich zu entfernen; komm und folge mir.
Die Ränder, die nicht heiß, sind bieten Pfad,

Und über ihnen lischt jedwede Flamme.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 15
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 15

Die Dichter begegnen weitergehend einer Schaar, die sich gegen die Natur vergangen, unter denen Dante seinen Lehrer Brunetto Latini erkennt, der ihm seine Verbannung weissagt.

Nun trägt uns einer von den starren Rändern,
Und oben gibt der Dampf des Baches Schatten,
So daß er Dämm' und Flut vor'm Feuer schützt.

Wie zwischen Brügg' und Cadsand die Flamänder,
Die Flut, die gegen sie heranstürzt, fürchtend,
Schutzwehr ersinnen, daß das Meer sie fliehe;

Und wie die Paduaner längs der Brenta,
Zum Schutz für ihre Villen und Kastelle,
Bevor noch Kärnthens Höh'n die Wärm' empfinden:

In solcher Weise waren jen' errichtet,
Wenn auch so hoch nicht, noch so massenhaft,
Was für ein Meister auch sie aufgethürmet.

Schon waren wir so weit vom Wald entfernt,
Daß, wo er war, ich nicht gesehen hätte,
Falls ich mich auch nach ihm zurückgewandt -

Als wir auf eine Schaar von Seelen trafen,
Die längs des Dammes kam, und deren jede
Uns scharf betrachtete, wie man des Abends

Beim Neumond wohl sich anzublicken pflegt:
So blinzten gegen uns sie mit den Augen,
Wie ein betagter Schneider nach dem Oehre.

So angeblinzt von solcherlei Gesellschaft,
Ward ich erkannt von einem, der beim Saume
Des Kleides mich erfaßt' und rief: »Welch Wunder!«

Und ich, als er nach mir den Arm ausstreckte,
Bohrt' ein den Blick in das versengte Antlitz
So scharf, bis das verbrannte Angesicht

Nicht meinem Geiste das Erkennen wehrte.
Und nun, mein Antlitz zu dem seinen neigend,
Antwortet' ich: »Seid Ihr hier, Herr Brunetto?« -

Und er: »Mein Sohn, nicht mög' es dir mißfallen,
Wenn eine Weil' umkehrt mit dir Brunetto
Latini und den Zug läßt vorwärts gehn.« -

Und ich: »Wie sehr ich kann, bitt' ich Euch drum.
Und wollt Ihr, daß ich mit Euch niedersitze,
Thu' ich's, wenn der's erlaubt, mit dem ich gehe.« -

»O Sohn«, sprach er, »wer hier von dieser Schaar
Nur einen Wink verweilt, liegt hundert Jahre
Dann ohne Kühlung in der Gluten Anfall.

Deshalb geh nur; ich folge dir zur Seite;
Dann schließ' ich meiner Schaar mich wieder an,
Die, ewigen Verlust beweinend, wandelt.« -

Ich wagte nicht, vom Damm hinabzusteigen
Zu ihm auf gleichen Stand; den Kopf drum hielt ich
Geneigt, wie wer voll Ehrerbietung geht.

»Ist Zufall dies«, begann er, »oder Schicksal,
Was her dich führt vor deinem letzten Tage?
Und wer ist dieser, der den Weg dir zeigt?« -

»Da droben, über uns im heitern Leben«,
Sprach ich, »verirrt' ich mich in einem Thale,
Bevor mein Lebensalter sich erfüllt.

Erst gestern morgen wandt' ich ihm den Rücken;
Da kam der hier, als ich umkehren wollte,
Und führt mich wieder heim auf diesem Pfade.« -

Und er zu mir: »Wenn deinem Stern du folgst,
Kann's an glorreichen Hafen dir nicht fehlen,
Falls ich im schönen Leben recht gesehn.

Auch hätt' ich, wär' ich nicht so früh gestorben,
Da ich den Himmel so geneigt dir sah,
Dich wohl zu deinem Werke noch ermuntert.

Doch jenes Volk, so undankbar und boshaft,
Das einstens von Fiesole herabkam
Und Fels- und Bergnatur noch an sich hat,

Wird wegen deines Rechtthuns feind dir werden,
Und das mit Grund: denn zwischen herben Beeren
Darf nicht die füße Feige Früchte treiben.

Ein alter Ruf auf Erden schilt sie blind,
Ein geizig, neidisch und hochmüthig Volk;
Sieh, daß du dich von ihren Sitten reinigst.

Dein Schicksal hebt dir auf so viel der Ehre,
Daß beide Theile nach dir hungern werden;
Doch weit vom Schnabel liegen wird das Kraut.

Laß aus sich selbst die Fiesolaner Bestien
Streu machen und die Pflanze nicht verstören,
Wenn eine noch auf ihrem Mist erwächst,

In der der heil'ge Same wieder auflebt
Von jenen Römern, die zurück dort blieben,
Als es das Nest so großer Bosheit wurde.« -

»Erfüllte ganz der Himmel meine Bitte«,
Versetzt' ich drauf, »so würdet Ihr noch nicht
Verbannt sein aus der menschlichen Natur.

Denn fest im Geist mir lebt und schmerzt mich jetzo
Das theure, güt'ge, väterliche Bild
Von Euch, als auf der Erd' Ihr mich allstündlich

Belehrtet, wie der Mensch sich ewig macht.
Und meine Zunge soll, so lang ich lebe,
Bezeugen, wie so sehr ich dies erkenne.

Eu'r Wort von meinem Leben merk' ich mir
Und heb' es auf mit andrem zur Erklärung.
Für Jene, die es kennt, wenn ich sie treffe.

So viel sei Euch indessen offenbaret,
Daß, mag nur mein Gewissen mich nicht schelten,
Auf das, was kommen mag, gefaßt ich bin.

Nicht neu ist meinem Ohr die Anwartschaft:
Fortuna schwing' also, wie's ihr beliebt,
Ihr Rad um und der Bauer seine Hacke.« -

Mein Meister wandte dann zu rechter Wange
Sich hinterwärts und blickte mir ins Antlitz;
Drauf sprach er: »Wer da merkt, hat wohl gehör.« -

Desungeachtet ging mit Herrn Brunetto
Ich sprechend fort und fragt' ihn, wer die größten
Und die berühmtesten Gefährten wären.

Und er zu mir: »Gut ist es, ein'ge kennen;
Von andern wird es löblich sein zu schweigen;
Zu langem Sprechen ist die Zeit zu kurz.

Wiss' überhaupt, daß Alle Kleriker,
Große Gelehrt' und großen Rufes waren,
Und droben einerlei Vergehns bezüchtigt.

Priscianus geht dort mit der traur'gen Schaar,
Und Franz Accursius; auch könntest du,
Wenn du Verlangen trügst nach solchem Grinde,

Dort jenen sehn, der von dem Knecht der Knechte
Vom Arno ward versetzt zum Bacchiglione,
Wo er die arggespannten Nerven ließ.

Mehr würd' ich sagen; doch Mitgehn und Zwiesprach
Darf nun nicht länger dauern, denn ich sehe
Dort neuen Rauch vom Sande sich erheben.

Volk naht, dem ich mich nicht gesellen darf.
Es sei dir mein Thesaurus anempfohlen,
In dem ich fortleb', und mehr fordr' ich nicht.« -

Drauf wandt' er sich und schien von jenen einerm
Die zu Verona nach dem grünen Tuch
Das Feld durchrennen, und er schien von jenen

Der, welcher siegt, nicht der den Preis verliert.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 16
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 16

Während Dante das Brausen des Flusses hört, erkennt er noch einige unnatürliche Sünder. An einen Abgrund gelangt, zieht Virgil ein Seil hervor, und ein Ungeheuer schwimmt herbei.

Schon war ich dort, wo ich des Wassers Brausen,
Das in den nächsten Umkreis fiel, vernahm
Dem Summen gleich, das Bienenkörben eigen:

Als allzugleich drei Schatten eil'gen Laufes
Von einer Schaar sich trennten, die vorüber
Lief unterm Regen jener herben Marter.

Sie kamen auf uns zu und jeder schrie:
»Du, bleibe stehn, du scheinst nach dem Gewande
Uns Einer unsrer argen Stadt zu sein!« -

Weh! welche Wunden, alt' und neue, sah ich
Den Gliedern von den Flammen eingebrannt!
Noch schmerzt es mich, wenn ich daran nur denke.

Mein Lehrer horcht' auf ihr Geschrei und wandte
Zu mir sich dann und sprach: »Nun halte still;
Denn gegen jene muß man höflich sein.

Und wäre nicht die Glut, so die Natur
Des Ortes hier umherwirft, würd' ich sagen
Daß dir vielmehr als ihnen Eile ziemte.« -

Auf's neu begannen, wie wir standen, jene
Das alte Lied, und bei uns angekommen,
Verbanden alle drei zum Rade sich.

Wie nackte, ölgesalbte Ringer pflegten
Sich auszuspähen ihren Griff und Vortheil,
Eh es zu Schlag und Stoß bei ihnen kam:

So hielt, im Umschwung, jeder nun den Blick
Auf mich der Art, daß stets sein Hals die Reise
Nach andrer Seit' als seine Füße machte.

»Macht auch das Elend dieses sand'gen Ortes
Und unser trauriges, geschundnes Ansehn«,
Sprach einer, »uns und unser Flehn verächtlich:

So laß durch unsern Ruhm dich doch bewegen,
Zu sagen, wer du bist, daß du, noch lebend,
So ungefährdet durch die Hölle wanderst.

Der, dessen Fußtritt du mich folgen siehest,
Wie nackt und kahlen Hauptes es auch ist,
War doch von höh'rem Rang, als du dir denkest.

Er war der trefflichen Gualdrata Enkel,
Geheißen Guidoguerra, und im Leben
Hat er mit Rath und Schwert viel ausgerichtet.

Der andre, der nach mir den Sand zerstampft,
Tegghiajo Aldobrandi, dessen Name
Sollt' in der Welt wohl angeschrieben sein.

Ich selbst, mit diesen hier zur Qual verdammt,
War Jacob Rusticucci, und fürwahr,
Mein schlimmes Weib verdarb mich mehr als sonst was.« -

Wär' ich vom Feuer unberührt geblieben,
Hätt' ich mich zwischen sie hinabgestürzt,
Und glaube, daß der Meister es geduldet;

Doch hätt' ich mich gesengt nur und verbrannt.
Drum siegte Furcht ob meinem guten Willen,
Der mir, sie zu umarmen, Lust entfachte.

Drauf hub ich an: »Verachtung nicht, doch Schmerz
Ob eures Zustands hat mich tief ergriffen,
So daß nur langsam ganz er weichen wird,

Sobald mir dieser mein Gebieter Worte
Gesagt, aus denen ich entnehmen konnte,
Daß Seelen eures Werthes sich uns nahten.

Ich bin aus eurer Stadt; und eure Thaten,
Wie die geehrten Namen, hab' ich immer
Mit Neigung angeschaut und angehört.

Ich flieh' die Gall' und such' die süßen Aepfel,
Die mein wahrhafter Führer mir versprochen;
Doch vorher fall' ich erst zum Mittelpunkt.« -

»Soll lange Zeit der Geist noch deine Glieder
Beseelen«, gab mir jener drauf zur Antwort,
»Soll lange Zeit nach dir dein Ruhm noch leuchten,

So sag: ob Edelmuth und Mannessinn
In unsrer Stadt noch weilen, wie vordem,
Oder ob gänzlich sie daraus entflohen?

Denn Wilhelm Borsiere, der, seit kurzem
Pein leidend, dort mit den Gefährten geht,
Ouält uns darob gar sehr mit seinen Worten.« -

»Das neue Volk, der schnellerworbne Reichthum,
Sie haben Stolz und Uebermuth erzeugt
In dir, Florenz; schon klagst du selbst darüber.«

So rief ich mit erhobnem Angesicht.
Und jene drei, die dies als Antwort nahmen,
Sie sahn sich an, wie wer ein Wahres hört.

»Wenn dich in andrem Fall so wenig kostet,
Jemandem zu genügen«, sprachen sie,
»Glückselig du, der so zur Sache redet.

Deshalb, wenn du der düstern Stätt' entkommst
Und wieder schaust die herrlichen Gestirne,
Wenn dich zu sagen freuen wird: Dort war ich! -

Sieh zu, daß du von uns zum Volke sprichst.« -
Drauf lösten sie das Rad und flohn so eilig,
Daß ihre Füße schnelle Flügel schienen.

Nicht ließe sich ein Amen also schnell
Aussprechen, als sie schon verschwunden waren.
So schien es nun dem Meister Zeit zu gehn.

Ich folgt' ihm; und wir waren noch nicht weit,
Als uns so nahe kam der Schall des Wassers,
Daß wir beim Sprechen kaum einander hörten.

Wie jener Fluß, der eignen Weg sich bahnt,
Zuerst vom Monte Viso gegen Osten,
Am linken Abhang dort der Apenninen,

Und Acquacheta oberhalb genannt wird,
Eh er zu Thal sich stürzt ins tiefe Bette
Und ledig dieses Namens wird bei Forli -

Dort ob San Benedetto von den Alpen
Erbraust, um einem Abhang zuzutosen,
Der Tausenden wohl Zuflucht bieten sollte:

So hörten wir hinab am steilen Ufer
Das trübgefärbte Wasser wiederhallen,
So daß es bald das Ohr betäubt uns hätte.

Um meinen Leib trug ich ein Seil gegürtet,
Womit ich irgendwann zu fangen dachte
Das Pardelthier mit buntgeflecktem Felle.

Nachdem ich mir es gänzlich abgelöst,
Wie es mein Führer mir geboten hatte,
Reicht' ich es ihm zum Knäul gewunden dar;

Worauf er sich zur rechten Seite wandte,
Ein wenig dann vom Rande sich entfernte
Und in den Abgrund es hinunterwarf.

Gewiß muß etwas Neues jetzt erfolgen,
Sprach bei mir selbst ich, auf dies neue Zeichen,
Das so mein Meister mit dem Blick begleitet.

Ach, wie behutsam müssen doch die Menschen
Bei jenen sein, die nicht blos auf das Thun,
Nein, mit dem Geist auch in das Innre schauen!

Er sprach zu mir: »Bald wird herauf es kommen,
Was ich erwart', und was dein Sinnen träumt,
Das wird sich bald vor deinem Blicke zeigen.« -

Stets soll dem Wahren, das der Lüge gleicht,
Der Mensch, so sehr er kann, die Lippen schließen;
Denn, wenn unschuldig auch, bringt es doch Vorwurf.

Doch hier kann ich nicht schweigen, und ich schwör' es,
O Leser, dir, bei dieser Dichtung Weise
- So wahr ihr langer Beifall werden möge -:

Daß ich durch jene dicke, finstre Luft
Ein Wesen, das wohl jedem kühnen Herzen
Zum Staunen dient', empor arbeiten sah,

Wie wer zurückkehrt, der da niedertauchte,
Den Anker, den ein Felsen oder andres
Im Meer festhält, zu lösen, und die Arme

Nach oben streckt und an sich zieht die Füße.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 17
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 17

Es ist der Trug in der Gestalt Geryons. Beide Dichter steigen hinab zum Rande des achten Kreises; Virgil ruft den Geryon herbei, während sich Dante entfernt, um mit der dritten Art von Gewaltthätigen, den Wucherern, Reichen aus edlen Geschlechtern, zu sprechen. Dann lassen sich beide auf dem Geryon durch die Luft über den Abgrund zum achten Kreise hintragen.

»Sieh da das Ungethüm mit spitzem Schwanze,
Der Felsen spaltet, Mauern bricht und Waffen;
Sieh, was die ganze Welt mit Stank erfüllet!«

So fing mein Führer an zu mir zu reden
Und winkt' es an das Ufer zu uns her,
Dicht an den Rand der Felsen, wo wir gingen.

Und jenes greuelvolle Bild des Truges
Kam an und landete mit Kopf und Brust,
Doch bracht es nicht den Schwanz herauf an's Ufer.

Sein Antlitz glich dem eines guten Menschen,
So liebevoll schien seine Außenseite,
Doch alles Uebrige dem eines Drachen.

Zwei Pranken hatt' es, rauch bis zu den Achseln;
Ihm waren Rücken, Brust und beide Seiten
Mit Knoten und mit Schildchen bunt verziert.

Nicht webten Türken und Tartaren Tuch
Vielfarbiger nach Aufzug und nach Einschlag,
Noch zog ein solch Geweb' Arachne auf.

Wie an dem Ufer oft die Barken stehen,
Ein End' im Wasser, auf dem Land das andre;
Und wie sich dort bei den gefräß'gen Deutschen

Der Biber niederkauert für den Fang:
So hockte das heillose Ungeheuer
Nun auf dem Felsrand, der den Sand umschließt.

Es peitschte mit dem Schweife ganz im Leeren,
Den gift'gen Doppelstachel aufwärts drehend,
Der, wie beim Skorpion, die Spitze waffnet.

Der Führer sprach: »Nun müssen wir den Schritt
Ein wenig abwärts lenken, bis zu jenem
Bösart'gen Unthier, das sich dort gelagert.«

So stiegen wir zur Rechten denn hinab,
Bis auf zehn Schritt am äußern Rande gehend,
Um klüglich Sand und Flammen zu vermeiden.

Und als zu ihm wir hingekommen waren,
Sah ich etwas entfernter auf dem Sande
Volk, nahe dem beengten Raume, sitzen.

Der Meister sprach: »Damit von diesem Kreise
Du mit dir nimmst vollkommene Erfahrung,
So geh und siehe, was die dorten treiben.

Wenn du mit ihnen sprichst, so faß dich kurz;
Bis du rückkehrst, will ich mit diesem reden,
Daß es uns seine starken Schultern leihe.«

So ging ich an der äußersten Gemarkung
Des siebenten Umkreises denn allein
Hin, wo die wehevollen Leute saßen.

Es drängt' ihr Schmerz sich vor aus ihren Augen;
Hierhin und dorthin wehrten ihre Hände
Den Flammen bald und bald dem heißen Boden.

Nicht anders machen es die Hund' im Sommer
Mit Schnauz' und Bein, wenn sie gestochen werden
Von Flöhen oder Fliegen oder Bremsen.

Als manchem in die Augen ich geblickt,
Worein die schmerzenvollen Gluten fielen,
Erkannt' ich ihrer keinen, doch gewahrt' ich,

Daß an dem Hals jedwedem hing ein Seckel,
Besondrer Farb' und auch besondren Zeichens,
Woran ihr Auge sich zu weiden schien.

Und wie ich forschend unter sie mich wage,
Sah ich, auf gelbem Beutel, himmelblau
Das Antlitz und die Stellung eines Löwen.

Darauf, fortfahrend mit des Blickes Forschen,
Sah ich auf andrem, röther noch als Blut,
Sich eine Gans darstellen, weiß wie Butter.

Und Einer, der auf silberweißem Säckchen
Das Bild trug einer blauen trächt'gen Sau,
Sprach nun: »Was willst du denn in dieser Grube?

Geh jetzt hinweg; und weil du noch am Leben,
So wisse, daß mein Nachbar Vitaliano
Mir hier zur linken Seite sitzen wird.

Paduaner bin ich unter Florentinern,
Die oft den Schrei mir in die Ohren donnern:
Es komme nur der fürstlichste der Ritter,

Der tragen wird die Tasche mit drei Böcken!« -
Dann zog den Mund er schief und wies die Zunge,
Dem Ochsen gleich, der sich die Nase leckt.

Und ich, in Furcht, daß längres Stehn ihn ärgre,
Der, kurz zu weilen nur, mich schon ermahnt,
Ging nun hinweg von den beschwerten Seelen.

Ich traf den Führer, der bereits die Kruppe
Des grausenvollen Thiers bestiegen hatte
Und zu mir sprach: »Sei wacker nun und kühn!

Jetzt geht's hinab auf einer solchen Stiege;
Setz dich vor mich, ich will die Mitte halten,
Damit der Schweif dich nicht verletzen kann.« -

Wie einem, der das Wechselfieber hat,
Wann ihm der Schauer kommt, die Nägel bleichen,
Und er schon zittert, sieht er nur den Schatten:

So ward mir bei den angehörten Worten:
Allein sein Drohblick weckt' in mir die Scham,
Die Diener wacker macht vor guten Herren.

