E. T. A. Hoffmann

FANTASIESTÜCK IN CALLOT'S MANIER

Blätter aus dem Tagebuche
eines reisenden Enthusiasten

III.
KREISLERIANA

Nro. 1-6

Wo ist er her? - Niemand weiß es! Wer waren seine Eltern? - es ist unbekannt! - Wessen Schüler ist er? - Eines guten Meisters, denn er spielt vortrefflich, und da er Verstand und Bildung hat, kann man ihn wohl dulden, ja ihm sogar den Unterricht in der Musik verstatten. Und er ist wirklich und wahrhaftig Kapellmeister gewesen, setzen die diplomatischen Personen hinzu, denen er einmal in guter Laune eine von der Direktion des . . . . r Hoftheaters ausgestellte Urkunde vorwies, in welcher er, der Kapellmeister Johannes Kreisler, bloß deshalb seines Amtes entlassen wurde, weil er standhaft verweigert hatte, eine Oper, die der Hofpoet gedichtet, in Musik zu setzen; auch mehrmals an der öffentlichen Wirtstafel von dem Primo Huomo verächtlich gesprochen und ein junges Mädchen, die er im Gesange unterrichtet, der Prima Donna in ganz ausschweifenden wiewohl unverständlichen Redensarten vorzuziehen getrachtet; jedoch solle er den Titel als Fürstlich . . . . r Kapellmeister beibehalten, ja sogar zurückkehren dürfen, wenn er gewisse Eigenheiten und lächerliche Vorurteile z. B. daß die wahre italiänische Musik verschwunden sei u. s. w. ganzlich abgeleget, und an die Vortrefflichkeit des Hofpoeten, der allgemein für den zweiten Metastasio anerkannt, willig glaube. - Die Freunde behaupteten: die Natur habe bei seiner Organisation ein neues Rezept versucht und der Versuch sei mißlungen, indem seinem überreizbaren Gemüte, seiner bis zur zerstörenden Flamme aufglühenden Fantasie zu wenig Pflegma beigemischt und so das Gleichgewicht zerstört worden, das dem Künstler durchaus nötig sei, um mit der Welt zu leben und ihr Werke zu dichten, wie sie dieselbe, selbst im höhern Sinn, eigentlich brauche. Dem sei wie ihm wolle - genug, Johannes wurde von seinen innern Erscheinungen und Träumen, wie auf einem ewig wogenden Meer dahin - dorthin getrieben und er schien vergebens den Port zu suchen, der ihm endlich die Ruhe und Heiterkeit geben sollte, ohne welche der Künstler nichts zu schaffen vermag. So kam es denn auch, daß die Freunde es nicht dahin bringen konnten, daß er eine Komposition aufschrieb, oder wirklich aufgeschrieben unvernichtet ließ. Zuweilen komponierte er zur Nachtzeit in der exaltiertesten Stimmung; er weckte den Freund, der neben ihm wohnte, um ihm alles in der höchsten Begeisterung vorzuspielen, was er in unglaublicher Schnelle aufgeschrieben - er vergoß Tränen der Freude über das gelungene Werk - er pries sich selbst als den glücklichsten Menschen, aber den andern Tag - lag die herrliche Komposition im Feuer. - Der Gesang wirkte beinahe verderblich auf ihn, weil seine Fantasie dann überreizt wurde und sein Geist in ein Reich entwich, wohin ihm Niemand ohne Gefahr folgen konnte; dagegen gefiel er sich oft darin, Stundenlang auf dem Flügel die seltsamsten Themas in zierlichen kontrapunktischen Wendungen und Nachahmungen, in den kunstreichsten Passagen auszuarbeiten. War ihm das einmal recht gelungen, so befand er sich mehrere Tage hindurch in heiterer Stimmung, und eine gewisse schalkhafte Ironie würzte das Gespräch, womit er den kleinen gemütlichen Zirkel seiner Freunde erfreute.

Auf einmal war er, man wußte nicht wie und warum verschwunden. Viele behaupteten, Spuren des Wahnsinns an ihm bemerkt zu haben, und wirklich hatte man ihn mit zwei übereinander gestülpten Hüten und zwei Rastralen wie Dolche in den roten Leibgürtel gesteckt, lustig singend zum Tore hinaus hüpfen gesehen, wiewohl seine näheren Freunde nichts besonderes bemerkt, da ihm gewaltsame Ausbrüche von irgend einem innern Gram erzeugt, auch schon sonst eigen gewesen. Als nun alle Nachforschungen, wo er geblieben, vergebens und die Freunde sich über seinen kleinen Nachlaß an Musikalien und andern Schriften berieten, erschien das Fräulein von B. und erklärte, wie nur ihr allein es zukomme, diesen Nachlaß ihrem lieben Meister und Freunde, den sie keineswegs verloren glaube, zu bewahren. Ihr übergaben mit freudigem Willen die Freunde alles was sie vorgefunden, und als sich auf den weißen Rückseiten mehrerer Notenblätter kleine größtenteils humoristische Aufsätze in günstigen Augenblicken mit Bleistift schnell hingeworfen befanden, erlaubte die treue Schülerin des unglücklichen Johannes dem treuen Freunde, Abschrift davon zu nehmen, und sie als anspruchslose Erzeugnisse einer augenblicklichen Anregung mitzuteilen.

1.
JOHANNES KREISlER'S, DES KAPELLMEISTERS MUSIKALISCHE LEIDEN

Sie sind alle fortgegangen - lch hätt' es an dem Zischeln, Scharren, Räuspern, Brummen durch alle Tonarten bemerken können; es war ein wahres Bienennest, das vom Stocke abzieht, um zu schwärmen. Gottlieb hat mir neue Lichter aufgesteckt und eine Flasche Burgunder auf das Fortepiano hingestellt. Spielen kann ich nicht mehr, denn ich bin ganz ermattet; daran ist mein alter herrlicher Freund hier auf dem Notenpulte Schuld, der mich schon wieder einmal, wie Mephistopheles den Faust auf seinem Mantel, durch die Lüfte getragen hat, und so hoch, daß ich die Menschlein unter mir nicht sah und merkte, unerachtet sie tollen Lärm genug gemacht haben mögen. - Ein hundsvöttischer, verlungerter Abend! aber jetzt ist mir wohl und leicht. - Hab' ich doch gar während des Spielens meinen Bleistift hervorgezogen und Seite 63 unter dem letzten System ein paar gute Ausweichungen in Ziffern notiert mit der rechten Hand, während die Linke im Strome der Töne fortarbeitete! Hinten auf der leeren Seite fahr' ich schreibend fort. Ich verlasse Ziffern und Töne, und mit wahrer Lust, wie der genesene Kranke, der nun nicht aufhören kann zu erzählen, was er gelitten, notiere ich hier umständlich die höllischen Qualen des heutigen Tees. Aber nicht für mich allein, sondern für alle, die sich hier zuweilen an meinem Exemplar der Johann Sebastian Bachschen Variationen für das Klavier, erschienen bei Nägeli in Zürch, ergötzen und erbauen, bei dem Schluß der 30sten Variation meine Ziffern finden, und, geleitet von dem großen lateinischen Verte, (ich schreib' es gleich hin, wenn meine Klageschrift zu Ende ist) das Blatt umwenden und lesen. Diese erraten gleich den wahren Zusammenhang; sie wissen, daß der geheime Rat Röderlein hier ein ganz scharmantes Hus macht, und zwei Töchter hat, von denen die ganze elegante Welt mit Enthusiasmus behauptet, sie tanzten wie die Göttinnen, sprächen französisch wie die Engel, und spielten und sängen und zeichneten wie die Musen. Der geheime Rat Röderlein ist ein reicher Mann; er führt bei seinen vierteljährigen Dinés die schönsten Weine, die feinsten Speisen, alles ist auf den elegantesten Fuß eingerichtet, und wer sich bei seinen Tees nicht himmlisch amüsiert, hat keinen Ton, keinen Geist, und vornehmlich keinen Sinn für die Kunst. Auf diese ist es nämlich auch abgesehen; neben dem Tee, Punsch, Wein, Gefrornen etc. wird auch immer etwas Musik präsentiert, die von der schönen Welt ganz gemütlich so wie jenes eingenommen wird. Die Einrichtung ist so: nachdem jeder Gast Zeit genug hat, eine beliebige Zahl Tassen Tee zu trinken, und nachdem zweimal Punsch und Gefrornes herumgegeben worden ist, rücken die Bedienten die Spieltische heran für den älteren, solideren Teil der Gesellschaft, der dem musikalischen das Spiel mit Karten vorzieht, welches auch in der Tat nicht solchen unnützen I.ärm macht und wo nur einiges Geld erklingt. - Auf dies Zeichen schießt der jüngere Teil der Gesellschaft auf die Fräuleins Röderlein zu; es entsteht ein Tumult, in dem man die Worte unterscheidet: Schönes Fräulein, versagen Sie uns nicht den Genuß ihres himmlischen Talents - o singe etwas, meine Gute - Nicht möglich - Katarrh - der letzte Ball - nichts eingeübt - o bitte, bitte - wir flehen etc. Gottlieb hat unterdessen den Flügel geöffnet und das Pult mit dem wohlbekannten Notenbuche beschwert. Vom Spieltisch herüber ruft die gnädige Mama: chantez donc, mes enfants! Das ist das Stichwort meiner Rolle; ich stelle mich an den Flügel und im Triumph werden die Röderleins an das Instrument geführt. Nun entsteht wieder eine Differenz: keine will zuerst singen. »Du weißt, liebe Nanette, wie entsetzlich heiser ich bin« - »Bin ich es denn weniger, liebe Marie?« - »Ich singe so schlecht« - »O Liebe, fange nur an« etc. Mein Einfall, (ich habe ihn jedesmal!) beide möchten mit einem Duo anfangen, wird gewaltig beklatscht, das Buch durchblättert, das sorgfältig eingeschlagene Blatt endlich gefunden, und nun geht's los: Dolce dell' anima etc. - Das Talent der Fräulein Röderlein ist wirklich nicht das geringste. Ich bin nun fünf Jahre hier und viertehalb Jahre im Röderleinschen Hause Lehrer; für diese kurze Zeit hat es Fräulein Nanette dahin gebracht, daß sie eine Melodie, die sie nur zehnmal im Theater gehört und am Klavier dann höchstens noch zehnmal durchprobiert hat, so wegsingt, daß man gleich weiß, was es sein soll. Fräulein Marie faßt es schon beim achten Mal, und wenn sie öfters einen Viertelston tiefer steht, als das Piano, so hat das bei so einem pikanten Stumpfnäschen nicht eben viel zu bedeuten. - Nach Endigung des Duetts, allgemeiner Beifallschorus! Nun wechseln Arietten und Duettino's, und ich hämmere das tausendmal geleierte Accompagnement frisch darauf los. Während des Gesanges hat die Finanzrätin Eberstein durch Räuspern und leises Mitsingen zu verstehen gegeben: ich singe auch. Fräulein Nanette spricht: Aber liebe Finanzrätin, nun mußt du uns auch deine göttliche Stimme hören lassen. Es entsteht ein neuer Tumult. Sie hat den Katarrh - sie kann nichts auswendig! - Gottlieb bringt zwei Arme voll Musikalien herangeschleppt: da wird geblättert und geblättert. Erst will sie singen: Der Hölle Rache etc. dann: Hebe, sieh etc. dann: Ach ich liebte etc. In der Angst schlage ich vor: Ein Veilchen auf der Wiese etc. Aber sie ist fürs große Genre, sie will sich zeigen, es bleibt bei der Constanze. - O schreie du, quieke, miaue, gurgle, stöhne, ächze, tremuliere, quinkeliere nur recht munter: ich habe den Fortissimo-Zug getreten und orgle mich taub. - O Satan, Satan! welcher deiner höllischen Geister ist in diese Kehle gefahren, der alle Töne zwickt und zwängt und zerrt! Vier Saiten sind schon gesprungen, ein Hammer ist invalid. Meine Ohren gellen, mein Kopf dröhnt, meine Nerven zittern. Sind denn alle unreinen Töne kreischender Marktschreier-Trompeten in diesen kleinen Hals gebannt? - Das hat mich angegriffen - ich trinke ein Glas Burgunder! Man applaudierte unbändig und Jemand bemerkte, die Finanzrätin und Mozart hätten mich sehr ins Feuer gesetzt. Ich lächelte - etwas dumm, fürcht' ich. Nun erst regen sich alle Talente, bisher im Verborgenen blühend, und fahren wild durcheinander; es werden musikalische Exzesse beschlossen: Ensembles, Finalen, Chöre sollen aufgeführt werden. Der Canonicus Kratzer singt bekanntlich einen himmlischen Baß, wie der Tituskopf dort bemerkt, der selbst bescheiden anführt, er sei eigentlich nur ein zweiter Tenor, aber freilich Mitglied mehrerer Singe-Akademien. Schnell wird alles zum ersten Chor aus dem Titus organisiert. Das ging ganz herrlich! Der Canonicus, dicht hinter mir stehend, donnerte über meinem Haupte den Baß, als säng' er mit obligaten Trompeten und Pauken in der Domkirche; er traf die Noten exzellent, nur das Tempo nahm er in der Eil fast noch einmal so langsam. Aber treu blieb er sich wenigstens in so fern, daß er durchs ganze Stuck immer einen halben Takt nachschleppte. Die übrigen äußerten einen entschiedenen Hang zur antiken griechischen Musik, die bekanntlich, die Harmonie nicht kennend, im unisono ging: sie sangen alle die Oberstimme mit kleinen Varianten aus zufälligen Erhöhungen und Erniedrigungen, etwa um einen Viertelston. - Diese etwas geräuschvolle Production erregte eine allgemeine tragische Spannung, nämlich einiges Entsetzen, sogar an den Spieltischen, die für den Moment nicht so wie zuvor melodramatisch mitwirken konnten durch in die Musik eingeflochtene deklamatorische Sätze: z. B. Ach ich liebte - acht und vierzig - war so glücklich - ich passe - kannte nicht - Whist - der Liebe Schmerz - in der Farbe etc. Es nahm sich recht artig aus. (Ich schenkte mir ein.) Das war die höchste Spitze der heutigen musikalischen Exposition: nun ist's aus! So dacht' ich, schlug das Buch zu und stand auf. Da tritt der Baron, mein antiker Tenorist, auf mich zu und sagt: O bester Hr. Kapellmeister, Sie sollen ganz himmlisch phantasieren: o phantasieren Sie uns doch Eins! nur ein wenig! ich bitte! Ich versetzte ganz trocken, die Phantasie sei mir heute rein ausgegangen; und indem wir so darüber sprechen, hat ein Teufel in der Gestalt eines Elegants mit zwei Westen im Nebenzimmer unter meinem Hut die Bachschen Variationen ausgewittert; der denkt, es sind so Variatiönchen: nel cor mi non più sento - Ah vous dirai je maman etc. und will haben, ich soll darauf losspielen. Ich weigere mich: da fallen sie alle über mich her. Nun so hört zu und berstet vor Langweile, denk' ich, und arbeite drauf los. Bei Nro. 3. entfernten sich mehrere Damen, verfolgt von Titusköpfen. Die Röderleins, weil der Lehrer spielte, hielten nicht ohne Qual aus bis Nro. 12. Nro. 15. schlug den Zweiwesten-Mann in die Flucht. Aus ganz übertriebener Höflichkeit blieb der Baron bis Nro. 30. und trank bloß viel Punsch aus, den Gottlieb für mich auf den Flügel stellte. Ich hätte glücklich geendet, aber diese Nro. 30, das Thema riß mich unaufhaltsam fort. Die Quartblätter dehnten sich plötzlich aus zu einem Riesenfolio, wo tausend Imitationen und Ausführungen jenes Thema's geschrieben standen, die ich abspielen mußte. Die Noten wurden lebendig und flimmerten und hüpften um mich her - elektrisches Feuer fuhr durch die Fingerspitzen in die Tasten der Geist, von dem es ausströmte, überflügelte die Gedanken - der ganze Saal hing voll dichten Dufts, in dem die Kerzen düstrer und düstrer brannten - zuweilen sah eine Nase heraus, zuweilen ein paar Augen: aber sie verschwanden gleich wieder. So kam es, daß ich allein sitzen blieb mit meinem Sebastian Bach, und von Gottlieb, wie von einem spiritu familiari bedient wurde! - Ich trinke! - Soll man denn ehrliche Musiker so quälen mit Musik, wie ich heute gequält worden bin und so oft gequält werde? Wahrhaftig, mit keiner Kunst wird so viel verdammter Mißbrauch getrieben, als mit der herrlichen, heiligen Musica, die in ihrem zarten Wesen so leicht entweiht wird! Habt ihr wahres Talent, wahren Kunstsinn: gut, so lernt Musik, leistet etwas der Kunst Würdiges, und gebt dem Geweihten euer Talent hin im rechten Maß. Wollt ihr ohne das quinkelieren: nun so tut's fur euch, und unter euch, und quält nicht damit den Kapellmeister Kreisler und Andere. - Nun könnte ich nach Hause gehen und meine neue Klavier-Sonate vollenden: aber es ist noch nicht eilf Uhr und eine schöne Sommernacht. Ich wette, neben mir beim Oberjägermeister sitzen die Mädchen am offnen Fenster und schreien mit kreischender, gellender, durchbohrender Stimme zwanzigmal: Wenn mir dein Auge strahlet - aber immer nur die erste Strophe, in die Straße hinein. Schräg über martert einer die Flöte und hat dabei Lungen wie Rameau's Neffe, und in langen, langen Tönen macht der Nachbar Hornist akustische Versuche. Die zahlreichen Hunde der Gegend werden unruhig, und meines Hauswirts Kater, aufgeregt durch jenes süße Duett, macht dicht neben meinem Fenster (es versteht sich, daß mein musikalisch-poetisches Laboratorium ein Dachstübchen ist), der Nachbars-Katze, in die er seit dem März verliebt ist, die chromatische Skala hinaufjammernd, zärtliche Geständnisse. Nach 11 Uhr wird es ruhiger: so lange bleib' ich sitzen, da ohnedies noch weißes Papier und Burgunder vorhanden, von dem ich gleich etwas genieße. - Es gibt, wie ich gehört habe, ein altes Gesetz, welches lärmenden Handwerkern verbietet, neben Gelehrten zu wohnen: sollten denn arme, bedrängte Komponisten, die noch dazu aus ihrer Begeisterung Gold münzen müssen, um ihren Lebensfaden weiter zu spinnen, nicht jenes Gesetz auf sich anwenden und die Schreihälse und Dudler aus ihrer Nähe verbannen können? Was würde der Maler sagen, dem man, indem er ein Ideal malte, lauter heterogene Fratzen-Gesichter vorhalten wollte: Schlüsse er die Augen, so würde er wenigstens ungestört das Bild in der Fantasie fortsetzen. Baumwolle in den Ohren hilft nicht: man hört doch den Mordspektakel; und dann die Idee, schon die Idee: jetzt singen sie - jetzt kommt Horn etc. der Teufel holt die sublimsten Gedanken! - Das Blatt ist richtig vollgeschrieben; auf dem vom Titel umgeschlagenen weißen Streifen will ich nur noch bemerken, warum ich hundert Mal es mir vornahm, mich nicht mehr bei dem geheimen Rat quälen zu lassen, und warum ich hundert Mal meinen Vorsatz brach. - Freilich ist es Röderleins herrliche Nichte, die mich mit Banden an dies Haus fesselt, welche die Kunst geknüpft hat. Wer einmal so glücklich war, die Schlußszene der Gluckschen Armida, oder die große Szene der Donna Anna im Don Giovanni von Fräulein Amalien zu hören, der wird begreifen, daß eine Stunde mit ihr am Piano Himmelsbalsam in die Wunden gießt, welche alle Mißtöne des ganzen Tages mir gequältem musikalischen Schulmeister schlugen. Röderlein, welcher weder an die Unsterblichkeit der Seele noch an den Takt glaubt, hält sie für gänzlich unbrauchbar für die höhere Existenz in der Teegesellschaft, da sie in dieser durchaus nicht singen will und denn doch wieder vor ganz gemeinen Leuten, z. B. simplen Musikern, mit einer Anstrengung singt, die ihr gar nicht einmal taugt: denn ihre langen, gehaltenen, schwellenden Harmonika-Töne, welche mich in den Himmel tragen, hat sie, wie Röderlein meint, offenbar der Nachtigall abgehorcht, die eine unvernünftige Kreatur ist, nur in Wäldern lebt, und von dem Menschen, dem vernünftigen Herrn der Schöpfung, nicht nachgeahmt werden darf. Sie treibt ihre Rücksichtslosigkeit so weit, daß sie sich zuweilen sogar von Gottlieb auf der Violine accompagnieren läßt, wenn sie Beethovensche oder Mozartsche Sonaten, aus denen kein Teeherr und Whistiker klug werden kann, auf dem Piano spielt. - Das war das letzte Glas Burgunder. - Gottlieb putzt mir die Lichter und scheint sich zu wundern über mein emsiges Schreiben. - Man hat ganz Recht, wenn man diesen Gottlieb erst sechzehn Jahr alt schätzt. Das ist ein herrliches, tiefes Talent. Warum starb aber auch der Papa Torschreiber so früh; und mußte denn der Vormund den Jungen in die Liverei stecken? - Als Rode hier war, lauschte Gottlieb im Vorzimmer, das Ohr an die Saaltüre gedrückt, und spielte ganze Nächte; am Tage ging er sinnend, träumend umher, und der rote Fleck am linken Backen ist ein treuer Abdruck des Solitairs am Finger der Röderlein'schen Hand, die, wie man durch sanftes Streicheln den somnambülen Zustand hervorbringt, durch starkes Schlagen ganz richtig entgegengesetzt wirken wollte. Nebst andern Sachen habe ich ihm die Sonaten von Corelli gegeben; da hat er unter den Mäusen in dem alten Oesterleinischen Flügel auf dem Boden gewütet, bis keine mehr lebte, und mit Röderleins Erlaubnis auch das Instrument auf sein kleines Stübchen transloziert. - Wirf ihn ab, den verhaßten Bedientenrock, ehrlicher Gottlieb! und laß mich nach Jahren dich als den wackern Künstler an mein Herz drücken, der du werden kannst mit deinem herrlichen 'Talent, mit deinem tiefen Kunstsinn! - Gottlieb stand hinter mir und wischte sich die Tränen aus den Augen, als ich diese Worte laut aussprach. - ich drückte ihm schweigend die Hand, wir gingen hinauf und spielten die Sonaten von Corelli. S

