Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 01
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 01

In einem Walde, in den er von Schlaf umfangen bei Nacht sich verirrt, erblickt der Dichter bei Tagesanbruch einen Hügel, den er zu besteigen beginnt, als drei Thiere, ein Panther, ein Löwe und eine Wölfin ihm entgegentreten. Dem voll Furcht Zurückeilenden begegnet Virgil, den er um Schutz, namentlich gegen die Wölfin, anruft. Virgil theilt ihm mit, daß er einen andern Weg einschlagen müsse, da die Wölfin Jeden hemme und erst später durch einen Windhund ihr Ende finden werde; er bietet sich zum Führer durch Hölle und Fegefeuer an; durch das Paradies werde eine andere Seele ihn geleiten. So brechen sie auf.

Ich fand auf unsers Lebensweges Mitte [*]Die Mitte des Lebens ist nach Psalm 90, 10 das 35. Jahr; dies erreichte der Dichter im J. 1300, in welches also die Vision fällt.
In eines Waldes Dunkel mich verschlagen, [*]Der dunkle Wald bedeutet das an Irrthum reiche Leben; in besonderer Beziehung den wirren politischen Zustand Jtaliens zu Dantes Zeit.
Weil sich vom rechten Pfad verirrt die Schritte.

Ach, wie so schwer und hart ist es zu sagen,
Wie wild der Wald war, wie so rauh und dicht;
Schon die Erinnrung weckt mir neues Zagen. [*]Im Momente der Abfassung des Gedichtes war der Dichter den Irrthümern seiner Jugend enthoben; aber schon die Erinnerung an sie erfüllt ihn mit Verzagen.

Der Tod sogar ist wohl viel herber nicht,
Doch eh ihr hört, welch Heil ich dort gefunden,
Geb' ich von Andrem was ich sah Bericht.

Mich hielt so ganz des Schlafes Macht gebunden, [*]Der Schlaf bedeutet die Verdüsterung des geistigen Lichtes, welche in Irrthum führt.
Daß ich nicht weiß, wie ich mocht' hin gelangen,
Zur Zeit, da mir der wahre Weg entschwunden.

Ich kam an eines Hügels Fuß gegangen, [*]Der Hügel, als schöner Berg, als Ursach aller Wonnen (1, 77 f.) bezeichnet, ist die Tugend.
Der an dem Ausgang jenes Thals gelegen, [*]Am Ende der Waldschlucht.
Das mir die Seel' erfüllt mit Furcht und Bangen.

Da schaut' ich aufwärts, und sah mir entgegen
Den Gipfel glühn von des Planeten Schein, [*]Die Sonne, die im ptolemäischen Systeme noch als Planet galt.
Der Andre recht geleitet allerwegen.

Da schlief ein wenig mir das Bangen ein,
Das in des Herzens See mir fortgedauert
Die Nacht, die ich verlebt in solcher Pein.

Und wie, wer athemlos und angstdurchschauert
Entflohn des Meers Gefahren ans Gestad,
Zurückschaut nach der Fluth, die tückisch lauert,

So wandt' im Fliehn vom Ort, den ich betrat,
Mein Geist sich rückwärts, nach der Felsschlucht sehend,
Die lebend Keiner ließ, der ihr genaht. [*]Der sittliche Tod ist gemeint, den Verirrung und Sünde bringt.

Nach kurzer Rast des Leibes weiter gehend,
Stieg ich den wüsten Abhang nun bergan,
Fest immer auf dem tiefern Fuße stehend.

Da kam, als noch die Steile kaum begann,
Bedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder,
Behend und leicht ein Pantherthier heran. [*]Der Panther d. h. die Sinnenlust, die Wollust. Sie stellt sich dem nach Tugend strebenden Menschen in der Jugend zuerst entgegen.

Das wich vor meinem Angesicht nicht wieder,
So daß ich hielt in meinem Wandern inne
Und oft an Rückkehr dacht' ins Thal hernieder.

Es war die Zeit am Morgenanbeginne,
Auf stieg die Sonn' und jener Sterne Helle,
Die sie begleiteten, als Gottes Minne

Die schöne Welt schuf an der Zeiten Schwelle, [*]Der Morgen des 25. März, an welchem, der Tradition nach, Gott die Welt erschuf.
So daß kein Unheil zu befürchten war
Von jenem Thiere mit dem bunten Felle

Zu solcher Stund' und süßer Zeit im Jahr;
Da ward mir neuer Grund zur Furcht gegeben,
Denn einen Löwen ward mein Blick gewahr. [*]Der Löwe d. h. der Ehrgeiz, welcher noch verzehrender als die Sinnenlust wirkt.

Erhabnen Hauptes schien er mir zu streben
Grad auf mich los in wildem Hungermuth,
So daß die Luft selbst schien vor ihm zu beben.

Und eine Wölfin, deren gierige Gluth
Und magres Aeußre deutlich schien zu zeigen,
Daß Vielen Unheil schon bracht' ihre Wuth. [*]Die Wölfin d. h. die Habsucht, das furchtbarste Laster; für Dantes Zeit besonders die Habsucht der Curie.

Vor dieser fühlt' ich so den Muth sich neigen
In Furcht, die ihrem Anblick mir entsprossen,
Daß mir die Hoffnung schwand, zur Höh' zu steigen.

Wie Dem, der nach Gewinn strebt unverdrossen,
Wenn des Verlierens Zeit für ihn gekommen,
Hält all sein Denken Leid und Harm umschlossen,

So macht mich das Unthier bangbeklommen;
Vor seinem Nahn mußt`ich zurück mich ziehn,
Dem Orte zu, wo nie der Tag entglommen.

Als ich zur Tiefe niederstürzt' im Fliehn,
Sah ich vor meinen Augen Einen stehen,
Der stimmlos mir durch langes Schweigen schien. [*]Das lange Schweigen bezieht sich auf die Vernachlassigung des Studiums Virgils im früheren Mittelalter.

Kaum hatt' ich Diesen in der Wüst`ersehen,
Rief ich ihm zu: Hilf mir in meinem Leide,
Ob Mensch, ob Schatten du, hör' auf mein Flehen.

'Nicht Mensch, ich war es,' gab er zum Bescheide.
'Lombarden waren Die, die mich erzeugten,
Aus Mantua entstammend alle beide.

Eh noch vor Caesar sich die Römer beugten,
Ward ich geboren, [*]Virgil war im J. 70 vor Chr. d. h. vor Cäsars Dictatur geboren. sah Augustus' Thron,
Zur Zeit der Götter, jener trugerzeugten.

Ich war Poet und sang Anchises' Sohn,
Den frommen, der aus Troja's Fall entronnen,
Nachdem verbrannt das stolze Ilion.

Doch du willst rückwärts zu des Grauens Bronnen?
Warum nicht bleibt der schöne Berg dein Ziel,
Der Anfang ist und Ursach aller Wonnen?'

So bist du also, rief ich, der Virgil,
Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen!
Ich sprachs mit Scham, die meine Stirn befiel.

O Ehr' und Licht der andern Kunstgenossen,
Jetzt fromme mir der Fleiß und Liebesdrang,
Der deines Buchs Verständniß mir erschlossen.

Mein Meister du, du Vorbild meinem Sang,
Du bists allein, aus welchem ich entnommen
Den schönen Stil, der Ehre mir errang. [*]Von Dantes Werken fallen vor das J. 1300 die 'Vita nuova' und lyrische Gedichte.

Sieh das Thier, das mir den Weg benommen; [*]Die Wölfin.
Ruhmvoller Weiser, sei vor ihm mein Hort,
Mir beben Puls und Adern angstbeklommen.

'Auf einem andern Wege mußt du fort',
Sprach er, nachdem er weinen mich gesehen,
'Willst du entrinnen diesem wüsten Ort.

Denn dieses Thier, das Anlaß deinem Flehen,
Läßt keinen Andern ziehen seine Straße,
Hemmt ihn so lang', bis es um ihn geschehen,

Und ist voll Tück' und Bosheit in dem Maße,
Daß seine schnöde Gier nie kann ermatten
Und nur sein Hunger wächst nach jedem Fraße.

Mit vielen Thieren wird sichs noch begatten,
Bis sich der edle Windhund wird erheben, [*]Nach allgemeiner Annahme Cangrande della Scala (mit Anspielung aus seinen Namen 'Can' = Hund), Herr von Verona, bei dem Dante während seiner Verbannung sich theilweise aufhielt und von dem er große Erwartungen für Italiens Zukuust hegte. Im J. 1300 stand er erst im zehnten Jahre.
Der unter Qual es stürzt ins Reich der Schatten.

Nicht Erz, nicht Erde wird ihm Nahrung geben, [*]d. h. ein nicht länder- und geldgieriger Mann.
Ihn nähren Weisheit, Lieb' und Tugend nur,
Der zwischen beiden Feltro kommt zum Leben, [*]Zwischen Feltro in der Treviser Mark und Montefeltro in Romagna ist er geboren.

Zum Heil für Welschlands tiefgebeugte Flur,
Für das die Maid Camilla mußt' erblassen,
Euryal, Turnus, Nisus Tod erfuhr. [*]Gestalten aus Virgils Aeneide: Camilla, die streitbare Tochter des Volskerkönigs, Turnus, König der Rutuler, die in der Vertheidigung Latiums gegen Aeneas fielen; das Freundespaar Nisus und Euryalus, die im Kampfe für Aeneas, den neuen Herrn von Latium starben.

Er jagt es hin durch aller Städte Gassen,
Bis er es in die Hölle wird versenken,
Aus der zuerst der Neid es hat entlassen.

Zu deinem Besten ists, so muß ich denken,
Daß du mir folgst; ich will dein Führer sein
Und dich von hier durch ewige Räume lenken.

Dort wirst du hören der Verzweiflung Schrei'n,
Wirst alte Geister schau'n, die brünstig flehen
Um einen zweiten Tod in ihrer Pein. [*]Die Bewohner der Hölle, die sich, jedoch vergebens, nach dem 'zweiten Tode', dem Tode der Seele sehnen.

Wirst Andre dann in Feuergluthen sehen
Und doch zufrieden, weil zum seligen Chor,
Wann es auch sei, sie hoffen einzugehen. [*]Die Seelen im Fegefeuer.

Willst du auch noch zu dessen Höh'n empor, [*]Zu den Höhen des seligen Cbores d. h. zum Paradiese.
Wird eine würdigere Seel' erscheinen, [*]Beatrix, Dantes Jugendgeliebte.
Der lass' ich dich, nachdem ich schied zuvor.

Denn der als Kaiser droben herrscht, läßt Keinen,
Den ich geführt, eingehn in seine Stadt,
Weil sein Gesetz ich nicht gemacht zum meinen. [*]Virgil als Heide kann den Dichter nicht ins Paradies begleiten; auch deshalb nicht, weil er nur die irdische Vernunft und Weisheit vertritt; die göttliche Weisheit, deren Vertreterin Beatrix ist, führt ihn deshalb dorthin.

Er herrscht in aller Welt, doch Herrscherstatt
Und Hochsitz hat er dort sich ausersehen: [*]Dort, im Paradiese, ist er unmittelbar gegenwärtig wirkend.
Wohl dem, den er dahin berufen hat.'

O Dichter, sprach ich drauf, vernimm mein Flehen!
Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt!
Um diesem Leid und schlimmrem zu entgehen, [*]'Diesem Leid' d. h. dem dunklen Walde und den ihn bedrängenden Thieren; 'und schlimmrem' d. h. den schlimmen Folgen, wenn er in die Gewalt jener Thiere geräth.