Ich setzte mich auf jenen Schulterstücken
Zurecht und wollte sagen - doch die Stimme
Kam nicht, wie ich gewollt: - »Umfasse mich!«

Doch jener, der schon sonst mir beigestanden
In mancher Fahr, sobald ich aufgestiegen,
Umfing und stützte mich mit seinen Armen,

Und sprach: »Nun, Geryon, setz dich in Gang;
Mach weite Kreis' und senke dich allmälig:
Denk an die neue Last, die du nun trägst.« -

Wie sich ein Kahn von seinem Standort langsam
Rückwärts bewegt, so jener auch von dort;
Und als er gänzlich sich im Freien fühlte,

Wandt' er den Schwanz, wo kurz vorher die Brust war,
Und streckt' ihn und bewegt' ihn, wie ein Aal,
Und rafft' an sich die Luft mit seinen Pranken.

Nicht größre Furcht war damals, wie ich glaube,
Als Phaëton die Zügel fahren ließ,
Wodurch, wie noch zu sehn, der Himmel brannte;

Noch als den Rücken Icarus, der Arme,
Sich fühlt' entfiedern durch des Wachses Schmelzen,
Indem der Vater rief: »Du lenkest schlecht!«

Als meine war, da ich mich ringsumher
Von Luft umgeben sah, und jeden Anblick
Erloschen, außer den des Ungeheuers.

Doch dies schwimmt langsam, langsam vor sich hin;
Es kreist und senkt sich; dies jedoch gewahr' ich
Nur durch ein Wehn in's Antlitz und von unten.

Schon hört' ich unter uns zur rechten Hand
Ein grauenvoll Geräusch den Strudel machen,
Weshalb dorthin den Kopf ich überbeugte.

Da wurd' ich noch viel scheuer ob dem Abgrund;
Denn Flammen sah ich dort und hörte heulen,
Drum klammert' ich, stark zitternd, fest mich an.

Nun merkt' ich, was vorher ich nicht gewahrt,
Das Drehn und Sinken, als die großen Leiden
Uns von verschiednen Seiten näher kamen.

So wie der Falk, der lang umhergeschwebt
Und weder Federspiel noch Vogel findet,
Den Falkner rufen macht: »Du senkst dich ja!« -

Erschöpft sich niederläßt, dann schnell auffliegt
In hundert Schwingungen und fern vom Meister
Sich hinsetzt, widerwillig und verstockt:

So setzte Geryon uns auf dem Grunde
Ganz dicht am Fuß des rauhen Felsens nieder.
Und als er unsrer Leiber sich entladen,

Verschwand er, wie der Pfeil der Senn' entfliegt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 18
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 18

Beschreibung dieses Kreises, dessen Grund in zehn Bulgen abgetheilt ist, in welchen zehn Arten von Betrügern bestraft werden. Zunächst bezeichnet er zwei davon, die Kuppler, in der ersten Bulge, die von Teufeln gepeitscht werden, in der zweiten die Schmeichler, die im Kothe stehen müssen.

Ein Ort der Hölle, Namens Malebolge,
Ist eisenfarbig und durchaus von Stein,
Wie auch der Kreis, der um ihn her sich windet.

Grad in der Mitte dieses Marterfeldes
Klafft auf ein Brunnen, mächtig weit und tief,
Von dessen Bau ich später melden werde.

Der Gürtel, welcher bleibt, kreist also zwischen
Dem Brunnen und dem Fuß des steilen Felsen,
Und in zehn Thäler ist sein Grund getheilt.

In gleicher Art wie, wo zum Schutz der Mauern
Vielfache Gräben die Kastell' umgürten,
Der Platz erscheint, wo diese sich befinden:

So geben jene dort dasselbe Bild.
Und wie bei solchen Vesten von den Thoren
Hin nach dem äußern Ufer Brücken sind:

So gingen Klippen auch vom Fuß des Felsen,
Die Dämm' und Gräben kreuzen, bis zum Brunnen,
Der ab sie schließt und wo sie sich verbinden. -

Von Geryons Rücken abgeschüttelt fanden
Wir uns an diesem Orte; und der Dichter
Hielt sich zur Linken, ich ging hinter ihm.

Nun sah zur rechten Hand ich neues Elend,
Und neue Peinigungen, neue Quäler,
Wovon erfüllt die erste Bulge war.

Am Grunde waren nackt die Sünder; diesseits
Bewegten sie sich von der Mitt' entgegen,
Jenseits mit uns, doch mit geschwindern Schritten

Gleichwie die Römer, wegen des Gedränges,
Im Jubeljahr ein Mittel ausgefunden,
Den Uebergang der Brücke zu erleichtern;

Denn einerseits gehn alle, mit dem Antlitz
Auf das Kastell zu, hin nach dem Sanct Peter,
Und andrerseits zum Berge hingewandt.

So hier wie dort sah ich am schwarzen Felsen
Gehörnte Teufel mit gewalt'gen Geißeln,
Die schlugen wild auf sie von hinten los.

Wie brachten sie so schnell sie auf die Beine
Schon bei dem ersten Schlag, und auch nicht einer
Erwartete den zweiten oder dritten.

Im Weiterschreiten hatten meine Augen
Auf Einen sich gelenkt, und alsbald sprach ich:
»Schon hab' ich jenen ehedem gesehn.«

Drum hielt den Schritt ich ein, ihn zu betrachten,
Und stehen blieb mit mir der holde Führer
Und ließ ein wenig selbst zurück mich gehn.

Und der Gepeitschte meinte sich zu bergen,
Neigt' er sein Antlitz; doch es half ihm wenig;
Denn ich begann: »Du, mit dem Blick am Boden,

Sind jene Züge, die du trägst, die echten,
Bist du Venedico Caccianimico.
Was bringt dich denn in diese scharfe Beize?«

Und er zu mir: »Sehr ungern sag' ich es.
Allein es zwingt die Stimme mich des Lebens,
Die mich der frühern Welt gedenken läßt.

Ich war es, der Ghisolen einst, die schöne,
Geneigt dem Willen des Marchese machte.
Wie die gemeine Red' auch sonst mag gehen.

Doch klag', als Bologneser, nicht allein ich;
Vielmehr ist hier der Ort davon so voll,
Daß zwischen Savena und Reno jetzt nicht

So viele Zungen lernen sipa sagen.
Und willst darüber du glaubwürd'ges Zeugniß,
So bring dir unsern Geiz nur in's Gemüth.« -

Als er noch redete, hieb ihn ein Teufel
Mit seiner Peitsch' und rief: »Hinweg, du Kuppler,
Hier sind nicht Weiber mehr um Geld zu haben!« -

Ich nun begab mich wieder zu dem Führer.
Drauf kamen wir nach wenig Schritten hin,
Wo aus dem Abhang dort ein Riff hervorspringt.

Ohn' alle Müh erklommen wir's, nach rechts
Uns über seinen Felsengrat begebend;
Und wir verließen jene ew'gen Kreise.

Als dort wir waren, wo das Riff von unten
Sich für den Durchgang der Gepeitschten öffnet,
Begann der Führer: »Steh, damit der Blick

Der andern Schlimmgearteten dich treffe,
Von denen du noch nicht das Antlitz sahst,
Weil sie bisher entlängs mit uns gegangen.«

Von der Urbrücke sahen wir den Zug,
Der auf uns zu kam von der andern Seite,
Und den die Peitsch' in gleicher Weise traf.

Der gute Meister, ohne daß ich fragte,
Belehrte mich: »Sieh jenen Großen kommen,
Dem keine Thräne, scheint's, der Schmerz erpreßt.

Welch königliches Ansehn er noch wahrt!
Iason ist dies, der so durch Rath als Muth
Die Kolchier des Widderfells beraubte.

Er zog vorüber an der Insel Lemnos,
Als die verwegnen, mitleidslosen Weiber
All ihre Männer dort ermordet hatten.

Mit Liebeszeichen und beredten Worten
Täuscht' er Hypsipyle, die jungfräuliche,
Nachdem sie all die andern erst getäuscht.

Vereinsamt ließ er sie daselbst und schwanger;
Die Schuld verdammt ihn nun zu solcher Qual,
Und für Medeen auch gilt diese Rache.

Mit ihm geht dann, wer gleichen Trug verübte.
Und dies genüge von der ersten Kluft
Zu wissen und von denen, die drin leiden.

Schon waren dort wir, wo der enge Pfad
Sich mit dem zweiten Damme kreuzt und diesen
Zur Stütze für den nächsten Bogen macht.

Hier hörten Volk wir in der zweiten Bulge
Still wimmern und mit Mund und Nase schnaufen
Und mit der flachen Hand sich selber schlagen.

Die Ufer waren überdeckt mit Schimmel
Vom Dunst von unten, welcher haften bleibt
Und Nas' und Augen gleicherweis beleidigt.

Der Grund ist so tief, daß ihn zu ersehen
Kein Ort genügt, ersteigt man nicht den Rücken
Des Bogens, wo der Fels am höchsten ist.

Hier angelangt, erblickten wir von oben
Ein Volk im Graben, eingetaucht in Koth,
Der schien geräumt aus menschlichen Kloaken.

Und während noch mein Blick da unten forschte,
Taucht' auf ein Kopf, von Kothe so besudelt,
Daß man nicht sah, ob Pfaff' er oder Laie.

Der schrie mir zu: »Was bist so erpicht denn,
Mich mehr als andre Schmutz'ge zu begaffen?« -
Und ich zu ihm: »Weil ich, entsinn' ich recht mich,

Dich schon gesehn mit trocknem Haar; du bist
Alexius Interminei von Lucca:
Drum schau' ich mehr dich an, als all die andern.« -

Und er darauf, sich vor den Schädel schlagend:
»Mich tauchten hier hinab die Schmeicheleien,
An denen nie sich meine Zung' erschöpfte.« -

Worauf zu mir der Führer solches sprach:
»Streck' itzt den Kopf ein wenig weiter vor,
Damit dein Auge das Gesicht erreiche

Von jener schmutz'gen, haarzerzausten Dirne,
Die dort sich mit den koth'gen Nägeln kratzt
Und bald sich kauert und bald auf sich richtet.

Die Metze Thaïs ist's, die ihrem Buhlen
Von ihm gefragt: »Weißt du mir großen Dank nun?«
Zur Antwort gab: »Ja freilich, ganz gewalt'gen!« -

Doch hier sei unsrer Schau genug gethan.«


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 19
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 19

Die dritte Bulge enthält die Simonisten, welche mit den Köpfen nach unten in Gruben stecken, und auf deren Fußsohlen Flammen herabfallen. Papst Nicolaus III. büßt so und verkündigt, daß auch Bonifacius VIII. und Clemens V. in dies Loch nach ihm kommen werden. Virgil trägt nun Dante über den Bogen, der zur fünften Bulge führt.

O Simon Magus und sein schnöder Anhang!
Die ihr ein göttlich Gut, so nur der Tugend
Vermählt sein sollte, Raubgesindel gleich,

Eh'brecherisch verbuhlt um Gold und Silber:
Von euch muß die Drommete nun ertönen,
Dieweil ihr in der dritten Bulge hauset.

Schon waren wir zur nächsten Höllenstätte
An jenem Theil des Riffs emporgestiegen,
Der senkrecht ob des Grabens Mitte schwebt.

O höchste Weisheit, wie so große Kunst du
Doch zeigst in Himmel, Erd' und arger Welt,
Und wie gerecht vertheilt doch deine Güte!

Dort sah ich, an den Seiten wie am Grunde,
Den gelblich schwarzen Felsen voller Löcher,
All' einer Größ' und jedes rund gestaltet.

Sie schienen mir nicht mehr noch minder breit,
Als jen' in meinem schönen San Giovanni,
Die man zum Stand der Taufenden gemacht.

Vor wenig Jahren brach ich eines auf
Um Einen, der darin bald umgekommen:
Zum Zeugniß sag' ich's, jeden zu enttäuschen.

Aus jeder Mündung ragten vor die Füße
Von einem Sünder, auch bis zu den Waden
Die Beine noch; das andre stak inwendig.

Entzündet waren allen beide Sohlen;
Weshalb die Glieder also heftig zuckten,
Daß Seil' und Stricke sie zerrissen hätten.

Wie das Entflammen ölbestrichner Dinge
Pflegt auf der Oberfläche hinzueilen:
So hier auch von den Fersen zu den Zehen.

»Wer, Meister, ist denn«, sprach ich, »der so raset,
Mehr zuckend als die übrigen Genossen,
Und den auch mehr die rothe Flamme leckt?« -

Und er zu mir: Soll ich hinab dich tragen
Zu jenem tiefern Rand, so wird er selber
Dir von sich selbst und seiner Schuld berichten.« -

Und ich: »Stets ist mir recht, was dir beliebt;
Du bist der Herr und weißt, von deinem Willen
Scheid' ich mich nicht, und weißt, was ich verschweige.« -

Dann auf den vierten Damm gelangten wir;
Wir wandten uns und stiegen linker Hand
Hinab zum engen Grunde voller Löcher.

Und eh nicht setzte mich von seiner Hüfte
Der gute Meister ab, als an dem Loche
Deß, der sich mit den Füßen so beklagte.

»Wer du auch seist, deß Oberes nach unten,
UnseI'ger Geist, dem Pfahl gleich eingerammt«,
Begann ich nun, »wenn du es kannst, so rede.« -

Ich stand da, wie ein Mönch, der beichten höret
Den Meuchelmörder, der, schon eingesenkt,
Zurück ihn ruft, weil so der Tod noch zögert.

Und jener schrie: »Bist also du schon da?
Bist also da schon, Bonifacius?
So täuschte mich die Schrift um ein Paar Jahre.

Warst du so schnell denn jener Schätze satt,
Um die du nicht gescheut, die schöne Frau
Durch Trug zu haschen und sie dann zu schänden?« -

Da wurde mir wie denen, welche gleichsam
Verspottet stehn und nicht antworten können,
Weil sie die Antwort, die man gab, nicht fassen.

Da sprach Virgil zu mir: »Sag ihm sogleich:
Ich bin nicht jener, der nicht, den du meinst.«
Und ich antwortete wie mir geboten.

Drob sich der Geist die Füße ganz zerrenkte
Und dann erseufzend und mit Klagestimme
Also begann: »Was willst du denn von mir?

Wenn, wer ich sei, dich so die Neugier plagt,
Daß du deshalb den Felsenrand durchlaufen,
So wisse denn: ich trug den großen Mantel,

Und so gewiß war ich ein Sohn der Bärin,
Und so voll Gier, die Bärlein zu befördern,
Daß oben Schätz' ich, hier mich selbst einsackte.

Mir unter'm Kopf sind eingestampft die andern,
Die mir voran im Amtverkaufen gingen,
Im Felsenspalte platt dahin gestreckt.

Ich werde gleichfalls da hinunter sinken,
Sobald der kommt, für den ich dich genommen,
Als ich die übereilte Frage that.

Doch länger brennen mir hier schon die Füße
Und steh' ich schon, das Oberste zu unterst,
Als er gepflanzt stehn wird mit glühnden Füßen:

Denn nach ihm kommt von Abend her ein Hirt,
Der, noch verruchtern Thuns, gesetzlos hauset,
Bis mich und jenen er bedecken muß.

Sein wird's ein neuer Jason, den erwähnen
Die Maccabäer; und wie dem sein König
Geneigt war, wird es dem sein Frankreichs Herrscher.« -

Ich weiß nicht, ob's zu unbesonnen war,
Als ich in dieser Weis' Antwort gegeben:
»O sag mir jetzt, wie großen Schatz verlangte

Denn unser Herr im voraus von Sanct Petrus,
Eh er in dessen Hut die Schlüssel gab?
Gewiß nicht größern als: Komm, folge mir!

Matthias heischten Petrus und die andern
Nicht Gold noch Silber ab, als man gelooset
Um's Amt, das der Verräther sich verwirkte.

Drum bleib du hier, mit Fug wirst du gezüchtigt;
Und hüte wohl des schlimm erworbnen Geldes,
Das gegen Karl dich so verwegen machte.

Und wär' es nicht, daß noch zurück mich hielte
Die Ehrerbietung vor den hohen Schlüsseln,
Die du im heitern Leben hast verwaltet:

So würd' ich härtre Worte noch gebrauchen;
Denn euer Geiz, der niedertritt die Guten
Und hebt die Schlechten, füllt die Welt mit Trauer.

Ihr, Hirten, seid's, die der Evangelist sah,
Als von ihm die, die auf den Wassern sitzet,
Gesehn ward, wie sie mit den Kön'gen buhlte:

Sie, welche kam zur Welt mit sieben Häuptern
Und in zehn Hörnern die Bewährung trug,
So lang die Tugend ihren Gatten freute.

Zum Gotte machtet ihr euch Gold und Silber;
Was fehlt euch weiter denn zu Götzendienern,
Als daß er Einen, hundert ihr anbetet!

Ach Konstantin, wie großen Uebels Mutter
War, nicht dein Uebertritt, doch deine Schenkung,
Die gern annahm der erste reiche Vater!« -

Indeß ich ihm nun diese Noten sang,
O Wuth und o Gewissen, die ihn quälten:
Toll zappelt' er mit allen beiden Füßen.

Ich glaub' im Ernst, es freute meinen Führer;
Fortwährend lauscht' er mit zufriedner Miene
Dem Ton der Worte, welche Wahrheit sprachen.

Deshalb umfing er mich mit beiden Armen,
Und als er mich an seine Brust gehoben,
Stieg er hinauf, wo er herabgekommen

Und nicht ward müd' er, fest mich anzudrücken,
Bis er zum Gipfel mich des Bogens brachte,
Der überführt vom vierten Damm zum fünften.

Hier setzt' er sänftlich seine Last zu Boden,
Die leicht ihm auch auf steiler Klipp' erschien,
So selbst für Ziegen schlimmer Steig noch wäre.

Von hier that sich ein andres Thal mir auf.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 20
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 20

Strafe der Wahrsager, mit umgedrehtem Genick zu gehen, so daß das Gesicht nach hinten steht. Amphiaraus, Tiresias, Aruns, Manto, die Gründerin von Mantua, Virgil's Vaterstadt, und andere Zeichendeuter im Mittelalter.

Von neuen Qualen muß ich ferner singen,
Um Stoff dem zwanzigsten Gesang zu geben
Des ersten Lieds, das den Versenkten gilt.

Schon war mit ganzer Seel' ich drauf gefaßt,
Hinab in den enthüllten Schlund zu blicken,
Der von angstvollen Thränen ward benetzt:

Und schweigend Volk, das kläglich weinte, sah ich
Hinwandeln durch das runde Thal, im Schritte,
In dem man oben Betumgänge hält.

Als tiefer sich mein Blick zu ihnen senkte,
Schien jeder wunderbar verrenkt zu sein,
Vom Kinn hinab bis zum Beginn des Rumpfes,

So daß das Antlitz nach dem Rücken stand
Und er gezwungen war, rückwärts zu gehen,
Weil ihm der Blick nach vorn benommen war.

Vielleicht, daß Jemand durch Gewalt der Lähmung
So gänzliche Verrenkung einst erfuhr;
Doch sah ich's nie, noch halt' ich es für möglich.

Soll, Leser, Gott dich Frucht gewinnen lassen
Von deinem Lesen, so bedenke selbst nun,
Ob mir die Augen trocken bleiben konnten,

Als in der Näh' ich unser Bild erblickte
So arg verkehrt, daß ihm der Augen Weinen
Die Hintertheile durch den Spalt benetzte.

Fürwahr, da weint' ich, an ein Horn gelehnet
Der harten Klippe, so, daß mein Geleiter
Ausrief: »Auch du bist wie die andern Thoren?

Hier lebt die Lieb' erst recht, wann sie erstorben.
Wer zeigt wohl mehr Gottlosigkeit als jener,
Der ob dem Urtheil Gottes Schmerzen hegt?

Richt' auf dein Haupt! sieh den, dem einst die Erde
Sich aufthat vor den Augen der Thebaner,
Die schrieen allgesammt: Amphiaraus,

Wohin denn stürzest du und fliehst den Kampf?
Doch unaufhaltsam stürzt' er nach dem Abgrund
Zu Minos hin, der jeden Sünder greifet.

Schau, wie die Schultern ihm zur Brust geworden:
Denn weil zu viel voraus er schauen wollte,
Blickt er rückwärts und macht verkehrt den Weg.

Sieh den Tiresias, der sein Ansehn tauschte,
Als er aus einem Mann zum Weibe wurde,
Da sich ihm wandelten all seine Glieder.

