Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso - Canto 01
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Paradies - Gesang 01

Anruf Apollos. Es ist Morgen; Beatrix schaut zur Sonne empor. Dadurch ermuthigt, blickt auch Dantes Auge hinauf, muß aber bald vor übermäßigem Glanze sich senken. Er ist, ohne daß er es bemerkt, in die Feuersphäre, die zwischen Erde und Mond liegt, eingetreten. Von Beatrix darüber belehrt, spricht er sein Befremden aus, wie er die leichteren Elemente der Luft und des Feuers habe durchsteigen können. Auch darüber empfängt er von Beatrix Aufklärung.

Die Glorie Dessen, der bewegt das Ganze,
Durchdringt das All, doch diesem Theil gewährt
Sie minder, jenem mehr von ihrem Glanze.

Im Himmel, den zumeist sein Licht verklärt,
War ich und sah wovon Bericht zu geben
Nicht weiß und nicht vermag wer dorther kehrt;

Weil es den Geist, wenn er dem letzten Streben
Der Sehnsucht naht, in solche Tiefen zieht,
Daß nicht Erinnrung sich daraus kann heben.

Doch soviel aus dem heiligen Gebiet
Erinnrung sammeln konnt' als Schatz der Seele,
Das bilde jetzt den Stoff zu meinem Lied.

Güt'ger Apoll, zur letzten Arbeit stähle
Nach Wunsch als deiner Kraft Gefäß mich doch,
Daß dein geliebter Lorber mir nicht fehle.

Bis hierher war mir vom Parnaß ein Joch
Genug, doch jetzt muß ich mit beiden nieder
Zur Rennbahn steigen, die mir übrig noch.

Zieh ein meine Brust und hauche wieder,
Wie damals du gethan, als du gezogen
Den Marsyas aus der Scheide seiner Glieder.

O Gotteskraft, wenn du mir bleibst gewogen,
So daß des seligen Reiches Schatten ich
Aufzeichne, wie ich ihn im Haupt erwogen,

Dann deinem theuren Baume nah' ich mich,
Um mich zu kränzen mit des Blattes Zier,
Das ich verdient durch meinen Stoff und dich.

So selten nur, o Vater, pflückt von ihr
Poet und Kaiser zu des Sieges Ehren
(Zur Schuld und Schande menschlicher Begier),

Daß Delphis heitrem Gotte Lust gewähren
Sollte Peneios Laub, wenn es noch Einen
Erfüllt mit heißem Durst es zu begehren.

Aus Funken sieht man mächtige Flamm' erscheinen;
Vielleicht daß man dereinst mit besserm Munde
Apolls Gehör erlangt als durch den meinen.

Den Sterblichen steigt aus verschiednem Schlunde
Das Licht der Welt; jedoch mit besserm Lauf
Und bessern Sternen nicht, als wo im Bunde

Vier Kreise mit drei Kreuzen, ziehts herauf,
Und besser drückt es dort nach seiner Weise
Dem ird'schen Wachs Gepräg' und Bildung auf.

Fast war es Morgen im jenseitigen Kreise
Und diesseits Abend, darum war die eine
Halbkugel schwarz, die andr' in lichter Weiße,

Als nach der Linken ich gewendet meine
Gebietrin sah, und in die Sonne dringen
Ihr Aug' - so hebt kein Aar zu ihr das seine.

Und wie dem ersten Strahl sich zu entringen
Ein zweiter pflegt, um nach des Pilgers Brauch,
Der heim will kehren, aufwärts sich zu schwingen:

So folgt' auch ihrem Thun, das durch das Aug'
Ich wahrgenommen, meines jetzt und blickte
Zur Sonne, fester als wir pflegen, auch.

Denn was sich hier für unsre Kraft nicht schickte,
Gestattet dort des Ortes Gunst, den nur
Zum Aufenthalt der Menschheit Gott beschickte.

Nicht lang', doch so lang' trug es die Natur,
Daß ich sah Funken sprühen rings umher
Wie glühend Eisen, das dem Feur entfuhr.

Tag schien zu Tag gefügt, als hätte Der,
Der solches kann, geschmückt den Himmel droben
Urplötzlich noch mit einer Sonne mehr.

Fest zu den ewigen Kreisen stets erhoben
Den Blick, stand Beatrice, und wie ich mich
Nach ihr nur wendet', abgekehrt von oben,

Ward ich in ihrem Anblick innerlich
Dem Glaucus ähnlich, der, als er vom Kraut
Gekostet, andern Meeresgöttern glich.

Die Uebermenschsein kann kein Wort und Laut
Ausdrücken; der Vergleich mag dem genügen,
Dem Gnade aufspart, daß er einst es schaut.

Du, Liebe, weißts, der sich die Himmel fügen,
Ob Das nur, was du neu schufst, war mein Ich,
Du, die mich hob zu deines Lichtes Flügen.

Sobald die Himmelskreisung, die durch dich
Verewigt wird, mich mit den Harmonien,
Die du bestimmst und eintheilst, zog auf sich,

Da von der Sonne Flamm' erglühend schien
So viel vom Himmel, daß nicht Fluß noch Regen
Je Seen schufen, die so weit sich ziehn.

Des neuen Tons, des großen Lichtes wegen
Empfand ich solch Verlangen nach dem Grund,
Wie ichs so scharf noch nie gefühlt sich regen.

Und Sie, der ich, wie ich mir selber, kund,
Zu stillen des bewegten Geists Verlangen,
That auf, eh ich es fragend that, den Mund,

Und sie begann: ‘Du selbst machst dich befangen
Durch falschen Wahn, drum siehst du nicht, was dir,
Wenn du ihn scheuchtest, nimmer wär' entgangen.

Nicht bist du, wie du glaubst, auf Erden hier;
Doch lief kein Blitz, der seinen Ort verlassen,
So schnell als du, der wiederkehrt zu ihr.’

War durch das Wort, das lächelnd und gelassen
Sie sprach, der erste Zweifel auch genommen,
So fühlt' ich einen neuen mich erfassen.

Ich sprach: Zur Ruhe glaubt' ich schon zu kommen
Vom Staunen, und nun drängt sichs neu heran,
Wie diese leichten Körper ich durchklommen.

Darauf mit einem frommen Seufzer sahn
Mich ihre Augen an mit den Geberden
Der Mutter, deren Kind im Fieberwahn.

Sie sprach: ‘Die Ding' im Himmel und auf Erden
Stehn unter sich in Ordnung: eben sie
Ist die Form, durch die sie Gott ähnlich werden.

Die hohen Creaturen sehen hie
Die Spur der ewigen Kraft, sie ist allein
Das Ziel, das jener Ordnung Gott verlieh.

Es fügen ihr sich alle Wesen ein,
Die ihrem Ursprung, je nach ihrem Lose,
Bald näher und bald ferner müssen sein.

Drum nach verschiednen Häfen durch das große
Weltmeer des Daseins schiffen sie und streben,
Je wie sie lenkt der Trieb in ihrem Schoße.

Er macht das Feuer sich zum Mond erheben,
Er schafft die Regung in des Herzens Schoß,
Er eint die Erd' und macht in sich sie kleben.

Nicht auf erkenntnißlos Wesen bloß,
Auch die, die mit Vernunft begabt und Liebe,
Schießt dieser Bogen seine Pfeile los.

Vorsehung, die geordnet dies Getriebe,
Hält festgebannt den Himmel durch ihr Licht,
Drin der sich dreht, der eilt mit schnellstem Triebe.

Dorthin dem Ziele zu nach Recht und Pflicht
Trägt uns von dannen jener Sehne Kraft,
Der es am frohen Ende nie gebricht.

Wahr ists, wie oft ein Bild der Künstler schafft,
Das nicht dem Sinn entsprach, weil mitzutheilen
Den Geist zu taub des Stoffes Eigenschaft,

So auch entfernt sich das Geschöpf zuweilen
Von dieser Bahn, weil es von seinen Trieben
Die Macht empfängt, wo anders hin zu eilen

(So sieht man Feuer erdwärts nieder stieben),
Sobald der erste Anstoß, abgelenkt
Durch falsche Lust, zur Erde wird getrieben.

Nicht darf dein Steigen, wenn mans recht bedenkt,
Mehr Staunen wecken dir, als daß die Welle
Den Lauf, vom Berge fließend, thalwärts senkt.

Nein! wunderbar wärs, wenn du an der Stelle,
Von Hemmung frei, dich unten ließest nieder,
Wie wenn nicht aufstieg' eine Feuerquelle.’

Drauf wandte sie den Blick zum Himmel wieder.


Gesang 02

Nachdem der Dichter die Geistesschwachen abgemahnt, ihn weiter auf seiner Fahrt zu begleiten, fährt er fort. Sie gelangen in die Sphäre des Mondes, die sie wie ein dichtes diamantenes Gewölk umgibt. Er befragt Beatrix nach den dunklen Flecken im Monde. Nachdem er auf ihre Aufforderung seine eigene Ansicht über dieselben vorgetragen, widerlegt sie ihm diese und erklärt ihm den wahren Grund jener Flecken aus der verschiedenen Kraft der die Sterne lenkenden Intelligenz und aus der verschiedenen Fähigkeit der Sterne, diese Kraft in sich aufzunehmen.

Ihr, die die Sehnsucht trieb, im kleinen Nachen
Die Reise meines Schiffes, das einher
Zieht mit Gesang, zuhörend mitzumachen.

O nehmt zu eurem Strand die Wiederkehr!
Verirrt dort bleiben kann gar leicht und gerne,
Wer mein Geleit verliert auf hohem Meer.

Nie ward beschifft, die ich durchfuhr, die Ferne;
Minerva haucht, Apollo will mich leiten,
Neun Musen zeigen mir des Bären Sterne.

Ihr andern Wenigen, die ihr bei Zeiten
Den Hals gestreckt habt nach der Engelspeise,
Die Nahrung hier, nie Sätt'gung kann bereiten,

Es kann auf weitem Meere wohl die Reise
Eur Schiff wagen, dicht an meine Bahn
Sich haltend, eh die Fluth verwischt die Gleise.

So staunten nicht, wie euch wird Staunen nahn,
Die Ruhmgekrönten, die nach Kolchis zogen,
Da sie zum Pflüger Jason werden fahn.

Mit ewigem angebornem Durste flogen
Wir auf zum gotterfüllten Reich, beinah
So schnell als sich uns dreht der Himmelsbogen.

Beatrix schaut' empor, ich aber sah
Nach ihr, und schneller als ein Bolzen flog,
Der von der Nuß sich löste, war ich da,

Wo etwas Wunderbares auf sich zog
Den Blick; und Jene, nach mir hingewendet,
Der nichts was in mir vorging sich entzog.

Begann so schön wie freudig: ‘Dank gesendet
sei nun von deinem Geist und Gott empor:
Zum ersten Stern ist unser Flug vollendet.’

Mir schien als deck' uns einer Wolke Flor,
So fest und dicht, so leutend und so rein
Wie Demant, draus die Sonne strahlt hervor.

Die ewige Perle nahm uns in sich ein,
So wie das Wasser, ohne sich zu trennen,
In sich empfängt des Lichtstrahls hellen Schein.

War ich nun Leib, ists räthselhaft zu nennen
Wie ein Leib in den andern kriechen kann
Und Stoff' in Stoffen sich vertragen können.

Noch heißer brennen sollten wir alsdann
Die Wesenheit zu sehn, in der wir schauen
Wie Gott und Mensch Vereinigung gewann.

Dort schaun wir einst worauf wir gläubig bauen,
Als selbsterkanntes, nicht erst als bewiesen,
Gleichwie Urwahrheit, der wir ganz vertrauen.

Darauf versetzt' ich: Herrin, hochgepriesen
Sei Gott mit frommem Danke, der mich fort
Von jener Welt der Sterblichkeit gewiesen.

Doch sprecht, was sind die dunklen Flecken dort
An diesem Körper, die den Anlaß gaben,
Daß oft von Kain spricht manch Fabelwort?

‘Wenn hier die Sterblichen geirrt sich haben,’
Sprach sie, ein wenig lächelnd erst, zu mir,
‘In dem was über Menschensinn erhaben,

Nicht wunderbar erscheinen darf es dir,
Da, wo die Sinne der Vernunft die Richte
Des Wegs gezeigt, zu kurz die Flügel ihr.

Doch wie denkst du darüber? Das berichte!’
Und ich: Das, was wir als verschieden sehen,
Glaub' ich, entsteht durch Lockerheit und Dichte.

Und sie: ‘Als falsch siehst du zu Grunde gehen
Bald deinen Wahn, wenn du den Geist willst kehren
Den Gründen zu, die ihm entgegen stehen.

Viel Lichter zeigt die achte von den Sphären,
Ungleich an Größe wie Beschaffenheit,
Weshalb verschiednen Anblick sie gewähren.

Bewirkte dies nur Dünn' und Dichtigkeit,
So würd' in allen eine Kraft nur walten,
Die sich vertheilte nach Verschiedenheit.

Verschiedner Grund muß sein, wo sich entfalten
Verschiedne Kräfte; alle bis auf einen
Fielen hinweg nach deinem Dafürhalten.

Auch Dünne gibt für jenes Dunkel keinen
Erklärungsgrund bei diesem Stern, sonst hätt' er
Zum Theile durch und durch vom Stoffe keinen

Körper entblößet, oder, wie es fetter
und magrer Theil' im Körper gibt, so wären
In seinem Buche wechselnd feine Blätter.

Das erste müßten Finsternisse lehren
Der Sonne, weil wie andres Dünne, dies
Dem Lichte Durchgang müßt' alsdann gewähen.

Doch so ists nicht. Das zweite drum - besieh's
und merke, daß, wenn ich auch dies vernichte,
Sich deine Meinung dann als falsch erwies.

Es muß ein Endpunkt sein, an dem das Dichte
(Das ganz das Dünne nicht den Mond durchdringt)
Noch weiter vorzudringen wehrt dem Lichte;

Ein Punkt, an dem der Strahl zurückespringt,
Gleichwie das Glas, auf seiner hintern Seite
Mit Blei belegt, dein Bild zurück dir bringt.

Nun sagst du wohl, weil es aus größrer Weite
Sich bricht, daß minder als an andern Stellen
Deshalb der Strahl allhier sein Licht verbreite.

Erfahrung, hast du Lust, sie anzustellen,
Macht dich gar bald von diesem Einwand frei,
Sie, der ja eures Wissens Ström' entquellen.

Drei Spiegel nimm, gleich weit von dir laß zwei
Aufstellen, und den dritten ferne rücken,
Daß grad dein Auge zwischen ihnen sei.

Dann aber stelle hinter deinen Rücken
Ein Licht, nach allen dreien hingewendet,
Daß du in allen kannst dein Bild erblicken.

Wenn auch der fernste dir ein kleinres sendet
An Umfang, so siehst du doch allemal
Gleich starkes Licht von ihnen dir gespendet.

Jetzt, wie durch einen warmen Sonnenstrahl
Dem Boden, den der Schnee bedeckte, schwindet
Des Winters Farb' und Frost mit einem Mal,

Jetzt, da nicht Irrthum deinen Geist mehr bindet,
Sei so lebendig Licht ihm klar gelegt,
Daß seinen hellen Glanz dein Aug' empfindet.

Im Himmel ewigen Gottesfriedens regt
Ein Körper sich, von dem ihr Sein empfangen
Die Dinge all, die er umschließend hegt.

Der nächste, dran so viel Lichter prangen,
Vertheilt dies Wesen in verschiedene Gaben,
Von ihm verschieden, doch von ihm umfangen.

Die andern nach verschiedenem Begaben
Vertheilen dies ihr eigenthümlich Leben
Je nach dem Zweck und Samen, den sie haben.

So siehst du dieser Weltorgane Weben
In der erwähnten Art von Grad zu Grad
Von oben nehmen und nach unten geben.

Nun achte, wie von diesem Punkt gerad
Der Wahrheit, die du suchst, ich schreit' entgegen,
Damit du selbst dann finden kannst den Pfad.

Der heiligen Kreise Kraft und ihr Bewegen
Muß, wie des Hammers Kunst vom Schmied ausgeht,
Durch seliger Beweger Hauch sich regen.

Der Himmel, der so leuchtet lichtbesät,
Nimmt auf vom tiefen Geiste, der ihn leitet,
Das Bild, das wie ein Siegel er empfäht.

Und wie die Seel' im Kleid, von Staub bereitet,
Sich durch verschiedne Glieder, die gestaltet
Nach den verschiednen Kräften sind, verbreitet,

So jene höchste Einsicht; sie entfaltet,
Ohne sich ihrer Einheit zu begeben,
Die Kraft in allen Sternen vielgestaltet.

Zum Himmelskörper tritt, ihn zu beleben,
Verschiedentlich gemischt, verschiedne Kraft,
An ihn sich bindend, wie an euch das Leben.

Die freudige Natur, die sie erschafft,
Wie Freud' aus dem lebendigen Angesichte,
Strahlt aus dem Körper durch gemischre Kraft.

Das ist es, und nicht Lockerheit und Dichte,
Was einen Stern dem andern ungleich macht.
Durch dies Princip wird alles Dunkl' und Lichte

Je nach der Güte Maß hervorgebracht.’


Gesang 03

Eben will Dante Beatrix gestehen, daß er seines Irrthums überführt sei, als eine neue Erscheinung ihn fesselt. Er sieht Gesichter aus dem Lichte auftauchen, die zu sprechen bereit sind. Er hält sie für Spiegelbilder, wird aber von Beatrix belehrt. Es sind die Seelen Derer, die ihr Gelübde nicht vollständig erfüllt haben. Eine Seele redet ihn an, die vor allen den Wunsch mit ihm zu sprechen zu hegen scheint. Es ist die Nonne Piccarda. Auf Dantes Frage, ob sie nicht nach höherer Seligkeit sich sehne, erwidert sie, daß solches Wünschen mit dem Wesen der Seligkeit unvereinbar sei. Sie erzählt ihm ihre Geschichte und die einer andern Nonne, Constanze. Darauf taucht sie im Lichte wieder unter. Dante wendet seine Blicke Beatrix zu.

Die Sonne, die mich einst mit Lieb' erfüllt,
Sie hatte mir der Wahrheit schöne Leuchte
Durch Widerlegung und Beweis enthüllt.

Um zu gestehn, daß sie mich überzeugte
Und ich den Irrthum einsah, hob ich schon
Das Haupt zur Antwort, wie es schicklich däuchte.

Da fesselte mir eine Vision
Das Aug' und zwang mich, daß ich nach ihr sehe;
Drob das Geständniß war dem Sinn entflohn.

Wie aus durchsichtigem Glas und aus dem Seee,
Der unbeweglich, wellenlos und glatt
Und nicht so tief, daß uns der Grund entgehe,

Der Umriß unsers Angesichts so matt
Rückstrahlt, daß man auf einer Stirn, die helle
Und weiß, die Perle eh'r gesehen hat:

So sah ich viel Gesichter an der Stelle,
Bereit zum Reden, so daß umgekehrt
Mein Irrthum wie Narcissens bei der Quelle.

Denn kaum hatt' ich, dem solche Schau gewährt,
Im Wahne, daß es Spiegelbilder wären,
Mich rückwärts, um den Grund zu sehn, gekehrt,

Als ich, nichts sehend, mich nach vorn zu kehren
Begann, zum Licht der holden Führerin,
Das lächelnd brannt' in ihrem Aug', dem hehren.

‘Nicht wundre dich, wenn mich dein Kindersinn,’
Sprach sie, ‘und deine Einfalt machen,
Da Wahrheit noch so wenig fest darin,

Und, wie du pflegst, du blickst nach leeren Sachen.
Wahrhafte Wesen sinds was du gesehen,
Hierher gebannt wei sie Gelübde brachen.

Drum sprich sie an und glaub' was sie gestehen;
Denn das wahrhaftige Licht, in dem sie wallen,
Läßt sie nicht fußbreit von der Wahrheit gehen.’

Den Schatten, der, so schiens, mit mir vor allen
Zu reden wünschte, sprach ich an wie einer,
Der allzugroßer Ungeduld verfallen.

O wohl erschaffner Geist, du, der in reiner
Ewiger Helle Süßigkeit genießet,
Die, ungekostet, kann verstehen Keiner,

Lieb wird mirs sein, wenn mir dein Mund erschließet,
Wie doch dein Name, wie dein Schicksal sei.
‘Gerechtem Wunsch,’ sprach er bereit, ‘verschließet

Sich Liebe nicht’ - er lächelte dabei;
Der höchsten gleich muß unsre Liebe werden,
Die will, daß all ihr Hof ihr ähnlich sei.

Als Klosterjungfrau lebt' ich einst auf Erden;
Und nicht kann dir, daß ich jetzt schöner bin,
Gedächtniß und Erinnerung gefährden.

Piccarda bald erkennt in mir dein Sinn,
Und, selig in der langsamsten der Sphären,
Wall' ich mit andern Seligen darin.

Es fügen unsre, einzig vom Begehren
Des heiligen Geists entflammten Wünsche sich
Freudig der Ordnung, die er will gewähren.

Dies Loos, das niedrig vor den andern dich
Bedünkt, es traf uns, weil, was wir versprochen,
In einem Punkt von der Erfüllung wich.’

Ein göttlich Etwas seh' ich durchgebrochen,
Sprach ich, in euren wunderbaren Zügen,
Dem euer frührer Eindruck nicht entsprochen.

Drum wollte sich nicht gleich Erinnrung fügen;
Doch jetzt muß das, was mir enthüllt dein Wort,
Dich schneller zu erkennen mir genügen.

Doch sprich: die ihr beglückt an diesem Ort
Verweilt, treibt euch nicht Sehnsucht, mehr zu sehen
Und Gott mehr werth zu sein, zum höhern fort?

Sie lächelt' und so alle die da gehen;
Dann sprach so heiter sie zu mir, wie Der,
In dem der ersten Liebe Flammen wehen:

‘In Ruhe, Bruder, hält uns die Begehr
Der Liebe Kraft, die das nur, was wir haben
Uns wollen läßt und sonst nichts andres mehr.

Denn sehnten wir uns hier nach höhern Gaben,
So würde ja die Harmonie verlassen
Mit Dessen Willen, der uns hier wollt' haben;

Was, wie du siehst, nicht diese Kreise fassen,
Denn herrschen darf hier Liebe ganz allein,
Wenn du des Orts Natur willst recht erfassen.

Vielmehr ists wesentlich zum Seligsein,
Sich innerhalb des Willens Gottes halten,
Um allen Willen Einheit zu verleihn;

So daß der Platz, den Jeglicher erhalten,
Dem Reich gefällt und dessen König, der
An seinem Willen uns läßt Lust behalten.

Sein Will' ist unser Frieden, ist das Meer,
Zu dem sich hinzieht alles Lebens Kette,
Das von Natur und das von ihm kommt her.’

Da ward mir deutlich: jede Himmelsstätte
Ist Paradies, ob auch nicht gleicher Weise
Des höchsten Gutes Gnade drin sich bette.

Doch wie man gnug wohl hat von dieser Speise
Und dafür dankt, und jene doch begehrt
Und zeigt, daß man noch Lust nach ihr beweise:

So macht' ichs jetzt mit Wort und mit Geberd',
Um zu erfahren, wie zu Ende weben
Sie werde, wovon sie mich halb belehrt.

‘Ein hoch Verdienst und reiner Wandel heben
Ein Weib zum Himmel auf, nach deren Art
In Kleid und Schleier drunten viele leben,

Daß Tag und Nacht sie bis zur Todesfahrt
Beim Bräutigam sei'n, der jegliches Verheißen
Annimmt, das ihm gethan aus Liebe ward,

Ich hüllte jung, der Welt mich zu entreißen
Und ihr zu folgen, mich in ihr Gewand,
Den Weg zu wandeln, den sie uns geheißen.

Doch Menschen, die zum Bösen mehr gewandt
Als Guten, raubten mich der süßen Zelle;
Gott weß wie's dann mit meinem Leben stand.

Und jener andre Glanz, der dort sich helle
Zu meiner Rechten zeigt und sich entzündet
An unsrer Sphären ganzen Strahlenquelle,

Von ihm auch gilt, was ich von mir gekündet.
Auch sie war Nonn', auch ihr vom Haupt herab
Riß man den Schleier, welcher uns verbündet.

Doch ob man auch der Welt zurück sie gab,
Zuwider ihrem Wunsch und guten Sitten,
Sie legte nie des Herzens Schleier ab.

Constanze ists, die aus des Lichtes Mitten
Dort strahlt, die mit dem zweiten Sturm aus Schwaben
Gezeugt den letzten, mächtigen, den dritten.’

Sie sprachs und sang darauf ein hocherhaben
Ave Maria, und verschwand im Singen,
Gleichwie ein Stein versinkt im tiefen Graben.

Mein Aug' versuchte noch ihr nachzudringen,
So lang es ging, um dann, als sie entschwand,
Zum Ziele größrer Sehnsucht sich zu schwingen,

Ganz nach Beatrix einzig hingewandt;
Doch blitzte sie mir so ins Aug' hinein,
Daß anfangs es vom Glanz ward übermannt;

Und dies ließ säumig mich im Fragen sein.


Gesang 04

Dante schwankt zwischen zwei Zweifeln, die gleich stark sind, weshalb er zur Aeußerung von keinem gelangt. Beatrix erräth sie. Der eine ist der, ob der durch Gewalt gehemmte Wille als Schuld anzurechnen sei; der andere die platonische Lehre, daß die Seele zu dem Sterne, von dem sie herstammt, zurückkehre. Die letztere widerlegt Beatrix und bezeichnet sie als besonders gefährlich; auch der andere Zweifel, weniger gefährlich, weil aus dem Glauben entspringend, wird dadurch widerlegt, daß ein freier Wille gar nicht gezwungen werden kann. Ein Wille also, der sich der Gewalt unterwirft, ist von Tadel nicht frei. Dante fragt weiter, ob ein unerfüllt gebliebenes Gelübde durch anderes Thun ersetzt werden könne.

Gleich fern zwei Speisen, die gleich locken, stürbe
Ein freier Mensch eh Hungers, eh zum Mund
Er eine führt' und also nicht verdürbe.

So zwischen zweier Wölfe gierigem Schlund
Ständ' auch ein Lamm, vor beiden gleich sehr bange,
So zwischen zweien Hirschen ständ' ein Hund.

Drum wenn ich unter gleicher Z weifel Drange
jetzt schwieg, so trifft mich darum weder Schelte
Noch Lob; der Noth folgt' ich und ihrem Zwange.

Ich schwieg, doch mir im Angesichte stellte
Sich also deutlich dar so Wunsch wie Fragen,
Als wenn aus lauten Worten es erhellte.

Beatrix that wie Daniel in den Tagen
Nebukadnezars, dessen Zorn, der ihn
So grausam machte, nieder er geschlagen.

Sie sprach: ‘Ich seh', zweifache Wünsche ziehn
Dich mächtig an; drum ist von beiden keiner,
Weil sie sich fesseln, dir zum Wort gediehn.

Du denkst so: Bleibt der Wille nur ein reiner,
Wie macht Gewaltthat, die uns widerfährt
Von andern, unsers Werthes Umfang kleiner?

Auch heut zum Zweifel Stoff, was Plato lehrt,
Nach dessen Meinung zu der Sterne Sphären
Zurück des Menschen Seele wieder kehrt.

Die Fragen sinds, die gleich stark dir beschweren
Den Geist; drum laß zuerst dich über die,
Die wohl die meiste Galle birgt, belehren.

Der Seraph, dem sein Anschaun Gott verlieh,
Samuel, Moses, und Johannes, der
Wie jener, ja Maria selber - sie,

Sie alle thronen nicht in andrer Sphär'
Als diese Geister, die dir jüngst erschienen,
Noch weilen Jahre minder oder mehr,

Da all' dem ersten Kreis zum Schmucke dienen.
Nur das macht ihre Seligkeit verschieden,
Daß mehr und minder Gottes Hauch in ihnen.

Sie zeigten hier sich, nicht als sei beschieden
Für sie die Sphäre, sondern nur als Zeichen
Des tiefsten Grades in dem Himmelsfrieden.

Zu eurem Geiste spricht man in Vergleichen,
Weil er empfangen muß auf Sinneswegen
Was ihn dann höhre Einsicht macht erreichen.

Zu eurer Fähigkeit läßt sich deswegen
Die Schrift herab, wenn sie Gott Fuß und Hand
Beilegt, um andern Sinn darein zu legen

So stellt, durch den Tobias Heilung fand,
Wie alle Engel, menschlich von Gesicht
Die Kirche dar für eueren Verstand.

Das, was Timaeus von den Seelen spricht,
Wenn er es so meint, wie er scheint zu sagen,
Vergleicht sich dem, was wir hier sehen, nicht.

Er sagt, die Seele wird zurückgetragen
Zu ihrem Stern, von dem sie ward getrennt,
Als sie in Körperbande ward geschlagen.

Vielleicht doch anders, als das Wort es nennt,
Ist seine Meinung, so daß nicht zu lachen
Darüber ist, wenn man sie recht erkennt.

Meint er, des Tadels wie des Lobs Ursachen
Ruhn in den Sternen, nun so darf man sagen,
Es liegt vielleicht was Wahres in den Sachen.

Der Grundsatz, falsch verstanden, ließ einst wagen
Die Welt, daß Mars, Mercur und Jupiter
Vergöttert wurden in der Vorzeit Tagen.

Der andre Zweifel, der dich drängt, er
Ist minder giftig: meiner Näh' entrücken
Kann seine Bosheit ja dich nimmermehr.

Daß unsere Gerechtigkeit den Blicken
Der Menschen Unrecht scheint, das ist ein Zeichen
Des Glaubens mehr als ketzterischer Tücken.

Indeß weil euer Geist hieran zu reichen
Im Stand ist und das Wahren draus zu schälen,
So lass' ich mich durch deinen Wunsch erweichen.

Ist das nur Zwang, wenn der, den er darf quälen,
In nichts dem nachgibt, der Gewalt ihm thut,
So sind dadurch nicht schuldfrei diese Seelen.

Nichts beugt, wenn man nicht will, des Willens Muth;
Drück' auch der Zwang ihn tausendmal danieder,
Stets strebt er aufwärts wie des Feuers Gluth.

Beugt er, seis wenig oder viel, die Glieder,
So folgt er der Gewalt; so stehts mit diesen,
Da sie zurück zum Kloster durften wieder.

Wenn unbewegt ihr Wille sich erwiesen,
Wie jener Mut, den Mucius durch die That,
Und den Laurentius auf dem Rost bewiesen,

So hätt' er sie, sobald sie frei, den Pfad
Zurückgetrieben, drauf man sie entführte;
Doch ist solch fester Muth nicht häufig grad.

Durch diese Worte, wenn du, wie's gebührte,
Sie aufgenommen, fällt der Einwand hin,
Der wohl noch öfter sonst dich schwer berührte.

Ein andres Hemmniß thut vor deinem Sinn
Sich aber auf, und so käm' er aus schlimmer
Verwirrung nie, würd' er verwickelt drin.

Ich sagt' als sichre Wahrheit dir, daß nimmer
Ein seliger Geist der Lüge fröhnen kann;
Denn nah der ersten Wahrheit ist er immer.

Und von Piccarda hörtest du sodann,
Constanze sei dem Schleier treu geblieben;
Das sieht wie Widerspruch mit mir sich an.

Oft schon geschahs, daß man, von Noth getrieben,
Gefahr zu meiden, Hand an das zu legen
Beschloß, was widersprach den eignen Trieben.

Alcmaeon ließ vom Vater sich bewegen,
Daß seine eigne Mutter er erschlug
Und mitleidlos ward um des Mitleids wegen.

Den Punkt bedenke jetzt, daß oft genug
Gewalt sich mischt mit Wollen; um deswillen
Ist Uebelthun entschuldbar nicht mit Fug.

Nicht willigt zwar ins Bös' an sich der Willen,
Doch so weit willigt er, als er sein Leid
Durch Weigrung zu vergrößern bangt im Stillen.

Drum wenn Piccarda so uns gab Bescheid,
Meint sie den Willen an sich selbst, doch ich
den andern; Wahrheit liegt hier beiderseit.’

So äußerte die heilige Welle sich,
Die sich aus aller Wahrheit Quell ergossen,
Daß jeder Wunsch befriedigt von mir wich.

Geliebte Deß, dem alle Lieb' entflossen,
O Göttliche, die mich mit Gnadenfluth
Beströmt, daß neues Leben draus entsprossen.

Nicht kann genügen meiner Lieb Gluth,
Um Dank für deine Gabe dir zu bringen,
Wenn Er nicht, der da sieht und kann, es thut.

Nie kann, ich seh' es, Sättigung erschwingen
Der Geist, dem nicht das Licht der Wahrheit quillt,
Ohn' welches keine Wahrheit zu erringen.

Er ruht in ihr, wie in der Höhl' ein Wild,
Erreicht er sie; und er kann sie erreichen,
Sonst bliebe jedes Sehnen ungestillt.

Der Zweifel keimt, dem Schößling zu vergleichen,
Am Fuß der Wahrheit, und es treibt sein Trieb
Von Höh' zu Höh', zum Gipfel auf zu reichen.

Die treibt mich an, dies gibt mir, wenns euch lieb,
O Herrin, Muth zu ehrfurchtsvoller Frage
Ob andrer Wahrheit, die mir dunkel blieb.

Kann für verfehlt Gelübde man - das sage
Mir euer Mund - durch andres Gute gnügen,
Daß es zu leicht nicht wieg' auf eurer Wage?

Beatrix sah mich an, und ihren Zügen,
Den göttlichen, entstrahlten Liebesflammen,
Daß ich, zu schwach als daß die Blick' es trügen,

Geblendet fast sank in mich selbst zusammen


Gesang 05

Nachdem Beatrix Dante erklärt, warum sie mehr und mehr erglänze, beantwortet sie seine Frage in verneinendem Sinne. Beim Gelübde opfert der Mensch das Höchste, den freien Willen, und dafür gibt es keinen Ersatz. Zugleich warnt sie, leichtsinnig zu geloben. Dann kommen sie in die Sphäre des zweizen Planeten, des Mercur. Dante sieht tausende von Lichtern sich ihm nähern und vernimmt Stimmen. Eine derselben redet ihn an und erbietet sich, ihm Kunde zu ertheilen. Auf Beatrix' Aufforderung redet Dante den Geist an, worauf das Licht noch heller aufleuchtet und zu reden beginnt.

‘Wenn heißre Liebesgluthen aus mir schlagen,
Weit höher als ihr es auf Erden seht,
So daß dein Aug' es nicht vermag zu tragen

So staune nicht darob; denn dies entsteht
Aus tieferm Schauen, das, wie es ergreifet,
So im ergriffnen Gute vorwärts geht.

Wohl seh' ich wie in deinem Geist schon reifet
Und glänze der Strahl von jenem ewigen Licht,
Das Lieb' entzündet, auch wen es nur streifet.

Denn andres als die Spur von ihm ists nicht,
Wenn etwas sonst verlocket eure Liebe,
Was, mangelhaft erkannt, hindurch hier bricht.

