Griechische Denker
Eine Geschichte
der antiken Philosophie
von
Theodor Gomperz

Erster Band
Erstes Kapitel

Die alt-jonischen Naturphilosophen.

Dem gedeihlichen Aufschwung der Spekulation mußte der Erwerb von Einzelkenntnissen vorangehen. Hier war den Hellenen das Los lachender Erben zugefallen. Wenn der Chaldäer am kristallklaren Himmel Mesopotamiens den Lauf der Gestirne beobachtete, wenn der Ägypter das von den Fluten des Nilstroms zugleich verwüstete und befruchtete Ackerland vermaß, um die Höhe der darauf entfallenden Steuerleistung festzustellen, wenn jener den Verfinsterungen der großen Himmelskörper das Erfahrungsgesetz ihrer Wiederkehr abfragte, dieser zum Behuf der Feldvermessung eine die Anfänge der Geometrie in sich schließende Reißkunst schuf¹ - so stand der eine wie der andere, ohne es zu wissen und zu wollen, im Dienste griechischer Wissenschaft. Und hier ist wieder einer und vielleicht der höchsten Schicksalsgunst zu gedenken, welche dem hellenischen Volke zuteil ward. Die ersten Schritte auf der Bahn wissenschaftlicher Forschung sind, soweit geschichtliche Kunde reicht, nirgend anderswo getan worden, als wo ein organisierter Priester- und Gelehrtenstand die hierzu erforderliche Muße mit der ebenso unentbehrlichen Stetigkeit der Überlieferung vereinigt hat. Allein eben dort sind die ersten Schritte gar häufig die letzten geblieben, weil die also gewonnenen wissenschaftlichen Lehren durch ihre Verquickung mit religiösen Satzungen nur allzuleicht gleich diesen zu leblosen Dogmen erstarren. Das Gängelband, dessen das Kind nicht erraten kann, wird zu einer die Bewegung des Mannes drückenden und hemmenden Fessel. Da war es denn für den unbehinderten geistigen Fortschritt des Griechenvolkes ein gleich segensreicher Glücksfall, daß seine Kulturvorgänger eine organisierte Priesterschaft besaßen, und daß ihm selbst eine solche stets gefehlt hat. So war der künftige Träger der wissenschaftlichen Entwickelung der Menschheit zugleich im Besitz der Vorteile und befreit von den Nachteilen, welche das Dasein eines gelehrten Priesterstandes in seinem Gefolge hat. Auf die Vorarbeit von Ägyptern und Babyloniern gestützt, konnte der griechische Genius einen von jedem Hemmnis freien Aufschwung nehmen und einen Flug wagen, der ihn zu den höchsten Zielen tragen sollte. Das Verhältnis, welches zwischen dem Schöpfer der eigentlichen verallgemeinernden Wissenschaft und seinen zwei

38 Das Stoffproblem

Kulturvorfahren bestand, die ihm den hierzu nötigen Rohstoff lieferten und vorbereiteten, darf uns den Vers Goethes ins Gedächtnis rufen: "Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten."

Der Zuwachs an Naturerkenntnis und -beherrschung, welcher den Griechen in diesen Jahrhunderten zuteil ward, erzeugte eine zwiefache Reihe von Wirkungen. Auf religiösem Gebiete ward die Auffassung des Weltalls als eines Tummelplatzes zahlloser launenhafter und sich wechselweise durchkreuzender Willensvorgänge mehr und mehr unterwühlt; die Unterordnung der vielen Einzelgötter unter den beherrschenden Willen eines obersten Lenkers der Geschicke ward in diesem Bereiche der Ausdruck stetig wachsender Einsicht in die Gesetzmäßigkeit des Naturlaufs. Der Polytheismus neigte mehr und mehr dem Monotheismus zu - eine Wandlung, deren einzelne Phasen uns späterhin beschäftigen sollen. Die genauere Kenntnis und die vertiefte Beobachtung der Naturprozesse regte aber gleichzeitig zu Spekulationen über die Beschaffenheit der stofflichen Faktoren an; die Welt der Götter, der Geister und Dämonen fesselte nicht mehr ausschließlich das Auge des Naturerklärers. Die Kosmogonie begann sich von der Theogonie loszuringen. Das Stoffproblem trat in den Vordergrund der Betrachtung. Gibt es so viele ihrem Wesen nach grundverschiedene Stoffe, als die sinnlichen Verschiedenheiten der Dinge uns glauben machen wollen? Oder ist es möglich, diese unendliche Vielheit auf eine kleinere, vielleicht eine sehr kleine Zahl, wenn nicht gar auf eine Einheit zurückzuführen? Sollte die Pflanze, die ihre Nahrung aus Erde, Luft und Wasser zieht und selbst wieder dem Tier zur Nahrung dient, während tierische Auswurfstoffe wiederum die Pflanze ernähren helfen, die schließlich gleich dem Tierleib in jene erstgenannten Stoffe zerfällt - sollten diese im steten Kreislauf befindlichen Wesen einander wirklich innerlich fremd und nicht vielmehr bloße Umgestaltungen ursprünglich gleichartiger Stoffe oder gar eines Stoffes sein? Ist die Welt aus einem solchen und nicht aus dem bloßen Leeren, dem Chaos oder Nichts hervorgegangen und kehrt sie wieder in ihn zurück? Läßt sich für die Reihenfolge dieser Form Wandlungen eine allgemeingültige Norm erkennen und feststellen? Von dieser Art waren die Fragen, welche jetzt die tiefer denkenden, mit den Anfängen positiver Wissenschaft vertrauten Geister zu beschäftigen begannen. Ein Keim derartiger Spekulationen ist freilich selbst den homerischen Gedichten nicht völlig fremd. Man denke an jene Stellen, in welchen Wasser und Erde als die Bestandteile bezeichnet werden, in welche der Menschenleib sich auflöst, und noch mehr an jene, die den Okeanos den Urquell aller Dinge oder eben diesen

39 Grund- oder Urstoffe

mit der ihm zugesellten Wassergöttin Tethys das Elternpaar nennen, welchem alle Götter entsprungen sind¹ Hier berühren sich die Nachklänge des uranfänglichen Fetischismus mit den Vorläufern der positiven Naturwissenschaft. Allein nicht nur ward jenen Vorstellungen jetzt jede mythische Hülle abgestreift, sie selbst wurden mit unerbittlicher Folgerichtigkeit weiter- und bis zu ihren letzten Konsequenzen fortgebildet. Zwei Hauptgedanken der modernen Chemie treten in Sicht, bedeutsam an sich, doppelt bedeutsam in ihrer Vereinigung: das Dasein von Grundstoffen und die Unzerstörbarkeit des Stoffes. Zum Glauben an die letztere führte eine doppelte Reihe von Erwägungen. Konnte der Stoff, wie der Kreislauf des organischen Lebens dies zeigte, aus so mannigfachen Wandlungen unversehrt hervorgehen, wie nahe lag da der Gedanke, daß er überhaupt unverwüstlich und seine Vernichtung stets nur eine scheinbare sei! Andererseits wies die geschärfte Beobachtung auch bei solchen Prozessen, die einer eigentlichen Vernichtung am meisten zu gleichen schienen, wie bei dem Auftrocknen erhitzten Wassers oder bei dem Verbrennen fester Körper, Reste und Rückstände in der Gestalt von Wasserdunst, von Rauch und Asche auf, welche die Vermutung aufkommen ließen, daß eine eigentliche Zerstörung, eine Verwandlung des Stoffes in Nichts auch in diesen Fällen nicht statthabe. Begegnet uns hier eine geniale Vorwegnahme moderner Lehren, deren volle Wahrheit erst die großen Chemiker des achtzehnten Jahrhunderts, allen voran Lavoisier, mit der Wage in der Hand erhärtet haben, so überflog an einem anderen Punkte die Spekulation der jonischen "Physiologen" die Ergebnisse der heutigen Wissenschaft. Ihr kühner Gedankenflug machte nicht bei der Annahme einer Vielzahl unzerstörbarer Grundstoffe Halt; er kam erst bei der Vorstellung zur Ruhe, daß alle stoffliche Vielheit aus einem einzigen Grund- oder Urstoffe hervorgehe. Hier war - so darf man füglich sagen - die Unerfahrenheit die Mutter der Weisheit. Der einmal geweckte Drang nach Vereinfachung glich einem in Bewegung geratenen Steine, der unaufhaltsam fortrollt, bis er auf ein Hindernis trifft. Er schritt von der endlosen Fülle zur begrenzten Mehrzahl, von dieser zur Einzahl vor; er ward auf seinem Wege nicht durch unbequeme Tatsachen gehemmt, die ihm Schranken setzen und ein gebieterisches Halt Zurufen konnten. Und so war der ungestüme Kindersinn jener Frühzeit zu einer Einsicht gelangt, die jetzt wieder nach Überwindung zahlloser Schwierigkeiten der gereiften und geläuterten Wissenschaft aufzudämmern beginnt. Hegen doch die vorgeschrittensten unter den Naturforschern unserer Tage wieder den Glauben, daß jene siebenzig und etliche Elemente, welche die heutige Chemie tatsächlich kennt, nicht die endgültigen

40 Thales von Milet

Ergebnisse der Scheidekunst, sondern nur zeitweilige Haltepunkte auf dem Wege der fortschreitenden Zerlegung der Stoffwelt darstellen¹.


2. Als der "Ahnherr" dieser ganzen Richtung wird Thales von Milet genannt². Dieser außerordentliche Mann war das Produkt einer Rassenkreuzung; griechisches, karisches und phönizisches Blut floß in seinen Adern. Ihm war demgemäß die volle Vielseitigkeit des jonischen Wesens eigen, und das Bild, das die Überlieferung von ihm entwirft, schillert in den verschiedenartigsten Farben. Bald gilt er ihr als der Typus des weltfremden, ganz in seine Forschung versunkenen Weisen, der in einen Brunnen stürzt, während er die Sterne des Himmels betrachtet; ein andermal läßt sie ihn seine Kenntnisse zu Zwecken persönlichen Gewinns verwerten; wieder ein andermal seinen Volksgenossen, den kleinasiatischen Joniern, einen erstaunlich staatsklugen und weitschauenden Rat erteilen, der auf nichts Geringeres abzielt, als auf die Schaffung einer den Griechen jener Zeit völlig unbekannten Einrichtung, nämlich eines ganz eigentlichen Bundesstaates. Er war ohne Zweifel zugleich Kaufmann, Staatsmann, Ingenieur, Mathematiker und Astronom. Seine reiche Bildung hatte er auf weiten Reisen erworben, die ihn nach Ägypten geführt haben, wo er auch dem Problem der Nilschwelle sein Nachdenken widmete. Die schwerfällige, stets nur auf die Lösung einzelner Probleme gerichtete Reißkunst der Ägypter hat er zuerst zur deduktiven, auf allgemeinen Sätzen beruhenden eigentlichen Geometrie erhoben. Einige der elementarsten Theoreme dieser Wissenschaft tragen noch heute seinen Namen. Nicht unglaubhaft klingt die Nachricht, daß er seinen ägyptischen Lehrmeistern die von ihnen vergeblich gesuchte Methode an die Hand gab, die Höhe der himmelragenden Wunderwerke ihrer Heimat, der Pyramiden, zu messen. Er wies sie darauf hin, daß zu jener Tageszeit, zu welcher der Schatten eines Menschen oder eines anderen leicht meßbaren Gegenstandes seiner wirklichen Größe gleichkommt, auch der Schatten der Pyramiden nicht länger und nicht kürzer sein kann als deren wirkliche Höhe. Der babylonischen Wissenschaft (mit deren Elementen er in Sardes vertraut werden mochte)³ entlehnte er das Gesetz der periodischen Wiederkehr der Verfinsterungen, welches ihn in den Stand setzte, die totale Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 zum höchsten Erstaunen seiner Landsleute vorherzusagen. Denn unmöglich kann er, dessen Vorstellung von der Gestalt der Erde noch eine kindlich naive war - hielt er sie doch für eine flache Scheibe, die auf Wasser ruht - , solch eine Einsicht auf theoretischem Wege gewonnen haben⁴. Auch seine

