Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
L. G. Blanc - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

In unsres Lebensweges Mitt' erfand
In einem dunklen Wald ich mich, dieweil
Der rechte Weg abhanden mir gekommen.

Ha! wie schwer ist's zu sagen, wie beschaffen
Der wilde, rauhe, dichte Wald gewesen,
Der mir die Furcht erneut bei der Erinnrung!

So bitter ist es, daß der Tod kaum bittrer.
Doch um des Heils, das ich darin gefunden,
Red' ich von Andrem noch, das ich drin sah.

Wie ich hineingerathen, weiß ich kaum
Zu sagen, so voll Schlafs war ich zur Zeit,
Als ich den rechten Weg verlassen hatte.

Doch als an eines Hügels Fuß ich kam,
Allda wo jenes Thal zu Enge ging,
Das mir mit Furcht das Herz gepeinigt hatte,

Blickt ich empor und sah seine Schultern
Bekleidet mit den Strahlen des Planeten,
Der jeden grade führt auf allen Wegen.

Da ward die Furcht in mir etwas beruhigt,
Die in des Herzens Weiher angedauert,
Die Nacht, die ich vollbracht in solchem Jammer.

Und gleich wie der, der mit beklommnem Athem
Sich aus dem Meer gerettet hat ans Ufer,
Sich zu der falschen Fluth kehrt und dahinstarrt:

So wandte sich mein Geist, der auf der Flucht noch,
Wieder zurück die Bergschlucht zu betrachten,
Die nie den Menschen lebend noch entließ.

Als ich den müden Leib etwas geruht,
Stieg ich empor den wüsten Abhang wieder,
So daß der feste Fuß der unt're stets

Und siehe da! schon beim Beginn der Steile
Ein leichtes und behendes Pantherthier
Das mit geflecktem Haare war bedeckt,

Und das nicht wich vor meinem Angesicht,
Vielmehr den Weg mir so behinderte,
Daß mehrmals ich zur Rückkehr schon mich wandte.

Es war die Zeit um den Beginn des Morgens,
Die Sonne stieg empor mit dem Geleite
Der Sterne, die mit ihr, als Gottes Liebe

Die schönen Dinge all' zuerst bewegte;
So daß das Thier mit seinem bunten Felle,
Die Tagesstunde und die süße Jahrszeit

Mir Anlaß wurden guten Muth zu fassen;
Jedoch nicht so, daß mir nicht Furcht erwecket
Der Anblick eines Leun, der mir erschien.

Erhob'nen Hauptes und mit grimm'gem Hunger
Schien er auf mich sich loszustürzen, so
Daß sich die Luft vor ihm zu fürchten schien:

Und eine Wölfin, die mit allen Gieren
In ihrer Magerkeit beladen schien,
Und vielen Menschen Leid schon hat bereitet.

Die Furcht, die ihr Anblick in mir erzeugte,
Verursachte so viel Beschwerde mir,
Daß ich die Höhe zu erreichen aufgab.

Und wie der Mann, der gern erwerben möchte,
Kommt dann die Zeit, die ihm Verluste bringt,
Nichts andres denkt, nur weinet und sich härmt,

So ward mir, als das ruhelose Thier,
Das mir entgegen kam, mich nach und nach
Zurücktrieb, dahin wo die Sonne schweigt.

Während ich so der Tiefe zu mich stürzte,
Erschien vor meinen Augen plötzlich Einer,
Der langes Schweigens wegen matt mir schien.

Als in der großen Wüst' ich diesen sah,
Da rief ich ihm: erbarm' dich meiner, zu,
Wer du auch seist, ob wahrer Mensch ob Schatten!

Nicht Mensch, erwiedert' er, Mensch war ich einst,
Und die Erzeuger mein waren Lombarden
Und beide Mantuaner von Geburt.

Ob spät auch, war sub Julio ich geboren
Und lebt' in Rom unter August dem gten
Zur Zeit der falschen und erlog'nen Götter.

Ein Dichter war ich und sang von dem frommen
Sohn des Anchises, der aus Troja kam,
Nachdem das stolze Ilion verbrannt war.

Doch du, was kehrst zurück zu solchem Jammer?
Warum ersteigst den schönen Berg du nicht,
Der Urquell ist und Anlaß jeder Freude?

So bist du der Virgil und jene Quelle,
Welche so breiten Strom der Red' ergießt!
Antwortet' ich ihm mit verschämter Stirne.

O du der andern Dichter Ehr' und Licht,
Rechne mir an den Eifer und die Liebe,
Die mich getrieben dein Werk zu erforschen!

Du bist mein Meister, du allein mein Vorbild,
Du bist der Einzige, dem ich entlehnt
Den schönen Stil, der Ehre mir gebracht.

Sieh dort das Thier, wes wegen ich mich wandte!
Hilf mir von ihm, o du berühmter Weiser,
Denn Puls und Adern läßt es mir erbeben!

Dir ziemt es andre Wege einzuschlagen,
Erwiedert' er, als er mich weinen sah,
Willst du aus diesem wilden Ort entkommen.

Denn dieses Thier, um welches du mich anrufst,
Gestattet keinem seines Wegs zu ziehn,
Behindert ihn vielmehr, bis es ihn tödtet.

Es ist so grausamer und schlimmer Art,
Daß es die gier'ge Lust nie ganz ersättigt
Und nach dem Fraß mehr Hunger als zuvor hat.

Mit vielen Thieren pflegt sich's zu begatten,
Und thut's mit mehrern noch, bis daß der Windhund
Erscheint, der unter Schmerzen es ertödtet.

Der wird von Land und Gelde sich nicht nähren,
Von Weishheit nur, von Tapferkeit und Liebe,
Und zwischen beiden Feltro's liegt sein Ursprung.

Italiens, des armen, Heil ist er,
Für das Euryalus, Turnus und Nisus,
Camilla auch, die Jungfrau, einst gestorben.

Er wird das Thier aus allen Städten treiben,
Bis er zurückgetrieben es zur Hölle,
Von wo der erste Neid es ausgesendet.

Weshalb zu deinem Heil ich mein' und ordne,
Daß du mir folgst, ich dein Führer sei.
Ich leite dich durch einen ew'gen Ort

Von hier, wo du verzweiflungsvolles Kreischen
Vernehmen, und die alten Geister sehn wirst,
Die alle nach dem zweiten Todte schrein.

Und dann wirst du die sehen, die zufrieden
Im Feuer sind, weil sie zu kommen hoffen,
Wann es auch sein mag, zu den sel'gen Schaaren.

Willst den zu diesen dann empor noch steigen,
Find'st eine würd'gre Seele
Mit dieser lass' ich dich bei meinem Scheiden.

Denn jener Kaiser, der dort oben herrscht,
Weil ich seinem Gesetze nicht gehorcht,
Will nicht, daß wen zu seiner Stadt ich führe.

Im ganzen Weltall herrscht er, dort regiert er,
Dort ist sein hoher Sitz und seine Stadt.
O selig der, den er für dort erwählet.

Und ich zu ihm: - Ich fleh' dich an, o Dichter,
Bei jenem Gotte, den du nicht gekannt,
Auf daß ich dies und schlimmres Unheil meide,

Daß du mich führest, wie du eben sagtest,
Daß ich das Thor Sanct Peters möge sehen
Und jene, die so traurig du geschildert.

Drauf schritt er vor und ich hielt hinter ihm mich.


Gesang 02

Es neigte sich der Tag, die dunkle Luft
Enthob die Thiere, die auf Erden sind,
Von ihren Müh'n, nur einzig und alleine

Schickt' ich mich an die Mühsal zu bestehn,
So wie des Weges, so des Mitleids auch,
Die schildern soll Erinn'rung, die nicht irret.

O Musen, hoher Geist, jetzt steht mir bei!
Gedächtniß, das verzeichnet ich sah,
Dein Adel, wird hierin sich offenbaren.

Und ich begann: Der du mich führst, o Dichter,
Erwäge meine Kraft, ob sie ausreichend,
Eh' du so schwier'gem Pfade aus mich setzest.

Du sagst zwar, daß des Sylvius Erzeuger,
Er selbst noch sterblich, zu unsterblichen
Welten gelangte und leibhaftig dort war;

Doch wenn der Widersacher alles Bösen
Ihm huldreich war, weil er erwog die Wirkung,
Die ausgehn sollt' von ihm, das Wer, das Was,

Kann kein verständ'ger Mann es billig tadeln,
Weil er zum Vater war der hohen Roma
Und ihres Reichs im Himmel ausersehen.

Und beide, dir die Wahrheit nicht zu bergen,
Gegründet wurden für den heil'gen Ort,
Allwo der Erbe weilt des größten Petrus.

Auf dieser Reise, die du von ihm rühmst,
Vernahm er Dinge, welche ihm den Sieg,
Dem Pabste Gründung seiner Würde schafften.

Dann ging dahin das auserwählte Rüstzeug,
Um Stärkung für den Glauben dort zu holen,
Der da der Anfang ist zum Weg des Heils.

Doch ich, - warum dort hingehn? wer erlaubt es?
Ich bin Aeneas nicht, ich bin nicht Paulus,
Nicht würdig deß halt' ich mich, noch wer anders.

Laß ich daher zum Wandern mich verleiten,
So möchte leicht mein Kommen thöricht sein;
Als Weiser weißt du's besser, als ich's sage.

Und wie dem ist, der aufgiebt, was er wollte,
Durch neues Denken seinen Vorsatz ändernd,
So daß er das Beginnen unterläßt:

So ward auch mir an diesem dunkeln Abhang,
Weshalb nachdenkend ich das Unternehmen
Aufgab, das erst so eilig ich ergriffen.

Wenn ich dein Wort richtig verstanden habe,
Erwiederte des Großgesinnten Schatten,
So ist dein Geist von Feigheit angegriffen,

Die nur zu oft den Menschen so erfüllet,
Daß sie von wackrem Thun ihn also abschreckt,
Wie falsches Sehn die Thiere, wenn sie scheuen.

Damit von dieser Furcht du dich befreiest,
Sag' ich, weshalb ich kam und was ich hörte,
Da wo zuerst ich deiner mich erbarmte.

Ich war bei denen, deren Loos noch schwebend,
Als mich ein seliges und schönes Weib rief,
So daß ich sie mir zu befehlen bat.

Es leuchteten die Augen mehr als Sterne,
Und sie begann zu sprechen sanft und leise
Mit engelgleicher Stimm' in ihrer Rede.

O edle Mantuaner Seele, du
Deß Ruhm noch immer in der Welt andauert,
Und dauern wird so lange als die Welt;

Mein Freund, der aber nicht Fortuna's Freund ist,
Wird auf dem wüsten Abhang so behindert
In seinem Weg, daß er aus Furcht schon umkehrt;

So daß ich fürcht', er ist schon so verirret,
Daß ich zu spät zur Hilfe mich erhoben,
Nachdem was ich von ihm gehört im Himmel:

So mach' dich auf, und mit der edlen Rede
Und allem, was zu seiner Rettung dienet,
Hilf so ihm, daß ich drob erfreuet werde!

Ich bin Beatrix, die dich gehen heißt;
Zurück, woher ich komme, sehn' ich mich;
Liebe bewog mich, die mich sprechen läßt.

Bin vor dem Antlitz meines Herrn ich wieder,
Will deiner lobend ich vor ihm gedenken.
Drauf schwieg sie und alsbald beegann ich also:

Weib aller Tugend, du durch welch' allein
Die Menschheit alles überragt, was einschießt
Der Himmel, der die kleinsten Kreise bildet,

So sehr erfreut mich dein Gebot, daß, wär's auch
Erfüllt schon, doch zu spät es mir erschiene:
Mehr deinen Wunsch mir zu enthüll'n bedarf's nicht.

Doch sage mir den Grund, daß du nicht fürchtest
In diesen Mittelpunkt hinabzusteigen
Vom weiten Ort, wohin zurück dein Sehnen.

Da du, sprach sie, so gründlich willst erfahren,
Warum ich mich nicht scheu' hinab zu kommen,
So will ich kürzlich dir es denn berichten.

Nur solche Dinge soll man billig fürchten,
Die Macht besitzen Schaden uns zu thun;
Die andern nicht, denn sie sind nicht zu fürchten.

Ich bin durch Gottes Gnade so beschaffen,
Daß euer Elend hier mich nicht berührt,
Und keine Flamme dieses Brand's mich anficht.

Ein edles Weib ist droben, die beklaget
Das Hinderniß, zu dem ich dich entsende,
So daß sie harten Spruch im Himmel umstößt.

Sie wandte an Lucien ihre Bitte
Und sprach: Jetzo bedarf dein Vielgetreuer
Deiner gar sehr und ich empfehl' ihn dir.

Lucia, Feindin jeder Grausamkeit,
Machte sich auf und kam zum Orte, wo
Mein Sitz neben der greisen Rahel war.

Sie sprach: Beatrix, du wahres Lob Gottes,
Was hilfst du dem nicht, der dich so geliebt,
Daß er den großen Haufen mied um dich?

Hörst du den Jammer seiner Klage nicht?
Siehst nicht den Tod, der ihm droht am Gewässer,
Das an Gefahr das Meer noch übertrifft?

Nie eilte seinen Vortheil zu ergreifen
So schnell wer, oder Schaden zu vermeiden
Als ich, nachdem sothane Wort' ich hörte.

Ich kam herab von meinem sel'gen Sitze
Vertrauend auf den Adel deiner Rede
Die dich und alle, die sie hören, ehrt.

Nachdem sie dies gesprochen, wandte sie
Die lichten Augen weinend von mir ab,
Wodurch sie mich noch schneller trieb zum Kommen.

Und zu dir kam ich, so wie sie es wollte,
Ich rettete vor jenem Thiere dich,
Das dir den Weg zum schönen Berg verlegte.

Was ist's denn nun? warum nur sträubst du dich?
Was lockst du solche Kleinmuth in dein Herz?
Was hegst du Kühnheit nicht und frischen Muth?

Da doch drei solche heil'ge Frauen deiner
Sorglich gedenken an dem Hof des Himmels,
Und mein Wort so viel Gutes dir verheißt?

Wie Blümlein, die der Nachtfrost senkt' und schloß,
Wenn dann die Morgensonne sie bestrahlet
Geöffnet auf dem Stiele sich erheben,

So ward die matte Kraft in mir gehoben
Und so viel Kühnheit strömte mir zum Herzen,
Daß ich mit frischen Muthe so begann:

O mitleidsvoll, die Hülfe mir geleistet,
Und freundlich du, der du so schnell gehorcht
Den treuen Worten, die sie dir entboten.

Du hast mit deinen Worten so die Sehnsucht
Nach dieser Reis' im Herzen mir entzündet,
Daß ich zurückgekehrt zum ersten Vorsatz.

So geh! denn nur Ein Will' ist in uns beiden,
Sei Führer, Meister und Gebieter du!
So ich zu ihm, und als er sich bewegte,

Betrat ich nun den schwier'gen, wilden Weg.


Gesang 03

Durch mich geht's ein zur trauervollen Stadt,
Durch mich geht's ein zum ewiglichen Schmerze,
Durch mich geht's ein zu dem verlornen Volke;

Gerechtigkeit bewog meinen Erbauer,
Die Allmacht Gottes ist's die mich geschaffen,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe;

Erschaffne Dinge gab es vor mir keine
Als ew'ge nur, und auch ich daure ewig;
Gebt jede Hoffnung aus die ihr eintretet!

Sothane Worte sah mit dunkler Farbe
Geschrieben ich am Gipfel einer Pforte,
Weshalb ich: Meister, hart dünkt mich ihr Sinn!

Und er zu mir als ein erfahrner Mann:
Jedweder Argwohn muß hier ferne bleiben,
Jedwede Feigheit hier ertödtet werden;

Zum Ort sind wir gekommen wo ich sagte,
Du werdest sehn das schmerzerfüllte Volk,
Das der Erkenntniß Gut verloren hat.

Und als er seine Hand zur meinen fügte,
Mit heitrem Antlitz, drob ich mich erfreute,
Führt er mich ein in die geheimen Dinge.

Und siehe Seufzer, Klagen, lautes Weh
Durchtönten hier die sternenlose Luft,
Weshalb im Anfang ich darüber weinte.

Verschiedne Zungen und gräuliche Sprachen,
Des Schmerzes Worte, zornentbrannte Laute,
Hände zusammenschlagen, Kreischen, Wimmern:

Daraus entstand ein Brausen, das beständig
In dieser ewig dunkeln Luft umkreiset
So wie der Sand, wenn Wirbelwind ihn treibt.

Und ich, deß Haupt von Grauen war umwoben,
Sprach: Meister, was ist das was ich vernehme,
Welch Volk ist das, das so von Schmerz besiegt scheint?

Und er zu mir: Die jammervolle Weise
Verführen die elenden Seelen derer,
Die ohne Lob gelebt und ohne Schande.

Gemischt sind sie mit dem nichtswürd'gen Haufen
Der Engel die nicht offen sich empört,
Noch ihrem Gotte treu, für sich geblieben.

Verstoßen aus dem Himmel, den sie schänden,
Nimmt auch die tiefe Hölle sie nicht auf,
Weil ein'gen Ruhm sie doch den Sündern brächten.

Und ich: Was ist denn ihnen so beschwerlich,
Das sie so heftig jammern läßt, mein Meister?
Das will ich dir ganz kürzlich sagen, sprach er.

Die haben keine Hoffnung je zu sterben,
Und ihr elendes Leben ist so niedrig,
Daß jedes andre Schicksal sie beneiden.

Es bleibt kein Ruhm von ihnen in der Welt,
Erbarmen und Gerechtigkeit verschmäht sie.
Kein Wort von ihnen! schau und geh vorüber!

Und als ich hinsah, schaut' ich eine Fahne
Die wirbelnd sich so schnell im Kreise drehte,
Daß jeder Rast sie mir unwillig schien.

Und hinter ihr kam ein so langer Zug
Von Leuten, daß ich nicht geglaubt, der Tod
Könne so viele schon vernichtet haben.

Nachdem von ihnen ein'ge ich erkannt,
Sah und erkannt ich auch alsbald den Schatten
Deß der aus Kleinmut Großem einst entsagt.

Sogleich begriff ich nun und ward gewiß,
Daß dies die Schaar sei der nichtswürd'gen Seelen,
Die Gott mißfallen gleich wie seinen Feinden.

Die unglücksel'gen, die nie wahrhaft lebten,
Nackt waren sie und viel gestachelt auch
Von Bremsen und von Wespen die dort waren.

Drob war von Blut ihr Angesicht berieselt,
Das dann mitsammt den Thränen aufgesogen
Von eklen Würmern ward zu ihren Füßen.

Und als ich weiter nun zu schau'n versuchte,
Sah ich am Ufer eines großen Flußes
Ein Volk, weshalb ich: Meister nun gewähre

Mir daß ich wisse, wer sie sind und weshalb
Zum Ueberfahren sie so eilig scheinen,
Wie in dem schwachen Licht ich unterscheide.

Und er zu mir: Es werden kund dir werden
Die Dinge, wenn wir unsre Schritte hemmen
Am jammervollen Ufer Acherons.

Drauf mit verschämtem und gesenktem Auge,
Aus Furcht daß meine Rede ihm beschwerlich,
Enthielt ich mich des Sprechens bis zum Flusse.

Und sieh' da kam zu Schiffe auf uns zu
Ein Greis, deß Haar vor Alter ganz erblichen,
Der laut rief: Weh' euch, ihr verruchten Seelen!

Hofft nimmermehr den Himmel zu erblicken;
Zum andern Ufer komm' ich euch zu führen,
Zu ew'ger Finsterniß zu Hitz' und Frost.

Und du, der du dort stehst, lebend'ge Seele,
Hebe dich fort von diesen die da todt sind!
Doch als er sah, daß ich mich nicht entfernte,

Sprach er: Durch andre Wege, andre Häfen
Mußt du, nicht hier, zum Uebersetzen kommen;
Ein leichtres Boot ist's das dich tragen muß.

Der Führer drauf: Charon, erzürn' dich nicht!
So will man's droben, da wo man vermag
Das was man will; nun weiter nicht gefragt!

Da wurden ruhig die behaarten Wangen
Des Steuermannes des bläulichen Sumpfes
Der Feuerräder um die Augen hatte.

Doch jene Seelen, die da nackt und matt
Verfärbten sich und klappten mit den Zähnen,
Sobald als sie die grausen Worte hörten.

Gott und den Eltern und der ganzen Menschheit,
Der Zeit, dem Ort, dem Saamen fluchten sie,
Ihrer Erzeugung und ihrer Geburt.

Dann zogen sie sich alle miteinander
Mit heft'gem Weinen an das böse Ufer,
Das jedes Menschen harrt der Gott nicht fürchtet.

Charon der Dämon treibt sie all' zusammen,
Zuwinkend ihnen mit den glüh'nden Augen,
Schlägt mit dem Ruder jeden der da zaudert.

So wie im Herbste sich die Blätter lösen
Eins nach den andern, bis zuletzt der Zweig
All seinen Schmuck am Boden liegen sieht,

So macht es hier der schlimme Saame Adams.
Vom Ufer stürzen sie, eins nach dem andern
Dem Winke folgend, wie der Falk' dem Lockruf.

So ziehn sie hin über die dunkle Woge.
Und ehe sie noch drüben ausgestiegen,
Sammelt sich hier schon eine neue Schaar.

Mein Sohn, sprach freundlich jetzt zu mir der Meister,
Diejen'gen die im Zorne Gottes sterben,
Versammeln hier aus jedem Lande sich;

Ueber den Strom zu setzen eilen sie,
Weil göttliche Gerechtigkeit sie treibt,
So daß die Furcht sich in Begier verwandelt.

Nie fährt hier eine gute Seele über.
Drum, wenn sich Charon über dich beklagt,
Begreifst du nun wohl was sein Wort bedeutet.

Als dies beendiget, erbebte so
Die dunkle Ebene, daß die Erinn'rung
Jenes Entsetzens noch in Schweiß mich badet.

Ein Sturm brach aus der thränenreichen Erde,
Aus dem ein rothes Licht erblitzte, so
Daß jegliches Gefühl in mir betäubt ward.

Und wie vom Schlaf ergriffen fiel ich nieder.


Gesang 04

Es brach den tiefen Schlaf in meinem Haupte
Ein schwerer Donner, so daß ich empor fuhr
Wie einer der gewaltsam wird gewecket.

Und ganz nun aufgerichtet fandt' ich rings
Das ausgeruhte Aug' und schaute scharf hin,
Um zu erkennen wo ich mich befände.

Die Wahrheit ist, daß ich mich an dem Rande
Des schmerzerfüllten Thals des Abgrunds fand,
Das Tön' unendlicher Wehklage aufnimmt.

Tief war es, nebelangefüllt und dunkel,
Daß wie mein Blick die Tiefe auch erforschte,
Ich doch darin nichts unterscheiden konnte.

Laß jetzt hinab zur blinden Welt uns steigen!
Begann nunmehr mein Dichter, ganz erblaßt;
Der erste will ich sein, sei du der zweite!

Und ich, der sein Erblassen wohl bemerkte,
Sprach: Wie nur soll ich kommen, wenn du zagest,
Der Trost mir sonst bei meinem Bangen giebt?

Und er zu mir: Der Jammer jener Leute,
Die unten dort, malt mir auf das Gesicht
Des Mitleids Farbe, die als Furcht du deutest.

Gehn wir! es treibt der lange Weg zur Eile.
So trat er ein und ließ auch mich betregen
Der Kreise ersten, der den Abgrund gürtet.

An diesem Orte, wie das Ohr verrieth,
Gab's andre Klagen nicht als Seufzer nur,
Wovon die Luft hier ewiglich erbebte.

Und solches kam von Trauer ohne Qualen
Der vielen und der großen Schaaren hier
Von Kindern und von Frauen und von Männern.

Du fragst nicht, sprach zu mir der gute Meister,
Was das für Geister sind, die du hier siehst?
So sollst du wissen, eh' du weiter gehest:

Sie sündigten wohl nicht, doch ihr Verdienst
Genüget nicht, dieweil sie nicht getauft;
Was ja ein Theil des Glaubens, der der deine.

Und lebten sie auch vor dem Christenthume,
So ehrten sie doch Gott nicht wie sie sollten:
Und solcher Geister einer bin ich selbst.

Ob solches Fehls und nicht ob andrer Schuld
Sind wir verloren und nun so gestraft,
Daß ohne Hoffnung wir in Sehnsucht leben.

Gar tief ging mir's zu Herzen als ich's hörte,
Da ich vernahm, daß Leute hohen Werthes
In diesem Limbus schwebend sich verhielten.

Sag' mir, mein Meister, sage mir, o Herr,
Begann ich nun Gewißheit zu erlangen
Des Glaubens, der jedwedem Irrthum obsiegt,

Verließ den Ort, durch eignes oder fremdes
Verdienst je einer, der dann selig wurde?
Und er, der mein verhülltes Wort verstand,

Erwiederte: Ich war in diesem Zustand
Noch neu, als hier ein Mächtiger erschien,
Der mit des Sieges Zeichen war gekrönet.

Den Schatten des ersten Erzeugers und
Adels führt' er hinweg und den des Noë
Des Moses, der gehorsam gab Gebote,

Abra'm, den Patriarchen, König David
Und Jakob mit dem Vater und den Kindern,
Und Rahel auch, für die er so viel that;

Und andre noch, und machte selig sie.
Und wissen sollst du, daß vor diesen keine
Menschliche Seelen je erlöset wurden.

Obwohl er sprach, säumten wir nicht zu gehen,
Vielmehr durchschritten eilig wir den Wald,
Den Wald, sag' ich, von dichtgedrängten Geistern.

Nicht lange waren diesseits wir der Höhe
Gegangen, als ein Feuer ich erblickte,
Das weit umher die Finsterniß besiegte.

Wir waren noch davon in ein'ger Ferne,
Doch nicht so weit, daß ich nicht wahrgenommen,
Daß ehrenwerthes Volk den Ort bewohnte.

O du der jede Wissenschaft und Kunst ehrst,
Wer sind denn die, die solch Vorrecht genießen,
Das sie entfernet von der Andern Weise?

Und er zu mir: Der ehrenvolle Ruf,
Der ihrer noch gedenkt in deinem Leben,
Wirkt Himmelsgnade, die sie so bevorzugt.

Indessen ward ein Ruf von mir vernommen:
Ehret den höchsten Dichter, denn sein Schatten,
Der fortgegangen, kehrt zu uns zurück.

Nachdem die Stimme schwieg und nun verhallt war,
Sah ich zu uns vier große Schatten kommen;
Ihr Ansehn war nicht traurig, noch auch heiter.

Der gute Meister drauf begann zu mir:
Schau den an, der ein Schwert führt in der Hand
Und vor den andern als Gebieter hergeht:

Das ist Homer, der Fürst unter den Dichtern,
Ihm folgt Horatius, der Satirschreiber,
Der dritte ist Ovid, Lukan der letzte.

Da alle auf dem Namen Anspruch haben,
Den mir die Stimme vorhin beigelegt,
Thun sie mir Ehr' an und thun wohl daran.

So sah die schöne Schul' ich sich vereinen,
Der Meister des erhabensten Gesanges,
Der abergleich die andern überfliegt.

Nachdem sie eine Zeitlang sich besprochen,
Wandten zu mir sie sich mit holdem Gruße,
Darob mein Meister freundlich lächelte.

Und viel mehr Ehre noch erwiesen sie mir,
Daß sie zu ihrer Schaar auch mich gesellten,
So daß der sechst' ich ward von solchen Geistern.

So schritten wir nun vor bis zu der Helle,
Von Dingen sprechend, die ich hier verschweige,
So wie es schön war dort davon zu reden.

Wir kamen jetzt zu einer edlen Veste,
Umgürtet siebenmal von hohen Mauern
Und rings von einem schönen Bach vertheidigt.

Den überschritten wir wie festen Boden,
Durch sieben Thore trat mit jenen Weisen
Ich ein zu einer frischen grünen Wiese.

Mit ernsten ruh'gen Augen sah ich dort
Leute von großer Würd' in ihrem Aussehn.
Sie sprachen selten und mit sanfter Stimme.

Wir zogen nun nach einer Seit' uns hin,
Zu einer hohen, hellen, offnen Stelle,
Von wo wir alle sie erblicken konnten.

Dort grade vor uns auf der grünen Matte,
Zeigte man mir die großen Geister, die
Gesehn zu haben ich noch in mir jauchze.

Elektra nebst Gefährten lernt' ich kennen,
Worunter Hektor und Aenas und
In Waffen Cäsar mit den Falkenaugen.

Camilla sah ich und Penthesilea,
Latinus auch, den König andrerseits,
Der mit Lavinia, seiner Tochter, dasaß.

Den Brutus sah ich, der Tarquin vertrieb,
Lucretia, Martia, Julia und Cornelia, br> Und einsam abseits sah' ich Saladin.

Nachdem das Aug' ich etwas mehr erhoben,
Sah' ich den Meister derer die da wissen,
Inmitten philosoph'scher Schüler sitzen.

Sie sehen all' auf ihn und huld'gen ihm.
Dort sah den Sokrates, den Plato ich,
Die vor den andern ihm am nächsten stehn;

Demokritus, dem zufällig die Welt scheint,
Diogen, Anaxagoras und Thales,
Empedokles und Heraklit und Zeno;

Der Pflanzen Eigenschaften Forscher sah' ich,
Dioskorides mein' ich, Orpheus, Tullius,
Den Moralisten Seneka und Linus,

Euklid den Geometer, Ptolemäus,
Hippokrates, Galen und Avicenna,
Averroës, den großen Commentator.

Ich kann von allen nicht ausführlich reden,
Weil so der große Gegenstand mich treibt,
Daß gegen ihn die Rede of zurückbleibt.

Von sechsen, die wir waren, blieben zwei nur.
Auf anderm Wege führt deer weise Dichter
Mich aus der ruh'gen Luft in die da bebet,

In eine Gegend wo nichts ist was leuchtet.


Gesang 05

So stieg ich aus dem ersten Kreis hinab
Zum zweiten, der geringern Raum umschließt,
Doch mehr des Schmerzes der zum auffschrei'n stachelt.

Graunvoll steht Minos hier und fletscht die Zähne.
Er untersucht die Sünden gleich beim Eintritt,
Urtheilt und sendet je nachdem er umschlingt.

Wenn eine schlimmgeborne Seele, sag' ich,
Vor ihn hintritt, muß jegliches sie beichten,
Und er, der Sünd' untrüglicher Erkenner,

Sieht, welcher Ort der Hölle ihr gebühret,
Umschlingt sich mit dem Schwanz so viele male
Als Stufen er hinab sie senden will.

Stets flehen viele vor ihm, und sie kommen
Die eine nach der andern zum Gericht;
Sie sprechen, hören, stürzen dann hinab.

Du, der du kommst zur schmerzenreichen Wohnung,
Sprach zu mir Minos als er mich erblickte,
So großen Amtes Uebung unterbrechend,

Sieh wie du eingehst und wem du vertrauest.
Laß dich nicht täuschen durch des Eingangs Weite!
Mein Führer drauf zu ihm: Warum nur schreist du?

Verhindre nicht sein schicksalsvolles Wandeln!
So will man's droben, da wo man vermag
Das was man will, und weiter nicht gefragt!

Nunmehr beginnen die schmerzvollen Töne
Gehört zu werden, denn ich bin gekommen
Dahin wo vieler Klagelaut mich trifft.

Ich kam an einen Ort wo jedes Licht schweigt,
Der brüllet wie das Meer beim Sturme thut,
Wenn von verschiedenen Winden es gepeitscht wird.

