Weisheiten 36

Aller Hoffleute Dienst ist neiden, beugen und hoffen; der Lohn aber ist Reue.

Aller hundert Li ändern sich die Sitten, aller zehn Li ändern sich die Bräuche.
China

Aller hundert Li ist der Himmel ein anderer.

Aller innerer Sinn ist Sinn für Sinn.
Novalis, Fragmente

Aller Irrtum besteht darin, dass wir unsere Art, Begriffe zu bestimmen oder abzuleiten oder einzuteilen, für Bedingungen der Sachen an sich selbst halten.
Kant

Aller Kunst Anfang ist geringe.

Aller Lande Sitten sind nicht gleich.
angelsächs] Ealle land sida ne syn gelîce.

Aller Landsknechte Mutter ist noch nicht gestorben.

Aller Laster größtes, das auf Erden herrscht:
Schamlosigkeit.
Euripides, Medea, 471-472 (Medea)

Aller Laster König ist der Geiz.

Aller Laster Laster ist: sich vor keinem Laster scheuen,
Mit den Lastern rühmen sich und die Laster nicht bereuen.
Logau, Unverschämt

Aller Leut' Freund, jedermanns Geck (o. Narr).
mhd] Aller Lude vrunt is manniger Lude gek.
la] Multos ladibrio est cunctis qui poscit amicos.
Jüdisch-deutsch] A Tow-lakkel is a Rah-lakkel. (Ein-Gut-für-alle, ist ein Schlecht-für-alle)
i] Derjenige, der für alle Menschen gleich gut sein will, befriedigt keinen. Auch die Güte muss Maß und Ziel haben.
en] Too much familiarity breeds contempt.
fr] Une trop grande familiarité engendre le mépris.
la] Neque nulli sis amicus nec multis.
la] Nimia familiaritas parit contemptum.
la] Ridiculus multis, cunctis sit amicus oportet.
sd] Alle mans wän är ofta hwar mans narr.

Aller Leute Freund, aller Leute Geck (vieler Leute Narr).
i] Man soll sich vor denen hüten, die mit jedermann gut stehen und gleichsam die Gevattersleute der ganzen Welt sind.
sd] Alle mans wän är ofta hwar mans narr.

Aller Lüe Fründ, jêdermans Geck.

Aller Mechanismus vernichtet die Individualität, gerade das Lebendige geht nicht in ihn ein und ist ihm nichts. Alles Große und Göttliche aber geschieht immer durch Wunder, das heisst, es folgt nicht nach allgemeinen Gesetzen der Natur, sondern nur durch das Gesetz und die Natur des Individuums. Vertilgung der Individualität ist eben die Richtung eines unmetaphysischen, bloß mechanisch geformten Staates. Daher gelangen in ihm die gewöhnlichen Talente und am meisten mechanisch aufgezogene Seelen zur Herrschaft und Leitung der Angelegenheiten.
Schelling

Aller Mehrwert - wie er sich auch verteile, als Gewinn des Kapitalisten, Grundrente, Steuer usw. - ist unbezahlte Arbeit.
Engels

Aller Menschen Freund ist nicht mein Freund.
Molière, Misanthrope, I, 1

Aller Menschen Gesichter sind ehrlich, wie auch ihre Hände beschaffen seien.
Shakespeare, Antonius und Cleopatra (Menas)

Aller Menschen Gesichter, so wie alle Bäume, haben eine Rinde.
China

Aller Menschen harrt der Tod
Und keinen gibt's auf Erden, der untrüglich weiß,
Ob ihn der nächste Morgen noch am Leben trifft.
Euripides, Alkestis, 782/84

Aller Menschen Sinn und Mut geht auf Ehre, Geld und Gut, und wenn sie's haben und erwerben, dann legen sie sich hin und sterben.

Aller Neid ist zwischen Nachbarn.

Aller Prediger gemeiner Name ist: Noli me tangere.
i] Taste mich nicht an.

Aller Profit ist süß.

Aller Reichtum der Welt liegt im Wetter.
Schottland

Aller Respekt hat ein Ende, sagte der Fischer, als ihm ein Hecht eine Ohrfeige gab.

Aller Schatz unter der Erde begraben, tiefer als ein Pflug geht, gehört zu der königlichen Gewalt (ist Regale).
[RSpW]
i] Nach diesem Sprichwort gehören die gefundenen Schätze, d.h. nach dem Glossator des Sachsenspiegels, 'verborgen Geld eines unbekannten Herrn oder verstorbener Leute, von denen niemand eine Wissenschaft hat', zu den landesherrlichen Einkünften. So war es schon zu den Zeiten der fränkischen und sächsischen Könige.

