Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 01
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 01

Bess're Gewässer zu durchlaufen hebet
Die Segel jetzt das Schifflein meines Geistes,
Das hinter sich so grauenvolles Meer läßt,

Und singen will ich von dem zweiten Reiche,
Allwo des Menschen Geist sich reinigt, und
Zum Himmel würdig wird empor zu steigen.

Jetzt aber muß erstehn die todte Dichtung,
O heil'ge Musen, da ich euer bin.
Calliope muß etwas sich erheben,

Begleitend meinen Sang mit jenen Tönen,
Womit sie einst die Elstern so getroffen,
Daß jede Hoffnung auf Verzeihung schwand.

Die süße Farbe indischen Saphires,
Die in dem heitern Anblick reiner Luft
Bis zu dem ersten Kreise sich verbreitet,

Verschaffte meinen Augen neue Labung,
Sobald ich aus der todten Luft getreten,
Die mir die Augen und das Herz betrübt.

Der schöne Stern, der uns zur Liebe reizt,
Ließ lächelnd ganz den Orient erscheinen,
Die Fische selbst verschleiernd, die ihm folgten.

Ich wandte mich zur rechten Hand und blickte
Zum andern Pol, und schaute dort vier Sterne,
Die nur die ersten Menschen einst geschaut.

Der Himmel schien von ihrem Licht erfreut.
O traurige Verödung unsres Nordens,
Der du beraubt bist diese zu erblicken!

Als ich von ihrem Anblick mich getrennt,
Ein wenig mich zum andern Pole wendend,
Von wo der Wagen schon verschwunden war,

Sah einen Greis ich einsam neben mir,
Deß Anblick größ'rer Ehrfurcht würdig schien,
Als je ein Sohn dem Vater schuldig ist.

Er trug den Bart lang und mit weißen Haaren
Gemischt, so wie sich auch das Haupthaar zeigte,
Von dem zwei Locken fielen auf die Brust.

Die Strahlen jener heiligen vier Sterne
Verklärten so sein Angesicht mit Licht,
Daß er erschien, als wär' die Sonne vor ihm.

Wer seid ihr, die dem blinden Fluß entgegen,
Entflohen seid dem ewigen Gefängniß?
Sprach er, das ehrbare Gefieder regend.

Wer hat geführt, wer hat geleuchtet euch,
Als ihr hervorgingt aus der tiefen Nacht,
Die ewiglich das Höllenthal verdunkelt?

Sind des Abgrunds Gesetze so gebrochen?
Hat neuer Rath im Himmel sie verwandelt,
Daß als Verdammt' ihr kommt zu meinen Felsen?

Der Führer drauf ergriff mich, und mit Worten,
Mit Händen und mit Winken macht er mir
Die Knie und die Augen ehrerbietig.

Drauf er zu ihm: Nicht eigenmächtig komm' ich;
Vom Himmel stieg ein Weib, auf deren Bitten
Ich diesen als Geleitsmann unterstütze.

Doch da dein Will' ist, daß erkläret werde,
Wie unser Zustand wahrhaft ist beschaffen,
Kann nicht der meine sein, es dir zu weigern.

Den letzten Abend sah dieser noch nie,
Doch war er ihm so nah durch seine Thorheit,
Daß ihm sehr wenig Zeit nur übrig blieb.

So ward ich, wie ich sagte, ihm gesendet,
Um ihn zu retten, und kein andrer Weg
Bot sich als dieser, den ich eingeschlagen.

Gezeigt hab' ich das ganze Sündervolk ihm,
Und will nun jetzt ihm jene Geister zeigen,
Die unter deiner Aufsicht hier sich läutern.

Zu lang wär's, wie ich ihn geführt, zu sagen:
Mir hilft von oben eine Kraft ihn leiten
Dahin, wo er dich seh' und dich vernehme.

Laß wohlgefällig dir sein Kommen sein!
Die Freiheit geht er suchend, die so theuer,
Wie der weiß, der das Leben ihr geopfert.

Du weißt es, dem für sie der Tod nicht bitter
In Utika war, wo das Kleid du ließest,
Das einst am großen Tag so hell wird leuchten.

Wir brachen nicht die ewigen Gesetze,
Denn dieser lebt, mich fesselt Minos nicht.
Aus dem Kreis bin ich, wo die keuschen Augen

Auch deiner Marzia, deren Blick noch fleht,
Daß sie, du heil'ges Herz, als deine gelte:
Um ihre Liebe neige dich zu uns!

Laß deine sieben Reiche uns durchwandern!
Verschmähst du's nicht, daß dorten man dich nenne,
Will ich den Dank für dich ihr überbringen.

So lang' war Marzia theuer meinen Augen,
Als ich noch jenseits war, sprach er darauf,
Und gern that ich, was sie von mir nur wünschte:

Nun aber, wo jenseits des schlimmen Flusses
Sie weilt, rührt sie mich nicht mehr, nach der Satzung,
Die da entstand, als ich hinausgetreten.

Doch wenn ein himmlisch Weib dich schickt und leitet,
So wie du sagst, bedarf's des Schmeichelns nicht,
Denn es genügt, daß du um sie mich bittest.

So geh' denn hin, und sorge, daß du gürtest
Mit glatter Binse diesen, und ihn waschest,
Daß jeden Schmutz vom Antlitz du entfernest!

Denn schlecht würd' es sich ziemen vor dem ersten
Derjen'gen Diener, die vom Paradiese,
Nebelumflorten Auges zu erscheinen.

Denn diese kleine Insel rings umher,
Dort unten wo die Welle sie bespühlt,
Trägt Binsen auf dem weichen Schlamme nur.

Kein anderes Gewächs, das Blätter trüge
Und härter wäre, könnte dort gedeihen,
Weil's nicht dem Wellenschlage widerstände.

Doch nicht hierher dürft ihr zurückkommen;
Es wird die Sonne, die so eben aufgeht,
Euch milder'n Aufstieg zu dem Berge zeigen.

Damit verschwand er, und ohne zu sprechen
Stand ich nun auf, und trat zu meinem Führer,
Und richtete die Augen nur auf ihn.

Und er begann: Jetzt folge meinen Schritten,
Mein Sohn! kehren wir um! denn von hier senket
Sich diese Ebne bis zum untern Rande.

Schon flohen vor dem Morgenroth die letzten
Stunden der Nacht, so daß ich aus der Ferne
Der Meeresfläche Zittern konnt' erkennen.

Wie wer zurückkehrt zum verlornen Wege,
Und bis dahin vergebens meint zu gehen:
So gingen wir durch die einsame Ebne.

Als wir dahin gekommen, wo der Thau
Kämpft mit der Sonne, und weil er zum Theil
Im Schatten liegt, noch wenig sich zerstreut hat:

Da legte sanft die beiden flachen Hände
Der süße Meister auf den Rasen hin,
Und ich, der seine Absicht wohl erkannte,

Reicht ihm die thränenfeuchten Wangen dar.
Und so ließ wieder er erscheinen gänzlich
Die Farbe, die die Hölle mir verhüllt.

Drauf kamen zu dem öden Ufer wir,
Das sein Gewässer nie beschiffen sah,
Von einem der die Rückkehr dann erfahren.

Drauf gürtet' er mich, so wie jener wollte
Und, welches Wunder! wie er sie erwählt
Die niedre Pflanze, so entstand sie wieder

Urplötzlich da, wo er sie ausgerissen.


Gesang 02

Schon war die Sonne zu dem Horizonte
Gekommen, dessen Mittagskreis bedecket
Jerusalem mit seinem höchsten Punkte;

Die Nacht indeß, die ihr entgegen kreiset,
Trat aus dem Ganges vor, mitsammt der Wage,
Die ihr entschlüpft, sowie die Nächte wachsen:

So daß die weißen und die rothen Wangen
Der lieblichen Aurora, wo ich war,
Vom Alter dunkler schon gefärbet waren.

Wir standen immer noch am Meeresufer,
Wie Leute, die den Weg sich überlegend,
Im Geist wohl wandern, doch der Leib bleibt stehn.

Und siehe, gleich wie in des Morgens Nähe
Mars durch die dicken Dünste glühet, tief
Am Abendhimmel auf des Meeres Ebne,

Erschien mir, und möcht' ich es wiedersehen!
Ein Licht, das über's Meer so schnell daherkam,
Daß keines Vogels Flug ihm zu vergleichen.

Nachdem von ihm das Aug' ich nur ein wenig
Gewendet, um den Führer zu befragen,
War leuchtender und größer es geworden.

Zuerst sah ich an jeder Seit' ein Weißes,
Ich weiß nicht was, an ihm, und weiter unten
Trat noch ein solches nach und nach hervor.

Noch sprach kein Wort der Meister, bis die ersten
Der Weißen sich als Flügel offenbarten.
Dann als den Steuermann er wohl erkannte,

Rief er: Mach', mach', daß du die Knie beugest!
Sieh' Gottes Engel dort! falte die Hände!
Von nun an wirst du solche Diener sehen.

Schau, wie er jede Menschenkunst verschmäht,
Wie er der Flügel nur bedarf statt Ruder,
Und statt der Segel zu so weiter Fahrt!

Schau, wie er sie zum Himmel hat erhoben,
Die Lüfte schlagend mit den ew'gen Federn,
Die nicht wie sterbliches Gefieder wechseln!

Je mehr und mehr die göttliche Gestalt
Sich nähert', um so glänzender erschien sie,
Daß in der Näh' es nicht ertrug das Auge;

Drum senkt' ich es, und jener kam ans Ufer
Mit einem schnellen und so leichten Fahrzeug,
So daß das Wasser nichts davon verschlang.

Am Hintertheile stand des Himmels Fährmann,
Deß Seligkeit man auf dem Antlitz las.
Und mehr denn hundert Geister saßen drin.

In exitu Israel de Aegypto
Sangen sie alle mit vereinter Stimme,
Nebst dem, was in dem Psalme weiter folgt.

Drauf segnet' er sie mit des Kreuzes Zeichen,
Worauf sie alle sich ans Ufer warfen,
Und er zog fort, so schnell wie er gekommen.

Der Haufen, der allhier zurückblieb, schien,
Des Orts unkundig rings sich umzusehen,
Wie wer ihm gänzlich Neues soll erfahren.

Nach allen Seiten sendete die Sonne
Das Licht, und hatte mit den hellen Pfeilen
Vom Mittagskreis den Steinbock schon vertrieben,

Als jenes neue Volk die Stimm' erhob
Zu uns, und zu uns sprach: Wenn ihr ihn wisset,
Zeigt uns den Weg zum Berge zu gelangen!

Virgil antwortete: Ihr glaubt vielleicht,
Daß wir des Ortes kundig seien, doch
Wir sind Fremdlinge hier, so gut wie ihr.

Wir sind vorhin gekommen, kurz vor euch,
Auf anderm Wege, der so rauh und mühsam,
Daß jedes Steigen jetzt ein Spiel uns sein wird.

Die Seelen, die am Athmen wahrgenommen,
Daß zu den Lebenden ich noch gehörte,
Verfärbten gänzlich vor Erstaunen sich

Und wie zum Boten, der den Oelzweig bringt,
Das Volk sich drängt, um Neuigkeit zu hören,
Und keiner das Getretenwerden scheut,

So hefteten die sel'gen Seelen alle
Auf mein Gesicht die Blicke, fast vergessend
Dahin zu gehn, um schöner noch zu werden.

Und eine sah ich, die mit solcher Liebe
Vortrat, mich zu umarmen, daß sie mich
Das Aehnliche an ihr zu thun bewog.

O eitle Schatten, die den Schein nur haben!
Dreimal umschlang ich sie mit meinen Armen,
Und dreimal kehrten leer sie mir zurück.

Erstaunen mahlte sich auf mein Gesicht;
Weshalb der Schatten lächelnd sich zurückzog,
Und ich ihm folgend weiter vorwärts trat.

Gar freundlich bat er, daß ich ruhig bliebe,
Darauf erkannt' ich ihn und bat ihn dringend,
Daß er mit mir zu sprechen etwas weile.

Und er darauf: Wie im sterblichen Leben
Ich dich geliebt, so lieb' ich dich befreit jetzt,
Drum blieb ich stehn; du aber, warum gehst du?

O mein Casella, um einst später wieder
Hierher zu kommen mach' ich diese Reise.
Doch, wie ist dir so lange Zeit entzogen?

Und er: Kein Unrecht ist mir wiederfahren,
Wenn der, der aufnimmt, wann und wen er will,
Die Ueberfahrt mir mehrmals hat verweigert;

Denn aus gerechtem Willen fließt der seine.
Doch seit drei Monden hat er aufgenommen
In allem Frieden wer eintreten wollte.

Weshalb ich, der zum Meere mich gewendet,
Da wo der Tiber Wasser salzig wird,
Holdselig von ihm aufgenommen ward.

Nach jener Mündung geht sein Flug auch jetzt,
Weil immerwährend dort zusammen kommen,
Die nicht zum Acheron hinunterstürzen.

Und ich zu ihm: Raubt dir ein neu Gebot nicht
Gedächtniß und Gebrauch lieblichen Sanges,
Der alle meine Wünsche sonst mir stillte,

Mögst du damit ein wenig meine Seele
Erfreuen, die, weil mit dem Leibe sie
Hierhergekommen, so beschweret ist.

»Die Liebe, die zu mir im Geiste redet,«
Begann er den Gesang so süß darauf,
Daß diese Süßigkeit noch in mir nachtönt.

Der Meister drauf und ich und jene Leute,
Die mit ihm waren, schienen so zufrieden,
Als ob nichts anders ihren Geist berührte.

Wir waren all' aufmerksam und gefesselt,
Von seinen Tönen, als der würd'ge Greis
Uns zurief: Was ist das, ihr trägen Geister?

Welch Säumniß, welcher Stillestand ist das?
Lauft zu dem Berg, die Rinde abzustreifen,
Die euch Gott offenbar nicht werden läßt!

Wie wenn die Tauben Lolch oder Getreide
Ruhig genießen, zu dem Fraß versammelt,
Und den gewohnten Stolz nicht offenbaren,

Wenn dann etwas erscheinet was sie fürchten,
Urplötzlich ihre Speise liegen lassen,
Weil eine größ're Sorge sie ergriffen,

So sah ich diesen frisch gekommnen Haufen
Aufgeben den Gesang, zum Abhang eilen:
Wie wer da läuft und weiß nicht wo er hinkommt,

Und unser Weggehn war nicht minder eilig.


Gesang 03

Obwohl die rasche Flucht die andern alle
Ueber die Ebne hin zerstreut, zum Berge
Gewendet, wo Vernunft die Seele stachelt,

Hielt ich mich dicht an den treuen Gefährten.
Und wie wär' ich auch ohne ihn gelaufen?
Wer hätte mich den Berg empor gezogen?

Er schien mir über sich beschämt zu sein.
O würdiges Gewissen und o reines,
Wie ist dir kleiner Fehler bittrer Stachel!

Als seine Füße nun die Eile ließen,
Die jedem Handeln seine Würde raubt,
Da breitete mein Geist, zuerst befangen,

Begierig die Gedanken weiter aus.
Es richtete mein Blick sich zu dem Berge,
Der sich am höchsten zu dem Himmel hebt.

Der Sonne Strahlen, welche hinter mir
Glühend entbrannten, brachen vor mir sich,
Weil an dem Leib sie einen Stützpunkt fanden.

Drum wandt' ich seitswärts mich, in der Befürchtung,
Daß ich verlassen sei, weil ich bemerkte,
Daß nur vor mir die Erde dunkel blieb.

Und zu mir sprach, sich gänzlich zu mir wendend,
Mein Trost: Warum mißtraust du? glaubst du denn
Daß ich nicht bei dir sei, und dich nicht leite?

Schon Abend ist, da wo begraben liegt
Der Leib, in welchem Schatten ich einst warf,
Von Brindisi entfernt, jetzt in Neapel.

Und wenn vor mir kein Schatten jetzt entsteht,
Ist's wunderbarer nicht, als daß kein Himmel
Des Lichtes Durchzug zu dem andern wehrt.

Dergleichen Körper, Hitz' und Kält' empfindend,
Hat jene Kraft geschaffen, die nicht will,
Daß, wie sie's macht, uns offenbaret werde.

Ein Thor ist, der da hofft, daß unser Denken
Den dunkeln Weg verfolgen könne, den
Eine Substanz in drei Personen einschlägt.

Daß es so ist, genüge euch, ihr Menschen;
Denn hättet alles ihr erkennen können,
So brauchte nicht Maria zu gebähren.

Nicht würden ohne Furcht sich sehnen manche,
Wenn ihre Sehnsucht könnt' erfüllet werden,
Die nun für ewig ihre Qual ausmacht.

Den Aristoteles und Plato mein' ich,
Und viele andre; und die Stirne senkt' er,
Und ganz verstöret sprach er weiter nichts.

Indessen kamen wir zum Fuß des Berges;
Doch fanden wir den Felsen dort so steil,
Daß sich umsonst die Füße dran versuchten.

Der ödeste, einsamste Weg, der zwischen
Leric' und Turbia liegt, ist eine Treppe
Bequem und offen, ein Vergleich mit diesem.

Die Schritte hemmend, sprach darauf mein Meister:
Wer weiß, wo sich der Abhang also senket,
Daß er steigbar ist auch ohne Flügel.

Und während er gesenkten Angesichts
Die Art und Weise dieses Wegs erforschte,
Und ich nach oben rings den Fels erspähte,

Kam von der linken Seite eine Schaar
Von Seelen, die auf uns die Schritte lenkten;
Doch sah man's kaum, so langsam gingen sie.

Erheb', sprach ich zum Meister, deine Augen!
Von dorther kommt, was uns belehren wird,
Wenn keinen Rath du selber finden kannst.

Er sah mich an, und offnen Angesichts
Gehn wir! denn langsam kommen sie, sprach er.
Und du, mein Sohn, befest'ge deine Hoffnung!

Noch eines guten Werfers Steinwurf weit
War jenes Volk von uns entfernt. als wir
Schon tausend Schritte zu ihm hingethan,

Als alle sie sich an die Felsen drückten
Des hohen Abhangs, und gedrängt still standen,
Wie wer des Wegs unsicher steht und hinschaut.

O wohl vollendet', schon erwählte Geister,
Begann Virgil, ich bitt' um jenen Frieden,
Den alle ihr erwartet, wie ich glaube.

Sagt uns, wo so der Berg sich milde senket,
Daß eine Möglichkeit ihn zu ersteigen:
Denn wer viel weiß, dem mißfällt Zeitverlust.

So wie die Schäflein aus dem Stalle gehn
Zu eins, zu zwei, zu drei, wobei die andern
Gesenkt die Schnauz' und Augen schüchtern stehn,

Und was das erste thut, sich an es drängend,
Wenn still es steht, die andern gleichfalls thun,
Einfältig, still, und das Warum nicht wissen:

So sah ich nun die Führer jener Heerde,
Der seligen sich in Bewegung setzen
Mit zücht'gem Antlitz und ehrbaren Ganges.

Als nun die ersten sahen, wie das Licht
Gebrochen war am Boden, mir zur Rechten,
So daß mein Schatten nach dem Felsen fiel:

Blieben sie stehn, etwas zurücke tretend,
Und alle andern, die nach ihnen kamen
Thaten dasselbe, das Warum nicht wissend.

Ohn' eure Frage will ich euch gestehn,
Daß eines Menschen Leib ist, was ihr sehet,
Durch den das Licht am Boden wird gespalten.

Wundert euch nicht darob, glaubet vielmehr,
Daß er nicht ohne Kraft vom Himmel stammend,
Die Felsenmauer sucht zu übersteigen.

Also der Meister, und dies würd'ge Volk,
Uns Zeichen gebend mit der Hände Rücken,
Sprach: Kehret um, und schreitet vorwärts dann!

Und einer unter ihnen sprach: Wer immer
Du auch sein mögest, wend' im Gehn das Antlitz
Und überleg', ob du mich je gesehen!

Ich wandte mich zu ihm und sah ihn scharf an;
Schön war er, blond und edlen Angesichts;
Doch eine Brau' hatt' ihm ein Streich gespalten.

Als ich demüthig es verneint, daß ich
Ihn je gesehn, sprach er: Schau her! und zeigte
Mir eine Wunde oben an der Brust.

Drauf sprach er lächelnd zu mir: Ich bin Manfred;
Ein Enkel bin ich Kaiserin Constanza's.
Drum bitt' ich dich, daß, wenn du wiederkehrest,

Du gehst zu meiner schönen Tochter, Mutter
Von Aragons und von Siziliens Stolze,
Und sag' ihr Wahrheit, wenn man andres sagt.

Nachdem mein Leib von zwei tödtlichen Wunden
Durchbohret war, wandt' ich mich weinend hin
Zu dem, der jedem Sünder gern vergiebt.

Entsetzlich waren freilich meine Sünden:
Doch sind so weit der ew'gen Liebe Arme,
Daß sie aufnimmt, was nur zu ihr sich wendet.

Hätte der Bischof von Cosenza, den
Clemens auf mich gehetzt, nur diese Seite
In Gottes Worte recht gelesen, würden

Noch die Gebeine meines Leibes dorten
Bei Benevent, am Ausgange der Brücke
Unter dem Schutz des schweren Steinwalls ruhen.

Nun aber peitscht der Regen, wälzt der Wind sie
An Verde's Ufer außerhalb des Reiches,
Wo er sie hinwarf bei gelöschten Kerzen.

Durch ihren Fluch geht man nicht so verloren,
Daß nicht die ew'ge Lieb' erwachen könnte,
Bleibt an der Hoffnung etwas Grünes nur.

Wahr ist's, daß, wer in Ungehorsam stirbt
Der heil'gen Kirche, ob er auch zuletzt
Bereue, doch von diesem Ufer fern bleibt

So lange dreißigmal als er beharret
In seinem starren Sinn, wenn solche Ordnung
Durch gute Bitten abgekürzt nicht wird.

So sieh nun zu, ob du mich kannst erfreuen,
Wenn du, wie du mich sahest, meiner guten
Constanze offenbarst, und dies Gesetz auch:

Denn hier wird man durch jene sehr gefördert.


Gesang 04

Wem, sei's durch Freuden oder auch durch Leiden,
Die eine unsrer Seelenkräfte fesseln,
Die Seele ganz auf diese sich gesammelt,

Scheint sie auf keine andre Kraft zu achten:
Und das bekämpft den Irrthum, der da meint,
Daß mehr als eine Seele in uns lebe.

Und drum, wenn man etwas sieht oder höret,
Das unsre Seele mächtig auf sich zieht,
Vergeht die Zeit und man bemerkt es nicht.

Denn anders ist die Kraft, die da vernimmt,
Und anders die der ungetheilten Seele;
Die letzt' ist dann gebunden, jene frei.

Deß ward ich hier durch die Erfahrung inne,
Als mit Erstaunen ich gewahrte, daß
Bei seiner Red' an funfzig Grad die Sonne

Gestiegen war, und ich hatt's nicht bemerkt,
Als wir gelangten dahin wo die Seelen
Einstimmig riefen: Hier ist, was ihr wünschet.

Wohl größer ist zuweilen noch die Oeffnung,
Die doch mit einer Gabelvoll von Dornen
Der Winzer schließt, wenn sich die Trauben bräunen,

Als diese Oeffnung war, durch die empor
Ich und mein Führer einsam steigen mußten,
Nachdem die Schaar der Seelen uns verlassen.

Empor nach San Leó. hinab nach Noli
Steigt man, zum Gipfel auch Bismantova's
Mit Füßen nur, hier aber gilt's zu fliegen

Mit leichten Flügeln, sowie mit den Schwingen
Der großen Sehnsucht, die mich dem nachzog,
Welcher mir Hoffnung gab und Licht verlieh.

Im Felsenspalte stiegen wir empor:
Von allen Seiten klemmte uns die Eng' ein,
Und Händ' und Füße forderte der Boden.

Als wir nunmehr den obern Rand erreicht
Des hohen Ufers, wo die Gegend offen,
Sprach ich: Mein Meister, wo ist unser Weg nun?

Und er zu mir: Laß keinen deiner Schritte
Sich senken, folg' mir stets den Berg empor
Bis uns ein kundiges Geleit erscheint!

Das Aug' erreichte nicht des Berges Gipfel,
Und steiler war sein Abhang als die Linie,
Von des Quadranten Hälfte bis zum Centrum.

Ich war ermattet, als ich so begann:
O süßer Vater, wende dich und schaue!
Ich bleib' allein zurück, wenn du nicht still stehst.

Mein Sohn, sprach er, hilf dir bis hierher noch,
Mir einen Vorsprung wenig höher zeigend,
Der ganz den Berg an dieser Seit' umgab.

So spornten seine Worte mich, daß ich
Mit Anstrengung und kriechend zu ihm kam,
Bis unter meinen Füßen war der Vorsprung.

Hier setzten wir uns bei einander, schauend
Nach Morgen hin, von wo wir aufgestiegen,
Was man mit Lust wohl zu betrachten pflegt.

Erst nach den niedern Ufern, dann zur Sonne
Wandt' ich die Augen und sah mit Erstaunen,
Daß ihre Strahlen uns von links her trafen.

Wohl sah der Dichter wie ich ganz bestürzt
Hin auf den Lauf des Lichtes Wagens schaute,
Wie zwischen uns und Norden er einherzog;

Weshalb er zu mir sprach: Wenn die Zwillinge
In der Begleitung jenes Spiegels wären,
Der Licht nach oben und nach unten sendet,

Säh'st den gerötheten Thierkreis du dann
Wohl näher an dem Bären noch umkreisen,
Wenn seinen alten Weg er nicht verlassen.

Wie das geschieht, wirst du begreifen können,
Wenn du im Geist dir vorstellst, daß Zion
Und dieser Berg auf Erden also liegen

Daß Einen Horizont, zwei Hemisphären,
Sie beide haben, weshalb denn die Straße,
Die leider Phaeton einst schlecht befahren,

Von einer Seite mehr nach diesem Berge,
Nach Zion von der andern Seite geht;
Wenn sonst dein Geist es deutlich nur gefaßt hat.

Gewiß, mein Meister, sprach ich, niemals noch
Sah ich so deutlich, wie ich jetzt erkenne,
Was meinem Geiste früher dunkel war,

Daß jener Mittagskreis des höchsten Himmels,
Den eine Wissenschaft Aequator nennt,
Der zwischen Sonn' und Winter stets verbleibet,

Nach deinen Gründen sich von hier entfernt
Nach Norden, während die Hebräer ihn
Nur nach der heißen Seite sehen konnten.

Doch gerne wüßt' ich, wenn es dir beliebt,
Wie weit wir gehen müssen noch, denn höher
Als meine Augen reichen, steigt der Berg.

Und er zu mir: Der Berg ist solcher Art,
Daß stets des Steigens Anfang schwer erscheint,
Und wen'ger schlimm, je höher man empor kommt.

Darum, wenn milder dir der Berg erscheint,
So daß das Steigen dir so leicht sein wird,
Wie mit dem Strom abwärts im Schiff zu fahren,

Dann hast du dieses Fußwegs End' erreicht.
Dort wartet dein die Ruhe von den Mühen;
Mehr sag' ich nicht, doch dies weiß ich gewiß.

Und als er so gesprochen, da erklang
Nah' bei uns eine Stimme: Wohl fühlst du
Vorher noch das Bedürfniß dich zu setzen.

Bei diesen Worten wandten wir uns beide,
Und sahn zur Linken einen großen Felsblock,
Den weder er noch ich zuvor bemerkt.

Wir zogen uns dahin, und fanden Leute,
Die hinter'm Felsen dort im Schatten saßen,
Wie man nachlässig sich zu setzen pflegt.

Und ihrer einer, der mir müde schien,
Hielt so im Sitzen seine Knie umarmt,
Daß er das Antlitz senkte zwischen sie.

O süßer Meister mein, sprach ich, betrachte
Doch den der so nachlässig dort sich zeigt,
Als ob die Trägheit seine Schwester wäre.

Da wandt' er sich zu uns, aufmerksam werdend,
Und sprach, das Antlitz von dem Schenkel hebend:
Geh nur hinauf, du, der du kräftig bist!

Darauf erkannt' ich ihn, und die Beklemmung,
Die mir das Athmen noch etwas beschwerte,
Hielt mich nicht ab zu ihm zu gehn; und als ich

Zu ihm gekommen, hob er kaum das Haupt
Und sprach: Hast wohl gesehen, wie die Sonne
Zur linken Seite ihren Wagen lenkt?

Zum Lächeln zwangen etwas meine Lippen
Die kurzen Worte und das träge Wesen.
Darauf begann ich: Nicht ist leid um dich mehr

Bellacqua mir, doch sage mir warum
Sitzest du hier? wartest du eines Führers?
Hat wieder dich die alte Weis' ergriffen?

Und er: Was hilft, o Bruder, mir das Steigen!
Der Engel Gottes, der am Thore steht,
Ließe mich doch nicht zu den Martern kommen.

So lange muß der Himmel draußen mich
Umkreisen, als ich's that im Leben, weil
Ich bis zuletzt die guten Seufzer aufschob,

Wenn nicht zuvor Gebet mir hilft, das aufsteigt
Aus gnadenvollem Herzen, denn ein andres
Hilft nichts, da es der Himmel nicht vernimmt.

Und schon stieg vor mir her der Dichter sprechend:
Folge mir nun, denn schon berührt die Sonne
Den Mittagskreis, und unten an dem Ufer

Deckt schon die Nacht Marokko mit dem Fuße.


Gesang 05

Schon hatt' ich mich entfernt von jenen Schatten,
Und folgete den Schritten meines Führers,
Als mit erhobnem Finger hinter mir

Da einer rief: Schau', wie der Sonne Licht,
Dem nicht zur Linken scheint, der unten geht
Und sich wie ein Lebendiger gebärdet.

Bei dieser Worte Klang wandt' ich die Augen,
Und sah wie vor Erstaunen sie nur mich,
Nur mich und den gebroch' nen Strahl beschauten.

Warum läßt deinen Geist du so bestricken,
Daß du das Gehen hemmest? sprach der Meister.
Was kümmert dich, was hier geflüstert wird?

Komm, folge mir, und laß die Leute reden!
Steh' wie ein fester Thurm, der seinen Gipfel,
Vom Windeswehen nie erschüttern läßt!

Denn wenn der Mensch Gedanken auf Gedanken
Anhäuft, entfernt er stets das Ziel von sich,
Weil eines Kraft die Kraft des andern lähmt.

Was sollt' erwidern ich als nur: Ich komme.
Ich sagt' es, von der Farbe angeflogen,
Die oft den Menschen der Verzeihung werth macht.

Indessen kamen seitwärts von dem Abhang,
Ein wenig vor uns, Leute auf uns zu,
Die Miserere sangen, Vers für Vers.

Als sie bemerkten, daß wegen des Leibes
Den Strahlen ich den Durchgang nicht erlaubte,
Ward aus dem Sang ein langes, rauhes Oh!

Und zwei von ihnen, in Gestalt von Boten,
Eilten entgegen uns und fragten uns:
Laßt uns erfahren, welches euer Zustand?

Ihr könnt zurückkehren, sprach der Meister,
Und denen, die euch sandten, kündigen,
Daß wahres Fleisch der Leib von diesem ist.

Das ist Antwort genug, wenn, wie ich meine,
Sie seines Schattens wegen stille stehn:
Lieb kann es ihnen sein, wenn sie ihn ehren.

Nie sah so schnell ich, beim Beginn der Nacht,
Sternschnuppen durch die Heitre ziehen, noch
Blitze des Abends durch die Wolken brechen,

Als diese schneller noch empor sich kehrten,
Und sich zu uns mit allen andern wandten,
Wie eine Schaar, die zügellos dahinläuft.

