Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Lebrecht Bachenschwanz - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

Dante beschreibt seine Verirrung in einem schrecklichen Walde. Gegen frühen Morgen kommt er an einen Berg. Auf diesen will er hinaufsteigen, wird aber von einigen wilden Thieren daran verhindert. Indem er vor dem einen Thiere fliehet, findet er da den Virgilius. Dieser spricht mit ibm, erbietet sich, ihn zu seiner Errettung durch die Hölle und durch das Fegfeuer zu führen, und versichert ihn, daß er alsdenn auch ins Paradies geführet werden solle, worauf er und sein Führer endlich diese große Reise unternehmen.

Mitten in der Hälfte menschlicher Lebenszeit befand ich mich in einem düstern und grausen [1] Walde, weil ich mich von dem rechten Wege verirret hatte. Und so schwer es ist, zu sagen, wie dieser wilde, rauhe und starke Wald eigentlich war, dessen Angedenken Furcht und Schrecken wieder in mir erneuert - eben so schmerzhaft ist es, und nur der Tod wird wenig schrecklicher seyn.

Allein um des Guten willen, so ich da fand, will ich andere Sachen erzählen, die ich daselbst erfahren habe.

Ich weiß zwar nicht zu sagen, wie ich eigentlich hinein gekommen war, so voll Schlafs muß ich eben da gewesen seyn, als ich den rechten Weg verfehlte. Allein so bald ich endlich unten bey einem Hügel angelanget war, da, wo sich das Thal endigte, welches mein Herz so lange mit Furcht und Angst gefoltert hatte, sah ich in die Höhe, und ward gewahr, daß die Strahlen der Sonne, die einen doch überall aufrecht und sicher führet, bereits die Spitzen desselben umglänzten. Hierauf ließ die Furcht in etwas nach, welche die ganze Nacht hindurch mit so bangem Schmerze mir am Herzen gelegen hatte.

So wie einer, der unter todesängstlichen Athmen und Aechzen sich aus dem Meere bis ans Ufer herausgearbeitet, da nach den gefährlichen Fluthen noch einmal sich umkehret und hinsieht - so sah mein immer noch schüchterner Geist zurück, um den Weg noch einmal uu betrachten, der noch nie jemanden lebendig durchgelassen hat.

So bald mein abgematteter Körper nur etwas ausgeruhet hatte, setzte ich meinen Weg durch die wüste Gegend wieder fort, so, daß ich beständig bergan steigen mußte. Und auf einmal erblickte ich da an dem Fuße des Berges ein leichtes und flüchtiges buntschäckigtes Panterthier. Dasselbe wandte kein Auge von mir. Es hinderte mich vielmehr so seh im Fortgehen, daß ich mich schon zu verschiedenen Malen umgewandt hatte, wieder zurück zu kehren. Das war am frühen Morgen, und da die Sonne in Begleitung jener Stern aufgieng, die sich bey ihr befanden, als die göttliche Liebe im Anfange allen den schönen Sachen ihr Daseyn schenkte. Und so gab das anmuthige Fell dieses wilden Thieres, die frühe Morgenstunde und die angenehme Jahreszeit mir doch Anlaß, etwas Gutes zu hoffen, als eben da der unvermuthete Anblick eines Löwens neue Furcht bey mir erregte. Es war, als wenn derselbe mit aufgerecktem Kopfe, und mit einer so grimmigen Freßbegierde auf mich loskäme, daß sogar die Luft darüber sich zu entsetzen schien. Ja, eine im höchsten Grade gierig scheinende, und ganz ausgehungerte Wölfinn, die schon so vielen das Leben vergället hatte, diese machte mit ihrem gräßlichen Anblicke mir das Herz dermaßen schwer, daß ich alle Hoffnung, den Berg hinan zu kommen, gänzlich aufgab.

So wie einen, der gerne erwirbt, zu der Zeit zu Muthe ist, da er verliert, daß, so zu reden, jeder Gedanke in ihm weinet, und sich betrübet - so unruhig und ängstlich machte mich dieses Thier, welches, da es auf mich zu kam, mich nach und nach zurück, und wieder in ein sonnenloses Thal hinunter trieb. Indem ich so hinuntertaumelte, bekam ich Einen zu Gesichte der, vermuthlich, weil er lange nicht geredet, wie heisch zu seyn schien. So bald ich den in der großen Wüsteney erblickte, schrie ich ihm zu: O crbarme dich über mich! - du rnagst seyn, wer du willst, ein Geist, oder ein natürlicher Mensch.