41 Fortbildung der Urstofflehre

Witterungsprognosen, die er geschäftlichen Zwecken dienstbar machte und die es ihm ermöglichten, eine ungewöhnlich reiche Olivenernte vorherzusehen und durch die Pachtung zahlreicher Ölpressen zu seinem Vorteil auszubeuten, stammen wahrscheinlich aus derselben Quelle¹. Die astronomischen Kenntnisse, die er erwarb, kamen der Schiffahrt seiner Heimat zugute, deren Bürger damals Seefahrt und Handel in weiterem Umfange als alle anderen Griechen betrieben. Er verwies sie auf den kleinen Bären, als das Sternbild, welches den reinen Norden am genauesten bezeichnet. Ob er Bücher geschrieben hat, steht dahin; schwerlich hat er seine Lehre vom Urstoff auf diesem Wege bekanntgemacht. Denn Aristoteles kennt sie zwar, nicht aber ihre Begründung, und spricht von dieser im Ton unsicheren Mutmaßens². Weil die Nahrung von Pflanzen und Tieren feucht sei und somit auch die Lebenswärme dem Feuchten entspringe, und ferner weil auch der pflanzliche und tierische Same diese Beschaffenheit habe - darum, so meint Aristoteles, dürfte Thales das Wasser, als das Prinzip alles Feuchten, für den Urstoff erklärt haben³. Ob diese Erwägungen ihn in Wahrheit beeinflußt haben, oder ob und inwieweit er von älteren Spekulationen, einheimischen wie fremden, abhängig war, ist uns zurzeit mindestens ebeso unklar wie sein Verhältnis zu den göttlichen Dingen⁴.

Die Urstofflehre erlaubte und forderte eine dreifache Fortbildung. Die Stelle, welche Thales dem Wasser in der Stufenreihe der Stoffe anwies, konnte nicht unangefochten bleiben. Es konnte nicht fehlen, daß auch anderen der weitverbreitetsten wirklichen oder vermeintlichen Stoffe, zumal dem flüchtigsten und dem gewaltigsten derselben (der Luft und dem Feuer) Anwälte erstanden, welche den dem flüssigen Element zuerkannten Vorrang bestritten. Ferner mußte sich dem Tiefblick eines genialen Geistes der Gedanke aufdrängen, daß die uranfängliche Form des Stoffes eher hinter und jenseits der gegenwärtig wahrnehmbaren Artungen desselben als im Kreise dieser selbst zu suchen sei. Endlich war in der Urstofftheorie ein Keim von Skepsis enthalten, der früher oder später seine volle Entfaltung finden mußte. Denn wenn die Lehre für Thales vielleicht noch nicht mehr besagte, als daß alle Dinge aus dem Urwasser hervorgehen und wieder in dasselbe zurückkehren, so mußte sie doch unfehlbar allmählich die Bedeutung gewinnen, daß nur die Urform des Stoffes die wahre und wirkliche, alle anderen aber bloße täuschende Sinnenbilder seien. Und sobald man einmal annahm, daß z. B. Eisen oder Holz in Wahrheit nicht dies, sondern Wasser oder Luft seien, wie sollte der also geweckte Zweifel an der Gültigkeit des Sinnenzeugnisses an dieser Stelle haltmachen?

42 Anaximandros von Milet

3. Den zweiten dieser Gedankenwege hat Anaximandros (geb. 610) betreten¹. Der Sohn des Praxiades, ein Milesier gleich Thales und diesem wahrscheinlich als Freund und Jünger nahestehend, kann als der eigentliche Schöpfer der griechischen und somit der abendländischen Naturwissenschaft gelten. Er zuerst hat den Versuch gewagt, den ungeheuren Fragen nach der Entstehung des Weltalls, der Erde und seiner Bewohner auf wissenschaftlichem Wege nahezutreten. Gewaltig war in ihm der Sinn für Identität, die Fähigkeit, tiefverborgene Analogien zu erkennen, und mächtig das Bestreben, aus dem Augen- und Sinnfälligen das der Wahrnehmung Entrückte zu erschließen. So kindlich manche seiner tappenden und tastenden Versuche sind, so ehrfurchtgebietend steht er vor uns da als ein Bahnbrecher und Pfadfinder, dessen Gedankengänge wir leider vielfach nur aus dürftigen und abgerissenen, zum Teil auch widerspruchsvollen Berichten zu folgern vermögen. Seine Schrift: "Über die Natur" - die erste bereits in Prosa abgefaßte Darlegung wissenschaftlicher Lehren, welche die griechische Literatur besaß und, ach, nur allzufrüh verlor - war die reife Frucht eines von tiefem Nachdenken erfüllten, zum Teil auch den Staatsgeschäften gewidmeten Lebens. Erst kurz vor seinem Tode, im Alter von dreiundsechzig Jahren (547) entschloß er sich zur Veröffentlichung jenes Werkes, aus welchem nur wenige Zeilen und kein einziger abgeschlossener Satz auf uns gekommen sind. Mannigfach und im höchsten Grade verdienstvoll waren die Vorarbeiten, die er durch jene letzte Leistung gekrönt hat. Er zuerst hat den Griechen eine Erdtafel und eine Himmelskugel geschenkt. Mit der Anfertigung der ersteren zog er, dessen Name nicht unter jenen der Forschungsreisenden glänzt, die Summe aus all den Nachrichten, welche in seiner jonischen Heimat, dem Ausgangspunkt zahlreicher, bis an die Grenzen der damals bekannten Welt reichender Land- und Seefahrten, in größerer Fülle als in jedem anderen Teile Griechenlands zusammenströmten. Landkarten wurden auch im alten Ägypten angefertigt, aber sie beschränkten sich auf die graphische Wiedergabe einzelner Bezirke²; der umfassende Gedanke einer Erdkarte war den Bewohnern des Niltals fremd geblieben, gleichwie es ihnen, die weder weite Seereisen unternahmen noch entlegene Pflanzstädte besaßen, an dem hierzu erforderlichen Material gebrach. Als ein charakteristischer Zug der anaximandrischen Erdtafel wird uns die Annahme eines rings von Land umschlossenen Meerbeckens und eines wieder das Land umgürtenden äußeren Meeres genannt. Von Hilfsmitteln der mathematisch-geographischen und der astronomischen Forschung hat der Vater der wissenschaftlichen Erdkunde ohne Zweifel den von den Babyloniern

43 Himmelslehre des Anaximander

erfundenen Gnomon ("Weiser‘‘) gekannt - einen Stift, der auf einer horizontalen Unterlage ruht, und dessen zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten wechselnde Schattenlänge und -richtung zur Bestimmung des wahren Mittags jeder beliebigen Örtlichkeit, desgleichen zur Ermittelung der vier Kardinalpunkte und der beiden Sonnensolstitien ausreicht. Solch einen Gnomon soll unser Melesier nach der Überlieferung, die freilich einmal seinen, ein andermal den Namen seines Nachfolgers Anaximenes nennt, zu Sparta aufgestellt haben¹. Als Urheber neuer mathematischer Sätze kennt ihn die Geschichte der Wissenschaft nicht, während ihm allerdings eine zusammenfassende Darstellung geometrischer Lehren zugeschrieben wird. Jedenfalls fehlte es ihm nicht an mathematischer Schulung, wie dies seine - für uns freilich zurzeit nicht völlig sicher verständlichen - Angaben über die Größe der Himmelskörper beweisen². Als Astronom hat Anaximander zuerst mit den kindlichen Vorstellungen der Urzeit nahezu vollständig gebrochen. Die Erde gilt ihm zwar noch nicht als Kugel, aber ebensowenig als flache, auf einer Unterlage ruhende und von dem Himmelsgewölbe wie von einer Glocke bedeckte Scheibe. Die Sonne ließ er nicht mehr allabendlich in den die Erde umkreisenden Okeanos versinken und auf diesem Wege vom Westen zum Osten gelangen. Sollte eine stetige und regelmäßige Bewegung die Tatsache erklären, daß die Sonne und die übrigen Gestirne am Osthimmel auftauchen, nachdem sie am Westhimmel untergegangen waren, so blieb nichts übrig, als sie unterhalb der Erde die Kreisbewegung fortsetzen zu lassen, welche sie oberhalb des Horizontes vor unseren Augen vollziehen. Unterstützt ward diese Annahme durch die Wahrnehmung, daß die dem Pol benachbarten Sternbilder niemals untergehen, sondern eine Kreisbewegung beschreiben. Somit mußte die himmlische Halbkugel, die wir sehen, in Wahrheit die Hälfte einer vollständigen Kugel ausmachen. Dem Himmelszelt, das sich über unseren Häuptern wölbt, ward ein zweites unter unseren Füßen gegenübergestellt. Der Erde ward die in endlose Tiefen reichende Unterlage, auf der sie hatte ruhen sollen, geraubt; sie mußte frei im Raume schweben. Statt als flache Scheibe wurde sie als ein Säulenstück oder ein Zylinder gedacht, der nur dann ein sicheres Gleichgewicht besitzen konnte, wenn der Durchmesser seiner Grundfläche beträchtlich größer war als seine Höhe. Das Verhältnis von 3 : 1 war eine diesem Zweck entsprechende Annahme, welche sich dem alten Denker wahrscheinlich durch ihre Einfachheit empfahl. Den Schwebezustand der tamburinförmigen Erde aber suchte er durch ein gar wundersam klingendes Räsonnement zu begründen: es sei der gleiche Abstand des Erdkörpers von allen Teilen der Himmelskugel,

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der ihr ruhiges Beharren bewirke. Darin liegt einerseits, daß die Schwere für ihn nicht mit einem Zuge nach unten identisch sein konnte. Andererseits läßt die Form des Schlusses unseren Milesier als den ersten Vorläufer jener Metaphysiker erscheinen, welche das Gesetz der Trägheit statt auf Erfahrung lieber auf aprioristische Gründe zu stützen vorzogen. "Ein ruhender Körper" - so sagt man - "kann nicht in Bewegung geraten, wenn nicht irgendeine äußere Ursache auf ihn einwirkt; denn wenn er es täte, so müßte er sich entweder nach oben oder nach unten, nach vorn oder nach rückwärts usw. bewegen¹." Da aber kein Grund vorhanden sei, warum er das eine eher als das andere tun sollte, so könne er sich überhaupt nicht bewegen. So hat denn auch schon Aristoteles, der jenes Argument des alten Denkers zugleich geistreich und irrig nennt, die ruhende Erde des Anaximander mit einem Hungernden verglichen, der verderben müsse, weil er keinen Grund habe, eher nach den rechts als nach den links, nach den vor ihm als nach den hinter ihm in gleicher Entfernung liegenden Speisen zu langen. Doch nunmehr tut es not, den anaximandrischen Versuch einer Kosmogonie ins Auge zu fassen.