Dies Volk, das uns umdrängt, ist zahlreich, und
Sie kommen dich zu bitten, sprach der Dichter,
Drum geh nur zu,und hör' sie an im Gehen.

O Seele, die um froh zu werden wandelst
Mit jenen Gliedern, die bei der Geburt
Du hattest, schrie'n sie, hemm' den Schritt ein wenig!

Schau, ob von uns du einen je gesehen,
So daß du Kunde von ihm jenseits bringest.
Ach! warum eilst du, warum stehst du nicht?

Gewaltsam wurden alle wir getödtet,
Und waren Sünder bis zur letzten Stunde,
Wo uns des Himmels Licht aufmerksam machte;

So daß mit Reu' und mit Verzeihung wir
Vom Leben schieden, unversöhnt mit Gott,
Den noch zu schauen schmerzlich wir entbehren.

Und ich: Wie euer Antlitz immer ich
Betracht', erkenn' ich keinen, doch beliebt euch
Etwas, das ich vermag, ihr sel'gen Geister,

So sprecht, und thun will ich's, bei jenem Frieden,
Den ich, den Schritten eines solchen Führers
Folgend, von Welt zu Welt aufsuchen geh.

Jeder von uns, begann der eine nun,
Traut deiner Wohlthat, ohne daß du schwörest,
Wenn Ohnmacht nicht den guten Willen hemmt.

Weshalb ich, der ich vor den andern spreche,
Dich bitte, wenn du je das Land erblickest,
Daß zwischen Carl's und der Romagna liegt,

Daß du mit deinen Bitten freundlich winkest,
In Fano so, daß man für mich dort bete,
Daß ich die schweren Sünden tilgen möge.

Von dort war ich, allein die tiefen Wunden,
Aus denen mir das Lebensblut entströmte,
Erhielt im Schooß der Paduaner ich,

Wo ich am sichersten zu sein vermeinte.
Das ließ vollbringen der von Este, der
Mehr als das Recht erlaubte auf mich zürnte.

Doch wenn, als bei Oriaco überfallen,
Ich zu der Mira mich geflüchtet hätte,
So wär' ich jenseits noch, da wo man athmet.

Zum Sumpfe lief ich, wo das Moor und Röhrig
Mich so umfingen, daß ich fiel und sah
Mein Blut am Boden eine Lache bilden.

Drauf sprach ein andrer: Ach! so dir der Wunsch,
Der dich zum Berge zieht, erfüllet werde,
So hilf dem meinen auch aus frommem Herzen!

Ich war aus Montefeltr' und bin Buonconte.
Nicht kümmern sich um mich Johann' und andre,
Drum geh gesenkter Stirn ich unter diesen.

Und ich zu ihm: Welche Gewalt, welch Zufall
Riß dich so weit von Campaldino fort,
Daß deine Grabstätt' man niemals erfahren?

Oh! sprach er drauf, am Fuß des Casentino's
Da fließt ein Bach vorüber, der Archiano,
Im Apennin, über der Wüst', entspringt er.

Da, wo den Namen er verliert, kam ich
Zu Fuße fliehend mit durchbohrtem Hals an,
Und röthete mit meinem Blut den Boden.

An diesem Ort verlor Gesicht und Sprach' ich,
Maria's Namen auf den Lippen starb ich,
Dort fiel ich, und mein Fleisch blieb dort zurück.

Die Wahrheit sag' ich, sage du's den Menschen.
Es nahm mich Gottes Engel, der der Hölle
Schrie: Du vom Himmel, was beraubst du mich?

Du trägst das Ewige von dem davon,
Des Thränchens wegen, welches ihn mir raubt;
Doch mit dem andern treib' ich andres Spiel.

Du weißt, wie feuchte Dünste in der Luft
Sich sammeln, die alsdann zu Wasser werden,
Wenn in der Höhe sie die Kält' ergreift.

Der böse Wille, der nach Bösem trachtet,
Verbunden mit der Einsicht, trieb zusammen
Den Dunst und Wind durch die ihm eigne Kraft.

Drauf, als der Tag erloschen, deckte er
Das Thal von Pratomagno bis zum Gipfel
Mit Nebel und verdichtete den Himmel,

So daß die schwangre Luft zu Wasser ward,
Der Regen fiel, und was von ihm die Erde
Nicht aufnahm, floß in des Gebirges Bäche.

Und diese angeschwellt zu großen Flüssen,
Stürzten zum Hauptstrom sich mit solcher Schnelle,
Daß Widerstand zu leisten nichts vermochte.

Meinen erstarrten Leib fand der Archian
An seiner Mündung, und trieb ungestüm ihn
Zum Arno hin, und lösete das Kreuz,

Das ich im Schmerz auf meiner Brust gebildet.
Am Ufer und im Grunde wälzt er mich,
Und deckte dann mich ganz mit seiner Beute.

Ach! wenn du wirst zur Welt zurückgekehrt,
Und ausgeruht vom langen Wege sein,
Schloß an den zweiten sich der dritte Geist an,

Erinnre meiner dich! Ich bin die Pia.
Siena gab, Maremma nahm mir's Leben;
Das weiß der wohl, der früher mit dem Ringe

Bei der Verlobung mich gebunden hatte.


Gesang 06

Wenn sich die Würfelspieler trennen, bleibet
Traurig zurück, der da verloren, und
Die Würfe wiederholend möcht' er lernen.

Doch mit dem andern geht der ganze Haufe,
Der eilt ihm vor, der faßt von hinten ihn,
Der möchte seitwärts sich bemerklich machen.

Er steht nicht still und hört diesen und jenen;
Dem er die Hand gedrückt, der drängt nicht mehr;
Und so befreiet er sich von dem Zudrang.

So stand ich unter diesem dichten Haufen,
Das Antlitz hier und dort zu ihnen wendend,
Und durch Versprechen mich von ihnen lösend.

Hier war der Aretiner, der den Tod
Von Ghin di Tacco's kräft'gem Arm empfing,
Und jener, der auf seiner Flucht ertrank.

Hier bat mit ausgestreckten Händen Friedrich
Der Jüngere, und der von Pisa auch,
Der stark erscheinen ließ Marzuce den Guten

Den Grafen Orso sah ich und die Seele
Von seinem Leib getrennt, aus Haß und Neid,
Nicht durch begangne Schuld, wie er uns sagte.

Pier della Broccia, mein' ich, und es sehe
Sich die Brabantin vor, weil noch am Leben,
Daß nicht zu schlimmrer Schaar sie einst gehöre.

Als ich von allen diesen Schatten mich
Befreit, die baten, daß man für sie bete,
Auf daß ihr Heiligwerden sich beschleun'ge,

Da fing ich an: Du scheinest, o mein Licht,
An ein Stell' ausdrücklich mir zu leugnen,
Daß das Gebet des Himmels Urtheil beuge:

Und doch fleht dieses Volk um dieses nur.
Sollte denn eitel sein ihr Hoffen, oder
Ist mir dein Wort nicht deutlich gnug erschienen?

Und er zu mir: Mein Ausspruch ist ganz einfach,
Und dieser Leute Hoffnung täuschet nicht,
Wenn man recht zusieht mit gesundem Sinne.

Denn nicht gebrochen wird des Urtheils Schärfe,
Wenn Liebesgluth erfüllt im Augenblick
Was, wer hier einkehrt, noch vollbringen muß.

Und damals, wo ich diesen Punkt behauptet,
Wurde kein Fehl durch Bitten abgebüßt,
Weil das Gebet zu Gott nicht hingelangte.

Doch magst du bei so tiefem Zweifel dich
Beruh'gen nicht, wenn jene dir's nicht sagt,
Die deinem Geist der Wahrheit Licht wird reichen,

Beatrix, mein' ich, wenn du mich verstehst.
Sie wirst du selig lächelnd einst erschauen,
Dort oben auf dem Gipfel dieses Berges.

Und ich: Laß, guter Führer, uns mehr eilen!
Denn schon ermüd' ich nicht mehr wie zuvor,
Und wie du siehst, deckt uns des Berges Schatten.

Wir wollen vorwärts gehn mit diesem Tage,
Sprach er, soweit wir es nunmehr vermögen;
Doch ist die Sache anders als du wähnest.

Bevor du oben, wirst du wiederkehren
Die sehn, die schon sich mit der Küste deckt,
So daß ihr Licht du nicht mehr unterbrichst.

Doch sieh dort eine Seele, die allein
Und einsam ihre Blicke auf uns richtet,
Die wird uns lehren, wo der kürzre Weg.

Wir kamen zu ihm. O Lombarder Seele,
Wie standest du so stolz, unwillig da!
Die Augen züchtig langsam nur bewegend.

Er richtete kein Wort an uns und ließ
Uns weiter gehn, nur mit den Blicken starrend,
Nach Art des Leu'n, wenn er sich niederlegt.

Nun zog Virgil sich hin zu ihm und bat,
Daß er den besten Aufgang uns anweise,
Doch gab er keine Antwort auf die Bitte:

Nur fragt er uns nach Vaterland und Leben.
Und als mein süßer Führer nun begann:
Aus Mantua ... da sprang der einsame Schatten

Rasch auf ihn zu vom Orte, wo er war,
Aus Mantua? Ich bin Sordell, sprach er,
Aus deiner Stadt. Und sie umarmten sich.

Ha! Schmerzes Herberg', knechtisches Italien,
Schiff ohne Steuermann in großem Sturme,
Nicht Fürstin von Provinzen, sondern Schandort!

Beim bloßen Namen seiner Vaterstadt
War diese edle Seele so bereit,
Seinen Mitbürger festlich zu empfangen!

Und ohne Krieg sind die in dir jetzt leben
Niemals, so daß einander sich bekämpfen,
Die Eine Mauer einschließt und Ein Graben.

Du Arme, such' umher an allen Ufern
Des Meeres, und blick' in dein Innres dann,
Ob wohl ein Ort des Friedens sich erfreut!

Was hilft's? daß dir den Zügel ausgebessert
Justinianus, wenn der Sattel leer ist?
Wär's nicht geschehn, die Schande wär' geringer.

Ha! Volk, wie solltest demüthig du sein,
Und wenn du recht verstehst, was Gott dir sagt,
Den Kaiser in dem Sattel sitzen lassen!

Schau! wie dies Thier so wild geworden ist,
Weil es der Sporen Macht nicht mehr empfindet,
Seitdem du Hand gelegt hast an's Gebiß.

O deutscher Albrecht, der du aufgegeben
Das Thier, das nun unbändig wild geworden,
Und solltest seinen Sattel doch beschreiten.

Gerechtes Urtheil falle von den Sternen,
Ein neues, offenbares, auf dein Blut,
Daß dein Nachfolger Furcht darob empfinde!

Dieweil du und dein Vater habt geduldet,
Von Herrschsucht jenseits nur allein befangen,
Daß wüst gelegt des Reiches Garten werde.

Komm nur und sieh, sorgloser Mann! Montecchi
Und Capellett', Monald' und Filipeschi,
Die elend schon, und jene voll Besorgniß.

Komm, grausamer, und sieh die Unterdrückung
Von deinen Edlen, heile ihre Schäden,
Und sehn wirst du, wie sicher Santofior ist!

Komm, um dein Rom zu sehn, das Tag und Nacht
Einsam, verwitwet weinet, und dir zuruft:
Mein Cäsar! warum doch verläßt du mich?

Komm, um zu sehen, wie das Volk sich liebt!
Und wenn mit uns kein Mitleid dich bewegt,
So komm, um deines Rufes dich zu schämen!

Und, darf ich fragen: Du o höchster Gott,
Der du für uns auf Erden wardst gekreuzigt,
Geht dein gerechter Blick anders wohin?

Oder ist's Vorbereitung eines Heiles,
Das, in dem Abgrund deines Raths beschlossen,
Sich unserem Erkennen ganz entzieht?

Denn voll Tyrannen sind ja alle Länder
Italiens, und ein Marcellus wird
Jedweder Bauer der Partei ergreift.

Du, mein Florenz, kannst wohl zufrieden sein,
Da diese Abschweifung dich nicht berührt,
Dank deinem Volke, das so rührig ist.

Gerechtigkeit im Herzen haben viele,
Nur bricht sie ohne Rath nicht leicht hervor;
Doch dein Volk hat sie auf den äußern Lippen.

Es meiden viele öffentliche Lasten,
Doch dein Volk, eifrig und unaufgefordert,
Antwortet gleich und ruft: Ich nehm' es auf mich!

So freu dich nun, denn du hast Grund dazu,
Du reich, in Frieden du, voller Verstand:
Ob wahr ich rede zeigt die Wirkung ja.

Athen und Lacedämon, die die alten
Gesetze schrieben, und so wohl regierten,
Kaum eine Ahndung hatten sie, verglichen

Mit dir, vom guten Leben, die so seine
Orduung du machst, daß bis Novembers Mitte
Kaum vorhält was du im Oktober spinnest.

Wie oft, seit der Zeit, der du dich erinnerst,
Hast du Gesetze, Münzen, Aemter, Sitten
Geändert und erneuert deine Glieder!

Und wenn du's wohl erinnerst und erkennst,
Wirst du der Kranken dich vergleichbar fühlen,
Die keine Ruhe findend in den Federn,

Durch Wendung ihren Schmerz zu lindern strebt.


Gesang 07

Nachdem sich drei und viermal wiederholt
Die ehrsame und heitere Begrüßung,
Trat Sordell jetzt zurück und sprach: Wer seid ihr?

Noch eh' die Seelen werth zu Gott zu steigen
Zu diesem Berge hingewendet wurden,
Ward mein Gebein von Octavian begraben.

Ich bin Virgil, und ich verlor den Himmel
Durch Schuld nicht, nur daß ich nicht Glauben hatte.
Also antwortete darauf mein Führer.

Gleich dem, der plötzlich etwas vor sich sieht,
Das mit Erstaunen ihn erfüllt, und der
Da glaubt, und nicht, und spricht: Es ist, es ist nicht!

So schien Sordell; drauf senkte er die Wimper,
Und wandte sich demüthiglich zu ihm,
Umarmend ihn, wo der Geringre hingreift.

O der Lateiner Ruhm, sprach er, durch welchen,
Was sie vermöchte unsre Sprache zeigte,
O ew'ger Glanz des Orts aus dem ich war!

Welch' Gnade, welch' Verdienst schafft mir den Anblick?
Und so ich würdig bin dein Wort zu hören,
Kommst aus der Höll' du und aus welchem Kreise?

Durch alle Kreise des schmerzvollen Reiches,
Erwidert' er, bin ich hierher gekommen;
Des Himmels Kraft trieb mich und mit ihr komm' ich.

Durch Nichtthun, nicht durch Thun hab' ich verloren
Das Schaun der hohen Sonne, das du wünschest,
Und die da ward zu spät von mir erkannt.

Dort unten ist ein Ort, von Qualen nicht,
Von Dunkel nur betrübet, wo die Klagen
Nur Seufzer und nicht Wehelaute sind.

Dort bin auch ich, mit den unschuld'gen Kleinen,
Welche der Zahn des Todes traf, bevor
Sie von der Menschen Schuld befreiet worden.

Dort bin auch ich, mit denen die die heil'gen
Drei Tugenden nicht schmückten, und ohn' Laster
Die andern alle kannten und auch übten.

Doch, wenn du's weißt und kannst, gieb Weisung uns,
Wie schneller wir dahin gelangen können,
Wo erst das Purgatorium recht beginnt.

Es ist kein fester Ort uns angewiesen,
Sprach er, ich darf empor und rings umhergehn:
So weit ich kann begleit' ich dich als Führer.

Doch sieh wie schon der Tag sich neigt! und aufwärts
Vermag man nicht bei Nacht zu gehn, und drum
Ist's gut sich umzuthun nach guter Herberg.

Hier rechts, etwas entfernt von uns, sind Schatten;
Willigst du ein, so führ' ich dich zu ihnen,
Und mit Vergnügen lernest du sie kennen.

Wie ist das? war die Antwort, wer da wollte
Bei Nacht aufsteigen, hinderte ihn wer?
Oder ließ er es, weil er's nicht vermöchte?

Und mit dem Finger auf die Erde streichend,
Sprach nun der gute Sordell: Diese Linie
Nicht überschreitst du nach der Sonne Scheiden.

Nicht als ob andres Schwierigkeit darböte
Als nur die Finsterniß empor zu steigen,
Sie lähmt den Willen mit dem Nichtvermögen,

Wohl könnte man im Finstern abwärts gehn,
Um rings umher den Abhang zu umwandeln,
So lang der Horizont den Tag noch birgt.

So führ' uns denn, sprach mit Verwunderung
Mein Führer drauf, dahin wo du gesagt,
Daß mit Vergnügen wir verweilen würden.

Wir hatten wenig uns von dort entfernt,
Und ich bemerkte, daß der Berg sich höhlte,
Wie sich die Thäler hier bei uns vertiefen.

Dorthin, sprach jener Schatten, gehn wir jetzt,
Wo dieser Abhang einen Busen bildet,
Und dort erwarten wir den neuen Tag.

Ein schräger Fußweg, zwischen Steil und Ebne
Führt uns zu einer Seite dieses Thals,
Wo mehr als halb der Ränder Steile schwindet.

Das feinste Gold und Silber, Scharlach, Bleiweiß,
Indisches Holz so leuchtend und so heiter,
Smaragd, im Augenblick, wo er gebrochen;

Sie wären all' an Farbe überwunden,
Vom Gras und von den Blumen dieses Thals,
So wie das Mehr das Mindre überwindet.

Es hatte hier Natur nicht bloß gemahlet,
Sondern ein Unbekanntes, Unbestimmtes,
Aus tausend süßen Düften auch gebildet.

Und auf dem Rasen und den Blumen sah ich
Salve regina singend Seelen sitzen,
Welche das Thal verbarg denen die draußen.

Bevor die wen'ge Sonne untergeht,
Sprach nun der Mantuaner, der uns führte,
Verlangt nicht, daß zu jenen ich euch leite.

Von diesem Vorsprung werdet besser ihr
Gebärden und Gesichter aller schauen,
Als wär't ihr unter ihnen aufgenommen.

Der dort am höchsten sitzt, und der so aussieht
Als habe er versäumet was er sollte,
Und nicht die Lippen rührt zu dem Gesange,

Ist Kaiser Rudolph, der wohl heilen konnte
Die Wunden, die Italien getödtet,
So daß zu spät ein andrer es belebet.

Der andre, der ihn zu ermuntern scheint,
Besaß das Land, deß Wasser von der Moldau
Zur Elbe und mit der zum Meere fließt.

Ottokar hieß er, und schon in den Windeln
War besser er, als sein erwachsner Sohn
Wenzel, den Müßiggang und Wollust nähren.

Und der stumpfnas'ge dort, der mit dem andern
Von mildem Ansehn, Rath zu pflegen scheint,
Starb auf der Flucht, die Lilien entehrend,

Seht nur dorthin, wie er sich auf die Brust schlägt!
Betrachtet auch den andern, der da seufzend
Die flache Hand der Wang' als Stütze bietet!

Vater und Schwäher sind's von Frankreichs Unheil,
Deß lasterhaftes Leben sie wohl kennen,
Und daher kommt der Schmerz, der sie so stachelt.

Der so starkgliedrig scheint, und im Gesange
Zusammenstimmt mit dem großnas'gen dort,
Er war gegürtet mit jedweder Tugend.

Und wenn der Jüngling, der da hinter ihm sitzt,
Nach ihm König geblieben, wär' die Tugend
Recht von Gefäße zu Gefäß geflossen.

Was von den andern Erben nicht gilt, Jakob
Und Friedrich, die die Reiche zwar besitzen,
Doch von dem bessren Erbtheil nichts erhalten.

Gar selten sprosset in den Zweigen wieder
Der Menschen Tugend, und das will der so,
Der giebt, daß man als Geber ihn erkenne.

Auf den großnas'gen auch gehn meine Worte
Wie auf den Petrus auch der mit ihm singt,
Drob Puglia schon und die Provence klagen.

So viel geringer als der Samen ist
Die Pflanze, daß Constanze mehr sich rühmt
Des Gatten, als Marg'reta und Beatrix.

Sehet den König des einfachen Lebens,
Heinrich von England dorten einsam sitzen,
Der bess'res Glück in seinen Zweigen hat.

Der, der von ihnen tiefer unten sitzend
Nach oben schauet ist der Markgraf Wilhelm,
Um welchen Monferrat und Cannavese

Nebst Alexandria den Krieg beweint.


Gesang 08

Schon war's die Stunde, die den Schiffenden
Heimweh erwecket und das Herz erweichet,
Am Tage, wo den süßen Freunden sie

Lebwohl gesagt, und Liebesschmerz den neuen
Pilger ergreift, hört eine Glock' er ferne,
Die scheint den Tag, der hinstirbt, zu beweinen,

Als ich begann nicht mehr zu hören, und
Eine der Seelen sah, die aufgestanden
Und winkend mit der Hand Gehör erbat.

Sie faltet' und erhob die beiden Hände,
Die Augen auf den Orient geheftet,
Als spräch' zu Gott sie: Nichts verlang' ich mehr.

Te lucis ante brach aus ihrem Munde
So fromm und in so süßen Tönen vor,
Daß meiner sie mich selbst vergessen ließ.

Und sanft, andächtig folgten ihr die andern,
Den ganzen Hymnus mit ihr singend, nach,
Die Augen auf die höchsten Kreise richtend.

Schärf' nun die Augen, Leser, für die Wahrheit!
Denn so fein und so dünn ist jetzt der Schleier,
Daß wahrlich leicht es ist ihn zu durchdringen.

Darauf sah jene edle Heerschaar ich,
Wie in Erwartung, demüthig und blaß
Die Blicke schweigend zu dem Himmel richten.

Und aus der Höhe sah ich niedersteigen
Der Engel zwei, bewehrt mit glüh'nden Schwerdtern.
Die abgestumpft warn und beraubt der Spitzen.

Grün, so wie eben ausgebrochne Blätter
War ihr Gewand, daß von den grünen Schwingen
Beweget, wallend hinter ihnen schwebte.

Nur wenig über uns ließ sich der eine,
Der zweite auf das andre Ufer nieder,
So daß die Seelen zwischen ihnen blieben.

Wohl unterschied ich ihre blonden Häupter,
Doch ihrem Angesicht erlag das Auge,
Wie jede Kraft, die dem Zuviel erliegt.

Sie kommen beide aus Maria's Schooße,
Sprach Sordell, zur Beschützung dieses Thales
Gegen die Schlange, die alsbald erscheint.

Drob ich, der ich nicht wußt' auf welchem Wege,
Rings um mich schaute und zu Eis erstarrt
Mich enger anschloß an die treuen Schultern.

Sordell fuhr fort: Laßt uns nunmehr hinabgehn!
Wir sprechen dann mit jenen großen Schatten,
Die sich sehr freuen werden uns zu sehen.

Drei Schritte, glaub' ich, stieg ich kaum hinab,
So war ich unten, und sah einen, der
Nur mich ansah, als woll' er mich erkennen.

Schon war's die Zeit, wo sich die Luft verdunkelt,
Doch so nicht, daß sie nicht geoffenbaret
Was zwischen ihm und mir sie früher barg.

Er machte sich zu mir und ich zu ihm:
Du edler Richter Nin, wie freut' es mich,
Als ich dich sah nicht unter den Verdammten!

An freundlicher Begrüßung fehlt' es nicht.
Darauf sprach er: Seit wann bist du gekommen
Zum Fuß des Berges, durch die fernen Wasser?

O, sagt' ich ihm, aus der Verdammten Räumen
Kam ich heut früh, bin noch im ersten Leben,
Obwohl das andre wandelnd ich erstrebe.

Als meine Antwort aber ward vernommen,
Da zogen er und Sordell sich zurück,
Wie Leute die urplötzlich sind erstaunt.

Zum Dichter sprach der Eine, und zu einem
Der dort saß, rief der Andre: Auf! Conrado,
Komm um zu sehn, was Gott aus Gnaden will!

Darauf zu mir: Bei der besondern Gnade,
Die du verdankest dem, der seine Gründe
So tief verbirgt, daß unergründlich sie,

Wenn jenseits du der breiten Wogen, sage
Meiner Johanna, daß sie für mich bete,
Da wo Unschuld'gen Antwort wird gegeben;

Denn ihre Mutter, glaub' ich, liebt mich nicht mehr,
Nachdem die weißen Binden sie vertauscht,
Die die Elende noch zurück wird wünschen.

An ihr ersieht man leicht, wie lang' beim Weibe
Sich Liebesgluth erhält, wenn nicht das Auge
Und die Berührung oftmals sie entzündet.

Es wird so schönes Denkmal ihr nicht schaffen
Die Viper, unter der Mailand sich schaart,
Als ihr Gallura's Hahn bereitet hätte.

Also sprach er, bezeichnet in dem Antlitz
Mit dem Gepräge des gerechten Zornes,
Der da erglüht mit Maßen in dem Herzen.

Doch gierig wandten meine Augen nur
Zum Himmel sich, da wo die Sterne langsam
Sich drehen, wie ein Rad, nah bei der Achse.

Mein Führer drauf: Mein Sohn, was schaust du dorthin?
Und ich zu ihm: Nach den drei Lichtern schau ich,
Von denen der diesseit'ge Pol erglüht.

Und er zu mir: Jene vier hellen Sterne,
Die du heut Morgen sahst, sind dort schon unten;
Und diese stehen nun wo jene waren.

Als er so sprach, zog ihn Sordell zu sich,
Sagend: Sieh dorten unsern Widersacher!
Und hob den Finger, daß er dorthin schaute.

An jener Seite, wo das kleine Thal
Sich öffnet, war 'ne Schlange, die wohl der gleich,
Die Even einst die bitt're Frucht gereicht.

Sie strich zwischen den Blumen und dem Grase
Daher, das Haupt oft wendend und den Rücken
Leckend, gleich einem Thiere, das sich glättet.

Wie sich die himmlischen Habicht' aufmachten,
Das sah ich nicht, drum kann ich's nicht berichten,
Doch in Bewegung sah ich beide wohl.

Die Schlange hörend, wie die grünen Schwingen
Die Luft zertheilten, floh; die Engel aber
Kehrten mit gleichem Flug' empor zurück.

Der Schatten, der dem Richter sich genähert
Als dieser rief, hatte trotz dieses Angriffs
Den Blick von mir durchaus nicht abgewendet.

Möge die Leuchte, die empor dich führt,
In deinem Willen so viel Nahrung finden,
Daß sie ausreiche bis zum höchsten Gipfel,

Begann er. Wenn gewisse Nachricht du
Von Val di Magra hast und von der Gegend,
So sag' sie mir, denn mächtig war ich dort.

Genannt wurd' ich Currado Malaspina;
Der alte bin ich nicht, von ihm doch stamm' ich;
Die Liebe zu den Meinen läutr' ich hier.

O, sagt ich ihm, in euren Landen war ich
Noch nie zwar, doch wo gäb' es in Europa
Ein Land, wo sie nicht offenkundig wären.

Der Ruf, der euer edles Haus verherrlicht,
Rühmt so die Fürsten, rühmet so die Gegend,
Daß davon weiß wer selbst nie dagewesen.

Auch schwör' ich euch, mag ich empor gelangen,
Daß von dem Ruhm des Seckels und des Schwerdtes
Eu'r edles Haus nicht abgewichen ist.

Gewohnheit und Natur zeichnen es so aus,
Daß, ob das schlimme Haupt die Welt verleite,
Allein es grad' geht, schlechten Weg verschmähend.

Und er zu mir: So geh, nicht siebenmal
Steigt in das Bett die Sonne, das der Widder
Mit allen Vieren decket und beschreitet,

So wird dir diese freundliche Behauptung
Mit stärkern Nägeln in das Haupt befestigt,
Als nur bisher durch andrer Leute Reden,

Wenn der Geschicke Lauf nicht wird gehemmt.


Gesang 09

Schon dämmert' an des Morgenhimmels Rande
Des greisen Tithons Bettgenossin auf,
Sich aus den Armen ihres Freundes windend.

Von Edelsteinen leuchtet' ihre Stirne,
Geordnet in Gestalt des kalten Thieres,
Welches die Menschen mit dem Schwanz verwundet.

Und von den Schritten, womit sie emporsteigt,
Hatte die Nacht schon zwei, da wo wir waren,
Gemacht, die Flügel zu dem dritten senkend.

Als ich, der etwas noch von Adam hatte,
Schlafüberwältigt zu dem Gras mich neigte,
Da wo schon alle fünfe wir gesessen.

Zur Stunde, wo die trüben Klagelaute
Die Schwalbe in der Morgenfrüh' beginnt,
Wohl in Erinnrung ihres früh'ren Wehes;

Und unser Geist, vom Fleische mehr gelöst,
Und von Gedanken weniger befangen,
In seinem Schauen fast prophetisch ist:

Glaubt' einen Adler ich im Traum zu sehen,
Mit goldnen Federn an dem Himmel schwebend,
Mit offnen Schwingen, und hinabzuschießen

Bereit: und da glaubt' ich zu sein, wo einst
Verlassend die Gefährten Ganymedes
Zum hohen Rath der Götter ward entrückt.

Ich dachte bei mir selbst: Der stößt hierher wohl
Nur aus Gewohnheit, und von andern Orten
Verschmäht er seine Beut' emporzutragen.

Dann schien es mir, als ob nach ein'gem Kreisen
Entsetzlich wie der Blitz er niederführe,
Und mich empor bis zu dem Feu'r entrückte.

Dort schien es, als ob er und ich erglühten,
Und so sehr brannte die erträumte Gluth,
Daß auch der Schlaf nothwendig ward gebrochen.

Nicht anders fuhr Achilles einst empor,
Die wachen Augen rings im Kreise wendend,
Und noch nicht wissend, wo er sich befand,

Als ihn die Mutter vom Chiron nach Skyros
In ihren Armen schlafend übertrug,
Von wo nachher die Griechen ihn entführten:

Als ich emporfuhr, als von meinem Antlitz
Der Schlaf gewichen und ich ganz erblaßte,
So wie der Mensch thut, der vor Schreck erstarrt.

An meiner Seite war mein Hort allein;
Mehr als zwei Stunden hoch stand schon die Sonne
Und hingewandt zur Küste war mein Antlitz.

Fürchte dich nicht! sprach hierauf mein Gebieter,
Fasse nur Muth! wir sind zur rechten Stell:
Laß jede Kraft sich spannen, nicht erschlaffen!

Du bist nunmehr zum Läutrungsort gekommen.
Sieh dort die Felswand, die ihn rings umschließt!
Sieh dort den Eingang, da wo sie gespalten!

Vorhin, beim ersten Licht, vor Tages Anbruch,
Als deine Seele schlief, dort unten
Auf jenen Blumen, die dort alles schmücken,

Da kam ein Weib und sprach: Ich bin Lucia,
Laß diesen mich ergreifen, der da schläft,
Daß ich ihm seine Wandrung so erleichtre.

Sordell blieb mit den andern edlen Geistern
Zurück; sie nahm dich, als es heller Tag ward,
Und stieg empor, und ich folgt' ihren Schritten.

Hier legte sie dich hin; zuvor doch zeigten
Die schönen Augen mir den offnen Eingang;
Darauf verschwand der Schlaf und sie zumal.

Gleich dem, der zur Gewißheit aus dem Zweifel
Gelanget, und die Furcht mit Muth vertauscht,
Nachdem die Wahrheit ihm ist offenbaret,

So wandelt ich mich; und als ohne Sorge
Mich sah mein Führer, schritt er auf der Felswand
Der Höhe zu, und ich auch hinter ihm.

Du siehst nun, Leser, wohl, wie meinen Stoff ich
Erheb', und drum verwundere dich nicht,
Wenn ich nunmehr kunstreicher ihn behandle.

