Dante Alighieri - La Divina Commedia

Lebrecht Bachenschwanz - Die Göttliche Komödie

Hölle - Gesang 01

Dante beschreibt seine Verirrung in einem schrecklichen Walde. Gegen frühen Morgen kommt er an einen Berg. Auf diesen will er hinaufsteigen, wird aber von einigen wilden Thieren daran verhindert. Indem er vor dem einen Thiere fliehet, findet er da den Virgilius. Dieser spricht mit ibm, erbietet sich, ihn zu seiner Errettung durch die Hölle und durch das Fegfeuer zu führen, und versichert ihn, daß er alsdenn auch ins Paradies geführet werden solle, worauf er und sein Führer endlich diese große Reise unternehmen.

Mitten in der Hälfte menschlicher Lebenszeit befand ich mich in einem düstern und grausen [1] Walde, weil ich mich von dem rechten Wege verirret hatte. Und so schwer es ist, zu sagen, wie dieser wilde, rauhe und starke Wald eigentlich war, dessen Angedenken Furcht und Schrecken wieder in mir erneuert - eben so schmerzhaft ist es, und nur der Tod wird wenig schrecklicher seyn.

Allein um des Guten willen, so ich da fand, will ich andere Sachen erzählen, die ich daselbst erfahren habe.

Ich weiß zwar nicht zu sagen, wie ich eigentlich hinein gekommen war, so voll Schlafs muß ich eben da gewesen seyn, als ich den rechten Weg verfehlte. Allein so bald ich endlich unten bey einem Hügel angelanget war, da, wo sich das Thal endigte, welches mein Herz so lange mit Furcht und Angst gefoltert hatte, sah ich in die Höhe, und ward gewahr, daß die Strahlen der Sonne, die einen doch überall aufrecht und sicher führet, bereits die Spitzen desselben umglänzten. Hierauf ließ die Furcht in etwas nach, welche die ganze Nacht hindurch mit so bangem Schmerze mir am Herzen gelegen hatte.

So wie einer, der unter todesängstlichen Athmen und Aechzen sich aus dem Meere bis ans Ufer herausgearbeitet, da nach den gefährlichen Fluthen noch einmal sich umkehret und hinsieht - so sah mein immer noch schüchterner Geist zurück, um den Weg noch einmal uu betrachten, der noch nie jemanden lebendig durchgelassen hat.

So bald mein abgematteter Körper nur etwas ausgeruhet hatte, setzte ich meinen Weg durch die wüste Gegend wieder fort, so, daß ich beständig bergan steigen mußte. Und auf einmal erblickte ich da an dem Fuße des Berges ein leichtes und flüchtiges buntschäckigtes Panterthier. Dasselbe wandte kein Auge von mir. Es hinderte mich vielmehr so seh im Fortgehen, daß ich mich schon zu verschiedenen Malen umgewandt hatte, wieder zurück zu kehren. Das war am frühen Morgen, und da die Sonne in Begleitung jener Stern aufgieng, die sich bey ihr befanden, als die göttliche Liebe im Anfange allen den schönen Sachen ihr Daseyn schenkte. Und so gab das anmuthige Fell dieses wilden Thieres, die frühe Morgenstunde und die angenehme Jahreszeit mir doch Anlaß, etwas Gutes zu hoffen, als eben da der unvermuthete Anblick eines Löwens neue Furcht bey mir erregte. Es war, als wenn derselbe mit aufgerecktem Kopfe, und mit einer so grimmigen Freßbegierde auf mich loskäme, daß sogar die Luft darüber sich zu entsetzen schien. Ja, eine im höchsten Grade gierig scheinende, und ganz ausgehungerte Wölfinn, die schon so vielen das Leben vergället hatte, diese machte mit ihrem gräßlichen Anblicke mir das Herz dermaßen schwer, daß ich alle Hoffnung, den Berg hinan zu kommen, gänzlich aufgab.

So wie einen, der gerne erwirbt, zu der Zeit zu Muthe ist, da er verliert, daß, so zu reden, jeder Gedanke in ihm weinet, und sich betrübet - so unruhig und ängstlich machte mich dieses Thier, welches, da es auf mich zu kam, mich nach und nach zurück, und wieder in ein sonnenloses Thal hinunter trieb. Indem ich so hinuntertaumelte, bekam ich Einen zu Gesichte der, vermuthlich, weil er lange nicht geredet, wie heisch zu seyn schien. So bald ich den in der großen Wüsteney erblickte, schrie ich ihm zu: O crbarme dich über mich! - du rnagst seyn, wer du willst, ein Geist, oder ein natürlicher Mensch.

Kein Mensch mehr, antwortete er mir, aber ein Mensch gewesen. Meine Aeltern waren aus der Lombardey, und beyde gebürtig aus Mantua. Ich ward fast zu Ende der Regierung des Julius Cäsars gebohren, und lebte in Rom zu Zeiten des gütigen Augusts, und zur Zeit der heydnischen falschen Götter. Ich war ein Dichter, und besang den frommen Sohn des Anchises, da er von Troja kam, als das stolze Ilion gänzlich eingeäschert war. Allein, sage mir, warum gehst du so ängstlich zurück? - Warum steigst du nicht vielmehr auf den anmuthigen Berg hinauf, welcher der eigentliche Sitz und Inbegriff aller Lust und Freude ist? -

Du bist also, antwortete ich ihm ganz bestürzt und ehrerbietig, Virgilius! - die Quelle der Wohlredenheit, die sich in so reichen Strömen ergießt? - O du Zierde und Glanz aller Dichter! Dank sey dem unabläßigen Fleisse, Dank sey der großen Liebe, die mich deine Werke haben durchstudiren lassen! Du bist ja mein Lehrer! Dich habe ich ja zu meinem Muster erwählt! Du allein bist ja der, von dem ich die schöne Schreibart erlernet habe, die mir Ruhm und Ehre gebracht hat! - Siehe das Thier da hat gemacht, daß ich wieder umgekehret bin. Mache mich doch, o du weltberühmter Weise, von ihm frey! denn ich zittere und bebe, und kann kein Glied dafür stille halten.

Wenn du, antwortete er, da er mich weinen sah, aus diesem wilden und wüsten Orte wieder heraus willst, so mußt du einen ganz andern Weg nehmen. Denn das Thier, vor welchem du so schreyst, läßt keinen bey sich durch. Es verhindert ihn vielmehr so lange, bis es ihn endlich gar umbringt. Hiernächst ist es von so verderblicher und bösartiger Natur, daß es seine unersättliche Freßgiek nun und nimmermehr stillt, ja, daß ihm vielmehr nach dem Fressen der Hunger erst recht, und noch weit toller ankömmt, als zuvor. Die Menge der Thiere, mit denen es sich beläuft, ist bereits groß, und wird noch größer werden, ehe der Jagdhund [2] kömmt, der die Bestie erbärmlicher Weise umbringen wird. Dieser wird seine Weide keinesweges im Jrrdischen suchen. Nein, Weisheit, Liebe und Tugend wird seine Speise seyn. Er stammt aus dem Feltrinischen, und wird dem Niedritalien, dem zu Liebe die junge Camilla, Eurialus, Turnus und Nisus schmerzhaft an ihren Wunden starben, Heil und Seegen bringen. Er ist es, der dieses Unthier überall, und so lange herumjagen wird, bis er es endlich wieder hinunter gestürzt hat, hinunter in die Hölle, von dannen es der Neid zuerst herauf gebracht hat- Also finde ichs zu deinem Besten für rathsfam,du folgest mir.Ich will dein Führer seyn, und dich von hier aus durch die Ewigkeit führen. Da sollst du die eigentlichen Geräusche der Verzweiflung hören. Da wirst du jene schon lange lange trautrenden Geister erblicken, die alle nach einem zweeten Tode schreyen und seufzen. Da sollst du hernach auch diejenigen sehen, die mitten in den Flammen dennoch zufrieden sind, weil sie die Hoffnung haben, es währe so lange als es wolle, doch endlich einmal zu der seligen Schaar zu gelangen. Willst du alsdenn aueh zu dieser hinaufsteigen, so wird es an einer hierzu würdigern Seele, als ich bin, nicht ermangeln. Mit selbiger muß ich dich lassen, und mich entfernen. Denn der Monarch, der dort oben herrschet, und dessen Gesetze ich entgegen gewesen bin, will nicht, daß jemand durch mich in seine heilige Stadt komme. Zwar herrscht er überall; dort aber ist seine Refidenz, da ist seine Hofstatt, und da sitzt er auf seinem erhabenen Throne. Glückselig ist der, den er dahin auserwählet hat! - Hier fiel ich ihm in die Rede und sagte: Großer Dichter, ich bitte dich um des Gottes willen, den du nicht erkannt hast, mache, daß ich diesem und noch größern Uebeln entkomme, und führe mich dahin, wo du itzt gesagt hast. Ja, komm, zeige mir die Thüre des heiligen Petrus, und laß mich die sehen, die du als so Unglückselige beschreibest!

So fort machte er sich auf und ich hielt mich dicht hinter ihm.

Anmerkungen

[1] Dante lebte unter einem Volke, dessen Parteyen in einem Zustande eitler Gesinnungen, ehrgeiziger Verblendungen und aufgebrachter Leidenschaften sich befanden Er, als ein Staatskluger, sah im Geiste alle die unglücklichen Erfolge davon voraus, und fand sich, als ein Anhänger der einen Partey. in einer nun unabhelflichen und unvermeidlichen Verlegenheit, die er mit Recht als eine Verirrung unter den fürchterlichsten und gefährlichsten Aussichten ansehen konnte. Der rechte Weg des menschlichen Glücks ist nur die Bahn der Tugend, ein Berg von Schwierigkeiten und Ueberwindungen, dessen Höhe aber wahre Ehre, wahres Wohl und Vergnügen umglänzen. Die drey wilden Thiere. die der Ersteigung dieses Berges sich widersetzen, sind die Wollust, der Hochmuth und der Geiz. Von diesen Ungeheuern befreyen uns vorzüglich ein würdiges und tugendhaftcs Leben der Regenten, Obrigkeiten und großer Gelehrten, sodann wichtige Geschäfte, oder endlich Schicksale und traurige Erfahrungen, von denen, als nicht von ohngefährcn Zufällen, eben der Mensch cinen weisen und tugendhaften Gebrauch und dadurch mitten in allem Unglücke, zu seinem wahren und überirrdischen Glücke and Ruhme sich würdig machen soll. Und dies ist die Reise durch die Hölle und durch das Fegefeuer zum Paradiese und Himmel.

[2] Can Grande della Scala, damals Herr zu Verona, der durch seine Gerechtigkeit und Tugend dem Nieder-Italien wieder helfen würde, das von wollüstigen, stolzen und geizigen Regenten und Kriegern ganz erschöpft und zu Grunde gerichtet, danieder lag. Dieser würdige Landesherr war es,er einst in Gegenwart vieler characterisirten Hofpersonen, unter denen sich ein so genannter lustiger Rath befand, mit vorzüglich lauter Stimme an den Dante die unerwartete Frage that: Woher kömmt es aber, mein lieber Dante, daß der Narr hier allen gefällt, Sie hingegen, als ein so gelehrter und weiser Mann, nicht? - worauf Dante unverzüglich antwortete: Nur die Aehnlichkeit, gnädigster Herr, und die Gleichförmigkeit der Denkungsarten und Sitten, erzeugen unter den Menschen Zuneigung und Freundschaft gegen einander.

Welch freudig Schrecken nimmt mich ein!
Ich sehe sie - doch diese Scene
Will nur gefühlt, und nicht beschrieben seyn.
Gellert.


Gesang 02

Der Dichter merket die Abendzeit an. Nach seiner poetischen Anrufung klagt er über große Furcht, die sein Herz einnehme, wenn er das wichtige Geschäffte seiner Reise überdächte. Virgilius, um ihn anzufrischen, erzählt ihm wie er vom Himmel, blos zu seiner Errettung und Hülfe, gesandt sey. Und so wieder gestärkt, setzt er nun mit seinem Führer die angetretene Reise fort.

Der Tag vergieng, und die hereinbrechende Nacht entfernte die auf der Erde lebenden Thiere von ihrer Arbeit zur Ruhe. Nur ich allein war beschäfftiget, mich mit der Reise, und mit dem Mitleiden herum zu plagen, ein Zustand, den die untrügliche Selbstempfindung wieder abbilden wird.

O ihr Musen! o Apollo! itzt stehet mir bey!

Und o Empfindung! die du das, was ich erfuhr, aufgezeichnet hast, hier, hier wird deine natürliche Pracht in festlichem Schmucke sich zeigen!

Ich fieng also an: Großer Dichter, du, mein Führer, o! prüfe zuvor meine Kräfte, und siehe, ob ich vermögend bin, es auszuhalten, ehe du mich den großen Schritt thun lässest. Du sagst zwar, auch der Vater des Silvius sey, noch sterblich, und sich dessen bewußt, in das Land der Unsterblichkeit [3] gegangen. Allein, wenn der heiligste Feind alles Unrechts solches erlaubte, so geschah es, weil er den wichtigen Erfolg sah, der durch ihn, den Aeneas, entstehen sollte, und der sowohl, als dieser. einem vernünftigen Menschen nicht unwürdig vorkommen wird. Denn er ward zu des erlauchten Roms und seines Reichs Vater oben im Himmel, ward er dazu erwählet. Und Stadt und Reich wurden eigentlich blos um des heiligen Stuhls willen errichtet, auf welchem der Nachfolger des heiligen Petrus sitzet. Und mithin vernahm er durch solchen Hingang, den du so rühmlich für ihn schilderst, Sachen vernahm er dadurch, welche die Ursache seines Sieges und der päbstlichen Würde waren. So gieng jenes auserwählte Rüstzeug ebenfalls dahin, um dem Glauben, der der Grund zum Wege des Heils ist, Kraft und Stärke zu verschaffen. Aber ich! warum sollte ich dahin gelangen? oder auf wessen Erlaubnis? Ich bin Aeneas nicht, ich bin nicht Paulus. Auch halte weder ich, noch hält sonst irgend jemand mich hierzu für würdig. Also, wenn ichs wage, dahin zu gehen, so befürchte ich, als ein Thor dahin zu kommen. Du weißt und verstehst es besser, als ichs sagen kann.

So wie es sich mit einem verhält, der, was er erst will, nun nicht will, und auf wiederholtes Nachdenken von dem gefaßten Vorsatze wieder abgeht, so, daß alles Angefangene nun gleichsam verschwindet - eben so war es mit mir in dieser düstern Gegend. Denn das Nachdenken zernichtete den Entschluß gänzlich, der anfänglich so schnell und ernstlich gefaßt war.

Daferne ich dich recht verstanden habe, antwortete mir der Schatten dieses großen Geistes, so ist deine Seele von Kleinmuth sehr eingenommen. Und diese setzt den Menschen oft in so große Verlegenheit, daß sie ihn von einer rühmlichen Unternehmung abschreckt, so wie oft ein Pferd vor einem bloßen und nichtigen Schatten scheu wird und zurück weicht. Damit du von dieser eiteln Furcht dich befreyest, so will ich dir sagen, warum ich hieher gekommen bin, und was ich da gehöret habe, das mich zum erstenmale um dich betrübt gemacht hat.

Ich war dort unter denen, welche im Mittelzustande der Ewigkeit sich befinden. Da rief mir eine so liebenswürdige und selige Schöne, daß ich selbige nur bat, mir zu befehlen. Ihre Augen funkelten heller, als die Sterne, und sie redete in ihrer Sprache, mit englischer Stimme, liebreich und bescheiden mich also an: O du beliebte Mantuanische Seele, deren Ruhm in der Welt immer noch fortdauert, und bleiben wird, so lange ihre Bewegung währet; mein Freund wird, und nicht von ungefähr, dort in der wüsten Gegend auf seinem Wege so sehr gehindert, daß er aus Furcht wieder umgekehret ist. Ja, ich besorge, er habe sich schon so verirrt, daß ich mich, ihm zu Hülfe, nach dem, was ich im Himmel von ihm gehöret, vielleicht zu spät aufgemacht habe. Eile also, und sey zu meiner Befriedigung, mit deiner beliebten Beredtsamkeit und mit dem, was er zu seiner Befreyung nöthig hat, sein Engel, sein Beystand, sein Helfer! Ich bin Beatrix, die wünscht, daß du dahin gehest. Ich komme aus dem Orte, wo ich so sehnlich wieder hin verlange. Liebe bewog mein Herz, und hat meinen Mund geöffnet. Wenn ich dort wieder vor dem Throne anbete, so werde ich dich oft gegen ihn zu rühmen wissen.

Hier schwicg sie, und ich fieng darauf an: O du selige Schöne, durch deren Wirkung allein die Menschheit vor allem Vergnügen unter jenem Erdhimmel, dessen Kreise von einem kleinern Umfange sind, den Preis und Vorzug hat; deine Befehle sind mir so lieb und angenehm, daß die Vollziehung derselben, wäre sie auch itzt schon geschehen, mir doch zu spät scheinen würde. Du hast nicht nöthig, mir dein Verlangen umständlicher zu eröffnen. Allein die Ursache sage mir nur, daß du dich nicht vorsiehst, hier in diesen Kreis aus dem herrlichen Orte herunter zu steigen, wo dich so sehr wieder hin verlangt.

Da du dieß nur, erwiederte sie, näher zu wissen verlangst, so will ich dirs kurz sagen. Ich habe nicht die mindeste Furcht, hier herunter zu kommen. Denn blos vor den Dingen, die einem schaden können, muß man sich fürchten, vor andern nicht, die sind nicht fürchterlich. Gott, der gnädige Gott, hat mich so gemacht, daß euer Elend mich nicht trifft, noch die Flammen desselben Feuers mich verletzen. Und im Himmel ist eine leutselige Schöne, die das widrige Schicksal, welchem abzuhelfen, ich dich dahin sende, so sehr bedauret, daß sie dort oben Gnade vor Recht ergehen läßt. Diese forderte die weise Lucia auf, und sagte zu ihr: Itzt ist dein Getreuer deiner benöthigt, und dir empfehle ich ihn. Lucia, die eine Feindinn aller Grausamkeit ist, erhob sich, und kam hin an den Ort, wo ich war, und da ich mit der ehemaligen Rahel saß. Beatrix, so war ihre Anrede, du wahrer Ruhm Gottes, warum eilst du dem nicht zu Hülfe, der dich so innigst liebte, daß er deinetwegen von jenem gemeinen [4] Haufen ausgieng? Hörest du nicht sein ängstliches Klagen und Weinen? Siehst du nicht, wie er gleichsam auf einem fürchterlichen [5] Wasser, gegen welches das ganzeWeltmeer für nichts zu achten ist, vor Angst zwischen Tod und Leben ringt? - Nie ist auf der Welt ein Sterblicher, sein Glück zu machen, und sein Unglück zu fliehen, so eilfertig gewesen, als ich, auf diese Rede, von meinem seligen Sitze hier zu dir herunter eilte. Denn auf die Anständigkeit deines Ausdrucks, so dir, und allen, die dich gehöret haben, Ehre macht, setzte ich mein ganzes Vertrauen.

So bald sie hier ausgeredet hatte, wandte sie ihre funkelnden Augen voll Thränen von mir weg, und machte dadurch, daß ich desto geschwinder hieher eilte. Siehe, so bin ich zu dir gekommen, so wie sie es wollte, und so nahm ich dich dort vor dem wilden Thiere weg, das dir den nähern Weg zu dem schönen Berge hinauf so versetzte. Was ists also? Warum, warum säumst du? Warum nährst du noch so viel Muthlosigkeit in deinem Herzen? Warum hast du nicht vielmehr ein frisches Herz, und einen freyen Muth? Wie? - Da drey so göttliche Schönen am himmlischen Hofe für dich sorgen. und da mein Mund dir so viel Guts verspricht? -

Wie zarte Blumen, die sich bey nächtlichen Frösten danieder beugen und zuschließen, alle, wenn die Sonne drauf scheinet, sich wieder in die Höhe richten und aufthun - eben so verhielt sichs auch mit mir bey meinen schwachen und abgematteten Kräften, und mir wurde so frisch und muthig ums Herz, daß ich ganz frey und beherzt ausrief: O du mitleidsvolle Schöne, die mir so zu Hülfe geeilet! Und du, o gütiger Geist, der die Wahrhaften Worte ihres Mundes so unverzügliche befolget! Du hast mit deinen Reden meinem Herzen wieder ein so großes Verlangen nach jenem Hingange eingeflößet, daß ich auf den ersten Entschluß wieder zurück gebracht worden bin. Wohlan, da beyde nun ein Wille belebet, so komm! Du bist mein Führer, du bist mein Herr, du bist mein Lehrer!

Also sagte ich zu ihm, und hierauf erhob er sich fort, und so kam ich durch den steilen und ungebahnten Weg endlich dahin.

Anmerkungen

[3] Dieser Gang des Aeneas in die Ewigkeit ist seine bekannte Reise durch die Hölle und Elisdischen Felder, die er unternahm, seinen Vater Anchises wieder zu sehen, und von ihm seine künftigen Schicksale zu erfahren. Hierauf erfolgte der blutige Krieg wider den Rutulischen König Turnus, der Sieg des Aeneas, und durch diesen nach und nach das ganze mächtige und große Römische Reich. Der Gang des heiligen Paulus in die selige Ewigkeit war keine Entzückung in den dritten Himmel, oder ins Paradies.

[4] Die drey himmlischen Schönen sind die göttliche Liebe, Weisheit und Hülfe.

Dante gieng aus dem gemeinen Haufen der Eitelkeiten, Thorheiten und Laster, aus Liebe zurTugend, fort, und suchte in diescr und in anständigen Vergnügungen sein wahres und dauerhaftes Glück. So ein eifriger Verehrer der Tugend war Dante!

Durch sie stieg er zum göttlichen Geschlechte,
und ohne sie sind Könige nur Knechte.
Gellert.

[5] Diese Todesängstlichkeit auf dem allerfürchterlichstenr Wasser zeiget zugleich den fast übermenschlichen Streit an, den die Vernunft und Tugend des Dante mit parteyischem Irrthume, mit seinen Leidenschaften, mit dem Reize blendender Vorzüge und Annehmlichkeiten, und mit empfindlichen Schicksalen hatten. Nur der Christ siegt hier.

Wahr ists, die Kunst ist schwer, sich selbst so zu besiegen:
Allein in dieser Kunst wohnt göttliches Vergnügen.
Gellert.


Gesang 03>

Der Dichter kömmt mit dem Virgilius an das Thor der Hölle und sieht die entsetzlichen Worte, die oben über demselben geschrieben stehen. Hierauf geht er mit ihm hinein, und höret das erschreckliche Geräusch und Wehklagen der verstorbenen Müßiggänger, die da herum liefen, und von Insekten auf das empfindlichste gestochen wurden. Von hier kommen sie an den Höllenfluß Acheron, wo die Seelen übergesetzt werden, und wo Dante wie todt zur Erden niederfällt.

Durch mich gehet man in die traurige Stadt - durch mich gehet man in die ewige Qvaal - durch mich gehet man unter das verlorne Volk. - Gerechtigkeit war der Bewegungsgrund meines erhabenen Schöpfers und die göttliche Macht, die höchste Weisheit und die ewige Liebe gaben mir meine Wirklichkeit. - Vor mir waren keine Geschöpfe, außer nur ewige Dinge - und ich - ewig daure ich - ewig. - Laßt also, die ihr hereingehet, laßt alle Hoffnung fahren!

Diese dunkelfärbigten Worte sah ich oben über einem Thore geschrieben. O mein Lehrer, rief ich, der Sinn der Worte fällt mir schwer! - Hier antwortete er, als eine kluge und vorsichtige Person, hier muß man alle Zweifelsucht gänzlich verbannen, und alle Zaghaftigkeit muß hier gänzlich erstorben seyn. Wir sind nunmehro an dem Orte, wo du, wie ich dir gesagt habe, die leidenden Geister sehen wirst, welche Gott, ihr höchstes Gut, verloren haben. Hierauf nahm er mich, mit frohem Angesichte, bey der Hand, und brachte mich, so wieder gestärkt, hinein zu den geheimen Dingen.

Hier schallten Seufzer, Wehklagen und lautes Heulen durch die sternlosen Lüfte, worüber mir anfänglich die Augen übergiengen. Ganz verschiedene Sprachen, entsetzliche Reden, quaalvolle Worte, Laute voll Zorn und Rache, helle und heisere Stimmen mit ertönenden Schlägen in ringende Hände verursachten ein Getöse, welches, gleich dem von einem Wirbelwinde erregten Staube, dort in den zeitlosen Lüften unaufhörlich herumkreiset. Ach, mein Lehrer, rief ich, dessen Verstand wie umnebelt war, o! was ist das, das ich höre? Und was ist das für ein Volk, das ganz ein Raub der Qvaal zu seyn scheint? Das ist, antwortete er mir, der betrübte Zustand derjenigen Seelen, die in der Welt ohne Schande und ohne Ruhm gelebt haben. Sie sind mit unter dem häßlichen Chor von Engeln [6], die weder Rebellen wider Gott, noch auch demselben treu waren, sondern für sich neutral blieben. Der Himmel jagte sie also fort, um seiner Schönheit keinen Abbruch zu thun, und der Abgrund der Hölle nimmt sie auch nicht ein, weil sie einige Vorzüge vor den Höllenbürgern haben würden. Aber mein gütiger Lehrer, sprach ich, was ist es denn also für ein so großes Unglück, das ihnen so harte und wehmuthsvolle Klagen auspresset? Ich will, war seine Antwort, dir alles kurz sagen. Diese Unglückseligen haben keine Hoffnung zu sterben. Und ihr finsteres Leben ist so niederträchtig, daß sie über ein jedes anderes Schicksal neidisch sind. Die Welt läßt ihren Ruf nicht aufkommen. Und weder die Barmherzigkeit, noch die Gerechtigkeit bekümmert sich weiter um sie. Doch gnug von diesen. Aber siehe da, und komm. Und ich sahe hin, und sahe eine Fahne, die so schnell im Kreise herum und zugleich fort lief, daß sie mir aller Ruhe unwürdig schien. Und hinter ihr kam ein so langer Zug von Seelen, daß ich nimmermehr geglaubt hätte, daß der Tod eine so große Niederlage gemacht habe. Ich erkannte endlich einen darunter, sahe ihn an, und fand, daß es der Schatten desjenigen [7] war, der so niederträchtig der großen Würde sich wieder entsetzte. Sofort vernahm ich und ward überzeugt, daß dieser Schwarm die schändliche Gott und seinen Feinden verhaßte Rotte sey. Diese Unglückseligen, die noch nie moralisch lebendig gewesen, waren nackend, und wurden von den daselbst befindlichen Mücken und Wespen auf das empfindlichste gestochen. Diese nagten ihnen ihr Angesicht ganz voll Blut, welches mit Thränen untermengt herabtriefte, und an ihre Füßen von den widrigsten Würmern aufgezehrt wurde.