Wir haben bereits anläßlich der hesiodischen Theogonie die uralte Lehre von einem anfänglichen chaotischen Zustand des Weltganzen kennengelernt. Dort ward darauf hingewiesen, daß die Vorstellung eines Chaos durch die grenzenlose Erweiterung der Leere zustande kam, die zwischen Himmel und Erde gähnt. Zugleich mußten wir bemerken, daß jene primitiven Denker hierbei von den drei Dimensionen des Raumes nur eine, die Höhe oder Tiefe, ins Auge faßten, unbekümmert darum, welche Bewandtnis es mit der Länge und Breite habe. Konsequent fortgebildet mußte derselbe Gedanke an die Stelle eines klaffenden Spalts den nach allen Richtungen unbegrenzten Raum setzen, und diesen, von Stoff erfüllt, stellte Anaximander in Wahrheit an den Anfang alles Werdens. Welcher aber war dieser schrankenlos ausgedehnte Urstoff? Keiner - so könnten wir antworten - von den Stoffen, die wir kennen². Denn diese, die unablässig ineinander über- und wieder auseinander hervorgehen, erschienen ihm als gewissermaßen gleichwertige und gleichberechtigte Faktoren, wenigstens insoweit, daß keiner von ihnen die Stelle eines Urahns oder Erzeugers aller übrigen beanspruchen konnte. Das Urwasser des Thales vor allem erwies sich als völlig ungeeignet, diese Rolle zu spielen. Setzt sein Dasein doch bereits Wärme, d. h. nach der Denkweise jenes Zeitalters Wärmestoff oder Feuer voraus. Denn Festes wird in Flüssiges durch Schmelzung verwandelt, d. h. durch Erhitzung oder durch Zufuhr von Feuerstoff. Auch das Luftartige,

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der Wasserdunst z. B., wird durch die Einwirkung des Feuers auf das Flüssige erzeugt. Somit konnte an der Spitze aller Einzelbildungen nur das Feste und das Feurige zu stehen scheinen. Der zwischen ihnen obwaltende Gegensatz aber ließ sie als ein Paar gelten, dessen einander wechselseitig ergänzende Glieder gleichzeitig ins Dasein treten sollten. So ließ denn Anaximander in der Tat diese als "das Kalte" und "das Warme" durch eine "Aussonderung" aus der anfänglichen, alle stofflichen Besonderheiten in sich fassenden Urmaterie hervorgehen. Wie er aber des weiteren die endlose Fülle der Einzelstoffe entstanden dachte, ist uns unbekannt. Doch darf man vermuten, daß eine fortschreitende "Aussonderung" aus den Grundformen der Materie den soeben geschilderten Vorgang fortzusetzen bestimmt war¹. Doch dem sei, wie ihm wolle: jedenfalls lagerten sich die von einer Wirbelbewegung ergriffenen Stoffe in dem Verhältnis ihrer Schwere und Dichte um- und übereinander. Den innersten Kern bildete die Erde, ihre Oberfläche war von Wasser bedeckt, dieses umgab eine Luftschicht, und diese wieder ward, wie "der Baum von der Rinde", von einem Feuerkreis umschlossen². Hier drängte sich dem systematischen Geist des Milesiers ein zwiefaches Problem auf. Die Erde macht noch heute den Kern dieses Baues, die Luft seine äußere Umhüllung aus. Das Wasser aber bildet nicht mehr eine gleichmäßige Decke der Erde, das Feuer ist nur mehr an einzelnen, wenn auch zahlreichen Punkten des Himmels sichtbar. Woher stammt - so fragte er sich - diese Störung der vorausgesetzten gleichmäßigen Urausteilung der Stoffe? Er beantwortete die Frage wie folgt. Das gegenwärtig vorhandene Meer ist nur mehr ein Rest der ursprünglichen Wasserdecke; die durch die Sonnenwärme bewirkte Verdunstung hat im Laufe der Zeit den Umfang des Meeres eingeschränkt. Eine Stütze dieser Annahme lieferten geologische Beobachtungen, die ein Zurückweichen der See an vielen Punkten des mittelländischen Beckens in der Tat erkennen ließen³. Mochte es die Wahrnehmung von Deltabildungen, mochte es die Auffindung von Seemuscheln auf trockenem Lande sein: Anaximander zog jedenfalls aus derartigen Vorkommnissen die weittragendsten, seine Lehre stützenden Schlüsse. Der Feuerkreis aber sollte einst, wohl im Fortgang jener Wirbelbewegung, geborsten sein. Dieselbe Kraft riß nach seiner Meinung auch Luftmassen mit sich fort, die hierdurch verdichtet wurden und die Feuermassen umschlossen⁴. Die also entstandenen, Feuer bergenden Lufthülsen dachte er sich in Gestalt von Rädern. An diesen waren der Mündung eines Blasebalgs ähnliche Öffnungen angebracht, aus welchen fortwährend Feuer hervorströmt. Wie gelangte er zu dieser Vorstellung? Die Antwort darf wohl also lauten: Sonne, Mond und

46 Entstehung organischer Wesen

Sterne kreisen um die Erde; Feuermassen aber, die im Weltraum regelmäßig umlaufen, entsprachen keiner bekannten Analogie, während die Umdrehung von Rädern eine Sache alltäglicher Wahrnehmung war. Hierdurch traten konkrete Gegenstände an die Stelle abstrakter Bahnen, und das fragliche Problem ward ungemein vereinfacht. Solange die Räder bestanden und der ihnen erteilte Bewegungsanstoß dauerte, war der Umlauf der Gestirne gesichert. Die Verfinsterungen der großen Himmelskörper endlich erklärte er durch Verstopfungen, welche die Mündungen des Mond- und des Sonnenrades gelegentlich erleiden.

Auch das Rätsel der organischen Schöpfung hat den auskunftreichen Geist des Milesiers beschäftigt¹. Die ersten Tiere sollen aus dem Meeresschlamm entstanden sein - wohl hauptsächlich darum, weil der Tierleib aus festen und flüssigen Bestandteilen zusammengesetzt ist, weshalb schon im homerischen Zeitalter, wie wir sahen, Wasser und Erde als seine Elemente gegolten haben. Doch mag auch der Reichtum der See an Lebewesen aller Art, desgleichen die Auffindung der Überreste vorweltlicher Seetiere diese Annahme begünstigt haben. Ferner hat Anaximander jenen Urtieren stachelige Rinden geliehen, welche sie bei dem Übergange von der See zum Lande abwarfen - eine Hypothese, auf welche ihn die Metamorphose, die manche Insektenlarven erleiden, geführt haben mag. Es ist kaum zweifelhaft, daß er in den Nachkommen jener Wassertiere die Vorfahren der Landtiere erblickt hat, und ihm somit eine Ahnung der modernen Deszendenztheorie nicht völlig fremd war. Genauer hat er sich über den Ursprung des Menschengeschlechtes ausgesprochen. Die ersten Menschen nach Art der Mythologen ohne weiteres der Erde entsprießen zu lassen, daran hinderte ihn, wie wir erfahren, insbesondere die nachfolgende Erwägung. Der hilflose, mehr als jedes andere Wesen andauernder Pflege bedürftige menschliche Säugling hätte sein Leben - auf natürlichem Wege mindestens - nicht zu fristen vermocht. Darum suchte er nach Analogien, welche dieses Rätsel zu lösen geeignet waren. Er fand eine solche in dem volkstümlichen Glauben, daß die Haifische die aus ihren Eiern gekrochenen Jungen verschlucken, von neuem ausspeien, wieder in sich aufnehmen und diesen Vorgang solange wiederholen, bis das junge Tier die zur Fortführung eines selbständigen Daseins erforderliche Stärke gewonnen hat. In ähnlicher Weise sollten die Ahnherren des Menschengeschlechtes im Innern von Fischleibem entstanden sein und dieselben in gereifter Kraft verlassen haben. Ob der Glaube der Babylonier an das einstige Dasein von Fischmenschen unsern Weisen beeinflußt hat, ist eine zurzeit wenigstens nicht lösbare Frage².

Doch wie immer Anaximander das Entstehen der einzelnen Welten,

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der einzelnen Stoff-Formen, der einzelnen Wesen und Dinge zu erklären versucht haben mag: Eines stand ihm unerschütterlich fest; daß nämlich alles Entstandene dem Untergang geweiht sei. Als "unentstanden und unvergänglich" galt ihm allein der Urstoff, aus dem alles hervorgegangen und in den alles zurückzukehren bestimmt sei. Auch erfüllte ihn diese Überzeugung mit einer Befriedigung, die wir eine sittlich-religiöse nennen dürfen. Jede Sonderexistenz erschien ihm als ein Unrecht, als eine Usurpation, für welche die sich wechselseitig verdrängenden und vertilgenden Wesen "Buße und Strafe erleiden müssen nach der Ordnung der Zeit". Die Zerstörbarkeit der Einzeldinge, die Hinfälligkeit und Sterblichkeit der Lebewesen, der Kreislauf des Stoffes erweiterte sich in seinem Geiste zur Anschauung einer allumfassenden Naturordnung, welche ihm zugleich als eine allumfassende Rechtsordnung gegolten hat. Alles was besteht, so konnte er mit Mephistopheles ausrufen, ist wert, daß es zugrunde geht. Als "göttlich" erschien ihm einzig der anfanglose, kraftbegabte Stoff, der allein "unsterblich und nicht alternd” ist. Als zwar göttliche, aber weil entstandene darum auch vergängliche Wesen, gleichsam als Götter zweiter Ordnung galten ihm die einzelnen Welten oder Himmel, die jedenfalls nacheinander, vielleicht auch nebeneinander einen langdauemden, aber immer nur zeitweiligen Bestand gewinnen¹. Durch welche Prozesse sie immer wieder in den Mutterschoß der Urmaterie zurücksinken, wird uns nicht gesagt; vermuten aber darf man, daß gleichwie "Aussonderungen" aus dem Urwesen sie ins Dasein gerufen haben, so die Mischungen und Verbindungen der Stoffe es sind, welche im Laufe langer Weltperioden jedem Sonderdasein ein Ziel setzen und allmählich wieder alles in die ungeschiedene Einheit des ursprünglichen Allwesens zurückführen, freilich nur damit dieses seine unerschöpfliche Lebenskraft in immer neuen Bildungen bewähre, seine unüberwindliche Obmacht in immer neuen Zerstörungen betätige.

4. Der dritte der großen Milesier, Anaximenes, der Sohn des Eurystratos (gestorben zwischen 528 und 524), hat seine Schritte wieder in die von Thales eröffnete Bahn zurückgelenkt². Statt des Wassers ist es die Luft, die jetzt für das Urprinzip erklärt wird, der alles entstammt "was da war, was da ist und was sein wird"³, und die so ganz und gar die Erbschaft des verdrängten Herrschers übernimmt, daß nunmehr sie es ist, welche der wieder als flache Scheibe gedachten Erde zur Unterlage dienen soll. Die Bevorzugung, welche Anaximenes der Luft angedeihen ließ, ist nicht eben schwer erklärlich. Ihre größere Beweglichkeit und ihre größere Ausbreitung war es augenscheinlich, die ihr den Vorrang vor