Wir nahten uns, so daß, wo ich zuvor
Nur einen Bruch vermeinte zu erblicken,
Gleich einem Spalt der eine Mauer trennt,

Ich nun ein Thor sah und drei Stufen drunter,
Die zu ihm führten, von verschiedner Farbe,
Und einen Pförtner, der kein Wort noch sprach.

Und wie die Augen mehr und mehr ich aufthat,
Sah ich ihn sitzen auf der höchsten Stufe,
Vom Antlitz so, daß ich es nicht ertrug.

Und in der Hand hielt er ein nacktes Schwert,
Das so die Strahlen nach uns hinwarf, daß
Ich oft vergeblich das Gesicht hinwandte.

Sagt es von dorten, was begehret ihr?
Begann er nun, und wo ist die Begleitung?
Habt Acht, daß euer Kommen euch nicht schade!

Ein Weib vom Himmel, dieser Dinge kundig,
Erwiderte mein Meister, sprach so eben
Zu uns: Geht dorthin, dorten ist das Thor!

Und möge eure Schritte sie begünst'gen,
Begann aufs neu' der freundliche Thürhüter,
So schreitet denn zu unsren Stufen vor!

Wir kamen nun dahin. Die erste Stufe
War weißer Marmor, rein und so geglättet,
Daß ich mein Bild drin sah, wie es erscheint.

Die zweite, die noch dunkler war als Purpur,
War nur ein rauhes und verbranntes Feldstück,
Geborsten in die Läng' und in die Breite.

Die dritte, die sich auf die andern aufthürmt,
Schien Porphyr mir zu sein, so flammend roth
Wie Blut, das eben aus der Ader spritzt.

Auf dieser letzten hielt die Füße beide
Der Engel Gottes auf der Schwelle sitzend,
Die mir ein Demantfelsen schien zu sein.

Gar freundlich ward vom Führer ich gezogen
Empor die Stufen, und er sprach: Nun bitte
Demüthiglich, daß den Verschluß er löse!

Fromm warf ich zu den heil'gen Füßen mich
Flehend, daß aus Erbarmen er mir öffne;
Zuvor doch schlug ich dreimal an die Brust.

Auf meine Stirn schrieb mit des Schwertes Spitze
Er sieben P, und sprach dann: Wenn du drin bist,
Sieh zu, daß du abspülest diese Wunden.

Es wäre Asche oder trockne Erde,
Mit seinem Kleide wohl von einer Farbe,
Und daraus zog zwei Schlüssel er hervor.

Von Gold war einer, Silber war der andre.
Erst mit dem weißen und dann mit dem gelben
Berührt' er so das Thor, daß ich befriedigt.

Sobald nur einer dieser Schlüssel irrt,
Daß er nicht grade sich im Schloß bewegt,
Sprach er zu uns, so öffnet sich dies Thor nicht.

Wohl theurer ist der eine, doch der andre
Verlangt mehr Kunst und Geist bevor er öffne,
Dieweil es der ist, der den Knoten löset.

Vom Petrus hab' ich sie, und daß ich lieber
Beim Oeffnen irrte, wollt' er, als beim Schließen,
Sobald man sich nur mir zu Füßen würfe.

Drauf stieß den Flügel er der heil'gen Thür auf,
Und sprach: Nun tretet ein! doch warn' ich euch,
Daß wiederum hinaus muß, wer zurückblickt.

Doch als nun in den Angeln sich gedrehet
Die Zapfen jenes heil'gen Thores, die
Von Erz gebildet, stark und tönend sind,

Da brüllte so nicht, noch so widerspenstig
Erwies Tarpeia sich, als ihr der gute
Metell geraubt ward, drob sie mager blieb.

Aufmerksam wandt' ich mich zum ersten Tone
Und Te Deum laudamus glaubt' ich nun
Verbunden mit dem süßen Klang zu hören.

Genau den Eindruck machte was ich hörte
Auf mich, den man wohl zu empfinden pflegt,
Wenn zu den Orgeltönen wird gesungen,

Wo man die Worte bald vernimmt, bald nicht.


Gesang 10

Als hinter uns die Schwelle jenes Thors war,
Das üble Liebe selten nur benutzt,
Weil grade sie den krummen Weg läßt scheinen,

Hört' ich es tönend hinter uns verschließen.
Und wenn die Augen ich dahin gewendet,
Was wär' Entschuld'gung solches Fehls gewesen?

Empor nun ging's in einer Felsenspalte,
Die diesseits bald und jenseits bald hervorsprang,
So wie die Woge, die da kommt und flieht.

Hier müssen wir ein wenig Kunst anwenden,
Begann mein Führer, und uns halten stets
Bald hier, bald dort zur Seite die zurückweicht.

Und sparsam machte unsre Schritte dies,
So daß das Fehlende am Monde schon
Sein Bett erreichte, wiederum zu ruhen,

Bevor aus dieser Enge wir gekommen.
Doch als im Frei'n und Offnen wir uns fanden,
Da wo der Berg sich rückwärts aufthürmt, ich

Matt, und des Weges ungewiß wir beide,
Da standen wir auf einer Fläche still,
Einsamer noch als Wege in den Wüsten.

Den Raum vom Rande, der ans Leere gränzt,
Bis zu dem Fuß des Felsens, der emporsteigt,
Den füllten wohl drei Menschenleiber Länge.

Und so weit meiner Augen Flug auch reichte,
Nach links hin oder nach der rechten Seite,
Schien dieser Vorsprung mir von gleicher Art.

Noch hatten wir dort oben nicht die Füße
Bewegt, als ich erkannte, daß dies Ufer,
Das auf Ersteigbarkeit nicht Anspruch hatte,

Von weißem Marmor wäre und geschmückt
Mit Bildern so, daß nicht nur Polykletes,
Nein, die Natur selbst wär' beschämet worden.

Der Engel, der zur Erde mit der Urkund'
Des viele Jahr' ersehnten Friedens kam,
Die uns den lang' verschloss'nen Himmel öffnet,

Er schien, am Felsen eingehauen hier,
Leibhaftig so, mit so süßer Gebärde,
Daß er nicht einem Bilde glich das schweigt.

Geschworen hätte man, er spräche Ave,
Weil hier auch jene abgebildet war,
Durch die die hohe Liebe ward erschlossen.

In ihren Zügen las man jene Worte
Ecco ancilla domini so deutlich
Wie abgedrückt in Wachs eine Gestalt wird.

Hefte den Geist nicht bloß auf eine Stelle,
Sprach nun mein Meister, dem zur Seit' ich stand,
Wo bei den Menschen sich das Herz befindet.

Weshalb das Antlitz ich bewegt' und sah
Hinter Maria, nach der Seit' hin wo
Der sich befand, der mich zum Gehen antrieb,

Ein andres Bild dem Felsen eingeprägt;
Weshalb ich an Virgil vorbei mich machte,
Damit es meinem Blick zugänglich wär'.

Hier waren in dem Marmor ausgehauen,
Die Stiere, die der heil'gen Lade Wagen
Zogen, vor nicht verliehnem Amte warnend.

Voran ging Volk getheilt in sieben Chöre,
Die zweien meiner Sinne sagen ließen:
Der eine nein, der andre ja, sie singen.

Ganz ebenso war's mit den Weihrauchs Wolken,
Die abgebildet hier, daß Aug' und Nase
Um ja und nein sich mit einander stritten.

Dem heiligen Gefäße ging voran
Tanzend, geschürzt der fromme Psalmensänger,
Und war hier mehr und weniger als König.

Dem gegenüber war an einem Fenster
Eines Palastes Michol abgebildet,
Die staunend und verächtlich ihn bewunderte.

Den Ort verließ ich, wo ich stand, um besser
Von nahem die Geschichte zu betrachten,
Die hinter Michol mir entgegenstrahlte.

Hier sah den hohen Ruhm ich abgebildet
Des röm'schen Fürsten, dessen große Tugend
Gregor zu seinem großen Sieg antrieb.

Ich rede von Trajan, dem röm'schen Kaiser;
Und eine Wittwe stand ihm an dem Zügel,
Mit Thränen ausgestattet und mit Schmerzen.

Rings um ihn war alles gedrängt und voll
Von Rittern, und die goldnen Adler schienen
Im Wind sich über ihnen zu bewegen.

Und unter diesen allen schien die Arme
Zu sagen: Herr, verschaffe Rache mir
Für den erschlagnen Sohn, darob ich jammre,

Und er ihr zu erwidern: Warte, bis ich
Zurückgekehrt! Und sie gleich einer, die
Der Schmerz zur Eile treibt: Und wenn du nicht

Zurückkehrst, Herr? So wird, wer nach mir folgt,
Dich rächen. Darauf sie: Was hilft das fremde
Verdienst dir, wenn das eigne du versäumest?

Und er: So tröste dich, denn meine Pflicht
Will ich, bevor ich ziehe noch erfüllen;
So will's das Recht, und Mitleid hält zurück mich.

Es hatte dies sichtbare Sprechen hier
Geschaffen der, der Neues nie gesehen,
Für uns ein Neues, weil sich's hier nicht findet.

Während es mich vergnügte zu betrachten
Die Darstellungen von so großer Demuth,
Auch wegen ihres Schöpfers theuer mir,

Siehe, da kommen, sprach der Dichter leise,
Jedoch langsamen Schrittes viele Leute,
Die werden uns zu höhern Stufen weisen.

Und meine Augen, die zu sehn begierig,
Um Neues zu erschauen, was sie lieben,
Zögerten nicht zu ihm sich hinzuwenden.

Doch möcht' ich, Leser, nicht daß du den Muth
Verlörest zu gutem Vorsatz, wenn du hörest,
Wie Gott will, daß die Schuld bezahlet werde.

Beachte nicht das äußre Bild der Qualen!
Denk' an die Folge! denk', im schlimmsten Fall
Kann's doch nur bis zum großen Richtspruch dauern.

Meister, begann ich, was ich dorten sehe
Sich nahen uns, scheinen mir Menschen nicht,
Noch weiß ich was, so eitel ist mein Sehen.

Und er zu mir: 's ist die Beschaffenheit
Der Qual, die so zur Erde sie herabdrückt,
Daß auch mein Auge erst daran gezweifelt.

Doch schau nur scharf dahin, such' zu erkennen
Was unter jenen Felsen dort daher kommt!
Schon kannst du sehn, wie jeder sich die Brust schlägt.

O stolze Geister, jammervoll elende,
Die an der Sehenskraft des Geistes kranken,
Und aus rückgäng'ge Schritte euch verlasset!

Erkennet ihr denn nicht, daß wir nur Würmer,
Bestimmt des Himmels Schmetterling zu bilden,
Der zur Gerechtigkeit fliegt ohne Hemmung?

Weshalb erhebt sich euer Geist so stolz,
Da ihr Insekten nur und unvollkommen,
Dem Wurme gleich, dem die Ausbildung fehlt?

Wie bei Figuren, die zur Unterstützung
Der Decken oder auch des Daches dienen,
Die Knie sich an die Brust zu schließen pflegen,

So daß sie wahres Mitleid dem einflößen,
Der ihren Schein betrachtet, so beschaffen
Sah jene ich, als ich sorgfältig hinsah.

Zwar waren mehr und wen'ger sie gebückt,
Nachdem sie mehr und weniger betastet,
Doch der Geduldigste in den Gebärden

Schien weinend doch, ich kann nicht mehr, zu sagen.


Gesang 11

O Vater unser, der du bist im Himmel,
Nicht eingeschlossen, nur aus größrer Liebe
Zu jenen ersten Wesen, die dort oben,

Gelobet sei dein Nam' und deine Kraft
Von jeder Creatur, wie billig ja
Zu danken dir für deines Geistes Hauch!

Der Friede deines Reiches zu uns komme!
Denn wir, von selbst, wenn er nicht kommt, vermögen,
Wie wir auch mühn uns, nicht zu ihm zu kommen.

Wie deine Engel ihren Willen dir
Zum Opfer bringen, Hosianna singend,
So mögen auch die Menschen thun mit ihrem!

Das Himmelsbrod, das tägliche, gieb heut' uns,
Weil ohn' dasselbe in dieser rauhen Wüste
Nur rückwärts geht, wer sich am meisten abmüht.

Und so wie wir das Leid, das wir erduldet,
Vergeben jedem, so vergieb auch du
Gnädig, und sieh unser Verdienst nicht an!

Laß unsre Tugend, die so leicht erliegt,
Vom alten Feinde nicht versuchet werden!
Erlöse uns von ihm, der uns so stachelt!

Die letzte Bitte, theurer Herr, thun wir
Für uns nicht etwa, denn da thut's nicht Noth,
Sondern für die, die hinter uns geblieben.

So zogen, sich und uns glückliche Wandrung
Erflehend, jene Schatten unter Lasten,
Gleich denen, die im Traum man wohl empfindet,

Ungleich beladen, doch ermattet alle,
Rings um den ersten Vorsprung hier umher,
Sich läuternd von der Finsterniß der Welt.

Wenn jenseits stets für uns gebetet wird,
Was kann für sie gesagt, gethan hier werden,
Von denen, deren Will' im Guten wurzelt?

Wohl sollen helfen wir die Makel tilgen,
Die sie von hier gebracht, daß leicht und rein
Sie steigen mögen zu den Sternenkreisen.

Ach! so Gerechtigkeit euch und Erbarmen
Entlaste bald, daß ihr den Flügel reget,
Nach eurem Wunsche euch emporzuheben,

Sagt uns, auf welcher Seite man zur Stiege
Am schnellsten kommt; und giebt's der Wege mehr,
Zeigt den uns, der da minder steil sich senket!

Denn dieser, der bei mir, und der noch trägt
Die Last von Adams Fleisch, das ihn bekleidet,
Ist gegen seinen Willen träg' im Steigen.

Nicht deutlich konnt' ich unterscheiden, wer
Die Worte sprach, die sie erwiderten,
Auf jene die gesprochen der mich führte.

Doch ward gesagt: Kommt nur mit uns zur Rechten
Entlang dem Ufer, und ihr werdet finden
Den Weg, den ein Lebend'ger kann ersteigen!

Und wär' ich nicht vom Felsen so behindert,
Der meinen stolzen Nacken bändiget,
Daß ich das Antlitz muß zur Erde wenden,

Möcht' ich den gern betrachten, der noch lebt,
Und sich nicht nennt, ob ich vielleicht ihn kenne,
Und Mitleid ihm für diese Last einflößen.

Lateiner war ich, Sohn 'nes großen Tuskers,
Wilhelm Aldobrandini war mein Vater;
Nicht weiß ich ob sein Nam' euch je bekannt.

So übermüthig machten mich die Thaten,
So wie das alte Blut von meinen Ahnen,
Daß unser aller Mutter nicht gedenkend

Ich jedermann so sehr verachtete,
Daß ich drob starb, wie die Sieneser wissen,
Und jedes Kind in Campagnatico.

Ich bin Humbert, und nicht nur mir allein
Hat Stolz geschadet, denn die Meinen alle
Hat er mit sich zugleich zu Grund gerichtet.

Und darum muß ich diese Last jetzt tragen
Unter den Todten, bis ich Gott genügt,
Weil ich im Leben es zu thun versäumt.

Zuhörend senkte ich das Antlitz nieder,
Und einer, doch nicht der der jetzt gesprochen,
Wandte unter der Last sich die ihn drückte

Und sah, erkannt' und rief mich, seine Augen
Mit großer Müh' auf mich geheftet haltend,
Der ganz gebückt ich neben ihnen herging.

O, sagt' ich ihm, bist du nicht Oderisi?
Die Ehre Gubbio's und die der Kunst,
Die in Paris illuminiren heißt?

Bruder, sprach er, es lachen mehr die Blätter
Von Franco Bolognese's Pinsel jetzt:
Sein ist die Ehre ganz jetzt, mein zum Theil nur.

So freundlich wär' ich freilich nicht gewesen
Im Leben einst, wegen der großen Sehnsucht
Nach Trefflichkeit, wonach mein Herz nur strebte.

Für solchen Hochmuth zahlt man hier die Buße;
Und noch wär' ich nicht hier, wenn nicht zu Gott
Ich mich gewandt, als ich noch sünd'gen konnte.

O eitler Ruhm des menschlichen Vermögens!
Wie kurze Zeit nur grünet er im Gipfel,
Wenn rohe Zeiten nicht etwa drauf folgen.

Es glaubte Cimabue einst im Mahlen
Sieger zu sein, und jetzt preist man nur Giotto,
So daß den Ruhm von jenen er verdunkelt;

So hat der Sprache Ruhm der eine Guido
Dem anderen geraubt, und schon vielleicht
Lebt einer, der sie beide jagt vom Neste.

Der Ruf der Welt ist ja nur wie ein Windhauch,
Der bald von hier und bald von dorten kommt,
Und mit der Richtung seinen Namen ändert.

Was bleibt dir mehr des Ruhms, wenn du im Alter
Das Fleisch verlässest, als wenn du gestorben
Bevor du aufgehört kindisch zu lallen,

Wenn tausend Jahr dahin? was kürz're Zeit doch
Für Ewiges, als eines Auges Blinken
Für den Kreis, der der langsamste am Himmel.

Der Name deß, der hier vor mir des Weges
So wenig braucht, erfüllt' einst ganz Toskana,
Und jetzt flüstert man kaum von ihm in Siena,

Wo er geherrscht, als da zerstöret ward
Die Wuth der Florentiner, die so stolz
Zu jener Zeit, als jetzt sie käuflich ist.

Denn euer Ruhm ist wie des Grases Farbe,
Die kommt und geht, und die dieselbe Sonne
Entfärbt, durch die es aus der Erde sprießt.

Und ich zu ihm: Die Wahrheit deiner Rede
Flößt Demuth ein und dämpfet großen Stolz.
Doch wer ist der von dem du eben sprachest?

Es ist, sprach er, Provenzano Salvani;
Und er ist hier, weil er sich stolz vermessen,
Siena ganz in seine Hand zu bringen.

So geht er ohne Rast, und ist gegangen
Seit er gestorben; solche Münze zahlet,
Wer dort zuviel gewagt, zur Buße hier.

Wenn jeder Geist, der erst des Lebens Grenze,
Sprach ich, erwartet, eh' er Reu' empfinde,
Dort unten weilt und hierher nicht emporsteigt,

So lange Zeit als er auf Erden lebte,
Wenn fromm Gebet ihm nicht zu Hülfe kommt,
Wie ward der Zutritt diesem hier gestattet?

Freiwillig, sprach er, setzte dieser sich,
Als seine Macht am höchsten, jede Scham
Beseit'gend auf den Markt von Siena nieder,

Und dort, um seinen Freund aus der Gefahr
Zu ziehn, die ihm in Carls Kerker drohte,
Erduldet' er an jedem Glied zu zittern.

Mehr sag' ich nicht; ich weiß mein Wort ist dunkel,
Doch kurze Zeit geht hin, und deine Bürger
Machen dir's so, daß du dir's deuten kannst:

Und diese That enthob ihn jenen Schranken.


Gesang 12

Gepaaret, wie die Stier' im Joche gehn,
Ging ich dahin mit der beladnen Seele,
So lang' es duldete mein süßer Lehrer.

Doch als er sprach: Laß ihn, und schreite zu,
Denn hier ist's gut, daß jeder seinen Kahn
Mit Segeln und mit Rudern vorwärts treibe,

Richtet' empor den Leib ich, wie man pflegt
Einherzugehn, obgleich mir die Gedanken
Gebeuget und gebrochen noch geblieben.

Schon war ich in Bewegung, und ich folgte
Den Schritten meines Meisters gern, und beide
Ließen wir sehen schon, wie leicht wir waren,

Als er zu mir: Wende das Aug' zur Erde!
Gut wird's dir sein, den Weg dir zu erleichtern,
Das Bett zu sehn, das deine Füße trägt.

Wie Leichensteine über den Begrabnen,
Damit Erinnerung von ihnen bleibe
Uns Kunde geben was sie einst gewesen,

Weshalb man dorten oft aufs neue weinet,
Verwundet von der Rückerinnerung,
Die nur die Frommen anzutreiben pflegt,

So sah mit Bildern ganz bedecket ich,
Was von dem Berge hier als Weg hervorspringt,
Doch schöner als es Menschenkunst vermag.

Hier sah ich den der edler ward geschaffen
Als jede Creatur, vom Himmel stürzen
Gleich einem Blitze, von der einen Seite.

Und von der andern sah ich Briareus
Vom Himmelsstrahl durchbohrt, in Todes Starrheit,
Als schwere Last der Erde hingestreckt.

Ich sah Pallas und Mars, Apollo sah ich
Bewaffnet stehn beim Vater, und die Glieder
Der Riesen, die zerstreuten, sich betrachten.

Nimrod sah ich am Fuß des großen Werkes
Verwirrt die Völker sich betrachten, die
In Sennaar tollkühn mit ihm gewesen.

O Niobe, mit wie verweinten Augen
Sah ich dich abgebildet auf dem Wege,
Zwischen den Leichen deiner vierzehn Kinder!

O Saul, wie schienst du in das eigne Schwert
Gefallen, todt allhier, in Gelboë,
Das Thau und Regen nimmer dann empfing!

O thörichte Arachne, dich sah ich,
Schon halb zur Spinne worden, aus den Fetzen
Des Werks, das du zum Unheil dir gewoben.

O Roboam, wie scheinet hier dein Bild
Nicht mehr zu drohen, sondern schreckenvoll
Führt es ein Wagen fort, eh' es verjagt wird.

Es zeigte noch der harte Felsenboden,
Wie Alkmäon der Mutter ließ erscheinen,
Nur allzutheuer den unsel'gen Schmuck.

Er zeigte wie die Söhne sich geworfen
Auf Sanherib im Innern selbst des Tempels,
Und wie sie dort ihn ließen als er todt.

Den Untergang und grause Mißhandlung
Zeigt' er, als Tamyris zu Cyrus sprach:
Mit Blut füll' ich dich, der nach Blut gedürstet.

Er zeigte wie nach Holophernes Tode,
In wilder Flucht sich retten die Assyrer,
Und auch die Ueberbleibsel jenes Opfers.

In Trümmern und in Asche sah ich Troja.
O Ilion, wie niedrig und verächtlich
Zeigte das Bild dich das man hier erblickt!

Welch Meister wohl des Pinsels und des Griffels
Könnte die Schatten und Gebärden zeichnen,
Die Staunen selbst dem schärfsten Geist geböten?

Todt schien der Todte, lebend der Lebend'ge!
Nicht besser sah, wer Wahres sah, als ich,
Was ich gebückt einhergehend betrat.

Seid stolz nun, gehet mit erhobnem Antlitz,
Ihr Kinder Eva's, senket nicht den Blick,
So daß ihr euren schlechten Weg erkenntet!

Schon hatten mehr wir von dem Berg umzogen,
Und mehr die Sonne ihres Weg's vollbracht,
Als da vermeinte der befangne Geist;

Als jener, der da immer vorwärts späte
Zu mir begann: Richte das Haupt empor!
Nicht ist es Zeit mehr so zerstreut zu wandeln.

Sieh einen Engel dort, der sich schon anschickt
Zu uns zu kommen! sieh wie schon zurückkehrt
Vom Dienst des Tags die sechste Dienerin!

Mit Ehrfurcht schmücke Antlitz und Gebärden,
Daß Freud' er habe uns empor zu senden!
Bedenk' daß dieser Tag nie wieder dämmert!

Ich war seiner Ermahnung wohl gewohnt,
Nur Zeit nicht zu verlieren; so daß er
In diesem Punkt nicht dunkel sprechen konnte.

Es kam zu uns die schöne Creatur
In Weiß gekleidet, und im Angesicht so
Wie flimmernd uns der Morgenstern erscheint.

Die Arme öffnet' er und drauf die Flügel
Und sprach: Nun kommt, die Stufen sind hier nah,
Und von nun an steigt man mit Leichtigkeit.

Nur wen'ge kommen diesen Ruf zu hören,
Empor zu fliegen, ihr geschaff'nen Menschen.
Warum stürzt bei so schwachem Wind ihr nieder?

Er führt' uns hin, wo ausgehau'n der Felsen;
Dort schlug er mit dem Flügel mir die Stirn,
Und dann versprach er sichre Wandrung uns.

So wie zur Rechten, wenn zum Berg man steigt,
Wo liegt die Kirche, die die wohlregierte
Beherrschet über Rubaconte's Brücke,

Des Aufgangs kühne Steile wird gebrochen
Durch Stufen, die in einer Zeit gemacht,
Wo sicher noch das Zinsbuch und Gemäß:

So wird des Ufers Steile hier gemildert,
Das von dem andern Kreise abwärts führt;
Doch streift der Felsen rechts und links den Wandrer.

Als wir uns nun dahin gewendet sangen:
Beati pauperes spiritu Stimmen,
Daß keine Sprach' es wieder geben könnte.

Ha! wie verschieden ist doch dieser Eingang
Von dem der Höll'! Hier tritt man mit Gesang,
Mit wildem Jammerschrei man dorten ein.

Schon stiegen wir empor die heil'gen Stufen,
Und schon schien ich bei weitem leichter mir,
Als ich zuvor auf ebnem Weg mich fühlte.

Weshalb ich, Meister, sprach: Was Schweres ist
Von mir hinweggenommen? denn fast keine
Ermüdung fühl' ich jetzo mehr beim Gehn.

Worauf er: Wenn die P die noch geblieben
Auf deinem Antlitz, wenn auch halb erloschen,
Getilgt sein werden, wie das eine schon,

Dann werden deine Füße so gehorsam
Dem Eifer sein, daß nicht bloß keine Mühe,
Nein, wahre Lust beim Steigen sie empfinden.

Drauf macht' ich es wie solche, die dahingehn,
Mit etwas auf dem Haupt, das sie nicht wissen,
Nur daß die Winke andrer es verrathen;

Wo dann die Hand, um sich zu überzeugen,
Zu Hülfe kommt, sucht, fühlet, und den Dienst
Versieht, den nicht das Auge leisten kann,

Und mit der Rechten ausgespreizten Fingern
Fand ich nur sechs Buchstaben, die gezeichnet
Der mit den Schlüsseln auf die Stirn mir hatte;

Und dies gewahrend lächelte mein Führer.


Gesang 13

Wir waren an dem Gipfel nun der Stiege,
Wo sich der Berg zum zweitenmal zurückzieht,
Der den, der ihn ersteigt, von Sünden frei macht.

Auch hier umgürtet ebenso den Hügel
Ringsum ein Vorsprung wie der erstere,
Nur daß sein Bogen hier sich früher krümmt.

Kein Schatten und kein Bild ist hier zu schauen,
So daß der Abhang und der Weg nichts zeigt,
Als nur die dunkle Farbe ihrer Felsen.

Wenn um zu fragen wir auf Leute warten,
So urtheilte der Dichter, fürcht' ich sehr,
Daß unsre Wahl zu langen Aufschub leide.

Fest richtet' er die Augen auf die Sonne,
Die Rechte nahm zum Wendepunkt er dann,
So daß er mit der Linken sich umschwenkte.

O süßes Licht, welchem vertrauend ich
Den neuen Weg betrat, leite du uns
Wie man allhier geleitet werden muß!

Du wärmst die Welt und du erleuchtest sie,
Sprach er; wenn andrer Grund nicht widerstreitet,
So müssen deine Strahlen Führer sein.

Was man hier diesseits eine Miglie nennt,
So weit schon waren dorten wir gegangen
In kurzer Zeit, ob unsres eil'gen Willens.

Und sieh auf uns zu fliegend hörten wir,
Doch ungesehen, Geister die da riefen
Freundliche Einladung zum Tisch der Liebe.

Die erste Stimme die vorüberzog,
Rief laut im Fluge: Vinum non habent;
Und wiederholte hinter uns die Worte.

Und ehe man sie gar nicht mehr vernahm,
Der Ferne wegen, zog ein andrer Ruf,
Ich bin Orest, ohn' Aufenthalt vorüber.

O, sprach ich, Vater, was für Stimmen sind das?
Und als ich noch so sprach, sieh da die dritte,
Die: Liebet, die euch Böses thaten, rief.

Der gute Meister: Dieser Kreis hier geißelt
Die Schuld des Neids, und deshalb sind die Schnüre
Der Geißel von der Liebe hier geschwungen.

Verschiednen Klanges muß der Zügel sein.
Du wirst, wie ich vermeine, ihn noch hören,
Eh' du gelangt zum Thore der Verzeihung.

Doch sende durch die Luft die Blicke scharf jetzt,
So wirst du Leute vor uns weilen sehen,
Die alle sitzen an dem Fels entlang.

Da öffnet' ich die Augen mehr als früher
Vorwärts zu schau'n, und sah Schatten in Mänteln,
Die von des Felsens Farbe nicht verschieden.

Und als wir etwas weiter vorgeschritten,
Hört' rufen ich: Bitte für uns Maria!
Petrus und Michael und alle Heil'gen.

Nicht glaub' ich, daß auf Erden jemand wandle
So harten Sinns, daß er nicht wär' ergriffen,
Von Mitgefühl bei dem, was ich erblickte.

Denn als so nah an sie ich war gekommen,
Daß die Gebärden deutlich ich erkannte,
Da preßte großer Schmerz mir Thränen aus.

Mit härenem Gewand bekleidet schienen
Sie sich einander mit der Schulter stützend;
Und alle lehnten an die Felswand sich.

So wie die Blinden, die da Mangel leiden,
An Ablaßstätten stehen um zu betteln,
Und der den Kopf über den andern vorstreckt,

Damit das Mitleid schnell gewecket werde,
Nicht durch den Klang der Wort' allein, auch noch
Durch ihren Anblick, der nicht minder geilet.

Und wie zu Blinden nicht die Sonne dringt,
So will das Himmelslicht sich nicht mittheilen
Den Schatten, die so eben ich erwähnte.

Denn zugenäht mit Eisendraht sind allen
Die Augenlider, wie dem wilden Sperber
Man thut, weil sonst er ruhig nicht verbliebe.

Mir schien's, als thät' ich Unrecht so zu gehn,
Andre erblickend und selbst nicht gesehen,
Weshalb zum weisen Rathe ich mich wandte.

Wohl wußt' er, was der Stumme sagen wollte,
Und deshalb wartet' er nicht ab die Frage,
Sprich, sagt' er mir, doch sei kurz und bedächtig.

Virgil ging neben mir, an jener Seite
Des Vorsprunges, von der man fallen könnte,
Weil sie von keinem Rande eingeschlossen,

Und von der andern Seite waren mir
Die frommen Schatten, die trotz grauser Nath
Die Wangen doch mit ihren Thränen netzten.

Zu ihnen wandt' ich mich: Ihr, die ihr sicher
Das hohe Licht zu schauen seid, begann ich,
Worauf allein gerichtet eure Sehnsucht,

So euch die Gnade bald die Schlacken löse
Eures Gewissens, so daß in dasselbe
Der Strom des Geistes ungetrübt eindringe,

Sagt mir, denn lieb und theuer wär' es mir,
Ob unter euch eine Lateiner Seele?
Und gut kann es ihr sein, wenn ich sie kenne.

O Bruder, jegliche ist eingebürgert
In einer wahren Stadt, doch du willst sagen,
Die einst als Pilgrim in Italien lebte.

Dies glaubte ich als Autwort zu vernehmen,
Doch weiter vorwärts als da wo ich stand,
Weshalb denn auch ich weiterhin mich wandte.

Unter den andern sah ich einen Schatten,
Der zu erwarten schien; und fragt man: Wie?
Er hob das Kinn empor nach Art der Blinden.

Geist, der du um zu steigen hier dich beugest,
Bist du's, sprach ich, der Antwort mir gegeben?
So gieb dich kund durch Vaterland und Namen!

Aus Siena war ich und mit diesen allen
Such ich das schlimme Leben hier zu läutern,
Anflehend Gott, daß er sich uns mittheile.

