Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
B. Carneri - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Dante verfällt am Charfreitag des Jahres 1300 in einen tiefen Schlaf und hat eine zehn Tage umfassende Vision, die er in diesem Gedicht beschreibt. Er findet sich plötzlich in einem entsetzlichen Walde verirrt und sieht von weitem einen Hügel, auf den er sich zu retten hofft. Aber ein Pardeltier, ein Löwe und eine Wölfin stellen sich ihm so furchtbar in den Weg, daß er tiefer in den Wald zurück flieht. Da begegnet ihm Virgil, den er um Hilfe anfleht. Dieser erklärt, gegen die drei Tiere, besonders gegen die Wölfin ihn nicht schützen zu können, erbietet sich jedoch, ihn durch die Hölle und das Fegefeuer bis zum Paradies zu führen, von wo an eine andere Person die Leitung übernehmen würde. Dante folgt ihm nur zögernd, obwohl er überglücklich ist, mit der Seele des Dichters, den er wie keinen verehrt, zusammen getroffen zu sein.

In unsers Lebensweges fand
Ich plötzlich mich in einem finstern Wald,
Und hatte den geraden Weg verloren.

Wie hart ist es zu sagen, welcher Art
Der wilde Wald war, dicht und so verwachsen,
Daß dran zu denken schon mit Furcht erfüllt!

So bitter ist's, daß bittrer kaum der Tod.
Soll melden ich, was dort mir Gutes ward,
Muß ich von anderen Dingen erst berichten.

Weiß nicht, wie dahin ich gekommen bin;
So sehr war ich versenkt in tiefsten Schlaf,
Als von dem wahren Weg ich abgewichen.

Doch angelangt an eines Hügels Fuß,
Dem Ende des entsetzenvollen Thals,
Das mein Gemüt ergriff so grauenvoll:

Blickt' ich empor, und wie des Hügels Schultern
Umwallt ich sah vom Strahlenkleid des Sterns,
Der andre sicher führt auf jedem Pfad,

Ließ etwas nach die namenlose Furcht,
Die bis ins Innerste mein Herz durchwühlt'
In jener Nacht, verbracht in schwerster Qual.

Wie der noch atemlose, kaum dem Meer
Entkommene vom Ufer sich zurück
Wendet zur fürchterlichen Flut und schaut:

Also mein Geist, noch auf der Flucht begriffen,
Zurück sah, zu besehn den bösen Engpaß,
Den niemals noch ein Lebender verlassen.

Kaum hatt' ich etwas Rast gegönnt dem Körper,
Schritt vorwärts ich auf einem öden Strand,
Wo stets der feste Fuß der tiefre war.

Und wie der Strand aufstieg, sieh da! geschmeidig,
In jeglicher Bewegung Raschheit, naht
Ein Pardeltier mit buntgeschecktem Fell.

Von meinen Blicken war's nicht wegzubringen,
Als hätt' es vor, am Schreiten mich zu hemmen,
So daß ich wiederholt schon wollte wenden.

Es war die Zeit des Morgen-Anbeginns,
Die Sonn' im Aufgang und von allen Sternen
Begleitet als am Tag, da Gottes Liebe

Bewegung lieh den schönen Erdendingen,
So daß mit Grund ich mochte Gutes hoffen
Vom wilden Tiere mit dem lust'gen Fell

Zu solcher Stund' und bei der milden Jahrszeit:
Hätte mich nicht mit neuer Furcht erfüllt
Der Anblick eines Löwen. Dieser schien

Sich gegen mich zu kehren, hoch erhoben
Das mächt'ge Haupt und wutentbrannt vor Hunger,
Daß davon rings erzitterte die Luft;

Dann eine Wölfin, die mit allen Lüsten
Beladen schien in ihrer Magerkeit,
Und viele schon getrieben ins Verderben.

Durch diese fühlt' ich mich so sehr beschwert
Von neuer Furcht, daß ich die Hoffnung aufgab,
Zu kommen auf die heißersehnte Höh'.

Gleich dem, der allzu gern geht auf Gewinn
Und, wann die Zeit kommt des Verlusts, verzweifelnd
Nur Sinn mehr hat für Tränen und für Trauer:

Trieb jene ruhelose Bestie mich,
Allmählich immer näher mich bedrängend,
Zurück in den Bereich der Finsternis.

Nah' dran, in einem Abgrund zu verderben,
Vor meinen Augen fand ich plötzlich einen,
Der heiser schien von allzulangem Schweigen.

Erblickend ihn in dieser Wüstenei:
»Wer auch du sein magst, Schatten oder Mensch,
Erbarme meiner dich«, rief ich ihm zu. -

»Nicht Mensch«, erwidert er, »Mensch war ich einst,
Und von lombard'schen Eltern; beide waren
Nach ihrem Heimatlande Mantuaner.

Geboren unter Julius Cäsar, lebt' ich
In Rom zur Zeit des gütigen Augustus
und auch der falschen trügerischen Götter.

Ein Dichter war ich, sang von dem gerechten
Sohn des Anchises, der von Troja kam,
Als Ilion, das stolze, war verbrannt.

Doch du, was kehrst ins Elend du zurück?
Weshalb besteigst du nicht den heitern Berg,
Der aller Freuden Anfang ist und Grund?« -

»So bist du denn Virgil, bist jene Quelle,
Der breit entströmt der reichste Redestrom«,
Antwortet' ich, verschämten Angesichts.

»Du, der gesamten Dichter Ehr' und Ruhm,
Rechne mir an die Lieb' und all die Mühe,
Die stets mich wieder suchen ließ dein Buch.

Du bist mein Lehrer, du bist meine Leuchte,
Du bist es, du, dem ich allein verdanke
Den schönen Stil, der Ehre mir gebracht.

Sieh jenes Untier, das mich zwang zur Umkehr,
Befrei' mich von ihm, vielgerühmter Weiser,
Sieh', wie vor Angst die Pulse zitternd pochen«. -

»Ganz andre Bahnen hast du nun zu gehn,
Wenn wirklich dieser Wildnis willst entrinnen«,
Sagt' er darauf, als er mich weinen sah;

»Denn dieses Tier, das dich so tief erschreckt,
Läßt keinen ungequält vorüberziehn,
Bedrängend jeden, bis er ihm erliegt.

Es ist von so verderblich wilder Art,
Daß seine Lüste nicht zu stillen sind,
Und durch den Fraß die Gier gesteigert wird.

Mit wieviel Tierenes auch mag sich paaren,
Sie werden immer mehr sein, bis der Rüde,
Der kühne kommt, es peinigend zu Tod.

Dieser begehrt nach Geld nicht noch nach Gut,
Begehrt allein nach Weisheit, Liebe, Tugend,
Entstammt den Bergen Feltros. Er wid sein

Das Heil des schlichten Teils Italiens,
Für den gefallen einst Camilla, Turnus,
Euryalus
und Risus, schwer verwundet.

Er wird das Untier Stadt für Stadt verfolgen,
Verfolgen bis hinab zur tiefsten Hölle,
Von der es einst getrennt der grause Neid.

Darum eracht' ich's für dich als das Beste,
Daß du mir folgest, und daß ich dich führe
Hinweg von hier, durch einen ew'gen Ort,

Wo du wirst hören den Verzweiflungsschrei,
Wo du wirst sehn die kummervollen Seelen,
Die fruchtlos nach dem zweiten Tod verlangen.

Du wirst auch sehn, die selbst im Feuer sind
Zufrieden, weil sie, wann es immer sei,
Zu kommen hoffen zu den Seligen.

Gilt's dann, zu diesen auch emporzusteigen,
Werd' einer würdigeren Seele dich
Ich übergeben und mich von dir trennen.

Denn jener Kaiser, der dort oben waltet,
Will nicht, daß ich betrete seine Stadt,
Weil gegen sein Gesetz ich mich empört.