48 Anaximenes von Milet

dem flüssigen Element zu sichern schien. Die erste dieser Eigenschaften wird von Anaximenes selbst in dem einzigen Bruchstück, das wir von seiner - "in einfacher, ungekünstelter" Prosa abgefaßten - Schrift besitzen, ausdrücklich betont. Und da der Stoff nach der gemeinsamen Lehre all dieser Denker, der sogenannten jonischen Physiologen, die Ursache seiner Bewegung in sich selbst trägt, was war da natürlicher, als daß der beweglicheren Form desselben, eben jener, welche im organischen Leben als die Trägerin der Lebens- und Seelenkraft galt (man denke an Psyche = Hauch), der oberste Rang zugesprochen wurde? Hat doch unser Philosoph den den Tier- und Menschenleib angeblich zusammenhaltenden Lebenshauch selbst mit der die Welt zu einer Einheit zusammenschließenden Luft verglichen¹. Und was ihre Ausbreitung anlangt, so konnten Erde, Wasser und Feuer gleichsam als Inseln in dem sie rings umflutenden Ozean der Luft, der "allverbreiteten", erscheinen, die überdies in alle Poren und Zwischenräume der übrigen Stoffe eindringt und alle Teilchen derselben umspült. Seinem Vorgänger gleich schrieb er dem Urstoff unbegrenzte Ausdehnung und unablässige Bewegung zu; die übrigen Stoff-Formen aber ließ er aus ihm durch einen Vorgang entstehen, welchen er nicht der spekulativen Phantasie, sondern der realen Beobachtung entnahm. Er hat - und dies bildet seinen unvergänglichen Ruhmestitel - zuerst eine "wahre Ursache", eine vera causa im Sinne Newtons für den letzten Grund aller stofflichen Veränderung erklärt. Nicht mehr tritt bei ihm wie bei Anaximander das "Warme" und das "Kalte" durch den rätselhaften Prozeß der "Aussonderung" aus dem Urstoffe hervor, sondern die Verdichtung und die Verdünnung, also verschiedene Arten der Lagerung sind es, welche den verschiedenen Stoff-Formen ihr Sondergepräge verleihen. In dem Zustand gleichmäßigster Verteilung, gewissermaßen in ihrem Normalzustand, sei die Luft unsichtbar, in ihrer feinsten Verteilung werde sie zu Feuer, bei fortschreitender Verdichtung hingegen gehe sie in den flüssigen und schließlich in den festen Zustand über. Alle Stoffe, dies liegt in dem Wortlaut jenes Fragmentes, sind an sich fähig, in jeden der Aggregatzustände überführt zu werden, mag uns dies bisher gelungen sein oder nicht². Die Größe dieser wissenschaftlichen Errungenschaft wird jedem einleuchten, der sich erinnert, daß dieselbe erst vor hundert Jahren, nicht ohne schwere Kämpfe, zum Gemeingut auch nur der vorgeschrittensten Forscher geworden ist. Und ferner: wären unsere Sinne fein genug - dies darf man zwischen den Zeilen lesen - , so würden wir in all diesen Wandlungen dieselben Stoffteilchen, bald näher aneinander tretend, bald weiter

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auseinander gerückt erkennen. So bezeichnet die Lehre des Anaximenes eine Vorstufe der Atomistik, demnach jener Auffassung der Stoffwelt, welche, sie mag nun die letzte Wahrheit enthalten oder nicht, jedenfalls bis auf unsere Tage ein Denkbehelf von unerschöpflicher Ergiebigkeit gewesen ist. Wenig verschlägt es neben diesen unsterblichen Verdiensten, daß Anaximenes seine Theorie auch auf kläglich mißdeutete Versuche zu stützen bemüht war. So glaubte er eine Bekräftigung seiner Grundlehre darin zu erblicken, daß der den verengten Lippen entfahrende Luftstrom kalt, der der weit geöffneten Mundhöhle entströmende Hauch aber warm ist¹.

Angesichts des ungeheuren Fortschrittes, welchen die Stofflehre durch die allumfassende Induktion des Anaximenes erfahren hat, erwartet man zunächst, einer ähnlichen Vervollkommnung auch der astronomischen Lehren zu begegnen. Allein diese Erwartung wird getäuscht. Es tritt uns hier zum erstenmal das Schauspiel entgegen, welches die Geschichte der Wissenschaften uns immer und immer wieder vor Augen führt. Die induktive und die deduktive Forschung stehen zwar nicht, wie zumal Buckles Darstellung in neuester Zeit viele glauben ließ, in einem prinzipiellen Gegensatz; allein die vornehmsten Träger der einen dieser Forschungsrichtungen entbehren oft in auffälligem Maße der zulänglichen Begabung für die andere. Auch boten die weit ausgreifenden Schlüsse, die verwegenen Gedankenkonstruktionen eines Anaximander seinem nüchterneren, am Boden der Tatsachen fester haftenden Nachfolger gar viele leicht zu erspähende Blößen. Dieser war scharfsichtig genug, um sich bei einer kindlichen Hilfshypothese, wie es die Erklärung der Verfinsterungen durch zeitweilige Verstopfungen des Sonnen- und Mondrades ist, nicht zu beruhigen; allein er war auch nicht weitsichtig genug, um die kühne Vorwegnahme der Attraktionslehre, welche den Schwebezustand der Erde rechtfertigen sollte, in ihrer Berechtigung zu erkennen und weiter zu bilden. So wirkten die Mängel und die Vorzüge seines kritisch prüfenden, aber mit geringerer konstruktiver Phantasie begabten Geistes zusammen, um ihn von der durch seinen Vorgänger erreichten Höhe wieder um einige Schritte herabzuführen. Der Rückkehr zu der primitiven Vorstellung von der Erde als einer auf einer Unterlage ruhenden Platte haben wir bereits gedacht. Damit hängt es zusammen, daß die Sonne sich des Nachts nicht unter der Erde, sondern nur seitlich, "wie die Mütze um den Kopf", um sie bewegen sollte. Ihre Unsichtbarkeit während der Nachtstunden aber ward durch die Voraussetzung im Norden gelegener, sie verdeckender Berge oder durch die Annahme erklärt, daß sie sich nächtens weiter als tagsüber von der Erde entferne².

50 Herakleitos von Ephesos

Die Einzelheiten seiner ziemlich rohen Gestirnlehre sollen uns nicht verweilen. Als ein Lichtpunkt derselben sei die Behauptung vermerkt, daß die leuchtenden Gestirne von dunkeln erdartigen Körpern begleitet werden, eine Behauptung, die augenscheinlich das Eintreten der Verfinsterungen durch Verdeckungen - also grundsätzlich richtig - erklären sollte. Unter seinen Versuchen, meteorologische und andere Naturerscheinungen (den Schnee, den Hagel, den Blitz, den Regenbogen, die Erdbeben und auch das Meerleuchten) zu ergründen, überraschen uns einige, vor allem die Erklärungen des Schnees und des Hagels, durch ihre teils annähernde, teils vollständige Richtigkeit, andere sind zwar grundfalsch, aber zugleich höchst geistreich und von großer prinzipieller Bedeutung¹. Das Räsonnement, welches seiner Erklärung des Meerleuchtens zugrunde liegt, dürfen wir also ergänzen. Wenn die Luft im Zustande feinster Verteilung zu Feuer wird und somit brennt und leuchtet, so werden ihr diese Eigenschaften nicht erst in jenem Verteilungszustand gleichsam anfliegen, sondern ihr überhaupt innewohnen und unter günstigen Umständen auch sonst erkennbar werden. Nun wird auch die an sich geringe Leuchtkraft eines Körpers wahrnehmbar, wenn er sich von einem ungewöhnlich dunklen Hintergrund abhebt. Einen solchen bildet zur Nachtzeit die Wassermasse des Meeres, und diese Folie bewirkt es, daß die Luftlamellen, welche in die durch Ruderschläge geschaffenen Lücken der Meereswogen eindringen, hell und leuchtend erscheinen. Hier dämmert zum erstenmal der Gedanke auf, daß die Eigenschaften der Körper nicht sprunghaft wechseln - ein Gedanke, den wir später mit äußerster Strenge festgehalten und (als qualitative Konstanz des Stoffes) von den jüngeren Naturphilosophen durchweg werden behauptet sehen. Mit Anaximander endlich stimmt Anaximenes in der Annahme von Weltperioden und von gleichsam sekundären, d. h. aus dem "göttlichen" Urstoff entstandenen und daher wohl auch vergänglichen Göttern überein².

5. Fern vom lärmenden Marktgewühl und den dröhnenden Werften Milets, im Schatten eines Heiligtums ist die Lehre des Herakleitos erwachsen³. Es ist dies der erste nicht rechnende, nicht messende, nicht zeichnende und nicht hantierende Weltweise, dem unsere Umschau begegnet, - ein spekulativer Kopf, dessen wunderbar zu nennende Geistesfülle uns noch heute labt und nährt, zugleich auch ein bloßer Philosoph im minder erfreulichen Sinne des Wortes, das heißt ein Mann, der in keinem Fache Meister ist und über alle Meister zu Gericht sitzt. Zahlreiche Überreste seines tiefsinnigen, in gleichnisreicher und nicht durchweg

51 Heraklit und der Volksglaube

ungekünstelter Sprache verfaßten Werkes und wenige, aber bedeutsame Lebensnachrichten bringen uns die imponierende Gestalt des "Dunklen" näher als die irgendeines seiner philosophierenden Vorgänger und Zeitgenossen. Frühzeitig freilich war auch die Sage geschäftig, ihre Fäden um das Haupt des "weinenden" Philosophen zu spinnen. Sein Geburts- und Todesjahr sind uns unbekannt; seine "Blüte" ward um die neunundsechzigste Olympiade (504 - 501 v. Chr. G.) angesetzt, wahrscheinlich auf Gründ eines zeitlich bestimmbaren Ereignisses, an welchem er beteiligt war. Denn der Nachkomme der Stadtkönige von Ephesos, der selbst auf das Amt des Priesterkönigs Anspruch hatte, darauf jedoch seinem Bruder zuliebe verzichtete, griff ohne Zweifel mehrfach in die Geschicke seiner Heimat tätig ein, wie er denn den Stadtfürsten Melankomas zur Niederlegung seiner Herrschaft bewogen haben soll¹. Die Abfassung seines Werkes aber kann wegen der politischen Verhältnisse, die es voraussetzt, kaum vor 478 erfolgt sein.

Einsamkeit und Naturschönheit waren die Musen Heraklits. Der stolze, von unbändigem Selbstvertrauen erfüllte Mann war zu keines Meisters Füßen gesessen. Allein wenn der sinnende Knabe auf den zauberisch schönen, von beinahe tropisch üppigem Pflanzen wuchs bedeckten Höhen umherschweifte, die seine Vaterstadt umkränzen², da stahl sich manch eine Ahnung des All-Lebens und der in ihm waltenden Gesetze in seine wissensdurstige Seele. Die großen Dichter seines Volkes hatten seine kindliche Phantasie genährt und mit prächtigen Bildern ausgestattet, aber seinem reif gewordenen Sinne boten sie kein dauerndes Genügen. Denn schon war, vornehmlich durch Xenophanes, der Zweifel an der Wirklichkeit der mythischen Gebilde geweckt, schon war ein höheres Ideal in empfängliche Seelen gesenkt worden, hinter welchem die in menschliche Lüste und Leidenschaften getauchten homerischen Götter weit zurückstanden. Nicht hochgeehrt, nein, "aus den öffentlichen Vorträgen verbannt und mit Ruten gepeitscht" möchte er den Dichter sehen, der im Verein mit Hesiod (um mit dem Historiker Herodot zu sprechen) den Griechen ihre Götterlehre geschaffen hat. Allen Gestaltungen des Volksglaubens steht er gleich feindselig gegenüber: der Bilderanbetung, die nichts anderes sei, als ob man "mit Mauern schwatzen wollte", den Sühnopfern, die eine Befleckung durch die andere ersetzen, gleich "als ob jemand, der in Schlamm getreten, sich wieder mit Schlamm abwaschen wollte", dem "schamlosesten" Treiben des Dionysoskults nicht weniger als den "unheiligen Weihen" der Mysterien. Auch das "Vielwissen" Hesiods - "dem die meisten als ihrem Lehrer folgen" - schmäht er nicht minder als jenes des

