Heinrich Heine
Byron-Übersetzungen

MANFRED


ERSTER AUFZUG

Erster Auftritt

Eine gotische Halle. - Mitternacht. - Manfred allein.

MANFRED.

Ich muß die Ampel wieder füllen, dennoch
Brennt sie so lange nicht, als ich muß wachen.
Mein Schlaf - wenn ich auch schlaf - ist doch kein Schlaf;
Nur ein fortdauernd Brüten in Gedanken,
Die ich nicht bannen kann. Im Herzen pocht mirs
Gleich wie ein Wecker, und mein Aug erschließt
Sich nur, einwärts zu schaun. Und dennoch leb ich,
Und trage Menschenform und Menschenantlitz.
Doch Kummer sollt des Weisen Lehrer sein;
Der Schmerz macht weise, und wers meiste weiß,10
Den schmerzt am meisten auch die bittre Wahrheit:
Daß der Erkenntnisbaum kein Baum des Lebens!
Nun hab ich jede Wissenschaft durchgrübelt,
Auch Weltweisheit, die Kräfte der Natur
Erforscht, und fühl im Herzen die Gewalt,
Die solche dienstbar machen könnt mir selber.
Doch frommt es nicht. - Den Menschen tat ich Gutes,
Und mir geschah auch Gutes, selbst von Menschen.
Doch frommt' das nicht. - Ich hatte meine Feinde,
Ich sank vor keinem, mancher sank vor mir.20
Doch frommt' es nicht. - Denn Gutes, Böses, Leben,
Macht, Leidenschaft, wie ichs bei Andern sehe,
Das war bei mir wie Regen auf den Sand,
Seit jener grausen Stund. Ich fürchte nichts,
Mich quält der Fluch, daß ich nichts fürchten kann,
Kein stärkres Pochen fühl, von Hoffnung, Wünschen,
Sehnsucht nach einem Wesen dieser Erde.
Mein Werk beginn! Geheimnisvolle Mächte!
Ihr Geister dieses unbegrenzten Weltalls!
Ihr, die ich stets gesucht in Licht und Dunkel!30
Ihr, die den Erdball rings umwebt, und luftig
Im Hauche wohnt; Ihr, die als Lieblingsplätze
Euch ausgesucht die steilsten Bergesgipfel;
Ihr, die in Erd- und Meerabgründen hauset, -
Euch ruf ich her kraft des geschriebnen Zaubers,
Der Euch mir unterjocht. Steigt auf! Erscheint!

(Pause)

Sie zögern. - Ich beschwör Euch bei dem Worte
Des Geisteroberhaupts, bei diesem Zeichen,
Das Euch erzittern macht, beim Willen dessen,
Der nimmer stirbt. - Steigt auf! Steigt auf! Erscheint!40

(Pause)

Sie zögern. - Geister in der Erd und Luft!
Ihr sollt nicht spotten meiner. Ich beschwör Euch
Bei noch viel mächtgrer Macht, beim Talisman,
Den ausgeheckt einst der verdammte Stern,
Der nun, ein Trümmerbrand zerstörter Welt,
Wie eine Höll im ewgen Raume wandelt;
Beim grausen Fluch, der meine Seel belastet,
Bei dem Gedanken, der stets in mir lebt,
Und um mich lebt, beschwör ich Euch. Erscheint!

(Ein Stern wird sichtbar im dunkeln Hintergrunde der Halle. Er bleibt stehn. Man hört eine Stimme singen)

ERSTER GEIST.

Mensch! Auf deines Wortes Schall 50
Stürmt ich aus der Wolkenhall,
Die der Dämmrung Hauch gebildet,
Die das Abendlicht vergüldet
Mit Karmin und Himmelbläu,
Daß sie mir ein Lusthaus sei.
Zwar sollt ich gehorchen nimmer,
Dennoch ritt ich auf dem Schimmer
Eines Sternleins zu dir her;
Mensch! erfüllt sei dein Begehr.

ZWEITER GEIST.