Überall herrscht er, aber dort regiert er,
Dort ist sein Heim, dort ist sein hoher Sitz;
Glückselig der, den er dahin beruft!« -

Da sprach ich: »Dichter, ich beschwöre dich
Bei jenem Gott, der unbekannt dir blieb,
Auf daß ich all dem Schrecklichen entrinne,

Geleite mich, so wie du hast gesagt,
Laß mich das Thor des heil'gen Petrus schaun
Und jene, deren Jammer du geschildert.« -

Da schritt voraus er, und ich folgte nach.


Gesang 02

Nach einer Anrufung der Musen setzt Dante dem Begleiter seine Bedenken gegen den vorgeschlagenen Gang auseinander. Allein Virgil erzählt, daß eine erhabene Frau des Himmels (es scheint die Jungfrau Maria gemeint zu sein) Lucia, als deren Getreuer Dante bezeichnet wird, aufgefordert habe, Beatrice auf die Gefahr, die der Geliebte laufe, aufmerksam zu machen, damit sie ihm beistehe. Beatrice habe sich nicht gescheut, die Hölle zu betreten, um ihn mit der erwähnten Sendung zu betrauen, die er mit Freuden übernommen. Dadurch vollständig ermutigt, schreitet Dante, dem vorangehenden Virgil folgend, der Hölle zu. Die kindliche Redeweise Beatrices ist im Original (II. 88-90) eben einzig in ihrer Art, wie die Glut, mit der Lucia sich an sie wendet.

Es war der Tag im Scheiden, und das Dunkel
Befreite dieser Erde Wesen alle
Von ihres Lebens Mühn; nur ich allein

Sollte mich vorbereiten auf den Kampf
Mit meines Wegs Gefahren und dem Mitleid,
Wovon Erinnrung treu berichten wird.

O Musen, o Begabung, steht mir bei!
Mein Geist, der stets Gescheh'nes niederschrieb,
Nun gilt's entfalten deinen ganzen Adel.

Und ich begann: »Mein Dichter und mein Führer,
Bedenke meinen Mut und seine Macht,
Bevor du mich dem großen Schritt vertraust.

Es heißt bei dir, daß einst des Silvius Vater,
Lebend'gen Leibs und aller Sinne mächtig,
Hinabgestiegen zu der ew'gen Hölle.

Wenn Gott nun, der ein Gegner nur des Übels,
Ihm günstig war in Rücksicht auf die Folgen,
Die draus nach jeder Richtung sich ergaben:

Ist's klar für jeden Menschen von Verstand,
Daß er im Empireum ward auserlesen
Zum Vater Rom's und dessen künft'gen Reichs

Die beiden waren, um es ganz zu sagen,
Voraus bestimmt für jenen heil'gen Ort,
Der des Nachfolgers Petri Sitz nun ist.

Auf dieser Fahrt, die du von ihm erzählst,
Hat er gehört, woraus sein Sieg und dann
Die päpstliche Gewalt hervorgegangen.

Auch das erlesne Rüstzeug ging den Pfad,
Auf dem gekräftigt wurde jener Glaube,
Der Anfang ist des Wegs zum wahren Heil.

Doch wie käm' ich dazu? Wer mag's gestatten?
Bin nicht Äneas, nicht der heil'ge Paulus;
Nicht ich, noch andre halten des mich würdig.

Ließe verleiten ich mich hinzuwallen,
Befürcht' ich, daß mein Kommen Wahnwitz wäre.
Du bist ein Weiser, mußt es besser wissen.« -

Und dem gleich, der nicht will, was er gewollt,
Aus neuen Gründen ändert seinen Vorsatz,
Verzichtend schließlich aufs Begonnene:

So fand' ich mich in jenem düstern Thale,
Bereit, das Unternehmen aufzugeben,
Zu dem ich anfangs mich so rasch entschlossen.

»Wenn ich dein Wort hab' richtig aufgefaßt,«
Erwiderte der Schatten des Hochherz'gen,
»So hält jetzt Feigheit dein Gemüt gefangen,

Die nur zu häufig uns den Weg vertritt,
Und von der Bahn zum Ruhm abschwenken macht,
Wie falsches Schaun die Rosse, wann sie scheun.

Dich zu befrei'n von deiner Angst, will sagen
Ich dir, weshalb ich kam, und was ich hörte,
Zum erstenmal mich kümmernd um dein Los.

Ich weilte bei den Nichtverurteilten;
Da rief ein Weib mich, selig und so schön,
Daß gleich ich bat, sie möchte mir gebieten.

Das Auge leuchtete mehr als der Stern,
Und sie begann in überird'schen Tönen,
Mit eines Engels Stimme sanft und mild:

»O liebenswürd'ge Mantuaner Seele,
Deren Berühmtheit in der Welt noch währet
Und währen wird bis in die fernste Zeit;

Mein Freund, der meine nur, nicht auch des Glücks,
Wird auf dem öden Strand so hart bedrängt,
Daß er aus Furcht die Flucht schon hat ergriffen.

Wenn er nur nicht so sehr sich schon verirrt,
Daß ich zum Helfen spät bin aufgebrochen;
Was ich gehört im Himmel, läßt mich's fürchten.

Geh' hin und steh' mit deiner Rede Macht
Und allem, was zur Rettung dienen mag,
Ihm treulich bei, daß Trost mir wieder werde.

Beatrice bin ich, die nun gehn dich heißt,
Und komm von dort, wohin mich Sehnsucht zieht;
Liebe bewog mich, Liebe heißt mich reden.

Bin wieder ich im Angesicht des Herrn,
Will oft und warm dein Lob ich ihm verkünden.« -
Hier unterbrach sie sich, und ich begann:

»Weib, aller Tugend Inbegriff, wodurch
Allein die Menschheit alles überragt,
Was unterm Mond gilt als Unfaßbarkeit;

So sehr beglückt mich dein Befehl, daß mir
Beim schnellsten Folgen ist, als zögert' ich;
Brauchst deinen Wunsch nicht weiter zu begründen.

Nur eines sag': wieso dir nicht gebangt,
Von dort, wohin du brennst zurückzukehren,
In diesen Schreckensort herabzusteigen?« -

»Verlangt dein Wissensdrang nach solcher Tiefe«,
Gab sie zur Antwort, »will ich kurz dir sagen,
Weshalb, hierher zu kommen, mir nicht bangt.

Zu fürchten hat man sich nur vor den Dingen,
Die Macht besitzen, einem wehzuthun;
Vor andern nicht; die sind nicht fürchterlich.

Durch Gottes Gnade bin ich so geschaffen,
Daß Euer Elend nimmer mich berührt
Und keine dieser Flammen mich verletzt.

Im Himmel ist ein edles Weib, das sich
Das Irrsal so zu Herzen nimmt, für das
Ich dich berief, daß Gnad ergeht vor Recht.

Dies edle Weib begab sich zu Lucia:
‚Dringend bedarf nun,’ sprach sie, ‚dein Getreuer
Der Hilfe dein, und dir empfehl' ich ihn.’ -

Lucia, die Feindin jedeer Grausamkeit,
Sprang rasch empor und war im Nu, wo just
Ich bei der alten Rahel betend saß.

Beatrice,’ rief sie, ‚Gottes höchstes Lob,
Was hilfst du denn nicht, der so heiß dich liebte,
Der, dir zum Ruhm, dem Niedern sich entrang?

Hörst du denn nicht sein herzzerreißend Weinen?
Siehst du den Tod nicht, der ihn dort bedrängt
Am Strom, des sich das Meer nicht mag berühmen?’ -

Nie hat auf Erden einer seinen Vorteil
So rasch gesucht, so rasch geflohn den Nachteil,
Als ich bei diesem Wort bin rasch gewesen.

Von meinem sel'gen Sitz kam ich herab,
Der Redlichkeit vertrauend deines Wortes,
Das dich und alle, die's vernommen, ehrt.« -

Nachdem sie dies gesprochen, wandte weg
Ihr leuchtend Auge sie so thränenvoll,
Daß ich sofort mich auf den Weg gemacht.

Und wie sie wollte, kam ich zu dir her,
Befreiend dich von jenem bösen Tier,
Das dir die Bahn zum schönen Berg verwehrte.