Aller Schmerz ist feige, er zuckt zurück vor der übermächtigen Forderung nach Leben, die stärker in unserem Fleisch verhaftet scheint als alle Todesleidenschaft in unserem Geiste.
Stefan Zweig, Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau

Aller Schwärmerei droht der Übergang in Fanatismus. Darum darf keine Schwärmerei Nachsicht finden vor den Denkern.
Herbart

Aller Segen kommt von oben, aber von unten hilft man auch dazu.

Aller Sieg von Gott.
i] Wahlspruch des Franz von Sickingen.

Aller Sinn und aller Mut
Steht nach dem zeitlichen Gut,
Und wenn sie das erwerben,
Legen sie sich nieder und sterben.
Wartburg-Spruch

Aller Tage Abend ist noch nicht gekommen.
i] Sagt man, wenn die Ausführung eines Geschäfts bezweifelt wird; es kann noch zu Stande kommen vor dem Jüngsten Tage. Auch: die Folgen seines leichtsinnigen oder sträflichen Wandels, die bisjetzt ausgeblieben sind, können immer noch kommen. Der letzte Tag ist noch nicht gewesen. Die Sache ist noch nicht zu Ende, noch nicht abgetan. Man muss den Erfolg abwarten und nicht zu voreilig urteilen.
fr] Il sera encore demain soir.
fr] Il n'est pas encore soir pour les jours.
fr] Le dernier jour n'est pas encore passé.
it] Non e'ancor sera a Prato.
la] Nescis quid serus vesper vehat.
la] Nondum omnium dierum sol occidit.
bm] Vsak není jestĕ vsem dním večer.
dk] Alle dages aften er ikke endnu kommen.
fr] Il sera encore demain soir.
fr] Il n'est pas encore soir pour les jours.
fr] Le dernier jour n'est pas encore passé.
fr] Nous ne sommes pas encore au bout de la piece.
ho] Aller dagen zon is nog niet onder.
ho] Het is aller dagen avond niet.
is] Ekki er aldra daga komid kvöld.
it] Non è ancor sera a Prato.
la] Accidit in puncto quod non speratur.
la] Multa cadunt inter calicem supremaque labra.
la] Nescit quid serus vesper vehat.
la] Non dum omnium dierum sol occidit.
no] Dat kjem dag etter denne dag.
no] Der fleire dagar atter i aust.
se] Alla dagars afton är icke kommen.
siebenbürg] Et äs nôch net aler Dâg Ôwend.

Aller Tod in der Natur ist Geburt, und gerade im Sterben erscheint sichtbar die Erhöhung des Lebens.
Johann Gottlieb Fichte, Die Bestimmung des Menschen

Aller Umfang ist (o. wiegt) schwer.
[ASpW]

Aller Unglaube ist unbescheiden, aber der Glaube an Gott, der Kindersinn der Menschheit gegen die Gottheit ist stille Erhabenheit in jeder Kraft ihrer Wirkung.
Pestalozzi, Die Abendstunde eines Einsiedlers

Aller Vatersinn ist ohne Macht, wo der Kindersinn mangelt.
Pestalozzi, Briefe

Aller Verstand deucht mir ein Spiel von Aberwitz, wenn der heiligen Weisheit nicht alle Opfer gebracht sindPestalozzi: alle äußeren Vorteile, Würden und Ruhm...
B. V. Arnim, Die Günderode

Aller Wasser König der Rhein, die Donau soll seine Gemahlin sein.

Aller Welt freut führt eine Mucke aufm Schwantz hinweg.

Aller Welt Geiz hat keinen boden.

Aller Welt gemeiner Lohn ist, zum Schaden noch der Hohn.
mhd] Der fuchs sprach: ez ist hiur als vert, des lâ dich niht sîn wunder, der ein gât ûf, der ander under.
mhd] Ein edele kunne stîget ûf bî einem man, der dem vil wohl gehelfen unde râten kan; sô stîgt ein hohes künne nider und rihtet sich ûf nimmer wider.
mhd] Swa ein künne stîget, daz ander nider sîget.

Aller Welt Rat, Macht, Trotz und Streit
Ist lauter Tand und Eitelkeit.
Rollenhagen, Froschmeuseler

Aller Welt schuldig sein.
fr] Devoir à Dieu et au monde.

Aller wille ist, haben viel.

