Weisheiten 566

Der Laurentiustag (10. VIII) gibt dem Apfel den Geschmack.
Estland

Der Laurer haurt und laurt.

Der Lauscher an (o. hinter) der Wand hört seine eigne Schand'.
ndt] Da Lousa hinta da Wount head sain oagni Schount. Steiermark
ndt] De Lausderer oan der Wannd hörd sein âjn Schand. Trier
la] Clam qui sermones aliorum sublegit, audit quod non vult.

Der Lauscher an der Wand hört seine eigne Schand'.

Der Läuse wegen soll man einem Kinde nicht den Kopf abhauen.
Russland
i] Es ist sehr gewöhnlich, mit dem Missbrauch die gute Sache selbst aufzuheben. In Beziehung auf Rechtsangelegenheiten will das Sprichwort sagen, dass wegen eines bei einem Rechtsgeschäft vorgefallenen Fehlers nicht stets das ganze Geschäft ungültig sei, sondern wenigstens teilweise aufrecht erhalten werden könne.
dä] At kaste barnet ud med løven (badet).
ho] Men moet het kind niet met het bad uitschudden.
la] Aegri quia non omnes convalescunt, non id circo nulla medicina est.

Der Lautenspieler fängt nicht eher an, bis der Trommler schweigt.
i] Der Verständige fängt erst an zu reden, wenn der Schwätzer aufhört.
bm] Loutenik hráti nezačne, az dudy umlknou.
pl] Lutnista grać niezacznie, az gajda umilknie.

Der Lazarus schaut bei ihm überall zum Fenster heraus.
i] Er hat zerrissene Kleider an.

Der ldealismus ist eine konventionelle Form der Hoffnung.
Braque

Der lebe in aeternum, der gibt potare Valerum, wer aber mir gibt villum, all Teuffels plag torqueat illum.

Der Lebende gibt keine Erbschichtung.
i] Vor des Erblassers Tode ist keine Erbschaft denkbar.
z] De lewendige Deid nene Erbschichtinge.

Der Lebende hat ein Recht vor den Toten.
Russland

Der Lebende hat keinen Grabhügel.
Russland

Der Lebende ist im Recht vor dem Toten.
Russland

Der Lebende soll hoffen.
Goethe, Faust, II, 4 (Mephisto)

Der Lebende spürt wohl Hitze.

Der lebendig begabte Geist, sich in praktischer Absicht ans Allemächste haltend, ist das Vorzüglichste auf Erden.
Goethe, Maximen und Reflexionen 1205

Der lebendig genießende Mensch, so wie der Künstler, fühlt, wie billig, ein Grauen, wenn er in die Tiefen blickt, in welchen der Naturforscher als in seinem Vaterlande herumwandelt, dagegen hat der reine Naturforscher wenig Respekt vor dem Künstler, er sieht ihn nur als Werkzeug an, um Beobachtungen zu fixieren und der Welt mitzuteilen.
Goethe, Schrift. zur Kunst - Diderots Versuch über die Malerei I

Der lebendig man, der lieb.
z] Das liebst weib sei dir, das da lebt, das liebst gelt, das du hast.

Der Lebensstandard ist der Gott dieses Zeitalters, und die Produktion ist sein Prophet.
Fliegende Blätter

Der lebt mit allen Krähen um die Wette.

Der lebt nach der Gesundheit.
i] Meist ironisch von Leuten, die ihre Zeit für Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe verwenden und großer Anstrengung aus dem Wege gehen.

Der lebt nicht mehr lange.
i] Wenn jemand etwas Ungewöhnliches tut.

Der lebt nicht wohl, der nicht weiß, wie er sterben soll.
la] Male vivet, quisquis nesciet bene mori.

Der lebt nicht, der nur sich selber lebt.

Der lebt schlecht, der sich nicht bessert.

Der lebt übel, der nicht an seinen Tod gedenkt.
fr] Ceux-la vivent mal qui pensent toujours vivre.
it] Chi pensa di viver sempre vive male.

Der lebt vom Winde wie der Dudelsack.

Der lebt wohl im Land, der lebt nach seinem Stand.
la] Tu recte vivis, si curas esse, quod audis. Horaz

Der lebt wohl, der Frieden hat mit Gott und sich.
it] Viver bene, e lasciar vivere è la vera strada di ben vivere.

Der lebt wohl, der so lebt, wie er einst wünschen wird, gelebt zu haben.
it] Vive bene colui, ch' in vita fà quel bene, che vorrebbe haver fatto alla morte.

Der lebt wohl, der tut, was er soll.
la] Is vivit, ut vult, qui recta sequitur.

Der lebte gewiss schlecht, der nicht gut zu sterben weiß.
Seneca, Abhandlungen

Der lebte wohl, der verborgen lebte.
la] Bene qui latuit, bene vixit.
Ovid, Klagelieder

Der Leckerjan wird Bettelmann.

Der Leere (d.i. der Nichtsnutz od. Teufel) weiß, wo die Arbeit bleibt, Erholung erbt die Seele.
Estland

Der Leere (der Nichtsnutz od. Teufel) erbt immer des Geizigen Habe.
Estland

Der leere Arsch wird schon lehren.
Estland

Der leere Bauch will nicht tanzen, der volle kann nicht.