Montblanc ist der König der Berge,60
Die krönten schon längst seine Höh;
Auf dem Felsenthron sitzend, im Wolkentalar,
Empfing er die Kron von Schnee.
Wie 'n Gurt umsclnallt seine Hüft ein Wald,
Seine Hand die Lawine hält;
Doch vor dem Fall muß der donnernde Ball
Still stehe, wenns mir gefällt.
Des Gletschers ruhlos kalte Mass
Sinkt tiefer Tag für Tag;
Doch ich bins, der sie sinken laß,70
Und auch sie hemmen mag.
Ich bin der Geist des Berges hier,
Wollt ichs, er beugte sich,
Erzitternd bis zum Marke schier, -
Und du, was riefst du mich?

DRITTER GEIST.

In dem bläulichen Meergrund,
Wo der Wellenkampf schweigt,
Wo ein Fremdling der Wind ist,
Und die Meerschlange kreucht,
Wo die Nixe ihr Grünhaar80
Mit Muscheln durchschlingt, -
Wie wenn Sturm auf der Meerfläch,
Scholl dein Spruch, der mich zwingt.
In mein stilles Korallhaus
Erdröhnte er schwer;
Denn der Wassergeist bin ich, -
Sprich aus dein Begehr!

VIERTER GEIST.

Wo der Erdschüttrer schlummert
Auf Kissen von Glut,
Wo die Pechström aufwälzen90
Die kochende Flut,
Wo die Wurzel der Andes
Die Erde durchwcbt,
Also tief wie ihr Gipfel
Zum Himmel aufstrebt,
Dort ließ ich die Heimat, Dein Ruf riß mich fort, -
Bin Knecht deines Spruches,
Mein Herr ist dein Wort.

FÜNFTER GEIST.

Mein Roß ist Wind, mit Geißelhieb100
Treib ich das Sturmgewühl;
Das Wetter, das dahinten blieb,
Ist noch von Blitzen schwül.
Mich hat gar schnell, über Land und Well,
Ein Windstoß hergebracht;
Die Flott, die ich traf, die segelt brav,
Doch sinkt sie noch heut Nacht.

SECHSTER GEIST.

Mein Wohnhaus ist der Schatten süßer Nacht;
Was quälst du mich ans Licht mit Zaubermacht?

SIEBENTER GEIST.

Vor Erdbeginn beherrschte ich110
Den Stern, der nun beherrschet dich.
Das war ein Erdball, hübsch belebt,
Wie keiner je die Sonn umschwebt.
Sein Lauf war schön geregelt, kaum
Trug schönern Stern der Himmelsraum.
Da kam die Stunde - und er ward
Ein Flammenball unförmger Art,
Ein Schweifstern, der sich pfadlos schlingt,
Und Menschen schreckt und Unheil bringt,
Der nie ermattend rollt und schweift,120
Und irrend ohne Laufbahn läuft,
Ein Tollbild, das da oben brennt,
Ein Ungeheur am Firmament!
Und du, dem dies ein Schicksalstern,
Wurm, dem ich hohnvoll dien als Herrn,
Du zwangst mich (mit der kurzen Macht,
Die dich am End mir eigen macht)
Auf kurz hierher, wo zitternd gar
Hier diese schwache Geisterschar
Mit einem Ding, wie du bist, schwätzt, -130
Du, Sohn des Staubs, was willst du jetzt?

DIE SIEBEN GEISTER.

Erd, Weltmeer, Luft und Nacht, Gebirg und Wind
Und auch dein Stern umstehn als Geister dich,
Und harren deines Winkes, Menschenkind, -
Was will von uns der Sohn des Staubes, sprich?

MANFRED.

Ich will vergessen -

ERSTER GEIST.

Was - und wie - warum?

MANFRED.

Was in mir ist, will ich vergessen, lesets
In mir - Ihr kennts und ich kanns nimmer sagen.

GEIST.