Ob man durch andres Werk aus gutem Triebe,
Fragst du, verfehlt Gelübd' ersetzen kann,
So daß die Seele frei von Vorwurf bliebe?’

So hob Beatrix dieses Lied jetzt an,
Unf fuhr wie Der, der seiner Rede Faden
Nicht abbricht, fort im heiligen Ton sodann:

‘Die größte Gabe, womit uns begnaden
Gott wollt' im Schaffen, die der Güte Spur
Zumeist trägt, die er schätzt vor allen Gnaden,

Ist Willensfreiheit, die der Creatur,
Der mit Vernunft begabten, er gegeben
Und stets noch gibt, und einzig dieser nur.

Erwägst du dies, so wird sich dir ergeben
Der hohe Werth, den ein Gelübde hat,
Wenn Gott gebilligt, das du hegst, das Streben.

Wenn in Vertrag Gott mit dem Menschen trat,
Muß man den höchsten Schatz zum Opfer bringen,
Von dem ich sprach, durch eigne freie That.

Was kann man dafür als Ersatz erschwingen?
Gebrauchst du Gut, das doch nicht dein mehr war,
So thust du Gutes mit gestolnen Dingen.

Der schwerste Punkt ist dir gewiß nun klar.
Doch kann die Kirche ja Dispens ertheilen;
Das scheint zuwider dem, das ich hieß wahr.

Drum mußt du etwas noch bei Tische weilen;
Genoß man Kost, wie du, von großer Schwere,
Braucht ein Verdauungsmittel man zuweilen.

Dein Geist erschließe darum meiner Lehre
Und halte fest sie, weil ohn' ein Behalten
Ein bloßes Hören noch kein Wissen wäre.

In jenes Opfers Wesen sind enthalten
Zwei Dinge: eines ist der Gegenstand,
Das zweite das Gelübde, das zu halten.

Nicht anders löst sich des Gelübdes Band
Als durch Erfüllung, und ich war beflissen,
Daß ich ihr Wesen deutlich dir benannt.

Das Opfer war von den Erfordernissen
Der Juden eins, wenn auch die Opfergabe
Manchmal vertauscht ward, wie du ja wirst wissen.

Was ich dann Gegenstand genannt dir habe,
Kann so sein, daß man damit tauschen kann,
Ohn' daß man drum auf falschem Wege trabe.

Doch nicht der Schultern Last vertausche man
Aus freier Willkür, eh man von dem weißen
Und gelben Schlüssel Zustimmung gewann.

Denn jeden Tausch muß man vermessen heißen,
Wenn nicht im neuen, wie in Sechs die Vier,
Enthalten ist das frühere Verheißen.

Ist eine Sache so viel werth, daß ihr
Gewicht der Wage Schale niederzieht,
Ist andre Spende kein Ersatz dafür,

Spielt mit Gelübden nicht! Seid treu, doch flieht
Die Thorheit blind zu wählen was ihr wählet,
Daß nicht wie Jephthas Opfer euch geschieht.

Gut wars wenn er gesagt: “Ich hab' gefehlet,«
Statt worttreu Schlimmres thun. Und minder nicht
Der Fürst der Griechen zu den Thoren zählet;

Drob Iphigenia ihr schön Gesicht
Beweint' und weinen machte Klug' und Thoren,
Wenn man vernahm von solcher Opferpflicht.

O Christ, besonnen thu was du erkoren!
Nicht wie die Feder treib' in Windeseile;
Nicht jedes Wasser wäscht dich neugeboren.

Der alt' und neue Bund ward dir zu theile,
Du hast der Kirche Hirten, der dich leite;
Genügen kann dir das zu deinem Heile.

Ruft schnöde Habgier dich nach andrer Seite,
Dann sei ein Mensch, kein Schaf so ohne Sinn,
Daß es dem Juden Stoff zum Hohn bereite.

Thu nicht dem Lamm gleich, das die Nährerin
Verlassend und von Uebermuth getrieben,
Einfältig springt nach eigner Lust dahin.’

So sprach Beatrix, wie ichs hier geschrieben,
Und wandte sehnend hin der Augen Licht,
Wo reicher ist die Welt an Lebenstrieben.

Ihr Schweigen, ihr verwandelt Angesicht
Ließ meinen Geist stillschweigen eine Weile,
Der schon auf neue Fragen war erpicht.

Und schnell, gleich dem vom Strang geschoßnen Pfeile,
Der in das Ziel schnellt, eh die Sehne ruht,
So kamen wir zum zweiten Reich in Eile.

Hier sah die Herrin ich so frohgemuth,
Als in dies Himmelslicht der Flug uns brachte,
Daß heller ward des Sternes lichte Gluth.

Und wenn der Stern sich wandelte und lachte,
Wie mußte mir sein, den so wandelbar
Doch die Natur in jeder Weise machte!

Wie Fisch' in einem Weiher still und klar
Nach dem, was außenher hineinfällt, schwimmen
Im Wahn, es biete Futter ihnen dar:

So sah ich mehr denn tausend Lichter glimmen
Und 'Siehe den, der unser Lieben mehrt!'
So riefen, sich uns nähernd, tausend Stimmen.

Und wie sie dicht zu uns heran gekehrt,
Sah man, wie jeder Schatten war voll Wonnen,
Am hellen Lichtblitz, der von ihm entfährt.

Bedenk' o Leser, wenn, was ich begonnen,
Nicht weiter ginge, welcher Neubegier
Peinvolle Qualen hättest du gewonnen!

Daraus erkläre das Verlangen dir,
Das ich empfand, zu hören wer die seien,
Die vor das Auge so getreten mir.

‘O Sohn des Glücks, dem Gnade will verleihen,
Durchs Reich des ewigen Triumphs zu wallen,
Eh du noch tratest aus der Streiter Reihen!

Vom Licht, das strahlet in den Himmeln allen,
Sind wir entbrannt; drum, willst du mehr noch Kunde
von uns, so sättige dich nach Gefallen.’

So Einer aus der rommen Geister Runde;
Und drauf Beatrix: ‘Sprich mit Zuversicht,
Wie Göttern trau dem Wort aus ihrem Munde.’

Ich sehe wohl, du wohnst im eignen Licht
Und strahlst es aus den Augen, daß sie helle
Aufleuchten, wenn nur lächelt dein Gesicht.

Doch sage wer du bist und was die Stelle
In des Planeten Sphäre dir gewähret,
Der hinter fremden Strahl birgt seine Helle.

So sagt' ich, zu dem Lichte hingekehret,
Das erst mich ansprach, und sein Angesicht
Ward dadurch zu noch hellerm Glanz verkläret.

Gleichwie die Sonne, die durch zu viel Licht
Sich selbst verhüllt, wenn Hitze aufsaugt
Der Dünste, die sie dämpften, feuchte Schicht,

So barg sich mir, von größrer Wonn' umhaucht,
Die heilige Gestalt im eignen Lichte;
Und was sie sprach, so tief in Glanz getaucht,

Das ists, was ich im nächsten Sang berichte.


Gesang 06

Der Sprechende ist Kaiser Justinian. Er erzählt seine eigene Geschichte, schildert die Thaten des römischen Adlers und tadelt das Verhalten der gegenwärtigen Parteien zur kaiserlichen Sache. Damit antwortet er auf Dantes erste Frage, wer er sei. Auf die zweite, warum er im Mercur verweile, antwortet er damit, daß hier die Seelen der nach Ehrer und Ruhm Strebenden wohnten. Unter ihnen ist auch Romeo, dessen Geschichte zum Schlusse erzählt wird.

‘Als Constantin den Aar gewandt entgegen
Dem Himmelslauf, dem mit dem Ahnen er,
Als der Lavinien freit', auf seinen >Wegen

Gefolgt, da blieb zweihundert Jahr' und mehr
Zeus Vogel an Europas Rand, dem Hügel
Benachbart, von dem er zuerst kam her.

Und unterm Schatten seiner heiligen Flügel
Beherrscht' er alle Welt von Hand zu Hand,
Bis meine Hand ergriff des Reiches Zügel.

Wiss', ich ward Kaiser Justinian genannt,
Der, wie's Urliebe wollt', aus unserm Rechte
Schied, was zu viel und leeres drin sich fand.

Bevor ich sann, wie ich dies Werk vollbrächte,
Glaubt' ich, in Christo sei nicht mehr als eine
Natur; der Glaub' erschien mir als der echte.

Allein der heilige Agapet, der reine
Obhirt der Kirche, führte mich zum Quelle
Der wahren Lehre wieder durch seine.

Ich glaubt' ihm, und was er gesagt, so helle
Seh ichs wie du bei jedem Widerstreite,
Daß eins als wahr, und eins als falsch erhelle.

Als ich nun ging, der Kirche im Geleite,
Gefiels in Gnaden Gott, zum hohen Thun
Mir Muth zu geben, dem ich ganz mich weihte.

Dem Belisar ließ ich die Waffen nun,
Und so war mit ihm Gottes Hand in Gnaden,
Daß mirs ein Zeichen war, ich sollte ruhn.

Hier an die erste Frage knüpft der Faden
Der Antwort; doch mich drängt der Gegenstand,
Mit einem Zusatz noch dich zu begnaden,

Damit du siehst, mit welchem Unverstand
Dem heiligen Zeichen mög' entgegenstreben,
Wer sichs anmaßt, und wer ihm widerstand.

Sieh wie der Ehrfurcht werth sein hohes Sreben
Es machte, was schon zu der Zeit begann,
Da Pallas starb, um ihm das Reich zu geben.

Du weißt wie es in Alba wohnt' alsdann
Dreihundert Jahr' und mehr bis zu der Zeit,
Wo zwischen Drein und Drein sich Kampf entspann;

Weißt, was von der Sabinerinnen Leid
Es that bis auf Lucretias Schmerz, besiegend
Durch sieben Könige rings das Land im Streit;

Weißt, was es that, so gegen Brennus fliegend
Wie gegen Pyrrhus mit der Römer Scharen,
Und Fürsten viel und Völker rings bekriegend;

Wo Quinctius; den man nach den krausen Haaren
benennt; Torquatus; Fabier; Decier; alle
den Ruhm erlangt; drob stolz die Römer waren.

Es brachte der Araber Stolz zu Falle,
Die hinter Hannibal, dort wo der Po
Herabfällt, klommen auf der Alpen Walle.

Pompejus siegte drunter, Scipio
Desgleichen, Unheil bracht' es jenem Hügel,
Wo du das Licht erblicktest lebensfroh.

Dann, nah der Zeit wo auf der Freude Flügel
Die Welt dem Glück zuführte Gottes Rath,
Nahm Caesar, weil es Rom gewollt, die Zügel.

Was es vom Var bis hin zum Rheine that,
Das sahn der Aix, Isère uns Seine Wogen
Und was zur Rhone fließt des Thales Pfad.

Dann, was es, von Ravenna weggezogen,
Den Rubicon durchschreitend, that - den Flug
Hat keine Feder, keine Zung' erflogen.

Nach Spanien wandt' es seinen Kriegeszug,
Stürzt' auf Durazzo und Pharsalus nieder,
Daß man am Nil empfand des Leids genug;

Es sah Antandros, sah, das Hectors Glieder
Umschließt, das Grab, den Simois, und schwang
Sich auf zu Ptolemäus Schaden wieder;

Von wo es blitzgleich gegen Juba drang,
Um dann in eurem Westen gleich zu ragen,
Wo hell der Pompejaner Tuba klang.

Was Der that, der es dann zunächst getragen,
Heult Brutus in der Höll' und sein Geselle,
Und macht Modena und Perugia klagen.

Kleopatra beweints im Thränenquelle,
Sie, die vor jenem fliehend, durch die Schlane
Den finstern Tod sich gab in jäher Schnelle.

Zum rothen Meer führt' ers auf seinem Gange;
Er gab der Welt den Frieden, so daß man
Des Janus Tempel schloß, der offen lange.

Doch was das Zeichen, das zum Rden an
Mich treibt, erst that und sollte thun noch weiter
Im Reich der Sterblichkeit, das es gewann,

Das scheint dem Blick gering, der rein und heiter
Den Thaten, die dasselbe in den Händen
Des dritten Caesars that, folgt als Begleiter.

Denn die Gerechtigkeit, die mich ohn' Enden
Beseelt, gab ihm in jenes Herrschers Hand
Die Ehre, ihre Rache zu vollenden.

Staun' über das, was hier dir wird bekannt!
Mit Titus eilte dann der Aar, zur Rache
Für aller Sünde Rache hingesandt.

Und unter seine Flügel nahm die Sache
Der Kirche Karl der Große, als der Zahn,
Der Langobarden hart bedrängt die schwache.

Urtheile selbst nun über Jener Wahn
Und Sünde, die ich angeklagt vorher,
Die eure Leiden all' euch angethan.

Die goldnen Lilien setzt entgegen Der
Dem Kaiserzeichen, der Partei solls dienen
Bei Dem - entscheide nun, wer sündigt mehr?

Für eure Künste wählt, ihr Ghibellinen,
Ein andres Zeichen, denn die es vom Recht
Abtrennen wollen, nie ziemt dieses ihnen.

Ob es zu stürzen sich ein Karl erfrecht
Mit seinen Guelfen, fürcht' er nur die Klaun;
Schon stärkren Leuen zausten sie nicht schlecht.

Des Vaters Schuld macht' oft die Söhne, traun!
Schon weinen, und daß Gott sein Wappenschild
Um Lilien tausche, drauf mög' er nicht baun.

Es wohnen in des kleinen Sternes Bild
Die Geister, die sich gutem Thun ergeben,
Aus dem der Nachruhm und die Ehre quillt.

Wem, solcher Art abirrend, sich das Streben
Nach dorthin lenkt, kann wahrer Liebe Pfeil
Natürlich minder lebhaft nur sich heben.

Lohn und Verdienst zu messen ist ein Theil
Von unsrer Wonne schon, weil wir nicht kleiner
Noch größer werden sehen unser Heil.

Drum macht den Sinn uns, so daß er zu keiner
Bosheit sich wenden kann, Gerechtigkeit,
Die in uns lebet, süßer stets und reiner.

Gleichwie mehrstimmiger Sang mehr Reiz verleiht,
So stuft sich hier zu süß harmonischem Tone
In unserm Leben die Verschiedenheit.

In dieser Perle, drin ich selber wohne,
Erglänzt das Licht Romeos, dessen Thaten,
So groß und schön, ward schlimmer Dank zum Lohne.

Doch lachen nicht, die ihm entgegentraten,
Die Provenzalen; denn wer recht Beginnen
Der andern schädlich hält, ist schlimm berathen.

Vier Töchter hatt', und sämmtlich Königinnen,
Graf Raimund Berengar; dies alles ließ
Romeo ihn, der schlichte Mann, gewinnen.

Und dann bewirkten schele Reden dies,
Daß Rechenschaft er heischt' von dem Gerechten,
Der ihm, statt zehen, fünf und sieben wies.

Von dann zog der alte Mann im schlechten
Gewand, und säh' die Welt ins Herz dem Greis,
Der Stück für Stück sein Brot sich mußt' erfechten.

Sie pries' ihn und gäb' ihm noch höhern Preis.’


Gesang 07

Nachdem Iustinian geschlossen, stimmt er einen Lobgesang an und verschwindet dann in der kreisenden Bewegung der übrigen Lichter. Dante hegt einen an Iustinians Worte sich anknüpsenden Zweifel, wagt aber nicht Beatrix zu befragen. Sie kommt ihm lächelnd zuvor. Der Zweisel ist der, wie gerechte Rache gerecht bestraft werden könne. Ein weiterer Zweifel ist der. warum Gott gerade diesen Weg der Erlösung gewählt habe. Beide Zweifel werden von Beatrix gelöst. Endliche erklärt sie ihm noch eine Stelle der Rede, inwiefern Engel und Menschen von Gott unmittelbar geschaffen seien, die andern irdischen Wesen aber mittelbar.

‘Herr Zebaoth, dir werde Preis und Ehre,
Du, der da überstrahlt mit seinem Glanz
Die seeligen Feuer dieser Himmelsheere.’

So schien, zurück zu seines Rades Tanz
Sich wendend, jenes Wesen jetzt zu singen,
Deß Haupt umglänzt' ein Doppelstrahlenkranz.

Dann mit den andern dreht' in raschem Schwingen
Es sich zum Tanz, daß, schnell wie Funken stieben,
Sie plötzlich in der Ferne mir vergingen.

Ich schwankte noch, und: Sag' es ihr, der lieben
Gebietrin, sprach ich zu mir, brich dein Schweigen;
Ihr Thau stillt süß den Durst, der dir geblieben.

Allein die Ehrfurcht, die mir immer eigen,
Wenn B und X erklangen, ließ wie Den,
Den Schlaf bewältigt hat, mein Haupt mich neigen.

Nicht lange ließ Beatrix so mich stehn
Und sprach, ein strahlend Lächeln in den Zügen,
Dem selbst im Feuer Wonne müßt entwehn:

‘Nach meiner Meinung, die mich nie kann trügen,
Macht dir Bedenken, wie gerechte Rache
Sich zu gerechter Strafe könne fügen.

Bald lös' ich dir den Zweifel an der Sache.
Merk' auf, weil ich, des Wissens Leucht' entflammend,
Dir große Wahrheit zum Geschenke mache.

Nicht trug der erste Mensch, von Gott entstammend,
Den seinem Wollen nöthigen Zaum, daher
Verdammt' er sich, all sein Geschlecht verdammend.

Deswegen krankt' an großem Irrthum schwer
Jahrhunderte hindurch die Creatur,
Bis es dem Wort gefiel, daß zu euch her

Es kam, wo gottentfremdete Natur
Persönlich mit dem Schöpfer sich vereinte
Durch eine That der ewigen Liebe nur.

Jetzt acht' auf das, was meine Rede meinte.
Wohl gut und rein, wie sie geschaffen, zwar
War die Natur, die so mit Gott geeinte;

Doch durch sich selbst vom Paradiese war
Sie ausgeschlossen, die von ihrem Leben,
Vom Weg der Wahrheit abgewendet gar.

Wenn bei der Kreuzesstrafe man nur eben
Die angenommene Natur bedenket,
Dann hats gerechtre Strafe nie gegeben.

Doch niemals ward so schwer das Recht gekränket,
Stellt man die leidende Person sich vor,
In die sich solcherlei Natur gesenket.

Verschiednes drum bracht' eine That hervor:
Gott und den Juden war ein Tod willkommen,
Die Erde bebt', aussprang des Himmels Thor.

Nicht darf es jetzt besremdlich vor dir kommen,
Wenn ich dir sagte, daß gerechte Rache
Ward von gerechtem Richterhof genommen.

Doch seh' ich jetzt, wie sich von Fach zu Fache
Dein Geist versteigt, verstrickt in einem Kneten,
Voll Sehnsucht harrend, daß man los ihn mache.

Hell ist mir, sagst du, was du mir entboten;
Doch dunkel bleibt mir, warum diese Weise,
Uns zu erlösen, Gott nur sah geboten.

Der Rathschluß liegt vor jedes Auges Kreise
Verborgen, Bruder, das erstarkt fürs Licht
Noch nicht ward durch der Liebe Flammenspeise.

Weil man nach jenem Ziel oft schaut und nicht
Es recht erkennt, so soll den Grund, weswegen
Der Weg der beste, melden mein Bericht.

Die Güte Gottes, jeder Mißgunst Regen
Verschmähend, spricht aus sich die eigne Gluth,
Die ewigen Herrlichkeiten darzulegen.

Was unvermittelt träuft aus dieser Fluth,
Hat nie ein Ende, weil, was sie gesegnet
Mit ihrem Siegel, unverändert ruht.

Was unvermittelt von ihr niederregnet,
Ist völlig frei, nicht jener Macht verfallen,
Die einem Neugeschaffenen begegnet.

Ihr ähnliches muß ihr auch mehr gefallen,
Und jene Gluth, die strahlt in jedem Ding,
In dem ihr ähnlichern lebendiger wallen.

Jeglichen solchen Vorzug auch empfing
Die menschliche Natur; von ihrem Haupt
Sinkt Adel gleich, wenn einer ihr entging.

Die Sünd' ists, die der Freiheit sie beraubt,
Die sie unähnlich macht der höchsten Liebe,
In ihrem Licht zu strahlen nicht erlaubt.

Kein Weg, die Würde zu erringen, bliebe,
Wenn mit gerechter Strafe sie die Wunde
Nicht heilt, die ihr geschlagen böse Triebe.

Eurer Natur, weil sie in ihrem Grunde
Gesündigt, wurden diese Würden alle
Geraubt so wie des Paradieses Kunde.

Herstellen ließ sie sich in keinem Falle,
Wenn scharf du aufmerkst, als daß von zwei Pfaden,
Die möglich waren, sie den einen walle:

Entweder mußte Gott aus freien Gnaden
Verzeihen, oder sich der Mensch selbsteigen
Genugthun für der Thorheit Schuld und Schaden.

Nun mußt du, um mit deinem Blick zu steigen
Bis in den Grund der ewigen Gedanke,
Dich eifrig aus mein Wort zu merken zeigen.

Es konnte nie der Mensch in seinen Schranken
Genugthun, denn so tief konnt' er nicht gehen
In Demuth, Gott gehorchend ohne Wanken,

Als ungehorsam er in frechem Blähen
Emporstieg; darin liegt der Grund, weswegen
Von ihm aus Gnüge konnte nie geschehen.

So mußte Gott ihm denn aus seinen Wegen
Zum wahren Leben schaffen Wiederkehr,
Auf beiden oder einem, nach Erwägen.

Doch wie das Werk geschätzt wird um so mehr,
Je mehr es von des Herzens Trefflichkeit,
Aus welchem es hervorging, gibt Gewähr,

Gefiels der göttlichen Vollkommenheit,
Die sich im All ausprägt, auf allen Pfaden
Euch zu erneun im Glanz dcr ersten Zeit.

Gabs ein Verfahren je so reich an Gnaden,
Je zwischen letzter Nacht und erstem Tage,
Als womit er geruht uns zu begnaden?

Daß Gott sich opferte, daß er vom Schlage
Sich zu erheben Kraft dem Menschen lieh,
War mehr als daß er “Ich verzeihe« sage.

Und die Gerechtigkeit - sie wäre nie
Befriedigt worden: daß in Fleischeshüllen
Herabstieg Gottes Sohn, das sühnte sie.

Doch, um dir jeden Wunsch ganz zu erfüllen,
Daß, wie ich sehe, du hier könnest sehen,
Greif' ich zurück, noch eins dir zu enthüllen.

Die Luft, das Feuer, hör' ich dich gestehen,
Wasser und Erd' und ihre Mischung alle
Seh' ich nach kurzer Frist zu Grunde gehen.

Geschöpfe sind sie doch in jedem Falle.
Sie müßten, wäre wahr was ich vernommen,
Gesichert sein vor jeglichem Verfalle.

Die Engel und, wohin du jetzt gekommen,
Das reine Land, kann man geschaffen nennen,
So wie sie sind, im Wesen ganz vollkommen.

Allein was wir als Elemente kennen,
Ist erst gebildet durch geschaffne Kräfte
Wie alle Dinge, die draus los sich trennen.

Geschaffen war ihr Stoff und ihre Säfte,
Geschaffen war die Bildungskraft in eben
Den Sternen, die gestalten diese Kräfte.

Strahl und Bewegung dieser Sterne geben
Den Thieres- und den Pflanzenseelen zwar
Aus jener kraftbegabten Mischung Leben;

Doch euch haucht Leben ein unmittelbar
Die höchste Huld, die Lieb' in es gegossen
Zu ihr, daß es ihr zustrebt immerdar.

Auch eure Auferstehung wird geschlossen
Daraus ganz folgerichtig, wie mich däucht,
Bedenkst du wie des Menschen Fleisch entsprossen,

Als Gott das erste Elternpaar erzeugt.’


Gesang 08

Dante und Beatrix sind in die Venus emporgestiegen. Es nahen Lichter unter Gesang. Eines derselben erbietet sich, Dante zu belehren. Es ist Karl Martell, Sohn Karls II von Neapel. Auf eine Aeußerung hin befragt ihn Dante, wie es möglich sei, daß von einem guten Vater ein schlechter Sohn abstammen könne. Der selige Geist gibt ihm Ausklärung darüber.

Lang hat die Welt geglaubt in schlimmem Wahn,
Die holde Cypris strahle das Verlangen
Der Lieb' aus in des dritten Zirkels Bahn;

Weshalb die Alten, in dem Wahn befangen,
Mit Opfern und Gesängen allerlei
Ihr Ehr' erweisend, manches Fest begangen.

Dion' und Amor ehrten sie, die zwei,
Sie als die Mutter, diesen als das Kind,
Das Dido auf dem Schoß gesessen sei.

Nach ihr, mit welcher mein Gesang beginnt,
Benannten sie den Stern, der bald im Rücken,
Bald vorn zu sehn die Sonn' in Liebe sinnt.

Nicht merkt' ich zwar in ihm mein Auswärtsrücken;
Doch daß ich in ihm war, konnt ich verstehen
An meiner Herrin strahlenderm Entzücken.

Wie wir die Funken in der Flamme sehen,
Wie man erkennt des Liedes einzle Stimmen
(Wenn die verweilet, kommen jen' und gehen):

So sah in diesem Licht ich andre glimmen
Und mehr und minder rasch sich drehn im Kreise,
Wie es ihr Gottanschauen mag bestimmen.

Nie stürzten Winde in so schneller Weise
Aus kalten Wolken, sichtbar oder nicht,
Daß träg nicht schien' und säumig ihre Reise,

Dem, der gesehn die heilige Schar von Licht
Uns näher ziehn, indem ihr Tanz, begonnen
Bei hohen Seraphim, sich unterbricht.

Und aus der Nächsten Kreise klang voll Wonnen
Ein Hosianna, so daß nie fortan
Der Wunsch es noch zu hören mir zerronnen.

Drauf trat der Eine dicht zu uns heran:
‘Wir sind bereit, uns willig zu erweisen,
Daß unser froh du werdest,’ hob er an.

‘Wir drehn in einem Kreis, in einem Kreisen
Und Durst uns mit der Himmelsfürsten Schritten,
Davon du sprachst in einer deiner Weisen:

“Die ihr erkennend lenkt der Himmel dritten.«
Wir sind so liebreich, daß ein wenig Ruh'
Uns dir zu lieb freut in des Tanzes Mitten.•

Als ich in Ehrsurcht meiner Herrin zu
Den Blick gewendet und an ihr erkannte
Sie seis zufrieden, daß ich also thu,

Zum Lichte, das so viel verheißen, wandte
Ich mich, indem ich ‘Sprecht, wer seid ihr?’ sagte
Mit einer Stimme, die vor Sehnsucht brannte.

O wie es höher da und heller ragte,
Weil zu der frühern neue Freudigkeit,
Indem ich sprach, hinzukam und ihm tagte.

So leuchtend sprach es: ‘Mich hielt kurze Zeit
Die Welt dort unten; falls ich blieb am Leben,
Erspart' es ihr gar manches künftige Leid.

Es macht die Freudigkeit, die mich umgeben,
Mich dir unkenntlich und verhüllt mich hier,
Wie Würmer, die mit Seide sich umweben.

Du hegtest Lieb', und das mit Grund, zu mir;
Auch zeigt ich wohl, mußt' ich ins Grab nicht sinken,
Von meiner Liebe mehr als Blätter dir.

Das Ufer, das der Rhodanus zur Linken
Bespült, wenn sich die Sorgue in ihn ergossen,
Sah ich als künftig Herrscherreich mir winken;

So auch Italiens Horn, wo festgeschlossen
Gaeta, Bari, Croton ragt, von da
Wo Tronto und Verde kommt ins Meer geflossen.

Aus meiner Stirn ich schon die Krone sah
Des Landes, das der Donau Strom bespület,
Wenn Deutschland er verließ; Trinacria -

Das schöne Land, dem Rauch sich schwarz entwühlet,
Zwischen Pachynum und Pelor am Sund,
Der allzumeist des Ostwinds Rasen fühlet,

Durch Schwefe,l nicht durch des Typhaeus Mund -
Es würde seiner Könige noch warten,
Die ich erzeugt aus Karls und Rudolfs Grund,

Wenn schlechte Herrschaft, die den Fuß, den harten,
Setzt auf besiegte Völker, nicht zum Schreien
“Stirb! Stirb« Palermo trieb, zum lang gesparten.

Und säh' mein Bruder künftger Tage Reihen,
Würd' er der Catalonen Habsucht fliehn,
Daß nicht noch mehr ergrimmt die Völker seien.

Denn noth thut wahrlich, daß nicht mehr durch ihn
Und andere noch wächst die Wucht der Lasten,
Die in den Abgrund muß sein Schifflein ziehn.

Der Ahnen geiziger Sohn, die Kargheit haßten,
Bedürft' er Diener, die nicht so gesonnen,
Daß sie sich selber füllen ihre Kasten.’

Herr, weil ich glaube, daß die hohen Wonnen,
Die du mit deinem Wort ins Hcrz mir wehest,
Dort, wo sein Ziel, gleichwie es dort begonnen,

Hat jedes Gut, du wie ich selber sehest,
Drum sind sie theurer mir und doppelt werth,
Weil du, Gott schauend, solches auch verstehest.

Du gabst mir Freude, doch ich wünscht' erklärt,
Denn Zweifel weckst mit deinem Worte du,
Wie süßer Same bittre Frucht gewährt.

So ich. ‘Wenn ich die Wahrheit kund dir thu,’
Sprach er zu mir, ‘dann kehrst du diesen Fragen
Das Angesicht, wie jetzt den Rücken, zu.

Das Heil, das dieses Reich, drein dich getragen
Dein Flug, beseligt, läßt sein Vorhersehen
Als Kraft in diesen großen Körpern tagen.

Nicht die Naturen bloß sind vorgesehen
In jenem Geist, der aus sich selbst vollkommen,
Nein! auch ihr Sein sammt ihrem Wohlergehen.

Drum muß zu vorbestimmtem Ziele kommen
Was abgeschnellt von solchem Bogen fuhr,
Dem Pfeile gleich, der sich sein Ziel genommen.

Wenns anders wäre, diese Himmelsflur
Sie zeugte Früchte dann von solcher Weise,
Die Kunstwerk nicht, nein! Trümmer wären nur.

Das kann nicht sein, weil, die die Sternenkreise
Regieren, mangelhaft die Geister wären,
Und, Der sie mangelhaft schuf, gleicherweise.

Soll ich noch mehr die Wahrheit dir erklären?’
Und ich: O nein! ich seh', Natur muß immer
Was noth thut unermüdet uns gewähren.

Und er: ‘Wär' etwas für den Menschen schlimmer
Auf Erden, als wenn er nicht Bürger wäre?’
Gewiß, sprach ich, Beweise brauchts hier nimmer.

‘Und kann ers sein, wenn in verschiedner Sphäre
Des Amts sich nicht verschieden theilt das Leben?
Nein! wenn euch recht gelehrt des Meisters Lehre.’

So weit kam er durch Schlüsse. ‘Darum eben,’
So schloß er, ‘muß verschiedentlich empor
Die Wurzel dessen, was ihr wirkt, sich heben.

Der tritt als Solon, Der als Xerxes vor,
Der als Melchisedek, Der fand heraus
Das Fliegen, wodurch er den Sohn verlor.

Die kreisende Natur übt wirksam aus
Die Kunst, dem Wachs aufdrückend ihr Gepräge;
Doch unterscheidet sie nicht Haus von Haus.

Jacob und Esau trennt im Keimeswege
Sich schon; weil Quirin niedern Vaters däuchte,
Sagt man, daß Mars bei seiner Mutter läge.

Mit den Erzeugern würde die erzeugte
Natur stets auf demselben Pfade gehen,
Wär' stärker nicht der Gottesvorsicht Leuchte.

Was hinter dir, jetzt siehst dus vor dir stehen.
Doch daß du spürst, wie sehr du meinen Blicken
Gefällst, lass' ich dich einen Zusatz sehen.

So oft Natur ihr feindlichen Geschicken
Begegnet, bringt sie üble Frucht hervor,
Wie wo sich Saat nicht will zum Boden schicken.

Wenn auf den Grund, den die Natur erkor,
Acht wollte haben eure Welt, so spränge
Ein besseres Geschlecht daraus empor,

So daß man nicht zum Ordenskleide zwänge
Den, der das Schwert zu tragen ward geboren,
Zum König den, dem Predigen wohl gelänge.

Drum habt die rechte Wegspur ihr verloren.’


Gesang 09

Ein anderer Geist dieses Kreises, Cunizza, redet Dante an und erzählt von sich; zugleich fügt sie Prophezeiungen der Zukunft bei. Dann ergreift der neben ihr stehende Folco von Marseille das Wort; nachdem er von sich selbst und der Liebe, die ihn auf Erden beherrscht, gesprochen, nennt er unter den hier Weilenden auch Rahab und knüpft an ihr frommes Verhalten einen herben Tadel der Gegenwart.

Als ich durch deinen Karl darob im Klaren,
Schöne Clemenza, sprach er von dem Trug,
Der seinem Samen sollte widerfahren.

Doch sagt' er: ‘Schweig und laß der Zeit den Flug!
Nur dies vermag ich noch hinzuzufügen:
Dem Schaden folgt gerechten Jammers gnug.’

Schon war das heilige Licht in Sehnsuchtsflügen
Gekehrt zur Sonne, die's erfüllet drin,
Wie zu dem Gut, das allem gibt Genügen.

Betrogne Seelen mit verruchtem Sinn,
Die ihr von solchem Gut das Herz könnt kehren
Und wendet es zu Eitelkeiten hin.

Und sieh! ein Andrer aus des Glanzes Sphären
Kam auf mich zu und zeigte sein Verlangen,
Mir zu gefallen, durch sein hell Verklären.

Beatrix' Augen, die mich fest durchdrangen,
Versicherten auch jetzt mich, daß von ihr
Gewährung meines Wunsches ich empfangen.

Gib bald Erfüllung meiner Wißbegier,
Sprach ich, o seliger Geist, und gib Beweise,
Daß, was ich denke, widerstrahl' in dir.

Das mir noch neue Licht fuhr aus dem Kreise
Der Tiefe, draus vorher erklang sein Lied,
Fort, wie wen Gutthat freut, in solcher Weise:

‘Wo sich Italiens sündiges Gebiet
Zwischen der Brenta und der Piave Quelle
Und zwischen dem Rialto weithin zieht,

Hat, mäßig hoch, ein Hügel seine Stelle;
Von ihm herab stürzt' eine Fackel sich,
Die rings das Land verzehrt' in wilder Schnelle.

Aus einer Wurzel sproßten sie und ich.
Cunizza hieß ich, und in diesem Sterne
Erglänz' ich, denn sein Licht besiegte mich.

Doch meines Schicksals Grund verzeih' ich gerne
Mir selber und kein Leid fühlt meine Seele,
Wie schwer der Pöbel Das verstehn auch lerne.