2.
OMBRA ADORATA!*

Wie ist doch die Musik so etwas höchst wunderbares, wie wenig vermag doch der Mensch ihre tiefen Geheimnisse zu ergründen! - Aber wohnt sie nicht in der Brust des


* Wer kennt nicht Crescentini's herrliche Arie: Ombra adorara, die er zu der Oper Romeo e Giulietta von Zingarelli komponierte, und mit ganz eigenem Vortrage sang.


Menschen selbst und erfüllt sein Inners so mit ihren holdseligen Erscheinungen, daß sein ganzer Sinn sich ihnen zuwendet und ein neues verklärtes Leben ihn schon hienieden dem Drange, der niederdrückenden Qual des Irdischen entreißt? - Ja, eine göttliche Kraft durchdringt ihn und mit kindlichem frommen Gemüte sich dem hingebend, was der Geist in ihm erregt, vermag er die Sprache jenes unbekannten romantischen Geisterreichs zu reden und er ruft, unbewußt, wie der Lehrling, der in des Meisters Zauberbuch mit lauter Stimme gelesen, alle die herrlichen Erscheinungen aus seinem Innern hervor, daß sie in strahlenden Reihentänzen das Leben durchfliegen und Jeden, der sie zu schauen vermag, mit unendlicher unnennbarer Sehnsucht erfüllen. -

Wie war meine Brust so beengt, als ich in den Konzertsaal trat. Wie war ich so gebeugt von dem Drucke aller der nichtswürdigen Erbärmlichkeiten, die wie giftiges stechendes Ungeziefer den Menschen und wohl vorzüglich den Künstler in diesem armseligen Leben verfolgen und peinigen, daß er oft dieser ewig prickelnden Qual den gewaltsamen Stoß vorziehen würde, der ihn diesem und jedem andern irdischen Schmerze auf immer entzieht. - Du verstandst den wehmütigen Blick, den ich auf dich warf, mein treuer Freund! und hundertfältig sei es dir gedankt, daß du meinen Platz am Flügel einnahmst, indem ich mich in dem äußersten Winkel des Saals zu verbergen suchte. Welchen Vorwand hattest du denn gefunden, wie war es dir denn gelungen, daß nicht Beethovens große Sinfonie in C moll, sondern nur eine kurze unbedeutende Ouvertüre irgend eines noch nicht zurMeisterschaft gelangten Komponisten aufgeführt wurde? - Auch dafür sei dir Dank gesagt aus dem Innersten meines Herzens. - Was wäre aus mir geworden, wenn beinahe erdrückt von all' dem irdischen Elend, das rastlos auf mich einstürmte seit kurzer Zeit, nun Beethovens gewaltiger Geist auf mich zugeschritten wäre, und mich wie mit metallnen glühenden Armen umfaßt und fortgerissen hätte in das Reich des Ungeheuern, des Unermeßlichen, das sich seinen donnernden Tönen erschließt. - Als die Ouverture in allerlei kindischem Jubel mit Pauken und Trompeten geschlossen hatte, entstand eine stille Pause, als erwarte man etwas recht wichtiges. Das tat mir wohl, ich schloß die Augen, und indem ich in meinem Innern angenehmere Erscheinungen suchte, als die waren, die mich eben umgaben, vergaß ich das Konzert und mit ihm natürlicherweise auch seine ganze Einrichtung, die mir bekannt gewesen, da ich an den Flügel sollte. - Ziemlich lange mochte die Pause gedauert haben, als endlich das Ritornell einer Arie anfing. Es war sehr zart gehalten und schien in einfachen aber tief in das Innerste dringenden Tönen von der Sehnsucht zu reden, in der sich das fromme Gemüt zum Himmel aufschwingt und alles Geliebte wiederfindet, was ihm hienieden entrissen. - Nun strahlte wie ein himmlisches Licht die glockenhelle Stimme eines Frauenzimmers aus dem Orchester empor:

Tranquillo io sono, fra poco teco sarò mia vita!

Wer vermag die Empfindung zu beschreiben, die mich durchdrang! - Wie löste sich der Schmerz, der in meinem Innern nagte, auf in wehmütige Sehnsucht, die himmlischen Balsam in alle Wunden goß. - Alles war vergessen und ich horchte nur entzückt auf die Töne, die wie aus einer andern Welt niedersteigend mich trüstend umfingen. -

Eben so einfach wie das Rezitativ ist das Thema der folgenden Arie: Ombra adorata gehalten; aber eben so seelenvoll, eben so in das Innerste dringend spricht es den Zustand des Gemüts aus, das von der seligen Hoffnung in einer höheren besseren Welt bald alles ihm verheißene erfüllt zu sehen, sich über den irdischen Schmerz hinwegschwingt. - Wie reiht sich in dieser einfachen Komposition alles so kunstlos, so natürlich aneinander; nur in der Tonika und in der Dominante bewegen sich die Sätze, keine grelle Ausweichung, keine gesuchte Figur, der Gesang fließt dahin wie ein silberheller Strom zwischen leuchtenden Blumen. Aber ist dies nicht eben der geheimnisvolle Zauber, der dem Meister zu Gebote stand, daß er der einfachsten Melodie, der kunstlosesten Struktur, diese unbeschreibliche Macht der unwiderstehlichsten Wirkung auf jedes empfingliche Gemüt zu gehen vermochte? In den wundervoll hell und klar tönenden Melismen fliegt die Seele mit raschem Fittig durch die glänzenden Wolken - es ist der jauchzende Jubel verklärter Geister. - Die Komposition verlangt wie jede, die so tief im Innern von dem Meister gefühlt wurde, auch tief aufgefaßt und mit dem Gemüt, ich möchte sagen mit der rein ausgesprochenen Ahndung des Übersinnlichen, wie die Melodie es in sich trägt, vorgetragen zu werden. Auch wurde, wie der Genius des italiänischen Gesanges es verlangt, sowohl in dem Rezitativ als in der Arie auf gewisse Verzierungen gerechnet; aber ist es nicht schön, daß wie durch eine Tradition die Art, wie der Komponist, der hohe Meister des Gesanges, Crescentini, die Arie vortrug und verzierte, fortgepflanzt wird, so daß es wohl Niemand wagen dürfte, ungestraft wenigstens fremdartige Schnörkel hineinzubringen? - Wie verständig, wie das Ganze belebend hat Crescentini diese zufälligen Verzierungen angebracht - sie sind der glänzende Schmuck der der Geliebten holdes Antlitz verschönert, daß die Augen heller strahlen und höherer Purpur Lippe und Wangen färbt.

Aber was soll ich von dir sagen, du herrliche Sängerin! - Mit dem glühenden Enthusiasmus der Italiäner rufe ich dir zu: du von dem Himmel Gesegnete!*

* Unserer deutschen Sängerin: Häser, die sich nun leider der Kunst ganz entzogen, riefen die Italiäner zu: che sei benedetta dal cielo!

Denn wohl ist es der Segen des Himmels, der deinem frommen innigen Gemüte vergönnt, das im Innersten empfundene hell und herrlich klingend ertönen zu lassen. - Wie holde Geister haben mich deine Töne umfangen und jeder sprach: »Richte dein Haupt auf, du Gebeugter! Ziehe mit uns, ziehe mit uns in das ferne Land, wo der Schmerz keine blutende Wunde mehr schlägt, sondern die Brust wie im höchsten Entzücken mit unnennbarer Sehnsucht erfüllt!« -

Ich werde dich nie mehr hören; aber wenn die Nichtswürdigkeit auf mich zutritt, und mich für ihres Gleichen haltend den Kampf des Gemeinen mit mir bestehen, wenn die Albernheit mich betäuben, des Pöbels eckelhafter Hohn mich mit giftigem Stachel verletzen will, dann wird in deinen Tönen mir eine tröstende Geisterstimme zulispeln:

Tranquillo io sono; fra poco, teca sarò mia vita!

In einer nie gefühlten Begeisterung erhebe ich mich dann mächtigen Fluges über die Schmach des irdischen; alle Töne, die in der wunden Brust im Blute des Schmerzes erstarrt, leben auf, und bewegen und regen sich und sprühen wie funkelnde Salamander blitzend empor; und ich vermag sie zu fassen, zu binden, daß sie wie in einer Feuergarbe zusammenhaltend zum flammenden Bilde werden, das deinen Gesang - dich - verklärt und verherrlicht.

3.
GEDANKEN ÜBER DEN HOHEN WERT DER MUSIK

Es ist nicht zu leugnen, daß in neuerer Zeit, dem Himmel sei's gedankt! der Geschmack an der Musik sich immer mehr verbreitet, so daß es jetzt gewissermaßen zur guten Erziehung gehört, die Kinder auch Musik lehren zu lassen, weshalb man denn in jedem Hause, das nur irgend etwas bedeuten will, ein Klavier, wenigstens eine Guitarre findet. Nur wenige Verächter der gewiß schönen Kunst gibt es noch hie und da, und diesen eine tüchtige Lektion zu geben, das ist jetzt mein Vorsatz und Beruf.