Und mehrmals mußt' er erst mit seinem Stabe
Die zwei verschlungnen Schlangen wieder schlagen,
Eh er sein Manneshaar zurückerhielt.

Aruns ist der, so hinter'm Bauch ihm folgt,
Der in den Bergen Luni's, dort wo jätet
Der Carrarese, der am Fuße wohnet,

Einst zwischen weißem Marmor eine Höhle
Zur Wohnung hatte, wo ihm nicht benommen
Der Anblick war des Meeres und der Sterne.

Und jene, so die Brüste sich bedeckt,
Die du nicht siehst, mit den gelösten Flechten,
Und alles sonst'ge Haar nach jenseit wendet,

War Manto, die durch viele Länder irrte
Und dann sich niederließ, wo ich geboren:
Drum mich ein wenig freut, wenn du mich anhörst.

Denn als ihr Vater aus dem Leben schied,
Und Bacchus' Stadt zur Sklavin war geworden,
Durchirrte jene lange Zeit die Welt.

Im schonen Welschland droben liegt ein See
Am Fuß der Alpen, welche Deutschland schließen
Dort oberhalb Tirol; er heißt Venacus.

Aus mehr denn tausend Quellen, zwischen Garda
Und Val Camonica, wird der Pennin
Von Wassern feucht, die in dem See sich sammeln.

Inmitten ist ein Ort, allwo der Hirt
Trients, wie der von Brescia und Verona,
Sich segnen könnte, wenn des Wegs er käme.

Da ragt Peschiera's schöne, starke Veste,
Den Bergamasken und Brescianern trotzend,
Wo ringsher steiler sich das Ufer neigt.

Hierher muß alles das herab sich stürzen,
Was in Benacus Schooß nicht bleiben kann,
Und geht als Fluß hinab durch grüne Triften.

Sobald das Wasser seinen Lauf beginnt,
Heißt es nicht mehr Benacus, sondern Mincio,
Bis in den Po es mündet bei Governo.

In kurzem trifft's auf eine Niederung,
Wo sich's vertheilt und dann zum Sumpfe wird,
Und oft nachtheilig pflegt zu sein im Sommer.

Die wilde Jungfrau, dort vorüberstreifend,
Gewahrt' inmitten dieses Sumpfes Land,
Das, unbebaut, entblößt war von Bewohnern.

Dort, jeglichen Verkehr mit Menschen fliehend,
Blieb mit den Dienern sie und trieb ihr Wesen,
Und lebt' und ließ den leeren Körper dort.

Drauf ließen Menschen, die zerstreut dort lebten,
Sich nieder an dem Ort, der durch den Sumpf
Von allen Seiten rings befestigt wurde.

Auf den Gebeinen bauten sie die Stadt,
Und nannten Mantua sie, ohn' andres Zeichen,
Nach Jener, die den Ort zuerst sich wählte.

Einst war darin des Volkes Menge dichter,
Eh noch die Thorheit des von Cosalodi
Durch Pinamonte argen Trug erfahren.

Darum bericht' ich dich, wenn meiner Stadt
Du jemals andern Ursprung geben hörest,
So laß die Wahrheit nicht durch Lüge fälschen.« -

Und ich: »O Meister, deine Worte finden
In mir ein solch Vertraun und solchen Glauben,
Daß andre mir erloschne Kohlen wären.

Doch sag, ob unter'm Volk, das dort einherzieht,
Du einen siehst, der des Bemerkens würdig;
Denn nur auf solches ist mein Sinn gerichtet.«

Und er zu mir: »Der, welchem von der Wange
Der Bart sich ob den dunklen Schultern breitet,
War, als einst Griechenland an Männern darbte,

So daß kaum welche für die Wiegen blieben,
Augur, und gab mit Kalchas an die Zeit,
Daß man das erste Tau in Aulis kappte.

Er hieß Eurypilus, und so besingt ihn
Mein hohes Lied an irgend einer Stelle;
Du weißt es wohl, der durch und durch es kennt.

Der andre dorten, mit den magern Seiten,
War Michael Scotus, der in voller Wahrheit
Der magischen Blendwerke Spiel verstand.

Guido Bonatti sieh, sieh dort Asdente,
Der jetzt wohl wünscht, hätt' er auf Draht und Leder
Sich nur beflissen; doch zu spät bereut er's.

Sieh die Elenden, welche, Spul' und Nadel
Und Weberschiff verlassend, Zauber übten
Und Kräuter und Wachsbilder böslich brauchten.

Doch komme nun; denn schon betritt die Grenze
Der zwei Halbkugeln und berührt die Woge,
Jenseit Sevilla, Kain mit seinen Dornen.

Und gestern Nacht bereits war voll der Mond:
Wohl mußt du deß gedenken, denn nicht einmal
War er zum Schaden dir im tiefen Walde.« -

So sprach er, unterdeß wir weiter gingen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 21
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 21

In der fünften Bulge büßen die bestechlichen Beamten, welche in einem See von siedendem Peche untertauchen müssen. Ihre Wächter sind Dämonen (Teufel), von denen einigen sich Virgil geleiten und den Weg zeigen läßt.

Von Brücke so zu Brücke, Andres redend,
Was wohl mit Fug mein Lied beiseite läßt,
Gelangten wir, des Bogens Gipfel folgend;

Als stehn wir blieben, um von Malebolge
Die nächste Kluft mit andrem Leid zu sehn;
Und über alles Maß schien sie mir dunkel.

Wie in dem Arsenale von Venedig
Im Winter zähes Pech man siedend macht,
Die leck gewordnen Schiffe zu kalfatern,

Die nicht mehr segeln können, und statt deren
Sich der ein neues baut und der die Seiten
Dem, so den weitern Weg gemacht, verstopft;

Am Vordertheile der, der hinten hämmert,
Der Ruder schnitzt und jener Taue drehet,
Und dieser klein' und große Segel flickt:

So, nicht durch Feuer, sondern höhern Einfluß,
Sott in der Tiefe hier ein dickes Pech,
Das überall das Ufer klebrig machte.

Ich sah's, doch sah ich weiter nichts in ihm,
Als nur die Blasen, die das Sieden auftrieb,
Wie sich das Ganz' erhob und wieder setzte.

Indem ich noch so starr hinunter schaute,
Zog mit dem Rufe: »Sieh nur, sieh!« mein Führer
Mich zu sich von dem Orte wo, ich stand.

Da wandt' ich mich, wie einer, der noch zaudert,
Um das zu sehn, vor dem er Scheu doch heget,
Und welchen plötzlich solche Furcht entmuthigt,

Daß, um zu sehn, er nicht die Flucht verzögert.
Und hinter uns sah einen schwarzen Teufel
Ich auf dem Felsen hergelaufen kommen.

O, wie er mir so wild von Anblick schien,
Und wie so fürchterlich doch von Geberde!
Weitauf die Flügel und behend von Füßen.

Es waren seine Schultern hoch und spitzig;
Drauf ritt ein Sünder mit den beiden Hüften;
Der Füße Sehnen hielt er fest umkrallt.

»Ihr Uebeltatzen unsrer Brücke«, sprach er,
»Da ist der Aelt'sten einer von Sanct Zita:
Stoßt ihn nur unter, gleich hol' ich mir Neue

Aus jener Stadt, die damit wohl versehn ist.
Feil ist jedweder dort, bis auf Bonturo:
Für baares Geld macht man dort Ja aus Nein.« -

Nun warf er ihn hinab und auf der Klippe
Kehrt' er zurück, und nie so schnell verfolgte
Ein losgelaßner Hofhund einen Dieb.

Der sank zu Grund, dann taucht' er wiederum
Verkehrt empor; doch jener Brücke Teufel
Schrie'n auf: »Hier frommt es nichts, das heil'ge Antlitz!

Hier schwimmt sich's anders als im Serchio:
Drum, willst du nichts von unsern Haken wissen,
So komm nicht unnütz aus dem Pech heraus!«

Dann ihn mit mehr als hundert Zinken packend,
Schrie'n sie ihm zu: »Du mußt verdeckt hier tanzen
Und heimlich, wenn du kannst, etwas erschnappen.« -

Dem ähnlich lassen Köche von den Dienern
Das Fleisch mit Gabeln, will es oben schwimmen,
Hinunterdrücken in des Kessels Mitte.

Der gute Meister sprach: »Damit nicht kund wird,
Daß du hier bist, duck hinter einen Felsen
Dich nieder, daß er dir zum Schirme diene.

Und fürchte nicht, daß irgend mir ein Leid
Hier widerfahre, da ich das schon kenne;
Ich war ja schon einmal bei solchem Strauß.« -

Dann ging er bis jenseit des Brückenrandes;
Und wie er an den sechsten Abhang kam,
Hatt' er wohl eine muth'ge Stirne nöthig.

Denn mit der Wuth und mit dem Ungestüm,
Womit sich Hund' auf einen Armen stürzen,
Der, wo er stehn bleibt, flugs um etwas bittet:

So fuhren die da unter'm Brücklein vor
Und wandten gegen ihn all ihre Haken.
Er aber rief: »Es wage keiner Frevel!

Bevor mich einer eurer Zinken faßt,
Tret' einer von euch vor, daß er mich höre,
Und dann berathet wohl, ob ihr mich anhakt.« -

Und alle schrie'n: »Geh du hin, Uebelschwanz.«
Deshalb trat einer vor, die andern blieben,
Und ging zu ihm und sprach: »Was soll's ihn helfen?« -

»Glaubst du denn, Uebelschwanz«, so sprach mein Meister,
»Du würdest mich an diesem Orte finden,
Gesichert gegen alle eure Waffen,

Wär's höchster Wille nicht und der des Schicksals?
Drum laß mich gehn, denn in dem Himmel will man,
Daß Einem diesen grausen Weg ich zeige.« -

Und jenem war der Hochmuth so gesunken,
Daß ihm der Haken vor die Füße fiel,
Und er nun sprach: »Laßt ihn unangefochten.« -

Zu mir nun sprach der Führer: »Du, der zwischen
Der Brücke Felsen dort geduckt du sitzest,
Kehr' ungefährdet jetzt zu mir zurück.« -

Da regt ich mich und ging schnell zu ihm hin;
Und all die Teufel drangen wieder vorwärts,
So daß ich zweifelt', ob den Pact sie hielten.

So sah ich einst das Fußvolk Furcht bezeigen,
Das auf Vertrag Caprona's Burg verließ,
Als es so viele Feind' um sich erblickte.

Ich drängte dicht mich mit dem ganzen Leibe
Dem Führer an, und wendete kein Auge
Von ihrem Anblick, der nicht tröstlich war.

Die Haken senkten sie, doch einer rief:
»Soll ich ihm eins auf's Hintertheil versetzen?« -
Und sie darauf: »Recht, bring ihm einen bei.« -

Doch jener Dämon, der mit meinem Führer
Geredet hatte, wandte sich ganz plötzlich
Und sagte: »Ruhig, ruhig, Raufebengel!«

Dann sprach zu uns er: »Weiter gehen läßt sich
Auf diesem Felsen nicht; denn ganz in Stücken
Liegt im Abgrunde dort der sechste Bogen.

Doch wenn trotzdem ihr noch darauf bestehet,
So wendet euch nur über diesen Felsen;
Nah ist ein andrer Fels, der Weg verstattet.

Fünf Stunden später, als es jetzt ist, wurden
Zwölfhundert sechs und sechzig Jahre gestern
Vollendet, seit der Weg zusammenstürzte.

Dorthin schick' ich grad etliche der Meinen,
Um nachzusehn, daß keiner Luft sich mache.
Mit diesen geht, sie werden euch nicht necken.

Vor tretet, Flügelwackler, Nebeltreter«,
Rief er sie an, »und du auch Hundeschnauz,
Und du, begleite, Wirrebart, die Zehne!

Du Gierebrand, tritt vor, du Drachenrecke,
Du Gabelschwein mit Hauern, Krallhund auch,
Du Höllenfalter, Glutbold auch, der tolle.

Durchspäht ringsum den heißen Klebegallert;
Doch die bringt sicher nach dem andern Felsen,
Der unzertrümmert ob den Klüften hingeht.« -

»O Meister, was erblickt mein Auge?« rief ich;
»Ach, laß allein uns, ohne Führer, gehen;
Weißt du den Weg, verlang' ich nicht nach jenen.

Wenn du so achtsam bist, wie sonst du pflegst:
Siehst du denn nicht, wie sie die Zähne fletschen
Und ihre Brauen uns mit Trug bedräun?« -

Und er zu mir: »Gib solcher Furcht nicht Raum;
Laß sie nach ihrer Art nur immer grinsen,
Das gilt ja blos den jammervoll Gesottnen.« -

Nun wandten wir uns auf den Damm zur Linken;
Doch erst streckt' jeder seine Zunge zwischen
Die Zähn', als Zeichen gegen ihren Führer,

Und der gebraucht den After als Trompete.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 22
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 22

In demselben Pechsee büßen auch Die, welche die Gunst ihrer Herren verkauften. Schilderung der Schlauheit eines solchen Betrügers, der selbst die Teufel zu überlisten weiß.

Ich sah schon Reiter aus dem Lager ziehen,
Den Sturm beginnen, oder Heerschau halten,
Bisweilen abziehn auch zu ihrer Rettung;

Dann sah ich Plänkler dort in eurem Lande,
Ihr Aretiner; sahe Rotten streifen,
Sah Lanzenbrechen auch und Ringelrennen,

Bald bei Trompetenton und Glockenklange,
Bei Trommeln bald und bald bei Burgsignalen,
Nach heimischer, so wie nach fremder Weise;

Doch nie noch sah ich Fußvolk oder Reiter,
Noch Schiffe sich mit Land- und Sternenzeichen
Nach solch vertraktem Instrument bewegen.

So gingen wir nun mit den zehn Dämonen.
O wilde Kompanei! doch - »in der Kirche
Mit Heiligen, mit Zechern in der Schenke!« -

Nur auf das Pech war all mein Sinn gerichtet,
Um zu erspähn der Bulge ganzen Zustand,
So wie des Volks, das drinnen eingesotten.

Wie die Delphine, die den Schifferleuten
Ein Zeichen mit des Rückens Wölbung geben,
Daß sie, das Schiff zu retten, nicht versäumen:

So ließ bisweilen der und jener Sünder,
Die Qual zu lindern, seinen Rücken sehen,
Doch schneller, als es blitzt, verschwand er wieder.

Und wie die Frösch' an eines Grabens Rande
Nur mit den Mäulern aus dem Wasser sehen,
Indeß sie drinnen Rumpf und Füße bergen:

So machten's hier auch überall die Sünder;
Kam aber Wirrebart in ihre Nähe,
Dann tauchten schnell sie in's Gebrodel unter.

Ich sah - und drob erschaudert noch das Herz mir -
Einen verweilen, wie es ja geschieht,
Daß ein Frosch bleibt, wenn andre schon entspringen;

Und Krallhund, der sich ihm zunächst befand,
Hakt' ihn bei den verpichten Haaren an,
Hub ihn empor und der Fischotter glich er.

Ich hatte schon die Namen aller Teufel,
Als ausgewählt sie wurden, mir gemerkt,
Und achtete darauf, wie sie sich riefen.

»He Glutbold, hurtig! schlag ihm deine Krallen
Doch in den Rücken ein, daß du ihn schindest!«
So schrieen allesammt die Maledeiten.

Und ich: »Mein Meister, lasse, wenn du kannst,
Dir doch den Namen des Unsel'gen sagen,
Der hier in seiner Gegner Hand gefallen.« -

Da nahte sich mein Führer ihm und fragte,
Woher er wär', und der antwortet ihm:
»Geboren bin ich in dem Reich Navarra;

Die Mutter gab mich einem Herrn zum Diener,
Da mich ein leid'ger Taugenichts erzeugt',
Der sich und all sein Gut verwüstet hatte.

Dann that ich Dienst beim guten König Thibaut,
Und hier legt' ich mich nun auf Gaunereien,
Wofür in dieser Glut ich Rechnung zahle.« -

Und Gabelschwein, aus dessen Mund ein Hauer
Auf jeder Seite ragte, wie beim Eber,
Ließ ihn empfinden, wie der eine schlitzte:

Die Maus gerieth da unter schlimme Katzen.
Doch Wirrebart umschloß ihn mit den Armen
Und rief: »Bleibt dort, indeß ich ihn umgable!«

Und sein Gesicht zum Meister wendend, sprach er:
»Nun frag ihn noch, wenn mehr von ihm zu wissen
Du wünschest, eh ein andrer ihn zerreißt.« -

Mein Führer drum: »Nun sage, kennst du einen
Der andern Sünder unter jenem Peche,
Der Italiener ist?« - Und er: »Ich trennte

Mich kürzlich erst von einem, der ihr Nachbar.
O, daß ich doch bei ihm bedeckt noch läge,
So braucht' ich Haken nicht, noch Klau' zu fürchten.« -

Und Gierbrand sprach: »Wir dulden's schon zu lange,«
Und faßt' ihn so am Arme mit dem Haken,
Daß zerrend er ein Stück davon ihm abriß.

Auch Drachenrecke wollt' an beiden Beinen
Ihn unten packen; doch da wandte sich
Ihr Hauptmann rings umher mit wildem Blicke.

Als sie zur Ruh gebracht ein wenig waren,
Fragt' ungesäumt nunmehr mein Führer jenen,
Der schmerzlich noch auf seine Wunde schaute:

»Wer war denn, sprich, von dem zu deinem Unglück
Du dich, an's Ufer zu gelangen, trenntest?« -
Und er antwortete: »Der Mönch Gomito,

Der von Gallura, jedes Trugs Gefäß,
Der des Gebieters Feind' in seiner Hand hielt
Und so sie lenkte, daß ihn Alle priesen.

Geld nahm er an, und ließ ganz still sie gehn,
Wie selbst er sagt, und trieb bei andern Aemtern
Auch Mäkleramt, nicht winzig, nein, im Großen.

Mit ihm steht im Verkehr Don Michael Zanche
Von Logodor', und ihre Zungen werden
Nie müde, von Sardinien zu sprechen.

Weh mir! seht dort den andern, wie er grinset.
Noch weiter möcht' ich sprechen; doch ich fürchte
Der schickt sich an, um mir den Grind zu kratzen.« -

Ihr Obermann, gewandt zu Höllenfalter,
Der schon die Augen rollt', um ihn zu treffen,
Sprach: »Pack dich fort von hier, du Galgenvogel!« -

»Wollt ihr Lombarden oder Tusker sehen«,
Begann auf's neue der so hart Bedrängte;
»Wollt ihr sie hören, lass' ich welche kommen.

Wenn nur die Uebeltatzen sich ein wenig
Beiseit begeben, daß vor ihrer Rache
Sie sicher wären, wollt', an selbem Orte

Hier sitzend, sieben ich statt meiner schaffen,
Indem ich pfeife, wie zu thun wir pflegen,
Sobald heraus sich einer machen will.« -

Bei solchem Wort hob Hundeschnauz die Schnauze
Und sprach kopfschüttelnd: »Hört einmal die Bosheit,
Die der erdacht, um nur in's Pech zu kommen!« -

Drauf jener, der ein Crösus war an Ränken,
Antwortete: »Ich bin wohl allzu boshaft,
Wenn ich den Meinen größer Leid bereite.« -

Nicht hielt sich Flügelwackler, und den andern
Zum Trotze sprach er: »Stürzest du hinab dich,
Werd' ich dich nicht im Fußgalopp verfolgen,

Nein, über's Pech hin schlag' ich mit den Flügeln.
Den Hügel räumt, es soll das Ufer Schirm sein!
Laß sehn, ob du allein mehr kannst als wir.« -

Nun, Leser, sollst du neuen Streich erfahren.
Jedweder warf den Blick auf's andre Ufer,
Vor allen der, der's am ungernsten that.

Der Navarres' ersah sich wohl den Zeitpunkt,
Stemmt' auf die Sohlen, und in einem Nu
Sprang er, und so entwischt' er ihrer Absicht.

Stracks war ein jeder ob des Streichs betroffen,
Doch der zumeist, der das Versehn veranlaßt.
Drum fuhr er ab und schrie: »Ich hasch' dich doch!« -

Doch wenig half's, die Flügel überholten
Nicht dessen Furcht, der schon zu Boden sank,
Und jener wirft, noch fliegend, in die Brust sich.