Führ an die Stätte mich, die du genannt,
So daß ich schauen möge Petri Pforte [*]Petri Pforte is im Fegefeuers (9, 76).
Und Jene, die zu ewiger Qual verbannt. [*]Die Höllenbewohner.

Da brach er auf, ich folgt' ihm von dem Orte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 02
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 02

Anruf der Musen. Dante spricht gegen Virgil seinen Zweifel aus, ob er befähigt zu der Wanderung sei; Aeneas und Paulus seien Ausnahmen, denen er sich nicht vergleichen dürfe. Virgil, um ihn zu ermuthigen, erzählt ihm den Anlaß seines Kommens: Beaitrix, ihren Platz im Himmel verlassend, habe ihn aufgesucht und beauftragt Dante beizustehen, nachdem sie selbst durch Lucia, und diese durch ein edles Weib im Himmel auf die Gefahr des Freundes und die Nothwendigkeit der Hülfe aufmerksam gemacht worden. Dadurch ermuthigt schreitet Dante mit Virgil dem Eingang der Hölle zu.

Der Tag entschwand, Nachtdunkel brach herein,
Die Wesen alle, die auf Erden walten,
Enthebend ihren Müh'n; nur ich allein

Hielt mich bereit, die Drangsal auszuhalten
Des Mitleids und der Fahrt, die irrthumsfrei
Erinnerung nun möge hier entfalten.

O hoher Geist, o Musen, steht mir bei!
Erinnrung, die du schriebst was ich gesehen,
Jetzt zeige du, ob Adel in dir sei.

Du, sprach ich, der als Führer mit will gehen,
Erwäg', ob hinreicht meine Tüchtigkeit,
Eh du so Großes lässest mich bestehen.

Du sagst, daß Sylvius' [*]Aeneas; Virgil (Aeneide 6. Buch) läßt ihn als Lebenden in die Unterwelt hinabsteigen. Vater in der Zeit
Des Erdenwallens, als ein Sinnenwesen,
Hinab zur Welt stieg der Unsterblichkeit.

Doch wenn des Bösen Feind [*]Wenn Gott in Anbetracht dessen, daß Aeneas der Begründer des römischen Reiches werden sollte, mit ihm eine Ausnahme machte. ihm hold gewesen,
Des hohen Zwecks gedenk, weil er gebar
Den edlen Stamm, zu hohem Ziel erlesen,

So ist dies jedem tiefern Denker klar,
Weil er, um Rom und Roma's Reich zu gründen,
Im Empyreum [*]So heißt der höchste Himmel, in welchem Gott selbst seinen Sitz hat. auserkoren war.

Denn Rom und Reich - um Wahrheit zu verkünden -
War zu dem heiligen Ort bestimmt schon lang,
Darauf des Petristuhles Säulen stünden.

Auf diesem durch dein Lied berühmten Gang
Hat Kenntniß alles dessen er empfangen, [*]Durch seinen Vater Anchises, der ihm die Schicksale Roms prophezeite.
Was ihm den Sieg, dem Papst den Thron errang.

Ist das erwählte Rüstzeug eingegangen, [*]Paulus, das 'Gefäß der Auserwählung' (Apostelgeschichte 9, 15), der in den Himmel verzückt wurde (2. Korinther 12, 2 ff.).
So war's, um Kraft zu holen für den Glauben,
Durch den allein das Heil ist zu erlangen.

Doch wie käm' ich dahin? Wer wills erlauben,
Da ich Aeneas nicht, nicht Paulus bin,
Noch ich und Andre mich deß würdig glauben?

Drum, geb' ich mich dem Drang zu gehen hin,
So fürcht' ich sei's ein thörichtes Bestreben;
Besser als ich weiß das dein weiser Sinn.

Wie Einer, der Gewolltes aufgegeben,
Den Vorsatz ändert durch ein neu Erwägen
Und des Beginnens gänzlich sich begeben:

So ging es mir auf diesen dunklen Wegen,
Vom ersten Plan durch Denken abgewandt,
Den ich so rasch ergriff und so verwegen.

'Falls deine Rede richtig ich verstand,'
Ließ sich des Hohen Schatten drauf vernehmen,
'Hat deine Seele Feigheit übermannt,

Die dergestalt den Mann vermag zu lähmen,
Daß er die ehrenvolle Bahn läßt sein,
Gleich wie ein Thier, das scheu vor falschen Schemen.

Ich will, um von der Furcht dich zu befrei'n,
Warum ich kam, was ich gehört, erzählen,
Dort wo zuerst ich mich erbarmte dein.

Ich weilte bei den unentschiedenen Seelen, [*]Im sogenannten Limbus, wo die Seelen der tugendhaften Heiden verweilen.
Da rief ein Weib [*]Beatrix. mich, selig und so schön,
Daß ich sie bat, nur gleich mir zu befehlen.

Ihr Auge strahlte wie an Himmelshöh'n
Die Sterne, dann mit Worten, langsam leisen,
Begann sie süß wie Engelklangs Getön:

"O Mantuanerseele, hoch zu preisen,
Deß Ruhm gedauert hat und dauern wird
In dieser Welt, so lange sie wird kreisen.

Mein Freund, [*]Dante. der nicht der Freund des Glückes, irrt
Am wüsten Hang, [*]Vgl. 1, 29 weil Wahn im Weg ihn störte,
Daß er sich rückwärts wandt', in Furcht verwirrt.

Schon so verirrt ist, fürcht' ich, der Bethörte,
Daß ich zu spät zum Schutz mich aufgemacht,
Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte.

Auf denn ! durch deines edlen Rede Macht -
Und alles was ihm nöthig zum Entrinnen,
Hilf ihm ! auch mir wird Trost dadurch gebracht.

Ich bin Beatrix, die dich treibt von hinnen;
Zurück, woher ich komme, sehn' ich mich.
So reden hieß mich Lieb' und dies beginnen.

Steh' ich vor meinem Herrn, dann werd' ich dich
Oft rühmen und denke dein mit Preise."
Sie schwieg damit, und drauf begann nun ich:

Herrin der Kraft, [*]Der Tugend, die allein die menschliche Natur über alle andern Geschöpfe erhebt. durch die Natur und Weise
Des Menschen einzig alles überragen,
Um das des Mondes Himmel zieht die Kreise, [*]Alles, was aus der Erde ist, die von der Bahn des Mondes eingeschlossen ist.

Mich freut so sehr was du mir aufgetragen,
Daß selbst sofort gehorchen scheint zu spät;
Nicht brauchst du mehr mir deinen Wunsch zu sagen.

Doch sprich, wie kommt es, daß du nicht verschmäht
Herabzusteigen hier zu diesen Gründen
Vom lichten Raum, nach dem dein Sehnen steht?

"Wenn du auch dieses", sprach sie, "willst ergründen,
Warum ich nicht gescheut hier einzudringen,
So will ich dirs in kurzen Worten künden.

Furcht hegen darf man nur vor solchen Dingen,
In denen eine Kraft wohnt, die uns schade,
Vor andern nicht, sie können Furcht nicht bringen.

Also geschaffen hat mich Gottes Gnade,
Daß euer Elend gar nicht mich berührt
Und nichts mich anficht in dem Flammenbade. [*]Flammen sind in dem Limbus noch nicht, sondern erst in den tiefern Höllenkreisen. Sie kann ungefährdet durch alle Höllenkreise geben.

Ein edles Weib [*]Die Jungfrau Maria. im Himmel hat gerührt
Dies Irrsal so, zu dem du wirst entsendet, [*]Die Verirrung Dantes, zu dem Virgil entsandt wird.
Daß Gottes harter Spruch bleibt unvollführt,

Und zu Lucia [*]Lucia, 'die leuchtende', die Patronin der Augenkranken. Dante soll sie besonders verehrt haben, und heißt daher ihr Treuer. Hier allegorisch: die erleuchtende Gnade. Vgl. Fegefeuer 9, 55. Paradies 32, 137. flehend hingewendet,
Sprach sie: "Dein Treuer, jetzt bedarf er deiner;
Dem Schutzbefohlnen sei dein Schutz gespendet."

Und sie, der Härte Feindin, milde seiner
Gedenk, kam zu dem Orte, wo ich war,
Wo bei der greisen Rahel Sitz war meiner. [*]Beatrix sitzt (Paradies 32, 9) neben Rahel, dem Bilde des beschaulichen Lebens.

Sie sprach: "Beatrix, Gottes Preis fürwahr,
Was hilfst du nicht dem Manne, der aus Liebe
Zu dir vermied des niedern Pöbels Schar,

Als wenn dein Ohr taub seinen Klagen bliebe?
Siehst du den Tod nicht, der im Strome dort [*]Das stürmereiche Menschenleben gleicht einem Strom, der noch gefahrvoller als das Meer ist.
Ihm härter droht, als wenn im Meer er triebe?"

So schnell eilt Niemand, Schaden fliehend, fort
Zu dem, was ihm zum Vortheil möge frommen,
Als ich, da ich vernommen dieses Wort.

Von meinem seligen Sitz bin ich gekommen,
Weil deiner würdigen Rede Kraft ich kannte,
Die dich und jeden ehrt, der sie vernommen." [*]Jeden, der dem Studium deiner Werke sich hingibt.

Nachdem sie dies zu mir gesprochen, wandte
Sie ihre Strahlenaugen, voll von Zähren,
Wodurch ich nur noch mehr zu eilen brannte.

So komm' ich denn zu dir auf ihr Begehren,
Dich vor dem Thier zu retten, dem's gelang,
Dir graden Weg zum schönen Berg zu wehren. [*]Vor der Wölfin; vgl. 1, 58 ff.

Was ist es nun? was säumest du noch lang?
Wie hegt dein Herz so wenig Selbstvertrauen,
Warum nicht Muth und kühnen Thatendrang?

Da drei so hochgebenedeite Frauen
Im Himmel sorgen, daß du kommst ans Ziel,
Und dich mein Wort so hohes Heil läßt schauen?'

Wie Blumen, die ein nächtiger Reif befiel,
Gesenkt sich schließen, dann im Strahl der Sonnen
Aufrichten und erschließen Kelch und Stiel:

So fühlt' ich, dem sonst alle Kraft zerronnen,
Im Herzen Zutraun neu und wundersam,
Und sprach wie Der, der frischen Muth gewonnen:

Sie Gnädige, die mir zu Hülfe kam!
Dank auch dir, Gütiger, der sich folgsam zeigt
Dem Wahrheitswort, das er von ihr vernahm.

Du hast in Sehnsucht mir das Herz geneigt -
Gemacht durch deine Rede zu dem Gange,
Daß neu empor der erste Vorsatz steigt.

Drum auf! wir zwei, erfüllt von gleichem Drange,
Mein Führer du, mein Herr und Meister du!
Ich sprachs zu ihm und schritt auf waldigem Hange,

Von ihm geführt, dem düstern Eingang zu.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 03
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 03

Dante und Virgil kommen an das Thor der Hölle und treten ein. Seufzen und Klagen tönt ihnen entgegen. Hier sind die Thatenlosen, die weder Ehre noch Schande auf Erden erworben, und daher von Himmel wie Hölle ausgeschlossen sind. Sie ziehen nackt einer Fahne nach, von Wespen und Bremsen blutig gestochen. Die Dichter gelangen zum Acheron, wo Charon die Seelen übersetzt. Er will Dante als Lebenden zurückweisen, beruhigt sich aber bei Virgils Mittheilung, daß höherer Wille es so wolle. Zahllose Scharen von Seelen drängen sich an das Ufer. Plötzlich erbebt das Gefilde, es blitzt und stürmt, Dante sinkt bewußtlos hin.