Der Höllensturmwind, der da nimmer ruht,
Reißt ungestüm die Geister mit sich fort,
Sie wälzend und sie peitschend quält er sie.

Wenn an den Absturz sie gekommen sind,
Da bricht das Schreien, Klagen, Jammern los,
Da fluchen laut sie Gott und seiner Macht.

Ich hörte nun, daß zu sothaner Qual
Verdammet seien die fleischlichen Sünder,
Die die Vernunft den Lüsten unterwerfen.

Und wie die Staaren trägt ihr Flügelpaar
Zur Winterzeit in breiten vollen Schaaren,
So jener Windhauch hier die schlimmen Geister.

Er führt hinauf, hinab, hier und dort hin sie;
Von keiner Hoffnung werden sie getröstet,
Nur mind'rer Pein, geschweige denn der Rast.

Und wie die Kraniche in langer Reihe
Mit Klagelaut dahin ziehn in der Luft,
So sah ich weheklagend daher kommen

Schatten getragen von besagter Pein.
Weshalb ich: Meister, wer sind diese Leute,
Welche die schwarze Luft also bestraft?

Die erste jener Seelen, wovon Kunde
Du haben willst, sprach er darauf zu mir,
Beherrschte Völker von verschied'nen Zungen;

Der Wollust Laster war sie so ergeben,
Daß ihr Gesetz Beliebtes zum Erlaubten
Erhob, die Schmach zu tilgen die sie drückte.

Es ist Semiramis, von der man liest,
Daß sie dem Minus folgte, dem Gemahl:
Das Land beherrschte sie, das jetzt des Sultans.

Die andr' ist die, die sich aus Lieb' ermordet
Und Treue brach der Asche des Sichäus;
Dann kommt Cleopatra, die Buhlerin.

Helena sah ich, die so schlimme Zeiten
Herbeigeführt, und sah Achill den großen,
Der mit der Liebe noch zuletzt gekämpft.

Ich sah Paris, Tristan und mehr als tausend
Nannt' er mir, mit dem Finger sie mir zeigend,
Die Amor alle einst um's Leben brachte.

Nachdem mein Lehrer so mir nun genannt
Die Frau'n und Ritter jener alten Zeiten,
Bezwang mich Mitleid, und fast ganz verwirrt

Begann ich: Dichter, allzugerne spräch' ich
Mit jenen beiden die beisammen gehn,
Und die so leicht erscheinen vor dem Winde.

Und er zu mir: Sieh zu! sobald sie näher
Gekommen, dann beschwör' sie bei der Liebe,
Die sie noch hinreißt, und sie werden kommen.

Sobald als sie der Wind zu uns gebogen,
Erhob die Stimm' ich: Ihr gequälten Seelen
Kommt, sprecht zu uns, wenn nicht wer es verbietet!

Wie Tauben von der Sehnsucht hingezogen
Zum süßen Nest, mit offnen, festen Flügeln
Getragen von dem Willen durch die Luft ziehn,

So traten diese auf der Schaar der Dido
Auf uns zukommend durch die böse Luft:
So mächtig war der liebevolle Ruf.

O freundliches, o liebevolles Wesen,
Das durch die dunkle Luft uns aufgesucht,
Die wir die Welt mit unserm Blut gefärbt;

Wenn freundlich uns des Weltalls König wäre,
Wir wollten ihn für dich um Frieden bitten,
Weil Mitleid du mit unserm Elend fühlst.

Was ihr zu hören, was zu sprechen wünschet,
Das hören wir uns sprechen zu euch,
Während der Wind so wie er jetzt thut schweigt.

Es liegt die Stadt, wo ich geboren ward,
Am Meeresufer, wo der Po hiabsteigt
Um Ruh' zu finden mit seinem Gefolge.

Die Lieb', in edlen Herzen leicht entzündet,
Ergriff für meine Schönheit diesen hier,
Die mir geraubt, und noch verletzt die Art mich.

Die Liebe, die stets Gegenliebe fordert,
Ergriff mit Lust an diesem mich so mächtig,
Daß, wie du siehst, sie noch mich nicht verläßt.

Die Liebe führt' zu Einem Tod' uns beide;
Caïna harret deß, der uns getödtet.
Sothane Worte reichten sie uns dar.

Als die verletzten Seelen ich gehört,
Senkt' ich das Haupt und hielt so lang' es nieder,
Bis daß der Dichter zu mir sprach: Was sinnst du?

Als ich antwortete begann ich: Wehe!
Wie viel süße Gedanken, welche Sehnsucht
Hat sie zum schmerzenvollen Tod geführt!

Dann wand't ich mich zu ihnen und beginnend
Sprach ich: Franciska, deine Qualen machen
Mitleidig mich und traurig bis zum Weinen.

Doch sage mir: Zur Zeit der süßen Seufzer,
Woran und wie gewährte euch die Liebe
Daß ihr die zweifelhaften Wünsch' erkanntet?

Und sie zu mir: Nicht größ'ren Schmerz wohl giebt es
Als sich glücksel'ger Zeiten zu erinnern
Im Elend, und das weiß dein Lehrer wohl.

Doch wenn den ersten Keim zu unsrer Liebe
Du zu erfahren so begierig bist,
Will ich so reden: wie wer weint und spricht.

Wir lasen eines Tages zum Vergnügen
Von Lancelot, wie Amor ihn umstrickt;
Allein und ohne Argwohn waren wir.

Mehr als einmal trieb unsre Augen an
Dies Lesen und entfärbte unser Antlitz,
Doch nur ein Umstand war's, der uns besiegt.

Der: als wir lasen, wie solch Liebender,
Das langersehnte Lächeln nun geküßt,
Da küßte dieser, der in Ewigkeit

Nicht von mir weicht, den Mund mir ganz erbebend.
Ein Kuppler war das Buch und der's geschrieben!
An jenem Tage lasen wir nicht weiter.

Während der eine Geist so zu mir sprach,
Weinte der andre so, daß ich vor Mitleid
Ohnmächtig wurde, gleich als ob ich stürbe,

Und hinfiel wie ein todter Körper fällt.


Gesang 06

Bei der Besinnung Rückkehr, die gewichen
Vorhin beim Jammer der Verschwägerten,
Der mir den Geist mit Traurigkeit verwirrt,

Sah neue Qualen ich, neue Gequälte
Rings um mich her, wie ich mich auch bewege,
Wie ich mich wende und wohin ich schaue.

Ich stehe nun am dritten Kreis des Regens,
Des ewigen, verwünschten, kalten, schweren,
Deß Ordnung, Art und Weise sich nie ändert.

Grobkörn'ger Hagel, trübes Wasser, Schnee
Ergießen durch die finstre Luft sich hier;
Es stinkt der Boden, der das alles aufnimmt.

Das grausame, absonderliche Unthier
Cerberus bellet hündisch mit drei Rachen,
Ueber den Schatten, die allhie versunken.

Roth sind die Augen, schwarz und fett der Bart,
Der Wanst ist breit, mit Klau'n versehn die Hände;
Er kratzt die Geister, schindet und zerfleischt sie.

Es läßt der Regen heulen sie wie Hunde,
Sie wenden oft sich, die unheil'gen Seelen,
Daß eine Seite dann die andre schütze.

Als Ceberus, der große Wurm, uns sah,
Sperrt er die Rachen auf und zeigt' die Hauer,
Kein Glied an seinem Leibe blieb in Ruhe.

Mein Führer drauf streckte die Hände aus,
Nahm Erde und mit vollen Fäusten warf
Hinab er sie in die begier'gen Schlünde.

Gleich einem Hunde, der da bellend geilet,
Und ruhig wird, wenn er den Fraß gepackt hat,
Denn den nur zu verschlingen strebt und ringt er,

So sänftigen die schmutz'gen Angesichter
Des Dämons Cerberus sich, der betäubet
Die Seelen so, daß lieber taub sie wären.

Ueber die Schatten, die der Regen peitscht,
Schritten wir hin und setzten unsre Füße
Auf ihre Nichtigkeit, die leiblich scheint.

Am Boden lagen sie mitsammen alle,
Nur einer nicht, der sitzend sich erhob,
Als er uns sah an ihm vorübergehn.

O du, der durch die Hölle so geführt wird,
Sprach er, erkenne mich, wenn du's vermagst;
Du bist entstanden, eh' ich ward vernichtet.

Und ich zu ihm: Die Qualen die du duldest,
Entziehen dich vielleicht meinem Gedächtniß,
So daß mir scheint, ich sah zuvor dich nimmer.

Doch sag', wer bist du, der zu solchem Orte
Und so beschaff'ner Pein verdammet bist;
Denn giebt's auch größ'r ist keine doch so widrig.

Und er zu mir: Die Stadt, die so voll Neides,
Daß das Gefäß schon überläuft, enthielt
Wie mich so dich in jenem heitren Leben.

Ihr Bürger pflegtet Ciacco mich zu nennen,
Und wegen meines gier'gen Fraßes Laster
Zergeh' ich, wie du siehst, im Regen hier.

Und nicht allein bin ich, elende Seele,
Denn alle diese leiden gleiche Strafe
Um gleiche Schuld. Und weiter sprach er nichts.

Und ich erwiederte: Dein Leben, Ciacco,
Bekümmert so mich, daß ich weinen möchte;
Doch sage mir, wenn du es weißt, wohin

Die Bürger der getheilten Stadt noch kommen,
Ob wer gerecht dort, und sag' mir den Grund,
Weshalb so große Zweitracht sie ergriffen.

Und er zu mir: Nach langem Streite werden
Zum Blut sie kommen, und der wilde Theil
Vertreibt den andern unter viel Beschäd'gung.

Nachher muß dann auch dieser fallen inner
Drei Jahren, und der andre steigt empor.
Mit Hülfe dessen der schon jetzt laviret.

Hoch wird er lange Zeit die Stirne tragen,
Den andern Theil mit schweren Lasten drückend,
Ob er darob auch weine und sich gräme.

Gerecht sind zwei, doch achtet man auf sie nicht:
Entzündet sind die Herzen von drei Funken,
Sie heißen Stolz und Neid und Geiz zumal.

Hier endet' er die jammervolle Rede.
Und ich zu ihm: Noch sollst du mich belehren
Und weitrer Rede Gabe mir Gewähren.

Farinata, Tegghiajo, die so würdig,
Arrigo, Mosca, Jakob Rusticucci
Und andre, die auf Gutes nur gesonnen,

Wo sind sie, sprach ich, mach' daß ich sie kenne;
Denn große Sehnsucht quält mich zu erfahren,
Ob Himmelsthau, ob Höllengift ihr Loos.

Und er zu mir: Unter die schwärz'ren Seelen
Drückt sie verschied'ne Schuld zur Tief' hinab;
Du kannst sie sehn, wenn du so weit hinabsteigst.

Doch wenn die wieder in der süßen Welt bist,
So bitt' ich, ruf' mich andern ins Gedächtniß!
Mehr' sag' ich nicht und mehr antwort' ich dir nicht.

Die graden Augen dreht' er nun zum Schielen,
Betrachtet mich ein wenig, senkt das Haupt
Und sinket zu den andern Blinden nieder.

Drauf sprach der Führer: Der erwacht nicht wieder
Bis zu dem Klang der englischen Trommete.
Wenn dann die feindliche Gewalt erscheint,

Wird jeder sein elendes Grab aufsuchen,
Sein Fleisch, seine Gestalt wieder aufnehmen
Und hören was in Ewigkeit ertönt.

So schritten durch die grause Mischung wir
Der Schatten und des Regens langsam hin,
Etwas besprechend von dem künft'gen Leben;

Weshalb ich sprach: Mein Meister, diese Qualen,
Werden sie wachsen nach dem großen Spruche,
Geringer werden oder gleich sich bleiben?

Und er zu mir: Frag' deine Wissenschaft,
Die lehrt, daß je vollkommener ein Wesen,
So mehr auch Lust und Schmerzen es empfinde.

Obgleich nun dies vermaledeite Volk
Wahre Vollkommenheit zwar nie erlangt,
Hofft's jenseits doch mehr als diesseits zu werden.

Wir wandelten so fort die Straß' umkreisend,
Viel mehr besprechend als ich hier erwähne,
Und kamen so zum Punkt, wo man hinabsteigt.

Dort fanden Pluto wir, den großen Feind.


Gesang 07

Pape Satan, pape Satan, aleppe,
Hub Pluto an, mit heisrer Stimme belfernd,
Allein der edle Weise, alles wissend,

Sprach zu ermuntren mich: Laß deine Furcht nicht
Dir schaden, denn wie groß auch seine Macht sei,
Nicht wehrt er dir den Abstieg dieses Felsens.

Drauf wandt' er sich zum zorngeschwoll'nen Antlitz
Und: schweig, sprach er, vermaledeiter Wolf,
Verzehr' im Innern dich mit deinem Grimme!

Nicht ohne Grund wandelt er hier im Dunkeln;
So will man es dort oben, wo Michael
Die Rache einst für frech Gelüst geübt.

Wie die vom Winde angeschwellten Segel,
Sobald der Mast bricht, schlaff zusammenfallen,
So fiel zu Boden stracks das grause Thier.

So stiegen wir hinab zur vierten Tiefe,
Ein großes Stück des Ufers rings umschreitend,
Das alles Leid der ganzen Welt umfaßt.

Ha! göttliche Gerechtigkeit, wer häufet
So neue Pein und Qual als ich erblickte?
Warum muß unsre Schuld uns so vernichten?

Gleich wie die Welle dort in der Charybdis
An der entgegenkommenden sich bricht,
So müssen hier die Sünder sich bekämpfen.

Von jeder Seite kam mit lautem Heulen
Zahlreich wie nirgend sonst ein Volk, das Lasten
Mit angestrengter Brust vor sich hin wälzte.

Sie stießen auf einander, und sogleich dann
Kehrt jeder um, zurück die Last nun wälzend,
Und rief: was hältst du, und was wirfst du weg?

So rückwärts kehrten sie von allen Seiten
Zum Ausgangspunkt, den dunklen Kreis durcheilend,
Und riefen stets das alte Lied sich zu.

Dann wandte jeder, wenn er so durchlaufen
Den halben Kreis, zum neuen Kampfe sich.
Und ich, deß Herz vom Anblick war erschüttert,

Sprach: Du mein Meister, nun erkläre mir,
Welch Volk dies ist, und ob sie alle geistlich
Diese Geschornen hier zu unsrer Linken.

Und er zu mir: So ganz verkehrten Sinnes
Waren sie alle in dem ersten Leben,
Daß sie im Aufwand nimmer Maaß gehalten.

Ganz deutlich ruft es ja die eigne Stimme,
Wenn zu des Kreises Wendepunkten sie
Gekommen, wo verschied'ne Schuld sie trennt.

Die waren geistlich, Päbst' und Cardinäle,
Die unbehaarten Hauptes du hier siehst,
An denen Geiz sein Aeußerstes gethan.

Und ich: Mein Meister, unter diesen Sündern
Sollt' ich doch ein'ge wohl erkennen, die
Von diesem Laster einst beflecket waren.

Und er zu mir: Eitle Gedanken hegst du.
Das niedre Leben, das sie dort beflecket,
Verdunkelt sie vor jeglicher Erkennung.

In Ewigkeit stoßen sie hier zusammen,
Die werden aus dem Grabe auferstehn,
Gestutzt das Haar, die mit schloss'nen Fäusten.

Geiz und Verschwendung hat zu diesem Kampfe
Verdammt sie, den mit Worten ich nicht schildre,
Und ihnen jene schöne Welt geraubt.

Nun kannst, mein Sohn, du sehn wie eitler Windhauch
Die Güter sind, Fortuna'n anvertraut,
Um welche doch die Menschen so viel kämpfen;

Denn alles Gold, das einst unter dem Monde
War und noch ist, vermöchte auch nicht Einer
Der matten Seelen Ruhe hier zu schaffen.

Mein Meister, sprach ich, sage mir doch noch,
Wer ist Fortuna, die du jetzt erwähnest,
In deren Klaun ruht alles Gut der Welt?

Und er zu mir: Ihr thörichten Geschöpfe!
Wie leidet ihr so schwer an Wissens Mangel!
Drum sollst du meine Lehre nun genießen.

Der, dessen Wissen alles überschreitet,
Schuf einst die Himmel und gab ihnen Führer,
Daß jeder Theil jedwedem Theile leuchte,

Und so das Licht gleichmäßig sich vertheile.
Auf gleiche Weise gab dem ird'schen Glanze
Verwalterin und Führerin er auch,

Damit zur rechten Zeit die eitlen Güter
Von Volk zu Volk, von einem Blut zum andern
Sie übertrage, trotz der Menschen Sträuben.

Drum herrscht ein Volk, ein andres muß verkommen,
Dem Urtheilsspruche dieser stets gehorsam,
Die wie die Schlang' im Grase sich verbirgt.

Eu'r Wissen ist ohnmächtig gegen sie:
Sie richtet, sieht zuvor und sie beherrschet
Ihr Reich, gleichwie die andern Götter ihres.

In ihrem Wandeln kennt sie keine Ruhe,
Nothwendigkeit treibt sie zu steter Eile,
Drum sehen wir so oft des Schicksals Wechsel.

Das ist nun die, die oft ans Kreuz geschlagen
Von denen wird, die Lob ihr spenden sollten,
Statt unrecht sie zu tadeln, zu verleumden.

Sie aber, selig in sich, hört das nicht,
Wälzt ihre Sphäre heiter wie die andern
Ersten Geschöpfe, selig froh darob.

Doch steigen wir hinab zu größerem Jammer,
Schon sinket jeder Stern, der, als ich kam,
Aufstieg, und längres Weilen ist versagt uns.

Den Kreis durchschnitten wir zum andern Ufer,
An einem Quell, der wallt und sich ergießet
Durch einen Graben, den er hier gebildet.

Sein dunkles Wasser war fast schwarz zu nennen,
Und wir, stets im Geleit der trüben Wogen,
Betraten abwärts nun den grausen Weg.

Wenn zu dem Fuß des schlimmen grauen Abhangs
Hinabgestiegen dieser grause Bach,
Macht einen Sumpf er, welcher Styx nun heißet.

Und ich, der ich begierig stand zu schauen,
Sah kothbedecktes Volk in jenem Sumpfe,
Ganz nackend all' und zornerfüllten Ansehns.

Sie kämpften mit einander, nicht mit Händen
Allein, auch mit dem Haupt, der Brust, den Füßen,
In Stücken sich zerreißend mit den Zähnen.

Der gute Meister sprach: Mein Sohn, du siehst nun
Die Seelen derer, die der Zorn besiegt.
Noch will ich, daß du für gewiß mir glaubest,

Auch unterm Wasser seufzt ein Volk und treibet
Die Blasen auf, die auf der Oberfläche
Dein Auge sieht, wohin es auch sich wende.

Im Schlamm versunken sagen sie: wir waren
Elend in süßer Luft von Sonn' erheitert,
Weil innerlich uns träge Dämpf' erfüllten:

Jetzt aber jammern wir im schwarzen Schlamme.
Solch Lied nur gurgeln in dem Schlunde sie,
Unfähig es vollständig auszusprechen.

In großem Bogen an dem Rand der Pfütze,
Umgingen trocknen Fußes wird das Feuchte,
Den Blick gewandt auf die den Schlamm einschlucken,

Bis wir an eines Thurmes Fuß gelangten.


Gesang 08

Fortfahrend sag' ich, daß um vieles früher,
Als wir am Fuß des hohen Thurmes waren,
Wir zu dem Gipfel unsre Blicke sandten,

Weil aufgesteckt zwei Flammen wir dort sahn,
Und fernhin eine dritte dem entsprechend,
So fern daß kaum das Aug' es mocht erreichen.

Und ich gewandt zum Meere aller Einsicht,
Sprach: Was heißt das? und was erwidert dort
Das andre Feu'r, und wer sind die 's entzünden?

Und er zu mir: Schon aus den schmutz'gen Wogen
Kannst du erkennen, was man hier erwartet,
Wenn nicht des Sumpfes Dampf es dir verbirgt.

Wohl nie durchschnitt so schnellen Laufs die Luft
Ein Pfeil von seiner Sehne fortgetrieben,
Als ich ein kleines Schiff im Augenblick

Auf uns zu durch das Wasser kommen sah,
Unter der Leitung eines einz'gen Rudrers.
Der schrie: Bist du nun da, ruchlose Seele?

Phlegias, Phlegias, du schreist vergebens,
Sprach mein Gebieter drauf für dieses mal
Hast du uns nur beim Uebergang des Sumpfes.

Gleich wie ein Mensch, dem arg ist mitgespielt,
Wenn er's erfährt, sich tief darüber grämet,
So Phlegias bei dem gehäuften Grimme.

In's Schifflein stieg nunmehr hinab mein Führer,
Und ließ darauf nach ihm auch mich einsteigen,
Und erst als ich drin war, schien es beladen.

Sobald als beide wir im Schifflein waren,
Zieht gleich der alte Kahn durch das Gewässer,
Mit tieferm Gang als er mit andern pflegt.

Als wir den todten Graben so durchschifften,
Trat einer kothbesudelt mir entgegen,
Und sprach: Wer bist du, der vorzeitig ankommt?

Und ich: Wenn ich auch komme, bleib' ich nicht;
Doch du, wer bist du, der du so besudelt?
Du siehst, sprach er, daß einer ich der weinet.

Und ich zu ihm: So bleib, verwünschter Geist,
Mit Weinen und mit Trauern nur allhier,
Wohl kenn' ich dich, obgleich du ganz beschmutzt bist.

Mit beiden Händen griff er nach dem Schiffe,
Weshalb der kluge Meister ihn zurückstieß,
Und rief: Fort! dahin, zu den andern Hunden!

Den Hals umschlang er mir mit beiden Armen,
Mich küssend sprach er dann: Zürnende Seele,
Gebenedeiet sei die dich geboren!

Der war dort oben einst ein zorn'ger Mensch,
Nichts Gutes blieb von ihm in der Erinnrung,
Und so ist wüthend nun auch hier sein Schatten.

Wie viele werden hier, wie Säu' im Kothe
Stehn, die man dort für große Kön'ge hielt,
Gräuliche Schande nur zurückelassend.

Und ich: Mein Meister, sehr würd' ich mich freuen,
Säh ich eintauchen ihn in diese Brühe,
Eh diesen See wir hinter uns gelassen.

Und er zu mir: Bevor du noch das Ufer
Des Sees erblickt, wirst du besfiedigt werden;
Denn dieses Wunsches sollst du dich erfreuen.

Und kurz darauf sah' ich die koth'gen Leute
Mit jenem so verfahren, daß noch immer
Ich Gott im Herzen dafür lob und danke.

Sie schrien alle: Auf Philipp Argenti!
Und jener grimm'ge Florentiner Geist,
Zerfleischte wüthend sich mit eignen Zähnen.

Mehr sag' ich nicht, als daß wir dort ihn ließen,
Denn mein Gehör traf jetzt ein Schmerzenslaut,
Weshalb hinstarrend ich das Auge aufriß.

Der gute Meister sprach: Nunmehr, mein Sohn,
Naht sich die Stadt, die Dite wird genannt,
Mit den belasteten zahlreichen Bürgern.

Und ich: Mein Meister, ich erblicke schon
Unten im Thale deutlich ihre Thürme
Geröthet, gleich als ob sie aus dem Feuer

Gekommen. Doch er sprach: Das ew'ge Feuer
Das innen sie erhitzt, zeigt sie so glühend,
Wie du in dieser tiefen Hölle siehst.

Bald kamen in die tiefen Gräben wir,
Die jene jammervolle Stadt umgürten;
Die Mauern schienen mir als wär'n sie Eisen.

Nicht ohne großen Umweg erst zu machen
Gelangten wir ans Ziel, wo unser Fährmann
Steigt aus! uns zurief, denn hier ist der Eingang.

Ich sah wohl mehr als tausend die vom Himmel
Hinabgestürzt, ingrimmig an dem Thore
Uns zuschrie'n: Wer ist der, der ohne Tod

Das Reich des todten Volkes so durchwandelt?
Mein weiser Meister aber gab ein Zeichen,
Er wolle heimlich erst mit ihnen sprechen.

Drauf zähmten sie den großen Zorn ein wenig
Und sprachen: Komm allein! doch der mag fortgehn,
Der sich so kühn in dieses Reich gewagt!

Allein mag er den tollen Weg zurückgehn!
Versuch er, ob er's kann! denn du bleibst hier,
Der durch die dunkle Gegend ihn geleitet.

Denk dir, o Leser nun, wie mir der Muth sank!
Beim Klange der vermaledeiten Worte;
Denn nimmer glaubt' ich je zurückzukehren!

O theurer Führer mein, der mehr als sieben
Mal mich ermuthigt und mich hast entrissen
Großer Gefahr, die mir entgegenstand:

Laß nicht, sprach ich, mich so vernichtet hier!
Und ist das Weitergehen uns versagt,
Laß mit einander rasch zurück uns kehren.

Und der Gebieter, der mich hergeführt,
Sprach: Fürchte nichts! denn unsern Weg kann keiner
Uns hemmen, da ein Solcher ihn gewähret.

Du aber warte hier, speis' und ermuntre
Den matten Geist in dir mit guter Hoffnung!
Nicht laß ich dich in dieser tiefen Welt.

So geht er hin, und läßt mich dort alleine,
Der süße Vater, und ich bleib' im Zweifel,
Denn ja und nein bekämpfen sich in mir.

Nicht hören konnt' ich, was er ihnen darbot,
Doch lange blieb er nicht bei ihnen stehn,
Als jeder um die Wette rasch zurücklief.

Die Thore schlossen sie vor'm Angesicht
Meinem Gebieter, der da draußen blieb,
Und sich zu mir zögernden Schrittes wandte.

Gesenkt den Blick, die Augenbrauen baar
Jeglicher Kühnheit sagten seine Seufzer:
Wer hat die Schmerzenswohnung mir versagt?

Und zu mir sprach er: Wie sehr ich auch zürne,
Erschrick du nicht! der Sieg ist mir gewiß,
Was drinnen auch zum Widerstand sich rüste.

Ihr übermüth'ger Trotz, der ist nichts Neues,
An weniger geheimem Thore übten
Sie einst ihn, das seitdem blieb unverschlossen.

Die todte Inschrift hast du dort gesehen.
Schon steigt diesseits von ihm hinab die Steile,
Ohne Geleit durch alle Kreise wandelnd,

Ein Solcher, der die Stadt uns öffnen wird.


Gesang 09

Die Farbe, welche Furcht mir aufgemahlt,
Als meinen Führer ich umkehren sah,
Trieb seine neue Zorngluth schnell nach innen.

Aufmerksam blieb er stehn, wie wer da horchet;
Denn weit vermochte nicht das Aug' zu dringen
Durch dicken Nebel und durch finstre Luft.

Und doch muß in dem Kampf der Sieg uns bleiben,
Sprach er, wenn nicht ... hat sich uns doch ein Solcher
Erboten ... o wann wird er doch erscheinen!

Ich merkte wohl, wie er die ersten Worte
Verdeckte mit den andern, die da folgten,
Denn von den ersten waren die verschieden.

Dennoch erfüllte mich mit Furcht die Rede,
Weil ich die abgebrochnen Worte schlimmer
Mir deutete, als er sie wohl gemeint.

Steigt jemals wohl bis zu dem Grund der Tiefe
Jemand herab aus jenem ersten Kreise,
Wo nur geknickte Hoffnung ist die Strafe?

Die Frage that ich, und: Sehr selten nur
Geschieht es, sprach er, daß von uns je einer
Des Weges zöge, den ich jetzt durchwandle.

Wahr ist's, hier unten war ich schon einmal,
Beschworen von jener grausen Erichtho,
Die Schatten wieder rief zu ihren Leibern.

Erst kürzlich war mein Leib von mir entkleidet,
Als sie in diese Mauern mich versandte,
Um einen Geist aus Judas Kreis zu ziehn.

Das ist der tiefste Ort, der dunkelste,
Fern von dem Himmel, der das All umkreiset:
Den Weg kenn' ich genau, drum fasse Muth!

Der Sumpf, der hier so schlimmen Dampf aushauchet,
Umgürtet rings die schmerzenvolle Stadt,
Die wir nicht ohne Zorn nunmehr betreten.

Und anders sprach er, doch ich hab's vergessen,
Weil meine Augen ganz gezogen waren
Nach jenem Thurm hin mit dem glüh'nden Gipfel.

Dort sah ich plötzlich grade aufgerichtet
Drei Furien der Hölle, blutgefärbt,
Die weibliche Gebärd' und Glieder zeigten.

Mit Wasserschlangen waren sie gegürtet,
Statt Haare hatten sie gehörnte Schlangen,
Womit die grausen Schläf' umwunden waren.

Und er, der wohl die Dienerinnen kannte
Der Königin der ewiglichen Klage,
Sprach: Siehe da die grausigen Erinnen!

Das ist Megära dort zur linken Seite,
Die auf der rechten weinet ist Alekto,
Inmitten steht Tisiphone. Drauf schwieg er.

Die Brust zerriß sich jede mit den Nägeln,
Sie schrien so laut, und schlugen sich mit Händen,
Daß ich vor Furcht mich an den Dichter drängte.

Medusa her, auf daß wir ihn versteinen!
So schrien sie alle, abwärts zu uns blickend,
Schlimm, daß des Theseus Angriff wir nicht rächten.

Kehr um dich, und die Augen halt' geschlossen!
Denn wenn der Gorgon käm' und du ihn sähest,
Wär's aus mit jeder Rückkehr zu der Erde.

So sprach mein Meister, und er selber wandte
Mich um, und meinen Händen nicht vertrauend,
Schloß er mit seinen eignen mir die Augen.

O ihr, die ihr gesunden Sinnes seid,
Betrachtet wohl die Lehre, die verborgen
Unter dem Schleier dieser Verse ruht!

Und schon erscholl über dem trüben Wasser
Ein Krachen eines Tones voll Entsetzen,
Von welchem beide Ufer gleich erbebten.

Nicht anders war's, als wenn ein Wind durch Gluthen,
Auf die er stößt, zum Sturmwind angefacht,
Sich auf den Wald stürzt, und unwiderstehlich

Die Zweige bricht, zu Boden wirft, und fortträgt.
In Staub gehüllt, schreitet er stolz dahin,
Und treibet Hirt und Heerden in die Flucht.

Die Augen löst er mir und sprach: Nun richte
Der Sehkraft Schärf' aus jenen ew'gen Schaum
Dort, wo der Rauch am beißendsten erscheint!

Ganz wie die Frösche, zeigt sich ihre Feindin
Die Schlange, gleich im Wasser all' zerstieben,
Bis jeglicher sich auf den Boden kauert:

So sah ich mehr als tausend sünd'ge Seelen,
Vor Einem fliehen, der da an der Fuhrt
Den Styx mit trocknen Sohlen überschritt.

Die dicke Luft vom Antlitz abzuwehren,
Bedient er häufig sich der linken Hand,
Und diese Unlust nur schien ihn zu plagen.

Ich merkte wohl, daß er ein Himmelsbote,
Und wandte mich zum Meister, der mir winkte,
Daß still ich bliebe und vor ihm mich neigte.

Wie schien er mir von edlem Zorn erfüllt!
An's Thor gelangt' er, und mit einer Gerte,
Eröffnet er's, da galt kein Widerstand.

O ihr, begann er auf der grausen Schwelle,
Verächtlich Volk, vom Himmel ausgestoßen,
Woher noch immer solcher Trotz in euch?

Was widerstrebt ihr ewig doch dem Willen,
Dem ihr das Ziel doch nie verrücken könnt,
Und der schon oftmal eure Qual gemehrt?