Hierauf wollte ich mich nun weiter umsehen, als ich eben da eine Menge Volk an dem Ufer eines großen Flusses erblickte. O mein Lehrer, rief ich hier, erlaube, und sage mir, wer sind die? Und woher kommts, daß sie, so viel ich durch das dunkel schimmernde Licht wahrnehmen kann, wie hinüber zu fliegen scheinen. Du sollst, antwortete er, es alles erfahren, so bald wir unsern Fuß an den traurigen Höllenfluß setzen werden. Mit schamhaften und niedergeschlagenen Augen, aus Furcht, es möchte ihm etwa mein Reden verdrüßlich fallen, enthielt ich mich hierauf bis an den Fluß des Redens. Hier sah ich einen vor alten Haaren ganz weissen Greis mit einem Schiffe auf uns zukommen, der schrie: Wehe euch, ihr verruchten Seelen! Macht euch keine Hoffnung, jemals den Himmel zu sehen! Ich komme, euch dort an dem andern Ufer, in die ewige Finsterniß, wo Hitze und Kälte wüten, zu führen. Und was willst du, du lebendige Seele, hier? Fort, entferne dich von diesen, welche gestorben sind. Allein, da er sah, daß ich mich nicht fortmachte, schrie er wieder: Durch andere Wege, durch andere Fahrten, nicht hier durch diese Ueberfahrt wirst du ans Land kommen. Ein wirksameres Holz muß dich übersetzen. Hier sagte mein Führer: Charon, eifre dich nicht so ab; man will es also dort oben, wo man thun kann, was man will, und mehr verlange nicht. Hierauf legte sich das Sträuben des wolligten Bartes bey dem Steuermanne von dem schweflichten Höllensee, dessen Augen wie Feuerräder im Kopfe herumgiengen. Allein, so bald jene abgematteten und nackenden Seelen die harten Worte höreten, verfärbten sie sich, und knirschten mit den Zähnen. Sie lästerten Gott. Sie verfluchten und verwünschten ihre Aeltern. Sie verdammten und vermaladeyten die Menschheit, und den Ort, und die Zeit, und den Zeugungssaamen ihres Geschlechts und ihrer Geburt. Hierauf zogen sie alle insgesamt unter Vergießung der bittersten Thränen nach dem verdammten Ufer fort, von dem alle Menschen, die Gott nicht fürchten, erwartet werden. Der teufelische Charon treibt sie, auf einen mit seinen glühenden Augen vorher gegebenen Wink, alle da zusammen, und wer da zaudert, empfängt von ihm die empfindlichsten Schläge mit dem Ruder.

So, wie zur Herbstzeit die Blätter von den Bäumen, eins nach dem andern, herabfallen, bis endlich der Baum seine ganze Bekleidung der Erde wiedergiebt - eben so fallen die gottlosen Nachkommen Adams, einer nach dem andern, auf höllische Winke, an diesem Ufer, wie Vögel auf reizende Lockungen, zur Erden nieder.

Also gehen sie über die Wellen des schwarzen Flusses. Und ehe sie noch einmal jenseits ausgestiegen sind, so versammlet sich disseits schon wieder eine neue Rotte.

Mein Sohn, sagte mein sorgfältiger Lehrer, alle diejenigen, die unter dem Zorne Gottes dahin sterben, 28 kommen hier aus allen Orten und Enden der Welt zusammen. Und sie sind deswegen so eilfertig, über den Fluß zu kommen, weil sie die göttliche Strafgerechtigkeit gleichsam dazu anspornet, so, daß die Furcht vor der Strafe sich in ein begieriges Verlangen nach derselben verwandelt. Wenn daher Charon sich deinetwegen beunruhiget, so kannst du nunmehro schon wissen, was er mit seinen Reden sagen will.

So bald er hier ausgeredet hatte, erschütterte das finstre Feld so gewaltsam, daß das Angedenken des Schreckens meinen ganzen Körper wieder mit einem kalten Todesschweisse überzieht. Die mit Thränen befeuchtete Erde gab schwüle Ausdünstungen von sich, die in ein Sturmwetter und feuerrothe Blitze ausbrachen. Das raubte mir alle Empfindung, so, daß ich, gleich einem Menschen, der sich des Schlafs nicht erwehren kann, zur Erden nieder fiel.

Anmerkungen

[6] Diese Engel ergriffen in jenem wichtigen Streite im Himmel, weder die Partey Lucifers mit seinen Engeln, noch die Partey Michaels mit seinen Engeln, sonder blieben für sich in niederträchtiger Ruhe.

[7] Dieser war ehedem Pabst Celestin der fünfte, der fromme Einsiedler, der sich von dem Cardinal Cajetan, nachher erwähltem Pabste, unter dem Namen Bonifacius der achte, überreden ließ, wieder abzudanken, und nicht arbeiten wollte. Nur in geistlicher Einsamkeit leben, und nicht gehörig arbeiten, ist heiliger Müßiggang, und Mißbrauch der Religion. Arbeit ist überhaupt das beste Vorsehungsmittel wider Laster, Dürftigkeit und Schande, und bringt Gesundheit, Nutzen, Erfahrung, Ehre, erquickende Ruhe, und fühlendes Vergnügen, und ist die vornehmste Pflicht des Menschen, der viel thun kann, welches man sieht, wenn es muß.


Gesang 04

Dante wird von einem schweren Gewitter aufgeweckt, und befindet sich in dem Thale von einem Abgrunde daselbst. Nun geht er mit dem Virgilius weiter fort, und steigt in den ersten Kreis der Hölle, oder in die Vorhölle, hinunter, wo sich die Seelen derer befinden, die ohne Taufe gestorben sind, oder die vor Christo gelebt, und Gott nicht auf die gehörige Art verehrt haben. Von da lassen sie sich in den andern Kreis der Hölle hinunter.

Ein schweres Donnerwetter schreckte mich, durch das Brausen im Kopfe, aus dem mächtigen Schlafe wieder auf, so, daß ich, gleich einem, der mit Gewalt aufgeweckt wird, ganz zusammen fuhr. Ich sah endlich aus meinen noch schlaftrunkenen Augen mit starren Blick umher, um den Ort zu erkennen, wo ich wäre. Und ich befand mich wahrhaftig auf dem äußersten Rande des Thals von dem traurigen Abgrunde, der von Donnern unendlicher Seufzer ertönet. Er war so dunkel, tief und nebelicht, daß ich, auch durch die schärfsten Blicke hinunter, nicht das geringste unterscheiden konnte.

Wohlan, fing Virgilius nun an, ward aber so blaß, wie eine Leiche, im Gesichte, laß uns nunmehro hier in die finstre Welt hinunter steigen! Ich will vorangehen, und du sollst mir folgen. Allein da ich seine Gesichtsveränderung gewahr wurde, sagte ich: O! wie will ich da zu rechte kommen, wenn du dich 30 entsetzest, da du bey meinem Zweifelmuthe meine einzige Stärkung zu seyn pflegest? Die Angst, antwortete er mir, und die Bangigkeit der hier unten sich befindenden Seelen mahlen schon in meinem Gesichte das Mitleiden ab, welches du für eine Furchtsamkeit hältst. Komm nur, wir müssen zugehen, denn wir haben einen weiten Weg vor uns. Also ließ er sich, und also brachte er mich hinunter und in den ersten Kreis des Abgrundes hinein.

Hieselbst war, so wie man hörte, kein Weinen und Wehklagen, sondern nur wie so ein banges Aechzen und Seufzen, welches die ewigen schwülen Lüfte in eine ängstlich zitternde Bewegung setzte. Und solches rührte nicht von äußerlichen Martern, nein, blos von einem geheimen Seelenschmerze her, der alle die zahlreichen und großen Schaaren von Kindern, Weibern und Männern innerlich nagte. Hier sagte mein gütiger Lehrer zu mir: Und du frägst nicht einmal, was das für Geister seyn, die du hier siehst? Wohlan, so wisse demnach, noch ehe du einen Schritt weitergehest, daß sie nicht vorsetzlich gesündiget. Und wenn sie auch Verdienste haben, so ist dieses doch nicht hinreichend, weil sie der Taufe beraubt gewesen sind, die der Weg zu dem Glauben ist, den du bekennest. Da sie überdies vor dem Christenthume gelebt haben, so haben sie auch Gott nicht auf die gehörige Art verehret. Und unter diese Anzahl gehöre ich selbst mit. Durch dergleichen Mangel nun, und durch keine andere Verschuldungen, sind wir verlohren gegangen. Und nichts kränket uns mehr, als daß wir ohne alle Hoffnung im seufzenden Verlangen leben sollen.

Die innigste Wehmuth bemächtigte sich meines Herzens, da ich dieses hörete. Denn mir waren viele von diesen verdienstvollen Personen bekannt, die sich in dieser Vorhölle befanden, und in solchem Mittelzustande lebten. O sage mir doch, mein Lehrer, fing ich darauf an, um hierdurch zu einer völligen Gewißheit des Glaubens zu gelangen, der allen Zweifel und Irrthum besieget, sage mir, mein Herr: Kömmt denn nie eine Seele, entweder durch ihr eigenes Verdienst, oder durch das Verdienst eines andern aus diesem Kreise heraus, daß selbige hernach selig würde? Er verstand meine verdeckte Rede, und antwortete mir also:

Ich befand mich noch nicht lange in diesem Zustande, als ich einen mächtigen mit Siegeszeichen gekrönten Held triumphirend hier bey uns seinen Einzug halten sahe. Dieser nahm die Seele des Stammvaters der Menschen, seines Sohns Abel, und die Seele des Noah, den Gesetzgeber Moses, den gehorsamen Patriarchen Abraham, den König David, und Israel mit seinem Vater, seinen Kindern und der Rahel, um welcher willen dieser so vieles that; alle diese Seelen, und noch viele andere nahm er mit sich, und machte sie selig. Denn du mußt wissen, daß noch kein menschlicher Geist vor diesen himmlisch selig gewesen ist.

Wir blieben, während er so redete, nicht stille stehen, sondern giengen immer in dem geistervollen Walde fort. Wir waren noch nicht weit von jenem Orte des schrecklichen Schlafes weg, als ich ein Feuer erblickte, welches den ganzen dortigen Horizont erleuchtete. Wir befanden uns zwar noch in einiger Entfernung davon, die jedoch nicht so groß war, daß ich nicht einigermaßen hätte unterscheiden können, daß ein ehrwürdiges Volk diesen Ort in Besitz hatte. O du Verehrer und Zierde aller Künste und Wissenschaften, rief ich hierauf, wer sind diese, welche so viel Ehre und Vorzüge haben, die sie von der Beschaffenheit der andern so unterscheiden? Der ehrfurchtsvolle Ruf, antwortete er mir, der in der Welt, wo du lebest, von ihnen erschallet, macht, daß sie der Himmel mit solchen Vorzügen begnadiget. Unterdessen hörte ich eine Stimme, die rief: Bewillkommet den großen Dichter mit Ehrenbezeugungen! denn er kömmt wieder von seiner Reise zurück. So bald die Stimme inne hielt und stille war, sah ich vier große Geister auf uns zu kommen. Sie sahen weder traurig, noch frölich aus. Siehe, sagte hier mein gütiger Lehrer, der, welcher mit dem Degen in der Hand die übrigen drey gleichsam als Feldherr aufführet, dieser ist das Haupt aller Dichter, Homerus. Der andre, der nach ihm kömmt, ist der Satirenschreiber Horaz. Ovidius ist der dritte. Und der letzte ist Lukan. Da nun ein jeder mit mir gleichen Ehrennamen führet, den allein so eben die Stimme erschallen ließ, so erweisen sie mir diese Ehre, und thun hierinn in so weit nicht unrecht. So sah ich die schöne Schule des größten Meisters der heroischen Dichtkunst, der gleich einem Adler über alle andere erhaben ist, zusammen kommen. Erst sprachen sie ein wenig mit einander. Darauf wandten sie sich zu mir, und grüßten mich, ohne zu reden, und er, mein Lehrer, lächelte seinen Beyfall hierzu. Ja, sie bezeigten mir noch weit mehr Ehre. Denn sie nahmen mich sogar mit in ihr Gefolge, so, daß ich nunmehro die sechste Person unter diesen so großen Geistern war. Also giengen wir bis nach dem Lichte zu, und redeten unterweges Sachen, von denen hier zu schweigen eben so schön ist, als dort davon zu reden war.

Endlich kamen wir unten an ein prächtiges Schloß, welches siebenfache hohe Ringmauern hatte, und rings herum mit einem anmuthigen kleinen Flusse umgeben war. Ueber diesen giengen wir, wie über festes Land, hinüber: Durch sieben Thore gieng ich mit diesen Weisen, und wir kamen endlich auf eine mit einem frischen Grün bekleidete Wiese.

Hier befanden sich Leute von gesetzten und ernsten Blicken, und von einem majestätischen Ansehen. Sie redeten wenig, und mit einer liebreichen Stimme. Wir machten uns also auf der einen Seite an einen freyen und erhabenen Ort, wo man alle, so viel ihrer waren, recht in Augenschein nehmen konnte.

Dort, auf dem grünen und blumigten Gefilde, wurden mir die großen Geister gezeiget, mit welchem Glücke, daß ich selbige gesehen, ich mich recht inniglich brüste. Ich sahe die [8] Elektra in einer zahlreichen Gesellschaft, unter denen ich den Hektor, den Aeneas, und den kriegerischen Cäsar mit seinen Falkenaugen erkannte. Auf der andern Seite sah ich die Camilla und die Penthesilea. Ich sah den König Latinus, der mit seiner Tochter, der Lavinia, da saß. Den Brutus sah ich, der ehemals den Tarquin verjagte, die Lukrezia, die Julia, die Marzia und die Cornelia, und abseits ganz allein den Saladinus. Und als ich etwas weiter umher schauete, sah ich das Oberhaupt aller Weltweisen unter dem philosophischen Geschlechte sitzen. Alle bewundern und verehren ihn. Hier sah ich auch den Sokrates, und den Plato, welche beyde vor allen andern ihm vorzüglich näher stehen. Da war Demokritus, welcher behauptet, die Welt sey von ungefähr entstanden, Diogenes, Anaxagoras, Thales, Empedokles, Heraklitus, Zeno und der vortreffliche Naturforscher, den Dioskorides meyne ich. Weiter sahe ich den Orpheus, den Tullius, und Linus, und den Sittenlehrer Seneka; den Mathematiker, Euklides, und den Ptolemäus; den Hippokrates, den Avicenna, den Galenus, den Averroes, der das große Auslegungswerk verfertiget hat. Und ich bin nicht im Stande, eine vollständige Beschreibung von allen zu machen, weil ich zu sehr befürchte, es möchte selbige zum öftern der Sache selbst nicht beykommen.

Die Gesellschaft von Sechsen verminderte sich nun bis auf Zwey. Mein weiser Führer führte mich durch einen andern Weg aus dem stillen in den stürmischen Luftkreis. Und ich kam in eine Gegend, wo alles mit Dunkel und Finsterniß überzogen ist.

Anmerkungen

[8] Elektra, eine Prinzessinn der Königinn von Italien, Atlanta, deren Prinz Dardanus Stifter von Troja war, und von dem die Helden Hektor, Aeneas, und Cäsar abstammen. Camilla, die kriegerische Königinn der Volscer, die für den Turnus stritte, und deren Löwenherz das Rutulische Heer so beherzt, als ihr Tod es niedergeschlagen machte. Penthesilea, Königinn der Amazonen, die den Troianern im Kriege wider die Griechen beystand, und vom Achilles getödtet ward. Lavinia, die erst dem Turnus, Könige der Rutuler, versprochen, hernach dem Aeneas zur Gemahlinn gegeben ward. Brutus, der den Römischen König, Tarquin den Hochmüthigen, aus Rom verjagte, und dem Vaterlande die Freyheit wieder verschaffte. Lukrezia, die keusche Gemahlinn des Collatinus, die vom Sextus Tarquinius, dem Prinzen Tarquinius des Hochmüthigen, mit List und Gewalt entehret wurde, weswegen sie, zum Beweise ihrer Unschuld, sich selbst das Leben nahm. Julia, Cäsars Tochter, und Gemahlinn des großen Pompejus. Marzia, Gemahlinn des Cato von Utika. Cornelia, Tochter des Scipio Africanus, und Gemahlinn des Gracchus, eine Dame von seltner Klugheit und Beredtsamkeit. Saladin, Sultan von Babylonien, der mit Guido, Könige von Jerusalem, Krieg führte, ihn in einer Schlacht überwand, gefangen nahm, und ihn des Reichs beraubte. Das Oberhaupt der Weltweisen ist Aristoteles, über alle dessen Werke Averroes, ein Araber, das große Auslegungswerk geschrieben hat. Die übrigen sind als große Gelehrten zur Gnüge bekannt.


Gesang 05

Dante geht in den andern Kreis hinein, und findet den Höllenrichter Minos, der da über alle verdammte Seelen Gericht hält. Dann hört er das Wehklagen der üppigen Sünder, die in finstrer Luft vom Winde stürmisch dahin und mit fortgerissen werden. Hier redet der Dichter mit zwo unglückseligen Seelen, und fällt vor Mitleiden wie todt zur Erdem nieder.

Also stieg ich aus dem ersten hinunter in den andern Kreis, der einen kleinern Ort, doch desto mehr Weh, Weh zum Heulen, in sich schließt. Hier steht Minos, welcher, in einer schreckensvollen Gestalt, gleich einem beißigen Hunde, die knirschenden Zähne herweiset. So verhört er die Strafbaren bey ihrem Eintritte. So thut er den richterlichen Ausspruch über dieselben. Und so schickt er sie, nachdem er sich umgürtet, fort, hinunter in die Hölle. Denn, wann die verruchte Seele vor seinem Richterstuhle erscheinet, so bekennet sie alle ihre Verbrechen. Dieser Kenner von Sünden siehet alsdenn gleich, welcher Ort in der Hölle für sie gehöret. Hierauf umgürtet er sich mit seinem Schweife so vielmal, so viel Tiefen sie hinunter soll. Sie stehen zu allen Zeiten in großer Anzahl vor ihm. Sie treten eine nach der andern vor den Richterstuhl. Sie reden, hören, und dann stürzen sie hinunter.

So bald mich Minos erblickte, rief er, jedoch ohne dieses große richterliche Amt zu verwalten, mir 37 zu: O du, der du zu den traurigen Wohnungen hieher kömmst, siehe ja zu, wie du hereingehest, und wem du dich anvertrauest! Laß dich nicht etwa die Weite des Eingangs verführen! Allein mein Führer sprach zu ihm: Was machst du doch für ein Geschrey? Verhindre ihn nicht an dem Fortgange seiner über ihm verhängten Reise. Denn also will man es dort oben, wo man alles thun kann, was man nur will; und weiter verlange nichts.

Nunmehro fingen die traurigen Stimmen an, sich hören zu lassen. Nun war ich da angelangt, wo das viele Wehklagen mein Herz gleichsam durchbohrte. Ich kam in einen Ort, der, alles Lichts beraubt, ganz erschrecklich brüllte, gerade wie das Meer, wann es von einem Ungewitter mit widrigen Sturmwinden bekrieget wird. Die höllischstürmische Luft, die nie zum endlichen Aufhören stille und ruhig wird, reißt die Geister durch ihre ungestüme Bewegung mit sich fort, und martert sie durch ihr Stoßen und Herumwerfen über die Maßen, so bald sie vor dem Abgrunde des Verderbens anlangen. Hier höret man ein Knirschen und Klappern der Zähne, ein jämmerliches Weinen und Wehklagen, und wie sie die göttliche Allmacht lästern.

Ich vernahm, daß zu dieser also eingerichteten Qvaal die üppigen und fleischlichen Sünder verdammt wären, welche die Vernunft den Begierden und Leidenschaften unterwerfen.

So wie die Staare in kalten Tagen zu ganzen breiten und dicken Schaaren ihren Flug nehmen - so führet jener Sturm die verdammten Geister bald hieher, bald dorthin, bald hinauf in die Höhe, bald hinunter in die Tiefe, mit sich fort.

Keine Hoffnung, weder endlicher Ruhe, noch einer gelindern Strafe, giebt ihnen jemals, auch nicht die mindeste Erquickung.

Und wie die Kraniche die Luft in langen Reyhen durchziehen, und ihren Gesang winseln - eben so sah ich die Schatten in der ungestümen Luft, mit kläglichem Geschrey, daher gezogen kommen, weswegen ich sagte: Mein Lehrer, o! was sind das für Leute, welche die schwarze Luft so züchtiget?

Die erste von den Seelen, deren Umstände du zu wissen verlangest, antwortete er mir hierauf, war ehemals Beherrscherinn vieler Völker und Nationen. Durch das Laster der Unzucht wurde selbige dermaßen verkehrt, daß sie in ihren Gesetzen die Wollust erlaubte, um die Schande, in die sie gerathen war, wieder von sich zu wälzen. Semiramis [9] ist es, von der man lieset, daß sie dem Ninus in der Regierung gefolget, und seine Gemahlinn gewesen sey. Sie hatte das Land im Besitz, das der Sultan beherrschet. Die andre ist Dido, die aus verliebter Raserey sich selbst erstach, und der Asche des Sichäus die zugeschworne Treue brach. Dann kömmt die üppige Cleopatra. Ich sah die Helena, die so unglückselige Zeiten nach sich zog. Ich sah den großen Achilles, der zuletzt noch mit der Liebe kämpfte. Ich sah den Paris, den Tristan; und er zeigte mir mehr, als tausend Schatten, und nennete sie alle an den Fingern her, welche die Liebe ums Leben gebracht hatte.

Nachdem ich meinen Lehrer die alten Heldinnen und Helden hatte nennen hören, bemächtigte sich das Mitleiden meines Herzens, und ich wurde fast wie zweifelmüthig. Großer Dichter, fing ich darauf an, könnte ich nicht die [10] Beiden dort sprechen, die da mit einander herkommen, und dem Winde so leicht zu seyn scheinen? - Wann sie näher bey uns seyn werden, antwortete er mir, da wirst du sie besser sehen, und alsdenn bitte sie um der Liebe willen, welche ihr Führer ist, so werden sie kommen, so bald sie der Wind auf uns zu lenket.

O! ihr geängsteten Seelen, rief ich so fort, o! kommet, und redet mit uns, daferne es sonst niemand verhindert!

Wie Tauben, gereizt von Lust, und von Begierde hingerissen, in vollem Fluge durch die Luft fort, und zum Neste ihrer Wollust hin eilen, - eben so eilten sie aus der Schaar, wo Dido sich befindet, und kamen durch die verdammte Luft zu uns; so stark war der herzliche Zuruf!

O! du liebreiches und gütiges Geschöpf, das die unseligen Gegenden durchreiset - wir, die wir jene Erde mit unserm Blute färbten, wäre der Beherrscher der Welten uns gnädig, wie gerne wollten wir für deine Ruhe ihn anflehen! weil du mit unserm traurigen Schicksale Mitleiden hast. Sage, was dir gefällig ist, das wir hören und reden sollen, wir wollen hören und mit euch reden, so lange der Wind, so wie itzt, stille und ruhig ist. Dort an dem Meere, in welches sich der Po mit seinen übrigen Flüßen zu ihrer gemeinschaftlichen Ruhe ergießt, da liegt das Land, wo ich gebohren ward. Die Liebe, die ein edles Herz plötzlich einnimmt, bemächtigte sich auch hier des Herzens der schönen Person, die mir entrissen wurde, und wie, das kränkt mich noch itzund. Die Liebe, die jedoch keinem vermählten Theile ein anderweitiges Lieben jemals vergiebt, nahm mein Herz mit so starker Gegenliebe ein, daß diese, wie du siehst, mich noch nicht verläßt. Die Liebe führte uns endlich zu gleichem Tode, für welches Opfer jedoch Caina den zur Bestrafung erwartet, der uns das Leben raubte. Dieß waren ihre Worte, die sie zu uns sprachen.

So lange ich diesen geplagten Seelen zuhörte, hatte ich die Augen niedergeschlagen, und sahe noch immer für mich nieder, bis Virgilius zu mir sagte: Auf was sinnst du? O Unglück! antwortete ich endlich, o! was für süße Empfindungen, o! was für starke Triebe veranlaßten ihr trauriges Schicksal! Hierauf wandte ich mich zu ihnen und sagte: Francisca, ich möchte weinen, so niedergeschlagen und weichmüthig machen mich deine Qvaalen. Allein sage mir nur: Damals, als ihr noch zärtlich seufztet, bey was für Gelegenheit, und auf was für Art gab denn die Liebe zu, daß ihr euch den bedenklichen und gefährlichen Trieben überließet? Ach, antwortete sie, in seinem Elende sich seiner ehemaligen glücklichen Zeiten erinnern, o! wo ist wohl - und das weiß dein Lehrer - ein Schmerz, der diesem gleicht? Allein, da du ein so sehnliches Verlangen hast, den ersten Ursprung unser Liebe zu wissen, so will ichs machen, wie ein Unglückseliger, der zugleich weint und redet. Wir lasen an einem Tage zum Zeitvertreib von Lanzillotto, wie ihn die Liebe gefesselt hatte. Wir waren allein, und glaubten uns sicher vor allem Verdachte. Dieses Lesen reizte zu verschiedenen malen unsere Blicke, und verfärbte uns das Gesicht. Doch nur ein einziger Umstand überwand uns gänzlich. Denn als wir von dem lächelnden Verlangen lasen, von einem so zärtlichen Liebhaber geküßt zu werden, da umarmte mich dieser, der unzertrennlich mit mir vereinigt bleiben wird, und küßte mir, ganz zitternd küßte er mir den Mund. Galeotto [11] hieß das Buch, und der es geschrieben hat. Und ach! denselben Tag lasen wir nicht weiter.

Indem der eine Geist dieses sagte, weinte der andre so bitterlich, daß ich, vor Mitleiden und Wehmuth, als stürbe ich, in Ohnmacht sank, und wie ein todter Mensch zur Erden niederfiel.

Anmerkungen

[9] Semiramis, Königinn von Assyrien, von der man erzählet, sie habe ihren Gemahl umbringen lassen, und mit ihrem Prinzen Blutschande getrieben. Dido, eine königliche Prinzessinn, die der Asche ihres Gemahls das Gelübde that, sich nicht wieder zu vermählen, aus Liebe aber zum Aeneas es brach, dessen Abreise von ihr aus Afrika nach Italien sie zur Verzweiflung brachte, daß sie sich, so verlassen, selbst entleibte. Cleopatra, die bekannte üppige und unzüchtige Aegyptische Königinn, die sich zuletzt selbst umbringe mußte. Helena, die schöne Prinzessinn des Königs Tondar, und Gemahlinn des Spartanischen Königs Menelaus, die, in seiner Abwesenheit, Paris, ein Prinz des Trojanischen Königs Priamus, höchst ungerecht raubte, nach Troja entführte, und sie zu seiner Gemahlinn nahm, worauf der blutige Krieg der Griechen wider die Trojaner, die zehnjährige Belagerung und endliche Zerstöring der Stadt Troja erfolgte. Achilles, der große Griechische Held, dessen Kampf mit der Liebe entweder auf die Liebe zu seiner eroberten Briseis zielet, die ihm Agamemnon entriß, weshalb er durchaus nicht mehr fechten wollte, oder den unglücklichen Zustand anzeiget, in den er durch die Liebe gerieth, die er zur Prinzessinn Polyxene äußerte, um die er bey ihrem Vater Priam anhielt. Dieser stellte sich, als wolle er seine Einwilligung in dieser Vermählung geben, und beschied in dazu in den Tempel des Apollo, wo der, hinter einer Säule versteckte Prinz Paris den verliebten Helden mit einem Pfeile schoß, woran er sterben mußte. Tristanus, ein Enkel des Königs Markus von Cornwall in Großbritannien, der erste irrende Ritter, der aus Liebe zu Königinn Isolta Wunder der Tapferkeit that, vom Könige Markus aber, der ihn in wollüstiger Entehrung der Königinn antraf, mit seiner eigenen stets so glorreich siegenden Lanze durchstochen wurde.

[10] Diese beiden Geister waren ehedem Franciska und Paolo von Malatesta. Sie war eine Tochter des Guido von Polenta, Herrn zu Ravenna, und wurde von ihm mit Lancillotto von Malatesta, einem sonst braven, nur nicht schönen Herrn, vermählet. Unglückliche Ehe! Denn sie und Paolo, ein schöner und artiger Cavalier, aber der leibliche Bruder ihres Gemahls, liebten einander, und wurden von Lancillotto, der sie in Ehebruch und Blutschande überfiel, alle beide zugleich ermordet. Für diesen Brudermord erwartet ihn Caina, welcher Ort ein Kreis der Hölle ist, wo dergleichen Ermordungen bestrafet werden.

[11] Galeotto ist ein Roman, der zu Zeiten des Dante von großem Werthe war, dessen Liebesheld den Namen Lancillotto führte, und der ein Geliebte hatte, die Ginevra hieß. Das Lesen dieses Romans war bey dem Paolo von Malatesta und der Francisca von eben der Wirkung, die bey den Romanhelden erfolgte, oder durch sogenannte Liebessensale fast jederzeit zu erfolgen pflegt.