Kein Mensch mehr, antwortete er mir, aber ein Mensch gewesen. Meine Aeltern waren aus der Lombardey, und beyde gebürtig aus Mantua. Ich ward fast zu Ende der Regierung des Julius Cäsars gebohren, und lebte in Rom zu Zeiten des gütigen Augusts, und zur Zeit der heydnischen falschen Götter. Ich war ein Dichter, und besang den frommen Sohn des Anchises, da er von Troja kam, als das stolze Ilion gänzlich eingeäschert war. Allein, sage mir, warum gehst du so ängstlich zurück? - Warum steigst du nicht vielmehr auf den anmuthigen Berg hinauf, welcher der eigentliche Sitz und Inbegriff aller Lust und Freude ist? -

Du bist also, antwortete ich ihm ganz bestürzt und ehrerbietig, Virgilius! - die Quelle der Wohlredenheit, die sich in so reichen Strömen ergießt? - O du Zierde und Glanz aller Dichter! Dank sey dem unabläßigen Fleisse, Dank sey der großen Liebe, die mich deine Werke haben durchstudiren lassen! Du bist ja mein Lehrer! Dich habe ich ja zu meinem Muster erwählt! Du allein bist ja der, von dem ich die schöne Schreibart erlernet habe, die mir Ruhm und Ehre gebracht hat! - Siehe das Thier da hat gemacht, daß ich wieder umgekehret bin. Mache mich doch, o du weltberühmter Weise, von ihm frey! denn ich zittere und bebe, und kann kein Glied dafür stille halten.

Wenn du, antwortete er, da er mich weinen sah, aus diesem wilden und wüsten Orte wieder heraus willst, so mußt du einen ganz andern Weg nehmen. Denn das Thier, vor welchem du so schreyst, läßt keinen bey sich durch. Es verhindert ihn vielmehr so lange, bis es ihn endlich gar umbringt. Hiernächst ist es von so verderblicher und bösartiger Natur, daß es seine unersättliche Freßgiek nun und nimmermehr stillt, ja, daß ihm vielmehr nach dem Fressen der Hunger erst recht, und noch weit toller ankömmt, als zuvor. Die Menge der Thiere, mit denen es sich beläuft, ist bereits groß, und wird noch größer werden, ehe der Jagdhund [2] kömmt, der die Bestie erbärmlicher Weise umbringen wird. Dieser wird seine Weide keinesweges im Jrrdischen suchen. Nein, Weisheit, Liebe und Tugend wird seine Speise seyn. Er stammt aus dem Feltrinischen, und wird dem Niedritalien, dem zu Liebe die junge Camilla, Eurialus, Turnus und Nisus schmerzhaft an ihren Wunden starben, Heil und Seegen bringen. Er ist es, der dieses Unthier überall, und so lange herumjagen wird, bis er es endlich wieder hinunter gestürzt hat, hinunter in die Hölle, von dannen es der Neid zuerst herauf gebracht hat- Also finde ichs zu deinem Besten für rathsfam,du folgest mir.Ich will dein Führer seyn, und dich von hier aus durch die Ewigkeit führen. Da sollst du die eigentlichen Geräusche der Verzweiflung hören. Da wirst du jene schon lange lange trautrenden Geister erblicken, die alle nach einem zweeten Tode schreyen und seufzen. Da sollst du hernach auch diejenigen sehen, die mitten in den Flammen dennoch zufrieden sind, weil sie die Hoffnung haben, es währe so lange als es wolle, doch endlich einmal zu der seligen Schaar zu gelangen. Willst du alsdenn aueh zu dieser hinaufsteigen, so wird es an einer hierzu würdigern Seele, als ich bin, nicht ermangeln. Mit selbiger muß ich dich lassen, und mich entfernen. Denn der Monarch, der dort oben herrschet, und dessen Gesetze ich entgegen gewesen bin, will nicht, daß jemand durch mich in seine heilige Stadt komme. Zwar herrscht er überall; dort aber ist seine Refidenz, da ist seine Hofstatt, und da sitzt er auf seinem erhabenen Throne. Glückselig ist der, den er dahin auserwählet hat! - Hier fiel ich ihm in die Rede und sagte: Großer Dichter, ich bitte dich um des Gottes willen, den du nicht erkannt hast, mache, daß ich diesem und noch größern Uebeln entkomme, und führe mich dahin, wo du itzt gesagt hast. Ja, komm, zeige mir die Thüre des heiligen Petrus, und laß mich die sehen, die du als so Unglückselige beschreibest!

So fort machte er sich auf und ich hielt mich dicht hinter ihm.