Der leere Eimer steigt (stets) in die Höhe.

Der leere Magen kann nicht gut springen, der volle überhaupt nicht.
Albanien

Der leere Stolz und darbend Hochmut verschachern Ehre, Leute und Gut.
bm] Pýcha a zadodt panováni jest velini skodlivá osobám i obcítto.

Der leere Teller sieht auf die Schüssel.

Der leere Wagen muss dem vollen ausweichen.

Der Leere weiß, wo die Arbeit bleibt, Erholung erbt die Seele.
Estland

Der legt seine Gaben übel an, der sie zugleich gibt zween Mann.
fr] Don à plusieurs conféré peu de grace et moins de gré.

Der legt sich auf die liederliche Seite.

Der Lehm haftet nicht am Eisen.
Maori, Neuseeland (Gemeint ist, was die Europäer der Maori-Kultur hinzugefügt haben, wird wieder abfallen)

Der Lehm ist unser aller Bruder.
Litauen

Der Lehnmann muss sein Lehn verdienen.

Der Lehnmann weist den Herrn ins Bett und die Knechte ins Stroh.
[RSpW]
i] Neben den Abgaben, die der Lehnmann dem Schutzherrn zu leisten hatte, lag ihm auch noch die freie Beköstigung desselben, sobald er einkehrte, ob. Die Leistungen waren im einzelnen bestimmt. Der Herr erhielt ein Bett, seine Begleitung ein Strohlager, der Falke eine schwarze Henne, die Hunde Brot, die Pferde Streu bis an den Faselt und Hafer bis in die Augen. Der Huber (der auf der Hufe sitzende Lehnsmann) zündet Feuer ohne Rauch auf (Kohlenfeuer), bringt weiße Leinlachen (Tischtücher) und hölzerne Becher mit ehrbarem Landwein für die Herren und aufrichtig Bier für die Knechte.
mhd] Item weist der Lehenman den Herrn vff das bett und die knecht in das stroe.
mhd] Allweg den herren wein ond den knechten byer.

Der lehr wend allzeit ohren dar, dass dir nichts böses widerfahr.
la] Audidoctrinam, si vis uitare ruinam.

Der Lehrer gleiche nicht einem Raubvogel, der Eier aus einem Nest holen will, worein noch keine gelegt sind.
Pestalozzi, Sämtliche Schriften

Der Lehrer in strengster Bedeutung muss sich nach der Bedürftigkeit richten; er geht von der Voraussetzung des Unvermögens aus.
Schiller, Über die notwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen

Der Lehrer ist nie fertig.
Diesterweg

Der Lehrer muss ... keine Liebe des Vorzuges gegen ein Kind besonders zeigen... Sobald das Kind sieht, dass sich nicht alle übrigen auch demselben Gesetz unterwerfen müssen, so wird es aufsätzig.
Kant

Der Lehrer strebe nur, sich selber zu entfalten;
Der Schüler lerne nur sein Eignes zu gestalten!
Rückert, Weisheit des Brahmanen

Der Lehrer weiß mehr als der Schüler.
la] Non est discipulus par cognitione magistro.

Der Lehrer wird hoch geehrt, der selber tut, was er anderen lehrt.
mhd] Swenne eigen schuld den lêraer strâfet, daz ist lasterbaer. Rügen
mhd] Swer tuot daz er lêret, des lêre und rât ist geêret.

Der Lehrer, der Geist des Lehrers bleibt die alleinige Hauptsache bei allem Unterrichten und Erziehen.
Diesterweg

Der Lehrerberuf gehört nicht zu den einfachen Erwerbsberufen, sondern zu den anspruchsvollen Führungsberufen.
Eduard Spranger, Pädagogische Perspektiven: Die Volksschule in unserer Zeit, Anprache zum 1. Lehrertag in Rottweil am 9. 9. 1950

Der Lehrjung kan mehr dann sein Meister.

Der Lehrjunge ist kein Meister.
fr] Apprentif n'est pas maître.

Der Lehrling hört mit Bangigkeit die sich kreuzenden Stimmen. Es scheint ihm jede Recht zu haben, und eine sonderbare Verwirrung bemächtigt sich seines Gemüts.
Novalis, Die Lehrlinge zu Sais

Der Lehrling übertrifft den Meister.

Der Lehrstuhl der Philologie ist der Sitz der Weisheit.
la] Cathedra quippe philologiae sedes est sapientiae.

Der Leib dem Galgen, und die Seele, wer sie will (bekommt).
ho] Het lijf der galg, en de ziel den genen, die ze will.

Der Leib eilt nun zur Ruhe,
Legt ab das Kleid und Schuhe.
Gerhardt, Nun ruhen alle Wälder

Der Leib endet immer damit, langweilig zu werden, nichts bleibt schön und interessant, mit Ausnahme des Gedankens, weil der Gedanke das Leben ist.
Bernard Shaw

Der Leib erhält wohl Kleidung, aber Kleidung erhält keinen Leib.

Der Leib gehet, wie ihn das Aug führet.