‘Durch mich gehts ein zur Stadt der Qualerkornen,
Durch mich gehts ein zum Ort der ewigen Trauer,
Durch mich gehts ein zum Voke der Verlornen.

Gerechtigkeit trieb meinen hoh'n Erbauer,
Es schuf Allweisheit, sich zu offenbaren,
Allmacht und erste Liebe meine Mauer. [*]Allmacht, Allweisheit und Allliebe als Symbol der Dreieinigkeit, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.

Die Dinge, die vor mir erschaffen, [*]Die Engel sind gemeint. waren
Von ewiger Art, und ewig währ' auch ich:
Laßt, die ihr eingeht, alles Hoffen fahren.’

In dunkler Farbe wies geschrieben sich
Mir dieser Spruch am Giebel einer Pforte.
Herr, sprach ich, schwer dünkt sein Verständniß mich.

Er, der Erfahrne, sprach zu mir die Worte:
‘Hier ziemts, daß jeder Zweifel sei verbannt,
Und jeder Kleinmuth sterb' an diesem Orte.

Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt,
Wo du das jammervolle Volk wirst schauen,
Dem der Erkenntniß hohes Gut entschwand.’ [*]Das das Anschauen Gottes verloren hat.

Er faßte meine Hand, indeß Vertrauen
bei seiner heitern Miene neu mir schwoll;
Dann führt' er mich in der Mysterien Grauen.

Geseuf' und Klagen, lauter Wehruf scholl
Hier durch die Luft, die keine Stern' erhellten,
Daß mir zuerst ein Thränenstrom entquoll.

Verschiedne Sprachen, greuelvolles Schelten,
Schmerzvolle Worte, Töne zornentbrannt,
Faustschläge, rauh' und tiefe Stimmen gellten,

Wodurch ein ständig Brausen denn entstand,
Das durch die ewig dunklen Lüfte kreist,
Wie bei des Wirbels Wehen thut der Sand.

Ich, dem Entsetzen einnahm Haupt und Geist,
Sprach: Was, o Meister, hat sich hier erhoben?
Welch Volk ist dies, das so der Schmerz zerreißt?

Und er zu mir: ‘Dies jammervolle Toben
Rührt her von jener traurigen Schar Gebahren,
Die weder Lob noch Schand' erwarb dort oben. [*]Die Thatenlosen, Indifferenten.

Sie sind gesellt zu den nichtswürdigen Scharen
Der Engel, die getreu nicht ihrem Gotte
Noch wider ihn, nein! unentschieden waren. [*]Die bei der Empörung Lucifers gegen Gott keine Partei nahmen.

Der Himmel stößt sie aus, die ihm zum Spotte
Gereicht, der Hölle Schlund empfängt sie nicht,
Weil Ruhm sie brächten der Verdammten Rotte.’ [*]Die Verdammten würden sich rühmen können, doch noch mehr werth zu sein als diese, die gar nichts thaten.

Drauf sprach ich: Welches Schmerzes schwer Gewicht
Weckt solche Klagen, die ins Herz mir schneiden?
Und er: ‘Davon geb' ich dir kurz Bericht.

Nicht Todeshoffnung mildert ihre Leiden;
Ihr blindes Leben, trüb und immer trüber,
Macht, daß sie jedes andre Loos beneiden.

Es bleibt kein Ruhm der Welt von ihnen über,
Die so die Gnade wie das Recht verschmäht.
Nichts mehr von ihnen! schau und geh vorüber!’

Ich blickte hin und sah, im Kreis gedreht,
Dort eine Fahne, so schnell umgeschwungen,
Daß sie zur Rast sich, scheint es, nie versteht.

Dahinter kam ein Völkerzug gedrungen,
So endlos lang, ich hätte nie geglaubt,
Daß so viel Menschen schon der Tod verschlungen.

Nachdem erkannt ich dies und jenes Haupt,
Sah ich den Schatten Deß, der feig aus Zagen
Auf Großes zu verzichten sich erlaubt. [*]Papst Coelestin V, der, 1294 gewählt, fünf Monate nachher, durch den Cardinal Benedikt Caetani beredet, abdankte, woraus Benedikt als Bonisaz VIII Papst wurde. Dante tadelt seine Abdankung besonders deswegen, weil dadurch der Mann auf den päpstlichen Stuhl kam, dem der Dichter sein und Italiens Unglück hauptsächlich zuschreibt.

Nun wußt' ich klar und konnt' es selbst mir sagen,
Dies sei der schmachbeladnen Seelen Schar,
Die Gott und seinen Feinden mißbehagen.

Das Jammervolk, das niemals lebend war,
war nackend und von Wespen rings umflogen
Und Bremsen, die's zerstachen ganz und gar.

Davon war ihr Gesicht mit Blut durchzogen,
Das thränenuntermischt am dunklen Grund
Von eklen Würmern dann ward aufgesogen.

Als weiter ich den Blick entsandt im Rund,
Sah ich an eines großen Stroms Gestade
Ein Volk und sprach: Nun, Meister, thu mir kund,

Wer diese sind, und warum sie gerade
Zur Ueberfahrt, so viel ich seh' davon
Beim Dämmerlicht, so hastig ziehn die Pfade?

Und er zu mir: ‘All dies erfährst du schon,
Wenn uns der Weg zum Ruhepunkt getragen
Am trauervollen Rand des Acheron.’

Zu Boden nun aus Scham den Blick geschlagen,
Besorgt daß ihm mein Reden lästig wär',
Enthielt ich bis zum Fluß mich weitrer Fragen.

Und sieh! es kam ein Greis zu Schiff daher, [*]Charon, der Fährmann der Hölle.
Grad auf uns los, mit altersbleichen Haaren.
‘Weh euch, verruchte Seelen!’ wettert' er.

‘Hofft nie das Himmelslicht mehr zu gewahren;
Ich komm' euch an das andere Gestad,
In ewige Nacht, in Hitz' und Frost zu fahren.

Du Seele da, die lebend uns genaht, [*]Er redet Dante an. Nachahmung von Virgils Aeneide 6, 387 ff.
Hinweg von diesen, die dem Tod erlegen!’
Dann, als er sah, daß ich nicht rückwärts trat:

‘Durch andre Häfen und auf andern Wegen,
Nicht hier kommst du zur Ueberfahrt’, so schreit er;
‘Dich trägt ein Boot, das leichter zu bewegen.’ [*]Das Todtenschiff kann einen Lebenden nicht tragen. Zugleich weist er auf das (Fegefeuer 2, 42) von dem Engel gelenkte Boot hin.

‘Sei ruhig, Charon’, so sprach mein Begleiter;
‘So will mans droben, wo ein jedes Wollen
Zugleich ein Können: frage drum nicht weiter.’

Da ward es ruhig in dem haarevollen
Gesicht des Fährmanns in dem Reich der Schatten,
Dem Feuerräder um die Augen rollen.

Doch jener Seelen Schar, der nackten, matten,
Entfärbte sich, es knirschte Zahn auf Zahn,
Als sie das grause Wort vernommen hatten.

Sie fluchten Gott und Eltern wild im Wahn,
Der Menschenbrut, dem Ort, der Zeit, dem Samen
Ihrer Geburt, draus Ursprung sie empfahn.

Worauf sie insgesammt den Rückzug nahmen
Mit lauten Klagen zu dem bösen Strande,
Der Aller harrt, die lästern Gottes Namen.

Charon der Dämon, mit dem Feuerbrande
Der Augen winkend, treibt mit Ruderstoß
Zusammen all die Säumigen am Lande.

Wie sich im Herbst vom Ast die Blätter los
Eins nach dem andern reißen, bis sie alle
Zu seinen Füßen ruhn im Erdenschoß:

So stürzt sich, Mann für Mann, in jähem Falle
Vom Ufer Adams böse Brut zum Bord,
Wie Vögel treibt der Lockruf in die Falle.

So ging es übers düstre Wasser fort,
Und eh sie jenseits noch gelangt zum Strande,
Häuft neue Schar sich am diesseitigen Ort.

‘Sohn’, sprach der Meister mild, ‘all die zum Rande
Des Grabes kamen unter Gottes Zorn,
sind hier versammelt aus jedwedem Lande.

Zur Ueberfahrt drängt Jeder sich nach vorn,
Die Furcht verkehrt sich ihnen in Verlangen,
Weil göttliche Gerechtigkeit ihr Sporn. [*]Damit beantwortet Virgil Dantes Frage V. 73 ff.

Kein guter Geist ist je den Weg gegangen
Und drum begreifst du auch, warum so wild
Mit Schelteworten Charon dich empfangen.’

Er sprach es, und das düstere Gefild
Erbebte so, daß Angstschweiß noch zur Stunde
Mich badet, taucht mir auf dies Schreckensbild.

Ein Windstoß fuhr aus dem bethränten Grunde,
Aus dem sich nun ein rothes Licht entrang. [*]Es ist an etwas wie ein Erdbeben zu denken, das Dante in Ohnmacht versetzt. Dante hat absichtlich unklar gelassen, wie er, der Lebende, in das Todtenreich hinüberkommt.
Darob entschwand mir meines Daseins Kunde,

Und ich fiel hin wie wen der Schlaf bezwang.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 04
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 04

Erwacht sieht sich Dante jenseit des Acheron im Höllenvorhof, wo man keine Klagen, nur Seufzer vernimmt. Hier weilen die tugendhaften Heiden und die ungetauft gestorbenen Christenkinder. Virgil berichtet auf Dantes Frage, daß viele Seelen von Christus diesem Vorhof entführt worden seien. In einem abgesonderten Kreise befinden sich die Dichter Homer, Horaz, Ovid und Lucan, die Virgil begrüßen und Dante in ihre Mitte aufnehmen. Sie gehen einem Feuer zu und gelangen zu einem von sieben Mauern umfangenem Schlosse, in dessen Mitte auf grüner Aue die Seelen edler Männer und Frauen, Philosophen, Naturforscher sich aufhalten. Virgil und Dante setzen dann ihren Weg allein fort.

Den tiefen Schlaf im Haupt brach mir mit Krachen
Ein Donner, und ich fuhr empor wie Der,
Den man gewaltsam nöthigt zum Erwachen.

Mein ausgeruhtes Auge schweift' umher;
Grad aufgerichtet, blickt ich in die Runde,
Die Stätte zu erspähn, an der ich wär'.

Und ich erfand mich an dem jähen Schlunde
Des schmerzenvollen Thales, [*]Die Hölle im Ganzen ist hier gemeint. dessen Kluft
Endloser Klagen Donner birgt im Grunde.

Tief war es, dunkel, nebelvoll die Luft,
Und unterscheiden konnt' ich dort nichts weiter,
Wie forschend auch der Blick drang in die Gruft.

Und todtenbleich begann nun mein Geleiter:
‘So mög' uns denn die blinde Welt umfangen;
Ich sei der erste, folge du als zweiter.’

Und ich, dem sein Erbleichen nicht entgangen,
Sprach: Wie komm' ich hinab, wenn du willst zagen,
Der du mein Trost in meines Zweifels Bangen?

Und er zu mir: ‘Das jammervolle Klagen
Des Volkes da drunten malt auf mein Gesicht
Des Mitleids Farbe; nimm es nicht für Zagen.