Anmerkungen

[1] Dante lebte unter einem Volke, dessen Parteyen in einem Zustande eitler Gesinnungen, ehrgeiziger Verblendungen und aufgebrachter Leidenschaften sich befanden Er, als ein Staatskluger, sah im Geiste alle die unglücklichen Erfolge davon voraus, und fand sich, als ein Anhänger der einen Partey. in einer nun unabhelflichen und unvermeidlichen Verlegenheit, die er mit Recht als eine Verirrung unter den fürchterlichsten und gefährlichsten Aussichten ansehen konnte. Der rechte Weg des menschlichen Glücks ist nur die Bahn der Tugend, ein Berg von Schwierigkeiten und Ueberwindungen, dessen Höhe aber wahre Ehre, wahres Wohl und Vergnügen umglänzen. Die drey wilden Thiere. die der Ersteigung dieses Berges sich widersetzen, sind die Wollust, der Hochmuth und der Geiz. Von diesen Ungeheuern befreyen uns vorzüglich ein würdiges und tugendhaftcs Leben der Regenten, Obrigkeiten und großer Gelehrten, sodann wichtige Geschäfte, oder endlich Schicksale und traurige Erfahrungen, von denen, als nicht von ohngefährcn Zufällen, eben der Mensch cinen weisen und tugendhaften Gebrauch und dadurch mitten in allem Unglücke, zu seinem wahren und überirrdischen Glücke and Ruhme sich würdig machen soll. Und dies ist die Reise durch die Hölle und durch das Fegefeuer zum Paradiese und Himmel.

[2] Can Grande della Scala, damals Herr zu Verona, der durch seine Gerechtigkeit und Tugend dem Nieder-Italien wieder helfen würde, das von wollüstigen, stolzen und geizigen Regenten und Kriegern ganz erschöpft und zu Grunde gerichtet, danieder lag. Dieser würdige Landesherr war es,er einst in Gegenwart vieler characterisirten Hofpersonen, unter denen sich ein so genannter lustiger Rath befand, mit vorzüglich lauter Stimme an den Dante die unerwartete Frage that: Woher kömmt es aber, mein lieber Dante, daß der Narr hier allen gefällt, Sie hingegen, als ein so gelehrter und weiser Mann, nicht? - worauf Dante unverzüglich antwortete: Nur die Aehnlichkeit, gnädigster Herr, und die Gleichförmigkeit der Denkungsarten und Sitten, erzeugen unter den Menschen Zuneigung und Freundschaft gegen einander.

Welch freudig Schrecken nimmt mich ein!
Ich sehe sie - doch diese Scene
Will nur gefühlt, und nicht beschrieben seyn.
Gellert.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 02
Lebrecht Bachenschwanz - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 02

Der Dichter merket die Abendzeit an. Nach seiner poetischen Anrufung klagt er über große Furcht, die sein Herz einnehme, wenn er das wichtige Geschäffte seiner Reise überdächte. Virgilius, um ihn anzufrischen, erzählt ihm wie er vom Himmel, blos zu seiner Errettung und Hülfe, gesandt sey. Und so wieder gestärkt, setzt er nun mit seinem Führer die angetretene Reise fort.

Der Tag vergieng, und die hereinbrechende Nacht entfernte die auf der Erde lebenden Thiere von ihrer Arbeit zur Ruhe. Nur ich allein war beschäfftiget, mich mit der Reise, und mit dem Mitleiden herum zu plagen, ein Zustand, den die untrügliche Selbstempfindung wieder abbilden wird.

O ihr Musen! o Apollo! itzt stehet mir bey!

Und o Empfindung! die du das, was ich erfuhr, aufgezeichnet hast, hier, hier wird deine natürliche Pracht in festlichem Schmucke sich zeigen!

Ich fieng also an: Großer Dichter, du, mein Führer, o! prüfe zuvor meine Kräfte, und siehe, ob ich vermögend bin, es auszuhalten, ehe du mich den großen Schritt thun lässest. Du sagst zwar, auch der Vater des Silvius sey, noch sterblich, und sich dessen bewußt, in das Land der Unsterblichkeit [3] gegangen. Allein, wenn der heiligste Feind alles Unrechts solches erlaubte, so geschah es, weil er den wichtigen Erfolg sah, der durch ihn, den Aeneas, entstehen sollte, und der sowohl, als dieser. einem vernünftigen Menschen nicht unwürdig vorkommen wird. Denn er ward zu des erlauchten Roms und seines Reichs Vater oben im Himmel, ward er dazu erwählet. Und Stadt und Reich wurden eigentlich blos um des heiligen Stuhls willen errichtet, auf welchem der Nachfolger des heiligen Petrus sitzet. Und mithin vernahm er durch solchen Hingang, den du so rühmlich für ihn schilderst, Sachen vernahm er dadurch, welche die Ursache seines Sieges und der päbstlichen Würde waren. So gieng jenes auserwählte Rüstzeug ebenfalls dahin, um dem Glauben, der der Grund zum Wege des Heils ist, Kraft und Stärke zu verschaffen. Aber ich! warum sollte ich dahin gelangen? oder auf wessen Erlaubnis? Ich bin Aeneas nicht, ich bin nicht Paulus. Auch halte weder ich, noch hält sonst irgend jemand mich hierzu für würdig. Also, wenn ichs wage, dahin zu gehen, so befürchte ich, als ein Thor dahin zu kommen. Du weißt und verstehst es besser, als ichs sagen kann.