52 Heraklits Menschenverachtung

philosophierenden Mathematikers Pythagoras, des weltweisen Rhapsoden Xenophanes, des Geschichtsschreibers und Geographen Hekataeos. Er hat von diesen allen gelernt, aber keinem gibt er sich zu eigen. Ein Wort des warmen Lobes hat er nur für die schlichte Lebensweisheit des Bias übrig. Von Anaximander war er nachhaltig beeinflußt worden, und er stattet ihm seinen Dank ab, indem er ihn so wenig als Thales und Anaximenes unter die geschmähten Meister des Vielwissens einreiht, "das den Geist nicht bildet". Alles Beste aber glaubt er sich selbst zu verdanken; denn "so vieler Reden" er "vernommen, keiner ist zu wahrer Einsicht gelangt". Steht er so den Dichtern und Denkern teils mit finsterem Grimme, teils mit kühlem Mißtrauen gegenüber, wie tief muß seine Geringschätzung für die Masse des Volkes sein! Und in der Tat, wie Keulenschläge hageln seine Scheitworte auf diese nieder: "Sie stopfen sich den Wanst wie das Vieh" und "Zehntausende wiegen einen Trefflichen nicht auf". Wie sollte der "Pöbelschmäher"¹ sich um die Gunst der Menge beworben haben und auch nur auf Gemeinverständlichkeit der Darstellung bedacht sein? An wenige Erlesene wendet sich seine Rätselweisheit, unbekümmert um die vielen, welche den Hunden gleichen, die "den anbellen, den sie nicht kennen", oder auch dem Esel, der "Bündel Heu dem Golde vorzieht". Er sieht den Tadel vorher, welcher die orakelhafte Form und den düsteren Inhalt seines Werkes treffen wird; aber er begegnet ihm durch den Hinweis auf die ruhmreichsten Vorbilder. Auch der pythische Gott "sagt nicht aus und verbirgt nicht, sondern er deutet an"; und "die Stimme der Sibylle, die mit rasendem Munde Unfrohes, Ungesalbtes und Ungeschminktes verkündet", dringt durch die Jahrhunderte vermöge des Gottes, der aus ihr redet. Und der späte Lohn genügt ihm vollauf; denn "eines wählen die Trefflichen statt alles andern, nie verlöschenden Nachruhm".

Die Menschenverachtung unseres Weisen fand reiche Nahrung an den staatlichen und sittlichen Zuständen seiner Heimat. Seit mehr als einem halben Jahrhunderte lastete das Fremdjoch auf den kleinasiatischen Griechen. Es war kein übermäßig drückendes; ward doch die Zugehörigkeit zu dem an sich losen Gefüge des persischen Feudalreiches hier vielfach durch einheimische Fürstenhäuser vermittelt. Allein es wäre mit Wunderdingen zugegangen, wenn der Verlust der nationalen Unabhängigkeit nicht ein Sinken des öffentlichen Geistes und ein Überwuchern der Privatinteressen bewirkt hätte. Auch war der Boden für derartige Verfallserscheinungen von langer Hand vorbereitet. Der reichere Lebensgenuß und die verfeinerte Sitte des Orients hatte zugleich mit der Roheit auch die Strenge des

53 Heraklits Originalität

altgriechischen Wesens gelockert. Was Wunder, daß ein schwarzgallichter Sittenrichter von der Art unseres Weltweisen an seinen Mitbürgern gar viel zu tadeln und sie zur Zeit, da nach dem Sturz der Perserherrschaft die Demokratie emporkam, wenig würdig erachtete, das Szepter zu führen. Jedenfalls stand er in den Parteikämpfen jener Epoche auf der Seite der Aristokraten und verfocht ihre Sache mit einem Ingrimm, der um so bitterer war, je gründlicher er seine Gegner verachten zu dürfen glaubte. Den Höhepunkt seiner Leidenschaft bezeichnet das haßerfüllte Wort: "Die Ephesier täten wohl daran, sich Mann für Mann zu erhenken und ihre Stadt den Unmündigen zu überantworten; haben sie doch den Hermodoros hinausgestoßen ... indem sie sprachen: »Unter uns soll kein Trefflicher sein; ersteht aber ein solcher, so weile er anderswo und unter anderen.«" Der hier so warm gepriesene Verbannte hat in weiter Ferne eine neue und ruhmvolle Wirksamkeit gefunden. Sein rechtskundiger Rat ward von den Verfassern der römischen Zwölf-Tafel-Gesetze eingeholt und sein Andenken durch ein Standbild geehrt, welches noch Plinius gesehen hat¹. Der greise Freund des Hemodoros aber war es müde, das Joch der Volksherrschaft zu tragen; er verließ die durch Unrecht und Willkür befleckte Stadt, zog sich in die Einsamkeit des Waldgebirges zurück und beschloß dort seine Tage, nachdem er die Schriftrolle, welche den Ertrag seiner Lebensarbeit barg, als ein Vermächtnis kommender Zeiten im Artemis-Heiligtum niedergelegt hatte.

Der Vollgenuß des kostbaren Buches war bereits dem Altertum versagt. Es fand darin Unebenheiten und Widersprüche von so starker Art, daß ein Theophrast dieselben nur durch die Annahme gelegentlicher geistiger Trübungen erklären konnte. Aristoteles klagt über die Schwierigkeiten, welche die Entwirrung des Satzbaues dem Leser bereitet, und eine Schar von Kommentatoren, darunter Namen vom besten Klange, war bemüht, das von Dunkelheiten strotzende Werk zu beleuchten. Die auf uns gekommenen Trümmer vermögen wir weder in sicherer Reihenfolge anzuordnen, noch den drei Abschnitten, in die das Werk eingeteilt ward - dem physischen, ethischen und politischen - , mit Gewißheit zuzuweisen².

Die große Originalität Heraklits besteht nicht in seiner Urstoff-, ja kaum in seiner Naturlehre überhaupt, sondern darin, daß er zum erstenmal zwischen dem Natur- und dem Geistesleben Fäden spann, die seitdem nicht wieder abgerissen sind, und daß er allumfassende Verallgemeinerungen gewonnen hat, welche die beiden Bereiche menschlicher Erkenntnis wie mit einem ungeheueren Bogen überwölbten. In seiner

54 Das vernunftbegabte Urfeuer

Grundanschauung stand er dem Anaximander am nächsten. Die Vergänglichkeit aller Einzelgebilde, der stete Wechsel und Wandel der Dinge, die Ansicht von der Naturordnung als einer Rechtsordnung, dies alles war seinem Geist ebenso vertraut wie dem seines größten Vorgängers. Von ihm trennte ihn sein unruhvolles, aller geduldigen Einzelforschung abholdes Temperament, die mehr dichterische Richtung seiner Einbildungskraft und das Verlangen nach reicherer plastischer Gestaltung. So konnte ihm die jeder deutlichen qualitativen Bestimmtheit entbehrende Urmaterie des Anaximander nicht genügen, so wenig als der farblose, unsichtbare Urstoff des Anaximenes. Als die dem Wesen des Weltprozesses am besten entsprechende und darum an Dignität am höchsten stehende Stoff-Form galt ihm diejenige, welche niemals auch nur den Schein der Ruhe oder der nur leisen Bewegung erregt, und die zugleich als das Prinzip der Lebenswärme der höher organisierten Wesen und somit ganz eigentlich als das Element der Beseelung erscheint, das alles belebende, alles verzehrende Feuer. "Diese eine Ordnung aller Dinge (= Welt)", so ruft er aus, "hat keiner der Götter, so wenig als einer der Menschen gemacht, sondern sie war immer, sie ist und sie wird sein, ewig lebendes Feuer, das sich nach Maßen entzündet und nach Maßen verlischt." In einem kleineren und in einem größeren Kreislauf ließ er das Urfeuer zu den anderen und niedrigeren Stoffgestalten herabsinken und aus diesen in denselben Bahnen - denn "der Weg nach oben und unten ist einer" - zu seiner Urgestalt emporsteigen. Das Feuer wandelt sich in Wasser um, und dieses kehrt zur Hälfte unmittelbar als "Feuerhauch" zur Himmelshöhe zurück, zur Hälfte wandelt es sich in Erde um, welche wieder zu Wasser und auf diesem Wege schließlich zu Feuer wird. Als die diesen Kreislauf vermittelnden Vorgänge dürfen wir die Prozesse der Verdunstung, der Schmelzung, des Erstarrens betrachten und müssen uns erinnern, daß auch die Löschung eines Feuerbrandes durch Wasser der naiven Physik Heraklits als Umwandlung von Feuer in Wasser gelten konnte. Nicht nur der unablässig rauschende Born des Entstehens und Vergehens ist das Urprinzip unseres Dichter-Denkers, nicht nur göttlich heißt es ihm, wie es ja auch seinen Vorgängern geheißen hat; es gilt ihm zugleich als der Träger der Weltintelligenz, als die bewußt gewordene Norm alles Daseins, die "Zeus nicht genannt sein will", weil es kein individuell-persönliches Wesen ist, und welche doch "so genannt sein will", weil es das oberste Welt- und zumal weil es das höchste Lebensprinzip ist (man denke an griechisch zên = leben und die entsprechenden Namensformen des Zeus). Als eine nach Zwecken handelnde und die hierzu geeigneten Mittel wählende Gottheit dürfen wir aber jenes

55 Periodische Weltverbrennung

Urwesen nicht ansprechen. Wird es doch mit einem "spielenden Knaben" verglichen, der sich am zwecklosen Brettspiel ergötzt und am Meeresstrand Sandhügel aufwirft, nur um sie wieder umzustürzen¹.

Denn Aufbau und Zerstörung, Zerstörung und Aufbau, dies ist die Norm, welche alle Kreise des Naturlebens, die kleinsten wie die größten, umspannt. Soll doch auch der Kosmos selbst, gleichwie er aus dem Urfeuer hervorgegangen ist, wieder in dasselbe zurückkehren - ein Doppelprozeß, der sich in bemessenen Fristen, wenn dies gleich ungeheure Zeiträume sind, abspielt und immer von neuem abspielen wird.

Hier hatten die geologischen Beobachtungen des Xenophanes und die gleichartigen Wahrnehmungen Anaximanders seiner Spekulation den Weg gewiesen. Nichts natürlicher, als daß er gleich dem letzteren auf augenfälligen Tatsachen fußend, die das Mittelmeerbecken aufweist, die Ausdehnung des Meeres in der Vorzeit für größer hielt als in der Gegenwart. Und nichts begreiflicher, als daß er seiner physikalischen Grundlehre gemäß weiter schloß: wie das Land aus dem Wasser, so ist das Wasser aus dem Feuer hervorgegangen. So gelangte er zu einem Ausgangspunkte, an welchem es nichts als Feuer gegeben hat. Nun konnte ihm aber, da ihm der Glaube an einen Kreislauf der Dinge schon von Anaximander her eignete, jener Entwicklungsprozeß nicht als ein einmaliges Geschehnis gelten. Aus Feuer sind die übrigen Stoff-Formen entsprungen, in Feuer werden sie dereinst wieder aufgehen - damit der Differenzierungsprozeß von neuem beginne und wieder zum gleichen Abschluß gelange. Die Weite des Blickes verbindet ihn hier mit den größten Naturforschern der Neuzeit; und, sollen wir es Zufall oder geniale Ahnung nennen? er stimmt mit ihnen, mindestens soweit das Sonnensystem in Betracht kommt, auch in der genaueren Vorstellung von jenem Weltenkreislauf überein. Ein Feuerball stellt den Anfangs- und ein solcher wieder den Endpunkt jeder Weltperiode dar.

Freilich ergaben sich aus dieser Annahme Widersprüche mit der, Natur der Dinge sowohl als mit seiner eigenen Lehre, wobei wir nicht wissen, inwieweit er selbst sie bemerkt und wie er sich mit ihnen abgefunden hat. "Das Feuer nährt sich von Dünsten, die aus dem Feuchten emporsteigen"; mußte da nicht mit der Verringerung und der schließlichen Vernichtung alles Flüssigen die Nahrungsquelle auch des Feuers versiegen? Und ferner: wie sollte das durch Erhitzung vergrößerte Volumen des Stoffes in dem ohnedies erfüllten Raume Platz finden? Die späteren - stoischen - Nachfolger Heraklits haben hier Rat geschaffen. Sie ersannen einen ungeheuren, für diese Verwendung bereitstehenden leeren Raum. Allein daß nicht der Ephesier selbst diese Auskunft

56 Der Fluß der Dinge

erdachte, kann als ausgemacht gelten; wäre er doch durch die Annahme des leeren Raumes einer der Vorgänger Leukipps geworden, und dies uns zu melden hätten unsere Quellen nicht verabsäumt¹.