Doch nun, was ist's? Weshalb, weshalb noch zaudern?
Was nährst du soviel Feigheit noch im Herzen?
Weshalb gebricht's an Freiheit dir und Mut,

Da doch drei hochgebenedeite Fraun
Sich um dich kümmern an des Himmels Hof,
Und ich des Guten dir soviel verheiße?« -

Wie Blümlein, die der Nachtluft frost'ger Hauch
Geschlossen und gebeugt, im Sonnenlicht
Sich neubelebt aufrichten und erschließen:

So wurde mir bei diesem Wort zu Mut,
Und soviel Kühnheit quoll mir durch das Herz,
Daß frank und frei mir's von den Lippen floß:

»O, wie barmherzig ist die Retterin,
Und wie bist freundlich du, so gern gehorchend
Den wahrheitsvollen Worten, die sie sprach!

Du hast mit dem, was vorhin du gesagt,
So sehr mit Sehnsucht mir das Herz belebt,
Daß wieder ich beim ersten Vorsatz bin.

Wir beide sind ein Wille; geh' voran,
Du bist der Führer, Lehrer und Gebieter«.
Ich sprach's, und in Bewegung setzt' er sich,

Und ich betrat beherzt den wilden Waldweg.


Gesang 03

Die Dichter gelangen zum Thor der Hölle, das eine grauenvolle Aufschrift trägt und aus dem ihnen lautes Wehgeheul entgegentönt. Hier, noch vor der eigentlichen Hölle, ist der Ort der Thatlosen, die für nichts auf der Welt waren und weder Ruhm noch Schmach erworben haben. Sie müssen, von Bremsen und Wespen gequält und aufgestachelt, in rasender Eile einer Fahne nachlaufen. Unter ihnen erkennt Dante Papst Cölestin V. Endlich gelangen die Dichter zum Acheron, über den Charon zahllose Scharen von Seelen setzt, Dante jedoch als Lebenden schroff zurückweisen will, bis Virgil ihn beruhigt. Plötzlich erbebt das Gefilde von einem Sturmwind, und ein blendender Blitz bringt Dante um alle Besinnung.

‚Durch mich geht's in die trauervolle Stadt,
Durch mich geht's in den grenzenlosen Schmerz,
Durch mich geht's unter die Verlorenen.

Gerechtigkeit war meines Schöpfers Antrieb,
Ich bin das Werk der göttlichen Gewalt,
Der höchsten Weisheit und der ersten Liebe;

Vor mir hat's nichts Erschaffenes gegeben,
Nur Ew'ges, und ich selbst bin ewig dauernd:
Eintretende! laßt alle Hoffnung schwinden.’ -

Dies dunkle Wort an eines Thores Wölbung
Erblickend, wandt' ich mich dem Führer zu:
»Meister, des Wortes Sinn bedrückt mich hart«. -

Da sprach der kluge, vielerfahrne Mann:
»Hier gilt's von jeglichem Verdacht zu lassen,
Hier heißt's ertöten jeder Feigheit Spur;

Das ist der Ort, von dem ich dir gesagt,
Daß du drin schaun wirst all die Schmerzbeladnen.
Die der Erkenntnis höchstes Gut verwirkt«. -

Und seine Hand sanft legend auf die meine,
Mit heiterm Antlitz hebend meinen Mut,
Führt er mich ein in die geheimsten Dinge.

Hier gab's nur Seufzer, Weinen, Wehgeheul,
Ertönend durch die sternenlose Nacht,
Daß anfangs Thränen mir ins Auge traten.

Verschiedne Sprachen, grauenvolle Reden,
Worte der Qual und wutentbrannte Laute,
Wildheis're Stimmen, drunter Händeklatschen

Durchtobten mit betäubendem Getös
Die Luft, in der kein Zeitmaß Wandel schafft,
Kreisend wie Sand, wann sich der Sturm erhebt.

Und ich, dem Irrtum hielt die Stirn umspannt:
»O Meister«, rief ich, »was vernimmt mein Ohr
Und was für Volk scheint so von Schmerz bezwungen?« -

Und er zu mir: »Dies elende Gebaren
Ist eigen all den selbstisch kalten Seelen,
Die sonder Schmach gelebt und sonder Lob.

Sie sind vermengt mit dem verworfnen Chor
Der Engel, die gen Gott sich nicht empört,
Doch, ohne Treue, nur sich selbst gelebt.

Der Himmel hat verjagt sie, seine Schönheit
Zu schonen, und die Hölle sie nicht aufnimmt, Daß sie nicht dienen Schuld'gen zur Berühmung«. -

Und ich: »Was mag, o Meister, sie so schwer
Bedrücken, daß so laut ihr Leid sie klagen?« -
Der Meister drauf: »Das kann sehr kurz ich sagen.

Sie haben keine Hoffnung, je zu sterben,
Und ihr lichtloses Leben liegt so tief,
Daß sie das niedrigste Geschick beneiden.

Die ganze Welt gedenket ihrer nicht,
Erbarmen und Gerechtigkeit verschmäht sie;
Nichts mehr davon, sieh' hin und schreite weiter«. -

Fortschreitend blickt' ich hin und schaut' ein Banner,
Das sich im Drehn so rasch dahin bewegte,
Wie wenn für es unstatthaft wär' das Ruhn.

Und hinter ihm kam ein so langer Zug
Von Seelen, daß ich nimmer hätt' geglaubt,
Es habe schon so viel der Tod verschlungen.

Da ward mir, als erkennt' ich wen; ich schaute
Schärfer und sah den Schatten dessen, der
Aus Feigheit that den schmählichen Verzicht.

Zugleich vernahm und war ich überzeugt,
Daß dieses hier die Bande war der Bösen,
Mißfällig Gott sowie den Feinden Gottes.

Diese Verruchten, die nie ganz gelebt,
Nackt waren sie, von Wespen und von Bremsen,
Die jämmerlich sie quälten, rings umschwärmt;

Von ihrem Antlitz reichlich rann das Blut,
Das thränenuntermischt von ihren Füßen
Gierig aufsogen widerliche Würmer.

Und nur bestrebt, noch mehr zu sehn, erblickt' ich
Am Ufer eines Stroms ein groß Gedränge,
Weshalb ich sagte: »Meister, jetzt gewähre

Zu wissen mir, wer diese sind und warum
Sie so bereit sind, in den Kahn zu springen,
Wie bei dem Zwielicht es mir scheinen will?« -

Und er zu mir: »Du wirst es schon erfahren,
Sobald wir unsre Schritte hemmen werden
Am trauervollen Ufer Acherons«. -

Hierauf beschämt und mit gesenkten Blicken,
Aus Furcht, daß ihm mein Wort beschwerlich falle,
Des Redens bis zum Strom ich mich enthielt.

Und sieh', da kommt auf einem Kahn gefahren,
Ein Greis, schneeweiß von altersbleichem Haar,
Auffschreiend: »Seht euch vor, verderbte Seelen,

Hofft ja nicht, je zu schaun das Himmelreich!
Ich komm', an jenes Ufer euch zu führen,
In ew'ge Finsternis, in Eis und Feuer.

Und die du hier verweilst, lebend'ge Seele,
Trenne von diesen dich, sie sind ja tot!«
Doch als er sah, daß ich nicht ging von dannen,

Sprach er: »Auf anderm Weg, durch andre Häfen
Kommst du zum Ufer, nicht hier; willst hinüber,
So hat ein leichtres Schifflein dich zu tragen«. -

Da rief der Meister: »Charon, Gräm' dicht nicht:
Man will's so, wo man, was man will, auch kann;
D'rum füge dich und laß das eitle Fragen«. -

Damit gewannen Ruh' die rauhen Wagen
Des Fährmanns dieser fahlen, sumpf'gen Fluten,
Um dessen Augen Flammenräder sprühten.