Was hilft's wider das Schicksal anzulöcken?
Eu'r Cerberus, wenn ihr deß noch gedenket,
Trägt Kinn und Gurgel drob geschunden noch.

Drauf wandt' er sich zurück zum schmutz'gen Wege,
Und sprach kein Wort zu uns; sein ganz Benehmen
War das des Mann's, den andre Sorge peinigt,

Als die um den, der eben vor ihm steht.
Und wir, gesichert durch die heil'gen Worte,
Bewegten unsre Schritte nun zur Stadt.

Wir traten ohne Widerstand hinein,
Und ich, der ich begierig war zu schauen,
Von welcher Art das Innere der Festung,

Sobald ich drin war, send' ich rings umher
Das Aug', und sehe eine große Ebne,
Die voller Schmerz war und voll grauser Qual.

So wie bei Arles, wo der Rhodan stauet,
So wie bei Pola, wo Quarnaro's Wasser
Italien abschließt und die Grenzen badet,

Die Gräber ganz den Ort uneben machen,
So thaten sie's auch hier auf allen Seiten,
Nur daß die Art viel bitterer noch war.

Denn ganz entzündet waren diese Gräber
Von Flammen, die umher zerstreuet waren:
Glüh'nderes Eisen fordert kein Gewerbe.

Die Deckel standen auf, von innen quollen
So bitt're Jammerlaute, daß man leicht
Verletzte und Elende dran erkannte.

Und ich: Mein Meister, wer sind diese Leute,
Die eingesargt in diesen Gräbern hier,
Durch schmerzensvolle Seufzer kund sich geben?

Und er zu mir: Hier liegen die Erzketzer
Mit ihren Jüngern jeder Art, und voller
Als du wohl glaubst, sind alle diese Gräber.

Die Gleichen liegen bei den Gleichen hier,
Und mehr und minder heiß sind ihre Särge.
Und rechts gewendet, wandelten wir nun

Zwischen den Qualen und den hohen Zinnen.


Gesang 10

So geht nunmehr auf einem schmalen Wege,
Zwischen den Mauern und den Gräbern hin,
Mein Meister, und ich folge seinen Schritten.

Du höchste Kraft, die du mich durch die Kreise
Der Hölle leitest, sprach ich, wie du willst,
Sprich zu mir und befried'ge meine Wünsche!

Das Volk, das hier umher in Särgen liegt,
Ob man's wohl sehn kann? sind ja doch erhoben
Die Deckel all' und Niemand steht zur Wache.

Und er zu mir: Alle werden geschlossen
Wann sie von Josaphat mit ihren Leibern
Rückkehren, die dort oben sie gelassen.

Auf dieser Seite haben ihre Grabstatt
Mit Epicurus seine Jünger alle,
Die sterblich mit dem Leib die Seele setzen.

Drum wird die Frage, die du an mich richtest,
Hierinnen alsobald befriedigt werden,
Und auch der Wunsch noch, den du mir verschweigest.

Und ich: Mein guter Führer, ich verberge
Mein Herz dir nur um nicht zu viel zu reden,
Und nicht erst jetzt hast du mir das empfohlen.

O Tusker, der du durch die Stadt des Feuers
Lebend hindurchgehst mit so edler Rede,
Gefall' es dir an diesem Ort zu weilen.

Denn deine Rede giebt dich kund als einen
Der jenem edlen Vaterland entstammt,
Dem ich vielleicht zu lästig bin gewesen.

Urplötzlich diese Red' erscholl aus einem
Der Gräber, weshalb ich aus Furcht mich denn
Ein wenig mehr noch meinem Führer nahte.

Er aber sprach: Was thust du? wende dich!
Schau dort den Farinat, der sich erhoben!
Vom Gürtel aufwärts kannst du ganz ihn sehen.

Mein Auge hatt' ich schon auf seins geheftet.
Die Brust und Stirne hatt' er stolz erhoben,
Als ob die ganze Hölle er verachte.

Und zu ihm trieben mich zwischen die Gräber,
Die kühnen, raschen Hände meines Führers,
Indem er sprach: Gewählt sei'n deine Worte.

Sobald an seines Grabes Fuß ich war,
Sprach er, unwillig fast, mich scharf betrachtend:
Verkünde mir, wer waren deine Ahnen?

Ich, der begierig war ihm zu gehorchen,
Verbarg's ihm nicht, eröffnete ihm alles.
Drob er die Augenbraun ein wenig hob.

Drauf sprach er: Grausam waren sie entgegen
Mir, meinen Ahnen und meiner Partei,
So daß ich mehr als einmal sie zerstreute.

War'n sie vertrieben, kehrten sie doch immer
Das eine wie das andre mal zurück;
Doch schlecht gelernt haben die Kunst die Euren.

Und hier erschien am Rand des offnen Grabes
Ein Schatten neben jenem bis zum Kinn,
Er hatte, glaub' ich kniend sich erhoben.

Ringsum beschaut' er mich, als ob er wünschte
Zu sehen, ob wer anders bei mir wäre.
Als aber die Vermuthung ganz erloschen,

Sprach weinend er: Wenn du durch Geistes Hoheit
Durch diesen blinden Kerker wandelst hier,
Wo ist mein Sohn? und warum nicht mit dir?

Und ich zu ihm: Nicht eigenmächtig komm' ich;
Mich führet hier, der dorten auf mich wartet,
Den euer Guido einst vielleicht verschmähte.

Was er gesagt, und seiner Strafe Art,
Die hatten schon den Namen mir verkündet,
Weshalb die Antwort so vollständig war.

Und plötzlich aufgesprungen, schrie er: Sagtest
Du, er verschmähte? Lebt er denn nicht mehr?
Das süße Licht, trifft's nicht mehr seine Augen?

Als er bemerkte, daß ich zögerte,
Bevor ich ihm darauf Bescheid ertheilte,
Fiel er zurück, und zeigte sich nicht mehr.

Doch der großherzige, auf deß Verlangen
Ich stehn blieb, wandelte nicht seine Züge,
Bewegte nicht den Hals, bog nicht die Seite.

Und wenn, fortfahrend in der frühern Rede,
Sie diese Kunst, sprach er, nicht wohl gelernt,
So quält mich solches mehr als dieses Lager.

Allein nicht funfzigmal wird sich entzünden
Das Antlitz jenes Weibes, das hier herrscht,
So lernst auch du, wie schwierig diese Kunst.

So wahr du mög'st zur süßen Welt einst kehren,
Sag' mir, weshalb dein Volk in jeder Satzung,
So grausam sich gegen die Meinen zeigt?

Und ich zu ihm: Die schwere Niederlage,
Die einst die Arbia mit Blut gefärbt,
Läßt solch Gebet erschall'n in unserm Tempel.

Nachdem er seufzend nun das Haupt geschüttelt,
Dort war ich nicht allein, sprach er, und warlich,
Nicht ohne Grund begleitet' ich die andern.

Doch da war ich allein, als den Gedanken
Florenz ganz zu zerstören man ertrug,
Der, der mit offnem Antlitz es vertheidigt.

So wahr euer Geschlecht einst Ruhe finde,
War meine Bitt' an ihn, löst mir den Knoten,
Der hier meine Gedanken hat umstricket.

Es scheint, ihr sehet, hab' ich recht gehört,
Im voraus das was mit sich bringt die Zeit,
Und mit der Gegenwart verfahrt ihr anders.

Gleich dem, sprach er, deß Augen sind geschwächt,
Sehen wir nur die Dinge, die uns ferne,
So viel leuchtet uns noch der höchste Führer;

Doch wem sie nah'n und sind, ist gänzlich eitel
Unser Erkennen, und bringt wer nicht Kunde,
Wissen wir nichts von eurem Erdenleben.

Draus kannst du sehn, daß von dem Augenblick,
Wo einst der Zukunft Thor geschlossen wird,
Auch unser Wissen gänzlich wird ersterben-

Drauf, gleich als meines Fehlers mir bewust,
Sprach ich: So saget denn dem Hingesunknen,
Daß bei den Lebenden sein Sohn noch weilt;

Und wenn vorhin ich bei der Frage stumm blieb,
Laßt wissen ihn, ich that's, weil ich befangen
Schon von dem Irrthum war, den ihr gelöst.

Und schon berief mein Meister mich zurück,
Weshalb den Geist ich um so eil'ger bat,
Daß er mir sagte, wer mit ihm dort wäre?

Mit mehr als tausend, sprach er, lieg' ich hier,
Hierinnen ist der zweite Friederich,
Der Cardinal, und von den andern schweig ich.

Darauf verbarg er sich, und zu dem alten
Dichter wandt' ich die Schritt' und überlegte
Was ich gehört, und was mir feindlich schien.

Er ging nun weiter, und drauf so im Wandeln
Sprach er zu mir: Was bist du so verstört?
Und ich befriedigt' ihn auf seine Frage.

Dein Geist bewahre das, was wider dich
Du hast gehört! befahl mir jener Weise,
Nun aber acht' auf dies! und hob den Finger:

Wann vor dem süßen Lichte du erscheinest,
Der, deren schönes Auge alles sieht,
Wirst deinen Lebensgang von ihr du hören.

Darauf zur Linken wandt' er seinen Fuß,
Auf einem Weg zu, einem Thale führend,
Das bis dort oben seinen Stank verbreitet.


Gesang 11

An eines hohen Ufers letztem Rand,
Von großen Felsentrümmern rings gebildet,
Gelangten wir zu graus'rer Anhäufung.

Und dort, des gräul'gen Uebermaßes wegen,
Des Stankes, den der tiefe Abgrund aushaucht,
Bargen wir uns im Schutze eines Deckels

Von einem großen Sarg, deß Inschrift sagte:
Papst Anastasius beherberg' ich,
Welchen Photin vom rechten Weg ablenkte.

Nur zögernd dürfen wir hinab jetzt steigen,
Daß unsre Sinn' etwas gewohnt erst werden
Des schlimmen Hauchs, den später wir nicht achten.

So sprach der Meister, und ein'gen Ersatz,
Sagt' ich, ersinne, daß die Zeit nicht nutzlos
Vergeh'! und er: Ich denke schon daran.

Mein Sohn, von diesen Felsen eingeschlossen,
Find'st abgestuft du hier drei klein're Kreise,
Gleich denen, sprach er, die du jetzt verlassen.

Verdammter Geister sind sie alle voll:
Doch damit später dir der Anblick g'nüge,
Vernimm, wie und warum sie so beschaffen.

Jedweder Bosheit, die der Himmel haßt,
Ist Unrecht Ziel, und dieses Ziel betrübet
Bald mit Gewalt, und bald mit Trug den Nächsten.

Der Trug jedoch, dem Menschen eigenthümlich,
Mißfällt Gott mehr, und die da Trug geübt,
Versinken tiefer, und mehr Leid befällt sie.

Den ersten Kreis nimmt ganz Gewaltthat ein;
Gebildet und getheilet in drei Ringe
Ist er, weil man Gewalt an dreien übt.

Man übt Gewalt an Gott, an sich, am Nächsten,
Und zwar, wie du ganz deutlich sollst erkennen,
Sowohl an ihm wie auch an seiner Habe.

Gewalt fügt Tod und schmerzliche Verwundung
Dem Nächsten zu, und schädigt seine Habe
Durch Umsturz, Brand und schändliche Erpressung.

Darum, wer mordet, tückisch Wunden beibringt,
Die Räuber und Verwüster alle quälet
Der erste Ring in mannigfalt'gen Schaaren.

Der Mensch kann an sich selbst, an seine Güter
Gewalt'ge Hand anlegen; drum fühlt Reue
Im zweiten Ring vergeblich jeder, der

Sich eures Lebens selber hat beraubt,
Wer all' sein Gut verschleudert und vergeudet,
Und weint nun hier, da fröhlich er sein könnte.

Der Gottheit auch kann man Gewalt anthun,
Im Herzen sie verleugnend und verfluchend,
Verachtend die Natur und ihre Güte.

Und darum drückt der kleinste dieser Kreise
Sein Siegel auf Sodoma und Caorsa,
Auf jeden, der als Gottverächter spricht.

Den Trug, der jegliches Gewissen naget,
Uebt man so gegen den, der uns vertraut,
Wie den, der dies Vertraun uns nicht geschenkt.

Die letzte Art scheint nur das Band der Liebe,
Das die Natur gebildet zu verletzen;
Drum nisten in dem zweiten Ring die Heuchler,

Die Schmeichler, und wer Zauber übt, die Fälscher,
Wer Straßenraub begangen, Simonisten,
Die Kupler, Gauner und mehr solch Geschmeiß.

Die andre Art vergißt nicht bloß die Liebe,
Die von Natur, auch die, die dann hinzukommt,
Woraus die Sondertreue sich erzeuget.

Weshalb im kleinsten Kreise, wo der Punkt ist
Des Universums, worauf Satan ruht,
Ewig verzehrt wird wer Verrath begangen.

Und ich: Mein Meister, deine Rede schreitet
So deutlich vor, und unterscheidet wohl
Das Volk, das diesen Abgrund hier bewohnet,

Doch sage mir: Die in dem schmutz'gen Sumpfe,
Die Sturmgepeitschten, die der Regen trifft,
Und die so herbe Wort' einander zuschrei'n.

Warum nicht sind sie in der glühnden Stadt
Gepeinigt, wenn doch Gottes Zorn sie trifft;
Trifft er sie nicht, woher denn ihre Marter?

Und er zu mir: Warum doch irret ab
Dein Geist von dem was sonst er pfleget, oder
Wo anderwärts hin ist dein Sinn gerichtet?

Erinnerst du dich nicht mehr jener Worte,
Womit die Ethik die drei Neigungen
Verhandelt, die dem Himmel sind verhaßt?

Unmäßigkeit und Bosheit und die tolle,
Verthierte Wildheit, und wie jene erste
Gott minder haßt, und wen'ger Schand' erzeugt.

Wenn du dir die Belehrung wohl betrachtest,
Und dich erinnern willst, wer jene sind,
Die oben, draußen ihre Strafe leiden,

So wirst du leicht einsehn, warum getrennt sie
Von diesen Sündern sind, und warum minder
Erzürnt Gottes Gerechtigkeit sie züchtigt.

O Sonne, die du jedes kranke Auge
Heilst, du erfreust mich so, wenn du erläuterst,
Daß Zweifeln fast wie Wissen mich beglückt.

Kehr' noch, sprach ich, ein wenig mehr zurück,
Da, wo du sagest, daß durch Wucher leide
Die Gottes Lieb', und löse mir den Knoten!

Philosophie, sprach er zu mir, belehret
Den Achtsamen in mehr als einem Theile,
Wie die Natur ihren Verlauf ableitet

Aus Gottes Weisheit und aus seiner Kunst.
Und wenn du wohl auf deine Physik achtest,
Wirst du nach nicht zu vielen Seiten finden,

Wie eure Kunst, so viel sie es vermag,
Der Gottes folgt, wie Schüler ihrem Lehrer,
Daß eure Kunst nun Gottes Enklin scheint.

Aus diesen beiden, wenn den Anfang du
Der Genesis beachtest, soll der Mensch
Sein Leben ziehn und damit vorwärts kommen.

Und weil der Wuch'rer andre Wege einschlägt,
Da er die Hoffnung setzt auf andre Dinge,
Verachtet er Natur und ihre Tochter.

Doch folge mir nunmehr, wie's mir beliebt!
Schon schlüpfen auf am Horizont die Fische,
Und auf dem Caurus liegt der Wagen ganz,

Und weiter dort steigt man den Fels hinab.


Gesang 12

Wild war der Ort, wohin zum Niedersteigen
Wir kamen, und durch andres so beschaffen,
Daß jedes Auge sich davor entsetzt.

Wie jener Bergfall, welcher in die Seite
Die Etsch getroffen, diesseits Trento, wo
Durch Erdstoß, oder weil der Boden wich,

Die Felsen nun, vom Gipfel bis zur Ebne
Abschüssig sind, so daß wer oben wäre,
Doch ein'gen Weg zum Niedersteigen fände:

So war der Abstieg hier von diesem Felsen.
Und an dem Rand des eingestürzten Abgrunds
Lag ausgestreckt die Schande Creta's, welche

Einst in der falschen Kuh erzeuget ward.
Und als sie uns erblickt, biß sie sich selber,
Als solche die der Zorn innen verzehrt.

Mein Meister rief ihm zu: Du glaubst vielleicht,
Es sei der Herzog von Athen allhier,
Der oben in der Welt den Tod dir gab.

Hebe dich fort, Unthier! denn dieser kommt nicht
Von deiner Schwester unterrichtet her,
Er kommt allein, um eure Qual zu schauen.

Dem Stier gleich, der im Augenblick sich losreißt
Wo er den Todesstreich schon hat empfangen,
Der nicht mehr läuft, nur hin und her noch hüpfet,

So sah ich auch den Minotaurus thun.
Und jener rief besonnen: Lauf zum Wege!
Da er in Wuth, ist's gut, daß du hinabsteigst.

So nahmen wir den Weg durch die Entladung
Der Felsen, welche oftmals sich bewegten,
Von meiner Füße ungewohnter Last.

Nachdenklich ging ich, und er sprach: Du denkest
An jenen Einsturz wohl, der da bewacht wird
Von jener wilden Wuth, die ich gebändigt.

So wisse denn, daß als das erstemal
Ich hier in dieser untern Höll' war,
Der Felsen hier noch eingestürzt nicht war.

Doch wenig früher, wenn ich's recht erkenne,
Als der erschienen, der die große Beute,
Dem Satan aus dem obern Kreis entführte,

Erbebte so das tiefe, graus'ge Thal
Von allen Seiten, daß ich meint', es dringe
Die Lieb' ins All, wodurch nach Eines Meinung

Mehr als einmal die Welt zum Chaos worden.
In jenem Augenblick erfolgte hier,
Und anderwärts noch mehr, der Felsen Einsturz.

Doch hefte thalwärts jetzt die Blick', es naht sich
Der Strom des Bluts, in welchem jeder siedet,
Der durch Gewalt den Nächsten hat beschädigt.

O blinde Habgier, o wahnsinn'ger Zorn,
Der du im kurzen Leben uns so stachelst,
Und so uns eintauchst in dem ewigen!

Ich sah 'nen breiten, bogenförm'gen Graben
Die ganze weite Ebene umfassend,
Ganz wie mein Führer mir zuvor gesagt.

Centauren liefen pfeilbewaffnet zwischen
Dem Fuß des Felsens und dem Graben hin,
Wie sie sonst hier zur Jagd zu eilen pflegten.

Als sie uns kommen sahn, blieb jeder stehen,
Und dreie trennten sich von ihrer Schaar,
Mit wohl gewählten Pfeilen und mit Bogen.

Der eine schrie von fern: Zu welcher Marter
Kommt ihr, die ihr den Abhang niedersteigt?
Sagt es von dort, wo nicht send' ich den Pfeil ab!

Mein Meister drauf erwiderte: Die Antwort
Woll'n wir dort in der Näh dem Chiron geben;
Schlimm, daß dein Wille stets so übereilt.

Drauf sagt' er, mich anstoßend: Das ist Nessus,
Der für die schöne Dejanira starb
Und seine Rache durch sich selber übte.

Der in der Mitte auf die Brust sich schaut, ist
Der große Chiron, der Achill'n erzogen;
Das dritt' ist Pholus. der so voller Zorn war.

Zu Tausenden umkreisen sie den Graben,
Jedwede Seele schießend, die sich losmacht
Vom Blute mehr als ihre Schuld ihr zutheilt.

Wir näherten uns den leichtfüß'gen Thieren.
Chiron nahm einen Pfeil und mit der Kerbe
Schob er den Bart vom Munde sich zurück.

Nachdem er so den großen Mund entblößt,
Sprach er zu den Gefährten: Saht ihr wohl
Wie jener letzte das bewegt, was er

Berührt? das thun sonst nicht der Todten Füße.
Mein Führer, der schon an der Brust ihm stand,
Da wo die zwei Naturen sich vereinen,

Sprach: Wohl ist lebend er, und so allein
Liegt ob mir, ihm das dunkle Thal zu zeigen,
Nothwendigkeit treibt ihn und nicht Vergnügen.

Vom Halleluja-Singen kam ein Weib,
Das dieses neue Amt mir aufgetragen:
Nicht Dieb ist er, noch ich 'ne Räuberseele.

Allein bei jener Macht, kraft welcher ich
Den Fuß bewege auf so wilder Straße,
Gieb einen von den Deinen zum Geleit,

Daß er uns zeige wo die Fuhrt sich findet,
Und diesen hier auf seinen Rücken nehme;
Denn Geist nicht, kann er durch die Lust nicht gehn.

Chiron wandte sich drauf zur rechten Seite,
Zum Nessus dann: Kehr' um, führe sie so!
Ausweichen laß, wenn andre Schaar euch aufstößt!

Wir gingen nun mit sicherer Begleitung
Entlaug dem Ufer jenes rothen Sudes,
Wo die Gesott'nen laut Geschrei erhoben.

Bis an die Brauen sah ich ein'ge drin,
Und der Centaure sprach: Das sind Tyrannen,
Die gierig einst nach Hab' und Blut gegriffen:

Hier weinen sie ob grausamer Beschäd'gung.
Hier siehst du Alexander und Dionys,
Der schlimme Jahre einst Sicilien brachte;

Und jene Stirne, die so schwarzes Haar hat,
Ist Ezzelino; jener andre Blonde
Ist Obizzo von Este, der in Wahrheit

Von seinem Rabensohn getödtet ward
Da wandt ich mich zum Dichter, und der sprach:
Der sei dir jetzt der erst', ich nur der zweite.

Ein wenig weiter hin blieb Nessus stehn
Bei einem Volke, das nur bis zum Halse
In jenen Sprudel eingetaucht mir schien.

Einsam, beiseit' zeigt er uns einen Schatten
Und sprach: Der spaltete im Schooße Gottes
Das Herz, das an der Themse noch verehrt wird.

Drauf sah ich Leute, die über den Blutstrom
Das Haupt und auch die ganze Brust erhoben;
Und ich erkannte mehr als einen dieser.

So ward mit jedem Schritte immer seichter
Das Blut, so daß es nur die Füße deckte.
Hier war's, wo wir den Graben überschritten.

So wie an dieser Seite du bemerkest,
Daß dieser Sprudel immer seichter wird,
Sprach der Centaur, so will ich, daß du glaubest,

Daß nach der andern Seit' es immer tiefer
Den Boden senkt, bis daß er dort sich anschließt,
Wo die Tyrannen in dem Blutstrom ächzen.

Diesseits straft so das göttliche Gericht
Den Attila, der einst 'ne Geißel war,
Pvrrhus und Sextus, und preßt ewig aus

Dem Rainer von Cornet und Rainer Pazzo
Die Thränen, die das Sieden hier erzeugt,
Weil sie die Straßen einst grausam befehdet.

Drauf kehrt' er um, und durch die Fuhrt zurück.


Gesang 13

Noch nicht war Nessus jenseits angekommen,
Als wir uns schon in ein Gehölz vertieften,
Worin sich keine Spur von Fußweg fand.

Nicht grüne Blätter, sondern dunkelfarb'ge,
Nicht glatte Zweige, sondern wildverwachsne,
Nicht Früchte gab es dort, nur gift'ge Dornen.

So rauh Gestrüpp, so dichtes haben nicht
Die wilden Thiere, die das Angebaute
Zwischen Cecina und Corneto flieh'n.

Hier bauen die Harpyen ihre Nester,
Die einst von den Strophaden die Trojaner
Durch künft'gen Leid's Verkündigung vertrieben.

Breit sind die Flügel, Hals und Antlitz menschlich,
Der große Bauch gefiedert, Klau'n die Füße.
So jammern sie von den seltsamen Bäumen.

Und es begann der gute Meister: Wisse,
Bevor du weiter eindringst, daß du bist
Im zweiten Ring', und darin bleiben wirst,

Bis daß du kommst zur gräulichen Sandebne.
Drum sieh' wohl zu, ob du etwas erblickest,
Was deinen Glauben an mein Wort erschüttre.

Wehklagen hört' ich schon von allen Seiten,
Und doch gewahrt' ich niemand, der sie ausstieß;
Weshalb ich ganz verwirret stehen blieb.

Ich glaube, daß er glaubte, daß ich meinte,
Die vielen Stimmen kämen aus den Büschen
Von Leuten, die sich unserhalb verbürgen.

Weshalb der Meister sprach: Wenn du nur pflückest
Ein kleines Zweiglein einer dieser Pflanzen,
Wird alles, was du denkest, widerlegt.

Darauf streckt' ich die Hand ein wenig vorwärts,
Und brach ein Zweiglein eines großen Dornstrauchs,
Deß Stamm nun schrie: Warum zerbrichst du mich?

Nachdem er dann vom Blute war gefärbt,
Warum zerreißest du mich? rief er wieder,
Hast du denn keinen Geist des Mitleids in dir?

Wir waren Menschen und sind Sträucher worden.
Wohl sollte deine Hand sich frommer zeigen,
Ob wir auch Seelen nur von Schlangen wären.

Gleich wie aus einem grünen Scheit, das brennet
An einem End' und mit dem andern ächzet
Und zischet, ob der Luft, die draus entweichet,

So strömten Wort' und Blut aus jenem Zweige
Zusammen aus, weshalb ich fallen ließ
Den Zweig, und dastand wie ein Mann, der Furcht hat.

Hätt' er, verletzte Seele, früher schon
Das glauben können, sprach mein Weiser drauf,
Was er in meinen Versen nur gesehn,

Hätt' er die Hand nach dir nicht ausgestrecket.
Zu einer That, die selber jetzt mir leid ist,
Trieb ich ihn, weil die Sache sonst unglaublich.

Doch sag' ihm, wer du warst, daß zur Entschäd'gung
Er deinen Ruf auffrische in der Welt,
Wohin zurückzukehren ihm vergönnt ist.

Der Stamm: Du lockst mich so mit süßer Rede,
Daß ich nicht schweigen kann, und nicht mißfall's Euch,
Wenn ich beim Sprechen etwas mehr verweile.

Der bin ich, der vom Herzen Friederichs
Die Schlüssel beide hatt' und sie so sänftlich
Verschließend und erschließend wenden mochte,

Daß sein Vertrau'n ich jedem andern raubte.
So treu blieb ich dem ruhmerfüllten Amte,
Daß Schlaf und Lebenskraft ich drob verlor.

Die Metze, die die buhlerischen Augen
Von Cäsars Pallast niemals abgewandt,
Der Höfe allgemeiner Tod und Laster,

Erregte gegen mich die Geister aller,
Und die gereizten reizten so den Kaiser,
Daß aus den heitren Ehren Trauer wurde.

Uud mein Gemüth zum Unwillen gereizt,
Wähnend der Schmach durch Sterben zu entgehn,
Macht' ungerecht mich gegen mich gerechten.

Doch bei den neuen Wurzeln dieses Baumes
Schwör' ich Euch, daß ich nie die Treu gebrochen
Dem Herren, der der Ehre war so würdig.

Uud wenn zur Welt einer von Euch zurückkehrt,
Aufricht' er mein Gedächtniß, das darnieder
Noch liegt vom Streich, womit der Neid es traf.

Ein wenig wartet' er und da er schweiget,
Verliere nicht die Zeit, begann der Dichter,
Sprich, und frag' ihn, wenn mehr du wissen willst!

Weshalb ich: Frage du ihn selbst nach dem,
Was deiner Meinung nach mir gnügen könnte!
Ich könnt' es nicht, solch Mitleid fühlt mein Herz.

Deshalb begann er wieder: So der Mensch dir
Freiwillig leiste, was dein Wort verlangt,
Du eingeschloßner Geist, gefall' es dir

Uns noch zu sagen, wie der Geist sich bindet
An diese Aest' und sag' uns, wenn du kannst,
Ob je von solchen Gliedern wer sich löset.

Drauf blies der Stamm gewaltig, und nachher
Verwandelte der Hauch sich in die Worte:
Mit kurzen Worten geb' ich Euch Bescheid.

Wenn sich vom Leib' die wilde Seele trennt,
Von dem sie selber sich hat losgerissen,
Schickt Minos sie zu dem siebenten Schlunde

Sie stürzt hinab, kein Ort ist ihr bestimmt,
Wohin Fortuna sie geschleudert, fällt sie,
Und keimt daselbst gleich einem Weizenkorn.

Als Schößling sprießt sie auf, als wilde Pflanze,
Von ihren Blättern fressen die Harpyen:
Sie machen Schmerz und schaffen Luft dem Schmerze.

Wie alle werden unsern Leib wir holen,
Doch nicht etwa uns damit zu bekleiden;
Denn was der Mensch sich raubt, soll er nicht haben.

Hier schleppen wir ihn her, und rings im Walde
Werden die Leiber aufgehänget werden
Am Baume jeder der gequälten Seele.

Wir lauschten aufmerksam noch aus den Stamm,
Vermeinend, daß er mehr noch wolle sagen,
Als ein Geräusch uns plötzlich überraschte,

Gleich dem, der auf dem angewies'nen Platze
Vernimmt den Eber und die Jagd ankommen,
Weil er die Thier' und Büsche rauschen hört

Und sieh, da kamen von der linken Seite
Nackt und zerkratzet zwei so hestig fliehend,
Daß jeden Zweig des Waldes sie zerbrachen.

Der vordre rief: Nun komm, nun komm herbei, Tod!
Der andre, der zurückzubleiben schien,
Schrie: Lano, deine Beine waren nicht

So flink einst in dem Kampfe bei dem Toppo.
Und weil es ihm vielleicht an Athem fehlte,
Macht' er aus sich und einem Busch ein Bündel-

Wie Hunde losgelassen von der Kette,
So stürzten eilig hinter ihnen schwarze
Hündinnen, die den ganzen Wald erfüllten.

In den, der sich geducket, schlugen sie
Die Zähne, ganz in Stücke ihn zerreißend,
Und trugen diese Glieder dann davon.

Mein Führer nahm darauf mich bei der Hand,
Und führte mich zum Busche, der noch immer
Vergeblich durch die blut'gen Wunden weinte.

O Jakob, rief er aus, von St. Andreas,
Was half es dir zum Schutze mich zu machen?
Was hab' ich Schuld an deinem bösen Leben?

Und als mein Meister neben ihm nun stillstand,
Sprach er: Wer warst du, der durch so viel Wunden
Mit deinem Blut schmerzvolle Rede ausströmst?

Und er zu uns: O Seelen, die gekommen,
Die schmachvolle Mißhandlung hier zu schauen,
Die meine Blätter so von mir getrennt hat;

O sammelt sie am Fuß des traur'gen Busches!
Ich war aus jener Stadt, die für den Täufer
Den ersten Schutzherrn aufgab, weshalb dieser

Durch seine Kunst sie stets wird elend machen.
Und wäre nicht an jener Arnobrücke,
Ein Ueberbleibsel noch von ihm vorhanden,

Es hätten jene Bürger, die nachher
Sie wieder aufgebaut aus Etzels Asche,
Vergebens ihre Arbeit dran gesetzt.

Ich machte meine Häuser mir zum Galgen.


Gesang 14

Von Liebe für die Vaterstadt getrieben,
Rafft' ich zusammen die zerstreuten Blätter,
Und gab sie dem zurück, der schon erschöpft war.

Dann kamen wir zur Grenze, wo sich trennet
Der zweite Ring vom dritten, und sich zeiget
Graunvolles Walten der Gerechtigkeit.

Die neuen Dinge recht zu offenbaren
Sag ich, daß wir zu einem Sandmeer kamen,
Das jede Pflanz' aus seinem Bett verbannt.

Der schmerzerfüllte Wald umgürtet es
Rings, wie der grause Graben jenen Wald.
Hier hemmten wir die Schritte dicht am Rande.