Auf, säumen läßt der lange Weg uns nicht.’
So trat er ein, so sah ich mich gekommen
Zum ersten Kreise, der den Schlund umflicht. [*]Die Höllenkreise bilden einem nach unten gehenden sich verengenden Trichter. Jeder folgende Kreis liegt tiefer als der vorausgehende; je zwei sind durch einen Felsenhang geschieden.

Dorther entstieg, so viel mein Ohr vernommen,
Kein Klageruf, es bebte nur wie Weiden
Die ewige Luft von Seufzern bangbeklommen. [*]Es ist der Aufenthalt der tugendhaften Heiden.

Und dieses kam von marterlosem Leiden,
Das viele große, ungezählte Scharen
Von Kindern, [*]Die Kinder christlicher Eltern, wenn sie vor der Taufe starben, sind ebenfalls in diesem Kreise. Fraun und Männern dort erleiden.

Der Meister sprach: ‘Und willst du nicht erfahren,
Was dies für Geister, die du schaust allhie? [*]Dante wagt nicht zu fragen; vgl. 3, 80.
Laß, eh du fortgehst, mich dirs offenbaren.

Nicht Sünder sind sie; doch Verdienst kann nie
Der Taufe Mangel zum Ersatze dienen,
Denn deines Glaubens Pforte ja ist sie.

Sie lebten, eh das Christenthum erschienen,
Drum dienten Gott nicht würdig ihre Seelen; [*]Nur die an den verheißenen Christus glaubten, gelangten zur Seligkeit, auch wenn sie vor Christo lebten; vgl. Paradies 20, 122. 32, 22.
Und auch ich selbst bin einer unter ihnen. [*]Virgil starb l9 Jahre vor Christi Geburt.

Um diesen Mangel, nicht um andres Fehlen
Sind wir verdammt in solch ein leidvoll Leben,
Daß hoffnungslos wir uns in Sehnsucht quälen.’

Als ich das hörte, fühlt' ich schmerzlich beben
Mein Herz, weil Seelen höchsten Werthes ich
Gewahrt' in diesem Höllenvorhof schweben.

Sprich, o mein Meister, mein Gebieter, sprich,
Begann ich, um Gewißheit zu gewinnen
Des Glaubens, vor dem jeder Irrthum wich:

Half Keinem eigenes Verdienst von hinnen
Noch fremdes, daß er kam ins selige Land?
Und er, durchschauend mein geheimes Sinnen, [*]Dante hat Christi Höllenfahrt im Sinne bei dem 'fremden' Verdienst (V. 50).

Versetzt: ‘Ich war noch neu in diesem Stand, [*]Christi Höllenfahrt war 52 Jahre nach Virgils Tode.
Da ist ein Mächtiger hereingekommen,
Dem um die Stirn des Sieges Kranz sich wand.

Den ersten Vater hat er mitgenommen, [*]Adam.
Und Abel, seinen Sohn, und Noahs Schatten,
Und Moses, des Gesetzes Hort, den frommen,

David und Abram, Joseph, Rahels Gatten, [*]Jacob.
Sie selbst, die langumworbne, [*]Indem Jacob vierzehn Jahre um sie freite. und die Schar
Der Söhne, die durch ihn das Dasein hatten:

Sie macht' er selig und viel' andre gar,
Und wissen sollst du, daß vor ihnen keine
Menschliche Seele je erlöset war.’

Wir standen still, indeß er sprach, nicht eine
Minut' im Hain, den rüstig wir durchschritten,
Ich mein' in der gedrängten Geister Haine.

Wir hatten wenig erst des Wegs durchschritten
Vom Gipfel, [*]Vom Gipfel des Abhanges, der den ersten Kreis vom der Vorhölle trennt. als ich Feuer strahlen sah
In dieser finstern Hemisphäre Mitten.

Wir waren zwar dem Ort nicht völlig nah,
Doch nicht so fern, daß nicht zu sehen wäre,
Nur auskerkorne Seelen weilten da.

Du, aller Künst' und Wissenschaften Ehre,
Wer sind denn diese, die solch Ansehn haben,
Daß sie getrennt hält von der Andern Heere?

Und er zu mir: ‘Der Name hoch erhaben,
Der sie noch droben schmückt in deinem Leben, [*]Der Nachruhm, den sie sich erworben haben.
Schafft ihnen dieses Vorzugs Gnadengaben.’

Da hört' ich eine Stimme sich erheben:
‘Laßt uns dem hohen Dichter [*]Virgil, der diesen Kreis aus Beatricens Anregung verlassen hatte. Ehr' erzeigen
Sein Schatten kehrt, der sich hinwegbegeben.’

Als diese Stimme dann versank in Schweigen,
Sah ich heran vier hehre Schatten schreiten,
Ihr Antlitz schien nicht Luft noch Schmerz zu zeigen.

Da sprach der gute Meister mir zur Seiten:
‘Sieh Diesen, in der Hand das Schwert, [*]Das Schwert trägt Homer als Sänger der Iliade, des eigentlichen Heldenliedes. voran
Den Dreien gehn, als Herrscher sie zu leiten.

Du  siehst Homer, den Dichterfürsten, nahn,
Sodann Horaz, den Dichter der Satiren,
Dann kommt Ovid, als letzter folgt Lucan.

Weil sie wie ich den gleichen Namen führen,
Der mir ertheilt von jener Stimme war, [*]Den Dichternamen, mit welchem jene Stimme (V. 80) Virgil bezeichnet hatte.
Thun sie mir Ehr' an und thun nach Gebühren.’

So stand vereint die schöne Jüngerschar
Des Meisters im erhabensten Gesange, [*]Auch hier ist Homer gemeint.
Der ob den andern schwebt gleich wie ein Aar.

Sie sprachen mit einander, doch nicht lange,
Worauf sie grüßend mich willkommen hießen,
Und lächelnd stand mein Meister beim Empfange.

Mehr Ehre ließen sie mich noch genießen,
Vergönnend, ihrer Schar mich als Geselle,
Als sechster solchen Geistern anzuschließen.

So schritten wir nun vor bis zu der Helle [*]Zu dem in V. 68 erwähnten Feuer.
Und sprachen was ich hier verschweigen muß,
Weil dort davon zu reden war die Stelle.

Wir nahten eines edlen Schlosses Fuß,
Von hohen Mauern siebenfach umfangen [*]Die sieben Mauern sind wohl sieben Tugenden, die auch der Heide ohne den christlichen Glauben üben kann. Nach Andern die sieben freien Künste.
Und rings geschirmt durch einen schönen Fluß.

Der ward von uns wie trocken Land durchgangen,
Durch sieben Thore dann gings weiter fort
Zu einer Au in grünen Frühlingsprangen. [*]y

Ernstblickend ruhige Leute waren dort,
Mit hoher Würd' in allen ihren Mienen;
Sanft war ihr Ton, doch selten klang ihr Wort.

Wir wählten einen Platz, nicht fern von ihnen,
Wo freien Blick wir über alle hatten,
Hoch, hell und offen, wie sie da erschienen.

Uns gegenüber auf den grünen Matten
(Noch rühm' ich mich, daß dies mir ward erschlossen)
Wies mir mein Führer all die großen Schatten.

Ich sah Elektra [*]Elektra, Tochter des Atlas, Mutter des Dardanus, des Stammvaters von Troja. dort mit viel Genossen,
Erkannte Hektor und Aeneas, sah
Caesarn, deß Falkenaugen Blitze schossen.

Camilla war, Penthesilea da, [*]Penthesilea, die Amazonenkönigin, kämpfte und fiel für Troja; über Camilla vgl. 1, 107.
Zur andern Seite sah ich Fürst Latinen
Bei seiner Tochter, bei Lavinia. [*]Lavinia, die Gemahlin des Aeneas.

Ich sah den Brutus, der vertrieb Tarquinen, [*]Der ältere Brutus, der den Tarquinius Superbus stürzte.
Lucrezia, Julia, Martia, edle Frauen,
Cornelia [*]Julia, Caesars Tochter, Pempejus' Gemahlin; Martia, Catos Frau (vgl. Fegefeuer 1, 79); Cornelia, die Mutter der Gracchen. auch, und abseits Saladinen. [*]Saladin, der einzige orientalische Fürst, dem Dante diese wohlverdiente Auszeichnung einräumt.

Als ich ein wenig höher hob die Brauen,
Konnt' ich den Meister Aller, die da weise, [*]Aristoteles, den Dante daher meist schlechthin 'den Philosophen' nennt.
Umringt von Philosophenschülern schauen;

Vereint sie all' in seinem Ruhm und Preise.
Hier sah ich Plato, sah den Sokrates,
Am nächsten sie vor andern ihm im Kreise;

Sah Diogenen und Empedokles,
Sah, dem die Welt ein Zufall, Demokriten, [*]Weil man annahm, Demokrit hade sich die Welt aus zufällig zusammentreffenden Atomen entstanden gedacht.
Den Pflanzenforscher Dioskorides, [*]Er schrieb über die Eigenschaften der Pflanzen und Steine.

Zeno, Averroës, des Stagiriten
Erklärer, [*]Der Araber Averroes, der berühmteste mittelalterliche Commentator des Aristoteles, des Stagiriten (aus Stagira). Orpheus, [*]Orpheus und Linus, sein Lehrer, die Begründer der orphischen Weisheit. Anaxagoras,
Sah Ptolemäus, Linus, Herakliten,

Thales, Eukliden, der die Flächen maß,
Sah Avicenna, [*]Ein berühmter arabischer Arzt und Naturforscher. Hippokrat, Galenen,
Sah Tullius und die Strenge Seneca's.

Eingehend sprechen kann ich nicht von Jenen;
Des Stoffes Größe heißt so kurz mich sein,
Daß oft mein Wort nicht nachkommt dem Geschehnen.

Die Dichtersechszahl schmilzt auf zwei nun ein:
Mich führt auf anderm Pfad mein weiser Leiter
Aus stiller Luft in bebende hinein,

Und wo kein Schimmer hindringt, schritt ich weiter.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 05
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 05

Zweiter Kreis der Hölle. Am Eingang steht Minos und bestimmt durch die Zahl der Umschlingungen mit seinem Schweife die Abtheilung, in die jede ihm ihre Schuld beichtende Seele gehört. Er weist Dante zurück, wird aber von Virgil ebenso wie vorher Charon besänftigt. Dunkel und von Klagen und Geheul erfüllt ist der Kreis, in welchem die Seelen der der Wollust Fröhnenden vom Sturme umhergetrieben werden. Virgil nennt ihm die Namen vieler Männer und Frauen. Besonders fesselt ein Paar Dantes Aufmerksamkeit, das er mit Zustimmung Virgils anredet: Francesca da Rimini und Paolo Malatesta. Francesca erzählt ihm ihre Geschichte, während der Sturm schweigt. Dante, von Mitleid ergriffen, sinkt ohnmächtig nieder.

So stieg ich von dem ersten Kreis zum zweiten, [*]Mit diesem Kreise beginnen die Höllenstrafen.
Der kleinern Raum, doch größer Weh umschlingt,
Das Klagen auspreßt den Vermaledeiten.

Grimm, zähnefletschend steht hier Minos, [*]Als Höllenrichter. zwingt
Zu beichten jeden Schuldigen, wo er fehle,
Und fällt sein Urtheil, wie den Schweif er schwingt. [*]Die Zahl der Umschwingungen bezeichnet den Kreis der Hölle, in welchen die Seele kommt.