In gleicher Weise - tauchet eine Ente,
Wenn ihr ein Falke nahet, plötzlich unter -
Fliegt der getäuscht und grimmig wieder auf.

Erbos't ob dieser Poss' eilt Nebeltreter
Im Flug ihm nach, daß, wie er wünscht, der Sünder
Entwischen mög', um Grund zum Zank zu haben.

Und als der Gauner nun dem Blick entschwunden,
Da kehrt' auf den Genossen er die Krallen,
So daß sie über'm Graben sich verklauten.

Doch wohl war auch der andr' ein edler Sperber,
Ihn tüchtig zu umklaun, und beide fielen
Grad in die Mitte des erglühnden Pfuhles.

Es schlichtete die Glut sehr schnell den Streit;
Doch nicht gelang das Sicherhebenwollen,
So fest im Peche klebten ihre Flügel.

Dies that dem Wirrbart leid und den Genossen;
Drum schickt' er viere nach dem andern Ufer
Mit allen Haken; und sie flogen eiligst

Zum Platz hinab, von der und jener Seite.
Schon streckten sie sie nach den Eingepichten,
Die in der Kruste festgebacken waren:

Wir aber ließen sie dort eingewickelt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 23
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 23

Sechste Bulge: Strafe der Heuchler, welche bleierne, mit Gold belegte Mäntel und Kappen tragend unaufhörlich in der Bulge umgehen, Unter diesen Catalano und Loderingo, zwei vom Orden der lustigen Brüder (fratri godenti). Caiphas, gekreuzigt am Boden. Catalano zeigt ihnen, daß die Teufel sie hinsichtlich des Weges belogen.

Stillschweigend, unbegleitet gingen wir,
Der eine hinter'm andern, durch die Oede,
Wie Minoriten auf der Straße gehn.

Mein Geist war durch den gegenwärt'gen Zank
Auf jene Fabel des Aesop gerichtet,
Die von dem Frosch und von der Feldmaus handelt.

Nicht gleichen mehr die Wörtchen »nun« und »jetzt« sich,
Als beide Fälle, hält man wohl zusammen
Beginn und Schluß mit aufmerksamem Sinn.

Und wie denn ein Gedank' erzeugt den andern,
So auch entsprang aus jenem dieser neue,
Der mir die früh're Furcht zur dopplen machte.

Ich dachte so: Die haben unserthalben
Sich so geprellt, mit solchem Spott und Schaden,
Daß ohne Zweifel sie dies baß verdrießt.

Kommt nun noch Zorn zu ihrem bösen Willen,
Dann werden grimmiger sie uns verfolgen,
Als je ein Hund den Hasen, den er ramt.

Schon fühlt' ich alle Haar' empor sich sträuben
Vor Furcht und blickte ganz besorgt zurück
Und sprach: »O Meister, birgst du dich und mich

Nicht schnell, befürcht' ich sehr die Uebeltatzen:
Wir haben sie gewiß schon hinter uns,
Mir ist es so, als ob ich sie schon hörte.« -

Und er: »Wär' ich ein bleibelegtes Glas
So würd' ich schneller nicht dein äußres Bild
Aufnehmen, als dein innres jetzt ich fasse.

Es kreuzte dein Gedanke grad den meinen
Mit gleicher Vorstellung und gleichem Gange,
Die beid' in mir zu einem Vorsatz wurden.

Im Fall das rechte Ufer so sich senkte,
Daß wir zur andern Kluft hinabgelangten,
Entgingen wir der Jagd, die wir befürchten.« -

Ganz hatt' er noch den Plan nicht ausgesprochen,
Als ich sie nahen sah mit weiten Flügeln,
Nicht mehr gar fern von uns, um uns zu greifen.

Da nun umfaßte mich mein Führer plötzlich,
So wie die Mutter, die, durch Lärm erweckt,
Dicht neben sich die Flammen lodern siehet,

Ihr Kind ergreift und flieht und nicht so lange
Sich aufhält, nur ein Hemd sich umzuwerfen,
Da sie an jenes nur, an sich nicht denkt.

Und von dem Joch des harten Dammes ließ er
Sich nieder mit dem Rücken an dem Felshang,
Der eine Seite schließt, zur nächsten Bulge.

Nie lief so schnell in einer Rinne Wasser,
Das einer Wassermühle Rad beweget,
Wenn es am nächsten bei den Schaufeln ist,

Als fort mein Meister glitt auf jenem Rande,
Indeß er fest an seiner Brust mich hielt,
Als ob sein Sohn ich sei, nicht sein Gefährte.

Kaum war er unten in des Bettes Grunde
Mit seinen Füßen, als hoch über uns
Auch Jen' erschienen; doch nicht hatt' er Furcht mehr.

Denn die erhabne Vorsicht, deren Wille
Zu Dienern sie des fünften Grabens setzte,
Nahm allen auch die Macht, ihn zu verlassen.

Dort unten gab's ein übertünchtes Volk,
Das ging umher mit ganz langsamen Schritten,
Im Antlitz thränenvoll, matt und erschöpft.

Sie trugen Kutten, deren tiefe Kappen
Bis vor die Augen gingen, nach dem Schnitt
Gemacht, wie er in Cölln den Mönchen eigen.

Vergoldet sind sie außen, daß es blendet,
Doch innen ganz von Blei und also schwer,
Daß die von Friedrich Stroh dagegen waren.

O Mäntel, Ewigkeiten durch belastend! -
Wir wandten uns zur Linken wiederum
Mit ihnen, die nur ihrem Weh nachhingen.

Doch ging ob seiner Last dies müde Volk
So langsam, daß bei jeder Fußbewegung
Wir immer andere Gefährten hatten.

Drum ich zum Führer: »Sieh, ob wen du findest,
Den man nach Thaten oder Namen kennt,
Und wend' im Weitergehn umher die Augen.« -

Und einer, der den Tusker-Laut vernommen,
Schrie hinter uns: »O, haltet ein die Füße,
Ihr, die ihr dort die dunkle Luft durchrennt:

Von mir vielleicht erfährst du, was du wünschest!« -
Drauf wandte sich der Führer um und sagte:
»Halt ein und richte dich nach seinem Schritte.« -

Ich blieb und sah, wie zwei gar großen Eifer,
Mit mir zu gehn, in ihren Mienen zeigten;
Doch hemmte sie die Last und enger Pfad.

Als sie herangekommen, sahn sie lange
Mit schiefem Blicke mich stillschweigend an;
Dann sprachen sie, sich zu einander wendend:

»Der scheint mir lebend, denn die Kehle regt sich,
Und sind sie beide todt, nach welchem Vorrecht
Gehn unbedeckt sie von der schweren Stola?« -

Zu mir dann: »Tusker, der du zur Versammlung
Der jämmerlichen Heuchler bist gekommen:
Verschmäh nicht, uns zu sagen, wer du bist.« -

Zu ihnen ich: »Erzeugt hat und erzogen
Die große Stadt mich an dem schönen Arno;
Noch hält der Leib mich, den bisher ich hatte.

Doch wer seid ihr nun, denen, wie ich sehe,
So großer Schmerz die Wangen nieder träufelt,
Und welche Pein ist's, die euch so durchfunkelt?« -

Drauf einer: »Die orangenfarbnen Kutten
Von Blei sind also schwer, daß die Gewichte
Die Waagen hier zu solchem Kreischen bringen.

Wir waren lust'ge Brüder aus Bologna,
Ich Catalano, jener Loderingo
Genannt; es wählt' uns deine Stadt zusammen,

Wie sonst nur Einen sie zu wählen pflegt,
Den Frieden ihr zu wahren; doch wir trieben's,
Daß man noch jetzt es sieht um den Gardingo.« -

Und ich begann: »O Fratres, eure schlimmen ...«
Doch mehr nicht sprach ich; denn mein Blick traf einen,
Gekreuzigt an der Erde mit drei Pfählen.

Als der mich sah, wild rang er hin und her sich,
Und blies mit Stöhnen in den Bart hinein.
Als dies der Bruder Catalan gewahrte,

Begann er: »Der Durchbohrte, den du siehest,
Rieth einst den Pharisäern, nöthig wär' es,
Daß Einen für das Volk dem Tod man weihe.

Querüber liegt und nackt er auf dem Wege,
Wie du es siehst, und muß vorher empfinden,
Was jeder wiegt, eh er vorübergeht.

So hingestreckt liegt auch sein Schwiegervater
In diesem Graben, und vom Rath ein jeder,
Der für die Juden Saat des Uebels war.« -

Darauf sah ich Virgil sich über Jenen
Verwundern, der zu ewiger Verdammniß
So schmachvoll ausgespannt im Kreuze dalag.

Dann richtet' an den Mönch er diese Worte:
»Gefall' Euch, ist's gestattet, uns zu sagen,
Ob rechter Hand ein Durchgang sich befindet,

Durch den wir zwei hinausgelangen können,
Und nicht die schwarzen Engel zwingen dürfen,
Aus dieser Schlucht von dannen uns zu tragen.« -

Und jener also: »Näher, als du hoffst,
Geht von dem großen Kreis ein Felsen seitwärts,
Der über all die wilden Thäler führet,

Nur hier ist er zersprengt und deckt es nicht.
Auf dessen Schutt könnt ihr empor euch wagen,
Der an dem Rand liegt und im Grund sich häuft.«

Der Führer hielt geneigt sein Haupt ein Weilchen;
Dann sprach er: »Schlimm hat der das Ding berichtet,
Der jenseits mit dem Haken krallt die Sünder.« -

Und drauf der Mönch: »Schon in Bologna hört' ich
Viel von des Teufels Lastern; unter diesen,
Daß er ein Lügner ist und Lügenvater.« -

Drauf ging der Führer großen Schritts von dannen,
Im Angesicht ein wenig zornbewegt,
Weshalb auch ich von den Beladnen wegging,

Den Spuren der geliebten Füße folgend.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 24
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 24

Mit großer Schwierigkeit gelangt Dante durch Virgil nun in die siebente Bulge. Hier werden die Diebe von giftigen, pestartigen Schlangen gequält. Vanni Fucci von Pistoja, vom Biß einer Schlange in Asche verwandelt und wiederhergestellt, sagt ihm das Unglück der Weißen im Picinerfelde vorher.

In jenem Theil des jugendlichen Jahres,
Da Sol im Wassermann das Haar erfrischt,
Und schon dem halben Tag die Nächte weichen;

Wenn seines weißen Bruders Bild, des Schnees,
Der Reif auf Erden nachzuahmen pflegt,
Doch kurz nur währt die Bildung des Gefieders;

Der Landmann, der an Futter Mangel leidet,
Steht auf, blickt um sich, siehet das Gefilde
Ringsum ganz weiß und schlägt sich auf die Hüfte,

Geht in die Hütt' und klagt bald hier, bald dort,
Wie einer, der nicht weiß, was anzufangen:
Kehrt dann zurück, und Hoffnung faßt er wieder

Da er der Welt Antlitz verwandelt sieht
In kurzer Zeit, greift nach dem Hirtenstabe
Und treibt hinaus die Schaf', um sie zu weiden:

In gleicher Weis' erschrak ich vor dem Meister,
Als seine Stirn ich also düster sah.
Gleich schnell folgt auch das Pflaster auf die Wunde.

Denn als wir zur zerstörten Brücke kamen,
Schaut' er mich an mit jenem güt'gen Blicke,
Den ich zuerst am Fuß des Bergs erfahren.

Nachdem er sich die Trümmer wohl betrachtet
Und darauf kurz mit sich zu Rath gegangen,
That er die Arm' auf und umfaßte mich.

Und jenem gleich, der thätig und erwägend
Nur immer allem vorzusorgen scheint,
So trug er auf den Gipfel eines Felsens

Mich jetzt empor und zeigt' auf einen andern
Und sprach: »An jenen klammre fest dich an;
Doch erst versuch, ob er dich tragen werde.« -

Das war kein Weg für einen in der Kutte,
Da wir kaum, er so leicht und ich gehoben,
Von Klipp' auf Klipp' ihn nur erklimmen konnten.

Und war der Abhang niedrer nicht bei diesem
Als bei dem andern Kreis, so weiß ich nicht,
Ob er - doch ich gewiß wär' unterlegen.

Weil aber Malebolge nach dem Eingang
Des tiefsten Schachtes ganz hinab sich neigt,
So bringt's die Lage jedes Thals mit sich,

Daß sich ein Ufer hebt, das andre senket;
Doch endlich kamen wir auf jene Spitze,
Allwo der letzte Felsenblock sich löste.

So leer an Athem waren mir die Lungen,
Daß ich, nun oben, nicht mehr weiter konnte,
Ja, nur erst angelangt, mich setzen mußte.

»Jetzt thut dir noth, die Trägheit abzuschütteln«,
Begann mein Meister, »denn auf Federn liegend
Und unter Decken, kommt man nicht zu Ruhm.

Und wer sein Leben ohne diesen hinbringt,
Läßt solche Spur auf Erden nur zurück,
Wie in der Luft der Rauch, der Schaum im Wasser.

Drum heb empor dich, sieg ob der Erschöpfung
Durch Mannheit, die in jedem Kampfe siegt,
Wenn sie des Leibes Trägheit überwindet.

Noch höh're Stiegen müssen wir erklimmen;
Nicht gnügt es, die zurückgelegt zu haben:
Verstehst du mich, so thu', daß es dir nütze.« -

Darauf erhob ich mich, da mit dem Athmen
Es besser ging, als ich vorher empfunden,
Und sprach: »Geh! denn ich bin jetzt stark und muthig.« -

Felsauf nun nahmen wieder wir den Weg,
Der voller Klippen, eng und schwer zu gehn war,
Und noch viel steiler als der früh're jemals.

Ich sprach im Gehen, um nicht matt zu scheinen;
Drauf eine Stimm' aus nächstem Graben kam,
Die ungeschickt zum Sprechen sich erzeigte.

Nicht weiß ich, was sie sprach, trug mich auch schon
Des Bogens Rücken, der dort überführet;
Doch wer da sprach, schien mir von Zorn ergriffen.

Ich sah hinab; doch konnten Dunkels halber
Des Leibes Augen bis zum Grund nicht dringen.
Drum sagt' ich: »Meister, laß zum andern Kreis'

Uns kommen und die Felswand niedersteigen;
Denn wie von hier ich hör' und nichts verstehe,
So seh' hinab ich und erkenne nichts.« -

»Zur Antwort«, sprach er, »geb' ich dir nichts andres,
Als nur die That; denn wohlanständ'ge Bitte
Soll man stillschweigend durch die That erfüllen.« -

Wir stiegen nun hinab vom Brückenende,
Wo dieses an das achte Ufer stößt;
Und nun enthüllte sich mir erst die Bulge:

Ich sah dort drin ein greuliches Gewirre
Von Schlangen, und von so verschiedner Art,
Daß, denk' ich dran, mir noch das Blut gerinnet.

Nicht rühme Libyens Sand sich, mehr zu hegen;
Bring' es auch Wasser-, Pfeil- und Kupferschlangen
Hervor, gefleckte noch und Doppelschleicher:

Nie zeugt' es so viel Plagen, noch so arge,
Zusammt dem ganzen Aethiopenlande,
Und dem Theil, der am rothen Meere liegt.

Und zwischen diesem grausen, wüsten Schwarme
Flohn Menschen nackt und ganz entsetzt umher,
Ohn' Aussicht auf Schlupfhöhl' und Heliotrop.

Die Hände hielten Schlangen auf dem Rücken;
Die bohrten sich mit Schwanz und Kopf den Hüften
Tief ein, und zeigten sich nach vorn verknotet.

Und sieh! auf einen, unserm Ufer nahe,
Stürzt eine Schlange sich, die ihn durchbohrte
Da, wo der Hals sich an die Schultern fügt.

Nicht O noch J schreibt man in solcher Schnelle,
Als er aufflammte, brannt' und, ganz in Asche
Verwandelt, flugs zusammenfiel.

Und als er so zerstäubt am Boden lag,
Fügte die Asche sich von selbst zusammen
Und ward im Nu zur selbigen Gestalt.

So stirbt der Phönix, wie von großen Weisen
Berichtet wird, wenn dem fünfhundertsten
Der Jahr' er naht, und dann ersteht er wieder.

Nicht nährt er lebend sich von Korn, noch Kräutern,
Von Weihrauch nur, von Thränen und Gewürzen,
Und Nard' und Myrrhen sind sein Scheiterhaufen.

Und wie, wer fällt und nicht die Ursach' weiß,
Ob ihn ein Dämon hin zur Erde ziehet,
Ob andre Lähmung, so die Menschen fesselt,

Sobald er sich erhebt, rings um sich schaut,
Noch voll Betäubung durch den großen Schrecken,
Den er erlitten und umblickend seufzet:

So war dem Sünder, als er neu erstanden.
Gerechte Allmacht, wie so streng doch bist du,
Daß solche Schläge deine Rach' ausströmet!

Alsdann fragt' ihn der Führer, wer er wäre;
Worauf er sprach: »Ich regnet' aus Toskana
Vor kurzem erst in diesen grausen Schlund.

Nicht Mensch zu sein gefiel mir, nein, ein Vieh,
Ich Maulthier, das ich war; bin Vanno Fucci;
Pistoja war des Viehes würd'ge Höhle.« -

Und ich zum Führer: »Sag ihm, daß er bleibe,
Und frag ihn, welche Schuld hinab ihn stieß,
Den einst als blut'gen Mann des Zorns ich sahe.« -

Der Sünder hört' es, doch entzog sich nicht,
Nein, wandte sich zu mir mit offnem Antlitz,
Das sich jedoch in traur'ger Scham verfärbte.

Dann sprach er: »Weit mehr schmerzt mich, daß im Elend
Du hier mich antrafst, drin du mich erblicktest,
Als da der Tod dem Leben mich entriß.

Nicht weigern kann ich dir, was du verlangest:
So tief ward ich versenkt, weil ich am schönen
Geräth der Sakristei Diebstahl beging;

Und fälschlich wurd' ein Andrer deß bezichtigt.
Doch daß du solcher Schau nicht froh gedenkst,
Wann je die dunklen Oerter du verlässest,

So leih dein Ohr dem, was ich künd', und höre:
Erst wird Pistoja um die Schwarzen ärmer;
Dann wechselt auch Florenz so Volk als Sitten.

Mars zieht aus Val di Magra Feuerdunst,
Der eingewickelt ist in Wetterwolken;
Und mit gewalt'gem, ungestümem Toben

Wird im Gefilde von Picen gekämpft:
Drauf jener stracks den Nebel wird zerstücken,
Daß jeder Weiße davon Wunden trägt.

Dies sagt' ich dir, damit's dich schmerzen möge.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 25
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 25

Fucci entflieht unter Gotteslästerungen. Dante sieht den Cacus als Centauren mit zahllosen Schlangen beladen. Wunderwürdige Darstellung der Verwandlung eines Menschen in eine Schlange.

Am Schluß der Worte hob geballt die Hände
Der Dieb empor, mit durchgesteckten Daumen,
Und rief: »Gott, nimm sie hin, dir gelten sie!« -

Von da an ward ich freundgesinnt den Schlangen;
Denn nun wand eine sich ihm um den Hals,
Als sagte sie: Du sollst nicht weiter sprechen.

Und eine andr' umschlang die Arme mehrmals
Und fesselte sie so, sich vorn verknüpfend,
Daß keinen Ruck damit er konnte thun.

Pistoja, ach Pistoja, was beschließest
Du nicht, dich einzuäschern, daß du nicht mehr sei'st,
Da früh're Bosheit du noch überbietest?

In allen düstern Höllenkreisen sah ich
Nicht einen Geist so trotzen gegen Gott,
Selbst den nicht, der von Thebens Mauern stürzte.

Er floh, und nicht ein Wort mehr ließ er hören.
Und einen wüthenden Centauren sah ich,
Der kam und rief: »Wo ist, wo ist der Trotzer?«

Nicht glaub' ich, daß Maremma so viel Schlangen
Erzeugt, als der dort auf der Kruppe hatte,
Bis dahin, wo der Menschenleib beginnt.

Es hockt am Hinterkopf ihm, auf den Schultern,
Ein Drache mit weit ausgespreizten Flügeln,
Der Feuer speit auf jeden, der ihm naht.

Da sprach mein Meister: »Jener dort ist Cacus,
Der unter'm Fels des Berges Aventinus
Gar oftmals eine Lache Bluts vergoß.