Man mache überhaupt von allen traurigen Folgen unerlaubter Liebe vernünftigen Gebrauch. Man lasse sich die niedrigen Beyspiele hoher Personen und großer Gelehrten nicht blenden. Man bezeige sich in allen Vorfällen und Gelegenheiten gegen wollüstige Thoren nicht zur Unzeit sittenrichterisch, satirisch und unhöflich, sondern gehe bescheiden, artig und vorsichtig mit ihnen um, und ziehe sich durch eine erlaubte Verstellung und kluge Gründung, aus oft unvermeidlichen Verlegenheiten zu Gesellschaftsvergehungen, mit Manier heraus. So rettet man seine Tugend durch Klugheit zu einem Muster, und so bessert man rühmlicher, allgemeiner und geschwinder, als wenn man Personen mit moralischem Sturme, mit satirischer Bosheit, oder mit empfindlicher Unhöflichkeit angreift, Personen, die wegen ihrer Gelehrsamkeit, Geburt, und wichtigen Aemter verehrungswürdig, oder gar als Götter der Erden heilig sind, und die alle vorzüglich wissen, daß sie dereinst Rechenschaft geben müssen, und daß ihre Exempel von den allerwichtigsten Eindrücken und Folgen sind.


Gesang 06

Der Dichter kömmt von seiner Ohnmacht wieder zu sich selbst, und befindet sich in dem dritten Kreise der Hölle. In diesem werden die Schwelger von dem Höllenhunde Cerberus geplaget, und von einem grausamen, mit Schnee und Hagel untermengten Regen gepeiniget. Dante redet mit Ciacco, und kömmt hierauf mit seinem Begleiter an den Ort, der in den vierten Kreis hinunter führet, wo sie den grimmigen Pluto antreffen.

Ja, ich fühle allmählig die Empfindung wieder in mir zurückkommen, die vor dem Mitleiden mit den beiden Anverwandten von mir gewichen war, und welches mich in die traurigste Verlegenheit gesetzt hatte. Aber ach! Wo ich mich hin bewege, wo ich mich hinwende, wo ich nur hinsehe, da sehe ich mich schon wieder mit neuen Quaalen, mit neuen Gequälten umgeben. Ich bin im dritten Kreise des ewigen, verfluchten, kalten und ungestümen Regens. Hier ist an irgendeine Veränderung und Abwechslung nie zu gedenken. Großer Hagel, schwarzer Regen und Schnee ergießen sich durch die düstere Luft, wovon die Erde stinkt, auf die es herabfällt. Cerberus, das grausame Unthier, dieses Ungeheuer bellt aus drey Rachen das Volk an, das hier bis zum Ersticken eingeschlammt liegt. Er hat feuerrothe Augen, einen pechschwarzen und fettglänzenden Bart, einen weiten Bauch, und mit Krallen bewaffnete Klauen. Er krallt, schindet und zerfleischet die Schatten. Der Regen macht, daß sie wie Hunde heulen. Sie suchen von einer Seite zur andern auszuweichen, und drehen und wenden sich, o wie oft! die sinnlichen Bösewichter.

Da Cerberus, die ungeheure Bestie, uns gewahr wurde, sperrte er seine Rachen auf, und wies uns seine Hauer. Es war auch kein Glied an seinem ganzen Leibe, welches er stille hielt. Allein mein Führer spannte seine Hände aus, nahm Erde, und warf ihm ganze Fäuste voll in die gierigen Schlünde hinein.

So, wie sich ein Hund geberdet, der freßbegierig bellt, und sich wieder besänftiget, so bald er das Fressen unter seinen Zähnen hat, welches er allein zu verschlingen begehret und kämpfet - eben so war der Anblick der unflähtigen Gesichter des teufelischen Cerberus, der die Seelen dermaßen betäubet, daß sie ewig taub zu seyn wünschen.

Wir giengen über die unseligen Schatten hinüber, der die schwere Regen alle dicht zusammen dort niederwirft, und traten auf ihre Eitelkeiten, die wie Menschen aussehen. Sie lagen alle insgesammt auf der Erde danieder. Nur eine einzige richtete sich in die Höhe, und setzte sich, so bald sie uns vorbey gehen sahe. O, du Sterblicher, sagte sie zu mir, der du durch die Hölle geführet wirst, kennest du mich nicht mehr? Du lebtest schon, ehe ich starb. - Dein kläglicher Zustand, antwortete ich, bringt dich vielleicht aus meinem Gedächtnisse, so, daß ich mich nicht entsinnen kann, dich jemals gesehen zu haben. Wer bist du aber, daß du zu einem so traurigen Orte, und zu einer so eigenen Strafe verdammt bist, die unter allen, auch noch härtern, doch wohl die allerwidrigste ist?

Deine Geburtsstadt, erwiederte er, die so voll Neid ist, daß sie gleichsam davon überläuft, war die Stadt, die auch mich damals Lebenden in sich schloß. Ihr Bürger daselbst nanntet mich nur Ciacco [12] Die schlemmerische Kehle ist die schädliche Ursache, daß mich, wie du siehst, der Regen so abmartert, und ganz entkräftet. Und ich bin nicht die einzige unglückselige Seele. Alle diese hier haben gleiche Strafe, wegen gleicher Schuld, auszustehen. Hier schwieg er stille. Dein Elend, Ciacco sagte ich hierauf, macht mich bis zum Weinen niedergeschlagen. Aber sage mir nur, wenn du es weißt, wohin es mit den Bürgern der uneinigen Stadt noch endlich kommen werde. Ist denn darinnen niemand gerecht - Und die Ursache sage mir doch, warum eine so große Uneinigkeit da eingerissen ist?

Nach langen Zanken und Streiten, antwortete er mir, wird es am Ende zum Blutvergießen ausschlagen, und die aus den waldigten [13] Gegenden werden die andre Partey, zu großen Nachtheile derselben, verjagen. Hierauf aber werden jenen in drey Jahren fallen, und diese wird durch die Gewalt desjenigen, der itzo sich verstellt, völlig den Platz behalten. Der wird stolz eine geraume Zeit herrschen, und die eine Partey unter sehr schweren Lasten dermaßen pressen, daß sie darüber weinen und sich schämen werden.

Zwey [14] in der Stadt sind gerecht, sie werden aber nicht gehöret.

Und Stolz, Geiz und Neid sind die drey Feuer der Uneinigkeit, welche die Herzen entzündet haben.

Hiermit beschloß er seine klägliche Rede. Ich aber sagte: Möchtest du mich doch weiter belehren, und mir die Gefälligkeit erzeigen, noch etwas zu reden! Farinata und Tegghia, die so angesehen waren, Jacob Rusticucci, Arrigo und Mosca, imgleichen die übrigen, die dem Anscheine nach recht darauf studirten, zum allgemeinen Besten edel zu handeln, o, sage mir, wo sind die? - und laß sie mich sehen! - denn ich habe ein recht dringendes Verlangen, zu wissen, ob sie der Himmel belohnet, oder die Hölle bestrafet. O! die sind, antwortete er, unter den schwärzesten Seelen. Verschiedene schwere Schulden drücken sie weit hinunter in die Tiefe. Wenn du so tief hinabsteigest, da kannst du sie sehen. Allein, wenn du wieder auf deiner glücklichen Erde seyn wirst, da bitte ich dich, denke an mich! Mehr sage ich, und mehr antworte ich dir nicht. Hierauf verkehrte er die starren Augen, schielte mich noch einmal an, neigte den Kopf, und fiel mit demselben, gleich den übrigen blinden Seelen, zur Erde nieder.

Itzt sagte mein Führer zu mir: Nun steht er nicht wieder auf, als bis sie alle der schreckliche Schall der englischen Posaune aufrichtet. Wann dann ihr mächtiger Feind erscheinet, da wird ein jeder sein trauriges Grab wieder finden, sein Fleisch und seine Gestalt wieder annehmen, und das hören, wovon Ewigkeiten ertönen werden.

So giengen wir mit langsamen Schritten durch den von dergleichen Schatten und Regen vermischten Unflat fort, und redeten ein wenig vom zukünftigen Leben.

Aber, mein Lehrer, sagte ich deswegen, werden denn die Martern, nach jenem großen richterlichen Ausspruche, vermehret, oder werden sie vermindert, oder bleiben sie gleich peinlich? Frage deine Weltweisheit, antwortete er mir, die sagt: Je vollkommener eine Sache ihrem Wesen nach ist, je vollkommener sey auch ihre Empfindung des Glücks, und folglich auch des Unglücks. Gelangt nun zwar dieses verdammte Volk nie zu einer wahren moralischen Vollkommenheit, so erwartet es doch dereinst ein vollkommneres [15] natürliches Wesen, als ihr gegenwärtiges ist.

Wir giengen die Straße rund herum, und redeten viel mehr, als ich wiedersagen kann. Endlich kamen wir an den Ort, wo der Weg abfällt, und wo wir hinunter stiegen. Und hier war es, wo wir den mächtigen Feind Pluto antrafen.

Anmerkungen

[12] Ciacco war ein großer Gelerhter von Stande, und kluger Staatsmann, aber von einer sinnlichen und unreinen Lebensart. Diesem legt Dante so wichtige Fragen vor, weil er, als ein solcher, durch die sinnliche Vertraulichkeit mit so vielen seines gleichen von der Regierung mehr wissen konnte, als ein tugendhafter Gelehrter und Staatsmann nicht erfährt, dem jene unreine Zunft schon nicht trauet, und vieles verbirgt. Und wäre der sinnliche Bösewicht nicht in der Hölle gewesen, so hätte er vielleicht auch nicht so offenherzig und eifrig geantwortet, und noch zuletzt warnend ausgerufen: Denke an mich! das ist: Lernet aus meinem unflätigen Beyspiele, daß kein Gelehrter, kein Minister, kein Regent, kein Mensch ohne Tugend glücklich werden kann! Die Bürger in Florenz nennten ihn nur Ciacco, welches auf deutsch ein Schwein heißt. Und ein solches gelehrtes und vornehmes Schwein ist ein theoretischer Mensch und practisches Vieh.<[15]p>

[13] Die aus den waldigten Gegenden sind die Weissen, welche die Partey der Schwarzen verjagen werden. Hernach wird die Macht und Verstellung Carls von Valois, eines Vetters Philipps des Schönen, Königs von Frankreich, die Weissen verjagen. Denn Pabst Bonifacius, der achte, schickte Carln nach Florenz, die Einigkeit der Stadt wieder herzustellen. Dieser Prinz machte von dieser erwünschten Gelegenheit so genannten politischen Gebrauch, entblößte die Einwohner von Gelde, bereicherte sich, und setzte die Stadt in noch größere Verwirrung. Das ist die letzte Hülfe! Bonifacius und Carl verstanden sich mit einander, wie oft Commendanten im Kriege mit ihrem Platzmajoren sich zu verstehen pflegen.

[14] Einige Ausleger verstehen durch diese Zwey in der Stadt, zwey gerechte und tugendhafte Richter, nämlich den Dante und den Guido Cavalcanti. Hier, und in dem ganzen Gesange, öffnet sich einen nachdenkenden Leser ein reiches Feld von großen Betrachtungen und Anwendungen.

Kein Schimmer äußrer Macht, kein Geld, das Sklaven rühret,
Hält den Gerechten ab, zu thun, was ihm gebühret.
- Lichtwer.

[15] Alle Seelen der Menschen erhalten ein vollständigeres Wesen, wann sie zum allgemeinen Weltgerichte und zur Ewigkeit mit ihren Leibern wieder vereiniget werden; welche Vereinigung den Seligen zu größerem Vergnügen und Glücke, und den Verdammten zu größerem Elende und Unglücke gereichen wird.


Gesang 07

Dante steigt mit dem Virgilius in den vierten Kreis der Hölle hinunter. In diesem sieht er die Verschwender, und die Geizhälse, welche die schwersten Lasten wider einander fortwälzen. Von da läßt er sich in den fünften Kreis hinab, wo der sumpfigte Styx ist, in welchem die Zornigen auf verschiedene Arten sich zerschlagen, und sich mit den Zähnen in Stücken zerreissen. Endlich kommen sie an einen hohen Turm.

Pape Satan, Pape Satan Aleppe! - Mit diesen zauberischen Tönen erhob Pluto so fort seine gluchzende Stimme. Allein mein vorsichtiger Weiser, der alles verstand, sagte, um mich wieder anzufrischen: O! mäßige deine Furcht. Er sey auch noch so mächtig, so kann er dir doch den Gang hier hinunter nicht wehren. Hierauf kehrte er sich zu der aufgeworfenen Schnauze, und sagte: Schweig, verfluchter Wolf, und verzehre dich in dir selbst durch deine verdammte Wuth. Dieser Gang in die Tiefe hat seine Ursache. Dort oben, wo Michael den stolzen Aufruhr rächte, da will man es also.

So, wie vom Winde aufgeblasene Segel, wenn der Mastbaum zerbricht, zusammenfallen - eben so fiel das grausame Ungeheuer zur Erden nieder. Also stiegen wir in den vierten Pfuhl und Kreis hinunter.

Und hier an diesem traurigen Ufer, hier litt erst unsre Empfindung. Denn das Hauptübel [16] der ganzen Welt ist gleichsam hier eingepfropft. O! du göttliche Gerechtigkeit! O! so große neue Martern und Strafen, als ich hier sahe, wer bringt die so aufgehäuft zusammen? Aber ach! unsre Schuld, warum bringt die solche Mißgeburten hervor!

So wie dort die Wellen Charybdis mit denen, die auf sie stoßen, gewaltsam zusammenschlagen, und kämpfend arbeiten - eben so muß das Volk hier wie im Wirbel herumkreisen. Hier sahe ich Volk über Volk, mehr, als irgendwo, und selbiges auf allen Seiten, mit schrecklichem Geheule, die schwersten Lasten blos mit der Brust fortwälzen. Sie stießen gewaltsam auf und wider einander, so, daß sich alsdenn ein jeder herumdrehete, zurück wälzte, und schrie, der eine: Aber was hältst du? der andre: Aber was narrest du? So trieben sie sich alle durch und wider einander in dem schwarzen Kreise herum, und schrien sich auch dabey ihren schändlichen Gesang zu. Hernach kehrte ein jeder, wenn er seinen halben Kreis durch, und an das andere Ende der unseligen Laufbahn hin war, so wieder um.

Vor Jammer meines Herzens sagte ich: Mein Lehrer, unterrichte mich doch, was ist das für ein Volk? und sind denn diese Beschornen hier zur Linken lauter Geistliche? Alle, antwortete er mir, sie alle insgesamt sind in ihrem ehemaligen Leben so geistlichblind gewesen, daß ihr ganzes Betragen unmäßig war. Das bellt gleichsam ihre Stimme deutlich gnug heraus, wann sie an die beyden Enden des Kreises kommen, wo ihre entgegengesetzten Verschuldungen sie von einander scheiden. Diese hier waren Geistliche, deren Haupt mit Haaren nicht bedeckt ist, und Päbste und Cardinäle, die der Geiz außerordentlich beherrschet. Unter solchen, sagte ich, die sich mit dergleichen Lastern verunreiniget haben, sollte ich wohl einige kennen. Vergebener Einfall, erwiederte mein Lehrer. Denn ihr unbekanntes Leben, das sie zu solchen Scheusalen machte, hat sie nun vollends so häßlich geschwärzt, daß sie ganz und gar unkennbar sind. Ewig werden alle beide so wider einander anlaufen. Und dereinst werden sie noch, diese mit zugemachter Faust, und jene mit gestutzten Haaren, aus ihren Gräbern auferstehen. Denn Unmäßigkeit im Geben, und Unmäßigkeit im Behalten hat sie dort um den schönen Himmel, und hieher, in diese Raufhölle gebracht, deren häßliche Beschaffenheit keine nähere Schilderung verdienet.

Hier aber, mein Sohn, kannst du die kurzen Eitelkeiten der Güter, die dem Glücke überlassen sind, kennen lernen, um deren willen Menschen, die ewig leben sollen, einander beständig in den Haaren liegen. Denn alles Gold, das unter der Sonne ist, ja das von jeher in der Welt gewesen ist, kann nun auch nicht einer einzigen von diesen matten und schmachtenden Seelen nur die geringste Ruhe verschaffen.

Mein Lehrer, da du des Glücks Erwähnung thust, so sage mir nun auch, was es für eine Bewandniß damit hat, daß es die Güter der Welt so fest in Händen hält.

O ihr thörichten [17] Geschöpfe, war seine Antwort, wie groß ist doch die Unwissenheit, die euch umnebelt! Wohlan, so vernimm wohl, was ich dir sage.

Der, dessen Verstand alles Denken übersteigt, machte die Himmel. Er gab ihnen Regenten und Führer, so, daß alles, durch die gehörige und ebenmäßige Vertheilung des Lichts, von einem Ende bis an das andere glänzt und leuchtet. So setzte eben der Herr auch über die irrdischen Herrlichkeiten eine allgemeine Aufseherinn und Regentinn. Diese sollte zu seiner Zeit mit den Gütern der Eitelkeit eine Veränderung und Abwechselung vornehmen, und selbige von Volk zu Volk, und von einem Geschlechte auf das andere bringen. Und dieses allem Sträuben menschlicher Klugheit und Anschläge ohngeachtet. Daher kömmt es, daß ein Volk herrschet, das andere unter dem Drucke schmachtet. Denn es geht alles nach ihrem Rathe und Willen, der aber vor uns verborgen ist, so, wie die Schlange im Grase vor uns verborgen liegt. Euer Verstand vermag auch nichts wider sie. Sie sorgt für alles, sie veranstaltet und schlichtet alles, kurz, sie thut das in ihrem Reiche, was die andern Götter in den ihrigen thun. Ihre Veränderungen leiden keinen Stillstand. Die Nothwendigkeit macht sie so eilfertig. Und so oft sie kömmt, so oft geht eine glückliche oder unglückliche Veränderung mit dem Menschen vor. Das ist nun die, die unter dem Namen des Glücks und des Schicksals von denen so viel leiden muß, die sie doch von rechtswegen verherrlichen sollten, die sie aber vielmehr so ungerechter Weise schänden, verwünschen und verfluchen. Wiewohl sie ist in sich selbst selig, und hört nicht darauf. Sie geht mit den andern zuerst geschaffenen Creaturen vergnügt und freudig in ihrer Laufbahn fort, und lebt so höchst zufrieden und selig.

Nun komm, und laß uns zu noch größerm Jammer weiter hinunter steigen. Die Sterne neigen sich schon wieder zum Untergange, welche in die Höhe stiegen, da ich hieher aufbrach. Und allzulange hier zu bleiben ist auch verboten.

Wir giengen gerade durch den Kreis nach dem andern Ufer zu, über eine siedende Qvelle, welche sich in und durch einen von ihr selbst entspringenden Graben ergießt. Das Wasser war mehr trübe als schwärzlich. Und wir kamen mit den grauen Wellen durch einen besondern Weg endlich hinunter, und in den fünften Kreis der Hölle hinein.

Dieser traurige Fluß machet, wenn er an die Grenzen dieser verfluchten düstern Gegenden hinabkömmt, daselbst ein großes sumpfigtes Gewässer, welches den Namen Styx führet.

Wie ich nun so ganz aufmerksam alles betrachtete, erblickte ich da in dem Pfuhle mit Koth befleckte Leute, die alle nackend waren und sehr ergrimmet aussahen. Diese zerschlugen sich nicht nur mit den Händen, sondern sie zerstießen sich auch mit den Köpfen, mit der Brust, und mit den Füßen, und zerfleischten sich überall mit den Zähnen. Mein Sohn, sagte da mein Lehrer, hier siehst du die Seelen derer, die sich vom Zorne dahin reissen lassen. So kannst du mir auch sicher und gewiß glauben, daß unter dem Wasser sich Leute befinden, die da seufzen und leiden, und die das Wasser hier aufwallend machen, wie du auch selbst siehst, daß es Kreise wirft. Sie stecken in dem Schlamme, und klagen und sprechen: In der heitern anmuthigen Luft, welche die Sonne erfreuet, waren wir finster und traurig, und verunreinigten sie durch unser menschenfeindlich [18] träges und faules Wesen. Und nun müssen wir uns hier, in dem stinkenden und faulen Sumpfe, noch darüber betrüben und quälen. Dieses Klagelied gurgeln sie gebrochen aus der Kehle heraus. Denn mit ganzen Worten können sie es nicht heraus bringen.

So giengen wir, in einem großen Bogen, auf dem trockenen Ufer bis auf die Mitte des kothigen Pfuhles herum, und hatten die Augen nur auf die Unseligen, die den Unflath so in sich schlurfen und schlucken mußten, gerichtet, bis wir endlich an einem Thurm hinkamen.

Anmerkungen

[16] Nichts ist in der Welt allgemeiner, lasterreicher und schädlicher, als die Verschwender und Geizhälse, die also billig das Hauptübel der ganzen Welt genennt werden können. Beide machen sich in der Ewigkeit marternde Vorwürfe über die Ursachen ihres Unglücks. Aber was hältst du? Aber was narrest du? so schreyen sie wider einander. Warum hieltst du, Geizhals, in der Zeit mit den Glücksgütern so lieblos, so unbehülflich, so unmenschlich an dich? Warum triebst du, Verschwender, mit den Glücksgütern so ein förmliches Narrenspiel? Und so rufet noch lebenden Menschen jene unvermeidliche Ewigkeit warnend zu: Lasset euch weder den Geiz unwürdiger Priester, noch die glänzenden Verschwendungen sinnlicher Großen bethören! Reisset, durch den Ueberfluß eures Vermögens, Unglückliche aus ihrem Elende, und machet sie glücklich! Helfet! Lebet zum Wohl der Menschen!

Genießt mit frohem Muth der Güter dieses Lebens!
Seyd liebreich, menschlich, helft, lebt keinen Tag vergebens!
So baut ihr euer Wohl, sonst aber wahrlich nicht.
Kurz, wollt ihr glücklich seyn, so lebt nach eurer Pflicht.
- Der Übers.

[17] Du wünschest dir mit Angst ein Glück
Und klagst, daß dir noch keins erschienen.
Klag nicht, es kömmt gewiß ein günstger Augenblick;
Allein bitt um Verstand, dich seiner zu bedienen:
Denn dieses ist das größte Glück.
- Gellert.

[18] Hochmuth unter Unwissenden von Adel und unter gelehrten Thoren erzeuget oft in ihren unmenschlichen Herzen einen heimlichen Groll wider verdienstvolle, nützliche und wahre Menschen, der sie von der Erfüllung ihrer Pflichten abhält, und nach und nach in eine menschenfeindliche Trägheit versenkt. Aus Stolz vernachläßigen sich Edle von Geburt zu menschlichen Mißgeburten. Aus Stolz studiren und streiten sich Gelehrte zu Unmenschen. Aus Stolz phantasiren beide sich menschenfeindlich, pflichtlos, nichtwürdig, unglücklich.

Ists möglich, daß du dich des Adels wegen brüstest,
Den du durch dein Verdienst nie zu erwerben wüstest?
Dich bläht die Wissenschaft: bist du allein gelehrt?
Bedenke, daß in dir man keinen Leibnitz ehrt,
Auch keinen Bayle sieht.
-Lichtwer.

Wie glücklich, wie verehrungswürdig sind nicht die von Adel, und die Gelehrten, die, freudig über ihre Vorzüge, zum Wohl der Menschen, auch vorzüglich edel, gelehrt und tugendhaft handeln! Nur der weise und gütige Menschenfreund ist ein wirklicher von Adel, und ein ächter Gelehrter.


Gesang 08

Dante steigt mit seinem Führer in das Schiff des Phlegyas hinein, und trifft, im Ueberfahren über den sumpfigten Styx, den Philip Argenti da an, dessen schrecklichen Plage er mit ansieht. Endlich kommen sie an die Plutonische Stadt, wo sie hinein gehen wollen, aber eine große Menge Teufel finden, die dem Virgilius das Thor vor seinem Angesichte zuschließen.

Ich habe nur abgebrochen, und will nun wieder fortfahren. Noch eine geraume Zeit zuvor, ehe wir an den hohen Thurm kamen, giengen schon unsere Augen hinauf in die Höhe, nach den zwo kleinen Flammen, die wir ganz oben erblickten. Und noch so eine andre zeigte sich von weitem, doch so entfernt, daß man sie kaum mit den Augen erreichen konnte. Da wandte ich mich ganz gegen das Meer zu, und sagte: Was ist das hier für ein Feuer? - Und dort zeigt sich noch so eins gegenüber! - Wer mögen die seyn, die es machen? - Da kannst du, sagte er zu mir, da auf den kothigen Wellen kannst du nun schon merken, was wir zu erwarten haben, du müßtest es denn vor Dunst des Sumpfes nicht erkennen können.

Noch ist wohl auf der Welt kein Pfeil, von einem Bogen abgeschossen, so schnell ab und durch die Luft geflogen, so schnell ich ein kleines Schiff mit einem einzigen Ruderknechte auf uns zu kommen sahe, 58 welcher schrie: Nun, du zornige und rachgierige Seele, bist du da? Phlegyas, Phlegyas, sagte mein Herr, du schreyst dießmal vergebens. Du sollst uns nicht länger behalten, als bis wir über den Pfuhl sind.

So wie einer da steht, der einen großen Betrug anhört, den man ihm gespielt hat, und sich hernach unwillig und unmuthig darüber geberdet - eben so bezeigte sich Phlegyas mitten in seinem Grimme.

Mein Führer stieg also ins Schiff, und ließ mich hernach auch zu sich hinein steigen. Und nun, als ich drinnen war, schien es erst seine Ladung zu haben. So bald wir alle beide in dem Fahrzeuge waren, gieng das alte Seelenschiff tiefer in Wasser, als es sonst mit andern zu thun pflegt. Als wir nun den todten See so durchfuhren, stellte sich einer ganz voll Koth vor mir hin, und sagte: Wer bist du, daß du itzund sehen kömmst? Wenn ich gleich komme, war meine Antwort, so bleibe ich deswegen nicht da. Aber wer bist du, daß du dich so garstig zugerichtet hast? Siehst du nicht, versetzte er, daß ich ein Unglückseliger bin, der klagt und weinet? Da sagte ich: Mit allem deinen Klagen und Heulen, verdammter Geist, bleib mir zurück. Den ich kenne dich, ob du gleich durchaus kothig bist. Hierauf streckte er seine beiden Hände nach dem Schiffe aus. Allein mein vorsichtiger Führer stieß ihn zurück und sagte: Weg hier, und dort bey die andern Hunde mit dir hin! Alsdann schlung er mir seine Arme um den Hals, küßte mir das Angesicht, und sagte: Du tugendhaft zürnende Seele, o! gesegnet sey die, die dich gebohren hat! Das war in der Welt ein hochmüthiger Mensch. Güte bezeichnet sein Andenken nicht. Darum ist hier sein Schatten so wütend. 59 Und o! wie viele halten sich noch itzt dort oben für große Könige, die sich hernach allhier wie Säue im Kothe herum wälzen, und dort, und hier zum Gräuel und Abscheu werden müssen! - Mein Lehrer, sagte ich hier, das möchte ich doch noch gerne sehen, ehe wir aus diesem Pfuhle heraus kommen, wie er in diesen morastigen Sumpf hinein und hinunter stürzt. Ja, sagte er, noch ehe das Ufer deinen Augen sich zeigt, wirst du völlig befriedigt seyn. Ein solches Verlangen muß dir billig noch gestillet werden. Kurz hierauf sahe ich ihn unter den Scheusalen daselbst dermaßen plagen und martern, daß ich Gott noch dafür preise, und dafür danke. Alle schrien: Da ist Philipp Argenti 019, so, daß der Florentinische tolle Geist wider sich selbst ergrimmte, und sich mit seinen eigenen Zähnen zerbiß. Hier ließen wir ihn und darum will ich nichts mehr von ihm sagen.