Ich meine: wenn die schlimmgeborne Seele
Hntritt vor ihn und alles ihm bekannt,
Dann sieht der tiefe Kenner jeder Fehle,

Für welchen Kreis sie paßt im Höllenland,
Und schwingt so oft den Schweif um sich im Runde,
Als Stufen abwärts er ihr zuerkannt.

In Menge stehn sie vor ihm jede Stunde,
Und nach einander gehn sie ins Gericht,
Bekennen, hören, stürzen fort zum Schlunde.

‘Du, der den Qualort zu betreten nicht
Gebebt’, rief Minos, als er mich erschaut,
Und unterbrach die große Richterpflicht,

‘Sieh was du thust und wem du dich vertraut!
Laß durch des Eingangs Weite dich nicht trügen.’
Mein Führer drauf: ‘Was schreist du denn so laut?

Laß ihn, er kommt auf höheres Verfügen;
So will man's droben, wo ein jedes Wollen
Zugleich ein Können; [*]Vgl. 3, 95. dies mag dir genügen.’

Nun lassen sich mir jene schmerzensvollen
Wehlaute hören, ich bin an der Stelle,
Wo Jammerufe mich erschüttern sollen.

Verstummt in diesem Raum ist jede Helle.
Er brüllt so wie, wenn wilden Kampf erhoben
Feindliche Winde, brüllt die Meereswelle.

Nie ruht des Höllenwirbelwindes Toben,
Er dreht und schwingt die Geister in die Nacht,
Nachdem er wild im Fluge sie gehoben.

Wenn sie dem Absturz nah zum Höllenschacht, [*]Dem inneren Kreise, der in die tiefere Hölle hinabführt.
Dann geht es an ein Jammern, Schrein und Klagen,
Dann flichen sie auf Gott und seine Macht.

Verdammt zu solcher Qual, so hört' ich sagen,
Sind alle, die hier Fleischessünder waren,
Wobei Vernunft der Lüste Joch muß tragen.

Und wie zur Winterszeit den Troß von Staren
Die Flügel tragen in gedrängter Zeile,
So treibt der Sturm der bösen Geister Scharen

Nun her, nun hin, hinauf, hinab in Eile.
Nie kann dem Volk der Trost der Hoffnung sprießen,
Nicht Ruh', nur Lindrung werd' ihm je zu Theile.

Wie Kraniche der Klage Laut ergießen,
Wenn sie die Luft durchziehn in langen Reih'n,
Sah ich ein Schattenheer vorüberschießen,

Vom Sturm getragen, klagend seine Pein. [*]Die Schar, die V. 42 ff. bezeichnet und mit Staren verglichen ist, und das mit Kranichen verglichene Schattenheer (46 ff.) bilden zwei Gruppen in diesem Kreise: die eine, rein sinnlicher Lust fröhnend, die andere, einer mit seelischer Empfindung gemischten Sinnlichkeit ergeben. Zu dieser gehört Dido, in deren Schar sich auch Francesca befindet (V. 85).
Mein Meister, sprach ich, was sind das für Wesen,
Auf die die finstre Luft dringt strafend ein?

‘Die zu der Führerin der Schar erlesen,
Von der ich’, sprach er, ‘dir soll Kunde geben,
Ist vieler Völker Kaiserin gewesen.

Der Wollust Laster war sie so ergeben,
Daß jeder Lust ein Recht sie zugestand,
Die Schmach zu tilgen aus dem eignen Leben.

Es ist Semiramis, von der bekannt,
Daß sie dem Gatten Ninus folgt' im Reiche; [*]Sie folgte gegen die Staatsordnung ihrem Gatten in der Herrschaft und schloß ihren Sohn Rinyas von derselben aus.
Dort herrschte sie, wo heut des Sultans Land. [*]Syrien und Aegypten gehörten zum babylonischen Reiche.

Dann Sie, die sich as Liebe selbst zur Leiche
Macht' und Sichäus' Asche Treue brach, [*]Dido, die nach des Sichäus Tode schwur sich nie wieder zu vermählen, dann aber dem Aeneas ihre Liebe gab und von diesem verlassen sich tödtete.
Cleopatra sodann, die wollustreiche.’

Die Unheilstiftrin Helena darnach
Gewahrt' ich, sah Achill, der ohn' Ermatten
Mit Liebe stritt, bis er zusammenbrach; [*]Er fand durch die Liebe zu Polyrena den Tod, indem deren Bruder Paris ihn mit einem Pfeil erschoß.

Sah Paris, Tristan, mehr als tausend Schatten
Wies mir sein Finger, während er sie nannte,
Die in der Liebe Tod gefunden hatten.

Als ich durch meines Lehrers Mund erkannte
Die Frau'n und Ritter all' aus alten Tagen,
Fühlt' ich, wie mich das Mitleid übermannte.

Ich sprach: Gern, Dichter, möcht' ein Wort ich sagen
Zu jenen Zwein, die dort zusammen gehen [*]Francesca und Paolo Malatesta. Francesca war die Tochter Guidos da Polenta von Ravenna, der mit den Malatestas von Rimini in Fehde lebte, die die Familien durch eine Ehe zwischen Francesca und Giovanni Malatesta (Malatestino) beilegen wollten. Giovannis jüngrer Bruder Paolo mußte, um Francescas Jawort zu erlangen, für seinen tapfern, aber häßlichen und hinkenden Bruder werben. Erst am Tage nach der Hochzeit erfuhr Francesca, daß sie nicht Paolos, sondern Giovannis Gattin war. Das sich entspinnende Liebesverhältniß zwischen Francesca und Paolo wurde verrathen und Beide von Giovanni, der sie überraschte, ermordet.
Und scheinen leicht vom Winde fortgetragen.

Und er: ‘Bei jener Liebe mußt du flehen,
Die her sie treibt, sobald sie näher kommen,
Und du wirst sehn, sie werden Rede stehen.’

Als sie im Wind den Flug zu uns genommen,
Begann ich: Schmerzgequälte Geister, weilet
Und sprecht zu mir, wenn euch dies unbenommen. [*]Wenn Gott es euch nicht verbietet.

Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte theilet,
Das sehnsuchtsvoll mit offnen, sichern Schwingen
Zum süßen Rest, vom Wunsch getragen, eilet:

So sah ich Dido's Schar sie sich entringen
Und durch die böse Luft, machtvoll gezogen
Vom liebevollen Rufe, zu uns dringen.

‘O Wesen du, das Güt' und Huld bewogen,
Uns aufzusuchen in dem Dunstesmeere,
Uns, deren Blut der Erdgrund aufgesogen,

Wenn uns geneigt des Weltalls Herrscher wäre,
Für dich um Frieden würden wir ihn flehen,
Weil dich erbarmet unsres Leides Schwere.

Läßt du zu Red' und Hören Neigung sehen,
So reden wir, so leihn wir euch die Ohren,
So lang wie jetzt uns schweigt des Sturmes Wehen. [*]Der Sturm schweigt momentan: Gott hat gewährt, daß sie sprechen darf; vgl. V. 81

Es liegt die Stadt, in der ich ward geboren, [*]Ravenna.
Am Meeresstrand, wo der Po den Lauf hin lenket,
Bald mit dem Flußgefolg im Meer verloren.

Liebe, die rasch in edles Herz sich senket,
Hielt Diesen [*]Ihren Begleiter, Paolo. hier durch meine Schönheit fest,
Die mir geraubt ward, so daß noch mich's kränket. [*]Die Art des Todes ist ihr schmerzlich, weil ihr keine Zeit zur Reue blieb.

Liebe, die Keinem Gegenlieb' erläßt,
Ergriff für ihn auch mich mit solcher Macht,
Daß, wie du siehst, sie noch nicht von mir läßt.

Lieb' hat uns Beiden Einen Tod gebracht:
Kaïna harret deß, der uns erschlagen.’ [*]Kaïna (von Kain), eine Abtheilung des neunten Höllenkreises, wohin die Brudermörder kommen. Giovanni starb 1304. Vgl. 32, 59.
Dies Wort ward uns von ihnen kund gemacht.

Als ich vernommen der Unseligen Klagen,
Neigt' ich mein Haupt, ohn' es emporzuwenden,
Bis ich Virgil: ‘Was sinnst du?’ hörte fragen.

Antwortend sprach ich: Wehe den Elenden!
Welch süßes Sinnen, welches glühnde Sehnen
Ließ diese Beiden also schmerzlich ernden?

Und wieder wandt' ich dann mein Wort zu Jenen.
Francesca, so begann ich nun, dein Leid
Weckt Trauer mir und frommen Mitleids Thränen.

Doch sage mir: in süßer Seufzer Zeit
Wodurch und wie verrieth die Lieb' euch Beiden
Der zweifelbangen Wünsche Heimlichkeit?

Und sie zu mir: ‘Wer kennt ein größer Leiden,
Als wer im Elend schönrer Zeit gedenkt?
Dein Lehrer weiß es und er kanns entscheiden. [*]Boetbius, der in seinem Buche 'de consolatione philosophiae' sagt: 'In jedem Mißgeschick ist die unglücklichste Art des Unglücks, glücklich gewesen zu sein.'

Doch willst du wissen, wie sichs so gelenkt
Von unsrer Liebe Wurzel und Beginne,
Thu ich wie der, deß Wort die Thrän' ertränkt.

Wir lasen einst zur Kurzweil, wie die Minne
Den Lanzelot bestrickt in ihren Banden; [*]Lanzelot, ein Artusritter, liebt Artus' Gemahlin Ginevra und gesteht ihr seine Liebe.
Wir waren einsam, sonder Arg im Sinne.

Bei diesem Lesen oft einander fanden
Die Augen sich, entfärbten sich die Wangen;
Doch eines wars, wo wir nicht widerstanden:

Die Stelle, wo dem liebenden Verlangen
Ersehnten Kusses lächelnd ward Gewähr.
Da küßt', an dem ich ewig werde hangen,

Da küßte bebend meinen Mund auch Er.
Verführer [*]Im Original 'Galeotto', der Name des Kupplers der Liebenden im Roman von Lanzelot. Er veranlaßt Ginevra, dem schüchternen Lanzelot einen Kuß zu geben, was sie auch thut. war das Buch und ders verfaßte -
An jenem Tage lasen wir nicht mehr.’

So sprach der eine Geist: den andern faßte
So heftig Weinen, daß mir schwand der Sinn
Vor Mitleid und ich wie im Tod erblaßte,

Und wie ein Leichnam fällt, so fiel ich hin.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 06
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 06

Dritter Kreis, der der Schlemmer, die von Hagel, Schnee und Regen zu Boden gedrückt und von Cerberus zerfleischt werden. Virgil beschwichtigt den Cerberus durch eine in den Rachen geworfene Hand voll Erde. Aus der Schar der Liegenden erhebt sich ein Schatten, Ciacco aus Florenz, und verkündet auf Dantes Befragen ihm die Zukunft der Stadt. Dante unterrichtet sich bei Virgil über die am jüngsten Tage eintretende Veränderung in der Strafe der Sünder.

Als heimgekehrt mein Sinn, der mir entschwunden
Beim Jammer über zwei so nah Verwandte,
Daß ich von Kummer mich verwirrt gefunden,

Sah neue Qualen, neue Qualgebannte
Ich um mich her, wohin ich mich bewegen
Und schauen mocht' und meine Blicke wandte.