Der Zweck der Kunst überhaupt ist doch kein anderer, als, dem Menschen eine angenehme Unterhaltung zu verschaffen, und ihn so von den ernstem, oder vielmehr den einzigen ihm anständigen Geschäften, nämlich solchen, die ihm Brod und Ehre im Staat erwerben, auf eine angenehme Art zu zerstreuen, so daß er nachher mit gedoppelter Aufmerksamkeit und Anstrengung zu dem eigentlichen Zweck seines Daseins zurückkehren, d. h. ein tüchtiges Kammrad in der Walkmühle des Staats sein, und (ich bleibe in der Metapher) haspeln und sich trillen lassen kann. Nun ist aber keine Kunst zur Erreichung dieses Zwecks tauglicher, als die Musik. Das Lesen eines Romans oder Gedichts, sollte auch die Wahl so glücklich ausfallen, daß es durchaus nichts fantastisch Abgeschmacktes, wie mehrere der allerneuesten, enthält, und also die Fantasie, die eigentlich der schlimmste und mit aller Macht zu ertötende Teil unserer Erbsünde ist, nicht im mindesten anregt - dieses Lesen, meine ich, hat doch das Unangenehme, daß man gewissermaßen genötigt wird, an das zu denken, was man liest: dies ist aber offenbar dem Zweck der Zerstreuung entgegen. Dasselbe gilt von dem Vorlesen in der Art, daß, die Aufmerksamkeit ganz davon abwendend, man sehr leicht einschläft, oder in ernste Gedanken sich vertieft, die, nach der von jedem ordentlichen Geschäftsmanne zu beobachtenden Geistesdiät, cyklisch eine Weile ruhen müssen. Das Beschauen eines Gemäldes kann nur sehr kurz dauern: denn das Interesse ist ja doch verloren, sobald man erraten hat, was es vorstellen soll. - Was nun aber die Musik betrifft, so können nur jene heillosen Verächter dieser edeln Kunst leugnen, daß eine gelungene Komposition, d. h. eine solche, die sich gehörig in Schranken hält, und eine angenehme Melodie nach der andern folgen läßt, ohne zu toben, oder sich in allerlei kontrapunktischen Gängen und Auflösungen närrisch zu gebehrden, einen wunderbar bequemen Reiz verursacht, bei dem man des Denkens ganz überhoben ist, oder der doch keinen ernsten Gedanken aufkommen, sondern mehrere ganz leichte, angenehme - von denen man nicht einmal sich bewußt wird, was sie eigentlich enthalten, gar lustig wechseln läßt. Man kann aber weiter gehen und fragen: wem ist es verwehrt, auch während der Musik mit dem Nachbar ein Gespräch über allerlei Gegenstände der politischen und moralischen Welt anzuknüpfen, und so einen doppelten Zweck auf eine angenehme Weise zu erreichen? im Gegenteil ist dies gar sehr anzuraten, da die Musik, wie man in allen Konzerten und musikalischen Zirkeln zu bemerken Gelegenheit haben wird, das Sprechen ungemein erleichtert. In den Pausen ist alles still, aber mit der Musik fängt der Strom der Rede an zu brausen und schwillt mit den Tönen, die hinein fallen, immer mehr und mehr an. Manches Frauenzimmer, deren Rede sonst, nach jenem Ausspruch: ja, ja und Nein, nein, ist, gerät während der Musik in das Übrige, was nach demselben Ausspruch zwar vom Übel sein soll, hier aber offenbar vom Guten ist, da ihr deshalb manchmal ein Liebhaber oder gar ein Ehegemahl, von der Süßigkeit der ungewohnten Rede berauscht, ins Garn fällt. - Himmel, wie unabsehbar sind die Vorteile einer schönen Musik! - Euch, ihr heillosen Verächter der edlen Kunst, führe ich nun in den häuslichen Zirkel, wo der Vater, müde von den ernsten Geschäften des Tages, im Schlafrock und in Pantoffeln fröhlich und guten Muts zum Murki seines ältesten Sohnes seine Pfeife raucht. Hat das ehrliche Röschen nicht bloß seinetwegen den Dessauer Marsch und »blühe liebes Veilchen« einstudiert, und trägt sie es nicht so schein vor, daß der Mutter die hellen Freudentränen auf den Strumpf fallen, den sie eben stopft? Würde ihm nicht endlich das hoffnungsvolle, aber ängstliche Gequake des jüngsten Sprüßlings beschwerlich fallen, wenn nicht der Klang der lieben Kindermusik das Ganze im Ton und Takt hielte? - Ist dein Sinn aber ganz dieser häuslichen Idylle, dem Triumph der einfachen Natur, verschlossen, so folge mit in jenes Haus mit hellerleuchteten Spiegelfenstern. Du trittst in den Saal; die dampfende Tee-Maschine ist der Brennpunkt, um den sich die eleganten Herren und Damen bewegen. Spieltische werden gerückt, aber auch der Deckel des Fortepiano fliegt auf, und auch hier dient die Musik zur angenehmen Unterhaltung und Zerstreuung. Gut gewählt hat sie durchaus nichts Störendes, denn selbst die Kartenspieler, obschon mit etwas Höherem, mit Gewinn und Verlust, beschäftigt, dulden sie willig. - Was soll ich endlich von den großen, öffentlichen Konzerten sagen, die die herrlichste Gelegenheit geben, musikalisch begleitet, diesen oder jenen Freund zu sprechen; oder, ist man noch in den Jahren des Übermuts, mit dieser oder jener Dame süße Worte zu wechseln - wozu ja sogar die Musik noch ein schickliches Thema geben kann. Diese Konzerte sind die wahren Zerstreuungsplätze für den Geschäftsmann, und dem Theater sehr vorzuziehen, da dieses zuweilen Vorstellungen gibt, die den Geist unerlaubter Weise auf etwas ganz Nichtiges und Unwahres fixieren, so daß man Gefahr läuft, in die Poesie hineinzugeraten, wovor sich denn doch jeder, dem seine bürgerliche Ehre am Herzen liegt, hüten muß! - Kurz, es ist, wie ich gleich Anfangs erwähnte, ein entscheidendes Zeichen, wie sehr man jetzt die wahre Tendenz der Musik erkennt, daß sie so fleißig und mit so vielem Ernst getrieben und gelehrt wird. Wie zweckmäßig ist es nicht, daß die Kinder, sollten sie auch nicht das mindeste Talent zur Kunst haben, worauf es ja auch eigentlich gar nicht ankommt, doch zur Musik angehalten werden, um so, wenn sie sonst noch nicht obligat in der Gesellschaft wirken dürfen, doch wenigstens das Ihrige zur Unterhaltung und Zerstreuung beitragen zu können! - Wohl ein glänzender Vorzug der Musik vor jeder andern Kunst ist es auch, daß sie in ihrer Reinheit (ohne Beimischung der Poesie) durchaus moralisch und daher in keinem Fall von schädlichem Einfluß auf die zarte Jugend ist. Jener Polizeidirektor attestierte keck dem Erfinder eines neuen Instruments, daß darin nichts gegen den Staat, die Religion und die guten Sitten enthalten sei; mit derselben Keckheit kann jeder Musikmeister dem Papa und der Mama im voraus versichern, die neue Sonate enthalte nicht einen unmoralischen Gedanken. Werden die Kinder älter, so versteht es sich von selbst, daß sie von der Ausübung der Kunst abstrahieren müssen, da für ernste Männer so etwas sich nicht wohl schicken will, und Damen darüber sehr leicht höhere Pflichten der Gesellschaft etc. versäumen können. Diese genießen dann das Vergnügen der Musik nur passiv, indem sie sich von Kindern oder Künstlern von Profession vorspielen lassen. - Aus der richtig angegebenen Tendenz der Kunst fließt auch von selbst, daß die Künstler, d. h. diejenigen Personen, welche (freilich törigt genug!) ihr ganzes Leben einem, nur zur Erholung und Zerstreuung dienenden Geschäfte widmen, als ganz untergeordnete Subjekte zu betrachten und nur darum zu tolerieren sind, weil sie das miscere utili dulce in Ausübung bringen. Kein Mensch von gesundem Verstande und gereiften Einsichten wird den besten Künstler so hoch schätzen, als den wackern Kanzellisten, ja den Handwerksmann, der das Polster stopfte, worauf der Rat in der Schoßstube, oder der Kaufmann im Comptoir sitzt, da hier das Notwendige, dort nur das Angenehme beabsichtigt wird. Wenn man daher mit dem Künstler höflich und freundlich umgeht, so ist das nur eine Folge unserer Kultur und unserer Bonhommie, die uns ja auch mit Kindern, und andern Personen, die Spaß machen, schön tun und tändeln läßt. Manche von diesen unglücklichen Schwärmern sind zu spät aus ihrem Irrtum erwacht und darüber wirklich in einigen Wahnsinn verfallen, welches man aus ihren Äußerungen über die Kunst sehr leicht abnehmen kann. Sie meinen nämlich, die Kunst ließe dem Menschen sein höheres Prinzip ahnen und führe ihn aus dem törigten Tun und Treiben des gemeinen Lebens in den Isistempel, wo die Natur in heiligen, nie gehörten und doch verständlichen Lauten mit ihm spräche. Von der Musik hegen diese Wahnsinnigen nun vollends die wunderlichsten Meinungen; sie nennen sie die romantischte aller Künste, da ihr Vorwurf nur das Unendliche sei; die geheimnisvolle, in Tönen ausgesprochene Sanskritta der Natur, die die Brust des Menschen mit unendlicher Sehnsucht erfülle, und nur in ihr verstehe er das hohe Lied der - Bäume, der Blumen, der Tiere, der Steine, der Gewässer! - Die ganz unnützen Spielereien des Kontrapunkts, die den Zuhörer gar nicht aufheitern und so den eigentlichen Zweck der Musik ganz verfehlen, nennen sie schauerlich geheimnisvolle Kombinationen, und sind im Stande, sie mit wunderlich verschlungenen Moosen, Kräutern und Blumen zu vergleichen. Das Talent, oder in der Sprache dieser Toren, der Genius der Musik glühe, sagen sie, in der Brust des, die Kunst übenden und hegenden Menschen, und verzehre ihn, wenn das gemeinere Prinzip den Funken künstlich überbauen oder ableiten wolle, mit unauslöschlichen Flammen. Diejenigen, welche denn doch, wie ich es erst ausgeführt habe, ganz richtig über die wahre Tendenz der Kunst, und der Musik insbesondere, urteilen, nennen sie unwissende Frevler, die ewig von dem Heiligtum des höhern Seins ausgeschlossen bleiben müßten, und beurkunden dadurch ihre Tollheit. Denn ich frage mit Recht: wer ist besser daran, der Staatsbeamte, der Kaufmann, der von seinem Gelde Lebende, der gut ißt und trinkt, gehörig spazieren fährt, und den alle Menschen mit Ehrfurcht grüßen, oder der Künstler, der sich ganz kümmerlich in seiner fantastischen Welt behelfen muß? Zwar behaupten jene Toren, daß es eine ganz besondere Sache um die poetische Erhebung über das Gemeine sei, und manches Entbehren sich dann umwandle in Genuß: allein die Kaiser und Könige im Irrenhause mit der Strohkrone auf dem Haupt sind auch glücklich! Der beste Beweis, daß alle jene Floskeln nichts in sich tragen, sondern nur den innern Vorwurf, nicht nach dem Soliden gestrebt zu haben, beschwichtigen sollen, ist dieser, daß beinahe kein Künstler es aus reiner, freier Wahl wurde, sondern sie entstanden und entstehen noch immer aus der ärmern Klasse. Von unbegüterten, obskuren Eltern, oder wieder von Künstlern geboren, machte sie die Not, die Gelegenheit, der Mangel an Aussicht auf ein Glück in den eigentlichen nützlichen Klassen, zu dem, was sie wurden. Dies wird denn auch jenen Fantasten zum Trotz ewig so bleiben. Sollte nämlich eine begüterte Familie höheren Standes so unglücklich sein, ein Kind zu haben, das ganz besonders zur Kunst organisiert wäre, oder das, nach dem lächerlichen Ausdruck jener Wahnwitzigen, den göttlichen Funken, der im Widerstande verzehrend um sieh greift, in der Brust trüge; sollte es wirklich ins Fantasieren für Kunst und Künstlerleben geraten: so wird ein guter Erzieher durch eine kluge Geistesdiät, z. B. durch das gänzliche Entziehen aller fantastischen, übertreibenden Kost, (Poesien, und sogenannter starker Kompositionen, von Mozart, Beethoven u. s. w.) so wie durch die fleißig wiederholte Vorstellung der ganz subordinierten Tendenz jeder Kunst und des ganz untergeordneten Standes der Künstler ohne allen Rang, Titel und Reichtum, sehr leicht das verirrte junge Subjekt auf den rechten Weg bringen, so daß es am Ende eine rechte Verachtung gegen Kunst und Künstler spürt, die als wahres Remedium gegen jede Exzentrizität nie weit genug getrieben werden kann. - Den armen Künstlern, die noch nicht in den oben beschriebenen Wahnwitz verfallen sind, glaube ich wirklich nicht übel zu raten, wenn ich ihnen, um sich doch nur etwas aus ihrer zwecklosen Tendenz herauszureißen, vorschlage, noch nebenher irgend ein leichtes Handwerk zu erlernen: sie werden gewiß dann schon als nützliche Mitglieder des Staats etwas gelten. Mir hat ein Kenner gesagt, ich hätte eine geschickte Hand zum Pantoffelmachen, und ich bin nicht abgeneigt, mich als Prototypus in die Lehre bei dem hiesigen Pantoffelmachermeister Schnabler, der noch dazu mein Herr Pate ist, zu begeben. - Das überlesend, was ich geschrieben, finde ich den Wahnwitz mancher Musiker sehr treffend geschildert, und mit einem heimlichen Grausen fühle ich mich mit ihnen verwandt. Der Satan raunt mir ins Ohr, daß ihnen manches so redlich Gemeinte wohl gar als heillose Ironie erscheinen könne; allein ich versichere nochmals gegen euch, ihr Verächter der Musik, die ihr das erbauliche Singen und Spielen der Kinder unnützes Quinkelieren nennt, und die Musik als eine geheimnisvoll erhabene Kunst nur ihrer würdig hören wollt, gegen euch waren meine Worte gerichtet, und mit ernster Waffe in der Hand habe ich euch bewiesen, daß die Musik eine herrliche, nützliche Erfindung des aufgeweckten Tubalkain sei, die die Menschen aufheitere, zerstreue, und daß sie so das häusliche Glück, die erhabenste Tendenz jedes kultivierten Menschen, auf eine angenehme, befriedigende Weise befördere.

4.
BEETHOVENS INSTRUMENTAL-MUSIK

Sollte, wenn von der Musik als einer selbstständigen Kunst die Rede ist, nicht immer nur die Instrumental-Musik gemeint sein, welche jede Hülfe, jede Beimischung einer andern Kunst (der Poesie) verschmähend das eigentümliche nur in ihr zu erkennende Wesen dieser Kunst rein ausspricht? - Sie ist die romantischte aller Künste, beinahe möchte man sagen, allein echt romantisch, denn nur das Unendliche ist ihr Vorwurf. - Orpheus Lyra öffnete die Tore des Orkus. Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußern Sinnenwelt, die ihn umgibt, und in der er alle bestimmten Gefühle zurückläßt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben.

Habt ihr dies eigentümliche Wesen auch wohl nur geahndet, ihr armen Instrumentalkomponisten, die ihr euch mühsam abquältet bestimmte Empfindungen, ja sogar Begebenheiten darzustellen? Wie konnte es euch denn nur einfallen, die der Plastik geradezu entgegengesetzte Kunst plastisch zu behandeln. Eure Sonnaufgänge, eure Gewitter, eure Batailles des trois Empereurs u. s. w. waren wohl gewiß gar lächerliche Verirrungen und sind wohlverdienter Weise mit gänzlichem Vergessen bestraft.

In dem Gesange, wo die Poesie bestimmte Affekte durch Worte andeutet, wirkt die magische Kraft der Musik, wie das wunderbare Elixier der Weisen, von dem etliche Tropfen jeden Trank köstlicher und herrlicher machen. Jede Leidenschaft - Liebe - Haß - Zorn - Verzweiflung etc. wie die Oper sie uns gibt, kleidet die Musik in dem Purpurschimmer der Romantik und selbst das im Leben Empfundene führt uns hinaus aus dem Leben in das Reich des Unendlichen.

So stark ist der Zauber der Musik, und immer mächtiger werdend mußte er jede Fessel einer andern Kunst zerreißen.

Gewiß nicht allein in der Erleichterung der Ausdrucksmittel, (Vervollkommnung der Instrumente, größere Virtuosität der Spieler,) sondern in dem tieferen innigeren Erkennen des eigentümlichen Wesens der Musik liegt es, daß geniale Komponisten die Instrumental-Musik zu der jetzigen Hühe erhoben.

Mozart und Haydn, die Schöpfer der jetzigen Instrumental-Musik, zeigten uns zuerst die Kunst in ihrer vollen Glorie; wer sie da mit voller Liebe anschaute und eindrang in ihr innigstes Wesen, ist - Beethoven! - Die Instrumentalkompositionen aller drei Meister atmen einen gleichen romantischen Geist, welches in dem gleichen innigen Ergreifen des eigentümlichen Wesens der Kunst liegt; der Charakter ihrer Kompositionen unterscheidet sich jedoch merklich. - Der Ausdruck eines kindlichen heitern Gemüts herrscht in Haydn's Kompositionen. Seine Sinfonien führen uns in unabsehbare grüne Haine, in ein lustiges buntes Gewühl glücklicher Menschen. Jünglinge und Mädchen schweben in Reihentänzen vorüber; lachende Kinder, hinter Bäumen, hinter Rosenbüschen lauschend, werfen sich neckend mit Blumen. Ein Leben voll Liebe, voll Seligkeit wie vor der Sünde, in ewiger Jugend; kein Leiden, kein Schmerz, nur ein süßes wehmütiges Verlangen nach der geliebten Gestalt, die in der Ferne im Glanz des Abendrotes daher schwebt, nicht näher kommt, nicht verschwindet, und so lange sie da ist, wird es nicht Nacht, denn sie selbst ist das Abendrot, von dem Berg und Hain erglühen. In die Tiefen des Geisterreichs führt uns Mozart. Furcht umfängt uns, aber ohne Marter ist sie mehr Ahndung des Unendlichen.

Liebe und Wehmut tönen in holden Geisterstimmen; die Nacht geht auf in hellem Purpurschimmer und in unaussprechlicher Sehnsucht ziehen wir nach den Gestalten, die freundlich uns in ihre Reihen winkend in ewigem Sphärentanze durch die Wolken fliegen. (Mozarts Sinfonie in Es dur unter dem Namen des Schwanengesanges bekannt.)

So öffnet uns auch Beethovens Instrumental-Musik das Reich des Ungeheuern und Unermeßlichen. Glühende Strahlen schießen durch dieses Reiches tiefe Nacht und wir werden Riesenschatten gewahr, die auf- und abwogen, enger und enger uns einschließen und uns vernichten, aber nicht den Schmerz der unendlichen Sehnsucht, in welcher jede Lust, die schnell in jauchzenden Tönen emporgestiegen, hinsinkt und untergeht, und nur in diesem Schmerz, der Liebe, Hoffnung, Freude, in sich verzehrend aber nicht zerstörend unsere Brust mit einem vollstimmigen Zusammenklange aller Leidenschaften zersprengen will, leben wir fort und sind entzückte Geisterseher! -

Der romantische Geschmack ist selten, noch seltener das romantische Talent, daher gibt es wohl so wenige, die jene Lyra, deren Ton das wundervolle Reich des Romantischen aufschließt, anzuschlagen vermögen.

Haydn faßt das Menschliche im menschlichen Leben romantisch auf; er ist kommensurabler, faßlicher für die Mehrzahl.

Mozart nimmt mehr das Übermenschliche, das Wunderbare, welches im innern Geiste wohnt, in Anspruch.

Beethovens Musik bewegt die Hebel der Furcht, des Schauers, des Entsetzens, des Schmerzes und erweckt eben jene unendliche Sehnsucht, welche das Wesen der Romantik ist. Er ist daher ein rein romantischer Komponist, und mag es nicht daher kommen, daß ihm Vokalmusik, die den Charakter des unbestimmten Sehnens nicht zuläßt, sondern nur durch Worte bestimmte Affekte als in dem Reiche des Unendlichen empfunden darstellt, weniger gelingt.