Allein plötzlich drang ein Klaggeschrey in meine Ohren, daß ich die Augen, mit denen ich so vor mich 60 hinsahe, weit aufthat, und daß deswegen mein Lehrer zu mir sagte: Nun mein Sohn, nun nähern wir uns der Stadt des Pluto, wo wir die großen Schaaren von ihren ansehnlichen Bürgern sehen werden. O! mein Lehrer, erwiederte ich, gewiß ich sehe schon ihre Tempel dort unten in dem Thale. Sie sind ganz roth, als wenn sie erst aus dem Feuer kämen. Die ewigen Flammen, versetzte er, die sie darinnen anfeuren, machen, daß sie roth scheinen, so wie du in dieser untern Hölle siehest. Alsdann kamen wir hinein in die tiefen Gruben, die dieses trostlose Gebiete umgrenzen. Die Mauren schienen mir von Eisen zu seyn. Nicht ohne erst ziemlich herum zu fahren, kamen wir endlich an einen Ort, wo unser grimmiger Schiffer uns zuschrie: Steigt aus, das ist der Eingang hier!

Auf einmal waren mehr als tausend von den aus dem Himmel in diesen Abgrund herabgestürzten Geistern an und vor den Thoren, und schrien alle wie rasend: Wer ist der, daß er ohne Tod durchs Reich des Todten will? Sofort gab ihnen mein weiser Lehrer ein Zeichen, daß er insgeheim mit ihnen sprechen wolle. Hierauf ließen sie doch ihren schrecklichen Unwillen und Zorn nicht so heftig mehr aus, wiewohl sie sagten: Komm du allein, und der kann gehen, der Verwegene, der so tollkühn in dieses Reich hereintritt. Er soll allein die gefährliche Straße wieder zurück. Denn du, du - hast ihn die finstern Gegenden durchgeführet; nun sollst du aber hier bleiben.

Was denkst du, o! mein Leser, mußte ich nicht den Muth verlieren, da ich diese verdammten Reden 61 hörete? Denn das glaubte ich nimmermehr, wieder zurück zu kommen.

O! mein Führer, nein, o! mein Vater, sagte ich da, du hast mir nun schon so oft und vielmals Sicherheit und Hülfe verschafft, und mich aus so großen und augenscheinlichen Gefahren herausgerissen. Laß mich, ich bitte dich, doch nicht so umkommen, und so zu Schanden werden! Und ist es uns, weiter zu gehen, nicht erlaubt, o! so komm, und laß uns mit einander lieber gleich wieder auf unsere Fußtapfen um und zurück kehren.

Hierauf sagte der Herr, der mich dahin gebracht hatte, zu mir: Fürchte dich nicht. Es kann uns niemand unsern Gang wehren. Es ist eine höhere Macht, die ihn befiehlt. Aber, hier erwarte mich wieder, und fasse dir ein Herz und sey guter Hoffnung. Ich lasse dich nicht in dieser Unterwelt.

So geht er fort, - und verläßt mich hier, - der liebreiche Vater! - und ich bleibe zweifelhaft zurück; - denn Ja und Nein stritten doch in meinem Gedanken. - Hören konnte ichs nicht, was er ihnen sagte. Aber lange blieb er da nicht bey ihnen stehen. Denn sie liefen alle, wie um die Wette, wieder hinein. Ja, sie, unsre Widersacher, schlossen meinem Herrn die Thoren vor seinem Angesichte zu, daß er draußen stehen blieb.

Mit ganz langsamen Schritten, mit zur Erde gekehrten Augen, und mit ganz niedergeshlagenen demüthigen Blicken kehrte er wieder zu mir zurück, und schien so für sich die Frage zu seufzen: Wer hat mir aber die traurigen Wohnungen versagt? - Und zu mir sagte er: Werde du nicht zaghaft, daß ich mich 62 entrüste. Denn ich setze es durch, es mag sich drinnen auch zur Wehre stellen, wer da nur will. Dieser ihr Uebermuth ist nichts Neues. Sie haben es schon bey einem andern, und weniger geheimen Thore auch so 020 gemacht. Dieses ist bis itzund noch unverschlossen. Es ist das, wo du über demselben die todtenfärbigen Worte sahest. Und schon von da fällt die bergigte Straße ab, und geht nach den Kreisen, die wir ohne Geleite durchwandert haben. Und also wird eine andre Macht die Thore zu diesem Kreise gewiß öffnen.

Anmerkungen

[19] Dieser war ein Vornehmer und Reicher von Adel, aber ein ehrgeiziger und zorniger Mensch, der die unmenschliche Gewohnheit hatte, über die geringsten Kleinigkeiten äuserst aufgebracht zu rasen, und in pöbelhaften Flüchen und Niederträchtigkeiten sich schändlich herauszulassen.

Du, Basilisken Brut,
O Zorn! der Menschheit Schmach, was wehret deiner Wut?
Fleuch diesen Drachen, Mensch! der Ehr im Munde führet,
Und Reue, Henkerschwert, Verzweiflung oft gebieret.
- Lichtwer.

[20] Nach der Meynung einiger Ausleger, soll Lucifer mit seiner ganzen Höllenmacht sich hier an diesem Thore der siegreichen und triumphirenden Höllenfahrt Christi, wiewohl vergebens und zu ihrer ewigen Schande und Ueberwindung, vermessen widersetzt haben, weswegen es auch zum immerwährenden Andenken ewig unverschlossen bleibt.


Gesang 09

Dante sieht die drey höllischen Furien, und beschreibt hernach die Ankunft eines Engels zu ihrer Hülfe, der das Thor der Stadt des Pluto öffnet, welche den sechsten Kreis der Hölle ausmacht. Hier gehen sie hinein, und sehen das ganze Erdreich voll von feurigen Gräbern, aus denen die Ketzer jammernd und wehklagend sich hören lassen.

Die Gesichtsveränderung meines Führers, als ich ihn wieder zu mir kommen sah, und die mir äuserlich Zaghaftigkeit zu seyn schien, suchte er vielmehr durch eine aufs neue angenommene Mine zu verbergen. Ganz aufmerksam stellte er sich hin, wie ein Mensch, der auf etwas hört. Denn das Auge konnte ihn durch die düstre Luft, und durch den dicken Nebel nicht weit führen. So müssen wir, fing er endlich an, doch den Streit ausmachen sollen, - wo nicht, so zeigte sich Jemand. - Oder wenn er nur bald käme! - Ich merkte wohl, so wie er die ersten Worte mit den folgenden nur bemäntelte, daß es Reden waren, die mit einander nicht wohl übereinstimmten. Aber um desto mehr Furcht flößte mir sein Reden ein, weil ich einige verstümmelte Worte so herausnahm, die ich vielleicht schlimmer auslegte, als er sie meynte.

In den Abgrund dieser traurigen Kluft steigt wohl sonst niemand von denen aus dem ersten Kreise herunter, deren Strafe nur blos in einer abgeschnittenen Hoffnung bestehet? Diese Frage that ich, und er antwortete: Selten geschieht es, daß einer von uns diesen Weg thut, den ich gehe. Doch bin ich schon einmal, wiewohl von der grausamen Eriton, [21] welche die Schatten zu ihren Leibern aufforderte, hier herunter beschworen worden. Mein Fleisch hatte mich kurz zuvor verlohren. Da ließ sie mich in die Mauer hinein, wo ich aus dem Kreise des Judas einen Geist herausnehmen sollte. Das ist der unterste, der dunkelste und vom Himmel entfernteste Ort. Den Weg weiß ich wohl. Darum laß dich unbekümmert. Dieser Sumpf, der den entsetzlichen Gestank ausdünstet, umgiebt die Stadt der Quaal rings herum, wo wir nunmehro ohne Aergerniß und Verdruß nicht hinein können.

Er sagte noch mehr, das ich aber aus der Acht gelassen habe. Denn meine Augen hatte mich ganz nach dem hohen Thurme hinauf gezogen, wo er oben wie völlig glühete. Und da auf einmal sah ich drey höllische Furien plötzlich aufgerichtet, die durchaus blutig waren. Sie hatten weibliche Gestalten, und Geberden, waren mit den grünsten Wasserschlangen umschlungen, und kleine, und gehörnte Schlangen umwunden, statt der Haare, ihre wilden Schläfe. Hier sagte mein Lehrer, der die elenden Sklavinnen der Königinn des ewigen Elendes wohl kannte, siehe, sagte er, das sind die Erynnen, die unbändigen Furien. Die zur Linken hier ist Megära. Die dort zur Rechten weinet, ist Alecto. Und Tisiphone ist die in der Mitte. Darauf schwieg er ganz stille. Mit den Nägeln zerriß sich eine jede die Brust. Sie schlugen sich mit flacher Hand, und schrieen so in die Höhe hinaus, daß es mir verdächtig vorkam, und ich mich aus Furcht an meinen Führer dicht hinan drängte. Sie sahen scharf herunter, und schrieen alle: Komm, [22] Medusa, wir wollen ihn in Stein verwandeln. Schlimm gnug, daß wir den Anfall des Theseus nicht gehörig rächten.

Kehre dich um, und halt das Gesicht zu. Denn wenn der Gorgon sich zeigt, und du ihn sähest, so kämest du nimmermehr wieder zurück, und hinauf. So sagte mein Lehrer. Ja, er selbst kehrte mich um, und ließ es nicht blos bey meinen Händen bewenden, sondern umschloß sie mir noch mit den seinigen.

O! wer Verstand hat, der merke auf die [23] Lehre, welche der seltsame Schleier dieser Erzählung verbirgt!

Und schon kam oben über die trüben Wellen ein so entsetzliches Getöse hergeprasselt, daß alle beide Ufer davon erbebten. So tobt fast die Wut eines Sturmwindes, der, wann zuweilen eine recht brennende Sommerhitze ist, sich plötzlich erhebt, unaufhaltsam auf einen Wald stößt, Bäume zerreißt, Laub und Zweige mit sich fortführt, und, mit stolzer Macht in ganzen Wolken von Staube daher brausend, Wild und Hirten und Heerden schrecklich in die Flucht jagt. Itzt ließ er mir die Augen wieder frey, und sagte: Nun siehe nur recht hin auf den alten Schaum, da, wo der Rauch am schärfsten ist.

So, wie die Frösche vor ihrer Feindinn, der Schlange, sich alle durch das Wasser fortschleichen, bis sie ein jeder auf dem Erdreiche sich an und auf einander hinschichten, - so sahe ich vor Einem, der trockenes Fußes über den Styx daher geschritten kam, mehr, als tausend verstörte Seelen ängstlich die Flucht nehmen. Er entfernte die dicke Luft von seinem Angesichte, indem er mit der linken Hand oft vor sich her arbeitete, und schien blos von einiger Aengstlichkeit müde zu seyn. Ich merkte wohl, daß er vom Himmel gesandt war, und wandte mich zu meinem Lehrer, der mir ein Zeichen gab, daß ich stille seyn, und mich vor ihm neigen sollte. O! wie ungehalten schien er mir nicht! Er kam ans Thor, und öffnete es mit einer kleinen Ruthe, ohne daß er den geringsten Widerstand da fand.

O! ihr vom Himmel Verbannten, du verächtliches, du muthwilliges Volk, fing er gleich auf der schrecklichen Schwelle an, was für ein vermessener Stolz und Uebermuth ficht euch an? Warum schlagt ihr, gleich unbändigen Pferden, wider den Willen desjenigen so aus, dem ihr doch in alle Ewigkeit nichts anhaben werdet, und der euch schon so oft eure Quaalen vermehret hat? Was hilft es euch, daß ihr so vergebens wider das Verhängniß tobet? Euer Cerberus, denkt ihr nicht mehr dran? - trägt noch das [24] Kinn und die Kehle zerrupft davon.

Hierauf kehrte er die unreine Straße wider um, und redete kein Wort mit uns, sondern that, wie ein Mensch, den andere Sorgen dringen und beschäfftigen, als daß er sich mit dem, was vor ihm ist, aufhalten sollte. Und auf diese heiligen Reden traten wir nun sicher und getrost nach dem Kreise zu, und giengen ohne den geringsten Streit hinein.

Ich hatte ein besonderes Verlangen, die innere Beschaffenheit so einer Festung zu sehen. So bald ich also hinein war, schickte ich das Auge überall herum, und sahe auf allen Seiten große Felder voll von Jammer und schrecklichen Plagen.

So, wie bey Arles, wo die Rhone einen See macht, und so, wie bey Pola an dem Meere, das Italien scheidet, und seine Grenzen wässert, die Gräber das ganze Erdreich ungleich machen - eben so machen es hier überall auch diese, nur daß die Art und Weise hier weit schmerzlicher ist. Denn die Gräber waren mit feurigen Flammen abgetheilt, welche dieselben so glühend machten, als alle Kunst an dem Eisen nicht heftiger zu thun vermag. Alle ihre Decken schwebten nur über ihnen, und es stiegen so harte Klagen heraus, daß sie wohl von sehr elenden und aufgebrachten Kreaturen herkommen mußten. Da sagte ich: Mein Lehrer, was sind das für Leute, die darinnen begraben liegen, und aus den engen Behältnissen sich durch so klägliche und jammervolle Seufzer hören lassen?

Hier sind, antwortete er mir, die Oberhäupter der Ketzereyen, [25] mit ihren Anhängern von allen Sekten, und die Gräber sind damit weit zahlreicher angefüllt, als du wohl glaubest. Gleich und gleich liegt hier begraben, und die Gräber sind immer eines heisser, als das andere.

Hierauf wandte er sich nach der rechten Hand zu, und wir giengen zwischen den Marterplätzen und den hohen hervorragenden Mauergängen hindurch.

Anmerkungen

[21] Eriton war eine berühmte Zauberinn aus Thessalien, die vom Sextus Pompejus befragt wurde, was für einen Ausgang der bürgerliche Krieg zwischen seinem Vater, Pompejus, dem Großen, und dem Cäsar haben würde.

[22] Der Gorgon ist das Haupt der schönen Medusa, das einen jeden, der es ansahe, in Stein verwandelte.Theseus, der tapfre königliche Prinz von Athen, wollte die Königinn der Hölle, die Proserpine, rauben, ward aber in der Hölle gefangen, und mit Ketten gefesselt, bis ihn Herkules wieder erlöste.

[23] Sind nicht die aufgebrachten Leidenschaften der Menschen unbändige Furien, die nur martern, und ein blos sinnliches Geschrey machen? O! wer Verstand hat, der schränke seine sinnlichen Empfindungen auf ihren rechten Gebrauch gehörig ein! Er empfinde sich an Schönheiten der Natur und der Kunst ein fühlendes Vergnügen. Er schmecke den Genuss der Annehmlichkeiten. Das ist so gar seine Pflicht. Nur der Misbrauch bringt die Leidenschaften auf, und das Geblüte wie in eine Gährung, die plötzlich in ein brausendes Getöse ausbricht, wovon Leib und Seele gleichsam erbeben. Dieser Ausbruch und Sturm gemisbrauchter Empfindungen macht oft den Widerstand der besten Kräfte und Mittel unkräftig. Halte also durch Vernunft und Religion, durch einen tugendhaften Freund, durch unverzügliche Beschäfftigung mit andern Gegenständen, durch die ernste Stimme des Gewissens, durch die Betrachtung der nachtheiligen Folgen, dadurch halte das Gesicht zu, das ist, eile sofort ohne alles Bedenken von dem Gegenstande unruhiger und verdächtiger Empfindungen unverzüglich fort, und bediene dich zu gleicher Zeit des gedachten Gegengifts. Dieß sind die beiden einzigen und bewährtesten Hülfsmittel. Dann öffne die Augen, so wirst du die unreinen Begierden wie Frösche davon schleichen, und ihren alten Schaum, und scharfen Rauch sehen und empfinden. Und dann wird die Religion den dicken Nebel der Sinnlichkeiten von dem Angesichte deiner Vernunft entfernen. Sey stille, neige dich vor ihr, als deinem mächtigen Erretter. Verehre ihren gerechten Unwillen, und ihre heiligen Reden wider den Übermuth deiner Affecten, verlaß die unreine Straße aufrührischer Leidenschaften, halt dich nicht bey den kurzen Eitelkeiten dieses Lebens auf, sondern beschäfftige dich vorzüglich mit der Ewigkeit für deine unsterbliche Seele.

Und so an Unschuld reich, und sicher im Gewissen,
Triffst du viel Freuden an, wo Tausend sie vermissen.
-Gellert.

[24] Von der Kette, die ihm Herkules, der, den Theseus zu erlösen, in die Hölle gieng, um den Hals warf, und woran er ihn auf der Erde fortschleppte, als er sich ihm, oder vielmehr dem Verhängnisse, widersetzte.

[25] Allein, wie viele reinchristlich denkende, lehrende und lebende Menschen werden nur allzu oft, selbst von so genannten großen Geistlichen, aus ungeistlichem Eifer, für Ketzer ausgeschrien, gehasset und verfolget? Dergleichen Unchristen sind eigentlich Ketzermacher, d.i. blinde Eiferer, lieblose Menschen, gelehrte Grillenfänger und Wortstreiter, zänkische Religionsschänder, unmenschliche Stifter der gefährlichsten Uneinigkeiten, und blutigsten Kriege. O! Menschen, o! Geistliche von allen Religionen, die ihr, schimpfend, verdammend, verfolgend, der Menschenliebe und Gerechtigkeit unverantwortlich entsaget, o! schämet euch, und höret einmal auf, solche Unmenschen, solche Religionsungeheuer zu seyn!

O Kinder eines Bluts, und eines Ursprungs Seelen!
Gott schuf euch, Menschen! nicht, einander hier zu quälen;
Hört, Bürger der Natur! den Inhalt aller Pflicht:
Lernt die Gerechtigkeit, vergesset Gottes nicht.
- Lichtwer.


Gesang 10

Dante folgt seinem treuen Führer durch die Höllenstadt, sieht den Farinata der Uberti, mit dem er sich unterredet, und der ihm vorherverkündiget, daß er aus seinem Vaterlande werde verbannet werden. Hierauf kehret er wieder zum Virgilius zurück, und setzt seine Reise weiter mit ihm fort.

Nun giengen wir durch einen geheimen schmalen Weg, zwischen der Mauer des Orts und den Marterplätzen, mein Lehrer voran, und ich dicht hinter ihm, fort. O! du großer Geist, fieng ich an, du führest mich nun, wie es dir gefällt, durch die Kreise der Gottlosen so herum, o rede mit mir, und stille mir auch mein sehnliches Verlangen: Kann man das Volk, so in den Gräbern hier liegt, nicht sehen? Schon sind die Grabsteine alle aufgehaben, und ist auch keine Wache dabey. Aber dann werden sie, antwortete er mir, alle zugeschlossen werden, wann ihre Seelen aus dem Thale Josaphat, mit ihren Leibern, die sie dort oben gelassen haben, vereiniget, wieder hieher kommen werden. Epicurus und alle seine Anhänger, welche die Seele mit dem Leibe für sterblich halten, haben auf dieser Seite ihren Begräbnißplatz. Du wirst also in Ansehung sowohl der Frage, die du an mich gethan, als auch des Verlangens, das du mir verschweigst, [26] hier bald befriediget werden. Gütiger Führer, sagte ich, ich halte mein Herz keineswegs vor dir verborgen, außer daß ich nur wenig rede, und du hast mich nicht iztund erst hierzu geschickt gemacht.

O! Toskaner, der du noch lebend durch die brennende Stadt hindurch gehest, und so anständig redest, verziehe doch ein wenig an diesem Orte! Deine Sprache verräth dich, daß du aus jenem edlen Vaterlande gebürtig bist, dem ich vielleicht zu überlästig gewesen bin. - Diese Rede schallte plötzlich aus einem von den Gräbern hervor. Vor Furcht machte ich mich etwas näher zu meinem Führer hin. Allein er sagte zu mir: Kehre dich um, was machst du? Farinata [27] ists, der sich aufgerichtet hat. Von der Feldbinde an bis an das Haupt wirst du ihn ganz sehen. Schon war mein Gesicht auf das seinige gleichsam wie geheftet. Er richtete sich mit der Brust und mit dem Gesichte in die Höhe, als hielte er die Hölle für sehr verächtlich. Und die lebhaften und fertigen Hände meines Führers trieben mich zwischen den Gräbern, und blos mit den Worten zu ihm hin: Rede bedachtsam.

So bald ich unten an seinem Grabe war, sahe er mich ein wenig an, und hierauf fragte er mich, wie ganz ungehalten: Wer waren deine Vorfahren? - Ich, vor Verlangen zu gehorchen, verschwieg ihm nichts, sondern offenbarte ihm alles. Deswegen drehete er die Augen ein wenig in die Höhe, und sagte alsdenn: Sie waren mir, meinen Vorfahren und meiner Partey, grausam waren sie uns abgeneigt, so, daß ich sie zu zweyen Malen zerstreuete. - Wenn sie auch, antwortete ich ihm, verjagt wurden, so kamen sie das eine und das andere Mal doch von allen Seiten wieder. Allein die Eurigen hatten diese Kunst nicht sonderlich gelernet.

Hierauf kam ein Schatten [28] neben diesem mit völligem Gesichte bis ans Kinn zum Vorschein. Ich glaube, daß er sich kniend aufgerichtet hatte. Er sahe rings um mich herum, als wollte er sehen, ob jemand bey mir wäre. Allein, da seine Muthmaßung völlig verschwand, so weinte er und sagte: Wenn du aus Größe des Geistes diese verborgenen Gefängnisse durchwandelst, wo ist mein Sohn, und warum ist er nicht bey dir? Von mir selbst, antwortete ich, komme ich nicht hieher. Der, welcher dort wartet, führet mich hierdurch, und gegen den hatte vielleicht euer Guido [29] keine sonderliche Achtung. Denn seine Worte, und die Art der Strafe sagten mir so gleich seinen Namen, und darum war meine Antwort so vollständig. Plötzlich richtete er sich auf und schrie: Wie sagtest du, er hatte? - so lebt er nicht mehr? - so genießen seine Augen das erquickende Weltlicht nicht mehr? - Und da es sich fügte, daß ich mit der Antwort ein wenig verzog, so fiel er hinter sich zurück, und kam nicht wieder zum Vorschein.

Allein der andere heldenmüthige Geist, um dessentwillen ich da geblieben war, veränderte sein Gesicht im geringsten nicht, machte auch weder mit dem Halse, noch mit dem Leibe die mindeste Bewegung und Beugung. Und daß sie, sagte er, indem er auf die vorige Rede zu antworten fortfuhr, daß sie jene Kunst übel verstanden, das, das quält mich itzt mehr, als dieses traurige Bette. Allein nicht funfzigmal [30] mehr wird das Angesicht der Regentinn, die hier herrschet, von neuem entflammt erscheinen, so wirst du erfahren, was für empfindliche Schmerzen diese schwere Kunst verursache. Und im Fall du itzt auf jener angenehmen Welt regierest, so sage mir nur, warum das Volk in jedwedem seiner Gesetze so hart wider die Meinigen verfährt. Die Niederlage, antwortete ich ihm hierauf, und das grausame Verfahren, die Arbien so blutig färbten, die verursachen dergleichen Reden in unserm Tempel. Hier seufzte er, schüttelte den Kopf, und sagte: Hierzu ward nicht ich allein, auch wäre ich gewiß ohne Ursache mit den andern nicht so weit gebracht worden. Dort aber, wo [31] sichs ein jeder gefallen ließ, Florenz von Grund aus zu zerstören, da war ich allein der, welcher es frey und öffentlich rettete. - O! dafür müsse, sagte ich, deine Nachkommenschaft des Friedens genießen. - Itzt bitte ich dich, löse mir doch den Zweifel auf, der mich hier in meiner Meynung ganz irre gemacht hat. Es scheint, wo ich anders recht gehört habe, daß ihr das vor euch sehet, was erst mit der Zeit erfolgen soll, und daß, in Ansehung des Gegenwärtigen, es sich ganz anders mit euch verhalte.

Wir sehen, sagte er, wie einer, der kein scharfes Gesicht hat, die Sachen nur in ihrer Entfernung; so großmüthig scheinet uns noch die höchste Vorsehung! Denn wann sie sich nähern, oder da sind, so ist unser Verstand an Erkenntniß ganz verlegen; und wenn andere uns nichts hinterbrächten, so wüßten wir von euren menschlichen Umständen gar nichts. Also kannst du leicht begreifen, daß unsre Erkenntniß von dem Augenblicke an ganz erstirbt, so bald die Thüre des Zukünftigen verschlossen wird. Hierauf sagte ich, wie von meiner eigenen Schuld beschämt: O! so benachrichtiget doch jenen Gefallenen, daß sein Sohn noch unter den Lebendigen sich befindet, und daß ich deswegen vorher zur Antwort stumm war, weil ich schon nach dem Irrthume urtheilte, den ihr mir nun benommen habet.

Und schon rief mich mein Lehrer wieder zurück. Um desto inständiger bat ich also den Geist, daß er mir sagen möchte, wer sich mehr bey ihm befände. Hier liege ich, sagte er, mit mehr, als tausend andern. Unter diesen ist der andre [32] Friedrich, und der Cardinal, und die übrigen will ich nicht nennen. Hierauf verbarg er sich. Und ich kehrte wieder zu dem alten Dichter zurück, und überdachte die Reden, die mir feindselig vorkamen.

Sofort machte er sich auf. Und hernach, so im Gehen, sagte er zu mir: Warum bist du so verstört? worauf ich ihm sein Verlangen befriedigte. Behalte alles wohl, was du wider dich gehöret hast, befahl mir der Weise, und itzt gieb hier Achtung, und wies mit dem Finger in die Höhe. Wenn du dort vor dem erquickende Glanze derjenigen befinden wirst, deren vollkommenes Auge alles sieht, da, von der wirst du die dir noch übrige Reise deines Lebens erfahren. Hierauf wandte er sich nach der linken Hand. Wir verließen die Mauer, und giengen gegen die Mitte zu auf einem Fußsteige, der an ein Thal streifet, das bis ganz oben hinauf seinen übeln Geruch verbreitete.

Anmerkungen

[26] Dante wollte gerne die Personen sehen, die er hernach sahe, weil er wußte, daß es Epicuräer gewesen waren.

[27] Farinata war Feldherr der Gibellinen in der Arbischen Schlacht, wo die Welfen eine grausame und gänzliche Niederlage erlitten. Und Dante war ein Welfe.

[28] Dieser Schatten war Cavalcante Cavalcanti, eines von den Häuptern der Welfen.

[29] Guido war ein großer Philosoph, aber kein sonderlicher Freund der Poesie.

[30] Nicht funfzig Monate werden völlig verfließen, oder, nicht funfzigmal mehr wollen wir vollen Mondschein haben; denn Proserpine, die Königinn der Hölle, wird im Himmel der Mond genennet. Denn wirst du also ins Elend verjagt werden, und auch erfahren, wie schwer es halte, wieder in sein Vaterland zurückzukehren, und was das für ein unglückseliger Zustand sey, so entfernt, und zwischen Furcht und Hoffnung, und fremder Gnade zu leben.

[31] Diese Zerstörung ward von einem General in Vorschlag gebracht, von allen Gibellinen, theils aus Niederträchtigkeit, theils aus Rache gebilliget, und von dem einzigen Farinata edelmüthig hintertrieben.

[32] Friedrich, der andre, Römischer Kaiser, ein Vertheidiger der Gibellinen, den Pabst Gregor, der neunte, in Bann that, und mit dem Thiere voll Lästerung aus der Offenbarung verglich, wofür Friedrich Gregoren den Antichrist nennte, und in Campanien einige Anverwandten des Pabsts aufhängen ließ. Der Cardinal war Octavian Ubaldini, ein Feind des Päbstlichen Ansehens, und so sehr ein Freund der Gibellinen, daß er einmal sagte: wenn Seelen wären, so habe er die seinige für die Gibellinen verloren. Denn er war auch ein Epicuräer.


Gesang 11

Die Dichter kommen an das Ufer des siebenten Kreises, müssen aber, wegen des daraus aufsteigenden übeln Geruchs, daselbst anhalten. Virgilius unterhält indessen den Dante mit der Beschreibung der drey folgenden Kreise, und der Sünder, die darinnen gestraft werden. Hiernächst sagt er ihm, warum er gewisse Verdammten nicht in der Höllenstadt sehe, und wie der Wucher Gott beleidige. Endlich bey Annäherung der Morgenröthe setzen sie ihre Reise fort.