Doch jene Seelen, übermüd' und nackt,
Wechselten Farbe, klappern mit den Zähnen,
Sobald das mitleidlose Wort sie hörten;

Und Gott verfluchend, die Verwandten alle,
Die Menschheit und den Ort, die Zeit, den Samen
Des eig'nen Samens und die draus Gebornen,

Laut weinend an einander rückten sie,
Dem ewig unheilvollen Ufer zu,
Das aller harrt, die niemals Gott gefürchtet.

Charon der Dämon, voller Glut das Auge,
Weiß durch sein Winken alle zu versammeln,
Die Säum'gen schlagend mit dem harten Ruder.

Gleichwie zur Herbstzeit sich die Blätter heben,
Eins nach dem andern, bis der letzte Zweig
Der Erde wiedergiebt die ganze Beute,

So hier ergeht es Adams bösem Samen:
Vom Ufer sinken alle sie hinab
Wie Vögel auf den Lockruf in die Falle.

Sie ziehn dahin auf diesen dunklen Wogen,
Und eh' sie drüben alle sind verschwunden,
Hat hüben sich ein neuer Schwarm gesammelt.

»Mein Sohn,« begann der liebenswürd'ge Meister,
»All, die gestorben sind in Gottes Zorn,
Vereinigen sich hier aus allen Landen;

Und willig übersetzen sie den Strom,
Weil sie die göttliche Gerechtigkeit
So spornt, daß Furcht sich wandelt in Begehren.

Den Weg hier geht nicht eine gute Seele;
D'rum wenn sich Charon über dich beklagt,
Weißt du nunmehr, was dies bedeuten mag«. -

Als er geschlossen, bebte weit und breit
Das fahle Land so mächtig, daß des Schreckens
Erinnrung heute noch in Schweiß mich badet.

Der thränenreichen Erd' entrang ein Sturm sich
Und diesem ein so blenden rotes Licht,
Daß ich, beraubt des leisesten Empfindens,

Hinsank gleich einem, den der Schlaf besiegt.


Gesang 04

Erster Kreis. Aus der Betäubung zu sich kommend, sieht sich Dante jenseits des Acheron in der Vorhölle (Limbus), dem weitesten der Höllenkreise, in dem es nur tiefe Seufzer und kein Wehgeheul, weil keine Martern gibt. Hier befinden sich die ungetauft gestorbenen Kinder mit den Heiden und Juden, die tugendhaft gelebt haben und von denen einige durch Christus bei seiner Höllenfahrt erlöst worden sind. Es sitzen da beisammen die großen Dichter des Altertums, zu deren Kreis Virgil gehört, der Dante mit ihnen bekannt macht und ihm hierauf eine gr0e Anzahl ausgezeichneter Männer und Frauen der Vorzeit weist.

Es brach durch meines Kopfes schweren Schlaf
Ein Donnerschlag, daß ich davon erbebte
Gleich einem, der gewaltsam wird geweckt.

Kaum ausgeruht, lenkt' ich das Aug' umher,
Emporgerichtet und mit festem Blick,
Forschend, an welchen Ort ich war geraten,

Wahrhaftig, ich befand noch immer mich
Am Außenrand des schmerzenvollen Abgrunds,
Daraus wie Donner dröhnt das ew'ge Leid.

Da gab's nur Tiefe, nebelhaftes Dunkel;
Vergebens strebte nach dem Grund das Auge,
Nicht unterscheiden konnt' ich mehr die Dinge.

»Laß uns betreten diese blinde Welt,«
Begann der Dichter, plötzlich ganz entfärbt;
»Ich werde sein der Erste, du der Zweite«. -

Doch ich, durch sein Erblassen tief erschrocken;
»Wie könnt' ich«, frug ich, »wenn selbst du verzagst,
Mein einz'ger Trost in allen meinen Zweifeln?« -

Und er zu mir: »Die Seelenangst der armen
Hierher Verwiesnen malt aufs Angesicht
Das Mitleid mir, das dir als Furcht erscheint;

Gehn wir, der lange Weg will kein Verweilen«. -
so führt er in den ersten Kreis mich ein,
Der den gesamten Höllenschlund umgürtet.

Jedoch soweit zu hören ich vermochte,
Kein stärkres Weinen gab es hier als Seufzer
Doch Seuzer, daß davon die Luft erbebte.

Das kam von Martern nicht und nur vom Gram,
Dem hingegeben waren ganze Scharen
Von Männern, Weibern und von Neugebornen.

Da sprach der gute Meister: »Fragst du nicht,
Von welcher Art die Geister, die du siehst?
Will, daß du wissest, eh' du weiterschreitest,

Daß diese nicht gesündigt. Ohne Wert
Ist ihr Verdienst, weil ihnen fehlt die Taufe,
Das Thor zum wahren Glauben, dem du huldigst.

Und lebten sie noch vor dem Christentum,
So haben Gott nicht würdig sie verehrt;
Und ihresgleichen einer bin ich selbst.

Durch solche Mängel, sonst durch kein Verbrechen
Sind wir verloren, nur soweit gekränkt,
Daß wir in hoffnungsloser Sehnsucht leben«. -

Mich faßte tiefes Weh' bei diesen Worten,
Denn Menschen wußt' ich von gar hohem Wert
So trostlos hangend zwischen Höll' und Himmel.

»Sag' an, o mein Gebieter«, rief ich aus,
Verlangend nach Gewißheit in betreff
Des Glaubens, der den Irrtum überwindet:

»Ist einer je durch eignes oder fremdes
Verdienst von hier gestiegen zu den Sel'gen?« -
Und jener, meiner Frage Sinn erfassend.

Antwortete: »Noch war ich hier ein Neuling,
Als einen Mächtigen ich kommen sah,
Gekrönt mit all den Zeichen eines Siegers.

Er hat befreit den allerersten Vater,
Dann Abel, dessen Sohn, und Noah, Moses,
Der die Gesetze gab und folgsam war;

Den Patriarchen Abraham und David
den König, Israel samt Vater, Kindern
und Rahel, der zulieb' er that so viel;

Viel' andre noch, und alle macht' er selig.
Auch sollst du wissen, daß vor diesen kein
Menschlicher Geist errettet worden war«. -

Wir schritten vorwärts, auch dieweil er sprach,
Den dichten Wald durchschreitend fort und fort,
Den Wald, sag' ich, den dichten Geisterwald.

Wir waren wenig von der Höh' des Thals
Entfernt, als ich ein Feuer sah, das hell
Aufleuchtete, das Dunkel überwindend.

Wir waren zwar noch ziemlich weit, doch nicht
So weit, daß ich teilweise nicht gesehn,
Welch würdige Gesellschaft hier der Herr war.

»O Zierde jeder Wissenschaft und Kunst«,
Begann ich, »sag' mir, wer sind jene dort,
Vor allen ausgezeichnet und verehrt?« -

Und er zu mir: »Ihr ehrenvoller Name,
Der weithin hallt auf Erden, hat im Himmel
Gnade gefunden, die nun hier sie fördert«. -

Da hört' ich eine Stimme rufen: »Ehrt,
Ehrt den erhabnen Dichter, dessen Schatten
Uns jüngst verließ und jetzo wiederkehrt«.

Und als die Stimme schwieg, gewahrt' ich vier
Riesige Schatten schreiten auf uns zu,
Nicht traurig noch vergnügt im Angesicht.

Der güt'ge Meister allsogleich begann:
»Sieh' jenen dort, der, in der Faust ein Schwert,
Vorangeht mit der Miene des Gebieters.

Es ist Homer, der edle Dichterfürst;
Der zweite Horaz, der Satyriker,
Ovid der Dritte, dem Lucanus folgt.

Da die Bezeichnung, die von jener Stimme
Hervorgehoben ward, uns allen zukommt,
Ehren sie mich und thun auch gut daran«. -

So sah versammelt ich die schöne Schule
Des Sängers des erhabensten Gesanges,
Der einem Aar gleich über allen schwebt.

Nachdem sie mit einander sich besprochen,
Wandten mit Grußeswink sie sich an mich,
Und freundlich lächelte dazu der Meister.