Den musikalischen Pöbel drückt Beethovens mächtiger Genius; er will sich vergebens dagegen auflehnen. - Aber die weisen Richter mit vornehmer Miene um sich schauend, versichern: man könne es ihnen als Männer von großem Verstande und tiefer Einsicht aufs Wort glauben, es fehle dem guten B. nicht im mindesten an einer sehr reichen lebendigen Fantasie, aber er verstehe sie nicht zu zügeln! Da wäre denn nun von Auswahl und Formung der Gedanken gar nicht die Rede, sondern er werfe nach der sogenannten genialen Methode alles so hin, wie es ihm augenblicklich die im Feuer arbeitende Fantasie eingebe. Wie ist es aber, wenn nur Eurem schwachen Blick der innere tiefe Zusammenhang jeder Beethovenschen Komposition entgeht? Wenn es nur an Euch liegt, daß ihr des Meisters, dem Geweihten verständliche Sprache nicht versteht, wenn Euch die Pforte des innersten Heiligtums verschlossen blieb? - In Wahrheit, der Meister, an Besonnenheit Haydn und Mozart ganz an die Seite zu stellen, trennt sein Ich von dem innern Reich der Töne und gebietet darüber als unumschränkter Herr. Asthetische Meßkünstler haben oft im Shakespeare über gänzlichen Mangel innerer Einheit und inneren Zusammenhanges geklagt, indem dem tieferen Blick ein schöner Baum, Blätter, Blüten und Früchte aus einem Keim treibend erwächst, so entfaltet sich auch nur durch ein sehr tiefes Eingehen in Beethovens Instrumental-Musik die hohe Besonnenheit, welche vom wahren Genie unzertrennlich ist und von dem Studium der Kunst genährt wird. Welches Instrumentalwerk Beethovens bestätigt dies alles wohl in höherm Grade, als die über alle Maßen herrliche tiefsinnige Sinfonie in C moll. Wie führt diese wundervolle Komposition in einem fort und fortsteigenden Klimax den Zuhörer unwiderstehlich fort in das Geisterreich des Unendlichen. Nichts kann einfacher sein, als der nur aus zwei Takten bestehende Hauptgedanke des ersten Allegro's, der Anfangs im Unisono dem Zuhörer nicht einmal die Tonart bestimmt. Den Charakter der ängstlichen unruhvollen Sehnsucht, den dieser Satz in sich trägt, setzt das melodiöse Nebenthema nur noch mehr ins Klare! - Die Brust von der Ahndung des Ungeheuern, Vernichtung drohenden gepreßt und beängstet scheint sich in schneidenden Lauten gewaltsam Luft machen zu wollen, aber bald zieht eine freundliche Gestalt glänzend daher und erleuchtet die tiefe grauenvolle Nacht. (Das liebliche Thema in G dur, das erst von dem Horn in Es dur berührt wurde.) - Wie einfach - noch einmal sei es gesagt - ist das Thema, das der Meister dem Ganzen zum Grunde legte, aber wie wundervoll reihen sich ihm alle Neben- und Zwischensätze durch ihr rhythmisches Verhältnis so an, daß sie nur dazu dienen, den Charakter des Allegros, den jenes Hauptthema nur andeutete, immer mehr und mehr zu entfalten. Alle Sätze sind kurz, beinahe alle nur aus zwei, drei Takten bestehend und noch dazu verteilt in beständigem Wechsel der Blas- und der Saiteninstrumente; man sollte glauben, daß aus solchen Elementen nur etwas zerstückeltes unfaßbares entstehen könne, aber statt dessen ist es eben jene Einrichtung des Ganzen, so wie die beständige aufeinander folgende Wiederholung der Sätze und einzelner Akkorde, die das Gefühl einer unnennbaren Sehnsucht bis zum höchsten Grade steigert. Ganz davon abgesehen, daß die kontrapunktische Behandlung von dem tiefen Studium der Kunst zeugt, so sind es auch die Zwischensätze, die bestfindigen Anspielungen auf das Hauptthema, welche dartun, wie der hohe Meister das Ganze mit allen den leidenschaftlichen Zügen im Geist auffaßte und durchdachte. - Tönt nicht wie eine holde Geisterstimme, die unsre Brust mit Hoffnung und Trost erfüllt, das liebliche Thema des Andante con moto in As dur? - Aber auch hier tritt der furchtbare Geist, der im Allegro das Gemüt ergriff und ängstete, jeden Augenblick drohend aus der Wetterwolke hervor, in die er verschwand, und vor seinen Blitzen entfliehen schnell die freundlichen Gestalten, die uns umgaben. - Was soll ich von der Menuet sagen? - Hört die eignen Modulationen, die Schlüsse in dem dominanten Akkorde dur, den der Baß als Tonika des folgenden Thema's in Moll aufgreift - das immer sich um einige Takte erweiternde Thema selbst! Ergreift Euch nicht wieder jene unruhvolle unnennbare Sehnsucht, jene Ahndung des wunderbaren Geisterreichs, in welchem der Meister herrscht? Aber wie blendendes Sonnenlicht strahlt das prächtige Thema des Schlußsatzes in dem jauchzenden Jubel des ganzen Orchesters. - Welche wunderbare kontrapunktische Verschlingungen verknüpfen sich hier wieder zum Ganzen. Wohl mag manchem das Ganze vorüberrausehen wie eine geniale Rhapsodie, aber das Gemüt jedes sinnigen Zuhörers wird gewiß von einem Gefühl, das eben jene unnennbare ahndungsvolle Sehnsucht ist, tief und innig ergriffen, und bis zum Schlußakkord, ja noch in den Momenten nach demselben wird er nicht heraustreten können, aus dem wunderbaren Geisterreiche, wo Schmerz und Lust in Tönen gestaltet, ihn umfingen. - Die Sätze ihrer innern Finrichtung nach, ihre Ausführung, Instrumentierung, die Art wie sie aneinander gereiht sind, alles arbeitet auf einen Punkt hinaus; aber vorzüglich die innige Verwandtschaft der Thema's unter einander ist es, welche jene Einheit erzeugt, die nur allein vermag den Zuhörer in einer Stimmung festzuhalten. Oft wird diese Verwandtschaft dem Zuhörer klar, wenn er sie aus der Verbindung zweier Sätze heraushört oder den zwei verschiedenen Sätzen gemeinen Grundbaß entdeckt, aber eine tiefere Verwandtschaft, die sich auf jene Art nicht dartut, spricht oft nur aus dem Geiste zum Geiste und eben diese ist es, welche unter den Sätzen der beiden Allegro's und der Menuett herrscht, und die besonnene Genialität des Meisters herrlich verkündet. -

Wie tief haben sich doch deine herrlichen Flügel-Kompositionen, du hoher Meister! meinem Gemüte eingeprägt; wie schal und nichtsbedeutend erscheint mir doch nun alles, was nicht dir, dem sinnigen Mozart und dem gewaltigen Genius Sebastian Bach angehört. - Mit welcher Lust empfing ich dein siebzigstes Werk, die beiden herrlichen Trios, denn ich wußte ja wohl, daß ich sie nach weniger Übung bald gar herrlich hören würde. Und so gut ist es mir ja denn heute Abend geworden, so daß ich noch jetzt wie einer, der in den mit allerlei seltenen Bäumen, Gewächsen und wunderbaren Blumen umflochtenen Irrgängen eines fantastischen Parks wandelt und immer tiefer und tiefer hineingerät, nicht aus den wundervollen Wendungen und Verschlingungen deiner Trios herauszukommen vermal; die holden Sirenen-Stimmen deiner in bunter Mannigfaltigkeit prangenden Sätze locken mich immer tiefer und tiefer hinein. -Die geistreiche Dame, die heute mir, dem Kapellmeister Kreisler recht eigentlich zu Ehren das Trio Nro. 1. gar herrlich spielte, und vor deren Flügel ich noch sitze und schreibe, hat es mich recht deutlich einsehen lassen, wie nur das, was der Geist gibt, zu achten, alles Übrige aber vom Übel ist.

Eben jetzt habe ich auswendig einige frappante Ausweichungen der beiden Trios auf dem Flügel wiederholt. - Es ist doch wahr, der Flügel (Flügel Pianoforte) bleibt ein mehr für die Harmonie als für die Melodie brauchbares Instrument. Der feinste Ausdruck, dessen das Instrument fähig ist, gibt der Melodie nicht das regsame Leben in tausend und tausend Nüanzierungen, das der Bogen des Geigers, der Hauch des Bläsers hervorzubringen im Stande ist. Der Spieler ringt vergebens mit der unüberwindlichen Schwierigkeit, die der Mechanism, der die Saiten durch einen Schlag vibrieren und ertönen läßt, ihm entgegensetzt. Dagegen gibt es (die doch immer weit beschränktere Harfe abgerechnet) wohl kein Instrument, das, so wie der Flügel, in vollgriffigen Akkorden das Reich der Harmonie umfaßt und seine Schätze in den wunderbarsten Formen und Gestalten dem Kenner entfaltet Hat die Fantasie des Meisters ein ganzes Tongemälde mit reichen Gruppen, hellen Lichtern und tiefen Schattierungen ergriffen, so kann er es am Flügel ins Leben rufen, daß es aus der innern Welt farbigt und glänzend hervortritt. Die vollstimmige Partitur, dieses wahre musikalische Zauberbuch, das in seinen Zeichen alle Wunder der Tonkunst, den geheimnisvollen Chor der mannigfaltigsten Instrumente bewahrt, wird unter den Händen des Meisters am Flügel belebt, und ein in dieser Art gut und vollstimmig vorgetragenes Stück aus der Partitur, möchte dem wohlgeratnen Kupferstich, der einem großen Gemälde entnommen, zu vergleichen sein. Zum Fantasieren, zum Vortragen aus der Partitur, zu einzelnen Sonaten, Akkorden u. s. w. ist daher der Flügel vorzüglich geeignet, so wie nächstdem Trios, Quartetten, Quintetten etc. wo die gewöhnlichen Saiteninstrumente hinzutreten, schon deshalb ganz in das Reich der Flügel-Komposition gehören, weil, sind sie in der wahren Art, d. h. wirklich vierstimmig, fünfstimmig u. s. w. komponiert, hier es ganz auf die harmonische Ausarbeitung ankommt, die das Hervortreten einzelner Instrumente in glänzenden Passagen von selbst ausschließt. -

Einen wahren Widerwillen hege ich gegen all' die eigentlichen Flügel-Konzerte. (Mozartsche und Beethovensche sind nicht sowohl Konzerte als Sinfonien mit obligatem Flügel.) Hier soll die Virtuosität des einzelnen Spielers in Passagen und im Ausdruck der Melodie geltend gemacht werden; der beste Spieler auf dem schönsten Instrumente strebt aber vergebens nach dem, was z. B. der Violinist mit leichter Mühe erringt.

Jedes Solo klingt nach dem vollen Tutti der Geiger und Bläser steif und matt, und man bewundert die Fertigkeit der Finger u. dergl., ohne daß das Gemüt recht angesprochen wird.

Wie hat doch der Meister den eigentümlichsten Geist des Instruments aufgefaßt und in der dafür geeignetsten Art gesorgt!

Ein einfaches aber fruchtbares, zu den verschiedensten kontrapunktischen Wendungen, Abkürzungen u. s. w. taugliches, singbares Thema liegt jedem Satze zum Grunde, alle übrigen Nebenthemata und Figuren sind dem Hauptgedanken innig verwandt, so daß sich alles zur höchsten Einheit durch alle Instrumente verschlingt und ordnet. So ist die Struktur des Ganzen; aber in diesem künstlichen Bau wechseln in rastlosem Fluge die wunderbarsten Bilder, in denen Freude und Schmerz, Wehmut und Wonne neben- in einander hervortreten. Seltsame Gestalten beginnen einen luftigen Tanz, indem sie bald zu einem Lichtpunkt verschweben, bald funkelnd und blitzend auseinanderfahren, und sich in mannigfachen Gruppen jagen und verfolgen; und mitten in diesem aufgeschlossenen Geisterreiche horcht die entzückte Seele der unbekannten Sprache zu, und versteht alle die geheimsten Ahndungen, von denen sie ergriffen.

Nur der Komponist drang wahrhaft in die Geheimnisse der Harmonie ein, der durch sie auf das Gemüt des Menschen zu wirken vermag; ihm sind die Zahlenproportionen, welche dem Grammatiker ohne Genius nur tote starre Rechenexempel bleiben, magische Präparate, denen er eine Zauberwelt entsteigen läßt.

Unerachtet der Gemütlichkeit, die vorzüglich in dem ersten Trio, selbst das wehmutsvolle Largo nicht ausgenommen herrscht, bleibt doch der Beethovensche Genius ernst und feierlich. Es ist, als meinte der Meister, man könne von tiefen geheimnisvollen Dingen, selbst wenn der Geist, mit ihnen innig vertraut, sich freudig und fröhlich erhoben fühlt, nie in gemeinen, sondern nur in erhabenen herrlichen Worten reden; das Tanzstück der Isispriester kann nur ein hochjauchzender Hymnus sein.

Die Instrumental-Musik muß, da wo sie nur durch sich als Musik wirken und nicht vielleicht einem bestimmten dramatischen Zweck dienen soll, alles unbedeutend Spaßhafte, alle tändelnden Lazzi vermeiden. Es sucht das tiefe Gemüt für die Ahndungen der Freudigkeit, die herrlicher und schöner als hier in der beengten Welt, aus einem unbekannten Lande herübergekommen, ein inneres, wonnevolles Leben in der Brust entzündet, einen höheren Ausdruck, als ihn geringe Worte, die nur der befangenen irdischen Lust eigen, gewähren können. Schon dieser Ernst aller Beethovenscher Instrumental- und Flügel-Musik verbannt alle die halsbrechenden Passagen auf und ab mit beiden Händen, alle die seltsamen Sprünge, die possierlichen Capriccios, die hoch in die Luft gebauten Noten mit fünf- und sechsstrichigem Fundament, von denen die Flügel-Kompositionen neuester Art erfüllt sind. - Wenn von bloßer Fingerfertigkeit die Rede ist, haben die Flügel-Kompositionen des Meisters gar keine besondere Schwierigkeit, da die wenigen Läufe, Triolenfiguren u. d. m. wohl jeder geübte Spieler in der Hand haben muß: und doch ist ihr Vortrag bedingt recht schwer. Mancher sogenannte Viruose verwirft des Meisters Flügel-Komposition, indem er dem Vorwurfe: sehr schwer! noch hinzufügt: und sehr undankbar! - Was nun die Schwierigkeit betrifft, so gehört zum richtigen bequemen Vortrag Beethovenscher Komposition nichts geringeres als daß man ihn begreife, daß man tief in sein Wesen eindringe, daß man im Bewußtsein eigner Weihe es kühn wage, in den Kreis der magischen Erscheinungen zu treten, die sein mächtiger Zauber hervorruft. Wer diese Weihe nicht in sich fühlt, wer die heilige Musik nur als Spielerei, nur zum Zeitvertreib in leeren Stunden, zum augenblicklichen Reiz stumpfer Ohren oder zur eignen Ostentation tauglich betrachtet, der bleibe ja davon. Nur einem solchen steht auch der Vorwurf: und höchst undankbar! zu. Der echte Künstler lebt nur in dem Werke, das er in dem Sinne des Meisters aufgefaßt hat und nun vorträgt. Er verschmäht es, auf irgend eine Weise seine Persönlichkeit geltend zu machen, und all sein Dichten und Trachten geht nur dahin, alle die herrlichen holdseligen Bilder und Erscheinungen, die der Meister mit magischer Gewalt in sein Werk verschloß, tausendfarbig glänzend ins rege Leben zu rufen, daß sie den Menschen in lichten funkelnden Kreisen umfangen und seine Fantasie, sein innerstes Gemüt entzündend, ihn raschen Fluges in das ferne Geisterreich der Töne tragen.

5.
HÖCHST ZERSTREUTE GEDANKEN

Schon, als ich noch auf der Schule war, hatte ich die Gewohnheit, manches was mir bei dem Lesen eines Buchs, bei dem Anhören einer Musik, bei dem Betrachten eines Gemäldes oder sonst gerade einfiel, oder auch was mir selbst merkwürdiges begegnet, aufzuschreiben. Ich hatte mir dazu ein kleines Buch binden lassen, und den Titel vorgesetzt: Zerstreute Gedanken. - Mein Vetter, der mit mir auf einer Stube wohnte und mit wahrhaft boshafter Ironie meine ästhetischen Bemühungen verfolgte, fand das Büchelchen, und setzte auf dem Titel dem Worte: Zerstreute, das Wörtlein: Höchst! vor. Zu meinem nicht geringen Verdrusse fand ich, als ich mich über meinen Vetter im Stillen satt geärgert hatte und das, was ich geschrieben, noch einmal überlas, manchen zerstreuten Gedanken wirklich und in der Tat höchst zerstreut, warf das ganze Buch ins Feuer, und gelobte nichts mehr aufzuschreiben, sondern alles im Innern digerieren und wirken zu lassen, wie es sollte. - Aber ich sehe meine Musikalien durch, und finde zu meinem nicht geringen Schreck, daß ich die üble Gewohnheit nun in viel späteren und wie man denken möchte, weiseren Jahren stärker als je treibe. Denn sind nicht beinahe alle leere Blätter, alle Umschläge mit höchst zerstreuten Gedanken bekritzelt? - Sollte nun einmal, bin ich auf diese oder jene Art dahin geschieden, ein treuer Freund diesen meinen Nachlaß ordentlich für was halten oder gar (wie es denn wohl manchmal zu geschehen pflegt) manches davon abschreiben und drucken lassen, so bitte ich ihn um die Barmherzigkeit, ohne Barmherzigkeit die höchst höchst zerstreuten Gedanken dem Feuer zu übergeben, und Rücksichts der übrigen es gewissermaßen als captatio benevolentiae bei der schülerhaften Aufschrift nebst dem boshaften Zusatze des Vetters bewenden zu lassen.