Von diesem theuren leuchtenden Juwele
An unserm Himmel hier an meiner Seiten
Blieb hoher Ruhm nach, und bis er ihm fehle,

Erneuen fünf Jahrhunderte die Zeiten.
Drum soll der Mensch sich auszuzeichnen streben,
Daß nach dem Leben er noch leb' im zweiten.

Doch solchem Sinn ist nicht das Volk ergeben,
Das Tagliament' und Etsch umschlossen hält,
Das, auch geschlagen, führt kein reuig Leben.

Doch wird die Fluth, die um Vicenza schwellt,
Padua verfärben bald mit seinem Blute,
Weil sich dies Volk der Pflicht entgegenstellt.

Noch herrschet Einer, hoch im Uebermuthe
Das Haupt, wo Sile und Cagnan sich einen;
Doch wetzt man schon den Stahl, dran er verblute.

Auch Feltro wird noch ob des Frevels weinen,
Den sein verruchter Hirte hat begangen,
So schlimmer brachte noch nach Malta keinen.

Breit müßte sein die Wanne, die umfangen
Sollt' all das Blut der armen Ferraresen;
Wers lothweis wög', ihm wär' die Kraft entgangen;

Das Blut, das dieser Pfaff, dies gütige Wesen,
Nur der Partei zu lieb verschenkt; doch kennt
Man dort zu Lande Gaben so erlesen.

Spiegel sind droben, die man Throne nennt,
Aus denen Gott der Rächer glänzt hernieder,
Der solche Zornesred' als recht erkennt.’

Sie schwieg und zeigte mir, daß sie nun wieder
An Andres dacht', indem sie unverwandt
Zum frühern Kreis gelenkt die lichten Glieder.

Gleich sonnbeschienenem Rubine stand
Hellfunkelnd da vor meinem Angesichte
Die andre Wonne, die mir schon bekannt.

Die Freude droben wird zu hellem Lichte,
Wie hier zu Lächeln; in des Abgrunds Grauen
Umgibt den trüben Geist auch trübe Schichte.

Gott richtet alles, sich vertieft dein Schauen
In ihm, so sprach ich, und es kann kein Sehnen
Dir dunkel bleiben, Geist der seligen Auen.

Warum will deine Stimme - die mit jenen
Lichtflammen, die sich in sechs Flügel hüllen [27
Wie Kutten, läßt ihr Lied zum Himmel tönen -

Aus eignem Trieb mein Wünschen nicht erfüllen?
Durchschaut' ich dich so wie du mich durchschaust,
Ich harrt' auf Fragen nicht, mich zu enthüllen.

‘Das größte Thal, drin breit das Wasser haust,’
Also begann er, ‘außer jenen Wogen
Des Meeres, das die Erde rings umbraust,

Läuft an feindseligen Ufern hingezogen
So weit nach Osten, daß am Westes Rande
Gesichtskreis wird was östlich Mittagsbogen.

Zwischen der Macram die vom Tuscierlande
Genua trennt, und zwischen Ebros Gang
Bewohnt' ich dieses Thal am Meeresstrande.

Es theilt den Sonnenauf- und Untergang
Buscheia mit dem Ort, dem ich entsprossen,
An dessen Hafen heißes Blut einst sprang.

Als Folco kannten mich die Zeitgenossen.
Wie dieses Himmels Wirkung einst in mich,
Ist meine Wirkung jetzt in ihn ergossen.

Nicht mehr verzehrt' in Liebe Dido sich
Einst zu Sichäus und Kreusas Schmerzen,
Als, in der Welt noch lebend, damals ich;

Nicht die Rhodoperin, die einst mit Scherzen
Und falschem Schwur Demophoon gewann,
Nicht der Alcid, der Iole trug im Herzen.

Doch hier fühlt man nicht Reu', hier lächelt man,
Nicht ob der Schuld, weil die dem Geist entgleitet,
Nein! ob der Vorsehung, die's so ersann.

Man schaut die Kunst hier an, die Schmuck bereitet
Mit solcher Wirkung, lernt das Heil verstehen,
Wodurch die obre Welt die untre leitet.

Doch daß du jeden Wunsch erfüllt magst sehen
Der dir in dieser Sphäre dar sich stelle,
Muß sich noch weiter meine Red' ergehen.

Du wüßtest gern, wer in dem Licht, das helle
Und blendend funkelt hier so nah bei mir,
Gleich wie ein Sonnenstrahl in klarer Welle.

So wisse: Rahab ruht beseligt hier,
Und unser Kreis, seit sie ihm zugewendet,
Empfing als Abdruck höchsten Glanz von ihr.

In diesem Himmel, wo der Schatten endet,
Den eure Welt wirft, ward sie aufgenommen,
Eh Christi Sieg noch andre her gesendet.

Wohl in den Himmel ziemt' es ihr zu kommen,
Als Zeugin jenes hehren Siegs, den Christ
Errang mit wunden Händen uns zum Frommen.

Denn sie begünstigte den Ruhm, das wißt!
Den Josua errang im heiligen Lande,
Das wenig in des Papsts Gedächtniß ist.

Ja, deine Stadt, die Der gepflanzt (o Schande!),
Der sich zuerst kehrt' ab von Gottes Glanze -
Viel Thränen schuf sein Neid am Erdenstrande! -

Zeugt und verbreitet die verruchte Pflanze,
Die, weil zum Wolf den Hirten sie verkehrt,
Treibt Schaf' und Lämmer in des Irrthums Schanze.

An Bibel nicht und Kirchenvätern nährt
Man drum den Geist, allein die Decretalen
Studirt man, wie's der Ränder Aussehn lehrt.

Das liegt im Sinn dem Papst, den Cardinalen,
Nicht Nazareth, wohin einst uns zum Heile
Flog Gabriel aus lichter Flügel Strahlen.

Allein der Vatican und alle Theile
Des heiligen Rom, drin jene Krieger ruhn,
Die Petrus folgten, wird in kurzer Weile

Befreit vom ehebrecherischen Thun.’


Gesang 10

Dante und Beatrix kommen in die Sonne. Nachdem Dante Gott für solche Gnade innigst gedankt, blickt er umher und sieht einen Kranz von Lichtern tanzen und singen. Dreimal umkreisen sie ihn und halten still. Eines der Lichter, Thomas von Aquino, redet ihn an und nennt ihm die einzelnen andern Lichter in diesem Kranze.

Auf ihren Sohn hinschauend mit der Liebe,
Die ihnen beiden ewiglich entweht,
Schuf Urkraft aus unnennbar regem Triebe

Was immer uns vor Geist und Augen steht,
Mit solcher Ordnung, daß den Vorschmack spüren
Muß von ihr jeder, der es recht erspäht.

O Leser, zu den hehren Kreisen führen
Laß deinen Blick, der Gegend grade zu,
Wo sich die zwei Bewegungen berühren.

Des Meisters Kunst zu schauen mögest du
Beginnen, der sich liebend zu ihr neiget,
Daß er sie anschaut ohne Rast und Ruh.

Sieh wie von dort der schiefe Kreis sich zweiget,
Der die Planeten trägt, um beizustehen
Dem Weltall, dessen Rufen zu ihm steiget.

Wär' ihre Bahn nicht also schräg zu sehen,
So blieb' erfolglos manche Himmelskraft,
Und jed' auf Erden müßt' im Tod vergehen.

Wär' mehr und minder grad die Eigenschaft
Und Richtung dieser Bahn, dann drunt und droben
Wär' in der Schöpfung manches mangelhaft.

Nun, Leser, bleib auf deiner Bank, die Proben
Wohl überlegend, die ich hier dir weise,
Wenn du willst froh sein, eh die Kraft zerstoben.

Ich trug dir auf, nun nimm dir selbst die Speise!
Der Stoff, den ich zu schreiben mir erlesen,
Will, daß ich alle Sorgfalt ihm erweise.

Die größte Dienerin im Reich der Wesen,
Die ihre Kraft ausprägt im Weltenrunde,
Aus deren Lichte wir das Zeitmaß lesen,

Bewegte mit dem Himmelstheil im Bunde,
Den ich erwähnt, in der Spirale sich,
In der sie sich zeigt früher jede Stunde.

Ich war in ihr, doch ward des Steigens ich
So wenig inne, wie dein erstes Denken,
O Mensch, dir kund ward, eh es trat an dich.

Beatrix wars, die mich so schnell zu lenken
Vom Guten weiß zum Bessern, daß kein Maß
Der Zeit für solchen Akt sich läßt erdenken.

Wie mußte strahlen aus sich selber Das,
Was in der Sonne nun betretnen Sphären
Ich nur durch Licht sah, nicht nach Farbe maß.

Was Geist und Kunst und Uebung kann gewähren,
Kann es nicht so, daß mans begriffe, sagen;
Doch glauben mag mans und zu schaun begehren.

Nicht ists zu wundern, wenn so hoch zu wagen
Die Phantasie sich scheut mit ihrer Kraft;
Kein Aug' kann mehr als Sonnenlicht ertragen.

Hier war zu schaun die vierte Dienerschaft
Des hohen Vaters, der in hehren Wonnen
Ihr zeigte, wie er haucht und wie er schafft.

Da sprach Beatrix: ‘Sage Dank der Sonnen
Der Engel, die dich gnädig aufgeschwungen,
Wo du die Schau der sichtbaren gewonnen.’

Kein Menschenherz war jemals so bezwungen
Von Andacht, fühlt' aus tiefstem Dankestriebe
Gott so sich hinzugeben sich gedrungen,

Als ich bei diesem Wort, und meine Liebe
Warf sich so ganz aus ihn, als ob vergessen
Sogar Beatrix und verdunkelt bliebe.

Nicht zürnte sie, nein! lächelt' wegen dessen,
So daß der heitern Augen Glanz den Geist
Mir lenkt aus Mehres, den erst eins besessen.

Und sieh! um uns als ihre Mitte kreist
Von Flammen eine helle Strahlenkrone,
Noch süßer singend als sie helle gleißt.

So sehn wir oft die Tochter der Latone,
Wenn so von Dünsten ist die Luft beschwert,
Daß sie rückstrahlt den Streifen ihrer Zone.

Im Himmelshof, von dem ich heimgekehrt,
Sind so viel schöne kostbare Juwelen,
Daß aus dem Reich die Ausfuhr ist verwehrt.

Solch einer war das Lied von jenen Seelen.
Wem Flügel fehlen, daß er Kunde hole,
Der harr' auf Stumme, daß sie ihm erzählen!

Als mit Gesang der lichten Sonnen Sohle
Dreimal um uns getanzt in schnellem Drehen,
Gleichwie die nahen Stern' um feste Pole,

Da waren sie wie Frauen anzusehen,
Nicht tanzend, nein! die lauschend still im Kreise,
Bis sie den neuen Ton erlernet, stehen.

Und in der einen klang es solcher Weise:
‘Wenn jener Strahl, der wahre Lieb' entzündet
Und der durch Liebe wächst, aus Gnaderweise

Also vervielfacht sich in dir verkündet,
Daß diese Leiter aufwärts er dich lenket,
Von der nach unten nie ein Pfad gemündet,

Wer jetzt nicht Wein aus seinem Krug dir schenket
Für deinen Durst, nicht freier wäre Der
Als Wasser, das sich nicht zum Meere senket.

Der Blumen Namen - das ist dein Begehr -
Zu wissen, die das Weib, das von der Erde
Dich führt zum Himmel, anschaun ringsumher.

Ich war ein Lamm aus jener heiligen Heerde,
Die solchen Pfad Dominicus läßt ziehn,
Daß, wer nicht abirrt, fortkommt ohn' Gefährde.

Dem mir zur Rechten ist der Platz verliehn,
Mein Bruder und mein Meister, war genannt
Albert von Cöln, ich Thomas von Aquin.

Willst du, daß dir die andern sein bekannt,
So sei, entlang dem seligen Strahlenkranze,
Dein Auge meinen Worten nachgewandt.

Das Lächeln Gratians strahlt dort im Glanze,
Der geistlichem und weltlichem Gericht
So half, daß Freud' er schafft im Sphärentanze.

Der unsern Chor dort schmückt, bei jenem dicht,
War Petrus, der, der Wittwe zu vergleichen,
Der heiligen Kirche widmete sein Licht.

Das fünfte Licht, so strahlend sondergleichen,
Haucht solche Lieb' aus, daß von ihm nach Kunde
Man gierig ist in allen Erdenreichen.

Drin ist der Geist, der aus so tiefem Grunde
Geschöpft, daß so zum Schaun, wenn Wahrheit wahr,
Kein zweiter sich erhob im Erdenrunde.

Zunächst ihm strahlt die Kerze wunderbar,
Der wohl am gründlichsten, als sie am Leben,
Amt und Natur der Engel offen war.

Es lächelt in dem kleinen Licht daneben
Der Christenzeiten Anwalt, deß Latein
Dem Augustinus Nahrung hat gegeben.

Wenn mit des Geistes Auge du dem Reihn
Der Lichter folgtest, die du hörtest loben,
Wird Durst schon nach dem achten in dir sein.

In ihm, zum Anschaun alles Heils erhoben,
Freut sich die Seele, die, wie sehr hienieden
Das Leben täuscht, den Leser läßt erproben.

Der Leib, von dem Gewaltthat sie geschieden,
Ruht in Cieldoro; sie hob sich empor
Aus Marter und Exil zu solchem Frieden.

Sieh dort den brünstigen Hauch des Isidor,
Dort weiter Beda, Richard sieh erscheinen,
Der übermenschlich sich im Schaun verlor.

Und Der, von dem Dein Blick sich kehrt zum meinen,
Ist eine Geistesleuchte, deren Drang
Zum Forschen ihr den Tod zu spät ließ scheinen:

Das ewige Licht Sigers, dem es gelang,
In der Strohgasse lesend, daß dem Munde
Manch heikle Wahrheitsfolgrung sich entrang.’

Dann, wie in einem Uhrwerk - das zur Stunde
Uns weckt, wo sich die Gottesbraut erhebt
Und grüßt den Bräutigam zum Liebesbunde

Ein Theil jetzt fällt, der andre jetzt sich hebt,
Und also süße Klänge draus entstehen,
Daß Liebe den gestimmten Geist belebt:

So sah ich das glorreiche Rad sich drehen,
Und Stimm' um Stimme wechselt' im Accord,
Mit solchem Wohllaut, den man nur verstehen

Dort kann, wo Freude währet fort und fort.


Dante Alighieri - 11

Der heilige Thomas von Aquino nimmt aufs neue das Wort und erklärt Dante eine ihm dunkel gebliebene Stelle seiner früheren Rede. Gott habe als Führer der Kirche zwei Fürsten bestimmt, Dominicus und Franciscus. Das fromme Leben und Streben des einen, des heiligen Franciscus von Assisi, schildert er, der Dominicaner. Ihm sei der anderem der heilige Dominicus gleich, dessen Orden aber in der Gegenwart arg ausgeartet sei.

Wie thöricht ist dein Trachten, Mensch, und Dichten,
Wie mangelhast sind all die Syllogismen,
Die deinen Flügelschlag nach unten richten!

Der ging dem Jus nach, jener Aphorismen,
Der sucht' im Priesteramte nach Gewinn,
Der herrschte durch Gewalt, Der durch Sophismen;

Dem stand auf Raub, Dem aus Gewerb der Sinn,
Der mühte, von des Fleisches Lust umwoben,
Sich ab, Der gab dem Müssiggang sich hin,

Indeß ich, diesen Dingen all enthoben
Mich mit Beatrix in der Glorie fand,
Die mich empfangen in dem Himmel droben.

Als jeder zu dem Punkt zurückgewandt
Im Kreis, von dem zuerst er ausgegangen,
Und fest, dem Lichte gleich im Leuchter, stand,

Hört' ich, wie Worte aus der Flamme klangen,
Die eben sprach; auch schien es mir, als stünde
Sie lächelnd, von noch höh'rer Freud' umfangen.

‘Wie ich an seinem Strahle mich entzünde,
So, in das Licht des Ewigen schauend, sehe
Ich was du denkst und seh' des Denkens Gründe.

Du zweifelst und begehrst, daß ich durchgehe
Ausführlich und mit also klarem Wort,
Daß deine Fassungskraft es wohl verstehe,

Was mit den Worten “Wer nicht abirrt« dort
Ich meint' und dem “Kein Zweiter sich erhoben«.
Hier ist genaue Scheidung wohl am Ort.

Die Vorsicht, die die ganze Welt von oben
So weisheitsvoll regiert (kein Auge schaut
So tief hinein, dem nicht die Kraft zerstoben),

Verordnete - damit des Bräutgams Braut,
Der sie sich im gebenedeiten Blute
Verlobt', als er am Kreuze rief so laut,

Ihm, in sich sicher und mit treuem Muthe,
Entgegen geh' - zwei Fürsten, die zusammen
Mit ihr als Führer gingen ihr zu gute.

War seraphgleich der Ein' an Liebesflammen,
So schien der andre, weiser als die Weisen,
Vom Licht der Cherubime herzustammen.

Vom Einen will ich reden; wen zu preisen
Man wählt, es gilt das Lob von beiden gleich,
Weil gleichem Ziel zu ihre Werke weisen.

Zwischen Tupino und dem Bach, der reich
Der Höh' entströmt, die sich Ubald erkor,
Senkt sich ein fruchtbar Land vom Bergbereich,

Von wo Perugia nächst dem Sonnenthor
Fühlt Frost und Hitze; dort schreit traurigen Klanges
Noceras Klag' und Gualdos Weh empor.

Wo sich zumeist die Steilheit bricht des Hanges,
Ging eine Sonn' auf aus des Morgens Pforte,
Wie diese hier zu Zeiten aus dem Ganges.

Ihn nenne, wer da spricht von jenem Orte,
Assisi nicht - zu wenig sagt' es gar -
Nein! Orient, wenn er genau im Worte.

Als sie vom Aufgang noch nicht ferne war,
Hat solche Stärkung seine Kraft ergossen,
Daß sie voll Staunen nahm die Erde wahr.

Den Vater, eh die Kindheit kaum verflossen,
Bekämpft' er um ein Weib, dem man das Thor
Der Freude gern hält gleich dem Tod verschlossen,

Und vor dem geistlichen Gericht und vor
Dem Vater hat er sie zum Weib erworben,
Und heißer stets schlug ihre Lieb' empor.

Seitdem ihr erster Ehgemahl gestorben,
Blieb sie verachtet tausend Jahr' und mehr
Im Dunkeln, bis aus Jenen unumworben.

Nicht half, daß man vernahm, wie sicher Der
Auf seinen Ruf sie bei Amyclas fand,
Der alle Welt mit Furcht erfüllt' umher;

Nicht half ihr Muth und tapfrer Widerstand,
Als sie zu Christi Kreuz stieg auf die Leiter,
Wo selbst Maria drunten blieb und stand.

Doch nicht so dunkel reden will ich weiter:
Franciscus und die Armuth ist dies Paar.
Der beiden Eintracht, ihre Miene heiter

Und freudig weckt' in vielen Seelen gar
Bewundrung, süßes Schaun und Liebesgluth,
Die Ursach heiliger Gedanken war.

Zuerst im würdigen Bernhard, der entschuht
In Eile solchem Frieden nachgezogen,
Und trotz der Eile sich schien träggemuth.

O wahres Gut' o neuen Reichthums Wogen!
Aegidius folgt, Silvester barfuß naht
Dem Bräutgam, durch den Reiz der Braut bewogen.

Der Vater nun und Meister geht den Pfad,
Mit ihm sein Weib und seines Hauses Glieder,
Die schon der Demuth Strick umgürtet hat.

Und nicht senkt Kleinmuth ihm die Augenlider,
Weil er des Pietro Bernardone Sohn,
Noch weil Verachtung stolz aus ihn sah nieder.

Nein! königlich vor Innocenzens Thron
That er den Vorsatz kund, da ward gegeben
Des Ordens erstes Siegel ihm als Lohn.

Und als, ihm folgend, dessen Wunderleben
In Himmels Glorie besser wird gesungen,
Das arme Völklein wuchs an Zahl und Streben,

Da hat des Oberhirten Haupt, durchdrungen
Vom heiligen Hauch, gekrönt mit zweiter Krone
Honorius, die der heilige Will' errungen.

Und als er, dürstend nach dem Martyrlohne,
Gepredigt in des Sultans Gegenwart
Von den Aposteln und von Gottes Sohne,

Und, weil für die Bekehrung er zu hart
Das Volk fand, kehrte nach Italiens Gauen
Zur Ernte, die ihm dort unmöglich ward,

Da - zwischen Arno und Tiber, auf dem rauhen
Felsgrunde - ward ihm Christi letzt Gepräge,
Das an den Gliedern war zwei Jahr' zu schauen.

Als Er, der dies zu seiner Gunst Belege
Ihm gab, empor ihn zog, dort zu erwerben
Den Lohn, gewonnen aus der Demuth Wege,

Empfahl er noch als seinen rechten Erben
Den Brüdern sein geliebtes Weib, es werth
Zu halten, treu in Liebe bis zum Sterben.

Aus seinem Schoße wollte schon verklärt
Die hehre Seele heim zu ihrem Reiche,
Die andre Bahre nicht dem Leib begehrt'.

Nun denke, wie Der war, der diesem gleiche,
Werth, Petri Schiff mit ihm aus hohem Meer
Zu lenken, daß es aus der Bahn nicht weiche.

Und das war unser Patriarch; drum wer
Ihm folgt, wie es geboten hat sein Orden,
Du siehst, gar gute Waare ladet er.

Doch seine Herd' ist jetzt so gierig worden
Nach neuer Kost, daß es erklärlich wird,
Wie aus den Weiden sich zerstreun die Horden.

Je weiter sich die Herd' entfernt und irrt,
Je mehr die Schäflein sich von ihm zerstreuen,
Je leerer findet sie an Milch der Hirt.

Wohl gibts noch solche, die den Schaden scheuen,
Zum Hirten haltend, doch an Zahl so schwach,
Nicht brauchts viel Tuch zu Kappen dieser Treuen.

Jetzt, wenn das Wort nicht klanglos, das ich sprach,
Wenn ausmerksam du lauschtest meinen Lehren
Und denkst im Geiste dem Gesagten nach, 135

So muß zum Theil gestillt sein dein Begehren;
Du siehst, der Baum entsproßte guter Erde,
Und kannst der Worte Warnung dir erklären:

Daß, wer nicht abirrt, fortkommt ohn' Gefährde.’


Dante Alighieri - 12

Eine andere Zwölfzahl von Seligen bildet einen zweiten Kreis um die erste. Aus ihr ergreift der Franciscaner Bonaventura das Wort und verkündet das Lob des heiligen Dominicus, dessen Leben und Wirken er erzählt, um dann auf die Entartung des Franciscanerordens in der Gegenwart überzugehen. Endlich führt er die Namen der andern elf Seligen auf.

Sobald der Worte letztes war verklungen,
Das aus der benedeiten Flamme drang,
Sah ich das heilige Mühlrad umgeschwungen.

Eh es noch völlig um sich selbst sich schwang,
Umkränzt' ein andres es mit einem Kreise,
Verschmelzend Wort mit Wort und Sang mit Sang;

Mit Sang, der unsrer Musen süße Weise
Besiegt mit holdem Ton, wie erster Glanz
Besiegt den rückgestrahlten gleicherweise.

So wie, wenn Juno Iris sendet, ganz
An Lauf und Richtung gleich, zwei lichte Bogen
Sich wölben durch der zarten Wolken Kranz,

Erzeugt vom innern Der, der ihn umzogen -
Gleich jener Flüchtigen Laut, die Lieb' allein,
Gleichwie den Dunst die Sonne, aufgesogen;

Darob die Völker hier dann prophezei'n,
Weil Gott den Bund mit Noah eingegangen,
Daß nie die Welt mehr überschwemmt wird sein -

Also aus jenen ewigen Rosen schlangen
Sich die zwei Blumenketten um uns her,
So glich die innre der, die sie umsangen.

Als Reigentanz und andre Freuden mehr,
Als süßer Sang und helles Funkeln nun,
Als frohe Wonn' in diesem Lichtermeer.

Zugleich aus freiem Willen kam zum Ruhn,
So wie, gehorchend menschlichem Gefallen,
Zugleich sich auf und zu zwei Augen thun,

Hört' ich aus eines Lichtes Innern schallen
Hell eine Stimme - wie dem Stern im Norden
Folgt der Magnet, trieb michs ihr nachzuwallen.

‘Die Liebe, durch die ich so schön geworden,
Treibt mich, vom andern Führer zu erzählen,
Da man den Stifter pries von meinem Orden.

Spricht man von einem, darf man nicht verhehlen
Den andern; wie sie für das gleiche Ziel
Gekämpft, so muß ihr Ruhm auch sich vermählen.

Das Heer des Herrn, das neu zu waffnen viel
Gekostet, folgt' der Fahne nicht behende,
In kleiner Zahl nur, weil es Furcht befiel,

Als jener Kaiser, der da herrscht ohn' Ende,
Half seinen Streitern, die gefährdet waren,
Aus Gnade, nicht daß er sie würdig fände;

Und, wie gesagt, um seine Braut zu wahren,
Zwei Kämpfer sandt', auf deren Thun und Worte
Zurück sich wandten die verirrten Scharen.

Im Land, wo sanfter Zephyr aus der Pforte
Hervortritt, in Europa neu zu wecken
Den Schmuck der Blätter, der im Herbst verdorrte,

Nicht fern vom Strande, den die Wogen lecken,
Dahinter Sol aus seinen weiten Wegen
Manchmal sich pflegt den Menschen zu verstecken,

Ist Callarogas glücklich Schloß gelegen,
Dort wo der Leu im großen Wappenschilde
Sich oben liegend zeigt und unterlegen.

Dem Christenglauben zeugte dies Gefilde
Den liebentbrannten Buhlen, den Athleten,
Den Feinden furchtbar und den Seinen milde.

Und seinen kaum geschaffnen Geist durchwehten
Lebendige Kräfte schon im tiefsten Grund,
Daß seiner Mutter Leib ward zum Propheten.

Als mit dem Glauben er den Ehebund
Vollzogen in des heiligen Bornes Bad,
Wo sie sich wechselnd schenkten Heiles Fund,

Sah Jene, die das Jawort für ihn that,
Die Wunderfrucht empor im Traume steigen,
Die ihm entsprießen sollt' und seiner Saat.

Und um im Namen, was er sei, zu zeigen,
So hieß ein Geist, vom Himmel her gesandt,
Nach Dem ihn nennen, dem er ganz zu eigen.

Und so ward er Dominicus genannt.
Von ihm, dem Gärtner, red' ich, in dem Christus
Den rechten Helfer seines Gartens fand.

Wohl zeigt' er sich als Bot' und Freund von Christus,
Weil, was als erste Lieb' in ihm entglommen,
Befolgte treu den ersten Rath von Christus.

Oft hat die Amm' ihn liegend wahrgenommen
Am Boden, wach und schweigend, ganze Nächte,
Als spräch' er: Dazu bin ich hergekommen.

Sein Vater hieß Felix mit vollem Rechte,
Mit Recht Johanna Die, die ihn gebar,
Wenn dieses Namens Deutung ist die echte.

Im Weltdienst nicht, wie heut die Menschenschae
Dem Ostier folgt und des Thaddäus Lehren,
Nein! dem zu lieb was wahres Manna war,

Sollt er als Lehrer bald sich groß bewähren
Und ging im Weinberg forschen, der, wenn träge
Der Winzer ist, nur Unkraut kann gewähren.

Und von dem Stuhl, der frommer Armen Pflege
Einst milder war (nicht Schuld des Stuhles, nein!
Der, der ihn einnimmt, geht auf schlechtem Wege!)

Erbat er, nicht Dispens für sechs von zwein,
Nicht den Genuß der ersten offnen Pfründe,
Nicht Zehnten, die Gott Armen will verleihn,

Nein! nur Erlaubniß, mit der Welt voll Sünde,
Zu kämpfen für die Saat, von welcher ich
Zweimal zwölf Pflanzen hier im Kreis dir künde.

Mit Thatkraft und Gelehrtheit brach er sich
Bahn mit des Papstes Vollmacht, daß dem Quelle,
Der tiefem Spalt entquillt, sein Streben glich.

Und am lebendigsten traf an der Stelle
Das ketzrische Gestrüpp sein kühner Muth,
Die, schien es, Widerstand entgegenstelle.

Von ihm entsprang verschiedner Bäche Fluth,
Berieselnd des katholischen Gartens Saat,
Drob seine Sträucher keimen wohlgemuth.

War der Art jenes Wagens eines Rad,
Der Schutz der heiligen Kirche so bewiesen,
Daß sie den Bürgerkrieg im Kampf zertrat,

So muß des andern Trefflichkeit erwiesen
Dir zur Genüge wohl und deutlich sein,
Die Thomas freundlich, eh ich kam, gepriesen.

Doch steht das Gleis verlassen und allein,
Das es beschrieb mit seinem obern Kreise;
Drum stellt, wo Weinstein war, sich Schimmel ein;

Weil seine Schar, die einst in sein Geleise
Die Füße setzte, dieses so verlernte,
Daß sie nun geht in umgekehrter Weise.

Doch bald wird man gewahren an der Ernte
Den schlechten Anbau, wenn der Lolch wird klagen
Darob, daß man vom Speicher ihn entfernte.

Wer Blatt um Blatt des Buches umgeschlagen
Der hätt', ich weiß, auch Seiten ausgespüret,
Die “Ich bin was ich war« als Aufschrift tragen.

Nicht von Casal und Aquasparta rühret
Ein solches, woher mancher zu uns hält,
Der bald die Regel flieht, bald enger schnüret.

Bonaventura hieß ich in der Welt,
Aus Bagnoregio, der im großen Amt
Die niedern Sorgen stets zurückgestellt.

Illuminat und Augustin hier flammt,
Die ersten fast, von denen, Gott zu dienen
Barfuß und unterm Strick, die Sitte stammt.

Auch Hugo von Sanct Victor ist mit ihnen,
Petrus Comestor und Hispanus dann,
Deß hohe Gaben aus zwölf Büchlein schienen.

Nathan der Seher, Metropolitan
Chrysostomus, Anselm, Donat, der, nicht
Zu stolz, an die Grammatik Hand legt' an.

Rhaban ist dort, und mir zur Seite dicht
Glänzt von Abt Joachim, dem Calabresen,
Dem Gott Prophetengeist verlieh, das Licht.

Zu preisen solchen Kämpfer, so erlesen,
Trieb mich durch sein bescheidnes Wort fürwahr
Des Bruders Thomas liebentflammtes Wesen,

Und trieb mit mir auch diese ganze Schar.’


Dante Alighieri - 13

Die beiden Kränze von je zwölf Seligen tanzen in concentrischen Kreisen, aber nach entgegengesetzter Richtung. Dann ergreift Thomas von Aquino wieder das Wort und löst Dantes Zweifel bezüglich Salomos. Der Irrthum, in welchem Dante sich befunden, gibt Anlaß zur Anpreisung von Vorsicht beim Urtheilen.

Wer recht will fassen was ich nun gesehen,
Der denke sich - es muß dem Felsen gleich
Das Bild, indeß ich spreche, vor ihm stehen -

Fünfzehen Sterne, die des Himmels Reich
Ringsum beleben mit so lichter Pracht,
Daß sie durchdringt der dicksten Luft Bereich;

Den Wagen denk' er sich, der Tag und Nacht
Sich gnügen läßt an unsers Himmels Grunde,
Daß er nie müd die Deichsel drehen macht;

Dies denk' er sich sammt jenes Hornes Munde,
Das da beginnt an jener Achse Wende,
Um die das erste Rad sich schwingt im Runde,

Und daß ein Doppelzeichen dann entstände
Aus all Dem, jenem gleich, das Minos Kind
Gebildet, als sie nahe fühlt' ihr Ende;

Daß eines Radien in dem andern sind
Und beide drehten sich in dieser Weise,
Eins vorwärts, eines rückwärts, pfeilgeschwind:

So ist das nur ein Schattenbild vom Kreise
Der Stern' und von dem Doppeltanz zu nennen,
Der dort um meinen Standpunkt zog die Gleise.

So weit besiegt er alles was wir kennen
Als der Chiana Lauf von jenem Sterne
Besiegt wird, der am schnellsten weiß zu rennen.

Nicht klangs von Bacchusliedern - das sei ferne! -
Nein! drei Personen in der Gottnatur,
Und Gott und Mensch vereint in einem Kerne.

Als Sang und Reigen nun ein End' erfuhr,
Sah ich die heiligen Lichter sich uns neigen;
Sie machte Sorg' um Sorge seliger nur.

Und jetzt brach der einmüthigen Geister Schweigen
Das Licht, das erst das wunderbare Leben
Des Gottesannen mir geruht zu zeigen.

Es sprach: ‘Da nun die ersten Garben eben
Gedroschen und das Korn zum Speicher kam,
Heißt Liebe mich nach zweitem Dreschen streben.

Du glaubst, der Brust, draus man die Rippe nahm,
Daß sie zum schönen Weibe sich verkehre,
Deß Gaumenlust der Welt schuf bittern Gram,

Und jener andern, die, durchbohrt vom Speere,
So vor- wie nachher so viel that Genüge,
Daß sie auswog jedweder Sünde Schwere,

Sei eingeflößt all was an Licht ertrüge
Die menschliche Natur von jener Kraft,
Die wollte, daß in Beiden Leben schlüge.

Wenn, was ich sagte, jetzt dir Zweifel schafft,
Daß sich zum Schaun kein Zweiter wie der Weise
Erhob, der in dem fünften Lichte schafft,

So sieh in meiner Antwort die Beweise,
Daß wahr dein Glaube, doch auch wahr mein Wort,
So wahr der Mittelpunkt gehört zum Kreise.

Was hier unsterblich und was sterblich dort,
Ist nur ein Abglanz, der Idee entflossen,
Die unser Herr zeugt aus der Liebe Hort.

Denn das lebendige Licht, das sich ergossen
Aus seinem Lichtquell, nie von ihm enteint
Noch von der Lieb', dem dritten der Genossen,

Durch seine Güte wie in Spiegeln eint
Es seine Strahlen in neun Wesenheiten,
Wobei es ewig doch als eins erscheint.

Hinab bis zu den letzten Fähigkeiten
Steigt es sich senkend so von Grad zu Grad,
Um endlich nur Zufälliges zu bereiten.

Mit dem was ich zufällig nannte grad,
Bezeichn' ich das Erzeugniß, das das Kreisen
Des Himmels schaffet mit und ohne Saat.

Das Wachs und der es schmilzt, nicht stets erweisen
Sie sich gleich gut; weshalb bald mehr erhaben
Bald minder, sich die Abdrücke uns weisen.

Daher kann gleiches Holz doch Früchte haben
Verschiedner Art, bald besser und bald schlechter;
Drum kommt zur Welt ihr mit verschiednen Gaben.

Und wäre stets der Stoff ein reiner, echter,
Der Himmel stets in seiner höchsten Kraft,
Des Siegels Abdruck wäre stets ein rechter.