Ich bin im dritten Kreise, voll von Regen,
Dem schweren, kalten, ewigen, verfluchten,
Daß Art und Regel nimmer sich entwegen. [*]Weder der Stoff des Regens noch die Weise seines Fallens verändert sich jemals.

Schnee, grober Hagel, trüben Wassers Wuchten
Durchziehn die dunkle Luft in ständigem Guß,
Erfüllend mit Gestank der Erde Schluchten.

Ein Unthier, wild und seltsam, Cerberus,
Bellt wie die Hunde thun aus dreien Kehlen
Die Menge an, die hier hinunter muß.

Der Bart schwarz, triefend, roth die Augenhöhlen,
Mit breitem Bauch, die Pfoten scharfbeklaut:
So kratzt, zerreißt und schindet er die Seelen.

Gleich Hunden heulen sie im Regen laut,
Die gottvergeßnen Schächer, immer drehen
Sie Seit' um Seit' als Schutz für ihre Haut.

Als uns der große Höllenwurm ersehen,
Wies er die Hauer uns im offnen Munde,
Kein Glied am Leibe blieb ihm ruhig stehen.

Mein Führer streckte seine Hand zum Grunde,
Nahm Erdreich auf und warf im vollen Schwingen
Der Faust es ihm hinein zum gierigen Schlunde. [*]Nachahmung von Virgils Aeneide 6, 420 ff., wo die Sibylle den Cerberus durch einen in den Rachen geworfenen Kloß beruhigt.

Gleich wie der Hund sich läßt zur Ruhe bringen,
Der erst gebellt, wenn er den Fraß erfaßt,
Und jetzt nur sinnt und strebt ihn zu verschlingen:

So hier der Dämon, der sonst ohne Rast
Mit garstigem Schlund so grimm anbellt die Seelen,
Daß ein Verlangen taub zu sein sie faßt.

Auf Schatten, die des Regens Wuchten quälen,
Sie niederdrückend, schritten wir; es schien,
Als sei'n sie Nichts, für Körper kaum zu zählen. [*]Die Schatten bei Dante haben sonst durchaus körperliche Empfindungen; nur ausnahmsweise wie hier scheinen sie fühllos für körperlichen Schmerz.

Sie lagen all' gestreckt am Boden hin;
Nur Einer hob zum Sitzen sich empor,
Als er uns sah an sich vorüberziehn.

'O du, der einging in dies Höllenthor,
Erkenne mich, wenn dus vermagst; zu leben
Begannst du, eh mein Leben ich verlor.'

Und ich: Die Qualen, die dich hier umgeben,
Entziehn vielleicht dich meinem Angedenken,
So daß mich dünkt, ich sah dich nie im Leben.

Wer bist du? sprich! was konnte dich versenken
In diesen Qualort und in solches Leid,
Das größer wohl, doch grauser nicht zu denken?

Drauf sprach er: 'Deine Stadt, die so von Neid
Erfüllt ist, daß der Topf schon überfließet, [*]Anspielung auf den Neid der altadligen aber armen Donati gegen die reichen Cerchi.
Umfing mich in des Lebens Heiterkeit.

Ich bin es, den ihr Bürger Ciacco hießet, [*]Ciacco soll im florentinischen Dialekt 'Schwein' bedeuten, ein Beiname, der ihm wegen seines Schlemmerlebens gegeben wurde. Er soll übrigens ein angenehmer Gesellschafter gewesen sein.
Den ob der Gaumenlust traf solch Gericht,
Daß mich, du siehst, des Regens Wucht begießet.

Doch traur' ich hier als einzige Seele nicht,
Denn gleiche Pein für gleichen Fehler leiden
All diese hier.' Damit schloß sein Bericht.

Und ich versetzte: Mich ergreift dein Leiden,
O Ciacco, so daß michs zu Thränen rührt.
Doch, wenn dus weißt, sprich, wie wird sich entscheiden

Der Hader, den die Bürgerschaft dort führt? [*]Der Kampf zwischen der Partei der Weißen und der der Schwarzen in Florenz. Den Todten wird der Blick in die Zukunft beigelegt.
Ist Einer dort gerecht? Woll' auch mir sagen,
Was ist der Grund, der so die Zwietracht schürt?

Und er zu mir: 'Es kommt zum blutigen Schlagen
Nach langem Streit, und die Waldpartei [*]Die Partei der Weißen, an deren Spitze die Cerchi standen: sie war aus der waldigen Gegend von Picier d'Arone nach Florenz gezogen. Im Sommer 1301 wurden die Schwarzen von den Weißen verbannt.
Wird mit viel Schimpf die andere verjagen.

Doch kaum vergehn der Sonnenläufe drei, [*]1304 wurden die Weißen völlig vertrieben, nachdem die Schwarzen durch Karl von Valois zurückberufen worden waren und sich der Gewalt bemächtigt hatten.
So fällt auch sie, es steigt die andre wieder
Durch dessen Macht, der lauernd steht dabei. [*]Bonifaz VIll ist gemeint.

Mit schwerem Druck hält sie den Gegner neider,
Wie sehr er weinend auch sich mög' empören.
Die Stirn hoch tragen lange ihre Glieder.

Zwei sind gerecht, doch will man sie nicht hören; [*]Wahrscheinlich meint Dante sich selbst und seinen Freund Guido Cavalcanti.
Drei Funken sind es, Habsucht, Stolz und Neid,
Die jedes Herz versengen und verstören.'

So endete der klägliche Bescheid.
Gestatte, sprach ich, mehr dir anzumuthen
Und sei zu Lehr' und Wort mir noch bereit.

Tegghiajo, Farinata, sie, die Guten,
Arrigo, Rusticucci, Mosca und
Viel' andre, die im Rechtthun nimmer ruhten, [*]Dante vermuthet, die Genannten hier zu finden, weil sie alle Lebemänner waren und daher trotz ihres Rechtthuns verdammt werden mußten. Tegghiajo und Rustivucci kommen 16, 41 ff. vor; Farinata 10, 32 ff.; Mosca 28, 106. Arrigo wird nicht wieder erwähnt, man kennt ihn nicht näher.

O sage, wo sie sind, und thu mirs kund.
Mich treibt die Sehnsucht mächtig, zu erfahren,
Ob sie im Himmel, ob im Höllenschlund.

Und er: 'Sie sind bei schwärzern Seelenscharen,
Belastet von verschiedner Schuld Gewicht.
Du siehst es, willst so tief hinab du fahren.

Doch wenn du kehrst zum holden Erdenlicht,
Bring' Andern in Erinnerung mich wieder.
Mehr sag' ich und mehr antwort' ich dir nicht.'

Drauf wurden schielend seine graden Lider.
Er sah mich etwas an, sein Haupt darauf
Geneigt, fiel er gleich andern Blinden nieder. [*]Blinde: in geistigem Sinne zu nehmen.

Mein Führer sprach zu mir: 'Der steht nicht auf,
Bis der Drommetenruf der Engel schallet,
Ihr mächtiger Feind herzieht im Siegeslauf. [*]Christus, der als Feind aller Silnde bezeichnet wird.

Zum traurigen Grabe dann ein jeder wallet,
Wird Fleisch und Form der Erde wiedernehmen
Und hören, was im Ohr ihm ewig hallet.' [*]Den Richterspruch am jüngsten Tage.

Wir mußten uns zu trägem Schritt bequemen,
Indeß wir sprachen vom zukünftigen Sein,
In dem Gewühl von Regen und von Schemen.

Drauf ich: Sprich, Meister, ob der Seelen Pein
Sich nach dem großen Urtheilsspruch noch mehre?
Bleibt sie so scharf? tritt eine Mindrung ein?

Und er zu mir: 'Denk' an der Weisheit Lehre, [*]Die Lehre des Aristoteles.
Die will, daß, je vollkommener ein Wesen,
Es um so mehr fühlt Lust und Schmerzes Schwere.

Wenn auch dies Volk, zu hoher Qual erlesen,
Nie wirklich kann Vollkommenheit erlangen,
Zählt es auf mehr doch als es hier gewesen.' [*]Nach der Auferstehung des Fleisches weden auch die Verdammten vollkommener sein d. h. wie die Seligen größere Wonne, so sie größere Qual empfinden.

Wir waren so die Straß' im Rund gegangen,
Mehr sprechend als hier wiedergibt mein Wort,
Bis wo sie sich zu senken angefangen: [*]d. h. sich zum folgenden Kreise senkt.

Plutus, [*]Plutus, der Gott des Reichthums, von Dante, wie im Mittelalter überhaupt, mit Pluto, dem Gotte der Unterwelt, vermischt. den großen Feind, erfahn wir dort.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 07
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 07

Plutus, der altheidnische Gott der Reichtümer, erhebt sich wider die Wandernden, wolfartig dämonisiert, mit drohendem Geprahle; sinkt aber nichtig zusammen, als Virgil ihn an des prachtsolzen Lucifer Sturz erinnert. Nun gelangen sie ungehindert in den vierten Kreis hinab. Hier sehen sie schwere Lasten mit Geheul wälzen, hin und her, von den Seelen derer, denen das Erraffen oder Vergeuden der irdischen Schätze den Frieden nahm, "der Anfang ist und Urgrund jeder Wonne" (s. Hölle 1 V. 58 u. 78). Wie Lucifers Schönheit, wie Plutus Geprahl schwindet jenseits die nichtige Freude am glänzenden Reichtum, er wird nun, vor dem erwachten Bewußtsein der nur daran gewöhnten Seele, ein dunkler Klump, eine häßliche Last, von welcher sie sich nicht losmachen kann, womit sie sich nun alle Ewigkeit hindurch fortplagt, ruhelos und friedlos. Geizige und Verschwender wälzen sich hier in geschiedenen Halbkreisen die Lasten zu, stoßen aufeinander und werfen sich gegenseitig ihr nichtiges Treiben vor; nur um wieder umzukehren, wieder aufeinander zu stoßen und sich wieder zu fragen: warum sie halten und warum sie rollen? Dante glaubt einige der Seelen zu erkennen, Virgil aber sagt ihm, er täusche sich: weil sie das göttliche Leben gänzlich verkannt haben und nur im Staube gewühlt, seien sie als Seelen unkenntlich und dunkel von Schmutz. Der Dichter Gespräch wendet sich nun auf die Verteilerin irdischer Güter, auf Fortuna. Dante will sie, die allgemeine Ansicht in sich vorbildend, als ein dämonisches Wesen mit Klauen betrachten; Virgil aber schilt in ihm die Torheit der Sterblichen und sagt ihm: Fortuna, von Gott zur Bewegerin der irdischen Schimmer bestellt, rolle, gleich den anderen Lichtmächten des Himmels (s. Paradies 2 V. 127), menschlicher Einsicht unerreichbar, ihre wechselnde Sphäre, selig erhaben über dem Schelten sich selbst trügender Sterblicher. Hierauf gelangen die Wanderer, den Kreis durchschneidend, zu einem Quell, der, den Zorn vorbildend, überkocht. Seinem Abflusse folgend, kommen sie in den fünften Kreis, wo das Wasser den heißen Sumpf Styx bildend. Hierin finden sie die zornerfüllten eelen versenkt, die sich einander ewig stoßen und mit Zähnen zerreißen. Sie fühlen nur durch andere, wie lästig die Anderen geworden. Tief unter ihnen im Grundschlammsind, die sich selbst das sonnenheitere Leben durch faule Grämelei getrübt. Ihr trauriges Bewußtsein umgibt sie nun in Gestalt faulen schwarzen Schlammes. Die Dichter aber umwandeln einen großen Bogen des schmutzigen Sees, bis sie zuletzt am Fuße eines Thrones anlangen.