Man stritt heute viel über unsern Sebastian Bach und über die alten Italiäner, man konnte sich durchaus nicht vereinigen, wem der Vorzug gebühre. Da sagte mein geistreicher Freund: »Sebastian Bachs Musik verhält sich zu der Musik der alten ltaliäner eben so, wie der Münster in Straßburg zu der Peterskirche in Rom.«

Wie tief hat mich das wahre lebendige Bild ergriffen! - Ich sehe in Bachs achtstimmigen Motetten den kühnen wundervollen romantischen Bau des Münsters mit all' den fantastischen Verzierungen, die künstlich zum Ganzen verschlungen, stolz und prächtig in die Lüfte emporsteigen, so wie in Benevoli's, in Perti's frommen Gesängen die reinen grandiosen Verhältnisse der Peterskirche, die selbst den größten Massen die Kommensurabilität geben und das Gemüt erheben, indem sie es mit heiligem Schauer erfüllen.


Nicht sowohl im Traume als während des Einschlafens, vorzüglich wenn ich viel Musik gehört habe, finde ich die Übereinkunft der Farben, Töne und Düfte. Es kömmt mir vor, als wenn alle auf die gleiche geheimnisvolle Weise durch den Lichtstrahl erzeugt würden, und dann sich zu einem wundervollen Konzerte vereinigen müßten. - Der Duft der dunkelroten Nelken wirkt mit sonderbarer magischer Gewalt auf mich; unwillkürlich versinke ich in einen träumerischen Zustand und höre dann, wie aus weiter Ferne, die anschwellenden und wieder verfließenden tiefen Töne des Bassethorns.


Es gibt Augenblicke - vorzüglich, wenn ich viel in des großen Sebastian Bachs Werken gelesen in denen mir die musikalischen Zahlenverhältnisse, ja die mystischen Regeln des Kontrapunkts ein inneres Grauen erwecken. Musik! - mit geheimnisvollem Schauer, ja mit Grausen nenne ich Dich! - Dich! in Tönen ausgesprochene Sanskritta der Natur! - Der Ungeweihte lallt sie nach in kindischen Lauten der nachäffende Frevler geht unter im eignen Hohn!


Von großen Meistern werden häufig Anekdötchen aufgetischt, die so kindisch erfunden oder mit so alberner Unwissenheit nacherzählt sind, daß sie mich immer, wenn ich sie anhören muß, kränken und ärgern. So ist z. B. das Geschichtchen von Mozarts Ouvertüre zum Don Giovanni so prosaisch toll, daß ich mich wundern muß, wie sie selbst Musiker, denen man einiges Einsehen nicht absprechen mag, in den Mund nehmen können, wie es noch heute geschah. - Mozart soll die Komposition der Ouvertüre, als die Oper längst fertig war, von Tage zu Tage verschoben haben und noch den Tag vor der Aufführung, als die besorgten Freunde glaubten, nun säße er am Schreibtische, ganz lustig spazieren gefahren sein. Endlich am Tage der Aufführung am frühen Morgen habe er in wenigen Stunden die Ouvertüre komponiert, so daß die Partien noch naß in das Theater getragen wären. Nun gerät alles in Erstaunen und Bewunderung, wie Mozart so schnell komponiert hat, und doch kann man jedem rüstigen schnellen Notenschreiber eben dieselbe Bewunderung zollen. - Glaubt ihr denn nicht, daß der Meister den Don Juan, sein tiefstes Werk, das er für seine Freunde, d. h. für solche, die ihn in seinem Innersten verstanden, komponierte, längst im Gemüte trug, daß er im Geist das Ganze mit allen seinen herrlichen charaktervollen Zügen ordnete und ründete, so daß es wie in einem fehlerfreien Gusse da stand? - Glaubt ihr denn nicht, daß die Ouvertüre aller Ouvertüren, in der alle Motive der Oper schon so herrlich und lebendig angedeutet sind, nicht eben so gut fertig war als das ganze Werk, ehe der große Meister die Feder zum Aufschreiben ansetzte? - Ist jene Anekdote wahr, so hat Mozart wahrscheinlich seine Freunde, die immer von der Komposition der Ouvertüre gesprochen hatten, mit dem Verschieben des Aufschreibens geneckt, da ihre Besorgnis, er möchte die günstige Stunde zu dem nunmehr mechanisch gewordenen Geschäft, nämlich das in dem Augenblick der Weihe empfangene und im Innern aufgefaßte Werk aufzuschreiben, nicht mehr finden, ihm lächerlich erscheinen mußte. - Manche haben in dem Allegro des überwachten Mozarts Auffahren aus dem Schlafe, in den er komponierend unwillkürlich versunken, finden wollen! - Es gibt närrische Leute! - ich erinnere mich, daß bei der Aufführung des Don Juan einer einmal mir bitter klagte: das sei doch entsetzlich unnatürlich mit der Statue und mit den Teufeln! Ich antwortete ihm lächelnd, ob er denn nicht längst bemerkt hätte, daß in dem weißen Mann ein ganz verflucht pfiffiger Polizeikommissär stecke, und daß die Teufel nichts wären als vermummte Gerichtsdiener, die Hölle wäre auch weiter nichts als das Stockhaus, wo Don Juan seiner Vergehungen wegen eingesperrt werden würde, und so das Ganze allegorisch zu nehmen. - Da schlug er ganz vergnügt ein Schnippchen nach dem andern und lachte und freute sich, und bemitleidete die andern, die sich so grob täuschen ließen. - Nachher, wenn von den unterirdischen Mächten, die Mozart aus dem Orkus hervorgerufen habe, gesprochen wurde, lächelte er mich überaus pfiffig an, welches ich ihm eben so erwiderte. -

Er dachte: wir wissen, was wir wissen! und er hatte wahrlich Recht!


Seit langer Zeit habe ich mich nicht so rein ergötzt und erfreut als heute Abend. - Mein Freund trat jubilierend zu mir in das Zimmer und verkündete, daß er in einer Schenke der Vorstadt einen Komödianten-Trupp ausgewittert habe, der jeden Abend vor den anwesenden Gästen die größten Schau- und Trauerspiele aufführe. Wir gingen gleich hin und fanden an der Türe der Wirtsstube einen geschriebenen Zettel angeklebt, worin es nächst der de- und wehmütigen Empfehlung der würdigen Schauspielergesellschaft hieß, daß die Wahl des Stücks jedesmal von dem versammelten verehrungswürdigen Publikum abhinge und daß der Wirt sich beeifern werde, die hohen Gäste auf dem ersten Platz mit gutem Bier und Taback zu bedienen. Diesmal wurde auf den Vorschlag des H. Direktors Johanna von Montfaucon gewählt, und ich überzeugte mich, daß so dargestellt, das Stück von unbeschreiblicher Wirkung ist. Da sieht man ja deutlich, wie der Dichter eigentlich die Ironie des Poetischen bezweckte, oder vielmehr den falschen Pathos, die Poesie, die nicht poetisch ist, lächerlich machen wollte, und in dieser Hinsicht ist die Johanna eine der ergötzlichsten Possen, die er je geschrieben. Die Schauspieler und Schauspielerinnen hatten diesen tiefen Sinn des Stücks sehr gut aufgefaßt, und die Szenerie lobenswert angeordnet. War es nicht z. B. eine glückliche Idee, daß bei den in komischer Verzweiflung herausgestoßenen Worten der Johanna: es muß blitzen! der Direktor die Auslage für Kolophonium nicht gescheut hatte, sondern wirklich ein paarmal blitzen ließ? Außer dem kleinen Unfall, daß in der ersten Szene das ungefähr sechs Fuß hohe Schloß, wiewohl von Papier gebaut, ohne sonderliches Geräusch einfiel, und eine Biertonne sichtbar wurde, von der herab nun anstatt vom Balkon oder zum Fenster heraus Johanna recht herzlich mit den guten Landleuten sprach, waren sonst die Dekorationen vortrefflich und vorzüglich die Schweizer Gebürge eben so im Sinne des Stücks mit glücklicher Ironie behandelt. Eben so deutete auch das Kostüm sehr gut die Lehre an, die der Dichter durch die Darstellung seiner Helden den Afterdichtern geben will. Seht, will er nämlich sagen: so sind Eure Helden! - statt der kräftigen rüstigen Ritter der schönen Vorzeit, sind es weinerliche erbärmliche Weichlinge des Zeitalters, die sich ungeziemlich gebehrden und dann glauben, damit sei es getan! - Alle auftretende Ritter, der Estavajell, der Lasarra etc. gingen in gewöhnlichen Fracks und hatten nur Feldbinden darüber gehängt, so wie ein paar Federn auf den Hüten. - Eine ganz herrliche Einrichtung, die von großen Bühnen nachgeahmt zu werden verdiente, fand auch noch statt! - ich will sie herschreiben, damit ich sie nie aus dem Gedächtnis verliere. - Nicht genug konnte ich mich nämlich über die große Präzision im Auftreten und Abgehen, über den Einklang des Ganzen wundern, da doch die Wahl des Stücks dem Publikum überlassen, die Gesellschaft daher ohne sonderliche Vorbereitung auf eine Menge von Stücken gefaßt sein mußte. Endlich, an einer etwas possierlichen und wie es schien ganz unwillkürlichen Bewegung eines Schauspielers in der Kulisse bemerkte ich mit bewaffnetem Auge, daß von den Füßen der Schauspieler und Schauspielerinnen feine Schnüre in den Souffleurkasten liefen, die angezogen wurden, wenn sie kommen oder gehen sollten. - Ein guter Direktor, der vorzüglich will, daß alles nach seinen eigenen individuellen Ein- und Ansichten auf dem Theater gehen soll könnte das nun weiter treiben - er könnte, so wie man bei der Reuterei zu den verschiedenen Manövers sogenannte Rufe (Trompetenstöße) hat, denen sogar die Pferde augenblicklich folgen, eben so für die verschiedensten Posituren - Ausrufe - Schreie - Heben - Sinken lassen der Stimme u. s. w. verschiedene Züge erfinden und sie neben dem Souffleur sitzend mit Nutzen applizieren.

Das größte, mit augenblicklicher Entlassung als dem zivilen Tode zu bestrafende Versehen eines Schauspielers wäre dann, wenn der Direktor ihm mit Recht vorwerfen könnte: er habe über die Schnur gehauen, und das größte Lob einer ganzen Darstellung: es sei alles recht nach der Schnur gegangen.


Große Dichter und Künstler sind auch für den Tadel untergeordneter Naturen empfindlich. - Sie lassen sich gar zu gern loben, auf Händen tragen, hätscheln. - Glaubt ihr denn, daß diejenige Eitelkeit, von der ihr so oft befangen, in hohen Gemütern wohnen könne?- Aber jedes freundliche Wort, jedes wohlwollende Bemühen beschwichtigt die innere Stimme, die dem wahren Künstler unaufhörlich zuruft: Wie ist doch dein Flug noch so niedrig, noch so von der Kraft des Irdischen gelähmt - rüttle frisch die Fittige und schwinge dich auf zu den leuchtenden Sternen! - und von der Stimme getrieben, irrt der Künstler oft umher und kann seine Heimat nicht wiederfinden, bis der Freunde Zuruf ihn wieder auf Weg und Steg leitet.


Wenn ich in Forkels musikalischer Bibliothek die niedrige schmähende Beurteilung von Glucks Iphigenia in Aulis lese, wird mein Gemüt von den sonderbarsten Empfindungen im Innersten bewegt. Wie mag der große herrliche Mann, las er jenes absurde Geschwätz, doch eben von dem unbehaglichen Gefühl ergriffen worden sein, wie einer, der in einem schönen Park zwischen Blumen und Blüten lustwandelnd von schreienden bellenden Kläffern angefallen wird, die ohne ihm nur den mindesten bedeutenden Schaden zufügen zu können, ihm doch auf die unerträglichste Weise lästig sind. Aber wie man in der Zeit des erfochtenen Sieges gern von den ihm vorhergegangenen Bedrängnissen und Gefahren hört, eben darum, weil sie seinen Glanz noch erhöhen, so erhebt es auch Seele und Geist, noch die Ungetüme zu beschauen, über die der Genius sein Siegespanier schwang, daß sie untergingen in ihrer eignen Schmach! -Tröstet Euch - ihr Unerkannten! ihr von dem Leichtsinn, von der Unbill des Zeitgeistes Gebeugten; Euch ist gewisser Sieg verheißen und der ist ewig, da Euer ermüdender Kampf nur vorübergehend war!