Der Boden war ein trockner, tiefer Sand:
Ganz ebenso war dieser Sand beschaffen,
Wie der von Cato's Füßen einst betretne.

O Rache Gottes, wie mußt du gefürchtet
Werden von jeglichem, der da vernimmt,
Was meinen Augen hier sich offenbarte!

Von nackten Seelen sah ich viele Schaaren,
Die alle gar elendiglich dort weinten,
Doch schien nicht Ein Gesetz für sie zu walten.

Es lagen rücklings ein'ge auf der Erde,
In sich gekauert saßen andre da,
Und andre wieder liefen unaufhörlich.

Am größten war die Zahl der Laufenden,
Der ausgestreckt da Liegenden gab's weniger,
Doch war zum Schrein die Zunge mehr gelöst.

Langsamen Falles auf die ganze Ebne
Troffen herab von Feuer breite Flocken,
Wie bei der Windstill' im Gebirg der Schnee fällt.

So sah einst Alexander auf sein Heer,
In Indiens heißen Gauen Flammen fallen,
Die ungetheilet bis zum Boden blieben;

Weshalb vorsichtig er von seinen Schaaren
Den Boden stampfen ließ, dieweil die Flammen
Sich besser löschten, wenn sie einzeln blieben.

So fiel das ew'ge Feuer hier herab,
Wovon der Sand, wie Zunder unter'm Stahle
Entzündet ward, die Qualen zu verdoppeln.

Und ewig ohne Rast bewegte sich
Der Tanz der Hände, um von allen Seiten
Die frischen Gluthen von sich abzuwehren.

Meister, begann ich, der du alle Dinge
Besiegest, ausgenommen jene Teufel,
Die uns am Eingangsthor entgegentraten,

Wer ist der Große dort, der nicht zu achten
Die Gluthen scheint, und trotzig blickend daliegt,
Als ob der Regen ihn nicht mürbe mache.

Und eben der, als inne er geworden,
Daß meinen Führer ich nach ihm gefragt,
Schrie: Wie im Leben, so bin ich im Tode.

Mag Jupiter ermüden seinen Schmied,
Von dem den scharfen Blitzstrahl er empfangen,
Als zornig er am letzten Tag mich traf,

Und mag die Schaaren, eine nach der andern,
In Aetna's schwarzer Esse er ermüden,
Und schrein: Guter Vulkan, komm mir zu Hülfe!

Wie in dem Kampf bei Phlegra er gethan;
Mag er mit seiner ganzen Kraft mich treffen,
Froh werden soll er doch der Rache nimmer!

Drauf sprach mein Führer mit so großer Kraft.
Wie ich so heftig ihn noch nicht gehört:
O Capaneus, dadurch, daß sich dein Hochmuth

Nicht beuget, bist am meisten du gestraft.
Denn keine Marter wär' vollkommne Strafe
Für deinen Trotz, als nur dein Wüthen selbst.

Drauf wandt' er sich zu mir mit mild'rem Antlitz
Und sprach: Dies war der sieben Kön'ge einer,
Die Theben einst belagert, und es scheint,

Daß Gott er haßt' und wenig noch ihn achtet.
Doch wie ich ihm gesagt, seine Verachtung
Ist seiner Brust das würdigste Geschmeide.

Jetzt folge mir und hüt' dich, daß du nicht
Die Füße setzest in den glühnden Sand,
Halt' sie vielmehr noch immer dicht am Walde!

So kamen schweigend wir dahin, wo plötzlich
Quillt aus dem Wald ein kleiner Bach hervor,
Deß rothe Farbe noch das Haar mir sträubet.

Wie aus dem Sprudel tritt heraus der Bach,
Den unter sich die Sünderinnen theilen,
So durch den Sand floß dieser hier hinab.

Zu Stein geworden war sein Grund, und beide
Abhänge, wie die Ränder auch zur Seite,
Draus ich ersah, der Uebergang sei hier.

Von allem, was ich dir bisher gezeigt,
Seitdem wir eingetreten durch das Thor,
Deß Schwelle keinem Menschen ist verschlossen,

Hast du mit deinen Augen nichts gesehen,
Was so merkwürdig wär als dieser Bach,
Der alle Flammen über sich erlöscht.

Dies waren Worte meines Führers, weshalb
Ich bat, daß er die Speise nun mir reiche,
Zu welcher er die Lust in mir geweckt.

Mitten im Meere liegt ein ödes Land,
Sprach er darauf, das Creta wird geheißen;
Die Welt war keusch einst unter seinem König.

Ein Berg ist dort, der einst von Wald und Bächen
Gar lieblich war, und Ida ward genannt;
Jetzt ist er wüst wie ein verlaßner Ort.

Ihn wählte Rhea einstens für ihr Kind
Als treue Wiege, und um besser es zu bergen,
Ließ sie Geschrei erheben, wenn es weinte.

Es steht aufrecht im Berg ein großer Greis,
Der seine Schultern nach Damietta wendet,
Und sieht nach Rom, gleichwie nach seinem Spiegel.

Von seinem Golde ist das Haupt gebildet,
Und reines Silber sind die Brust und Arme,
Dann bis zur Gabelung ist er von Kupfer.

Abwärts von da ist er erlesnes Eisen,
Der rechte Fuß nur ist gebrannter Thon,
Und mehr auf diesem als auf jenem ruht er.

Bis auf das Gold ist jeder Theil zerrissen
Von einem Spalt, aus welchem Thränen träufeln,
Sie haben diese Hohlung hier gegraben.

Ihr Lauf stürzt sich in dieses Thal hinab,
Den Acheron, Styx, Phlegethon zu bilden;
Abwärts dann stießen sie durch diese Rinne

Bis dahin, wo man nicht mehr niedersteigt.
Sie bilden den Cocyt; wie der beschaffen,
Das wirst du sehn, drum schweig ich hier davon.

Und ich zu ihm: Wenn dieses Bächlein hier
So abgeleitet ist von unsrer Welt,
Warum erscheint es erst an diesem Rande?

Und er zu mir: Du weist, der Ort ist rund,
Und ob du gleich hinab zum Grunde steigend,
Dich stets links haltend, weit schon bist gekommen,

Hast du den Kreis doch noch nicht ganz durchschritten;
Weshalb, wenn etwas Neues dir noch aufstößt,
Darf's nicht Erstaunen auf dein Antlitz mahlen.

Und ich: Mein Meister, wo befinden sich
Denn Phlegethon und Lethe? von der schweigst du,
Und sagst, die andre kam aus dieser Traufe.

Gewiß gefällst du mir in deinen Fragen,
Sprach er, allein des rothen Wassers Sieden
Sollte dir wohl der Fragen eine lösen.

Die Lethe findst du außerhalb der Hölle,
Da wo die Seelen hingehn sich zu rein'gen,
Wenn die bereute Schuld hinweggenommen

Nunmehr, sprach er, ist's Zeit sich zu entfernen
Vom Walde. Folge du mir nach! Die Ufer,
Die nicht verbrannt sind, zeigen uns den Weg,

Und jede Gluth erlischet über ihnen.


Gesang 15

Der harten Ufer eins trägt uns dahin,
Und von dem Bach erhebt sich solch ein Dampf,
Daß Dämm' und Wasser er vor'm Feuer schützt.

Wie zwischen Brügg' und Guzzant die Flammländer,
Die Fluth, die sie bestürmet fürchtend, Dämme
Errichten, die das Meer zurückeweisen,

Und wie die Paduaner längst der Brenta,
Die Schlösser und Landhäuser zu beschützen,
Bevor die Hitze man in Kärnthen spürt,

Nach diesem Muster waren die gemacht,
Obwohl so hoch nicht und so stark der Meister,
Wer immer er gewesen, sie gebaut.

Schon waren wir vom Wald so weit entfernt,
Daß, wo er wär', ich nimmer hätt' erkannt,
Wie sehr ich auch zurücke mich gewendet,

Als eine Schaar von Seelen auf uns stieß,
Die längst des Damms daherkam und jedwede
Betrachtet uns, wie man wohl pflegt des Abends

Beim neuen Mond einander anzusehen.
Und wie der alte Schneider auf das Oehr,
So spitzten sie auf uns die Augenbrauen.

So angeäugelt nun von dieser Schaar,
Ward ich erkannt von einem der beim Saume,
Des Kleides mich ergriff und rief: Welch Wunder!

Und ich, als er den Arm nach mir ausstreckte,
Sah scharf auf sein entstelltes Angesicht,
So daß selbst die verbrannten Züge nicht

Mich hinderten, ihn wieder zu erkennen.
Und meine Hand zu ihm hernieder senkend
Erwidert' ich: Seid ihr hier Herr Brunetto?

Und er: Mein Sohn, mag es dir nicht mißfallen,
Wenn Brunetto Latin mit dir ein wenig
Zurücke geht, und läßt die andern ziehen.

Und ich: Drum bitt' ich euch, so viel ich kann.
Und wollet ihr, daß ich mit euch mich setze,
Ich thu's, wenn's dem beliebt, denn mit ihm geh ich.

O Sohn, sprach er, wer von uns Augenblicke
Auch nur verweilt, der liegt dann hundert Jahre,
Und darf der Gluth nicht wehren, die ihn trifft.

Darum geh weiter, ich bleib dir zur Seite,
Und hole später die Gefährten ein,
Die ihre ew'gen Schäden hier beweinen.

Ich wagt' es nicht vom Damm hinabzusteigen,
In gleicher Höh' mit ihm zu gehn und hielt
Das Haupt gesenkt, wie wer mit Ehrfurcht wandelt.

Und er begann: Welch Zufall oder Schickung
Führt hier hinab dich vor dem letzten Tage,
Und wer ist dieser, der den Weg dir zeigt?

Dort oben, sprach ich, in dem heitern Leben
Hatt' ich in einem Walde mich verirrt,
Bevor ich noch des Lebens Höh' erreicht.

Nur gestern früh erst wandt' ich ihm den Rücken,
Dieser erschien mir, als ich schier umkehrte,
Und führet heim mich jetzt auf diesem Wege.

Und er zu mir: Wenn deinem Stern du folgest,
Kannst du glorreichen Hafen nicht verfehlen,
Wenn ich im schönen Leben recht gesehn.

Und wär' ich nicht so zeitig schon gestorben,
Hätt' ich zum Werk Ermuntrung dir gegeben,
Da ich den Himmel dir so günstig sah.

Doch jenes undankbar boshafte Volk,
Das einst von Fiesole herabgestiegen,
Und vieles noch vom Berg und Felsen hat,

Wird feindlich dir, ob deines Rechtthuns werden;
Und zwar mit Recht, denn unter herben Eschen
Ziemt's nicht der süßen Feige zu gedeihn.

Ein alter Ruf auf Erden nennt sie Blinde,
Ein geiz'ges, neidisches und stolzes Volk,
Von ihren Sitten sorge dich zu rein'gen.

Dein Schicksal hebt dir so viel auf der Ehre,
Daß jegliche Partei nach dir verlangt,
Doch von dem Schnabel bleibe fern das Kraut!

Die Fiesolaner Bestien mögen immer
Einander treten, aber nicht berühren
Die Pflanze, wächst noch ein' auf ihrem Miste,

In welcher auflebt jene heil'ge Saat
Der Römer, die allda zurückgeblieben,
Als jenes Nest der Bosheit ward erbaut.

Wenn meine Bitte ganz erhöret würde,
Antwortete ich ihm, so wärt ihr noch
Nicht aus der menschlichen Natur verbannt.

Denn eingeprägt ist und geht mir zu Herzen
Das theure, gute, väterliche Bild
Von euch dort oben, wie zu jeder Stunde

Ihr mich gelehrt, wie sich der Mensch verewigt.
Und wie dafür ich dankbar bin, das soll,
So lang ich lebe meine Rede zeigen.

Was ihr gesagt, das heb' ich auf zur Lösung,
Nebst andern Worten, für die Herrin, die
Mir's deuten wird, wenn ich zu ihr gelange.

So viel nur, will ich, soll euch kund sein, daß
Wenn mein Gewissen nur mich nicht verklagt,
Ich der Fortuna, wie sie mag, mich stelle.

Nicht neu ist meinen Ohren solch Verkünden,
Drum, wie der Bauer seinen Karst, so mag
Fortuna drehn ihr Rad, wie's ihr beliebt.

Zur rechten Seite wandte nun die Wange
Zurück der Meister, sah mich an und sprach:
Der höret gut, der sich die Sache merket.

Nichts desto wen'ger geh ich sprechend weiter,
Mit Herrn Brunett' und frag' ihn nach den höchsten
Und den berühmtesten seiner Gefährten.

Von ein'gen sprach er, ist's gut sie zu kennen,
Von andern wird es löblich sein zu schweigen;
Zu kurz wär' unsre Zeit für den Bericht.

So wisse denn,daß alle sie Gelehrte
Von großem Ruf und Geistliche gewesen,
Von gleichem Laster in der Welt befleckt.

Es wandelt dort in jener trüben Schaar
Mit Priscian, Franz von Accors' und sehen
Könntest du den, der von dem Knecht der Knechte,

Vom Arno an den Bacchiglion versetzt ward,
Um seine sünd'gen Glieder dort zu ruhn,
Wenn dich gelüstete nach solchem Aussatz.

Von andern spräch' ich noch, doch darf nicht länger
Ich mit dir gehn und reden, denn schon seh' ich
Vom Sandmeer neuen Dampf sich dort erheben.

Es kommt ein Volk, mit welchem ich nicht sein darf.
Es sei dir mein Thesaurus anempfohlen,
Drin ich noch leb', und mehr verlang ich nicht.

Drauf wandt er sich zurück, wie deren einer
Die zu Verona nach dem grünen Tuche
Durch's Feld hin laufen, und von diesen schien er

Der, der da siegt und nicht der da verliert.


Gesang 16

Schon war ich da, wo man vernahm das Rauschen
Des Wassers, das zum zweiten Ring hinabfiel,
Gleich dem Geräusch, das Bienenkörbe machen,

Als miteinander sich drei Schatten laufend
Von einer Schaar entfernten, die vorbei zog
Unter dem Regen dieser grausen Qual.

Sie kamen auf uns zu und jeder rief:
Steh still du, der nach deiner Kleidung scheinest
Ein Mann zu sein aus unsrer argen Stadt!

Ha, wie viel Wunden sah an ihren Gliedern
Ich alt' und neue, eingebrannt von Flammen!
Noch schmerzt es mich, wenn ich nur dran gedenke.

Aufmerksam ward mein Lehrer bei dem Rufen,
Sah mir ins Angesicht und sprach darauf:
Halt ein! mit diesem ziemt sich feine Sitte.

Und wäre nicht das Feuer, das des Ortes
Beschaffenheit herabschickt, würd ich sagen:
Es zieme besser dir die Eil' als ihnen.

Sie fiengen. als wir stille standen, wieder
Das alte Lied an, und zu uns gelangt,
Machten ein Rad aus sich sie alle drei.

Wie Kämpfer nackt und ölgesalbt wohl pflegen
Um ihren Griff und Vortheil wahrzunehmen,
Bevor zu Schlägen sie und Stößen kommen,

So kreisend wandte jeder das Gesicht
Zu mir, so daß der Hals beständig sich
In andrer Richtung als der Fuß bewegte.

Ach! wenn das Elend dieses sand'gen Ortes,
Und unser dunkles und verbranntes Ansehn
Verächtlich uns und unsre Bitten macht,

Mög unser Ruf, sprach einer, dich bewegen
Zu sagen, wer du bist, der du so sicher
Lebend'gen Fußes durch die Hölle schreitest.

Der, in deß Spuren du mich treten siehst,
Obgleich er nackt und haarlos hier einhergeht,
War doch von höh'rem Rang als du wohl glaubst.

Er war der trefflichen Gualdrada Enkel,
Hieß Guido Guerra, und in seinem Leben
Hat viel er mit Verstand und Schwerdt gethan.

Der andre, der den Sand tritt hinter mir,
Ist Tegghiaj' Aldobrandi, dessen Stimme
Man dankbar droben noch gedenken sollte.

Und ich, der ich mit ihnen bin gekreuzigt,
War Jakob Rusticucci, und fürwahr
Schadet das böse Weib mir mehr als andres.

Hätt' ich mich vor dem Feu'r nur schützen können,
So hätt' ich mich wohl unter sie gestürzt,
Und glaub' auch, daß mein Lehrer es geduldet;

Doch weil ich mich verbrannt hätt' und gesotten,
Besiegte Furcht in mir den guten Willen.
Der mich, sie zu umarmen, gierig machte.

Darauf begann ich: Nicht Verachtung, Schmerz nur
Hat euer Zustand innen mir erweckt,
So tief, daß spät er ganz nur weichen wird,

Sobald als mein Gebieter zu mir sprach
Die Wort', aus welchen ich abnehmen konnte,
Daß solche Männer, wie ihr seid, jetzt kämen.

Ich bin aus eurer Stadt und immerdar
Hab euer Werk ich und die edlen Namen
Mit Lieb' erwähnet und davon gehört.

Die Galle lass' ich, und die süßen Früchte,
Die mir verheißen mein wahrhaft'ger Führer,
Such' ich; doch muß ich erst ins Centrum dringen.

So deine Seele lange deine Glieder
Beleben mög', antwortete drauf jener,
Und so nach dir dein Ruhm noch lange leuchte,

Sag uns, ob Tapferkeit und edle Sitte,
In unsrer Stadt noch wohnen,wie sie pflegten,
Oder ob gänzlich sie daraus gewichen.

Denn Wilhelm Borsier, der mit uns hier klaget
Seit kurzem, und mit den Gefährten dort geht,
Betrübet uns gar oft mit seinen Reden.

Es haben neues Volk, rascher Gewinn,
Hochmuth und Uebermaß in dir erzeugt
Florenz, so daß du jetzt schon drüber weinest.

So rief ich mit erhobner Stirn, und jene,
Als diese meine Antwort sie vernommen,
Schauten sich an, wie man auf Wahrheit blicket.

Wenn andremale so es dir gelingt,
Mit wenig Mühe andre zu befried'gen,
Wohl dir, daß du so redest nach Belieben.

Drum, so du diesem dunklen Ort entrinnst,
Und heimgekehrt die schönen Sterne schauest,
Wenn du mit Freuden sagen wirst: Ich war dort:

Dann rede du von uns auch zu den Leuten!
Drauf lösten sie das Rad, und Flügel schienen
Die flinken Beine beim Entfliehn zu sein.

Ein Amen hätte man nicht sprechen können,
So schnell als sie von uns verschwunden waren;
Drum schien's dem Meister Zeit zum Weitergehn.

Nur wenig war, ihm folgend, ich gegangen,
Als das Geräusch des Wassers uns so nahe,
Daß wir es kaum gehört, wenn wir gesprochen.

Gleich wie der Fluß, der von dem linken Abhang
Des Apennin, von Monte Beso her,
Zuerst mit eignem Lauf nach Osten fließt,

Der Aqua Cheta oben heißt, bevor er
Hinab sich stürzet in das niedre Bett,
Und jenen Namen bei Forli verliert,

Wie der über San Benedetto donnert,
Weil er hinab sich stürzt von einem Berge,
Wo Tausend wohl Behausung finden sollten:

So hörten wir von einem steilen Abhang
Das dunkle Wasser also nieder donnern,
Daß es gar bald das Ohr betäubet hätte.

Ich hatte einen Strick um mich geschlungen,
Mit welchem ich wohl manchmal schon gemeint
Den Panther mit dem bunten Fell zu fangen.

Nachdem ich diesen ganz von mir gelöst,
So wie der Führer es mir aufgegeben,
Reicht' ich ihm aufgerollt den Knäuel dar;

Worauf sich nach der rechten Seite wendend,
In weniger Entfernung er vom Ufer
Hinab ihn warf in diesen tiefen Abgrund.

Es muß doch etwas Neues wohl entsprechen,
So sprach ich zu mir selbst, dem neuen Zeichen
Das mit dem Aug' der Meister so begleitet.

Ha, wie vorsichtig muß der Mensch doch sein
Mit solchen, die nicht bloß die Thaten sondern
Im Inn'ren die Gedanken auch erschauen!

Und er zu mir: Was ich erwarte, kommt
Nun gleich empor, und daß dein Denken eitel,
Wird deinen Augen gleich sich offenbaren.

Der Wahrheit mit dem Schein der Lüge soll
Der Mensch den Mund, so viel er kann, verschließen,
Weil ohne Schuld er sonst Beschämung ärndtet.

Doch hier kann ich nicht schweigen, und ich schwöre
Dir, Leser. bei dieser Komödie Versen,
So langer Gunst sie sich erfreuen mögen,

Daß durch die dicke, finstre Luft ich sah,
Schwimmend eine Gestalt empor jetzt kommen,
Gar wundervoll auch für das kühnste Herz,

Wie wer emportaucht, der hinabgestiegen
Den Anker, der da Felsen oder andres
Vom Meer bedecket hat gefaßt zu lösen,

Den Leib emporstreckt und die Füße anzieht.


Gesang 17

Sieh da das Thier, das mit dem scharfen Schwanze
Berge durchbohrt und Mauern bricht und Waffen,
Sieh dort den, der die ganze Welt verpestet!

So fing mein Führer an mit mir zu reden,
Und winkte dem, daß er an's Ufer käme,
Am Rande der von uns betretnen Dämme.

Und jenes ekle Bild des Truges kam
Daher, den Kopf und auch den Rumpf anlegend,
Doch zog es nicht den Schwanz mit auf das Ufer.

Sein Antlitz war eines Gerechten Antlitz,
So freundlich war sein Aeußeres zu schauen,
Doch schlangenartig war der andre Leib;

Der Tatzen zwei, behaaret bis zur Achsel,
Der Rücken und die Brust und beide Seiten
Mit Schleifen und mit Schildern schön bemalt.

Nie machten Türken noch Tataren je
So bunt den Grund und Einschlag ihrer Tücher,
Noch legt' Arachne je ein solch Geweb' auf.

Wie man wohl sieht am Ufer Kähne stehn,
Die halb im Wasser sind, halb auf dem Lande,
Und wie bei den gefräß'gen Deutschen wohl

Der Biber sich zu seiner Jagd zurecht setzt,
So hatte sich das arge Thier gelagert
Am Rande, der von Stein, die Wüste säumet.

Den ganzen Schwanz ließ er im Luftraum zucken,
Die gifterfüllte Gabel hoch empor,
Die gleich der des Skorpions bewaffnet war.

Ein wenig muß sich unser Weg nun wenden,
So sprach mein Führer, hin zu jenem schlimmen
Unthier, das dorten sich gelagert hat.

Drum stiegen wir zur rechten Hand hinab,
Und gingen noch zehn Schritte weit am Rande,
Um wie die Flammen so den Sand zu meiden.

Und als wir nun zu ihm gekommen waren,
Sah ich, ein wenig weiter aus dem Sande,
Ein Volk da sitzen in des Abgrunds Nähe.

Hier sprach mein Meister: Auf daß du vollständ'ge
Erfahrung über diesen Ring erlangest,
Geh hin und sieh dir ihr Benehmen an!

Doch kurz nur dürfen die Gespräche dort sein;
Indeß du wiederkommst, sprech' ich mit diesem,
Daß seine starken Schultern er uns leihe.

So ging ich nun noch bis zum letzten Rande
Des siebenten der Kreise ganz allein,
Bis dahin, wo dieses betrübte Volk saß.

Aus ihren Augen brach der Schmerz hervor;
Sie suchten mit den Händen sich zu schützen
Vor'm Feuer hier und dort vor'm heißen Boden.

Nicht anders machen es die Hund' im Sommer
Mit Schnautz und Fuß, wenn sie gebissen werden
Von Flöhen, oder Fliegen, oder Bremsen.

Als ich auf einige den Blick gerichtet,
Auf die das martervolle Feuer fällt,
Erkannt ich keinen zwar, doch nahm ich wahr,

Daß jeglichem vom Halse eine Tasche
Mit eigner Farb' und eignem Zeichen hinge;
Und daran schien ihr Auge sich zu weiden.

Und als ich forschend unter sie getreten,
Sah ich auf einer gelben Tasch' ein Blaues,
Das eines Leu'n Gesicht und Haltung zeigte.

Drauf als nun meine Blicke weiter eilten,
Sah eine andre ich so roth wie Blut,
Mit einer Gans, die weißer war als Butter.

Und einer, dessen weiße Tasche war
Mit einer blauen, trächt'gen Sau bezeichnet,
Rief: Was thust du denn hier in dieser Grube?

Geh' du nur fort! und da du lebend noch,
So wisse, daß mein Nachbar Vitaliano
Hier sitzen wird zu meiner linken Seite.

Mit ihrem Ruf betäuben oftmals mich,
Den Paduaner, diese Florentiner;
Es komme, schrein sie, der erhabne Ritter,

Der uns die Tasche mit drei Böcken bringt.
Den Mund verzog er und die Zunge streckt' er
Heraus, wie wenn der Ochs die Nase lecket.

Und fürchtend zu erzürnen durch mein Weilen
Den, der vor längrem Bleiben mich gewarnt,
Kehrt ich zurück von den elenden Seelen.

Ich fand den Führer, der schon auf den Rücken
Des grausen Thiers gestiegen zu mir sprach:
Jetzt gilt es Muth und Kühnheit zu beweisen.

Jetzt steigen wir auf solchen Treppen nieder.
Setz' vorn dich hin, daß in der Mitt' ich bleibe,
Damit der Schwanz dich nicht beschäd'gen kann.

Wie dem zu Muth ist, der den Fieberschauer,
So nah fühlt, daß die Nägel schon erblassen,
Und ganz erbebt sieht er nur kühlen Schatten,

So ward mir bei den Worten meines Führers.
Doch flößte Scham mir seine Drohung ein,
Die vor dem tapfern Herrn den Knecht ermuthigt.

Auf jene ries'gen Schultern setzt' ich mich,
Und sagen wollt' ich: Sieh, daß du mich haltest!
Doch kamen nicht die Worte wie ich wollte.

Doch er, der oft in anderer Gefahr
Mir schon geholfen, als ich aufgestiegen,
Hielt fest mich und umschlang mich mit den Armen.

Nun Gergon, sprach er, bewege dich
In großen Kreisen und mit schwacher Senkung!
Die neue Last bedenk' wohl, die du trägst!

Sowie der Kahn vom Ufer sich entfernend,
Erst rückwärts gleitet, so bewegt' sich dieser;
Und als er freien Spielraum erst gewonnen,

Wandt' er den Schwanz dahin, wo erst die Brust war,
Gleichwie der Aal streckt' er ihn aus und schwang ihn,
Und zog die Luft an sich mit seinen Tatzen.

Nicht größ're Furcht wohl, glaub' ich, ward empfunden
Als Phaeton die Zügel schießen ließ.
Wovon der Himmel, wie man noch sieht, brannte,

Noch als der arme Ikarus die Flanken
Durch das erweichte Wachs entfiedert sah,
Und ihm, dein Weg ist falsch! der Vater zurief,

Als meine war, da ich von allen Seiten
Mich in der Luft erfand, und jede Ansicht,
Nur die des Thieres nicht, erloschen war.

Langsam zieht dieses schwimmend nun dahin,
Es kreist und senkt sich, doch ich merk' es nur
Am Luftzug, der mich vorn und unten trifft.

Schon hört' ich unter uns zur rechten Hand
Das gräuliche Geräusch des Kessels tosen:
Drob ich den Kopf vorstreckend niederblickte.

Da fürchtet' ich noch mehr mich vor dem Absturz,
Dieweil ich Feuer sah und Klagen hörte,
Weshalb die Bein' ich zitternd fester anschloß.

Und nun sah ich, denn früher sah ich's nicht,
Das Kreisen und das Sinken, weil sich nahten
Gar schwere Leiden von verschiednen Seiten.

Dem Falken gleich, der ohne Beut' und Lockruf
Schon lange in den Lüften hat geschwebt,
Den Falkner sagen läßt: O weh! du sinkest!

Und nun in hundert Kreisen matt sich senket,
Dahin, von wo er rasch sich aufgeschwungen,
Und fern vom Meister sich unwillig setzt:

So setzte Gergon uns auf den Boden,
Ganz dicht am Fuß des steilbehaunen Felsens;
Und als er nun uns beide abgeladen.

Entschwand er uns, gleichwie der Pfeil vom Bogen.


Gesang 18

Ein Ort ist in der Hölle Uebelbulgen
Genannt, von Felsen ganz, und eisenfarbig,
So wie die Einfassung, die ihn umgiebt.

Und in der Mitte dieses schlimmen Feldes
Gähnet ein Brunnen breit und tief hinab,
Deß Einrichtung ich seines Orts berichte.

Der Raum, der von dem Fuß des hohen Felsens
Bis zu dem Brunnen bleibt, ist folglich rund,
Und in zehn Thäler ist sein Grund getheilet.

Das Bild, das, wo zum Schutze ihrer Mauern,
Der Gräben manche die Castell' umgeben,
Sich darstellt an der Seite wo sie sind,

Ein solches Bild boten die Bulgen dar.
Und wie bei solchen Burgen von den Thoren
Zum äußern Ufer kleine Brücken gehn,

So führten hier vom Fuß des Felsens Klippen,
Die Dämm' und Gräben alle überwölbend,
Zum Brunnen, der sie sammelt und abschneidet.

Von Gergons Rücken abgeschüttelt, fanden
Wir uns an diesem Orte, und der Dichter
Hielt sich zur Linken, und ich folgt' ihm nach.

Zur rechten Hand nun sah ich neuen Jammer,
Viel neue Qualen, neue Geißelschwinger,
Womit die erste Bulge war erfüllt.

Auf ihrem Grunde liefen nackte Sünder;
Auf uns zu gingen sie diesseits der Mitte,
Jenseits mit uns, allein mit größren Schritten:

Gleichwie die Römer wessen Menschenzudrangs,
Im Jahr des Jubiläums, auf der Brücke
Die Vorrichtung zum Uebergang getroffen,

So daß die einen das Gesicht gerichtet
Nach dem Castelle zum St. Peter gingen,
Die andern aber nach dem Berge zu.

Am schwarzen Felsen rechts und links sah ich
Gehörnte Teufel, die mit großen Peitschen
Den Rücken ihnen grauenhaft zerschlugen.

Wie ließen sie die Beine sie erheben
Schon bei den ersten Hieben! denn die zweiten
Abwartete wohl keiner und die dritten.

Wie ich nun so dahin ging, traf mein Blick
Auf einen Schatten, und ich sprach sogleich:
An dem hat sich mein Auge schon geweidet

Weshalb ich scharf ihn nun ins Auge faßte:
Und mit mir blieb mein süßer Führer stehn,
Und gab es zu, daß ich etwas zurückging.

Und der Gepeitschte glaubte sich zu bergen,
Das Antlitz senkend, doch es half ihm wenig,
Denn gleich sprach ich: Der du zu Boden blickest,

Sind falsch nicht die Gebärden, die du zeigest,
Bist du Benedico Caccianimico.
Doch was führt zu so scharfen Laugen dich?

Und er zu mir: Ungern nur sag' ich es,
Doch zwingt dazu mich deine klare Rede,
Die mich erinnert an die alte Welt.

Ich war es, der die schöne Ghisola
Verleitete, den Willen des Marchese
Zu thun, wie auch die schmutz'ge Sage laute.

Nicht bin ich hier der einz'ge Bolognese,
Vielmehr ist ganz der Ort davon erfüllt;
Denn kaum giebt's zwischen Reno und Savena

Jetzt so viel Stimmen, die das Sipa sprechen.
Und willst du dafür Bürgschaft oder Zeugniß,
So denke nur an unsern geiz'gen Sinn.

