Der Schimmelreiter (Andreas K.W. Meyer) 22 Szenen und ein Zwischengesang nach Theodor Storm (1997; 21. Juni 1998 Kiel, Bühnen der Landeshauptstadt)
Musik von Wilfried Hiller

Hauke Haien -• Tenor
Elke Volkerts -• lyrischer Mezzosopran
Trin Jans -• Mezzosopran
– Ole Peters -• Bassbariton
– Der Fiedler -• Solo-Violine –
Tede Haien, Haukes Vater / Geestkretler / 1. Mann -• Bass
Tede Volkerts, Deichgraf, Elkes Vater / 3. Mann / Arbeiter -• Bassbariton
1. Mitspieler / 2. Mann / Knecht -• Bariton
2. Mitspieler / 4. Mann / Tagelöhner -• hoher Tenor
Prediger -• Schauspieler
Zwei Stimmen •- lyrischer Sopran / lyrischer Bariton
Schaulustige / Trauergemeinde / Sektengemeinde / Arbeiter •- Chor

Uraufführung: 21. Juni 1998 Kiel, Bühnen der Landeshauptstadt, zur Eröffnung der Kieler Woche 1998 •
Dirigent: Ulrich Windfuhr
Inszenierung: Kirsten Harms
Bühnenbild: Bernd Damovsky
Kostüme: Susanne Hubrich

„Der ‚Schimmelreiter’ ist der zweite Teil einer für mich sehr wichtigen Trilogie, die mit dem ‚Rattenfänger’ begann und mit ‚Eduard auf dem Seil’ endet. In allen drei Stücken gibt es eine Figur, die aus dem Osten kommt und die Handlung in Bewegung setzt; im ‚Rattenfänger’ ist es die Titelfigur, deren Herkunft in Mähren liegt, im ‚Schimmelreiter’ ist es ein Fiedler aus der Slowakei, der Hauke Haien seinen Schimmel andreht und im ‚Eduard’ ist es die ‚Schöne Lau’ aus Georgien am Schwarzen Meer, die bei den Schwaben das Lachen lernen soll. Für mich sind die Zusammenhänge in den drei sonst äußerst unterschiedlichen Werken (‚Eduard’ ist eine Komödie) ein künstlerisches Symbol. Ich habe beobachtet, wie durch die Öffnung des Ostens, gerade durch Komponisten aus Lettland, Litauen, Russland oder etwa Georgien Elemente in unsere mitteleuropäische Musik kommen, die nach 1945 bei uns verpönt waren: Das Gefühl, der Humor und ein ungebrochenes Verhältnis zur Melodie. […]

Als ich mir die ersten Gedanken zum ‚Schimmelreiter’ machte, hörte ich die Legende von der Entstehung der mongolischen Pferdekopfgeige. Mich faszinierte, wie ein mongolischer Reiter, dessen Pferd der Khan hatte töten lassen, weil er es nicht als Geschenk bekam, aus der Wirbelsäule des toten Tieres einen Stab formte, aus den Haaren Saiten und aus dem Schweif einen Bogen formte und versuchte, das klagende Wiehern des geliebten Tieres mit seinem neuen Instrument wiederzugeben. Als ich den ‚Schimmelreiter’ von Theodor Storm immer und immer wieder las und durch die Sekundärliteratur geradezu in die Szenen hineingezogen wurde, ging mir immer diese Pferdekopfgeige durch den Sinn mit ihren klagenden Trillern und Glissandi. Bald war klar, dass das zentrale Instrument des ‚Schimmelreiters’ eine Geige sein musste, deren Gesang sich durch das ganze Stück zieht, es eröffnet und beschließt. […]

Da im letzten Jahrhundert, in einer Zeit des blühenden Aberglaubens, Paganini als Wiedergeburt des Teufels schlechthin galt, war es für mich ganz selbstverständlich, über seine bekannteste Caprice einen Zyklus von Variationen zu schreiben und die besagte Jevershallig-Szene damit zu gliedern. An diesen Variationen feilte ich nahezu ein ganzes Jahr, probierte die virtuosen Passagen mit der jungen Geigerin Carolin Widmann aus, nahm die Musik auf Band auf, sprach dazu mit meiner Frau die verschiedenen Dialoge und ließ so lange nicht locker, bis ‚alles stimmte’. Krönender Abschluss sollte dann noch das höhnische Lachen des Pferdehändlers sein.“

(Wilfried Hiller, zitiert nach: Programmheft zur Uraufführung an den Bühnen der Landeshauptstadt Kiel, Spielzeit 1997/98.- Herausgegeben von den Bühnen der Landeshauptstadt Kiel, Redaktion Katharina John, Kiel 1998)

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