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Man erzählt, nachdem der Streit der GIuckistcn und Picci nisten sich etwas abgekühlt hatte, sei es irgend einem vornehmen Verehrer der K unst gelungen, Gluck und Piccini in einer Abendgesellschaft zusammen zu bringen, und nun habe der offene 'leutsche, zufrieden einmal, den bösen Streit geendet zu sehen, in einer fröhlichen Weinlaune dem ltaliäner seinen ganzen Mechanismus der Komposition, sein Geheimnis, die Menschen und vorzüglich die vetwöhnten Franzosen zu erheben und zu rühren, entdeckt Melodien in altfranzösischem Styl - teutsche Arbeit, darin sollte es liegen. Aber der sinnige gemütliche in seiner Art große Piccini, dessen Chor der Priester der Nacht in der Dido in meinem Innersten mit schauerlichen Tönen wie- ~, derhallt, hat doch keine Armida, keine lphigenia wie Gluck geschrieben! - Bedürfte es denn nur genau zu wissen, wie Raphael seine Gemälde anlegte und ausführte, um selbst ein Raphael zu sein? is Kein Gespräch über die Kunst konnte heute aufkommen nicht einmal das himmlische Geschwätz um Nichts über Nichts, das ich so gern mit Frauenzimmer führe, weil mir es dann nur wie die zufbilig begleitende Stimme zu einer geheimen aber von jeder deutlich geahndeten Melodie vorkommt, wollte recht fort; alles ging unter in der Politik. Da sagte Jemand: Der Minister - r - habe den Vorstellun- KREISLERI.ANA NRO. 1-6 69 : ~cn des s - l lofes kein Gehör gegeben. Nun weiß ich, daß jener iMinister wirklich auf einem Uhre gar nicht hört, und in dem Augenblick stand ein Bild in grotesken Zügen mir ' or Augen, welches mich den ganzen Abend nicht wieder verließ. Ich sah nämlich jenen Minister in der Mitte des í /immers steif da stehen - der- sehe Unterhändler befindet unglücklicherweise an der tauben Seite, der andere an der hörenden! - Nun wenden beide alle nur ersinnlichen Mittel, Ränke und Schwänke an, einer, daß die Exzellenz sich umdrehe, der andere, daß die Exzellenz stehen bleibe, denn nur davon hängt der Erfolg der Sache ab; aber die I ,xzellenz bleibt wie eine deutsche Bebe fest eingewurzelt auf ihrer Stelle, und das Glück ist dem günstig, der die Gärende Seite traf. Welcher Künstler hat sich sonst um die politischen I reig nisse des Tages bekümmert cr lebte nur in seiner Kunst, und nur in ihr schritt er durch das beben; aber cine verhängnisvolle schwere Zeit hat den Menschen mit eiserner Faust ergriffen und der Schmerz preßt ihm Laute aus, die ihrn sonst fremd waren. Man spricht so viel von der Begeisterung, die die Künstler durch den Genuß starker Getränke erzwingen man nennt Musiker und Dichter, die nur so arbeiten können (die Maler sind von dem Vorwurfe, so viel ich weiß, frei geblieben.) - Ich glaube nicht daran - aber gewiß ist es, daß eben in der 2; glücklichen Stimmung, ich möchte sagen, in der günstigen Konstellation, wenn der Geist aus dem 13rülen in das Schaf- ¡ca übergeht, das geistige Getränk den regeren Umschwung der Ideen befördert. - Es ist gerade kein edles Bild, aber mir kommt die Fantasie hier vor, wie ein Mühlrad, welches der stärker anschwellende Strom schneller treibt - der Mensch ;ließt Wein auf, und das Getriebe im Innern dreht sich rascher! - Es ist wohl herrlich, daß cine edle Frucht das Geheimnis in sich trägt, den menschlichen Geist in seinen eigensten Anklängen auf eine wunderbare Weise zu beherr KRI:ISLLRIANA NRO. I-G 71 la er schnell die Miene ändert und statt des wohltuenden be-I clglichen Freundes, zum furchtbaren Tyrannen wird. I s wurde heute die bekannte Anekdote von dem alten Rameau erzählt, der zu dem Geistlichen, welcher ihn in der 'Todesstunde mit allerlei harten unfreundlichen Worten zur Buße ermahnte und nicht aufhören konnte zu predigen und zu schreien, ernstlich sagte: Aber wie mögen Ew. [loch-würden doch so falsch singen! - Ich habe nicht in das laute Gelächter der Gesellschaft einstimmen können, denn für mich hat die Geschichte etwas ungemein rührendes! - Wie ~o hatte, da der alte Meister der 'I'on kunst beinahe schon alles Irdische abgestreift, sich sein Geist so ganz und gar der güttlichen Musik zugewendet, daß jeder sinnliche Fin- druck von Außen her nur ein Mißklang war, der, die reinen Harmonien, von denen sein Inneres erfüllt, unterbrechend, 11 ihn quälte und seinen Flug zur I.ichtwelt hemmte. In keiner Kunst ist die Theorie schwächer und unzureichender als in der Musik, die Regeln des Kontrapunkts beziehen sich natürlicherweise nur auf die harmonische Struktur, und ein darnach richtig ausgearbeiteter Satz ist die nach den bestimmten Regeln des Verhältnisses richtig entworfene Zeichnung des Malers. Aber bei dem Kolorit ist der Musiker ganz verlassen; denn das ist die Instrumentierung. - Schon der unermeßlichen Varietät musikalischer Sätze wegen ist es unmöglich, hier nur eine Reed zu wagen, ~I aber auf eine lebendige dutch Erfahrung geläuterte Fantasie gestützt, kann man wohl Andeutungen geben, und diese cyklisch gefaßt würde ich: Mystik der Instrumente, nennen. Die Kunst gehörigen Orts bald mit dem vollen Orchester, bald mit einzelnen Instrumenten zu wirken, ist die musikalische Perspektive; so wie die Musik den von der Malerei ihr entlehnten Ausdruck, Ton wieder zurücknehmen und ihn von Tonart unterscheiden kann. Im zweiten höheren Sinn wäre dann, Ton eines .S'üichs der tiefere Charakter, der durch die besondere Behandlung des Gesanges, der Begleitung S 30 3' 35 70 FANTASIESTUCKE IN GALLOIS MANIER scheu. - Aber was in diesem Augenblick da vor mir im Glase dampft, ist jenes Getränk, das noch wie ein geheimnisvoller Fremder, der um unerkannt zu bleiben, überall seinen Namen wechselt, keine allgemeine Benennung hat, 5 und durch den Prozeß erzeugt wird, wenn man Cognac, Arrak oder Rum anzündet und auf einem Rost darüber gelegten Zucker hinein tröpfeln läßt. - Die Bereitung und der mäßige Genuß dieses Getränkes hat für mich etwas wohltätiges und erfreuliches. - Wenn so die blaue Flamme emporzuckt, sehe ich wie die Salamander glühend und sprühend herausfahren und mit den Erdgeistern kämpfen, die im Zucker wohnen. Diese halten sich tapfer; sie knistern n gelben Lichtern durch die Feinde, aber die Macht ist zu groß, sie sinken prasselnd und zischend unter - die Wasser- , gejster entfliehen sich im Dampfe emporwirbelnd, indem die Erdgeister die erschöpften Salamander herabziehen und im eignen Reiche verzehren; aber auch sie gehen unter und kecke neugeborne Geisterchen strahlen in glühendem Rot herauf, und was Salamander und Erdgeist im Kampfe untergehend geboren, hat des Salamanders Glut und des Erdgeistes gehaltige Kraft. - Solltees wirklich geraten sein, dem innern Fantasie-Rade Geistiges aufzugießen, (welches ich doch meine, da es dem Künstler nächst dem rascheren Schwunge der Ideen eine gewisse Behaglichkeit, ja Fröh lichkeit gibt, die die Arbeit erleichtert), so könnte man or dentlich Rücksichts der Getränke gewisse Prinzipe aufstellen. So würde ich z. B. bei der Kirchenmusik alte Rhein- und Franzweine, bei der ernsten ()per sehr feinen Burgunder, hei der komischen Oper Champagner, bei Canzonetten italiänisehe feurige Weine, hei einer höchst romantischen Komposition, wie die des Don Juan ist, aber ein mäßiges Glas von eben dem von Salamander und Erdgeist erzeugten Getränk anraten! - Doch überlasse ich jedem seine individuelle Meinung und finde nur nötig für mich Selbst im Stillen zu bemerken, daß der Geist, der von Licht und unterirdischem Feuer geboren, so keek den Menschen beherrscht, gar gefährlich ist, und man seiner Freundlich keit nicht trauen darf, 72 FANTASIES] UCKE FN CALL.Cl7"S MANIER der sich anschmiegenden Figuren und Mclismen, ausgesprochen wird. Es ist eben so schwer einen lauten letzten Akt zu machen als einen tüchtigen Kernschluß - beide sind gewöhnlich mit Figuren überhäuft, und der Vorwurf: er kann nicht zum Schluß kommen, ist nur zu oft gerecht. Far Dichter und Musiker ist es kein übler Vorschlag, beide, den letzten Akt und das Finale zuerst zu machen. I)ie Ouvertüre so wie der Prologus muß unbedingt zuletzt gemacht werden. 6. DER VOLLKOMMENE MASCHIN'IST Als ich noch in *** die Oper dirigierte, trieben mich oft Lust und Laune auf das Theater; ich bekümmerte mich viel um das Dekorations- und Maschinenwesen, und indem ich ~< lange Zeit ganz im Stillen über alles was ich sah, Betrachtungen anstellte, erzeugten sich mir Resultate, die ich zum Nutz und Frommen der Dekorateurs und der Maschinisten, so wie des ganzen Publikums, gern in einem eignen Traktätlein ans Licht stellen möchte, unter dem Titel: Johannes Krcislers vollkommener Maschinist u. s. w. Aber wie es in der Welt zu gehen pflegt, den schärfsten Willen stumpft die Zeit ab, und wer weiß, ob bei gehöriger Muße, die das wichtige theoretische Werk erfordert, mir auch die [aune kommen wird, es wirklich zu schreiben. Um nun daher wenigstens die ersten Prinzipe der von mir erfundenen herrlichen Theorie, die vorzüglichsten Ideen vom Untergange zu retten, schreibe ich so viel ich vermag, nur alles rhapsodisch hin und denke auch dann: Sapienti sat! Fürs erste verdanke ich es meinem Aufenthalte in *** daß ich von manchem gefährlichen Irrtum, in den ich bisher versunken, gänzlich geheilt worden, so wie ich auch die kindische Achtung fur Personen, die ich sonst für groß und genial gehalten, gänzlich verloren. Nächst einer auf KRHISLE.RIANA NRO. 1-6 73 ,edrungcnen aber sehr heilsamen Geistesdiät bewirkte Meine Gesundheit der inir angeratene fleißige Genuß des iußerst klaren reinen Wassers, das in *** aus vielen Quellen, vorzüglich bei dem 'Theater nicht sprudelt? - nein! sondern sanft und leise daher rinnt. So denke ich noch mit wahrer innerer Scham an die ;Achtung, ja die kindische Verehrung, die ich für den Dekorateur, so wie für den Maschinisten des . . r Theaters hegte. Beide gingen von dem törigten Grundsatz aus: Dekorationen und Maschinen müßten unmerklich in die Dichtung ro eingreifen, und durch den Total-Effekt müßte dann der Gasthauer wie auf unsichtbaren Fiuigen, ganz aus dein Theater heraus in das fantastische Land der Poesie getragen werden. Sie meinten, nicht genug wäre es die zur höchsten Illusion mit tiefer Kenntnis und gereinigtem Geschmack iI angeordneten Dekorationen, die mit zauberischer dem Zuschauer unerklärbarer Kraft wirkenden ]Maschinen anzuwenden, sondern ganz vorzüglich käme es auch darauf an, alles, auch das geringste zu vermeiden, was dem beabsichtigten 'Total Effekt entgegenliefe. Nicht eine wider den s, Sinn des Dichters gestellte Dekoration, nein - oft nur ein zur Unzeit hervorguckender Baum ja, ein einziger her- vorhängender Strick zerstöre alle Täuschung. - sei gar schwer, sagten sie ferner, durch grandios gehaltene Verhältnisse, durch eine edle Einfachheit, dutch das kunstliche Berauben jedes Mediums die eingebildeten Größen der Dekoration mit wirklichen (z. B. mit den auftretenden Per sollen) zu vergleichen, und so den Trug zu entdecken, durch gänzliches Verbergen des Mechanismus der Maschinen den Zuschauer in det ihm wohltuenden 'I"äuschung zu ;o erhalten. Hätten daher selbst Dichter, die doch sonst gern in das Reich der Fantasie eingehen, gerufen: Glaubt ihr denn, daß Fure leinwandene Berge und Palläste, Eure stürzenden bemalten Bretter uns nur einen Moment täuschen können, ist :uer Platz auch noch so groß? - so habe es 3, immer an der Eingeschränktheit, der Ungeschicklichkeit ihrer malenden und bauenden Kollegen gelegen, die statt 74 FAN'rASIES'T'i1C K t: TV CALLO'I"S MANIER ihre Arbeiten im hohem poetischen Sinn aufzufassen, das Theater, sei es auch noch so groß gewesen, worauf es nicht einmal so sehr, wie man glaube, ankomme, zum erbärmlichen Guckkasten herabgewürdigt hätten. In der Tat waren auch die tiefen schauerlichen Wälder, die unabsehbaren Kolonnaden die gotischen Dorne jenes Dekorateurs von herrlicher Wirkung - man dachte gewiß nicht an Malerei und Leinwand; des Maschinisten unterirdische Donner, seine I instürze hingegen erfüllten das Gemüt mit Grausen und Entsetzen, und seine Flugwerke schwebten lüftig und duftig vorüber. - l limmel! wie hatten doch diese guten Leute, trotz ihres Weisheitkrams eine so gänzlich falsche Tendenz! - Vielleicht lassen sie, wenn sie dieses lesen soll ten, von ihren offenbar schädlichen Fantastereien ab, und kommen, so wie ich, zu einiger Vernunft. - Ich will mich nur lieber gleich an sie selbst wenden, und von der Gattung theatralisches- Darstellungen reden, in der ihre Künste am mehrsten in Anspruch genommen werden - ich meine die Oper! - Zwar habe ich es eigentlich nur mit dem Maschinisten zu tun, aber der Dekorateur kann auch sein Teil 20 daraus lernen. Also: Meine Herren! Haben Sie es nicht vielleicht schon selbst bemerkt, so will ich es Ihnen hiermit eröffnen, daß die Dichter und Musiker sich in einem höchst gefährlichen Bunde gegen das Publikum befinden. Sie haben es nämlich auf nichts geringeres abgesehen, als den Zuschauer aus der wirklichen Welt, wo es ihm doch recht gemütlich ist, hinauszutreiben, und wenn sie ihn von allem ihm sonst bekannten und 3, befreundeten gänzlich getrennt, ihn mit allen nur möglichen Empfindungen und Leidenschaften, die der Gesundheit höchst nachteilig, zu quälen. Da muß er lachen - weinen - erschrecken, sich fürchten, sich entsetzen, wie sie es nur haben wollen, kurz wie man im Spruchwort zu sagen 55 pflegt, ganz nach ihrer Pfeife tanzen. Nur zu oft gelingt ihnen ihre bisse Absicht und man hat schon oft die traurig- KRISTSLERIANA NRO. I-C> 75 Jacn Folgen ihrer feindseligen ungen gesehen. I lat doch schon mancher im Theater augenblicklich an das I intastische Zeug in der Tat geglaubt; es ist ihm nicht nmal aufgefallen, daß die Menschen nicht reden wie andere ehrliche Leute, sondern singen, und manches Mäd- rhen hat noch Nachts darauf, ja ein paar Tage hindurch alle lie Erscheinungen, welche Dichter und Musiker ordentlich liervorgezaubert hatten, nicht aus Sinn und Gedanken bringen, und kein Strick oder Stickmuster gescheut ausführen können. Wer aber soll diesem Unfug vorbeugen, wer soll bewirken, daß das Theater eine vernünftige Erholung, dab .Illes still und ruhig bleibe, dab keine psychisch und physisch ungesunde I.eidenschaft erregt werde? - wer soll das I un? Kein anderer als Sie meine Herren! Ihnen liegt die sübe Pflicht auf, zum Besten der gebildeten Menschheit gegen den Dichter und Musiker sich zu verbinden. Kämpfen Sie tapfer, der Sieg ist gewiß, Sie haben die Mittel tiberreichlich n l binden! Der erste Grundsatz, von dem Sie in allen Ihren Bemühungen ausgehen müssen, ist: Krieg dun Dich- cr und Musiker Zerstörung ihrer bösen Absicht den za Zuschauer mit Trugbildern zu umfangen und ihn aus der wirklichen Welt zu treiben. Hieraus folgt, daß in eben dem (rade als jene Personen alles nur mögliche anwenden, den Zuschauer vergessen zu lassen, daß er im Theater sei, sie dagegen durch zweckmäßige Anordnung der Dekorationen und Maschinerien ihn beständig an das Theater erinnern müssen. - Sollten Sie mich nicht schon jetzt verstehen, sollte es denn nötig sein, Ihnen noch mehr zu sagen?- Aber ich weiß es, Sie sind in ihre Fantastereien so hineingeraten, daß selbst in dem Fall, wenn Sie meinen Grundsatz fur richtig anerkennen, Sie die gewöhnlichstenMittel, welche herrlich zu dem beabsichtigten Zweck führen, nicht bei der I and haben würden. Ich muß Ihnen daher schon, wie man u sagen pflegt, was weniges auf die Sprünge hellen. Sie glauben z. B. nicht, von welcher unwiderstehlichen Wirkung oft schon eine eingeschobene fremde Kulisse ist. I :rscheint so ein Stuben- oder Saalfragment in einer düstern 55 76 FANTASIES TttCKt; IN CALLO'i" S MANIER Gruft und klagt die Prima Donna in den rührendsten 'fönen über Gefangenschaft und Kerker, so lacht ihr doch der Zuschauer ins I üustchen, denn er weih ja, der Maschinist darf nur schellen, und es ist mit dem Kerker vorbei, denn hinten steckt ja schon der freundliche Saal. Noch besser sind abet falsche Soffitten und oben herausguckende )Mittelvorhänge, indem sie der ganzen Dekoration die sogenannte Wahrheit, die aber hier eben der schändlichste Trug ist, henchtrien. 