Heinrich Heine - Buch der Lieder

NACHGELASSENE GEDICHTE (1812-1827)

III. Abteilung
Gedichte aus dem Nachlaß


1

Freund, hier sitzt und zählet
Dir Papa den Brautschatz hin:
Wirf nun, was dich quälet,
Fröhlich weg aus Herz und Sinn!
Du sollst die Tochter haben,
Dich an ihrer Schönheit laben,
Schön und bieder ist sie ja;
Drum zähl nur immer fort, Papa!

Düsseldorf 1812


2

O, habt ihr über Glück und Unglück noch Gewalt
Ihr Götter! - Gebt dem Glück auf heute viel' Befehle.
Denn Vater und Mutter, die schöne Seele
Feiern heute, ihren schönsten Tag.

Düsseldorf den 6 ten Januar 1813


3
Wünnebergiade,
ein Heldengedicht in zwei Gesängen

Erster Gesang

Holde Muse, gib mir Kunde,
Wie einst hergeschoben kommen
Jenes kugelrunde Schweinchen,
Das da Wünneberg geheißen.

Auf den Iserlohner Triften
Ward mein Schweinchen einst geworfen,
Allda stehet noch das Tröglein,
Wo es weidlich sich gemästet.

Täglich in der Brüder Mitte
Burzelt es herum im Miste, 10
Auf den Hinterpfötchen hüpfend, -
Zernial ist Dreck dagegen.

Und die Mutter mit Gefallen
Schauet ihres Sohns Gedeihen,
Wie das feiste Wänstchen schwellet,
Wie die Ziegelbacken quellen.

Und der Vater mit Entzücken
Hört des Sohnes erstes Quirren,
Und das lieblich helle Grunzen
Dringt zum väterlichen Herzen.20

Aber soll im Mist verwelken
Diese zarte Ferkenblume?
Soll der Sprößling edler Beester
Ohne Nachruhm einst verrecken?

Also sinnen nun die Eltern,
Was ihr Söhnchen einst soll werden,
Und sie stritten, stritten lange,
Mit den Worten, mit den Fäusten.

»Holde Drütche!« sprach der Ehherr,
»Du mein alter Rumpelkasten! 30
Ja ich kusche, ja ich schwör es,
Ja, mein Sohn soll Pfäfflein werden.

Dorthin, wo die schmucke Düssel
Schlängelnd sich im Rhein ergießet,
Dorthin send ich meinen Lümmel,
Zu studieren Gottgelahrtheit.

Dorten lebt mein Freund Asthöver,
Den ich einst traktiert mit Kaffee
Und mit Brezel und mit Plätzchen, -
Schlau erwägend künftge Zeiten.40

Auch der riesenmächtge Dahmen
Wandelt dort sein geistlich Leben;
Schreckhaft zittern seine Jünger,
Wenn er schwingt die Musengeißel.

Diesen Männern übergeb ich
Meinen Sohn zur strengen Leitung,
Diese wähl er sich zum Vorbild,
Bis sein Bauch sich einst verkläret.«

Also sprach zur Frau der Ehherr,
Und er streichelt ihr das Pfötchen;50
Aber sie umarmt ihn glühend,
Daß der Schmerbauch heftig dröhnet.

Halt die Ohren zu, o Muse!
Jetzo wird mein Schwein gescheuert,
Mit der Glut im Wasserküven;
Und es schreit und krächzt erbärmlich.

Und ein klimperklein Frisörchen
Kräuselt à l'enfant die Borsten,
Parfümiert sie mit Pomade, -
Bis nach Gersheim hats gerochen.60

Und mit vielen Komplimenten
Kommt ein Schneider hergetrippelt,
Und er bracht ein altdeutsch Röcklein,
Wies Arminius getragen.

Unter solcher Vorbereitung
War die Nacht herabgesunken,
Und zur Ruhe blies der Sauhirt,
Jeder kroch ins niedre Ställchen.

Zweiter Gesang

Schnarchend lag der Hausknecht Tröffel,
Bis der Tag herangebrochen, 70
Endlich rieb er sich die Augen,
Und verließ sein weiches Lager.

Und im Hofe schon versammelt
Findet er die Hausgenossen,
Um den jungen Herrn sich drängend,
Und sie nehmen rührend Abschied.