Aller Würdigkeit Verleiherin,
Das seid ganz wahrhaftig ihr, Frau Maße.
Walter von der Vogelweide, Gedichte

Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig.
Goethe, Hermann und Dorothea 5. Gesang Vs 12

Aller Zwang bildet Maschinen, und jedes Symbol ist der freien Moralität des Menschen nachteilig.
Forster, Über Proselytenmacherei

Allerdings [könnte man auch einen Karrengaul schön nennen] und warum nicht? Ein Maler fände an dem stark ausgeprägten Charakter, an dem mächtigen Ausdruck von Knochen, Sehnen und Muskeln eines solchen Tieres wahrscheinlich noch ein weit mannigfaltigeres Spiel von allerlei Schönheiten als an dem milderen, egaleren Charakter eines zierlichen Reitpferdes.
Goethe, Eckermann, 18.4.1827

Allerdings eine gefährliche Gabe, Macht ohne Güte, erfindungsreiche Schlauigkeit ohne Verstand. Nur können, haben, herrschen, genießen will der verdorben-kultivierte Mensch, ohne zu überlegen, wozu er könne, was er habe und ob, was er Genuss nenne, nicht zuletzt eine Ertötung alles Genusses werde.
Herder, Briefe zu Beförderung der Humanität

Allerdings heft de Bock e Büdel.
Danzig
i] Scherzhafte Anspielung auf den Bocksbeutel, richtiger Booksbüdel. Die Redensart wird zur Verspottung altertümlichen Wesens angewandt.

Allerdings ist es vorzüglich oder vielmehr ganz und gar das Glück, was bei allen menschlichen Dingen den Ausschlag gibt.
Demosthenes, Staatsreden

Allerdings ist in der Kunst und Poesie die Persönlichkeit alles, allein doch hat es unter den Kritikern und Kunstrichtern der neuesten Zeit schwache Personnagen gegeben, die dieses nicht zugestehen und die eine große Persönlichkeit bei einem Werke der Poesie oder Kunst nur als eine Art von geringer Zugabe wollten betrachtet wissen.
Goethe, Eckermann, 13.2.1831

Allererst die Schulden, dann die Almosen.
[RSpW]
i] Erst wenn aus dem Nachlass des Verstorbenen die Schulden bezahlt sind, können Legate und Vermächtnise berichtigt werden, die ebenfalls vom Erbe abgehen, ehe es angetreten oder verteilt werden kann.
mhd] Allererst de schult, danne die almosen.

Allergien sind möglicherkweise Luxuskrankheiten der zivilisierten Welt.
Enno Christophers, 1993

Allerhand ist ein Gänsedreckel.
i] Als Erwiderung, wenn auf die Frage, was es zu essen gebe, geantwortet wird: Allerhand.

Allerhand Männkes maken.

Allerheiligen (l.11.) bringt Sommer für alte Weiber, der ist des Sommers (letzter) Vertreiber.
Bayern

Allerheiligen bringt einen gewissen Sommer (o. bringt den Nachsommer).

Allerheiligen feucht, wird der Schnee nicht leicht.

Allerheiligen klar und helle, sitzt der Winter auf der Schwelle.

Allerheiligen Reif macht die Weihnacht (alles) starr und steif.

Allerheiligen trägt eigen den Winter zu allen Zweigen.

Allerheiligen
la] commemoratio omnium sanctorum

Allerhillgen stigt de Winter upp de Willgen (Weidenbäume).
Oldenburg

Allerhillgen, sit de Winter up de Tilgen (= Zweigen).

Allerhillgensuemer bliwt nit iude.
Westfalen (Selten bleiben sonnige Tage in der Zeit des 1. November aus)

Allerhilligen Dag Fressland wol beklagen mag.
i] Wenn die Heiligen irgendwo ihre Schutzaufgaben nicht erfüllt haben, so ist es in Nordfriesland gewesen, denn für dieses ist der 1. November wiederholentlich ein wahrer Unheilstag gewesen, besonders aber der des Jahres 1570, der Veranlassung zu obigem Sprichwort gegeben hat, an dem gegen 400.00 Menschen ihr Leben eingebüß haben sollen, und viele Ortschaften völlig verschlungen worden sind.

Allerlei dient nicht jedermann.
la] Omnia non pariter rerum sunt omnibus apta. Properz

Allerlei Dreck anknet (buttert) si nit.
Solothurn
i] Mannichfaltiges, Widersprechendes lässt sich nicht vereinen.

Allerlei Fische fressen den Menschen, aber nur der Hai wird beschuldigt.
Jamaika

Allerlei ist zweierlei.

Allerlei Schuhe kann man nicht an einen Fuß ziehen.