Der leib hat und lieb verkeust, und lieb um liebes willen verleust; ich rhade im, das ir also widder kiese, das er lieb vm liebe willen nit verliese.

Der Leib heißt Falck.
mhd] Dat lyf hêt falke.
la] Qui semel extinctus praesens sibi vita negatur.
i] Wie der Falk ein edler Vogel ist, so ist das Leben für den Menschen von hohem Wert.
z] Das Sprichwort scheint mir gerade das Gegenteil sagen zu wollen. Der lebende menschliche Leib ist etwas sehr Edeles wie der Falke; wenn dieser Leib aber tot ist, so geht's ihm wie dem todten Falken, dann ist er ebenso unwerth wie dieser. Hoffmann von Fallersleben
ho] Dat lijf heet valc.
la] Hoc vulgus fatur, quod corpus falco vocatur.

Der Leib ist das Grab der Seele.
Platon, Gorgias

Der Leib ist des Teufels, aber der Seele wird geraten werden.
Martin Luther, Tischreden

Der Leib ist doch mehr als Kleider, das Leben mehr als Essen.

Der Leib ist ein Gerüst, das dem Aufbau von Leben dient. Der Leib ist die Nahrung des Geistes.
Leo N. Tolstoi, Tagebücher (1890)

Der Leib ist eine Blume, woraus der eine Honig, der andere Gift saugt. Nicht der Geist wird vom Leib, sondern umgekehrt der Leib vom Geist infiziert. Das Böse ist in gewissem Betracht das reinste Geistige, denn es führt den heftigsten Krieg gegen alles Sein, ja es möchte den Grund der Schöpfung aufheben.
Schelling, Sämtliche Werke

Der Leib ist näher als das Hemde.

Der leib ists hauptgut.
[RSpW]
i] Wo nach den Gesetzen Gemeinschaftlichkeit der ehelichen Güter besteht, bleibt die Witwe nach ihres Mannes Tode in der empfänglichen Hand sitzen und ist als überlebender Eheteil aller nachgelassenen Güter ihres verstorbenen Mannes nächster Erbe. Der Leib ist Hauptgut; Vermögen die dazu gehörende Nebensache.

Der Leib jagt der Zeit nach.

Der Leib kann ohne Herz nicht weiter leben, und wenn er es doch tut, so ist das ein Wunder, das noch keiner sah.
Chretien de Troyes, Yvain

Der Leib muss dem Willen und der Wille der Vernunft gehorchen.
la] Hic ordo naturae in homine, ut corpus pareat animo, animus menti, mens Deo.

Der Leib muss hülle und fülle, Futter und Dreck haben.

Der Leib muss Kraft haben, um der Seele zu gehorchen.
Jean-Jacques Rousseau, Emile

Der Leib muss sein der Seele Knecht, wenn du willst leben schlecht und recht.
z] Der Leib soll sein ein Knecht der Seele, die Seele eine Dienerin des Geistes.

Der Leib soll sein ein Knecht der Seele, die Seele eine Dienerin des Geistes und der Geist ein Anstarren Gottes.
Johannes Tauler, überliefert von Julius Wilhelm Zincgref (Apophthegmata)

Der Leib von außen zeiget frei, ob drinnen wohne Schelmerei.

Der Leib wird rein durch Gangas Klarheit,
Der Geist durch Wissen, das Herz durch Wahrheit.
L. Jacoby, Cunita

Der Leichenwäscher bürgt dir nicht dafür, dass du ins Paradies kommst.
Suaheli

Der Leichenwäscher gibt keine Gewähr für das Paradies.

Der Leichnam des Papstes braucht nicht mehr Erde als der des Kaplans.
ho] Het ligchaam van den paus beslaat niet meer aarde dan dat van den kapellaan.

Der Leichnam eines toten Feindes riecht immer gut.
Karl IX., Vor dem Galgen von Montfaucon, an dem Admiral Colignys gerichtet wurde (August 1572)

Der Leichnam hört nichts vom Tanz (beim Leichenbegängnis).
Jabo, Afrika

Der leicht glaubt, würt leicht betrogen (o. betrübt).

Der leicht zürnet, sündet leicht.

Der leichte Dichter eines fröhlichen Trinkliedes, eines kleinen, verliebten Gesanges ist mehr ein Genie als der schwunglose Schreiber einer langen Hermanniade.
Lessing, Der Sperling und der Strauß

Der leichte Sack der Strohscheune leiht dem Brot die Zugabe.
Estland

Der Leichte sehe nach Ernst und Strenge sich um, der Strenge habe ein leichtes und bequemes Wesen vor Augen, der Starke die Lieblichkeit, der Liebliche die Stärke, und jeder wird seine eigene Natur nur desto mehr ausbilden, je mehr er sich von ihr zu entfernen scheint.
Goethe, Schriften zur Kunst, Propyläen, Einleitung

Der Leichtfertige glaubt der Rede des Pastors und dem Krähen des Hahnes.

Der leichtfertige Mensch, der die Wahrheit nicht weiß, drückt sich allgemein, hoch und ungenau aus.
Brecht, Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit

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LATEINISCH
1 2 3 4
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