Sinnend steht der ernste Vater,
Als behorcht er Flöhgespräche;
Und die Mutter kniet im Miste,
Betend für des Sohns Erhaltung.80

Auch die Kuhmagd hörbar schluchset,
Denn es scheidet der Geliebte,
Den sie einst in Lieb befangen
Durch der dicken Waden Reize.

»Lebewohl!« die Brüder grunzen,
»Lebewohl!« der Kater mauet;
Und der Esel zärtlich seufzend
Seinen Jugendfreund umarmet.

Selbst die Hühner traurig gackern;
Nur der Bock der schweigt und schmunzelt,90
Er verliert ein Nebenbuhler
Bei den holden Ziegenpärchen.

Traurig, in der Freunde Mitte,
Stand nun selbst mein armes Schweinchen,
Liebevoll die Äuglein glänzen,
Und es ließ das Sterzchen hängen.

Da erhub sich männlich Tröffel:
»Sagt, was soll das Weiberplärren?
Selbst der edle Ochs der weinet,
Er, den ich für Mann gehalten!100

Aber Tröffel kann dies ändern!«
Sprachs, und rasch, im edlen Zorne,
Packte er mein Schwein beim Kragen,
Band zusammen alle Vieren,

ud es schnell auf seinen Schubkarrn,
Und er schiebet flink und lustig,
Über Felder, über Berge,
Bis an Düsseldorfs Lyceum.


4

Zur Notiz

Die Philister, die Beschränkten,
Diese geistig Eingeengten,
Darf man nie und nimmer necken.
Aber weite, kluge Herzen
Wissen stets in unsren Scherzen
Lieb und Freundschaft zu entdecken.


5

Deutschland

Deutschlands Ruhm will ich besingen.
Höret meinen schönsten Sang!
Höher will mein Geist sich schwingen,
Mich durchbebet Wonnedrang.

Vor mir liegt das Buch der Zeiten;
Was auf Erden hier geschehn;
Wie das Gut' und Böse streiten,
Alles meine Blicke sehn.

Kam aus fernem Frankenlande
Einst die Hölle schlau, gewandt, 10
Brachte Schmach und schnöde Schande
In dem frommen, deutschen Land.

Und die Tugend und den Glauben
Und die Himmelsseligkeit -
Alles Gute sie uns rauben,
Gaben Sünde uns und Leid.

Deutsche Sonne wurde düster,
Will nicht leuchten deutscher Schand,
Und ein dumpfes Traurgeflüster
Sich durch deutsche Eichen wand.20

Und die Sonne wurde lichter,
Und die Eiche rauschet Freud.
Kommen sind die Racherichter,
Wollen sühnen Schmach und Leid.

Und des Trugs Altäre wanken,
Stürzen ein im grausen Schlund.
Alle deutschen Herzen danken;
Frei ist deutscher, heilger Grund.

Siehst dus lodern hoch vorn Berge?
Sag, was deut't die Flamme wild? 30
's deut't dies Feuer auf dem Berge
Deutschlands reines, starkes Bild.

Aus der Sündennacht enttauchet,
Stehet Deutschland unversehrt;
Noch die dumpfe Stelle rauchet,
Wo die schönre Form entgärt.

Aus dem Stamm der alten Eichen
Sprossen Blüten, herrlich, schön,
Und die fremden Blumen weichen;
Traulich grüßt das alte Wehn.40

Alles Schöne kommet wieder,
Alles Gute kehrt zurück,
Und der Deutsche, fromm und bieder,
Froh genießt sein deutsches Glück.

Alte Sitte, alte Tugend,
Und der alte Heldenmut.
Schwerter schwinget Deutschlands Jugend;
Hermanns Enkel scheut kein Blut.

Helden zeugen keine Tauben,
Löwen gleich ist Hermanns Art; 50
Doch der Liebe schöner Glauben
Sei mit Stärke mild gepaart.

Eignes Leid dem Deutschen lehrte
Christus' sanftes Wort verstehn;
's zeugt nur Brüder deutsche Erde,
Nur die Menschlichkeit ist schön.