'Pape Satan, Alep, Pape Satan! [1]
So ließ sich Plutus rauhe Stimme hören.
Doch, mich zu trösten, hob mein Führer an,

Der alles wußte: 'Laß dich nicht bethören
Durch Furcht; er soll, ist ihm auch Macht gewährt,
Dich nicht im Abstieg dieses Felsens stören.'

Zum zorngeschwellten Antlitz dann gekehrt,
Sprach er: 'Sei still, du Wolf, vermaledeiter!
Mit deiner Wuth sei in dir selbst verzehrt!

Nicht ohne Grund gehn wir zur Tiefe weiter:
Man will es dort, wo frechen Buhlersinn
Einst strafte Michael, der Gottesstreiter.' [2]

Wie windgeschwellte Segel, wenn dahin
Der Mast gesunken, schlaff zusammen fallen,
So fiel das grause Thier zu Boden hin.

Zum vierten Schlunde führt' uns unser Wallen;
Aufs neu umkreisten wir den Schmerzensstrand,
Der Wohnstatt ist des Weltalls Qualen allen.

Gerechtigkeit des Himmels, wer erfand
Die Fülle neuen Wehs, das ich gesehen?
Wie führt uns Schuld an der Vernichtung Rand!

Wie Well' an Well' im Auf- und Niedergehen
Sich brandend über der Charybdis bricht, [3]
So muß sich hier das Volk im Reigen drehen. [4]

So vieles Volk sah ich wo anders nicht.
Lautheulend wälzten sie von beiden Enden
Mit ihrer Brust gewaltig Lastgewicht.

Zusammenprallten sie, in raschem Wenden
Zurück dann kehrend; dabei schrieen Die:
'Warum behalten?' Die: 'Warum verschwenden?'

Und so den finstern Kreis durchmaßen sie,
Von hier und dort zum Gegenpunkt zu kommen,
Stets rufend ihre schmähnde Melodie.

Dann wandte jeder, wenn er angekommen,
Im Halbkreis um, daß sich der Kampf erneute.
Und ich, das Herz vom Anblick schwer beklommen,

Begann darauf: Mein Herr und Meister, deute
Mir dieses Volk! sind alle die daneben
Zur Linken Pfaffen, die geschornen Leute? [5]

Und er zu mir: 'In jenem ersten Leben
So blind an Geiste waren sie zu nennen,
Kein Maß im Nehmen haltend und im Geben.

An ihrem Rufen kannst du's klar erkennen,
Wenn sie zu jenen beiden Punkten kehren,
Wo die der Gegensatz der Schuld muß trennen.

Sie waren Pfaffen, die des Haars entbehren
Am Haupteswirbel, Päpste, Cardinäle,
Die schnöden Geiz ins Uebermaß verkehren.'

Und ich: O Herr, ich sollte manche Seele
In diesem Zuge kennen, will mir scheinen,
Die einst bejubelt war mit solcher Fehle.

Und er zu mir: 'Irrthümlich ist dein Meinen;
Denn so befleckte sie ihr niedres Leben,
Daß sie unkenntlich jedem Blick erscheinen.

Sie werden ewigen Doppelstoß sich geben,
Bis aus dem Grab einst mit geschloßnen Händen
Sich diese, haargeschoren jene heben. [6]

Den Himmel hat schlecht Sparen und schlecht Spenden
Ihnen geraubt und sie in Kampf versetzt,
An den ich weiter will kein Wort verschwenden.

Du siehst der Güter kurze Posse jetzt,
Mein Sohn, die in Fortunens Händen stehen;
Um die das Menschenvolk sich zankt und hetzt.

Denn alles Gold, das je der Mond gesehen,
Macht aus der armen Schar, die du kannst schauen,
Nicht eine Seele nur zum Frieden gehen.'

Mein Meister, sprach ich, wolle mir vertrauen,
Wer ist Fortuna, die, wie du erklärt,
Der Erde Güter hält in ihren Klauen?

Und er: 'O ihr Geschöpfe, wahnverkehrt!
Wie ist Unwissenheit bei euch verbreitet!
So werde denn durch meinen Spruch belehrt.

Er, dessen Weisheit alles überschreitet,
Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung, [7]
Daß jedem Theile jeder Licht verbreitet

Ringsum in gleichgemeßner Lichtverbreitung.
So gab er auch dem Erdenglanz zum Hüter
Fortuna als gemeinsame Begleitung.

Damit zu rechter Zeit die eitlen Güter
Bald dies, bald jenes Volk und Blut erlange
Trotz allem Einspruch menschlicher Gemüther.

Drum herrscht ein Volk, indeß das andr' im Zwange
Hinwelkt, wie sie ihr Urtheil ihnen spricht,
Die heimlich lauert wie im Gras die Schlange. [8]

All eure Weisheit widersteht ihr nicht.
Wie jeder Gott [9] in seinem Reiche, hält
Sie in dem ihren Ordnung und Gericht.

Sie wandelt ständig sich, wie's ihr gefällt.
Nothwendigkeit treibt sie zu schnellem Jagen,
Sobald das Loos auf einen andern fällt.

Sie ist es, die so oft ans Kreuz geschlagen
Von denen selbst wird, die sie loben sollen
Und ungerecht sie schlimm zu schmähen wagen.

Doch, in sich selig, hört sie nicht ihr Grollen.
Voll Lust, die andre Urgeschöpfe [10] theilen,
Läßt sie vergnüglich ihre Kugel rollen.

Jetzt laß hinab zu größrer Qual uns eilen.
Die Sterne, die, als ich mich hergewandt,
Aufstiegen, sinken: [11] nicht mehr ziemts zu weilen.'

Den Kreis durchschritten wir zum andern Rand [12]
Zu einem Bach, der einer Sprudelquelle
Entströmt, in der er seinen Ursprung fand.

Dunkler als Purpur noch war seine Welle.
Wir stiegen seine trübe Fluth entlang
Hernieder durch ein grausiges Gefälle.

Ein Sumpf - er führt den Namen Styx - verschlang
Den Trauerbach am Fuße von dem jähen
Und grausig unheilvollen Felsenhang. [13]

Und ich, beflissen ringsumher zu spähen,
Sah in dem Sumpfe schlammbedeckte, nackte
Gestalten mit erzürntem Antlitz stehen.

Sie schlugen auf sich los, und nicht nur packte
Die Hand, auch Kopf und Brust und Fuß schlug zu,
Indeß der Zahn den Leib in Stücke hackte.

Der gute Meister sprach: 'Sohn, heir siehst du
Die Seelen derer, die der Zorn besieget.
Auch glaube mir, was ich noch füg' hinzu,

Daß unter Wasser andres Volk noch lieget, [14]
Deß Seufzen macht empor die Blasen quellen,
Die du erblickst, wohin dein Aug' auch flieget.

Im Schlamme sprechen sie: «Im sonnighellen
Bereich des Daseins waren traurig wir,
Voll Qualm des Trübsinns in des Herzens Zellen.

Nun jammern wir im schwarzen Schlamme hier.»
Dies Lied entringt sich gurgelnd ihrem Schlunde,
Kein klares Wort tönt hier entgegen dir.'

So gingen an dem Pfuhl in weiter Runde
Wir zwischen Moor und trocknem Ufer jetzt,
Den Blick gewandt zum Volk mit Schlamm im Munde,

Und nahten eines Thurmes Fuß zuletzt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 08
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 08

Auf dem Turm erscheinen zwei Feuerzeichen, dem ein drittes fern über dem Sumpf antwortet und schneller als ein Pfeil, kommt der zornige Tempelverwüster Flegias, der Fährmann des Orts, in einem Boot herüber, mit grimmiger Anrede. Virgils Antwort bewältigt ihn. Die Dichter steigen ein und fahren über. Da klammert sich der zornige Geist des Florentiners Filippo Argenti an das Schiff. Virgil stößt ihn zurück. Dante schilt seinen Abscheu gegen den tobenden Sünder heraus, und Virgil umarmt seinen Schüler dafür. Argenti wird nun von den anderen Zornigen angerufen, fast zerrissen, und wendet zuletzt seine Zähne gegen sich selbst. Hierauf nahen sich die Schiffenden der Stadt des Dis (Satan, Luzifer), mit tiefen Gräben und eisernen Mauern, worin das göttliche Licht der Liebe und Wahrheit, das die Guten im Paradiese beseeligt und die Büßenden im Fegefeuer läutert, den Feinden Gottes und denen die ewig unreines Bewußtsein haben zur flammenden Qual wird. Die Dichter steigen am Tore aus; aber eine Schar von mehr als tausend gefallenen Engeln droht von da herab. Virgil geht zu ihnen, sie wollen ihn (die irdische Erkenntnis) behalten, Dante soll allein zurückgehen. Letzterer erschrickt darüber; Virgil aber sagt ihm: er werde ihn nicht verlassen und teilt jenen den Willen Gottes heimlich mit: - Da schließen sie auch ihm das Tor, und zürnend kehrt er zurück, zu Dante sagend: daß dieser Trotz nicht neu sei, bald aber komme ein Mächtiger, durch den das Tor ihnen offen stehen werde.

Fortfahrend sag' ich, lange schon bevor
Wir an des hohen Thurmes Fuß gekommen,
Drang unser Blick nach seiner Zinn' empor,

Wo wir zwei kleine Flämmchen sahn entglommen
Und eins erwidern als Signal, so sehr
Entfernt, daß kaum das Aug' es wahrgenommen.

Zu ihm gewandt, der aller Weisheit Meer,
Sprach ich: Was deutet dies, und was bezwecket
Das dritte? wer entflammte sie? Drauf er:

'Fern auf den schlammigen Wogen dort entdecket
Gar bald dein Auge, was hier unser harrt,
Wenn dirs der Dunst des Pfuhles nicht verstecket.'

Im Fluge durch die Lüfte streichend ward
Vom Bogen nie entsandt ein Pfeil so schnelle,
Wie ich ein winzig Schifflein nun gewahrt'

Her zu uns schießen auf der Wasser Welle,
Von einem einzigen Rudrer nur gefahren.
Er schrie: 'Verruchter Geist, bist Du zur Stelle?'

'Für diesmal kannst du dein Geschrei dir sparen,
O Phlegyas', sprach mein Meister, 'dir bestimmt
Sind wir so lang nur, als wir überfahren.'

Wie Einer, der von großem Trug vernimmt,
Den man ihm spielt, zürnt ob gekränkter Ehre,
So zeigte Phlegyas sich zornergrimmt.

Mein Führer stieg hinunter in die Fähre
Und hieß mich sorglich folgen seinem Tritt.
Erst als ich drin war, schien's, empfand sie Schwere.

Als er und ich im Schifflein waren, schnitt
Der alte Kiel ins Wasser tiefre Zeilen,
Als wenn er sonst mit andern drüber glitt.

Indessen wir das todte Moor nun theilen,
Kam Einer schlammbedeckt mir vors Gesicht:
'Was kommst du, eh die Parzen dich ereilen?'

Ich komme, sprach ich, doch ich bleibe nicht.
Doch wer bist du mit deinem schmuzigen Leibe?
'Du siehst, ein Weinender', war sein Bericht.

Und ich zu ihm: Verfluchter Geist, so bleibe
Mit deinem Schrei'n und Weinen hier am Ort.
Dich kenn' ich, wie dich auch der Schlamm bekleide.