Nicht geht desselben Wegs er mit den Brüdern,
Des Raubes halb, den an der großen Hürde
In seiner Näh' er trügerisch beging.

Wonach ein Ende nahm sein tückisch Treiben
Durch Hercul's Keule, der wohl hundert Streich' ihm
Versetzte, doch nicht zehn fühlt' er davon.« -

Indeß er also sprach und jener abzog,
Da kamen unter uns hervor drei Schatten,
Die weder ich, noch auch mein Meister hätte

Gewahrt, wenn sie nicht schrie'n: »Wer seid ihr denn?« -
Dadurch gerieth nun unsre Mähr' in's Stocken,
Weil jetzo blos wir achteten auf jene.

Nicht kannt' ich sie; doch es geschah nunmehr,
Wie's wohl durch Zufall zu geschehen pfleget,
Daß einer just den andern nennen mußte,

Indem er rief: »Wo mag nur Cianfa bleiben?« -
Drum ich, damit mein Führer achtsam weile,
Vom Kinn den Finger an die Nase legte.

Wenn, Leser, schwer dir fiele, das zu glauben,
Was ich berichten will, so wär's kein Wunder,
Da ich, der ich es sah, mir selbst kaum glaube.

Wie ich den Blick auf sie gerichtet hielt,
Schießt plötzlich eine Schlange mit sechs Füßen
Vor einem auf und hängt sich fest ihm an.

Den Bauch umkrallt sie mit den mittlern Füßen
Und packt ihn mit den vordern an den Armen;
Dann haut den Zahn sie ihm in beide Wangen.

Die Hinterfüße stemmt sie an die Schenkel,
Und zwischen ihnen steckt den Schwanz sie durch,
Der hinter'm Rücken dann empor sich windet.

Nie hat wohl Epheu so sich festgewurzelt
An einen Baum, wie das furchtbare Thier
Um eines andern Glieder seine flocht.

Dann schmolzen beid', als wie von heißem Wachse,
Zusammen und vermischten ihre Farben,
Und keins erschien mehr, wie's vorher gewesen,

Wie von der Flamme Glut sich am Papiere
Nach oben breitet eine braune Farbe,
Die noch nicht schwarz ist, doch erstirbt das Weiße.

Die andern Beiden sahn dies an, und jeder
Rief: »Weh, Agnello, was denn wird aus dir!
Sieh, du bist ja schon nicht mehr zwei, noch einer.« -

Schon waren ihre Häupter eins geworden,
Da zwei Gebild' uns draus gemischt erschienen
Zu einem Antlitz, drin zergangen zweie.

Zwei Arme wurden aus zwei Gliederpaaren;
Die Brust, der Bauch, die Schenkel mit den Beinen,
Sie wurden Glieder, wie man nie gesehn.

Jedwedes früh're Aussehn war vernichtet;
Zwei schien und keins auch das verworrne Bildniß,
Und also ging es weg langsamen Schrittes.

So wie zur Zeit der großen Hundstagsgeißel
Die Eidechs, wenn, von Zaun zu Zaune schlüpfend,
Den Weg sie kreuzet, als ein Blitz erscheinet:

Dem gleich erschien ein flammenartig Schlänglein,
Das losschoß auf den Bauch der beiden andern,
Bräunlich und schwarz, als wie ein Korn vom Pfeffer.

Und es durchbohrt dem einen jenen Theil,
Wodurch der Mensch die erste Nahrung sauget;
Dann fiel es ausgestreckt vor ihm zu Boden.

Anschaut' es der Getroffne, doch nichts sagt' er;
Vielmehr er gähnt, die Füße regungslos,
Als ob ihn Schlaf befallen oder Fieber.

Er blickt das Schlänglein an, dies wieder ihn;
Stark dampft es aus der Wund' und aus dem Maule
Des Schlängleins, und der Rauch begegnet sich.

Lucanus schweige nun, wenn er berichtet
Vom Unglück des Nassidius und Sabellus,
Und hör' aufmerksam, was sich hier ereignet;

Es schweig' Ovid von Arethus' und Cadmus;
Denn nicht beneid' ich ihn, wenn im Gedicht er
Zur Quelle die, zur Schlange den verwandelt.

Denn nicht hat zwei Naturen, Stirn an Stirn,
Er so verwandelt, daß die zwei Gestalten
Bereit sich fanden, ihren Stoff zu wechseln.

Sie schlossen sich dermaßen aneinander,
Daß seinen Schwanz der Wurm zur Gabel spaltet,
Doch der Verwundete den Schritt verengt.

Die Bein' und Schenkel paßten so natürlich
Zusammen, daß in kurzem die Verbindung
Kein Merkmal ließ, um sie zu unterscheiden.

An nahm hier der gespaltne Schwanz die Bildung,
Die dorten sich verlor, und seine Haut
Gewann an Weich', indeß sich jene härtet.

Einschrumpfen sah die Arm' ich an den Achseln
Und wie des Unthiers kurze Füße sich
So viel verlängten, als sich jene kürzten.

Dann ward aus den verschlungnen Hinterfüßen
Das Glied gebildet, das der Mann verbirgt,
Und zwei aus seinem streckt hervor der Arme.

Indeß der Rauch mit neuer Farb' umkleidet
Die beiden, und an einem Theil nach oben
Das Haar erzeugt, am andern es hinwegnimmt:

Erhob sich der und jener fiel zu Boden,
Doch nicht abwendend die verruchten Lichter,
Worunter beide die Gesichter tauschten.

Bei dem, der stand, zog's hin sich nach den Schläfen,
Und vom zu vielen Stoff, der dahin strömte,
Erhuben Ohren sich aus glatten Wangen.

Was nicht zurückwich, sondern vornen blieb,
Dies Uebermaß wird im Gesicht zur Nase
Und schwellt, so viel es nöthig ist, die Lippen.

Dem, welcher lag, streckt sich nach vorn die Schnauze,
Die Ohren zieht er in den Kopf zurücke,
Gleich wie die Schneck' es mit den Hörnern thut;

Die Zunge, früher ganz und stets bereit
Zum Reden, spaltet sich, und die gespaltne
Beim andern schließt sich und ausbleibt der Rauch.

Das Wesen, das zum wilden Thier geworden,
Macht zischend durch das Thal sich auf die Flucht,
Der Andre schilt und sprudelt hinterdrein.

Dann wendet er ihm zu die neuen Schultern
Und sagt zum andern: »Buoso mag nun laufen,
Wie ich einst, durch das Thal auf allen Vieren.«

So sah ich bei dem siebenten Gesindel
Verwandlung und Rückwandlung; hier entschuld'ge
Mich Neuheit, wenn die Sprach' ein wenig sprudelt

Und wenn mir gleich etwas verwirrt geworden
Die Blicke waren, und der Geist betäubt:
So unbemerkt nicht konnten Jen' entfliehen,

Daß ich nicht wohl erkannt Puccio Sciancato;
Auch war er's einzig, der von drei Gefährten,
Die erst gekommen, nicht verwandelt wurde;

Der Andre war, den du beklagst, Gaville.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 26
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 26

In der achten Bulge erblicken die Dichter unzählige Feuerflammen, worin die trügerischen Rathgeber büßen. Eine Doppelflamme schließt Diomedes und Ulysses ein, welcher letztere seinen Untergang erzählt.

Freu dich Florenz, wie doch so groß du bist,
Daß du durch Meer und Land die Flügel schlägest,
Und durch die Hölle sich dein Nam' ausbreitet!

Ich traf hier bei den Dieben fünf dergleichen
Als deine Bürger, drob mich Scham ergreift,
Und auch du nicht zu großen Ehren steigest.

Doch wenn sich Morgenträume wahr erzeigen,
Wirst du in kurzem fühlen, was dir Prato,
Von anderen zu schweigen, Gutes sinnet.

Und wär's schon da, es ware nicht zu frühe.
Doch wär's nur schon, weil's doch einmal muß sein!
Denn mehr mich schmerzen wird's, je mehr ich altre. -

Von dannen gingen wir; empor die Stiegen,
Auf Blöcken, die zuvor herab uns halfen,
Klomm jetzt mein Führer und mich zog er nach.

Und als wir so den öden Weg verfolgten,
Kam zwischen Zacken und Geklipp des Felsens
Der Fuß nur durch die Hand noch von der Stelle.

Da schmerzte mich, und jetzt noch schmerzt es mich,
Richt' ich den Sinn auf das, was ich gesehen,
Und zügl' ich mehr den Geist, als sonst ich pflege,

Daß er der Tugend Leitung nicht entweiche,
Daß, wenn ein günst'ger Stern mir, oder Höh'res,
Ein Gut verlieh, ich selbst es nicht verscherze.

So viel der Landmann, der am Hügel ausruht
Zur Zeit, da jener, der die Welt erleuchtet,
Sein Antlitz weniger vor uns verbirgt,

Wann schon die Fliege weicht der Wassermücke -
Leuchtwürmchen unten in dem Thale siehet,
Wo grad er Trauben erntet oder ackert:

Von so viel Flammen ganz und gar erstrahlte
Die achte Bulge, wie ich gleich gewahrte,
Sobald ich dort stand, wo den Grund man sieht.

Wie jener, der sich durch die Bären rächte,
Den Wagen des Elias scheiden sah,
Als himmelan die Rosse sich erhuben -

Denn so nicht konnt' er mit den Augen folgen,
Daß etwas mehr gesehn er als die Flamme,
Die, aufwärts steigend, nur ein Wölkchen schien:

So huschten alle leicht hin durch den Schlund
Des Grabens, um nicht ihren Raub zu zeigen;
Denn einen Sünder barg jedwede Flamme.

Ich stand so auf den Zehen auf der Brücke,
Daß, hätt' ich nicht ein Felsenstück ergriffen,
Ich ohne Stoß hinabgefallen wäre.

Als mich so aufmerksam der Führer sah,
Sprach er: »In diesen Flammen sind die Geister:
Ein jeder hüllt in die sich, die ihn brennet.« -

»Mein Meister«, sprach ich, »wenn von dir ich's höre,
Ist mir's gewisser; doch ich wußte schon,
Daß es so wär', und schon wollt' ich dich fragen:

Wer ist in der, die oben so sich spaltet,
Daß sie vom Holzstoß aufzusteigen scheint,
Der Eteocles mit dem Bruder aufnahm?« -

Zur Antwort gab er mir: »Drin leidet Marter
Ulyß mit Diomed, die nun vereint gehn
In ihrer Qual, wie einst in ihrem Zorne:

Und sie beseufzen innerhalb der Flamme
Des Rosses Kriegslist, so die Pforte brach,
Woraus der Römer edle Saat hervorging.

Beweint wird drin die List, ob der im Tode
Deidamia noch um Achilles klaget,
Und für's Palladium trägt man dort die Strafe.« -

»Wenn sie in jenen Flammen sprechen können,
So bitt' ich, Meister, sehr und bitte nochmals,
Daß meine Bitte tausend Bitten gelte:

Verweigre nicht mir, daß ich warten dürfe,
Bis die gehörnte Flamme sich uns nahet;
Du siehst, wie ich mich sehnend zu ihr neige.« -

Und er zu mir: »Gar vielen Lobes würdig
Ist deine Bitt', und drum gewähr' ich dir sie:
Doch halte deine Zunge wohl im Zügel.

Mich lasse reden, denn begriffen hab' ich
Das, was du willst; vielleicht, daß deinem Worte
- Sie sind ja Griechen - sie sich scheu bezeigen.« -

Als nun die Flamme bis dahin gekommen,
Wo Zeit und Ort dem Führer passend schienen,
Hört' ich in dieser Weis' ihn zu ihr sprechen:

»Ihr, die ihr beid' in einer Flamme hauset,
Wenn ich's um euch verdient, dieweil ich lebte,
Wenn ich's um euch verdient, viel oder wenig,

Als ich die hehren Vers' auf Erden schrieb:
Nicht rührt euch; sondern einer von euch sage,
Wo er durch eignen Irrthum fand den Tod?« -

Das größre Horn von dieser alten Flamme
Begann hierauf sich mit Geräusch zu schütteln,
Gleich einer, wenn sie mit dem Winde kämpft.

Darnach die Spitze hin und her bewegend,
Der Zunge gleich, die sich zu sprechen anschickt,
Stieß Worte sie hervor und sagte: »Damals,

Als Circe mich entließ, die mich zurückhielt
Mehr als ein Jahr dort nahe bei Gaeta,
Bevor Aeneas noch es also nannte:

Nicht konnten Lust am Sohn noch Sohnesmitleid
Mit dem ergreisten Ahn, noch schuld'ge Liebe,
Mit der Penelopen ich sollt' erfreuen,

In mir den ungestümen Drang besiegen,
Mich mit der weiten Welt bekannt zu machen,
Wie mit der Menschen Werth und ihren Fehlern.

So wagt' ich mich auf's offne, hohe Meer
Mit meinem einz'gen Schiff und jener kleinen
Genossenschaft, die niemals mich verließ.

Bis Spanien hin erblickt' ich beide Küsten,
Bis gen Marocco und der Sarden Insel,
Und andre, welche rings das Meer bespült.

Gealtert schon und schwach nebst den Begleitern,
Gelangt' ich endlich zu dem engen Schlunde,
Wo Hercules die Male hinterlassen,

Damit die Menschen sich nicht weiter wagten.
Zur Rechten ließ ich hinter mir Sevilla,
Zur Linken hatt' ich Ceuta schon verlassen.

O Brüder, sagt' ich, die durch hunderttausend
Gefahren ihr zum fernen Westen kamet:
Der nur noch so geringen Abendwache

Der Sinne, die euch übrig ist geblieben,
Versagt doch nicht, auch noch jenseit der Sonne
Die Welt, die leer von Menschen, zu erkunden.

Betrachtet euren Ursprung doch: ihr wurdet
Geschaffen nicht, um wie das Vieh zu leben,
Nein, Kenntniß euch und Tugend zu erwerben.

Ich machte die Gefährten nach dem Wege
Durch diese kleine Rede so begierig,
Daß ich sie dann kaum abgehalten hätte.

So machten wir, das Steuer gegen Osten,
Aus Rudern Flügel für den tollen Lauf,
Und wendeten stets mehr uns nach der Linken.

Es sah die Nacht schon alle die Gestirne
Des andern Pols, und also tief den unsern,
Daß nicht er auftaucht' aus des Meeres Fläche.

Fünfmal entzündet und so viele Male
Verloschen war das Licht schon unter'm Monde,
Seit wir die kühne Fahrt begonnen hatten:

Als ein Gebirg vor uns sich zeigte, dunkel
Durch die Entfernung, und mir schien so hoch es,
Wie mir bisher noch keines vorgekommen.

Wir jubelten, doch bald erscholl's von Klagen;
Denn von dem neuen Land erhub ein Sturm sich,
Der unser Schiff am vordern Ende traf.

Dreimal macht er's mit allen Wassern kreisen,
Beim vierten bäumt das Steuer, und der Schnabel
Senkt sich hinab, denn so gefiel's Dem droben,

Bis über uns das Meer zusammenschlug.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 27
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 27

Dante befragt noch eine andere Flamme, in welcher sich Graf Guido von Montefeltro birgt, der ihm mittheilt, wie er Bonifaz VIII. zu einem schändlichen Treubruch gerathen.

Schon aufgerichtet, weil sie nichts mehr sagte,
Und ruhig stand die Flamm', und weg von uns
Nun ging sie mit des süßen Dichters Urlaub:

Als eine zweite, welche nach ihr kam,
Auf ihren Gipfel unsre Augen lenkte,
Durch den verworrnen Ton, der von ihr ausging.

Wie der Sicilische Stier zuerst ausbrüllte
Den Jammer dessen - und mit großem Rechte, -
Der ihn mit seiner Feile hergerichtet,

So brüllte mit der Stimme des Gequälten,
Daß, ungeachtet er von Erz gewesen,
Er doch von Schmerzen ganz durchdrungen schien:

So tönten irre, da sie weder Weg
Noch Ausgang aus dem Feuer anfangs fanden,
In dessen Sprache die zerquälten Worte.

Doch als sie ihren Weg hin durch die Spitze
Genommen, der sie jene Schwingung gaben.
Die bei dem Durchgang drin die Zung' erregte,

Vernahmen wir: »O du, den grad ich jetzo
Anred' und der mir eben auf Lombardisch
Gesagt: Geh weg, ich reize dich nicht weiter, -

Bin ich auch wohl ein wenig spät gekommen,
Laß ein Gespräch mit mir dich nicht gereuen;
Sieh, mich verdrießt es nicht, obwohl ich brenne,

Bist du erst eben jetzt aus jenem süßen
Latinerland, draus arge Schuld mich trieb,
In diese düstre Welt herabgefallen:

Sprich, hat Romagna's Volk Krieg oder Frieden?
Denn aus den Bergen bin ich, die Urbino
Vom Bergzug trennen, draus die Tiber vorbricht.« -

Noch stand ich aufmerksam herabgeneiget,
Als mich mein Führer an die Seite rührte
Und sagte: »Rede du, Lateiner ist er.« -

Und ich, der schon bereit die Antwort hatte,
Begann nun ohne Säumen so zu sprechen:
»O Seele, die verborgen ist dort unten,

Deine Romagna ist und war niemalen
In ihrer Dränger Herzen frei von Kampf;
Doch offen herrschte keiner, als ich wegging.

Ravenna steht, wie's lange Jahre stand;
Es brütet über ihm Polenta's Adler,
So daß er Cervia deckt mit seinen Schwingen.

Die Stadt, die einst so lange Prüfung aushielt
Und blut'ge Haufen von Franzosen thürmte,
Liegt unter' m Griffe nun der grünen Pranken.

Verrucchio's alter Bluthund und der junge,
Die mit Montagna wüst verfuhren, setzen
Da, wo sie sind, die Zähn' als Bohrer an.

Die Städte vom Lamon' und vom Santerno
Beherrscht das Löwchen in dem weißen Felde,
Der die Partei in jedem Halbjahr wechselt.

Und jene, die der Savio bespület,
Lebt, wie sie zwischen Berg und Eb'ne lieget,
So zwischen Tyrannei und freiem Zustand.

Jetzt bitt' ich dich, sag mir nun auch, wer du bist:
Sei nicht rückhaltender, als andre waren,
Soll auf der Welt dein Name sich behaupten.« -

Drauf, als die Flamm' ein wenig sich verzischt
Nach ihrer Art, bewegt' die scharfe Spitze
Sich hin und her und kam dann so zu Athem:

»Glaubt' ich, daß meine Antwort käm' an einen,
Der jemals auf die Welt zurückekehrte,
So bliebe diese Flamm' ohn' alles Schüttern;

Doch weil kein Lebender aus diesem Abgrund
Zurück je kehrt, wenn wahr ist, was ich hörte,
So geb' ich ohne Furcht vor Schmach die Antwort.

Ein Kriegsmann war ich einst, dann Franciskaner;
Denn mit dem Strick zu gehn hielt ich für Buße.
Und sicher wär' mir Glaub' in Fülle worden,

War nicht der große Priester - Weh befall' ihn! -
Der mich zurück in früh're Laster stürzte:
Wie und warum, das sollst du jetzo hören.

So lang ich, von der Mutter her, die Glieder
Von Bein und Fleisch trug, waren meine Thaten
Nicht die des Löwen, sondern die des Fuchses.

In allen Ränken und geheimen Schlichen
War ich gewandt und brauchte sie mit Listen,
So daß der Ruf davon die Welt erfüllte.

Doch als ich mich zu jener Höh' des Alters
Gekommen sah, da jeglicher die Segel
Einziehen und die Tau' aufrollen sollte:

Gereute mich, was sonst ergetzt mich hatte,
Und gern ergab ich mich der Reu' und Buße,
Was - weh mir Armen! - wohl genützt mir hätte.

Jedoch das Haupt der neuen Pharisäer,
In Krieg begriffen nah beim Laterane,
(Nicht mit den Juden, noch den Saracenen,

Denn jeder seiner Feinde war ein Christ,
Und keiner mit bei Acre's Sturm gewesen,
Noch auch als Kaufmann in des Sultans Landen,) -

Nicht höchstes Amt, noch heilige Gebote
Ehrt' er an sich, an mir nicht jenen Strick,
Der, die ihn tragen, magrer pflegt zu machen.

Nein, wie einst Constantin dort vom Soracte
Sylvestern rief, den Aussatz ihm zu heilen,
Rief jener mich herbei, als Eingeweihten,

Daß ich ihm seines Stolzes Fieber heilte.
Er fragte mich um Rath; doch schwieg ich noch,
Weil eines Trunknen seine Worte schienen.