Allein nicht bloß unaufhörlichen Wandel der Formen und der Eigenschaften, auch unablässige räumliche Bewegung schreibt Heraklit dem Stoffe zu. Dieser galt ihm als lebendig. Und zwar nicht nur in dem Sinne, in welchem auch seine unmittelbaren Vorgänger mit Fug "Verlebendiger des Stoffes" (Hylozoisten) heißen. Sie hatten die Ursache aller Bewegung im Stoffe selbst gesucht, nicht in einem außenstehenden Agens. Darin folgt ihnen der Ephesier. Aber sein "ewig lebendes Feuer" ist nicht nur in diesem Sinne lebendig; die Tatsachen des organischen Stoffwechsels, der im Tier- und Pflanzenleben waltet, haben auf seinen Geist augenscheinlich einen so starken Eindruck hervorgebracht, daß diese Analogie auch für seine Betrachtung stofflicher Prozesse überhaupt den leitenden Gesichtspunkt abgibt. Alles Lebende ist in steter Zersetzung und Erneuerung begriffen. Galt der Stoff erst in jenem vorher erwähnten Betracht als lebendig, was Wunder, daß die Macht der Ideenassoziation ihn auch in diesem Betracht als etwas Organisch-Lebendes ansehen ließ? Daher stammt Heraklits Lehre vom Fluß der Dinge. Wenn Beharrendes sich unseren Blicken zeigt, ist dies ein bloßer Schein; das Ding ist in Wahrheit in fortwährender Umgestaltung begriffen. Wenn diese Umgestaltung nicht zur Zerstörung des Dinges führt, so geschieht dies nur dort und darum, wo und weil die von ihm sich loslösenden Stoffteilchen durch unablässige Zufuhr neuer Nachfolger ersetzt werden. Sein Lieblingsbild ist das des dahinrauschenden Stromes. "Nicht zweimal können wir in denselben Fluß hinabsteigen; denn neue und immer neue Wasser strömen ihm zu." Und da der Strom als eine kontinuierliche Wassermenge derselbe, seiner Zusammensetzung nach aber nicht derselbe bleibt, so erhält dieser Gedanke auch den paradox zugespitzten Ausdruck: "wir steigen in denselben Fluß hinab, und wir steigen nicht in ihn hinab; wir sind und wir sind nicht."²

Mit jener schiefen Analogie verflochten sich richtige Wahrnehmungen und tiefdringende Schlüsse. Zu den letzteren mag auch die Erwägung gehört haben, daß die Geruchs- und (wie man damals glauben mußte) auch die Gesichtseindrücke durch Stoffteilchen erzeugt werden, die sich unaufhörlich von den Gegenständen ablösen. Doch dem sei, wie ihm wolle - das Ergebnis war jedenfalls eine Naturansicht, die in staunenerregender Weise mit Lehren der heutigen Physik übereinstimmt. Die Übereinstimmung ist eine so genaue, daß ein zusammenfassender Ausdruck dieser Lehren sich mit einem antiken Bericht über die heraklitische

57 Unsichtbare Bewegungen

Doktrin nahezu wörtlich deckt. "Manche," so sagt Aristoteles¹ und kann dabei nur den Ephesier und seine Jünger im Auge haben, "behaupten, daß nicht etwa einige von den Dingen sich bewegen, andere aber nicht, sondern alle und allezeit, wenngleich diese Bewegungen sich unserer Wahrnehmung entziehen." "Die heutige Wissenschaft"² - so äußert sich ein philosophischer Naturforscher der Gegenwart - "hält es für ausgemacht, daß die Stoffteilchen allezeit in Bewegung sind . . ., wenngleich diese Bewegungen unserer Wahrnehmung entgehen." Und nun bedenke man, daß Heraklit in einem Zeitalter schrieb, dem unsere Wärmelehre so gut als unsere Licht- und Schallehre fremd war, das von Luft- und Ätherwellen so wenig wußte wie davon, daß jeder Wärmeempfindung eine Molekularbewegung auch in festen Körpern zugrunde liegt, das von der Natur chemischer und zellularer Prozesse keine Ahnung hatte, und das schließlich auch des Mikroskopes entbehrte, welches unserem erstaunten Blick auch dort Bewegungen offenbart, wo das unbewehrte Auge nur starre Ruhe wahrnimmt, das uns mithin mit unwiderstehlicher Macht den Gedanken aufdrängt, daß das Reich der Bewegung sich unendlich weiter erstreckt, als jenes unserer Wahrnehmung derselben. Wer dies alles erwägt, wird von dem genialen Tiefsinn des ephesischen Denkers die höchste Vorstellung gewinnen und am meisten vielleicht darüber erstaunt sein, daß diese gewaltige Antizipation für die Detailerkenntnis der Natur keine reicheren Früchte getragen hat. Die Enttäuschung, die uns hier zuteil wird, soll den Ruhm des Ephesiers nicht schmälern. Mit der Anerkennung der Tatsache, daß es unsichtbare Bewegungen gibt, war ein Wall durchbrochen, der sich jedem Eindringen in die Geheimnisse der Natur hemmend entgegenstellte; aber erst die zweite bahnbrechende Einsicht, die Annahme von nicht nur gleichfalls unsichtbaren, sondern auch unzerstörbaren und unveränderlichen Körperchen, aus denen alle Stoffgebilde sich zusammensetzen und die aus jedem Formwechsel der Massen unversehrt hervorgehen, die große Geistestat der Atomisten, konnte jene Ansicht zu einer wahrhaft fruchtbaren und folgenreichen machen. Heraklit selbst, dessen poetisches Naturell nicht danach angetan war, die mechanische Naturerklärung zu eröffnen und zu fördern, hat aus jener Grundlehre Folgerungen gezogen, welche andere Erkenntnisgebiete aufzuhellen geeignet waren.

Der Eigenschaftswechsel im Nacheinander hat sein genaues Gegenstück im Nebeneinander. Auch hier offenbart sich dem aufmerkenden Blick eine Mannigfaltigkeit, welche die Einheit des Dinges und seiner Beschaffenheit zu gefährden scheint. Ein Ding zeigt verschiedenen anderen Dingen gegenüber ein verschiedenes, ja oft ein gegensätzliches

58 Relativität der Eigenschaften

Verhalten. "Das Meerwasser ist das reinste und abscheulichste; für die Fische ist es trinkbar und heilsam, für die Menschen untrinkbar und verderblich." Daß Heraklit in diesem Satze nicht etwa eine vereinzelte Beobachtung aufzeichnen wollte, ist an sich jedem klar, der die Überreste seines Werkes kennt; es ist die Lehre von der Relativität der Eigenschaften, die hier zum erstenmal verkündet und von ihm, wie es seine Art ist, sofort bis in ihre äußerste Konsequenz verfolgt wird: "Gut und Schlecht ist dasselbe¹." Wir werden wieder an jenes paradoxe "Wir sind und wir sind nicht" erinnert. Und in der Tat, die Flußlehre auf der einen, die Relativitätslehre auf der anderen Seite führen zu dem gleichen Ergebnis: die sukzessiven Zustände eines Dinges, seine gleichzeitigen Eigenschaften, beides trägt oft den Stempel tiefgreifender Verschiedenheit, ja nicht selten voller Gegensätzlichkeit. - Alle Bestimmtheit und Festigkeit des Seins gilt unserem Denker als beseitigt, er schwelgt in Sätzen, die dem Menschenverstände Hohn sprechen; er vergißt oder vernachlässigt die Einschränkungen, die jenen Behauptungen allein einen verständlichen und annehmbaren Sinn verleihen. Der Strom bleibt in einem Sinn derselbe, in einem anderen wird er ein verschiedener; A ist in einem Betrachte "gut", in einem andern ist es "schlecht". Dies kümmert den Ephesier wenig; die Ungeübtheit seines Denkens arbeitet seinem Denkerhochmut in die Hände; je befremdlichere Ergebnisse er erzielt, um so erwünschter sind sie seiner Freude am Paradoxen, seiner Vorliebe für dunkle Rätselsprüche, seiner Geringschätzung aller planen, gemeinverständlichen Wahrheiten. Daß Gegensätze sich nicht ausschließen, vielmehr einander bedingen, ja miteinander identisch sind, dies gilt ihm fortan als ausgemachte Wahrheit, ja als ein alle Bereiche des Natur- wie des Geisteslebens beherrschendes Grundgesetz. Sollen wir ihm darob etwa gram sein? Ganz und gar nicht. Bei verkannten und vernachlässigten Wahrheiten und zumal bei solchen, die ihrer Natur nach der Verkennung und Vernachlässigung kaum zu entgehen vermögen, ist das Schwierigste und Wichtigste, daß sie überhaupt entdeckt werden. Die Übertreibungen, in welchen ihre Entdecker sich gefallen, sind ebenso verzeihlich als erklärlich, ja auf die Dauer mehr nutzen- als schadenbringend. Denn der logische Zuchtmeister wird nicht lange auf sich warten lassen; die Gartenschere, welche die geilen Triebe des Gedankens wegschneidet, wird früher oder später ihren Dienst tun. Der Überschwang aber, mit welchem jene leicht übersehenen Wahrheiten verkündet, die Unbedingtheit, mit der sie ausgesprochen wurden, verleiht ihnen einen Glanz und ein Relief, das sie vor der Gefahr bewahrt, jemals wieder der Vergessenheit anheimzufallen. Vor

59 Folgerungen aus der Relativitätslehre

allem, ihre paradoxe Spitze bohrt sie tief in den Geist ihres Urhebers ein, sie werden ihm zum unverlierbaren und stets gegenwärtigen Besitztum. So erscheinen uns denn auch Heraklits spekulative Saturnalien als die Quelle des kostbarsten Beitrages, den er in den menschlichen Denk- und Wissensschatz gesteuert hat. Denn fürwahr, ich wüßte nicht, wo anfangen, wo enden, wollte ich die unermeßliche Tragweite der in jenen Übertreibungen enthaltenen fundamentalen Wahrheiten erschöpfend beleuchten. Die richtige Lehre von der Sinneswahrnehmung mit ihrer Anerkennung des subjektiven Faktors ist ein Folgesatz des Relativismus; daß dasselbe Ding der Außenwelt auf verschiedene Organe, auf verschiedene Individuen oder auch auf verschiedene Zustände desselben Individuums verschieden wirkt - diese Einsicht, die den griechischen Denkern nicht mehr lange fehlen sollte, und die sie allein vor einem grund- und sinnlosen Skeptizismus bewahren konnte, sie war, wie die Blüte im Keim, in der heraklitischen Relativitätslehre enthalten. Und nicht minder jene andere noch tiefere und unentbehrlichere Erkenntnis, daß Gesinnungen, Vorschriften, Institutionen, welche für eine Phase menschlicher Entwickelung die angemessenen und heilsamen waren, für eine andere unzureichend und unheilbringend geworden sind. "Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage" - aus keinem anderen Grunde, als weil dasselbe Ding in verschiedenen Zeitaltern und im Verein mit verschieden gearteten Faktoren sehr verschiedene, ja entgegengesetzte Wirkungen ausübt. Das gewaltige Ferment, welches der grundlosen Erhaltungssucht auf allen Gebieten - des Geschmacks und der Moral, der staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen - entgegenwirkt, es ist der Relativismus, der überall dort gefehlt hat und noch heute fehlt, wo der Ruf: "Es ist immer so gewesen!" als eine ausreichende Antwort auf jede Anfechtung des Bestehenden betrachtet ward und wird. Allein nicht nur dem Fortschritt, auch der Erhaltung des Erhaltungswürdigen in allen diesen Bereichen hat sich dieselbe Lehre dienstbar erwiesen; denn sie allein ist geeignet, den Wechsel und Wandel, den Widerspruch zwischem dem, was jetzt und hier, und dem, was dort und einst galt und gilt, ausreichend zu erklären und als berechtigt darzutun. Wo sie fehlt, dort erzeugt jede tatsächliche Umgestaltung bestehender Satzungen, ja die bloße Wahrnehmung, daß nicht immer und überall dieselben Normen gelten, tiefgreifenden und unheilbaren Zweifel an der Berechtigung aller Satzungen überhaupt. Der tatsächlichen Mannigfaltigkeit menschlicher Lebensformen, der Geschmeidigkeit unserer Natur und ihrer zeitlich und örtlich so verschiedenen Erscheinungen kann nur eine Lebensansicht gerecht werden, die sich diesen proteusähnlichen

60 Koexistenz der Gegensätze

Wandlungen anzuschmiegen versteht, nicht eine solche, die nur im starren Beharren das Heil erblickt und der jeder Wandelprozeß gleichbedeutend ist mit der Herrschaft der Willkür und des Zufalls.