Nur was wir haben, können wir dir geben,
Verlange Gegenstände, Herrschaft, Weltmacht, 140
Ganz oder nur ein Teil, verlang ein Zeichen,
Das dir die Elemente dienstbar macht,
Die wir regieren, jedes, all dergleichen
Sei dein.

MANFRED.

Vergessen, Selbstvergessenheit -

Könnt Ihr nicht schaffen dies aus dunklen Reichen,
Ihr, die mir prahlerisch so vieles bietet?

GEIST.

In unsrer Macht stehts nicht; es seie denn -
Du stürbest jetzt.

MANFRED.

Wird mirs der Tod gewähren?

GEIST.

Wir sind unsterblich und vergessen nicht;
Wir leben ewig, und Vergangnes ist uns 150
Mitsamt der Zukunft gegenwärtig. Siehst du?

MANFRED.

Ihr höhnt mich; doch die Macht, die Euch hierherzwang,
Gab Euch in meine Hand. Höhnt nicht, Ihr Knechte!
Die Seel, der Geist, der prometheische Funken,
Die Flamme meines Lebens ist so leuchtend,
Durchglühnd, und weithinblitzend wie die Eure, Gibt der nichts nach, obgleich in Staub gekleidet.
Gebt Antwort! sonst beweis ich, wer ich bin.

GEIST.

Die alte Antwort gnügt; die beste Antwort
Sind deine eignen Wort.160

MANFRED.

Erklär die Rede.

GEIST.

Wenn, wie du sagst, dein Wesen unserm gleicht,
So hattest du schon Antwort, als wir sagten:
Was Tod die Menschen nennen, bleibt uns fremd.

MANFRED.

So rief ich Euch umsonst aus Euren Reichen,
Ihr könnt nicht oder wollt nicht helfen.

GEIST.

Sprich!

Was wir vermögen, bieten wir, dein seis;
Besinn dich, eh du uns entläßt, frag nochmals, -
Macht, Herrschaft, Kraft, Verlängrung deiner Tage -

MANFRED.

Verflucht! was habe ich zu tun mit Tagen?
Sie sind mir jetzt schon allzu lang, - fort! fort!170

GEIST.

Gemach! sind wir mal hier, kanns doch dir nützen;
Besinn dich, gibts denn gar nichts, was wir könnten
Nicht ganz unwert in deinen Augen machen?

MANFRED.

Nein, nichts; doch bleibt, - ich möcht wohl, eh wir scheiden,
Euch schaun von Angesicht zu Angesicht.
Ich höre Eure Stimmen, süß und schmachtend,
Wie Harfentöne auf dem Wasser, immer
Steht leuchtend vor mir jener klare Stern;
Doch anders nichts. Kommt näher, wie Ihr seid,
Kommt all, kommt einzeln, in gewohnten Formen.180

GEIST.

Wir tragen keine Formen, außer die
Des Elements, wovon wir Seel und Urgeist;
Wähl die Gestalt, worin wir kommen sollen.

MANFRED.

Ich wählen! Gibts ja keine Form auf Erden,
Die häßlich oder reizend wär für mich.
Eur Mächtigster mag wählen sich ein Antlitz,
Das ihm das beste dünkt. Erschein!

SIEBENTER GEIST (erscheint in der Gestalt eines schönen Weibes).

Sieh her!

MANFRED.

O Gott! Wenns so sein soll, und du kein Wahnbild
Und auch kein Blendwerk bist, so könnt ich dennoch
Recht glücklich sein. - Umarmen will ich dich, 190
Wir wollen wieder -

(die Gestalt verschwindet)

's Herz ist mir zermalmet.

(Manfred stürzt besinnungslos nieder)

EINE STIMME (spricht folgenden Zauberbann):

Wenn der Mond im Wasser schwimmt,
Und im Gras der Glühwurm blinkt,
Wenn am Grab das Dunstbild glimmt,
Und im Sumpf das Irrlicht winkt,
Wenn Stern schnuppen niederschießen,
Und sich Eulen krächzend grüßen,
Wenn, umschattet von den Höhn,
Baum und Blätter stille stehn,
Dann kommt meine Sed auf dich, 200
Und mein Zauber reget sich.