Von dem äußersten Rande eines hohen Ufers, das von großen zerbrochenen Steinen rund herum wie aufgebauet war, kamen wir auf einen noch grausamern Verhack. Und hier begaben wir uns, wegen des entsetzlich übermäßigen Gestanks, den der tiefe Abgrund herausstoßt, hinter einen Leichenstein von einem großen Grabmaale, wo ich diese Grabschrift fand: "Hier liegt Pabst Anastasius, den Photin [33] von dem rechten Wege abzog". - Wir werden langsam hinab steigen müssen, so, daß sich erst die Empfindung an den abscheulichen Geruch in etwas gewöhne, und hernach hat es nichts zu bedeuten. So sprach mein Lehrer, und ich sagte: Wer die Zeit nicht vergebens zubringt, findet allemal einige Vergütung des Verzugs. Siehe nur, erwiederte er, eben das ists, worauf ich denke.

Mein Sohn, so fieng er hernach an, zu reden, unter diesen Steinen hier sind drey kleine, und nach Graden wieder abgetheilte Kreise, wie jene, die du zurück gelassen hast. Alle sind voll von verdammten Geistern. Allein, damit du hernach diese Kreise nur zu sehen brauchst, so höre itzund, wie, und warum sie so zusammen gezogen sind.

Von allen Bosheiten, die der Himmel hasset, ist allemal eine unrechtmäßige Verletzung der Endzweck. - Und dieser Endzweck betrübet allemal den Nächsten entweder mit Gewalt, oder mit Betrug. Doch weil der Betrug ein den Menschen ganz eigenes Laster ist, so mißfällt solcher Gott um desto mehr, und darum liegen die Betrüger ganz zu unterst, und es peiniget sie auch eine größere Quaal.

Der ganz erste Oberkreis ist für die Gewaltthätigen.

Allein, da man dreyen Personen Gewalt zu thun pflegt, so ist dieser erste Kreis wieder in drey besondere Unterkreise abgetheilt und abgefasset. Gott, Sich und dem Nächsten kann man, und zwar so wohl an und vor sich, als auch an ihren Sachen, Gewalt thun, wie du aus überzeugenden Gründen einsehen wirst.

Dem Nächsten kann man den Tod, und schmerzhafte Wunden, und an seinem Vermögen Verwüstung, Brand, Raub und Schaden gewaltsamer Weise verursachen. Daher werden in dem ersten Unterkreise alle Menschenmörder, ein jeder, der seinen Nächsten widerrechtlich schlägt, alle Verwüster und alle Räuber zu verschiedenen Schaaren gepeiniget.

So dann kann der Mensch an sich selbst, und an sein Geld und Gut gewaltsame Hand legen. Darum müssen in dem andern Unterkreise alle diejenigen ohne Nutzen es bereuen, die sich unsrer Welt berauben, ihr Vermögen schändlich verspielen, lüderlich durchbringen, und da trauren und weinen, wo sie fröhlich und vergnügt seyn sollten.

Endlich kann man auch der Gottheit Gewalt thun, wenn man sie in seinem Herzen leugnet und lästert, und die Natur und ihre Gütigkeit mißbrauchet und schändet. Und daher werden Sodom und Caorsa [34], und alle die, welche Gott schändlich entehren, und in ihrem Herzen wider ihn reden, in dem dritten Unterkreise eingeschlossen und gleichsam versiegelt.

Betrug, der das Gewissen allemal in Unruhe setzet, kann der Mensch theils an dem, der ihm träuet, theils aber auch an solchen verüben, die noch kein Zutrauen zu ihm gefaßt haben.

Diese letztere verkehrte Art scheint das Band der Liebe zu zerreissen, welches die Natur geknüpft hat. Mithin sind in dem andern Oberkreise alle Heuchler, Schmeichler und Zauberer, alle Verfälscher, Straßenräuber, Simonisten, Kuppler, Betrugspieler, und alles andre dergleichen Geschmeiß da zusammen eingenistet worden.

Bey der erstern Art hingegen vergißt man nicht nur die natürliche, sondern auch die noch dazu gekommene vertrauliche Liebe, worüber Treue und Glaube in der Welt noch besonders schreyen. Und deswegen werden in dem dritten und kleinsten Oberkreise, woselbst der Mittelpunkt der Welt ist, und gerade über welchen die Höllenstadt liegt, alle, die so verrätherisch betrügen, ewig dafür gepeiniget.

Mein Lehrer, sagte ich hier, du verfährst sehr vernünftig und deutlich in deinem Vortrage, und unterscheidest diese dunkeln Oerter, und das Volk, das sie im Besitz hat, sehr genau. Allein, sage mir: Warum werden jene Verdammten in dem unfläthigen Pfuhle, welche die stürmische Luft fortreißt, und welche der schwarze Regen züchtiget, und die sich einander mit so erbitterten Zungen anfallen, warum werden die nicht hier in der feurigen Stadt gestraft, wenn Gott zornig auf sie ist? Und ist er nicht zornig auf sie, warum werden sie auf jene Art gepeiniget?

Warum verirrt sich dein Witz so sehr, antwortete er mir, von seiner sonst gewöhnlichen Art? Oder wo sieht dein Gemüth etwa anders hin? Erinnerst du dich nicht jener Worte, mit denen deine Sittenlehre die drey Gemüthsbeschaffenheiten abhandelt, die der Himmel verabscheuet, die Unenthaltsamkeit, die Bosheit und die thierische Wildheit? und wie Unenthaltsamkeit Gott weniger beleidiget, und geringere Strafen nach sich zieht? Wenn du dieser Lehre gehörig nachdenkst, und dich wieder erinnerst, wer diejenigen sind, die dort oben, außerhalb der Höllenstadt, büßen müssen, so wirst du leicht einsehen, warum sie von diesen Bösewichtern abgesondert sind, und warum die göttliche Strafgerechtigkeit sie nicht so zornig schlägt.

O! du weiser Lehrer, versetzte ich, der du allein jedes aufgebrachtes Gesicht so heilsam wieder besänftigest, du vergnügest mich dermaßen, wenn du Zweifel auflösest, daß zweifeln mir nicht weniger angenehm ist, als wissen. Nur noch ein wenig gehe weiter zurück, wo du lehrtest, auch der Wucher beleidige die göttliche Güte, und dieß setze noch ferner aus einander.

Die Weltweisheit, sagte er, zeiget dem, der sie aufmerksam studirt, und nicht in einem Theile allein, daß die Natur von dem Verstande Gottes, und seiner göttlichen Weisheit ihren Ursprung und Fortgang nimmt. Und wenn du deine Naturlehre zu Rathe ziehst, so wirst du nach nicht vielem Blättern finden, daß eure Kunst der Natur, so viel als möglich, folgt, so, wie ein Lehrling nach seinem Lehrer sich bildet, daß mithin eure Kunst von Gott gleichsam eine Enkelinn ist. Von diesen beiden nun, wenn du dich nur der ersten Schöpfungsgeschichte erinnerst, gehöret sich also , daß die Menschen ihr Leben nehmen, und es sich und einer dem andern erhalten. Da aber der Wucherer einen ganz andern Weg hält, so schändet er und sein Anhang die Natur, weil sie auf etwas anders ihre Hoffnung setzen. [35] Allein nunmehr folge mir, weil ich Lust zu gehen habe. Denn [36] die Fische nähern sich schon dem Horizonte, und der Wagen am Himmel senkt sich schon ganz gegen die westliche Gegend herab. Und noch weit dorthin läßt sich der Felsen erst hinabsteigen.

Anmerkungen

[33] Photinus war Sirmischer Bischoff und ein Arianer.

[34] Caorsa ist eine kleine Stadt, die damals ein Sitz und Aufenthalt der Wucherer war.

[35] Die ganze Natur mit allen ihren Kräften, Wirkungen und Hervorbringungen hat ihr Daseyn, ihre Einrichtung und Fortdauer einzig und allein den weltnützlichsten Aeußerungen der göttlichen Verstandeskräfte und Neigungen ihres allmächtigen Schöpfers zu danken. Göttliche Beschäfftigung! erhabenstes Muster zur seligsten Nachahmung für Gott ähnliche Menschen! - Und dieser Vorgang des unendlichen Geistes sollte einen vernünftigen und zur Ewigkeit geschaffenen Menschen nicht zu einer naturmäßigen Aeusserung seiner Kräfte und Neigungen für das allgemeine Beste der Welt gleichgöttlich anreizen? - und von der niedrigsten Geldbegierde, dem Wucher, nicht unverzüglich und gänzlich zurückhalten? -

O Mensch! den Wucher flieh, der sich von Bluthe nähret,
Durch ungerechten Zins der Wittwen Gut verzehret,
Und den Unglücklichen, der sich zu helfen denkt,
Durch schändlichen Gewinnst in tiefern Schlamm versenkt.
Wie edel ist der Trieb. der Menschheit Schmuck auf Erden,
Urheber vieles Glücks, der Gottheit Bild zu werden!
- Lichtwer.

[36] Dieses ist eine Beschreibung der verschwindenden Nacht, und des sich nähernden Tages, und die Sprache derjenigen, die den gestirnten Himmel verstehen. So viel ich, will Virgil sagen, aus den am Horizonte befindlichen Gestirnen urtheile, so wird die Nacht bald verschwunden seyn, und die Morgenröthe im kurzen wieder hervorbrechen.


Gesang 12

Die Dichter kommen an einen eingestürzten Ort wo oben Minotaurus sich befand, und steigen in den siebenten Kreis hinunter, der wieder in drey besondere Kreise abgetheilt ist. Da sie sich dem Grunde nähern, finden sie die Centauren, und gehen mit einem derselben durch den ersten Unterkreis längst eines blutströmenden Flusses hindurch, in welchem die Bösewichter, die gewaltthätig wider das Leben und Vermögen ihres Nächsten gewütet haben, vor Qvaal überlaut schreyen.

Der Ort, wo wir das Ufer hinab zu steigen hinkamen, war grausam wild, und wegen des da befindlichen [37] Gegenstandes vollends so beschaffen, daß ein jedes Gesicht einen Abscheu davor haben mußte.

So wie jene Zerstörung aussieht, die auf der Seite disseits Trento durch ein Erdbeben, oder aus Baufälligkeit die Etsch erschütterte, daß oben von dem Gipfel des Berges, wo er sich senkte, bis auf das flache Erdreich der Felsen so eingestürzt da liegt, daß er einem, der oben sich befände, nicht die mindeste Spur eines Weges herunter zeigen würde - eben so sahe die steile Straße aus, die wir hinunter steigen mußten. Und oben auf der Höhe des zerrütteten Ufers war jene [38] Schandgeburt von Creta aufgestellt, die in der falschen Kuh erzeuget ward. Als der uns sahe, zerbiß er sich selbst, so wie einer, den Wut und Rache innerlich schlagen. Mein Weiser schrie ihm entgegen: Glaubst du etwa, es komme hier der Prinz von Athen, der auf der obern Welt dich ums Leben brachte? Entferne dich, Unthier; denn dieser kömmt nicht, von deiner Schwester belehrt, sondern geht nur hier durch, um eure Strafen zu sehen.

So wie man einen Stier sieht, der sich von einer Kuh losarbeitet, die schon den tödtlichen Streich empfangen hat, und nicht mehr zu gehen vermag, sondern nur hin und wieder noch herum springt - eben so sahe ich den Minotaurus sich bezeigen. Da schrie mein erfarhner Begleiter mir zu: Geschwind lauf den Paß durch. Denn während er in der Wut ist, ists gut, daß du dich fortmachest. Also nahmen wir unsern Weg durch die zusammengestürzten Felsen hinunter, die unter meinen Füßen wegen der immer neuen Last meines Körpers fast gar nicht ruhig wurden.

Schon dachte ichs, als Virgilius sagte: Du denkest gewiß dieser Verwüstung nach, welche von der bestialischen Wut bewacht wird, die ich so eben gedämpft habe. Wohlan, so wisse, daß dieser Felsen, als ich das erstemal hier in die Niederhölle herunter stieg, noch nicht eingestürzt war. Allein vermuthlich kurz zuvor, wo ich nicht irre, ehe jener Held [39] aus dem obersten Kreise kam, der dem Pluto die große Beute wegnahm, da erbebete von allen Seiten das ganze tiefe stinkende Thal dermaßen, daß ich dachte, die ganze Welt empfände Liebe, als durch welche man glaubt, daß die Welt mehrmal in ein Chaos verwandelt werde. Und zu der Zeit ward dieser alte Felsen hier, und an andern Orten so umgekehret. Jedoch, richte deine Augen, auf das Thal. Den nun kömmt der blutquellende Fluß, in welchem dort alle diejenigen gesotten werden, die ihrem Nächsten gewaltsamer Weise Schaden thun.

O blinde Begierde, und närrischer Zorn, die in dem kurzen Leben uns so hart spornen, und hernach in der langen Ewigkeit uns so übel erweichen!

Ich sahe einen weiten in einem Bogen gezogenen Graben, der die ganze Ebene einnimmt, so, wie mein Begleiter gesagt hatte. Und unten zwischen dem Ufer und dem Graben durchstrichen die [40] Centauren mit Pfeile bewaffnet, die Gegend, so, wie sie auf der Welt auf die Jagd zu gehen pflegten. Als sie uns hinabsteigen sahen, hielten sie alle an, und drey von der Schaar jagten mit vorher ausgesuchten Bogen und Pfeilen heraus und einer schrie von weiten: Zu was für einer Marter kömmt ihr, daß ihr die Küste herabsteiget? Gleich sagt es uns, wo nicht, so schieße ich los. Mein Lehrer sagte: Dem Chiron, der dort in der Nähe hält, wollen wir die Antwort sagen. Deine stets so hitzige Begierde war nie gut. Hierauf stieß er mich an, und sagte: Dieser ist Nessus, der wegen der schönen Dejanira sein Leben einbüßte und sich zugleich selbst rächete, [41] Der in der Mitten, der sich so auf der Brust siehet, ist der große Chiron, welcher den Achilles erzog. Und der dritte ist Fokus, der so jachzornig war. Zu Tausenden streichen sie um den Graben herum, und schießen mit Pfeilen auf die Seelen, die sich aus dem Blute weiter heraus arbeiten, als ihre Schuld sie herausläßt.

Nun näherten wir uns den wilden und schnellen Thieren. Chiron ergriff einen Pfeil, und strich sich mit dem Einschnitte desselben den Bart hinter die Backen. Als das große Maul zum Vorschein kam, sagte er zu seinen Collegen: Seyd ihr wohl gewahr worden, daß der, welcher hinten geht, alles bewegt, was er berührt? So pflegen es die Füße der Todten nicht zu machen. Und mein gütiger Führer, der ihm schon vor der Brust stand, da, wo die beiden Naturen vereiniget sind, antwortete: Er ist freylich noch am Leben, und ich muß ihm so ganz allein das finstre Thal zeigen. Die Noth, und nicht die Lust, bringt ihn dazu. Eine Selige unterbrach ihren Allelujagesang, daß sie mir dieses neue Amt auftrug. Er ist kein Räuber, und ich bin kein entlaufene Seele. Allein um der Macht willen, kraft welcher ich meine Füße durch so unwegsame Straßen bewege, gieb uns einen von den Deinigen mit, bey dem wir sicher seyn, und der uns zeige, wo man durch den Fluß kömmt, und der diesen hinter sich aufnehme, weil er kein Geist ist, und also nicht durch die Luft gehen kann. Chiron richtete sich auf, wandte sich nach der rechten Seite herum, und sagte zum Nessus: Kehre um, und führe sie so, und entferne alles, wenn euch etwa eine andere Schaar aufstoßt.

Wir machten uns mit diesem sichern Geleite längst des Ufers von den aufkochenden Blutwellen fort, in denen, die darinnen gesotten werden, überlaut schrieen. Ich sahe Volk bis an die Augen darinnen versunken. Und der große Centaur sagte: Diese sind die blutdürstigen und raubgierigen Tyrannen. Hier werden alle die unbarmherziger Weise zugefügte Schäden beweinet. Hier ist der Tyrann [42] Alexander, und der grausame Dionysius, der Sicilien so jammervolle Jahre verursachte. Und die Stirne da, die so schwarz Haar hat, ist Azzolino, und der Blonde dort, ist Obizzo von Esti, der in der Oberwelt, die Wahrheit zu sagen, von keinem andern, als von seinem ungerathenen Sohne, umgebracht wurde. Hierauf wandte ich mich zu meinem Dichter, der aber zu mir sagte: Dieser sey dir nun der Erste, und ich der Andere. Ein wenig weiter hin sahe der Centaur auf ein Volk, das bis an die Kehle aus dem aufwallenden Blute sich zu erheben schien. Er zeigte uns auf der einen Seite einen Schatten ganz allein, und sagte: Der durchstach, im Schoose Gottes, das Herz, das an der Themse noch verehret wird. Hernach sahe ich Leute, die mit dem Kopfe und der völligen Brust aus dem Fluße hervorragten, und von denen ich gnug wieder erkannte. So wurde das Blut immer niedriger und niedriger, daß es endlich kaum über die Füße gieng. Und hier war der Ort, wo wir durch den Graben mußten. So, wie du auf dieser Seite den Fluß siehst, sagte der Centaur, daß er immer abnimmt, so mußt du glauben, daß dort auf der andern Seite er seinen Grund immer stärker und stärker hinunter presset, bis er da recht zusammen fließt, wo die Tyranney seufzen muß. Da ängstiget die göttliche Gerechtigkeit den Attila, die ehemalige Geissel der Welt, und den Sextus, und preßt dem Rinier von Corneto, und Rinier Pazzo, diesen großen Straßenräubern, ewig preßt sie ihnen Thränen aus, die sie mit übersiedendem Blute erst aufweichet. Hierauf wandte er sich um, und kehrte durch den Furth wieder zurück.

Anmerkungen

[37] Minotaurus stand auf der Anhöhe Wache.

[38] Diese Schandgeburt war Minotaurus, der, in einem von Dädalus verfertigten hölzernen Kuh, von einem Stiere erzeuget und von der viehisch wollüstigen Gemahlinn des Königs Minos von Creta, als halb Mensch und halb Stier, gebohren, und hernach von dem Atheniensischen Prinzen, Theseus, auf Unterricht und mit Hülfe der Prinzessinn Ariadne, der Schwester des Minotaurus, umgebracht wurde.

[39] Dieser Held ist Christus, der, nach der Meynung der Katholischen Kirche, die heiligen Väter aus der Vorhölle, oder dem obersten Kreise, mit sich ins Paradies nahm.

[40] Die Centauren haben die Reitkunst erfunden, und wurden, wenn sie zu Pferde saßen, für halbe Menschen und halbe Pferde gehalten.

[41] Der Centaur Nessus erbot sich, des Herkules Gemahlinn, die schöne Dejanira, über einen Fluß zu bringen, wollte sie aber hernach entehren, weswegen er vom Herkules mit einem vergifteten Pfeile tödtlich verwundet wurde. Als er seinen Tod fühlte, gab er der Dejanira sein giftiges Bluthemde, verstellte seine Rache, und sagte zu ihr: Sollte dein Gemahl meinetwegen dir seine Liebe entziehen, und untreu werden, so mache, daß er nur dieses Hemde anziehe. Denn das ist, wider seine Untreue, und zur völligen Wiederherstellung seiner vorigen Liebe, das einzige und unfehlbarste Mittel. Dieß geschah in der Folge, und Herkules mußte davon sterben.

[42] Alexander war der von Thessalien, dessen Tyranney Justinus beschreibt. Azzolino war der grausame Tyrann der Paduaner. Obizzo war Marquis von Ferrara, ein Unmensch. Der Schatten allein war Guido von Montfort, der, um den Tod Simeons, seines in London öffentlich hingerichteten Vaters, zu rächen, Heinrichen, dem Prinz Richards, Königs von Engelland, in der Kirche zu Viterbo, eben da der Priester dem Volke die heilige Hostie zeigte, öffentlich das Herz durchstach, welches einbalsamirt nach London geschickt wurde. Attila war der schreckliche König der Hunnen, der im Jahre nach Christi Geburt 442. in Italien einfiel, und unmenschlich hauste. Pyrrhus war König der Epiroter, und ein unversöhnlicher Feind der Römer. Und Sextus war Sextus Claudius Nero, der grausame Römische Kaiser, und tyrannische Wüterich.
Diese Anzahl von Bösewichtern läßt sich stets mit groben und feinen Tyrannen, und ihnen ähnlichen Unmenschen, aus den alten und neuern Zeiten betrachtungsvoll vermehren.

O Bösewicht! was hilfts, daß dich die Nachwelt kennt,
Wenn sie dich eine Pest, ein Ungeheuer nennt?
Verdammt zu ewgen Ruf, unsterblich, dir zur Schande!
So kennt die Nachwelt auch noch manche Diebesbande,
Und speyt den Nickel List, und den Lips Tullian,
Da längst ihr Rad verfault, in den Geschichten an.
- Lichtwer.


Gesang 13

Die Dichter gehen in den andern Unterkreis hinein, welcher ein erschrecklicher Wald von Gesträuchen ist, in denen die Seelen derjenigen, die wider ihr eigenes Leben Gewalt verübt, eingekerkert waren. Hier erfährt Dante von einem dieser Verdammten, wie er gestorben sey, und wie die Seelen in dergleichen Sträucher übergehen. Hernach sehen sie diejenigen, die wider ihr eigenes Vermögen Gewalt verübet, welche gewaltig liefen, und von begierigen Hündinnen verfolgt wurden.

Noch war Nessus jenseits nicht angelanget, als wir uns durch einen Wald fort begaben, wo sich auch nicht die geringste Spur eines Fußsteiges zeigte. Nicht grünes Laub, nein, schwarze Blätter, - nicht gerade Zweige, nein, ästige und verwickelte Reiser - nicht liebliche Früchte, nein, giftige Dornen waren da anzutreffen. - So wilde und widrige und so dichte Gesträuche haben selbst jene grausamen Waldungen nicht, die den zwischen Cecina und Corneto bebauten Gegenden so verhaßt sind. Hier bauen die häßlichen Harpyen ihre Nester, welche die Trojaner, bey trauriger Ankündigung eines künftigen Unglücks, aus den Strophaden [43] verjagten. Sie haben breite Flügel, und Hälse und Gesichter, wie Menschen, Füße mit Krallen und ihr großer Bauch ist gefiedert, und sie machen ein klägliches Geschrey auf den seltsamen Bäumen.

Ehe du weiter hinein gehest, fing mein gütiger Lehrer zu mir an, so wisse, daß du in dem andern Unterkreise bist, und so lange darinnen seyn wirst, bis du in den erschrecklichen Sandsee kömmst. Also gieb wohl Achtung, und so wirst du Sachen sehen, welche so beschaffen sind, daß meine bloße Erzählung keinen Glauben finden würde.

Ich hörte von allen Seiten laut winseln, und sahe doch niemanden, der so ängstlich that. Deswegen blieb ich ganz bestürzt stille stehen. Ich glaube, daß er dachte, ich bildete mir ein, alle diese Stimmen kämen zwischen und aus den Sträuchern von Leuten hervor, die sich vor uns versteckt hätten. Daher sagte mein Lehrer: wenn du ein Rüthgen von einer dieser Pflanzen abbrichst, so werden deine Gedanken, die du davon hast, sich alle von selbst aufheben. Hierauf streckte ich die Hand ein wenig aus, und langte mir ein Zweiglein von einem großen Dornstrauche, und sein abgebrochenes Stück schrie: Warum brichst du mich entzwey?- So wie es hernach vom Blute schwarz wurde, schrie es von neuem: Warum reissest du mich ab? - Hast du gar kein mitleidiges Herz? - Ach, Menschen waren wir, und nun sind wir zu Sträuchern geworden! Sollte doch deine Hand barmherziger seyn, wenn wir Schlangenseelen gewesen wären!

So, wie aus einem frischen grünen Brande , der an dem einen Ende brennet, das Wasser aus dem andern herausschwitzt, und von der Luft, die herausfährt, laut zischet - eben so giengen aus dem abgebrochenen Zweige Worte und Blut zugleich heraus, weswegen ich ihn auf den Gipfel fallen ließ, und da stand, wie ein Mensch der sich fürchtet. -

Wenn er, verletzte Seele, antwortete mein Weiser, wenn er vorher auf meine bloßen Worte das hätte glauben können, was er nunmehro selbst erfahren hat, so würde er seine Hand nicht an dich gelegt haben. Allein, so eine unglaubliche Sache machte, daß ich ihn zu der That verleitete, die mir selbst höchstempfindlich ist. Jedoch, sage ihm, wer du gewesen, so, daß, statt einiger Vergütung, in der Oberwelt, wohin ihm wieder zurück zu kehren erlaubt ist, er deinem schmachtenden Rufe wieder einige Erfrischung gäbe.

Der Zweig antwortete: Du lockest mir mit diesen süßen Reden dermaßen, daß ich unmöglich schweigen kann. Nur werdet nicht ungehalten, wenn ich im Reden mich ein wenig verweile. Ich war der, der die beiden Schlüssel zu Friedrichs Herzen hatte, und solches mit denselben so sanft auf und zuschloß, daß ich von seinen Geheimnissen fast alle Menschen entfernte. Ich bezeigte in dem rühmlichen Amte so große Treue, daß ich darüber Gesundheit und Kräfte verlohr. Die Hure, die von der Gastfreyheit des Kaisers nie ihre neidischen Augen verwandte - gemeines Laster und Unglück der Höfe! - brachte alle Gemüther wider mich auf. Und diese, so entrüstet, brachten hernach auch den Kaiser dermaßen wider mich in Harnisch, daß alle meine Freude und Ehre sich in Trauren und Leid verwandelte. Mein Geist, der aus unwilligen Empfindungen glaubte, durch den Tod aller Schande zu entfliehen, machte, daß ich, da ich sonst überall gerecht handelte, wider mich selbst ungerecht ward. Denn bey den neuen Wurzeln dieses Holzes schwöre ich euch, daß ich meinem Herrn, der so verehrungswürdig war, nie die Treue gebrochen habe. Und kömmt einer von euch wieder auf die Welt zurück, o! so rette er mein Gedächtniß, das von dem Streiche, den ihm die Hure, der Neid, versetzte, noch so danieder liegt! Hier hielt er ein wenig an. Drauf sagte mein Dichter zu mir: Da er stille schweigt, so verliere keine Zeit, sondern rede, und verlange von ihm, wenn dir weiter was gefällt. Ich antwortete: Bitte du von ihm wieder, was du glaubst, das mich befriedigen könne. Denn ich kann unmöglich, so sehr beklemmt mir das Mitleiden mein Herz. Deswegen fing er wieder an, und sagte: Wenn dieser Mensch dasjenige freywillig thut, was du in deinen Reden von ihm bittest, so lass dir, eingekerkerter Geist, nur noch gefallen zu sagen, wie die Seele mit diesem Holze sich verbindet. Auch sage uns, wenn du anders es vermögend bist, ob sich nie eine Seele von dergleichen Gliedern wieder losgemacht habe.

Hierauf blies der Zweig sehr stark, und hernach verwandelte sich dieser Wind in folgende Stimme: Es soll euch kurz geantwortet werden. - Wann die wilde Seele aus dem Leibe herausfährt, von dem sie sich selbst losgerissen hat, so schickt sie Minos in den siebenten Höllenschlund hinunter. Da fällt sie in den Wald, und nicht etwa in einen für sie besondern Ort, sondern dahin, wo sie das blinde Glück hinschleudert. Hier keimt sie auf, wie ein Dinkelkorn, schoßt in den Stengel, und wird zu einer wilden Pflanze. Dann kommen die Harpyen, weiden sich von ihren Blättern, und machen ihnen die allerempfindlichsten Schmerzen, und diesen zugleich einen Weg zu den kläglichsten Ausbrüchen. Wie alle andre Seelen, werden auch wir dereinst zu unsern Körpern uns stellen müssen, jedoch nicht dazu, daß sich irgend eine von uns wieder damit bekleide. Denn es läuft wider die Gerechtigkeit, daß der Mensch dasjenige wieder empfange, was er sich mit Gewalt entrissen hat. Hier werden wir sie herschleppen, und hier in diesem traurigen Walde werden unsere Leiber, ein jeder vor dem Strauch seines unwilligen Schattens aufgehenkt werden.