Drauf sagt' er mir: »Dein Herz sei ohne Bangen,
Hier absolvir' ich dich, du aber lehr' mich,
Wie Penestrino ich zu Boden werfe.

Ich kann den Himmel schließen und erschließen,
Das weißt du wohl; denn zwei sind ja der Schlüssel,
Die mein Vorgänger schlecht in Acht genommen.«

Da brachten mich dahin gewicht'ge Gründe,
Zu denken, daß hier Schlimmstes Schweigen sei,
Und ich begann: »Da du mich, Vater, reinigst

Von jener Sünd', in die ich jetzt muß fallen: -
Durch groß Versprechen und geringes Halten
Wirst auf dem hohen Sitz du triumphiren.« -

Als todt ich, kam Franciscus, mich zu holen;
Doch einer jener schwarzen Cherubim
Sprach: »Trag ihn nicht hinweg, thu mir nicht Unrecht.

Hinunter muß er, unter mein Knechte,
Weil er den trügerischen Rath gegeben,
Seit welchem ich ihn stets am Haare hielt:

Lossprechen kann man nicht, wer nicht bereuet,
Wie nicht zugleich bereun und sünd'gen wollen,
Da solcher Widerspruch sich nicht verträgt.« -

Weh mir Unseligen! Wie sträubt' ich mich,
Als er mich packt' und sprach: »Vermuthlich hast du
Gar nicht geglaubt, daß ich auch Logik wüßte!« -

Vor Minos bracht' er mich, und der umwand sich
Den harten Rücken achtmal mit dem Schweife;
Dann biß in großer Wuth er sich hinein

Und sprach: Der ist des Diebesfeuers schuldig! -
Drum ward ich, wie du siehst, hieher verdammt
Und wandle gramvoll hier in solcher Hülle.« -

Als seine Red' er so beendet hatte,
Entfernte sich dann kummervoll die Flamme,
Indem das spitze Horn sich wand und zuckte.

Drauf gingen wir, ich und mein Führer, weiter
Den Fels entlang, bis auf den nächsten Bogen
Ob jenem Graben, wo die Zoll entrichten,

Die, Zwietracht säend, sich mit Schuld beluden.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 28
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 28

Die neunte Bulge enthält die Anstifter von Aergerniß, Spaltungen und Ketzereien. Blut und Verstümmelung macht die Scene aus. Der Zwietrachtsäer Mahomet und Bertram de Born von Altasorte der Troubadour, sind die vorzüglichsten der Genannten.

Wer könnte, selbst in ungebundner Rede,
Vom Blut und von den Wunden gnug berichten,
Die jetzt ich sah, thät er's auch viele Male.

Drob würde sicher jede Zung' erlahmen,
Weil unsre Sprache wie auch unser Geist,
So viel zu fassen, wenig Umfang haben.

Wenn man auch alles Volk zusammenbrächte,
Das auf Apuliens schicksalsvollem Boden
Sein Blut beklagte, das einst durch die Römer

Vergossen ward, und in dem langen Kriege,
Der so unzähl'ge Beut' an Ringen gab,
Wie Livius es berichtet, der nicht irret;

Nebst jenem, das der Streiche Schmerzen fühlte,
Weil Robert Guiscard es entgegenstand;
Und jenes, deß Gebeine noch man sammelt

Bei Ceperano, wo jedweder Puglier
Zum Lügner ward, und das bei Tagliacozzo,
Wo ohne Waffen siegt' Alard der alte,

Und der durchbohrt die Glieder zeigt' und jener
Den Stumpf: - so wär's doch gar nicht zu vergleichen
Dem grausenvollen Wust der neunten Bulge.

Kein Faß, wenn's eine Zarge oder Daube
Verlor, klafft also, wie ich einen sahe,
Gespalten von dem Kinne bis zum After.

Hinab hing das Gedärm ihm an den Beinen:
Es zeigt sich das Geschling' und auch der Sack,
Der ekle, welcher Koth macht aus Verschlungnem.

Indem ich fest den Blick auf ihn noch hefte,
Schaut er mich an und öffnet sich die Brust,
Ausrufend: »Sieh nun, wie ich mich zerfleische!

Sieh hier, wie Mahomed verstümmelt ist!
Dort vor mir geht hinweg wehklagend Ali,
Vom Schopf zum Kinn das Angesicht gespalten.

Und all die andern, die du hier erblickest,
Weil sie im Leben Aergerniß und Spaltung
Gesä't, gehn so zerhauen hier umher.

Ein Teufel ist dahinten, der zerspellt uns
So grausam, da er jeden dieses Haufens
Auf's neu des Schwertes Schärfe fühlen läßt,

Wenn wir die Schmerzensbahn durchmessen haben;
Denn unsre Wunden haben sich geschlossen,
Eh noch ein jeder wieder vor ihn her kommt.

Doch wer bist du, der du da gaffst vom Felsen?
Du säumst wohl, dich zu unterziehn der Strafe,
Dir zuerkannt, je wie die Schuld dich anklagt?« -

»Den traf nicht Tod, noch führet Schuld ihn her,
Um ihn zu quälen«, sagte drauf der Meister;
»Doch daß Erfahrung ihm in Fülle werde,

Soll ich, der längst gestorben, ihn hinunter
Von Kreis zu Kreise durch die Hölle führen;
Und so verhält es sich, wie ich dir sage.« -

Wohl mehr als hundert hielten, wie sie's hörten,
Im Graben an, um recht mich zu betrachten,
Da vor Erstaunen sie der Qual vergaßen.

»So sage du, der wohl in kurzem wieder
Die Sonne schaut, daß Fra Dolcin so gut sich,
Wenn er nicht bald zu folgen mir gedenket,

Verseh' mit Vorrath, daß des Schneees Menge
Dem Novaresen nicht den Sieg verschaffe,
Den sonst er nicht so leicht erlangen möchte.«

Zu mir sprach diese Worte Mahomed,
Indem er einen Fuß zum Schritt bereit hielt
Und dann zum Weitergehn ihn niedersetzte.

Ein andrer, dem durchstochen war die Gurgel,
Bis zu den Brau'n die Nas' auch abgeschnitten,
Und der nur noch ein Ohr am Kopfe trug:

Blieb vor Verwundrung mit den andern stehen,
Zu schaun; that dann vor ihnen auf die Kehle,
Die außen überall vom Blute roth war,

Und sprach: »O du, den keine Schuld verdammet,
Den im Latinerland ich schon gesehen,
Wenn mich zu große Aehnlichkeit nicht täuscht:

Erinnre dich des Pier da Medicina,
Siehst du jemals die süße Eb'ne wieder,
Die von Vercell nach Marcabò sich neiget,

Und laß die beiden Würdigsten von Fano,
Herrn Guido und Herrn Angiolello, wissen,
Daß, wenn Voraussehn hier nicht eitel ist,

Aus ihrem Schiffe man heraus sie werfen
Und bei Cattolica ertränken wird,
Weil sie ein schurkischer Tyrann verrathen.

Nicht sah Neptun so große Frevelthat
Je zwischen Cyperns Eiland und Majorca,
Nicht von Piraten, noch vom Griechenvolke.

Er, der Verräther, der ein Aug' nur hat,
Und jene Stadt besitzt, die mein Genoß hier
Gesehn zu haben gerne missen möchte,

Wird sie zur Unterredung hin bescheiden,
Und so dann thun, daß sie bei'm Wind Focara's
Gelübde nicht bedürfen, noch Gebete.« -

Und ich zu ihm: »Zeig' und erkläre mir,
Soll ich von dir nach oben Kunde bringen:
Wer ist's, dem's bitter wär', die Stadt zu schauen?« -

Drauf an die Kinnlad' eines der Genossen
Legt' er die Händ' und riß den Mund ihm auf,
Und rief dann: »Dieser ist es, der nicht spricht.

Er, der Vertriebne, tilgte das Bedenken
In Cäsar, den er warnte, daß Verzögrung
Dem Rüstigen nur immer Schaden brächte.« -

Ach, wie erschien nun Curio eingeschüchtert
Mit der zerfetzten Zung' in seiner Gurgel,
Er, der so keck sich einst im Reden zeigte!

Und einer, welchem abgehaun die Hände,
Erhob die Stummel in die düstre Luft,
So daß das Blut auf's Antlitz ihm herabtroff,

Und schrie: »Gedenk auch mein, des Mosca,
Der - weh! - gesagt: »Gethan, das andre gibt sich!«
Was schlimmer Same war dem Tuskervolke« -

»Und«, fügt' ich noch hinzu, »Tod deinem Stamme;«
Worüber er, da Schmerz zu Schmerz sich häufte,
Davon ging wie verzweifelnd und im Wahnsinn.

Ich aber blieb, den Schwarm mir zu betrachten,
Und sah, - darob, ohn' anderen Beweis,
Der Muth mir fehlen würde zu berichten,

Wenn das Bewußtsein mich nicht sicher machte.
Dies treffliche Geleit, das unter'm Panzer
Der Reinheit des Gewissens Muth einflößt -

Fürwahr, ich sah, und glaub' es noch zu sehen:
Ein Rumpf ging ohne Haupt umher, wie gleichfalls
Die andern der elenden Heerde gingen;

Und das getrennte Haupt hielt bei den Haaren
Und schwenkt' er mit der Hand, gleich der Laterne,
Und dieses blickt' uns an und sagte: »Weh mir!«

So macht' er aus sich selbst sich eine Leuchte,
Und waren zwei in Einem, Eins in zweien:
Wie dies bestehn kann, weiß, wer's so geordnet.

Als er nun dicht am Fuß der Brücke stand,
Hob hoch den Arm empor er mit dem Haupte,
Um seine Worte näher uns zu bringen;

Die waren: »Siehe hier die schwere Strafe,
Du, der du lebend kommst, zu schaun die Todten:
Sieh, ob's noch eine gibt, so groß wie diese!

Und daß von mir du Kunde mit dir nehmest,
So wiss', ich bin Bertram de Born, der einstens
Dem Könige Johann so schlimm gerathen.

Ich sä'te Feindschaft zwischen Sohn und Vater:
Nicht ärger trieb's mit Absalon und David
Durch bösliches Verhetzen Ahitofel.

Weil ich nun einst getrennt so eng Verbundne,
Trag' ich Elender jetzt mein Hirn getrennet
Von seiner Quelle, die in diesem Rumpf ist.

So zeigt in mir sich das Vergeltungsrecht.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 29
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 29

Dante vernimmt von dem Brückenbogen zur zehnten Bulge herab das Wehklagen der Fälscher und Alchemisten, die durch ekelhaftes schweres Siechthum gestraft werden, sieht aber keinen wegen des Dunkels, bis er vom Felsen herabsteigt. Er spricht nun mit Griffolino von Arezzo und Capocchio von Siena.

Das viele Volk, die manigfachen Wunden,
Sie hatten mir die Augen so berauscht,
Daß sie nach Ruh, sich auszuweinen, sehnten.

Da sprach Virgil zu mir: »Was starrst du noch?
Warum verweilt sich noch dein Blick da unten
Auf den verstümmelten, trübsel'gen Schatten?

Du thatest das ja nicht in andern Bulgen:
Wenn du sie zählen wolltest, so bedenk nur,
Es kreist dies Thal ja zwei und zwanzig Meilen.

Schon steht der Mond grad unter unsern Füßen:
Der Zeit, die uns vergönnt, ist nur noch wenig,
Und andres noch zu sehn, als hier du siehest.« -

»Wenn du den Grund«, erwiedert' ich darauf,
»Beachtetest, weshalb ich also blickte,
Du hättest wohl zu weilen mir gestattet.«

Inzwischen ging - und ich ging hinter ihm -
Der Führer, und die Antwort setzt' ich fort
Und sprach noch weiter: »Dort in jener Grube,

Worauf den Blick so scharf ich hielt gerichtet,
Beweint, glaub' ich, ein Geist von meinem Blute
Die Schuld, die da so theuer kommt zu stehen.« -

Drauf sprach zu mir der Meister: »Nicht zerquäle
Von nun an dein Gehirn mehr über jenen;
Auf andres acht' und laß ihn ruhig dorten.

Ich sah, wie er am Fuß der kleinen Brücke
Auf dich herzeigt' und mit dem Finger drohte,
Und hört' ihn nennen auch Geri del Bello.

Dein Geist war damals grade so beschäftigt
Mit dem, der einstens Hautefort besaß,
Daß du auf ihn nicht sahst; dann war er fort.« -

»O mein Gebieter, sein gewaltsam Ende,
Für das ihm«, sprach ich, »noch nicht Rache wurde
Durch den, der ja die Schmach mitfühlen sollte,

Erfüllt' ihn, wie ich glaube, so mit Zorn,
Daß er davon ging, ohn' ein Wort zu sprechen.
Und um so mehr hab' ich mit ihm nun Mitleid.« -

So sprachen wir, zur ersten Stelle wandelnd,
Wo man vom Fels das nächste Thal wohl sähe
Bis tief zum Grund, wenn dies mehr Licht vergönnte.

Als wir zum letzten Einschluß Malebolge's
Gelangten, wo wir seine Laienbrüder
Vor unserm Blick erscheinen sehen konnten:

Da bohrten sich verschiedner Klagen Pfeile
In mich, die so geschärft von Mitleid wurden,
Daß mit den Händen ich die Ohren zuhielt.

Wie groß das Elend, wenn aus den Spitälern
Der Val di Chiana, zwischen Heu- und Herbstmond,
Aus der Maremm' und aus Sardiniens Gauen

Die Kranken all' in eine Grube kämen:
So war es hier; und aufstieg solcher Stank,
Wie von verfaulten Gliedern pflegt zu kommen.

Hinunter klommen wir zum letzten Abhang
Des langen Felsens, stets nach links gewendet;
Und wieder mehr belebt war nun mein Blick

Zum Grund gerichtet, wo die unfehlbare
Gerechtigkeit, die Dienerin des Höchsten,
Die Fälscher straft, die sie für hier verzeichnet.

Nicht größrer Jammer war es, in Aegina,
Dünkt mich, erkrankt das ganze Volk zu sehen,
Als so bösartig war die Luft geworden,

Daß alle Thiere bis zum kleinsten Wurme
Hinfielen, und darauf die alten Völker
- Wie es die Dichter für gewiß bezeugen -

Durch Samen der Ameisen sich erneuten:
Als man die matten Geister haufenweise
Hinschmachten sah in jenem finstern Thale.

Der hier lag auf dem Bauch, der auf den Schultern
Des andern; der, auf allen Vieren kriechend,
Sucht' auf dem traur'gen Pfad den Platz zu ändern.

Stillschweigend gingen Schritt vor Schritt wir weiter
Und sahn hinab und horchten nach den Kranken,
Die ihre Leiber nicht erheben konnten.

Zwei sah ich sitzend sich einander stützen,
Wie Pfanne man an Pfanne lehnt zum Wärmen,
Von Kopf von zu Füßen voll Flecken Schorfes.

Niemals sah ich so schnell die Striegel brauchen
Von einem Stallknecht, den sein Herr erwartet,
Noch auch von jenem, der gern schlafen möchte:

Als jeder, in der tollen Wuth des Juckens,
Das nicht mehr Rath sich weiß, das häuf'ge Kratzen
Der Nägel über sich hinstreifen ließ,

Und mit den Nägeln sich den Grind abschälte,
Wie man mit Messern schabt vom Blei die Schuppen,
Und andrem Fische, der noch größre hat.

»Du, der du mit den Fingern dich entpanzerst«,
Begann mein Führer zu der beiden einem,
»Mitunter wohl als Zangen sie gebrauchest:

Sag an, ob ein Lateiner unter jenen,
Die dieser Ort enthält, wofern dir ewig
Zu der Arbeit dein Nagel reichen soll.« -

»Lateiner sind wir zwei, die so zerschunden
Du hier erblickst«, antwortet jener weinend;
»Doch du, wer bist du, der du solches fragst?« -

Drauf dieser: »Einer bin ich, der hinabsteigt
Mit diesem Lebenden von Fels zu Felsgrat,
Darauf bedacht, daß ich die Höll' ihm zeige.« -

Da trennten sie die gegenseit'ge Stütze,
Und zitternd wandte jeder sich zu mir,
Nebst andern, die's durch Wiederhall vernommen.

Der gute Meister, mit vertrautem Wesen
Sprach er zu mir: »Sag ihnen, was dir gut dünkt.« -
Und ich begann, da er sich wieder wandte:

»Soll euer Angedenken in der Welt
Sobald nicht aus der Menschen Herzen schwinden,
Vielmehr noch während vieler Sonnen leben:

So sagt mir, wer ihr seid, von welchem Volke.
Dies euer scheußlich ekelhaftes Leiden
Halt' euch nicht ab, euch mir zu offenbaren.« -

»Mich, aus Arezzo«, gab zur Antwort einer,
»Ließ Albero da Sien' im Feuer sterben;
Doch das, warum's geschah, führt nicht hierher mich.

Wahr ist's, daß ich gesagt, im Scherze sprechend:
Ich könnt' im Flug mich in die Luft erheben;
Und er, bei wenig Witz, doch voll Begierde,

Befahl, daß ich die Kunst ihn lehr', und ließ mich,
Blos weil ich ihn zum Dädalus nicht machte,
Durch den verbrennen, der als Sohn ihn hegte.

Nein, in die letzte Bulge von den zehnen
Verdammte Minos, dem kein Irrthum möglich,
Mich wegen Alchemie, der ich gepflogen.« -

Und zu dem Dichter sprach ich: »Gab's wohl jemals
Leichtfert'ger Volk als diese Sienesen?
Selbst die Franzosen sind's gewiß nicht ärger.« -

Als dies der andr' Aussätzige gehöret,
Erwiedert' er: »Den Stricca ausgenommen,
Der recht im Aufwand Maß zu halten wußte;

Und Nicolo, der allererst erfunden
Der würz'gen Näglein kostbaren Gebrauch
Im Garten, wo dergleichen Samen anschlägt;

Und die Gesellschaft, wo Caccia d'Asciano
Den Weinberg und den großen Wald verpraßte,
Und Abbagliato seinen Witz ließ glänzen.

Doch daß du wissest, wer dir gegen Siena's
Volk also beisteht, schärf' auf mich den Blick,
Damit dir mein Gesicht gut Rede stehe:

So wirst du sehn, daß ich Capocchio's Schatten,
Der einst durch Alchemie Metalle fälschte,
Und mußt, erkenn' ich recht dich, wohl noch wissen,

Welch guter Affe der Natur ich war.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 30
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 30

Hier spricht Dante von anderen Arten der Verfälscher, von solchen, die sich als Andere dargestellt haben und umherlaufen müssen, um die Münzfälscher zu beißen, welche wassersüchtig sind und von stetem Durste gepeinigt werden; die dritten sind Fälscher der Rede, die sich im Fieberwahnsinn gegenseitig anfallen. Groteske Schlägerei zwischen Meister Adam und Sinon von Troja.

Zur Zeit, als Juno wegen Semelen
In Zorn war gegen das Geschlecht von Theben,
Wie sie verschiedne Male schon sich zeigte:

Ward Athamas vom Wahnsinn so ergriffen,
Daß, als die Gattin er mit zweien Knaben,
Auf jedem Arm je einen, kommen sah,

Er ausrief: »Spannt die Netze, daß am Ausgang
Die Löwin ich zusammt den Jungen fange!«
Dann streckt' er aus die unbarmherz'gen Klauen,

Ergriff den einen, der genannt Learchus,
Und schwang und schmettert' ihn an einen Stein;
Doch jen' ertränkt sich mit der andern Bürde.

Und als Fortuna der Trojaner Macht,
Die alles wagte, nach der Tiefe wandte,
So daß zusammt dem Reich der König hinsank:

Ließ Hecuba voll Grams, elend, gefangen,
Als sie Polyrenen gemordet sahe,
Und ihren Polydorus am Gestade

Des Meers, die Jammervolle, hatt' erblickt -
Im Wahnsinn, wie ein Hund, Gebell erschallen:
So großer Schmerz hatt' ihr den Sinn verstört.

Doch weder Thebens Furien, noch Troja's
Sah man in Einem solche Wuth auslassen
An Thieren nur, geschweig an Menschengliedern,

Als dort ich sah zwei Schatten, bleich und nackt,
Die, um sich beißend, in dem Trabe rannten
Des Schweines, welches man dem Stall' entläßt.