Auch die alte fromme Minne
Kehrt zurück, die Sängerlust,
Zierest herrlich, fromme Minne,
Deutschen Mannes Heldenbrust.60

Er ist zogen aus im Kriege
In die heiße Frankenschlacht;
Um zu rächen Meineidslüge
Blutig mit gewaltger Macht.

Und daheim die Frauen regen
Liebevoll die sanfte Hand,
Und der heilgen Wunden pflegen,
Die geblut't fürs Vaterland.

Festlich in dem schwarzen Kleide
Glänzt das schöne deutsche Weib 70
Und mit Blumen und Geschmeide,
Demantgürtel schmückt den Leib.

Doch noch herrlicher geschmücket
Mit Gefallen ich sie schau,
Wenn am Krankenbett gebücket
Sorgend schafft die deutsche Frau.

Himmels Engeln wohl sie gleichet,
Wenn sie letzten Labetrank
Dem verwundten Krieger reichet;
Sterbend noch er lächelt Dank.80

Mutig sich ein Grab erwerben
In der Feldschlacht - das ist süß;
Doch in Frauenarmen sterben,
Das ist Gottes Paradies.

Arme, arme Frankensöhne,
Euch war nicht das Schicksal hold;
An der Seine Strand die Schöne
Buhlet nur nach feilem Gold.

Deutsche Frauen, deutsche Frauen!
Welch ein Zauber birgt dies Wort! 90
Deutsche Frauen, deutsche Frauen,
Blühet lange, blühet fort!

Deutschlands Töchter wie Luise,
Deutschlands Söhne Friedrich gleich.
Hör im Grabe mich, Luise!
Herrlich blüh das deutsche Reich!


6

Wenn die Stunde kommt wo das Herz mir schwillt,
Und blühender Zauber dem Busen entquillt,
Dann greif ich zum Griffel rasch und wild,
Und male mit Worten das Zaubergebild. -


7

Als ich ging nach Ottensen hin
Auf Klopstocks Grab gewesen ich bin.
Viel schmucke und stattliche Menschen dort standen,
Und den Leichenstein mit Blumen umwanden,
Die lächelten sich einander an
Und glaubten Wunders was sie getan. -
Ich aber stand beim heiligen Ort,
Und stand so still und sprach kein Wort,
Meine Seele war da unten tief
Wo der heilige deutsche Sänger schlief: - -


8

Dieses Buch sei dir empfohlen,
Lese nur, wenn du auch irrst:
Doch wenn dus verstehen wirst,
Wird dich auch der Teufel holen.


9

Ich wohnte früher weit von hier,
Zwei Häuser trennen mich jetzt von Dir.
Es kam mir oft schon in den Sinn:
Ach! wärst Du meine Nachbarin.


10

Hast du vertrauten Umgang mit Damen,
Schweig, Freundchen, stille und nenne nie Namen:
Um ihrentwillen, wenn sie fein sind,
Um deinetwillen, wenn sie gemein sind.

Bonn 1820


11

Augen, die nicht ferne blicken,
Und auch nicht zur Liebe taugen,
Aber ganz entsetzlich drücken,
Sind des Vetters Hühneraugen.


12

Oben auf dem Rolandseck
Saß einmal ein Liebesgeck,
Seufzt' sich fast das Herz heraus,
Kuckt' sich fast die Augen aus
Nach dem hübschen Klösterlein,
Das da liegt im stillen Rhein.

Fritz von Beughem! denk auch fern
Jener Stunden, als wir gern
Oben hoch von Daniels Kniff
Schauten nach dem Felsenriff,
Wo der kranke Ritter saß,
Dessen Herze nie genas.

Bonn, 7. März 1820.


13

An Fritz von Beughem!

Mein Fritz lebt nun im Vaterland der Schinken,
Im Zauberland, wo Schweinebohnen blühen,
Im dunkeln Ofen Pumpernickel glühen,
Wo Dichtergeist erlahmt, und Verse hinken.

Mein Fritz, gewohnt, aus heilgem Quell zu trinken
Soll nun zur Tränke gehn mit fetten Kühen,
Soll gar der Themis Aktenwagen ziehen, -
Ich fürchte fast er muß im Schlamm versinken.