Da er noch redete, traf ihn ein Teufel
Mit seiner Peitsch' und sprach: Fort Kupler, fort!
Hier giebt's nicht Weiber, die für Geld zu haben.

Ich schloß mich wieder meinem Führer an.
Nach wenig Schritten kamen wir dahin,
Wo von dem Ufer sich ein Felsen streckte.

Mit leichter Müh' erstiegen diesen wir,
Und rechts uns wendend über seinen Rücken,
Entfernten wir uns von den ew'gen Kreisen.

Als wir dahin gekommen, wo er unten
Sich öffnet, die Gepeitschten durchzulassen,
Da sprach: Steh' still, der Führer, daß die Blicke

Jener elend gebornen auch dich treffen,
Von denen du das Antlitz noch nicht sahest,
Weil sie bisher mit uns gegangen sind.

Wir sah'n den Zug nun von der alten Brücke,
Der auf uns zukam, von der andern Seite,
Auf den die Peitsche ebenso herabfällt.

Der gute Meister, ohne meine Frage,
Sprach nun: Schau jenen Großen, der da herkommt,
Dem ob des Schmerzes keine Thrän' entfällt!

Welch königliches Ansehn er bewahret!
Das ist Jason, der durch Muth und Klugheit
Das goldne Fließ den Kolchiern geraubt.

Er kam auf seinem Zug zur Insel Lemnos,
Nachdem erbarmungslos die kühnen Weiber
Den Männern allen dort den Tod gegeben.

Durch Zeichen und durch wohlgeschmückte Worte
Betrog Hypsipylen die Jungfrau er,
Welche getäuscht die andern früher hatte.

Er ließ sie schwanger und allein zurück:
Die Schuld verdammt zu solcher Marter ihn,
Und auch Medea wird allhier gerächt.

Mit ihm geht wer in solcher Art getäuscht hat.
Und das genüge uns vom ersten Thale
Zu wissen, und von denen die es packt.

Schon waren wir da wo der schmale Fußweg
Sich mit dem zweiten Walle kreuzt, und dieser
Als Stützpunkt einem andern Bogen dient.

Dort in der zweiten Bulge hörten wir
Ein Volk, das mit der Nase schnauft und wimmert,
Und mit den flachen Händen selbst sich schlägt.

Die Ufer waren ganz bedeckt mit Schimmel,
Der von dem Dunst von unten hier sich anlegt
Und Nas' und Augen gleich beschwerlich fällt.

Der Boden ist so dunkel, daß das Auge
Zum Seh'n nicht ausreicht, wenn man nicht zugleich
Zum Bogen,wo am höchsten er, emporsteigt.

Dahin gelangten wir, und in dem Graben
Sah ich ein Volk in einen Koth getaucht
Der menschlichen Abtritten schien entnommen.

Und während mit dem Aug' ich unten forsche,
Sah einen ich, deß Kopf so Koth besudelt,
Daß man nicht sah, ob geistlich er, ob Laie.

Der fuhr mich an: Was bist du so begierig,
Mehr als die andern Schmutz'gen mich zu schauen?
Und ich zu ihm: Weil, irr' ich nicht, du mußt

Alessio Interminei von Lucca sein, -
Den ich mit trocknem Haar schon einst gesehn:
Deshalb betracht' ich mehr dich als die andern.

Er sprach darauf, sich an den Schädel schlagend:
Hier haben mich die Schmeichelein versenket,
Woran die Zunge nie sich sätt'gen konnte.

Nach diesem sprach mein Führer: Mache daß du
Die Blicke etwas weiter vorwärts sendest,
Daß mit den Augen du das Antlitz jener

Zerzausten, schmutz'gen Dirne wohl erfassest,
Die dort sich mit den koth'gen Nägeln kratzt,
Bald aufrecht steht, und bald sich nieder kauert.

Thaïs die Metze ist es, die dem Buhlen,
Der sie gefragt: Steh' ich bei dir in Gnaden?
Erwiederte: Ganz ungeheuerlich

Und damit sei denn unser Blick gesättigt.


Gesang 19

O ihr des Zaubrers Simon arge Jünger,
Die ihr für Silber und für Gold verkuppelt,
Raubgier'ge ihr, die Dinge Gottes, welche

Mit wahrer Tugend nur vermählt sein sollen!
Von euch muß nunmehr die Trommet' erklingen,
Weil in der dritten Bulg' ihr euch befindet.

Zur nächsten Grube waren wir gekommen,
Und standen nun auf jenem Theil der Brücke,
Der auf des Grabens Mitte grad herabsieht.

O höchste Weisheit, welche Kunst doch zeigst du
Im Himmel, auf der Erd' und in der Hölle,
Und wie gerecht vertheilet deine Macht!

Am Abhang, sowie auf dem Grunde sah
Den dunklen Felsen voller Löcher ich:
Von Einer Weite all' und rund war jedes.

Sie schienen mir nicht wen'ger weit noch größer
Als die, die zur Bequemlichkeit der Täufer
In meinem schönen St. Johann sich finden;

Von denen eines ich, vor nicht viel Jahren,
Zerbrach, um Eines willen, der drin umkam:
Dies Zeugniß möge jedermann enttäuschen.

Aus jedem Loche ragten nur die Füße
Des Sünders und die Beine bis zur Wade
Empor, und alles Uebrige stak drinne.

Der Füße Sohlen waren beid' entzündet,
Weshalb sie so mit den Gelenken zuckten,
Daß Seil' und Stricke sie zerrissen hätten.

Sowie das Flammen der geölten Dinge
Nur auf der äußern Oberfläche spielt;
So war es hier vom Hacken bis zur Spitze.

Wer ist der, Meister, der mehr als die andern
Genossen zuckend seinen Schmerz verräth,
Sprach ich, und den die röth're Flamme aussaugt?

Und er zu mir: Willst du, daß ich dich trage
Hinab das Ufer, wo es wen'ger steil ist,
Kannst von ihm selbst du seine Schuld erfahren.

Und ich: Ganz recht ist mir was dir gefällt,
Du bist der Herr, und weißt, daß deinem Willen
Ich stets gefolgt, und weißt was man verschweigt.

Darauf gelangten wir zum vierten Walle,
Und stiegen, links uns wendend, hier hinab
Auf den von Löchern dicht durchbohrten Grund.

Und von der Hüfte setzte mich der Meister
Nicht ab, bis daß er mich gebracht zum Loche
Deß, der also mit seinen Beinen klagte.

Wer du auch seist, elende Seele du,
Deß Obres unten steckt, gleich einem Pfahle,
Begann ich nun, vermagst du es, so sprich!

Dem Mönche gleich stand ich, der einem Mörder
Am Pfahl gebunden schon die Beichte hört,
Der ihn zurückruft, weil der Tod dann zögert.

Er aber rief: Stehst du schon aufrecht da,
Stehst du schon aufrecht da, Papst Bonifaz?
So hat um Jahre mir die Schrift gelogen.

Bist du sobald schon jener Habe satt,
Die dich vermocht betrüg'risch zu gewinnen
Das schöne Weib, das du mißhandelt hast?

Ich glich dem Menschen, der da nicht versteht
Was ihm gesagt, und sich betrogen wähnend
Dasteht, und keine Antwort finden kann.

Drauf sprach Virgil zu mir: Sage nur schnell ihm:
Ich bin der nicht, ich bin der nicht, den du meinst,
Und ich antwortete wie mir geheißen.

Weshalb der Geist die Füße ganz und gar
Verdreht' und weinend und mit Seufzen sprach:
Was ist es denn, was du von mir verlangst?

Liegt dir so viel daran zu wissen, wer
Ich bin, daß du deshalb hinabgestiegen,
So wiss', ich trug dereinst den großen Mantel:

Und warlich recht ein Sohn der Bärin war ich,
Begierig so die Bärlein zu befördern,
Daß eingesackt ich dort die Hab' und hier mich.

Die vor mir Simonie getrieben liegen
Nun flach am Boden unter meinem Haupte
Durch diesen Felsenspalt hinabgezogen.

Hinab dort werd' auch ich einst stürzen, wenn
Der kommen wird, für den ich dich gehalten,
Als ich die rasche Frage an dich that.

Doch längre Zeit schon brennen meine Füße,
Und länger steh' ich auf dem Haupte so
Als er mit rothen Füßen hier wird stehn.

Denn nach ihm wird mit schlimmrer That noch kommen
Ein Hirt ohne Gesetz, vom Abend her,
So daß er ihn und mich bedecken muß.

So wie dem Jason, nach den Makkabäern,
Sein König günstig war, so wird auch diesem,
Der Frankreich dann beherrscht, nachgiebig sein.

Ich weiß nicht, war ich hier nicht zu vermessen,
Doch antwortet' ich ihm in solcher Weise:
Ei sag' mir doch, wie großen Schatz verlangte

Wohl unser Herr zuvor vom heil'gen Petrus,
Eh' er die Schlüssel gab in seine Hände?
Gewiß verlangt' er nichts als: Folg' mir nach!

Noch Petrus und die andern forderten
Gold oder Silber vom Matthias, als
Er ward erwählt statt der verlornen Seele.

Drum steh du nur! denn du bist wohl gestraft.
Bewahre nur das schlimm genommne Geld,
Das einst so kühn dich gegen Carl gemacht!

Und wäre nicht, daß mir die Ehrfurcht noch
Vor jenen hohen Schlüsseln es verbietet,
Die du im heitern Leben einst besessen,

So würd' ich härtre Worte noch gebrauchen.
Denn euer Geiz beflecket ganz die Welt,
Zertritt die Guten und erhebt die Schlechten.

Euch Hirten hatte der Evangelist
Im Auge, als er die, die auf den Wässern
Sitzt, mit den Kön'gen Unzucht treiben sah.

Die mit den sieben Häuptern ward geboren,
Und die zehn Hörner zum Beweise führte,
So lang' als Tugend dem Gemahl gefiel.

Das Gold und Silber macht ihr euch zum Gott,
Und welchen Vorzug habt ihr vor dem Heiden,
Als daß er Einen und ihr hundert ehrt.

Ha! Constantin, wie großen Unheils Quelle
War, nicht deine Bekehrung, doch die Schenkung,
Die von dir nahm der erste reiche Vater.

Und während ich ein solches Lied ihm vorsang,
War's Zorn oder Gewissen, was ihm nagte,
Zuckte er heftig mit den beiden Beinen.

Dem Führer hatten, glaub' ich, wohlgefallen
Die wahren von mir ausgesprochnen Worte.
So freundlich war sein Blick, als er sie hörte.

Deshalb ergriff er mich mit beiden Armen,
Und als er ganz mich auf die Brust gehoben,
Stieg er den Weg zurück, den er gekommen

Und nicht ermüdet' er mich so zu halten,
Bis daß er mich zum Gipfel trug des Bogens,
Der zu dem fünften Wall hinüber leitet.

Hier erst setzt er vorsichtig ab die Last,
Wegen des rauhen und sehr steilen Felsens,
Der selbst für Ziegen wär' ein schlimmer Weg.

Und hier that sich ein neues Thal mir auf.


Gesang 20

Von neuer Strafe muß ich nunmehr singen,
Und Stoff dem zwanzigsten Gesange geben
Des ersten Liedes, dem von den Versunknen.

Ich hatte mich schon gänzlich angeschickt
Hinabzublicken in den offnen Grund,
Der von qualvollen Thränen ist gebadet.

Und in dem kreisförmigen Thale sah ich
Schweigend und weinend daher kommen Leute,
Langsam, wie Büßer hier auf Erden gehn.

Und als ich nun den Blick hinab zu ihnen
Gesenkt, erschien gar wunderbar verdreht
Ein jeglicher vom Kinne bis zur Brust.

Nach hinten zu war ihr Gesicht gewendet,
Und rückwärts mußten sie nun gehen, weil
Das Vorwärtsschauen ihnen war genommen.

Vielleicht daß wohl durch die Gewalt der Krämpfe
Ein Mensch schon sonst also verdrehet ward;
Doch sah ich's nie und glauben kann ich's nicht.

So Gott dich möge, Leser, Früchte erndten
Von deinem Lesen lassen, denke selbst du
Ob trocken ich das Auge halten konnte,

Als unsere Gestalt ich nun von nahem,
So ganz entstellt sah, daß der Augen Thränen
Die Hinterbacken durch den Spalt benetzten.

Wohl weint' ich, angelehnt an eine Klippe
Des harten Felsens, so daß mir der Führer
Zurief: So bist du auch der Thoren einer!

Fromm zeigt sich hier wer jedes Mitleid tödtet.
Wer ist wohl ruchloser als der zu nennen,
Der Mitleid fühlt beim göttlichen Gericht?

Erheb das Haupt! erheb's und sieh den dort,
Dem Angesichts von Theben sich die Erde
Gespalten so, daß alle riefen: Wohin,

Den Kampf verlassend, stürzt Amphiaraus?
Und nicht zu stürzen hört er auf thaleinwärts
Bis hin zum Minos, der jedweden packt.

Schau, wie die Schultern er zur Brust gemacht!
Weil er zu weithin wollte vorwärts schauen,
Sieht er nach hinten und sein Gang ist rückwarts.

Sieh dort Tiresias, der einst vertauschte
Des Mannes Ansehn und zum Weibe ward,
Als alle Glieder ihm verwandelt wurden.

Und erst mußt' er noch einmal mit dem Stabe
Die eng verschlung'nen Schlangen treffen, eh er
Zurück erhielt das männliche Gefieder.

An seinen Bauch stößt mit dem Rücken Aruns,
Der in den Bergen einst von Luni hauste,
Und in dem weißen Marmor eine Höhle

Bewohnte (da wo weiter unten ackert
Der Carrarese), so daß ihm die Aussicht
Auf Meer und Sterne nicht benommen war.

Und jene, die mit den gelösten Haaren
Die Brüste deckt, die du nicht sehen kannst,
Und alle haar'gen Theile jenseits hat,

War Manto die, nachdem sie viel gewandert,
Sich niederließ wo ich geboren, weshalb
Ich wünsche, daß ein wenig du mich anhörst.

Nachdem ihr Vater aus dem Leben schied,
Und unterjocht die Stadt des Bacchus wurde,
Zog diese lange in der Welt umher.

Am Fuß der Alpen oberhalb Tyrols,
Die Deutschland schließen, liegt im schönen Lande
Italien ein See genannt Benacus.

Gespeist wird er von mehr als tausend Quellen,
Die im besagten See sich stauen, zwischen
Pennin und Val Camonica und Garda.

In seiner Mitte liegt ein Punkt, wo segnen
Die Hirten könnten von Trient, von Brescia
Und von Verona, kämen sie des Weges.

Wo sich das Ufer rings am meisten senket,
Dort liegt der schön' und feste Ort Peschiera,
Der Brescia, so wie Bergamo kann trotzen.

Das Wasser, das in des Benacus Busen
Nicht Raum hat, muß sich alles dorthin stürzen,
Und zieht als Fluß alsdann durch grüne Wiesen.

Sobald das Wasser seinen Lauf begonnen,
Heißt es nun Mincio, nicht Benaco mehr,
Bis nach Governo, wo es in den Po fällt.

Nach kurzem Lauf findet er eine Nied'rung,
Die er sich dort ausbreitend nun versumpfet,
So daß im Sommer sie oft schädlich wird.

Vorbei dort kommend sah die herbe Jungfrau
In jenes Sumpfes Mitte einen Boden
Ohn' Anbau und von Einwohnern entblößt.

Dort blieb, um menschlichen Verkehr zu meiden,
Sie mit den Ihren und trieb ihre Künste,
Sie lebt' und ließ allda den eiteln Leib.

Die Menschen drauf, die ringsumher zerstreuet,
Sammelten sich an diesem Ort, der fest war,
Weil ihn der Sumpf umgab von allen Seiten.

Auf ihre Asche bauten sie die Stadt,
Und wegen der, die diesen Ort erwählet,
Ward ohne Weitres Mantua sie genannt.

Wohl dichter war einst die Bevölkerung,
Bevor die Thorheit des von Casalodi,
Von Pinamonte den Betrug erfuhr.

Drum warn' ich dich, daß so du jemals hörest
Von einem andern Ursprung meiner Stadt,
Dich keine Lüge um die Wahrheit bringe.

Und ich: Mein Meister, deine Gründe sind
Mir so gewiß, und fesseln meinen Glauben,
Daß andre mir erloschne Kohlen wären.

Doch sag', unter dem Volke, das dahinzieht,
Siehst einen du, der werth daß man ihn nenne?
Denn darauf nur alleine zielt mein Geist.

Und er zu mir: Jener, der von den Wangen
Den Bart läßt fallen auf die braunen Schultern,
War Augur, als von Männern so entblößt

Das Land war, daß kaum Knaben noch in Wiegen,
Und gab in Aulis, im Verein mit Kalchas,
Den Zeitpunkt an das erste Tau zu kappen.

Eurypilos hieß er, und so besingt ihn
An einer Stelle mein erhabnes Lied.
Du kennst sie wohl, da du es ganz und gar kennst.

Der andre, der so schmal ist in den Weichen,
War Michel Scotto, der in Wahrheit wohl
Das Spiel des magischen Betruges kannte.

Sieh' dort Guido Bonatti, sieh Asdente,
Der jetzt beim Leder und beim Pechdraht möchte
Geblieben sein, doch reut es ihn zu spät.

Sieh die Elenden, die, um wahr zu sagen,
Die Nadel, Spul' und Spindel aufgegeben,
Mit Kräutern und mit Bildern Zauber übten.

Doch komm nunmehr, denn schon berührt die Grenze
Des Horizonts, und tauchet in die Wogen
Jenseits Sevilla, Cain mit dem Dornstrauch:

Und gestern Abend war der Mond schon voll:
Das mußt du wissen, da mehr als einmal
Er nützlich dir im tiefen Walde war.

So sprach er und wir wanderten zugleich.


Gesang 21

Von Brücke so zu Brücke, andres redend,
Was mein Gedicht zu melden hier verschmäht,
Sind auf den Gipfel wir gekommen, als

Wir standen, um den andern Spalt zu sehen
Von Uebelbulgen und die eitlen Thränen,
Und wunderbarlich dunkel fand ich ihn.

Wie in dem Arsenal der Venezianer
Zur Winterszeit das zähe Pech gekocht wird,
Um die schadhaften Schiffe zu kalfatern;

Denn nicht in See gehn können sie, statt dessen
Baut der ein neues Schiff, und der verstopfet
Die Rippen dem, das viel der Reisen machte,

Der klopft am Vorder-, der am Hintertheil;
Der fertigt Ruder und der drehet Taue,
Der flickt am Bugsprit, der am Besamsegel:

So siedete, doch nicht durch Feuer, sondern
Durch Gottes Kraft ein dicker Leim dort unten,
Der allerwärts die Ufer überklebte.

Ich sah das Pech, doch drinnen sah ich nichts,
Als nur die Blasen, die das Kochen auftrieb,
Und wie es anschwoll und verdickt sich setzte.

Und während ich noch scharf hinunterblickte,
Zog mich mein Meister zu sich von dem Orte,
Wo ich noch stand, und rief: Nimm dich in Acht!

Drauf wandt' ich mich, wie einer dem's zu lang dünkt,
Das zu erkennen, was er fliehen soll,
Weil ihm plötzliche Furcht den Muth geraubt,

Und doch nicht, um zu sehn, die Flucht verzögert.
Und hinter uns kam da ein schwarzer Teufel
Ueber den Felsen laufend auf uns zu.

Ha! wie war doch sein Angesicht so grimmig!
Wie herbe schien er mir in der Gebärde,
Mit offnen Flügeln und leicht auf den Füßen!

Ein Sünder lastete mit beiden Schenkeln
Auf seine Schultern, die da scharf und stolz;
Er aber hielt das Fußgelenk gepackt.

Ihr Grimmetatzen unsrer Brücke, sprach er,
Nehmt und taucht unter diesen Aeltesten
Von Santa Zita, denn gleich kehr' ich wieder

Zu jener Stadt, die wohl damit versehn ist;
Käuflich ist jeder drin, nur nicht Bonturo:
Für Geld wird dort aus Nein ein Ja gemacht.

Dort warf er ihn hinab, und wandte sich
Zurück zum Fels, und kein Hund von der Kette
Gelöst verfolgte je den Dieb so eilig

Unter geht der, und taucht gekrümmt empor;
Allein die Teufel dieser Brücke riefen:
Hier hilft das heil'ge Antlitz dir zu nichts,

Hier wird anders geschwommen als im Serchio;
Drum willst du nicht von unsren Haken kosten,
So laß dich nicht über dem Peche sehn!

Drauf packten sie mit mehr als hundert Zinken
Ihn, rufend: Hier mußt du verdeckt nur tanzen,
Und heimlich, wenn du kannst, etwas erschnappen.

So lassen wohl die Köche von den Knechten
Das Fleisch mit Gabeln in des Kessels Mitte
Eintauchen, damit es nicht oben schwimme.

Duck' dich, sprach nun mein guter Meister, hinter
Der Klippen eine, daß man nicht bemerke
Daß du hier sei'st, und ein'gen Schutz du habest!

Und was mir auch zu Leid geschehen möge,
Fürchte du nichts, ich kenne diese Dinge,
Und früher schon war ich bei solchem Strauße.

Drauf überschritt das Ende er der Brücke;
Und als er auf den sechsten Wall gekommen,
Da galt es eine kühne Stirn zu zeigen.

Mit solcher Wuth und solchem Ungestüm
Wie Hunde auf den Dürstigen sich stürzen,
Der, wo er still steht, gleich zu betteln anfängt:

So stürzten die unter der Brücke vor,
Und wandten gegen ihn all' ihre Haken.
Er aber rief: Keiner von euch sei falsch!

Bevor mit euren Haken ihr mich packet,
Tret' einer von euch vor, der mich anhöre!
Erst dann mögt ihr beschließen mich zu fassen.

So gehe Malacoda! schrieen alle;
Weshalb der vortrat und die andern standen,
Und kam zu ihm und sprach: Was soll's ihm helfen?

Glaubst du denn, Malacoda, mich zu sehen
Hierhergekommen, sprach mein Meister jetzt,
Vor allen euren Waffen sicher, ohne

Göttlichen Willen und günstige Schickung?
Laß gehen mich! denn in dem Himmel will man,
Daß diesen dunkeln Weg ich jemand zeige.

Darauf war ihm der Stolz so ganz gesunken,
Daß er den Haken ließ zu Füßen fallen,
Und er nun sprach: Den dürft ihr nicht verwunden.

Und zu mir sprach der Führer: Der du sitzest
Zwischen den Klippen dorten ganz geduckt,
In aller Zuversicht komm jetzt zu mir!

Weshalb ich aufsprang und schnell zu ihm kam,
Und alle Teufel traten nun hervor,
Daß ich besorgt', ob den Vertrag sie hielten.

So sah die Kriegesknechte ich sich fürchten,
Die auf Vertrag einst aus Caprona zogen,
Als unter so viel Feinden sie sich sahen.

Ich drückte mich mit meinem ganzen Leibe
An meinen Führer, und wandt' nicht die Augen
Von ihrem Ansehn, das nichts Gut's versprach.

Die Haken senkten sie: Soll ich ihn packen,
Sprach einer zu dem andern, bei der Kruppe?
Ja, sieh daß du ihn fassest, war die Antwort.

Doch jener Teufel der mit meinem Führer
War im Gespräch, wandte nun schnell sich um
Und sprach: Sei ruhig, ruhig Skarmiglione!

Darauf sprach er zu uns: Auf diesem Felsen
Könnt ihr nicht weiter gehen, denn zertrümmert
Liegt ganz der sechste Bogen auf dem Grunde.

Und wenn das Fürderwandern euch beliebt,
So gehet nur auf diesen Klippen weiter!
Es bietet noch ein andrer Fels den Weg.

Es waren gestern, nur fünf Stunden später,
Tausend zweihundert sechs und sechzig Jahr
Erfüllet, seit der Weg hier ist gebrochen.

Ich sende grade von den Mein'gen dorthin
Um nachzusehn, ob etwa wer sich lüstet.
Mit ihnen geht! sie werden schlimm nicht sein.

Tritt vor du Alichin und Calcabrina!
Begann zu sagen er, und du Cagnazzo
Und Barbariccia führ' die Schaar der Zehn!

Auch Libicocco komm' und Draghignazzo,
Ciriatto mit den Hau'rn und Graffiacane,
Der tolle Rubicant und Farfarell!

Sucht mir wohl ab die Ufer dieses Peches!
Die bleiben unberühret bis zum Felsen,
Der unzerstört die Gräben überwölbt.

O weh! was ist das, was ich sehe, Meister?
Sprach ich, ohne Geleit, ach laß uns gehen,
Weist du den Weg, denn ich begehre keins.

Bist du so aufmerksam, wie sonst du pflegest,
Siehst du denn nicht, wie sie die Zähne fletschen,
Und mit den Brauen sie Verrath uns drohn?

Und er zu mir: Nicht will ich daß du fürchtest.
Laß du sie fletschen nur ganz nach Belieben,
Denn das thun sie für die gesott'nen Sünder.

Sie wandten nun sich zu dem linken Damme,
Doch streckt' als Zeichen jeder erst die Zunge
Zwischen den Zähnen nach dem Führer hin,

Der nun den Hintern zur Trompete machte.


Gesang 22

Wohl sah ich Reiter aus dem Lager rücken,
Den Sturm beginnen, oder Mustrung halten,
Zuweilen auch zu ihrer Rettung fliehn;

Und Plänkler sah durch euer Land ich schwärmen,
Ihr von Arezz', und Streifparteien aufbrechen,
Turniere halten und manch Lanzenstechen,

Bald nach dem Klang von Zinken oder Glocken,
Nach Zeichen von den Burgen oder Trommeln,
Nach heimischen sowie nach fremden Klängen:

Doch nie nach so absonderlicher Schallmei
Sah Reiter ich noch Fußvolk sich bewegen,
Wie Schiff' auch nicht nach Land- und Himmelszeichen.

So gingen wir nunmehr mit den zehn Teufeln,
Ha! grausiges Geleit! doch in der Kirche
Mit Heil'gen und mit Schlemmern in der Schenke.

Doch auf das Pech war nur mein Sinn gerichtet,
Um zu erkennen die Beschaffenheit
Der Bulge und des Volks, das drin geglüht ward.

Wie die Delphine, wenn den Schiffenden
Sie mit des Rückens Bogen Zeichen geben,
Daß sie das Schiff zu bergen wohl bedacht sei'n,

So, um die Pein in etwas doch zu mildern,
Zeigte wohl mancher Sünder hier den Rücken,
Und barg ihn wieder dann mit Blitzesschnelle.

Sowie die Frösch' an eines Grabens Rande
Oft nur die Schnauze aus dem Wasser halten,
So daß die Füß' und Uebriges sie bergen,

So hielten allerwärts die Sünder sich:
Allein, sobald sich Calcabrina nahte,
Zogen sie sich zurück unter die Gluthen.

Ich sah, und noch erbebt mein Herz davor,
Einen verweilen, wie es wohl geschieht,
Daß ein Frosch bleibt, ein anderer davonspringt:

Und Graffiacan, der ihm am nächsten war,
Erpackt ihn bei den vollgepichten Haaren,
Und zog, gleich einer Otter, ihn empor.

Ich kannte ihre Namen alle schon,
So merkt' ich sie als sie gewählet wurden,
Und gab wohl Acht, wie sie einander riefen.

O Rubikante, sieh daß du ihm schlagest
Die Klauen in den Leib, daß du ihn schindest!
Schrien alle mit einander die Verfluchten.

Und ich: Mein Meister, mache, wenn du kannst,
Daß ich erfahre, wer der Unglücksel'ge,
Der in der Feinde Hand gefallen ist.

Mein Führer trat ihm nun zur Seit' und fragte,
Woher er wär', und er erwiderte:
Ich bin gebürtig aus dem Reich Navarra.

Zu Herrendienst bestimmte mich die Mutter,
Die mich mit einem Taugenichts erzeugt,
Der seine Habe und sich selbst zerstörte.

Zum guten König Thiebald kam ich drauf,
Und hier begann ich die Durchstechereien,
Wofür ich büßen muß in dieser Gluth.

Und Ciriatto, dem, gleich einem Eber,
Zwei Hauer aus dem Maul hervorgewachsen,
Ließ ihn empfinden wie der eine trennte.

Zu schlimmen Katzen war die Maus gekommen,
Doch Barbaricci' umschloß ihn mit den Armen
Und rief: Zurück ihr, während ich ihn halte!

Und zu dem Meister wandt' er das Gesicht:
Frag ihn, wenn mehr zu wissen du begehrest,
Sprach er, bevor wer anders ihn zerreiße.

So sag' denn, sprach der Führer, kennest du
Unter dem Pech wohl einen von den Sündern,
Der ein Lateiner? Und er: Eben nur

Verließ ich einen der dort aus der Nähe.
O wär' ich nur mit ihm bedecket noch,
Nicht fürchtet' ich dann Haken oder Klauen!

Zu lang' schon warten wir, sprach Libicocco,
Und packte mit dem Zinken ihm den Arm,
So daß er einen Muskel ihm davonriß.

Auch Draghignazzo wollt' ihm eins versetzen,
Nach unten an den Füßen, doch der Zehntmann
Wandte sich rings umher mit bösem Blicke.

Als nun ein wenig sie beruhigt waren,
Fragte mein Führer ohne Weilen den,
Der seine Wunde noch betrachtete:

Wer war's, den du, zum Unheil, wie du sagst,
Verlassen, um das Ufer zu erreichen?
Worauf er sprach: Das war Bruder Gomita,

Der von Gallura, alles Truges voll,
Der seines Herren Feind' in Händen hatte,
Und sie so hielt, daß jeder ihn drob lobt.

Geld nahm er an, und ließ sie frank und frei,
Wie er es nennt, auch in andern Aemtern
War er kein kleiner Gauner, nein, der größte.

Mit ihm verkehret Don Michael Zanke
Von Logodor, und ihre Zungen werden
Zu schwatzen von Sardinien niemals müde.

Weh! seht den andern, der die Zähne fletscht!
Mehr sagt' ich noch, wenn ich nicht fürchtete,
Daß er sich anschickt' mir den Grind zu kratzen.

Jedoch der große Vorgesetzte sprach
Zu Farfarell. der schon die Augen drehte
Zum Hiebe: Fort von hier, du böser Vogel!

Wenn ihr Toskaner oder auch Lombarden
Seh'n oder hören wollt, begann aufs neue
Der Aengstliche, will ich sie kommen lassen,

Wenn nur die Grimmetatzen sich entfernen,
So daß sie ihre Rache nicht zu fürchten,
Und ich an diesem selb'gen Orte sitzend,

Sobald ich pfeife. will ich sieben euch
Für einen der ich bin, herkommen lassen,
So machen wir's, wenn einer sich erhebt,

Cagnaz bei diesem Wort erhob die Schnauze,
Und sprach kopfschüttelnd: Hört die Schelmerei,
Die er erdacht, um sich hinabzustürzen!

Drob er der Pfiffe hatt' in großer Fülle,
Sprach: Ja, ein Schelm bin ich nur allzusehr,
Wenn ich den Meinen größ're Pein bereite.

Nicht halten konnt' sich Alichin, und gegen
Der Andern Meinung sprach er: Springst herab du,
So werd' ich dich nicht im Galopp verfolgen;

Die Flügel schwing ich dann über dem Pechsee.
Fort von der Höh', das Ufer biet' ihm Schutz!
Damit, ob mehr du kannst als wir, man sehe.

Ein neues Spiel sollst du, o Leser, hören.
Zur andern Seite wandte jeder nun sich,
Zuerst der, der am meisten sich gesträubt.