Capocchio trifft der ein' im Nackenwirbel,
Beißt dort sich fest und schleppt am stein'gen Boden
Ihn also fort, daß er den Bauch sich schrammt.

Und zitternd blieb zurück der Aretiner
Und sprach: »Der Poltergeist ist Gianni Schicchi,
Der wild umhertobt, andre so zu schäd'gen.« -

»O«, sagt' ich, »soll der andre dir die Zähne
Nicht in den Leib einschlagen, scheu' die Müh' nicht,
Zu sagen, wer er ist, eh er davon geht.« -

Und er zu mir: »Dies ist die alte Seele
Der frevlerischen Myrrha, die dem Vater
Mit mehr als Tochterliebe Freundin wurde,

Und diesen so mit ihr zur Sünde brachte,
Indem sie sich in andre Form verfälschte,
Wie jener, der dort wegeilt, unternahm,

Sich in Buoso Donati zu verfälschen,
Nach Rechtesform letztwillig so verfügend,
Daß ihm der Heerde schönste Stute würde.« -

Und als die beiden Wüthenden vorüber,
Die ich im Auge fest gehalten hatte,
Wandt' ich es auf die andern Schlimmgebornen.

Da sah ich einen in der Form der Laute,
Denkt man sich an den Weichen ihn gestutzt,
Da, von wo ab der Mensch gespalten ist.

Die läst'ge Wassersucht, die so die Glieder
Unförmlich macht durch schlecht gemischte Säfte,
Daß das Gesicht zum Wanste nicht mehr paßt,

Bewirkte, daß die Lippen offen standen,
Wie beim Schwindsüchtigen, der Durstes halber
Dem Kinn zu diese hält, die andre aufwärts.

»O ihr, die ihr - nicht weiß ich das Warum? -
Ohn' alle Straf' in dieser düstern Welt seid«,
Sagt' er zu uns, »blickt her nur und beachtet

Das unglücksel'ge Loos des Meister Adam! -
Ich hatt' im Leben alles, was ich wünschte,
Und schmachte jetzt nach einem Tröpflein Wassers.

Die Bäche, welche von den grünen Hügeln
Des Casentin zum Arno niedergehen
Und immer kühl und feucht ihr Bett erhalten,

Sie liegen stets im Sinn mir, und umsonst nicht:
Denn weit mehr trocknet dies ihr Bild mich aus,
Als selbst das Weh, das mein Gesicht entfleischet.

Gerechtigkeit, die strenge, die mich heimsucht,
Nimmt Anlaß von dem Ort, wo ich gesündigt,
Um meine Seufzer rascher zu beflügeln.

Dort liegt Romena, drin ich die Legirung,
Gestempelt mit des Täufers Bild, verfälschte,
Weshalb den Leib verbrannt ich oben ließ.

Doch säh' ich hier nur Guido's schnöde Seele
Und Alexanders oder ihres Bruders:
Den Anblick gäb' ich nicht um Branda's Brunnen.

Die ein' ist schon hier drinnen, wenn die Schatten,
Die hier uns rings umrasen, Wahrheit reden:
Allein, was hilft mir's bei gebundnen Gliedern?

Wär' ich nur noch so leicht, daß einen Zoll ich
In hundert Jahren weiter kommen könnte,
So hätt' ich mich schon auf den Weg gemacht,

Um unter'm Schurkenvolk ihn aufzusuchen,
Obschon im Umkreis es beträgt elf Meilen
Und querdurch mindestens auch eine halbe.

Durch sie bin solcher Rott' ich einverleibt:
Sie brachten mich dahin, daß ich Florene
Geprägt, die drei Karat Legirung hatten.« -

Und ich zu ihm: »Wer sind die beiden Schufte,
Die dicht zu deiner Rechten sind und rauchen,
Wie eine Hand, die man im Winter badet?« -

»Ich fand sie hier, die sich auch da nicht wandten«,
Sprach er, »als ich in diese Schlucht herabfiel,
Und werden's auch in Ewigkeit wohl nicht.

Dies' ist, die fälschlich angeklagt den Joseph;
Sinon von Troja der, der falsche Grieche:
Sie brodeln so vom heißen Fieberdunste.« -

Von diesen einer, den's wohl ärgern mochte,
Sich so verächtlich hier genannt zu hören,
Schlug mit der Faust ihm auf den harten Wanst;

Der schallt', als paukte man auf eine Trommel.
Und Meister Adam gab ihm eins in's Antlitz
Mit seinem Arm, der schien nicht minder hart.

Und sprach zu ihm: »Bin ich auch der Bewegung
Beraubt, weil Schwer' auf meinen Gliedern lastet,
Fühl' ich den Arm doch frei zu dem Geschäfte.« -

Drauf der zur Antwort gab: »Als hin zum Feuer
Du gingst, da war er dir nicht so gelenkig,
Wohl aber, und noch mehr, als Geld du münztest.« -

Der Wassersücht'ge drauf: »Da sprichst du Wahres;
Jedoch warst du kein so wahrhafter Zeuge,
Als man bei Troja dich um Wahrheit fragte.« -

»Wenn falsch ich sprach, so hast du falsch gemünzt«,
Sprach Sinon; »ich bin hier um eines Fehles,
Doch du um mehr als sonst ein andrer Teufel.« -

»Erinnre dich, Meineidiger, des Rosses«,
Versetzte der mit dem geschwollnen Ranzen,
»Und schlimm für dich, daß alle Welt es weiß.« -

»Schlimm sei für dich der Durst, davon die Zunge
Dir platzt«, sprach Sinon, »und das faule Wasser,
Das vor den Augen dir den Bauch emporthürmt.« -

Drauf der Falschmünzer: »Reiße nur dein Maul
Weit auf, boshaft zu schwatzen, wie du pflegest:
Denn leid' ich Durst und schwellt mich auf das Wasser,

So hast du Brennen und es schmerzt der Kopf dir;
Und an Narcissus' Spiegel blos zu lecken,
Bedürft' es, dich zu nöth'gen, nicht viel Worte.« -

Noch in's Anhören war ich ganz versunken,
Als zu mir sprach der Meister: »Sieh einmal,
Es fehlt nicht viel, so möcht' ich wohl dich schelten!« -

Da ich ihn also zürnend reden hörte,
Wandt' ich mich gegen ihn voll solcher Scham,
Daß sie mich noch befällt, wenn dran ich denke.

Und gleich dem Manne, dem ein Unglück träumt,
Und der im Traum sich wünscht, daß er nur träume,
Und das, was ist, ersehnt, als wär' es nicht:

So war's mit mir, der ich nicht sprechen konnte,
Daß ich mich zu entschuld'gen wünscht', und wirklich
Mich auch entschuldigte, ohn' es zu wissen.

Wohl größern Fehler tilgt geringre Scham,
Als deiner war«, begann hierauf der Meister;
»Drum schlag nur allen Harm dir aus dem Sinn,

Und denk daran, daß ich dir stets zur Seite,
Wenn wieder dich der Zufall dahin führet,
Wo Leut' in ähnlichem Gezänk sich finden:

Denn solchem lauschen, zeugt von niedrer Neigung.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 31
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 31

Die Dichter wandern zum Rande des mittlern Höllenschlundes, wo vier Arten der Verräther büßen. Zunächst aber ist die Rede von den Riesen: Nimrod, Ephialtes und Atreus, die sie dort erblicken, welcher letztere sie zum Cocyt hinabbringt.

Dieselbe Zunge, die mich erst verwundet,
So daß sie mir die beiden Wangen färbte,
Hat mir die Arzenei dann auch gereicht.

So hört' ich von der Lanze des Achilles
Und seines Vaters, daß sie Anlaß war
Zuerst zu schlimmer, dann zu guter Gabe.

Wir wandten nun dem Jammerthal den Rücken,
Den Fels entlang, der ringsum es umgürtet,
Hinschreitend ohne weitere Gespräche.

Hier war ein Dämmer zwischen Tag und Nacht,
In den der Blick nicht weit eindringen konnte;
Doch hört' ich also laut ein Horn ertönen,

Daß jeden Donner es hätt' übertäubt,
Und das nach sich hin meine Blicke lenkte,
Die seinem Weg nach einem Punkte folgten.

So schrecklich tönte nicht, als Karl der Große
In jener klagenswerthen Niederlage
Den heil'gen Kampf einbüßte, Rolands Horn.

Kaum hatt' ich nach dorthin mein Haupt erhoben,
Als mir verschiedne hohe Thürm' erschienen.
Drum ich: »O Meister, welche Stadt ist diese?« -

Und er zu mir: »Weil in der Finsterniß
Einher du gehst, und von zu großer Ferne
Muß wohl es kommen, daß dein Blick sich irret.

Wohl wirst du sehn, wenn du dort angelanget,
Wie sehr der Sinn getäuscht wird durch den Abstand;
Drum sporne dich zum Vorwärtsschreiten an.« -

Hierauf nun faßt' er liebreich bei der Hand mich
Und sprach: »Damit die Sache minder fremd
Dir scheine, wiss' erst, eh wir weiter schreiten,

Daß dies nicht Thürme sind, vielmehr Giganten,
Die von dem Nabel ab im Brunnen stehen,
Am Rand umher, so viel dort ihrer sind.« -

Wie, wenn der Nebel sich zerstreut, das Auge
Nun nach und nach zu unterscheiden anfängt,
Was Dunst verborgen, den die Luft verdichtet:

So auch, die dick' und dunkle Luft durchdringend,
Indem ich mehr und mehr dem Ufer nahe,
Flieht mich der Irrthum, wandelt Furcht mich an.

Denn wie Montereggione wird gekrönet
Von Thürmen auf der zirkelrunden Mauer:
So auch umthürmten dort den Felsenrand,

Der um den Brunnen läuft, mit halbem Leibe
Die furchtbaren Giganten, die noch immer
Von Jupiter bedroht sind, wenn er donnert.

Und von dem einen sah ich schon das Antlitz,
Brust, Schultern und ein großes Theil vom Bauche,
Und an den Seiten hin die beiden Arme.

Natur, als sie dem Schaffen solcher Wesen
Ein Ziel gesetzt, hat wahrlich wohlgethan,
Dem Mars derlei Vollstrecker zu entziehen.

Und war auch unbesorgt sie, zu erschaffen
Wallfisch und Elephanten: wer da scharf sieht,
Hält drum sie für gerechter nur und weiser;

Denn da, wo sich die Urteilskraft des Geistes
Zum bösen Willen und zur Macht gesellet,
Kann sich die Menschheit keinen Schutz gewähren. -

Sein Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,
Wie am Sankt Peter Roms der Pinienzapfen,
Und nach Verhältnis so die andern Glieder;

So daß das Ufer, das der untern Hälfte
Zum Schurze diente, oberhalb so viel
Noch zeigte, daß, das Haar nur zu erreichen,

Drei Friesen sich umsonst vermessen hätten;
Denn von dort abwärts, wo man sich den Mantel
Anheftet, zählt' ich dreißig große Spannen.

»Rafel maï amech izabi almi«,
Begann der ungeschlachte Mund zu rufen,
Für den auch sanftre Psalmen sich nicht paßten.

Da sprach zu ihm mein Führer: »Dumpfe Seele,
Bleib bei dem Horn und mach dir Luft damit,
Wenn Zorn dich oder andre Laun' anwandelt.

Such mir am Hals, du wirst den Riemen finden,
Der es befestigt hält, du wirre Seele,
Sieh, wie es dir die große Brust umziehet.«

Darauf zu mir: »Er klagt sich selber an.
Nimrod ist der, durch dessen schlimmen Einfall
Nicht in der Welt nur eine Sprache gilt.

Mag er dort stehn, wir sprechen doch vergebens;
Für ihn ist jede Sprache, wie für andre
Die seinige, die jedem unverständlich.«

Wir schritten nun, nach links gewendet, vorwärts,
Und trafen, einen Bogenschuß von dort,
Auf einen noch viel grauseren und größern.

Wer seiner Meister ward, um ihn zu binden,
Nicht weiß ich's; kurz, ihm war der linke Arm
Nach vorn gefesselt; doch der rechts nach hinten,

Mit einer Kette, die vom Hals nach unten
Ihn so umschlang, daß an dem Unverdeckten
Sie bis zum fünften Kreise sich herumwand.

»Es wollte dieser Stolze seine Stärke
An dem erhabnen Jupiter erproben«,
Begann mein Führer, »drum ist dies sein Lohn.

Ephialtes that verwegne Ding', als einstmals
Den Göttern die Giganten Furcht erregten.
Nie regt er mehr die dort so rüst'gen Arme.« -

Und ich zu ihm: »Ich wünschte, wär' es möglich,
Daß ich den übermäßigen Briareus
Mit eignen Augen auch erschauen dürfte.« -

Drauf er: »Hier nahe wirst du den Antäus
Sehn frei umhergehn und ihn sprechen hören;
Er wird zum Abgrund uns der Sünde bringen.

Der, den du sehn willst, steht viel weiter hinten
Und ist gebunden und sieht aus wie dieser,
Nur daß er wilder von Gesicht erscheint.« -

Nie waren noch Erdstöße so gewaltig,
Die einen Thurm so stark erschüttert hätten,
Als Ephialtes nun sich schütterte.

Da glaubt' ich mehr als je den Tod mir nahe,
Wozu die Furcht allein schon hingereicht,
Wenn ich die Fesseln nicht gesehen hätte.

Wir schritten hierauf weiter und gelangten
Nun vor Antäus, der fünf Ellen wohl,
Zählt nicht der Kopf mit, aus der Höhle ragte.

»O du, der im verhängnißvollen Thale,
Das Scipio'n zum Ruhmeserben machte,
Als Hannibal die Flucht nahm mit den Seinen,

Als Beut' einst tausend Löwen sich erjagte;
Auch kann man glauben wohl, daß, wenn den Brüdern
Im kühnen Kampf du beigestanden hättest,

Den Erdensöhnen Sieg geworden wäre:
Nicht weigre dich, uns dort hinab zu bringen,
Wo den Cocyt die Kält' erstarren macht.

Weis' uns nicht weg zu Tityus und Typhöus;
Der kann gewähren, was man hier verlanget;
Drum bücke dich, verzieh nicht erst dein Maul.

Er kann dir in der Welt noch Ruhm verschaffen;
Er lebt und hofft noch manches Jahr zu leben,
Ruft ihn nicht vor der Zeit die Gnade zu sich.« -

So sprach der Meister; jener streckt' in Eile
Die Händ' aus, deren Wucht einst Hercules
So stark gefühlt, und faßte meinen Führer.

Als nun Virgil sich so ergreifen fühlte,
Sprach er zu mir: »Komm her, daß ich dich fasse«,
Und that dies so, daß wir ein Bündel waren.

Gleich wie der Carisendathurm dem Auge
ich zeiget unter'm Hang, wenn ein Gewölk
Ob ihm so hinzieht, daß er gegenhänget:

Erschien Antäus mir, der darauf Acht gab,
Sich neigen ihn zu sehn, und zu der Zeit
Wär' ich auf andrer Straße gern gezogen.

Doch sänftlich legt' er auf den Grund, wo Judas
Sammt Lucifer verschlungen wird, uns nieder;
Und so geneigt, verweilt' er sich nicht weiter

Und hub sich wie ein Mast im Schiff empor.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 32
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 32

Sie kommen in die Eisregion, deren erste Abtheilung, Caïna, diejenigen enthält, welche die eigenen Verwandten verrathen haben. Alberto Camicion dei Pazzi berichtet von Andern. Die zweite Abtheilung enthält die Vaterlandsverräther; Boca Abati.

Könnt' ich mein Wort so rauh erschallen lassen,
Wie's für das traurig düstre Loch sich paßte,
Nach welchem hin all andre Felsen wuchten:

So würd' ich dem, was mir im Sinn liegt, voller
Den Saft ausziehn; doch da mir dies unmöglich,
So geh' ich nur mit Furcht an den Bericht.

Denn, traun, kein Scherz ist solch ein Unternehmen,
Noch für die Zunge, die Mama, Papa lallt,
Den Grund des ganzen Weltalls zu beschreiben.

Doch mögen meinem Lied die Jungfrau'n beistehn,
Die Thebens Mauern einst errichten halfen,
Daß nicht das Wort nachsteh' dem, was ich sahe.

O du zu allem Weh geschaffner Haufe,
Deß Aufenthalt zu schildern so beschwerlich,
Wärt lieber Schaf' und Ziegen ihr gewesen!

Als wir im tiefen Schacht nun drunten waren,
Weit tiefer noch, als wo der Riese stand,
Und ich noch auf zur hohen Mauer blickte,

Hört' ich mir sagen: »Wahre deine Schritte;
Gib acht, daß den erschöpften, armen Brüdern
Nicht deine Sohlen auf die Köpfe treten.«

Deshalb nun wandt' ich mich, und sah vor mir
Zu Füßen einen See, der durch die Kälte
Von Glas den Anschein hatte, nicht von Wasser.

Nicht macht in ihrem Lauf so stark die Decke
Zur Winterszeit in Oesterreich die Donau,
Noch unter'm kalten Himmelsstrich der Don,

Als hier sich fand; denn wär' auch Tabernicks,
Auch Pietrapana's Berg darauf gefallen,
Doch hätt es nicht am Ufer »krick« gemacht.

Und wie der Frosch, zu quaken, mit dem Maule
Heraus kommt aus dem Wasser, wenn bisweilen
Die Bäuerin vom Aehrenlesen träumet:

So staken Unglücksschatten in dem Eise,
Fahlgrau bis dahin, wo sich zeigt das Schamroth,
Und mit den Zähnen klappernd wie die Störche.

Jedweder hielt sein Angesicht nach unten;
Vom Froste gab der Mund, die Augen gaben
Vom traur'gen Herzen Zeugniß unter ihnen.

Als ich umher geblickt ein wenig hatte
Sah ich zu Füßen zwei so eng Verschlungne,
Daß ihre Haare ganz vermischt erschienen.

»Ihr da«, sprach ich, »was eint euch so die Brüste?
Wer seid ihr?« - Hierauf bogen sie die Hälse;
Und als zu mir sie das Gesicht erhoben,

Da tropften ihre Augen, noch erst feucht
Von innen, durch die Lider, und die Thränen
Zog Frost zusammen und verschloß sie wieder.

Nie zogen Klammern also fest zusammen
Holz gegen Holz: weshalb sie wie zwei Böcke
Einander stießen; so ergriff der Zorn sie.

Und einer, dem die Kälte beide Ohren
Hatt' abgesprengt, das Antlitz stets nach unten,
Er sprach: »Warum siehst du so lang uns an?

Verlangst du, wer die beiden sind, zu wissen?
Das Thal, von dem herabkommt der Bisenzio,
War ihres Vaters Albert, dann ihr eignes.

Ein Leib gebar sie, und wohl ganz Caïna
Magst du durchsuchen und nicht einen Schatten
Würdiger finden, so im Eis zu stecken.

Nicht jenen, dem zugleich so Brust als Schatten
Mit einem Streich von Artus ward durchstochen;
Foccaccia nicht, nicht diesen, der mich hindert

Mit seinem Kopfe, daß ich nicht kann sehen,
Und dessen Name Sassol Mascheroni:
Bist du ein Tusker, weißt du nun, wer's war.

Und daß du mich nicht ferner plagst, zu reden,
So kenne mich als Camicion de' Pazzi,
Und warte drauf, daß mich Carlin entschuldigt.« -

Dann sah ich tausend von Gesichtern, hündisch,
Entstellt von Frost; weshalb mir Schauder ankommt
Und stets ankommen wird vor eis'gem Lachen.

Und während nach der Mitte hin wir gingen,
In welcher alle Schwere sich vereinigt,
Und Schauern mich befiel im ew'gen Schatten:

War's Wille, war es Schicksal oder Zufall -
Nicht weiß ich's; aber wandelnd durch die Köpfe,
Stieß hart ich einen mit dem Fuß in's Antlitz.