Nicht weise war ich, ob ich gleich Sapia
Genannt ward, und der Schaden andrer Menschen
Erfreute mehr mich als das eigne Glück.

Und damit du nicht glaubst, daß ich dich täusche,
Vernimm ob, wie gesagt, ich thöricht war:
Als schon der Bogen meiner Jahre sank,

Standen im Felde die Mitbürger mein.
Den Feinden gegenüber, unweit Colle,
Und ich bat Gott um das, was auch er wollte.

Geschlagen wurden sie, und mußten wenden
Zur bittern Flucht die Schritt' und dieses sehend
Ergriff mich Freude keiner andern gleich,

So daß das trotz'ge Antlitz ich erhob,
Gott zurufend: Nun fürcht' ich dich nicht mehr!
Wie bei der ersten Mild' es macht die Amsel.

Am Ende meines Lebens suchte ich
Frieden mit Gott; und doch, was ich zu leisten
Wäre durch Buße noch nicht abgethan,

Wenn meiner nicht gedacht in seinen frommen
Gebeten Peter Pettignano hätte,
Dem es aus Liebe leid gethan um mich.

Doch wer bist du, der du nach unserm Zustand
Forschend umhergehst, und die Augen frei,
Wie ich vermuthe, trägst und athmend redest?

Die Augen, sprach ich, werden einst auch mir,
Doch nur für kurze Zeit geraubt, denn wenig
Hab ich sie neidisch brauchend wohl gesündigt.

Viel größer ist die Furcht, die vor den Qualen
Dort unten meine Seele ängstiget;
Denn schon drückt mich die Last der dort'gen Bürden.

Und sie zu mir: Wer also führte dich
Hinauf zu uns, wenn wieder du hinab mußt?
Und ich: Der mit mir ist und der kein Wort spricht.

Und lebend bin ich, darum fordre nur,
Erwählter Geist, willst du, daß ich noch jenseits
Für dich bewege die sterblichen Füße.

O, das ist ja zu hören was so Neues,
Sprach sie, daß es, wie Gott dich liebt, beweist.
Drum hilf mit Gebet auch mir zuweilen.

Drum bitt' ich dich, bei deinem liebsten Wunsche,
Wenn du das Land Toskana je betrittst,
Daß meinen Ruf du bei den Meinen herstellst.

Du findest sie bei jenem eitlen Volke,
Das Hoffnung setzt auf Talamon, und täuscht sich
Damit noch mehr, als bei'm Diana Suchen.

Doch mehr noch täuschen sich die Admirale.


Gesang 14

Wer ist nur der, der unsern Berg umkreiset,
Und wie er will die Augen schließt und öffnet,
Bevor der Tod den Flug ihm hat gegeben?

Ich weiß nicht wer, doch ist er nicht allein;
Frag' du ihn, da du näher dich befindest,
Und red' ihn freundlich an, auf daß er spreche!

So redeten von mir zur rechten Hand
Zwei Geister, die sich zu einander neigten,
Den Kopf dann hoben, um mit mir zu sprechen.

Der eine sprach: O Seele, die geheftet
Noch in dem Körper schon zum Himmel steigst,
Erfreue aus Erbarmen uns und sage

Woher und wer bist du? denn diese Gnade,
Die dir verliehn, setzt mehr uns in Erstaunen,
Als sonst ein Ding, das nie zuvor gewesen.

Es breitet mitten durch Toskana sich
Ein Fluß, sprach ich, deß Quell in Falterona,
Und hundert Miglien Laufs sätt'gen ihn nicht;

Von seinen Ufern bring' ich diesen Leib her.
Euch sagen, wer ich sei, wär' eitles Reden,
Da noch nicht sehr mein Name sich verbreitet.

Wenn deine Meinung ich recht aufgefaßt
Im Geist, erwiderte darauf derselbe,
Der erst gesprochen, meinest du den Arno.

Der andre sprach zu ihm: Weshalb verbarg
Nur dieser hier den Namen jenes Flusses,
Wie man es pflegt mit Gräulichem zu machen?

Und jener Schatten der gefraget worden,
Erwiderte sogleich: Nicht weiß ich's, doch
Verdient der Name jenes Thals zu schwinden;

Denn gleich vom Ursprung an, wo so geschwängert
Der Berg mit Wasser ist, von dem Pelorus
Sich losgerissen, daß er nirgend reicher

Bis dahin, wo sich als Ersatz ergießt
Was von dem Meer der Himmel aufgesogen,
Woher die Flüsse haben was sie führen,

Verfolgt die Tugend man wie eine Schlange,
Sei's Mißgeschick des Ortes, oder sei's
Ueble Gewohnheit, die sie so antreibet.

Weshalb denn so ihre Natur verwandelt
Dieses elenden Thals Bewohner, daß
Es scheint, als habe Circe sie geweidet.

Den ersten dürft'gen Lauf vollbringet er
Durch schmutz'ge Säue, die der Eichelkost
Mehr als der Menschenspeise würdig sind.

Dann, weiter abwärts findet Kläffer er,
Die biss'ger sind als ihre Macht es zuläßt;
Den Rücken wendet er unwillig ihnen.

Und wie er anschwillt, weiter abwärts fließend,
Jener verwünschte, unglücksel'ge Graben,
Verwandeln sich die Hunde mehr in Wölfe.

Hinabgestiegen dann, durch dunkle Klüfte
Findet die Füchse er so voller Arglist,
Daß keinen Geist sie fürchten, der sie meistre.

Nicht will ich schweigen, ob auch wer mich höre,
Und gut wird's diesem sein, erinnert er sich
An das, was wahrer Geist mir offenbaret.

Ich sehe deinen Neffen, der geworden
Zum Jäger jener Wölfe, an dem Ufer
Des grausen Flusses, und sie all' einschüchtert.

Ihr Fleisch verkauft er, während sie am Leben,
Wie altes Schlachtvieh tödtet er sie dann,
Des Lebens viele, sich des Ruhms beraubend.

Blutig tritt er aus diesem grausen Walde,
Und läßt ihn so, daß wohl in tausend Jahren,
Zum frühren Stande er sich nicht bewaldet.

Wie beim Verkündigen zukünft'gen Unheils
Sich trübt das Antlitz dessen, der es höret,
Von welcher Seit' auch die Gefahr ihm drohe,

So sah die andre Seel' ich, die gewendet
Zum Hören stand, bestürzt und traurig werden,
Nachdem das Wort sie in sich aufgenommen.

Der einen Rede und der andern Anblick
Machte begierig mich nach ihren Namen,
Und meiner Frage fügt' ich Bitten bei.

Weshalb der Geist, der erst zu mir gesprochen,
Wieder begann: Du willst, daß ich mich neige,
Dir das zu thun, was du mir selbst nicht thun willst:

Doch da Gott will, daß seine Gnad' an dir
So sehr erglänze, will auch ich nicht karg sein.
Drum wisse, daß ich bin Guido del Duca.

Es war mein Blut von Scheelsucht so entbrannt,
Daß wenn ich wen vergnügt gesehen, du mich
Gesehn mit Neides Blässe übergossen.

Von meiner Aussaat erndt' ich solches Stroh.
O Menschheit, warum heftest du dein Herz
An Dinge, die Gemeinschaft nicht ertragen!

Dieser ist Rainer, dies der Preis, die Ehre
Des Hauses Calboli, von welchem keiner
Zum Erben seiner Tugend sich gemacht.

Und nicht sein Blut allein ist jetzt entblößt,
Zwischen dem Po, dem Berg, dem Meer, dem Reno,
Des Guts, das dient zur Wahrheit und zur Freude,

Denn inner dieser Grenzen ist's so voll
Von giftigem Gestrüpp, daß es nur spät
Durch Anbau könnte ausgerottet werden.

Wo sind der wackre Lizio, wo Manardi,
Pier Traversar' und Guido von Carpigna!
Wie seid ihr Romagnuolen ausgeartet!

Wann sieht Bologna wieder einen Fabbro?
Faenza einen Bernardin di Fosco?
Ein edles Reis aus niederm Kraut entsprossen.

Wundre dich nicht, o Tusker, daß ich weine,
Wenn ich gedenke des Guido da Prata,
Ugolin's d'Azzo, der mit uns gelebet,

Friedrichs Tignoso's und seiner Genossen,
Der Traversara und der Anastagi;
Und beide Häuser sind jetzt ohne Erben!

Der Frau'n und Ritter Leiden so wie Freuden,
Die Lieb' und Edelsinn in uns erweckten,
Da wo die Herzen jetzt so schlecht geworden.

O Brettinoro, warum fliehst du nicht!
Da dein Geschlecht schon ist davon gegangen,
Und vieles Volk, um nicht verderbt zu werden.

Wohl thut Bagnacavall, daß es nicht züchtet,
Und übel Castrocaro, schlimmer Conio,
Das solche Grafen zu erzeugen strebt.

Recht werden die Pagani thun, sobald nur
Ihr Satan fort; jedoch nicht so daß rein
Von ihnen je ein Zeugniß übrig bliebe.

O Ugolin di Fantoli, dein Name
Ist sicher nun, da keinen man erwartet,
Der aus der Art geschlagen ihn verdunkle.

Doch geh nun fort, Toskaner! denn viel mehr
Hab ich jetzt Lust zu weinen als zu reden:
So hat unser Gespräch mein Herz beklemmet.

Wir wußten, daß die theuren Seelen uns
Fort gehen hörten, und da sie nun schwiegen
Flößten sie uns Vertraun zum Wege ein.

Als vorwärts schreitend wir allein geblieben,
Kam eine Stimme uns entgegen, die
Dem Blitze gleich, wenn er die Luft durchschneidet.

Es wird mich tödten wer mein habhaft wird!
Sprach sie und floh, dem Donner gleich verhallend,
Wenn er die Wolken plötzlich hat durchbrochen.

Als dann unser Gehör von ihr befreit war,
Erklang die andre mit so starkem Krachen,
Daß sie dem Donner glich, der gleich dem Blitz folgt.

Ich bin Aglauros die zum Felsen ward.
Und ich, um an den Dichter mich zu schmiegen,
Trat nun nicht vorwärts, sondern mehr zurück.

Schon war die Luft von allen Seiten ruhig,
Als er zu mir: Das ist der harte Zügel,
Der jeden sollt' in seinen Schranken halten;

Doch ihr verschlingt den Köder, so daß euch
Des alten Feindes Haken zu ihm zieht,
Und drum hilft wenig Zügel oder Zuruf.

Es ruft der Himmel euch, der euch umkreiset,
Die ewigen Schönheiten offenbarend,
Und euer Auge schaut doch nur zu Boden:

Drum schlägt euch der, der alles wohl erkannt.


Gesang 15

So viel als, von dem Schluß der dritten Stunde
Bis Tages Anbruch, von der Sphär' erscheint,
Die stets nach Art der Kinder scherzend rollt,

So viel schien noch der Sonn' am Abendhimmel,
Um ihren Lauf ganz zu vollbringen übrig:
Es war dort Abend und hier Mitternacht.

Uns trafen senkrecht ins Gesicht die Strahlen,
Weil von dem Berg wir schon so viel umgangen,
Daß grade auf den Abend zu wir gingen;

Als meine Stirn ich mehr als je zuvor
Nieder gedrückt von einem Glanze fühlte,
Und Staunen brachte mir das Unbekannte.

Weshalb über die Augen ich die Hände
Erhob, um einen Schirm damit zu bilden,
Der vor dem Uebermaaß des Lichts mich schützte.

So wie vom Wasser oder von dem Spiegel
Zurückgeworfen nach der andern Seite
Der Strahl ganz ebenso emporsteigt, wie er

Hinabgefahren, und nach beiden Seiten
Sich von dem Fall des Steines gleich entfernt,
Wie Wissenschaft es lehret und Erfahrung:

So glaubt ich von zurückgeworfnem Lichte,
Das vor mir wär' getroffen hier zu sein,
Weshalb mein Auge schnell zum Fliehen war.

Was ist das, süßer Vater, vor dem ich
Das Aug' hinreichend mir nicht schützen kann?
Sprach ich, und sich zu uns scheint zu bewegen?

Wundre dich nicht, sprach er zu mir darauf,
Wenn noch des Himmels Dienerschaft dich blendet;
Ein Bote ist's, der uns zum Steigen ladet.

Bald wird's so sein, daß diese Dinge dir
Nicht lästig mehr, nein, Freude dir bereiten,
So viel du von Natur dafür empfänglich.

Als zu dem heil'gen Engel wir gekommen,
Sprach er mit heitrer Stimme: Tretet ein
Zu einer Treppe minder steil um vieles!

Von hier nun stiegen wir, und hinter uns
Hörten wir Beat misericordes,
Und: Freue dich, du der du siegest, singen.

Mein Meister nun und ich, beide allein,
Stiegen wir nun, und ich im Gehen dachte
Nutzen zu ziehn aus seinen Worten, deshalb

Ich mich mit solcher Frage an ihn wandte:
Was meinte jener Geist wohl aus Romagna,
Als er sprach von Gemeinschaft nicht ertragen?

Drob er zu mir: Er weiß nun wie verderblich
Sein größter Fehler, und drum ist's kein Wunder
Wenn er uns schilt, daß wen'ger wir drum weinen;

Weil eure Wünsch' ihr stets auf solches richtet,
Dem durch Gemeinschaft ein'ges wird entzogen,
Muß wohl der Neid die Brust zu Seufzern treiben.

Doch wenn die Liebe zu den höchsten Sphären
Nach oben eure Sehnsucht zöge, dann
Wär' die Besorgniß nicht in euren Herzen;

Dieweil, jemehr das was wir unser nennen,
Um so viel mehr besitzt davon ein jeder,
Und um so mehr erglüht die Liebe hier.

Viel ferner liegt Befriedigung mir noch,
Sprach ich, als wenn ich früher nicht gesprochen,
Und mehr des Zweifels sammle ich im Geiste.

Wie ist es möglich, daß, wenn unter viele
Ein Gut getheilt wird, es die Vielen reicher,
Als wenn nur wen'ge es besäßen, mache?

Und er zu mir: Weil immer deinen Geist du
Nur heftest auf die ird'schen Dinge, erndtest
Du Finsterniß nur von dem wahren Lichte.

Das unaussprechliche, unendliche
Gut, das dort oben, eilet so zur Liebe,
Wie zum leuchtenden Körper eilt der Lichtstrahl;

Es giebt sich hin, wo viel der Gluth es findet,
So daß je mehr die Liebe sich ausbreitet,
So auch die ew'ge Gnade ihr zu Theil wird.

Und wie viel mehr der Seelen dort sich sammeln,
Um so mehr liebt man, weil da mehr zu lieben,
Wie Spiegel, die den Strahl einander senden.

Und wenn mein Wort nicht deinen Hunger stillt,
So wirst du sehn Beatrix, die vollständig
Dir den wie jeden andern Wunsch erfüllt.

Sorge du nur, daß bald getilget werden,
Wie schon die zwei, so die fünf andern Wunden,
Die nur vermittelst Schmerz sich schließen können.

Als ich, du tröstest mich, jetzt sagen wollte,
Sah ich zum andern Kreise mich gekommen,
So daß der Wunsch zu sehn mich schweigen hieß;

Da schien es mir, als würde plötzlich ich
Zu einer Geistes-Anschauung entzücket,
Wo viele ich in einem Tempel sah.

Und an dem Eingang hört' ein Weib ich sagen
Mit einer Mutter süßester Gebärde:
Warum hast du uns das gethan, mein Sohn?

Siehe, es haben dich gesucht dein Vater
Und ich mit Schmerzen! Und als drauf sie schwieg,
Da schwand, was früher mir erschienen war.

Und eine andr' erschien, der von den Wangen
Das Wasser träufte, das der Schmerz ergießt,
Wenn großer Zorn ihn gegen wen erzeugt.

Sie sprach: Bist du Beherrscher jener Stadt,
Um deren Namen so die Götter stritten,
Und von der jede Wissenschaft entstrahlet,

So räch' an jenen kühnen Armen dich,
Die unsre Tochter zu umarmen wagten!
Und sanft und freundlich schien der Fürst darauf

Ihr zu erwidern, mit gelassnem Antlitz:
Was sollen dem wir thun, der Böses uns
Anwünscht, wenn den wir strafen, der uns liebt?

Drauf sah ich Volk in Zornes Feu'r entbrannt
Mit Steinen einen Jüngling morden, und
Einander sich zurufen: Tödt' ihn, tödt' ihn!

Ihn aber sah ich, durch den Tod sich beugen,
Der ihn belastete, hinab zur Erde,
Doch offen für den Himmel stets die Augen,

Zum höchsten Herrn in solcher Noth noch beten,
Daß er vergebe den Verfolgern sein,
Mit jenem Antlitz, das Mitleid erwecket.

Als meine Seele nun zurückgekehrt
Zu jenen wahren Dingen außer ihr,
Erkannt' ich meinen Irrthum, der nicht falsch war.

Mein guter Führer, der mich sehen konnte,
Gleich einem Menschen, der vom Schlaf sich losmacht,
Sprach: Was ist dir, daß du so wankend gehst?

Mehr als 'ne halbe Meile gehst du schon,
Das Aug' verschleiert und verschränkt die Beine,
Gleich einem, den Wein oder Schlaf beherrscht.

O süßer Vater mein, willst du mich hören,
So sag' ich dir, sprach ich, was mir erschienen,
Als meine Beine so geraubt mir waren.

Und er: Wenn hundert Larven vor dem Antlitz
Du hättest, wären mir doch nicht verschlossen
Deine Gedanken, wenn auch noch so klein.

Was du gesehn, geschah, damit du nicht
Dein Herz verschließest vor den Friedens Strömen,
Die von dem ew'gen Quell aus sich ergießen.

Nicht fragt' ich was dir wäre, aus dem Grunde,
Wie einer fragt, der nur mit Augen schaut,
Die nicht mehr sehen, wenn der Leib entseelt;

Ich fragte nur um deinen Fuß zu stärken.
So muß die Trägen spornen man, daß sie
Die Wiederkehr des Wachens wohl benutzen.

Im Abendlichte gingen wir, das Auge
Vorwärts gespannt, soweit es reichen konnte,
Dem abendlichen hellen Strahl entgegen.

Und siehe, nach und nach kam auf uns zu,
So dunkel wie die Nacht, ein dicker Rauch,
Und kein Raum blieb davor uns zu beschützen,

Der nahm die Augen und die reine Luft uns.


Gesang 16

Kein Höllendunkel, keine Nacht, beraubt
Jegliches Sternes, und von Wolken ganz
Verfinstert, unter einem dürft'gen Himmel

Bildeten je so dichten Schleier mir,
Als jener Rauch, der uns allhier bedeckte,
Noch waren je so rauh sie dem Gefühle,

Daß sie das Aug' zu öffnen nicht erlaubten.
Weshalb mein kundiger und treuer Führer
Zu mir hintrat und mir die Schulter bot.

Wie hinter seinem Führer geht der Blinde,
Um nicht zu irren und nicht anzustoßen
An etwas, das ihn schmerze oder tödte:

So ging ich durch die herbe trübe Luft,
Auf meinen Führer horchend, der da sprach:
Gieb Acht, daß du von mir getrennt nicht werdest!

Ich hörte Stimmen, und jegliche schien
Um Frieden und Erbarmen anzuflehen
Jenes Lamm Gottes, das die Sünden trägt.

Mit Agnus Dei begannen immer sie;
Ein Wort und Eine Weise war in allen,
Daß volle Eintracht unter ihnen schien.

Sind Geister dies, mein Meister, die ich höre?
Sprach ich; und er zu mir: Du ahnest richtig:
Des Zornes Fessel aufzulösen gehn sie.

Wer bist denn du, der unsern Rauch durchschneidet,
Und von uns also redest, als ob du
Die Zeit noch theiltest nach des Mondes Vierteln?

So ward von einer Stimme uns gesagt;
Weshalb mein Meister sprach: Antworte du,
Und frag', ob man von hier empor mag steigen.

Und ich: O Seele, die du hier dich reinigst,
Um schön zu dem zu kehren, der dich schuf,
Willst du mir beistehn, sollst du Wunder hören.

Ich folge dir, so weit es mir erlaubt,
Antwortet' er, und läßt der Rauch nicht sehen,
So wird das Hören uns beisammen halten.

Darauf begann ich: Mit den Fesseln steig ich
Empor, die nur der Tod uns löst, und bin
Hierher gekommen durch der Hölle Qualen.

Und so mich Gott also in seine Gnade
Geschlossen, daß er seinen Hof mir zeige,
Auf eine früher nie erhörte Weise:

Verbirg mir nicht, wer du warst vor dem Tode,
Sag' mir's, und sag' ob ich auf rechtem Wege,
Und deine Worte seien unsre Führer.

Lombarde war ich, und Markus genannt,
Kundig der Welt, und jene Tugend liebt' ich,
Auf welche keines Bogen jetzt gespannt ist.

Du gehst ganz recht, wenn du empor willst steigen.
So sprach er, und fügt' noch hinzu: Ich bitte
Daß, wenn du oben, du dann für mich bittest.

Und ich zu ihm: Mein Wort verpfänd' ich dir
Zu thun was du begehrest, doch vergeh ich
An einem Zweifel, kann ich ihn nicht lösen.

Erst war er einfach, doppelt ist er jetzt,
Wenn ich dein Wort, das mir Gewißheit giebt,
Mit anderswo Gehörtem jetzt verbinde.

Wohl ist die Welt, wie du es ausgesprochen,
Durchaus von jeder Tugend jetzt verlassen,
Und ganz bedeckt und schwanger nur von Bosheit:

Doch bitt' ich, daß du mir den Grund anzeigest,
Daß ich ihn seh' und andern ihn anzeige;
Denn der sucht ihn im Himmel, der auf Erden.

Erst einen Seufzer, den der Schmerz in Ach!
Verwandelte, ausstoßend sprach er: Bruder,
Die Welt ist blind, und wohl kommst du von ihr.

Ihr, die ihr lebet, leitet jeden Grund
Stets nur vom Himmel ab, als ob er alles
Mit sich bewegte mit Nothwendigkeit.

Wär's so, wär' ja der freie Will' in euch
Zerstört, und nicht mit Recht könntet ihr erndten
Vom Guten Freud' und von der Sünde Trauer.

Es weckt der Himmel eure ersten Triebe,
Nicht alle, sag' ich, doch gesetzt ich sagt' es,
Könnt' ihr doch Gut und Böse unterscheiden.

Habt freien Willen, der, wenn in den ersten
Kampf mit dem Himmel er nur Stand hielt, dann
Wenn er sich stärket, alles überwindet.

Frei unterworfen einer größren Kraft
Und höhrem Wesen seid ihr, und die schaffen
Den Geist in euch, um den nicht sorgt der Himmel.

Deshalb, wenn abgewichen jetzt die Welt ist,
Ist's eure Schuld, in euch muß man sie suchen;
Das will ich nun ganz deutlich dir erklären.

Es kommt aus seiner Hand, die ihr liebkoset
Eh' sie noch ist, nach Kinder Weise scherzend,
Einfältiglich, die Seele, die von nichts weiß;

Bald lächelnd und bald weinend tändelt sie,
Nur daß, ausgehend von dem sel'gen Schöpfer,
Sie gern zu dem, was sie erfreut, zurückkehrt.

Zuerst fühlt sie die Lust an kleinem Gute,
Und eilt getäuscht ihm nach, wenn ihre Liebe
Von Leitung oder Zügel nicht gelenkt wird.

Drum mußt' als Zügel man Gesetze haben,
Mußt' einen König haben, der erkännte
Zum mindesten den Thurm der wahren Stadt.

Gesetze giebt es, doch wer hält darauf?
Niemand! dieweil der Hirte, der vorangeht,
Zwar wiederkäut, doch nicht gespaltnen Hufs ist.

Weshalb das Volk, das seinen Führer sieht,
Nur zielen nach dem Gut, wonach es gierig,
Sich davon nährt, und nicht nach andrem fragt.

Wohl kannst du sehen, daß die üble Leitung
Der Grund ist, der die Welt so schlecht gemacht,
Und nicht Natur, die in euch wär' verdorben.

Es pflegte Rom, das gut die Welt geordnet,
Zwei Sonnen zu besitzen, die die beiden
Wege, der Welt und Gottes, zeigen konnten.

Die eine hat erstickt die andre, und
Zum Hirtenstab das Schwert gefügt, so daß
Sie beide nun nothwendig übel wandeln,

Weil nun vereint das eine nicht das andre
Mehr fürchtet. Glaubst du's nicht, sieh auf die Frucht;
Denn jede Pflanz' erkennt man an dem Saamen.

Im Lande, das wie Etsch so Po bewässern,
War Tapferkeit und edler Sinn zu finden,
Bevor der Kampf mit Friederich begann.

Jetzt kann mit Sicherheit allda hindurchgehn
Und sich anschließen, wer aus Schamgefühl
Den Umgang mit den Guten ausgegeben.

Wohl giebt's drei Greise noch, die da beschämen
Die neue Zeit, und denen spät es dünket,
Daß Gott in's bessre Leben sie versetze.

Der gute Gerhard, Conrad von Palazzo
Und Guido von Castel, den fränkisch man
Den einfachen Lombarden besser nennt.

So sage denn nunmehr, daß Roma's Kirche,
Weil zwei Gewalten sie in sich vereinet,
In Koth fällt, und die Bürd' und sich besudelt.

Wohl urtheilest du recht, sprach ich, mein Markus;
Und nun erkenn' ich, weshalb von der Erbschaft
Die Söhne Levi's ausgeschlossen waren.

Doch welcher Gerhard ist's, den du als Probe
Erloschnen Volkes nennst zurückgeblieben,
Als Vorwurf dem verwilderten Jahrhundert?

Entweder täuscht mich, oder es versucht mich
Dein Wort, sprach er, da du toskanisch redend,
Vom guten Gerhard nichts zu wissen scheinst.

Ich kenn' ihn nicht mit anderm Beinamen,
Ich nähm' ihn denn von seiner Tochter Gaja.
Gott sei mit euch! denn mehr geh ich mit euch nicht.

Sieh, wie die Helle, die dort aus dem Rauch strahlt,
Schon dämmert, und da muß ich mich entfernen;
Dort ist der Engel, eh' er noch sich zeigt.

So sprach er, und wollt' weiter mich nicht hören.


Gesang 17

Erinnre Leser dich, wenn je in Bergen
Ein Nebel dich befiel, durch welchen du
Nicht anders sahst als wie durchs Fell der Maulwurf:

Wenn dann die feuchten und die dichten Dünste
Sich zu zerstreun anfangen, dann ganz schwach erst
Durch sie hindurch der Sonne Scheibe dringt;

Und leicht wird deiner Einbildung es werden
Dir vorzustellen, wie ich wieder sah
Die Sonne, die im Untergehn schon war.

So meine Schritte nach den treuen Schritten
Des Meisters richtend, trat aus solcher Wolk' ich
In die am Ufer schon erstorbnen Strahlen.

O Phantasie, die oft uns so dahinreißt,
Daß wir's nicht hören, ob tausend Trommeten
Rings um uns tönen, wer ist es, der dich

Aufregt, wenn nichts die Sinne dir darbieten?
Ein Himmelslicht regt auf dich, durch sich selber
Oder den Willen deß der es entsendet.

Es zeigt' in meiner Phantasie das Bild sich
Der Ruchlosen, die in den Vogel ward
Verwandelt, der am meisten liebt zu singen.

Und also ward in sich zurückgezogen
Mein Geist, daß nichts von außen zu ihm kam,
Das von ihm damals wahrgenommen wäre.

Dann kam in meine hohe Phantasie
Ein Mann, gekreuzigt, unwillig und wild
In seinem Ansehn, und so starb er auch.

Rings um ihn standen Ahasver der große,
Esther seine Gemahlin und der fromme
Mardachai, in Wort und That untadlich.

Und als dies Bild in sich zusammenbrach,
Gleich einer Wasserblase, die des Wassers
Aus dem sie war gebildet nun ermangelt,

Erstand in meiner Vision ein Mädchen,
Das heftig weint' und sprach: O Königin,
Warum hast du aus Zorn dich selbst vernichtet!

Getödtet hast du dich, um nicht Lavinia
Zu missen; und also muß ich beweinen
Dich, eh' als eines andern Untergang.

So wie der Schlaf bricht, wenn ein neues Licht
Die noch geschlossnen Augen plötzlich trifft,
Und erst noch zuckt, bevor er ganz erstirbt:

So fiel auch meine Vision zu Boden,
Sobald das Licht in meine Augen traf,
Viel mächt'ger als wir Menschen es gewohnt sind.

Ich wandte mich, um wo ich wär' zu sehen,
Als eine Stimme sprach: Hier steigt empor man,
Die jede andre Absicht mir verscheuchte,

Und weckt' in mir so eifrige Begier
(Die nimmer ruht, erreicht sie nicht ihr Ziel)
Zu schauen, wer es wäre, der so sprach.

Doch, wie die Sonne, trifft sie unsre Augen
Durch Uebermaß ihre Gestalt verschleiert,
So unterlag auch meine Sehkraft hier-

Das ist ein Himmelsgeist, der ungebeten
Uns auf den Weg emporzusteigen weist,
Und der sich selbst in seinem Licht verbirgt.

Er macht's mit uns, wie wir es mit uns machen;
Denn wer die Noth sieht und auf Bitten wartet,
Der denkt schon böslich an die Weigerung.

Laß unsern Fuß solcher Einladung folgen!
Laß steigen uns empor, bevor es dunkelt!
Denn später bis zum Tag vermöchten wir's nicht,

So sprach mein Führer, und mitsammen wandten
Wir unsre Schritte nun zu einer Treppe.
Und als ich auf der ersten Stufe war,

Fühlt' in der Näh' ich wie ein Flügel-Schlagen,
Ein Wehen in's Gesicht und hört Beati
Pacifici,
die ohne sünd'gen Zorn sind.

Schon waren über uns so weit erhoben
Die letzten Strahlen, denen folgt die Nacht,
Daß Sterne sich von vielen Seiten zeigten.

O meine Kraft, warum verschwindst du so,
Sprach zu mir selber ich, dieweil ich fühlte,
Wie meiner Beine Kraft zur Ruh' gelegt.

Wir waren nun wo nicht mehr auswärts stieg
Die Trepp', und hatten unsern Lauf gehemmt,
Sowie ein Schiff, das an das Ufer anlegt.

Ich horcht' ein wenig, ob ich nicht vielleicht
Etwas vernähme in dem neuen Kreise;
Dann wandt' ich zu dem Meister mich und sprach:

Mein süßer Vater, sprich, welche Versünd'gung
Wird in dem Kreise, wo wir sind, gesühnet:
Ob ruh'n die Füße, laß nicht ruh'n die Rede!

Und er zu mir: Hier wird ersetzt der Mangel
Des Eifers in der Liebe zu dem Guten,
Hier wird das säum'ge Rudern nachgeholt.

Doch, daß du deutlicher noch dies erkennest,
Wende den Geist zu mir, und du sollst erndten
Noch ein'ge Frucht von unsrem Aufenthalt.

Nicht Schöpfer, nicht Geschöpf, begann er, Sohn
War jemals ohne Lieb', sei's von Natur,
Sei's nach der Seele Wahl, und das weißt du.

Die von Natur war immer ohne Irrthum,
Nicht so die andre, die im Gegenstand
Durch ein Zuviel oder Zuwenig irret.

So lang' als auf die höchsten Güter sie,
Und auf die andern nur mit Maaß gerichtet,
Kann sie nicht Anlaß sünd'ger Lüste werden.

Wend't sich zum Bösen sie, oder zum Guten
Mit mehr und minder Eifer als sie soll,
Dann wirkt wider den Schöpfer das Geschöpf.