Schläfst du auch mit Augen zu,
Findet doch dein Geist nicht Ruh,
Schatten drohe, die nie verbleichen,
Und Gedanken, die nicht weichen;
Von geheimer Macht umrauscht,
Bist du nimmer unbelauscht;
Bist wie leichentuchumhängt,
Wie von Wolken eingezwängt;
Sollst jetzt leben immerfort 210
Hier in diesem Zauberwort.

Siehst mich zwar nicht sichtbarlich,
Dennoch fühlt dein Auge mich,
Als ein Ding, das unsichtbar
Nah dir ist, und nahe war;
Und wenns dir dann heimlich graust,
Und du hastig rückwärts schaust,
Siehst du staunend, daß ich nur
Bin der Schatten deiner Spur,
Und verschweigen muß dein Mund 220
Jene Macht, die dir ward kund.

Und ein Zaubersang und Spruch
Hat dein Haupt getauft mit Fluch;
Und ein Luftgeist voller List
Legt dir Schlingen, wo du bist;
In dem Wind hörst du ein Wort,
Das dir scheucht die Freude fort;
Und die Nacht, so still und hehr,
Gönnt dir Ruhe nimmermehr;
Und des Tages Sonnenschein 230
Soll dir unerträglich sein.

Aus deinen Tränen falsch und schlau
Kocht ich ein tödliches Gebrau;
Aus deines Herzens schwarzem
Quell Preßt ich des schwarzen Blutes Well;
Aus deines Lächelns Falt ich zog
Die Schlang, die dort sich ringelnd bog;
Aus deinem Mund nahm ich den Reiz,
Den Hauch des allerschlimmsten Leids;
Ich prüft manch Gift, das mir bekannt, 240
Doch deins am giftigsten ich fand.

Bei deines Schlangenlächelns Mund,
Eiskaltem Herzen, Arglistschlund,
Bei deinem Aug, scheinheilig gut,
Bei deiner Seel verschloßner Wut,
Bei deiner Kunst, womit du gar
Dein Herz für menschlich gabest dar,
Bei deiner Lust an fremdem Leid,
Bei deiner Kainsähnlichkeit,
Hierbei verfluch ich dich, Gesell: 250
Sei selber deine eigne Höll!

Und auf dein Haupt gieß ich den Saft,
Der dir ein solch Verhängnis schafft:
Schlafen nicht und Sterben nicht
Gönnt dein Schicksal dir, du Wicht;
Sollst den Tod stets nahe schaun,
Freudig zwar und doch mit Graun.
Sieh! der Zauber schon umringt dich,
Klanglos seine Kett umschlingt dich;
Auf dein Herz und Hirn zugleich 260
Kam der Spruch - verwelk, verbleich!


LEBEWOHL

Befreundet waren weiland ihre Herzen,
Doch Lästerzungen können Wahrheit schwärzen;
Und die Beständigkeit wohnt nur dort oben;
Und dornig ist das Leben, und die Jugend
Ist eitel; und entzweit sein mit Geliebten,
Das kann wie Wahnsinnschmerz im Hirne toben!

*

Doch nie fand sich ein Mittler diesen beiden,
Der heilen wollte ihrer Herzen Leiden.
Genüber standen sich die Schmerzgestalten,
Wie Klippen, die des Blitzes Strahl gespalten. 10
Ein wilder, wüster Strom fließt jetzt dazwischen;
Doch aller Elemente zornge Schar
Vermag wohl nimmer gänzlich zu verwischen
Die holde Spur von dem, was einstens war.

(Aus Coleridges Christabel)


Lebe wohl, und seis auf immer!
Seis auf immer, lebe wohl!
Doch, Versöhnungslose, nimmer
Dir mein Herze zürnen soll.

Könnt ich öffnen dir dies Herze,
Wo dein Haupt oft angeschmiegt 20
Jene süße Ruh gefunden,
Die dich nie in Schlaf mehr wiegt!