Und weinend rief er: »Warum trittst du mich?
Wenn du nicht kommst, die Rache zu vermehren
Für Mont' Aperti, warum quälst du mich?«

Und ich: »O Meister, warte mein doch hier,
Daß dieser hier mir einen Zweifel löse,
Dann treibe mich, so viel du willst, zur Eile.« -

Stehn blieb der Führer, und ich sprach zu jenem,
Der immer noch mit herben Worten schmähte:
»Wer bist du, der du so die Leute schiltst?« -

»Wer du denn«, sprach er, »der durch Antenora
Hingeht und Anderen die Wangen schrammt,
Daß, wenn ich lebte, mir's zu derb erschiene?« -

»Ich lebe noch, und lieb kann dir es sein«,
Gab ich zur Antwort, »wenn du Ruhm begehrest,
Daß an bekannte sich dein Nam' auch reihet.« -

Und er: »Ich wünsche grad das Gegentheil.
Geh weg von hier und quäle mich nicht weiter,
Denn hier ist Schmeicheln wahrlich nicht am Orte.« -

Jetzt faßt ich ihn am Haar des Hinterhauptes
Und sprach zu ihm: »Du mußt durchaus dich nennen,
Sonst lass' ich dir kein Haar hier oben übrig!« -

Er dann zu mir: »Rauf immer nur drauf los,
Ich will mich dir nicht nennen, noch bezeichnen,
Fällst du auch tausendmal mir über'n Schopf her.« -

Schon hatt' ich um die Hand sein Haar gewunden
Uud mehr als einen Busch ihm ausgezogen,
Indessen er, den Blick nach unten, bellte, -

Als ihm ein Andrer rief: »Was hast du Bocca?
Hast du noch nicht genug am Zähneklappen?
Mußt auch noch bellen? welcher Teufel juckt dich?«

»Jetzt«, sprach ich, »brauchst du weiter nichts zu sagen,
Heimtückischer Verräther; dir zur Schande
Werd' ich von dir wahrhafte Kund' ausbreiten.« -

»Geh«, sprach er, »weg, erzähle was du willst;
Doch kommst du hier heraus, schweig auch von dem nicht,
Dem eben jetzt so flink die Zunge war;

Er jammert hier um's Silber der Franzosen.
Den von Duera, sag nur, sah ich dorten,
Wo kühl die Sünder in dem Eise stehn.

Und würdest du gefragt, wer sonst noch da war:
Dort steht der von Beccaria dir nahe,
Dem einst Florenz die Gurgel abgeschnitten.

Gianni de Soldanier steht, glaub' ich, weiter
Dorthin bei Ganelon und Tribaldello,
Der, als man schlief, Faenza's Thor eröffnet.« -

Schon waren wir von ihm hinweggegangen,
Als in ein Loch ich zwei sah eingefroren,
So daß ein Kopf dem andern dient' als Kappe:

Und wie aus Hunger man in's Brot hineinbeißt,
Setzt' ein die Zähn' in's untre Haupt das obre
Da, wo Gehirn und Nacken sich verbinden.

Ganz gleicher Weise nagte Tydeus einst
In Wuth dem Melanippus an den Schläfen,
Wie der am Schädel und den nächsten Theilen.

»O du, der durch so thierisches Gebahren
Du Haß bezeigest dem, an dem du nagest,
Sag mir, warum?« sprach ich, »und ich verspreche,

Wenn du dich über ihn mit Recht beklagst,
Will ich, kenn' ich euch beid' und sein Vergehen,
Dir droben in der Welt Vergeltung schaffen,

Vertrocknet jene nicht, womit ich spreche.« -


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 33
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 33

Schilderung des gräßlichen Todes Ugolino's und seiner Kinder. - Die dritte Sphäre Ptolomea enthält die Verräther am Vertrauen. Alberigo de' Mansredi als Beispiel; desgleichen Branco Doria, dessen Seele hier schon büßt, während der Körper in Genua noch lebend ist.

Den Mund erhub von seinem wilden Mahle
Der Sünder, ihn abwischend an den Haaren
Des Kopfes, den von hinten er verwüstet.

Drauf fing er an: »Du willst, ich soll erneuen
Verzweiflungswehe, so das Herz mir presset,
Denk' ich nur dran, eh noch ein Wort ich spreche.

Doch sollen meine Wort' ein Same sein,
Der Schmach bringt dem Verräther, den ich nage.
Vernimm zugleich denn, wie ich red' und weine.

Ich weiß nicht, wer du bist, noch welcher Weise
Herab du kamest; aber Florentiner
Scheinst du wahrhaftig mir, wenn ich dich höre.

Dir ist bekannt, ich war Graf Ugolino,
Und dieser hier der Erzbischof Ruggieri:
Erfahre nun, warum wir Nachbarn sind.

Daß durch die Wirkung seiner bösen Anschläg'
Ich ihm vertraute, drauf gefangen ward
Und dann getödtet, brauch' ich nicht zu sagen.

Doch was du nicht erfahren haben kannst,
Ist, welche Todesqualen ich erlitten.
So hör' und wiss', ob er mir Leid zufügte!

Ein enges Loch in jenem finstern Kerker,
Genannt der Hungerkerker meinetwegen,
Der manchen noch wird müssen in sich schließen, -

Mir hatt' es mehrmals schon durch seine Scharte
Den Mond gezeigt, als mir der schlimme Traum ward,
Der mir zerriß der Zukunft dichten Schleier.

Der schien der Herr und Meister mir zu sein,
Der Wolf und Wölflein hin zum Berge jagte,
Der den Pisanern Lucca wehrt zu sehen.

Mit magern, gier'gen, wohldressirten Hunden
Hatt' er Gualandi, und dazu Sismondi,
Zusammt Lanfranchi vor sich her gehetzet.

Nach kurzem Laufe schienen mir der Vater
Und auch die Söhne müd', und ihre Seiten
Sah ich von scharfen Hauern aufgeschlitzt.

Als vor der Morgenfrüh' ich schon erwachte,
Hört' ich im Schlafe meine Söhne weinen,
Die bei mir waren und nach Brot verlangten.

Du wärst hartherzig, sollt' es dich nicht schmerzen,
Wenn du bedenkst, was hier mein Herz mir sagte:
Und weinst du nicht, worüber weinst du dann?

Wir waren auf schon, als die Stunde nahte,
Da man uns Speise sonst zu bringen pflegte,
Und jeder dachte bang an seinen Traum:

Als ich die Thür des Schreckensthurmes unten
Zufchließen hört', und ohn ein Wort zu sagen.
Blickt' ich hierauf den Söhnen in's Gesicht.

Nicht weint' ich, so versteint war ich im Innern;
Doch sie, sie weinten, und mein Anselmuccio
Begann: »Was blickst du, Vater, so, was hast du?« -

Doch weint' ich nicht, auch gab ich Antwort nicht
Den ganzen Tag und nicht die Nacht, die folgte,
Bis zu der Welt die Sonn' auf's neu hervorkam.

Als nun ein kleiner Strahl in's Schmerzgefängniß
Sich eingeschlichen, und an vier Gesichtern
Ich meines eignen Aussehns inne wurde,

Biß ich vor Schmerz mich in die beiden Hände.
Und sie, die glaubten, daß ich's thät aus Gier
Nach Speise, standen plötzlich auf und sagten:

»O Vater, wolltest du von uns dich sätt'gen,
Es wär uns mindrer Schmerz. Du hast gegeben
Uns dieses arme Fleisch, nimm es nun wieder.«

Da faßt' ich mich, sie mehr nicht zu betrüben.
Den und den nächsten Tag verharrten stumm wir.
Warum thatst du nicht auf dich, harte Erde?

Als nun der vierte Tag herbeigekommen,
Warf sich längshin mir Gaddo vor die Füße
Und rief: »Mein Vater, warum hilfst du nicht?«

Da starb er. Und so, wie du hier mich siehest,
Sah ich die drei, vom fünften Tag zum sechsten,
Hinsinken, einen nach dem andern. Blind schon,

Müht' ich darnach mich, jeden zu betasten,
Und rief drei Tage sie, nachdem sie starben:
Dann that das Fasten mehr, als Schmerz vermochte.« -

Als dies gesagt, erfaßt' er grassen Blickes
Den armen Schädel mit den Zähnen wieder,
Die, wie des Hundes, stark am Knochen nagten.

Ach Pisa, Pisa! Schandfleck du der Völker
Des schönen Landes, wo das ertönet:
Sind deine Nachbarn, dich zu strafen, langsam,

So schwimm herbei Capraja und Gorgona,
Um deines Arno Mündung einzudämmen,
Damit er jede Seel' in dir ersäufe.

Denn wenn man auch Graf Ugolin bezichtigt,
Daß er aus den Kastellen dich verrieth,
War's doch kein Grund, die Söhne so zu martern.

Unschuldig macht' ihr jugendliches Alter
Uguccion und Brigata - neues Theben! -
So wie die zwei, die der Gesang schon nannte. -

Wir schritten weiter fort, bis wo das Eis
Grausam ein andres Volk in sich verkittet,
Nicht vorgebeugt, nein, ganz zurück gebogen.

Ihr Weinen selbst verhindert sie am Weinen;
Der Schmerz, der Ausweg nicht durch's Auge findet,
Wirft sich nach innen und vermehrt die Angst;

Die ersten Thränen, die zu Klumpen werden,
Erfüllen, gleich Visiren von Krystall,
Die ganze Höhlung unterhalb der Brauen.

Und war mir auch, wie unter einer Hornhaut,
Durch die Erstarrung jegliches Gefühl
Aus dem ersteiften Angesicht gewichen,

So war mir doch, als ob ich Wind empfände.
Drum ich: »Mein Meister, wer erreget diesen?
Ist nicht hier unten jeder Hauch erloschen?« -

Drauf er zu mir: »Sehr bald wirst dort du sein,
Wo dir darob antworten wird das Auge,
Siehst du die Ursach, die den Wind herabweht.« -

Und ein Gequälter in der Eiseskruste
Schrie zu uns her: »O ihr so Grausamen,
Daß ihr die letzte Stelle hier erhalten!

Nehmt mir doch vom Gesicht den harten Schleier,
Daß ich dem Weh, so mir das Herz bedrücket,
Ein wenig Luft geb', eh das Weinen Eis wird.« -

Drum ich zu ihm: »Wenn ich dir helfen soll,
Sag, wer du bist; befrei' ich dann dich nicht,
So müss' ich bis zum Grund des Eises gehen.« -

Da sprach er: »Bruder Alberigo bin ich,
Ich bin der mit des schlimmen Gartens Früchten,
Der hier für Feigen Datteln nun empfängt.« -

»O«, sprach ich, »bist auch du denn schon gestorben?« -
Und er zu mir: »Wie's oben in der Welt
Um meinen Körper steht, hab' ich nicht Kunde.

Denn diesen Vorzug hat die Ptolomäa,
Daß oftmals schon die Seele hier hinab stürzt,
Eh Atropos ihr noch den Tod gegeben.

Und daß du williger vom Angesichte
Mir die verglasten Thränen lösest, wisse,
Daß, wenn verrätherisch die Seele handelt,

Wie ich es that, ihr Leib von einem Dämon
Ergriffen wird, der ihn nach Willkür lenket,
Bis seine Lebenszeit ist abgelaufen.

Sie aber stürzt in solcherlei Behälter;
Und so auch lebt wohl droben noch der Körper
Des Schattens, der eineis't hier hinter mir.

Du weißt's ja, wenn du eben erst herabkamst:
Herr Branco d'Oria ist es und so liegt er
Der Jahre mehrere schon eingeschlossen.« -

»Ich glaube«, sagt' ich ihm, »du hintergehst mich,
Da Branco d'Oria noch nicht gestorben;
Er ißt und trinkt und schläft und kleidet gut sich.« -

»Dort oben, in der Uebeltatzen Bulge«,
Sprach er, »da wo das Pech, das zähe, siedet,
War Michael Zanche noch nicht angekommen,

Als der an seiner Statt ließ einen Teufel
In seinem Leib und dem auch eines Vetters,
Der den Verrath mit ihm zugleich beging.

Doch strecke nun die Hand hierher und öffne
Die Augen mir.« - Ich öffnet' ihm sie nicht;
Und edel war's, an ihm unedel handeln.

Ach Genuesen, Menschen, ganz entfremdet
Jedweder Sitt' und voll jedweden Unrechts,
Warum nicht seid ihr aus der Welt verstoßen?

Denn bei dem schlimmsten Geiste der Romagna
Fand einen ich von euch, der, seines Thuns halb,
Der Seele nach schon im Cocyt sich badet,

Dem Leib nach droben noch zu leben scheint.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 34
Karl Eitner - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 34

Der Mittelpunkt der Hölle, Judecca, faßt den Lucifer in sich, dessen drei Münder in den drei Gesichtern in der Mitte den Judas und zu dessen Seiten Brutus und Cassius zermalmen. Alle sind mit Eis bedeckt. Die Dichter steigen an den Zotten des Lucifer hinab und gelangen so wieder ans Licht der Sterne.

»Vexilla Regis prodeunt Inferni
Entgegen uns«, begann mein Meister nun;
»Drum schau grad aus, ob du ihn wohl erkennest.« -

Wie wenn ein dicker Nebel herhaucht, oder
Wenn Nacht es wird auf unsrer Erdenhälfte,
Vom Wind gedreht, fern eine Mühl' erscheinet:

So zeigte sich ein solch Gebäu mir jetzo;
Dann hinter meinen Führer rettet' ich
Mich vor dem Wind, weil sonst kein andrer Schutz war.

Schon war - und Angst begleitet meine Verse -
Ich dort, wo ganz bedeckt die Schatten waren
Und nur durchschienen, wie im Glas ein Splitter.

Es liegen ein'ge, andre stehen aufrecht,
Der auf dem Kopf, der auf den Sohlen; der gar
Steht, Kopf zu Fuß gekrümmt, da wie ein Bogen.

Als wir so weit nun vorgeschritten waren,
Wo es dem Meister gut schien, das Geschöpf,
Das einst so schön gewesen, mir zu zeigen,

Zog er mich vor sich hin und hieß mich stillstehn
Und sprach: »Da sieh den Dis und sieh den Ort,
Wo du dich waffnen mußt mit starkem Muthe.« -

Wie starr und lautlos ich hierauf geworden,
Das, Leser, frage nicht, noch schreib' ich's nieder,
Da jedes Wort zu wenig sagen würde.

Ich starb nicht und doch blieb ich auch nicht lebend.
Nun denke dir, hast du ein Fünkchen Witz nur,
Wie, zwischen beidem schwebend, mir da wurde.

Der Kaiser des Gebiets der Schmerzen ragte
Aus dem Eispfuhl hervor mit halber Brust;
Und mehr kann ich mich einem der Giganten,

Als diese seinen Armen sich vergleichen:
Bedenke nun, wie groß das Ganze sein muß,
Soll es der Größe jenes Theils entsprechen.

War er so schön, als jetzt sein Anblick scheußlich,
Und hub die Brau'n er gegen seinen Schöpfer,
So muß wohl alles Weh von ihm herstammen.

Welch großes Wunder schien es mir zu sein,
Als ich an seinem Haupt sah drei Gesichter!
Das eine ging nach vorn und blutroth war es;

Die andern zwei, die dran sich schlossen, standen
Grad auf der Mitte jeder seiner Schultern
Und stießen, wo der Kamm sitzt, aneinander.

Das recht' erschien gemischt aus Weiß und Gelb,
Das linke war so anzuschaun wie jene,
Die daher kommen, wo der Nil herabstürzt.

Und unter jedem stehn zwei mächt'ge Flügel,
Wie sie so großem Vogel angemessen:
Nicht Lastschiffssegel sah ich also groß.

Ganz ohne Federn waren sie gebildet,
Wie die der Fledermäus', und damit facht' er
So, daß von ihm ausgingen drei der Winde,

Wodurch Cocytus ganz zu Eis erstarrte.
Sechs Augen strömten Thränen aus, und über
Drei Kinn' ergoß sich Klag' und blut'ger Geifer.

In jedem Mund zerknirscht' er mit den Zähnen
Flachsbrechenartig einen der Verdammten,
So daß er dreien arge Schmerzen brachte.

Dem vornen war das Beißen nichts, verglichen
Mit dem Zerkrallen, denn es ward der Rücken
Gar oftmals ganz entblößt von aller Haut.

»Die obre Seele, mit der schwersten Pein, ist
Judas Ischariot«, begann der Meister,
»Der drin den Kopf hat und die Beine draußen.

Von den zwei andern, mit dem Kopf nach unten,
Ist, der vom schwarzen Maul herabhängt, Brutus:
Sieh, wie er ohne Laut umher sich windet;

Der andr' ist Cassius, mit dem kräft'gen Körper.
Allein die Nacht steigt auf, und Zeit ist's nun
Hinwegzugehn, da Alles wir gesehen.« -

Wie er's gebot, umklammert' ich den Hals ihm.
Er aber nahm so Zeit als Lage wahr;
Und als die Flügel sich recht weit geöffnet,

Griff er sich fest an den behaarten Seiten
Und stieg von Zotte dann zu Zotte, zwischen
Dem dichten Haar und eis'ger Rinde, nieder.

Als dort wir waren, grade wo der Schenkel
Sich an dem dicken Theil der Hüfte rundet:
Da wandte mit Beschwerd' und Angst der Führer

Den Kopf dahin, wo erst die Füß' er hatte,
Und hielt am Haar sich fest, wie wer emporsteigt,
So daß zur Höll' ich schien zurück zu kehren.

Der Meister rief, wie ein Erschöpfter keuchend:
»Umklammre fest mich, denn auf solchen Stiegen
Muß von so großem Leid man Abschied nehmen.« -

Durch eine Felsenöffnung kam er dann
Heraus und ließ mich an dem Rande nieder;
Drauf naht' er mir sich mit vorsicht'gem Schritte.

Ich hob den Blick und glaubte Lucifer
Zu sehen, wie ich ihn verlassen hatte -
Und sah die Bein' ihn in die Höhe richten.

Und ob ich in Bestürzung da gerathen,
Bedenk' der plumpe Haufe, der nicht merket,
Durch welchen Punkt ich war hindurchgekommen.

»Richt' auf die Füße dich«, sprach nun der Meister;
»Der Weg ist lang, beschwerlich ist der Pfad,
Und schon zur halben Terze kehrt die Sonne.« -

Nicht ein Palastsaal war's, worin wir standen,
Nein, eine Höhle, wie Natur sie bildet,
Mit schlechtem Boden und des Lichts ermangelnd.

»Bevor ich, Meister, von dem Höllenabgrund
Mich trenne«, sagt' ich, als ich mich erhoben,
»Sprich zu mir, einige Bedenken hebend.

Wo ist das Eis hin? wie kommt auf den Kopf
Denn der zu stehn? wie hat den Lauf die Sonne
So kurz vollbracht von Abend gegen Morgen?« -

Und er zu mir: »Du glaubst, du seiest noch
Jenseit des Mittelpunkts, wo ich mich fest hielt
Am Haar des Drachen, der die Welt durchbohret.

So lange warst du's nur, als ich hinabstieg.
Als ich mich wandte, kamst du durch den Punkt,
Nach dem, was Schwere hat, sich alles hinzieht.

Du stehst nun unter jener Welthalbkugel,
Der gegenüber, die das große Trockne
Bedeckt, und unter deren Höh gestorben

Der Mensch, der sündlos ward erzeugt und lebte.
Dein Fuß steht auf der kleinen runden Fläche,
Die der Judecca Gegenseite bildet.

Hier ist es Morgen, wenn es jenseit Nacht wird,
Und der, deß Haar zur Leiter uns gedienet,
Hat noch dieselbe Stellung wie vorher.

Von hier ward er herabgestürzt vom Himmel:
Die Erde, die sich früher hier erhoben,
Verhüllt', aus Schreck vor ihm, sich mit dem Meere,

Und floh nach unsrer Hemisphär' und ließ
Im Fliehn wohl hinter sich die leere Höhlung,
Die hier erscheint, und wich zurück nach jenseit.« -

Dort unten ist ein Ort, von Beelzebub
So weit entfernt, als sich sein Grab erstrecket,
Der, ungesehn, nur durch das Rauschen kund wird

Von einem Bächlein, das nach hier herabrinnt
Durch eine Felsenspalte, die sein Lauf,
Der schlängelnd sanft sich neigt, hat ausgewaschen.

In jenen dunkeln Weg trat ein mein Führer
Mit mir, zur lichten Welt zurück zu kehren;
Und ohn' uns nur ein wenig Ruh zu gönnen,

Klomm er empor und ich ihm hinterdrein,
Bis etwas von des Himmels schönen Dingen
Durch einer kleinen Oeffnung Rund ich wahrnahm,

Und wir beim Ausgang wiedersahn die Sterne.


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