Hieraus kannst du begreifen, wie die Liebe
Jeglicher Tugend Keim in euch sein kann,
Und jeder Handlung, die Strafe verdienet.

Darum vom Heile ihres Gegenstandes
Die Liebe nie vermag den Blick zu wenden,
So sind die Dinge vor dem Selbsthaß sicher.

Und da getrennt vom ersten Sein kein Wesen
Gedacht kann werden, oder für sich seiend,
Ist jede Neigung fern jenes zu hassen.

Hab' ich nun richtig eingetheilt, so bleibet,
Daß nur des Nächsten Unglück man kann lieben,
Was dreifach sich erzeugt in eurem Schlamme.

Der hofft zu glänzen, wenn der Nachbar nur
Wird unterdrückt: und nur drum wünschet er,
Daß er gestürzt von seiner Höhe werde.

Der meint, daß er Macht, Gunst und Ehr' und Ruhm
Verlöre, wenn ein anderer emporkommt;
Drob trauert er und wünscht das Gegentheil ihm.

Und der nimmt jedes Unrecht für Beschimpfung,
So daß ihn nach der Rache nur gelüstet,
Und sinnet dann nur auf des Nächsten Unheil.

Diese dreiart'ge Lieb' ist's, die hier unten
Beweinet wird: Nun von der andern höre,
Die in verkehrter Weise eilt zum Guten.

Ein jeder wünscht und hofft, wenn auch nur dunkel,
Ein Gut, worin die Seele G'nüge finde,
Weshalb das zu erlangen jeder strebt.

Ist's träge Liebe es zu schauen, oder
Es zu erlangen, die euch treibt, so strafet
Nach bill'ger Reue dieser Kreis dafür.

Ein andres giebt's, das nicht beglückt die Menschen,
Nicht ist das Heil, nicht ist da wahre Wesen,
Das Wurzel ist und Frucht von jedem Guten.

Die Liebe, die zu diesem sich zu sehr
Hinreißen läßt, beweint man in drei Kreisen
Dort oben; doch wie dreifach sie getheilt

Verschweig' ich, daß du selber danach forschest.


Gesang 18

Es hatte der erhabne Lehrer nun
Beendigt seine Red' und sah aufmerksam
Mir in's Gesicht, ob ich zufrieden wäre.

Und ich, den neuer Durst noch plagte, schwieg.
Zwar äußerlich, doch sprach ich bei mir selbst:
Mein vieles Fragen ist vielleicht ihm lästig.

Doch jener wahre Vater, der erkannte
Den schüchternen, nicht ausgesprochnen Wunsch,
Gab sprechend mir den Muth mit ihm zu sprechen.

Weshalb ich: Meister, es schärft sich mein Sehen
In deinem Lichte so, daß deutlich ich,
Was dein Wort lehrt oder beschreibt, erkenne.

Deßhalb bitt' ich dich, süßer theurer Vater,
Erklär' die Liebe mir, die du zur Quelle
Von jeder Tugend und vom Gegentheil machst!

Richte, sprach er, auf mich die scharfen Augen
Des Geistes, und du wirst den Irrthum leicht
Der Blinden sehn, die sich zu Führern machen.

Der Geist, der von Natur geneigt zum Lieben,
Wird leicht bewegt von allem was gefällt,
Wenn er von thatsächlicher Lust geweckt wird.

Es nimmt die Auffassung vom wahren Wesen
Den ersten Anlaß, und entwickelt ihn,
So daß die Seele sich dahin dann neiget.

Und wenn zu ihm gewendet sie sich neigt, ist
Die Neigung Liebe, die natürliche,
Die das Vergnügen dann in euch befestigt.

Dann, wie das Feuer steigt empor, vermöge
Seiner Natur, die da gemacht zu steigen
Dahin, wo es in seinem Wesen dauert,

So steigt der Wunsch in der gefangnen Seele
Als geistige Bewegung, die nicht ruhet,
Bis das geliebte Wesen sie genießt.

Nun kannst du sehn, wie sehr verborgen ist
Die Wahrheit denen, die als wahr behaupten
Daß jede Lieb' an sich ein löblich Ding;

Weil so vielleicht ihr Wesen stets ein gutes
Wohl scheinen mag, doch ist jedes Gepräge
Nicht darum gut, weil gut das Wachs wohl sein mag.

Es hat dein Wort und mein folgsamer Geist,
Sprach ich, was Liebe sei, mir offenbaret;
Doch dadurch bin ich schwangrer noch an Zweifeln

Denn wenn von außen uns geboten wird
Die Lieb', und gleichen Schritts die Seele wandelt,
Ob recht, ob falsch sie geht, ist's ihr Verdienst nicht.

Und er zu mir: So viel Vernunft hier sieht,
Kann ich dir sagen; mehr mußt von Beatrix
Erwarten du, da dies des Glaubens Sache.

Jedweder Bildungstrieb, der da getrennet
Vom Stoff ist, oder auch mit ihm vereint, hat
Besondre Kräfte in sich aufgenommen.

Die nur erkannt erst werden, wenn sie thätig
Und sich nicht anders zeigen als durch Wirkung,
Wie Leben durch das grüne Laub am Baume.

Drum weiß der Mensch nicht, woher ihm die Kenntniß
Der ersten Grundbegriffe kommt, noch auch
Woher die Neigung zu den ersten Reizen,

Die beid' in euch, so wie der Trieb den Honig
Zu machen, in der Bien'; und diese erste
Neigung läßt weder Lob noch Tadel zu.

Und damit jede andre dran sich schließe,
Ist angeboren auch die Kraft, die Rath giebt,
Und der Einwill'gung Schwelle soll bewahren.

Sie ist's, die euch Gelegenheit darbietet
Verdienst zu erndten, je nachdem sie sichtet,
Und gute oder schlechte Liebe aufnimmt.

Die da erforschend auf den Grund gegangen,
Erkannten diese angeborne Freiheit,
Weshalb der Welt sie Sittenlehre gaben.

Drum, angenommen auch, daß jede Liebe
Nothwendig sei, die sich in euch entzündet,
Bleibt doch in euch die Macht noch sie zu zügeln.

Die edle Tugend ist's, die Beatrice
Den freien Willen nennt, und deß gedenke,
Wenn etwa sie einst davon mit dir redet.

Der Mond, der spät gen Mitternacht erst aufging,
Gleich einem ganz mit Gluth erfüllten Eimer,
Ließ dünn gesäet uns die Stern' erscheinen;

Er stieg am Himmel auf, auf jenem Wege,
Den von der Sonn' entflammet sieht der Römer,
Geht zwischen Corsen sie und Sarden unter.

Und jener edle Schatten, um deßwillen
Man Pietola mehr nennt als andre Orte,
Hatt' abgelegt, was ich ihm aufgebürdet;

Weshalb ich, der die klare, schlichte Antwort
Auf meine Fragen angenommen hatte,
Da stand wie einer, der schlaftrunknen Sinnes.

Doch diese Schläfrigkeit ward mir entnommen
Von Leuten, die da plötzlich hinter uns
Herkamen, und zu uns sich schon gewendet.

Wie des Ismenos und Asopus Ufer
Bei Nacht einst große Eil' sah'n und Gedränge,
Wenn die Thebaner Bacchus Hülfe brauchten:

In solcher Menge liefen hier im Kreise,
So viel ich sehen konnte, viele derer,
Die guter Will' und rechte Liebe spornt.

Schon hatten sie erreicht uns, weil im Laufen
Der ganze große Haufe sich bewegte.
Und zweie an der Spitze riefen weinend:

Maria lief endelich auf's Gebirge,
Und Cäsar, um Ilerda zu besiegen.
Berührt' Marseill' und eilte dann nach Spanien.

Schnell! schnell! daß nicht die Zeit verloren gehe
Durch wenig Liebe, riefen dann die andern,
Denn Eifer in Wohlthun erfrischt die Gnade.

O ihr, in welchen heißer Eifer jetzt
Nachlässigkeit und Zögerung ersetzt,
Die ihr vielleicht aus Lauheit einst geübt,

Dieser der lebt, gewiß ich täusch' euch nicht,
Stieg' gern empor, so nur die Sonne leuchtet;
Drum saget uns, wo nahe ist der Felsspalt.

Es waren dieses Worte meines Führers,
Und einer dieser Geister sprach: Komm nur
Hinter uns her, so findest du die Oeffnung.

Wir sind so voll Begierd' uns zu bewegen,
Daß wir nicht still stehn können, drum verzeih,
Wenn du für Unart unsre Büßung hältst.

Ich war Abt von San Zeno in Verona,
Unter des guten Barbarossa Herrschaft,
Von welchem trauernd noch Milano spricht.

Und schon hat einen Fuß im Grabe einer,
Der dieses Kloster bald beweinen wird,
Und traurig sein, daß er drin Macht gehabt.

Weil er den Sohn von schlechter Leibesart,
Und schlimmren Geist, der unächt ist geboren,
Gesetzt hat an des wahren Hirten Stelle.

Ich weiß nicht, ob er mehr sprach oder schwieg,
So weit war er vorangeeilet schon;
Doch dieses hört' ich und wollt' es behalten.

Und jener, der in jeder Noth mein Helfer,
Sprach: Wende dich hierher, sieh zwei von ihnen,
Die daher kommen ihre Trägheit hetzend.

Sie riefen hinter allen: Sterben mußte
Das ganze Volk, dem sich das Meer geöffnet,
Ehe der Jordan seine Erben sah.

Und jenes Volk, das nicht ganz bis zu Ende
Die Mühsal trug mit des Anchises Sohn,
Bot einem Leben ohne Ruhm sich dar.

Als jene Schatten dann so weit von uns
Getrennt, daß sie nicht mehr zu sehen waren,
Kam ein neuer Gedank' in meine Seele,

Aus dem viel andre und verschiedne wurden;
Und so von einem schwankt' ich zu dem andern,
Daß ich die Augen vor Vergnügen schloß

Und wandelte zum Traume die Gedanken.


Gesang 19

Zur Stunde, wo nicht mehr des Tages Hitze
Des Mondes Kält' erwärmt, weil überwunden
Sie von der Erd' ist oder vom Saturn;

Wann sehn im Orient die Geomanten
Aufgehn ihr größtes Glück vor Tagesanbruch,
Auf einem Wege, der nicht lange dunkelt

Erschien im Traume mir ein stammelnd Weib,
Mit schielen Blick und mit verkrümmtem Rücken,
Verstümmelt an den Händen, bleich von Farbe.

Ich sah sie an, und wie die Sonne stärket
Die von dem Frost der Nacht erstarrten Glieder,
So lösete mein Blick die Zunge ihr,

Und richtete darauf sie grad empor
In kurzer Zeit, und färbete das Antlitz
Das blasse ihr, so wie die Lieb' es wünscht.

Nachdem ihr nun gelöset war die Sprache,
Begann sie so zu singen, daß mit Mühe
Ich nur den Sinn von ihr gewendet hätte.

Ich bin, sang sie, ich bin süße Sirene,
Die auf dem Meer die Schiffenden bethöret,
So bin ich anzuhören voller Lust.

Ich zog Ulyß von seinem irren Laufe
Zu meinem Sang; und wer mit mir verkehrt,
Kommt selten los; so ganz bezaubr' ich ihn.

Noch hatte sie den Mund nicht ganz geschlossen,
Als dicht an meiner Seit' ein Weib erschien,
Heilig und rasch, um jene zu beschämen.

Virgil, Virgil, wer ist denn diese? sprach sie
Erzürnten Sinnes, und er kam herbei,
Den Blick nur auf die züchtige gerichtet.

Die griff die andr' und, ihr das Kleid zerreißend,
Entblößte sie und zeigte mir den Leib;
Da weckte mich der Stank, der davon ausging.

Die Augen wandt' ich: Und wohl mehr als dreimal
Rief ich dich, sprach er, steh nun auf und komm,
Laß uns die Oeffnung suchen, daß du eingehst!

Auf stand ich; und schon waren ganz erfüllt
Vom hohen Tag, des heil'gen Berges Kreise,
Wir gingen mit der neuen Sonn' im Rücken.

Indem ich folgte, trug die Stirn ich so,
Wie der, dem sie mit Sorgen ist beladen,
So daß er gleicht 'nem halben Brückenbogen.

Da hört' ich: Kommt, denn hier geht man hindurch!
Mit sanfter und freundlicher Stimme sagen,
Wie man im ird'schen Leben sie nicht hört.

Mit offnen Flügeln, gleich denen des Schwanes,
Wies uns empor der so zu uns gesprochen,
Zwischen des harten Felsens beide Wände.

Darauf bewegte fächelnd er die Federn,
Versichernd, daß glückselig sei'n qui lugent,
Weil sich zu trösten sie die Macht empfangen.

Was hast du, daß du immer nur zur Erde
Blickest? so sprach mein Führer jetzt zu mir,
Als wenig höher nur der Engel stand.

Und ich: Mit solchem Argwohn läßt mich wandeln
Die neu' Erscheinung, die so sehr mich anzieht,
Daß ich nicht kann von dem Gedanken lassen.

Hast du, sprach er, gesehn die alte Zaubrin,
Die über uns allein noch wird beweint?
Gesehen, wie der Mensch von ihr sich löset?

Das g'nüge dir, tritt auf nun mit den Hacken,
Wende das Auge zur Lockspeise, die
In Himmelskreisen schwingt der ew'ge Vater!

Gleichwie der Falk zuerst auf seine Füße
Schaut, dann zum Ruf sich wendet und sich streckt,
Ob der Begier der Atzung die ihn locket,

So macht' auch ich's, und so eilt' ich empor,
So weit der Felsenspalt dem Wandrer Raum giebt,
Bis wo das Kreisen wiederum beginnt.

Als ich im fünften Kreise frei mich fühlte,
Sah ich des Volkes viel, das auf der Erde
Nach unten ganz gewendet weinend dalag.

Adhaesit pavimento anima mea!
Hört' ich sie sagen, mit so lauten Seufzern,
Daß man die Worte kaum vernehmen konnte.

O ihr von Gott erwählten, deren Leiden
Gerechtigkeit und Hoffnung milder machen,
Weiset uns hin, wo weiter man emporsteigt!

Wenn vor dem Liegen sicher ihr hierher kommt,
Und schneller euren Weg hier finden wollt,
So haltet stets die Rechte nur nach außen!

So bat der Dichter, und so ward erwidert
Dicht vor uns ihm, weshalb ich das Verborgne
In jenes Geistes Rede wohl erkannte.

Zu meines Herren Augen wandt' ich meine,
Und er gewährte mir mit heitrem Winke,
Was er als Wunsch auf meinem Antlitz las.

Da ich nun über mich nach meinem Sinne
Verfügen konnte, trat ich zu dem Wesen,
Deß Worte früher aufmerksam mich machten,

Und sprach: O Geist, in dem das Weinen zeitigt,
Das ohne was zu Gott man nicht zurück kann,
Hemme für mich die größte Sorg' ein wenig!

Sag' wer du warst, und warum ihr die Rücken
Nach oben kehrt, und ob ich was erflehen
Dir drüben soll, woher ich lebend komme.

Und er: Weshalb der Himmel unsre Rücken
Zu sich gewendet, sollst du hören, doch erst
Scias quod ego fui successor Petri.

Es senket zwischen Chiaveri und Siestri
Ein schöner Fluß sich, und von seinem Namen
Hat mein Geschlecht seine Benennung her.

Nur einen Mond, kaum mehr, fühlt' ich die Schwere
Des großen Mantels, will man rein ihn halten,
Daß federleicht jed'andre Last erscheint.

Nur spät kam leider ich zu der Bekehrung;
Denn als zum Hirten Roms ich ward erwählt,
Erkannt ich erst das lügenhafte Leben.

Ich sah, daß ich mein Herz damit nicht stille,
Noch höher steigen könnt' in jenem Leben;
Darob zu diesem Lieb' in mir entbrannte.

Bis dahin war von Gott getrennt und elend
Ich, eine Seele geizig ganz und gar;
Jetzt, wie du siehst, werd ich dafür gestraft.

Hier offenbaret sich, was Geiz bewirket,
Zur Läuterung der nun bekehrten Seelen;
Und keine härtre Strafe hat der Berg.

Wie unser Auge sich nach oben nicht
Gerichtet, fest gebannt an ird'sche Dinge,
So senkt Gerechtigkeit es jetzt zur Erde.

Wie Geiz jedwede Liebe zu dem Guten
Erstickt, wodurch das Wirken geht verloren,
So hält Gerechtigkeit gefangen uns;

An Händen und an Füßen fest gebunden,
Und unbeweglich ausgestrecket liegen,
So lange wir, als es dem Herrn gefällt.

Ins Knie gesunken war, ich wollte reden;
Doch als ich anfing, und er inne ward
Meiner Verehrung nur durch das Gehör,

Sprach er: Aus welchem Grund beugst du dich also?
Und ich zu ihm: Von wegen eurer Würde
Schlägt mein Gewissen mich also gerecht.

Richte die Bein' auf und steh auf, mein Bruder,
Irre dich nicht, sprach er, dein Mitknecht bin ich
Mit allen andern, unter einer Macht.

Wenn jemals du das Wort des Evangeliums,
Das neque nubent sagt, verstanden hast,
Kannst du wohl sehn, warum ich also spreche.

Geh nunmehr fort, nicht will ich daß du bleibest;
Dein Weilen würde mich am Weinen hindern,
Womit ich zeitige, das was du sagtest.

Da drüben hab' ich eine Nicht', Alagia,
Gut von Natur, wenn unser Haus nicht etwa
Durch sein Exempel schlecht sie machen sollte.

Und diese ist allein mir noch geblieben.


Gesang 20

Es kämpft ein Wille schwer gegen den bessren,
D'rum, ihm zu lieb, zog ich gegen den meinen,
Den Schwamm noch nicht gesättigt aus dem Wasser.

Auf macht' ich mich, und auch mein Führer machte
Sich auf den offnen Weg, stets längst der Felsen,
Wie man auf Mauern geht, dicht an den Zinnen,

Dieweil das Volk, das tropfenweis' das Laster
Abbüßet, das die ganze Welt beherrscht,
Zuweit nach außen sich dem Rande nähert.

Vermaledeiet seist du, alte Wölfin,
Die mehr als alle andre Thier' erbeutest
Vermöge deines bodenlosen Hungers!

O Himmel, dessen Kreisung man den Wechsel
Der ird'schen Dinge zuzuschreiben scheint,
Wann wird erscheinen der diese vertreibet?

Wir gingen langsamen und seltnen Schrittes,
Ich auf die Schatten aufmerksam, die ich
Jämmerlich weinen hört' und sich beklagen.

Zufällig hört' ich: O süße Maria,
Vor uns anrufen unter Weinen so,
Wie wohl ein Weib thut, das im Kreisen liegt,

Und dann fortfahren: Arm warst du so sehr,
Wie man ersehen kann aus der Herberge,
Wo du die heil'ge Bürde niederlegtest.

Und weiter hört' ich: O wackrer Fabricius,
Du wolltest lieber Tugend mit der Armuth,
Als mit dem Laster großen Reichthum haben.

Mir hatten diese Worte so gefallen,
Daß ich vorschritt, um Kunde zu erlangen
Vom Geist, von dem sie mir zu kommen schienen.

Er sprach auch noch von der Freigebigkeit,
Die Nikolaus übte an den Jungfraun,
Daß er zu Ehren ihre Jugend leite.

O Seele, sprach ich, die so wohl du redest,
Sag mir', wer du gewesen, und warum
Nur du allein solch würd'ges Lob erneuerst.

Ohne Belohnung soll dein Wort nicht bleiben,
Kehr' ich zurück, den kurzen Lauf zu enden
Von jenem Leben, das zu Ende eilt.

Und er: Ich sage dir's, nicht weil ich Trost
Von dort erwarte, sondern weil in dir
So große Gnad', eh' du noch todt, erglänzt.

Ich war die Wurzel jener schlimmen Pflanze,
Welche die ganze Christenheit beschattet,
Daß selten gute Frucht man davon bricht.

Doch hätten nur Donai, Gent, Lille und Brügge
Die Macht dazu, bald trät' die Rache ein,
Die ich von dem erfleh', der alles richtet.

Jenseits ward Hugo Capet ich genannt;
Von mir stammen die Philipp' und die Ludwig,
Von welchen Frankreich neuerdings beherrscht wird.

Sohn eines Fleischers war ich in Paris.
Als ausgestorben schon die alten Kön'ge,
Bis auf den einen, der Bußkleider anzog,

Hielt ich in meinen Händen fest den Zügel
Der Reichsregierung, und so reich an Macht,
Neuer Erwerbung und an Freunden war ich,

Daß meines Sohnes Haupt erhoben ward
Zu der verwaisten Krone, und mit ihm
Begannen die gesalbten Häupter jener.

So lang' die große provenzal'sche Mitgift
Meinem Geschlecht die Scham noch nicht genommen,
Taugt es nicht viel, doch Böses that es nicht.

Darauf begann, mit Lug und mit Gewalt,
Sein Raubsystem, und es nahm nun zur Büßung
Ponthien und Normandie und die Gascogne.

Es kam nun bald nach Welschland, und zur Büßung
Ward Conradin geopfert, und darauf
Thomas gesandt zum Himmel, auch zur Büßung.

Ich seh' 'ne Zeit, nicht lange nach der jetz'gen,
Die einen andern Carl aus Frankreich lockt,
Daß besser man ihn und die Seinen kenne.

Waffenlos kommt er, und bloß mit der Lanze,
Womit Judas gekämpft, und damit stößt er
So daß Florenz der Bauch davon zerplatzet.

Darauf wird er nicht Land, nur Sünd' und Schande
Daraus gewinnen, um so schlimmer für ihn,
Als solchen Schaden er für leicht nur achtet.

Den andern, der schon auszog, und gefangen
Zu Schiffe ward, seh' ich, wie er die Tochter
Verkauft, gleichwie Corsaren andre Sklaven.

O Geiz, was kannst du schlimmeres uns thun,
Da du mein Blut so sehr an dich gezogen,
Daß es des eignen Fleisches nicht mehr achtet!

Damit zukünft'ges und gethanes Uebel
Minder erscheine, seh' ich in Alagna
Christum gefang'n in seinem Stellvertreter.

Ich seh' auf's neue ihn verspottet, sehe
Den Essig und die Galle sich erneuen,
Getödtet ihn zwischen lebend'gen Räubern.

Pilat, den neuen seh' ich, der so grausam,
Daß ihm das nicht genügt, und ohn' Ermächt'gung
Er in den Tempel trägt die gier'gen Segel.

O mein Gebieter! wann werd' ich der Rache
Mich freuen, die verborgen im Geheimniß
Des Rathes dein, jetzt deinen Zorn noch mildert!

Was ich gesagt von jener einz'gen Braut
Des heil'gen Geistes, und was dich getrieben,
Erläut'rungswegen dich an mich zu wenden,

Ist unsern Bitten vorgeschrieben nur,
So lang' es Tag ist; doch sobald es nachtet,
Stimmen ein andres Lied wir dafür an.

Dann rufen wiederholt Pygmalion wir,
Den seine Gier nach Golde zum Verräther,
Zum Diebe und zum Vatermörder machte,

So wie des geiz'gen Midas Elend auch,
Welches auf seine gier'ge Bitte folgte,
Das jedermann zum Lachen noch bewegt.

Sodann erinnert jeder sich des Thoren
Achams, der von der Beute stahl, so daß
Ihn Josua's Zorn noch jetzt zu strafen scheint.

Drauf schelten wir Sapphir' und ihren Mann,
Loben die Tritte, die Heliodor
Empfing; und rings umkreist den Berg die Schande

Polymnestors, des Polydoros' Mörder.
Zuletzt wird noch gerufen hier: O Crassus,
Sag' uns, du weißt es ja, wie schmeckt das Gold?

Oft spricht der eine laut, der andre leise,
Je nach der Stimmung, die zum Reden treibt
Mit mehr und wen'ger Eifer es zu thun.

Drum war vorhin ich nicht allein beim Lobe,
Das wir bei Tag aussprechen, nur daß niemand
Hier in der Nähe so die Stimm' erhob.

Wir waren schon von ihm hinweggegangen,
Und strebeten den Weg zu überschreiten,
So schnell als unsre Kräfte es erlaubten,

Als ich den Berg, wie etwas was da einstürzt,
Erbeben fühlt' und mich ein Schauder packte,
Wie's dem geschieht, der da zum Tode geht.

Gewiß erbebte Delos nie so heftig,
Bevor Latona dort ihr Nest erbaute,
Um beide Himmelsaugen zu gebären.

Darauf begann ein Schrei von allen Seiten,
So daß der Meister zu mir trat und sprach:
Befürchte nichts so lange ich dich führe!

Gloria in excelsis, riefen alle, Deo,
So weit ich in der Nähe es vernahm,
Von wo den Ruf man wohl verstehen konnte.

Wir blieben unbeweglich stehn und zweifelnd,
Den Hirten gleich, die diesen Sang zuerst
Gehört, bis Beben und Gesang verstummten.

Dann nahmen wieder auf den heil'gen Weg wir,
Die Schatten, die am Boden liegen schauend,
Die rückgekehrt zu dem gewohnten Weinen.

Nie hat Unwissenheit mit solcher Plage
Begierig mich zu wissen je gemacht,
Wenn mein Gedächtniß hierin mich nicht täuschet,

Als ich nachdenkend zu empfinden glaubte.
Der Eile wegen wagt' ich nicht zu fragen,
Noch für mich selbst konnt' ich etwas erkennen:

So ging nachdenklich, schüchtern ich dahin.


Gesang 21

Der angeborne Durst, der nie gestillt wird,
Als durch das Wasser nur, das einst als Gnade
Die Samariterin erbat, er quälte

Mich, und die Eile trieb hinter den Führer
Mich auf dem engen Wege und erfüllte
Mit Mitleid mich, ob der gerechten Strafe.

Und siehe, so wie Lukas uns berichtet,
Daß Christus auferstanden aus dem Grabe,
Den beiden Jüngern auf dem Weg erschien,

Erschien ein Schatten, der hinter uns kam,
Den Haufen, der am Boden lag, betrachtend,
Und wir bemerkten ihn nicht, bis er sprach

Und sagte: Gott geb' euch den Frieden, Brüder!
Wir wandten uns sogleich, und mein Gebieter
Gab ihm den Gruß zurück, der drauf gehörte.

Und er begann: Möge des Himmels Hof,
Der mich verweist in ewige Verbannung,
In Frieden in der Sel'gen Schaar dich setzen!

Wie? sprach er, und zugleich gingen wir rasch,
Seid Schatten ihr, die Gott nicht oben annimmt,
Wer führt soweit auf seiner Stieg' euch denn?

Mein Lehrer drauf: Achtest du auf die Zeichen,
Die dieser trägt, und die der Engel schreibt,
Siehst du wohl, daß mit Guten er muß herrschen.

Allein da jene, welche Tag und Nacht spinnt,
Den Wocken ihm nicht abgesponnen noch,
Den Klotho jedem auflegt und umwickelt,

So durfte seine Seele, dir und mir
Verschwistert, nicht allein gehn, sollt' sie steigen,
Weil sie nicht sehen kann auf unsre Weise.

Drum ward ich aus der Hölle weitem Schlunde
Gezogen, ihn zu leiten, und das werd' ich,
So weit als meine Lehr' ihn führen kann.

Doch sag' uns, wer du warst? warum vorhin
Der Berg so bebt' und warum all' einstimmig
Bis zu den nassen Ufern also riefen?

So fragend traf in meines Wunsches Mitte
Er ganz genau, und schon die bloße Hoffnung,
Sie machte meinen Durst viel wen'ger heftig.

Und er begann: Nichts giebt's allhier, daß außer
Der Orduung dieses heil'gen Bergs geschehe,
Noch sonst etwas, das nicht gebräuchlich wäre.

Von jeder Störung ist der Berg befreit;
Nur was vom Himmel stammt und dahin wieder
Zurückkehrt, anders nichts kann ihn bewegen.

Weshalb auch weiter oberhalb nicht fällt
Thau, Reif und Regen, Hagel noch und Schnee,
Als bis zur kurzen Treppe der drei Stufen.

Hier giebt's nicht dichte Wolken noch auch leichte,
Nicht Blitze, noch die Tochter des Thaumantes,
Die ihre Stelle jenseits oft vertauscht.

Die trocknen Dünste steigen höher nicht
Als bis zu den erwähnten dreien Stufen,
Drauf Petri Statthalter die Füße hält.

Dort unten bebt's vielleicht viel oder wenig
Vom Winde, der sich in der Erde birgt,
Hier oben nie; nicht weiß ich, wie es zugeht.

Hier bebt es nur, wenn eine Seele sich
Gereinigt fühlt, daß sie aufsteht und schreitet
Empor, und solcher Ruf begleitet sie.

Beweis der Reinigung ist nur der Wille,
Der gänzlich frei den Ort nun zu vertauschen
Die Seel' ergreift und ihr zum Fliegen hilft.

Erst will sie wohl, doch läßt's die Lust nicht zu,
Die wie am Sünd'gen einst, so jetzt am Büßen
Nach Gottes Rath dem Willen widerspricht.

Und ich, der ich in dieser Pein gelegen
Fünfhundert Jahr und mehr, hab' eben jetzt erst
Den freien Wunsch nach bessrem Ort empfunden.

Drum fühltest das Erdbeben du und hörtest
Die frommen Geister rings am Berg lobsingen
Dem Herren, der auch sie empor bald sende.

So sprach er, und weil man so viel am Trinken
Vergnügen hat, als groß der Durst gewesen,
Kann ich nicht sagen, wie er mich erfreute.

Mein weiser Führer sprach: Nun seh' das Netz ich,
Das euch hier hält, und wie es sich aufschließet,
Warum's hier bebt, und warum ihr so jubelt.

Doch nun gefall' es dir, daß ich erfahre
Aus deinen Worten, wer du warst und weshalb
Du hier so viel' Jahrhunderte gelegen.

Zur Zeit als mit des höchsten Herrschers Hülfe
Der gute Titus rächt' die Wunden denen,
Das von Judas verkaufte Blick entströmte,

War jenseits ich, erwiderte der Geist,
Berühmt wohl durch den Namen, der am längsten
Dauert und ehrt, doch fehlte mir der Glaube.

So süß ertönte meiner Stimme Hauch,
Daß mich, den Tolosaner, Rom berief,
Wo ich die Myrthenkrone mir erwarb.

Es nennt das Volk mich Statius noch drüben,
Ich sang von Theben und Achill dem Großen,
Doch mit der zweiten Last stürzt' auf dem Weg' ich.

Es waren Nahrung meiner Gluth die Funken
Jener göttlichen Flamme, die mich wärmte,
An welcher mehr als tausend sich entzündet,

Der Aeneide mein' ich, die mir Mutter
Und Amme bei dem Dichter ist gewesen,
Und ohne die nicht eines Loths Gewicht

Ich aufgestellt; und um gelebt zu haben
Zur Zeit Virgils, legt' ich ein Jahr gern zu
Der Zeit, die aus dem Banne mich befreit.

Es wandten diese Worte mir Virgil zu
Mit einem Blick, der schweigend sagte: Schweige!
Doch alles nicht vermag die Kraft die will.

Denn Lachen so wie Weinen folgen so
Der Leidenschaft, von der sie abgeleitet,
Daß sie beim Wahrsten nicht dem Willen folgen.

Doch lächelt' ich, wie einer der 'nen Wink giebt,
Weshalb der Schatten schwieg und in die Augen
Mir schaute, wo am besten sich der Ausdruck

Kund giebt, und sagte: So du glücklich mögst
Dein Werk vollenden, warum zeigt' mir oben
Das Leuchten eines Lächelns dein Gesicht?