Könntest du durchschaun dies Herze
Und sein innerstes Gefühl!
Dann erst sähst du: es so grausam
Fortzustoßen war zu viel.

Mag sein, daß die Welt dich preise
Und die Tat mit Freuden seh, -
Muß nicht selbst ein Lob dich kränken,
Das erkauft mit fremdem Weh?30

Mag sein, daß viel Schuld ich trage,
War kein andrer Arm im Land,
Mir die Todeswund zu schlagen,
Als der einst mich lieb umwand?

Dennoch täusche dich nicht selber,
Langsam welkt die Liebe bloß,
Und man reißt so raschen Bruches
Nicht ein Herz vom Herzen los.

Immer soll dein Herz noch schlagen,
Meins auch, blut es noch so sehr; 40
Immer lebt der Schmerzgedanke:
Wieder sehn wir uns nicht mehr!?

Solche Worte schmerzen bittrer,
Als wenn man um Tote klagt;
Jeder Morgen soll uns finden
Im verwitwet Bett erwacht.

Suchst du Trost, wenns erste Lallen
Unsres Mägdleins dich begrüßt:
Willst du lehren »Vater «rufen
Sie, die Vaters Huld vermißt?50

Wenn, umarmt von ihren Händchen,
Dich ihr süßer Kuß entzückt,
Denke sein, der fern dich liebet,
Den du liebend einst beglückt!

Wenn du schaust, daß ihr Gesichtlein
Meinen Zügen ähnlich sei,
Zuckt vielleicht in deinem Herzen
Ein Gefühl, das mir noch treu.

Alle meine Fehltritt kennst du,
All mein Wahnsinn fremd dir blieb;60
All mein Hoffen, wo du gehn magst,
Welkt, - doch gehts mit dir, mein Lieb.

Jed Gefühl hast du erschüttert;
Selbst mein Stolz, sonst felsenfest,
Beugt sich dir, - von dir verlassen,
Meine Seel mich jetzt verläßt.

Doch was helfen eitel Worte, -
Kommt ja gar von mir das Wort!
Nur entzügelte Gedanken
Brechen durch des Willens Pfort.70

Lebe wohl! ich bin geschleudert
Fort von allen Lieben mein,
Herzkrank, einsam, und zermalmet, -
Tödlicher kann Tod nicht sein!


AN INEZ

Childe Harold. Erster Gesang

O lächle nicht ob meinen finstern Brauen,
Das Wiederlächeln wird mir gar zu schwer!
Doch Tränen mögen nie dein Aug betauen,
Umsonst geweinte Tränen nimmermehr.

O forsche nicht von jenem Schmerz die Kunde,
Der nagend Freud und Jugend mir zerfrißt.
Enthülle nicht die tiefgeheime Wunde,
Die du sogar zu heilen machtlos bist.

Es ist kein Liebesweh, es ist kein Hassen,
Es ist kein Schmerz getäuschter Ruhmbegier, 10
Was stets mich treibt, das Liebste zu verlassen,
Was mir die Gegenwart verekelt schier.

Es ist ein Überdruß, der mich erdrücket,
Bei allem was ich hör, und seh, und fühl.
Denn keine Schönheit gibts, die mich entzücket,
Kaum noch ergötzt mich Deiner Augen Spiel.

Es ist die düstre Glut, die stets getragen,
In tiefer Brust, der ewge Wandersmann,
Der nirgendwo sich kann ein Grab erjagen,
Und doch im Grab nur Ruhe finden kann.20

Welch Elend kann sich selbst entfliehe? Vergebens
Durchjag ich rastlos jedes fernste Land,
Und stets verfolget mich der Tod des Lebens,
Der Teufel, der »Gedanke« wird genannt.

Doch andre seh ich, die sich lustig tauchen
In jenes Freudenmeer, dem ich entwich;
O möge nie ihr schöner Traum verrauchen,
Und keiner mög erwachen so wie ich!