Der Navarese nahm die Zeit gut wahr,
Stemmt' auf die Füße, und im Augenblick
Sprang er, von ihrem Zehntmann sich befreiend.

Darob nun jeder dieses Streichs sich schämte,
Am meisten der, der Schuld war an dem Fehler;
Deshalb fuhr er empor und schrie: Ich hab' dich!

Doch wenig half es ihm: Die Flügel waren
Nicht schneller als die Furcht; der ging zu Grunde,
Und jener hielt die Brust im Flug empor.

Nicht anders taucht die Ente plötzlich unter,
Wenn sich der Falke naht, und dieser schwingt
Erzürnt und matt sich wiederum empor.

Doch Calcabrin, von diesem Streich erbost,
Folgt' dem Gefährten fliegend nach, erfreut
Daß der entkommen, um nur Streit zu haben.

Und wie der Schelm nur eben war verschwunden,
Wandt er die Klauen gegen den Genossen
Und hielt über dem Graben ihn gepackt.

Jedoch auch jener, als ein wilder Sperber,
Verstand ihn gut zu packen, und so fielen
Sie beide mitten in den glüh'nden See.

Die Hitze brachte schnell sie auseinander,
Allein sich zu erheben war vergeblich.
So waren ihre Flügel voller Pech.

Verdrießlich nebst den Seinen ließ der Zehntmann
Nun viere nach der andern Seite fliegen,
Mit allen Haken, und in größter Eil'

Besetzten dies- und jenseits sie die Ufer;
Die Haken reichten sie den Eingepichten,
Die schon gesotten waren in der Rinde;

Und wir verließen sie in dieser Klemme.


Gesang 23

Stillschweigend, einsam und ohne Geleit
Gingen wir nun hinter einander her,
Wie Minoriten wohl zu wandeln pflegen.

Von wegen des hier gegenwärt'gen Streites
Wandte mein Geist sich auf Aesopus Fabel,
Wo er vom Frosch und von der Ratte redet.

Denn mehr stimmt jetzt mit nun nicht überein,
Als Anfang hier und Ende mit einander,
Wenn beide man genau im Geist verbindet.

Wie ein Gedank' entspringet aus dem andern,
So ward aus diesem dann ein andrer noch,
Der mir die erste Furcht verdoppelte.

Ich dachte so: Die sind von uns verspottet,
Mit solchem Schimpf und Schande so beladen,
Daß ich wohl glaube, daß es sehr sie kränkt.

Wenn Zorn zum bösen Willen sich gesellt,
So werden dies' ingrimm'ger als der Hund
Den Hasen, den er rahmet, uns verfolgen.

Schon fühlt' ich alle Haare mir sich sträuben,
Und rückwärts war gespannet nur mein Sinn,
Als ich zum Meister sprach: Wenn Du nicht birgst

Dich selbst und mich aufs schleunigste, so fürcht' ich
Die Grimmetatzen, die schon hinter uns
Im Geist ich schau', so daß ich sie schon höre.

Und er: Wär' ich von bleibelegtem Glase,
Es spiegelte sich nicht dein äußres Bild
So schnell in mir als ich dein innres fasse.

Deine Gedanken kamen zu den meinen,
Von gleicher Art und gleichem Angesicht,
So daß aus beiden einen Rath ich faßte.

Wenn es so ist, daß mild der rechte Abhang,
Daß wir zur andern Gruft gelangen können,
Entgehen wir der Jagd, die uns bedroht.

Noch hatte er den Rath nicht ganz ertheilt,
Als ich nicht fern von uns sie kommen sah,
Mit ausgespannten Flügeln uns zu greifen.

Es faßte drauf sogleich der Führer mich,
So wie die Mutter vom Geräusch erwecket,
Die in der Nähe schon die Flammen sieht,

Den Sohn nimmt, flieht und mehr besorgt um ihn
Als um sich selbst, so lange sich nicht aufhält,
Daß sie auch nur ein Hemde überwürfe.

Und von der Höh' des harten Ufers glitt er
Rücklings hinab den milden Hang des Felsens,
Der diesseits hier die andre Bulge abschließt.

So schnell läuft nicht das Wasser durch den Graben,
Das Rad der Wassermühle zu bewegen,
Wenn es den Schaufeln sich am meisten naht,

Als nun mein Meister hier an diesem Rande
Auf seiner Brust mich tragend niederglitt,
Als ob sein Sohn, nicht sein Gefährt' ich wäre.

Kaum waren seine Füße auf dem Boden
Der Bulge angelangt, als jene oben
Die Höh' erreichten, doch war nichts zu fürchten.

Denn wenn zu Wächtern sie die Allmacht setzte,
Des fünften Grabens. raubt sie allen doch
Die Möglichkeit von dort sich zu entfernen.

Wir fanden unten ein bemaltes Volk,
Das weinend und dem Anschein nach ermattet
Umher ging hier mit höchst langsamen Schritten.

Sie trugen Kutten mit gesenkten Kappen
Ueber die Augen, nach dem Schnitt gebildet,
Wie man zu Cöln sie für die Mönche macht.

Vergoldet sind sie außen, daß es blendet,
Doch innen ganz von Blei und so gewichtig,
Daß Friedrichs Kutten Stroh dagegen waren.

O wie für ewig schwer drückt dieser Mantel!
Wir wandten wieder uns zur linken Hand,
Zugleich mit ihnen, ihren Klagen lauschend.

Doch ging so langsam dieses matte Volk,
Wegen der Last, daß wir mit jedem Schritte
In anderer Gesellschaft uns befanden.

Weshalb zum Meister ich: Sieh daß du findest
Durch That und Namen ausgezeichnet einen,
Und send' im Gehn die Augen so umher!

Und einer, der mein tuskisch Wort vernommen,
Rief hinter uns: O hemmet eure Schritte,
Die ihr so rennet durch die dunkle Luft!

Vielleicht erhältst von mir du was du wünschest.
Weshalb mein Führer: Warte, zu mir sprach,
Und richte dich im Gehn nach seinem Schritte!

Stehn blieb ich und sah zwei, die große Eile
Bei mir zu sein auf dem Gesicht verriethen,
Doch hemmte sie die Last und das Gedränge.

Als angelangt, beschauten sie mich lange
Mit schielem Blick und ohn' ein Wort zu sprechen,
Sich wendend dann sprach einer zu dem andern:

Der scheint lebendig, sieht man auf die Kehle,
Und sind sie todt, durch welch ein Vorrecht dann
Gehn sie einher ohne das schwere Kleid?

Drauf er zu mir: Toskaner, der zur Innung
Der jammervollen Heuchler bist gekommen,
Verschmäh' es nicht zu sagen wer du bist.

Und ich: Geboren und erzogen bin ich
Am schönen Arno in der großen Stadt,
Und habe noch den Leib, den stets ich hatte.

Doch wer seid ihr, denen, so viel ich sehe,
So großer Schmerz über die Wangen träufelt,
Und welche Qual habt ihr, die also leuchtet?

Und einer sprach zu mir: Die gelben Kutten
Sind von so dickem Blei, daß ihr Gewicht
Die Wagebalken also kreischen läßt.

Wir waren lust'ge Brüder von Bologna.
Ich Catalan und dieser Loderingo
Genannt, von deiner Stadt zumal erwählt,

Wie man sonst Einzelne zu nehmen pflegt,
Den Frieden zu bewahren; und wir machten's
So daß man's noch an dem Gardingo spürt.

Und ich begann: O Brüder, eure schlechten ...
Mehr sagt' ich nicht, denn plötzlich sah ich einen
Gekreuzigt mit drei Pfählen an der Erde.

Als er mich sah verdrehte er sich ganz,
Und blies in seinen Bart mit schweren Seufzern.
Und Bruder Catalan, der dieses wahrnahm

Sprach: Der Gekreuzigte, den du hier siehst,
Rieth einst den Pharisäern, daß es schicklich,
Wenn Einen für das Volk man opferte.

Querüber liegt er hier nun nackt im Wege,
Wie du es siehst, und wer vorübergeht,
Läßt ihn zuvor, wie schwer er ist, empfinden,

Und gleicher Weise leidet auch der Schwäher
In dieser Grube, und vom Rathe alle,
Der für die Juden schlimme Frucht getragen.

Darauf sah ich den Meister sich verwundern,
Ob des, der in der ewigen Verbannung
So schmählich kreuzweis ansgestrecket dalag.

Dann richtet' er die Wort' an jenen Bruder:
Ist's euch erlaubt, belieb' es euch zu sagen,
Ob uns zur rechten Hand ein Ausweg liegt,

Durch den wir beide könnten uns entfernen,
Ohne daß wir die schwarzen Engel zwingen,
Daß sie aus diesem Grunde uns befrein.

Mehr als du hoffest, war die Antwort drauf,
Ist nah' ein Felsen, der vom großen Umkreis
Ausgeht, und alle Thäler überbrücket,

Nur dieses nicht, dieweil er eingestürzt.
Auf seinen Trümmern könnt empor ihr steigen,
Die auf dem Grunde liegen und am Abhang.

Der Führer stand gesenkten Haupts ein wenig,
Drauf sprach er: Schlecht berichtete die Sache
Der, welcher dort mit Haken faßt die Sünder.

Der Bruder drauf: Einst hört' ich in Bologna
Viel von des Teufels Lastern, unter andern,
Daß er ein Lügner und der Lüge Vater.

Mit großen Schritten ging der Führer fort,
Von Zorn ein wenig trüb' im Angesicht.
Drob ich von den Belasteten mich trennte,

Den Spuren folgend seiner theuren Füße.


Gesang 24

In jenem Theil des jugendlichen Jahres,
Wo schon die Sonn' unter dem Wassermann
Die Strahlen schärft, und bald die Nacht die Hälfte

Des Tages einnimmt, wo der Reif die Erde
Mit seines weißen Bruders Bild beschreibt,
(Doch bald vergeht die Härtung seiner Feder).

Da geht der Landmann, dem's gebricht an Futter,
Hinaus und schaut, und siehet er das Land
Ganz weiß erglänzen, schlägt er sich die Hüften,

Kehrt um nach Haus' und jammert hier und dort,
Dem Armen gleich, der nicht weiß was er thun soll;
Bald kommt er wieder und faßt neue Hoffnung,

Da er die Welt so ganz verwandelt sieht,
In kurzer Zeit, und greift nun nach dem Stabe,
Und treibt zum Weiden gleich die Schäflein aus:

So hatte mich mein Meister eingeschüchtert,
Als ich ihn sah vorhin die Stirne runzeln,
Und so bracht' er der Wunde schnell die Heilung.

Denn als wir zur zerstörten Brücke kamen,
Da wandt' er sich zu mir so süßen Blickes,
Wie früher ich am Fuß des Bergs ihn sah.

Nach einiger Berathung mit sich selbst,
Und als er auch den Einsturz wohl betrachtet,
Da öffnet' er die Arm' und faßte mich.

Und gleich dem Manne, der zugleich da handelt
Und überlegt, die Zukunft stets bedenkend,
So, wenn zum Gipfel einer Klipp' er mich

Gehoben, blickt' er schon nach einer andern,
Indem er sprach: Dort klammere dich fest!
Zuvor doch prüf', ob sie dich tragen könne!

Das war kein Weg für schwere Kuttenträger,
Denn wir, so leicht er und ich halb gehoben,
Vermochten kaum von Fels zu Fels zu klimmen.

Und wäre nicht der Abhang dieser Seite
Viel kürzer als der andre, weiß ich nicht,
Wie's ihm ergangen, doch ich wär' erlegen.

Allein da Uebelbulgen zu der Mündung
Des tiefsten Brunnens sich im Ganzen senket,
So bringt die Lage jedes Thals es mit sich,

Daß eins der Ufer höher als das andre.
Doch kamen wir am Ende noch zum Gipfel,
Da wo der letzte Fels sich abgelöst.

Die Brust war mir von Athem so erschöpft,
Als oben ich, daß ich nicht weiter konnte,
Vielmehr sogleich mich niedersetzen mußte.

Nunmehr bedarfs, daß du dich streng ermannest,
Sprach drauf der Meister, denn in Federn liegend
Und unter Decken kommt man nicht zum Ruhme.

Und wer sein Leben ohne Ruhm vergeudet,
Läßt solche Spur von sich auf Erden nur,
Wie Rauch in Lüften und wie Schaum im Wasser.

Und drum steh' auf! besiege die Beklemmung
Mit jenem Muth, der siegt in jeder Schlacht,
Wenn mit dem schweren Leib er nicht versinket.

Wohl höh're Treppen sind noch zu ersteigen,
Nicht gnügt's, daß wir von diesen uns entfernt:
Verstehst du mich, so sorge, daß dir's nütze!

Da stand ich auf, mit Athem mehr versehen
Mich stellend, als in Wahrheit ich mich fühlte,
Und sprach: Nun geh, denn ich bin stark und kühn.

Ueber den Felsen nahmen wir den Weg,
Der voller Klippen, eng und schwierig war,
Und noch viel steiler als der frühere.

Ich sprach im Gehen, um nicht schwach zu scheinen,
Als aus dem andern Graben eine Stimme
Erscholl, Worte zu bilden ungeschickt.

Ich weiß nicht was er sagt', obgleich am Gipfel
Ich stand des Bogens der hier überführt;
Doch der da sprach schien mir von Zorn bewegt.

Ich sah hinab, doch des Lebend'gen Augen
Erreichten nicht den Grund, wegen des Dunkels,
Weshalb ich: Meister, mach', daß du gelangest

Zum andern Wall, und steigen wir hinab,
Denn wenn von hier ich hör' und nicht verstehe,
Seh' ich hinab und unterscheide nichts.

Ich gebe keine andre Antwort, sprach er,
Als daß ich's thu', denn die verständ'ge Bitte
Soll schweigend man und mit dem Thun erfüllen.

Da, wo die Brücke an das achte Ufer
Sich anschließt, stiegen wir nunmehr hinab,
Und nun konnt' ich die Bulge überblicken.

Drinnen sah ich so gräßliche Anhäufung
Von Schlangen, so verschiedener Gebahrung,
Daß noch mein Blut gerinnt bei der Erinnrung.

Nicht rühm' sich ferner Libyen seines Sandes;
Denn bringt er Ottern, Ringler, Brillenschlangen
Und Land- und Wassernattern auch hervor,

Zeigt er doch nie so pesterfülltes, grauses
Gewürm, mitsamt dem ganzen Aethiopien,
Und dem was jenseits liegt des rothen Meeres.

Es liefen Leute nackt und eingeschüchtert
Unter der grausen Anhäufung umher,
Ohn' auf Versteck noch Heliotrop zu hoffen.

Gebunden waren hinten ihre Hände,
Mit Schlangen, die mit Kopf und Schwanz die Rippen
Durchbohrten und die vorn umschlungen waren.

Und sieh auf einen, der an unsrer Seite,
Stürzt' eine Schlange sich, die ihn durchbohrte,
Da wo der Hals sich an die Schultern anschließt.

Nicht o nicht i könnte so schnell man schreiben,
Als er entzündet brannte und in Asche
Verwandelt ward, indem er niederfiel.

Und als er so am Boden lag vernichtet,
Da sammelte die Asche sich, und wieder
Ward er derselbe, der er schon gewesen.

So wird von großen Weisen zugegeben,
Daß, wenn er bald fünfhundert Jahr gelebt,
Der Phönix stirbt und wieder wird geboren.

Nicht Korn noch Kraut genießet er zeitlebens,
Nur Weihrauch Tropfen frißt er und Amomen,
Und Myrrh' und Narden sind sein letztes Bett.

Und wie der Mann, der fällt und weiß nicht wie,
Durch Teufelskraft, die ihn zu Boden reißt,
Und andere Beklemmung, die ihn lähmet,

Rings um sich schaut, sobald er wieder aufsteht,
Noch ganz verwirret von der großen Angst,
Die er erduldet, und hinstarrend seufzet:

So ging's dem Sünder, als er sich erhob.
Wie strenge Rache übet dein Gericht
O Gott, der solche Streiche niedersendet!

Es fragt' ihn drauf der Führer, wer er wäre.
Vor kurzem erst bin ich in diesen Schlund,
Sprach er, hinabgeregnet aus Toskana.

Ein viehisch Leben, nicht ein menschliches
Gefiel dem Bastard; ich bin Vanni Fucci,
Das Vieh; Pistoja war mir würd'ges Lager.

Sag' ihm, daß er uns Rede stehe, sprach ich,
Und frage, welche Schuld hierher ihn sandte:
Hab' ich doch einst als Blutmensch ihn gekannt.

Von bittrer Scham ganz übergossen wandte
Der Sünder, der dies hörte, um zu mir
Gesicht und Sinn und sprach dann unverholen:

Es schmerzt mich mehr, daß du mich hier getroffen
In diesem Elend, worin du mich siehst,
Als da das andre Leben mir geraubt ward.

Ich kann dir nicht versagen was du forderst;
So tief bin ich hinabgesandt, weil ich
Die Sakristei schönen Geräths beraubte,

Was einem andern fälschlich zugeschrieben.
Doch, daß du dieses Anblicks dich nicht freuest,
Wenn jemals du den dunkeln Ort verlassen,

Oeffne dein Ohr dem, was ich dir verkünde!
Pistoja wird von Schwarzen erst entleert,
Dann wechselt auch Florenz Volk und Regierung.

Aus Magra's Thal zieht Mavors einen Dunst,
Der sich mit finsterem Gewölk umgiebt,
Worauf mit herbem Sturmes Ungestüm

Man in Picen's Gefilde kämpfen wird;
Er aber wird die Wolke schnell durchbrechen,
So daß der Weißen jeder wird getroffen:

Und das hab' ich gesagt, damit's dich schmerze.


Gesang 25

Am Schlusse seiner Wort' erhob der Räuber
Mit beiden Feigen seine Händ' und rief:
Das nimm dir, Gott! denn dir schleudr' ich es zu.

Seit jener Zeit bin ich ein Freund der Schlangen,
Denn eine schlang sich drauf um seinen Hals,
Als spräche sie: Nicht weiter sollst du reden!

Und eine andr' umschlang die Arm' und fesselte,
Sich selbst vernietend, vorne ihn so fest,
Daß keinen Ruck er mehr zu thun vermochte.

Pistoja ha! warum beschließt'st du nicht
Dich einzuäschern, daß du nicht mehr seiest!
Da deinen Stamm du übertriffst im Sünd'gen.

In allen dunklen Höllenkreisen sah' ich
Nicht einen Geist, so trotzig wider Gott,
Selbst den nicht, der von Thebens Mauern stürzte,

Der nun entfloh und sprach kein Wort mehr weiter.
Und kommen sah einen Centauren ich,
Der wüthend rief: Wo ist, wo ist der Trotz'ge?

Nicht so viel Schlangen glaub' ich hat Maremma,
Als ich auf seinem Rücken ihrer sah,
Bis da, wo unsere Gestalt beginnt.

Auf seinen Schultern, dicht am Hinterhaupte
Lag mit gespreizten Flügeln ihm ein Drache,
Und der entzündet alles, was ihm ausstößt.

Mein Meister sagte nun: Dieser ist Cacus,
Der oft am Fuß des Aventinschen Felsens,
So Blut vergoß, daß Pfützen draus entstanden.

Er geht nicht eines Weg's mit seinen Brüdern,
Wegen des list'gen Diebstahls, den er übte
An jener großen Heerd' in seiner Nähe.

Weshalb denn unter Herkul's Keul' ihr Ende,
Die schlimmen Thaten fanden, der vielleicht
Ihm hundert gab, wovon kaum zehn er fühlte.

Als er so sprach, war jener schon vorüber,
Und unter uns erschienen nun drei Geister,
Die weder ich noch auch Virgil bemerkt,

Bis sie: Wer seid denn ihr? uns zugerufen,
Weshalb wir inne hielten im Gespräch,
Und nur auf sie allein dann achteten.

Nicht kannt' ich sie; doch es erfolgte nun
Was wohl zufällig zu erfolgen pflegt,
Daß einer mußte jetzt den andern nennen,

Indem er sprach: Wo ist Ciaufa geblieben?
Weshalb, den Führer aufmerksam zu machen,
Den Finger ich an Kinn und Nase legte.

Wenn du, o Leser, träge bist zu glauben,
Was ich jetzt sagen werde, ist's kein Wunder,
Denn kaum recht glaub' ich mir's, der ich's doch sah.

Als ich die Augen fest auf sie gerichtet,
Tritt vor den einen eine Schlange hin,
Die mit sechs Füßen gänzlich ihn umklammert.

Den Bauch umschlang sie mit den Mittelfüßen,
Mit beiden vordern faßt' sie seine Arme,
Und mit den Zähnen packt' sie beide Wangen.

Die Hinterfüße streckt'sie an die Schenkel,
Und ihren Schwanz steckt' sie dazwischen durch,
Um hinten durch die Rippen ihn zu ziehen.

Nie wurzelte so fest an einem Baume
Epheu sich an, als hier das grause Thier
Die eignen Glieder um die fremden rankte.

Darauf, als waren sie von heißem Wachse,
Verschmolzen sie und mischten ihre Farbe,
Daß keiner mehr erschien, was er gewesen.

So schreitet, wenn Papyrus wir anzünden,
Der Flamm' ein braunes stets voran, das noch nicht
Ganz schwarz ist, und das Weiß' ist doch erstorben.

Die beiden andern schauten zu und jeder
Rief: Wehe! wie verwandelst du dich, Agnel!
Sieh du bist schon nicht zwei mehr und nicht einer!

Schon waren beide Köpfe eins geworden,
Und in dem Antlitz, worin zwei verloren,
Erschienen zwei Gestalten nun vermischt.

Zwei Arme bildeten sich aus vier Streifen,
Und Schenkel, Beine, Unterleib und Brust
Wurden zu Gliedern, die man nie gesehen.

Jedwedes frühre Ansehn war vernichtet,
Keinen und zwei zeigte das grause Bild,
Und so ging es langsamen Schritts dahin.

So wie die Eidechs in der größten Gluth
Der Hundstagshitze über'n Weg dahinläuft
Gleich einem Blitz, von einem Zaun zum andern:

So schien ein zornig Schlänglein jetzt zu fahren,
Gegen den Bauch der beiden andern Sünder,
Das braun und schwarz war wie ein Pfefferkorn.

Und jenen Theil, durch den die erste Nahrung
Der Mensch empfängt, durchbohrte es dem einen,
Und fiel dann ausgestrecket vor ihm nieder.

Der sah die Schlang' an, aber sprach kein Wort;
Vielmehr mit unbewegten Füßen gähnt' er,
Als ob Schlaf oder Fieber ihn ergriffen.

Er blickte auf die Schlang' und sie auf ihn,
Sie rauchten beide stark, die aus dem Rachen,
Der aus dem Mund', und beider Rauch ward Eins.

Es schweige doch Lucan, da wo er handelt
Vom elenden Sabellus und Nasidius,
Und hör' auf das, was hier wird losgelassen;

Es schweig' Ovid von Arethus' und Cadmus,
Denn nicht beneid' ich ihn darum, wenn er
In Schlange den, in Quelle die verwandelt:

Denn nie hat er Stirn gegen Stirn zwei Wesen
So umgewandelt, daß beide Gestalten
Die Stoffe gegenseitig ausgetauscht.

Auf solche Weis' entsprachen sie einander,
Daß ihren Schwanz die Schlange spaltete,
Die Bein' in Eins zusammenzog der andre.

Es schmolzen so die Schenkel und die Beine
Zusammen, daß von der Vereinigung
In kurzer Zeit sich keine Spur mehr zeigte;

Und die Gestalt, die dort verloren ging,
Nahm der gespaltne Schwanz nun diesseits an,
Die Haut ward weich hier und ward jenseits hart.

Die Arme schwanden in die Achselhöhlen;
Der Schlange beide Füße, die da kurz,
Wuchsen so viel als jene sich verkürzten.

Aus den verschlungnen Hinterfüßen ward
Das Glied, welches der Mann verbirgt, und aus
Dem seinen streckt' er ihrer zwei heraus.

Während der Rauch die beide nun bekleidet
Mit neuer Farb' und hier das Haar erzeugt,
Das er auf jener andern Seite raubt,

Stand auf der ein' und niederfiel der andre;
Doch wandte keiner ab die bösen Lichter,
Durch deren Blick ein jeder sich verwandelt.

Der Aufgestandne zog nun nach den Schläfen,
Was er an Stoff zuviel hatt' im Gesicht,
Draus Ohren an den glatten Wangen wuchsen.

Aus dem was nicht zurückging, sondern stehn blieb,
Ward nun die Nase im Gesicht gebildet,
Die Lippen angeschwellt, wie sich's gebührte.

Der auf der Erde streckt die Schnautze vor,
Und zieht die Ohren in den Kopf zurück,
Sowie die Schnecke ihre Hörner einzieht.

Die einfache, zum Sprechen wohl geschickte
Zunge, sie spaltet sich, und die gespaltne
Des andern schließt sich, und der Rauch hört auf.

Die Seele die da Thier geworden war
Fliehet nun zischend durch das Thal dahin,
Und ihr nachredend spuckt der andre aus;

Drauf wandt' er ihm den neuen Rücken zu
Und sprach zum andern: Buoso soll nun laufen
Auf allen vieren durch das Thal wie ich.

So sah das siebente Gesindel ich
Austauschen und verwandeln, und die Neuheit
Entschuld'ge mich, wenn wo die Feder irrte.

Und obgleich meine Augen wohl ein wenig
Verwirret, und mein Geist bestürzet war,
So konnten die doch nicht so heimlich fliehen,

Daß ich Puccio Sciancato nicht erkannt;
Denn von den drei zuerst gekommnen war er
Der einzige, der nicht verwandelt war,

Der andre der, um den du weinst, Gaville.


Gesang 26

Freu' dich, Florenz, daß du so groß geworden,
Daß über Land und Meer du schlägst die Flügel,
Dein Nam' auch in der Hölle sich verbreitet!

Unter den Dieben fand ich fünf dergleichen
Von deinen Bürgern, drob mich Scham befällt;
Auch du kommst dadurch nicht zu großen Ehren.

Doch wenn am Morgen man die Wahrheit träumt,
Wirst du von hier in kurzer Zeit empfinden,
Was Prato dir, was andere dir wünschen:

Und wär' es schon, es wäre nicht zu früh'
O wär's nur schon! da es doch kommen muß,
Denn schwerer wird's mir sein, je mehr ich altre.

Wir gingen fort, und mittelst jener Klippen,
Die das Absteigen uns vorhin ermöglicht,
Stieg nun Virgil empor und zog mich nach.

Und als wir zwischen Klippen und Gestein
Des Felsens unsern Weg einsam verfolgten,
Da kam der Fuß ohne die Hand nicht vorwärts.

Richt' ich den Geist auf das was ich gesehen,
That es mir leid und thut mir jetzt noch leid,
Und zügle ich den Geist mehr als ich pflege,

Daß er nicht schweif' ohne der Tugend Leitung,
Damit nicht, wenn die Sterne oder Bessres
Mir Gutes gaben, ich mir's selbst mißgönne.

Wie viel der Landmann, der am Hügel ausruht
Zur Zeit, wenn jene die die Welt erleuchtet
Ihr Antlitz uns am wenigsten verbirgt;

Wo schon die Fliege weicht der Wassermücke,
Leuchtwürmchen unten in dem Thal erblickt,
Wo er vielleicht geackert und gewinzert:

Von soviel Flammen glänzte ganz und gar
Der achte Graben, wie ich inne ward,
Sobald ich da war, wo der Grund sich zeigte.

Und so wie der, der sich durch Bären rächte,
Den Wagen des Elias sah beim Scheiden,
Als steil gen Himmel sich die Pferde bäumten,

Doch nicht mit Augen so ihm folgen konnte,
Daß andres er als nur die Flamme sah,
Die einem Wölkchen gleich empor sich zog:

Ganz ebenso bewegte jede Flamme
Sich durch den Graben, keine zeigt den Raub,
Und doch entrücket jede einen Sünder.

Hoch aufgerichtet stand ich auf der Brücke,
So daß auch ohne Stoß ich wär' gefallen,
Hätt' ich mich nicht an einem Fels gehalten.

Der Führer, der so aufmerksam mich sah,
Sprach nun: In diesen Flammen sind die Geister,
Jeder verhüllt von dem, was ihn entzündet.

Mein Meister, sprach ich, deine Worte geben
Gewißheit mir, doch war ich schon der Meinung
Daß es so wär', und wollte dich schon fragen:

Wer ist in jener Flamme, die nach oben
Getheilt, scheint von dem Holzstoß herzustammen,
Der Eteokles und den Bruder aufnahm?

Dort innen, sprach er, werden so gepeinigt
Ulyß und Diomed, und beide eilen
Wie einst dem Zorn, so jetzt der Straf' entgegen.

Im Innern ihrer Flamme wird beseufzet
Die Kriegeslist des Pferdes, das zum Thor ward
Durch das der edle Samen Roms einst ausging.

Die List wird drin beweint, durch welche todt noch
Deidamia um Achilles klagt;
Auch des Palladiums Raub wird hier gestraft.

Wenn sie in diesen Gluthen sprechen können,
Sagt ich, mein Meister, bitt' ich sehr dich drum,
So daß die Bitte dir für tausend gelte,

Daß du mir das Erwarten nicht verweigerst,
Bis die gehörnte Flamme hierher komme;
Du siehst wie ich zu ihr vor Lust mich neige.

Und er zu mir: Gar vieles Lobes werth
Ist deine Bitte und ich nehm' sie an;
Doch mache, daß du deine Zunge zügelst.

Laß reden mich, denn was du willst das hab' ich
Begriffen schon, und weil sie Griechen sind,
Verschmähen sie vielleicht mit dir zu reden.

Als nun die Flamme war dahin gekommen,
Wo meinem Führer Zeit und Ort es schien,
Da hört ich ihn in dieser Weise sprechen:

O ihr, die zwei ihr seid in einem Feuer,
Wenn ichs um euch verdient als ich noch lebte,
Wenn ichs um euch verdient, viel oder wenig,

Als in der Welt die hohen Vers' ich schrieb,
So geht nicht fort, doch einer von euch sage
Wohin er sich verloren in den Tod!

Das größ're Horn der alten Flamme drauf
Fing murmelnd an zu schütteln sich, sowie
Die Flamme thut, wenn sie der Wind belästigt.

Darauf den Gipfel hin und her bewegend,
Als wär' es eine Zunge die da spräche,
Ließ eine Stimme sie daraus erschallen

Und sprach: Als Circe ich verließ, die länger
Mich aufhielt als ein Jahr, dort bei Gaeta,
Bevor Aeneas noch es so benannt,

Da konnten weder Sehnsucht nach dem Sohne,
Noch Mitleid mit dem alten Vater, noch
Die Liebe, die die Gattin sollt' erfreun,

Den Eifer überwinden, der mich trieb,
Genaue Kunde von der Welt zu sammeln,
Von Lastern und von Tugenden der Menschen:

Vielmehr mit Einem Schiff und mit der kleinen
Gesellschaft, die mich nicht verlassen hatte,
Wagt' ich hinaus mich in das offne Meer.

Und beide Ufer sah ich bis nach Spanien,
Bis nach Marocco und der Sarden Insel,
Und all' die andern, die dies Meer umspült.

Wir waren alt und träg', ich und die Freunde,
Als wir an jene enge Mündung kamen,
Wo Herkul Warnungszeichen aufgestellt,

Damit der Mensch nicht weiter hin sich wage.
Zur rechten Hand ließ ich Sevilla liegen,
Wie ich zur andern Ceuta schon gelassen.