Gefangen bin ich nun von beiden Seiten:
Der heißt mich schweigen und jener beschwört
Mich daß ich red', ich seufz' und man versteht mich. /p>

Sprich, sagte drauf der Meister, fürchte
Dich nicht zu reden, sondern sprich und sag' ihm
Wonach er forschet mit so großem Eifer.

Darob ich sprach: Du wunderst dich vielleicht,
Du Geist aus alter Zeit, über mein Lächeln,
Doch will ich, daß mehr Staunen dich ergreife.

Denn der, der meine Blicke lenkt nach oben,
Ist der Virgil, von dem du einst entlehnt
Die Kraft, Menschen und Götter zu besingen.

Wenn einen andern Grund zu meinem Lächeln
Du wähntest, laß ihn als nicht wahr und glaube,
Daß es die Worte waren, die du sprachest.

Schon neigt' er sich die Füße zu umarmen
Virgils, doch dieser sprach: Nicht also, Bruder!
Ein Schatten bist du, und siehst einen Schatten.

Aufstehend sprach er: Nun kannst du ermessen
Der Liebe Größe, die in mir erglüht,
Wenn ich, vergessend unsre Nichtigkeit,

Schatten behandle gleich wie feste Wesen.


Gesang 22

Schon war der Engel hinter uns geblieben,
Der uns zum sechsten Kreis gewiesen, und der
Ein andres P mir von der Stirn getilgt.

Und die da nach Gerechtigkeit verlangen,
Hatten Beati schon zu uns gesagt,
Nebst Sitio, ohn' allen weitern Zusatz.

Und ich, viel leichter als in frühern Schlünden,
Ging so dahin, daß ich ohn' alle Mühe
Den raschen Geistern folgen konnt' nach oben.

Virgil begann: Es muß die Liebe immer
Entflammt von Tugend andre Liebe wecken,
Wenn äußerlich nur ihre Gluth sich zeigt.

Drum seitdem Juvenal ist unter uns
Hinabgestiegen zu der Hölle Limbus,
Der deine Liebe mir hat offenbaret,

Ergriff ein solch Wohlwollen mich für dich,
Wie jemals nur für einen nicht Gesehnen,
Daß diese Stiegen kurz mir scheinen werden.

Doch sag' mir und verzeihe mir als Freund,
Wenn ich zu großer Zuversicht den Zügel
Nachlass', und sprich nunmehr als Freund zu mir!

Wie konnt' in deinem Busen nur der Geiz
Platz finden neben der so großen Einsicht,
Womit, durch deinen Fleiß, erfüllt du warest?

Es reizten diese Worte Statius erst
Etwas zum Lachen, drauf erwidert' er:
Ein jedes Wort von dir ist Liebeszeichen;

Jedoch erscheinen oftmals Dinge uns,
Welche zum Zweifel falschen Anlaß geben,
Wenn uns der wahre Grund verborgen ist.

Du glaubest, das beweist mir deine Frage,
Daß geizig ich im andern Leben war,
Vielleicht wegen des Kreises wo ich büßte;

So wisse denn, daß Geiz nur allzusehr
Von mir entfernt war, und dies Uebermaß
Ward hier gestraft durch Tausende von Monden.

Und hätte nicht das Wort, das ich vernommen,
Wo, zürnend auf die menschliche Natur,
Du ausrufst: Wohin reißt unheil'ger Durst

Nach Golde doch der Sterblichen Begierde!
Den Sinn mir umgewandt, so müßt' ich wohl
Den bittern Kampf der Wälzenden empfinden.

Da lernt' ich, daß sich auch zu sehr die Hände
Zum Spenden öffnen könnten. und bereute
Wie dieses so auch jedes andre Laster.

Wie viele werden mit gestutzten Haaren
Erstehen, aus Unkunde, die die Reue
Im Leben und im Sterben ihnen raubt!

Und wisse, daß die Schuld, die einer Sünde
Im graden Gegensatz entgegensteht,
Mit ihr zugleich allhier verdorren muß.

Drum, wenn zur Läuterung ich mich befunden
Unter dem Volk, da seinen Geiz bereut,
Ist's um das Gegentheil mir widerfahren.

Doch als du sangest von den grausen Waffen,
Die doppelt traurig einst Jocaste machten,
Sagte nunmehr der Hirtenlieder Sänger,

Scheint doch, nachdem was Clio dort mit dir singt,
Daß jener Glaube dich noch gläubig nicht
Gemacht, ohn' den Gutesthun nicht genügt.

Ist es nun so, welch Licht und welche Sonne
Erleuchtete dich so, daß später du
Dem Fischer nach die Segel hast gerichtet?

Und er zu ihm: Du gabst Anleitung mir
Zuerst an des Parnassus Quell zu trinken,
Und du, nächst Gott, hast mich zuerst erleuchtet.

Du machtest es, wie wer trägt auf dem Rücken
Das Licht bei Nacht, so daß es ihm nicht hilft,
Wohl aber denen leuchtet die ihm folgen.

Als du gesagt: Es neut sich das Jahrhundert,
Asträa kehrt und erste Menschenzeiten
Zurück, ein neu Geschlecht entsteigt dem Himmel:

Durch dich ward Dichter ich, durch dich ein Christ.
Doch, damit besser was ich zeichne du
Erkennst, will ich mit Farben es ausmahlen:

Es war die ganze Welt durchschwängert schon
Vom wahren Glauben, der da von den Boten
Des ew'gen Reiches ausgesäet worden,

Und dein vorhin erwähntes Wort, es stimmte
So überein mit jenen neuen Lehrern,
Daß ich sie aufzusuchen mich gewöhnte.

Darauf erschienen mir so heilig sie,
Daß, als Diokletianus sie verfolgte,
Ihr Weinen nicht blieb ohne meine Thränen.

Und so lang' als ich jenseits noch verweilte,
Half ihnen ich, und ihr gerechter Wandel
Ließ jede andre Secte mich verachten.

Und eh' zu Thebe's Flüssen ich die Griechen
Dichtend geführt, erhielt ich schon die Taufe;
Doch war aus Furcht ich ein verborgner Christ,

Der lange Heidenthum noch sehen ließ.
Und diese Lauheit hat den vierten Kreis mich
Mehr als vierhundert Jahr umwandeln lassen.

Du also, der den Deckel abgehoben,
Der mir das Heil verbarg, von dem ich rede,
(Da uns Zeit-Ueberfluß zum Steigen bleibt)

Sag' mir, wo ist unser Terenz der alte,
Cäcilius, Plautus, Varro, wenn du's weißt;
Sag', ob verdammt sie und an welchem Orte.

Sie, Persius und ich und viele andre,
War seine Antwort, sind bei jenem Griechen,
Den mehr als andre je die Musen säugten,

Im ersten Umkreis jenes dunklen Kerkers.
Gar oft sprechen wir dort von jenem Berge,
Der unsre Nährerinnen stets beherbergt.

Euripides ist bei uns Antiphon,
Simonides und Agathon und viele
Der Griechen, die die Stirn mit Lorbeer schmückten.

Dort sind von denen, die du einst besungen,
Antigone, Deiphil' und Argia,
Ismene auch, so traurig wie sie stets war.

Man sieht dort die, welche Langia zeigte,
Die Tochter des Tiresias und Thetis,
Und sammt den Schwestern auch Deidamia.

Schon hörten beide Dichter auf zu sprechen,
Um aufmerksam auf's neu' umherzuschaun,
Befreiet von dem Steigen und den Wänden.

Schon waren von des Tages Dienerinnen
Viere zurück, die fünfte an der Deichsel,
Nach oben hin die glüh'nde Spitze richtend,

Worauf mein Führer: Zu dem äußern Rande
Haben die rechte Schulter wir zu wenden,
Den Berg umkreisend, wie zu thun wir pflegen;

So ward Gewohnheit unsre Führerin.
Mit wen'ger Sorge schlugen wir den Weg ein,
Ob jener würd'gen Seele Zustimmung.

Voran nun gingen sie, und einsam ich
Folgt' ihren Schritten, ihren Reden lauschend,
Welche zum Dichten Einsicht mir verliehen.

Bald aber unterbrach die süßen Reden
Ein Baum, den mitten auf dem Weg wir fanden,
Mit Früchten, dem Geruche süß und lieblich.

Und wie die Tanne sich nach oben abstuft,
Von Zweig zu Zweig, so dieser hier nach unten;
Ich glaube, damit niemand ihn ersteige.

Von jener Seite, wo der Weg geschlossen,
Fiel von dem hohen Fels ein klares Wasser,
Und breitete sich über seine Blätter.

Es näherten dem Baum sich beide Dichter,
Und eine Stimme aus den Blättern rief:
Ihr werdet Mangel leiden dieser Speise.

Dann sprach sie: Mehr dachte Maria dran
Die Hochzeit ehrenvoll und schön zu machen,
Als an den eignen Mund, der für euch bittet.

Es brauchten einst die alten Römerinnen
Zum Trinken Wasser nur, und Daniel
Verschmähte Speis' um Weisheit zu erwerben.

Die erste Zeit war einst so schön wie Gold,
Sie machte Eicheln schmackhaft durch den Hunger,
Und durch den Durst jedweden Bach zum Nektar.

Heuschrecken, Honig, das waren die Speisen,
Die einst den Täufer in der Wüste nährten;
Darob er aber glorreich ist und groß,

Wie euch durchs Evangelium bekannt ist.


Gesang 23

Dieweil die Blicke durch das grüne Laub
Ich sendete, wie wer mit Vogelfang
Das Leben zu vergeuden sich gewöhnt,

Sprach der, der mehr als Vater mir: Mein Söhnlein
Komm nun, denn die uns angewiesne Zeit
Muß nützlicher von uns vertheilet werden.

Das Angesicht, nicht minder schnell den Schritt
Wandt' ich zu jenen Weisen, die so sprachen,
Daß sie ganz mühelos mein Gehen machten.

Und siehe, weinen hörte man und singen
Labia mea domine, also
Daß Lust und Schmerz dadurch erzeuget wurden.

O süßer Vater, was ist das ich höre?
Begann ich, und er: Schatten sind's, die gehn
Den Knoten ihrer Pflicht vielleicht zu lösen.

Wie Wanderer tief in Gedanken pflegen,
Wenn Unbekannte auf dem Weg sie treffen,
Zu ihnen sich zu wenden, doch nicht still stehn,

So hinter uns, jedoch mit schnellrem Schritt
Herkommend, doch uns überholend, staunte
Uns an ein Haufen Seelen fromm und schweigend.

Es waren hohl und dunkel ihre Augen,
Blaß war das Antlitz und so abgezehrt,
Daß ihre Haut zeigt' die Gestalt der Knochen.

Ich glaube nicht, daß so bis auf die Haut
Erisichthon durch Fasten ausgedörret,
Als er am meisten Grund zu fürchten hatte.

Ich sprach nachdenkend zu mir selbst: Sieh da
Das Volk, das einst Jerusalem verloren,
Als in den Sohn Maria schlug die Zähne.

Die Augen waren Ringe ohne Stein;
Und wer im Menschenantlitz omo liest,
Der konnte hier das m gar leicht erkennen.

Wer glaubte wohl, wüßt' er nicht wie es zugeht,
Daß eines Apfels und des Wassers Duft
Begier erregend, solches könnte wirken.

Schon nahm mich's Wunder, was sie so aushungert,
Da mir der Grund von ihrer Magerkeit
Und ihrer dürren Haut nicht klar geworden.

Und siehe, aus der Tiefe seines Hauptes
Richtet' ein Schatten scharf das Aug' auf mich,
Und rief dann laut: Welch eine Gnad' ist mir das?

Nie hätt' ich ihn an dem Gesicht erkannt;
Doch seine Stimme offenbarte mir,
Was sein Aussehen mir entzogen hatte.

Doch dieser Funken weckte die Erinnrung
Der so verzerrten Züge ganz in mir,
Und ich erkannte das Gesicht Forese's.

Nimm Anstoß nicht an der gedörrten Rinde,
Die mir, sprach bittend er, die Haut entfärbt,
Noch daran, daß ich alles Fleisch's ermangle!

Sag' mir von dir die Wahrheit, und wer jene
Zwei Seelen sind, die dich allhier begleiten.
Beharre nicht im Schweigen, sondern sprich!

Dein Angesicht, das ich einst tod beweint,
Giebt mir zum Weinen jetzt nicht minder Anlaß,
Erwiedert' ich, da ich es so entstellt seh.

Doch sag' um Gott mir, was euch so entblättert.
Laß mich nicht sprechen, während ich noch staune,
Denn übel spricht, wer voll ist andern Wunsches.

Und er zu mir: Vom ew'gen Rathe fällt
Kraft in das Wasser und in jenen Baum,
Der hinter uns, drob ich mich so abzehre.

All dieses Volk, das hier im Weinen singt,
Weil es dem Gaumen übermäßig diente,
Heiligt sich wieder hier in Durst und Hunger.

Es weckt die Gier zu essen und zu trinken
Der Duft von jener Frucht und jenes Sprühens,
Das über's Laubwerk sich daselbst verbreitet.

Und nicht etwa nur einmal diesen Ring
Umkreisend fühlen wir aufs neu die Qual:
Ich sage Qual und sollt' Entzücken sagen;

Denn ganz derselbe Wille führt zum Baum uns,
Der Christum freudig trieb Eli zu rufen,
Als er mit seinem Blute uns erlöste.

Und ich zu ihm: Seit jenem Tag, Forese,
Wo du die Welt vertauscht mit bessrem Leben,
Sind noch fünf Jahre nicht bis jetzt verflossen.

War früher schon die Macht in dir erstorben
Zu sünd'gen, eh' dich überkam die Stunde
Des guten Schmerzes, der mit Gott uns einet?

Wie bist du denn schon hier hinauf gekommen?
Ich glaubte dich dort unten noch zu finden,
Wo die verlorne Zeit durch Zeit gebüßt wird.

Es hat, sprach er, mit ihren bittren Thränen
Nella, mein Weib, so früh mich hergeführt,
Den süßen Wermuth dieser Qual zu trinken.

Sie hat mit frommen Bitten und mit Seufzern
Mich jenem Strand enthoben, wo man harret,
Und mich erlöset von den andern Kreisen.

Um so viel mehr von Gott geliebt und theuer
Ist meine Witwe ihm, die ich so liebte,
Als sie im Gutesthun vereinsamt ist.

Denn züchtiger in ihren Weibern ist
Um vieles die Barbagia von Sardinien,
Als die Barbagia, wo ich sie zurückließ.

O süßer Bruder, was soll ich dir sagen?
Es steht mir eine Zukunft schon vor Augen,
Der unsre Zeit nicht allzu alt erscheint,

Wo von den Kanzeln man verbieten wird
Den frechen Weibern von Florenz, daß sie
Einhergehn nicht die Brust und Brüste zeigend.

Wo braucht' es je bei der Barbaren Weibern
Und Sarazenen geistlicher und andrer
Strafen, damit verhüllet sie sich zeigten.

Doch wären die schamlosen deß gewiß,
Womit des Himmels Kreisung sie bedroht,
So wär' ihr Mund zum Heulen schon geöffnet.

Denn wenn Voraussicht mich allhier nicht täuscht
Werden gestraft sie, ehe bärtig noch
Wer jetzt sich am Gesang der Amm' erfreut.

Doch, Bruder, nun verbirg dich länger nicht!
Du siehst, daß dieses Volk, nicht ich allein
Nur dahin schaut, wo du die Sonne deckst.

Weshalb zu ihm ich: Wenn du dich erinnerst,
Wie du mit mir, wie ich mit dir's getrieben,
Muß bitter jetzt uns die Erinnrung sein.

Von solchem Leben wandte mich vorgestern
Der ab, der vor mir hergeht, als der Bruder
Von jener droben sich euch voll gezeigt.

Und auf die Sonne zeigt' ich. Dieser hat
Mich durch die tiefe Nacht der wahren Todten
Geführt, mit diesem Fleisch, das ihn begleitet.

Dann trieben seine Worte mich empor
Beim Steigen und Umkreisen dieses Berges,
Der grad macht, was die Welt an euch verkrümmt.

So lange, sagt er, will er mich begleiten,
Bis ich sein werde, wo Beatrix sein wird;
Dort muß zurück ich bleiben ohne ihn.

Dies ist Virgil, der also zu mir spricht.
Und aus ihn zeigt' ich. Jener ist der Schatten,
Um welchen jeder Abhang eures Reiches,

Das ihn von sich entfernt, vorhin erbebte.


Gesang 24

Gleich einem Schiff von günst'gem Wind getrieben,
Eilten wir schnell dahin, es hemmte nicht
Das Gehn das Sprechen, noch auch dieses jenes.

Und jene, die zweimal gestorben schienen,
Die Schatten, sogen durch der Augen Höhlung
Erstaunen ein, als lebend sie mich sahn.

Und ich, fortsetzend meine frühre Rede,
Sagte: Er steigt wohl langsamer empor
Als sonst er thät', um andern zu gefallen;

Doch sag' mir, wenn du's weißt, wo ist Piccarda?
Sag' mir, ob unter diesen Leuten, die
Mich so betrachten, wer des Merkens würdig?

Die Schwester mein, ich weiß nicht was sie mehr war,
Schön oder gut, erfreut sich ihrer Krone
Im hoh'n Olymp schon, so sprach er zuerst.

Und dann nachher: Hier ist es nicht verboten
Zu nennen jeglichen, da unser Ansehn
Durch lang' Entbehrung gänzlich ist verwischt.

Das ist, und mit dem Finger zeigt er ihn,
Buonagiunta da Lucc' und jenes Antlitz
Dort hinten, mehr als andre abgemagert,

Hielt einst die heil'ge Kirch' in seinen Armen.
Er war aus Tours, und büßet hier durch Fasten
Die Wein-gekochten Aale von Bolsena.

Viel andre nannt' er einzeln mir annoch,
Und alle schienen so damit zufrieden,
Daß keine finstre Miene ich drob sah.

Ubaldin della Pil' und Bonifacius,
Der mit dem Krummstab vieles Volk geweidet,
Sah ich die Zähn' aus Hunger unnütz brauchen;

Auch Herrn Marchese sah ich, der in Forli
Bei wen'ger Durst zu trinken Muße hatte,
Und doch dabei sich nimmer satt gefühlt.

Doch so wie einer, der betrachtend wählet
Eins vor dem andern, so wählt ich von Lucca
Den, der mehr Kunde schien von mir zu haben.

Er murmelt', und ich weiß nicht was von Pöbel
Vernahm ich, da, wo er die Straf' empfand,
Die sie nach Gottes Rath also entblättert.

O Seele, sprach ich, die so eifrig scheint
Mit mir zu reden, mach' daß ich's verstehe,
Erfreue dich und mich mit deiner Rede!

Ein Weib, noch unverschleiert, ist geboren,
Begann er, die dir Lust an meiner Stadt
Einflößen wird, wie sehr man sie auch schmähe.

Mit der Voraussicht wirst du dorthin gehn;
Und hast mein Murmeln fälschlich du verstanden,
So wird der Dinge Wahrheit dir's erklären.

Doch sag' mir, seh' ich den hier, der ans Licht
Gebracht die neue Weis', also beginnend:
Ihr Frauen, die ihr kundig seid der Liebe.

Und ich zu ihm: Ich bin so einer, der,
Wenn Amor haucht, mir's merk', und auf die Weise,
Wie immer er es vorsagt, dann ausspreche.

O Bruder, sprach er, jetzt seh' ich den Knoten,
Der den Notar, Guido und mich zurückhielt,
Vom neuen süßen Styl, den ich vernehme.

Ich sehe wohl, wie eure Federn dicht
Dem folgen was Amor euch eingegeben,
Was bei den unsern wahrlich nicht der Fall war.

Und wer um zu gefallen weiter geht,
Verkennt den Unterschied der beiden Style.
Und wie befriedigt schwieg er darauf still.

Gleichwie die Vögel, die da überwintern
Am Nil, zuweilen große Schaaren bilden,
Dann schnellren Flugs in einer Reihe hinziehn,

So wandte um all jenes Volk das da war
Das Angesicht, beschleunigend die Schritte,
Durch Magerkeit und durch den Eifer leicht.

Und gleich dem Manne, der vom Traben müde,
Die andern laufen läßt und langsam hingeht,
Bis sich das Keuchen seiner Brust beruhigt,

So ließ Forese diese heil'ge Heerde
Vorüber laufen, und mit mir ihr folgend
Sprach er: Wann werd' ich wohl dich wiedersehn?

Wie lang' ich noch zu leben, weiß ich nicht,
Erwiedert ich, doch wie schnell auch die Rückkehr
Erreicht mein Wunsch das Ufer früher doch;

Dieweil der Ort, der mir ward angewiesen,
Von Tag zu Tag an Tugend mehr abmagernd,
Zum Untergang sich anzuschicken scheint.

Geh nur, sprach er, denn den der's meist verschuldet,
Seh ich geschleift am Schwanze eines Thiers,
Nach jenem Thal, wo man sich nicht entsündigt.

Es läuft das Thier mit jedem Schritte schneller,
Und läßt nicht nach, bis daß es ihn zerschmettert
Und seinen Leib elend vernichtet daläßt.

Nicht viel mehr werden diese Himmel kreisen,
Sprach er, den Blick zum Himmel, bis dir klar wird,
Was meine Worte nicht erklären können.

Doch bleibe nur allhier, denn kostbar ist
Die Zeit in diesem Reich; zuviel verlier' ich,
Wenn ich so gleichen Schrittes mit dir wandle,

Wie wohl zuweilen aus 'ner Reiterschaar
Ein Reiter in Galopp hervorsprengt, um
Des ersten Angriffs Ehre sich zu sichern,

So eilte er von uns mit größren Schritten,
Und ich blieb auf dem Wege mit den beiden,
Die einst der Welt so große Führer waren.

Und als er nun so weit von uns entfernet,
Daß meine Augen ihm so folgen mußten,
Wie seinen Worten war mein Geist gefolgt:

Erschienen eines andern Baumes Zweige
Grün und beladen mir, nicht allzuferne,
Weil ich nur eben mich dahin gewendet.

Und unter ihm sah ich ein Volk die Hände
Erheben zu den Blättern und was rufen,
Wie thörichte und gier'ge Kinder thun,

Die bitten und doch Autwort nicht erhalten,
Weil der Gebetne, um die Gier zu schärfen,
Empor hält das Gewünscht' und es nicht birgt.

Dann es aufgebend gingen sie von dannen,
Und wir gelangten zu dem großen Baum nun,
Der so viel Bitten, so viel Thränen abweist.

Wandelt vorüber ohne euch zu nähern!
Weiter nach oben steht ein Baum, den Eva
Gekostet, und von ihm stammt dieser hier.

So sprach, ich weiß nicht wer, zwischen den Blättern,
Drum drängten wir, Virgil, Statius und ich,
Uns an die Seite wo der Berg sich hebt.

Erinnert euch, sprach er, jener Verwünschten
Aus Wolken, mit doppelter Brust Erzeugten,
Die in der Trunkenheit Theseus bekämpften.

Und der Hebräer, die beim Trinken sich
Weichlich gezeigt, daß Gideon sie verschmähte,
Als er gen Midian die Höhn hinabstieg.

So an des Weges eine Seit' uns drängend,
Gingen vorüber wir, Sünden des Gaumens
Hörend, die einst schlechten Gewinn gebracht.

Dann auf der frei gewordnen Straße gingen
Bequemer wir, wohl tausend Schritt' und mehr,
Jeder von uns stillschweigend in Betrachtung.

Was geht so sinnend ihr da drei allein?
Sprach plötzlich eine Stimme, daß ich auffuhr,
Wie scheue und erschrock'ne Thiere thun.

Den Kopf erhob, zu sehn ich, wer es wäre;
Und nie sah man in einem Feuerofen
Glas und Metall so leuchtend und so roth,

Als einen ich sah, der da sprach: Beliebt's euch
Empor zu steigen, müßt ihr hier euch wenden;
Hier geht hinauf, wer nach dem Frieden gehn will.

Sein Anblick hatte mir's Gesicht geraubt,
So daß zu meinen Lehrern ich mich wandte,
Wie einer, der nach dem Gehöre wandelt.

Und wie, Verkünd'gerin des Tages Anbruchs,
Die Mailuft sich beweget und süß duftet
Vom Gras und von den Blumen ganz geschwängert,

So fühlt' ich einen Windhauch, der die Stirne
Mir traf, und die Bewegung auch der Flügel,
Die mit Ambrosiaduft die Luft erfüllten,

Und hörte sagen: Selig die erleuchtet
Von großer Gnade, daß die Lust des Gaumens
Nicht zu viel Gier in ihrer Brust entzündet,

Daß immer nur sie hungert, wie es recht ist.


Gesang 25

Kein Zögern ließ beim Steigen zu die Stunde,
Da schon den Mittagskreis dem Stier die Sonne,
Dem Skorpion die Nacht hatt' überlassen.

Weßhalb, dem Manne gleich, der nimmer still steht
Auf seinem Wege, was ihm auch erscheine,
Treibt ihn der Stachel der Nothwendigkeit,

So traten wir nun in den Felsenspalt
Hintereinander, auf der Leiter, die
Die Steigenden durch ihre Enge trennt.

Und gleich dem Störchlein, das den Flügel hebt
Aus Lust zu fliegen, und das Nest doch nicht
Wagt zu verlassen, und ihn wieder senket,

So war in mir entzündet und erloschen
Die Lust zu fragen, und nur zur Gebärde
Kam ich des Mann's, der sich zu reden anschickt.

Wie schnell er ging, ließ er das Reden nicht,
Der süße Vater, sondern sprach: Schieß ab
Den Bogen, den du bis zum Stahl gespannt!

Da öffnet' ich den Mund nun zuversichtlich,
Und ich begann: Wie kann man mager werden,
Wo kein Bedürfniß sich zu nähren ist?

Wenn du gedächtest, wie einst Meleager
Beim Brennen eines Scheites sich verzehrte,
So würde dir so schwierig dies nicht sein.

Und dächtest du, wie bei jeder Bewegung
Sich euer Bild im Spiegel auch bewegt,
Was hart dir scheint, würde dir leicht erscheinen.

Doch damit du nach Wunsch dich ganz befriedigst,
Mag Statius, den ich aufruf' und bitte,
Der Arzt sein, der dir deine Wunden heilt.

Wenn ich, sprach Statius, da wo du bist,
Das ew'ge Schauen ihm erläutre, möge
Entschuld'gen mich, daß ich's nicht weigern kann.

Darauf begann er: Sohn, wenn meine Worte
Dein Geist erwägt und in sich aufnimmt, werden
Das Wie sie dir erklären das du meinest.

Vollkommnes Blut, das nie ward aufgesogen
Von durst'gen Adern, sondern so zurückbleibt
Wie Speise, die vom Tisch wird abgehoben,

Erhält im Herzen für die Glieder alle
Des Menschen Bildungskraft, gleich so wie jenes,
Das Glieder bildend durch die Adern rinnt.

Nochmals geläutert steigt es nun hinab
Dahin, wovon man besser schweigt, und träufelt
Auf fremdes Blut, in dem Gefäß, das ihm

Natur anweist; dort sammeln beide sich
Dieses geschickt zu dulden, das zu wirken.
Dieweil es von vollkommnem Orte herstammt.

Dort angelangt, beginnt es nun zu wirken
Gerinnend erst, belebet es nachher
Das, was als seinen Stoff es sich gebildet.

Ist Seele nun die Bildungskraft geworden,
Wie die 'ner Pflanze (darin nur verschieden,
Daß die noch auf dem Weg', jen' angelangt ist),

Wirkt sie, daß es sich reget und schon fühlet
Wie Schwamm des Meeres, und darauf beginnt sie
Die Kräfte, deren Keim sie ist, zu bilden.

Nun dehnet, Sohn, und nun entfaltet sich
Die Kraft, die stammt aus des Erzeugers Herzen,
Woselbst Natur für alle Glieder sorgt.

Doch wie aus einem Thier es Mensch nun worden
Siehst du noch nicht, und dieser Punkt ist es,
Der Weiseren als du in Irthum führte;

So daß in seiner Lehre er getrennt
Verstandesmöglichkeit hat von der Seele,
Weil kein Organ für sie er wahrgenommen.

Oeffne der Wahrheit, die da kommt, dein Herz,
Und wisse, daß, sobald die Gliederung
Des Hirnes in der Frucht vollendet ist,

Der Schöpfer sich zu diesem künstlichen
Gebilde der Natur wendet, und hauchet
Ihm einen neuen Geist mit Kraft erfüllt ein,

Der in sein Wesen ziehet was er wirkend
Dort findet und zu Einer Seele einet,
Die lebt und fühlt und sich in sich bewegt.

Und damit du dies weniger anstaunest,
Sieh auf der Sonne Gluth, die da zu Wein wird,
Dem Saft vereint, der aus der Rebe quillt.

Doch wenn der Lachesis Flachs abgesponnen,
Nimmt sie, gelöset nun vom Fleisch, im Keime
Das Göttliche und Menschliche mit fort.

Gedächtniß, Einsicht, Wille sind um vieles
Jetzt schärfer als sie früher je gewesen,
Die andern Kräfte aber gleichsam stumm.

Ohn' Aufenhalt stürzt sie nun ganz von selbst
Zu einem der zwei Ufer wunderbarlich,
Und dort erkennet sie erst ihre Wege.

Sobald ein Ort allhier sie eingeschlossen,
Strahlt rings umher der Bildungstrieb so mächtig,
Wie er gethan in den lebend'gen Gliedern.

Und wie die Luft, wenn sie recht regenschwanger
Durch fremden Strahl, der da in ihr sich bricht,
Geschmückt sich zeigt mit mannigfalt'gen Farben,

So bildet sich die nächste Luft auch hier
Zu der Gestalt aus, die ihr aufgeprägt
Die Kraft der Seele, die zurückgeblieben.

Und gleicherweise dann, wie stets die Flamme
Dem Feuer folgt, wohin es sich auch wende,
So folgt dem Geiste seine neue Bildung.

Nachdem sie so die Sichtbarkeit erhalten,
Wird Schatten sie genannt, und bildet dann
Jedweden Sinn aus, bis auf das Gesicht.

Daher nun sprechen wir und lachen wir,
Daher entstehn die Thränen und die Seufzer
Die an dem Berg umher du wohl gehört.

Und je nachdem die Wünsch' und andre Triebe
In uns entstehn, gestaltet sich der Schatten.
Das ist der Grund von dem, was du anstaunest.

Und schon zur rechten Hand uns wendend, waren
Zur letzten Qual wir angelangt, und hatten
Auf andre Dinge jetzt den Sinn gerichtet.

Hier schleudert Flammen aus das Felsenufer,
Und von dem Vorsprung haucht ein Wind empor,
Der sie zurückwirft und von sich entfernet;

Weshalb man einzeln an der offnen Seite
Nur gehen konnte, und ich fürchten mußte
Das Feuer hier und dort den Sturz nach unten.

Mein Führer sprach: An diesem Orte hier
Muß man die Augen scharf im Zügel halten,
Weil sonst ein Irthum leicht begangen würde.

Summae Deus clementiae hört' ich,
In Mitten dieser großen Gluth hier singen,
Was mich nicht wen'ger antrieb mich zu wenden.

Und Geister sah ich durch die Flammen wandeln,
Weshalb auf ihre wie auf meine Schritte
Von Zeit zu Zeit ich meinen Bück vertheilte.

Und als zum Schluß des Liedes sie gekommen,
Riefen sie alle: Virum non cognosco,
Und stimmten leise wieder dann das Lied an.

Zum Schlusse riefen sie auch noch: Im Walde
Verblieb Diana und vertrieb Callisto,
Welche der Venus Gift gekostet hatte.

Aufs neue sangen sie und priesen dann
Frauen und Männer, die da keusch gewesen,
Wie Tugend es und Ehe auferlegen.