Noch manchen Himmelsstrich muß ich durcheilen,
Verdammt noch manches Mal zurück zu sehn; 30
Nur ein Bewußtsein kann mir Trost erteilen:
Was auch gescheh, das Schlimmst ist mir geschehn.

Was ist denn dieses Schlimmste? Laß die scharfen,
Die scharfen Stachelfragen lasse fort!
O lächle nur, - doch such nicht zu entlarven
Ein Männerherz, zu schaun die Hölle dort.


GUT NACHT

Childe Harold. Erster Gesang

Leb wohl! leb wohl! im blauen Meer
Verbleicht die Heimat dort.
Der Nachtwind seufzt, wir rudern schwer,
Scheu fliegt die Möwe fort.
Wir segeln jener Sonne zu,
Die untertaucht mit Pracht;
Leb wohl, du schöne Sonn und du,
Mein Vaterland, - gut Nacht!

Aufs neu steigt bald die Sonn heran,
Gebärend Tageslicht;10
Nur Luft und Meer begrüß ich dann,
Doch meine Heimat nicht.
Mein gutes Schloß liegt wüst und leer,
Mein Herd steht öde dort,
Das Unkraut rankt dort wild umher,
Mein Hund heult an der Pfort.

Komm her, komm her, mein Page klein,
Was weinst du, armes Kind?
Fürchtst du der Wogen wildes Dräun,
Macht zittern dich der Wind?20
Wisch nur vom Aug die Träne hell,
Das Schiff ist fest gefügt,
Kaum fliegt der beste Falk so schnell,
Wie unser Schifflein fliegt.

»Laß brausen Flut, laß heulen Wind,
Mich schreckt nicht Wind, nicht Flut;
Sir Childe, viel andre Ding es sind,
Weshalb ich schlimmgemut.
Denn ich verließ den Vater mein,
Und auch die Mutter traut;30
Mir blieb kein Freund als du allein,
Und der dort oben schaut.

Lang segnete mein Vater mich,
Doch klagte er nicht sehr.
Doch Mutter weint wohl bitterlich,
Bis daß ich wiederkehr.« -
Still, still, mein Bub, dich zieret hold
Im Auge solche Trän,
Hätt ich dein schuldlos Herz, man sollt
Auch meins nicht trocken sehn.40

Komm her, komm her, mein Schloßdienstmann,
Was hat dich bleich gemacht?
Fiirchtst du, der Franzmann käm heran?
Durchfröstelt dich die Nacht?
»Glaubst du, ich zittre für den Leib?
Sir Childe, bin nicht so bang!
Doch denkt er an sein fernes Weib,
Wird bleich des Treuen Wang!

Am Seerand, wo dein Stammschloß ragt,
Da wohnt mir Weib und Kind;50
Wenn nun der Bub nach Vater fragt,
Was sagt sie ihm geschwind?«
Still! still, mein wackrer Schloßdienstmann,
Man ehre deinen Schmerz;
Doch ich bin leichtrer Art, und kann
Entfliehn, als seis ein Scherz.

Ich traue Weibesseufzern nicht!
Ein frischer Buhlertroß
Wird trocknen jenes Auge licht,
Das jüngst noch überfloß.60
Mich quälet kein Erinnrung süß,
Kein Sturm, der näher rollt;
Mich quält nur, daß ich nichts verließ,
Weshalb ich weinen sollt.

Und nun schwimm ich auf weitem Meer,
Bin einsam in der Welt: -
Sollt ich um andre weinen sehr,
Da mir kein Tränlein fällt?
Mein Hund heult nur, bis neue Speis
Ein neuer Herr ihm reicht;70
Kehr ich zurück und nah ihm leis -
Zerfleischt er mich vielleicht.

Mit dir, mein Schiff, durchsegl ich frei
Das wilde Meergebraus;
Trag mich, nach welchem Land es sei,
Nur trag mich nicht nach Haus.
Sei mir willkommen, Meer und Luft!
Und ist die Fahrt vollbracht,
Sei mir willkommen, Wald und Kluft!
Mein Vaterland - gut Nacht!80