Noch mehr der Ehre wurde mir erwiesen:
Sie nahmen ganz mich auf in ihre Schar,
Sodaß ich Sechster war bei diesen Großen.

Und bis zu jenem Feuer schritten wir,
Von Dingen redend, die hier zu verschweigen,
Geziemend ist, wie dort davon zu sprechen.

Da standen wir vor einem edlen Schloß,
Von hohen Mauern siebenfach umgeben,
Und rings geschützt von einem schönen Flüßchen,

Das sich beschreiten ließ wie festes Land.
Durch sieben Thore sind wir eingetreten,
Gelangend zu gar frischem Wiesengrün.

Da gab es Leute strengen, ernsten Blicks,
Von großer Macht in ihrem ganzen Wesen;
Sie sprachen selten und mit sanften Stimmen.

Wir zogen derart uns nach einer Seite,
Daß wir von einem hohen hellen Platz
Sie leicht betrachten konnten allesamt.

Mir gegenüber auf dem grünen Schmelz
Konnt' ich betrachten jene großen Geister,
Die nur zu sehn, mich über mich erhebt,

Elektra sah begleitet ich von vielen,
Darunter Hektor und Äneas; Cäsar
In voller Rüstung mit den Falkenaugen.

Ich sah Camilla, sah Penthesilea
Zur andern Hand und auch Latin den König,
Bei dem Lavinia, seine Tochter, saß.

Sah jenen Brutus, der Tarquin verjagt,
Lucretia, Julia, Martia mit Cornelia,
Dann abseits unsern Sultan Saladin.

Um Wen'ges nur den Blick erhebend, sah
Den Meister ich der Wissenden, umgeben
Von allen großen Denkern, und von allen

Bewundert und mit Ehren überhäuft.
Hier sah mit Sokrates ich Platon, beide
Jenem am nächsten; dann Demokritos,

Für den die Welt aus Zufall ist entstanden;
Diogenes und Anaxagoras,
Thales, Empedokles
und Heraklit,

Und Zenon mit Dioskorides, von denen,
Die je gesammelt, wohl der kundigste;
Dann Orpheus, Tullius, Lino, Seneca,

Dann Euklid, den Geometer, Ptolomäus,
Hippokrates, Galen
und Avicenna,
Dem sich Averroes, der Kommentator,

Anschloß. Ich kann nicht alle wiedergeben,
Weil mich der überreiche Stoff so drängt,
Daß oft das Wort fehlt für den Gegenstand.

Als sich die Schar der Sechs auf Zwei vermindert,
Lenkte der weise Führer mich hinweg
Aus jener stellen Luft in wildbewegte,

Wo nichts, das leuchtete, zu finden war.


Gesang 05

Zweiter Kreis, der einen geringeren Umfang hat, wie auch die folgenden, weil Dantes Hölle die Gestalt eines Trichters hat, dessen Spitze auf dem Mittelpunkt der Erde ruht. Die einzelnen Kreise hat man sich als breite Terrassen vorzustellen, die durch in den Felsen gehauene Stufen miteinander verbunden sind, sowie auch stellenweise durch Brücken, wo nämlich Schluchten vorkommen. Zwischen dem V. und VI. Kreis befindet sich die Höllenstadt Dis oder des Dis, so genannt nach dem römischen Beinamen d. Pluton (VIII. und IX. Gesang.) in der nur Teufel, Furien und Gorgonen hausen, welche Stadt man aber passieren muß, um tiefer in die Hölle zu gelangen. Hier im II. Kreis werden bestraft, die der Wollust sich hingegeben haben. Am Eingang will Minos die Dichter zurückweisen; aber Virgil weiß ihn, wie früher Charon, zu beruhigen und zeigt und nennt Dante die durch einen finsteren Sturm umhergepeitschten Schatten, unter denen Francesca da Rimini und Paolo Malatesta seine ganze Teilname wecken. Francesca erzählt die Geschichte ihrer Liebe und ihres tragischen Todes mit solcher Innigkeit, daß Dante, von Mitleid ergriffen, in Ohnmacht fällt.

Vom ersten Kreis stieg ich hinab zum zweiten,
Der ungleich weniger des Raums umfaßt
Und desto mehr der Qual, die laut aufschreit.

Entsetzlich steht da Minos, zähneknirschend;
Er prüft die Schuld der Kommenden und richtet
Und sendet, je nachdem er sich umgürtet.

Ich sage: Daß, wenn die mißratne Seele
Vor ihn hintritt, sie jeden Fehl ihm beichtet.
Und jener Sündenbekenner sieht sogleich,

Auf welchen Höllenplatz sie hingehört:
Weievielmal er sich mit dem Schweif umgürtet,
So viele Stufen tief muß sie hinab.

In großer Zahl erscheinen sie vor ihm,
Gehn nacheinander alle zu Gericht,
Und alle reden, hören und versinken.

»O, der du kommst an diesen Trauerort«,
Rief, mich erblickend, Minos zornentbrannt,
Lassend in Stich sein schweres Amt, »gieb acht,

Wie du hereinkommst und wem du vertraust,
Laß nicht des Eingangs Weite dich bethören!« -
Da sprach mein Führer: »Warum schreist du so?

Behindr' ihn nicht auf seinem Schicksalsgang:
Man will es, wo man, was man will, auch kann;
Begnüge dich damit und frag' nicht weiter«. -

Ach, nun beginnen die schmerzvollen Klagen
Zu tönen an mein Ohr, nun bin ich dort,
Wo Thränen nur an meine Seele schlagen;

Nun bin ich dort, allwo das Licht verstummt
Und alles brüllt wie sturmdurchbraust das Meer,
Wann streit'ge Winde wühlen in den Wogen.

Der Hölle Wirbelsturm, der niemals ruht,
Er führt als seinen Raub mit sich die Geister,
Durch Drehn und Schlagen fort und fort sie quälend.

Und wann zum großen Einsturz sie gelangen,
Verdoppelt sich das Jammern und Geheul,
Und wird geflucht der göttlichen Gewalt.

Es heißt, daß diese Strafe jene trifft,
Die, die Vernunft der Neigung unterordnend,
Sich hingegeben eitler Sinnenlust.

Und wie der Stare festgeschloss'ne Reihn
In Winterstürmen hin und wieder wogen:
Treibt jener Wirbel die Verlorenen

Nach links und rechts, hinab, hinauf, und keine
Hoffnung sie jemals tröstet mit der Aussicht
Auf Qualmindrung oder etwas Rast.

Und wie die Kranich' in endlosem Streif,
Klagend ihr Leid, sich hinziehn durch die Luft,
So sah, getragen von besagter Sorge

Wehklagend ich die düstern Schatten nahn;
Weshalb ich fragte: »Meister, wer sind jene
So grausam von der Nacht gestraften Wesen?« -

»Die dort, von der du Nachricht willst zunächst«,
Antwortete mein Führer mir sodann,
»War vieler Völkerschaften Herrscherin.

Sie war durch Wollust so verderbt. daß sie,
Zu wehren jedem Tadel, durch Gesetz,
Was ihr gefiel, ließ als erlaubt erklären.

Es ist Semiramis, von der man liest,
Daß sie dem Ninus folgt' und sein Gemahl war;
Ihr Land war das vom Sultan heut' beherrschte.

Treuloder Asche des Sicheus, gab sich
Die Zweit' aus Liebesleidenschaft den Tod.
Dort ist Kleopatra, die Wollust selbst,

Und Helena, die so viel böse Zeit
Heraufbeschwor. Achilles siehst du da,
Der endlich auch dem Liebesgott erlag«.

Und Tristan, Paris und wohl mehr als tausend
Der Schatten nannt' er, weisend mit dem Finger,
Alle durch Lieb' entrissen unserm Leben.

Nachdem von meinem Lehrer ich gehört
Die Namen all der edlen Fraun und Ritter,
Ergriff mich Mitleid, daß ich schier verzagte.