Und diese Weise g'nüget ihnen, glaub' ich,
Die ganze Zeit, wo sie das Feuer brennt:
Denn solche Pflege, solche Speis' ist nöthig,

Daß auch die letzte Wunde noch verharsche.


Gesang 26

Während wir so am Rand hintereinander
Dahin gingen, rief oft der gute Meister:
Hab' Acht, laß meine Warnungen dir nützen!

Es traf die rechte Schulter mir die Sonne,
Die strahlend schon den ganzen Abendhimmel
Der blau vorher in weiß verwandelte.

Und ich mit meinem Schatten ließ die Flamme
Röther erscheinen, und viel Schatten sah ich
Im Wandeln auf dies Zeichen immer achten,

Der Umstand war Veranlassung für sie,
Von mir zu reden, und so sprachen sie:
Der scheint ein Schattenkörper nicht zu sein.

Dann machten einige, so viel sie konnten,
Sich auf mich zu, doch immer mit der Rücksicht
Nicht etwa aus der Gluth hinauszutreten.

O du, der du, nicht weil du träger bist,
Aus Ehrfurcht wohl hinter den anderen gehst,
Antworte mir, der ich hier dürst' und brenne!

Nicht mir allein thut deine Antwort Noth,
Denn alle diese dürsten danach mehr als
Nach frischem Wasser Inder und Aethiopen.

Sag' uns, wie geht es zu, daß du der Sonne
Ein Hinderniß entgegenstellst, als ob
Du in das Netz des Tod's noch nicht getreten.

So sprach zu mir der eine, und ich hätte
Mich schon genannt, hätt' ich nicht achten müssen
Auf andres Neues, das darauf erschien.

Denn mitten auf dem glühnden Wege kam
Ein Volk dem ersten grad' entgegen, das
Mich zwang, verlegen darauf hinzublicken.

Da sah ich nun von allen Seiten eilig
Jedweden Schatten einen andern küssen,
Ohn' Aufenthalt, mit kurzem Gruß zufrieden.

Also berühren mit dem Rüssel sich
Die braunen Schaaren der Ameisen, wohl
Um ihren Weg und Schicksal zu erforschen.

Sobald sich trennt die freundliche Begrüßung,
Eh' noch der erste Schritt vollendet ist,
Bemüht sich jeder laut zu überschreien.

Das neue Volk ruft: Sodom und Gomorrha!
Pasiphaë ging in die Kuh! das andre,
Damit der Stier zu ihrer Geilheit komme.

Dann, wie zu den Riphän die Kraniche,
Theils zu Sandwüsten fliegen, um, die einen
Den Frost, die Gluthen andre zu vermeiden,

Geht hin das eine Volk, her kommt das andre,
Und weinend kehren sie zum ersten Singen
Und zum Geschrei zurück, das für sie paßt.

Und wie vorher, so naheten sich mir
Die nämlichen, die mich gebeten hatten;
Begierde zeigt ihr Ansehn mich zu hören.

Ich, der ich zweimal ihren Wunsch gesehen,
Begann nunmehr: O Seelen, die ihr sicher,
Wann es auch sei, zum Frieden zu gelangen:

Nicht jung noch reif sind meine Glieder jenseits
Geblieben, sondern sind bei mir annoch
Mit ihrem Blute und mit ihren Muskeln.

Um nicht mehr blind zu sein steig' ich empor;
Ein Weib ist oben, das mir Gnad' erwirbt,
Mein Sterbliches durch diese Welt zu tragen.

Doch so nun euer größter Wunsch bald möge
Befriedigt werden, daß der Himmel euch
Aufnehme, der der größt' ist und voll Liebe

Sagt mir, damit ich Nachricht davon gebe,
Wer seid ihr und wer ist der Haufe, der
Dort hinter euren Rücken so einhergeht.

Nicht anders wird vom Anschaun wie verwirrt
Der Bergbewohner und verstummet staunend
Wenn roh und wild er ist zur Stadt gekommen,

Als jene Schatten sich im Antlitz zeigten.
Doch als vom Staunen sie sich nun entladen,
Das sich in edlen Herzen leicht beruhigt,

Begann der Schatten, der zuerst gefragt:
O selig du, der, um besser zu sterben,
Von unsern Räumen die Erkenntniß einnimmst!

Das Volk, das nicht mit uns geht, hat gesündigt
An dem, wofür einst Cäsar triumphirend
Den Zuruf Königin vernehmen mußte.

Drum trennen sie von uns sich, Sodom rufend,
Zum Vorwurf sich, wie du es hast gehört,
Und durch die Schau verstärken sie die Gluth.

Von zwitterhafter Art war unser Laster,
Doch weil wir nicht gehalten Menschen Weise,
Den Thieren gleich nur dem Gelüste folgend,

So rufen wir zur Schmach über uns selbst
Beim Scheiden stets den Namen derer, die
In dem verthierten Holze sich verthierte.

Nun kennst du unser Thun und unsre Schuld:
Willst namentlich du wissen wer wir sind,
So reicht die Zeit nicht aus, auch könnt' ich's nicht.

Doch über mich will ich dich gern befried'gen:
Bin Guido Guinicell, und läutre schon mich,
Weil vor dem End' ich gute Reue fühlte.

Wie den zwei Söhnen war, als sie die Mutter
Bei des Lykurgus Trauer wiedersahen,
So mir (doch nicht so hoch versteig' ich mich),

Als meinen Vater ich sich nennen hörte,
Den Vater aller Besseren, die je
Von Liebe süße, schöne Verse schrieben.

Und lange Zeit nur schweigend ihn betrachtend,
Ging ich nicht hörend in Gedanken hin,
Doch ob des Feuers trat ich ihm nicht näher.

Als ich an seinem Anschaun mich gesättigt,
Erbot ich ganz zu seinem Dienste mich,
Mit der Betheuerung, die Glauben einflößt.

Und er zu mir: Nach dem was ich gehört,
Läss'st du in mir so tief' und hell' Erinnerung
Daß Lethe sie nicht rauben kann noch trüben.

Doch, haben deine Worte wahr geschworen,
So sage mir den Grund, warum du zeigst
In Wort und Blick, daß ich dir theuer bin.

Das sind, sprach ich, die süßen Worte, die
So lange nur der neue Brauch wird dauern,
Was du geschrieben theuer machen werden.

O Bruder, sprach er, der, den ich dir zeige,
Und mit dem Finger wies auf einen Geist er,
War bess'rer Meister seiner Muttersprache.

Die Liebesverse und Roman' in Prosa
Besiegt' er all', und laß die Thoren schwatzen,
Die glauben, der aus Limog' übertreff' ihn;

Mehr auf Gered' als auf die Wahrheit schauend,
Stellen sie so dann ihre Meinung fest,
Bevor sie Kunst oder Vernunft gehört.

So machten's mit Guittone viele Alte,
Mit wiederholtem Rufe ihn nur preisend,
Bis ihn besiegt die Wahrheit durch gar manchen.

Nun, wenn so großes Vorrecht du erlangt,
Daß dir erlaubt zu gehn zu der Verbrüdrung,
Von welcher Christus selber ist das Haupt,

So sprich für mich ein Vaterunser du,
So weit für uns in dieser Welt es Noth thut,
Wo sünd'gen können uns nicht weiter zukommt.

Drauf, wohl um einem andern Platz zu machen,
Der neben ihm, verschwand er in dem Feuer,
So wie der Fisch zu Boden geht im Wasser.

Ich trat dem mir gezeigten etwas näher,
Und sagte ihm, daß mein Wunsch seinem Namen
Die freundlichste Aufnahme sicherte.

Daraus begann freimüthig er zu sagen:
Iur höfschiu ger lât sîn mich sô gemeit, *)
Daz ich des niht enlâze in sage in mære.

Ich bin Arnalt, hân sanc und herzeleit
Und weine, wandich ê was tôrheit balt;
Doch sihe ich vrô den tac nu, des ich beit.

Nu aber vlêhe ich iuch durch den gewalt,
Der iuch geleitet hât her ûf die grêde:
Ruocht senften mîne riuwen manecvalt!

Drauf barg er sich im Feuer, das sie läutert.

*) Oder in unsrer heutigen Sprache:
So sehr freut mich eu'r höfliches Begehren,

Daß ich nicht kann noch will mich euch verbergen.
Ich bin Arnald, der wem und singend hingeht,
Betrübt seh' ich auf die vergangne Thorheit

Und freudig aus das Heil, das ich erhoffe.
Nun aber bitt' ich euch bei jener Macht,
Die euch geführt zum Gipfel dieser Stiege:

Erinnert euch zu lindern meinen Schmerz!


Gesang 27

Wie wenn dahin die ersten Strahlen sendet
Die Sonne, wo ihr Schöpfer einst geblutet,
Während der Ebro fließt unter der Wage

Und Mittagsgluth erhitzt des Ganges Wellen,
So stand sie jetzt, weshalb der Tag sich neigte,
Als Gottes Engel heiter uns erschien.

Er stand außer der Flamme, auf dem Ufer
Und sang allda: Beati mundo corde,
Mit einer hellern Stimme als die unsre.

Drauf: Weiter kommt man nicht, ihr heil'gen Seelen.
Aetzt nicht zuvor die Gluth, tretet hinein
Und dem Gesang von drüben leiht das Ohr!

So sprach er, als wir nah' zu ihm gekommen,
Weshalb, als ich es hörte, mir so ward
Wie dem, der in die Grube wird gelegt.

Auf die gefaltnen Hände streckt' ich mich,
Sah in die Gluth, und mußte lebhaft denken
An Menschenleiber, die ich brennen sah.

Es wandten sich zu mir die guten Führer,
Und zu mir sprach Virgil: Mein lieber Sohn,
Wohl Qual, nicht aber Tod, kann es hier geben.

Erinnre dich, erinnre dich - und wenn ich
Auf Geryon selbst dich unverletzt geführt,
Was werd' ich jetzt thun, da ich Gotte näher.

Glaub' festiglich, daß, ob auch tausend Jahre
Du in dem Schooße dieser Flamme weiltest,
Sie dich nicht um ein Haar könnt' kahler machen

Und so vielleicht du glaubst, daß ich dich täusche
So tritt heran, und schaff' dir Ueberzeugung
Mit eigner Hand am Saume deines Kleides.

Leg' ab nunmehr, leg' jede Furcht nun ab,
Wende dich her, und schreite sicher vorwärts!
Und starr blieb ich, auch gegen Ueberzeugung.

Als er mich immer fest und hart noch sah,
Sprach etwas zürnend er: Nun sieh, mein Sohn,
Dich und Beatrix trennt nur diese Mauer.

Wie Pyramus, am Tode schon, das Auge
Beim Namen Thisbe's öffnet' und sie ansah,
Damals als roth die Maulberfrucht geworden:

So mit erweichter Störrigkeit wandt' ich
Zum weisen Führer mich, den Namen hörend,
Der ewiglich in meinem Geiste quillt.

Drauf schüttelt' er die Stirn und sprach dann: Wie?
Bleiben wir diesseits stehn? dann lächelt' er
Wie zu 'nem Kinde, das ein Apfel lockt.

Im Feuer trat er dann vor mich hin, bittend
Den Statius, daß er zuletzt gehn möge,
Der auf dem langen Wege uns getrennt.

Als ich drin war, hätt' ich in kochend Glas
Mich gern gestürzet, um mich zu erfrischen,
So ganz unmäßig war die Gluth daselbst.

Der süße Vater, um mich zu ermuntern,
Sprach immer nur im Gehn von Beatrice,
Sagend: Mich dünkt, ich seh' schon ihre Augen.

Es leitet' eine Stimm' uns, die da sang
Jenseits, und wir aufmerksam auf sie achtend,
Traten hinaus, da wo empor man steigt.

Venite benedicti patris mei
Klang es aus einem Lichte dort so blendend,
Daß ich es anzuschauen nicht vermochte.

Die Sonne sinkt, hieß es, der Abend kommt,
Stehet nicht still, sondern beeilt den Schritt,
Bevor der Abendhimmel sich verdunkelt.

Es ging der Felsenweg in solcher Richtung
Ganz grade zu, daß ich vor mir die Strahlen
Der Sonne theilte, die schon müde war

Kaum hatten ein'ge Stufen wir versucht,
Als wir am Schatten, der verschwand, verspürten,
Daß hinter uns die Sonne unterging.

Und eh' der Horizont in allen Theilen
Ein und dasselbe Ansehn noch gewann,
Und sich die Nacht gleich überall verbreitet,

Nahm jeder eine Stufe sich zum Lager,
Dieweil des Berges Art die Macht zu steigen
In uns gebrochen, wenn auch nicht die Lust.

Wie wiederkäuend ruhig nun geworden
Die Ziegen, die, bevor sie sich gesättigt,
So rasch und kühn sich auf den Felsen zeigten,

Im Schatten ruh'n, während die Sonne glüht,
Bewacht vom Hirten, der sich auf den Stab
Gestützt, und so gestützt sie nun beschützet:

Und wie der Schäfer, der im Freien hausend,
Längst seiner Heerde ruhig übernachtet,
Behütend, daß kein Raubthier sie zerstreue:

So waren alle drei wir dazumal,
Als Ziege ich und sie als meine Hirten
Vom Fels auf beiden Seiten eingeschlossen.

Wenig erschien von dem was draußen hier,
Doch durch dies Wenige sah ich die Sterne
Heller und größer als sie sonst erscheinen.

So sinnend und auf jene schauend kam
Schlaf über mich, der Schlaf, der oft von Dingen
Uns Kunde bringt, bevor sie noch geschehen.

Zur Stunde, glaub' ich, wo vom Oriente
Der Berg zuerst vom Morgenstern bestrahlt wird,
Welcher von Liebesfeuer stets erglüht,

Schien mir im Traum ein schönes, junges Weib
Auf einer Ebene umher zu wandeln,
Die Blumen pflückte und im Singen sprach:

Es wisse, wer nach meinem Namen fragt,
Daß ich bin Lea, die die schönen Hände
Bewegt, mir einen Blumenkranz zu winden.

Um vor dem Spiegel zu gefallen mir
Schmück' ich mich; Schwester Rahel aber sitzt
Vor ihrem Spiegel, den sie nie verläßt.

Sie liebt zu sehen ihre schönen Augen,
Wie ich mit meinen Händen mich zu schmücken;
Das Schaun erfreut sie, so wie mich das Wirken.

Und mit der Helle, die dem Tag vorangeht,
Und die dem Wandrer um so lieber ist,
Je näher er heimkehrend übernachtet,

Verschwand die Dunkelheit von allen Seiten,
Und auch mein Schlaf mit ihr, weshalb ich aufstand,
Die großen Meister aufgestanden sehend.

Die süße Frucht, die von den Sterblichen
Auf so viel Zweigen ängstlich wird gesucht,
Wird heute deinen Hunger noch beruh'gen.

Sothane Worte richtete Virgil
An mich, und nie gab's wohl ein Festgeschenk,
Das diesem an Vergnügen gleich gekommen.

Und so viel Eifer kam zum Eifer mir
Oben zu sein, daß ich bei jedem Schritte
Die Schwingen mir zum Fluge wachsen fühlte.

Als wir die Treppe unter uns durchlaufen,
Und auf der höchsten Stufe uns befanden,
Da heftete Virgil auf mich die Augen

Und sprach: Du hast, mein Sohn, gesehn das Feuer,
Das zeitliche und ew'ge und bist gekommen
Dahin, wo ich durch mich nichts mehr erkenne.

Geführt hab' ich dich mit Verstand und Kunst;
Nimm dein Belieben jetzt allein zum Führer,
Du hast die steilen, engen Wege hinter dir.

Sieh dort die Sonne, die dir auf die Stirn scheint,
Das Gras, die Blumen und die Büsche sieh,
Die dieser Boden ganz von selbst erzeugt;

Indeß die schönen Augen heiter kommen,
Die weinend einst mich zu dir kommen ließen,
Kannst setzen dich, kannst unter ihnen wandeln.

Erwarte nicht mein Wort, nicht meinen Wink mehr!
Frei, richtig und gesund ist jetzt dein Wille,
Und Sünde wär' es nicht nach ihm zu handeln;

Weshalb mit Kron' und Mitra ich dich schmücke.


Gesang 28

Begierig rings und innen zu erforschen
Den heil'gen dichten und lebend'gen Wald,
Der milderte das Licht des neuen Tages,

Verließ ich ohne Zögern nun den Strand,
Langsamen Schritts die Ebene durchwandelnd
Ueber der Flur die ringsum duftete.

Ein süßes Wehen, das keine Veränd'rung
In sich erfuhr, traf jetzo meine Stirn
Mit stärkrem Hauch nicht als ein sanfter Wind,

Durch welchen alle Blätter mit einander
Erzitternd schnell sich bogen dahin, wo
Den ersten Schatten wirft der heil'ge Berg.

Doch wurden sie so heftig nicht bewegt,
Daß drum die Vöglein in dem Gipfel selbst
Nicht ihre ganze Kunst geübet hätten.

Mit voller Lust begrüßten sie vielmehr
Die ersten Stunden, singend in den Blättern,
Die tiefer dann zu dem Gesange rauschten,

Wie sich von Zweig zu Zweig das Rauschen sammelt
Im Pinienwalde, an dem Strand von Chiassi,
Wenn Aeolus dort den Scirocco losläßt.

Schon hatten die langsamen Schritte mich
Getragen in den alten Wald so weit,
Daß ich nicht mehr sah, wo ich eingetreten,

Und sieh, es hemmte meine Schritt' ein Bach,
Welcher mit seinen kleinen Wellen linkshin
Das Gras bog, das an seinen Ufern sproßte.

Und alles Wasser, das am reinsten hier,
Es schiene eine Mischung zu enthalten,
Mit dem verglichen, das da nichts verbirgt,

Obwohl es dunkel, dunkel sich bewegt
Unter dem ew'gen Schatten, der dort niemals
Der Sonn' oder des Mondes Strahlen zuläßt.

Still standen meine Füß', und mit den Augen
Drang ich jenseits des Bachs, um zu bewundern
Die Mannigfaltigkeit der frischen Maien.

Und dort erschien mir (so wie uns wohl plötzlich
Ein Ding erscheint, das vor Verwunderung
Ein jedes andre Denken uns verscheucht)

Ein einsam Weib, welches dahin ging singend
Und eine Blume vor der andern wählend,
Womit ihr ganzer Weg bemahlet war.

Ach, schönes Weib, die an der Liebe Strahlen,
Darf ich dem Anschein glauben, dich erwärmst,
Der Zeugniß von dem Herzen pflegt zu geben,

Mög' es dir doch belieben vorzuschreiten,
Sprach ich zu ihr, bis hier an diesen Bach,
So weit, daß ich vernehme was du singest.

Du rufst mir ins Gedächtniß, wo und wie war
Proserpina, als ihre Mutter sie,
Sie aber ihren Frühlingsschmuck verlor.

Wie dicht am Boden mit geschlossnen Füßen
Ein Weib im Tanz sich zu bewegen pflegt,
Und einen Fuß kaum vor den andern setzt,

So schritt, über die rothen und die gelben
Blumen sie zu mir hin, gleich einer Jungfrau,
Welche die zücht'gen Augen niederschlägt.

Und ganz befriedigte sie meine Bitten
Sich so mir nahend, daß die süßen Töne
Zugleich mit dem Verständniß zu mir kamen.

Sobald sie da war, wo die Gräser schon
Gebadet wurden von des Baches Wellen,
Erhob sie mir zur Freude noch die Augen.

Nicht glaub' ich daß von solchem Licht erglänzten
Der Venus Augen, als von ihrem Sohne
Sie gegen seine Art verwundet worden.

Aufrecht am andern Ufer lachte sie,
In ihren Händen viel der Farben tragend,
Die saamenlos das hohe Land erzeugt.

Der Bach hielt uns drei Schritt' nur von einander;
Doch Hellespont, den Xerxes überschritt,
(Warnender Zügel für des Menschen Stolz)

Erfuhr nicht so viel Haß einst von Leander,
Weil zwischen Sestos und Abydos fluthend,
Als der von mir, weil er sich da nicht aufthat.

Ihr seid hier neu, begann sie, und vielleicht
Weil ich gelacht an diesem Orte, der
Der menschlichen Natur als Sitz erwählt,

Hegt ihr verwundernd irgend einen Argwohn;
Doch Licht giebt euch der Psalm Me delectasti,
Der eures Geistes Nebel kann zerstreuen.

Und du, der du voranstehst und mich fragst,
Sprich, willst du andres, denn bereit bin ich
Auf jede deiner Fragen dir zu g'nügen.

Das Wasser, sprach ich, und des Waldes Rauschen
Bekämpfen in mir einen neuen Glauben,
Entgegen dem, was ich vorhin gehört.

Worauf sie sprach: Ich will dir jetzt verkünden,
Aus welchem Grund entsteht, was dich verwundert,
Den Nebel auch zerstreun, der dich umfängt:

Das höchste Gut, das nur sich selbst gefällt,
Erschuf den Menschen gut, und gab als Angeld
Ewiges Friedens dieses Ortes Wonn' ihm.

Durch seine Schuld verweilt' er hier nur wenig,
Durch seine Schuld verwandelt' er in Weinen
Und Kummer heitres Spiel, harmloses Lachen.

Damit der Kampf, den unter sich verführen
Des Wassers und der Erde Ausdünstungen,
Der Hitze stets so viel als möglich folgend,

Kein Ungemach bereiteten dem Menschen,
Erhob sich dieser Berg so sehr zum Himmel,
Und frei blieb er, von da, wo er geschlossen.

Nun aber, da die Luft ringsum im Kreise
Sich mit der ersten Himmelskreisung umschwingt,
Wenn nicht ihr Kreislauf wo wird unterbrochen,

So trifft diese Bewegung diese Höhe,
Die sich erhebet, ganz in freier Luft,
Und läßt den Wald ertönen, weil er dicht ist.

So viel vermag dann die getroffne Pflanze,
Daß sie die Luft mit ihren Kräften schwängert,
Die rings in ihrem Kreislauf dann sie ausstreut.

Und so empfängt und zeugt die andre Erde,
Wie sich sie selber und ihr Himmel eignen,
Verschiedne Bäume von verschiedner Kraft.

Wer dies gehört, der darf sich dann nicht wundern,
Wenn jenseits wohl zuweilen ohne Saamen,
Der sichtbar wäre, eine Pflanz' entsteht.

Und wisse, daß das heilige Gefilde,
Woselbst du bist, jeglicher Aussaat voll,
Frücht' in sich trägt, die man jenseits nicht bricht.

Das Wasser hier kommt nicht aus einer Quelle,
Die Dünste nähren, die der Frost verdichtet,
Wie Flüsse, die bald mehr, bald minder mächtig;

Es kommt aus einer Quelle fest und sicher,
Die so viel wieder nimmt aus Gottes Willen,
Als sie nach beiden Seiten hin ergießt.

Nach dieser Seite fließt sie mit der Kraft
Der Sünd' Erinnerung zu tilgen, dorthin
Weckt jeder guten That Erinnrung sie.

Wie Lethe dieser, so wird Ennoë
Genannt der andre Bach, und beide wirken
Nur wenn von beiden ist gekostet worden;

All' andre übertrifft ihr Wohlgeschmack.
Und obgleich ganz dein Durst gestillt sein kann,
Wenn ich auch mehr dir jetzt nicht offenbare,

Geb' ich dir doch aus Gnaden einen Zusatz,
Der minder theuer, hoff' ich, dir nicht sein wird,
Wenn über das Versprechen er hinausgeht:

Die da vor Alters von der goldnen Zeit
Und ihrem sel'gen Zustand einst gedichtet,
Träumten von diesem Ort wohl am Parnassus.

Hier war der Menschheit Wurzel noch unschuldig,
Hier ew'ger Frühling und jedwede Frucht,
Und dies ist Nektar von dem jeder redet.

Hierauf wandt' ich mich ganz und gar zurück
Zu meinen Dichtern, und sah, daß mit Lächeln
Die letzte Rede sie vernommen hatten.

Drauf wandt' ich zu der schönen Frau das Antlitz.


Gesang 29

Gleich einem liebentbrannten Weibe singend
Fuhr sie am Schlusse ihrer Worte fort:
Beati quorum tecta sunt peccata,

Und wie die Nymphen einst in Waldesschatten,
Einsam umhergingen, die eine wünschend
Zu fliehn die Sonne, jene sie zu sehen,

Bewegte sie dem Bach entgegen sich
Entlang dem Ufer, ich in gleicher Höhe
Dem kleinen Schritt mit kleinen Schritten folgend.

Nicht hundert Schritte hatten wir gemacht,
Als beide Ufer eine Wendung machten,
So daß ich nach dem Orient mich wandte.

Und auch in dieser Richtung gingen wir
Nicht weit, als ganz das Weib sich zu mir wandte,
Indem sie sprach: Mein Bruder, schau und höre!

Und sieh ein Glanz verbreitete sich plötzlich
Von allen Seiten durch den großen Wald,
Daß Zweifel mir entstand, ob es wohl blitze.

Doch da der Blitz, so wie er kommt so schwindet,
Und dieses Licht je mehr und mehr erglänzte,
Sprach in Gedanken ich: Was mag das sein?

Und eine süße Melodie durchzog
Die glanzerfüllte Luft, drob guter Eifer
Mich trieb Eva's Vermessenheit zu schelten,

Daß, wo gehorsam Erd' und Himmel waren,
Ein Weib allein, und eben erst geschaffen
Es nicht ertrug, daß etwas ihr verhüllt sei,

Da, wenn demüthig sie's geduldet hätte,
Ich dieses unaussprechliche Vergnügen
Vom Anfang an und lange Zeit genossen.

Während ich unter so viel Erstlingen
Der ew'gen Wonne ganz gespannt dahin ging,
Begierig mehr der Freuden zu genießen,

Erschien vor uns, unter den grünen Zweigen,
Die ganze Luft wie brennend Feuer, und
Der süße Ton ward als Gesang vernommen.

Hochheil'ge Jungfraun, wenn ich je erduldet
Hunger und Kält' und Wachen euch zu lieb,
Treibt jetzt die Noth mich, daß ich Lohn erflehe.

Jetzt muß für mich sich Helikon ergießen,
Und helfen mir Urania mit den Schwestern
Zu reimen Dinge schwer auch nur zu denken.

Ein wenig weiter ließ der weite Raum,
Der zwischen ihnen sich und uns erstreckte,
Mir fälschlich sieben goldne Bäum' erscheinen;

Doch als ich ihnen war so nah' gekommen,
Daß vom Gemeinsamen, das unsern Sinn täuscht,
Kein Theil durch die Entfernung ging verloren,

Da ließ die Kraft, die der Vernunft das Urtheil
Bereitet, sie als Leuchter, was sie waren,
Und den Gesang als Hosiann' erkennen.

Es flammte oben das Geräth, das schöne
Viel heller als der Mond bei heitrem Himmel,
Um Mitternacht in seines Monats Mitte.

Ich wandte voll Verwundrung mich zum guten
Virgil, und er erwiderte mit einem
Von Staunen minder nicht beladnem Antlitz.

Dann wandt' ich zu den hohen Dingen mich,
Die auf uns zu so langsam sich bewegten,
Daß junge Bräute sie besieget hätten.

Drob schalt das schöne Weib mich: Was erglühst du
Beim Anblick nur dieser lebend'gen Lichter,
Und achtest nicht auf das was hinter ihnen?

Drauf sah ich Leute, die da jenen Leuchtern
Gleich ihren Führern weiß gekleidet folgten;
So glänzend Weiß war diesseits nie vorhanden.

Zur linken Hand erglänzte mir das Wasser,
Und warf die linke Seite mir zurück,
Wenn ich hinein sah, wie in einen Spiegel.

Als solche Stellung ich am Ufer hatte,
Daß nur der Fluß mich von den Dingen trennte,
Hielt, um besser zu sehn, ich meinen Schritt an.

Und vorwärts schreiten sah ich nun die Flammen,
Die hinter sich die Luft gefärbet ließen,
Daß sie aussahen wie geschwungne Fahnen,

So daß in sieben Streifen oben sie
Sich theilten, mit den Farben die da bilden
Der Sonne Bogen und des Mondes Gürtel.

Das Ende dieser Fahnen überschritt
Des Auges Sehkraft, und die äußersten
Standen, mein' ich, zehn Schritte von einander.

Unter so schönem Himmel, wie ich sage,
Kamen zu zweien vierundzwanzig Greise,
Die Stirn bekränzet mit der Lilie Blumen.

Gesegnet seiest du, so sangen alle,
Unter den Adamstöchtern, und gesegnet
In alle Ewigkeit sei deine Schönheit!

Als nun die Blumen und die frischen Kräuter,
Mir gegenüber, auf dem andern Ufer
Von diesem auserwählten Volk befreit war,

Da, wie am Himmel Stern nach Stern erglänzt,
Erschienen mir vier Thiere hinter ihnen,
Mit grünem Laube jegliches gekrönt;

Jedweder war befiedert mit sechs Flügeln,
Die Federn voller Augen: Argus' Augen,
Wenn sie lebendig, würden diesen gleichen.

Sie zu beschreiben, Leser, wend' ich keine
Verse mehr an, da anderes sie fordert,
So daß freigebig ich allhier nicht sein kann.

Lies den Hesekiel, der sie beschreibet,
Wie er sie kommen sah von Norden her
Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuerslohe.

Und wie in seinen Blättern du sie findest,
So waren hier sie, nur daß in den Federn
Johannes für mich ist und von ihm abweicht.

Im Raum zwischen den vieren war enthalten
Ein Siegeswagen auf zwei Rädern ruhend,
Gezogen von dem Halse eines Greifen.

Der streckte hoch empor die beiden Flügel,
Zwischen den mittlern und den andern Streifen,
So daß er trennend keinen doch verletzte.

Sie stiegen höher als man sehen konnte.
Was an ihm Vogel war, das war von Gold,
Und weiß mit roth gemischt die andern Glieder.

Nicht Scipio noch August erfreuten jemals
Mit solchem Wagen Rom, ja, der der Sonne
Erschiene dürftig diesem hier verglichen,

Der Wagen Sol's, der aus dem Gleis' gewichen
Auf frommes Flehn der Erde einst verbrannte,
Als Zeus geheimnißvoll gerecht sich zeigte.

Im Kreise tanzend um das rechte Rad
Kamen drei Fraun näher, so roth die eine,
Daß kaum im Feuer man sie wahrgenommen.

Der andern Fleisch und Knochen waren grün,
Als ob sie von Smaragd gebildet wären,
Wie frisch gefallner Schnee erschien die dritte.

Bald schienen von der Weißen sie geführt,
Bald von der Rothen, und nach deren Singen
Richteten sie den Gang, schnell oder langsam.

Zur Linken zogen festlich viere auf
In Purpurkleidern, tanzend nach der Weise
Der Einen, die drei Augen hatt' im Haupte.

Nach dem von mir beschriebnen Aufzug sah ich
Zwei Greise, die verschieden in der Kleidung,
Gleich von Gebärde waren, fest und ehrbar.

Der eine zeigte als ein Schüler sich
Jenes Hippokrates, den die Natur
Für ihre liebsten Kinder einst geschaffen.

Ganz andere Absicht verrieth der zweite,
Mit einem blitzenden und spitzen Schwerte,
Daß Furcht er mir von jenseits schon einflößte.

Dann sah ich viere, demuthsvoll im Aeußern,
Und hinter allen einsam einen Greis,
Der schlafend, doch mit sinn'gem Antlitz herkam.

Es waren diese sieben gleich gekleidet
Wie jene erste Schaar, doch hatten sie
Nicht solchen Lilienflor um ihre Häupter,

Nein, Rosen nur und andre rothe Blumen,
So daß selbst ein nicht ferner Blick geschworen,
Daß über ihren Brauen Feuer brenne.