Doch immer gibt Natur es mangelhast,
Weil sie dem Künstler ähnlich ist, der zwar
Geübt, doch dessen Hand nur zitternd schafft.

Wo, was die erste Kraft erschaute klar,
Geprägt von Liebe wird, von heißer, langer,
Da nur entsteht Vollkommenes fürwahr.

Also ward würdig einst der Erdenanger
Für jeder höchsten Lebenskraft Vereinung;
Auf solche Weise ward die Jungfrau schwanger.

Beistimmen muß ich also deiner Meinung:
Nie war des Menschen Art noch wird hinfort
Sein was sie war in jener Zwei Erscheinung.

Jetzt, schritt' ich dieses Wegs nicht weiter fort,
“Wie denn, daß Jener sondergleichen wäre?«
Also erwidern würde mir dein Wort.

Daß ich, was dir nicht deutlich, dir erkläre,
Denk' wer er war und was der Grund allein,
Der ihn hieß fordern, als Gott sprach: Begehre!

Ich sprach nicht so, daß du nicht sähest ein,
Als König fiel auf Weisheit seine Wahl,
Um ein vollkommner König so zu sein.

Nicht fragt' er nach der Himmelslenker Zahl,
Nicht ob Nothwendges mit Zufälligkeiten
Nothwendges könn' erzeugen je einmal;

Nicht, ob aus Urbewegung herzuleiten
Sei alles, nicht ob sich aus halbem Kreise
Ein Dreieck ohne Rechten läßt bereiten.

Erwägst du das was ich an ihm hier preise,
So siehst du ein, daß Königsweisheit war
Im Schauen ohne Gleichen, drauf ich weise.

Und machst du das «Sich hob», dem Auge klar,
So siehst du, es kann nur auf Könige gehen
Die selten gut, wie groß auch ihre Schar.

Mit diesem Unterschied mußt dus verstehen;
So kanns mit deinem Glauben im Verein
Von Adam und von Christus wohl bestehen.

Dieß laß dir Blei an deinen Füßen sein,
Und laß, wo du nicht siehst, sie langsam schreiten,
Gleich einem Müden so zum Ja wie Nein.

Denn der Thor steht am tiefsten wohl bei weitem,
Der Ja und Nein sagt sonder Unterschied,
Mag man um dieses oder jenes streiten.

Die rasche Meinung, wie es oft geschieht,
Irrt gar zu leicht, nach falscher Seite rennend,
Wo Leidenschaft die Einsicht nach sich zieht.

Mehr als vergeblich sich vom Ufer trennend,
Weil er nicht wie er ausfuhr wiederkehrt,
Thut wer nach Wahrheit fischt, die Kunst nicht kennend.

Das hat Parmenides der Welt bewährt,
Brissus, Meliß und andre, die dem Ziele
Zustrebten, ob der Richtung nicht belehrt.

So that Sabell, Arrius und gar viele,
Die Schwertern gleich den heiligen Schriften waren,
Zerstörend ihr Gesicht in frevlem Spiele.

Vor raschem Urtheil soll der Mensch sich wahren,
Nicht jenen gleich, die schon die Ernte sagen,
Eh noch gereift die Früchte sind, verfahren.

Ich sah den Dornstrauch, der in Wintertagen
Sich stachlig starr und ungefüge zeigte,
Die Rose doch auf seinem Zweige tragen.

Ich sah auch manches Schiff, das grad' und leichte
Meerfahrt gehabt auf seinem ganzen Wege,
Umkommen eh den Hafen es erreichte.

Daß Hinz und Kunz nur nicht den Glauben hege,
Wenn sie Den stehlen, Jenen opfern sehen,
Daß gleiches Maß an sie der Ewige lege;

Denn Der kann fallen, Jener kann erstehen.‘


Gesang 14

Beatrix bittet die seligen Geister, Dante Aufklärung darüber zu gewähren, ob nach der Auferstehung ihr Licht dasselbe sein und bleiben, und ob dasselbe die Augen ihres auferstandenen Körpers nicht blenden werde. Antwort ertheilt darauf Salome, indem er berichtet, daß die Organe des neuen Leibes dem wachsenden Lichte entsprechen werden. Darauf steigen Beatrix und Dante in den Mars. Die Lichter in demselben bilden ein Kreuz, in welchem sie sich hin und her bewegen. Ein süßer Gesang zum Lobe Christi läßt sich vernehmen.

Vom Mittelpunkt zum Rand, vom Rand zur Mitten
Im runden Napf fließt Wasser, wie es grad
Von innen oder außen Stoß erlitten.

Das wars was plötzlich vor den Sinn mir trat,
Als jetzo schweigend Thomas' glorreich Leben
Dem Ziele seiner Rede war genaht,

Ob einer Aehnlichkeit, die sich jetzt eben
Mit seiner und Beatrix' Rede wies,
Der es gefiel nach ihm so anzuheben:

‘Noth thäte Jenem - zwar nicht sagt er dies
Noch denkt er selbst es - ganz hineinzusteigen
In einer andern Wahrheit tief Verließ.

Sagt ihm, ob jenes Licht, das euern Reigen
Umblühet, wird in Ewigkeit bestehen,
Und wie es jetzt ist, sich wird immer zeigen.

Und wenn es bleibt, so sagt, wie kanns geschehen,
Daß, wenn ihr wieder Sichtbarkeit gewonnen,
Es keinen Schaden thut der Kraft zum Sehen?’

Wie manchmal im Gewühle größrer Wonnen
Bei Rundgesang und frohem Reigentritte
Wird lautrer Sang und lautre Lust begonnen:

So zeigten auf die frommbereite Bitte
Die heiligen Kreise größre Freudigkeit
Im Ton des Liedes und des Tanzes Schritte.

Wer klagt, daß man muß sterben in der Zeit,
Um droben fortzuleben, fühlte nimmer
Den frischen Gnadenthau der Ewigkeit.

Der Eins und Zwei und Drei ist, lebend immer
Und ewig herrscht in Einem, Zwein und Dreien,
Der, unumschränkt, das All mit seinem Schimmer

Umschränkt - Ihm sang ein jeder Geist im Reihen
Dreimal in also süßen Melodieen,
Die Voll-Lohn dem Verdienste würden leihen.

Und aus dem Licht, dem höchster Glanz verliehen
Im kleinern Kreis, tönt' eine Stimme leise,
Vielleicht wie die des Engels zu Marien:

‘So lang die Feier währt im Paradeise,
So lange wird auch unsrer Liebe Fluth
Ausströmen solches Licht aus unserm Kreise.

Entsprechen muß das Leuchten unsrer Gluth,
Die Gluth dem Schaun, und dieses reicht so weit
Als Gnade über eigne Kraft drauf ruht.

Sobald des ruhmvoll heiligen Fleisches Kleid
Uns neu umfängt, dann unserm Wesen mehret
Sich, weil's vollständig, Wohlgefälligkeit.

Drum wird sich mehren dann, was uns gewähret
An unverdientem Licht das höchste Gut,
Das anzuschauen solches Licht uns lehret.

Daher muß wachsen auch das Schaun, die Gluth
Auch wachsen, die das Schaun zur Nahrung brauchet,
Der Strahl auch wachsen, der aus ihr beruht.

Und wie die Kohle, die da Flammen hauchet,
Durch weißen Lichtglanz diese noch besieget,
So daß sie sichtbar aus den Flammen tauchet,

So wird der Glanz, der jetzt uns schon umflieget,
Besiegt einst werden von des Fleisches Licht,
Das jetzt noch in der Erde Tiefen lieget.

Doch uns beschweren wird dies Leuchten nicht;
Kraft werden unsers Leibs Organ' empfangen
Für alles das, was Wonnen uns verspricht.’

Und beide Chör' in solchem Eifer sangen
Ihr Amen, daß darin schien hell zu flammen
Der Wunsch, den todten Leib bald zu erlangen;

Nicht ihren nur, auch Derer allzusammen,
Die gleich wie Vater, Mutter ihnen theuer
Gewesen, eh sie wurden ewige Flammen.

Und sieh! es zeigte sich ringsum ein neuer
Gleich heller Glanz ob jenem, der schon war,
Wie wenn am Himmel strahlt Auroras Feuer.

Und wie beim ersten Abendnahen klar
Sich neue Lichter an dem Himmel zeigen,
So daß es wahr erscheint und auch nicht wahr:

So schienen neue Wesen aufzusteigen
Vor meinem Blick und einen Kreis zu ziehen
Rings um der beiden andern Kreise Reigen.

O heiligen Geistes wahrhaft Flammensprühen,
Wie stand es plötzlich glänzend vor mir da,
Daß mein geblendet Aug' nicht trug sein Glühen!

Allein Beatrix, schön und lächelnd, sah
Mich an, so schön, daß es dem Sinn entschwunden;
Ich schweige wie von andrem was geschah.

Als meine Augen wieder Kraft gefunden,
Da sah ich mich entrückt allein mit ihr
Zu höherm Heil, auch dieses zu erkunden.

Daß ich emporgestiegen, zeigte mir
Das feuergleiche Lächeln des Planeten,
Denn röther als gewöhnlich war er hier.

In jener Sprach' in der wir alle beten,
Aus ganzem Herzen opfert' ich dem Herrn
Für neue Gnade, die mich angetreten.

Noch nicht erschöpft war in des Busens Kern
Die Opfergluth, da konnt' ich schon erkennen,
Daß Gott die Gabe hold empfing und gern.

Denn Lichter sah ich jetzt so helle brennen,
So glühendroth inmitten zweier Strahlen:
O Gott, wie schmückst du sie! mußt' ich bekennen.

Wie wir die Milchstraß', die in Zweifels Qualen
Den Forscher stürzt, sehn hell am Himmelsgrunde
Von größern und von kleinern Sternen strahlen:

So bildeten im innern Mars, zum Bunde
Vereint, die Strahlen das ehrwürdige Zeichen
Das die Quadranten ziehn im Kreisesrunde.

Es muß der Geist hier dem Gedächtniß weichen;
Denn also strahlt' in diesem Kreuze Christus,
Daß ich mit nichts es würdig kann vergleichen.

Doch wer sein Kreuz aufnimmt und folget Christus,
Verzeihn wird der mein Schweigen, wohl gewogen,
Wenn ihm in solchem Glanz einst leuchtet Christus.

Von Arm zu Arm, zum Fuß vom Gipfel flogen
Lichtschimmer hin und sprühten Flammenhelle,
Wenn sie sich trafen und vorüberzogen.

So sieht man Sonnenstäubchen hier - bald schnelle,
Bald langsam, kurz und lang, auf krummen Wegen
Und graden in des Strahles lichter Welle,

Die manchmal durch den Schatten streift, den gegen
Die Sonnengluth zum Schutz der Mensch ersonnen
Mit sinnesreicher Vorsicht - sich bewegen.

Wie wenn von Saiten, zum Accord voll Wonnen
Gestimmt, von Geig' und Harfe süßes Klingen
Der hört, dem doch der einzle Ton zerronnen:

So von den Lichtern, die mich hier umfingen,
Klang eine Melodie, die mich entzückte,
Im Kreuz, ob auch die Worte mir entgingen.

Wohl merkt' ich, daß sie hohes Lob ausdrückte:
‘Steh auf und siege’ kam zu mir gedrungen,
Wie einem, dem ein halb Verstehn nur glückte.

So sehr ward ich von Liebe jetzt durchdrungen,
Daß ich nichts fand auf meines Lebens Wegen,
Das mit so süßen Banden mich umschlungen.

Vielleicht erscheint mein Wort allzu verwegen,
Das jene schönen Augen nachgesetzt,
Die stillen jeden Wunsch, den sie mir regen.

Doch wer bedenkt, daß mit dem Steigen jetzt
Der Schönheit lebensvolle Siegel steigen
Und daß mich jene hier noch nicht geletzt,

Der wird mich zu entschuldigen geneigen
Und sehn, daß wahr ich sprach und nicht geirrt;
Denn hier braucht heilige Freude nicht zu schweigen,

Weil sie, je höher, um so reiner wird.


Gesang 15

Nachdem der Gesang verstummt, schießt eines der Lichter an den Fuß des Kreuzes herab und redet Dante an. Es ist sein Ahnherr Cacciaguida. Dante sragt ihn mit Beatrix' Erlaubniß nach seinem Namen, worauf Cacciaguida Auskunft über sich und sein Geschlecht ertheilt und im Lobe des alten Florenz im Gegensatz zu dem neuen sich ergeht.

Der gütige Will', in den sich stets die Liebe
Ergießt, wenn sie auf rechte Weise haucht,
Wie sich Begierde zeigt in bösem Triebe -

In Schweigen hatte sein Gebot getaucht
Der heiligen Leier Saiten, die die Rechte
Des Himmels spannt und nachläßt, wie sie's braucht.

Wie wären taub für Bitten, für gerechte,
Die Wesen, die jetzt schwiegen, um mir Muth
Zu machen, daß die Bitt' ich vor sie brächte!

Mit Recht beklagt endlosen Leides Fluth
Wer da für Dinge aufgibt, die doch keine
Dauer besitzen, ewiger Liebe Gut.

Wie oft in stiller Nächte klarer Reine
Rasch durch den Himmel wohl ein Feuer fährt,
Das unsern ruhnden Bliek nachzieht dem Scheine,

Als wärs ein Stern, der anderm Ort zu kehrt,
Nur daß da, wo es herkam, keiner schwand
Und daß es selber kurze Zeit nur währt:

So lief vom Arme, der nach rechts gespannt,
Aus jenes Sternbilds glänzend hellem Licht
Ein Stern, zu jenes Kreuzes Fuß gewandt.

Auch schied vom Bande das Juwel sich nicht;
Quer durch des Kreuzes Strahlen kams geflogen,
Wie Licht, das durch den Alabaster bricht.

So zeigt' Anchises Schatten sich gewogen,
Der im Elysium ward den Sohn gewahr,
Falls uns die höchste Muse nicht gelogen.

‘O du mein Blut, o Gnade wunderbar,
Die Gott dir gab, daß dir zu zweien Malen
Des Himmels Pforte aufgeschlossen war.’

So jenes Licht; ich blickt' in seine Strahlen,
Worauf ich mich wieder zur Herrin wandte;
Doch Staunen mußt' auch hier mein Antlitz malen,

Weil solch ein Lächeln ihr im Auge brannte,
Daß ich das Ziel von Gnad' und Paradies
Nun glaubt' erreicht, das Gott mir zuerkannte.

Darauf, dem Aug' und Ohr erfreulich, ließ
Es seinem Anfang folgen weitre Dinge,
Die ich nicht faßt' - ihr Tiefsinn wirkte dies.

Nicht wollt' es, daß mir das Verstehn entginge,
Es war Nothwendigkeit, weil sein Gedanke
Weit über Menschengrenzen hob die Schwinge,

Als heißer Liebe hochgeschoßne Ranke
So weit sich senkte, daß die Worte nahmen
Die Rückkehr in des Menschengeistes Schranke,

Das erste, was die Ohren da vernahmen,
War: ‘Dir, Dreieiniger, sei Lob und Preis,
Der du so gnädig bist in meinem Samen.’

Dann fuhr er fort: ‘Von Sehnsucht lang und heiß,
Die mich bei jenes großen Buches Lesen
Ergriff, das nie verändert Schwarz noch Weiß,

Machst du mich, Sohn, in diesem Licht genesen,
In dem wir sprechen; was wir ihr verdanken,
Die deines Fluges Ursach ist gewesen.

Du meinst, zu mir gelangt vom Urgedanken
So dein Gedanke, wie, wenn eins man kennt,
Draus Fünf und Sechs hervorgeht ohne Wanken.

Und darum fragst du nicht wie man mich nennt
Noch warum freudiger als irgend eine
In dieser Schar hier meine Flamme brennt.

Und du glaubst recht, weil Große so wie Kleine
Aus diesem Leben in den Spiegel sehen,
Der, ungedacht, Gedanken kennt, auch deine.

Doch damit mehr Genüge kann geschehen
Der ewigen Lieb', in der ich schauend wache,
Die süßer Sehnsucht Durst mich läßt durchwehen,

So sprich, daß deine Stimme kund mir mache,
Kühn, freudig, sicher, allen Wunsch und Willen:
Was ich erwidre, ist beschloßne Sache.’

Ich sah Beatrix an, die einen stillen
Lächelnden Wink mir gab, noch eh ich sprach,
Der höher noch mein Sehnen machte quillen.

Einsicht und Liebe, hob ich an darnach,
Seit euch die erste Gleichheit ist erschienen,
Folgt gleiches Maßes eurer jedem nach.

Denn in der Sonne, die zur Leuchte dienen
Euch muß und euch erwärmt, sind sie so gleich,
Daß jedes Gleichniß nicht genügt bei ihnen.

Doch Wunsch und Fähigkeit im Erdenreich
Aus einem Grunde, der euch wohl bewußt,
Hat Flugkraft von verschiedenem Bereich.

Weil ich die Ungleichheit in meiner Brust
Als Mensch empfinde, kann ich mit dem Herzen
Nur danken für die väterliche Lust.

Doch du, der strahlt in lichten Flammenkerzen,
Dich fleh' ich an, lebendiger Topas,
Sprich wer du bist, still' aller Sehnsucht Schmerzen.

‘Mein Zweig, du, den ich mir zur Lust erlas
Im Harren schon, du stammst von meinem Aste.’
Als Anfang seiner Antwort hört' ich Das.

‘Der deinen Stamm benannt,’ dies Wort erfaßte
Ich drauf, ‘und der wohl hundert Jahr' und mehr
Ums erste Sims lief, ohne daß er raste,

Mein Sohn war und dein Eltervater Er.
Es ziemt, daß du die lange Müh' und Reise
Durch deine Werk' ihm kürzest, dir daher.

Florenz in seiner alten Mauern Kreise,
Von dem man jetzt noch Terze zählt und None,
Es lebt' in friedlich mäßig keuscher Weise.

Da gabs noch keine Kettlein, keine Krone,
Noch nicht Sandalen, keinen Gurt, deß Schimmer
Mehr als die Trägrin zu betrachten lohne.

Die ungeborne Tochter machte nimmer
Dem Vater Sorge, denn man hielt in Jahren
Und Mitgift damals rechtes Maß noch immer.

Nicht Häuser gabs, drin keine Menschen waren;
Noch war gekommen kein Sardanapal,
Um möglichst Zimmerprunk zu offenbaren.

Noch überbot da nicht den Montemal
Uccellatojo; doch im Niedergehen
Thut wie im Steigen ers ihm vor einmal.

Im Gurt von Bein und Leder ließ sich sehen
Bellincion Berti; vor dem Spiegelglas
Sah ungeschminkt man seine Gattin stehen.

Da hielten Nerli und del Vecchio Maß,
Zufrieden mit dem ledernen Collette,
Indeß die Frau bei Spill' und Kunkel saß.

Die Glücklichen! Und ihrer Grabesstätte
War jegliche gewiß, und es lag keine
Um Frankreichs willen einsam noch im Bette.

Bei ihrer Wiege sorglich saß die Eine
Und lullt' in Schlummer ein in jener Sprache,
Die Eltern so beglückt, das liebe Kleine;

Die Andr', am Rocken spinnend im Gemache,
Erzählt den Ihren viel vom Lauf der Welten,
Von Rom, von Fesulae, von Trojas Sache.

Gegolten hätte da als wunderselten
Cianghella und Lapo Saltarello, eben
Wie Cincinnat jetzt und Cornelia gälten.

So ruhigem, so schönem Bürgerleben,
So trauter Bürgerschaft, so süßem Ort
Der Heimat hat Maria mich gegeben,

Als man sie rief mit hülfeflehndem Wort.
Man hieß mich Cacciaguida, als man mich
Zum Christen weiht' im alten Taufhaus dort.

Moront' und Eliseo hatte ich
Zu Brüdern, aus dem Thal des Padus kam
Mein Weib, von dem der Zunam' erbt aus dich.

Dem Kaiser Konrad folgt' ich dann, er nahm
Mich zum Vertrauten, gürtete den Degen
Mir um, als meine Thaten er vernahm.

Ich zog ihm nach, dem Glaubenskampf entgegen
Mit jenem Volk, das durch die Schuld des Hirten
Auf euer Recht darf kühnen Anspruch hegen.

Dort ward ich von dem Volk, dem wahnverwirrten,
Aus jener trügerischen Welt geschieden,
Durch deren Liebe schon viel Seelen irrten,

Und kam vom Martyrtod zu diesem Frieden.


Gesang 16

Dante, stolz auf seine Ahnen, bittet Cacciaguida um Nachricht über den Zustand von Florenz zu Cacciaguidas Zeit. Cacciaguida schildert das alte Florenz mit tadelnden Seitenblicken auf die Gegenwart.

O du geringer Adel unsers Blutes,
Wenn du zum Prahlen Anlaß bist für Einen
Hienieden, wo der Mensch so schwachen Muthes,

So wird das nie mehr wunderbar mir scheinen;
Denn dort, wo nichts die rechte Neigung irrt,
Im Himmel, sag' ich, rühmt' ich mich des meinen.

Du bist ein Mantel, der stets kürzer wird,
So daß, setzt man nicht an in spätern Tagen,
Die Zeit ihn stutzt, wenn ihre Scheere klirrt.

Mit jenem Ihr, das Rom zuerst ertragen,
Das jetzt jedoch die Römer minder lieben,
Begann ich nun von neuem ihn zu fragen.

Beatrix, die ein wenig fern geblieben,
Stand lächelnd, daß der Hustenden sie glich
Beim Fehl, der von Ginevra steht geschrieben.

Ihr seid mein Vater, also redet' ich;
Ihr gebt mir vollen Muth mich auszusprechen
Und ihr erhebt mich lächelnd über mich.

Mit Wonne füllt sich aus so vielen Bächen
Mein Herz, so daß es Freude muß umfahn,
Weil es sie fasset, ohne zu zerbrechen.

So sagt mir denn, mein vielgeliebter Ahn,
Von euren Vordern; welche Jahreszahl
Schrieb man, als ihr das Leben habt empfahn?

War St. Johanns Gemeinde dazumal
Schon groß? sagt, welches die Geschlechter waren,
Die würdig für der höchsten Sitze Wahl?

Und wie die Kohle durch den Hauch zur klaren
Gluth sich belebt, konnt' ich ein helles Licht
Bei meinem Schmeichelwort an ihm gewahren.

Und wie es schöner ward für mein Gesicht,
So auch mit sanfterer und süßrer Zungen
Sprach es, doch in der heutigen Sprache nicht:

‘Vom Tage, wo das Ave einst erklungen,
Bis dahin wo die Mutter mich in Qual
Gebar, die jetzt des Himmels Heil errungen,

Kam dieser Stern fünfhundertachtzigmal
Zurück zu seinem Leu'n, um zu entbrennen
Ihm unterm Fuß zu neuem Flammenstrahl.

Ich selbst und meine Väter lernten kennen
Das Licht der Welt dort, wo zuerst berührt
Das letzte Sechstel euer jährlich Rennen.

Nicht mehr sei von den Ahnen angeführt;
Denn wer sie waren, wo sie Wurzel schlugen,
Das künd' ich nicht, weil Schweigen hier gebührt.

Die Männer, die die Waffen damals trugen
Zwischen Mars Standbild und Johannes, wißt,
Daß sie der heutigen fünften Theil betrugen.

Rein war der Bürger, der gemischt jetzt ist
Mit Campi und Certaldo und Fighine,
Im letzten Handwerksmann zn jener Frist.

Wenn Die noch eure Nachbarn wären, schiene
Mir vieles besser, und daß euch zur Grenze
Galluzzo noch und Trespiano diene,

Als daß nun stinkend bei euch drinnen schwänze
Der Baur von Signa und von Aguglion,
Der ausschaut, wem er seinen Trug credenze.

Und wäre die entartete Nation
Dem Kaiser nicht stiefmütterlich gewesen,
Nein! mild wie eine Mutter ihrem Sohn,

So hätte, wer jetzt in Florenz sein Wesen
Als Händler treibt, zur Heimat Simifonte,
Wo einst sein Ahn hausirte, noch erlesen;

Auf Montemurlo säße noch der Conte,
Die Cerchi würden in Acone wohnen
Und wohl im Grevethal die Buondelmonte.

Stets war die bunte Mischung von Personen
Der Grund, wodurch die Städte untergingen,
Wie Speisenmischung schlimm dem Leib muß lohnen.

Den blinden Stier wird man zu Fall eh bringen
Als blindes Lamm, und oftmals wars der Fall ja,
Daß ein Schwert besser schnitt als selbst fünf Klingen.

Beachtest Luni du und Urbisaglia,
Wie sie verkamen, und wie, ihnen gleich,
Auch Chiusi untergeht und Sinigaglia,

Wird es dir neu nicht sein und wunderreich,
Wenn du Geschlechter schwinden hörest eben,
Da Städte selber trifft des Todes Streich.

All was ihr habt, dem Tod ists untergeben,
Wie ihr; bei manchem scheint er mehr versteckt,
Was lange währt, weil kurz ist euer Leben.

Und wie des Mondes Himmel kreisend deckt
Und aufdeckt unsre Küsten ohne Ruh,
So das Geschick Florenz, das Gott ihm weckt.

Drum darfst du nicht erstaunen, hörest du
So manchen Namen hoher Florentiner,
Die, einst berühmt, jetzt deckt Vergessen zu.

Ich sah die Ughi, sah die Catelliner,
Filippi, Greci, Alberichs, Ormannen,
Ihr Aller Stamm, im Sinken groß noch schien er.

Ich sah, so alt wie blühend einst, von dannen
Das Haus Sanella, das von Arca gehen,
Bostichi, Soldanier', Ardinghis Mannen.

Am Thor, wo neuer Treubruch jetzt geschehen
Von solcher Schwere, daß man rasch entschlossen
Wird bald des Schiffes Last erleichtert sehen,

Wohnten die Ravignani, draus entsprossen
Graf Guide und all Die als an den ihren
An Bellinciones hohen Stamm sich schlossen.

Schon wußte der von Pressa zu regieren
Und Galigajo schon im Haus das Schwert
Mit Gold am Bügel und am Knops zu zieren.

Schon war des Grauwerks Säule hochgeehrt,
Giuochi, Sacchetti, Galli und Barucci,
Und Die des Scheffels halber Scham verzehrt.

Der Stamm, dem die Fisanti und Galfucci
Entsproßt, war groß schon; zu curulischen Sitzen
Zog man die Sizzi schon und Arrigucci.

Hoch sah ich sie, die Hoffart fällte, sitzen;
Ich sah, Florenz, bei allen deinen Thaten
Die goldnen Kugeln ausgezeichnet blitzen.

Nicht minder Recht die Väter Derer thaten,
Die, wenn erledigt euren Stuhl man sieht,
Sich im Capitel mästen faul am Braten.

Die übermüthige Brut, die Den, der flieht,
Verfolgt wie Drachen, gegen Den ein Lamm,
Der ihr den Zahn weist oder 'n Beutel zieht,

Kam schon empor, doch aus geringem Stamm;
Weil sie der Schwäher ihm zu Vettern gab,
Schwoll wild dem Ubertin Donat der Kamm.

Gestiegen schon von Fiesole herab
Zum Markt war Caponsacco, und schon gaben
Giuda und Insangato Bürger ab.

Unglaublich, doch ob Zweifeln ganz erhaben:
Zum kleinen Kreis ein trat man durch ein Thor,
Das nach den Pera sie benamset haben.

Sie alle, die das Wappen hebt empor
Des großen Herren, dem am Thomastage
Erneuert wird des Ruhms und Namens Flor,

Schmückt' er mit Urkund' und mit Ritterschlage,
Wiewohl er, ders umzieht mit goldner Zier,
Dem niedern Volk sich anschließt heutzutage.

Schon Importun' und Gualterotts gabs hier,
Und Borgo führt' ein friedlicheres Leben,
Falls neue Nachbarn fern hielt sein Revier.

Das Haus, aus dem sich eure Leiden heben,
Ob des gerechten Zorns, der Tod euch brachte
Und heiterm Dasein trüben Schluß gegeben,

Stand hoch, wie all den Seinen Ehre lachte.
O Buondelmonte, schlecht hast du gehandelt,
Weil schlechter Rath der Braut dich treulos machte.

Nicht wäre Manches Lust in Leid verwandelt,
Wenn Gott der Ema dich gegeben hätte.
Als du das erstemal zur Stadt gewandelt.

In seinem letzten Frieden mußt' der Stätte
Florenz ein Opfer bringen, wo der Stein
Steht auf der Brücke, der die Stadt errette.

Mit diesen und mit andrer Bürger Reih'n
Sah ich Florenz in solchem Frieden leben,
Daß es nicht Ursach fand betrübt zu sein.

Mit diesen Bürgern sah ichs ruhmvoll streben,
Sah so gerecht sein Volk, daß nie am Schaft
Verkehrt die Lilie sich durfte heben,

Nie roth gefärbt vom Streit der Leidenschaft.’


Gesang 17

Aus Veranlassung von Dante prophezeit Cacciaguida ihm die Leiden seiner Zukunft, seiner Verbannung, aber auch die Gunst, die er bei Cangrande della Scala erfahren werde. Des Dichters Schwanken, ob er alles auf seiner Wanderung Vernommene in seinem Liede melden solle, weiß Cacciaguida zu heben, indem er ihn auffordert, unerschrocken die volle Wahrheit zu verkünden.

Wie Der, der Vätern Vorsicht räth genüber
Den Söhnen, sich an Clymene gewandt,
Als Schlimmes er gehört, um Auskunft drüber

Zu bitten: so fühlt' ich mich, so verstand
Beatrix mich, und so die heilige Leuchte,
Die meinethalb verlassen ihren Stand.

Drum sprach sie: ‘Laß, was wünschenswert dir däuchte,
Heraus, daß es aus deiner Brust Bereiche,
Beprägt mit innerm Stempel, glüh' und leuchte.

Nicht daß, was du uns sagst, im Wissensreiche
Uns fördre, nein! gewöhnen sollst du dich
Den Durst zu künden, daß man Wein dir reiche.’

Mein theurer Stamm, der so hoch über mich
Sich hebt, daß - gleichwie man erkennt, zum zweiten
Stumpfwinkel fand nie Raum im Dreieck sich -

Du so erkennest die Zufälligkeiten,
Eh sie in sich sind, schauend aus das Wesen,
Dem gegenwärtig all' und jede Zeiten.

Dort, wo Virgil mein Führer noch gewesen,
Als ich hinabstieg zu des Todes Reiche
Und stieg zum Berg, der Seelen macht genesen,

Vernahm ich manche Worte, schmerzensreiche,
Von meiner Zukunft, ob ich - Dank dem Heile! -
Jetzt auch nicht zittre vor des Schicksals Streiche.

Drum würde mir Befriedigung zu theile,
Wüßt' ich welch Schicksal nahe meinem Leben;
Denn träger kommen vorgesehne Pfeile.

So sprach ich zu dem Lichte, das so eben
Mit mir gesprochen, und hatt' ihm gestanden
Den Wunsch, wie mir Beatrix aufgegeben.

Nicht in Vieldeutigkeit, in deren Banden
Die Völker irrten, eh noch Gottes Lamm
Den Tod erlitt, durch den die Sünden schwanden,

Nein! deutlich, so daß nie der Sinn verschwamm,
War was zur Antwort Vaterliebe gab,
Umstrahlt vom eignen Lächeln wundersam.

‘Das Reich zufälliger Dinge, dessen Stab
Nie weiter reicht als euer Stoff sich breitet,
Es bildet sich im ewigen Antlitz ab.

Nothwendigkeit wird nicht draus hergeleitet,
So wenig wie vom Auge, drin ein Kahn
Sich spiegelt, den stromabwärts es begleitet.

Von dorther treten, wie zum Ohr die Bahn
Sich bricht der Orgel Harmonie, der süßen,
Die Zeiten vor mein Auge, die dir nahn.

Wie Hippolyt Athen auf seinen Füßen
Verließ der grausamen Stiefmutter wegen,
So wirst auch du Florenz verlassen müssen.

Das ists was sie dort schon im Sinne hegen
(Ihr Sinnen wird zur That in kurzer Weile),
Wo täglich Christ sie zu verhandeln pflegen.

Dem Rufe nach wird dem gekränkten Theile
Wie stets das Unrecht folgen; doch die Rache
Zeugt bald für ihn, die senden Gottes Pfeile.

Verlassen wirst du unter deinem Dache
All was du liebst; den Pfeil als ersten streckt
Nach dir das Elend, daß er weh dir mache.

Dann wirst du fühlen, wie so salzig schmeckt
Der Fremde Brot, und wie zu fremden Stiegen
Emporzusteigen herben Kummer weckt.

Doch schwerer wird auf deinen Schultern wiegen
Der schlechten, thörichten Genossen Schar,
Die mit dir in des Abgrunds Tiefe liegen.

Denn toll und ruchlos und ganz undankbar
Bekämpft sie dich; doch ihr Haupt wird man sehen,
Nicht deins, von Blut geröthet ganz und gar.

Wie viehisch schlecht sie, zeigt ihr Weitergehen;
Doch dir gereicht zum Ruhme dein Verfahren,
Daß du auf dir allein nur wolltest stehen.

Herberg' und erste Zuflucht wirst erfahren
Du vom Lombarden, mächtig, hochgesinnt,
Der auf der Leiter trägt den heiligen Aaren;

Der solch Wohlwollen gegen dich gewinnt,
Daß zwischen euch von Bitten und Gewähren
Was sonst das spätre ist, zuerst beginnt.

Dort schaust du Ihn, der dieses Sternes hehren
Eindruck bei der Geburt so stark empfangen,
Daß wunderreich sein Thun an Ruhm und Ehren.

Noch konnte von ihm Kunde nicht erlangen
Die Welt ob seiner Jugend; denn erst neun
Der Jahre sind seit der Geburt vergangen.

Doch eh des Basken Ränke Heinrich dräun,
Wird er schon Funken seines Werthes zeigen,
Das Geld nicht achten und nicht Mühe scheun.

So hoch wird seine Herrlichkeit noch steigen
Dereinst, daß seine Feinde selbst dazu
Mit stummer Zunge nimmer können schweigen.

Auf ihn und auf sein Wohlthun baue du;
Viel Volkes stört er auf, so daß der Reiche
Und Arme tauscht den Platz, aus seiner Ruh.

Was du hier hörst, aus deinem Sinne weiche
Das nicht, doch schweig.’ Noch viel ward mir erschlossen,
Dran selbst wers sieht kaum mit dem Glauben reiche.

Dann fuhr er fort: ‘Mein Sohn, das sind die Glossen
Zu dem was dir gesagt ward, dies die Leiden,
Die weniger Jahre Kreislauf hält umschlossen.

Doch deine Nachbarn brauchst du nicht zu neiden,
Weil deines Lebens Zukunft weiter reicht
Als bis sie ihres Treubruchs Strafe leiden.’