Wir waren noch auf den Zweig aufmerksam, weil wir glaubten, daß er noch mehr sagen wollte, als wir plötzlich von einem Lärmen überfallen wurden. So wird einer erschreckt, der den Eber, und die ganze Jagd hinter ihm herkommen, und die Thiere und Gesträuche lärmen und rauschen hört. Eben so flohen auf der linken Seite zwey Nackende und Zerkratzte so gewaltig vorbey, daß sie alles im Wade, was ihnen im Wege lag, gewaltsam zerbrachen. Der Vorderste schrie: O! Lano, so flüchtig waren in der Schlacht bey Toppo deine Füße nicht. Und da ihm vielleicht der Athem entgieng, so verbarg er sich mit Fleiß in einem Strauche. Hinter ihnen her war der Wald voll von schwarzen begierigen Hündinnen, die, gleich großen Jagdhunden, welche nur von der Kette kommen, daher schossen. So fielen sie auf den, der sich flach danieder gelegt, und versteckt hatte, mit den Zähnen ein, und den andern zerfleischten sie stückweise, und schleppten hernach die noch schmerzenden Glieder mit sich hinweg.

Darauf nahm mich mein Begleiter bey der Hand, und führte mich zu dem Strauche hin, der um die blutigen Risse, wiewohl vergebene Zähren weinte. O! Jacob vom heiligen Andreas, klagte er, was hat es dir nun geholfen, daß du mich zu deinem vermeynten Schilde gebraucht hast? - Was kann ich für dein ruchloses Leben? - Als mein Lehrer dicht bey ihm stand, sagte er zu ihm: Wer warest du aber, daß du nun durch so viele Oeffnungen das schmerzhafte und frische Blut herausbläsest?

O! Seelen, antwortete er uns, die ihr herkommet, die schandbare Niederlage zu sehen, die meine Zweige so von mir losgerissen hat, o! leset sie mir unten an diesem zerstörten Neste wieder auf! Ich war aus der Stadt, die ihren ersten Schutzheiligen gegen Johannes den Täufer vertauschte, daher Mars sie deswegen mit seiner Kriegskunst beständig plagen wird. Und wäre an dem Uebergange des Arno nicht noch etwas von ihm zu sehen geblieben, so würden die damaligen Bürger, welche die Stadt hernach auf der Asche, welche Attila davon zurück ließ, wieder aufbauten, nur vergebens haben arbeiten lassen. [44] Ich für meine Person, ich machte aus meinem Hause einen Galgen, an welchem ich mich mit meinen eigenen Händen erhieng.

Anmerkungen

[43] Die Strophaden sind Inseln des Jonishen Meeres, woraus sie verjagt wurden, weil dem Aeneas Hungersnoth prophezeyt ward.

Der redende Zweig war ehedem Petrus de Vineis von Capua, von gemeinem Herkommen, aber ein großer Redner, und Rechtsgelehrter, und Canzler und Liebling des Kaisers, Friedrichs des zweyten. Auf die Anklage, er habe Geheimnisse, die ihm der Kaiser vertrauet, dem Pabst Innocentius offenbaret, entsetzte er ihn seiner Würde, und ließ ihm die Augen ausstechen, worauf dieser vor Unwillen sich wider eine Kirchmauer den Kopf einstieß, und so gewaltsamer Weise sich ums Leben brachte.

Die beiden höllischen Flüchtlinge waren zwey Lüderliche von Adel, die ihr ganzes Vermögen verschwendet, und ein wollüstiges und viehisches Leben geführet hatten. Um nicht in Armuth und Verachtung zu leben, stritte der eine in einer bereits verlornen Schlacht, wo er durch ein anständige Flucht sich retten konnte, so tollkühn, bis er sein Leben verlor, das er verlieren wollte, und der andre hatte die Gnade, unmittelbar sein eigner Henker zu werden.

Ein Freund der Weisheit sieht, wenn volle Gläser schwirren,
Der Krankheit knöchern Bild um Tisch und Becher irren;
Er sieht das offne Grab, darein der Schlemmer stürzt,
Und flieht das süße Gift, das muntre Jahre kürzt.
- Lichtwer.

[44] Damals herrschte die thörigte Meinung unter den Florentinern, die Bildsäule des Mars sey für Florenz eben das, was das Palladium für Troja gewesen, weil die Soldaten des Sylla, welche Florenz gebauet haben, diese Stadt dem Mars, als ihrem beständigen Schutzgotte gewidmet hätten.


Gesang 14

Die Dichter gehen in den dritten Unterkreis hinein, der ein sandigtes Feld ausmacht, wo es breite Feuerflammen regnet, mit denen die Gewaltthätigen, welche Gott lästern oder die Natur misbrauchen, gemartert werden. Erst sehen sie die Gotteslästerer, die auf dem Rücken unter den Flammen liegen. Hernach kommen sie an den Fluß Phlegeton, und Virgilius redet von dem Ursprunge dieses Flusses, und der andern höllischen Gewässer.

Die Liebe zu dem Geburtsorte zwang mich, daß ich die zerstreuten Zweige sammlete, und sie dem wiedergab, der schon ganz heisch war. Von da kamen wir an das Ende, wo sich der andere Unterkreis von dem dritten scheidet, und wo man ein schreckliches Kunstwerk der Gerechtigkeit sieht.

Soll ich diese neuen Sachen recht deutlich darstellen, so muß ich sagen, daß wir an eine Ebene hinkamen, die von ihrem Boden alle Gewächse und Pflanzen entfernet. Der schmerzhafte Wald, so wie der traurige Graben, sind gleichsam ihr Kranz, der sie rings herum einfasset. Kaum, kaum konnten wir hier fußen. Das Pflaster ist ein brennender und dicker Sand, von keiner andern Art, als derjenige, welcher ehedem von Catons [45] Füßen betreten ward.

O göttliche Rache, wie sehr mußt du nicht von einem jeden, der hier das lieset, was meinen Augen offenbaret wurde, gefürchtet werden!

Von nackenden Seelen sahe ich ganze Heerden, die alle sehr jämmerlich weinten, und denen eine unterschiedene Art der Strafe auferlegt zu seyn schien. Einige Schaaren lagen rücklings auf der Erde. Einige saßen ganz dicht zusammen. Und die übrigen giengen unaufhörlich herum. Die Anzahl derer, die herumgiengen, war weit größer, und die Anzahl derer, die zur Strafe lagen, weit geringer, deren Zungen hingegen eine weit größere Fertigkeit im Wehklagen hatten. Ueberall auf dem ganzen Sandkreise regnete es ganz langsam weit ausgebreitete Feuerflammen herunter, so wie ohngefähr auf den Alpen, wenn kein Wind wehet, die großen Schneeflocken herabfallen. Und so wie Alexander [46] in den heißen Gegenden von Indien jene Flammen auf sein Kriegsheer herabfallen sahe, die bis auf die Erde noch ganz blieben, daher er die Vorsicht brauchte, und den Erdboden von seinen Schaaren recht fest zusammentreten ließ, damit die Dünste einzeln sich besser löschen lassen möchten - eben also stieg die ewige Glut herab, von welcher sich der Sand, wie Zunder von dem Feuerstahle, entzündete, um den Schmerz zu verdoppeln. Ruhe hat der Haufen elender Hände niemals, die bald hier, bald dorthin den immer frischen Brand von sich schleudern.

Mein Lehrer, fing ich hier an, der du, nur nicht die harten Teufel, die beym Eingange jenes Thores auf uns so heraus fielen, zu zwingen, sonst alles weissest, und vermögend bist, wer ist jener Große, der den Brand so gar nicht zu achten scheint, und so spöttisch und verkehrt da liegt, daß es das Ansehen hat, als werde ihn der Feuerregen nicht sonderlich reifen?

Und dieser selbst, weil er gewahr wurde, daß ich meinen Führer nach ihm fragte, schrie: So wie ich im Leben war, eben so bin ich noch itzt im Tode. Und wenn Jupiter auch seinen Schmidt noch so sehr ermüdet, von dem er in seinem Grimme den scharfen Donnerkeil nahm, der mich an meinem letzten Lebenstage erschlug - und wenn er sie auch alle im Aetna auf dem schwarzen Hammer, und wechselsweise sie abmattet, und noch so sehr: Hilf, treuer Vulcan, hilf! dazu schreyet, so wie er in der Schlacht bey Phlegra that [47] - und dann alle seine Pfeile aus seiner ganzen Allmacht auf mich abschießet - so soll er doch die frohe und erwünschte Rache nimmermehr schmecken!

Hierauf antwortete mein Führer mit einer so heftigen Stärke, als ich ihn noch nicht hatte reden hören: O! Capaneus, rief er, eben dadurch, daß sich dein 100 vermessener Stolz nicht bricht, wirst du nur desto härter gestraft. Und keine Marter, außer nur deine eigene Raserey, würde für deine Wut ein vollkommenerer Schmerz seyn. Alsdenn kehrte er sich mit holdern Lippen zu mir, und sagte: Das war der einen von der sieben Königen, die Theben belagerten. Er schätzte Gott gering, und es scheint, daß er ihn noch gering schätze, und wenig scheint es, daß er ihn achte. Allein wie ich ihm gesagt habe, so ist sein verachtungsvoller Trotz für seine stolze Brust gehörige Schande und Strafe gnug. Nun komm hinter mir her, und siehe dich wohl vor, daß du mit den Füßen nicht in den brennenden Sand kömmst, sondern geh, und halt dich dicht an dem Gebüsche hin.

Stillschweigend kamen wir dahin, wo außer dem Walde ein ganz kleiner Fluß hervorschoß, über dessen Röthe ich mich noch entsetze. So wie aus jenem Viterbischen Quell ein Bach herabfließt, den hernach die Sünderinnen [48] unter sich theilen - eben so fließt dieser hier durch den Sand hinunter. Der Grundboden davon, und die beyden abhängenden Seiten, und die Ufer an dem Rande waren von Stein verfertiget. Ich sahe also wohl, daß man da gehen konnte. Unter allem, was ich dir gezeigt habe, seitdem wir zu dem Thore hereingiengen, das Niemanden zum Einlaß verschlossen ist, hat dein Auge so was merkwürdiges, als dieser Fluß ist, noch nicht wahrgenommen, der alle Flammen über sich auslöschet. So sprach mein Führer. Ich bat ihn daher, daß er nun das Verlangen, welches er in mir erreget hätte, mir durch den wirklichen Genuß auch stillen möchte.

Mitten auf dem Meere, fing er hierauf an, liegt ein zerrüttetes Land, das Creta heißt, unter dessen Königs [49] Regierung die Welt einmal züchtig lebte. Da prangte vormals ein von Gewässern und Bäumen anmuthsvoller Berg. Ida hieß er. Itzt steht er verlassen, wie eine verbotene Sache. Rhea [50] wählte ihn damals zu einer sichern Wiege für ihren Sohn, und um ihn desto besser zu verheelen, wenn er weinte, ließ sie ihn da schreyen. In diesem Berge nun steht ein großer Greis aufgerichtet, der Damiata den Rücken zukehret, und Rom so anschauet, als wenn er sich in seinem Spiegel beschauete. Sein Haupt ist von feinem Golde gebildet. Seine Arme und Brust sind von reinem Silber. Dann ist er bis and die Hüften von Kupfer. Und von da an bis ganz unten besteht er aus lauter auserlesenem Eisen, außer daß der rechte Fuß Ton ist, und daß er auf diesem mehr, als auf dem andern, in die Höhe steht. Ein jeder Theil, ausgenommen der von Golde, hat einen Riß von einer Spalte, die Thränen auströpfelt, welche in die Grotte herabfallen, und sie ganz durchhölen. Und von da dringet ihr Lauf hindurch und schießt in diese Tiefe herunter, und macht die Flüsse Acheron, Styx und Phlegeton. Hernach geht er weiter durch diesen engen Canal bis dahinunter, wo man nicht tiefer mehr hinabsteigt, und macht den Cocytus. Und was das für ein See sey, das wirst du dort sehen, daher ich hier nichts weiter davon sage.

Wenn gegenwärtiger kleine Fluß, sagte ich hierauf, also von unsrer Welt sich herleitet, warum erscheint er uns nur an diesem aüßersten Ende?

Du weißt, war seine Antwort, daß der Ort rund ist. Und so weit du auch schon in den Abgrund gekommen bist, so bist du, weil du dich immer bloß an der linken Seite herab gelassen hast, noch nicht durch den ganzen Umfang herum. Was sich daher Neues in demselben zeigt, darf deinen Augen nicht wunderbar vorkommen.

Mein Lehrer, erwiederte ich, wo ist aber Phlegeton und Lete? Denn von dem einen schweigst du gar, und von dem andern sagst du nur, daß er von jenen Thränentropfen entspringe.

Ich versichre dich, antwortete er, in allen deinen Fragen gefällst du mir. Jedoch das Aufwallen des rothen Wassers sollte wohl die eine von den beiden Fragen, welche du itzt an mich gethan hast, beantworten. Und den Lete wirst du, wiewohl außer dieser Tiefe, zu sehen bekommen, dort, wo die Seelen hingehen, und sich waschen, wann die gebüßte Schuld ihnen erlassen wird. Doch nun ists Zeit, daß wir uns von dem Walde entfernen. So komm denn dicht hinter mir her. Die Ufer lassen uns den Weg frey, weil sie nicht brennen, und über ihnen aller Dunst verlöschet.

Anmerkungen

[45] Auf der Flucht des Cato in dem sandigten Lybien mit der übrig gebliebenen Armee des Pompeius, die er da führte.

[46] Ein Brief Alexanders des Großen an den Aristoteles soll dieses erzählen, daß er des Nachts von einem Theile der Armee so habe vorarbeiten lassen, und darauf mit dem übrigen Heere fortgezogen sey.

[47] In Thessalien, wo die Riesen, die den Himmel bekriegten, vom Jupiter mit Donnerkeilen zerschmettert und überwunden wurden.

Capaneus bediente sich unter andern vor Theben dieser gotteslästerlichen Reden: Ich frage, sagte er, nach den Strahlen Jupiters eben so viel, als nach der Mittagswärme, und ich will auch wider seinen Willen die Stadt erobern.

[48] Im gelindesten Verstande, ungesunde Personen, die das Viterbische Bad, unter bekanntem Zeitvertreibe, zu ihrer Gesundheit brauchen. Viele stellen sich krank, und werden es wirklich im Bade. Viele sündigen sich krank, und ergetzen sich im Bade noch kränker. Doch hebt der Misbrauch den rechten Gebrauch nicht auf. Und hilft dieser auch nicht allezeit, so straft jener gewiß beständig.

[49] Dieser König hieß Saturnus, unter dessen Regierung die Menschen züchtig, aufrichtig, freundschaftlich, friedlich, und vergnügt ohne Reue lebten. Ein solches glückseliges Leben bewirken tugendhafte Beyspiele der Großen! Saturn war ein weiser Antonin, gelinde, wie Trajan, groß, wie August.

Er hielt nicht Glück und Volk für sich allein gemacht,
Sich hielt er für die Welt von Gott hervorgebracht:
Komm wieder, glücklichs Jahr, du goldne Zeit der Alten,
Da Wahrheit, Treu und Recht und Menschenliebe galten!
- Gellert.

[50] Rhea war die Gemahlinn des Saturns, welcher, kraft des Vergleichs mit seinem ältern Bruder Titan, der ihm die Regierung abgetreten hatte, alle männliche Erben auffraß. Saturn bedeutet überhaupt, nach der Meinung der alten Dichter, die Zeit, die alle ihre Hervorbringungen wieder verzehret, und deren Vater der Himmel ist. Als nun Rhea ihrem Gemahl den Jupiter und die Juno gebahr, zeigte sie ihm nur die Juno, und versteckte den Jupiter auf dem Berg, Ida, wo sie ihn erziehen, und, um das Geschrey dieses Kindes dem Vater nicht hören zu lassen, ein festliches Geräusch von Vocal- und Instrumentalmusik machen ließ, und ein Freudenfest nach dem andern anstellete.

Der große Greis im Berge bedeutet hier die Zeit.

Damiata ist eine Stadt in Egypten, und zeiget hier den Orient, und also das Vergangene, an, dem die Zeit den Rücken zukehrt, und die nun auf das Zukünftige, auf Rom, auf den Occident, sieht.

Die verschiedenen Metalle zeigen die verschiedenen Zeitalter der Welt, und Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten an.

Die Thränen sind hier vorzüglich alle Wirkungen und Erfolge des Hauptlasters der Unzucht, von dem das Glück der Welt untergraben wird, und alles Elend und Unglück der Menschen vorzüglich herrührt.

Gib nicht dem flüchtgen Reiz unreiner Lüste statt,
Und schände nicht den Leib, den Gott gebildet hat.
Arbeite, bete, fleuch die Lockung der Sirenen:
So wird dich Glück und Ruhm und muntres Alter krönen.
- Lichtwer.


Gesang 15

Die Dichter setzen ihren Weg durch den dritten Unterkreis längst des Phlegetons fort, begegnen einigen Seelen der Sodomiten, die schaarenweise unter den herabfallenden Feuerflammen herumgiengen, unter welchen Dante mit Brunetto Latini spricht, der ihm seine Verjagung ins Elend vorhersagt, und hiernächst auch von einigen andern Nachricht giebt, die daselbst mit ihm gestraft wurden.

Nun bringt uns das eine von den harten Ufern weiter fort. Der aus dem Flusse aufsteigende Dampf macht oben darüber einen solchen Nebel, daß dadurch das Wasser und die Dämme vor dem Feuer gesichert sind.

So wie jene Einwohner in Flandern, zwischen Guzzante und Brügge, aus Furcht vor den Fluthen, die da auf ihre Gegend stoßen, die Dämme bauen, damit das Meer anderweitig fortgehe; und wie die Paduaner, längst des Brentaflusses, dergleichen aufführen, um ihre Landhäuser und Schlösser vorher, ehe der Chiarentanafluß die Sommerhitze fühlet, in Sicherheit zu setzen - nach eben dem Muster waren diese Dämme hier aufgeführet, wiewohl der Meister, wer er auch gewesen seyn mag, sie weder so hoch, noch so stark gebauet hat.

Schon waren wir so weit von dem Walde weg, daß ich ihn, indem ich mich umwandte, gar nicht mehr sahe, als wir einer ganzen Schaar von Seelen begegneten, die unten längst dem Damme daher kamen. Sie sahen uns eine jede recht ins Gesicht, so wie einer den andern Abends bey Neumondenlichte anzusehen pflegt, und schärften ihre Blicke so auf uns zu, wie ein alter, betagter Schneider, wenn er das Nadelöhr sucht. So von dergleichen Volke angeblickt, ward ich von einem darunter erkannt, der mich unten am Rocke anfaßte und schrie: O Wunder! - Und als er den Arm nach mir ausstreckte, heftete ich meine begierigen Augen auf das braune Ansehen desselben so starr, daß sein verbranntes Angesicht meinen Verstand nicht hinderte, ihn zu erkennen. Ich neigte die Hand gegen sein Angesicht und sagte zu ihm: Seyd ihr hier, Herr Brunetto? - O! mein Sohn! versetzte er, werde nicht ungehalten, wenn Brunetto Latini ein wenig mit dir wieder zurück, und von der gewöhnlichen Straße abgeht. Ich bitte euch vielmehr herum, erwiederte ich, auf das inständigste. Verlangt ihr auch, daß ich mich mit euch niedersetzen soll, so will ichs gerne thun, wenn es anders diesem, den ich bey mir habe, gefällig ist. O! mein Sohn, sagte er, derjenige, welcher von dieser Heerde nur einen Augenblick stille stünde, der muß hernach hundert Jahre dafür liegen, ohne das er sich herumwenden darf, wenn ihn das Feuer alsdenn ausbrennet. Darum so gehe fort, ich will unten an dem Saume deiner Kleidung neben dir hergehen, bis ich wieder zu meiner Schaar komme, die nun her herumgehen, und ihren ewigen Verlust beweinen muß.

Ich getrauete mich nicht, die Straße hinab zu steigen, um ihm gleich zu gehen, sondern bückte mich mit dem Kopfe gegen ihn, wie ein Mensch der ehrerbietig neben jemand hergeht. Was für ein Glück, oder Schicksal, fing er alsdann an, führt dich aber vor deinem jüngsten Tage hier herunter? Und wer ist der, welcher dir den Weg zeiget? Dort oben in dem heitern Leben, antwortete ich ihm, verirrte ich mich in einem Thale, ehe ich mein vollkommenes Alter erreicht hatte. Nur gestern Vormittags kehrte ich in demselben wieder um und zurück, und eben da erschien mir dieser Geist, und führet mich nun so wieder durch diesen Weg zurück.

Wenn du, sagte er mir hierauf, deinem Gestirne folgest, so kannst du den rühmlichen Hafen nicht verfehlen. Das habe ich dort in dem schönen Leben wohl wahrgenommen. Und wäre ich nicht so zeitig gestorben, so hätte ich dich, weil ich sah, daß dir der Himmel so günstig war, selbst zu diesem Werke angefrischet. Allein das undankbare bösartige Volk, das, seinem ältesten Ursprunge nach, von Fiesole herstammt, und noch an Berg und Mühlstein hängt, das wird sich wegen deines Wohlverhaltens sehr feindselig gegen dich bezeigen. Und warum? - Es soll unter den wilden Holzbirnbäumen der liebliche Feigenbaum nicht fruchten. Nach einem alten Rufe auf der Welt ist es ein blindes, geiziges, neidisches und hochmüthiges Volk. Mache dich von ihren Sitten ganz spiegelrein. Dein Glück behält dir so große Ehre vor, daß sowohl die eine, als die andere Partey gleichsam einen rechten Hunger nach dir fühlen wird. Aber ferne sey die Speise von ihrem Munde! Strohfutter müsse das Fiesolanische Vieh aus sich selbst machen, und die Pflanze nicht anrühren dürfen, wenn irgendeinmal eine auf ihrem unreinen Boden auf und hervorkommt, in der heilige Saame jener edeln Römer wieder auflebet, die daselbst zurück blieben, als das so abscheuliche Bosheitsnest erbauet wurde.

Wenn alles mein Wünschen und Verlangen, antwortete ich, hinreichend gewesen wäre, so wäret ihr noch nicht von der menschlichen Natur verbannet worden. Denn das Bild von euch, wie ihr so väterlich, liebreich und gutherzig mit mir umgienget, als ihr auf der Welt mich zu ganzen Stunden unterrichtetet, wie sich der Mensch verewige, hat sich meinem Gemühte fest eingepräget, und beschäfftiget mein Herz nunmehro nicht wenig. Und wie theuer und werth mir solches sey, soll man, so lange ich lebe, aus meinen Reden deutlich hören. Was ihr mir von meinen Lebensumständen saget, das schreibe ich und hebe solches mit andern Texten [51] zur Auslegung für jene Selige auf, die es verstehen muß, wenn ich hin zu ihr komme. Doch so viel muß ich euch sagen, daß, woferne nur mein Gewissen mir keine Vorwürfe macht, ich zu allen und jeden Schicksalen fertig und bereit bin. Denn dergleichen Vorherverkündigungen sind meinen Ohren nichts neues. Darum so mag das Glück sein Rad immerhin drehen, wie es ihm nur gefällt, und der Bauer mit seinem Grabscheite handthieren, wie er nur will.

Hierauf wandte sich mein Lehrer mit dem Kopfe nach der rechten Seite herum, sah mich an, und sagte hernach: Derjenige hört eine Sache recht, der sie merkt.

Dem ohngeachtet gieng ich immer mit dem Herrn Brunetto fort, redete darum nicht weniger mit ihm, und fragte vielmehr, wer wohl seine bekanntesten und vornehmsten Collegen wären.

Von einem und dem andern etwas zu wissen, antwortete er, ist gut, von den übrigen aber wirds löblich seyn, wenn wir schweigen, zumal, da die Kürze der Zeit nicht erlaubt, so viel zu reden. Ich sage dir also überhaupt, das es lauter Geistliche, und große und sehr berühmte Gelehrten [52] waren, und daß sie sich auf der Welt alle mit einerley Sünde verunreiniget haben. Da geht Priscian mit seinem grämischen Schwarme, und auch Francesco d'Accorso. Und wäre ich mit der juckenden Spottsucht behaftet, so hätte ich euch sogleich denjenigen zeigen können, der von dem Knechte aller Knechte dort von dem Arno weg, und hin an den Bacchiglione versetzt wurde, woselbst er die übelgespannten Seegel einzog [53]. Ich würde noch mehr sagen, allein ich kann nicht weiter gehen noch fort reden. Denn ich sehe dort einen neuen Dampf von Sande aufsteigen, und es kömmt Volk, mit dem ich nicht in Gesellschaft seyn darf. Ich empfehle dir also meinen [54] Thesaurum, in dem ich stets lebe und rede, und weiter verlange ich nichts. Hierauf wandte er sich, und schien, wie einer von denen, die zu Verona auf dem Felde nach dem grünen Tuche laufen, und unter diesen wie derjenige, welcher gewinnt, und nicht wie einer, der verliert.

Anmerkungen

[51] Mit dem, was mir Ciacco und Farinata auch prophezeyt haben.

[52] O! du überhaupt lasterhafter Priester und Gelehrter, o! erzittere, du Hauptschänder der Religion und der Wissenschaften, vor der schweren Rechenschaft, die du für dich und für alle, durch deine unreine Lebensart verführte Seelen unausbleiblich geben mußt!

Was nützet dein Verstand, wenn du, voll giftger List,
Im Wissen Engeln gleich, im Thun ein Teufel bist?
- Lichtwer.

Wie vorzüglich verehrungswürdig und nützlich regiert nicht ein Rector einer Universität, der gelehrt arbeitet, und tugendhaft lebet! Er brüstet sich nicht mit seiner Würde. Er sucht nicht die Menge, sondern die Güte der Studirenden zu befördern. Lehrreich bestreitet er eingerissene unanständige und gefährliche Freyheiten, und sucht solche, als der Weisheit und Tugend nachtheilige Gewohnheiten, ohne alles Bedenken, und ohne die geringste Nachsicht, auf eine richterlich kluge Art abzustellen. Er straft Uebermüthige unparteyisch, als ein gewissenhafter Richter, und beklagt und bessert sie zugleich, als ein rechtschaffener Vater. So rühmlich macht er, durch seine würdigen Lehren und tugendhaften Beyspeile, wieder würdige und tugendhafte Gelehrten, und beseliget dadurch ganze Länder und Staaten. Und o! möchten vorzüglich Professores ordentliche und tugendhafte Menschen seyn, so würde ein jeder von ihnen, gerührt, den flehenden Zuruf eines jeden Vaters für seinen studirenden Sohn hören und befolgen, den billigen Zuruf:

Dein Beyspiel sey sein Licht, dein Wandel geb ihm Kraft,
Dir muthig nachzugehn, und mach ihn tugendhaft!
- Lichtwer.

[53] Dieser war Andreas der Mozzi, Bischoff zu Florenz, und Erzbischoff in der Sodomiterey, den Pabst Bonifacius der Achte nach Vicenz schaffte, wo er, entweder von Chiragra, Podagra und reissender Gicht, oder weil ihn der Tod hinraffte, nicht mehr Sodomiterey treiben konnte, als mit welchem unnatürlichen Laster sich gedachte Geistliche und Gelehrte schändlich verunreinigten.

[54] Brunetto Latini war ein großer Gelehrter, und der Hofmeister des Dante, und hat einen Thesaurum in italiänischer, und einen in französischer Sprache geschrieben. In dem ersten handelt er von den Abwechselungen des veränderlichen Glücks, und in dem andern von allerhand historischen, physikalischen, moralischen und politischen Sachen.


Gesang 16

Die Dichter waren fast ans Ende des dritten Unterkreises gekommen. Da hielten sie sich ein wenig auf, um noch andere Seelen von Sodomiten in Augenschein zu nehmen. Dante redet mit Jacob Rusticucci, setzt darauf mit seinem Begleiter den Weg fort, und sie kommen dahin, wo der Phlegeton in den andern Kreis fällt, aus dem sie eine ungeheure Gestalt heraufsteigen sehen.