Und als mir gegenüberstand der Wagen,
Hört' einen Donner man, und jenen Würd'gen
Schien nun das Weitergehen untersagt,

Da still sie standen nebst den ersten Fahnen.


Gesang 30

Als dies Siebengestirn des ersten Himmels,
Das Untergang nie sah noch Aufgang je,
Noch andern Schleier kennt als den der Sünde,

Und welches hier an seine Pflicht jedweden
Erinnerte, wie unsres hier auf Erden
Den Steuermann zum Hafen lehrt zu kommen,

Als dies still stand,da wandte sich das Volk,
Das zwischen ihm gekommen und dem Greisen,
Nun zu dem Wagen als zu seinem Frieden.

Und ihrer einer, wie gesandt vom Himmel,
Rief dreimal singend, und die andern alle
Veni sponsa de Libano ihm nach.

Wie einst beim letzten Ruf die Seligen
Aus ihrer Gruft ein jeder schnell erstanden,
Mit neu belebter Stimme jubeln werden,

So hoben aus dem Himmelswagen sich.
Ad vocem tanti senis hundert wohl
Der Diener und der Boten ew'gen Lebens.

Benedictus qui venis riefen alle,
Und Blumen streuend rings umher und drüber
Manibus o date lilia plenis.

Ich sah wohl schon beim Anbeginn des Tages
Die Morgenseite rosenroth gefärbt
Und schön mit Blau geschmückt den andern Himmel,

Beschattet auch der Sonne Antlitz aufgehn,
Daß ihren Glanz gemildert von den Düften,
Das Auge lange Zeit ertragen konnte:

So mitten unter einer Blumenwolke,
Die von der Engel Händen stieg empor,
Und in und außerhalb des Wagens fiel,

Erschien ein Weib mir, über weißem Schleier
Oelzweigbekränzt, die unter grünem Mantel
Ein Kleid trug von lebend'gen Feuers Farbe.

Und mein Gemüth, das schon so lange Zeit
Von Beben nicht in ihrer Gegenwart
So wie von Staunen war erschüttert worden,

Fühlte nunmehr, ohne des Auges Zeugniß,
Durch die geheime Kraft, die von ihr ausging,
Der alten Liebe große Macht in mir.

Jedoch sobald sie meine Augen traf,
Die hohe Macht, die schon mich einst verwundet,
Bevor ich aus der Kindheit noch getreten,

Wandt' ich zur Linken mit der Scheu mich hin,
Womit das Kindlein zu der Mutter läuft,
Wenn es sich fürchtet oder es betrübt ist,

Um zu Virgil zu sagen: Nicht ein Tropfen
Bluts ist in mir geblieben, das nicht bebe,
Denn ich erkenn' der alten Liebe Zeichen;

Allein es hatte uns bereits gelassen
Seiner beraubt Virgil, der süße Vater,
Virgil, dem ich, zum Heil mir, mich ergeben.

Doch, was auch Eva alles hier verloren,
Verhindern konnt' es nicht, daß meine Wangen
Vom Thau gereinigt sich nicht wieder trübten.

Dante, obgleich Virgil davon gegangen,
So weine du nicht, weine du noch nicht!
Ein andres Schwert muß Thränen dir erpressen.

So wie ein Admiral Schnabel und Spiegel
Durchläuft zu schaun der andern Schiffe Mannschaft,
Und sie zu gutem Dienste zu ermuntern,

So sah ich an des Wagens linker Seite,
Als ich bei meines Namens Klang mich wandte,
Der mit Nothwendigkeit hier angeführt wird,

Das Weib, das mir zuvor erschienen war,
Verschleiert von dem Blumengruß der Engel,
Von jenseits ihre Augen auf mich richten,

Obwohl der Schleier, der vom Haupte ihr
Mit der Minerva Laub gekrönt herabfiel,
Sie doch nicht deutlich ganz erscheinen ließ.

Mit königlicher Streng' in der Gebärde
Fuhr fort sie, so wie einer der da spricht,
Das Bitterste der Rede aber aufspart:

Schau wohl mich an, ich bin, ich bin Beatrix!
Wie wagtest du den Berg nur zu ersteigen?
Wußtest du nicht, daß hier der Mensch ist glücklich?

Die Augen sanken mir zum klaren Bache,
Doch drin mich schauend wandt' ich sie zum Rasen,
So tiefe Scham beschwerte meine Stirn.

So scheint die Mutter ihrem Kinde stolz,
Wie sie mir schien, dieweil das herbe Mitleid
Stets den Geschmack des Bittern an sich hat.

Sie schwieg, und gleich fingen die Engel an
Zu singen: In te Domine speravi,
Doch weiter nicht als bis zu pedes meos.

So wie der Schnee zwischen den frischen Stämmen
Gefrieret, auf Italiens Rücken, wenn
Von slav'schen Winden angeweht er wird,

Dann aufgeweichet in sich selbst vergeht,
Haucht nur das Land allwo der Schatten schwindet,
So wie ein Licht zerschmilzet an dem Feuer:

So blieb ich ohne Thränen, ohne Seufzer,
Bevor sie sangen, die da ihre Töne
Stets nach der ew'gen Kreise Tönen richten.

Doch als in ihren süßen Tönen ich
Mitleid erkannte, mehr als ob sie sprächen:
Warum, o Weib, vernichtest du ihn so?

Da ward der Frost, der mir das Herz geschnürt,
Zu Hauch und Wasser, und brach mit Beklemmung
Durch Mund und Augen aus der Brust hervor.

Sie aber fest stets auf besagter Seite
Des Wagens stehend, wandte zu den frommen
Wesen, mit solchen Worten sich darauf:

Ihr wachet in dem ew'gen Tage so,
Daß Nacht und Schlummer keinen Schritt euch rauben,
Den je die Welt in ihren Wegen thut.

Weshalb denn meine Antwort mehr darauf geht,
Daß jener mich versteh', der drüben weinet,
Daß Schuld und Schmerz in gleichem Maße sei.

Nicht durch die Wirkung nur der großen Kreise,
Die jeden Keim zu einem Ziele lenken,
So weit der Sterne Einfluß sie begleitet,

Nein durch die Fülle auch göttlicher Gnaden,
Die aus so großer Höhe niederträufen,
Daß unser Blick sie nicht erreichen kann,

War dieser hier in seinem Jugendleben
So ausgestattet, daß bei rechter Uebung
Er Wunderbares wohl geleistet hätte.

Doch um so schlimmer und so wilder wird
Bei schlechtem Saamen unbebauter Boden,
Je bessre Kraft der Erd' er in sich trägt.

Ich hielt ihn ein' ge Zeit durch meinen Anblick,
Indem ich ihm die jungen Augen zeigte,
Ihn mit mir führend in der rechten Richtung;

Allein sobald ich an der Schwelle war,
Des zweiten Lebens, das ich nun eintauschte,
Entzog er mir sich und ergab sich andern.

Als ich von Fleisch zu Geist emporgestiegen,
Und Kraft und Schönheit mir gewachsen war,
Ward ich ihm wen'ger angenehm und theuer.

Er wandte seine Schritt' auf falsche Wege,
Den Bildern folgend eines Glücks, das täuschet
Und nie erfüllet, was es uns verheißt.

Nicht half's, daß ich Eingebung ihm erflehte,
Womit im Traum und sonst ich ihn zurückrief,
So wenig Werth hat er darauf gelegt.

So tief fiel er, daß alle andre Mittel,
Um ihn zu retten, unzureichend waren,
Als nur ihm das verlorne Volk zu zeigen.

Deshalb besuchte ich das Thor der Todten,
Und trug dem weinend meine Bitten vor,
Der ihn bis hier hinauf geleitet hat.

Der hohe Rathschluß Gottes wär' gebrochen,
Wenn Lethe überschritten und ihr Trunk
Gekostet würde ohne ein'ge Zahlung,

Von solcher Reue die Thränen vergießt.


Gesang 31

O du, der jenseits steht des heil'gen Flusses,
Begann sie nun fortfahrend ohne Zögern,
Die Rede mit der Spitze auf mich richtend,

Die mit der Schneide schon mir scharf geschienen,
Sprich, sprich, ob solches wahr, denn zu so schwerer
Anklage muß noch dein Geständniß kommen.

So waren meine Kräfte in Verwirrung,
Daß meine Stimme früher noch erlosch,
Als den Organen sie sich hatt' entwunden.

Nur wenig harrte sie, darauf: Was sinnst du?
Sprach sie, antworte mir, denn die Erinnrung
Der Sünden hat noch nicht getilgt das Wasser.

Furcht und Verwirrung trieben mit einander
Ein solches Ja mir aus dem Munde, daß
Um's zu verstehn die Augen helfen mußten.

Wie von zu großer Spannung an der Armbrust,
Bogen und Sehne beim Abschießen brechen,
Der Bolzen auch nur schwach das Ziel erreicht:

So brach auch ich unter der großen Last
Der Thränen und der Seufzer jetzt zusammen,
Und meine Stimm' erlahmte auf dem Wege.

Drob sie zu mir: In allen meinen Wünschen,
Die dich anleiteten das Gut zu lieben,
Darüber nichts ist das man könnt' ersehnen,

Was fandest du für vorgezogne Gräben,
Und was für Ketten, die dich zwingen mußten,
Des Weitergehens Hoffnung aufzugeben?

Und welch' Erleichterung und welcher Vortheil
Zeigte sich dir bei jenen andern Gütern,
Daß du mit ihnen lieber wandeln mochtest?

Nach eines bittern Seufzers Zug fand ich
Kaum nur die Stimm' in mir zu einer Antwort,
Und mühsam bildeten die Lippen sie.

Weinend sagt' ich: Die gegenwärt'gen Dinge
Mit ihrer falschen Lust verführten mich,
Sobald als euer Antlitz sich mir barg.

Und sie: Schwiegst oder leugnetest du das,
Was du bekennst, nicht wäre deine Schuld
Minder bekannt, ein solcher Richter weiß sie.

Doch wenn hervorbricht aus dem eignen Munde
Der Schuld Anklage, wendet sich das Rad
Gegen die Schneid' in unserem Gerichtshof.

Doch damit über deinen Irthum du
Der Scham noch mehr empfindest, und du stärker
Seist, wenn du die Sirenen wieder hörst,

Leg' ab der Thränen Saat und höre zu,
So wirst du hören, wie in andrer Richtung
Dich mein begrabner Leib hätt' führen sollen.

Nie bot Natur und Kunst dir solche Wonne,
Als dir die schönen Glieder, worin ich
Verschlossen war, und die jetzt Staub geworden.

Und wenn die höchste Lust dir so entzogen
Durch meinen Tod, welch' sterblich Wesen konnte
Dich dann mit Sehnsucht noch zu ihm hinziehn?

Wohl hättest bei dem ersten Angriff du
Hinfäll'ger Dinge dich erheben sollen,
Hinter mir her, die ich nicht mehr vergänglich,

Nicht sollte dir die Schwingen niederdrücken,
Mehr Streiche abzuwarten, junge Schönheit
Und andre Eitelkeit von kurzer Dauer.

Der junge Vogel wartet zwei bis dreimal
Vielleicht, doch vor den ausgewachsnen Vögeln
Spannt Netze man und schießt man nur vergebens.

Wie Kinder wohl beschämet und verstummend
Dastehn, anhörend mit gesenkten Augen
Voll Selbsterkenntniß und den Fehl bereuend,

So stand ich da; sie aber sprach: Wenn schon
Vom Hören du beschämt bist, heb' den Bart!
Und größern Schmerz wirst du beim Schaun empfinden.

Mit wen'ger Widerstand wird wohl entwurzelt
Die starke Eiche, sei's von unsrem Winde,
Sei's durch den Wind, der aus Jarba's Land kommt,

Als ich auf den Befehl das Kinn erhob.
Und da sie mit dem Bart das Antlitz meinte,
Erkannt' ich wohl das Gift in ihrer Rede.

Und als mein Antlitz ich erhoben, merkten
Die Augen wohl, daß jene ersten Wesen
Von ihrem Blumenstreuen nachgelassen.

Und meine Augen, wenig sicher noch,
Sahn daß Beatrix sich zum Thier gewendet,
Das nur Eine Person in zwei Naturen.

Unter dem Schleier und jenseits des Flusses,
Schien sie ihr altes Sein zu übertreffen,
Mehr als sie sonst hier andre übertraf.

Es brannte so die Nessel mich der Reue,
Daß sie am meisten jetzt verhaßt mir machte
Die Dinge, die am meisten ich geliebt.

Solch Selbsterkenniniß nagte mir am Herzen,
Daß ich besiegt hinfiel, und wie mir ward
Weiß die, die Anlaß mir dazu gegeben.

Und als das Herz die Kraft wieder belebte,
Sah ich das Weib, das ich allein gefunden,
Ueber mir stehn und faß mich, faß mich, sagen.

Sie hatte in den Fluß bis an den Hals mich
Gezogen hinter sich, sie aber schritt
Leicht wie ein Weberschiff über das Wasser.

Als ich dem sel'gen Ufer nahe war,
Da hörte man so süß: Asperges me,
Daß ich's nicht schreiben kann, kaum noch erinnern.

Das schöne Weib öffnete nun die Arme,
Umfaßte mir das Haupt und taucht' es ein,
So daß des Wassers ich verschlucken mußte.

Sie zog mich so gebadet aus dem Wasser,
Mich führend zu dem Reigen der vier Schönen,
Und jede deckte mich mit ihren Armen.

Hier sind wir Nymphen und im Himmel Sterne,
Die, eh' Beatrix niederstieg zur Welt,
Zu Dienerinnen ihr bestimmet wurden.

Wir führen dich zu ihren Augen, doch
Die deinen werden, dies Licht zu ergründen,
Die drei dort schärfen, die noch tiefer schaun.

Also begannen singend sie, und dann
Führten sie mich mit sich zur Brust des Greifen,
Wo Beatrice stand uns zugewendet.

Jetzt schone nicht die Augen, sprachen sie,
Wir haben dich gestellt vor die Smaragde,
Aus welchen Amors Pfeile dich getroffen.

Der Wünsche mehr als tausend, glühend heiß
Trieben die Augen mir zum Glanz der Augen,
Die fest nur auf den Greif gerichtet waren.

Es spiegelte darin das Doppelthier sich
Mit dieser bald und bald mit der Gebärde,
Nicht anders als die Sonn' im Spiegel thut.

Urtheile, Leser, wie mich's Wunder nahm,
Als ich den Gegenstand sah ruhig stehn,
Und doch in seinem Bilde sich verwandeln.

Als meine Seele froh und voller Staunen,
Von jener Speise kostete, die, wenn
Sie sättiget, nur mehr den Hunger weckt,

Da, als gehörig zu der höchsten Ordnung
Sich zeigend, traten die drei andern vor,
Nach ihrem himmlischen Gesange tanzend.

Wende, Beatrix, deine heil'gen Augen,
So sangen sie, deinem Getreuen zu,
Der dich zu sehn so weit ist hergekommen.

Aus Gnad' erweis' uns Gnade, daß du ihm
Dein Angesicht entschleierst, daß er schaue
Die zweite Schönheit, die du noch verbirgst.

O Glanz des ew'gen und lebend'gen Lichtes,
Wer trank wohl je aus des Parnassus Quelle
Und war so tief erblaßt in seinen Schatten,

Daß nicht sein Geist befangen müßt' erscheinen,
Versucht er dich zu schildern wie du warst,
Als in der freien Luft du dich entschleiert,

Wo dich mit Harmonien der Himmel deckte.


Gesang 32

So ganz beschäftigt waren meine Augen,
Um den zehnjähr'gen Durst in mir zu stillen,
Daß alle andern Sinne mir erloschen.

Es war wie eine Mauer des Nichtachtens
Rings um mich her, so zog das heil'ge Lächeln
Sie mit dem alten Netze zu sich hin,

Als mit Gewalt das Antlitz mir gewandt ward
Von jenen Göttinnen zur linken Seite,
Und ich ein: Viel zu starr! vernahm von ihnen,

Und die Beschaffenheit der Augen, die
Nur eben von der Sonne sind getroffen,
Beraubte eine zeitlang des Gesichts mich.

Doch als das Aug' am Wen'gen sich gestärket,
Am Wen'gen, sag' ich, im Vergleich mit jenem
Gewalt'gen Licht, dem ich mein Aug' entrissen,

Sah ich, daß rechtshin sich gewendet hatte
Die heil'ge Schaar, und mit den sieben Flammen,
Und mit der Sonn' im Antlitz sich zurückzog.

Wie mit dem Schild sich deckend eine Schaar
Sich wendet, und sich mit der Fahne dreht,
Bevor sie ihre Richtung ganz verändert:

So zog des Himmelreiches Heerschaar, die
Voranging, ganz an uns vorüber, ehe
Die Deichsel noch den Wagen umgewendet.

Als zu den Rädern rückgekehrt die Frauen,
Bewegte nun der Greif die heil'ge Last,
Doch so, daß keine Feder an ihm bebte.

Das schöne Weib, das mich zur Fuhrt geführt,
Und Statius und ich folgten dem Rade,
Das seine Bahn durchläuft in kleinrem Kreise.

So durch den hohen, leeren Wald hinwandelnd,
Schuld derer, die der Schlange einst geglaubt,
Bestimmte unsern Schritt Engels Gesang.

Ein dreimal abgeschossner Pfeil durchläuft
So viel etwa des Raumes wohl als wir
Entfernt uns hatten, als Beatrix abstieg.

Von allen hört' ich murmelnd Adam nennen,
Drauf einen Baum umgaben sie, der ganz
Der Blüthen und der Blätter war beraubt.

Es würden seine Zweige, die nach oben,
Sich immer mehr ausbreiten, selbst von Indern
In ihren Wäldern, ob der Höh' bewundert.

Selig bist du, o Greif, der mit dem Schnabel
Nichts abgerissen von dem Baum, der süß
Dem Gaumen zwar, doch Grimmen dann verursacht!

So riefen um den starken Baum herum
Die andern alle, und das Zwillingsthier:
So wird der Saamen alles Rechts erhalten.

Zur Deichsel, die gezogen er sich wendend,
Führt er sie an den Fuß des kahlen Baumes,
Und ließ an ihn gebunden was von ihm war.

Wie unsre Pflanzen, wenn das große Licht
Gemischt herabfällt mit dem Lichte, das
Gleich nach den Himmelsfischen uns erglänzt,

Anschwellen und jede mit ihrer Farbe
Sich wieder schmücket, ehe noch die Sonne
Die Rosse anschirrt unter anderm Sternbild:

So brach hervor an der verjüngten Pflanze,
Die nur die kahlen Zweige früher hatte,
Nicht Rosen ganz, doch mehr als Veilchens Farbe.

Ich hört' es nicht, auch wird's hier nicht gesungen,
Das Lied, das jene Schaaren darauf sangen,
Auch konnt' ich bis zum End' es nicht ertragen.

Könnt' ich es schildern, mir die grimm'gen Augen
Einschliefen, als sie von der Syrinx hörten,
Die Augen, die für zu viel Wachen büßten:

So würd' ich, wie ein Mahler, der da mahlet
Nach einem Vorbild, zeichnen wie ich einschlief.
Doch thu's, wer das Einschlafen schildern kann.

Drum geh' ich gleich zu dem Erwachen über,
Und sage, daß des Schlafes Schleier mir
Ein Glanz, ein Ruf zerriß: Steh auf, was thust du?

Wie Petrus, Jakob und Johannes einst
Zum Schaun der Apfelblüthe hingeführt,
Nach deren Frucht die Engel selbst gelüstet,

Und wovon ew'gen Schmaus der Himmel bietet,
Betrübet erst, erwachten von der Stimme,
Die tiefern Schlaf wohl schon gebrochen hatte,

Und ihre Zahl vermindert nun erblickten,
Da Moses ihnen und Elias fehlten,
Und ihres Meisters Kleid verkläret sahn:

So kam ich zu mir selbst, und sah die Fromme
Ueber mir stehn, die meine Schritte früher
Am Ufer jenes Bachs geleitet hatte.

Ich, ganz in Zweifel sprach: Wo ist Beatrix?
Und sie: Schau dort sie unter dem verjüngten
Laube des Baums, auf seiner Wurzel sitzend.

Schau die Gesellschaft, die sie dort umgiebt.
Die andern ziehen mit dem Greif empor,
Mit süßerem und tieferem Gesange.

Ob ihre Rede weiter sich verbreitet,
Nicht weiß ich's, weil schon die ins Aug' ich faßte,
Die gegen alles andre mich verschlossen.

Sie saß allein auf der wahrhaft'gen Erde,
Als Hüterin des Wagens dort gelassen,
Den ick anbinden sah vom Doppelthier.

Im Kreis umschlossen rings sie jene sieben
Nymphen, mit jenen Leuchtern in den Händen,
Die vor dem Nord- und Südwind sind geborgen.

Hier bleibst du kurze Zeit nur Waldbewohner,
Und wirst mit mir auf ewig Bürger sein,
Von jenem Rom, wo Christus selbst ein Römer.

Darum, zum Heil der Welt, die übel lebet,
Schau auf den Wagen jetzt, und was du siehst,
Das sorge aufzuschreiben wenn du rückkehrst.

So Beatric' und ich, der ganz und gar
Zu ihres Willens Füßen mich ergeben,
Wandte nun Aug' und Geist wohin sie wollte.

Nie fiel aus dichter Wolke Feuer je
Mit solcher Schnelligkeit, wenn es herabkommt
Aus jenen Regionen, die die fernsten,

Als durch den Baum ich sah den Vogel Jovis
Herabfahr'n und von seiner Rinde brechen,
Geschweige denn der Blüthen und der Blätter.

Mit seiner ganzen Kraft traf er den Wagen,
Der nun sich bog, gleichwie ein Schiff im Sturme,
Das rechts und links von Wogen wird geschaukelt.

Dann sah ich in das Innere des Wagens
Sich einen Fuchs eindrängen, der da Mangel
An jede guten Nahrung schien zu leiden.

Doch schmutzger Laster ihn beschuld'gend, trieb
Ihn meine Herrin in so eil'ge Flucht,
Als die fleischlosen Knochen nur erlaubten.

Dann sah den Adler ich, von wo er früher
Gekommen, wieder in des Wogens Kasten
Stoßen, und ihn bedeckt mit Federn lassen.

Und wie aus einem Herzen das sich grämet,
So kam vom Himmel eine Stimme rufend:
O Schifflein mein, wie schlimm bist du beladen!

Dann war es mir als ob die Erde sich
Aufthät zwischen den Rädern und ein Drache
Den Schwanz von unten durch den Wagen stieße.

Und gleich der Wespe, die den Stachel einzieht,
Zog mit dem bösen Schwanz er etwas an sich
Vom Boden, und ging hocherfreut davon.

Und wie mit Unkraut gutes Land sich decket,
So deckte sich was von dem Wagen übrig
Mit jenen Federn, dargeboten wohl

In guter und in frommer Absicht einst,
Die Räder und die Deichsel auch so schnell,
Daß länger hält den Mund ein Seufzer offen.

So umgewandelt trieb der heil'ge Bau
Häupter hervor in allen seinen Theilen,
Drei auf der Deichsel, eins an jeder Ecke.

Gehörnt waren die ersten so wie Rinder,
Doch Ein Horn nur war an der Stirn der vier;
Ein solches Ungeheuer sah man nie.

So kühn wie eine Burg auf hohem Berge
Sah eine zügellose Metze drauf
Ich sitzen, rings die raschen Blicke werfend;

Und neben ihr, wie daß man sie nicht raube,
Sah einen Riesen aufrecht stehen ich,
Und beide küßten sich einander oft.

Doch weil das geile Auge schweifend sie
Zu mir gewandt, ward von dem wilden Buhlen
Vom Kopf bis zu den Sohlen sie gegeißelt.

Darauf voll Argwohn und von Zorn entbrannt,
Löst' er das Ungethüm und zog so tief
Es in den Wald hinein, daß dieser mir

Die Metze und das neue Thier verdeckte.


Gesang 33

Deus venerunt gentes, so begannen
Die drei bald, bald die vier der Frauen weinend,
Ablösend sich als süßes Lied zu singen.

Und Beatrice fromm und seufzend hörte
Sie so gestaltet an, daß wenig mehr
Sich an dem Kreuz verwandelte Maria.

Doch als die andern Jungfraun nun ihr Raum
Zum Reden ließen, sprach ganz aufgerichtet,
Und wie ein Feu'r geröthet Beatrice:

Modicum et non videbitis me
Et iterum,
meine geliebten Schwestern,
Modicum et vos videbitis me.

Dann ließ sie alle sieben vor sich treten,
Und nur auf Winke mußten wir ihr folgen,
Ich und die Frau und der gebliebne Weise.

So ging sie hin und nicht den zehnten Schritt,
Mein' ich, hatt' auf den Boden sie gesetzt,
Als sie mit ihren Augen meine traf.

Und dann, mit ruh'gem Antlitz: Komm geschwinder,
Sprach sie, damit, sobald ich mit dir rede,
Du wohl bereitet seist mich anzuhören.

Sobald ich neben ihr war, wie ich sollte,
Sprach sie: Mein Bruder, warum wagst du nicht
Nunmehr zu fragen, da du mit mir gehst?

Wie denen, die vor ihren Vorgesetzten
Mit zu viel Ehrfurcht sprechend, leicht die Stimme
Nicht deutlich aus den Zähnen sich entwindet,

So ging es mir, daß ohne vollen Klang
Ich so begann: O Herrin, mein Bedürfniß,
Ihr kennt es wohl und was dazu mir noth ist.

Und sie zu mir: Von Furcht und von Beschämung
Will ich, daß du nunmehro dich befreiest,
Daß du nicht ferner sprechest wie im Traume.

Wisse, daß das Gefäß, das brach die Schlange,
War und nicht ist: doch wer dran Schuld, der glaube
Daß Gottes Rache sich nicht scheut vor Suppen.

Nicht alle Zeit wird ohne Erben bleiben
Der Adler, der die Federn ließ dem Wagen,
Wodurch das Ungethüm dann Beute wurde.

Denn ganz gewiß erkenn' ich, und drum sag' ich's,
Daß nahe Sterne eine Zeit herbeiführ'n,
Vor Hinderniß und Widerstand gesichert,

In welcher ein Fünfhundert zehn und fünfe
Von Gott gesendet wird, die Metze tödten,
Und jenen Riesen auch, der mit ihr frevelt.

Wohl mag's geschehn, daß meine dunkle Rede,
Wie Sphinx und Themis dich nicht überzeuget,
Weil sie, nach jener Art, den Geist verdüstert;

Doch bald werden, wie die Najaden einst,
Die Thaten dieses schwere Räthsel lösen,
Ohn' allen Schaden an Getreid' und Heerden.

Du zeichne's auf und wie ich diese Worte
Dir reiche, lehr' sie denen die da leben
Das Leben, das ein Eilen ist zum Tode.

Und wenn du sie aufschreibst, gedenke wohl
Nicht zu verbergen wie du hast gesehn
Den Baum, der zweimal hier beraubet worden.

Wer ihn beraubet, oder davon abbricht,
Beleidigt Gott durch Lästerung in Thaten,
Der nur zu seinem Dienst ihn heilig schuf.

Fünftausend Jahr und mehr in Qual und Sehnsucht
Mußte die erste Seele den erharren,
Der jenes Baums Genuß an sich gestraft.

Wohl schlafen muß dein Geist, wenn er nicht ahndet,
Daß aus besondrem Grund der Baum so hoch
Und so verwachsen in dem Gipfel ist.

Und hätten deine eitelen Gedanken
Nicht auf den Geist gewirkt wie Elsa's Wasser
Und ihre Lust wie Pyrum auf die Maulbeer,

So hättest durch so viel Umstände du
Gottes Gerechtigkeit in dem Verbote
Des Baums mit tief'rem Sinne wohl erkannt.

Doch da ich sehe, daß im Geiste du
Zu Stein geworden und als Stein verdunkelt,
So daß dich blendet meiner Worte Licht,

Will ich daß du, wenn nicht geschrieben, doch
In Bildern was davon mitnehmest, wie
Den Pilgerstab mit Palmen man umkränzet.

Und ich: Wie Wachs des aufgedrückten Stempels
Gebild ohn' allen Wandel in sich aufnimmt,
So hat mein Geist von euch jetzt das Gepräge.

Doch warum fliegt euer ersehntes Wort
Ueber mein Sehvermögen so hinaus,
Daß es nur mehr verliert, je mehr sich's abmüht?

Damit du, sprach sie, jene Schul' erkennest,
Der du gefolgt, und sehst, wie ihre Lehre
So wenig meinen Worten folgen kann;

Und damit du erkennst, daß Gottes Wege
Von euren so weit abstehn, als die Erde
Von jenem Himmel, der am höchsten eilet.

Weshalb zu ihr ich: Nicht erinnr' ich mich,
Daß ich von euch jemals wär' abgewichen,
Noch strafet mein Bewußtsein mich darob.

Und kannst du dessen dich nicht mehr erinnern,
Sprach lächelnd sie zu mir, nun so bedenke,
Wie du von Lethe heute erst getrunken.

Und wenn von Rauch man auf ein Feuer schließt,
So zeiget deutlich dies Vergessen, daß
Anders wohin dein Sinn sträflich gewandt war.

Und drum, von nun an sollen meine Worte
Entschleiert sein, so weit es sich geziemet,
Sie deinen rohen Blicken zu enthüllen.

Und glühender und mit langsamrem Schritte,
Trat schon die Sonne in den Mittagskreis,
Der nach der Lage hier und dort sich ändert,

Als stille standen, so wie stille steht
Wer als der Führer vor 'ner Schaar einhergeht,
Findet er etwas Neues auf dem Wege,

Die sieben Fraun am Rand des dunkeln Schattens,
Wie ihn an ihren kalten Bächen zeigen,
Der Alpen grünes Laub und schwarze Zweige.

Vor ihnen glaubt' ich Euphrates und Tigris,
Aus einer Quelle beid' entstehn zu sehn,
Und Freunden gleich nur träge sich zu trennen.

O Licht und Ruhm des menschlichen Geschlechtes,
Was für ein Wasser ist's, das sich verbreitet
Aus einem Quell und sich von sich entfernt?

Auf solche Bitte ward gesagt mir: Bitte
Mathilde, daß sie's sag'! Und drauf erwiedert
Das schöne Weib, wie wer von einer Schuld

Sich reiniget: Dies so wie andre Dinge
Sind ihm von mir gesagt, und sicher bin ich,
Daß Lethe's Welle sie ihm nicht verbirgt.

Und Beatrix: Vielleicht hat größre Sorge,
Die oft dem Menschen das Gedächtniß raubt,
Die Augen seines Geistes so verdunkelt.

Doch siehe Eunoë, die von dort herkommt!
Führ' ihn zu ihr, und wie du pflegst zu thun,
Erneue die erstorb'ne Kraft in ihm!

Wie eine edle Seele sich nicht weigert,
Vielmehr zum ihr'gen macht den fremden Willen,
Sobald er nur durch Zeichen offenbar ist,

So, als das schöne Weib mich hatt' ergriffen,
Setzt' sie sich in Bewegung, und zum Statius
Sprach sie jungfräulich: Komm du auch mit ihm!

Hätt' ich, o Leser, größren Raum zum Schreiben,
Besäng' ich wenigstens zum Theile doch
Den süßen Trank, der nie mich hätt' gesättigt:

Doch da nunmehr gefüllt sind alle Blätter,
Die diesem zweiten Liede sind bestimmt,
Läßt mich der Zaum der Kunst nicht weiter gehn.

Ich kehrte von dem allerheiligsten
Quell so gestärkt zurück, wie junge Pflanzen,
Welche mit neuem Laube sich verjüngt,

Rein und bereit zu steigen zu den Sternen.


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