Und nun erst die Lehre von der Koexistenz der Gegensätze. In der Darlegung und Beleuchtung derselben kann sich unser Dichterdenker nicht genug tun. "Das Zwiespältige ist mit sich selbst im Einklang", "die unsichtbare Harmonie (d. h. die aus Gegensätzen entspringende) ist besser als die sichtbare", die Krankheit hat "die Gesundung geschaffen, der Hunger die Sättigung, die Ermüdung die Ruhe"! Bald in orakelhafter Kürze, bald in sonnenheller Deutlichkeit und Breite wird die Lehre eingeschärft, daß das Gesetz des Kontrastes die Natur nicht weniger als das Leben der Menschen beherrscht, daß es "für diese nicht besser wäre, wenn ihnen zuteil würde, was sie wünschen", d. h. wenn alle Gegensätze sich in eitel Einklang auflösten. Ja, Homer wird gleich sehr darob getadelt, daß er "alle Übel des Lebens" ausgerottet sehen wollte, und daß er "den Streit aus dem Kreis der Götter und Menschen" hinweggewünscht und somit den "Untergang des Alls" gefordert habe. Wahrhaft unerschöpflich ist die Fülle der Anwendungen, welche diese Aussprüche teils gestatten, teils erheischen. Alles was wir im weitesten Sinne als Polarität im Bereiche der Naturkräfte bezeichnen, die Notwendigkeit des Wechsels für das Zustandekommen der Empfindung überhaupt und der Lustempfindungen insbesondere, die Bedingtheit alles Guten durch ihm entgegengesetzte Übel, die Unerläßlichkeit des Wettbewerbes und dessen, was wir heutzutage Kampf ums Dasein nennen, für die Entwicklung und Steigerung menschlicher Kräfte, die Notwendigkeit des Zusammenbestehens antagonistischer Elemente in Staat und Gesellschaft - dies alles und manches andere ist in den angeführten Kernsprüchen teils dunkel angedeutet, teils klar entwickelt. Und immer schweift der Blick unseres Weisen aus dem Bereich des Unbelebten in die Welt des Beseelten und umgekehrt. Doch ich habe Unrecht; diese Scheidung ist für ihn so gut als nicht vorhanden, für ihn, dem die Welt als ewig lebendes Feuer gilt, die Trägerin des Lebens aber, die Seele und die Gottheit, selbst gleichfalls nichts anderes als Feuer sind.¹

Am schwersten fällt es uns, dem alten Naturphilosophen die oben an letzter Stelle genannte soziologische Einsicht zuzutrauen; allein gerade hier ist der Wortlaut eines seiner Aussprüche ein völlig unzweideutiger. Der "Krieg" heißt ihm "der Vater und König" aller Dinge oder Wesen. Würde das Bruchstück hier enden, so könnte es niemand in den Sinn kommen, ihm eine andere als eine rein physikalische und

61 Heraklits söziologische Einsichten

kosmologische Deutung zu leihen. Dem Blick des Ephesiers enthüllt sich allenthalben ein Spiel gegensätzlicher Kräfte und Eigenschaften, die sich wechselseitig fördern und bedingen; ein Gesetz der Polarität scheint ihm das Gesamtleben zu umspannen und alle einzelnen Gesetzmäßigkeiten in sich zu befassen. Kampflose Ruhe läßt alles erschlaffen, erstarren und verderben: "Der Mischtrank zersetzt sich, wenn er nicht geschüttelt wird." Der unablässigen, lebenspendenden und -bewahrenden Bewegung liegt das Prinzip des Kampfes und des Streites zugrunde; als Erzeuger, Ordner und Erhalter charakterisieren es diesmal die Beiworte "Vater und König."¹ Und hier durfte man vordem stehen bleiben, nicht mehr aber jetzt, da uns ein - aus der Mitte des 19. Jahrhunderts datierender - glücklicher Fund die Fortsetzung jenes Fragmentes geschenkt hat: "und die einen hat er (der Krieg) als Götter erwiesen, die andern als Menschen, die einen hat er zu Sklaven gemacht, die andern zu Freien."² Sklaven sind Kriegsgefangene und deren Nachkommen, ihre Besieger und Beherrscher sind die Freien. So hat der Krieg, dies will Heraklit fraglos sagen, durch die Erprobung und Bewährung der Kräfte die Tüchtigen und die Untüchtigen geschieden, den Staat geformt und die Gesellschaft gegliedert. Er preist ihn darob, daß er diesen Wertunterschied zur Geltung gebracht hat, und wieviel ihm derselbe bedeutet, das lehrt uns das den Sklaven und Freien beigeordnete Doppelglied, Götter und Menschen. Auch die Scheidung der Glieder dieses Paares hat der Krieg bewirkt: wie der Freie zum Sklaven, so verhält sich der Gott gewordene zum gewöhnlichen Menschen. Denn neben der Schar gemeiner Seelen, welche die Unterwelt birgt - und denen dort im Reiche des Feuchten und Trüben der Geruchsinn die Stelle der höheren Erkenntnismittel vertritt - gibt es nach Heraklit auch bevorzugte Geister, die sich aus dem Erdenleben zu göttlichem Dasein erheben. Er sieht eine Stufenleiter von Wesen vor sich, verschieden an Rang, verschieden auch an Wert, an Tüchtigkeit und Trefflichkeit. Er führt die Rangfolge auf eine Wertabstufung zurück, dann fragt er nach den Ursachen auch dieser letzteren. Er findet sie in der Reibung der Kräfte, die als Krieg bald im allereigentlichsten, bald in einem mehr oder weniger metaphorischen Sinn statthat³.; Dieser Nuancen bedarf es als notwendiger Mittelglieder zwischen der kosmologischen und der soziologischen Bedeutung des Satzes. Doch braucht man der abschwächenden Kraft der Metapher nicht allzuviel einzuräumen. Die Verweichlichung seiner jonischen Volksgenossen, welche schon Xenophanes um ihrer schlaffen Üppigkeit willen schilt, die Lässigkeit seiner Mitbürger, über welche Kallinos⁴ Klage führt, die schweren

62 Universale Gesetzmäßigkeit

Schicksale, welche sein Vaterland erduldet hat, sie haben augenschein- lich seine Wertschätzung kriegerischer Tugenden ungemein gesteigert. "Die im Kriege Gefallenen," so ruft er aus, "ehren Götter und Menschen!" und: "Je größer der Fall, um so lauter der Schall" ehrender Bewunderung¹. Aber für den Denker, dessen Stärke in der genialen Verallgemeinerung liegt, bilden auch die schmerzlichsten Erfahrungen nur einen Anstoß, der ihn seine Gedankenbahn weiter verfolgen läßt. Ihr Ziel war diesmal sicherlich nichts Geringeres als die umfassende Einsicht, daß Widerstand und Widerstreit eine Grundbedingung aller Erhaltung und fortschreitenden Vervollkommnung menschlicher Kraft ist.

So tief und zahlreich die Einsichten sind, denen wir bisher bei unserem Denker begegnet sind, die größte Überraschung steht uns noch bevor. Heraklit hat die einzelnen Regelmäßigkeiten, die er in Natur und Menschenleben wahrzunehmen glaubte, bis zu dem Gedanken einer alles umspannenden Regelmäßigkeit verfolgt. Das strenge, ausnahmslose Walten einer allumfassenden Gesetzmäßigkeit ist seinem Blicke nicht entgangen. Indem er diese universale Gesetzesherrschaft, das Walten ausnahmsloser Ursächlichkeit anerkennt und verkündet, bezeichnet er einen Wendepunkt in der geistigen Entwicklung unseres Geschlechtes. "Die Sonne wird ihre Maße nicht überschreiten; täte sie es, so würden die Erinnyen sie ereilen, die Helferinnen des Rechtes." "Wer mit Verstand spricht, der muß sich auf das stützen, was das Gemeinsame in allem ist, gleichwie die Stadt auf das Gesetz und noch weit stärker; denn alle menschlichen Gesetze werden von dem einen göttlichen ernährt." "Während dieser Logos (dieses Grundgesetz) allezeit besteht, sind die Menschen seiner doch unkundig, sowohl ehe sie ihn vernommen haben als da sie ihn zuerst vemehmen."² Auf die Frage, wie Heraklit dazu gelangt ist, diesen Höhepunkt der Erkenntnis zu erklimmen, darf man zuvörderst antworten: er faßte hier Tendenzen zusammen, welche sein ganzes Zeitalter bewegen. Die auf launenhaften Willküreingriffen übernatürlicher Wesen beruhende Welterklärung genügte weder der erstarkten Naturerkenntnis, noch den gesteigerten sittlichen Ansprüchen jener Epoche. Die fortschreitende Erhöhung und die sie begleitende Versittlichung des obersten oder Himmelsgottes, der immer erneute Versuch, die bunte Mannigfaltigkeit der Dinge aus einer stofflichen Wurzel abzuleiten, sie legen gleichmäßig Zeugnis ab von dem wachsenden Glauben an die Gleichartigkeit des Weltalls, an die Einheitlichkeit des Weltregimentes. Der Erkenntnis allwaltender Gesetze war die Bahn geöffnet. Auch mußte diese eine stets strengere Gestalt annehmen. Der Grund der exakten Naturforschung war gelegt, zuerst durch die Astronomen,