So wie es sich mit einem verhält, der, was er erst will, nun nicht will, und auf wiederholtes Nachdenken von dem gefaßten Vorsatze wieder abgeht, so, daß alles Angefangene nun gleichsam verschwindet - eben so war es mit mir in dieser düstern Gegend. Denn das Nachdenken zernichtete den Entschluß gänzlich, der anfänglich so schnell und ernstlich gefaßt war.

Daferne ich dich recht verstanden habe, antwortete mir der Schatten dieses großen Geistes, so ist deine Seele von Kleinmuth sehr eingenommen. Und diese setzt den Menschen oft in so große Verlegenheit, daß sie ihn von einer rühmlichen Unternehmung abschreckt, so wie oft ein Pferd vor einem bloßen und nichtigen Schatten scheu wird und zurück weicht. Damit du von dieser eiteln Furcht dich befreyest, so will ich dir sagen, warum ich hieher gekommen bin, und was ich da gehöret habe, das mich zum erstenmale um dich betrübt gemacht hat.

Ich war dort unter denen, welche im Mittelzustande der Ewigkeit sich befinden. Da rief mir eine so liebenswürdige und selige Schöne, daß ich selbige nur bat, mir zu befehlen. Ihre Augen funkelten heller, als die Sterne, und sie redete in ihrer Sprache, mit englischer Stimme, liebreich und bescheiden mich also an: O du beliebte Mantuanische Seele, deren Ruhm in der Welt immer noch fortdauert, und bleiben wird, so lange ihre Bewegung währet; mein Freund wird, und nicht von ungefähr, dort in der wüsten Gegend auf seinem Wege so sehr gehindert, daß er aus Furcht wieder umgekehret ist. Ja, ich besorge, er habe sich schon so verirrt, daß ich mich, ihm zu Hülfe, nach dem, was ich im Himmel von ihm gehöret, vielleicht zu spät aufgemacht habe. Eile also, und sey zu meiner Befriedigung, mit deiner beliebten Beredtsamkeit und mit dem, was er zu seiner Befreyung nöthig hat, sein Engel, sein Beystand, sein Helfer! Ich bin Beatrix, die wünscht, daß du dahin gehest. Ich komme aus dem Orte, wo ich so sehnlich wieder hin verlange. Liebe bewog mein Herz, und hat meinen Mund geöffnet. Wenn ich dort wieder vor dem Throne anbete, so werde ich dich oft gegen ihn zu rühmen wissen.

Hier schwicg sie, und ich fieng darauf an: O du selige Schöne, durch deren Wirkung allein die Menschheit vor allem Vergnügen unter jenem Erdhimmel, dessen Kreise von einem kleinern Umfange sind, den Preis und Vorzug hat; deine Befehle sind mir so lieb und angenehm, daß die Vollziehung derselben, wäre sie auch itzt schon geschehen, mir doch zu spät scheinen würde. Du hast nicht nöthig, mir dein Verlangen umständlicher zu eröffnen. Allein die Ursache sage mir nur, daß du dich nicht vorsiehst, hier in diesen Kreis aus dem herrlichen Orte herunter zu steigen, wo dich so sehr wieder hin verlangt.