»Mein Dichter«, sagt' ich endlich, »gar zu gern
Spräch' ich die Zwei, die da selbander gehn,
Und leicht wie Lüfte sich im Wind bewegen«. -

Und er zu mir: »Wirst sehn, sobald sie mehr
Sich nahn; mußt bei der Liebe, die sie leitet,
Sie dann beschwören, und sie werden kommen«. -

Sowie der Wind sie hergeweht, erhob ich
Die Stimme: »Tiefbetrübte Seelen, kommt
Und sprecht uns an, falls niemand es verbietet«. -

Wie Tauben, wann die süße Sehnsucht ruft,
Mit off'nen Fittigen zum Neste fliegen,
Getragen von des Willens Wundermacht:

Verließen allsogleich sie Didos Schar,
Die böse Lust durcheilend auf uns zu;
So laut erklang der liebevolle Ruf. -

»O freundlich mildes, güt'ges Wesen du,
Das uns, die wir die Welt mit Blut befleckt,
Aufsucht im Raume der Verlorenen;

Wär' gnädig uns gesinnt der Herr des Weltalls,
Wir bäten ihn um deinen Seelenfrieden,
Der du so teilnimmst an verruchtem Leid.

Und was du hören oder reden willst,
Wir werden reden, hören, wie du willst,
Solang, wie jetzt, der Sturmwind schweiden mag.

Es liegt das Land, in dem das Licht der Welt
Ich einst erblickt, am Meer, wo sich ergießt
Der Po, Ruh' suchend für sich und die Seinen.

Liebe, die jedes zarte Herz ergreift,
Hat's diesem mit der Schönheit angethan,
Die man mir nahm; noch kränkt die Weise mich.

Liebe, die keiner ungestraft erwidert,
Hat mir so wert gemacht sein Wohlgefallen,
Daß, wie du siehst, es noch nicht mich verläßt.

Liebe hat beid' uns in den Tod getrieben;
Die Kainsschlucht harret des, der uns erschlug.«. -
So scholl von den zwei Schatten es herüber,

Und während ich den Schwergekränkten lauschte,
Senkt' ich das Haupt und hielt es so gesenkt,
Bis mich der Dichter frug: »Was sinnest du?« -

Zur Antwort mich aufraffend, rief ich: »Weh',
Welch süß Gedenken, welches Glutverlangen
Hat die getrieben zu dem Leidensschritt!«

Dann wandt' ich mich zu jenen und begann:
»Francesca, deine martervolle Qual
Rührt bis zu Thränen meine Traurigkeit.

Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer,
Wozu, wieso mocht' euch die Liebe lassen
Erkennen all die zweifelvollen Wünsche?« -

Darauf sagte sie: »Nicht giebt es größern Schmerz
Als Rückerinnrung an glücksel'ge Zeit
Im Elend; und das weiß dein Dichter gut.

Doch wenn es dich so mächtig drängt, zu kennen
In ihrer ersten Wurzel diese Liebe,
Will's machen wie der, der weint und spricht.

Wir lasen eines Tages zum Vergnügen
Von Lancelot und seiner Liebesqual;
Alleine waren wir, ohn' allen Argwohn.

Beim Lesen mehrmals trieb's den Blick empor.
Und totenblaß entfärbten sich die Wangen;
Doch eine Stelle nur hat uns besiegt:

Als wir gesehn, wie das ersehnte Lächeln
Geküßt ward von dem königlichen Buhlen,
Hat dieser hier, den nichts mehr von mir trennt,

Mich auf den Mund geküßt, vor Glut erzitternd.
Ein Kuppler war das Buch und der's geschrieben;
An jenem Tage lasen wir nicht weiter«. -

Indes der eine Geist dies sagte, weinte
Der andre so, daß ich mich vor Erbarmen
Hinschwinden fühlte, wie wenn's ging ans Sterben,

Und hinsank, wie der Tote niedersinkt.


Gesang 06

Dritter Kreis. Hier werden die Schlemmer von Regen und Schnee gepeitscht und zu Boden geworfen, wo sie dann von Cerberus zerfleischt werden, der auch die beiden Dichter anfällt, aber von Virgil beruhigt wird, der ihm Erde in die drei Rachen schleudert. Der Florentiner Ciacco erkennt Dante und sagt ihm die Zukunft seiner Stadt voraus. Von Dante befragt, äußert sich Virgil über die Veränderung, die nach dem jüngsten Tag die Strafen erleiden werden.

Bei des Bewußtseins Wiederkehr, das mir
Mitleid mit den zwei Liebenden geraubt,
Durch Traurigkeit mich ganz und gar verwirrend,

Nur neue Qualen und nur neu Gequälte
Seh' ringsum ich, wohin ich auch mag blicken,
Nach welcher Seit' ich auch mich wenden mag.

Bin nun im dritten Kreis, im Kreis des Regens,
Des ewigen, verwünschten, kalten, schweren,
An dem Gesetz und Art sich niemals ändert.

Hagel und trüb Gewässer, Schneegestöber
Ergießt sich durch die finstre Luft, und übel
Der Boden riecht, der aufnimmt all den Gräu'l.

Und Cerberus, das Untier, einzig grausam,
Bellt aus drei Rachen einem Hunde gleich
Das arme Volk an, das hier überschwemmt wird.

Rot glüht' sein Aug', sein Bart ist schwarz und fettig,
Und weit sein Bauch; beklaut sind seine Tatzen,
Womit er kratzt und schindet und zerfleischt.

Der Regen peitscht die Schatten, daß sie heulen;
Mit einer Seite bietend Schutz der andern,
Wenden sie fort und fort sich hin und her.

Als Cerberus uns sah, der Höllendrache,
Riß er die Rachen auf, die Zähne zeigend;
Jedwedes Glied an ihm geriet in Wallung.

Da spreitete mein Führer auf die Hände,
Nahm Erde, schleudernd sie mit vollen Fäusten
In die begierig aufgeriss'nen Schlünde.

Gleichwie der Hund, verlangend mit Gebell
Nach Fraß, sobald er einen Bissen hat,
Schweigt nur, bestrebt, ihn schleunig zu verschlingen:

Verstummten jene scheußlichen drei Mäuler,
Die vorhin angeschrien so toll die Schatten,
Daß Taubheit eine Wohlthat wär' gewesen.

Wir schritten weiter über die vom Guß
Dahingestreckten, unsre Füße pflanzend
Aufs eitle Sein, darstellend Wesenheit.

Am Boden lagen alle bis auf einen,
Der sich, sobald er unser Nahn gewahrt,
Aufsetzt und hastig mir entgegenruft:

»Der du geschleppt nun wirst durch diese Hölle,
Wenn du dich entsinnst, erkenne mich;
Du wurdest doch, bevor ich starb, geboren«. -

Und ich darauf: »Vielleich entstellt dich so
Die Seelenangst für mein Erinnern, daß
Mir ist, als hätt' ich niemals dich gesehn.

Doch sag' mir, wer du bist, an diesen Ort
Verdammt, zu dieser Strafe; härter kann
Wohl manche sein, doch widriger gewiß nicht«. -

Und er zu mir: »Es hat mich deine Stadt,
So voll von Neid, daß bald sie bersten muß,
Beherbergt in der heitern Zeit des Lebens.

Ihr Bürger nanntet Ciacci mich; hier werd' ich,
Wie du nun siehst, ob meiner Schlemmerei
Von diesem Regen jämmerlich zermartert.

Ich Unglücksel'ger bin da nicht allein,
Denn alle diese leiden gleiche Strafe
Für gleiche Schuld«; und damit schwieg er still. -

Darauf erwidert' ich: »Dein tiefer Kummer,
Ciacco, bedrückt mich, daß ich weinen muß;
Doch sag' mir, wenn du's weißt, was mag noch werden

Aus den Bewohnern der entzweiten Stadt?
Giebt's noch Gerechte dort? Sag' an den Grund,
Aus dem so schwere Zwietracht sie befallen?« -

Und er zu mir: »Nach langem Streite kommt's
Zum Blutvergießen, und die Waldpartei
Vertreibt in mörderischem Kampf die Gegner.