63 Heraklit und die positive Wissenschaft

bald auch durch die mathematischen Physiker, unter welchen Pythagoras die erste Stelle einnimmt. Die Kunde von den Wahrnehmungen, welche sich aus seinen akustischen Grundversuchen ergaben, mußte einen Eindruck hervorbringen, den man sich kaum stark genug zu denken vermag. Das flüchtigste der Phänomene, der Ton, war gleichsam eingefangen und unter das Joch von Zahl und Maß gebeugt worden; was sollte diesen Bändigern noch widerstehen? Bald ging von Unteritalien der Ruf durch Hellas: Das Wesen der Dinge ist die Zahl! Daß der Ephesier sich diesen Einflüssen nicht verschlossen hat, ist einleuchtend und teilweise anerkannt. Die Rolle, welche die Begriffe der Harmonie, des Gegensatzes, zumal aber des Maßes in seinen Spekulationen spielen, geht sicherlich zum größeren Teil auf pythagoreische, zum kleineren auf anaximandrische Einwirkung zurück. So wenig er selbst zum exakten Forscher geschaffen war - dazu war seine Leidenschaft zu groß, sein Geist nicht nüchtern genug und allzu geneigt, sich an Gleichnissen zu berauschen und in ihnen zu befriedigen - , so sehr «eignete er sich zum Herold der neuen Weltansicht. Hierin und nicht minder freilich in vielfacher Ungerechtigkeit gegen die wirklichen Schöpfer der Wissenschaft gleicht er in Wahrheit dem Kanzler Baco¹, mit welchem man ihn neuerlich in anderem Sinne und sehr wenig zutreffend verglichen hat. Aber nicht nur die Redegewalt und die plastische Gestaltungskraft sind in ihm lebendig. So kindlich irrig auch zumeist seine Deutung der Einzelphänomene ist - "Der trunkene Mann wird von einem bartlosen Knaben geführt und strauchelt, weil seine Seele naß ist", "Eine trockene Seele ist die weiseste und beste" - , über die Maßen hoch entwickelt ist in ihm die geniale Fähigkeit, das Gleichartige unter den fremdartigsten Verhüllungen zu erkennen. Wie wenige versteht er es, Einsichten, die er zunächst auf einem beschränkten Sondergebiet gewonnen hatte, die ganze Stufenreihe der Wesen entlang, durch die gesamte Doppelwelt des Natur- und Geisteslebens zu verfolgen. Galt es doch, wie schon einmal bemerkt, nicht erst, die Kluft zwischen Natur und Geist zu überbrücken, welche für ihn und seine Vorgänger überhaupt kaum vorhanden war. Auch übte hier die Wahl seines Urstoffes eine fördernde Rückwirkung. Wem die Welt aus Feuer, d. h. aus Seelenstoff erbaut schien, wie sollte es dem beifallen, mit seinen, aus irgendwelchen Bereichen des Naturlebens abgeleiteten Verallgemeinerungen eben vor den seelischen und den ihnen entstammenden staatlichen oder gesellschaftlichen Phänomenen haltzumachen? Daher die allumfassende Weite seiner Verallgemeinerungen, deren oberste Spitze die Anerkennung der universalen Gesetzmäßigkeit alles Geschehens ausmacht.

64 Weltgesetz und W eltvernunft

Diesen Gipfel aber auch wirklich zu erklimmen, das alle Begebnisse regelnde Weltgesetz als oberstes Erkenntnisziel mit Nachdruck zu verkünden - dazu drängte ihn noch ein besonderer Antrieb, welcher aus seiner Lehre vom Fluß der Dinge im Verein mit seiner so überaus unvollkommenen Stofflehre entsprungen ist. Er mußte nämlich fürchten, andernfalls überhaupt kein Objekt verläßlicher Erkenntnis übrig zu behalten; der Vorwurf, welchen Aristoteles¹ mit Unrecht gegen ihn erhoben hat, konnte ihn sonst mit vollstem Recht zu treffen scheinen. Doch nunmehr war dem keineswegs so. Inmitten alles Wandels der Einzeldinge und alles Wechsels der Stoff-Formen, der Zerstörung zum Trotz, welche das Gefüge des Kosmos selbst in gemessenen Fristen ereilen, und aus dem er sich immer von neuem wieder aufbauen sollte, steht das Weltgesetz unverrückt und unerschüttert aufrecht, neben dem - beseelt und vernunftbegabt gedachten - Urstoff (mit welchem es als Weltvernunft oder Allgottheit in mystisch unklarer Auffassung zusammenschmilzt) das einzig Beharrende im anfangs- und endlos kreisenden Strome des Geschehens. Das Weltgesetz oder die Weltvernunft zu erkennen, ist das oberste Gebot der Intelligenz, sich ihm zu beugen und zu fügen die oberste Richtschnur des Verhaltens. Eigensinn und Eigenwille sind die Verkörperungen des Falschen und des Bösen, die im Grunde eins sind. Der "Dünkel" wird mit einem der grauenhaftesten Leiden, das den Menschen befallen kann, mit der im ganzen Altertum als dämonische Schickung betrachteten "Fallsucht" verglichen; die "Überhebung" wieder "muß man löschen gleich einer Feuersbrunst". "Weise ist allein dies, die Vernunft (oder Weltintelligenz) zu erkennen, die alles durch alles steuert." Leicht ist es allerdings nicht, dieser Forderung zu genügen, denn die Wahrheit ist paradox; "liebt es" doch "die Natur, sich zu verhüllen", und "durch ihre Unglaublichkeit entgeht sie der Erkenntnis." Aber sein Bestes muß der Forscher daran setzen, von frohem Denkermut muß er erfüllt und stets auf Überraschungen gefaßt sein; denn "wenn ihr nicht Unerwartetes erwartet, so werdet ihr die Wahrheit nicht finden, die schwer erspähbar und kaum zugänglich ist." "Nicht leichtsinnige Vermutungen dürfen wir über die höchsten Dinge auf stellen"; nicht Willkür darf uns leiten, denn "Strafe wird die Lügenschmiede und -zeugen ereilen". Menschliche Einrichtungen dauern nur so lange und insofern, als sie mit dem göttlichen Gesetz übereinstimmen; denn dieses "reicht so weit als es will und genügt allem und überwindet alles.” Innerhalb dieser Schranken aber herrsche das Gesetz, für welches "das Volk kämpfen soll wie für eine Mauer"; Gesetz jedoch ist freilich nicht das Belieben der vielköpfigen, verstandlosen

65 Heraklits Wirkung auf die Folgezeit

Menge, sondern die Einsicht und oftmals "der Rat eines einzigen", dem man um seiner überlegenen Weisheit willen "Gehorsam schuldet."¹

Unser Weiser hat auf die Folgezeit eine eigentümlich zweischneidige Wirkung ausgeübt. Er zeigt als geschichtlicher Faktor dasselbe Doppelangesicht, welches nach seiner Lehre die Dinge zeigen. Er ist Haupt- und Urquell religiös-konservativer, nicht minder aber skeptisch - revolutionärer Richtungen geworden. Er ist (so möchte man mit ihm selbst ausrufen) und er ist nicht ein Hort des Bestehenden, er ist und er ist nicht ein Vorkämpfer des Umsturzes.

Der Schwerpunkt seiner Einwirkung liegt allerdings, seiner persönlich-individuellen Eigenart gemäß, auf der ersterwähnten Seite. Innerhalb der stoischen Schule bildet sein Einfluß den Gegenpol zu den radikalen Tendenzen des Kynismus. Seiner Einsicht in die Gesetzmäßigkeit alles Geschehens entstammt der unerbittlcih strenge Determinismus dieser Sekte, der - wie jederzeit - in allen anderen als den hellsten Köpfen in Fatalismus hinüberschwankte. Daher der Zug zur Entsagung und fast zum Quietismus, wie er schon aus den Versen des Kleanthes zu uns spricht, die willige Ergebung in die Fügungen des Schicksals, deren Apostel Epiktet und Mark Aurel geworden sind. Auch von dem stoischen Hang zur umdeutenden Anbequemung an den Volksglauben haben wir die ersten Ansätze bereits bei Heraklit gefunden. Desgleichen darf man an seinen Jünger in der Neuzeit, an Hegel, erinnern mit seiner "Restaurationsphilosophie", mit seiner metaphysischen Verklärung des Herkömmlichen in Staat und Kirche, mit seinem vielberufenen Ausspruch: "Was wirklich ist, das ist vernünftig, und was vernünftig ist, das ist wirklich²." Andererseits aber zeigt sich auch der junghegelsche Radikalismus, wie Lasalles Beispiel lehren kann, mit Heraklit innig befreundet. Und will man vollends die schlagendste Parallele, das genaueste Gegenbild des Ephesiers kennenlernen, das die neueren Zeiten hervorgebracht haben, so findet man es in dem gewaltigen Umsturzdenker Proudhon, welcher nicht nur einzelne und höchst bezeichnende Doktrinen mit ihm teilt, vielmehr auch in der Grundverfassung seines Geistes sowohl, als in der damit eng verknüpften paradoxen Form seiner Aussprüche aufs lebhafteste an ihn erinnert³.

Die Lösung des Widerspruchs liegt nahe genug. Der innerste Kern des Heraklitismus ist Einblick in die Vielseitigkeit der Dinge, Weite des geistigen Horizontes im Gegensatz zu jeder Art von engsinniger Beschränktheit. Die Fähigkeit und Gewohnheit solcher weitumfassenden Umschau besitzt aber die Tendenz, uns mit den Unvollkommenheiten des Weltlaufs nicht weniger als mit den Härten der

66 Der innerste Kern des Heraklitismus

geschichtlichen Entwicklung zu versöhnen. Denn sie läßt uns gar häufig neben dem Übel das Heilmittel, neben dem Gift das Gegengift wahrnehmen; sie lehrt uns in scheinbarem Widerstreit oft tiefinnerliche Übereinstimmung, im Häßlichen und Schädlichen vielfach unvermeidliche Durchgangspunkte und Vorstufen zu Schönem und Heilsamem erkennen. Sie führt insofern zu glimpflicher Beurteilung der Welteinrichtung nicht minder als geschichtlicher Erscheinungen. Sie ruft "Theodiceen" hervor und desgleichen "Rettungen" von Individuen sowohl als von ganzen Epochen und Lebensformen. Sie erzeugt historischen Sinn und steht religiös-optimistischen Strömungen nicht ferne, wie denn das Erstarken dieser Richtungen im Zeitalter der Romantik in Wahrheit mit der Wiedererweckung des Heraklitismus Hand in Hand ging. Allein eben dieselbe Geistesverfassung wirkt auch dadurch, daß sie die einseitige Bestimmtheit des Urteils aufhebt, in hohem Maße autoritätsfeindlich. Die aufs äußerste gesteigerte Beweglichkeit und Geschmeidigkeit des Denkens ist der Starrheit unverrückbarer Satzungen im innersten abhold. Wo alles in Fluß begriffen erscheint, jedes Einzelphänomen als Glied einer Kausalkette angesehen, als vergängliche Entwicklungsphase betrachtet wird: wie sollte da die Geneigtheit dauern können, vor einem vereinzelten Erzeugnis des unaufhörlichen Wandelprozesses als vor etwas Ewigem und Unantastbarem in den Staub zu sinken?

Man kann mit Fug sagen: der Heraklitismus ist historisch-konservativ, weil er in allem Negativen auch das Positive auf weist; er ist radikal-revolutionär, weil er in allem Positiven auch das Negative aufdeckt. Er kennt nichts Absolutes, weder im Guten noch im Schlechten. Darum kann er nichts unbedingt verwerfen, aber auch nichts unbedingt anerkennen. Die Bedingtheit seiner Urteile flößt ihm historische Gerechtigkeit ein; allein sie hindert ihn auch, sich bei irgendeiner Gestaltung als einer endgültigen zu beruhigen.¹

Doch von den letzten, bis in die Gegenwart herabreichenden Ausflüssen heraklitischer Lehren tut es not, wieder zu ihren Quellen emporzusteigen. Schon mehr als einmal ist uns unter den Namen der Männer, die auf Heraklit Einfluß geübt haben, der des Pythagoras und jener des Xenophanes begegnet. Auch diesen Denkern hat es nicht an Vorläufern gefehlt. So viele Ströme des regen Geisteslebens dieser Jahrhunderte fließen neben- und zum Teil ineinander, daß es kaum möglich ist, einen derselben beharrlich zu verfolgen, ohne andere, nicht minder wichtige zeitweilig aus den Augen zu verlieren. Es scheint nunmehr an der Zeit, umzukehren und vielleicht schon allzulange Versäumtes nachzuholen.

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