Schon waren wir an dem Orte, wo man den Schall des Wassers, das in den andern Kreis fällt, ertönen hörte, der dem Gesummse eines Bienenschwarms ziemlich beykommt. Da erblickten wir von neuem eine Rotte, die in dem peinlichen Marterregen herumgieng, aus welcher drey Schatten zugleich herausliefen. Sie kamen auf uns zugeschossen und schrieen ein jeder: Du, halt! - denn an deiner Kleidung sieht man es, daß du aus unserm verkehrten Lande bist. Hilf, Himmel! was sah ich nicht für frische und alte von den Flammen entzündete Wunden an ihren Gliedern! - Es schmerzt mich noch, wenn ich nur daran gedenke. Mein Lehrer, der sich ihr Geschrey vermuthet hatte, wandte sich mit dem Gesichte nach mir um, und sagte: Itzt warte, denn gegen die muß man bescheiden und höflich seyn. Ja, wenn das Feuer nicht wäre, welches auch die Natur des Orts bekrieget, so wollte ich sagen, die Eil stünde dir besser, als ihnen an. Sie fiengen, auch da wir stille stunden, eben die alte Sprache wieder an. Und als sie zu uns heran kamen, machten sie aus sich alle dreyen [55] ein Rad.

So, wie jene Kämpfer, nackend und gesalbt, einander erst unter die Augen traten, und sich ihren Angriff und ihre Vortheile vorher aussahen, ehe sie sich schlugen und mit einander kämpften, - also richtete ein jeder, indem er wie ein Rad herumlief, erst sein Gesicht nach mir hin, so, daß der Kopf beständig den Füßen Platz machte.

Woferne, fing hierauf der eine Schatten an, das Elend dieses nachgebenden Orts, und unser trauriges und entkleidetes Ansehen uns und unser Bitten nun hier verächtlich machen, o! so laß unsern Ruf dein Herz bewegen, und sage uns, wer du bist, daß du mit lebendigen Füßen so sicher durch die Hölle fortschreitest. Der hier, in dessen Fußtapfen du mich treten siehst, so nackend und kahl er auch geht, war sonst von größerm Range, als du wohl nicht glaubst. Er war ein Enkel der guten Gualdrada [56], er hieß der kriegerische Guido, und hat in seinem Leben durch seinen Verstand, und mit dem Degen gnug Thaten gethan. Der andere, der neben mir den Sand tritt, ist Tegghia Aldobrandi, dessen Rath auf der Oberwelt billig hätte befolgt werden sollen. Und ich, der mit ihnen leiden muß, ich war Jacob Rusticucci, und versichere dich, daß mein unbändiges Weib mir mehr, als alles andere, schadet.

Wäre ich vor dem Feuer sicher gewesen, so hätte ich mich hinunter und unter sie geworfen, und ich glaube, mein Lehrer hätte es auch zugegeben. Allein weil ich mich angesteckt und verbrannt haben würde, so behielt die Furcht über meinen guten Willen die Oberhand, der mich nach ihren Umarmungen so begierig machte. Darauf fing ich an und sagte:

Nicht Verachtung, sondern heftigen Schmerz, der nur spät sich ganz verliert, hat euer Zustand in meinem Innersten erreget, so bald dieser, mein Herr, mir nur weinige Worte sagte, aus denen ich urtheilte, daß solche Geister kämen, wie ihr seyd. Ich bin aus eurem Lande, und habe jederzeit eure würdigen Thaten und Namen nur allzu gern geschildert und angehöret. Ich lasse die Galle [57], und gehe nach den süßen Früchten, die mir durch diesen wahrhaften Führer versprochen sind, wiewohl ich mich bis zum Mittelpunkte noch erst hinunterplagen muß.

Noch lange sey die Seele der Führer deiner Glieder, antwortete er hierauf, und der Glanz deines Ruhmes folge dir nach! - Aber sage mir doch, wohnen denn Höflichkeit und Tapferkeit noch, wie sonst, in unsrer Stadt, oder haben sie vollends ihren Abschied genommen? Denn Wilhelm Borsiere, der seit nicht langer Zeit hier mit uns leidet, und dort mit der Gesellschaft geht, klagt wenigstens in seinen Reden ziemlich darüber.

Das neue Volk, und die schnell erworbenen Reichthümer, die o! Florenz, die haben Stolz und Übermuth in dir erzeuget, so, daß du deine Frucht allmählich fühlest, und schon darüber weinest! Also rief ich mit gen Himmel erhobenem Angesichte aus, daher die Drey, die solches statt der Antwort hörten, einer den andern, ansahen, so wie man bey Wahrheiten sieht.

Wenn dir, antworteten sie alle, es allemal so wenig kostet, einen zufrieden zu stellen, o! so bist du sehr glücklich, daß du so nach deinem Belieben redest. Wenn du daher aus diesen dunkeln Oertern wieder herauskommst, und die schönen Sterne wieder erblickest, wenn du dich freuen wirst, mit Nutzen sagen zu können: Ich bin da und dort gewesen, o! so rede dann auch mit dem Volke von uns! - So fort brachen sie das Rad aus einander, und flohen auf ihren schnellen Füßen, wie auf Flügeln, davon. Ein Amen kann so geschwind nicht ausgesprochen werden, als sie verschwunden waren. Daher schien es meinem Lehrer Zeit, sich fortzumachen. Ich folgte ihm, und wir waren noch nicht weit gegangen, als der Schall des Wassers uns so nahe kam, daß, wenn wir geredet hätten, wir schwerlich würden gehört worden seyn.

So wie jener Fluß, der ursprünglich bey dem Berge Viso, gegen Morgen zu, auf der linken Seite des Apenninischen Gebirges seinen eigenen Lauf nimmt, mithin da oben das stille Wasser heisset, ehe er in die Tiefe herunter fließt, bey Forli hingegen schon diesen Namen verlieret, endlich dort über St. Bernedetto von den Alpen mit lautem Geräusche sich hören lässet, weil er durch einen jähen Wasserfall herabstürzt, wo er von Tausenden in dasigen Gegenden gehöret werden muß, eben so befanden wir, daß das gefärbte Wasser von einem abschössigen Ufer herunterbrauste, so, daß der Schall davon in wenig Stunden einen taub gemacht haben würde.

Ich hatte noch einen Strick um den Leib, mit dem ich einmal das Panterthier mit dem bunt gemalten Felle zu fangen gedachte. Als ich den, so wie mir mein Führer befahl, mir ganz abgemacht hatte, gab ich ihm selbigen ganz zusammengewickelt hin. Da wandte er sich, gegen die rechte Seite zu, um, und warf ihn, jedoch in einiger Entfernung von dem Ufer, in die dunkle Tiefe hinunter. Auf einen neuen Wink meines Lehrers, den er mit dem Auge so nachdrücklich begleitete, sagte ich bey mir selbst: Was muß doch wohl hierauf wieder neues erfolgen sollen? - O! wie vorsichtig müssen nicht die Menschen bey denen seyn, die nicht blos auf die äußerlichen Handlungen sehen, sondern mit dem Verstande bis in die Gedanken hinein dringen! - Bald wird das herauf kommen, sagte er zu mir, was ich erwarte, und was deine Einbildung träumet, bald wird es deinem Gesichte sich offenbaren.

Bey einer wirklichen Wahrheit, die den Anschein der Lügen hat, soll zwar der Mensch, an statt sie zu erzählen, lieber seine Lippen stets, so viel er kann, verschlossen halten. Warum? Er beschämt sich ohne Schuld. Allein hier kann ich unmöglich schweigen, und bey den Schilderungen in diesem Gedichte, woferne sie nicht ganz von Annehmlichkeit leer sind, schwöre ich dir, mein Leser, daß ich durch die dicke und dunkle Luft eine, auch jedem sichern Herzen außerordentlich wunderbare Gestalt, fast in der Stellung daher schwimmen sahe, wie einer, der zuweilen den Anker, welcher an einer Klippe, oder sonst was festem im Meere anhängt, abzulösen hinuntergeht, so wie ein solcher, sage ich, wieder zurück kömmt, daß er oben sich ausdehnet, und unten an den Füßen sich ganz zusammen und einzieht.

Anmerkungen

[55] Den die zur Strafe in dem brennenden Sande herumgiengen, durften nicht stille stehen, sondern mußten in beständiger Bewegung seyn.

[56] Gualdrada war die Tochter des Bellincion Berti, die der Kaiser Otto, der Vierte, wegen ihrer außerordentlichen Schönheit an einem Gallatage zu küssen Lust bezeigte. Ihr Vater versprach dem Kaiser, dazu behülflich zu seyn. Sie hörte solches, erröthete, und sagte: Seyn sie nicht so freygebig, mein Herr Vater, mit dergleichen Versprechungen. Denn mich soll nie einer, als nur mein rechtmäßiger Liebster küssen. Der Kaiser, mehr erstaunt über diese fertige und tugendhafte Antwort, als über ihre Schönheit, vermählte sie darauf mit einem seiner Freyherren, Namens Guido, von dem das Geschlecht der Grafen Guido seinen Ursprung hat, und beschenkte sie zur Mitgabe mit der ganzen Graffschaft Casentino und einem Theile von Romagna.

Tegghia Aldobrandi gab einst den Rath, die Florentiner sollten nicht mit den Sanesern schlagen, der aber nicht befolgt ward, worauf die gänzliche Niederlage der Florentiner erfolgte.

Jacob Rusticucci war ein reicher und tapfrer Herr der sich von seiner ungesitteten und trotzigen Gemahlinn endlich scheiden lassen mußte, welches ihn hernach zur Sodomiterey verleitete.

[57] Ich lasse die Galle, d. i. ich lasse den Thoren ihr Lasterleben, das bittre Früchte trägt, und suche mein Glück in der Tugend, die der Baum des Lebens ist, und mir den vollkommenen Genuss ihrer Früchte im Himmel verspricht.


Gesang 17

Der Dichter beschreibet die ungeheure Figur des Geryons, dem sie sich nähern. Hernach geht Dante, auf Anrahten des Virgilius, und betrachtet die Wucherer, deren Strafe ist, daß sie gezwungen sind, sitzend, unter dem erschrecklichen Feuerregen zu leiden. Nachdem er einige davon gesehen, kehret er wieder zu seinem Führer zurück, und beyde kommen, auf dem Rücken Geryons, in den achten Kreis hinunter.

Da ist das wilde Thier mit dem gefährlichen Schwanze, das über Berge steigt, und Mauern und Waffen zerbricht - da ist es, das Ungeheuer, welches mit seinem Athem die ganze Welt ansteckt! So fing mein Lehrer mit mir an zu reden, und winkte ihm, daß es an das Ufer zu Ende der steinernen Gänge heran käme. Da kam das unreine Ebenbild des Betrugs, und reichte den Kopf und die halbe Brust dar, den Schwanz aber zog es nicht bis ans Ufer hinauf. Sein Gesicht war wie das Gesicht eines rechtschaffenen Menschen, so angenehm war das äußerliche Ansehen seiner Haut, das andre ganze Untergebäude hingegen war wie eine Schlange gestaltet. Zwo Klauen hatte es, die bis oben an die Schultern haaricht waren. Der Rücken, die Brust und die beiden Seiten waren mit Knoten und runden Kreisen von allerhand unter einandergemischten und über einander gezogenen und mehreren Farben bemalet, als wohl nie weder Tartarn, noch Türken ihre Tücher bezeichnet haben, so wie auch wohl nie Leinwand von so viel Farben von der Arachne [58] gewebt worden ist.

So wie zuweilen die Barken am Ufer, bald im Wasser und bald auf dem Lande, herausstehen; und wie dort unter den schlemmerischen Deutschen [59] der Biber sich in Bereitschaft setzt, seinen Fischfang zu machen - also stellte sich das böse Unthier an dem Ufer hin, das den Sand mit Steinen einschließt. Im Bloßen schwomm sein ganzer Schwanz, der das giftige Ruder in die Höhe krümmte, und den, gleich dem Schwanze eines Scorpions, eine tödtliche Spitze bewaffnete.

Itzt, sagte mein Führer, müssen wir ein wenig in die Krümme herum gehen, bis wir bey dem bösartigen Thiere, das dort liegt, ankommen. Daher stiegen wir auf der rechten Seite hinunter, und thaten etwa zehn Schritte auf dem äußersten Rande, um dem brennenden Sande und den Flammen desto besser auszuweichen. Kaum waren wir zu ihm gekommen, so sahe ich, etwas weiter hin auf dem Sande, nahe an dem abschößigen Orte, Leute sitzen. Hier sagte mein Lehrer zu mir: Damit du eine vollständige Erfahrung von diesem Kreise erlangest, so geh und siehe noch das Bezeigen dieser Kreaturen mit an. Nur mache deine Reden da kurz. Unterdessen bis du wiederkömmst, will ich mit diesem Thiere reden, daß es uns seine starke Schultern leihe. Also gieng ich ganz allein noch weiter hin auf die äußerste Höhe des siebenten Kreises, wo das traurige Volk saß. Aus ihre Augen brach ihre Klagen hervor. Hier und da suchten sie sich, bald vor den Dünsten, bald vor dem heissen Boden mit ihren Händen zu helfen. Nicht anders machen es im Sommer die Hunde bald mit der Schnauze, bald mit den Pfoten, wann sie von Flöhen, oder von Mücken, oder von Bremsen geplaget werden.

Hierauf sah ich einigen, auf die das schmerzhafte Feuer herabfällt, recht ins Gesicht, worunter ich aber keinen kannte. Allein das ward ich gewahr, daß einen jeden eine [60] Tasche am Halse herunter hieng, die eine gewisse Farbe und ein gewisses Zeichen führte, und woran sich, wie es schien, ihre Augen weideten. Wie ich also recht unter sie kam, und sie genau betrachtete, da sah ich an einem gelben Beutel ein blaues Gemählde welches das Gesicht, und die Gestalt eines Löwen hatte. Dann gieng ich mit meinen Blicken den Haufen weiter durch, und sahe eine andre Tasche, die röther noch, als Blut, aussah, und eine Gans zeigte, die noch weisser, als Schnee war. Und einer, der mit einer blauen und trächtigen Sau seinen weissen Sack bezeichnet hatte, sagte zu mir: Was willst du in dieser Grube? Mache daß du fortkömmst. Doch weil du noch lebendig bist, so wisse, daß mein Nachbar Vitaliano [61] hier auf meiner Seite seinen Sitz haben wird. Ich sitze hier, als ein Paduaner, bey Florentinern, die mir oft die Ohren ganz betäuben, wenn sie anfangen zu schreyen: O! käme nur erst das Haupt aller Cavaliere, der die Tasche mit den drey Schnäbeln mitbringen wird! Hierzu machte er ein schiefes Maul, und streckte die Zunge heraus, wie ein Ochse, der sich die Nase leckt. Jedoch ich besorgte, ein längeres Verweilen möchte denjenigen beunruhigen, welcher mich, hier nicht lange mich aufzuhalten, erinnert hatte, und kehrete also von den elenden Seelen wieder zurück.

Ich fand meinen Lehrer, der schon auf das Hintertheil des wilden Thieres hinaufgestiegen war, und mir zurief: Wohlan, sey itzt stark und beherzt! Nunmehro müssen wir auf solchen Stufen hinabsteigen. Setze dich vor mich, denn ich will in der Mitten bleiben, so, das dir der Schwanz keinen Schaden thun kann.

So weit einem zu Muthe ist, dem der Frost des viertägigen Fiebers so nahe kömmt, daß ihm schon die Nägel blau werden, und daß er beim bloßen Antritte des Schauers schon völlig zittert - eben so ward mir bey Aussprechung dieser Worte zu Muthe. Allein seine zu befürchtende Drohungen erregten bey mir eine Schaam, welche in Gegenwart eines guten Herrn einen muthigen Diener macht. Ich machte mich also auf die breiten Schultern hinauf. Ja, wollte ich antworten, aber die Stimme: eile und umfasse mich, folgte nicht, so wie ich glaubte. Doch derjenige, welcher schon einmal bey jenem starken Geschrey in die Höhe [62] mir zu Hülfe kam, umschlung mich, so bald ich hinauf war, mit seinen Armen, und hielt mich, daß ich nicht fiel. Geryon, [63] sagte er alsdann, nun laß dein breites Fahrzeug allmälig sich bewegen, und fahre gemächlich ab und hinunter. Bedenke die neue Ladung, die du trägest.

So wie ein kleines Schiff von seinem Orte immer weiter zurück ab und fortgeht - eben so bewegte sich das Thier von seiner Stelle hinweg. Und weil es bey sich fühlte, daß alles nach Wunsche gieng, so wandte es sich mit dem Schwanze nun dahin, wo es erst mit der Brust stand, und bewegte denselben ausgestreckt, wie ein Aal, und mit den Klauen scharrte es gleichsam die Luft an sich.

Wie groß muß nicht die Furcht auf der Welt gewesen seyn, als Phaeton [64] einst Zaum und Zügel fahren ließ, daher Himmel und Erden in Brand geriethen, wovon man noch Spuren zu sehen glaubt. Wie groß mußte sie nicht damals bey dem armen Icarus seyn, als er fühlte, daß ihm, wegen des schmelzenden Wachses, die Flügel entgiengen, und der Vater ihm zuschrie: Du fliegst in dein Unglück! - Allein weit größer war die Furcht und die Angst bey mir, als ich sah, daß ich mich von allen Seiten in der bloßen Luft befand, und daß alle andre Aussicht, außer die nach dem Thiere, verloschen war. Es geht also schwimmend und ganz sachte und langsam fort, drehet sich herum, und fährt hinunter. Allein davon wurde ich nichts gewahr, als daß ich im Gesichte und unter mir nur einen Wind verspürte. Schon hörte ich auf der rechten Hand den Schlund unter uns erschrecklich gurgeln, daher ich mit hinunter gerichteten Augen den Kopf weit hervorstreckte. Da furchte ich mich aber vor einem jählingen Sturzfall noch weit mehr, zumal da ich Feuer sah, und Klagen hörte, so, daß ich also zitternd und bebend mich ganz zusammen schmiegte. Und hernach hörte ich das Hinunterfahren und das Herumkreisen, welches ich sonst noch nie gehört hatte, und erfuhr es durch die großen Uebel, die von verschiedenen Seiten her sich näherten.

So wie der Falke, der lange genug in der Höhe herumgeflogen, und, ohne Lockspeise, oder Vogel zu sehen, verursacht, daß der Falkenirer spricht: o! steige herunter, alsdann sich voll Verdruß herabläßt, schnell in hundert Kreisen sich fortbewegt, und von ferne unwillig und unmuthsvoll bey seinem Herrn sich hinsetzt - also setzte Geryon auf den Grund und Boden unten an dem abgebrochenen Felsen den Fuß nieder, und floh, nachdem er unsere Personen abgeladen hatte, schnell, wie ein Pfeil vom Bogen, fort und davon.

Anmerkungen

[58] Arachne war eine Frauensperson aus Lydien, und wegen ihrer Geschicklichkeit im Weben so berühmt, aber auch so stolz, daß sie in dieser Kunst selbst Minerven, die Göttin der Künste und Wissenschaften, übertreffen wollte, ward aber von ihr, als sie nicht bestand, in eine Spinne verwandelt.

[59] Längst des Donauflusses.

[60] Diese Taschen, Beutel und Säcke mit ihren Farben und Zeichen waren adeliche italiänische Wapen.

[61] Vitaliano del Dente von Padua war ein berühmter Wucherer. Und der, welcher ironisch das Haupt aller Cavaliere genennt wird, war M.G. Bujamonte, der damals schändlichste Wucherer von ganz Europa.

[62] Bey dem Geschrey der Erynnen im 9ten Gesange.

[63] Die Poeten dichten, Geryon, König in Spanien habe dey Leiber gehabt, gewisse Ochsen mit Menschenfleische ernähret, und sey ein Ausbund von Arglist gewesen. Deswegen nennet Dante diese Bestie Geryon.

[64] Phaeton war ein Sohn des Apollo und der Clymene. Wegen des Vorwurfs, der ihm gemacht wurde, er sey kein Sohn der Sonne, bat er, aus jugendlichem Ehrgeize, nur einen Tag den Sonnewagen fahren zu dürfen, und die Welt zu erleuchten. Er erhielt die Erlaubnis und zugleich gehörigen Unterricht. Allein Phaeton wußte die feurigen Sonnenpferde nicht zu regieren. Sie wurden wild, giengen mit ihm durch, und Himmel und Erde geriethen in Verwirrung und Flammen, daher, auf Ansuchen der Erde, Jupiter ihn mit einem Donnerkeile erschießen mußte, und in den Po herabstürzte, damit die Welt nicht im Feuer aufgehen möchte.

Icarus war ein Sohn des Dädalus, die beide in dem von letzterm gebauten Irrgarten eingeschlossen wurden. Um daraus durch die Luft fortzufliegen, machte der Vater sich un dem Sohne mit Wachse zusammengefügte Flügel. Icarus flog, wider des Vaters Warnung, zu hoch gegen die Sonne, die ihm die Flügel schmelzte, daß er ins Meer herunter stürzte.

Bey Durchlesung dieses Gesangs richte man zugleich seine Gedanken auf die wahre Beschaffenheit eines arglistigen Betrügers überhaupt, sodann auf den ersten Anschein, und folgenden Zustand eines in die See gehenden Schiffes, ferner auf den ersten Anblick und das allmählige Bezeigen eines reichen Wucherers, wie auch auf den Zustand solcher Personen, die sich in der Verlegenheit befinden, welche sie nöthiget, entweder zu einem solchen wucherischen Thiere ihre Zuflucht zu nehmen, oder zu Schiffe ihr Heil zu versuchen. So zeigen die Worte dieses Gesangs viele Sachen zugleich an, und so, daß alle Ausdrücke diesen mehrern Sachen vollkommen angemessen sind. Und das heißt auf eine sinnreiche Art mit wenigem viel gesagt.


Gesang 18

Der Dichter beschreibt die Lage und die Gestalt des achten Kreises der Hölle, dessen Grund in zehn Abgründe eingetheilt ist, in denen die Betrüger gemartert werden. Hernach schildert er den ersten Abgrund, in welchem die Kuppler und die Verführer des Frauenzimmers von Teufeln grausam zerpeitscht werden. Von da gehen sie in den andern Abgrund, wo die Schmeichler in dem widrigsten Unflat sich eingeschlammt befinden.

In der Hölle ist ein Ort, der Malebolge heißt, und der, so wie sein ganzer Umkreis, rings herum ganz steinern und eisenfärbig ist. Gerade in der Mitten des verfluchten Gefildes prangt ein ziemlich weiter und tiefer Brunnen, dessen künstlicher Bau an seinem Orte beschrieben werden soll. Der ganze übrige Umfang also zwischen dem Brunnen und dem Aeußersten des hohen harten Ufers ist durchaus rund, und sein Grund ist in zehn feste Thäler abgetheilt.

So wie da die Aussicht beschaffen ist, wo, zu desto mehrerer Sicherheit der Mauern, feste Oerter mit Graben umgeben sind, die den Theil, den sie umgeben, desto fester machen - eben so zeigten sich hier diese Thäler. Und wie bey dergleichen Festungen von ihrem Boden an, bis ans Ufer heraus, sich kleine Brücken befinden - so giengen von dem Grunde dieses Felsens ganze Felsenstücke heraus, welche die dortigen Dämme und Graben bis zu dem Brunnen hin durchschnitten, der sie alle da abkürzt und an sich sammlet. Und an diesem Orte der Hölle war es, wo wir von dem Rückgrade Geryons uns abgeschüttelt befanden.

Virgilius hielt sich nun linker Hand, und ich gieng hinter ihm her. Rechter Hand sah ich abermals neuen Jammer, neue Martern, neue Henker, mit denen der ganze erste Abgrund angefüllt war. Im Grunde waren die Sünder nackend. Auf der Mitte disseits kamen sie uns mit dem Gesichte entgegen, und jenseits giengen sie, jedoch mit stärkern Schritten, mit uns.

So wie dort die Römischen Truppen am Jubeljahre das Volk über die nur erst [65] abgetheilte Brücke hinüberschaffen müssen, so, daß auf der einen Seite alle das Gesicht nach der Engelsburg hinwenden und nach der Peterskirche zu gehen, und die auf der andern Seite ihren Gang nach den Bergen zu nehmen - eben so sahe ich disseits und jenseits, hin und her auf diesen schwarzen Steinen gehörnte Teufel mit großen Geisselpeitschen auf diese hier von hinten zu loshauen. O! wie hoben sie schon bey den ersten Hieben die Beine auf, und da war wohl niemand, der die andern, vielweniger die dritten Streiche abwartete. Indem ich so gieng, stießen meine Augen auf Einen, daher ich sofort sagte: Schon der Anblick dieses Bösewichts sättigt mich. Um daher seine Gestalt recht einzunehmen, sah ich ihn starr an, und mein liebreicher Führer stand mit mir stille, und willigte darein, daß ich in etwas zurückgieng. Doch der Gegeißelte glaubte, sich verbergen zu können, und schlug das Gesicht nieder. Allein es half ihm wenig. Denn ich sagte zu ihm: Du, der du die Augen so niederschlägst, wenn deine äußerliche Gestalt nicht betrügt, so bist du Benedico Caccianimico. Allein was bringt dich zu so scharf gewürzten Speisen? - Ungern sage ichs, antwortete er mir. Deine helle Sprache aber zwingt mich, und macht, daß ich mich der alten Welt erinnere. Ja, ich war der, der die schöne Ghisola [66] dahin brachte, dem Marquis zu Gefallen zu leben, so verschieden die Erzählung der unreinen Neuigkeit auch klingt. Und ich bin nicht etwa der einzige Bologneser, der hier weinet. O nein! Dieser Ort ist vielmehr so voll davon, daß gegenwärtig gewiß so viel Zungen nicht seyn werden, die man zwischen Savena [67] und dem Rhein ein falsches Ja sprechen lehret. Und wenn du hiervon Beweis und Zeugniß verlangst, so führe dir nur unsern geizigen Busen zu Gemüthe. Indem er so redete, gab ihm ein Teufel mit seiner höllischen Knute einen schrecklichen Hieb und schrie: Fort, Kuppler, hier giebts keine Weibsbilder für geprägtes Metall. Ich eilte, daß ich wieder zu meinem Begleiter kam. Hierauf kamen wir mit wenigen Schritten an einen Ort, wo ein Felsenstück von dem Ufer herausgieng. Da stiegen wir ziemlich leicht hinauf, wo wir uns auf einem Absatze davon rechtshin wandten, und aus den ewigen Laufkreisen uns fortmachten. Als wir an den Ort kamen, wo der Felsen unten weit ausgeschweift ist, damit die Gestäupten da vorbey gehen können, sagte mein Führer: Halt ein wenig an, und mache, daß du jene Ausgearteten auch zu Gesichte bekommst, denen du noch nicht hast in die Augen sehen können, weil sie mit uns nach einer Richtung gegangen sind.

Von der alten Brücke sahen wir den Zug, der auf der andern Seite auf uns zu kam, und den die Peitsche gleichergestalt zerschlägt. Siehe, sagte mein guter Lehrer, ohne daß ich ihn darum fragte, siehe den Großen, der da kömmt, und vor heftigem Schmerze keine Thräne zu vergießen scheint, welch ein königliches Ansehen hat er nicht noch! Das ist der Held [68] Jason, der, so beherzt als klug, die Colchier um das goldne Vlies brachte. Er zog durch die Insel Lemnos, als die wilden und unbarmherzigen Weiber alle ihre Männer dem Tode aufopferten. Daselbst betrug er mit Liebkosungen und mit zierlichen Worten Hysiphilen [69], diese junge Schöne betrog er, die vorher alle andre ihres Geschlechts betrogen hatte. Schwanger und ganz allein verließ er sie daselbst. Und ein so großes Verbrechen verdammt ihn zu einer so heftigen Marter; so wird auch noch wegen Medeen [70] Rache an ihm ausgeübt. Mit diesem gehen daselbst und leiden alle, die auf solche Weise betrogen haben. Und dieses mag gnug seyn, von dem ersten Abgrunde, und von denen zu wissen, die er in seinem Rachen eingeschlossen hält.