Doch eh' drei Jahr sind um, vertreiben diese
Die Sieger mit der Hilfe dessen, der
Abwartend heut noch kreuzt an unsrer Küste.

Sie werden dann durch lange Zeit die Stirn
Hoch tragen, aller Qual und Scham zu Trotz
Die Gegner übermächtig niederdrückend.

Zwei sind gerecht, doch einig sind sie nicht,
Denn Hochmut, Neid und Habsucht sind die Funken
Die jene Herzen immerdar entflammen«. -

Damit beschloß er seine bittern Klagen.
Ich aber sprach: »Du sollst noch mehr mich lehren,
Freigebiger noch sein mit deiner Rede.

Tegghiaio, Farinata, die so würd'gen,
Arrigo, Rusticucci, Mosca, die
Mit so viel andern tüchtig sich gehalten,

Sag' an, wo sind sie, laß mich kennen sie;
Denn übermächtig drängt es mich, zu wissen,
Ob Himmelswonn', ob Höllengift ihr Lohn«.

»Sie fand ich bei den schwärzesten der Seelen«,
Gab er zurück, »so schwer ist die Schuld;
Du wirst sie sehn, kommst du zu solcher Tiefe.

Doch kehrst du wieder in die schöne Welt
Zurück, erneure dort mein Angedenken,
Das bitt' ich dich, und nun red' ich nicht weiter«.

Hierauf verdreht entsetzlich er das Auge,
Blickt noch mich an und senkt das Haupt und liegt
Dahingestreckt in Blindheit gleich den andern.

»Der regt sich nimmer«, rief alsdann mein Führer,
»Bis nicht erdröhnt die himmlische Posaune,
Verkündigend die rächende Gewalt.

Dann werden alle finden ihre Gräber
Und wieder haben Fleisch, sowie Gestalt,
Und hören, was auf ewig wiederhallt«. -

So schritten wir durchs schmutzige Gemengsel
Von Schatten und von Regen trägen Schrittes,
Gedanken tauschend über's künft'ge Leben.

Ich fragte: »Meister, werden diese Martern
Noch wachsen nach dem großen Richterspruch,
Oder sich mindern oder gleich sich bleiben?« -

Und er: »An deine Wissenschaft dich wende,
Die will, daß je vollendeter ein Ding,
Es Wohl und Übel desto mehr empfinde.

Wenngleich dies fluchbeladene Geschlecht
Nicht kann gelangen zur Vollkommenheit,
Erreicht's doch später höhre Wesenheit«. -

Im Bogen schritten wir die Straße weiter,
Weit mehr besprechend, als ich hier berichte,
Bis, abwärts steigend, wir dorthin gelangten,

Wo Pluton vor uns stand, der große Feind.


Gesang 07

Den vierten Kreis betretend, der die Geizigen (Habsüchtigen) und Verschwender umfaßt, (die entgegengesetzten Laster kommen an denselben Ort, um über sich selbst klarer zu werden), stoßen die Dichter auf den alten Gott des Reichtums Pluto, der hier machtlos lebt. Verschwender und Habsüchtige wälzen hier unaufhörlich riesige Lasten gegen einander. Hier bietet sich Virgil die Gelegenheit zu den treffendsten Aussprüchen über die Göttin Fortuna und deren Walten. Weiter schreitend steigen die Dichter zum fünften Kreis hinab, wo in dem vom heißen Styx gebildeten Sumpf die Zornmütigen sich balgen, während auf seinem Grund die Trägen schmachten. Beim Umwandeln des Sumpfes erblickt Dante einen rätselhaften Turm.

»Pape Satan, pape Satan aleppe!«
Schrie Pluton auf, die Stimme rauh vor Zorn.
Jedoch der Feine, Kluge, dem nichts fremd,

Tröstete mich: »Sieh' zu, daß dir die Furcht
Nicht schade; mag er noch so mächtig sein,
Er wird dir diesen Abstieg nicht verwehren.« -

Dann, an das giftgeschwollne Maul gewendet,
Rief er: »Schweig' still, vermaledeiter Wolf,
Verzehr' in dir all deine wilde Wut!

Nicht ohne Grund ist dieser Gang ins Dunkel;
Man will es in der Höh', wo Michael
Der stolzgebornen Schändung Rächer war.« -

Gleichwie die sturmgeblähten Segel stürzen
In sich zusammen, wann der Mast zersplittert:
Hinsank das Ungetüm bei diesem Wort.

Zum vierten Kreise niedersteigend, legten
Wir einen großen Teil des Schlunds zurück,
Der alles Elend dieser Welt umfaßt.

O göttliche Gerechtigkeit, wer häuft
So viel des Leids auf, als ich hier geschaut!
Wie mag doch unsre Schuld so schwer sich rächen!

Den Wogen gleich, die dort bei der Charybdis
Mit den entgegenströmenden sich kreuzen,
Drehn hier die Schatten sich in wildem Reigen.

Unzähl'ge waren da zu sehn, die heulend
Mit aller Kraft der angestemmten Brust
Riesige Lasten gen einander wälzten.

Und einander prallend, drehten sie
Sich um, wie rasend schreiend durcheinander:
Was hältst du fest? Was lässest du nun los? -

So kehrten in dem düstern Kreis von einer
Seite zur andern alle stets zurück
Mit ihrem schmählich höhnenden Gesang;

Und wie der Halbkreis war durchschritten, ging
Des Wälzens schwere Not von neuem an.
Der Anblick schnürte mir das Herz zusammen,

Und: »Meister«, rief ich, »magst du mir erklären,
Wer diese sind; sag', ob die Tonsurierten
Hier links sind alle Geistliche gewesen?« -

Und er zu mir: »Im Leben haben alle
Geistig geschielt, und diese wußten niemals,
Ausgehend, sich ans rechte Maß zu halten.

Verständlich sagt dies ihrer lauten Stimme
Gekläff, wann sie gelangen an die Grenze
Des Kreises, die sie scheidet von den andern.

Die hier, die haarlos an des Hauptes Wirbel,
Geistliche waren's, Päpste, Kardinäle,
Bei denen Habsucht stieg zum höchsten Gipfel.« -

»Doch sollt' ich«, fragt' ich weiter, »unter diesen
Nicht manche kennen, die dort oben einst
Mit jenem bösen Übel sich besudelt?« -

Und er zu mir: »Das ist ein eitler Wunsch:
Sie haben so verkannt des Lebens Wert,
Daß nun ihr Schmutz sie macht unkenntlich allen.

Auf ewig währt dies Aneinanderprallen,
Und wird geschoren einst dem Grab der Eine,
Mit festgeschloss'ner Faust der andr' entsteigen.

Schlecht geben und schlecht halten hat den Himmel
Ihnen genommen, und entfacht den Kampf,
Den du hier siehst; ich brauch' ihn nicht zu schildern.

D'raus kannst ersehn, mein Sohn, welch kurzen Wahn
Die Güter bilden in Fortunas Hand,
Um die wie rasend sich die Menschen streiten.

Nicht alles Gold, das unterm Mond noch ist
Und jemals war, könnt' einem dieser Müden
Die süße Wohltat wahrer Ruh' gewähren.« -

»Meister«, erwidert' ich, »nun sag' mir auch,
Diese Fortuna, die du nennst, was ist sie,
Die so mit Klauen hält der Erde Güter?« -

Und er zu mir: »Schwachsinnige Geschöpfe,
Wieviel Unwissenheit umnachtet euch!
Mein Sohn, nun sollst mein Urteil du vernehmen.

Der, dessen Wissen alles überragt,
Erschuf die Himmel all und ihre Lenker,
Daß jeder Teil den anderen bestrahlt

In ewig gleichbess'ner Lichtverteilung;
Und gleicherweise gab dem ird'schen Glanz
Er eine Führerin, die jederzeit

Von Volk zu Volk, von Blut zu Blut verteilt
Die Güter dieser Welt, der Menschenklugheit
Und allem ihren eiteln Wahn zum Trotz;

Drum herrscht der ein' und wird erdrückt der andre
Wie's fordert ihr verborgner Urteilspruch,
Unsichtbar allen wie die Schlang' im Gras.