1 s gibt aber doch Fälle, wo Dichter und Musiker mit ihren höllischen Künsten die Zuschauer so zu betäuben wissen, daß sie auf alles das nicht merken, sondern ganz hingerissen wie in einer fremden Welt sich der verführerischen Lockung des Fantastischen hingeben; es findet dieses vorzüglich bei großen Szenen, vielleicht gar mit einwirkenden Chören Stan. In dieser verzweiflungsvol!en Tage gibt es ein Mittel, das immer den beabsichtigten Zweck erfüllen wird. Sie lassen denn ganz unerwartet, z. B. mitten in einem Iügül.)rcn Chor, der sich um die im Moment des höchsten Affckts begriffenem Hauptpersonen gruppiert, plötzlich einen Mittelvorhang fallen, der unter allen spielenden Personen Bestürzung verbreitet und sie auseinander treibt, so daß mehrere im I lintergrunde von den im Proszenium befindlichen total abgeschnitten werden. Ich erinnere mich in einem Ballet dieses Mittel zwar wirkungsvoll aber doch nicht ganz richtig angewandt gesehen zu haben. Die Prima Ballerina führte eben, indem der Chor der Figuranten seitwärts gruppiert war, ein schönes Solo aus; eben als sie im Hintergrunde in einer herrlichen Stellung verweilte und die Zuschauer nicht genug jauchzen und jubeln konnten, ließ der Maschinist plötzlich einen Mittelvorhang vorfallen, der- sie mit einemmal den Augen des Publikums entzog. Aber unglücklicher Weise war es eine Stube reit einer großen '1"üre in der Mitte; ehe man sichs versah, kam daher die entschlossene Tänzerin gar anmutig durch die Türe herein gehüpft und setzte ihr Solo fort, worauf denn der Miuel-vorhang zum 'Prost der Figuranten wieder aufging. Lernen Sie hieraus, daß der Mittelvorhang KREISLE'RIANA NRO. I-6 77 Leine "1 üre haben, übrigens aber mit der stehenden Deko- rat ion grell abstechen muß. In einer felsigtcn Einöde tut ein raßcnprospekt, in einem Tempel ein finsterer Wald sehr Bure Dienste. Sehr nützlich ist es auch, vorzüglich in Mo- nologen oder kunstvollen Arien, wenn eine Soffitte herun- s ierzufallen oder eine Kulisse in das Theater zu stürzen droht, oder wirklich stürzt; denn außerdem, daß die Auf- merksamkeit der Zuschauer ganz von der Situation des (;ediehts abgezogen wird, so erregt auch die Prima Donna, der der Primo Iluorno, der vielleicht eben auf dem Thea- ter war und hart beschädigt zu werden Gefahr lief, die r ißere, regere Teilnahme des Publikums und wenn beide nachher noch so falsch singen, so heißt es: Die arme Frau, der arme Mensch, das kommt von der ausgestandenen Angst und man applaudiert gewaltig! Man kann auch zur I ;rreich ring dieses Zwecks, nämlich den Zuschauer von den Personen des Gedichts ab und auf die Persönlichkeit der Schauspieler zu lenken, mit Nutzen ganze auf dem 'Theater stehende Gerüste einstürzen lassen. So erinnere ich mich, daß einmal in der Camilla der praktikable Gang und die Treppe zur unterirdischen Gruft in dem Augenblicke als eben alle zu Camilla's Rettung herbeieilenden Personen darauf befindlich waren, einstürzte. - Das war ein Rufen - ein Schreien - ein Beklagen im Publikum, und als nun endlich vom 'Theater herab verkündigt wurde: es habe Niemand bedeutenden Schaden genommen und man werde >rtspielen, mit welcher Teilnahme wurde nun der Schluß der Oper gehört, die aber, wie es auch sein sollte, nicht sieht den Personen des Stücks, sondern den in Angst und schrecken gesetzten Schauspielern galt. Dagegen ist es unrecht die Schauspieler hinter den Kulissen in Gefahr zu setzen, denn alle Wirkung fällt ja von selbst weg, wenn es nicht vor den Augen des Publikums geschieht. Die Häuser, aus deren Fenster geguckt, die Balkons, von denen herab disk uriert werden soll, müssen daher so niedrig als möglich gemacht werden, damit es keiner hohen Leiter oder keines Hohen Gerüstes zum Hinaufsteigen bedarf. Gewöhnlich '. 5 55 3; JJ rs J. 78 FANTASIliSTUCK IN CALLOT'S MANIL'R kommt der, der erst oben durch das Fenster gesprochen, dann unten zur Türe heraus, und um Ihnen meine Bereit- willigkeit zu zeigen, wie gerne ich mit allen meinen gesam- melten Kenntnissen zu Ihrem Besten herausrücke, setze ich s Ihnen die Dimensionen eines solchen praktikablen Hauses mit Fenster und Türe her, wie ich sie von dem 'Theater in "t entnommen. I löhe der 'Türe 5 Fuß, Zwischenraum bis zum Fenster %z F., Hobe des Fensters 3 F., bis zum Dache '/a R, Dach '/ F. Macht zusammen 9'A F. Wir hatten einen etwas großen Schauspieler, der durfte, wenn er den Barthold im Barbier von Sevilien spielte, nur auf eine Fußbank steigen, um aus dem Fenster zu gucken, und als einmal zufällig unten die Türe aufging, sah man die langen roten Beine und war nur besorgt, wie er es machen würde, um durch die 'Türe zu kommen. Sollte es nicht nützlich sein, den Schauspielern die praktikabeln 1-Iäuser, Türme, Burgvesten anzumessen? - F.s ist sehr unrecht, durch einen plötzlichen Donner, durch einen Schuh oder durch ein anderes plötzliches Getöse, die Zuschauer zu erschrecken. Ich erinnere mich noch recht gut I hres verdammten Donners, mein Herr Maschinist, der dumpf und furchtbar wie in tiefen Gebärgen rollte, aber was soll das? - wissen Sie denn nicht, daß ein in einen Rahmen gespanntes Kalbfell, auf dem man mit beiden Fäusten herutntrommelt, einen gar antnutigen Donner gibt? Statt die sogenannte Kanonenmaschine anzuwenden oder wirklich zu schießen, wirft man stark die Garderobentüre zu, darüber wird Niemand zu sehr erschrecken. Aber um den Zuschauer auch vor dem mindesten Schreck zu bewahren, welches zu den höchsten heiligsten Pflichten des Maschinisten gehört, ist folgendes Mittel ganz untrüglich. Fällt nämlich ein Schuß oder entsteht ein Donner, so heißt es auf dem Theater gewöhnlich: Was hir' ich! - welch Geräusch-welch Getöse! Nun muß der Maschinist allemal erst diese Worte abwarten und dann schießen oder donnern lassen. - Außerdem daß das Publikum durch jene Worte gehörig gewarnt worden, hat es auch die Bequemlichkeit, daß die 'Theaterarbeiter ruhig KRb;ISLFRIANA NRO. I-6 79 zusehen können und keines besondern Zeichens zur nötigen Operation bedürfen, sondern ihnen der Ausruf des Schauspielers oder Sängers zum Zeichen dient, und sie dann noch zu rechter Zeit die Garderobetüre zuwerfen oder mit den Fäusten das Kalbfell bearbeiten können. Der Donner gibt allemal dem Arbeiter, der als Jupiter fulgurans mit der Blechtrompete in Bereitschaft steht, das Zeichen zum Blitzen; dieser muß, da auf dem Schnürboden doch leicht sich etwas entzünden kann, unten in der Kulisse so weit vorstehen, daß das Publikum hübsch die Flamme und wo Jo möglich auch die Trompete sieht, urn nicht in unnötigem Zweifel zu bleiben, wie um Himmelswillen denn nur das Ding mit dem Blitz gemacht wird. Was ich oben vorn Schuß gesagt, gilt auch von Trompetenstößen, eintretender Musik u. s. w. Ich habe schon von Ihrem lustigen duftigen Flugwerk gesprochen, mein Herr Maschinist! -Ist es denn nun wohl recht, so viel Nachdenken, so viel Kunst anzuwenden, um dem Trug so den Schein der Wahrheit zu geben, daß der Zuschauer unwillkürlich an die himmlische Erscheinung, die im Nimbus glänzender Wolken herabschwebt glaubt? - Aber selbst Maschinisten, die von richtigeren Grundsätzen ausgehen sollen, fallen in einen anderen Fehler. Sie lassen zwar gehürig Stricke schon, aber so schwach, daß das Publikum in tausend Angst gerät, die Gottheit, der Genius etc. werden herabstürzen und Arm ,s und Beine brechen. - Der Wolkenwagen oder die XX%olke muß daher in vier recht dicken schwarz angestrichenen Stricken hängen, und Ruckweise im langsamsten Tempo heraufgezogen oder herabgelassen werden; denn so wird der Zuschauer, der die Sicherheitsanstalten auch vom entferntesten Platze deutlich sieht, und ihre Haltbarkeit gehörig beurteilen kann, über die himmlische Fahrt ganz beruhigt. Sie haben sich auf Ihre wellenschlagende schäumende Meere, auf Ihre Seen mit den optischen Wiederscheinen recht was eingebildet, und Sie glaubten gewiß einen Triumph Ihrer Kunst zu feiern, als es Ihnen gelang, Tiber die Brücke des Sees wandelnde Personen eben so vorüber- ~ 20 ;s KRT.ISLh,'.RIANA NRO. 1-6 Jas Zeichen geben und dann langsam und sicher in die \ one der unten passenden Theaterarbeiter sinken. - 1 ch ,ffe, Sie haben mich nun ganz verstanden, und werden, da i4ide Vorstellung tausendmal Gelegenheit gibt, den Kampf mit dem Dichter und Musiker zu bestehen, ganz nach der , ichtigen Tendenz und nach den von mir angeführten Bei-hielen handeln. Ihnen, mein I lerr Dekorateur! rate ich noch im Vorbei-,Then, die Kulissen nicht als ein notwendiges Übel, sondern als Hauptsache, und jede so viel möglich als ein für ,o :ich bestehendes Ganze anzusehen, auch recht viel Details darauf zu malen. In einem Straßenprospekt soll z. B. jede Kulisse ein hervorspringendes drei - oder vierstöckigtes I laus bilden; wenn denn nun die Fensterehen und 'Fürehen dur Häuser ins Proszenium so klein sind, daß man offenbar ~s -Sicht, keine der auftretenden Personen, die beinahe bis in den zweiten Stock ragen, könne darin wohnen, sondern nur ein lilliputanisches Geschlecht in diese Türen eingehn und .uas diesen Fenstern gucken, so wird durch dieses Aufheben ;Wer Illusion der große Zweck, der dem Dekorateur immer zo vorschweben muß, auf die leichteste und anmutigste Weise -rreicht. - Sollte wider alles Vermuten I hnen, meine Herren! das Prinzip, auf dem ich meine ganze Theorie des Dekorationsnnd Maschinenwesens baue, nicht eingehen, so muß ich Sie ,, nur hiemit darauf aufmerksam machen, daß schon vor mir in äußerst achtbarer würdiger Mann dieselbe in nuce vor- ctragcn. - Ich meine Niemanden anders als den guten Webermeister Zettel, der auch in der höchsttragischen 'Frapüdie: Pyramus und Thisbe, das Publikum vor jeder Angst, 3, I cn-cht etc. kurz vor jeder I? xaltation verwahrt wissen will; nur schiebt er alles das, wozu Sie hauptsächlich beitragen müssen, dem Prologus auf den Hals, der gleich sagen soll, daß clie Schwerter keinen Schaden tun, daß Pyramus nicht wirklich tot gemacht wird, und daß eigentlich Pyramus 4ç nicht Pyramus, sondern Zettel der Weber ist. - Lassen Sie sich des weisen Zettels goldne Worte ja recht zu Herzen Hr 80 FANTASIL_'STUCKE IN CAI_.i.,OT'S MANIER gehend abzuspiegeln? - Wahr ist es, das letzte hat Ihnen einige Bewunderung verschafft, indessen war doch, wie ich schon bewiesen, Ihre 'Tendenz grundfalsch! - Ein Meer ein See ein Fluß, kurz jedes Wasser wird am besten auf folgende Art dargestellt: Man nimmt zwei Bretter so lang, als das Theater breit ist, läßt sie an der obersten Seite auszacken, mit kleinen Wellchen blau und weiß bemalen und hängt sie eins hinter dem andern in Schnüren so auf, daß ihre untere Seite noch etwas den Boden berührt. Diese Bretter werden nun hin und her bewegt und das knarrende Geräusch, welches sie den Boden streifend verursachen, bedeutet das Plätschern der Wellen.-Was soll ich von Ihren schauerlichen heimlichen Mondgegenden sagen, I lerr Dekorateur, da jeden Prospekt ein geschickter Maschinist in eine Mondgegend umwandelt. Es wird nämlich in einem vicreckigten Brett ein rundes Loch ausgeschnitten, mit Papier verklebt und in den hinter demselben befindlichen rotangestrichenen Kasten cin Licht gesetzt. Diese Vorrichtung wird an zwei starken schwarz angestrichenen Schnüren herabgelassen und siehe da, es ist Mondschein! - Wäre es nicht auch ganz dem vorgesetzten Zweck gemsiß, wenn bei zu großer Rührung im Publikum der Maschinist diesen oder jenen der größten [ Ibeltäter, unwillkürlich versinken ließe, und ihm so jeden Ton, der den Zuschauet noch in höhere Extravaganz setzen könnte, mit einem .Male abschnitte?Rücksichts der Versenkungen will ich aber Sonst bemerken, daß der Schauspieler nur in jenem äußerstem Fall, wenn es nämlich darauf ankommt das Publikum zu retten, in Gefahr zu setzen ist. Sonst mob man ihn auf alle ,o nur mögliche Art schonen und erst dann die Versenkung gehen lassen, wenn er sich in gehöriger Stellung und Balance befindet. Da dieses aber nun Niemand wissen kann, als der Schauspieler selbst, so ist es unrecht das Zeichen vorn Souffleur mit der Souterrains-Glocke gehen zu lassen, 4, vielmehr mag der Schauspieler, sollen ihn unterirdische Mächte verschlingen, oder soll er als Geist verschwinden, selbst durch drei oder vier harte Fußstöße auf den Boden 82 FANTASIESTCCKE IN CALLOT'S MANIER gehen, wenn er von Schnock dem Schreiner, der einen gräulichen I,owen repräsentieren soll, folgendermaßen spricht.: »ja, ihr müßt seinen Namen nennen und sein Gesicht i muß durch des Löwen Ilals gesehen werden, und er selbst muß durchsprechen, und sich so oder ungefähr so applizieren: Gnädige brauen, oder schöne gnädige Frauen, ich wollte wünschen, oder ich wollte ersuchen, oder ich wollte gebeten haben, fürchten Sie nichts, zittern Sie nicht so; mein Leben für das Ihrige! wenn Sie dächten, ich käme hicher als ein Löwe, so dauerte mich nur meine Haut. Nein, ich bin nichts dergleichen; ich bin ein Mensch wie andre auch: - und dann laßt ihn nur seinen Namen nennen, und ihnen rund heraussagen, daß er Schnock der Schreiner ist.« Sie haben, wie ich voraussetzen darf, einigen Sinn für die &llegoric, und werden daher leicht das Medium finden, der von Zettel dem Weber ausgesprochenen Tendenz auch in Ihrer Kunst zu folgen. Die Autorität, auf die ich mich gestützt, bewahrt mich vor jedem Mißverstande, und so hoffe ich einen guten Samen gestreut zu haben, dem vielleicht ein Baum des Irkenntnisses entsprießt. S3 I V. DON )UAN Line fabclha%te Refebenheit, die sich mit einem reisenden Lnibusiasten :zugetragen I lin durchdringendes Läuten, der gellende Ruf: Das Theater fängt an! weckte mich aus dem sanften Schlaf, in den ich versunken war; Bässe brummen durcheinander ein Paukenschlag - Trompetenstöße ein klares A, von der Hoboe :rusgchaltcn Violinen stimmen ein: ich reibe mir die Au~ren. Sollte der allezeit geschäftige Satan mich im Rausche -? Nein! ich befinde noch in dem Zimmer des I Idtels, wo ich gestern Abend halb gerädert abgestiegen. Gerade Tiber meiner Nase hängt die stattliche Troddel der Klingelschnur; ich ziehe sie heftig an, der Kellner erscheint. »Aber was, um's Himmels willen, soll die konfuse Musik da neben mir bedeuten? gibt es denn ein Konzert hier im I lau sc?« »1,w. Exzellenz - (lch hatte Mittags an der'l'able d'Hôte Champagner getrunken!) I ;w. Exzellenz wissen vielleicht noch nicht, daß dieses Hôtel mit dem Theater verbunden ist. Dicse'läpetcnteir führt auf einen kleinen Korridor, von dem Sie unmittelbar in Nro. 23 treten: das ist die Fremden-loge.« »Was? - 'Theater? - Fremdenloge?« »ja, die kleine Fremdenloge zu zwei, höchstens drei z, Personen nur so für vornehme I lerren, ganz grün taper.iert, mit Gitterfenstern, dicht beim Theater! Wenn's Ew. I?xzcllcnz gefällig ist wir führen heute den Don Juan von dem berühmten Herrn Mozart aus Wien auf. Das Legegeld, cinen'l'aler acht Groschen, stellen wir in Rechnung.