Als schweigend nun die heilige Flamme zeigt',
Am Ende sei der Einschlag vom Gewebe,
Das ich ihr angezettelt dargereicht,

Sprach ich, wie wer da wünscht, daß Rath ihm gebe
Ein Mann, der guten Willen und Verstand
Und Liebe hat, der Zweifeln ihn enthebe:

Wohl seh' ich, Vater, eilig kommt gerannt
Die Zeit, den Streich zu führen reich an Schmerzen,
Der trifft am härtsten ohne Widerstand.

Drum sich mit Vorsicht waffnen ziemt dem Herzen,
Um, wenn geraubt mir wird der liebste Ort,
Nicht durch mein Lied die andern zu verscherzen.

Im endlos bittern Reiche unten dort
Und auf dem Berg, von dessen höchster Schichte
Mich hob der Herrin schönes Auge fort,

Und dann im Himmel hier von Licht zu Lichte
Vernahm ich, was, falls ich es wiedersage,
Wird Vielen zum gepfefferten Gerichte.

Doch wenn ich als der Freund der Wahrheit zage,
So fürcht' ich, nicht bei Denen fortzuleben,
Die alt einst nennen werden unsre Tage.

Das Licht, in dem mein Kleinod, das ich eben
Gefunden, lächelte, flammt' auf im Blitze,
Wie goldne Spiegel Sonnlicht wiedergeben.

‘Wer ein Gewissen,’ sprach er dann, ‘besitze,
Das eigne oder fremde Schuld befleckt,
Der fühle deines herben Wortes Spitze.

Drum halte, was du schautest, nicht versteckt;
Es mag sich kratzen wen da juckt die Haut.
Wahrheitsgetreu sei alles ausgedeckt.

Wenn manchem auch beim ersten Kosten graut
Vor deiner Stimme, wird sie Lebensspeise
Ihm hinterlassen, wenn er sie verdaut.

Dein Ruf wird wirken in der Stürme Weise,
Die allzumeist die höchsten Gipsel fassen;
Und das gereicht dir nicht zu kleinem Preise.

Drum hat man Seelen hier dich sehen lassen,
Am Berg und in des Schmerzenthals Gewinden,
Die so berühmt sind, daß sie nicht verblassen;

Weil nie Befried'gung wird der Hörer finden
Am Beispiel, und nie Glauben dran gewinnt,
Deß Wurzeln unbekannt in Nacht verschwinden;

Noch durch Beweise, die nicht sichtbar sind.’


Gesang 18

Cacciaguida zeigt Dante eine Reihe kriegsberühmter Helden, deren Lichter schnell vorüberschießen. Dann steigen Beatrix und Dante in den Jupiter, in welchem die Seelen gerechter Fürsten weilen. Die seligen Geister dieses Planeten bilden die Worte 'Diligite justitiam qui judicatis mundum.' Daraus entwickelt sich die Gestalt eines Adlers. An die lateinischen Worte schließt sich ein Ausfall des Dichters gegen die Ungerechtigkeit aus Erden, besonders der römischen Curie.

Schon freute sich der selige Geist an seinen
Gedanken, und ich selbst, mit Süßigkeit
Das Herbe mäßigend, mich an den meinen.

Doch Sie, die mir zu Gott gab das Geleit,
Sprach: ‘Aendre die Gedanken! denk': ich bin
Dem nah, der alles Unrecht sühnt und Leid.’

Bei diesem holden Ton wandt' ich mich hin
Zu meinem Trost; könnt' ich die Liebe sagen,
Die ich gewahrt' im heiligen Auge drin!

Nicht nur, daß ich am Worte muß verzagen,
Nein! auch weil das Gedächtniß nicht so weit,
Wenn es kein Andrer führt, zurück kann tragen.

Nur so viel weiß von dem Moment Bescheid
Mein Geist: in ihrem Anschaun selig, war
Mein Herz von jedem andern Wunsch befreit.

Die ewige Wonne, die unmittelbar
Strahlt' auf Beatrix, ihr im Angesichte
Gespiegelt, schwichtigt' all mein Sehnen gar.

Dann sprach sie, mich mit eines Lächelns Lichte
Besiegend: ‘Paradies ist nicht allein
In meinen Augen, dort den Blick hin richte!’

Wie manchmal des Gefühles Widerschein,
Das mächtig ward, sich spiegelt in den Zügen,
Wenn es die Seele ganz genommen ein,

So schiens, des heiligen Glanzes Flammen trügen,
Da ich mich zu ihm wandt', den Wunsch in sich,
Dem was er sprach noch etwas beizufügen.

‘Auf dieser fünften Stufe,’ sprach er mich
Drauf an, ‘am Baum, deß Gipfel Leben sprühet,
Der Früchte trägt und Blätter ewiglich,

Sind selige Geister, denen Ruhm erblühet,
Eh sie gekommen zu des Himmels Au;
Um Stoff wär' hier die Muse nicht bemühet.

Drum nach den Armen dieses Kreuzes schau;
Drin wird erscheinen, wen ich werde nennen,
Gleich wie der Blitz in dunkler Wolken Grau.’

Da sah ein Licht ich durch das Kreuz hinrennen
Bei Josuas Namen, und wie das geschah,
Ließ Nam' und That zugleich sich mir erkennen.

Bei Maccabaeus' hohem Namen sah
Ich eines wirbeln in der Flammen Schoße,
Und Wonne peitschte diesen Kreisel da.

Als Roland drauf erschien und Karl der Große,
Folgt' aufmerksam mein Blick der Beiden Fahrt,
Gleichwie das Auge folgt des Falken Stoße.

Dann wurde Wilhelm noch und Rennewart,
Guiscard und Herzog Gottfried im Gepränge
Des lichten Kreuzes von mir angestarrt.

Dann zeigte, sich mit andrer Lichter Menge
Bewegend, mir der Geist, der mit mir sprach,
Auch er sei Künstler himmlischer Gesänge.

Ich wandte mich der rechten Seite nach,
Um in Beatrix' Worten oder Mienen
Zu lesen, was zu thun mir jetzt entsprach.

So hell, so wonnig ihre Augen schienen,
Daß weichen mußte vor des Anblicks Lust
Was sonst, ja was zuletzt gestrahlt aus ihnen.

Und wie der Mensch, des Guten sich bewußt,
Die Freude wachsen fühlt von Tag zu Tage
Und fühlt die Tugend wachsen in der Brust:

So merkt' ich, daß der Himmel, der mich trage,
Beschreibe eines größern Kreises Bogen,
Weshalb ihr Wunderaug' auch heller tage.

Wie einer Maid, eh noch viel Zeit verflogen,
Die weiße Farbe kehrt aus ihre Wangen,
Wenn von dem Antlitz sich die Scham verzogen,

War mir vorm Aug' ein Wechsel vorgegangen,
Als ich mich wandte, durch des sechsten milden
Planeten Weiße, der mich jetzt empfangen.

Ich sah in Jovis leuchtenden Gefilden
Der Liebe Funkeln, das sich dort befand,
Vor meinen Augen Menschenworte bilden.

Wie Vögel, die auffliegen von dem Strand,
Und bald in runden, bald in langen Scharen
Voll Freude sich dem Mahle zugewandt:

So in den Lichtern hin und wieder fahren
Jetzt heilige Wesen, die erst D, dann I,
Und dann ein L in ihren Formen waren.

Erst tanzten sie nach ihrer Melodie,
Dann bildeten sie eines jener Zeichen,
Dann, etwas so verweilend, schwiegen sie.

O heilige Pegasäa, die du reichen
Nachruhm den Geistern gibst und dauernd Leben,
Wie sie durch dich den Städten und den Reichen,

Erleuchte mich, daß ich kann wiedergeben
Die Bilder, die ich sah, genau beschrieben;
Mag deine Kraft das flüchtige Lied beleben!

Es zeigten sich mir also fünfmal sieben
Selbstlaut' und Mitlaut', und ich nahm wohl wahr
Die Theile, wie ich dort sie sah geschrieben.

‘Diligite justitiam’ stand klar
Als Zeit- und Hauptwort da im ersten Theile,
Der Schluß ‘qui judicatis terram’ war.

Im M des fünften Wortes eine Weile
Verblieben sie, daß Jupiter hier glich
Dem Silber, das durchlaufen goldne Pfeile.

Und Lichter mehr zum Haupt des M sah ich,
Um dort zur Ruh zu kommen, niederschreiten,
Das Gut besingend, das sie zieht zu sich.

Dann wie beim Stoße von entbrannten Scheiten
Unzählige Funken sprühen, draus der Thor
Pflegt eine Vorbedeutung herzuleiten,

Sah mehr als tausend Lichter ich empor
Sich heben, mehr und minder, je wie ihnen
Die Sonn' in der sie glühn, den Platz erkor.

Als sie nun standen mit geruhigen Mienen,
Sah ich im Feuer, das sich hell verbreitet,
Von einem Adler Haupt und Hals erschienen.

Der Maler hier hat Niemand, der ihn leitet,
Er leitet selbst, es kommt die Kraft durch ihn,
Aus der im Neste wird die Form bereitet.

Die andre Schar, die erst zufrieden schien,
Zur Lilie aus dem M sich zu vereinen,
Rasch stellte sie den Aar vollendet hin.

O schöner Stern! in wieviel Edelsteinen
Bezeugtest du, daß uns Gerechtigkeit
Vom Himmel. dran du prangst, nur kann erscheinen.

Drum fleh' ich zu dem Geist, der dir verleiht
Umschwung und Kraft, daß er erwägt, woher
Der Rauch kommt, der da trübt dein lichtes Kleid.

O endlich wieder einmal zürne Er,
Weil sie im Tempel kaufen und verkaufen,
Den Martern bauten und manch Wunder hehr.

Ihr, die ich schau, des Himmels Heereshaufen,
O fleht für all' auf Erden, die verkehrte
Irrwege, bösem Beispiel folgend, laufen.

Sonst pflog man Krieg zu führen mit dem Schwerte,
Jetzt thut mans, Brot entziehend hier und dort,
Das keinem Kind ein guter Vater wehrte.

Du, der du schreibst und ausstreichst dann sofort,
Noch leben Paul und Peter. die gestorben
Für jenen Weinberg, der durch dich verdorrt.

Wohl kannst du sagen: ‘Hab ich ihn erworben,
Der einsam leben wollt', auf den ich brenne,
Der elend einst durch einen Tanz verdorben,

Glaubt nicht, daß ich dann Paul und Peter kenne.’


Gesang 19

Der Adler löst das Bedenken, welches Dante hegt. ob Jemand ohne den Glauben an Christus selig werden könne. Nur wer an Christum glaube, sei es an den erschienenen, sei es an den verheißenen, kann in den Himmel kommen. Freilich nicht jeder, der sich Christ nenne. Daran schließt sich ein heftiger Ausfall gegen die ungerechten Herrscher der Gegenwart, deren eine große Anzahl namhaft gemacht wird.

Es zeigte sich vor mir mit offnen Schwingen
Das Bild, in dem in fröhlichem Verein
Die Seelen lieblichen Genuß empfingen.

Jedwede schien mir ein Rubin zu sein,
Drin glüht' ein Sonnenstrahl von solchem Licht,
Daß mir ins Aug' er rückwarf seinen Schein.

Und was jetzt hier zu schildern meine Pflicht,
Schrieb keine Feder, ward noch nie von Zungen
Erfaßt, und Phantasie begriff es nicht.

Denn reden sah ich, hörte, wie erklungen
Aus jenes Adlers Schnabel ‘Ich’ und ‘Mein’,
Wo ‘Wir’ und ‘Unser’ hätt' der Sinn bedungen.

Und er begann: ‘Weil ich gerecht und rein,
Durft' ich zu solcher Glorie mich erheben,
Die nicht errungen wird durch Wunsch allein.

Und solch Gedächtniß ließ ich dort im Leben
Daß es dem argen Volk zwar rühmlich gilt,
Doch Keiner denkt dem Beispiel nachzustreben.’

Wie vielen Kohlen eine Gluth entquillt,
So drang aus vieler Herzen Liebesgluthen
Hervor ein einziger Ton aus diesem Bild.

Und ich darauf: O ihr, des ewigen Guten
Stets grüne Blumen, die, als wär' es einer,
Ihr eure Düfte all mich laßt umfluthen,

O macht mit eurem Hauch ein Ende meiner
Gewaltigen Sehnsucht Hunger, denn noch nimmer
In Erdenspeise ward mir Stillung seiner.

Ich weiß, wenn sich Gerechtigkeit im Schimmer
Des Spiegels andern Himmelsreichen zeigt,
So sieht doch eures sie entschleiert immer.

Ihr wißt, wie aufmerksam ich bin geneigt
Zu hören, wißt, woher die Zweifel kommen,
Aus denen auf solch altes Sehnen steigt.

Dem Falken gleich, wenn er, der Haub' entnommen,
Sich mit den Flügeln schlägt, den Kopf erhoben,
Die Schönheit zeigend und in Lust entglommen,

Sah ichs den Adler machen, der gewoben
Von Lobgesängen war der Gottesgnade,
In Weisen wie sie kennt wer selig droben.

Drauf sprach er: ‘Er, der mit des Zirkels Rade
Die Welt umschrieb, um viel in sie zu legen
Geheim und offen in verschiednem Grade,

Vermochte seine Kraft nicht aufzuprägen
Dem ganzen All, daß nicht sein Wort noch mehr,
Unendlich größres in sich sollte hegen.

Und das beweist der erste Stolze, der
Das höchste der gesammten Creatur;
Aus Ungeduld nach Licht fiel schmählich er.

Drauf folgt, daß jede kleinere Natur
Als eng Gefäß nur kann das Gut umschließen,
Das, endlos, dient zum Maß sich selber nur.

Daher denn unser Schaun, drein sich ergießen
Kann nur ein einziger Strahl aus jenem Geist,
Deß Kräfte rings durch alle Dinge fließen,

Dem Wesen nach so stark sich nie erweist,
Daß es nicht fühlen sollte, seine Quelle
Liegt jenseit dem, was sich als wirklich weist.

Drum senkt das Schaun, das ihr empfingt, zur Stelle
Sich in die ewige Gerechtigkeit,
Gleichwie das Aug' in tiefe Meereswelle.

Siehts auch den Grund am Ufer, sieht es weit
Im Meer ihn nicht, und doch ist er vorhanden,
Ob auch die Tief' ihn nicht zu sehn verleiht.

Was nicht im nie getrübten Glanz entstanden,
Das ist kein Licht, nein! Finsterniß, entsprossen
Vom Schatten oder von des Fleisches Banden.

Genug ist jetzt die Höhle dir erschlossen,
Die die lebendige Gerechtigkeit
Dir barg, woraus dir so viel Fragen flossen.

Du sagst: Geboren wird am Indus weit
Ein Mann, und niemand gibt durch Schreiben, Lesen
Und Sprechen ihm von Christus je Bescheid;

Und all sein Wollen, Handeln, all sein Wesen
Ist gut, soweit Vernunft vermag zu sehen,
In Wort und Leben sündlos und erlesen.

Nun muß er ungetauft von hinnen gehen;
Wo ist das Recht, das ihm sein Urtheil spricht?
Wo ist, wenn er nicht glaubte, sein Vergehen?

Wer bist du, der sich hinsetzt zum Gericht?
Willst tausend Meilen weit ein Urtheil künden
Und spannenweit doch reicht nur dein Gesicht?

Wohl hätte, wer dergleichen wollt' ergründen,
Traf nicht die heilige Schrift schon ihr Entscheiden,
Hier Stoff genug zu vielen Zweifelsgründen.

O irdische Wesen, die an Stumpfsinn leiden!
Der erste Wille, gut an sich, kann nimmer
Sich von sich selbst, dem höchsten Gute, scheiden.

Das ist gerecht, was mit ihm einstimmt immer;
Nie kann erschaffnes Gut ihn an sich ziehn,
Nein! er erschaffts aus seinem Strahlenschimmer.’

Wie überm Nest der Storch im Kreise hin
Sich dreht, wenn er gesättigt seine Jungen,
Und sie, gesättigt, schauen hin auf ihn,

Dem glich, wie es die Flügel weit geschwungen,
Das heilige Bild, in tiefem Rath erregt,
Und so hob ich das Auge dankdurchdrungen.

‘Wie mein Wort,’ sang es drauf, im Kreis bewegt,
‘Dir unverständlich ist, so wenig kündet
Sich euch der Richtspruch, den der Ewige hegt.‘

Die Brände, die der heilige Geist entzündet,
Sie standen wieder still in jenem Zeichen,
Das der ehrwürdigen Roma Ruhm begründet.

Und wieder hob es an: ‘Zu diesen Reichen
Stieg Keiner je, der nicht geglaubt an Christus,
Ob eh, ob seit er mußt' am Kreuz erbleichen.

Doch sieh! gar viele rufen: Christus! Christus!
Die beim Gericht einst stehn im fernern Schwarme
Als mancher, der da nie gehört von Christus.

Und manchen Christen wird der Mohr zum Harme
Verdammen, wenn sich trenncn die zwei Scharen,
Die einen ewig reich, die andern Arme.

Kann euren Königen nicht gar viel des Wahren
Der Perser sagen, wenn das Buch liegt offen,
Das euer aller Schmach wird offenbaren?

Dort wird von Albrechts Thaten angetroffen
Die, welche bald die Flügel wird erheben,
Drob wüste liegt des Pragerreiches Hoffen.

Dort wird man sehn den Trug, dem sich ergeben
Durch Münzverfälschung Jener an der Seine,
Der durch der Borste Stoß verliert sein Lebens;

Wird sehn den Stolz, durch dessen Dünste jene
Engländer, jene Schotten also tollen,
Daß sie zerbrechen jede Schrank' und Lehne.

Die weichen Sitten und die lüstevollen
Des Spaniers und des Böhmen wird man sehen,
Der nichts von Tugend je hat wissen wollen.

Mit einem I bezeichnet wird da stehen
Was Gutes am Jerusalemer Lahmen,
Und ihm als Gegensatz das M ersehen.

Die Feigheit und den Geiz des lobesamen
Schirmherrn der Feuerinsel sieht man dort,
Aus der zur Ruh' Anchises Reste kamen.

In abgekürzten Lettern, um sofort
Schon anzudeuten, wie gering er gelte,
Steht da auf engem Raum manch wuchtig Wort.

Und Jeder sieht das Thun, das schmachgesellte,
Von Ohm und Bruder, das so schnöd vernichtet
Zwei Kronen und den hohen Stamm vergällte.

Der Portugies' und Norweg wird gerichtet
Dort werden und Der vom Dalmaterlande,
Der schlecht Venedigs Stempel zugerichtet.

O glücklich Ungarn, ließest du die Schande
Nicht später zu! Beglückt Navarrerland,
Schützt' es sich mit des Bergesgürtels Rande!

Und glaube Jeder, daß hierfür zum Pfand
Schon Nicosia und Famagosta schreie,
Ob ihrer Bestie jammernd zornentbrannt,

Weil sichs vom Joch der andern nicht befreie.’


Gesang 20

Nachdem der Adler geschwiegen, singen die einzelnen Seligen, die ihn bilden, einen Chorgesang. Dann ergreift der Adler aufs neue das Wort und gibt Auskunft über sechs das Auge und die Augenbraue des Adlers bildende Seelen. Unter ihnen sind Kaiser Trajan und der Trojaner Ripheus. Dante wundert sich, diese hier zu sehen, und empfängt Aufklärung seines Zweifels. Beide seien nicht als Heiden gestorben. Daran knüpft sich eine Betrachtung über die göttliche Gnadenwahl.

Wenn Jene, die die ganze Welt macht helle,
An unsrer Hemisphär' herabgesunken,
So daß der Tag hinstirbt an jeder Stelle,

Dann wird der Himmel, an dem man sie prunken
Allein erst sah, von vieler Lichter Schar
Erhellt, in denen strahlt des Einen Funken.

Die Himmelswandung stellte sich mir dar,
Als das Panier der Welt und ihrer Leiter
Stillschwieg in dem gebenedeiten Aar.

Ich hörte, wie noch heller, strahlenheiter
Jene lebendigen Lichter alle sangen -
Ach! das Gedächtniß reicht auch hier nicht weiter.

O süße Lieb', in Lächeln hold umfangen,
Wie glühend strahltest du in jenem Scheine,
Daraus nur heilige Gedanken drangen.

Als nun die theuren leuchtenden Gesteine,
Womit besetzt der sechste Stern prangt helle,
Schwieg mit des Liedes Engelsglockenreine,

War mirs als murmelt' eines Flusses Welle,
Der hell von Stein zu Stein herniederspringt
Und zeigt die Wasserfülle seiner Quelle.

Und wie der Ton sich von der Zither schwingt,
Am Hals sich formend, wie des Windes Sausen
Ton wird am Flötenmund, den er durchdringt,

So stieg das Murmeln aufwärts ohne Pausen
Im Adler drinnen, ohne daß es warte,
Zum Hals, als sei er hohl, empor mit Brausen.

Hier wards zur Stimme, die jetzt offenbarte
Sein Schnabel mir in Worten, deutlich klaren,
Wie sie das Herz, drein ich sie schrieb, erharrte.

‘Den Theil an mir, der an den irdischen Aaren
Die Sonn' erträgt und anschaut,’ hob er an,
‘Geziemt es jetzt aufmerksam zu gewahren,

Weil von den Flammen, draus ich Form gewann,
Die, draus das Aug' im Haupt mir glänzt, im Grade
Der Stufen stehn von allen oben an.

Der als Pupille ziert die Mitte grade,
War heiligen Geistes Sänger, der versetzt
Von Stadt zu Stadt die heilige Bundeslade.

Von seinem Lied kennt das Verdienst er jetzt,
So weit aus eignem Rath es konnt' erstehen,
Durch die Belohnung, die ihm gleich geschätzt.

Von Fünfen, die im Kreis als Braue stehen,
Beschwichtigt Der zumeist dem Schnabel nah,
Ob ihres Sohns der armen Wittwe Flehen.

Jetzt sieht er, wie viel Abbruch Dem geschah,
Der Christ nicht folgt, weil er vom süßen Leben
Und seinem Gegensatz die Probe sah.

Ihm, der im Kreise folgt, von dem ich eben
Gesprochen, auf des Bogens Steigung, ward
Aufschub des Tods ob wahrer Reu' gegeben.

Wie wandellos des ewigen Spruches Art,
Erkennt er jetzt, wenn auch auf reines Flehen
Von heut auf morgen er die Strafe spart.

Der nächste, ders aus Gutes abgesehen,
That Schlimmes, als mit mir und den Gesetzen
Er Grieche ward, gut mit dem Papst zu stehen.

Jetzt sieht er ein, nicht konnt' ihn selbst verletzen
Das Unheil, das entsprang aus gutem Streben,
Ob auch die Welt darüber geht in Fetzen.

Der auf des Bogens Senkung steht daneben,
War Wilhelm, um deß Tod das Land muß weinen,
Das jammert über Karls und Friedrichs Leben.

Jetzt sieht er, wie die Himmel gut es meinen
Mit dem gerechten König; das erhellt
Aus seinem Glanz, in dem er darf erscheinen.

Wer glaubt wohl drunten in der irren Welt,
Daß der Trojaner Ripheus sich dem Schimmer
Der heiligen Vier als fünfter zugesellt?

Gar viel erkennt er jetzt von dem, was nimmer
Von Gottes Gnad' ein Menschenaug' durchdringt,
Bleibt seinem Blick der Grund auch dunkel immer.‘

Der Lerche gleich, die in die Luft sich schwingt,
Erst singend, und gesättigt dann am Bronnen
Der höchsten Lust, befriedigt nicht mehr singt,

Schien mir das Bild des Abdrucks ewiger Wonnen,
In deren Suchen jedes Ding sich Das,
Was es im eignen Selbst ist, hat gewonnen.

War ich für meinen Zweifel auch, was Glas
Der Farb' ist, die es überkleidet - tragen
Konnt' er es nicht so stumm zu warten. Was

Sind das für Dinge? trieb es mich zu sagen
Mit mächtiger Wucht, und in des Himmels Weite
Sah ich empor der Freude Funkeln ragen;

Und Antwort gab mir das gebenedeite
Sinnbild mit hellerm Leuchten, daß es mich
Von des Erstaunens Schwebe ganz befreite.

‘Ich seh', daß du dies alles glaubst, weil ich
Es dir gesagt, doch siehst du nicht den Grund;
Drum, auch geglaubt, bleibt es verhüllt für dich.

Du gleichest dem, dem zwar der Name kund
Von Dingen ist, doch der nicht unterscheiden
Ihr Wesen kann, lehrts ihn kein andrer Mund.

Das Reich der Himmel muß Gewalt erleiden,
Mit fester Hoffnung, heißer Lieb' im Kriege;
Besiegt wird Gottes Wille von den beiden.

Nicht, daß wie Mensch dem Menschen er erliege,
Nein! jene siegt, weil er sich will ergeben,
Daß er besiegt durch seine Güte siege.

Es nimmt der Braue erst und fünftes Leben
Dich Wunder, weil du siehst mit ihnen beiden
Geziert das Reich, in dem die Engel weben.

Als Christen starben sie, und nicht als Heiden,
Wie du wohl glaubst, im Glauben an die Füße,
Die schon gelitten oder sollten leiden.

Zum Leibe kehrt' aus höllischem Verließe,
Wo heiliger Wille nie entsteht, der Eine;
Das war für festes Hoffen Lohnes Süße,

Für Hoffen, das ins Beten legt' all seine
Seelische Kraft, Gott mög' ihn neu beleben,
Damit verwandelt jetzt sein Will' erscheine.

Es kehrte dann ins Fleisch zu kurzem Leben
Die Seele, die ich meine, dieses Frommen,
Und glaubt' an Den, der Heil ihr konnte geben.

Und dann, in wahrer Liebesgluth entglommen,
Glaubte sie so, daß, als der Tod erschien,
Sie würdig ward zu diesem Fest zu kommen.

Der Andere, dem Gnade ward verliehn
So tiefen Quells, daß keine Creatur
Sah bis zur letzten Well' hinab in ihn,

Wandt' all sein Lieben auf das Rechte nur,
Weshalb, von Gnade fort zu Gnade steigend,
Die künftige Erlösung er erfuhr.

Er glaubt' an sie und konnte ferner schweigend
Nicht dulden mehr des Heidenthumes Grauen,
Und schalt, den Wahn der irren Völker zeigend.

Es dienten ihm zur Taufe die drei Frauen
(Ob man auch taufte erst nach tausend Jahren),
Die du am rechten Rade durftest schauen.

O Gnadenwahl, wie wenig liegt im Klaren
Doch deine Wurzel allen Angesichtern,
Die da den ersten Grund nicht ganz gewahren.

Drum macht, ihr Sterblichen, euch nicht zu Richtern,
Da wir sogar, die Gott hier sehn im Vollen,
Nicht kennen die Gott hier erkor zu Lichtern.

Und Süße ist dem Mangel selbst entquollen,
Weil unser Heil sich läutert in dem Heile,
Nur das, was Gott will, einzig selbst zu wollen.’

So von dem hehren Bild in kurzer Weile,
Um dem kurzsichtigen Auge Licht zu geben,
Ward mir Arznei voll Wohlgeschmack zu Theile.

Und wie den Sänger mit der Saiten Beben
Der Zitherspieler oft begleitet wohl,
Um des Gesanges Wohllaut noch zu heben,

So seh' ich noch, wie, als dies Wort erscholl,
Der benedeiten Lichter Paar zusammen,
Wie sich zwei Augen heben einklangsvoll,

Bewegten mit dem Wort zugleich die Flammen.


Gesang 21

Dante blickt auf Beatrix, die aber nicht wie sonst lächelt und ihm den Grund erklärt. Sie sind in den Saturn, in welchem die beschaulichen Einsiedler weilen, gekommen. Dante sieht eine leuchtende Leiter, deren Spitze er mit den Augen nicht verfolgen kann. Lichter steigen auf derselben auf und nieder. Eins in seiner Nähe glänzt besonders helle. Dante redet es an und fragt, warum es ihm sich nähere und warum hier kein Gesang erschalle. Der Grund des letzteren ist derselbe, aus welchem Beatrix nicht gelächelt; ersteres geschieht weil Gott es so gewollt. Als Dante nach dem Warum dieses Wollens fragt, wird er belehrt, dies sei Geheimniß Gottes. Der Geist theilt ihm dann mit, daß er der Einsiedler Petrus Damianus sei, und tadelt am Schlusse das entartete Leben der Geistlichkeit zu Dantes Zeit. Plötzlich ertönt mächtiges Rufen.

Mein Auge blieb von neuem wieder hangen
An meiner Herrin Antlitz, und der Sinn
Entzog sich jedem anderen Verlangen.

Nicht lächelt' sie: ‘Doch’, dies war der Beginn
Von ihrem Wort, ‘thät' ichs, würd' es dir gehen
Wie Semele, die sank zu Asche hin.

Denn meine Schönheit, die zum Flammenwehen
Sich lichtet aus des Gottpalastes Stiegen,
Je mehr man aufsteigt, wie du selbst gesehen.

Würd', ungemindert. so dein Aug' besiegen
Durch ihren Glanz, daß deine Sterblichkeit
Gleich blitzzermalmten Zweigen müßt' erliegen.

Zum siebten Sterne hob dich mein Geleit,
Der unter des entflammten Löwen Brust
Mit ihm herabstrahlt, Kraft an Kraft gereiht.

Den Augen folge jetzt dein Geist mit Lust,
Fest halt' in ihnen die Gestalt gebannt,
Die dir in diesem Spiegel wird bewußt.’

Wer wüßte, welche Wonnen ich empfand
Bei jenes seligen Angesichtes Sehen,
Als ich zu andrer Sorge mich gewandt,

Der wird die Lust, die ich gefühlt, verstehen,
Als ich gehorcht dem himmlischen Geleite,
Ließ ers abwägend durch den Sinn sich gehen.

In dem Krystalle, der, des Weltalls Weite
Umkreisend, trägt des hohen Führers Namen,
Deß Herrschaft alle Bosheit stieß bei Seite,

Gewahrt' ich einer goldnen Leiter Rahmen
Hellglänzend so sich in die Höhe heben,
Daß bis zur Spitze nicht die Augen kamen.

Und von den Stufen sah ich niederschweben
So vielen Schimmer, daß ich all die Flammen
Ergossen wähnte, die am Himmel weben.

Und wie nach angebornem Brauch zusammen
Bei Tagesanbruch fliegt der Krähen Heer,
Die Federn wärmend, die von Kälte klammen,

Dann einige fortziehn ohne Wiederkehr,
Und andre dahin, woher sie gekommen,
Noch andre, weilend, kreisen rund umher:

Solch Thun, glaubt' ich, hätt' ich hier wahrgenommen
An dem Hervorsprühn, das zugleich, sobald
Es aus bestimmter Stufe war, entglommen.

Das Leuchten, das zunächst uns machte Halt,
Ward also klar, daß ich bei mir begann:
Du zeigst die Liebe mir, die dich durchwallt.

Doch Sie ist still, die mir das Wie und Wann
In Red' und Schweigen zeigt: nicht will getrauen
Ich mich zu fragen, und thu' recht daran.

Sie aber, die mein Schweigen schaut' im Schauen
Von Dem, der alles schaut, zu mir gekehrt,
Sprach: ‘Ströme deinen Wunsch aus voll Vertrauen!’

Nicht mein Verdienst, begann ich, macht mich werth
Daß du erwiderst, stillend mein Verlangen;
Doch Ihretwillen, die den Wunsch gewährt,

Du seliges Leben, das da lebt umfangen
Von eigner Wonne, sage mir, weswegen
So nahe du an mich herangegangen.

Warum hör' ich in dem Kreis sich nicht regen
Des Paradiesgesanges süßen Chor,
Der fromm mir in den andern klang entgegen?

‘So wie dein Aug', ist sterblich auch dein Ohr,’
Sprach er, ‘aus gleichem Grund schweigt hier das Singen,
Aus dem Beatrix Lächeln sich verlor.

Der Wunsch, dich zu begrüßen, ließ mich dringen
So weit hinab auf dieser heiligen Leiter
Durch Wort und Licht, deß Flammen mich umringen.

Nicht größre Liebe machte mich bereiter;
Denn mehr und gleiche Liebe glüht hier oben,
Das zeigen dir die Flammen strahlenheiter.

Die hehre Liebe, die uns hat erhoben
Zu Dienern, deren Sinn dem Rath entspricht ,
Der alles lenkt, sie trifft die Wahl da droben.’

Wohl seh ich ein, begann ich, heiliges Licht,
Der ewigen Vorbestimmung nachzugehen
Genüget freie Lieb' an dem Gericht.

Das aber ist es, was mir zu verstehen
Schwer wird: warum von den Genossen allen
Zu diesem Amt du wardst vorher ersehen.

Und kaum war noch das letzte Wort gefallen,
Als auch das Licht, wie eine schnelle Mühle,
Begann um seine Hüll' im Kreis zu wallen.

Drauf sprach es aus der Liebesgluth Gefühle:
‘Ein göttlich Licht kehrt zu mir seine Flammen,
Durchdringend dies, drin ich gebannt mich fühle.

Und seine Kraft mit meinem Schaun zusammen
Hebt mich so hoch, daß ich die Wesenheit
Des Höchsten seh', aus der die Strahlen stammen.

Daher rührt meines Leuchtens Freudigkeit,
Denn nach dem Maße meines Schauens richtet
Die Klarheit sich von meinem Flammenkleid.

Vom Himmelsgeist, der sich am hellsten lichtet,
Vom Seraph, der in Gottes Auge sieht,
Würd' hier dir nicht genügendes berichtet.

Denn in des ewigen Rathes tiefst Gebiet
Versenkt sich, was du wissen willst, so ferne,
Daß dem erschaffnen Aug' es sich entzieht.

Das melde, kehrst du heim von diesem Sterne,
Der Menschenwelt, daß sie sich nicht erkühne
Den Fuß zu heben zu des Zieles Ferne.

Der Geist, hier Licht, ist auf dem Erdengrüne
Nur Nebel - sieh nun: wie vermag er dort,
Was er nicht kann selbst aus des Himmels Bühne?‘

Solch eine Schranke setzte mir sein Wort,
Daß ich, zufrieden, demuthsvoll zu fragen,
Wer er wohl sei, nicht fuhr des weitren fort.

‘Inmitten Welschlands beiden Kusten ragen,
Nah deiner Heimat, Felsen so empor,
Daß vieles tiefer rollt des Donners Wagen.

Ein Höcker, Catria, springt draus hervor,
Darunter liegt ein Haus für Eremiten,
Das stille Andacht sich zum Dienst erkor.’

So jetzt zu mir begann er mit der dritten
Anrede und fuhr fort: ‘Mit solcher Kraft
Stand ich hier fest in frommer Andacht Mitten,

Daß ich bei Speisen aus Olivensaft
Mit Leichtigkeit hinbrachte Hitz' und Kälte,
Ganz in beschaulicher Gedanken Hast.

Dies Kloster wars, das reiche Frucht einst stellte
Dem Himmel, was jetzt längst nicht mehr geschah;
Nicht lange währt es mehr bis das erhellte.