Mein Fritz, gewohnt auf buntbeblümten Auen
Sein Flügelroß, mit leichter Hand, zu leiten, 10
Und sich zu schwingen hoch, wo Adler horsten;

Mein Fritz wird nun, will er sein Herz erbauen,
Auf einem dürren Prosagaul durchreuten -
Den Knüppelweg von Münster bis nach Dorsten.


14

Bang hat der Pfaff sich in der Kirch verkrochen,
Der Herrschling zittert auf dem morschen Thrönlein,
Auf seinem Haupte wackelt schon sein Krönlein -
Denn Rousseaus Namen hab ich ausgesprochen.

Doch wähne nicht, das Püpplein, womit pochen
Die Mystiker, sei Rousseaus Glaubensfähnlein,
Auch halte nicht für Rousseaus Freiheit, Söhnlein,
Das Süpplein, das die Demagogen kochen.

Sei deines Namens wert, für wahre Freiheit
Und freie Wahrheit kämpf mit deutschem Sinne: 10
Schlag drein mit Wort und Schwert, sei treu und bieder.

Glauben, Freiheit, Minne sei deine Dreiheit,
Und fehlt dir auch das Myrtenreis der Minne,
So hast du doch den Lorbeerkranz der Lieder.

Bonn, den 15. Sept. 1820


15

Wenn ich bei meiner Liebsten bin
Dann geht das Herz mir auf
Dann dünk ich mich reich in meinem Sinn
Und frag: ob die Welt zu Kauf?

Doch wenn ich wieder scheiden tu
Aus ihrem Schwanenarm
Dann geht das Herz mir wieder zu
Und ich bin bettelarm.


16

Ochse, deutscher Jüngling, endlich,
Reite deine Schwänze nach;
Einst bereust du, daß du schändlich
Hast vertrödelt manchen Tag!


17

Selig dämmernd, sonder Harm,
Liegt der Mensch in Freundes Arm;
Da kommt plötzlich wies Verhängnis
Des Cornsiliums Bedrängnis,
Und weit fort von seinen Lieben,
Muß der Mensch sich weiter schieben.


18

Der Weltlauf ists: den Würdgen sieht man hudeln,
Der Ernste wird bespöttelt und vexiert,
Der Mutge wird verfolgt von Schnurren, Pudeln,
Und Ich sogar - ich werde konsiliert.

Göttingen, den 29. Januar 1821


19

Wenn ich die Brüder zähle
Die mir geblieben treu,
So zähl ich Dich für zwei
Du liebe treue Seele

Und liest Du in der Ferne
Von mir 'ne Reimerei,
Und schläfst nicht ein dabei
So denk auch meiner gerne


20

Kein Stammbuch?! - da hab ich nachgedacht,
Doch kaum wird es Denkens bedürfen;
Es gleichet gar bald dem verschütteten Schacht,
Weils trostlos war, weiter zu schürfen.

Betrug und Freundschaft sind ja zumeist
Im Erdenverkehre Geschwister,
Und was man jung ein Stammbuch heißt,
Wird endlich Totenregister.

Nur mit dem Ärgernis macht ein Komplott,
Wer viel von Freundschaft will buchen;
Denn findet man immer sic wieder bankrott, 10
So lernt man sein Leben verfluchen.


21

Am Werfte zu Kuxhaven
Da ist ein schöner Ort,
Der heißt »Die alte Liebe«
Die meinige ließ ich dort etc. etc. etc.


22

Sonnenaufgang

Sonne, purpurgeborene,
Glänzend im Glanz der Rubinenkron
Und des goldenen Mantels,
Steigest Du empor
Aus Deinem Palast von Kristall;

Vor Dir, wie Blumenmädchen am Festtag,
Tanzen die jungen Morgenlichter
Und streuen Dir Rosenblätter;
Und unter Triumphportalen,
Gewölbt aus Wolkenmarmor,10
Wandelst Du siegreich
Über die leuchtende Wasserbahn,
Und wohin Du gelangst,
Entflieht die Nacht
Mit hastigem Schattenschritt,
Und, lichtgeweckt, erschließen sich freudig
Die bunten Augen der Blumen
Und die lieben Herzen der Menschen,
Und aus den grünen Domen erschallt
Befiederte Jubelmusik.20

Aber, o Sonne, purpurgeborene,
Putz Dich heut noch schöner als sonst,
Putz Dich mit all Deinem besten Geschmeide,
Denn es ist heut der Geburtstag
Der schönen Tante,
Und keinen gringeren Boten
Als Dich selber, o Sonne,
Schick ich mit meinem Glückwunsch
An die schöne Tante.