O Brüder, sprach ich, die ihr unter tausend
Gefahren habt den fernen West erreicht,
Versagt doch nicht dem kleinen Rest des Wachens

Der Sinne, der euch noch geblieben ist,
Der Sonne folgend Kund' euch zu verschaffen
Von jener Welt, die ohne Menschen ist.

Erwäget wohl, welches Geschlechts ihr seid,
Gemacht, nicht um zu leben wie die Thiere,
Sondern nach Tugend und Einsicht zu streben.

Und die Gefährten macht' ich so begierig,
Durch diese kleine Rede auf die Reise,
Daß ich sie kaum nachher gehalten hätte.

Und gegen Morgen hin gewandt das Steuer,
Machten zu Schwingen wir zum tollen Fluge
Die Ruder, immer weiter links uns haltend.

Des andern Poles Sterne sah ich alle
Des Nachts, und unsern Pol so niedrig stehn,
Daß aus der Meeresfläch' er kaum emporstieg.

Schon fünfmal war entzündet und erloschen
Das Licht am untern Theil des Mondes, seit
Wir angetreten die verwegne Bahn,

Als uns ein Berg erschien in der Entfernung
Ganz dunkel, und so hoch erschien er mir,
Wie ich auf Erden keinen noch gesehen.

Wir freuten uns, doch bald ward es zum Jammer,
Denn von dem neuen Land' erhob ein Sturm sich,
Und traf auf unsres Schiffes vordre Seite.

Dreimal trieb er es um mitsamt dem Wasser;
Beim vierten ward das Hintertheil gehoben,
Und wie es Dem gefiel, versank das Vord're

Bis endlich über uns das Meer sich schloß.


Gesang 27

Schon aufgerichtet war die Flamm' und ruhig,
Weil sie nicht sprach, und schon ging sie von dannen
Mit der Erlaubniß meines süßen Dichters,

Als eine andre, die hinter ihr herkam,
Nach ihrem Gipfel unsre Augen hinzog,
Aus welchem ein verworrner Ton hervordrang.

So wie Siciliens Stier, der einst zuerst,
Und das war Recht, erbrüllte von dem Jammern
Deß, der mit seiner Feil' ihn zugerichtet;

Durch des Gequälten Stimme brüllte so,
Daß er von Schmerz zerrissen schien, obwohl
Er selbst doch nur von Erz gebildet war:

So wandelten des Jammers Worte sich,
Weil weder Weg noch Ausgang aus dem Feuer
Sie anfangs fanden in des Feuers Sprache.

Doch als die Worte ihren Weg gefunden
Zur Spitz' empor, der sie die Schwingung gaben,
Welche die Zunge ihnen mitgetheilt,

Hörten wir sagen: Du, an den ich richte
Das Wort, und der lombardisch eben sprachest:
Itzo geh fort von hier, ich treib' dich nimmer,

Verschmäh' es nicht zu bleiben und zu sprechen
Mit mir, ob ich gleich etwas spät gekommen.
Du siehst, daß mich's nicht reut, obgleich ich brenne,

Wenn du in diese blinde Welt nur eben
Aus jenem süßen Lande der Lateiner
Gefallen bist, woher all' meine Schuld stammt,

So sag, ob Krieg, ob Frieden in Romagna:
Denn aus den Bergen dort zwischen Urbino
Stamm ich' und dem, aus dem die Tiber strömt.

Geneigt horcht' ich noch aufmerksam nach unten,
Als mich mein Führer seitwärts leise anstieß,
Sagend: Sprich du, denn dies ist ein Lateiner!

Und ich, der schon bereit die Antwort hatte,
Begann nun ohne Zögern so zu sprechen:
O Seele, die dort unten eingeschlossen,

Dein Vaterland war nie und ist auch jetzt nicht
Im Herzen seiner Dränger ohne Krieg;
Doch offnen Krieg ließ ich daselbst jetzt keinen.

So wie seit Jahren steht's jetzt um Ravenna,
Der Adler von Polenta brütet drüber,
So daß er Cervia deckt mit seinen Schwingen.

Die Stadt, die lange Prüfung ausgehalten,
Und blut'ge Hügel von Franzosen häufte,
Befindet sich unter den grünen Klauen.

Die alt' und jungen Hunde von Verrucchio,
Die mit Montagna übel umgegangen,
Bohren die Zähne, wo sie pflegen, ein.

Die Städte des Lamon und des Santerno
Beherrscht der Löwe in dem weißen Felde,
Der dies- und jenseits die Partei vertauscht.

Und die vom Savio seitwärts bespülte,
Wie zwischen Berg und Ebne sie gelegen,
So schwankt sie zwischen Tyrannei und Freiheit.

Nun aber bitt' ich, sag' uns wer du bist,
Sei härter nicht als andre sind gewesen,
So wahr deine Name in der Welt sich halte!

Nachdem das Feuer in gewohnter Weise
Etwas gebrüllt, bewegt' es hier und dorthin
Die scharfe Spitz' und hauchte dann die Worte:

Glaubt' ich, daß meine Antwort wär' gerichtet
An einen der zur Welt zurück je kehrte,
Es bliebe diese Flamme unbeweglich;

Doch da niemals, wenn wahr ist, was ich hörte,
Lebendig einer kam aus dieser Tiefe,
So antwort' ich dir ohne Furcht vor Schande.

Ein Kriegsmann war ich, später Franziskaner,
Da so zu büßen ich die Sünden glaubte;
Und nicht getäuscht hätte mich dieser Glaube,

Hätte der Großpfaff' nicht, dem's schlecht bekomme!
Zu früh'ren Sünden wieder mich verleitet;
Und wie und weshalb will ich, daß du hörest.

So lang ich ein Gebild von Fleisch und Bein war,
Der Mutter Gabe, waren meine Thaten
Nicht löwenartig, sondern die des Fuchses.

Die Schlich' und die geheimen Wege alle
Verstand ich wohl, und übte diese Künste,
So daß ihr Ruf der Erde Gränz' erreichte.

Als ich mich endlich sah zu jenem Theile
Gelangt des Alters, wo ein jeder sollte
Die Segel einziehn und die Tau' aufrollen.

Da that mir leid, was früher mir gefallen,
Der Reu' und Buße hatt' ich mich ergeben,
Und weh' mir Armen! wohl hatt's mir geholfen!

Allein der Fürst der neuen Pharisäer,
Im Krieg begriffen bei dem Lateran,
(Und nicht mit Sarazenen noch mit Juden,

Denn jeder seiner Feinde war ein Christ,
Es hatte keiner Akri mit bestürmet,
Noch Handelschaft in Sultans Land getrieben,)

Nahm auf sein höchstes Amt, die heil'gen Weihen,
Noch auch bei mir nicht Rücksicht auf den Strick,
Der, die ihn trugen, sonst wohl mager machte:

Vielmehr, wie Constantin einst vom Soracte
Sylvestern rief, vom Aussatz ihn zu heilen,
So rief auch dieser mich als Arzt herbei,

Von seinem stolzen Fieber ihn zu heilen.
Er fragte mich um Rath. Doch ich blieb stumm,
Denn seine Worte schienen trunken mir.

Doch drauf sprach er: Dein Herz besorge nichts,
Schon jetzt sprech' ich dich los, du aber lehr' mich,
Wie Penestrino ich zu Boden werfe.

Den Himmel kann ich schließen und erschließen,
Wie du ja weißt, drum sind der Schlüssel zwei,
Die mein Vorgänger nicht hat hoch geachtet.

Da trieben mich die schweren Argumente,
Wo schweigen mir das schlimmre Theil erschien,
Und, Vater, sprach ich, der du mich so reinigst

Von jener Sünd', in die ich fallen soll:
Langes Versprechen und kurzes Bewahren,
Wird auf dem hohen Sitz dir Sieg verleihen.

Drauf kam für mich Franziskus, als ich todt war,
Doch einer von den schwarzen Cherubim
Schrie laut: Trag ihn nicht fort, thu mir nicht Unrecht!

Der muß hinab zu meinen Knechten kommen,
Weil den trugvollen Rath er hat gegeben,
Seit welchem ich ihm auf den Hacken sitze.

Wer nicht bereut, den kann man nicht lossprechen,
Und Reu'n und Wollen kann man nicht zugleich,
Wegen des Widerspruchs der es nicht zuläßt.

O weh mir Armen! wie zuckt ich zusammen,
Als er mich packt' und zu mir sprach: Vielleicht
Dachtest du nicht, daß Logik ich verstände.

Zum Minos trug er mich, und dieser schlang
Achtmal den Schwanz um seinen harten Rücken,
Und als vor Wuth er drauf gebissen, sprach er:

Das ist der Sünder von dem Diebsfeu'r einer;
Weshalb ich, wo du siehst, verloren bin,
Und so gekleidet wandle und mich gräme.

Als seine Red' er so vollendet hatte,
Entfernte klagend sich nunmehr die Flamme,
Indem das spitze Horn sich hin und her wand.

Mein Führer nun und ich wir schritten weiter
Ueber den Felsen bis zum andern Bogen,
Der deckt den Graben, worin Strafe zahlt

Wer trennend Sündenlast sich hat erworben.


Gesang 28

Wer könnte wohl, selbst nur in freier Rede,
Das Blut, die Wunden all' vollständig schildern,
Die ich jetzt sah, wie oft er's auch erzählte?

Es würde jede Zunge drob ermatten,
Weil unsre Sprache, so wie unser Geist,
So viel zu fassen nicht vermögend sind.

Ja, wollte man auch all' das Volk versammeln,
Das einst aus jenem schicksalsreichen Boden
Apuliens über sein Blut geklagt,

Durch die Trojaner und den langen Krieg,
Der solche reiche Beut' an Ringen gab,
Wie Livius berichtet, der nicht irrt;

Nebst jenem Volk, das bittre Streich' erlitt,
Weil es sich Robert Guiscard widersetzte,
Und das, dessen Gebein man annoch sammelt

Bei Ceperan, wo sich eidbrüchig zeigte
Jeder Apulier, dort bei Tagliacozzo,
Wo sonder Wehr der greise Allhard siegte:

Und zeigte auch durchbohret und verstümmelt
Die Glieder jeder, wär's nicht zu vergleichen
Mit dieser neunten Bulge grausem Anblick.

Kein Faß, verlör' es Mittelstück und Ränder
Des Bodens, gähnt so als ich einen sah
Gespalten von den Kinn, bis wo man farzet.

Zwischen den Beinen hingen die Gedärme,
Nebst dem Geschling' sah man den eklen Sack,
Der da zu Koth macht was der Mensch verschlinget.

Während sein Anblick noch mich ganz gefesselt,
Blickt' er mich an und riß mit beiden Händen
Die Brust sich auf: Sieh' wie ich mich zerspalte,

Sprach er, sieh' wie verstümmelt Muhamed ist;
Vor mir geht weinend Ali hin, gespalten
Im Angesicht vom Kinne bis zum Schopfe,

Und all' die andern, die du siehst allhier,
Haben im Leben ausgesäet Spaltung
Und Aergerniß, weshalb sie so zerhauen.

Ein Teufel ist dort hinten, der uns spaltet
So fürchterlich, und jeden dieser Schaar
Nimmt vor die Kling' er wiederum, sobald wir

Den schmerzenvollen Weg vollendet haben.
Denn eh' wir wieder vor ihn treten, haben
Die frühern Wunden alle sich geschlossen.

Doch wer bist du, der auf dem Felsen gaffest,
Vielleicht um später nur zur Qual zu kommen,
Die dir auf deine Anklag' ist beschieden?

Nicht Tod hat ihn berührt, noch führt ihn Schuld
Zu Qualen, sprach mein Meister drauf zu ihm,
Nur daß vollständ'g Erfahrung er erlange,

Muß ich, der ich schon todt, von Kreis zu Kreis,
Hinab ihn durch die ganze Hölle führen;
Das ist so wahr, als ich jetzt mit dir spreche.

Als sie das hörten, blieben mehr als hundert
Im Graben stehen, um mich zu betrachten,
Der Qual vergessend vor Verwunderung.

So sag' denn du, der du vielleicht die Sonne
Bald wieder siehst, dem Fra Dolcino, daß er,
Will er in kurzem nicht hierher mir folgen,

Für Lebensmittel sorge, daß Bedrängniß
Des Schnees dem Navaresen nicht den Sieg,
Der sonst nicht leicht war zu erlangen, schaffe.

Als er den einen Fuß zum Gehn erhoben,
Sagte mir diese Worte Muhamed,
Dann streckt' er ihn zum Fortgehn auf die Erde.

Ein andrer, dem die Gurgel war durchbohrt,
Die Nase abgehau'n bis zu den Brauen,
Und der nicht mehr als nur Ein Ohr besaß,

Vor Staunen stehn geblieben mit den andern
Zu schauen, öffnete zuerst die Kehle,
Die auswärts ganz mit Blut bedecket war,

Und sprach: O du den keine Schuld verdammt,
Den im Lateiner Land ich einst gesehen,
Wenn nicht zu große Aehnlichkeit mich täuschet,

Erinnre Peters dich von Medicina,
Wenn du die süße Flur je wiedersiehst,
Die von Vercelli sich nach Marcabò senkt.

Sag' den zwein besten Männern du von Fano,
Dem Guido und dem Angiolello auch,
Daß, wenn die Vorschau hier nicht eitel ist,

Aus ihrem Schiffe sie geworfen und
Unweit Cattolica ertränket werden,
Durch den Verrath eines falschen Tyrannen.

Nie zwischen Cyprus Insel und Majolika,
Hat je so großes Leid Neptun gesehen,
Sei's von Piraten, sei's von Volk aus Argos.

Der Falsche, der nur sieht mit einem Auge,
Und in der Stadt herrscht, die, wer mit mir ist,
Viel lieber nie gesehen haben möchte,

Wird zur Besprechung sie mit sich einladen,
Und machen, daß beim Winde von Focara,
Sie nicht Gebet, noch auch Gelübde brauchen.

Und ich zu ihm: Erkläre mir nun deutlich,
Soll Nachricht ich von dir nach oben bringen,
Wer hat die Stadt zu seinem Leid gesehen?

Drauf legte er die Hand an die Kinnbacken
Eines Genossen, und den Mund ihm öffnend
Rief er: Dieser hier ist es, doch er spricht nicht.

Dieser Vertriebne löste jeden Zweifel
In Cäsars Herz, behauptend: Wer gerüstet,
Erlitt noch immer Schaden durchs Verschieben.

O wie schien mir verwirret Curio,
Dem in dem Hals die Zunge ausgeschnitten,
Und der doch einst so kühn im Reden war.

Und einer dem die Hände abgehauen,
Erhob die Stummel in die dunkle Luft,
So daß das Blut sein Antlitz überströmte.

Und rief: Des Mosea auch wirst du gedenken,
Der ich, o weh mir! That hat Rath gesprochen,
Was übler Same war für Tusciens Volk.

Und Tod deines Geschlechts! fügt' ich hinzu,
Weshalb er fortging, Schmerz aus Schmerzen häufend,
Gleich einem Manne, der in trübem Wahnsinn.

Ich blieb zurück, den Haufen zu betrachten,
Und sah ein Ding, das auch nur zu erzählen
Ich fürchten würde ohne mehr Beweise.

Indeß beruhigt mein Gewissen mich,
Das gleich dem Harnisch, als ein treuer Freund,
Dem Menschen Muth einflößt, der rein sich fühlt.

Ich sah gewiß, und noch glaub' ich's zu sehen,
Wie ohne Kopf ein Menschenleib einherging,
So wie die andern der elenden Heerde,

Den abgehaunen Kopf hielt bei den Haaren
Er schwebend in der Hand, gleich einer Leuchte,
Und der betrachtet' uns und sprach: O weh mir!

Er diente so als Leuchte selber sich,
Daß zwei in einem, einer war in zweien,
Wie's möglich ist, weiß der, der also schaltet.

Als grad' am Fuß der Brück' er angekommen,
Hob er den Arm mit sammt dem ganzen Knopfe,
Um seine Worte näher uns zu bringen;

Die waren: Sieh nunmehr die läst'ge Qual,
Du, der du athmend gehst zu schaun die Todten;
Sieh, ob wohl eine größer ist als diese!

Und damit Kunde du von mir mitnehmest,
Wisse, daß ich Bertram del Bornio bin,
Der schlimmen Rath dem jungen König gab.

Den Sohn hab' ich empört wider den Vater,
Ahitophel that mehr an Absalon
Und David nicht durch böse Stachelreden.

Weil ich so eng Verbundene getrennt,
Trag' ich mein Hirn, weh mir! getrennet auch
Von seinem Ursprung, der in diesem Rumpfe:

So wird Vergeltungsrecht an mir geübt.


Gesang 29

Das viele Volk und die verschiednen Wunden,
Sie hatten meine Augen so berauscht,
Daß sie sich sehnten Thränen zu vergießen-

Doch sprach Virgil zu mir: Was starrst du nur?
Was ruht dein Blick nur immer noch dort unten
Auf den verstümmelten elenden Schatten?

Nicht bei den andern Gräben that'st du so.
Und wenn du sie zu zählen meinst, bedenke,
Das Thal umschließt an zweiundzwanzig Miglien;

Auch steht der Mond schon unter unsern Füßen,
Der Zeit ist wenig, die uns noch gewähret,
Und andres ist zu sehn, was du nicht siehst.

Wenn du, erwidert' ich darauf, beachtet
Den Grund, weshalb ich also hingesehen,
Du hättest mir vielleicht erlaubt zu weilen.

Schon ging mein Führer und ich folgt ihm nach,
Ihm diese Antwort gebend, und ich fügte
Hinzu noch: In der Tiefe dieses Grabens,

Worauf absichtlich sich mein Blick gerichtet,
Beweint, glaub' ich, ein Geist von meinem Stamme
Die Schuld, die dort so theuer kommt zu stehn.

Drauf sprach mein Meister: Laß deine Gedanken
Von nun an ferner nicht auf diesem haften!
Gieb Acht auf andres, er mag hier verbleiben.

Wohl hab' ich ihn gesehn am Fuß der Brücke,
Dich mit dem Finger zeigen heftig drohend,
Und hörte ihn Geri del Bello nennen.

Du hattest damals dich so ganz geheftet
An den der Altaforte einst besaß,
Daß du nicht weiter blicktest, bis er fort war.

O du mein Führer, sprach ich, die Ermordung,
Für die noch keiner Rache hat genommen,
Von denen die des Schimpfes sind theilhaftig,

Hat so erbittert ihn, daß er davon ging,
Ohne mit mir zu sprechen, wie ich glaube,
Und dadurch mich mitleid'ger noch gemacht.

So sprachen wir bis zu dem ersten Punkte
Des Felsens, wo das andre Thal sich zeigte,
Bis auf den Grund, wär' dort mehr Licht gewesen.

Als wir zum letzten Kreuzgang Uebelbulgens
Gekommen so, daß seine Laienbrüder
Vor unsren Blicken all' erscheinen konnten,

Da trafen mich der Jammerlaute viele,
Die Mitleid in der Pfeile Spitze führten;
Drob ich die Ohren deckte mit den Händen.

Wie wenn in einer Grube alle Seuchen
Der Val di Chiana und Maremma's wären,
Und aus Sardiniens Hospitälern alle,

Vereinigt zwischen Juli und September,
So war es hier, und solcher Stank entquoll dem,
Wie von verwesten Gliedern pflegt zu kommen.

Wir stiegen links uns haltend stets, hernieder
Auf's letzte Ufer jenes langen Felsens,
Und nun erst drang lebendiger mein Blick

Zum tiefsten Grund, wo Gottes Dienerin,
Unfehlbare Gerechtigkeit, die Fälscher
Bestrafet, welche sie hier aufgezeichnet.

Nicht größ'rer Jammer war wohl in Aegina
Zu schauen, als das ganze Volk erkrankte,
Dieweil die Luft so bösartig geworden,

Daß alle Thiere bis zum kleinsten Wurme
Hinstarben, und die alten Völker drauf,
Wie es die Dichter für gewiß erklären,

Sich neu gebaren aus Ameisen-Saamen:
Als hier in diesem dunklen Thal zu sehen
Die Geister schmachten in verschiednen Haufen.

Der ruhte auf dem Bauch, der auf den Schultern
Eines Genossen, der versuchte kriechend
Den Platz zu wechseln auf dem schlimmen Wege.

Nur Schritt vor Schritt, ohne zu sprechen, gingen
Wir jene Kranken hörend und betrachtend,
Die ihre Leiber nicht erheben konnten.

Zwei sah ich aneinander so gelehnet,
Wie Pfanne man an Pfanne lehnt zum wärmen,
Von Kopf zum Fuß mit Schorfen ganz befleckt.

So eifrig sah ich nie die Striegel führen
Von einem Knecht, auf den sein Herr gewartet,
Noch auch von einem, der nicht gerne wach bleibt,

Als jeglicher den Biß der Nagel führte
An seinem Leibe, vor der großen Wuth
Des Juckens, das kein' andre Hülfe zuließ.

Es rissen so die Nägel ab die Schorfe,
Wie's Messer Schuppen abreißt von dem Brassen,
Oder von andrem Fisch der größ're hat.

O du, der mit den Fingern dich entschuppest,
So redete mein Führer einen an,
Und deine Nägel oft als Zangen brauchst,

So deine Nägel dir zu dieser Arbeit
Vorhalten mögen ewiglich, sag' uns,
Ob unter diesen ein Lateiner ist.

Lateiner sind wir beide, die du siehest
So mißgestaltet, sprach der eine weinend,
Doch wer bist du, der du nach uns gefragt?

Mein Führer drauf: Mit diesem Lebenden,
Steig' ich von Fels zu Fels hinab, dieweil ich
Gewillet bin die Hölle ihm zu zeigen.

Da löste sich die gegenseit'ge Stützung,
Und bebend wandte jeder sich zu mir,
So wie auch andre die 's beiläufig hörten.

Der gute Meister nunmehr ganz zu mir
Sich wendend sprach: Sag' ihnen was du willst!
Und ich begann dieweil er es so wollte.

So eu'r Gedächtniß in der früh'ren Welt,
Aus dem Gemüth der Menschen nicht verschwinde,
Vielmehr fortlebe unter vielen Sonnen,

Sagt wer ihr seid mir und von welchem Volke!
Laßt euch die lästige und ekle Pein
Abschrecken nicht, euch mir zu offenbaren!

Alberto von Siena, sprach der eine,
Ließ mich verbrennen, der ich aus Arezzo,
Doch das, weshalb ich starb, führt mich nicht her.

Wahr ist's, daß ich zu ihm im Scherz gesagt:
Ich könnte fliegend in die Luft mich heben,
Und er, der Lust und wenig Hirn besaß,

Wollte die Kunst erlernen, und weil ich
Zum Dädalus ihn nicht gemacht, ließ er mich
Von einem, dem als Sohn er galt, verbrennen.

Wohl aber hat Minos, der niemals irret,
Zum letzten der zehn Graben mich verdammt,
Weil auf der Welt ich Alchimie getrieben.

Drauf ich zum Dichter sprach: Gab es wohl je
So eitles Volk als diese Sienesen?
Selbst die Franzosen sind es nicht beiweiten.

Worauf der andre Aussätz'ge, der's hörte,
Erwiderte: Doch Stricca ausgenommen,
Der mäß'gen Aufwand es verstand zu machen.

Und Niccolò, der die reiche Methode
Der Nelkenwürze hat zuerst entdeckt
Im Garten, worin solcher Same wächst.

Und ausgenommen die Gesellschaft, worin
Caccia d'Asciano Weinberge und Wälder,
Und Abbagliato seinen Witz verschwendet

Jedoch damit du wissest wer dir beistimmt
Gegen Siena, spitze recht die Augen
Auf mich, daß dein Gesicht meinem entspreche,

So wirst du sehn, daß ich Capocchio's Schatten,
Der das Metall durch Alchimie verfälschte,
Und du wirst dich erinnern, seh' ich recht,

Welch guter Affe der Natur ich war.


Gesang 30

Zu jener Zeit, als Juno heftig zürnte
Um Semele auf das Geschlecht von Theben,
Wie sie es mehr als einmal kund gegeben,

Ward Athamas so rasend, daß als er
Sah die Gemahlin wandeln, die beladen
Auf jedem Arm mit einem Sohne war,

Er ausrief: Spannt die Netze, daß ich fange
Die Löwin und die Jungen hier am Passe!
Und drauf streckt' er die mitleidlosen Klauen

Den einen greifend aus, der hieß Learchos,
Und wirbelnd schlug er ihn an einen Felsen,
Drauf mit der andern Last sie sich ertränkte.

Und als das Schicksal die Trojaner stürzte
Von ihrer Höhe, wo sie alles wagten,
Daß Reich und König beide untergingen,

Als da die jammervoll gefangne Hekuba,
Nachdem sie todt gesehn Polyxena,
Und ihres Polydoros voller Jammer

Ansichtig an des Meeres Ufer ward,
Da bellte rasend sie gleich einem Hunde;
So hatte Schmerz die Seele ihr verwirrt.

Doch weder von Thebanern noch Trojanern
Sah man jemals in solchem grimmen Wüthen
Nicht Thiere bloß, auch Menschen selbst zerfleischen,

Als ich an zweien nackten, bleichen Schatten
Gewahrete, die beißend umher liefen,
Dem Schweine gleich, das aus dem Stalle bricht.

Zu dem Capocchio kam der ein' und packte
Am Nackenwirbel ihn, und riß ihn nieder,
Daß mit dem Bauch er auf dem Boden schleifte.

Der Aretiner, der zitternd zurückblieb,
Sprach drauf: Der Kobold hier ist Gianni Schicchi,
Und richtet andre rasend also zu.

O, sagt' ich ihm, so dich der andre nie
Mit Zähnen packe, laß dich's nicht verdrießen
Zu sagen, wer er ist, eh' er entschlüpfet.

Und er: Das ist der alten Mirrha Schatten,
Die ruchlos über die erlaubte Liebe
Dem Vater sich in Liebe zugesellt.

Sie kam zum Sündigen mit ihm sich selber
In andere Gestalt verfälschend, sowie
Der andre, der dort hingeht, unternahm

Buoso Donati in sich nachzubilden,
Um durch ein Testament in bester Form
Die Königin der Heerde zu gewinnen.

Und als die beiden Rasenden vorüber,
Wandt' ich den Blick, den ich auf sie geheftet,
Nun auf die andern schlimm gebornen hin.

Gestaltet gleich 'ner Laute sah ich einen,
Wär' er am Unterleib gestutzt gewesen,
Da, wo die Spaltung bei dem Menschen angeht.

Die schwere Wassersucht, die so die Glieder
Durch schlecht verdaute Flüssigkeit entstellt,
Daß nicht das Antlitz mehr dem Bauch entspricht,

Die nöthigt ihn die Lippen aufzusperren,
Wie der Schwindsüchtige vor Durst die eine
Emporstreckt und die andre senkt zum Kinn.

O ihr, die ihr, und ich weiß nicht warum,
Ohn' alle Pein in dieser schlimmen Welt seid,
Sprach er zu uns, schaut her und habet Acht

Auf Meister Adams jammervollen Zustand!
Im Leben hatt' ich alles was ich wollte,
Und jetzt, ach! schmacht' ich nach 'nem Tröpflein Wasser.

Die Bächlein, welche von den grünen Hügeln
Des Casentin hinab zum Arno fließen,
Und die ihr Bett stets kühl und feucht erhalten,

Die schweben stets mir vor, und nicht umsonst;
Dieweil ihr Bild bei weitem mehr mich ausdörrt,
Als mich das Uebel abzehrt im Gesicht.

Gerechtigkeit, die strenge, die mich quälet,
Nimmt Anlaß von dem Ort wo ich gesündigt,
Um zu beschleun'gen meiner Seufzer Flucht.

Dort liegt Romena, wo ich die geprägte
Mischung des Täufers fälschte, weshalb ich
Den Leib verbrannt dort oben lassen mußte.

Doch säh' ich hier nur die ruchlose Seele
Des Guido, Alessandro's und des Bruders,
Für Fonte Branda gäb' ich nicht den Anblick.

Schon ist die eine drin, wenn Wahrheit reden
Die tollen Schatten, die umher hier laufen;
Doch was hilft's mir, deß Glieder sind gebunden.

Wär' ich so leicht nur noch, daß ich vermöchte,
In hundert Jahren daumbreit nur zu gehn,
So hätt' ich mich schon auf den Weg gemacht,

Ihn suchend unter diesem eklen Volke,
Obgleich das Thal eilf Miglien umkreist,
Und wen'ger nicht als eine halbe breit ist.

Durch sie bin ich unter sothanem Volke;
Denn sie verleiteten zu prägen mich
Gulden, die drei Carat an Zuschlag hatten.

Und ich zu ihm: Wer sind die zwei Elenden,
Die rauchen, wie die nasse Hand im Winter,
Und dicht an deiner rechten Seite liegen?

Ich fand sie hier als ich hinabgestürzt
In diese Kluft, von der sie nie gewankt,
Noch werden, glaub' ich, jemals sie's vermögen.

Die eine klagte fälschlich Joseph an;
Der andre ist der falsche Grieche Sinon;
Vom hitz'gen Fieber dampfen sie so sehr.

Der eine, den's vielleicht verdroß, verächtlich
Erwähnt zu werden, schlug ihn mit der Faust
Auf den gespannten harten Unterleib,

Daß es erklang, als wär' es eine Trommel.
Und Meister Adam schlug ihn ins Gesicht,
Mit seinem Arme, der nicht wen'ger hart schien,

Indem er sprach: Obgleich mir die Bewegung
Geraubt ist durch die Schwere meiner Glieder,
Ist doch mein Arm zu solchem Dienst noch frei.

Der andre drauf: Als du zum Feuer gingest,
Da war dein Arm wohl so behende nicht;
Wohl aber mehr noch als du Münze prägtest.

Der Wassersücht'ge drauf: Da sprichst du wahr,
Doch warst du kein so wahrer Zeug' in Troja,
Als man dich um die Wahrheit dort gefragt.

Sprach Falsches ich, so fälschtest du die Münzen,
Sprach Sinon, und um eine Sünde bin ich
Hier, du um mehr als einer der Dämonen.

Erinnre dich, Meineidiger, des Pferdes,
Antwortete der, dem der Bauch geschwollen,
Und Qual sei's dir, daß alle Welt es weiß.

Der Grieche drauf: Und dir der Durst, wovon
Die Zunge platzet und das faule Wasser,
Das vor den Augen dir den Leib auftreibt.

Der Münzer drauf: So reißest du das Maul
Zum Lästern wieder auf, so wie du pflegst;
Denn hab' ich Durst und Wasser das mich anschwellt,

Hast du das Brennen und den Schmerz im Kopfe;
Und um den Spiegel des Narciß zu lecken,
Bedürft's dich einzuladen nicht viel Worte.

Sie anzuhören war ich ganz beschäftigt,
Als zu mir sprach der Meister: Schau nur hin,
Denn wenig fehlt, daß ich mit dir nicht hadre!

Als ich zu mir ihn zornig sprechen hörte,
Wandt' ich zu ihm mit solcher Scham mich hin,
Daß ins Gedächtniß sie noch wiederkehrt.

Und gleich dem Manne, dem ein Unglück träumt,
Und träumend wünschet, daß er träumen möchte,
So daß er wünscht was ist, als wär' es nicht:

So ging es mir, da ich nicht sprechen konnte.
Mich zu entschuld'gen wünscht' ich, und entschuldigt'
Mich in der That, da ich's zu thun nicht glaubte.

Gering're Scham wäscht größ're Schuld wohl ab,
Sprach drauf der Meister, als die deine war;
Drum mach' dich frei von jeder Traurigkeit!