Der Widerspruch der Menschen gilt ihr nichts;
Sie sorgt voraus und richtet, unbeschränkt
In ihrem Reiche gleich den andern Göttern,

Was sie verfügt, erleidet keinen Aufschub,
Notwendigkeit macht eilig sie, denn plötzlich
Erscheint oft einer, den die Reihe trifft.

Die Göttin ist's, gar oft ans Kreuz geschlagen
Von denen selbst, die Lob ihr sollten spenden,
Und sie nur schmähn mit ungerechtem Tadel.

Doch selig ist sie, denn sie hört es nicht,
Und mit den andern Ersterschaffnen tanzt
Auf ihrer Kugel fröhlich sie dahin.

Jetzt laß zu tieferm Leid uns niedersteigen,
Die Sterne sinken schon, bei deren Aufgang
Ich aufbrach; kein Verweilen ist gestattet.« -

Den Kreis durchschreitend kamen wir am Rand
Zum Ursprung eines Quells, der siedend stürzt
In einen Fluß, dem er das Dasein schenkt.

Es war das Wasser trüb, fast rotbraun, und
Entlang der dunkeln Flut gerieten wir
In einen Weg des Grausens. Einen Sumpf,

Der Styx genannt wird, bildet jener Fluß,
Der trauervoll vom rauhen Felsgestein
Zum bösen grauen Strande niedersteigt.

Und ich, versunken gänzlich in Betrachtung,
Sah schlammbedecktes Volk in jener Lache,
Nackend und Zornverzerrung in den Zügen.

Einsschlug das andre, nicht allein mit Händen,
Mit Kopf und Brust und Fuß, und Stück um Stück
Das Fleisch vom Leib sich mit den Zähnen reißend.

Da sprach der gute Meister: »Sohn, nun sieh'
Die Seelen derer, die der Zorn bezwang.
Du sollst auch wissen, glaubend mir aufs Wort,

Daß unter diesem Wasser Seelen seufzen,
Wovon ringsum das Wasser Blasen aufwirft,
Wie dir das Auge sagt, wohin es sieht.

Sie seufzen drunten: »Elend waren wir
Einst in der süßen Luft, der sonnig heitern,
Erstickend an der Trägheit innerm Qualm;

Jetzt sind im schwarzen Schlamm wir kummervoll.«
So kommt es gurgelnd aus gewürgter Kehle,
Die keines ganzen Worts mehr mächtig ist.«« -

In weitem Bogen schreitend um den Sumpf,
Die Füße setzend auf den trocknen Stein,
Den Blick gewendet nach den Schlammerdrückten,

Gelangten endlich wir an einen Turm.


Gesang 08

Vom Turm aus werden Feuerzeichen gegeben und beantwortet, und Phlegyas kommt auf einem Kahn, um unsere Wanderer auf die andere Seite des Sumpfes zu bringen, nimmt aber nur mit Widerstreben den Lebendigen auf. Während sie hinüberschiffen, taucht aus dem Sumpf Philippi Argenti auf, der Dante anredet, jedoch von ihm mit Entrüstung zurückgewiesen wird. Hierauf entspinnt sich eine förmliche Jagd auf Argenti, der von verschiedenen Mitgestraften mißhandelt wird. Dante freut sich darüber, und Virgil lobt die Gerechtigkeit seiner Freude. An der anderen Seite des stygischen Sumpfes gelandet, stehen die Dichter vor den eisernen Mauern der Stadt Dis, und Virgil bittet die den Eingang verwehrenden Teufel um eine Unterredung. Er wird eingelassen, und Dante bleibt, von den schlimmsten Besorgnissen erfüllt, allein zurück. Und als Virgil, hinter dem die Teufel das Thor zuschlagen, sich ihm wieder nähert und selbst verzagt aussieht, steigen diese Besorgnisse auf das höchste. Vergebends sucht der gute Meister, indem er Hilfe von oben in Aussicht stellt, dem Hoffnungslosen Mut einzuflößen.

Fortfahrend sag' ich, daß noch lang bevor
Wir kamen an den Fuß des hohen Turms,
Gerichtet war das Aug' nach seiner Spitze,

Weil wir zwei Flämmchen droben sahn erscheinen,
Denen ein drittes das Signal zurückgab,
So fern, daß wir es kaum gewähren konnten.

Ans Meer mich wendend alles Wissens: »Meister«,
Fragt' ich, »was sagt das eine Feuer, was
Antwortet jenes, und wer giebt die Zeichen?« -

Und er zu mir: »Dort auf den trüben Wellen
Kannst du schon sehn, was uns erwarten mag,
Wenn nicht des Sumpfes Dunst es dir verhüllt.« -

Noch keines Bogens Sehne hat geschnellt
Den Pfeil mit solcher Raschheit durch die Luft,
Als ich ein kleines Schifflein sah, geführt

Von einem einz'gen Fährmann, auf uns zu
Fie dunkle Flut durchgleitend mit dem Schrei:
»Bist endlich da, verräterische Seele?« -

»Du schreist, o Phlegyas, ganz ins Leere nur
Diesmal und hast uns«, sagte mein Gebieter,
»Nicht länger, als das Überfahren währt.« -

Gleich dem, der sich in sicherem Erwarten Betrogen sieht und bis zur Wut sich grämt, Benahm sich Phlegyas im verbiss'nen Zorn.

Mein Führer stieg, mich heißend, ihm zu folgen,
Hinunter in den Kahn, der erst, als ich
Hinein getreten war, beladen schien.

Sobald wir beide hatten Platz genommen,
Hinglitt der alte Kiel, die Flut durchschneidend
Weit tiefer, als er's that sonst mit den andern.

Und während wir das tote Naß durchfurchen,
Macht Einer sich an mich, vom Schlamm bedeckt,
Und ruft: »Wer bist du, kommend vor der Zeit?«« -

»Ich kam«, gab ich zurück, »nicht um zu bleiben;
Doch wer bist du, so widerlich besudelt?« -
Und er: »Bin Einer, wie du siehst, der weint.« -

Drauf ich: »In Thränen und in Traurigkeit
Verbleibst du hier, vermaledeiter Geist;
Ich kenn' dich, durch den ganzen Schmutz hindurch.« -

Da greift er nach dem Kahn mit beiden Händen;
Jedoch der Meister stieß ihn rasch zurück,
Und rief: »Hinweg, fort, zu den andern Hunden!« -

Und mich umschlingend und mein Antlitz küssend,
Sprach er zu mir: »Entrüstetes Gemüt,
Gesegnet sei das Weib, das dich empfangen. -

Es war auf Erden Jener nichts als Hoffart,
Und keine Güte schmückt sein Angedenken;
D'rum ist auch hier sein Schatten nichts als Wut.

Gar mancher dünkt sich droben königlich,
Der hier den Säuen gleich in ekler Pfütze
Wird stecken, nur Verachtung hinterlassend!«

»O Meister», sagt' ich, »sehr wär' ich begierig,
Ihn eingetaucht zu sehn in diese Brühe,
Bevor wir diesen bösen Sumpf verlassen.« -

Und er zu mir: »Eh' zu Gesicht das Ufer
Dir kommt, bist du befriedigt; es gehört sich,
Daß der Genuß dir dieses Wunsches werde.« -

Gar bald darauf konnt' sehen die Mißhandlung,
Die durch die Schlammbedeckten ihm geschah,
Daß heut' noch Gott ich sage Lob und Dank.

Man hörte nur: »drauf los auf den Argenti!« -
Und der zuhöchst gereizte Florentiner
Zerfleischte selber sich mit seinen Zähnen.

So ließen wir ihn sein; nichts mehr von ihm;
Denn an mein Ohr schlug schmerzlich ein Gefühl,
Mich zwingend, angestrengt nach vorn zu blicken.

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