« Das letzte sagte er schon (lie Logentür aufdrückend, so $~ PANTASIESTUCKP: IN CA1.LO't"S MANIER rasch war ich bei dem A\forte Don J uan, durch die Tapetentür in den Korridor geschritten. Das Haus war, für den mittelmäßigen Ort, geräumig, geschmackvoll dekoriert und brillanterleuchtet. logen und Parterre waren gedrängt voll. Die ersten Akkorde der Ouvertüre überzeugten mich, daß ein ganz vortreffliches Drehester, sollten die Sänger auch nur im mindesten etwas leisten, mir den herrlichsten Genuß des Meisterwerks verschaffen würde. - In dem Andante ergriffen mich die Schauer des furchtbaren, unter irdischen regno all plant(); grauscncrregende Ahnungen des Entsetzlichen erfüllten mein Gemüt. Wie ein jauchzender Frevel klang mir die jubelnde Fanfare im siebenten 'Pakte des Allegro; ich sah aus tiefer Nacht feurige Dämonen ihre glühenden Krallen ausstrecken - nach dem Leben froher Menschen, die auf des bodenlosen Abgrunds dünner Decke lustig ranzten. Der Konflikt der menschlichen Natur mit den unbekannten, gräßlichen Mächten, die ihn, sein Verderben erlauernd, umfangen, trat klar vor meines Gen stes Augen. Endlich beruhigt sich der Sturm; der Vorhang fliegt auf. Frostig und unmutvoll in seinen Mantel gehüllt, schreitet I eporello in finstrer Nacht vor dem Pavillon einher: Notre e giorno faticar. Also italienisch? - f lier am deutschen Orte italienisch? Ah che placere! ich werde alle Rezitative, alles so hören, wie es der große Meister in zq seinem Gemüt empfing und dachte! Da stürzt Don Juan heraus; hinter ihm Donna Anna, bei dem Mantel den Frevler festhaltend. Welches Ansehn! Sie könnte hoher, schlanker gewachsen, majestätischer ins Gange sein: aber welch ein Kopf-! - Augen, aus denen Liebe, Zorn, 1laß, Vcrzweif- 3o lung, wie aus Einem Brennpunkt eine Strahlenpyramide blitzender Funken werfen, dic, wie griechisches heuer, unauslöschlich das Innerste durchbrennen! des dunklen Haares aufgelöste Flechten wallen in Wellenringeln den Nacken hinab. Das weiße Nachtkleid enthüllt verräterisch nie ge- 3y fahrlos belauschte Reize. Von der entsetzlichen Tat um-krallt, zuckt das Herz in gewaltsamen Schlägen. - Und nun welche Stimme! Non sperar se non m'uccidi. Durch den DON j $5 Sturm der instrumente leuchten, wie glühende Blitze, die .ius ätherischem Metall gegossenen Töne! - Vergebens .;Licht sich Don J uan loszureißen. - Will er es denn? \Varum ~,iüßt er nicht mit kräftiger Faust das Weib zurück, und entflieht? macht ihn die böse Tat kraftlos, oder ist es der 3 Dampf von Haß und Liebe im Innern, der ihm Mut und St irke raubt? - Der alte Papa hat seine Torheit, im Finstern ,Ien kräftigen Gegner anzufallen, mit dem Leben gebüßt; I )on Juan und Ieporello treten im rezitierenden Gespräch 5veiter vor ins Proszenium. Don Juan wickelt sich aus dem Mantel, und steht da, in rotem, gerissenen Sammet mit ,Alberner Stickerei, prächtig gekleidet. Eine kräftige, herrliche Gestalt: das Gesicht ist männlich schön; cine erhabene Nase, durchbohrende Augen, weich geformte Lippen; das .onderbare Spiel eines Stirnmuskels über den Augenbraunen bringt sekundenlang etwas vorn Mephistopheles in die l'hvsiognomic, das, ohne dem Gesicht die Schünheit zu auben, einen unwillkürlichen Schauer erregt. Es ist, als tonne er die magische Kunst der Klapperschlange üben; es ~ a, als könnten die Welber, von ihm angeblickt, nicht mehr ,trn ihm lassen, und müßten, von der unheimlichen Gewalt '(packt, selbst ihr Verderben vollenden. -Lang und dürr, in rot- und weißgestreifter Weste, kleinem roten Mantel, \\ cißem Hut tnitroret Feder, trippelt Leporello um ihn her. )ie Züge seines Gesichts mischen sich seltsam zu dem ,s \ usdruck von Gutherzigkeit, Schelmerei, Lüsternheit und onisicrender Frechheit; zum graulichen Kopf und Barr I „ ltrasticren sonderbar die schwarzen Augenbrauen. Man ne rät es, der alte Bursche verdient Don Juans helfender I nener zu sein. -Glücklich sind sie über die Mauer geflüch- ~~ i. Fackeln - Donna Anna und Don Octavio erscheinen: ln zierliches, geputztes, gelecktes Männlein, von ein und umzig Jahren höchstens. Als Anna's Bräutigam wohnte I, (la man ihn so schnell herbeirufen konnte, wahrscheinH, h irn Hause; auf den ersten härm, den er gewiß hörte, as u! ie er herbeieilen und vielleicht den Vater retten können: mußte sich aber erst putzen unch mochte überhaupt 35 SCi FA VI ASTES'r(JCKF LN CALLOT'S MANIER Nachts nicht gern sich herauswagen. »Ma quai mai s'offre, o dei, spettacolo funesto agli occhi miei!« Mehr als Verzweiflung über den grausamsten Frevel liegt in den entsetzlichen, herzzerschneidenden 'l'ünen dieses Rezitativs und Duetts. Don Juans gewaltsames Attentat, das ihni Verderben nur drohte, dem Vater aber den 'Tod gab, ist es nicht allein, was diese 'l'une der heängsteten Brust entreißt: nur ein verderblicher, tötender Kampf im Innern kann sie hervorbringen. Eben schalt die lange, hagere Donna Elvira mit sichtlichen Spuren großer, alien verblühter Schönheit den Verräter, Don Juan: Tu nido d'inganni, und der mitleidige Leporello bemerkte ganz klug: parla corne un libro stampato, als ich Jemand neben oder hinter mir zu bemerken glaubte. Leicht konnte man die Logentür leise geöffnet haben, und hineingeschlüpft sein das fuhr mir wie ein Stich durch's Herz. Ich war so glücklich, tnich allein in der Loge zu befinden, um ganz ungestört das so vollkommen dargestellte Meisterwerk mit alien I? mpfindungsfasern, wie mit zo polvpenarmen, zu umklammern und in mein Selbst hinein zuziehen! ein einziges Wort, das obendrein albern sein konnte, hätte mich auf eine schmerzhafte Weise herausgerissen aus dem herrlichen Moment der poetisch-musikalischen Exaltation! Ich beschloß, von meinem Nachbar gar 25 keine Notiz zu nehmen, sondern, ganz in die Darstellung vertieft, jedes \Vort, jeden Blick abzuschneiden. Den Kopf in die 1-land gestützt, dem Nachbar cien Rücken wendend, schauete ich hinaus. - Der Gang der Darstellung entsprach dem vortrefflichen Anfange. Die kleine, lüsterne, verliebte Zerlina tröstete mit gar lieblichen Tönen und Weisen den gut mütigenTölpel Masetto. Don Juan sprach sein inneres, zerrissenes Wesen, den Hohn aber die Menschlein um ihn her, nur aufgestellt zu seiner Lust, in ihr mättlichcs Tun und "Treiben verderbend einzugreifen, in der wilden Arie: Fin ch'han dal vino ganz unverhohlen aus. Gewaltiger als bisher zuckte hier (ler Stirnmuskel. Die Masken erschienen. Ihr Terzett ist ein Gebet, das in rein glänzenden Strah- DON JUAN $7 len zum I limmel steigt. Nun fliegt der Mittelvorhang auf. Da geht es lustig her; Becher erklingen, in fröhlichem ;ewühl wälzen sich die Bauern und allerlei Masken umher, die Don Juans Test herbeigelockt hat. - Jetzt kommen die drei zur Rache Verschwornen_ !Mies wird feierlicher, his der l'anz angeht. Zcrlina wird gerettet, und in dem gewaltig donnernden Finale tritt mutig Don Juan mit gezogenem Schwert seinen Feinden entgegen. Fr schlägt dem Bräuti- am den stählernen Galanterie-Degen aus der Hand, und bahnt sich durch das gemeine Gesindel, das er, wie der tapfere Roland die Armee des Tyrannen Cymort, durchein- ander wirft, daß alles gar possierlich Liber einander purzelt, den \Veg ins Freie. Schon oft glaubte ich dicht hinter mir einen zarten, warmen lauch gefühlt, das Knistern eines seidenen Gewandes gehört zu haben: das ließ mich wohl die Gegenwart eines Frauenzimmers ahnen, aber ganz versunken in die poetische Welt, die mir die Oper aufschloß, achtete ich nicht darauf. Jetzt, da der Vorhang gefallen war, schauete ich nach meiner Nachbarin. Nein - keine Worte drücken mein Erstaunen aus: Donna Anna, ganz in dem Kostüme, wie ich sie eben auf dem Theater gesehen, stand hinter mir, und richtete auf mich den durchdringenden Blick ihres seelenvollen Auges. - (ranz sprachlos starrte ich sie an; ihr Mund (so schien es mir,) verzog sich zu einem leisen, 29 ironischen lächeln, in dem ich mich spiegelte und meine ;tlberne Figur erblickte. Ich Fühlte die Notwendigkeit, sie anzureden, und konnte doch die, durch das Erstaunen, ja ich mochte sagen, wie durch den Schreck gelähmte Zunge nicht bewegen. Endlich, endlich fuhren mir, beinahe unwillkürlich, die Worte heraus: »Wie ist es möglich, Sie hier zu sehen?« worauf sie sogleich in dem reinsten Toskanisch erwiderte, daß, verstände und spräche ich nicht italienisch, sie das Vergnügen meiner Unterhaltung entbehren müsse, indem sie keine andere, als nur diese Sprache rede. - Wie Gesang lauteten die süßen Worte. Im Sprechen erhöhte sich der Ausdruck des dunkelblauen Auges, und jeder .20 z<. 35 88 N'ANTASIPS7'I1CKE iN CALLOT'S MANILA daraus leuchtende Blitz, goß einen Glutstrom in mein Inneres, von dem alle Pulse starker schlugen und alle Fibern crzucktcn. -Es war Donna Anna unbezweifelt Die Möglichkeit abzuwägen, wie sie auf dem Theater und in meiner s Loge habe zugleich sein können, fiel mir nicht ein. So wie der glückliche Traum das Seltsamste verbindet, und dann ein frommer Glaube das (bersinnliche versteht, und es den sogenannten natürlichen Erscheinungen des Lebens zwanglos anreiht: so geriet ich auch in der Nähe des wunderbaren Weibes in eine Art Somnambulism, in dem ich die geheimen Beziehungen erkannte, die mich so innig mit ihr verbanden, daß sie selbst bei ihrer Erscheinung auf dem Theater nicht hatte von mir weichen kunnen. Wie gern setzte ich dir, mein Theodor, jedes Wort des merkwürdigen Gesprächs her, das nun zwischen der Signora und mir begann: allein, indem ich das, was sie sagte, deutsch hinschreiben will, finde ich jedes Wort steif und matt, jede Phrase ungelenk, das auszudrücken, was sie leicht und mit Antaut Toskanisch sagte. Indem sie über den Don Juan, über ihre Rolle sprach, war es, als öffneten sich mir nun erst die Tiefen des Meisterwerks, und ich konnte hell hineinblicken und einer fremden Welt fantastische Erscheinungen deutlich erkennen. Sie sagte, ihr ganzes Leben sei Musik, und oft glaube sie manches im Innern geheimnisvoll 'Verschlossene, was keine Worte aussprächen, singend zu begreifen. » ja, ich begreife es dann wohl«, fuhr sie mit Eirennendem Auge und crhöheter Stimme fort: »aber es bleibt tot und kalt um mich, und indem man eine schwierige Roulade, eine gelungene Manier beklatscht, greifen eisige I lände in mein glühendes (lern: Aber du du verstehst mich: denn ich weiß, daß auch dir das wunderbare, romantische Reich aufgegangen, wo die himmlischen Zauber der "Töne wohnen!« »Wie, du herrliche, wundervolle Fraudu - du solltest 35 mich kennen?« »Ging nicht der zauberische Wahnsinn ewig sehnender Liebe in der Rolle der *** in deiner neuesten Oper aus DON JUAN 89 h mein Innern hervor? ich habe dich verstanden: dein .( müt hat sich im Gcsango mir aufgeschlossen! Ja, (hier 11.uulle sie meinen Vornamen) ich habe dich gesungen, so i~ deine Melodien ich sind.« - I )ie Theaterglocke läutete: eine schnelle Blässe entfärbte I hutna Anna's ungeschminktes Gesicht; sie fuhr mit der I Lind nach dem Herzen, als empfände sie einen plötzlichen hmerz, und indem sie leise sagte: Unglückliche Anna, 1J i zt kommen deine fürchterlichsten Momente war sie aus Irr I .oge verschwunden. - Der erste Akt hatte mich entzückt, aber nach dem wonIcrharen Ereignis wirkte jetzt die Musik auf eine ganz AilGeG, seltsame Weise. Es war, als ginge eine lang verhei;cue Erfüllung der schönsten "Träume aus einer andern \\ clt wirklich in das Leben ein; als würden die geheimsten \linungen der entzückten Seele in Tönen fest gebannt und müßten sich zur wunderbarsten Erkenntnis seltsamlich gei:I lren. In Donna Anna's Szene fühlte ich mich von einem •..unten, warmen Hauch, der- über mich hinwegglitt, in mmkcner Wollust erbeben; unwillkürlich schlossen sich meine Augen und ein glühender Kuß schien auf meinen Lippen zu brennen: aber der Kuß war ein, wie von ewig dürstender Sehnsucht tang ausgehaltener "Ton. Das Finale war in frevelnder Lustigkeit angegangen: Gia I. mensa è preparata!-Don Juan saß kosend zwischen zwei \Iadchcn, und lüftete einen (kork nach dem andern, um den brausenden Geistern, die hermetisch verschlossen, freie I Iurrschaft über sich zu verstatten. l,s war ein kurzes Zimmer r mir einem großen, gotischen Fenster im I lintergrunde, hitch das man in die Nacht hinaussah. Schon während 30 I.Ivira den Ungetreuen an alle Schwüre erinnert, sah man es i durch das Fenster blitzen, und hörte das dumpfe Murmeln des herannahenden Gewitters. Endlich das gewaltige l' tchen. Ilvira, die Mädchen entfliehen, und unter den entsetzlichen Akkorden der unterirdischen Geisterwelt, 35 tilt der gewaltige Marmorkoloß, gegen den Don Juan IOOggmäisch da steht, ein. Der Boden erhebt unter des Riesen 20 s~ )O FANTASIES] UCKF. IN CALLOT'S 1IANrt3R donnerndem Fußtritt. Don Juan ruft durch den Sturm, durch den Donner, durch das Geheul der Dämonen, sein fürchterliches: No! die Stundc. des Lntergangs ist da. Die Statue verschwindet, dicker Qualm erfüllt das Zimmer, aus ihm entwickeln sich fürchterliche Larven. In Qualen der I lulle windet sich Don Juan, den man dann und wann unter den Dämonen erblickt. Fine Explosion, wie, wenn tausend Blitze einschlügen -: Don .Juan, die Dämonen, sind verschwunden, man weiß nicht wic! Leporello liegt ohnmäch- ,o tiginderFckedesZimmers. - Wiewohltätigwirktnundie l rscheinung der übrigen Personen, die den Juan, der von unterirdischen Mächten irdischer Rache entzogen, verge-hens suchen. 1s ist, als wäre man nun erst dem furchtbaren Kreise der höllischen Geister entronnen. - Donna Anna ,5 erschien ganz verändert: eine Totenblässe überzog ihr Ge sicht, das Auge war erloschen, die Stimme zitternd und ungleich: aber eben dadurch, in dem kleinen Duett mit dem süßen Bräutigam, der nun, nachdem ihn der Himmel des gefährlichen Rächer-Amts glücklich überhoben hat, gleich Hochzeit machen will, von herzzerreißender Wirkung. Der fugierte Chor hatte das Werk herrlich zu einem Ganzen gerundet, und ich eilte, in der exaltiertesten Stimmung, in der ich mich je befunden, in mein Zimmer. Der Kellner rief mich zur Table d'Hôte und ich folgte ihm mechanisch. Die Gesellschaft war, der Messe wegen, glänzend, und die heutige Darstellung des Don Juan der Gegenstand des Gesprächs. Matt pries im Allgemeinen die Italiener, und das Eingreifende ihres Spiels: doch zeigten kleine Bemerkungen, die hier und da ganz schalkhaft hin- geworfen wurden, daß wohl keiner die tiefere Bedeutung der Oper aller Opern auch nur ahnete. - Don Ottavio hatte sehr gefallen. Donna Anna war Einem zu leidenschaftlich gewesen. Matt müsse, meinte er, auf dem 'Theater sich hübsch mäßigen und das zu sehr Angreifende vermeiden. 35 Die krzählung des Überfalls habe ihn ordentlich konsterniert. hier nahm er eine Prise Tabak und schaute ganz unbeschreiblich dumntklug seinen Nachbar an, welcher DON JUAN ~)1 behauptete: Die Italienerin sei aber übrigens eine recht chöne Frau, nur zu wenig besorgt um Kleidung und Putz; Ken in jener Szene sei ihr eine Haarlocke aufgegangen, und Iutbe das Demi Profil des Gesichts beschattet! Jetzt fing ein Anderer ganz leise zu intonieren an: Fin ch'han dal vino - worauf eine Dame bemerkte: am wenigsten sei sie mit dem I )on Juan zufrieden: der Italiener sei viel zu finster, viel zu ernst gewesen, und habe überhaupt den frivolen, luftigen (:harakter nicht leicht genug genommen. Die letzte Explosionwurciesehrgerühmt. - Des Gewäsches satt eilte ich ~o in mein Zimmer. In der I'remdenloge NVro. 23. bIs war mir so eng, so schwül in dem dumpfen Gemach! Um Mitternacht glaubte ich Deine Stimme zu hören, mein Theodor! Du sprachst deutlich meinen Namen aus, und es Schien an der Tapetentüre zu rauschen. Was hält mich ab, den Ort meines wunderbaren Abenteuers noch einmal zu betreten? - Vielleicht sehe ich dich und sie, die inein ganzes Wesen erfüllt! Wie leicht ist es, den kleinen Tisch hinein zu tragen - zwei Lichter - Schreibzeug! Der 20 h ellner sucht mich mit dem bestellten Punsch; er findet das Zimmerleer; die Tapetentür offen: er folgt mir in die Loge, und sieht mich mit zweifelndem Blick an. Auf meinen Wink setzt er das Getränk auf den 'Tisch und entfernt sich, mit einer Frage auf der Zunge noch einmal sich nach mir z5 umschauend. Ich lehne mich, ihm den Rücken wendend, über der Loge Rand, und sehe in das verödete Haus, dessen ,Architektur, von meinen beiden Lichtern magisch beleuch- tet, in wunderlichen Reflexen fremd und feenhaft hervor- springt. Den Vorhang bewegt die, das Ilaus durchschnei- dende Zugluft. Wie wenn er hinaufwallte? wenn Donna :Anna, geängstet von gräßlichen Larven, erschiene? - I)onna Anna! rufe ich unwillkürlich: der Ruf verhallt in dem ocien Raum, aber die Geister der Instrumente im Orchester werden wach ein wunderbarer Ton zittert herauf; es ist als säusle in ihm der geliebte Name fort! - 33 DON TUA 93 wand. Aber das ist die entsetzliche Folge des Sündenfalls, daß der Feind die Macht behielt, dem Menschen aufzulauern, und ihm selbst in dem Streben nach dem Höchsten, worin er seine güttliche Natur ausspricht, böse Fallstricke zu legen. Dieser Konflikt der göttlichen und der dämoni- 5 sehen Kräfte erzeugt den Begriff des irdischen, so wie der erfochtene Sieg den Begriff des überirdischen Lebens. I)en Juan begeisterten die Ansprüche auf das Leben, die <<< >>>