Schon waren wir da, wo der enge Weg den andern Damm durchkreuzet, und mit diesem in einen zweyten Bogen zusammengeht. Hier wurden wir Leute gewahr, die in den andern Abgrund ganz krumm zusammengebeugt hinein ächzten und wehklagten, mit dem Munde vor Zorn schnaubten, und sich selbst mit den flachen Händen zerschlugen. Die Ufer waren, von dem Hinunterathmen, ganz wie mit Schimmel überzogen, der sich daselbst fest anlegt, und mit den Augen und der Nase den widrigsten Streit verursacht. Der Grund ist so tief, daß hier kein Ort besser zum Sehen ist, als wenn man vorne auf den Rücken des Bogens hinauf steigt, wo die Klippe weiter hervorsteht. Hier machten wir uns also hin, und da sah ich unten in dem Graben Volk in einen Unflath hineingesenkt, der von jenem Geheimen der Menschen dahin gebracht zu seyn schien. Indem ich da unten mit den Augen so herumsuchte, sah ich einen mit einem Kopfe, der so voll von dergleichen Unreinigkeit war, daß man nicht erkennen konnte, ob es der Kopf eines Layen oder eines Pfaffen war. Dieser schalt und schrie auf mich zu: Warum bist du so begierig, mich mehr, als die andern Unfläthigen, zu betrachten? Weil ich, war meine Antwort, dich schon mit den trocknen Haaren gesehen habe; denn du bist Alessio Interminci von Lucca, und darum sehe ich auf dich mehr, als auf alle die andern. Hierauf schlug er sich vor die kahle Stirne und schrie: O! hier herunter haben mich die verdammten Schmeicheleyen versenkt, deren meine Zunge nie müde werden konnte!

Nach diesem sagte mein Lehrer zu mir: Nun richte dein Gesicht ein wenig weiter vor, so, daß du mit deine Augen noch das Angesicht jener unfläthigen Dirne mit den zerstreuten Haaren recht beschauest, die sich dort mit den unreinen Nägeln die Haut zerkratzet, und bald vorwärts, bald seitwärts sich verbeugt, bald wieder aufgerichtet steht. Thais ist die Hure, die ehedem ihrem Buhler für sein Geschenk, und blos aus Schmeicheley, und aus Begierde nach mehreren Geschenken, allen nur ersinnlichen, ja den allerzärtlichsten Dank abstatten ließ. Und hiermit mag das Verlangen unsrer Augen für diesmal gestillt seyn.

Anmerkungen

[65] Dieß geschah im Jahre nach Christi Geburt 1300. an dem ersten allgemeinen Jubelablaßjahre, auf Befehl Pabsts Bonifacius des Achten, damit das Volk im Begegnen nicht wider einander laufen, und in Unordnung und Aufstand gerathen möchte.

[66] Ghisola war des Caccianimicos leibliche Schwester, die er zur Unzucht mit Obizzo da Esti, Herrn zu Ferrara, vorzüglich durch Geld und durch die falsche Versicherung, der Marquis wolle sie zur Gemahlinn nehmen, endlich verleitete.

Was kann das Laster nicht erzwingen,
Wenn es die Hoheit unterstützt!
- Gellert.

[67] In Bologna und ihrem Gebiete, wo man Sipa für Si spricht.

[68] Jason war ein Prinz Aesons, Königs in Thessalien, der mit dem schönen Schiffe Argus, und von den vornehmsten Griechischen Helden begleitet, nach Colchos segelte, um das goldne Vlies zu erobern, welches daselbst in einem Walde von grausamen Stieren und einem großen Drachen bewacht und verwahret wurde. Bey seiner Ankunft machte er so fort Freundschaft mit des Königs Aetha Prinzessinn, der Medea. Diese war eine große Zauberinn, und machte, aus Liebe zum Jason, die Ungeheuer schlafend, der alsdenn den Colchiern ihren Schatz raubte, mit der Medea floh, und sie zu seiner Gemahlinn nahm.

[69] Hysiphile war Königinn von Lemnos, wo die Weiber aus Eifersucht, und um die Untreue ihrer Männer zu bestrafen, und sich ihrer Tyranney zu entziehen, sie alle, kraft einer allgemeinen Mordverschwörung, umbrachten: Allein das Leben des Königs Toas, ihres Vaters, rettete diese Prinzessinn, und machte seinen Tod so wahrscheinlich, daß alle ihres Geschlechts glaubten, er sey auch ermordet. Und eben diese Königinn war die junge Schöne, die Jason besuchte, und die ihm Zwillinge gebahr, aber betrügerisch von ihm verlassen wurde.

[70] Rache wird wegen seiner Untreue an ihm ausgeübt, die er an Medeen dadurch begieng, daß er nach Korinth gieng, und sich mit des Königs Creon Prinzessinn, der Creusa, vermählte.


Gesang 19

Dante findet in dem dritten Abgrunde die Simonisten, die auf den Köpfen stehen, und bis an die Beine in die Erde versunken sind, und deren Fußsohlen wie Flammen brennen. Nachdem er durch das Gespräch, das er daselbst mit einem Pabste hält, sich in etwas verweilet, so wird er vom Virgilius dafür in den folgenden Abgrund getragen.

O! wehe dir, Simon, du Zauberer! [71] o! wehe euch allen, ihr seine elenden Nachfolger! Die heiligen Sachen des allerhöchsten Gottes sollen das Eigenthum rechtschaffener Gerechten seyn; und ihr seyd es, die ihr, raubgierig nach Gold und nach Silber, durch Kaufen und Verkaufen sie schändet! So muß denn wohl über euch die Posaune des Gerichts itzt erschallen, da ihr euch in dem dritten Abgrunde befindet. Denn wir waren schon auf der Seite des Felsensstücks, das gerade mitten über den Graben wegliegt, zu der folgenden Gruft hingestiegen.

Höchste Weisheit! wie groß, wie wunderbar ist nicht die Einrichtung aller deiner Werke, die du im Himmel, auf Erden, und in der Hölle offenbarest! Und mit welcher Gerechtigkeit vergilt nicht deine Allmacht!

Ich sah auf den Seiten und im Grunde den ganzen schwarzgelblichten Steinfelsen voller Oeffnungen von einer gewissen Breite, und die alle rund waren. Sie schienen mir nicht weiter, auch nicht größer zu seyn, als die in meiner schönen Johanniskirche für die Priester gemacht sind, die da taufen müssen. und wovon ich nur vor wenig Jahren eine mit Gewalt zerbrach, weil ein unvorsichtiger Mensch darinnen ersaufen wollte; und o! möchte dieses Siegel einen jeden Menschen aus seinem Irrthume herausreissen! - Aus einer jeden Oeffnung ragten einem jeden Sünder die Füße bis an die Schenkel heraus, und das andre alles steckte darinnen. Allen und jeden brannten beide Fußsohlen wie höllisches Feuer, daher sie in den Beinfugen hin und her so starke Bewegungen machten, daß sie alle Bande von sich losgerissen haben würden. Und wie das Flammen eines brennenden mit Oehl getränkten Körpers sich oben die äußerste Spitze hindurch zu bewegen pflegt - eben so gieng hier an ihren Füßen die flammende Bewegung von den Fersen die Zehen hindurch.

O! wer ist der, mein Lehrer, sagte ich, der sich dort so abängstiget, und die Bewegungen weit stärker, als seine andere Collegen, treibt, den auch eine weit röthere Flamme zu verzehren scheint? - Wenn du willst, erwiederte er, daß ich dich dort über jenes Ufer, welches niedriger liegt, hinunter tragen soll, so sollst du durch ihn selbst von ihm und von seinem verkehrten Wesen alles erfahren. O! wie lieb, sagte ich, ist mir alles, was dir nur gefällt. Du bist Herr, und weißt, das ich von deinem Willen mich nicht entferne, so weißt du auch wohl, was verschwiegen wird. Hierauf kamen wir auf den vierten Damm. Wir wandten uns, und stiegen endlich linker Hand in den öffnungsvollen und zusammengezwängten Grund hinab. Und noch ließ mich der gute Lehrer von seiner Seite nicht herunter, bis er mich an die Oeffnung des so zu Grunde gerichteten hingebracht hatte, der mit seinen Füßen einen so großen Jammer trieb.

O! wer du auch seyst, fing ich sogleich an, der du das Oberste zu unterst kehret, und wie ein eingestoßener Rebenpfahl da stehst, traurige Seele, wenn du kannst, o! so rede. Hierauf stellte ich mich hin, wie der Beichtvater eines Meuchelmörders, wann er von diesem, der mit dem Kopfe schon in seinem [72] Begräbnißloche steckt, noch etwas zu beichten, wiedergerufen wird, um den Tod hierdurch zu hintertreiben. Und er schrie: Bist du schon da? - Stehst du schon fertig, Bonifacius? - So hat mich doch jene Schrift [73] um einige Jahre belogen! Wie ist aber deine Haabsucht so bald gesättiget, um welcher willen du kein Bedenken trugst, die schöne Heilige so betrügerisch an dich zu reissen, und sie hernach so schändlich zu Grunde zu richten?

Hier stand ich, wie zuweilen Personen da stehen, die nicht hören, was ihnen geantwortet wird, und, wie ganz beschämt, nicht wissen, was sie wieder antworten sollen. Darauf sagte Virgilius: Geschwind sage ihm: Ich bin der nicht, ich bin der nicht, für den du mich hältst. Und ich antwortete, wie mir es gesagt und befohlen ward. Daher verdrehte der Geist alle Gelenke seiner Füße, seufzte hierauf und sagte mit einer recht kläglichen Stimme zu mir: Was verlangst du also von mir? Ist dir so viel daran gelegen zu wissen, wer ich sey, daß du darum das Ufer herab gekommen bist, so wisse, daß ich ehedem mit dem großen Mantel bekleidet gewesen bin. Ich war der Sohn einer [74] Bärin, und so begierig, die jungen Bäre in die Höhe zu bringen, daß ich endlich über der Begierde, dort und hier mich so verkehrt in die Höhe brachte. Die andern, die meine Vorgänger und Simonisten waren, sind unter meinem Haupte durch die Spalte des Felsens gezogen Herfra:und verborgen worden. Und in diese Grube werde ich ebenfalls herunter gezogen fallen, wenn der kommen wird, für den ich dich hielt, als ich so plötzlich jene Frage an dich that. Allein es ist schon eine längere Zeit, daß mir die Füße feuern, und daß ich so auf dem Kopfe umgekehrt stehe, als er nicht mit den glüenden Füßen in die Höhe angepflanzt stehen wird. Denn nach ihm wird von Morgen her ein mit weit häßlichern Unthaten befleckter [75], ein gesetzloser Hirte, kommen, so wie derjenige seyn muß, der ihn und mich mit seiner Stelle wieder bedecken soll. Ein neuer Jason wird er seyn, von dem man in den Maccabäern lieset [76]. Und so wie diesem sein König sich gefällig erwies, so wird sich gegen jenen derjenige verhalten, welcher Frankreich beherrschet.

Ich weiß nicht, ob ich vielleicht hier zu thöricht handelte, daß ich ihm doch auf diese Art antwortete: Wohlan denn, so sage mir itzt: Wie viel Schätze verlangte unser Herr und Heiland anfänglich vom heiligen Petrus, daß er ihm die Schlüssel in seine Verwaltung übergab? Gewiß nichts weiter, als dieses: Folge mir nach. Und weder Petrus noch die andern foderten vom Matthias Gold oder Silber, als er an die Stelle, die jene verrätherische Seele verlor, erwählet wurde. Darum so stehe und leide deine harte, aber gerechte Strafe, und betrachte die ungerecht geraubte Münze wohl, die dich wider Carln so tollkühn aufbrachte [77]. Und hielte mich nicht noch die Ehrfurcht gegen die heiligen Schlüssel, die du in deinem vergnügten Leben geführet, zurück, 138 so würde ich mich noch weit nachdrücklicherer Worte bedienen. Denn euer Geiz betrübt die Welt und macht sie noch ärger. Ihr tretet die Guten mit Füßen, und hebet die Bösen in die Höhe. Euch, euch Hirten sah der Evangelist, als ihm im Geiste die Hure gezeiget ward, die auf den Wassern sitzet, und mit den Königen Hurerey treibet; als er das Weib auf dem Thiere sahe, das mit den sieben Köpfen zur Welt kam, und von den zehn Hörnern seine Kraft und Stärke hatte, bis diese Hurerey, der Geiz, endlich gar, als eine Tugend, ihrem Manne gefiel. Von Golde und von Silber habt ihr euch euren Gott gemacht. Und was ist bey euch anders, als Abgötterey, außer, daß der Abgötter im Verhältnisse gegen euch, nur einen Götzen, ihr aber mehr, als hundert, anbetet? Ach! Constantin, Constantin, o! wie ward, nicht etwa deine Bekehrung, nein, sondern die Mitgabe, die von dir der erste reiche Vater nahm, o! wie ward die einen unglückliche Mutter so vieler und großer Uebel! -

Als ich ihm nun diese Noten so vom Blatte wegsang, so weiß ich nicht, ergrimmte er, oder schlug ihm das Gewissen, so heftig stieß er mit beiden Füßen um sich. Ich glaube wohl, daß es meinem Lehrer gefiel, mit einem so zufriedenem Gesichte bemerkte er allezeit den Ton der wahren Ausdrücke und Worte. Darum umfaßte er mich mit seinen beiden Armen, und als er mich ganz oben an seine Brust hinauf gezogen hatte, stieg er wieder den Weg hinauf, den er herunter gestiegen war. Er wurde auch nicht müde, daß er mich so fest an sich druckte, bis er mich über den Gipfel des höllischen Bogens gebracht hatte, wo der Weg von dem vierten zum fünften Damm hinübergeht. Hier setze er die getragene Last sanft nieder, sanft, wegen der unebenen, steilen und hohen Klippen, die selbst für Gemse ein harter und saurer Weg seyn würden. Und hier war es, wo meinen Augen sich schon wieder ein neues Jammerthal entdeckte.

Anmerkungen

[71] Siehe das achte Kapitel der Apostelgeschichte.

[72] Dieses bezieht sich auf eine alte Gewohnheit, nach welcher die Meuchelmörder lebendig begraben, und mit den Kopfe zuerst in ihr Grabloch versenkt wurden. Mithin mußten die Geistlichen bey einer solchen Execution sich mit dem Kopfe tief gegen die Erde bücken und dergleichen Stellung annehmen, damit sie und die Delinquenten einer den andern hören und verstehen können.

[73] Eine cabalistische Schrift von der Zeit seines Todes.

[74] Dieser Höllenbürger war weiland Ihro päbstliche Heiligkeit, Nicolaus der Dritte, aus dem Geschlechte der Ursini, deutsch, der Bäre, von Rom. Und dieser Pabst erwartete seinen Amtsbruder, auch einen heiligen Vater, Bonifacius den Achten, der den Pabst Celestin listig und betrügerisch überredet hatte, wieder abzudanken, weil er selbst Pabst werden, und sich recht bereichern wollte. O! mochte doch ein jeder Pabst, statt des widerchristlichen und unmenschlichen Ketzereifers, statt herrschsüchtiger Excommunicationen, und statt einer irrigen und nur gewinnsüchtigen Unfehlbarkeit, sich und der ganzen Kirche zum Besten, vorzüglich rufen und bitten:

Verwünscht sey so ein Schatz! Verflucht sey der Gewinn,
Durch den ich reich, als Thor, reich, als ein Räuber bin!
Bestraf mich nicht, o Gott, mit Schätzen dieser Erden,
Um ein Unseliger, um einst verdammt zu werden!
- Gellert.

[75] Dieser Unmensch, hernach das sichtbare Oberhaupt der Römischen Kirche, war Clemens der Fünfte, von Geburt ein Gascogner, der Erzbischoff zu Bourdeaux war, und durch die Staatsränke des Cardinals Prato, und durch Vermittelung Philipps, der Schönen, Königs in Frankreich, zum Pabst erwählet wurde.

[76] Von diesem ehrgeizigen, simonischen und heydnischen Unthiere findet man in dem 2ten Kap. des 2ten B. der Maccabäer eine nähre Beschreibung.

[77] Pabst Nicolaus war Freywerber bey Carln dem Zweyten, Könige von Sicilien, und hielt für einen seiner Neffen um eine königliche Prinzessinn an. Allein der heilige Vater bekam abschlägliche Antwort. Dieß brachte ihn so wider ihn auf, daß er Carln, der sich noch immer vor den Bannstralen furchte, zwang, sich von der Würde einen römischen Senators, und von dem Reichsvicariate über Toscana loszusagen, und daß er überdieß, durch seine Einwilligung zur Rebellion wider Carln, das Unglück der sogenannten Sicilianischen Wesper beförderte.

Und so wäre dann, nach dieser Danteischen Cantate, die Hure der Misbrauch der päbstlichen Würde, die Hurerey der Geiz und die Geldbegierde, das siebenköpfigte Thier das siebenbergigte Rom, das Weib die gemisbrauchte ursprünglich an und vor sich gute römischcatholische Kirche, und ihr Mann der Pabst! -

Und so entzog Dante einem rechtschaffenen Pabste nie seine Verehrung, sondern eiferte nur wider unwürdige Päbste, die, durch Misbrauch ihrer eigenen Religion zur Befriedigung ihrer geizigen, herrschsüchtigen und ungeistlichen Begierden und Absichten, die alte reine christliche Religion verunstalteten und schändeten. Und eine solche widerchristliche Lebensart muß selbst ein jeder rechtschaffener Catholik verabscheuen, so wie solche auch in den andern Religionen ein jeder wahrer Christ äußerst verabscheuen muß.


Gesang 20

Dante siehet in dem vierten Abgrunde die Wahrsager, welche klagend und seufzend herumwandeln, und, weil ihr Gesicht gegen die Lenden herumgedrehet ist, gezwungen sind, rückwärts und hinter sich zu gehen. Virgilius zeiget ihm einige von solchen Verdammten, und unter andern die Manto, und erzählet ihm, wie von dieser Thebanerinn die Stadt Mantua ihren Ursprung und Namen habe. Endlich setzen sie ihre Reise weiter fort.

Ich fahre fort, neue Martern zu singen. Trauriger Stoff zu dem zwanzigsten Gesange dieses tragischen Gedichts von der Hölle!

Ich stand schon ganz fertig, meine Betrachtungen in dem neuentdeckten Jammerthale anzustellen, das von ängstlichen Thränen überschwemmt war. Da sah ich Volk in dem rund herumgehenden Abgrunde, stillschweigend und weinend, Schritt vor Schritt, gleich geistlichen Proceßionen in dieser Welt, daher gezogen kommen. Als meine Augen weiter in die Tiefe auf sie hinunter giengen, so nahm ich wahr, daß ein jeder auf eine wunderbare Art vom Kinn bis ans Hintergesäße herumgedrehet war. Das Gesicht stand also hinten bey den Lenden und umgekehrt, und daher mußten sie, so verkehrt, rückwärts gehen, weil ihnen das Vermögen, vor sich zu sehen, entrissen war. Von der reissenden Gicht vielleicht möchte irgend einmal jemand sich so ganz verdrehet haben, wiewohl ich keinen so gesehen habe, auch nicht glaube, daß ein solcher in der Welt sey. Wenn, mein Leser, wenn dir Gott die Gnade schenkt, daß du aus deinem Lesen Nutzen schöpfest, o! so denke selbst nach, ob ich wohl ein trockenes Gesicht behalten konnte, als ich unsre menschliche Gestalt dermaßen verdrehet sah, daß die Thränen der Augen ihr an den Hinterbacken herab und hinunter flossen.

Ich hatte mich also an eines von der Stücken der harten Felsenklippe angelehnet, und weinte gewiß recht bitterlich, so, daß mein Begleiter zu mir sagte: Bist du auch einer von den Thoren? - Hier lebt das Mitleiden, wann es gänzlich erstorben ist. Wer ist wohl ein größerer Bösewicht, als derjenige, welcher bey dem gerechten Gerichte Gottes seine Leidenschaft zeigt? Richte den Kopf in die Höhe, richte dich auf, und siehe, dort ist der, den zu verschlingen, sich vor den Augen der Thebaner die Erde aufthat, daher alle schrien: O! wo fährst du hin, Amphiaraus [78], warum lässest du den Krieg? Allein er stürzte demohngeachtet bis zum Minos hinunter, da, wo sein Gericht einen jeden Sünder ergreift. Betrachte nur, wie er die Schulter zur Brust gemacht hat. Er wollte zu viel vor sich hinsehen, und darum sieht er nun hinter sich, und muß folglich auch rückwärts gehen. Siehe, da ist [79] Thiresias, dessen äußerliche Gestalt sich verwandelte, als, nach Veränderung aller seiner Glieder, er aus einem Manne zum Weibe wurde. Und hernach mußte sie die beiden Schlangen, die sich umschlungen hatten, erst mit der Ruthe wieder schlagen, ehe sie das männliche Gefieder wieder erlangte. Jener dort, der den Bauch hinterwärts trägt, ist Aront [80]. Auf dem Lunischen Gebürge, wo der Carrareser, welcher unten wohnet, das Feld bauet, wohnte er zwischen weissen Marmorsteinen in seiner Höle, und hatte folglich, wegen der Höhe, den Vortheil, daß zur Beobachtung der Sterne und des Meeres seine Aussicht vorzüglich frey war. Und jene da, welche die Brüste, die du nicht siehst, mit den ausgeflochtenen Haaren versteckt, und eine ganz haarigte Haut hat, ist die ehemalige Manto, die viele Länder durchwanderte, und sich endlich da setzte, wo ich gebohren ward. Daher sähe ichs gerne, wenn du mir ein wenig zuhören wolltest.

Als ihr Vater gestorben war, und die Geburtsstadt des Bacchus in die Sklaverey gerieth, so zog sie eine geraume Zeit die Welt durch. Oben in dem schönen Italien liegt unter den Alpen ein See, der oberhalb Tirol Deutschlande seine Grenzen setzt, und den Namen Benaco führet. Durch mehr, als tausend Quellen, glaube ich, daß er zwischen Garda und dem Thale Camonica und dem Appenninischen Gebirge sich mit ihren Wassern bewässert, die in diesem See stehen bleiben. Dort ist in der Mitte ein Ort, den, wegen seines würdigen Regenten, der Tridentinische und der Brescianische und der Veronesische Bischoff, so oft sie ihren Weg dadurch nehmen, zeichnen und segnen könnten. Peschiera, ein schöner und fester Ort, liegt daselbst als eine Grenzfestung gegen die Brescianer und Bergamasker, von wannen rings herum das Ufer sich immer weiter hinabsenkt. Und hier ist es, wo alles Wasser, das in dem Benaker Schooße nicht bleiben kann, hinabfällt, und durch die grünen Wiesen hinunter einen Fluß macht. Wo nun das Wasser seinen Lauf anfängt, da heisset es nicht mehr der See Benaco, sondern der Fluß Mincio bis bey Governo hin, wo er in den Po fällt. Allein sein Lauf erstreckt sich nicht weit, so findet er eine große Ebene, wo er sich ausbreitet, und einen Sumpf macht, der im Sommer zuweilen von trauriger Wirkung zu seyn pflegt. Hier nun sah, im Vorbeyreisen, das rohe und wilde Mägdchen mitten auf dem unbebauten Sumpfe trockenes Land. Und eben hier, um allen menschlichen Umgang zu vermeiden, blieb sie mit ihren Leuten, und trieb ihre Künste; da lebte sie, und hier hinterließ sie auch ihren entseelten Körper. Hernach kamen die Menschen, die da herum zerstreuet wohnten, auf diesem Platze zusammen, der wegen des Sumpfes, welcher ihn auf alle Seiten umgab, ein überaus fester Ort war. Und da, auf diesen Todtenbeinen, bauten sie eine Stadt, und nennten sie, ohne alles anderweitige Wählen, Mantova, nach dem Namen derjenigen, die diesen Ort zuerst gewählet hatte. Vormals war sie weit volkreicher, ehe [81] der einfältige von Casalodi sich vom Pinamonte so hintergehen ließ. Darum erinnere ich dich nur noch, woferne du jemals den Ursprung meines Vaterlandes auf eine andre Art ableiten hörest, daß keine betrügliche Lügen der Wahrheit nachtheilig seyn möge.

Mein Lehrer, fieng ich hierauf an, deine Reden haben meinen Beyfall und Glauben so vollkommen, daß alle andere mir so unkräftig, als todte Kohlen, vorkommen würden. Allein sage mir nun auch, ob du nicht unter dem Volke, das da so herumgehet, etwa Einen siehst, der bemerkenswürdig ist; denn nur dieses Einzige ists, was meinen Verstand beschäfftiget.

Der da, sagte er mir hierauf, dessen Bart von den Backen bis auf die schwarzbraunen Schultern hinabgeht, lebte zu der Zeit [82], als Griechenland von männlichem Geschlechte dergestalt entblößt ward, daß kaum die Wiegen noch damit besetzt blieben, und war der berühmte Wahrsager, der mit dem Chalcas damals den Zeitpunkt bestimmte, in welchem das erste Ankerseil losgehauen werden mußte. Euripilus hieß er. Und also singt ihn mein tragisches Heldengedicht in einer Stelle. Du weißt diese Stelle wohl; denn du weißt das ganze Gedicht. Der andre dort, der in den Seiten so schmächtig ist, war Michael, der Schotte [83], der das Gaukelspiel der magischen Betrügereyen vollkommen verstand. Da ist der Sterndeuter, Guido Bonatti. Dort ist der Sterndeuter Asdente, der nunmehr wünschte, daß er bei dem Leder und Schuhdrate geblieben wäre, aber es itzt zu spät bereuet. Hier sind die elenden Kreaturen, die Nadel und Spule und Spinnrocken verließen und Wahrsagerinnen wurden, und mit Kräutern und Bildern Hexerey und Zauberey trieben. Allein nunmehr komm! Denn schon neigt sich der Mond, der gestern bereits voll schien, an den äußersten Grenzen der beiden Halbkugeln zu seinem Untergange, und berührt mit seinem Scheine bereits unter Sevilien die Wellen des occidentalischen Meeres. Du mußt dich auch hierbey wohl erinnern, daß dir der Aufgang der Sonne dort in dem dichten Walde keinen Schaden brachte. Also sprach er zu mir, und wir giengen unterdessen immer weiter fort.

Anmerkungen

[78] Amphiaraus war einer von den sieben Königen, die Theben belagerten, und zugleich ein berühmter Wahrsager.

[79] Thiresias war ein Wahrsager aus Theben, der in einem Walde zwo Schlangen fand, die sich umschlungen hatten, sie mit einer Ruthe schlug, und im Schlagen in ein Frauenzimmer verwandelt wurde. Nach sieben Jahren fand er eben daselbst die Schlangen wieder, schlug sie wieder so, und ward wieder zu einer Mannsperson.

[80] Aront war ein berühmter Toskanischer Wahrsager.

[81] Pinamonte aus einer reichen und mächtigen Familie überredete den Grafen Albert von Casalodi, daß er, um die Gunst des Volkes wieder zu erhalten, den Adel aus ganz Mantua fortjagte. Hierauf warf sich Pinamonte verrätherisch zum Oberhaupte des Volks auf, und verjagte Alberten mit seinem ganzen Geschlechte, und machte sich zum Herrn und Tyrannen daselbst.

[82] Als das große und schreckliche Kriegsheer der Griechen in dem Meerhafen Aulis sich wider Troia versammlete, dessen Aufbruch verschiedene Hindernisse verzögerten, bis endlich die Wahrsager die Zeit bestimmten, da das erste Schiff, worinnen sich Agamemnon befand, auslaufen mußte, dem alsdenn die ganze erstaunende Flotte von mehr als tausend Schiffen folgte.

[83] Dieser war ein recht verschmitzter und abgefeimter Sterndeuter des Kaisers Friedrichs, des Zweyten.


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