Ich, Petrus Damianus, lebte da;
Petrus der Sünder aber lebt' im Haus
Von unsrer Fraun am Strand der Adria.

Schon war beinah mein Erdenleben aus,
Als man mich rief und schleppte zu dem Hut,
Den Schlechter jetzt und Schlechter trägt durchaus.

Kephas ging mager einst und unbeschuht
Wie Der, der ein Gefäß dem heiligen Geiste,
Und jeder Herberg' Kost war für sie gut.

Jetzt aber braucht so rechts wie links der feiste
Moderne Hirte Stützen und Geleit
Und Einen, der von hinten Hülfe leiste.

Den Zelter deckt er mit dem Mantel weit,
Zo daß in einem Fell zwei Bestien gehen -
Wie viel erträgst du, o Langmüthigkeit!’

Bei solchem Wort sah ich herniedergehen
Von Sproß zu Sproß mehr Flämmchen und sich schwingen,
Und schöner wurden sie mit jedem Drehen.

Und wie sie stille haltend ihn umfingen,
Vernahm ich einen Ruf von solchem Schalle,
Daß ich kein Gleichniß weiß für dieses Klingen

Und nichts verstand, bewältigt von dem Halle.


Gesang 22

Beatrix erklärt Dante das Rufen der Seligen als einen Schrei um Rache. Dann blickt er wieder auf die Seligen hin und gewahrt einen besonders hellen Lichtkreis. Es ist der heilige Benedict. Dante spricht den Wunsch aus, sein Antlitz unverschleiert zu sehen. Benedict vertröstet ihn auf den letzten Himmel. Dann spricht der Heilige von der Entartung der Mönchsorden in der Gegenwart. Beatrix und Dante fliegen zum achten Himmel, dem Fixsternhimmel, empor. Dante betritt ihn beim Zeichen der Zwillinge, das bei seiner Geburt leuchtete. Beatrix fordert ihn auf, ehe sie weiter steigen, noch einmal auf die Erde, die tief und winzig klein unter ihm liegt, zurückzuschauen.

Betäubt vom Staunen wandt' ich mich, zu schauen
Zur Führerin, dem Kinde gleich, das immer
Dahin flieht, wo zumeist es hegt Vertrauen.

Und sie, wie eine Mutter, die da nimmer
Versagt dem Sohn, dem athemlosen, bleichen,
Und ihn ermuthigt, hört nur ihre Stimm' er,

Sprach: ‘Weißt dus nicht, daß in des Himmels Reichen
Du bist? nicht, daß der Himmel heilig ist?
Was hier geschieht, ist frommen Eifers Zeichen.

Vielleicht daß du die Wandlung jetzt ermißt,
Die dir aus Sang und Lächeln wär' gekommen,
Wenn du vom Rufen so bewegt schon bist.

Und hättest du die Bitte drin vernommen,
Bekannt schon würde dir die Rache sein,
Die, eh du stirbst, dir noch zu schaun wird frommen.

Des Höchsten Schwert, nicht eilig schneidets ein
Noch langsam; beides wird nur jener meinen,
Der fürchtend oder wünschend harret sein.

Doch andrem Blick jetzt wende zu den deinen;
Berühmte Geister wirst du, meinem Wort
Den Blick nachlenkend, sehen hier erscheinen.’

Als sie befahl, wandt' ich den Blick sofort.
Wohl hundert Sphären, die mit lichtem Prangen
Einander noch verschönten, sah ich dort.

Ich stand wie wer ein stachelndes Verlangen
In sich zurückdrängt, und es zu erwähnen
Sich scheut, von Furcht zu viel zu thun befangen.

Die größte glanzerfüllteste von jenen
Strahlenden Perlen trat hervor, um, mich
Befriedigend, zu stillen dieses Sehnen.

Dann hört' ich in ihr drinnen: ‘Wenn wie ich
Du sähst die unter uns erglühnde Liebe,
Dann zeigt' im Ausdruck dein Gedanke sich.

Doch, daß du nicht gehindert seist im Triebe
Zum hohen Ziel, so antwort' ich deswegen
Auf das, was sonst in dir verborgen bliebe.

Die Bergeshöh', an deren Hang gelegen
Cassino, ward besucht in alten Tagen
Von schlimmem Volk auf bösen Irrthums Wegen.

Ich bin es, der zuerst hinauf getragen
Den Namen Dessen, der zur Erde brachte
Die Wahrheit, die so leuchtend uns läßt ragen.

Und Gnade schuf, die strahlend ob mir wachte,
Daß ich ringsum des Götzendienstes Macht,
Der alle Welt verführt', ein Ende machte.

Die andern Flammen waren auch entfacht,
Beschaulich lebend, von der Wärme Gluthen,
Die heilige Frücht' und Blüthen sprießen macht.

Sieh hier Macar, sieh Romuald den guten,
Sieh meine Brüder, die, des Herzens Hort
Festhaltend, in des Klosters Zelle ruhten.’

Drauf ich: Die Liebe, die aus deinem Wort
Mir leuchtet, und der Blick, den ich voll Güte
Bemerk' an allen euren Flammen dort,

Gibt solche Zuversicht mir im Gemüthe,
Daß es sich aufthut, wie im Sonnenlicht
Die Rose sich erschließt zu voller Blüthe.

Drum bitt' ich, Vater, gib mir treu Bericht,
Ob ich so große Gnade kann erlangen,
Zu schaun dein unverschleiert Angesicht.

‘O Bruder,’ sprach er drauf, ‘dein hoch Verlangen
Wird in der letzten Sphäre ganz genesen,
Wo meins und jedes Stillung wird empfangen.

Dort wird erfüllt, weil völlig reif ihr Wesen,
Jedwede Sehnsucht; denn in ihr allein
Ist jeder Theil dort, wo er stets gewesen.

Nicht Pole kennt sie, Raum schließt sie nicht ein,
Und unsre Leiter reichet bis dorthin;
Drum muß sie deinem Blick entzogen sein.

Bis dort hinauf sah ihre Spitze ziehn
Jacob der Patriarch und dort sie enden,
Als sie von Engeln so beschwert ihm schien.

Doch jetzt will sich kein Fuß vom Boden wenden,
Sie zu erklimmen, und es blieb mein Orden
Nur drunten einzig zum Papierverschwenden.

Zu Räuberhöhlen sind die Mauern worden,
Die Klöster waren; Kutten sind heut Säcke
Voll dumpfen Mehles bei der Mönche Horden.

Da ist kein Wucher, der zurüekschrecke
Vor Gottes Willen weniger als die Frucht,
Die für die Mönche größter Thorheit Hecke;

Denn alles, was für sich die Kirche sucht,
Gehört dem Volk, dem man Almosen reicht,
Und nicht Nepoten und noch schlimmrer Zucht.

Das Fleisch des Sterblichen erliegt so leicht,
Daß guter Anfang drunten nicht vom Keim
Der Eiche bis zur Eichelbildung reicht.

Nicht hatte Petrus Geld und Gut daheim;
Ich aber fing mit Beten an und Fasten,
Franciscus baut' aus Demuth sich sein Heim.

Läßt du das Aug' auf Aller Anfang rasten
Und auf dem Punkt, womit es jetzt geendet,
Dann siehst du Schwarz statt Weiß auf ihnen lasten.

Doch traun! den Jordan rückwärts hingewendet
Und fliehn das Meer zu sehn, wie Gott befahl,
Mehr Wunder wars als wenn hier Hülf' er sendet.’

Er sprachs und trat zu der Genossen Zahl,
Und die Genossen, eng vereint, erhoben
Wie Wirbelwind sich aufwärts allzumal.

Der süßen Herrin Wink trieb mich nach oben
Die Leiter ihnen nach; so mußte meine
Natur die Wirkung ihrer Kraft erproben.

Hier unten, wo man steigt und fällt, ward keine
Bewegung so gewaltig schnell vernommen,
Die meinem Fliegen irgend gleich erscheine.

So wahr ich, Leser, zum Triumph der Frommen,
Der mich beweinen macht den sündigen Sinn,
Ans Herz mich schlagend, je zurück will kommen,

Du streckst so schnell den Finger nimmer in
Und aus dem Feuer, wie wir aufwärts drangen
Zum Zwillingszeichen und uns sahn darin.

O glorreiches Gestirn, o Licht, umfangen
Von großer Kraft, als dessen Gabe ich
Erkenne was an Geist ich hab' empfangen,

Mit euch ging auf, mit euch barg jener sich,
Der Vater ist von allem ird'schen Leben,
Als erst Toscanas Luft gehaucht in mich.

Und dann als ich die Gnad' erlangt zu schweben
In jenen hehren Kreis, der euch macht drehen,
Ward euer Himmelszeichen mir gegeben.

Zu euch empor seufzt meiner Seele Flehen,
Daß Kraft zum schweren Schritt werd' ihr zu Theile,
Der nach sich hin sie zieht, empor zu gehen.

‘Du bist so nahe jetzt dem letzten Heile,’
Begann Beatrix, ‘daß zum Lichte fliegen
Der Augen Licht kann klar und scharf wie Pfeile.

Und drum, eh tiefer du hinein gestiegen,
Blick' abwärts noch einmal, und sieh wieviel
Der Welt ich ließ zu deinen Füßen liegen,

Daß möglichst freudig dann dein Herz dem Ziel
Entgegentreten kann, dem Siegesheere,
Das durch den Aether naht mit frohem Spiel.’

Den Blick zur Erde senkt' ich, Sphär' um Sphäre;
Mit einem Lächeln, das ins Aug' mir trat,
Sah ich welch dürftig Aussehn sie gewähre.

Wer sie gering schätzt, hat den besten Rath
Erwählt, und seinen Sinn auf andres richten,
Das ist ein trefflich Streben in der That.

Ich sah Latonas Tochter hell sich lichten,
Befreit vom Schatten, welcher mich bewogen,
Daß ich erst sprach vom Lockern und vom Dichten.

Hier trug ich deines Sohnes Strahlenwogen,
Hyperion, und sah wie um ihn her
Dion' und Maja, nächst ihm kreisend, zogen.

Dann zeigte sich gemäßigt Jupiter
Mir zwischen Sohn und Vater; klar zu lernen
War, wie die Stelle wechselt Der wie Der.

Ich sah in allen diesen sieben Sternen,
Wie sie so groß, wie sie sich schnell bewegen,
Und wie sie wandeln in ungleichen Fernen.

Das Tennlein, wo wir unsern Hochmuth pflegen,
Sah in des ewigen Zwillingspaares Drehen
Ich vom Gebirg zum Strand vor mir gelegen,

Um in die schönen Augen dann zu sehen.


Gesang 23

Dante schaut den Triumphzug Christi, der als Sonne die andern seligen Geister erhellt. Dann blickt er in Beatrix' Augen, deren Lächeln er jetzt ertragen kann. Auf ihren Antrieb schaut er aufs neue empor und sieht die Jungfrau Maria. Eine Fackel schießt von oben herab und kreist um sie, lobsingend: der Erzengel Gabriel. Maria steigt empor, dem Sohne nach. Die zurückbleibenden seligen Geister strecken die Spitzen ihrer Flammen wie in Sehnsucht empor. Sie singen ihr zum Lobe das Regina coeli. Gleichwie das ruhnde Vöglein das im lieben Laubdunkel aus dem Nest der süßen Kleinen Die Nacht die alles hüllt hindurch geblieben Um sich zu srenn am Anblicke der Seinen Und Kost zu sinden womit es sie speise 6 Wobei ihm schwere Mühen leicht erscheinen Der Zeit voraneilt aus dem ossnen Reise Heiß sehnend daß die Sonne alles lichtet Schars spähend ob es nicht schon dämmert leise So stand jetzt meine Herrin ausgerichtet Ausmerksam hingewendet nach der Gegend 12 Wo minder eilig Sol die Fahrt verrichtet Als ich sie so gespannt sah und erwägend War mirs wie dem der sich begnügt bescheiden Mit Hoffnung wenn auch andre Wünsche hegend l dh nach Mittag nach der Mitte des Himmels

Gleichwie das ruhnde Vöglein - das im lieben
Laubdunkel auf dem Nest der süßen Kleinen
Die Nacht, die alles hüllt, hindurch geblieben,

Um sich zu freun am Anblicke der Seinen
Und Kost zu finden, womit es sie speise,
Wobei ihm schwere Mühen leicht erscheinen -

Der Zeit voraneilt auf dem offnen Reise,
Heiß sehnend, daß die Sonne alles lichtet,
Scharf spähend, ob es nicht schon dämmert leise:

So stand jetzt meine Herrin ausgerichtet,
Aufmerksam hingewendet nach der Gegend,
Wo minder eilig Sol die Fahrt verrichtet.

Als ich sie so gespannt sah und erwägend,
War mirs wie dem, der sich begnügt bescheiden
Mit Hoffnung, wenn auch andre Wünsche hegend.

Doch kurze Zeit verging nur zwischen beiden,
Ich meine zwischen Warten und dem Sehen,
Wie hell und heller sich die Himmel kleiden.

Beatrix sprach: ‘Sieh da die Scharen gehen
Von Christi Siegeszug, sieh da beisammen
Die Frucht des Kreisens dieser Sphäre stehen.’

Es schien ihr Antlitz ganz zu glühn in Flammen
Und ohne Schilderung muß ich verschweigen
Die Wonnen, die in ihren Augen schwammen.

Wie mitten in der ewigen Nymphen Reigen
In heitern Vollmondnächten Trivia lacht,
Die jeden Himmelsraum hellschimmernd zeigen:

So über tausend Leuchten sah voll Pracht
Ich eine Sonne, die ihr Licht erzeugte,
Wie's unsre mit den Himmelslichtern macht.

Es schien durch des lebendigen Lichtes Leuchte
So hell die strahlenreiche Wesenheit
Ins Auge mir, daß ichs geblendet beugte.

Beatrix, süßes theueres Geleit!
‘Was dich bewältigt,’ sagte sie dagegen,
‘Ist Kraft, vor der dir niemand Schutz verleiht.

Hier ist die Weisheit, hier die Macht zugegen,
Die Erd' und Himmel hat verbunden wieder,
Der man so lange sehnend sah entgegen.’

Wie Feuer aus der Wolke fährt hernieder,
Weil es sich dehnend nicht darin kann bleiben,
Und erdwärts stürzet, der Natur zuwider:

So fühlt' aus seinem Selbst heraus ich treiben
Den Geist, vergrößert von den Festgelagen;
Und wie's ihm ward, ich kann es nicht beschreiben.

‘Thu auf dein Aug', zu schaun darfst du mich wagen
So wie ich bin; du sahst ja was dir Macht
Und Kraft verleiht, mein Lächeln zu ertragen.’

Ich war wie der, dem das Gefühl erwacht
Vergeßnen Traums, den er zurückzuführen
In seinen Geist, vergebens Anstalt macht,

Als ich dies Wort vernahm mein Ohr berühren,
So Dankes werth, daß es bleibt unverklungen
Im Buch, drin das Geschehne auszuführen.

Und wären, mir zu helfen, all die Zungen,
Die mit der Milch am süßesten genährt
Polymnia und die Schwestern, jetzt erklungen,

Kein Tausendstel der Kraft wär' mir bescheert,
Die's braucht, das heilige Lächeln zu besingen,
Und wie's das heilige Angesicht verklärt.

Wie Wandrer, die den Pfad, aufs dem sie gingen,
Sehn unterbrochen, muß oft mein Gedicht
Bei Himmelsschildrung etwas überspringen.

Doch wer bedenkt des Gegenstands Gewicht
Und daß die Schulter sterblich, die ihn trage,
Der tadelt, wenn sie drunter bebt, sie nicht.

Nicht eine Fahrt ists, die ein Nachen wage,
Auf der mein kühner Kiel jetzt weiter rückt,
Nicht eine Fahrt für Schiffer feig und zage.

‘Was ists, daß so mein Antlitz dich entzückt,
Daß du nicht schaust zum schönen Garten dort,
Der sich durch Christi Strahl mit Blumen schmückt?

Dort ist die Rose, in der Gottes Wort
Zu Fleisch geworden, hier die Lilien, deren
Geruch geführt zum guten Wege fort.’

So sprach Beatrix. Ich, der ihren Lehren
Stets willig war, begann zum Kampfe wieder
Aufs neu die schwachen Augen hinzukehren.

Wie, selbst bedeckt von Schatten, meine Lider
Beim Sonnenstrahl, der durch die Wolkenspalte
Brach, sahn auf eine blumige Wiese nieder,

So sah durch Lichtglanz, der von oben wallte,
Hell angestrahlt ich Geisterscharen schweben,
Ob auch des Glanzes Quell versteckt sich halte.

O milde Kraft, die sie durchdringt mit Leben,
Du schwangst dich auf, um meinem Aug', das nimmer
Es tragen konnte, wieder Raum zu geben.

Der schönen Blume Name, den ich immer
Anrufe, zog zusammen mir den Geist,
Zu merken auf des größten Lichtes Schimmer.

Und wie im Augenpaar mir wieder gleißt
Des Lebenssternes Größ' und Glanz, der droben
Als Sieger wie hier unten sich erweist,

Stieg eine Fackel von dem Himmel oben
Gleich einem Kranz in Kreisgestalt, die enge
Um jenen kreist, als Gurt um ihn gewoben.

Der süßeste der Erdenliederklänge,
Der unsre Seel' am meisten lockt - ein Dröhnen
Des Donners wär' es, der die Wolken sprenge.

Verglichen mit der Himmelsleier Tönen,
Mit der gekrönt der Saphir sich erweist,
Deß Blau den klarsten Himmel macht verschönen.

‘Ich bin die Engelsliebe, die umkreist
Die hohe Wonne, die dem Leib entwehet,
Drin Er gewohnt, den wir ersehnt im Geist.

Dies Kreisen, Himmelsherrin, es bestehet
So lange fort, so lang du folgst dem Sohn
Und Glanz durch dich die höchste Sphär' empfähet.’

Und damit war das letzte Wort entflohn
Dem kreisenden Gesang, und glanzerhellt
‘Maria’ rief der andern Lichter Ton.

Der königliche Mantel um der Welt
Gesammte Kreise, der am meisten Leben
Und Gluth von Gottes Hauch und Sein erhält,

Ließ seinen innern Rand so hoch noch schweben
Weit über mir, daß, wo ich mich befand,
Sein Anblick dort noch nicht mir ward gegeben.

Drum waren meine Augen nicht im Stand,
Dorthin zu folgen der gekrönten Flamme,
Die sich erhob, dem Sohne nachgewandt.

Und gleich dem Kindlein, das nach seiner Amme
Die Aermchen streckt, wenn es die Milch genossen,
Als Ausdruck des Gefühls, das in ihm flamme

So sah ich, wie der Flammen Spitzen schossen
Nach oben, und so ward ihr hohes Lieben
Zur hehren Jungfrau deutlich mir erschlossen;

Worauf sie mir im Angesicht verblieben,
So süßen Klangs ‘Regina coeli’ singend,
Daß nie die Lust daran mir wird zerstieben.

O welcher Reichthum, Ueberfülle bringend,
Ist doch in jenen Speichern, die hienieden
Den Samen einst gestreuet, eifrig ringend.

Hier lebt man von dem Schatz und freut in Frieden
Sich sein, den im Exil von Babylon
Man sich erwarb, als man vom Gold geschieden.

Hier unter Gottes und Marias Sohn,
Mit Frommen aus dem neuen Bund und alten,
Freut Der sich seines Sieges, der zum Lohn

Den Schlüssel solcher Glorie hat erhalten.


Gesang 24

Beatrix ersucht die Seligen des achten Himmels, Dantes Sehnsucht zu stillen. Der heilige Petrus kommt der Bitte nach und prüft Dante im Glauben, indem er ihn fragt, was Glaube sei, wie er sich ihn angeeignet habe, warum die Bibel Gottes Wort sei und was die Wunder derselben verbürge. Nachdem alles befriedigend beantwortet, stimmen die Seligen das ‘Herr Gott dich loben wir’ an. Petrus fordert Dante auf, seinen Glauben und den Grund desselben auszusprechen. Als auch dies geschehen, umarmt er ihn freudig.

‘O Tischgenossenschaft, zum hehren Mahl
Des seligen Lamms, das so euch speist, geladen,
Daß euer Wunsch gestillt wird allzumal,

Wenn Dieser im Voraus durch Gottes Gnaden
Vorkostet, was von eurem Tische fällt,
Eh abgeschnitten noch sein Lebensfaden,

Erwägt, welch endlos Sehnen in ihm schwellt,
Und netzt mit Thau ihn, da dem Quell ihr stäten
Genuß entschöpft. aus dem sein Denken quellt.’

Beatrix sprachs, und jene Seelen drehten
Sich froh als Sphär' um feste Pole nun,
Wobei sie Flammen sprühten gleich Kometen.

Wie Räder in der Uhr Gefüge thun,
Die so sich drehn, daß, siehst du ihr Getriebe,
Das letzte fliegt, das erste scheint zu ruhn:

So hier mit mehr und minder schnellem Triebe
Den Reigen führend, ließen jene mich
Bemessen all den Reichthum ihrer Liebe.

Aus dem, der mir der schönste schien, sah ich
Ein Feuer kommen und so selig strahlen,
Daß keinem, das drin blieb, an Glanz es wich.

Und um Beatrix kreist' es zu drei Malen
Mit einem Sange, der so göttlich hallte,
Daß Phantasie es nicht kann wieder malen.

Drum setzt die Feder aus, Verstummen walte!
Selbst Phantasie, geschweige denn das Wort,
Hat Farben allzugrell für solche Falte.

‘O heilige Schwester, die so innig dort
Uns bittet, durch dein glutherfülltes Lieben
Treibst du mich aus der schönen Sphäre fort.’

Als drauf das heilige Feuer stehn geblieben,
Kehrt' es den Hauch zu meiner Herrin ganz,
Und sprach so, wie ich eben jetzt geschrieben.

Und sie: ‘O ewig Licht des hohen Manns,
Dem unser Herr die Schlüssel gab, die er
Hinabtrug aus dem Reich voll Wunderglanz,

Prüf' ihn in Punkten, welche leicht und schwer,
In Hinsicht jenes Glaubens nach Belieben,
Durch den du einst gewandelt übers Meer.

Ob recht sein Glaub' und Hoffen, recht sein Lieben,
Du weißt es, weil du dort das Auge hast,
Wo jedes Ding im Abbild steht geschrieben.

Doch weil durch wahren Glauben erst man Gast
In diesem Reich wird, ziemt es, daß zum Preise
Des Glaubens er ihn auch in Worte faßt.’

So rüstet, wenn die Fragen noch der weise
Magister stellt. der Baccalaureus sich,
Nicht zur Entscheidung, nein! nur zum Erweise.

So jetzt mit allen Schlüssen rüstet' ich
Mich auch, daß man bereit auf solch Bekennen
Und solchen Fragenden erfänd' auch mich.

‘Sprich, guter Christ, und gib dich zu erkennen:
Was ist der Glaube?’ Drauf hob ich die Brauen
Zum Licht, das sprach, und sah es leuchtend brennen.

Dann wandt' ich mich, Beatrix anzuschauen.
Sie gab ein Zeichen mir, mich zu belehren,
Ich sollte mich ausschütten voll Vertrauen.

Mag mir die Gnade, die mich läßt dem hehren
Vorkämpfer beichten, - also ich begann -
Den rechten Ausdruck meines Sinns gewähren.

Dein theurer Bruder, Vater, sprach ich dann,
Durch den einst Rom den rechten Weg getroffen,
Gibt dieses klar mit wahren Worten an.

Der Glaub' ist die Substanz deß, was wir hoffen,
Und der Beweis für das, was unsichtbar;
Darin zeigt sich sein Wesen klar und offen.

Darauf vernahm ich: ‘Du denkst recht und wahr,
Wenn dir der Grund, warum er als Substanz
Und als Beweis ihn ansieht, völlig klar.’

Die tiefen Dinge, sprach ich, deren Glanz
Hier zu erschauen mir vergönnt gewesen,
Sind drunten jedem Blick verhüllt so ganz,

Daß nur im Glauben dort besteht ihr Wesen,
Aus welchen sich die hohe Hoffnung baut;
Drum ist ‘Substanz’ zum Namen ihm erlesen.

Vom Glauben, ohne daß sie weiter schaut,
Muß unsre Seele weitre Schlüsse machen,
Und drum heißt er Beweis. Da klang es laut:

‘Wenn alles, was der Mensch von diesen Sachen
Erwirbt durch Lehre, so würd' ausgefaßt,
Nicht würd' ins Fäustchen der Sophist sich lachen.’

So haucht' es aus der glühnden Liebe Glast
Und fügt' hinzu: ‘Durchforscht ist allerwege
Das Schrot und Korn der Münze jetzt; doch hast

Du sie in deinem Beutel auch? Das lege
Mir dar.’ So hell hab' ich sie und so rund,
Sprach ich, daß zweifellos ist ihr Gepräge.

Da klang es aus des tiefen Lichtes Mund,
Das hier erglänzt: ‘Des theuren Kleinods Gut,
Das all und jeder Tugend wahrer Grund,

Wo kam dirs her?’ Ich sprach: Die Thauesfluth
Des heiligen Geistes, die so reich sich über
Die neu'n und alten Pergament' entlud,

Gewährt so sichre Folgerung hierüber,
Daß jeder andere Beweisesgrund
Mir stumpf erscheinet diesem gegenüber.

Drauf hört' ich: ‘Alter so wie neuer Bund,
Aus denen du gefolgert dein Beweisen,
Was gibt sie dir als Worte Gottes kund?’

Drauf ich: Die Wahrheit zeugen und erweisen
Die Werke mir, zu denen die Natur
Nie Amboß schlug und nie geglüht das Eisen.

‘Doch sprich,’ versetzt' er, ‘was verbürgt dir nur
Der Werke Wahrheit? Was erst zu bewähren
Nichts andres, leistet dir der Bürgschaft Schwur.’

Konnt' ohne Wunder sich die Welt bekehren
Zu Christ, sprach ich, das eine ist so groß,
Daß nicht ein Hundertstel die andern wären.

Denn in das Feld getreten arm und bloß
Bist du, um auszusä'n die gute Pflanze,
Die Reb' einst war und nun zum Dorn ausschoß.

Ich schwieg, und aus des heiligen Hofes Kranze
Klang es im Kreis: ‘Herr Gott, dich loben wir!’
So wie man dort singt in des Himmels Glanze.

Und jener Glaubensheld, der, Fragen mir
So stellend, mich von Zweig zu Zweig gezogen,
Daß nahe schon dem letzten Blatte wir,

Begann aufs neue: ‘Gnade, die gewogen
Sich deinem Geist erwies, that dir den Mund
So auf, daß rechter Antwort er gepflogen.

Gut heiß' ich drum was mir aus ihm ward kund;
Doch was du glaubest, sollst du jetzt bekunden,
So wie worauf beruht des Glaubens Grund.’

O seliger Vater, der das Schaun gefunden
Deß, was du so geglaubt, daß du beim Lauf
Zum Grabe jüngre Füße überwunden,

Du willst, daß ich die Formel, sprach ich drauf,
Von meinem Glauben hier dir soll erwähnen,
Und auch den Grund desselben dir thu auf.

Ich glaub' an Einen Gott, erwidr' ich, jenen,
Der einzig, ewig, selber unbewegt,
Bewegt des Himmels All durch Lieb' und Sehnen.

Und solchen Glauben nicht allein belegt
Physik und Metaphysik; ihn vertreten
Die Wahrheitszeugen, die Gott hat erregt.

So Moses, so die Psalmen, die Propheten,
Das Evangelium, so ihr, die ihr schriebt,
Als Geistes Feuerzungen aus euch wehten.

Ich glaub' an drei Personen, ungetrübt
Seit ewig in dreieiniger Wesenheit;
Drum paßt hier ‘Sind’ und ‘Ist’, wie mans beliebt.

Dies tief verborgne Sein der Göttlichkeit,
Von dem ich sprach, besiegelt meinem Geiste
Vielfach des Evangeliums Bescheid.

Dies ist der Urquell, dieses ist der Gneiste,
Der in lebendiger Flamme dann sich dehnt,
Und wie ein Stern strahlt, der am Himmel kreiste.

Gleich wie der Herr, der hört was er ersehnt,
Den Diener froh begrüßt auf solche Kunde,
Und, wenn er schweigt, umarmend an ihn lehnt:

So kreiste dreimal, als ich schwieg, im Runde
Mit segnendem Gesang um mich der Hort
Der Kirche, der befohlen meinem Munde

Zu reden: so gefiel ihm dies mein Wort.


Gesang 25

Ein zweiter Lichtglanz tritt heran, der Apostel Jacobus. Er und Petrus begrüßen sich. Jacobus prüft Dante über die Hoffnung, und zwar, was sie sei, wie stark sie in ihm sei, und woher sie ihm stamme. Auf die zweite Frage antwortet Beatrix, auf die beiden andern Dante. Die Seligen stimmen einen Hymnus an. Ein drittes Licht, der Apostel Johannes, tritt hinzu und bewillkommt die beiden andern. Dante vernimmt von ihm, daß nur Christus und Maria mit ihrem Leibe bekleidet schon jetzt im Himmel seien. Dante will auf Beatrix schauen, bemerkt aber zu seinem Schrecken, daß sein Auge von dem Hinschauen auf Johannes geblendet ist.

Sollt' ichs erleben, daß dies heilige Lied,
Dran Hand gelegt der Himmel und die Erde,
Drob man seit Jahren schon mich mager sieht,

Den Zorn besiegt, durch den verbannt ich werde
Vom Ort, wo ich als Lamm schlief in der Hürde,
Der Wolfsbrut feind, die sinnt wie sie gefährde,

Mit anderm Ton und Vließ, als Dichter würde
Ich heim dann kehren, und am Born, wo ich
Getauft ward, schmückte mich des Lorbeers Würde.

Denn in den Glauben, der die Seele sich
Gott nähern macht, trat ich dort ein, deswegen
Kreist' um die Stirn mir Petrus gnädiglich.

Uns kam ein Licht aus jener Schar entgegen,
Aus der der Erstling derer kam, die hier
Uns Christus ließ, um seines Amts zu pflegen.

‘Sieh, sieh,’ sprach meine Herrin froh zu mir,
‘Den Bannerherrn, zu dem die Pilger streben
Hin nach Galizien auf dem Erdrevier.’

Wie wenn der Tauber liebevoll sich neben
Der Taube niederläßt, und beide kreisend
Und girrend ihre Liebe kund sich geben,

So sah ich, wie einander Lieb' erweisend
Die beiden großen Herrn sich aufgenommen,
Die Speise, die man dort genießet, preisend.

Als die Begrüßung an ihr Ziel gekommen,
Stand schweigend vor mir jeglicher von ihnen,
So hell, daß es mich blendete, entglommen.

Beatrix sprach, ein Lächeln in den Mienen:
‘Erlauchtes Leben, das den Ueberfluß
Geschildert, der an unserm Haus erschienen,

Gib Ausdruck hier der Hoffnung Hochgenuß.
Du weißt, in deinem Bild ist sie zu schauen,
Als Jesus gab den Drein des Lichts Erguß.’

‘Richt' auf dein Haupt, Muth fasse und Vertrauen,
Denn Reife muß an unserm Strahl erlangen
Was hierher aufsteigt aus den Erdenauen.’

Solch Trostwort kam vom zweiten Licht gegangen,
Daß zu den Bergen ward mein Blick gewandt,
Die ihn durch ihre Wucht gebeugt voll Bangen.

‘Weil unsers Kaisers Gnade zugestand,
Daß du mit seinen Fürsten hier verkehrst
Und lebend schaust geheimsten Rathes Stand,

Daß mit der Wahrheit, die du hier erfährst,
Die Hoffnung, die die Sterblichen beglücket,
Dort unten du in dir und Andern mehrst,

Sprich was sie ist, wie sehr mit ihr sich schmücket
Dein Geist, und woher sie dir ist gekommen.’
So fuhr das zweite Licht fort hell entzücket.

Und meine Antwort ward von ihr, der Frommen,
Die meine Schwingen zu so hohem Flug
Emporgetragen, so vorweg genommen:

‘Noch keinen Sohn, der hoffnungsreicher, trug
Die Kirche, die noch streitet, wie's zu lesen
Im Sonnenlicht, das leuchtet unserm Zug.

Drum ward er Zion anzuschaun erlesen
Und deshalb aus Aegypten hergetragen,
Eh sein Kriegsdienst zu Ende noch gewesen.

Die andern beiden Punkte deiner Fragen,
Nicht um es zu erfahren, nein! daß er, Wie sehr dir werth die Hoffnung möge sagen,

Lass' ich ihm selbst: sie sind für ihn nicht schwer
Noch prahlenswerth; er mag drauf Antwort geben,
Und helf' ihm Gott mit gnädiger Gewähr.’

Dem Schüler gleich, der willig und ergeben
Dem Lehrer alles, was er weiß, verkündet,
Um zu beweisen Tüchtigkeit und Streben,

Sprach ich: Die Hoffnung ist ein fest begründet
Erwarten von zukünftiger Herrlichkeit,
Durch Gottes Gnad' und früh'r Verdienst entzündet.

Von vielen Sternen kommt mir der Bescheid,
Doch hat Deß Wort am tiefsten mich getroffen,
Der Gottes Führung sang in alter Zeit.

Er singt im Psalme: ‘Mögen aus dich hoffen
Diejenigen, die da kennen deinen Namen;’
Und wer wie ich glaubt, wem ist er nicht offen?

Du gabst mir deinen Thau, den wundersamen,
In der Epistel, so daß voll ich bin
Und thau' auf andre eures Thaues Samen.

Ich sprachs, und in des Feuers Schoße drin
Erzittert' ein lebendig Funkensprühen,
Wie Blitze zucken eilig her und hin.

Dann klangs: ‘Die Liebe, die mich läßt erglühen
Für jene Kraft, die bis zur Palme mir
Gefolgt und bis zum Ziel der Kampfsesmühen,

Heißt mich noch mehr dir sagen, daß an ihr
Du dich erfreust; so will ich, daß du kund
Mir thuest: was verheißt die Hoffnung dir?’

Ich sprach: Der alte wie der neue Bund
Bezeichnen mir das Ziel. ‘So woll' es nennen!’
‘Die Seelen alle,’ spricht Jesaias Mund,

‘Die Gott befreundet, wird man einst erkennen
Am Doppelkleide dort in ihrem Land.’
Dies Leben ist ihr Land, drin hold sie brennen.

Und noch ausführlicher macht uns bekannt
Dein Bruder solcher Offenbarung Kunde,
Der redet vom weißleuchtenden Gewand.

‘Es hoffen, Herr, auf dich!’ tönt' es im Runde
Hoch über uns, nachdem sein Wort zu Ende,
Und Autwort klang aus aller Reigen Bunde.

Dann unter ihnen wuchs ein Licht behende
So hell, daß, wär' im Krebs solch ein Krystall,
Ein Wintermond aus einem Tag bestände.