Allerley Hundshaare mit hineinhacken (darunterhacken).
Luthers Tischreden
i] Etwas verderben, verschlimmern, böse machen.
z] Wenn man etwas will verbösern vnd verderben, so muss man einen Wurm in handel setzen, Senff darzu anrichten, versäwern, versaltzen, den Compass oder das ziel verdrehen, ein Essig Fässlein darzu legen. Medium fermenti totam massam corrumpet. Hundshar darin hacken, ein Pfeffer oder Brühe darüber machen, mit einer schwartzen bürst darüber faren. Mäussdreck vnter Pfeffer mischen, der Drummel ein loch machen, dem Kranz ein blum nach der ander aussrupffen, der Freud den boden aussstossen, eines gewin vnd nutzen verwunden.

Allerlieblichste Trochäen
Aus der Zeile zu vertreiben
Und schwerfälligste Spondeen
An die Stelle zu verleiben,
Bis zuletzt ein Vers entsteht,
Wird mich immerfort verdrießen.
Laß die Reime lieblich fließen,
Laß mich des Gesangs genießen
Und des Blicks, der mich versteht!
Goethe, Zahme Xenien V

Allermanns Freund ist Allermanns Narr.
la] Nec nulli sis amicus, nec omnibus (multis).
ndt] Allmanns Frund, mennig Manns Geck.

Allermanns Knecht kann's nicht jedem machen (o. kochen) recht.

Allermanns Nutzen, Allermanns Schaden.
sd] Allmän nytta, allmän skada.

Allermanns Wort lügt selten.
dk] Dit almindelige rygte lyver ikke.
dk] Hver mands ord ere gjerne sande.

Allerorten hell und klar, Glückauf zum neuen Jahr.

Allerseelen
la] commemoratio animarum

Allerseelentag
la] animarum dies

Allerwelt geiz hat keinen Boden.

Allerwelts Bücher sind immer übelriechende Bücher: der Kleine-Leute-Geruch klebt daran.
Nietzsche

Allerwelts Freund (o. Allerweltsfreund), jedermanns Geck.

Allerweltsfreund, jedermanns Geck.

Allerweltsfreund, niemands Freund.

Allerweltskerl, ein Mensch, der in allen Gassen zu finden ist.

Alles a gen Po'zeklock hangen.
Aachen
i] Alles unter die Leute bringen. Po'z = Pforte, großes Tor; Po'zeklock = eine Glocke am Rathause, welche vorm Torschlusse geläutet wird.

Alles aber lässt sich in harter und beharrlicher Arbeit überwinden.
Petrarca, An Socrates in Avignon

Alles aber, was man gute Gesellschaft nennt, besteht in einer immer wachsenden Verneinung sein selbst, so dass die Sozietät zuletzt ganz null wird, es müßte denn das Talent sich ausbilden, dass wir, indem wir unsere Eitelkeit befriedigen, der Eitelkeit des anderen zu schmeicheln wissen.
Goethe, Divan, Noten und Abhandlungen - Künftiger Divan - Buch des Unmuts

Alles abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand genähert, und so gelangt der Menschenverstand durch Handeln und Beobachten zur Abstraktion.
Goethe, Maximen und Reflexionen 530

Alles altert, selbst die Achtung, wenn man sich nicht in Acht nimmt.
Joseph Joubert, Gedanken, Versuche und Maximen

Alles altert, selbst die Achtung, wenn man sich nicht in Acht nimmt.
Joseph Joubert, Gedanken, Versuche und Maximen

Alles am Weibe ist ein Rätsel, und alles am Weibe hat eine Lösung: sie heisst Schwangerschaft.
Nietzsche, Also sprach Zarathustra

Alles an alles setzen.
la] Omnem jacere aleam.

Alles an diesem Gedicht ist vollkommen, Sprache, Gedanke,
Rhythmus, das einzige nur fehlt noch, es ist kein Gedicht.
Goethe, Xenien 133 - Ein deutsches Meisterstück

Alles an einen Nagel hängen.
i] Alles verwischen, durcheinanderwerfen, anstatt jeder besondern Sache ihren eigentümlichen Platz anzuweisen. Oder: das ganze Vermögen z.B. an ein Unternehmen wagen.

Alles an seinen Ort, sagt Flegel, der Schelmendeckel (Hut, Mütze) auf den Grind (Kopf).
it] In chiesa co' santi e all' osteria (in taverna) co' ghiotti (ghiottoni).

Alles an seinen Ort, sagte Jerms, das Aug' ins Fenster, den Arsch in die Brill'.
ho] Het oog in het venster, en de aars op het kakhuis.

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1 2 3 4

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