Da du dieß nur, erwiederte sie, näher zu wissen verlangst, so will ich dirs kurz sagen. Ich habe nicht die mindeste Furcht, hier herunter zu kommen. Denn blos vor den Dingen, die einem schaden können, muß man sich fürchten, vor andern nicht, die sind nicht fürchterlich. Gott, der gnädige Gott, hat mich so gemacht, daß euer Elend mich nicht trifft, noch die Flammen desselben Feuers mich verletzen. Und im Himmel ist eine leutselige Schöne, die das widrige Schicksal, welchem abzuhelfen, ich dich dahin sende, so sehr bedauret, daß sie dort oben Gnade vor Recht ergehen läßt. Diese forderte die weise Lucia auf, und sagte zu ihr: Itzt ist dein Getreuer deiner benöthigt, und dir empfehle ich ihn. Lucia, die eine Feindinn aller Grausamkeit ist, erhob sich, und kam hin an den Ort, wo ich war, und da ich mit der ehemaligen Rahel saß. Beatrix, so war ihre Anrede, du wahrer Ruhm Gottes, warum eilst du dem nicht zu Hülfe, der dich so innigst liebte, daß er deinetwegen von jenem gemeinen [4] Haufen ausgieng? Hörest du nicht sein ängstliches Klagen und Weinen? Siehst du nicht, wie er gleichsam auf einem fürchterlichen [5] Wasser, gegen welches das ganzeWeltmeer für nichts zu achten ist, vor Angst zwischen Tod und Leben ringt? - Nie ist auf der Welt ein Sterblicher, sein Glück zu machen, und sein Unglück zu fliehen, so eilfertig gewesen, als ich, auf diese Rede, von meinem seligen Sitze hier zu dir herunter eilte. Denn auf die Anständigkeit deines Ausdrucks, so dir, und allen, die dich gehöret haben, Ehre macht, setzte ich mein ganzes Vertrauen.

So bald sie hier ausgeredet hatte, wandte sie ihre funkelnden Augen voll Thränen von mir weg, und machte dadurch, daß ich desto geschwinder hieher eilte. Siehe, so bin ich zu dir gekommen, so wie sie es wollte, und so nahm ich dich dort vor dem wilden Thiere weg, das dir den nähern Weg zu dem schönen Berge hinauf so versetzte. Was ists also? Warum, warum säumst du? Warum nährst du noch so viel Muthlosigkeit in deinem Herzen? Warum hast du nicht vielmehr ein frisches Herz, und einen freyen Muth? Wie? - Da drey so göttliche Schönen am himmlischen Hofe für dich sorgen. und da mein Mund dir so viel Guts verspricht? -

Wie zarte Blumen, die sich bey nächtlichen Frösten danieder beugen und zuschließen, alle, wenn die Sonne drauf scheinet, sich wieder in die Höhe richten und aufthun - eben so verhielt sichs auch mit mir bey meinen schwachen und abgematteten Kräften, und mir wurde so frisch und muthig ums Herz, daß ich ganz frey und beherzt ausrief: O du mitleidsvolle Schöne, die mir so zu Hülfe geeilet! Und du, o gütiger Geist, der die Wahrhaften Worte ihres Mundes so unverzügliche befolget! Du hast mit deinen Reden meinem Herzen wieder ein so großes Verlangen nach jenem Hingange eingeflößet, daß ich auf den ersten Entschluß wieder zurück gebracht worden bin. Wohlan, da beyde nun ein Wille belebet, so komm! Du bist mein Führer, du bist mein Herr, du bist mein Lehrer!

Also sagte ich zu ihm, und hierauf erhob er sich fort, und so kam ich durch den steilen und ungebahnten Weg endlich dahin.

Anmerkungen

[3] Dieser Gang des Aeneas in die Ewigkeit ist seine bekannte Reise durch die Hölle und Elisdischen Felder, die er unternahm, seinen Vater Anchises wieder zu sehen, und von ihm seine künftigen Schicksale zu erfahren. Hierauf erfolgte der blutige Krieg wider den Rutulischen König Turnus, der Sieg des Aeneas, und durch diesen nach und nach das ganze mächtige und große Römische Reich. Der Gang des heiligen Paulus in die selige Ewigkeit war keine Entzückung in den dritten Himmel, oder ins Paradies.

[4] Die drey himmlischen Schönen sind die göttliche Liebe, Weisheit und Hülfe.

Dante gieng aus dem gemeinen Haufen der Eitelkeiten, Thorheiten und Laster, aus Liebe zurTugend, fort, und suchte in diescr und in anständigen Vergnügungen sein wahres und dauerhaftes Glück. So ein eifriger Verehrer der Tugend war Dante!

Durch sie stieg er zum göttlichen Geschlechte,
und ohne sie sind Könige nur Knechte.
Gellert.

[5] Diese Todesängstlichkeit auf dem allerfürchterlichstenr Wasser zeiget zugleich den fast übermenschlichen Streit an, den die Vernunft und Tugend des Dante mit parteyischem Irrthume, mit seinen Leidenschaften, mit dem Reize blendender Vorzüge und Annehmlichkeiten, und mit empfindlichen Schicksalen hatten. Nur der Christ siegt hier.

Wahr ists, die Kunst ist schwer, sich selbst so zu besiegen:
Allein in dieser Kunst wohnt göttliches Vergnügen.
Gellert.

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