Und wie die Jungfrau sich erhebt beim Schall
Der Lust und tritt zum Tanze, nur zur Ehre
Der Braut, nicht, daß ihr Eitelkeit gefall',

So sah ich, wie der aufgegangne hehre
Lichtglanz kam zu den Zwein, die sich im Kreise
Drehten nach ihrer glühnden Liebe Lehre.

Hier trat er in den Tanz und in die Weise,
Indeß der Herrin Augen auf sie sahn,
Gleich einer Braut, bewegungslos und leise.

Der lag am Busen unserm Pelican,
Und Der ward auserwählt vom Kreuz hernieder
Zum großen Amte, das er dort empfahn.’

So meine Herrin; doch die Augenlider
Hob sie zu ihm nicht minder als zuvor,
Indeß sie lauscht' auf seine Worte wieder.

Wie's einem geht, der blinzelnd schaut empor,
Der Sonne Theilverfinsterung zu sehen,
Und durch das Sehn des Sehens Kraft verlor:

So sollt' es mir beim letzten Feuer gehen.
Da klang es: ‘Willst dus bis zum Blenden treiben,
Um zu erreichen was nie kann geschehen?

Erd' ist mein Leib auf Erden und wirds bleiben
Mit allen andern dort, bis unsre Zahl
Die Höh' erreicht, die Gottes Finger schreiben.

Im seligen Chor hat jener Lichter Strahl
Allein ein Doppelkleid, die sich erhoben;
Und dieses melde dort im Erdenthal.’

Still stand bei diesem Wort das Kreisen droben,
Mit ihm die Mischung süßer Melodien,
Die aus dreifachem Hauche sich gewoben.

So halten, um Gefahr und Müh' zu fliehen,
Die Ruder, die vorher gepeitscht die Fluth,
Wenn Pfeifentöne über Deck hin ziehen.

Ach! aber wie entsetzte sich mein Muth,
Als ich gewandt, Beatrix anzuschauen,
Nicht sehn sie konnte, ob ich ihrer Hut

Auch nah mich fand und in der Seligen Auen.


Gesang 26

Johannes prüft Dante über die Liebe, und zwar das Ziel derselben, als welches Dante Gott bezeichnet. Vernunft und Offenbarung wie die Werte Gottes, das Leben und Leiden Christi bezeugen diese Liebe. Ein dreifaches Heilig erschallt. Nun kann Dante, der vorher geblendet war, wieder sehen. Er sieht ein viertes Licht; es ist Adam. Dieser gibt Dante Auskunft über vier Punkte: über sein Alter, die Dauer seines Aufenthaltes im Paradiese, die Ursache des Sündenfalls und die erste Sprache der Menschen.

Wie ich noch der erloschnen Sehkraft dachte,
Drang aus dem Flammenglanz, der mich geblendet,
Ein Hauch hervor, der aufmerksam mich machte.

‘Bis du erlangt,’ sprach er mir zugewendet,
‘Des Sehens Sinn, den du verzehrt an mir,
Geziemt es, daß Gespräch Ersatz dir spendet.

Aus denn und sprich: welch Ziel hat die Begier
Des Geists? Es ist nur, sei versichert dessen,
Verirrt die Sehkraft, nicht erstorben dir.

Denn Sie, von der geführt du darfst durchmessen
Das Gottesland, hat in dem Blick die Macht,
Die Ananias Hand dereinst besessen.’

Wie's ihr gefällt, sei früh, sei spät gebracht
Dem Aug' die Heilung, sprach ich, durch deß Thor
Sie einzog mit dem Feur, das glühn mich macht.

Das Gut, das selig macht all diesen Chor,
Ist aller Schriften A und O, und Liebe
Liest daraus laut mir oder leise vor.

Dieselbe Stimme, die des Bangens Triebe
Ob plötzlichen Erblindens mich enthob,
Sie sorgt' aufs neue, daß ich stumm nicht bliebe.

‘Mit engerm Siebe ziemt es noch,’ so hob
Sie an, ‘dich zu durchseihn; was deinen Bogen
Gerichtet auf dies Ziel, bekenne drob.’

Durch Gründe der Philosophie bewogen
Und durch manch Zeugniß, das von hier gekommen,
Hat solche Lieb' in sich mein Geist gesogen.

Das Gut, wird es als Gut nur wahrgenommen,
Weckt Liebe, die zu um so stärker Gluth,
Je mehr es Güte in sich schließt, entglommen.

Draus folgt, daß zu dem Geist, der aus der Fluth
So vorragt, daß ein Strahl von seinem Lichte
Ist jedes außer ihm vorhandne Gut,

Mehr als zu andern sich in Liebe richte
Ein jeder Geist, dem sich die Wahrheit weist,
Auf deren Grund ich den Beweis errichte.

Und solche Wahrheit rollt vor meinem Geist
Der auf, der erste Liebe, die zu eigen
Ewger Substanz ist, mich erkennen heißt,

Sie kann der Mund der Wahrheit mir bezeigen,
Der, von sich redend, sprach zu Mose schon:
‘Ich will dir alle meine Güte zeigen.’

Du rollst sie auf am Anfang deiner hoh'n
Verkünd'gung, die vor andern dieser Sphären
Geheimniß drunten rief im Heroldston.

Da sprachs: ‘Nach menschlichen Verstandes Lehren
Und Gottes Wort, das beistimmt dem Verstand,
Muß sich zu Gott dein höchstes Lieben kehren.

Doch sprich, fühlst du noch andrer Seile Band
Dich zu ihm ziehn? Du sollst mir alles nennen,
Womit dich diese Liebe wund gebrannt.’

Nicht war die heilige Absicht zu verkennen
Des Adlers Christi; wohl erkannte ich,
Wohin er führen wollte mein Bekennen.

Drum sprach ich wieder: All und jeder Stich,
Der unser Herz zu Gotte hin kann neigen,
Vereint zu Gunsten meiner Liebe sich:

Das Dasein dieser Welt, so wie mein eigen,
Der Tod, den Er, damit wir lebten, litt,
Und Das, was mit mir hofft der Gläubigen Reigen;

Jene lebendige Kenntniß auch damit,
Sie lenkten aus verkehrter Liebe Fluthen
Zum Strand der rechten Liebe meinen Schritt.

Die Blätter, die den Garten grün umfluthen
Des ewigen Gärtners, sie lieb' ich so sehr
Als ihnen er ertheilt das Maß des Guten.

Ich schwieg und lieblich durch den Himmel her
Erklang ein Lied, und meine Herrin rief
Ihr ‘Heilig, heilig, heilig’ mit dem Heer.

Und wie bei grellem Licht erwacht wer schlief,
Weil sich der Geist des Sehens nach dem Lichte
Hinwendet, das von Haut zu Haut ihm lief -

Ihn schreckt erst was sich darstellt dem Gesichte;
So unbewußt ist plötzliches Erwachen,
Bis Urteilskraft ganz wieder auf ihn richte -:

So trieb Beatrix alle trüben Sachen
Von meinem Auge durch der ihren Licht,
Die hell auf mehr als tausend Meilen machen.

Nun besser als zuvor sah mein Gesicht,
Und als ein viertes Licht ich bei uns strahlen
Gewahrt', ersucht' ich staunend um Bericht.

Die Herrin sprach: ‘Es schaut in diesen Strahlen
Auf seinen Schöpfer jenes erste Leben,
Das erste Kraft erschaffen hat jemalen.’

Dem Laube gleich, das beim Vorüberschweben
Des Windes neigt die Spitze, um sie dann,
Von eigner Kraft getragen, gleich zu heben,

So hielt, so lang sie sprach, mein Staunen an,
Als neue Zuversicht mich jetzt durchfuhr
Beim Wunsch zu reden, der mich heiß durchrann.

Ich sprach: O Frucht, die einzige der Natur,
Die reif geschaffen ward, uralter Ahne,
Dem jede Gattin Tochter ist und Schnur,

O sprich, in Ehrfurcht fleh' ich dich und mahne,
Du weißt, welch Sehnen du in mir erweckt;
Drum schweig' ich, daß ich schneller Weg dir bahne.

Oft zuckt ein Thier, das eine Hülle deckt,
So daß sich zeigen muß was in ihm stecke,
Dieweil nach ihm sich die Umhüllung streckt:

So ließ durchschimmern mir durch ihre Decke
Die erste Seele, wie gefällig mir
Zu sein, ihr hohe Freud' und Lust erwecke.

‘Zeigst du mir.’ sprach sie, ‘auch nicht die Begier,
Erkenn' ich sie doch besser, als du eine
Der Sachen, die ganz klar erkennbar dir.

Denn schaun läßt sie der Spiegel mir, der reine,
Der sich zum Widerschein macht jedem Ding,
Und keines macht zu seinem Widerscheine.

Du möchtest hören, wann mich erst umfing
Der Garten, wo durch Diese du gewonnen
Die Kraft, die solches Flugs sich unterfing;

Wie lang mein Auge schaut' in jene Wonnen,
Den wahren Grund des großen Zorns, und Das:
Welch eine Sprach' ich braucht' und mir ersonnen.

Nun denn, mein Sohn, daß von dem Baum ich aß,
War nicht an sich des schweren Bannes Grund,
Nein! nur daß den Gehorsam ich vergaß.

Als dort ich war, woher der Herrin Mund
Virgilen rief, schwang sich viertausendmal
Dreihundert zweimal um der Sonne Rund.

Ich sah zurückgekehrt der Sonne Strahl
Zu allen Lichtern ihrer Bahn, der runden,
Neunhundertdreißigmal im Erdenthal.

Die Sprache, die ich sprach, war ganz verschwunden,
Eh jenes Baus, der nimmer ausführbar,
Sich Nimrods Völker hatten unterwunden.

Denn keine Wirkung des Verstandes war,
Weil Menschen nach des Himmels Drehung jeden
Der Wünsche wechseln, je unwandelbar.

Werk der Natur ists, daß die Menschen reden;
Ob aber jene Sprache oder diese,
Das hängt an euch und eurer Willkür Fäden.

Bevor ich stieg zum höllischen Verließe,
Ward drunten L das höchste Gut genannt,
Von dem die Wonne kommt, die ich genieße.

Dann hieß es El, und so ziemt es dem Stand
Der Menschen, der dem Blatt am Zweige gleicht,
Wo eines treibt, sobald das andre schwand.

Den Berg, der aus der Fluth am höchsten steigt,
Bewohnt' ich von der ersten bis zur Stunde,
Die auf die sechste folgt, wenn Sol sich neigt,

Erst schuldlos, dann voll Schuld im Herzensgrunde.’


Gesang 27

Nach einem Lobgesange auf die Dreieinigkeit ergreift Petrus das Wort und spricht zürnend über den Zustand der entarteten Kirche. Darauf schweben alle Heiligen empor und verschwinden. Dante und Beatrix kommen in den neunten Himmel, den Krystallhimmel, dessen Beschaffenheit sie ihm erklärt. Daran knüpft sich eine Strafrede gegen die der göttlichen Ordnung zuwiderlaufende Entartung der Menschheit, deren Grund in dem Mangel eines höchsten Herrschers zu finden, doch werde einst eine bessere Zeit kommen.

‘Dem Vater, Sohn und heiligen Geiste,’ klang
Es durch das ganze Paradies, ‘sei Ehre!’
So daß ich trunken ward vom süßen Sang.

Und was ich sah. es schien als ob es wäre
Ein Weltallslächeln, und so drang Entzücken
Mir durch des Ohrs wie durch des Auges Sphäre.

O Wonn', o Lust, im Wort nicht auszudrücken!
O ganz von Lieb' und Fried' erfülltes Leben!
O wunschenthobnen Reichthums süß Beglücken!

Vor meinem Blick hellbrennend sah ich schweben
Noch die vier Fackeln; die zuerst gekommen,
Begann sich jetzo heller zu beleben.

Wie Mars und Jupiter strahlt' es entglommen,
Wenn Vögel wären beid', und das Gefieder
Des einen hätt' der andre angenommen.

Vorsehung, die an all die seligen Glieder
Des Chors hier austheilt Reihenfolg' und Amt,
Sie hatte Schweigen rings geboten wieder.

Und ich vernahm: ‘Bin ich so hell entflammt,
So staune nicht! Bei meiner Stimme Tone
Wirst du erröthen sehn sie insgesammt.

Der Usurpator dort auf meinem Throne,
Auf meinem Thron, auf meinem Thron, der leer
Steht vor dem Angesicht von Gottes Sohne,

Zum Pfuhle voller Stank und Blut hat er
Entweihet meine Ruhstatt, daß sich drüber
Der Arge freut, der fiel vom Himmel her.’

In der Gluth, die die Wolken, wenn genüber
Die Sonne steht, am Abend färbt und Morgen,
Stand jetzt der Himmel überroth und über.

Und wie ein sittig Weib, das ohne Sorgen
Um eignen Fehl, beim bloßen Hören schon
Von Andrer Fehl, ein Bangen fühlt verborgen:

So wandelte das Ansehn sich der hoh'n
Gebietrin; solch Verfinstern war wohl eigen
Dem Himmel, als gestorben Gottes Sohn.

Drauf fuhr er also sort nach kurzem Schweigen
Mit einem Ton, der ganz verändert hauchte;
Nicht größern Wandel konnt' das Aussehn zeigen.

‘Mein Blut, Linus und Cletus Blut, es rauchte
Nicht dazu für das Heil von Christi Braut,
Daß man zu Gelderwerbe sie mißbrauchte.

Nein! daß sie dieses heitre Leben schaut',
Hat Pius, Sixt, Calixt, Urban, sie alle
Die Erde weinend mit dem Blut bethaut.

Und unsre Absicht war in keinem Falle,
Daß rechts von unserm Folger säß' ein Theil
Des Christenvolks. ein Theil nach links hin falle;

Nicht daß den Schlüssel, mir vertraut zum Heil,
Auf einer Fahne, mit der man Getaufte
Bekämpfet, man als Wappen trüge feil;

Nicht daß mein Bild als Siegel auf erkaufte
Und lügenhafte Rechte sei gesetzt;
Drob ich erröthend oft schon Funken schnaufte.

Wir sehn von hier im Hirtenkleide jetzt
Raubgierige Wölf' auf allen Weiden blinken:
O Gottes Schutz, was ruhst du bis zuletzt?

Es rüstet sich, von unserm Blut zu trinken,
Der Bask' und Caorsin; zu welchem Ende
Voll Schmach mußt du, o guter Anfang, sinken!

Doch die erhabne Vorsicht, die die Hände
Von Scipio zu Romas Schutz gebrauchet,
Ich weiß, daß sie auch hier bald Hülfe sende.

Und du, mein Sohn, den nochmals niedertauchet
Die Erdenlast, du öffne deinen Mund,
Nicht bergend, was ich klar dir zugehauchet.’

Wie's von gefrornem Dunst herab zum Grund
In unserm Luftkreis wimmelt, wenn der Ziege
Geweihe mit der Sonne schließt den Bund:

So sah ich, schmückend all des Aethers Stiege,
Nach oben jene heiligen Flammen schnei'n,
Die hier geweilt, sich freuend an dem Siege.

Es hing mein Aug' an ihrem lichten Schein
So lange bis der Zwischenraum so groß,
Daß es unmöglich weiter drang hinein.

Und meine Herrin, die vom Schauen los
Mich sah: ‘Blick abwärts jetzt,’ sprach sie gewogen;
‘Wie du dich umgeschwungen, siehe bloß!’

Seit meinem frühem Schaun hatt' ich den Bogen,
Den von der Mitte bis zum End' umfaßt
Die erste Zone, raschen Laufs durchflogen.

Jenseits von Gades lag, was einst der Mast
Ulyssens kühn durchfuhr, diesseits der Strand,
Wo einst Europa ward zur süßen Last.

Und mehr noch hätte dieses Fleckchen Land
Sich mir enthüllt, wenn nicht fast um zwei Zeichen
Schon weiter unter mir die Sonne stand.

Der Geist der Liebe, der von Ihr entweichen
Mich nimmer ließ, trieb mich in Gluthverlangen
Den Blick zu wenden zu der Wonnereichen.

Wenn jemals aus Natur und Kunst entsprangen
Lockungen, welche durch ein schon Gesicht
Und durch sein Bild den Geist des Menschen fangen,

Sie insgesammt vereinigt kämen nicht
Dem Himmel gleich, den ich sah niederschweben,
Als ich mich wandt' an ihres Lächelns Licht.

Und jene Kraft, die mir ihr Blick gegeben,
Riß mich aus Ledas schönem Neste fort,
Um in der Himmel schnellsten mich zu heben.

So gleich, so lebensvoll ist alles dort,
Daß ich nicht schildern kann mit Erdenlaute
Den von Beatrix mir erkornen Ort.

Sie aber, die mein Sehnen ganz durchschaute,
Sprach, und solch selig Lächeln überglitt
Ihr Antlitz, daraus Gottes Freude thaute:

‘Der Welt Bewegung, die um ihre Mitt'
Hier alles andre, selber ruhend, dreht,
Von hier als Ausgang theilt sie Anstoß mit.

Kein andres Wo der Himmel hier empfäht
Als Gottes Geist, an dem sich Lieb' entzündet,
Die ihn bewegt, drauf seine Kraft entsteht.

Ihn schließt ein Kreis, aus Lieb' und Licht verbündet,
Ein, wie die andern er, und deß Umhegung
Erkennet Der nur, der ihn so geründet.

Nichts andres dient zum Maß ihm der Bewegung,
Zum Maß der andern dienet er allein,
Wie Hälft' und Fünftel bei der Zehn Zerlegung.

Nun kann dir offenbar geworden sein,
Daß dies der Boden ist, aus dem die Zeit
Entsprießt, das andre hat nur Laubes Schein.

O Habsucht, die die Menschen du so weit
Drückst unter dich, daß sich trotz aller Mühe
Aus deinen Fluthen keiner mehr befreit,

Ob guter Will' auch in den Menschen blühe,
Verwandelt wird die edle gute Pflaum'
In Hutzeln durch endlosen Regens Brühe.

Unschuld und Glaube finden nur noch Raum
Bei Kindern; aber beide fliehn alsbald,
Eh noch die Wange sich bedeckt mit Flaum.

Gar mancher fastet noch, so lang er lallt,
Der, wenn gelöst die Zunge, jede Speise
In jedem Mond hinabschlingt mit Gewalt.

Und wer, noch lallend, liebreich aus die weise
Mutter gehört, wünscht, wenn er fertig spricht,
Daß ihr der Tod die letzte Gnad' erweise.

So schwärzt sich, die zuerst weiß im Gesicht
Erschien, die Haut der schönen Tochter Dessen,
Der Morgens bringt und Abends nimmt das Licht.

Doch, daß du nicht erstaunest, woll' ermessen:
Die Erd' ist eines höchsten Herrschers bar;
Darum hat sich der Mensch so weit vergessen.

Doch eh den Winter läßt der Januar
(Dieweil das Hundertstel nicht wird beachtet),
Schallt dieser Kreise Aechzen so fürwahr,

Daß das Geschick, nach dem man lange schmachtet,
Den Spiegel dreht wo jetzt der Schnabel steht,
Daß graden Laufs die Flotte vorwärts trachtet

Und aus der Blüthe wahre Frucht entsteht.’


Gesang 28

Dante sieht einen lichten Punkt, um den neun Kreise sich drehen, der nächste am schnellsten, der fernste am langsamsten. Es ist Gott; jene Kreise sind die Ordnungen der Engel. Beatrix klärt ihn darüber auf, warum die Bewegung eine andere sei als in der körperlichen Welt, und macht ihm die einzelnen Ordnungen der Engel namhaft.

So hatte Wahrheit mir vom jetzigen Leben
Der armen Menschen Jene kund gemacht,
Die Paradieseslust dem Geist gegeben.

Wie, wer im Spiegel sieht der Flamme Pracht,
Die hinter seinem Rücken ward entzündet,
Bevor er sie gesehn und dran gedacht,

Und schaun will, ob das Glas ihm Wahrheit kündet,
Sich dreht und sieht, es stimmt so überein
Mit ihr, wie Lied und Weise sich erbündet:

So ich in dem Moment - noch denk' ich sein! -
Ich wandte zu den Augen mich, den reinen,
In deren Schlingen Amor mich fing ein.

Und als ich mich gewandt, und nun die meinen
Das sahen, was an jener Wölbung Kreis,
Sobald man tief hineinschaut, muß erscheinen.

Erblickt' ich einen Punkt, dem Licht so weiß
Entstrahlte, daß dem scharfen Strahlenkerne
Das Aug' ich schloß, so glüht' es von ihm heiß.

Und wie man Stern an Stern am Himmel ferne
Vergleicht, ein Mond erschiene, neben ihn
Gestellt, sogar der kleinste aller Sterne.

So weit entfernt, als oft der Hof mir schien
Das Licht, das ihn erzeugte, zu umgeben,
Wenn dichte Dünste, die ihn tragen, ziehn.

Sah einen Feuerkreis so schnell ich schweben
Um jenen Punkt, daß, die im schnellsten Bogen
Ums All kreist, die Bewegung wär' erlegen.

Von einem zweiten war der Kreis umzogen,
Vom dritten der, vom vierten dann der dritte,
Vom fünften der, vom sechsten der umflogen;

Der siebente dann von so weitem Schritte,
Daß Junos Botin, auch als voller Ring
Gedacht, zu eng, daß sie ihn ganz umschritte.

So auch der acht' und neunt', und jeder ging
Langsamer stets, je wie er an der Zahl
Von Eins entfernt die höhre Zahl empfing.

Am lautersten war jener Flamme Strahl,
Der minder abstand von des Funkens Reine,
Weil seine Wahrheit ihn durchdringt zumal.

Als mich in Zweifeln schwer befangen meine
Gebietrin sah, begann sie: ‘Wiss', es leitet
Natur und Himmel dieser Punkt, der eine.

Sieh jenen Kreis, der ihm zunächst sich breitet,
Und wisse, daß aus jener glühnden Liebe,
Die ihn regiert, sich seine Schnelle leitet.’

Wär' auch die Welt wie dieses Radgetriebe,
Sprach ich zu ihr, gegliedert gleicherweise,
Nicht wüßt' ich was mir zweifelhast dann bliebe.

Doch in der Sinnenwelt herrscht andre Weise:
Je ferner sie dem Mittelpunkte stehen,
Sieht man dort um so göttlicher die Kreise.

Drum, wenn mein Wunsch soll in Erfüllung gehen
In diesem wunderbaren Engelstempel,
Der Lieb' und Licht als Grenze sich ersehen,

So mußt Belehrung du, warum der Stempel
Vom Prägstock so verschieden ist, mir spenden;
Nicht ich allein kann lösen dies Exempel.

‘Kein Wunder, wenn unlösbar deinen Händen
Der Knoten ist; so fest ward er ja nur,
Weil Kraft zu lösen niemand will verwenden.’

So sprach Beatrix. ‘Willst du Sätt'gung,’ fuhr
Sie fort, ‘so nimm was ich dir sag' und hänge
Dem weiter nach auf deines Scharfsinns Spur.

Weit ist der körperliche Kreis und enge,
Je mehr und minder Kraft ihm ward zu Theile,
Die sich durch ihn erstreckt nach Breit' und Länge.

Die größre Güte wird zu größrem Heile,
Wie größrer Körper größres Heil umfaßt,
Wenn gleich vollkommen alle seine Theile.

Daher entspricht der Himmel, der in Hast
Das ganze große Weltall mit sich reißt,
Dem Kreis, der mehr weiß und mehr Liebe faßt.

Legt also an die Kraft dein Maß der Geist,
Nicht aber an der Gegenständ' Erscheinung,
Die sich in sphärischer Gestalt dir weist:

So siehst du, wie in wunderbarer Einung
In Himmeln und Intelligenzen Mehr
Zum Großen, Minder stimmt zu der Verkleinung.’

Wie, wenn der Nordwind aus der Wange her,
Aus der er sanfter athmet, bläst sein Wehen,
Der Dunstkreis glänzend wird und wolkenleer,

Daß sich die Nebel reingen und zergehen,
Die ihn getrübt, daß all des Himmels Scharen
In heiligem Lächeln schön und klar zu sehen:

So ward mirs, als die Herrin mit der klaren
Antwort mich speist', und ich sah vor mir steigen
Gleich einem Himmelsstern das Licht des Wahren.

Und als ihr Wort nun aufgehört in Schweigen,
Da sprühte, gleich wie glühndes Eisen thut,
Lichtfunken aus all jener Kreise Reigen.

Die Funken alle folgten ihrer Gluth,
Und tausendfach, so wie sie sich entfalten
Bei Schachbretsdopplung, wuchs der Zahlen Fluth.

Ich hörte wie Hosannarufe schallten
Von Chor zu Chor dem Punkt, der sie am Ort,
Wo stets sie waren, hält und stets wird halten.

Sie, die im Geist den Zweifel las sofort,
Begann: ‘Es zeigten dir die ersten Kreise
Die Cherubim und Seraphime dort.

So schnell folgt ihren Banden ihr Geleise,
Um möglichst jenem Punkte gleich zu sein,
Und möglich ists nach Schauens Maß und Weise.

Man nennt die Lieben, die um sie sich reihn,
Dieweil die erste Dreizahl sie beschließen,
Throne des Angesichts von ewigem Sein.

Wisse, daß so viel Wonne sie genießen
Als in der Wahrheit Grund ihr Auge dringt,
Die jedem Geist Befriedigung kann erschließen.

Draus sieht man, daß die Seligkeit bedingt
Vom Akt des Schauens, nicht der Liebe ist,
Die jenem nur begleitend Hülfe bringt.

Des Schauens Tiefe am Verdienst sich mißt,
Und dies erzeugt die Gnad' und guter Wille:
So geht es stufenweis zu jeder Frist.

Die andern drei, die ewigen Lenzes Still
Umgrünet, den kein nächtiger Sturm entblättert,
Wenn sich des Widders Ruf erhebt, der schrille,

Ihr Hosianna wie ein Lenzlied klettert
Zum Höchsten in dreifacher Melodie,
Die aus drei Chören, die sie bilden, schmettert.

Drei Scharen sind in dieser Hierarchie:
Zuerst Herrschaften, Kräfte sind die zweiten,
Die dritte Ordnung, Mächte nennt man sie.

In der vorletzten beiden Reigen Weiten,
Erzengel sind und Fürstenthümer drin,
Im letzten die der Engel Spiel Geweihten.

Nach oben schaun all diese Chöre hin
Und wirken so nach unten, daß gezogen
Zu Gott sie alle werden wie sie ziehn.

Es legte Dionys, sehnsuchtbewogen,
Sich so auf ihr Betrachten, Chor um Chor,
Daß Scheidung er und Namen wohl erwogen .

Zwar trennte später sich von ihm Gregor,
Doch so, daß er sich selbst belächeln mußte,
Als er im Himmel schlug das Aug' empor.

Und wenn ein Mensch aus eurer Erdenkruste
So tiefe Wahrheit kund that, staune nicht,
Ihm that es kund Er, ders hier sah und wußte,

Und Wahres mehr aus dieser Kreise Licht.’


Gesang 29

Beatrix belehrt Dante über den Zweck der Schöpfung. Die Schöpfung zerfällt in Gebilde reiner Form (Engel), Mischung von Form und Stoff (Mensch) und reinen Stoffes (körperliche Welt). Alle drei sind zugleich geschaffen. Ein Theil der Engel empörte sich gegen Gott. Sie widerlegt die irrige Ansicht, daß die Engel Wollen, Verstehen und Erinnern hätten. Dies sei ein Irrthum: aber schlimmer als Irrthum sei das absichtliche Entstellen der Wahrheit. Damit geht sie auf das verkehrte Treiben der Prediger und Priester über. Endlich spricht sie, zum Gegenstande zurückkehrend, über die Zahl der Engel.

So lang' - wenn beide Kinder der Latone,
Indem in Wag' und Widder geht ihr Schritt,
Am Horizont einnehmen gleiche Zone -

Es währt vom Gleichgewicht, drin der Zenith
Sie hält, bis tauschend ihre Hemisphäre
Heraus aus jenem Gürtel jedes tritt:

So lang', im Aug' ein Lächeln, schwieg die hehre
Beatrix, und den Punkt sah fest sie an,
Der mich besiegt mit seinem Glanzesmeere

‘Ich sage dir, nicht frag' ich,‘ sprach sie dann,
‘Was du willst hören; denn ich sah es tagen
Dort wo das Ziel von jedem Wo und Wann.

Nicht um vermehrtes Gut davon zu tragen
(Das wär' unmöglich), sondern daß ihr Glanz
Zurückgestrahlt ‘Ich bin’ nur könnte sagen,

Erschloß in ihrer Ewigkeit sich, ganz
Der Zeit und Grenz' enthoben, nach Belieben
Die ewige Lieb' in der neun Lieben Kranz.

Nicht war wie müssig sie vorher geblieben;
Denn kein Vorher und Nachher ging voraus
Dem Wehn, das auf den Wassern Gott getrieben.

Verbunden, rein trat Form und Stoff heraus
Ins makellose Dasein, wie drei Pfeile
Ein Bogen mit drei Sehnen sendet aus.

Wie Bernstein, Glas, Krystall in jedem Theile
Ein Strahl durchleuchtet, so daß von dem Kommen
Bis zum Erfülltsein keines Zeitraums Weile,

So strahlt' aus ihrem Herrn zugleich entglommen
Die dreigestalte Wirkung aus ins Sein,
So daß kein Unterschied ward wahrgenommen.

Ordnung und Zweck ward allen Wesen ein-
Geschaffen; die der reinen Thätigkeit,
Sie nahmen in der Welt den Gipfel ein;

Die tiefste Stelle bloße Möglichkeit,
Die Mitte That und Möglichkeit verbunden
Durch Banden, die da löset keine Zeit.

Zwar schrieb Hieronymus, es sei'n verschwunden
Jahrhunderte, wo erst bloß Engel waren,
Eh sich die andre Welt dem Nichts entwunden.

Doch stehts geschrieben von des Geistes wahren
Verkündigern auf mancher Seite Reih'n;
Du kannst es, blickst du recht hin, dort erfahren.

Auch sieht in Etwas die Vernunft es ein,
Sie gibt nicht zu, daß die Beweger blieben
So lang unthätig und es konnten sein.

Jetzt weißt du wo und weißt wann die neun Lieben
Geschaffen sind und wie, so daß drei Flammen
Von deinem Wunsch gelöscht sind nach Belieben.

Nicht zwanzig zählt man je so schnell zusammen,
Als ein Theil dieser Engel drauf den Grund
Der Element' aufwühlt', ihm zum Verdammen.

Die andern blieben, in so srohem Bund
Die Kunst beginnend. die du wahrgenommen,
Daß keiner läßt von seines Reigens Rund.

Von der verfluchten Hoffart ist gekommen
Der Fall desjenigen, den du vom Gewicht
Der Welt gedrückt gesehn und schwer beklommen.

Bescheiden blieben die dein Angesicht
Hier schaut, sich fühlend als das Werk der Güte,
Die sie befähigt zu der Einsicht Licht.

Drum ward durch Gnade, die sie hell durchglühte,
Und ihr Verdienst also erhöht ihr Schauen,
Daß fest und voll ihr Will' ist im Gemüthe.

Nicht zweifeln sollst du, nein gewiß vertrauen,
Daß es Verdienst ist, Gnade zu empfangen,
Je wie sich Liebe läßt darin erschauen.

Nun, wenn an meinem Munde du gehangen,
Kannst du von dieser Rathsgemeinde hier
Auch ohne mich nachdenkend Kund' erlangen.

Doch weil auf euren ird'schen Schulen ihr
Von der Natur der Engel lehret, Wollen,
Verstehen und Erinnern sei in ihr,

So sprech' ich weiter noch, daß du den vollen
Anblick der Wahrheit hast, weil diesen Dingen
Durch Mißverständniß Irrthum arg entquollen.

Die Engel, seit sie froh die Gnad' empfingen
Gott anzuschauen, wenden Ihm ohn' Ende
Sich zu, deß Blicke klar das All durchdringen.

Drum wird ihr Schaun durch neue Gegenstände
Nie abgelenkt, bedarf auch nicht demnach
Erinnern, das Zerstreutes neu verbände.

So träumt ihr Menschen unten, wenn auch wach,
Für wahr die Lehre haltend oder nicht;
Doch in dem letztern ist mehr Schuld und Schmach.

Ihr drunten geht nicht eines Weges Richt
In der Philosophie, so sehr verschroben
Macht Lust am Schein und seinem falschen Licht.

Mit mindern Zorne trägt man das hier oben
Doch, als wenn man die heilige Schrist verdreht
Oder sie gar bei Seite wird geschoben.

Wie viel Blut floß, bis in die Welt gesät
Sie ward, weiß Keiner, nicht wie Gott geneigt
Dem ist, der ihr demüthig folgend geht.

Zu scheinen müht sich jeder, jeder zeigt
Was er ersonnen, das nur macht bekannt
Der Prediger - und das Evangelium schweigt.

Der sagt, daß sich der Mond zurückgewandt
Bei Christi Leiden und sich zwischenschob,
Daß erdwärts nicht den Weg die Sonne fand.

Der, daß sein Licht von selbst erlosch, darob
Den Juden wie den Spanier und Inder
Zu gleicher Zeit die Finsterniß umwob.

Lapis und Bindis zählt Florenz weit minder
Als man im Jahre da und dort ersinnt
Aus Kanzeln solche Märchen, gut für Kinder.

Die dummen Schäflein gehen heim, mit Wind
Gefüttert, und nicht Das hilft ihnen fort,
Daß sie nicht sehn den Schaden, weil sie blind.

Nicht so sprach zu den Jüngern Christi Wort:
‘Geht hin in alle Welt und predigt Schwänke!’
Nein, er gab ihnen einer Wahrheit Hort;

Ihr Predigen sprach allein von dem Geschenke,
Ihr Schild und Speer beim Kampf für ihren Gott
War nur die Schrift, draus man den Glauben tränke.

Jetzt predigt jeder Pfaff zum Scherz und Spott;
Und wird nur rechtes Lachen ausgeschlagen,
Mehr will er nicht. dann schwillt ihm die Kapott.

Doch solch ein Vogel nistet ihm im Kragen,
Daß, säh' das Volk den Ablaß, den zu kaufen
Es kriegt, es würd' ihm wahrlich schlecht behagen.

So wuchs auf Erden dieser Thorheit Hausen,
Daß man ohn' alles Zeugniß insgemein
Zu jeglicher Verheißung würde laufen.

Mit derlei mästet Sanct Anton sein Schwein
Und andres mehr, das schlimmer ist als Schweine,
Indem man zahlt mit Gold von falschem Schein.

Doch weil wir abgeschweift sind, wie ich meine,
Wend' auf den graden Weg der Augen Strahl,
Daß Zeit und Weg zugleich verkürzt dir scheine.

Zu solcher Höhe steigt der Engel Zahl,
Daß keine Menschensprache dahin reicht
Und kein Gedank' aus eurem Erdenthal.

Wenn du erwägst, was Daniel euch zeigt,
Der von zehntausendmalzehntausend spricht,
Siehst du bestimmte Zahl dahinter leicht.