Hoch geehret fühlt sich die Sonne,30
Die purpurgeborene,
Sie schmückt sich hastig,
Und hastig eilt sie über das Wasser,
Eilt in die Mündung der Elbe,
Stromaufwärts, Blankenes entlang,
Und sputet sich eifrig, und kommt noch zeitig
Nach Onkels Villa zu Ottensen,
Und findet noch, frühstückversammelt,
Alldort die schöne Tante
Und den Oheim, den fürstlichen Mann,40

Und die lieben Mädchen,
Und Carl, den göttlichen Jungen,
Dem die Welt gehört,
Und den vornehmherrlichen Herrmann,
Der jüngst aus Italien gekommen,
Und vieles gesehn und erfahren,
Und jetzt erzählt:
Vom alten, blauen Wunderlande,
Von Zitronenwäldern und Banditen,
Von Makaroni und Madonnen,50

Von geflickten Marmorgöttern,
Und von Musik und Misere.-
Unterdessen, die Sonne, die purpurgeborene,
Auftragsgehorsam,
Strahlet ins Fenster hinein
Meinen heißesten Glückwunsch,
Meine wärmste Gratulation.


23

Einem Abtrünnigen

O des heilgen Jugendmutes!
O, wie schnell bist du gebändigt!
Und du hast dich, kühlem Blutes,
Mit den lieben Herrn verständigt.

Und du bist zu Kreuz gekrochen,
Zu dem Kreuz, das du verachtest,
Das du noch vor wenig Wochen
In den Staub zu treten dachtest!

O, das tut das viele Lesen
Jener Schlegel, Haller, Burke - 10
Gestern noch ein Held gewesen,
Ist man heute schon ein Schurke.


24

Zum Ostwind sprach ich: Ostwind schere dich,
Nur deinen Vetter Westwind kann ich brauchen,
Und mag er stürmen, brüllen, flöten, hauchen,
Gleichviel, doch zu der Liebsten bring er mich.

Ostwind, in deinen starren Launen gleichst du
Der Herzgeliebten, meinem süßen Kind,
Ich bitte dich, ich fleh, und doch nicht weichst du,
Du bist wie sie, und sie ist wie der Wind.


25

Heut Nacht, im Traum, unglücklicherweis,
Tät ich an der schmutzigsten Magd mich laben,
Und ich konnte doch für denselben Preis
Die allerschönste Prinzessin haben.


26

Die Liebe begann im Monat März,
Wo mir erkrankte Sinn und Herz.
Doch als der Mai, der grüne, kam:
Ein Ende all mein Trauern nahm.

Es war am Nachmittag um Drei
Wohl auf der Moosbank der Einsiedelei,
Die hinter der Linde liegt versteckt,
Da hab ich ihr mein Herz entdeckt.

Die Blumen dufteten. Im Baum
Dic Nachtigall sang, doch hörten wir kaum 10
Ein einziges Wort von ihrem Gesinge,
Wir hatten zu reden viel wichtige Dinge.

Wir schwuren uns Treue bis in den Tod.
Die Stunden schwanden, das Abendrot
Erlosch. Doch saßen wir lange Zeit
Und weinten in der Dunkelheit.


27

Jegliche Gestalt bekleidend,
Bin ich stets in deiner Nähe,
Aber immer bin ich leidend,
Und du tust mir immer wehe.

Wenn du, zwischen Blumenbeeten
Wandelnd in des Sommers Tagen,
Einen Schmetterling zertreten -
Hörst du mich nicht leise klagen?

Wenn du eine Rose pflückest,
Und mit kindischem Behagen 10
Sie entblätterst und zerstückest -
Hörst du mich nicht leise klagen?

Wenn bei solchem Rosenbrechen
Böse Dornen einmal wagen
In die Finger dich zu stechen -
Hörst du mich nicht leise klagen?

Hörst du nicht die Klagetöne
Selbst im Ton der eignen Kehle?
In der Nacht seufz ich und stöhne
Aus der Tiefe deiner Seele.10