Behalt im Sinn, daß ich dir stets zur Seite,
Wenn andre Male es sich also füget,
Daß du zugegen seist bei solchem Streite:

Denn niedre Lust ist's, solches hören wollen.


Gesang 31

Dieselbe Zunge, die mich erst verwundet,
So daß sie beide Wangen mir geröthet,
Bot gleich nachher die Arzenei mir dar.

So war, hör' ich, die Lanze des Achilles
Und seines Vaters auch Veranlassung
Zu schlimmem erst und dann zu gutem Gruße.

Den Rücken kehrten wir dem bösen Thale,
Ohne zu sprechen weiter, auf dem Ufer,
Quer übergehend, das es rings umgürtet.

Hier war es nicht ganz Nacht und nicht ganz Tag,
So daß die Augen wenig vorwärts drangen;
Dagegen hört' ein lautes Horn ich tönen,

Wogegen schwach jedweder Donner schiene,
Und ihm entgegen, seinem Wege folgend,
Zog er mein Auge ganz auf einen Ort.

So schrecklich hat selbst Roland nicht geblasen,
Nach jener schlimmen Niederlage, wo
Der große Carl die heil'ge Schaar verlor.

Nicht lang' hatt' ich den Kopf dahin gewandt,
Als es mir däucht', ich säh' viel hohe Thürme;
Drob ich: Sprich Meister, welche Stadt ist das?

Und er zu mir: Weil aus zu großer Ferne
Die Finsterniß du zu durchdringen strebst,
Geschieht's, daß du durch Einbildung dich täuschest.

Denn sehn wirst du, begiebst du dich dorthin,
Wie sehr der Sinn sich in der Ferne irrt;
Und deshalb treib dich selber etwas vorwärts!

Drauf nahm er mich gar liebreich bei der Hand
Und sprach: Bevor wir weiter vorgeschritten,
Daß weniger auffallend dir es scheine,

So wisse, daß es Riesen sind, nicht Thürme:
Im Brunnen stehn am Ufer sie ringsum,
Vom Nabel abwärts alle mit einander.

Wie wenn ein dicker Nebel sich zerstreut,
Der Blick dann nach und nach erkennt, was ihm
Der Dunst verbarg, der erst die Luft verdichtet:

So wich mein Irrthum und es wuchs die Furcht,
Als ich die dicke dunkle Luft durchdringend
Mich mehr und mehr dem Rande näherte.

Denn, wie den runden Umfang seiner Mauern
Monteregion mit vielen Thürmen krönt,
So ragten hier, am Rande jenes Brunnens,

Mit halbem Leibe thurmgleich sie empor
Die gräßlichen Giganten, die vom Himmel
Zeus, wenn er donnert, immer noch bedroht.

Und schon erkannt' an einem ich das Antlitz,
Schultern und Brust und großen Theil des Bauches,
Und beide Arme an den Seiten hängend.

Sehr weislich hat Natur gewiß gethan,
Als sie die Schöpfung solcher Thiere aufgab,
Daß sie dem Mars solche Vollstrecker raube.

Und reut es sie auch nicht noch Elephanten
Und Wallfische zu dulden, blickt wer schärfer,
Wird nur gerecht und weiser er sie halten.

Denn dann nur, wenn die Waffe der Vernunft
Zum bösen Willen und zur Kraft hinzukommt,
Kann keinen Schutz der Mensch dagegen finden.

So wie Roms Tannenzapfen beim St. Peter,
So lang und breit erschien mir sein Gesicht,
Und im Verhältniß waren seine Glieder;

So daß der Rand des Brunnens, der nach unten
Ihn einschloß, wohl nach oben so viel zeigte,
Daß selbst drei Friesen sich nicht rühmen dürften,

Daß sie zu seinen Haaren reichen könnten.
Denn dreißig große Spannen sah von ihm ich
Abwärts vom Punkt, wo man den Mantel heftet.

Raphel mai amech zabi almi
Begann zu schreien jetzt der grause Mund,
Für welchen sanft're Lieder sich nicht ziemten.

Mein Führer drauf zu ihm: Thörichte Seele,
Bleib bei dem Horn, und schaff' dir Luft damit,
Wenn Zorn dich oder andrer Trieb ergreift!

Such' nur am Hals, den Strick wirst du schon finden,
An dem's gebunden ist, verwirrte Seele,
Und sieh', wie es die große Brust dir gürtet!

Zu mir sprach er sodann: Er selbst verklagt sich,
Denn Nimrod ist's, deß stolzer Sinn die Schuld trägt,
Daß nicht bloß Eine Sprache in der Welt ist.

Laß ihn nur stehn, sprechen wir nicht vergeblich!
Denn wie für ihn jedwede Sprache ist,
So ist die seine andern; niemand kennt sie.

So setzten wir denn unsre Wand'rung fort,
Links hin gewendet, und auf Pfeilschuß Weite
Fanden den andern wir, größer und wilder.

Wer auch der Meister war, der ihn gefesselt,
Ich weiß es nicht, allein ihm war gebunden
Der rechte hinten, vorn der andre Arm

Mit einer Kette, die vom Halse abwärts
Ihn gürtete, daß den sichtbaren Leib
Sie in fünf Windungen ihm ganz umschlang.

Der Uebermüth'ge wollte seine Kraft
Am höchsten Jupiter versuchen, sprach
Mein Führer, weshalb solchen Lohn er erndtet.

Er heißt Ephialtes, und er that Großes,
Als einst die Riesen selbst die Götter schreckten.
Die Arme, die er brauchte, rührt er nimmer.

Und ich zu ihm: Wenn's möglich wäre, möcht' ich
Wohl gern, daß meine Augen die Bekanntschaft
Des ungefügen Briareus machten.

Und er: Antäus sollst du sehn, nicht weit
Von hier, der spricht und nicht gefesselt ist;
Der setzt uns in der Sünde tiefsten Grund.

Der den du sehen möchtest steht viel weiter
Dorthin, und ist gefesselt und beschaffen
Wie dieser, nur viel wilder scheint sein Antlitz.

Nie gab es solch ein mächtiges Erdbeben,
Das so gewaltig einen Thurm erschüttert,
Als Ephialtes rasch war sich zu schütteln.

Da fürchtet' ich mehr als jemals den Tod;
Und schon die Furcht wär' hinreichend gewesen,
Hätt' ich die Bande nicht an ihm gesehn.

Und weiter schritten vorwärts wir nunmehr,
Bis zum Antäus, der wohl an fünf Ellen,
Ohne den Kopf noch aus dem Brunnen ragte.

O du, der in dem schicksalsreichen Thale,
Das Scipio zum Ruhmes Erben machte,
Als mit den Seinen Hannibal entfloh,

Als Beute hundert Löwen einst davontrugst;
Von dem, wärst du beim Kriege deiner Brüder
Gewesen, man noch jetzt die Meinung hat,

Daß dann gesiegt der Erde Söhne hätten:
Setz' uns hinab, und laß dich's nicht verdrießen,
Da, wo die Kälte den Cocyt erstarrt!

Laß uns nicht gehn zum Titios noch Typhäus,
Denn der kann geben, was man hier ersehnt,
Drum neige dich und wende nicht die Schnauze!

Er kann dir Ruhm noch schaffen in der Welt,
Er lebt, und langes Leben hofft er, wenn
Nicht vor der Zeit die Gnad' ihn zu sich ruft.

So sprach mein Meister, und in Eile streckte,
Um ihn zu fassen, der die Hände aus,
Die Herkules einst große Pein bereitet.

Und als Virgil sich so ergriffen fühlte,
Sprach er zu mir: Komm her, daß ich dich fasse!
Dann macht' ein Bündel er aus sich und mir.

Wie unter'm Hang die Carisend' erscheint,
Wenn über ihr ein Wölkchen also geht,
Daß sich der Thurm entgegen scheint zu neigen,

So schien Antäus mir, der ich begierig
Zu sehen war, wie er sich neigt, und oftmals
Hätt' ich gern andre Wege eingeschlagen.

Doch leicht setzt' er uns auf den Grund danieder,
Der Lucifern und Judas auch verschlingt.
Nicht lange blieb er in gebückter Stellung,

Und wie der Mast im Schiff' erhob er sich.


Gesang 32

Hätt' ich so rauhe und so heisre Töne,
Wie sich's geziemte für die grause Tiefe,
Auf die die andern Felsen alle lasten,

Könnt' ich vollständ'ger wohl meines Gedankens
Inhalt ausdrücken, doch da sie mir fehlen,
Geh ich nicht ohne Furcht daran zu reden.

Denn nicht zum scherzen ist's ein Unternehmen,
Den Grund des ganzen Weltalls zu beschreiben,
Noch für 'ne Zunge, die noch lallt und stammelt.

Doch mögen jene Frau'n mir helfen, die
Amphion halfen Theben zu umschließen,
So daß die Rede mit der Sache stimme.

O über alles arg geborner Pöbel,
Der du dort bist, wovon es hart zu reden:
Besser wär't Schaf' und Ziegen ihr gewesen.

Als wir nun waren in dem dunklen Brunnen,
Weit tiefer als die Füße des Giganten,
Und ich zur hohen Mauer noch empor sah,

Hört' ich mir sagen: Wahre deine Schritte!
Gieb Acht, daß du nicht tretest mit den Füßen
Die Häupter der elenden, matten Brüder!

Weshalb ich mich umwandt', und sah vor mir
Und unter mir 'nen See, der von dem Froste
Des Glases, nicht des Wassers, Ansehn hatte.

So dicke Schleier hemmten selbst im Winter
Den Lauf der Donau nie in Oesterreich,
Noch den des Don, dort unterm kalten Himmel,

Als es hier war, so daß wenn Tambernic
Wär' drauf gefallen oder Pietrapana,
Es hätte selbst am Ufer nicht gekracht.

Wie Frösche mit der Schnauze aus dem Wasser
Stehn und koaxen in der Jahreszeit,
Wo oft der Bäu'rin träumt, sie läse Aehren:

So standen in dem Eise hier die Schatten,
Blau bis zum Theile, wo die Scham sich zeigt,
Und klappernd mit den Zähnen wie die Störche.

Nach unten war gewendet jedes Antlitz,
Der Mund bei ihnen zeuget von der Kälte,
Die Augen von des Herzens Traurigkeit.

Als ich mich rings ein wenig umgesehn,
Blickt ich nach unten, und sah aneinander
Zwei so gedrängt, daß sich die Haare mischten.

Sagt wer ihr seid, die ihr einander dränget!
Sprach ich. Und jene bogen drauf die Hälse,
Und als zu mir das Antlitz sie erhoben,

Da träufelten die innern feuchten Augen
Ueber die Augenlider, und der Frost
Verschloß sie wieder durch erstarrte Thränen.

So fest schloß keine Klammer Holz an Holz
Wohl jemals, drob sie, zweien Böcken gleich,
Zusammenstießen, solcher Zorn bezwang sie.

Und einer, der vom Froste beide Ohren
Verloren hatte, sprach, nach unten blickend,
Warum nur spiegelst du so sehr in uns dich?

Wenn dich verlangt zu wissen wer die beiden:
Das Thal, dem der Bisenzio entströmt,
War ihres Vaters Albert und das ihre,

Ein Leib hat sie geboren, und vergebens
Durchsuchtest ganz Caina du, du fändest
Nicht einen würd'ger hier zu stehn im Gallert.

Auch der nicht, dessen Brust und Schatten wurde
Von Arthurs Hand mit einem Streich durchbohrt,
Foccaccia nicht, noch der der mit dem Kopfe

Mich hindert über ihn hinaus zu sehen,
Und Sassol Mascheroni wird genannt.
Bist Tusker du, so weißt du wer er war.

Und daß du mich in weitre Rede nicht
Verwickelst, wiss', ich bin Camiccion Pazzi
Und warte auf Carlin, der mich entschuld'ge.

Nachher sah mehr als tausend ich Gesichter
Von Frost verzerrt; drob Grauen mich erfaßte,
Das stets mir bleibt vor den gefrornen Lachen.

Und während wir so nach der Mitte gingen,
Zu welcher jede Schwere sich hinabsenkt,
Und ich im ew'gen Schatten zitterte,

Ich weiß nicht, war es Absicht, Schickung oder
War's Zufall, daß zwischen den Köpfen wandelnd
Dem einen heftig ins Gesicht ich stieß.

Er schalt mich weinend: Warum trittst du mich?
Wenn du nicht kommst die Rache zu verschärfen
Für Mont' Aperti, warum plagst du mich?

Und ich: Mein Meister, jetzt nur wart' ein wenig,
Daß eines Zweifels hier ich mich entled'ge;
Dann magst du wie du willst zur Eile treiben.

Still stand der Führer, und zu jenem, welcher
Noch immerdar gar heftig fluchte, sprach ich:
Wer bist du, der du andere so ausschiltst?

Und wer bist du, der durch die Antenora
Andern die Wangen stoßend, sprach er, gehst?
So daß, wenn lebend du, zu hart es wäre.

Ein Lebender bin ich, war meine Antwort,
Und wenn du Ruhm begehrst, kann's lieb dir sein,
Daß deinen Namen ich nebst andern merke.

Und er zu mir: Das Gegentheil ersehn' ich,
Hebe dich fort und mach' mir nicht mehr Pein!
Denn schlecht verstehst du dich allhier auf's Schmeicheln.

Drauf packt ich ihn beim Haar des Hinterhauptes
Und sprach zu ihm: Du wirst dich nennen müssen,
Oder kein Haar soll auf dem Haupt dir bleiben.

Drob er zu mir: Wie du mich auch enthaarest,
Sag' ich nicht wer ich bin, noch zeig' ich's dir,
Ob tausendmal du über mich herfallest.

Schon um die Hand hatt' ich das Haar geschlungen,
Und ausgerissen ihm mehr als ein Büschel,
Während er bellend stets nach unten blickte:

Als jetzt ein andrer rief: Was fehlt dir, Bocca?
Genügt's dir nicht zu klappern mit den Zähnen,
Wenn du nicht bellest? Welcher Teufel plagt dich?

Nunmehr, sprach ich, will ich nicht daß du redest,
Schlimmer Verräther, denn zu deiner Schande
Werd' ich von dir wahrhafte Kunde bringen.

Geh fort, sprach er, erzähle was du willst,
Doch schweige nicht, wenn du von hier hinauskommst,
Von dem der jetzt so rasch war mit der Zunge!

Er weint hier um das Argent der Franzosen.
Ich sahe, kannst du sagen, den von Duera,
Da, wo die Sünder fein in Kühten sitzen;

Und fragt man dich, wer sonst noch da gewesen:
Du hast zur Seite den von Beccheria,
Dem einst Florenz die Gurgel abgeschnitten.

Gianni del Soldanier ist weiterhin dort,
Glaub ich, nebst Ganelon und Tribaldello,
Der, als man schlief, Faënza öffnete.

Schon waren fortgegangen wir, als ich
Zwei eingefroren sah in einem Loche,
So daß ein Kopf dem andern dient' als Hut.

Und wie das Brod aus Hunger man zerkauet,
So schlug der ein' dem andern ein die Zähne,
Da wo das Hirn sich an den Nacken anschließt.

Ganz ebenso zernagte Tideus einst
Dem Menalipp die Schläfe voller Ingrimm,
Wie dieser hier den Schädel und das andre.

O du, der durch solch viehisches Erweisen
Haß gegen den zeigst, den du so verzehrest,
Sag' mir den Grund, sprach ich, mit dem Vertrage:

Daß wenn mit Recht du klagest über ihn,
Weiß ich nur wer ihr seid, und seine Schuld,
Ich oben in der Welt es dir vergelte,

Wenn die, mit der ich rede, nicht verdorrt.


Gesang 33

Den Mund erhob nunmehr vom grausen Fraße
Der Sünder, ihn abwischend an den Haaren
Des Haupts, das er von hinten angefressen.

Dann fing er an: Du willst, daß ich erneure
Graunvollen Schmerz, der mir das Herz bedrücket,
Denk' ich nur dran, noch eh' ich davon rede.

Doch, sollen meine Worte Saat der Schande
Für den Verräther sein, den ich zernage,
Sollst sprechen mich und weinen sehn zumal.

Ich weiß nicht wer du bist, noch wie hinab hier
Du bist gekommen, aber Florentiner
Scheinst du mir wahrhaft, wenn ich dich vernehme.

So wisse denn, daß ich Graf Ugolino,
Und dieser hier Erzbischof Rüdiger.
Nun sag' ich dir, weshalb ich solch ein Nachbar.

Daß ich, in Folge seiner argen Künste,
Mich ihm vertrauend, ward gefangen und
Danach getödtet, ist nicht Noth zu sagen.

Jedoch was du nicht kannst erfahren haben,
Wie grauenvoll mein Tod, das sollst du hören,
Und dann urtheilen, ob er mich verletzet.

Ein schmaler Spalt, im Inneren des Kerkers,
Der nun nach mir der Hungerthurm genannt wird,
Und der auch andre noch einschließen wird,

Hatte durch seine Oeffnung mir gezeigt
Schon viele Monde, als den Traum ich that,
Welcher der Zukunft Schleier mir zerriß.

Es schien mir dieser hier als Herr und Meister,
Den Wolf und seine Jungen zu verfolgen,
Am Berg der Lucca den Pisanern deckt.

Mit magern, eifrigen und wohlgeschulten
Hündinnen hatt' Gualandi und Sismondi,
Lanfranchi auch gestellt er an die Spitze.

Nach kurzem Laufe schienen mir ermattet
Der Alte wie die Jungen, und zerreißen
Sah ihre Flanken ich mit scharfen Zähnen.

AIs vor des Tages Anbruch ich erwachte,
Hört' ich im Schlafe weinen meine Kinder,
Die mit mir waren und nach Brod verlangen.

Wohl grausam bist du, wenn du nicht schon trauerst,
Erwägend, was sich meinem Herzen kund gab,
Und weinst du nicht, wann pflegst du dann zu weinen?

Sie waren wach schon und die Stunde nahte,
Wo man die Speise uns zu bringen pflegte;
Und ob des Traumes bangte jeglicher.

Da hört' ich unter uns das Thor vernageln
Des Thurmes voller Grau'n drob ich ins Antlitz
Den Kindern schaute ohn' ein Wort zu sprechen.

Ich weinte nicht, so ward zu Stein ich innen;
Sie aber weinten und mein Anselmuccio
Sprach: Vater, was fehlt dir, daß du so starrst?

Doch weint' ich nicht, noch gab ich Antwort ihnen
Den ganzen Tag und auch die Nacht nachher,
Bis wieder neues Licht der Welt erschien.

Doch als ein schwacher Strahl war eingedrungen,
In unsern grausen Kerker, und ich sahe
Mein eignes Abbild auf den vier Gesichtern,

Da biß ich beide Hände mir vor Schmerz.
Doch jene wähnend, daß ich also thäte
Aus Gier nach Speise, sprangen plötzlich auf

Und sprachen: Vater, äßest du von uns,
Das wär' geringrer Schmerz. Hast uns bekleidet
Mit dem elenden Fleisch, so nimm's nun hin!

Sie nicht mehr zu betrüben zwang ich mich.
Den und den andern Tag blieben wir stumm:
Wie thatst du dich nicht auf, du harte Erde!

Als wir zum vierten Tag gekommen waren,
Warf ausgestreckt sich Gaddo mir zu Füßen
Und sprach: Mein Vater, warum hilfst mir nicht?

Dort starb er und so wie du mich hier siehst,
Sah einen nach dem andern ich die drei
Vom fünften bis zum sechsten Tag hinstürzen.

Schon blind betastet' ich noch jeglichen,
Und rief zwei Tage sie, nachdem sie todt schon,
Mehr als der Schmerz vermochte dann das Fasten.

Drauf packt' er wieder, mit verdrehten Augen,
Den jammervollen Schädel mit den Zähnen,
Die stark wie Hundezähne sich erwiesen.

Ha! Pisa, du Schandfleck der Völker aller
Des schönen Landes, wo das ertönet,
Da deine Nachbarn säumen dich zu strafen,

So mögen die Capraja und Gorgona
Als Damm sich vor des Arno's Mündung thürmen,
Daß jeden Menschen er in dir ersäufe.

Stand auch Graf Ugolino in dem Rufe,
Daß er die Burgen dir verrathen, solltest
Die Kinder du doch solcher Qual nicht weihn.

Unschuldig machte ja, du neues Theben,
Uguccio und Brigata ihre Jugend,
So wie die zwei, die mein Gesang erwähnt.

Wir gingen weiter, dahin wo der Frost
Ein andres Volk in rauhe Windeln schlägt,
Nicht vorgebeugt, nein auf dem Rücken liegend.

Das Weinen selbst erlaubt hier nicht zu weinen;
Denn da der Schmerz im Aug' ein Hemmniß findet,
Kehrt er nach innen sich, die Angst zu mehren.

Denn schon die ersten Thränen häufen sich,
Und füllen, gleich Visieren von Krystall,
Die Augenhöhlen ganz unter den Brauen.

Und wenngleich auch aus meinem Angesicht,
Wie aus der Hornhaut, jegliche Empfindung
Mir durch die Kälte längst schon war gewichen,

So glaubt' ich etwas Wind doch zu verspüren,
Weshalb ich: Meister, was bewegt die Luft?
Ist nicht hier unten jeder Dunst erloschen?

Drob er zu mir: In kurzem wirst du da sein,
Wo dir das Auge selbst wird Antwort geben,
Die Ursach sehend, die den Hauch hervorbringt.

Und aus der harten Rinde rief uns einer
Der traurigen: O ihr, die ihr so grausam
Daß euch die letzte Stell' ist angewiesen,

Nehmt von dem Antlitz mir den harten Schleier,
Daß ich dem Schmerz, der mir das Herze schwängert,
Luft geben kann, bevor die Thräne frieret.

Drob ich zu ihm: Willst du, daß ich dir helfe,
Sag wer du bist, und mög' ich bis zum Grunde
Des Eises gehn, wenn ich dich nicht erleichtre.

Bin Bruder Alberich, war seine Antwort,
Der von den Früchten jenes schlimmen Gartens
Der ich für Feigen Datteln hier empfange.

O, sprach zu ihm, ich bist du denn schon todt?
Und er zu mir: Wie sich mein Leib dort oben
Befinde, davon hab' ich keine Kenntniß;

Denn solchen Vorzug hat die Tolommea,
Daß oftmals schon die Seele hier hinabfällt,
Eh' Atropos den Anstoß ihr gegeben.

Und damit du noch will'ger die verglasten
Thränen vom Angesicht mir lösen mögest,
Wisse, daß, wenn Verrath geübt die Seele,

Wie ich gethan, der Leib ihr wird genommen
Von einem Teufel, der ihn dann regieret,
Bis seine Lebenszeit ganz abgelaufen.

Sie stürzet dann in die Cisterne hier,
Und wohl mag oben noch im Leib sich zeigen
Der Schatten, der hier hinter mir durchwintert.

Wenn du erst eben kommst, mußt du's ja wissen;
Es ist Herr Branca d'Oria und viel Jahre
Vergingen schon seit er hier eingeschlossen.

Ich glaub', erwiedert' ich, daß du mich täuschest,
Denn Branca d'Oria ist noch nie gestorben,
Und ißt und trinkt, und schläft und wechselt Kleider.

Im Grimmetatzen-Graben, sprach er, oben
Da wo das zähe Pech gesotten wird,
War Michel Zanche noch nicht angekommen,

Als dieser einen Teufel ließ statt seiner,
In seinem Leib, und dem eines Verwandten,
Der den Verrath mit ihm zugleich vollbracht.

Doch streck' nunmehr die Hand hierher, und öffne
Die Augen mir! Doch öffnet' ich sie ihm nicht,
Denn edel war's unedel hier zu sein.

Ha, Genueser, ihr, die ihr abweichet
Von jeder Sitt' und voll seid jedes Lasters,
Warum seid ihr nicht aus der Welt verbannt!

Denn mit dem schlimmsten Geiste aus Romagna
Fand einen ich von euch, der, ob sein Thun,
Im Geiste im Cocytus schon sich badet,

Und lebend oben noch erscheint im Leibe.


Gesang 34

Vexilla regis prodeunt inferni
Jetzt auf uns, zu darum nun schaue vorwärts,
Ob du ihn unterscheidest, sprach der Meister.

Wie wenn ein dicker Nebel hauchet, oder
Wenn's Nacht auf unsrer Erdenhälfte wird,
Von fern dann eine Mühl' erscheint, vom Winde

Bewegt, ein solch Gebäu glaubt ich zu sehn.
Dann, ob des Windes, hinter meinen Führer
Stellt' ich mich, da kein andrer Schutz vorhanden.

Schon war ich, und mit Furcht bring' ich's in Verse,
Da, wo die Schatten ganz bedeckt und nur
Durchschienen, gleich wie Splitter in dem Glase.

Die einen liegen, andre stehen aufrecht,
Die mit dem Haupt und jene mit den Sohlen,
Gebogen, die das Antlik zu den Füßen.

Als wir so weit nun vorgeschritten waren,
Daß es gefiel dem Meister mir zu zeigen
Die Creatur, die einst so schön gewesen,

Trat er vor mir hinweg und ließ mich stillstehn.
Sieh' da den Dis, sprach er, und sieh' den Ort,
Wo du mit Tapferkeit sich waffnen mußt.

Wie mir da ward, erstarret und erschöpft,
Das frag' nicht, Leser, denn ich schreib' es nicht,
Weil keine Rede doch genügend wäre.

Ich starb nicht und ich blieb auch nicht lebendig.
Denk' dir nun selbst, hast du ein Fünkchen Geist,
Wie beider ich beraubt, mir nun zu Muthe.

Des schmerzenvollen Reiches Kaiser ragte
Mit halber Brust hier aus dem Eis' empor,
Und mehr dürft' ich mit einem Riesen mich

Vergleichen, als mit seinem Arm die Riesen.
Urtheile nun du selbst, wie groß das Ganze,
Das einem so beschaff'nen Theil' entspricht.

War er so schön, wie er jett gräulich ist,
Und hob die Stirne gegen seinen Schöpfer,
Muß billig alles Weh von ihm ausgehn.

O wie erschien es mir ein großes Wunder,
Als drei Gesichte ich an seinem Haupt sah!
Röthlich von Farbe war das vordere,

Der andern waren zwei, die sich anschlossen
An dieses auf der Mitte jeder Schulter,
Und sich vereinten, wo die Mähne sitzet.

Das rechte schien mir zwischen weiß und gelb,
Das linke war zu schauen wie die Menschen,
Die daher kommen, wo der Nil hinabstürzt.

Zwei große Flügel traten unter jedem
Hervor, wie sich's für solchen Vogel schickte;
Meersegel sah ich nie von dieser Größe.

Sie waren ohne Federn, so beschaffen
Wie die der Fledermäus' und sie bewegt' er,
So daß von ihm der Winde drei ausgingen.

Davon erstarrte der Cocytus gänzlich.
Er weinte mit sechs Augen und die Thränen
Nebst blut'gem Geifer flossen auf drei Kinne.

In jedem Maul zermalmt' er mit den Zähnen,
Wie die Flachsbreche thut, der Sünder einen,
Daß ihrer drei zugleich er also quälte.

Dem Vord'ren war, verglichen mit dem Kratzen,
Das Beißen wenig, weil dadurch sein Rücken
Oft ganz entblößet von der Haut erschien.

Die Seele oben dort, die größ're Pein hat,
Sprach jetzt Virgil, ist Judas Scharioth,
Sein Kopf stedt drin, die Beine zappeln draußen.

Von beiden, die den Kopf nach unten haben,
Hängt Brutus von der schwarzen Schnauz' herab;
Wie er sich windet, schau! und spricht kein Wort.

Der andr' ist Cassius, der so stark gegliedert.
Allein die Nacht steigt wieder auf und nunmehr
Ist's Zeit zu gehn, da alles wir gesehen.

Wie's ihm gefiel umschlang ich seinen Hals,
Und er nahm Zeit und Ort gehörig wahr,
Und als die Flügel sich genug geöffnet,

Klammert' er an die zott'gen Rippen sich,
Von Fließ zu Fließ stieg er darauf hinab.
Zwischen dem Haar und den gefrornen Rinden.

Als wir da waren, wo der Schenkel sich
Genau am dicken Theil der Hüfte dreht,
Da wandte sich mit Müh und Noth der Führer,

Das Haupt hinwendend, wo zuvor die Beine,
Und hielt am Haar sich, wie ein Mensch, der steiget;
So daß ich meint', es ging zurück zur Hölle.

Halt' wohl dich fest, denn auf sothanen Leitern,
Sprach keuchend wie ein müder Mann der Meister,
Muß von so großem Uebel man sich trennen.

Er trat hinaus aus eines Felsens Oeffnung,
Und ließ mich niedersitzen auf dem Rande,
Dann streckt' er den gewandten Schritt zu mir hin.

Ich hob das Aug' und meinte noch zu sehen
Den Lucifer, so wie ich ihn gelassen,
Und sah, daß er die Beine aufwärts streckte.

Und ob ich nun verwirrt, das denke sich
Der Pöbel, der nicht siehet wie beschaffen
Der Punkt gewesen, den ich überschritten.

Steh' auf, sprach nun der Meister, auf die Füße,
lang ist der Weg, die Straße schlimm und schon
Kehrt zu der halben Terz die Sonne wieder.

Da wo wir waren gab's nicht glatte Wege,
Wie in Palästen, sondern rauhen Felsgrund,
Mit üblem Boden und an Lichte Mangel.

Bevor ich diesem Abgrund mich entreiße,
Mein Meister, sprach ich, als ich aufgestanden,
Mich zu enttäuschen, sprich mit mir ein wenig.

Wo ist das Eis? und wie steht dieser hier
Kopfunter so und wie so schnell vom Abend
Zum Morgen ist die Sonne fortgeschritten?

Und er zu mir: Du glaubst, du sei'st noch jenseits
Des Centrums, wo ich an dem Haar mit hielt
Des schlimmen Wurmes, der die Welt durchbohrt:

Jenseits warst du so lang' als ich hinabstieg!
Als ich mich wandte, überschritt'st den Punkt du,
Zu dem die Schwere zieht von allen Seiten.

Zu der Halvkugel bist du nun gekommen,
Die der entgegen, die die Feste deckt,
Und unter deren Gipfel starb der Mensch,

Der ohne Sünd' erzeuget ward und lebte.
Du stehst auf einem kleinen Kreise, der
Die andre Seite der Giudecca bildet,

Hier bricht der Tag an, wenn es Abend dort ist,
Und der, deß Haar als Leiter uns gedienet,
Steht fest noch hier, wie er zuvor gestanden.

Von dieser Seite fiel vom Himmel er,
Und jenes Land, das früher hier aufragte,
Bedeckt' aus Furcht vor ihm sich mit dem Meer,

Und kam zu unsrer Hemisphär; vielleicht auch
Ließ das, was diesseits ist, um ihn zu meiden,
Den Ort hier leer, und streckte sich empor.

Dort unten ist ein Ort von Belzebu
Soweit entfernt, als sich die Gruft erstrecket,
Nicht durch's Gesicht erkennbar, nur durch's Rauschen

Von einem Bache, der dort niederfließt,
Durch eines Felsens Spalt, den er zerfressen,
Mit schwach abhängigem gewundnem Laufe.

So dunklen Weg betraten wir nunmehr,
Ich und der Führer, um zurückzukehren
Zur heitern Welt, und ohn' an Ruh zu denken

Stiegen wir, er voran, ich folgend, bis ich
Ansichtig ward, der schönen Dinge, die
Der Himmel trägt, durch eine runde Oeffnung,

Die uns entließ zum Wiedersehn der Sterne.


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