Das jene ganz bestrahlt, das erste Licht
Wird so verschieden darin aufgenommen
Als Lichter sind, mit denen sichs verflicht.

Da des Empfangens Stärke gleich muß kommen
Die Neigung, ist der Liebe Süßigkeit
Verschieden, mehr und minder heiß entglommen.

Sieh nun der ewigen Kraft Erhabenheit
Und Weite, wieviel Spiegel, drin ihr Wesen
Sich bricht, sie sich erschuf, und alle Zeit

In sich die eine bleibt, die sie gewesen.’


Gesang 30

Die Seligen des neunten Hinmiels verschwinden. Dante blickt Beatrix an, die in himmlischer unbeschreiblicher Schönheit erglänzt. Sie gelangen ins Empyreum. Dante sieht einen Fluß von Licht, in ewigem Frühling prangend. Funken tauchen aus dem Flusse und senken sich in die umher blühenden Blumen. Beatrix heißt ihn aus dem Flusse trinken. Kaum haben seine Augenlider das Wasser berührt, als der lange Fluß sich in einen runden verwandelt. Funken und Blumen sind zu Engeln und Seligen geworden. Die Seligen bilden die Gestalt einer Rose, in deren Mitte ihn Beatrix stellt. Aus einem der wenigen noch leeren Plätze liegt eine Krone; sie ist für Heinrich VII bestimmt.

Es glüht von uns entfernt die sechste Stunde
Vielleicht sechstausend Meilen; diese Welt
Senkt ihre Schatten fast zum ebnen Grunde,

Wenn uns des Himmels Mitte dar sich stellt
In solcher Tiefe, daß nicht mehr der Schimmer
Von manchem Stern zur Erde niederfällt;

Und wie der Sonne Dienrin weiter immer
Vorschreitet, sieht man Aug' um Aug' geschlossen
Am Himmel bis zu seinem hellsten Flimmer.

So war der Siegeskranz - der sich ergossen
Um jenen Punkt, der mir das Sehn benommen,
Den scheinbar, was er einschließt, hält umschlossen -

Vor meinem Blicke nach und nach verglommen,
Drum zwang den Blick Beatrix zuzuwenden
Mich Lieb' und daß ich nichts mehr wahrgenommen.

Wenn sich zu einem einzigen Lob verbänden
Die Worte, die bisher von ihr gesagt,
Zu wenig wärs um diesmal Lob zu spenden.

Die Schönheit, die ich sah, sie überragt
Nicht unser Maß nur: ich sag' unumwunden,
Daß sie allein im Schöpfer völlig tagt.

An diesem Punkt geb' ich mich überwunden,
Mehr als je Komiker, als je Tragöde,
Die Schwierigkeit in ihrem Stoff gefunden.

Denn wie das Sonnenlicht ein Aug', das blöde,
So rückt Erinnrung an das holde Licht
Des Lächelns meinen Geist in blinde Oede.

Vom ersten Tag, da ich ihr Angesicht
Im Leben sah, bis wo ich jetzt sie schaute,
Ward nicht gehemmt zu folgen mein Gedicht.

Doch jetzt muß ich verzichten, mit dem Laute
Des Lieds zu folgen ihrer Schönheit Wonnen,
Wie solche Schranke stets den Künstler staute.

Schön, wie's beschriebe wer mehr Kraft gewonnen
Als meine Tuba hat, die jetzt zum Ruhn
Den schweren Stoff hin lenkt, den ich begonnen,

Sprach sie, mit sichern Führers Stimm' und Thun:
‘Sieh! aus des größten Körpers Lichtgefild
Gehn wir zum reinen Lichteshimmel nun;

Zum reinen geistigen Licht, von Lieb' erfüllt,
Von wonnerfüllter Liebe zu dem Wahren,
Von Wonne, die so süß wie keine quillt.

Des Paradieses beide Heeresscharen
Wirst du hier sehn, die ein' in der Gestalt,
Wie beim Gericht sie sich wird offenbaren.’

Gleich einem schnellen Blitz, der dergestalt
Zerstreut der Sehkraft Geister, daß verschlossen
Sie sind des stärksten Eindruckes Gewalt,

So ward ich von lebendigem Licht umflossen
Mit einem Schleier solcher Helligkeit,
Daß ich nichts sah, von lautrem Glanz umgossen.

‘Die Liebe, die dem Himmel Ruh' verleiht,
Nimmt stets in sich mit solchem Gruße auf,
Daß für sein Licht der Leuchter sei bereit.’

Und kaum war dieser kurzen Worte Lauf
Zu mir gelangt, fühlt' ich mich von der Stelle
Gehoben über eigne Kraft hinauf.

Mir ward entzündet solcher Sehkraft Quelle,
Daß nun mein Auge hätte Stand gehalten
Vor jedem Lichte, wär' es noch so helle.

Ich sah ein Licht, das Blitze hell durchwallten,
Gestaltet wie ein Fluß, deß zwei Gestade
Die wunderbarste Frühlingspracht entfalten.

Lebendige Funken sprühten aus dem Bade,
Die in den Blumen schwanden rings versunken,
Wie goldumschlossene Rubine grade.

Dann tauchten sie wie von den Düften trunken
Hinab in jene wunderbaren Wogen;
Wo einer sank, entstiegen andre Funken.

‘Dem hohen Wunsch, der glühend dich bewogen,
Kenntniß von dem, was du erblickst, zu haben,
Bin ich, je mehr er schwillt, je mehr gewogen.

Doch mußt du an dem Wasser erst dich laben,
Eh deines Durstes Stillung dir erschienen,’
Sprach meiner Augen Sonne hoch erhaben,

Und fügte bei: ‘Der Fluß sammt den Rubinen,
Die aus- und eingehn, und die Blumen licht
Sind nur Symbol der Wahrheit, die in ihnen.

Auch sind an sich die Dinge dunkel nicht;
Der Mangel liegt in dir, weil noch so weit
Sich nicht vermag zu heben dein Gesicht.’

Nie wandt' ein Kind der Milch so schnell bereit
Das Antlitz zu, wenn ja sich sein Erwachen
Verspätet über die gewohnte Zeit,

Als ich, den Augen mehr noch zu entfachen
Die Spiegelkraft, mich bog zur Welle nieder,
Die fließet, um vollkommener zu machen.

Kaum, daß die Ränder meiner Augenlider
Davon getrunken, schien der Fluß mir rund,
Der lang vorher hinstreckte seine Glieder.

Wie, wer die Larve trägt vor Aug' und Mund
Und dann sein Scheinbild, das ihn dir verhülle,
Wegwirft, fast als ein andrer sich thut kund:

So wandelten zu höhrer Freudenfülle
Sich Blüthen mir und Funken, daß ich schaute
Den Doppelhof der Himmel ohne Hülle.

O Abglanz Gottes du, durch den ich schaute
Des wahren Reiches hehre Siegespracht,
Gib Kraft zu schildern mir, wie ich sie schaute!

Ein Licht ist droben, das da sichtbar macht
Den Schöpfer dem Geschöpfe, dem allein
In seinem Schaun des Friedens Glück erwacht.

In Kreisesform dehnt sich so weit sein Schein,
Daß dieser Kreis, wollt' er die Sonn' umgeben,
Ein allzu weiter Gürtel würde sein.

Was von ihm sichtbar, sind nur Strahlen eben,
Die, auf des erstbewegten Himmels Bogen
Zurückgestrahlt, ihm Kraft verleihn und Leben.

Wie sich ein Hügel spiegelt in den Wogen,
Zu schauen, wie vom Fuß zum Gipfel er
Von Gras- und Blüthenschmuck sei überzogen,

So sah ich was nach oben von hierher
Heimkehrt', aufragend an des Lichtes Schein,
Auf tausend Stufen spiegeln und aus mehr.

Faßt dieser Schwellen unterste allein
So großes Licht, wie mächtig muß die Weite
Der äußern Blätter dieser Rose sein!

Und doch verlor in solche Höh' und Breite
Mein Blick sich nicht, nein! das Wieviel und Wie
Der Wonn' erfaßt' er ganz, der er sich weihte.

Nichts gibt und raubet Näh' und Ferne hie;
Denn wo unmittelbar Gott selber waltet,
Da gelten der Natur Gesetze nie.

Mitten ins Gelb der Rose, die nie altet,
Und die sich dehnt und abstuft und zum reinen
Ewigen Lenze Lobesduft entfaltet,

Zog mich Beatrix mit sich gleich wie einen,
Der schweigt und reden will. ‘Wie groß doch ist
Der weißen Kleider Zahl, die hier sich einen!

Sieh unsre Stadt, wie weiten Raum sie mißt,
Sieh voll die Stufen fast, schon aufs genauest,
So daß man wenig Volk noch hier vermißt.

Aus jenem großen Thron, nach dem du schauest
Der Krone wegen, die man drauf gelegt,
Wird, eh du hier am Festmahl dich erbauest,

Die Seele sitzen, die das Scepter trägt
Bei euch, der hohe Heinrich, der zum Schutze
Italiens, eh es reif, sich her bewegt.

Die blinde Habsucht macht in thörigem Trutze
Dem Kind euch gleich, das, obs vor Hunger sterbe,
Die Amme wegstößt, deren Milch ihm nutze.

Dann wird des göttlichen Gerichtshofs Erbe
Ein Mann, der offen nicht noch heimlich denkt,
Wie er gleich jenem Ehr' und Ruhm erwerbe.

Nur kurze Zeit im Amt zu sein verhängt
Ihm Gott, dann stößt er ihn zur finstern Welt,
Wo Simon Magus seine Straf' empfängt;

Drob tiefer noch der von Anagni fällt.’


Gesang 31

Die Engel senken sich in die Blätter der aus Seligen bestehenden weißen Rose; hin und her zu und von Gott schwebend, holen sie neue Liebe und Güte um sie den Seligen zu bringen. Dante überschaut das Ganze. Als er dessen einzelne Theile betrachten und sich um Auskunft an Beatrix wenden will, ist sie verschwunden. An ihrer Stelle steht der heilige Bernhard, der ihm Beatricens Platz in der Rose zeigt. Dante scheidet von ihr mit einem Dankgebete und lenkt dann seinen Blick auf die Himmelskönigin Maria.

So in Gestalt der weißen Rose schaute
Mein Auge jetzt die heilige Kriegerschar,
Die Christus sich mit seinem Blut antraute.

Doch jene Schar, die fliegend immerdar
Die Glorie Deß, der Lieb' entflammt in ihnen,
Und seine Huld, die groß sie macht' und klar,

Anschaut und singt, gleich einem Schwarm von Bienen,
Der ringsum schöpft mit emsigem Gemüthe
Was ihrem Werk zum Wohlgeschmack kann dienen,

So stieg sie nieder in die große Blüthe,
Die soviel Blätter; zählt dann flog sie leicht
Dorthin empor, wo Liebe weilt und Güte.

Ihr Antlitz der lebendigen Flamme gleicht,
Die Flügel Gold, das andre weiß hinwider,
Daß solche Weiße nie der Schnee erreicht.

Und tauchend in der Blume Glanzgefieder,
Spendeten sie, sich fächelnd leis die Seiten,
Frieden und Gluth, die sie gebracht hernieder-

Und daß die Fülle Fliegender des Breiten
Sich zwischen Rose schob und Das, was drüber,
Konnt' Hemmung nicht dem Schaun und Glanz bereiten;

Weil sich das Licht von Gott verbreitet über
Die Weltgesammtheit, je nachdem sie's werth,
Und keine Hemmung sich ihm stellt genüber.

Dies sichre freudenvolle Reich, gemehrt
Durch alt und neues Volk. es hielt in Frieden
Auf einen Punkt hin Lieb' und Blick gekehrt.

O dreifach Licht, das ihnen Glück beschieden,
Aus einem Stern aus ihre Blicke flammend,
O blick' auf unsre Stürme doch hienieden!

Wenn die Barbaren, von der Gegend stammend,
Wo Helice tagtäglich in der Bahn
Sich dreht, an den geliebten Sohn sich klammend,

Als Rom und seiner Werke Pracht sie sahn,
Erstaunten, wie weit all was Menschen schufen
Auf Erden, überragt der Lateran:

Wie mußte mich, der von der Erde Stufen
Zum Göttlichen, zum Ewigen aus der Zeit,
Und aus Florenz zu reinem Volk berufen,

Erst Staunen fassen bei der Herrlichkeit!
Gewiß war. zwischen Dem und Wonne stumm
Zu stehn und nichts zu hören, mir nicht leid.

Wie sich der Pilger schaut im Tempel um,
Sich der Gelübde freuend, fröhlich stehend,
Und hofft zu melden wie es steh' darum:

So, in lebendigem Lichte mich ergehend,
Hob ich den Blick zu aller Stufen Pfaden,
Bald auf, bald ab, und bald im Kreis ihn drehend.

Antlitze sah ich, die zur Liebe laden,
Von eignem Lächeln schön und fremdem Scheine,
Geschmückt mit Thun von allen Tugendgraden.

Des Paradieses Form, die allgemeine,
Hatt' insgesammt mein Blick jetzt schon ergründet,
Doch einzeln prüft' ich noch der Stellen keine.

Und mit Verlangen, das sich neu entzündet,
Wandt' ich mich um, daß Dinge, drob ich hier
In Zweifeln schwebte, mir die Herrin kündet'.

Eins wollt' ich, Antwort gab ein Andres mir:
Sie wollt' ich sehn, allein ein Greis, umfangen
Von gleichem Kleid wie alle, kam dafür.

Verbreitet war auf Augen ihm und Wangen
Wohlwollnde Freude, und mit frommem Grüßen,
Liebreichem Vater gleich, kam er gegangen.

Wo ist sie rie? ich. ‘Auf Befehl der Süßen,’
Sprach er, ‘um deine Sehnsucht ganz zu enden,
Komm' ich von meinem Sitz, dich zu begrüßen.

Willst du den Blick zum dritten Kreise wenden
Von oben ab, wirst du sie wiedersehen
Aus jenem Thron, den ihr Verdienste spenden.’

Ohn' Antwort ließ ich meine Blicke gehen
Und sah sie dort sich eine Krone bilden
Von Strahlen, die aus ihrem Glanz entstehen.

Vom Donner in den höchsten Lustgefilden
Hat größern Abstand menschlich Auge nicht,
Das sich zum Grund des Meeres senkt, des wilden,

Als von mir fern war Beatricens Licht;
Doch hinderte michs nicht, es drang ihr Bild
Mir unvermittelt in das Angesicht.

O Herrin, aus der meine Hoffnung quillt,
Der meines Heiles wegen selbst nicht graute
Zu steigen in des Höllenthals Gefild,

Von jenen Dingen allen, die ich schaute,
Durch deine Güt' und Macht erkenne ich
Die Kraft und Gnade, welche mich bethaute.

Du zogst aus Knechtschaft in die Freiheit mich
Mit allen Mitteln und auf allen Wegen,
Die dies zu wirken schienen förderlich.

Bewahre du mir deiner Gaben Segen,
Daß meine Seele, der du Heil gewonnen,
Dir wohlgefällig geh' dem Ziel entgegen-

So fleht' ich, und aus ihrer Augen Sonnen
Warf sie mir lächelnd einen Blick noch zu,
Dann wandte sie sich ab zum ewigen Bronnen.

‘Damit vollkommen deine Reise du
Beendest,’ sprach der heilige Greis dann weiter,
‘Zu der mich Lieb' entsandt aus meiner Ruh',

Durchflieg den Garten aus der Blicke Leiter;
Mehr wird sein Anschaun stärken deinen Sinn
Zum Aufflug zu der Gottheit strahlenheiter.

Da sie, die mich durchglüht, die Königin
Des Himmels, ihre Gnade dir bezeiget,
Wisse, daß ich ihr treuer Bernhard bin.’

Wie der, der von Croatien fernher steiget,
Gekommen die Veronica zu sehen,
Die altberühmte, während man sie zeiget,

So bei sich spricht, nicht satt am Schaun und Stehen:
‘O du wahrhafter Gott, so hat hienieden
Herr Jesu Christ, dein Antlitz ausgesehen:’

So ward mirs, als zu sehn mir ward beschieden
Des Manns lebendige Liebe, die schon hier
Beschaulich kostete von jenem Frieden.

‘O Gnadensohn,’ begann er drauf zu mir,
‘Wenn du den Blick so halten willst am Grunde,
Wird nicht bekannt dies hehre Dasein dir.

Blick in der Kreise fernsten in die Runde,
Wo dir die Königin entgegen winkt,
Der dieses Reich gehorcht zu jeder Stunde.’

Ich hob die Augen, und wie heller blinkt
Der Theil des Himmels, der gen Osten liegend,
Am Morgen als der, wo die Sonne sinkt,

So, mit dem Blick von Thal zu Berge fliegend,
Erschaut' ich einen Theil des äußern Rands,
An Lichte die gesammten Reih'n besiegend.

Wie dort, wo man erharrt des Wagens Kranz,
Den Phaeton schlecht gelenkt, der Himmel mehr
Erglüht, und rechts und links ist mindrer Glanz:

So glüht die Friedensoriflamme hehr
Am hellsten mitten, und in gleicher Weise
Ihr Feur gemildert nach den Seiten her.

Zur Mitte flog auf offnen Schwingen leise
Von tausend Engeln festliches Gedränge,
Verschieden all' an Gluth und Kunst und Preise.

Ich sah durch ihre Reigen und Gesänge
Dort eine Schönheit lächeln, deren Strahl
War Wonne für das Aug' der heiligen Menge.

Wär' ich so reich auch in der Worte Zahl
Als reich an Phantasie, ich würde wagen
Zu schildern nicht den kleinsten Reiz einmal.

Bernhard, als er mein Aug' sah aufgeschlagen,
Geheftet aus die heiße Flamme, wandte
Ihr seines zu, und Gluth sah ich drin tagen,

Daß meines nur noch mehr zum Schaun entbrannte.


Gesang 32

Bernhard schildert Dante die Eintheilung der Rose des Paradieses und nennt ihm eine Anzahl von Seligen. Die ganze Rose ist in zwei Hälften getheilt, die die Heiligen des alten und des neuen Bundes einnehmen. Die inneren Reihen der Rose nehmen die Kinderseelen ein und zwar solche der jüdischen und christlichen Zeit; letztere jedoch nur, wenn sie getauft gestorben sind. Dann fordert Bernhard Dante ausm Maria anzublicken, die der Engel Gabriel singend umschwebt. Endlich Gott selbst anzuschauen, vorher aber mit ihm ein Gebet zu Maria zu senden.

An seiner Wonne hängend gluthentflammt,
Fing der Beschauer an dies Wort zu sagen
Und nahm freiwillig auf des Lehrers Amt:

‘Sie, die die offne Wunde uns geschlagen,
Die dann Maria heilt' und schloß, sitzt dort
Zu Füßen ihr, das Aug' emporgeschlagen.

Und auf der dritten Sitzereihe Bord
Hat Rahel unterhalb von Eva, sieh!
Vereinet mit Beatrix, ihren Ort.

Sara, Rebecca, Judith, und dann Sie,
Des Sängers Ahnfrau, der ob seiner Fehle
Voll Reue ‘Herr, erbarme dich’ einst schrie.

So Stuf' um Stufe tiefer, Seel' um Seele,
Kannst du sie sehn, wie ich, von Blatt zu Blatt
Die Rose niedersteigend, her sie zähle.

Und auf- und abwärts von der siebten hat
Die Blätter sämmtlich an der Blume theilend,
Die Schar hebräischer Weiber ihre Statt.

Denn nach dem Blicke, den auf Christum heilend
Der Glaube kehrte, bilden sie die Wand,
Die diese Stufen trennt, sie gleich vertheilend.

Auf dieser Seite, wo der Blätterstand
Der Blume voll ist, sitzen jene Frommen,
Die zum verheißnen Christus sich gewandt.

Jenseits, wo Lücken werden wahrgenommen
Im halben Kreis, sind jene, welche schon
Den Blick gewandt auf Christum, der gekommen.

Und so wie diesseits der erhabne Thron
Der Himmelsherrin und die andern Stühle
M Grad drunter scheiden eine Region,

So jenseits der dort auf erhabnem Pfühle,
Johannes, der, stets heilig, Wüst' und Leiden
Ertrug und dann zwei Jahr' der Hölle Schwüle.

Und unter ihm traf grad das Loos zu scheiden
Franciscus, Benedict, sammt Augustinen
Und manchem, der die Hälften trennt, die beiden.

Bewundre Gottes Vorsehung in ihnen:
Gleichmäßig sollten beide Arten sein
Des Schauns, die zu des Gartens Füllung dienen.

Den Platz dort abwärts von der Stufe Reihn,
Die beide Scheidewände mitten schneidet,
Nimmt man durch fremd Verdienst, nicht eignes, ein;

Doch so, daß dies Bedingungen erleidet,
Denn ihre Geister sind dem Leib entflohn
Vor jener Zeit, wo wahre Wahl entscheidet.

Das merkest du an ihren Zügen schon
Und an den Stimmen, die noch kindlich klingen,
Wenn du, wie's ziemt, beachtest Blick und Ton.

Jetzt zweifelst du, ich seh' dich schweigend ringen.
Ich will dich lösen von den starken Banden,
Drin grübelnd die Gedanken sich verfingen.

In dieses Reiches endlos weiten Landen
Muß alles, was zufällig ist, gebrechen,
Wie Trauer, Hunger, Durst hier nicht vorhanden.

Denn ein Gesetz bestimmt, das nie zu brechen,
All was du in ihm siehst, so daß hier immer
Der Ring genau dem Finger muß entsprechen.

So ist auch dies zu wahrem Lebensschimmer
Früh abgerufne Volk hier unter sich
Verschieden trefflich, doch ohn' Ursach nimmer.

Der König, der dies Reich so wonniglich
In Liebe ruhn macht, daß kein Wunsch, wie weit er
Auch gehe, je in höherm Fluge strich,

Macht', als vor seinem Antlitz klar und heiter
Er all die Geister schuf, sie nach Belieben
Gnadebegabt: die Wirkung zeigts - was weiter?

Ein deutlich Beispiel steht davon geschrieben
Im heiligen Buche von dem Zwillingspaar,
Das schon im Mutterleib der Zorn getrieben.

Drum, je nachdem sich färbt der Gnade Haar,
Reicht seinem Scheitel auch dies hoch erhaben
Göttliche Licht den Kranz entsprechend dar.

Ohn' also eignen Thuns Verdienst zu haben,
Sind auf verschiednen Stufen sie gereiht,
Verschieden nur nach erster Sehkraft Gaben.

Es gnügte in der Erde frühster Zeit
Unschuldigen, um zum Heile zu gelangen,
Des Vaters und der Mutter Gläubigkeit.

Nachdem die ersten Alter dann vergangen,
Mußte der Mann, sollt' er die Kraft erhalten
Zur Unschuld, die Beschneidung noch empfangen.

Doch als dann kam die Zeit vom Gnadenwalten,
Ward ohne die vollkommne Taufe Christi
Dort unten solche Unschuld festgehalten.

Schau jetzt ihr Antlitz, das dem Antlitz Christi
Am meisten gleicht; nur seine Klarheit kann
Besähigen dich, zu schaun die Züge Christi.’

Ich sah, wie so viel Wonne niederrann
Auf sie, getragen von der Geister Scharen,
Die Gott erschuf zum Flug die Höh' hinan,

Daß all was ich gesehen und erfahren,
Mit solchem Staunen nimmer mich durchdrang,
Noch solche Gleichheit ließ mit Gott gewahren.

Die Liebe, die zuerst sich niederschwang
Zu ihr, entfaltete vor ihr die Schwingen,
Indem sie ‘Sei gegrüßt, Maria’ sang.

Und ringsum Antwort auf solch göttlich Singen
Gab all der Seligen Hof, daß Wonn' und Frieden
Ich heller sah aus jedem Antlitz dringen.

O heiliger Vater, der für mich hienieden
Du weilst, verlassend jene süße Stelle,
Die dir das ewige Schicksal hat beschieden,

Wer ist der Engel, der in Jubel helle
Schaut unsrer Königin in des Auges Kern
So brünstig, daß er gleicht dem Feuerquelle?

So wandt' ich wieder mich an meinen Herrn,
Der an Marias Glanze sich verklärte,
Wie an der Sonne Schein der Morgenstern.

‘Anmuth und Kühnheit ist so ganz,’ belehrte
Er mich, ‘in ihm, wie's nur in Seel' und Engel
Sein kann; das ists was unser Herz begehrte.

Er ist es, der hinab der Palme Stengel
Zur Jungfrau trug, als Gottes Sohn die Last
Selbst auf sich lud für unsrer Sünden Mängel.

Doch folge mit dem Blick, wie ohne Rast
Ich sprechend fortgeh', sieh die Adelsschar,
Die dies gerechte fromme Reich umfaßt.

Das dort zumeist beseligt ist, das Paar,
Das droben sitzt zunächst der Benedeiten,
Stellt dieser Rose beide Wurzeln dar.

Der sich ihr anschließt dort zur linken Seiten,
Ist Adam, dessen Keckheit sollt' in nie
Erlöschend bittres Weh die Menschheit leiten.

Der heiligen Kirche alten Vater sieh
Zur Rechten, dem die Schlüssel einst, die hehren,
Zu dieser schönen Blume Christ verlieh.

Und Jener, der die Zeiten all, die schweren,
Der holden Braut bei seinem Leben sah,
Die Speer und Nägel einst erfreit - in Ehren

Sitzt er bei ihm; und bei dem andern da
Der Führer, der im Wüstenland mit Manna
Das undankbar halsstarrige Volk versah.

Dem Petrus gegenüber siehst du Anna,
Die Tochter anschaund, und so selig drüber,
Daß sie kein Auge wendet beim Hosianna.

Der Väter erstem sitzet gegenüber
Lucia, die die Herrin dir gesendet,
Als du entflohst, das Auge trüb' und trüber.

Doch weil schon deines Traumes Zeit sich endet,
Halt' ich hier ein, wie wohl der Meister thut,
Der, wie es reicht, das Tuch zum Rock verwendet.

Zur ersten Liebe richten wir voll Muth
Den Blick, um auf sie schauend vorzudringen
So weit es zuläßt ihrer Flammen Gluth.

Doch daß du nicht, wenn du erhebst die Schwingen,
Zurückgehst, wo du vorwärts glaubst zu kommen,
So muß man Gnade im Gebet erringen,

Gnade von ihr, die hülfreich dir kann frommen.
Drum folge so, daß stets dein Herz mitgeht
Mit meinem Wort, in Inbrunst heiß entglommen.’

Und er begann dies heilige Gebet.


Gesang 33

Gebet des heiligen Bernhard zu Maria, daß diese Gott um die Gnade bitte, daß Dante Gott schauen dürfe. Das Gebet wird erfüllt; Dante erklärt die Unzulänglichkeit der Sprache, das Geschaute auszudrücken. Er sagt nur, daß er in einem Glanze drei Kreise gesehen, von gleicher Größe, aber ungleicher Gestalt; in dem mittleren das gottähnliche Menschenantlitz. Vergeblich aber ist sein Bemühen, das Verhältniß dieses Bildes zu dem Kreise zu entdecken. Da durchzuckt ihn ein Blitz und er fühlt die vollste Seligkeit.

‘O Magd und Mutter, Tochter deines Sohnes,
Demüthigste und höchste Creatur,
Ziel, vorbestimmt im Rath des ewigen Thrones,

Du hast so hoch die menschliche Natur
Geadelt, daß dem Schöpfer werth sie däuchte,
Daß als Geschöpf er in sie niederfuhr.

In deinem Leib entglomm aufs neu die Leuchte
Der Lieb', an deren Gluth im ewigen Frieden
Entsproß die Rose, daß sie ewig leuchte.

Als mittagshelles Liebeslicht beschieden
Bist du hier oben uns; aus deinem Schoß
Quillt lebend Hoffen Sterblichen dortnieden.

Du, Herrin. kannst so viel und bist so groß,
Daß, wer nach Gnade strebt und nicht will flehen
Zu Dir, sich wünscht zu fliegen flügellos.

Und deine Huld eilt nicht nur beizustehen
Dem, der dich bittet, nein! zu mancher Zeit
Will sie dem Flehn freiwillig vorangehen.

In dir ist Mitleid, ist Barmherzigkeit,
In dir ist Großmuth, ist vereint zum Bunde
Was einem Wesen Gott an Huld verleiht.

Nun bittet Dieser, der vom tiefsten Schlunde
Des Weltalls bis hierher der Geister Leben
Geschaut bis zu der höchsten Kreise Runde,

Daß du aus Gnaden Kraft ihm wollest geben,
Mit seinen Augen jetzt noch höher sich
Bis zu dem letzten Heile zu erheben.

Ich, der für mein Schaun mehr als seines ich
Niemals erglühte, bringe all mein Flehen
Dir dar. und fleh', befriedigen mög' es dich,

Daß du durch dein Gebet weg mögest wehen
Ihm jede Wolke seiner Sterblichkeit,
Und höchste Lust er mög' entfaltet sehen.

Noch fleh' ich, Herrin, dich, der Gott verleiht
All was du willst: woll' ihm gesund erhalten
Nach solchem Schaun sein Sehnen alle Zeit.

Menschliche Regung zügl' in ihm dein Walten!
Sieh dort Beatrix. zu dir hingekehrt,
Mit all den Seligen dir die Hände falten!’

Die Augen, die Gott liebet und verehrt,
Bewiesen, auf den Redner fest gewendet,
Wie fromm Gebet ihr angenehm und werth.

Dann wandte sie zum Licht, das alles spendet,
Sich hin, und glaubt mir, keine Creatur
Hat je so klaren Blick zu ihm gesendet.

Und ich. deß Sehnen Stillung jetzt erfuhr,
Dem Ziele nah, ließ schwinden, wie sichs schickte,
In mir der letzten Sehnsuchtflamme Spur.

Ich sah wie Bernhard winkend nach mir blickte
Auswärts das Aug' zu richten; doch ich war
Von selbst so, wie er wollt', als er mir nickte.

Denn meine Sehkraft, immer mehr jetzt klar,
Drang immer tiefer in des Lichtes Reichen
Zum hehren Licht, das in sich selber wahr.

Vor solchem Anblick muß die Sprache weichen,
Denn höher war als sie mein Schaun fortan,
Selbst das Gedächtniß kann heran nicht reichen.

Wie wer ein Traumgesicht geschaut, dem dann
Nur der Empfindung Eindruck ist verblieben,
Doch der im Geist kein Bild erwecken kann,

So bin ich jetzt, da mir fast im Zerstieben
Mein Traumgesicht ist und doch all die Wonnen,
Die draus entstanden, mir im Herzen blieben.

So löst der Schnee sich auf am Strahl der Sonnen,
So wars, daß sich Sibyllas Spruch verlor,
Auf leichten Blättern in die Luft zerronnen.

O höchstes Licht, das du so hoch empor
Ragst überm Menschengeist, laß mich erfassen
Etwas von dem, was vor mir trat hervor.

So stark woll' meine Zunge werden lassen,
Daß ich von deiner Glorie eine Spur
Dem künftigen Volke möge hinterlassen.

Denn wenns nicht dem Gedächtniß ganz entfuhr,
Und etwas nur aus diesen Versen spricht,
Begreift man deinen Sieg noch besser nur.

Ich glaube, das lebendige scharfe Licht,
Das ich ertrug, es hätte mich geblendet,
Hätt' ich von ihm gewendet mein Gesicht.

Das weiß ich noch, dadurch ermuthigt sendet'
Ich kühnern Blick auf, und kam so dahin,
Mein Schaun der Kraft zu einen, die nie endet.

O Gnadenüberfluß, durch den mein Sinn
Wagt' in das ewige Licht so tief zu blicken,
Daß ich im Schauen mich verlor darin.

In seiner Tiefe sah ich sich verstricken,
Verbunden in ein einziges Buch mit Liebe,
Was sich im All zerstreut darstellt den Blicken,

Substanz und Accidenz und ihr Getriebe
In solcher Art verschmolzen zum Verband,
Daß, was ich spräche, schwacher Schein nur bliebe.

Die allgemeine Form von diesem Band
Erblickt' ich dort; und drum, gedenk' ich dessen,
So weitet Wonne mir der Seele Rand.

Ein Augenblick bringt mir hier mehr Vergessen
Als drittehalb Jahrtausende dem Zug,
Den staunend sah Neptun sein Reich durchmessen.

So schaute denn mein Geist in vollem Flug,
Fest, unverrückt, aufmerksam drauf gerichtet,
Indeß im Schaun er hoch in Flammen schlug.

Von diesem Lichte wird man so durchlichtet,
Daß Möglichkeit, sich andrem zuzukehren
Aus freiem Willen, völlig wird vernichtet.

Denn jenes Heil, das Ziel für jed' Begehren,
Eint sich in ihm; was in ihm, ist vollkommen,
Und mangelhaft was außer seinen Sphären.

Hinfort wird auch für das, was nicht verschwommen
In dem Gedächtniß, kürzer sein mein Wort,
Als eines Kindes, das die Brust genommen.

Nicht als sei mehr als ein Bild etwa dort
Im Lebenslicht. das sich vor mir verklärte,
Und das. wie's vorher war, ist fort und fort,

Nein! weil durch Schaun sich meine Sehkraft mehrte,
Geschahs, indem ich selbst verwandelt mich,
Daß sich der einige Anblick mir verkehrte.

In der Substanz des hehren Lichts sah ich
Im tiefsten Grunde dreier Kreise Scheine,
Dreifach an Farb', im Umfang einheitlich.

Wie Iris von der Iris, schien der eine
Vom andern rückgestrahlt; der dritte war
Wie Gluth, gleich strahlend aus der Zwei Vereine.

Wie arm für den Gedanken ist fürwahr
Das Wort; für das, was ich hier wahrnahm sehend,
Ist der Gedank' unendlich ärmer gar.

O ewiges Licht, das, auf dir selbst nur stehend,
Allein du selbst dich kennst, allein von dir
Erkannt wirst und dir lächelst Liebe wehend,

Das Kreisen, das in dir entstanden mir
Erschien, wie rückgestrahltes Leuchten milde,
Als es mein Blick ringsum betrachtet hier,

Zeigt in dem Innern mir mit unserm Bilde
Von seiner eignen Farbe sich getränkt,
Daß ich den Blick taucht' in dies Lichtgefilde.

Dem Geometer gleich, der ganz versenkt
Den K reis zu messen steht, ohn' auszufinden
Den Grundsatz, den er braucht, wie viel er denkt,

So war beim neuen Anblick mein Empfinden,
Ich wollte sehn, wo dieses Bild im Ringe
Den Platz hat, wie es ihm sich mag verbinden.

Doch dazu gnügte nicht die eigne Schwinge;
Da zuckt' es wie ein Blitz durch meinen Geist -
Ich war am Ziele der ersehnten Dinge.

Hier stand die hohe Phantasie verwaist;
Doch Wunsch und Wille folgte freudig gerne,
So wie ein Rad, das gleichgeschwungen kreist,

Der Liebe, die da lenket Sonn' und Sterne.


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