Da streckt' er beide Hände nach dem Bord;
Der kluge Meister stieß ihn ohne Zagen
Zurück: 'Geh zu den andern Hunden fort!'

Dann, seinen Arm um meinen Hals geschlagen,
Küßt' er das Antlitz mir: 'Du Geist voll Gluth,
Gesegnet sei der Schoß, der dich getragen!

Der war in jener Welt voll Uebermuth,
Nichts Gutes kann die Nachwelt an ihm loben;
Drum ist sein Schatten hier entbrannt von Wuth.

Viel Fürsten werden dort gar hoch erhoben,
Die Schweinen gleich im Koth hier werden stehen,
Und grause Flüche folgen ihnen droben.'

Und ich: Begierig wär' ich, Herr, zu sehen,
Daß er in diese Brühe tauchen müßte,
Bevor wir von dem See ans Ufer gehen.

Und er zu mir: 'Bevor sich noch die Küste
Dir sehen läßt, erfüllt sich dein Verlangen;
Befriedigung heischt billig solch Gelüste.'

Und bald sah ich Mißhandlung ihn empfangen
Von all dem Volk, das in dem Sumpfe war.
Gott lob' und preis' ich, daß es so ergangen.

'Auf den Argenti!' schrie die ganze Schar.
Und auf sich selber hackt mit zornigen Bissen
Des Florentiners Geist, der Einsicht bar.

Wir gingen; mehr von ihm lass' ich nicht wissen.
Da drang ein Schmerzenruf zu meinem Ohre.
Hin blickt' ich, weit die Augen aufgerissen.

Der gute Meister sprach: 'Wir sind dem Thore
Der Stadt, die Dis genannt wird, Sohn, nun nah,
Erfüllt von arger Bürger großem Chore.'

Und ich: Die Minarete, Meister, sah
Ich dort im Thale schon; in rother Helle,
Als kämen sie aus Feuer, stehn sie da.

Drauf er zu mir: 'Die ewige Feuerquelle
In ihrem Innern wirft so rothen Schein,
Wie du gewahrst an dieser untern Hölle.'

Wir fuhren in die tiefen Gräben ein,
Die jene jammervolle Stadt umfangen.
Von Eisen schien die Mauer mir zu sein.

Nach langem Unweg sahn wir uns gelangen
Dahin, wo uns der Fährmann diese Worte
Zurief: 'Steigt aus, denn hier wird eingegangen.'

Und mehr denn tausend sah ich ob der Pforte,
Die einst vom Himmel stürzten; ungehalten
Schrien sie: 'Wer ists, der lebend diesem Orte

Genaht, wo nur die Abgeschiednen walten?'
Mein weiser Meister aber macht' ein Zeichen,
Zwiesprach geheim wollt' er mit ihnen halten.

Da schien ihr Zorn ein wenig zu entweichen.
Sie sprachen: 'Komm allein, doch jener gehe,
Der so verwegen nahte diesen Reichen.

Allein mach' er den tollen Weg! er sehe
Wie er's vermag! Du aber bleibest hier,
Der ihn durchs Dunkel führt' in unsre Nähe'.

Leser, bedenk', ob zur Verzweiflung schier
Mich so verfluchte Worte nicht getrieben;
Denn heimzukehren schwand die Hoffnung mir.

Mein theurer Führer, sprach ich, der du sieben
Und mehrmal aus Gefahren, die gedroht,
Mich lösest und mein Trost und Hort geblieben,

O laß mich nicht allein in solcher Noth!
Schnell werd' auf anderm Pfad zurückgekehret,
Wenn Weitergehn das Schicksal uns verbot.

Und er, der mich den Weg dorthin gelehret,
Sprach: 'Fürchte nichts! niemand darf unsre Reise
Verhindern, denn die Hohe hats gewähret.

Wart' hier auf mich, mit guter Hoffnung speise
Den matten Geist und heiß' ihn Trost gewinnen.
Nicht lass' ich dich in diesem Höllenkreise.'

So geht der süße Vater denn von hinnen
Und läßt mich auf des Zweifels Wogen treiben,
Weil Ja und Nein im Haupte Kampf beginnen.

Was er verhandelt, weiß ich nicht zu schreiben;
Doch war er noch bei ihnen nicht gar lang,
Da stürmten sie zur Stadt in raschem Treiben.

Ins Schloß, dicht vor des Meisters Füßen, sprang
Der Widersacher Thor und schloß ihn aus.
Dann nahm er langsam auf mich zu den Gang.

Erdwärts den Blick gesenkt, die Stirne kraus
Und muthlos, sprach er seufzend und beklommen:
'Wer wehrt den Weg mir in des Jammers Haus?'

Und dann zu mir: 'Bin ich auch zornentglommen,
So zittre nicht! ich sieg' in diesen Proben,
Was sie zur Abwehr auch drin vorgenommen.

Schon früher hat ihr Muth sich keck erhoben
An einem Thor, nicht so geheim gelegen,
Vor das seitdem kein Riegl ward geschoben;

Dort, wo des Todes Inschrift dir entgegen
Geblickt. Und bald schon steigt vom Abhang dorten,
Nicht Führung brauchend, auf gewundnen Wegen

Der, dem die Stadt wird öffnen ihre Pforten.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 09
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 09

Virgil spricht, den himmlischen Boten sehnlichst erwartend, mit sich selbst. Dante nimmt Befürchtungen aus seinen Reden und fragt: ob wohl je ein Bewohner der Vorhölle in die tiefere hinabsteige? Virgil sagt ihm, es geschehe selten, doch sei er selbst, beschworen von der Zauberin Erichtho, schon einmal in dem tiefsten Höllenkreis gewesen; alles sei ihm bekannt, er möge daher getrost sein. Indem erbickt Dante auf der Zinne des ehernen Turms drei sch selbst zerfleischende Höllenfurien, Bilder der Verzweiflung, welche die Gorgo Medusa herbeirufen ihn zu versteinern. Virgil heißt ihn, sich vor dieser verhüllen und abwenden, und schirmt ihn noch mit seinen Händen. In dem schlangenumwundenen versteinernden Haupt des Wesens, welches den Tempel der Pallas, der Weisheit, geschändet, ist die Sünde aus dem Geist, der im Haupte wohnt, vorgebildet. Die Mauer, davor die Dichter stehen und welche die ganze tiefere Hölle umkreist, umschließt nämlich keine Seelen, die, natürlichem Triebe folgend, sündigten; sondern allein solche, welche die Kraft des Geistes geschändet, indem sie dieselbe auf Widernatürliches gewandt. In dem furchtbaren versteinernden Blick der Medusa ist die, göttliches Leben tötende, Macht geistiger Sünde ausgedrückt, wogegen Abwenden und das Umfangen tieferer Kenntnis, in Virgil vorgebildet, schirmt. Hierauf erscheint, gleich einem Sturmwind nahend, der himmlische Bote mit einer Rute. Alle Sünder im Sumpf und die bösen Engel und Erscheinungen auf dem Tore fliehen. Die Pforte geht auf, der Himmlische schilt die Gottlosen und schwebt zurück: die Dichter aber treten ein. Da stellt sich die Stadt innen als ein Gefilde voll offener, glühender Gräber dar, worin die Ketzer leiden. Das Licht der Wahrheit, welches ihnen zeigt, daß es ein göttliches Leben gebe, dessen sie nun nicht mehr fähig sind, peinigt sie in Gestalt ewiger Flammen und macht ihre Grüfte glühen. Der Sarg, d. h. der von ihnen behauptete Tod der Seele, ist ihre Qual.

Die Blässe, welche Feigheit mir erregte,
Als meinen Führer ich rückkehren sah,
Hieß ihn mir bergen, was ihn neu bewegte.

Aufmerkend wie ein Lauscher stand er da,
Denn dringen konnte nicht sein Aug' ins Weite;
Nebel und Dunst verhüllten selbst was nah.

Er sprach: 'Wir siegen dennoch in dem Streite,
Wenn nicht - doch bot ja Hülf' ein Mächtiger an -
O wie ersehn' ich ihn an meine Seite!'

Ich sah wohl, daß er, womit er begann,
Bemäntelte durch das, was nachgekommen,
Daß andern Sinn der Rede Schluß gewann.

Nicht minder drum ward ich von Furcht beklommen,
Vielleicht weil ich das abgebrochne Wort
In schlimmren Sinn, als er ihn gab, genommen.

Stieg in den Grund von diesem Trauerort
Je Einer aus des ersten Kreises Runde,
Deß Strafe die, daß keine Hoffnung dort?

So fragt' ich und er gab mir drauf die Kunde:
'Nur selten trifft sichs, daß aus unserm Chor
Jemand den Weg macht, den ich geh' zur Stunde.

Zwar einmal stieg ich schon herab zuvor,
Als mich Erichtho rief, die grauserweise
Die Geister in den Leib zurückbeschwor.

Erst jüngst war ich gestorben, als zur Reise
Sie mich bewog und sandt' in jene Mauern,
Um einen Geist zu ziehn aus Judas027 ' Krei

Der tiefste Schlund ist dort, mit finstern Schauern,
Fern von dem Himmel, der das All umringt:
Wohl weiß den Weg ich; drum laß Sorg' und Trauern.

Im Sumpf, aus dem die große Fäulniß dringt,
Liegt diese Stadt der Qualen mittenine,
Zu der nur Zorn den Eingang uns erzwingt.'

Er sprach noch mehr, deß ich mich nicht entsinne,
Weil es mein Auge hinzog mit Gewalt
Zum hohen Thurme mit der glühnden Zinne.

Drei Höllenfurien sah ich dort alsbald,
Mit Blut gefärbt, grad aufgerichtet prangen,
Gleich Weibern an Gebahren und Gestalt.

Umgürtet waren sie mit grünen Schlangen,
Gehörnte Nattern und Blindschleichen schienen
Statt Haars um ihre Schläfe wild zu hangen.

Drauf er, der sie wohl kannte, die da dienen
Der Königin der nie gestillten Zähren:
'Die furchtbaren Erinnyen sieh in ihnen.

Zur linken Hand erblickst du dort Megären,
Rechts weint Alekto, mitten kannst du schauen
Tisiphone.' Erschwieg nach diesen Lehren.

Die Brust zerriß sich jede mit den Klauen,
Sie schlugen sich mit Fäusten, schrien so wild,
Daß ich mich an den Dichter schmiegt' in Grauen.

'Medusa, komm und wandl' in Stein sein Bild!'
So riefen sie zugleich und sahn hernieder;
'Des Theseus Angriff straften wir zu mild.'

'Wende dich ab, verschließ die Augenlider;
Denn zeigt sich Gorgo und du blickst sie an,
Wird keine Rückkehr dir nach oben wieder.'

So spechend dreht' er selbst mich um, und dann
Ward noch mein Aug' von seiner Hand verhüllet,
Denn meine sah er nicht als gnügend an.

O ihr, die ein gesunder Geist erfüllet,
Betrachtet diese Lehre, wenn sie schon
Der räthselhaften Dichtung Schleier hüllet.

Ein Krachen jetzt von fürchterlichem Ton
Hatt' auf den trüben Fluthen sich erhoben,
So daß die Ufer bebend Einsturz drohn.

Nicht anders als wenn eines Strumes Toben
Durch Widerstreit der Gluthen grimm entfacht,
Sich auf den Wald stürzt, so daß wild zerstoben

Die Blüthen wehen, Ast um Ast zerkracht,
Und Staub aufwirbelnd stolz durchfegt die Auen
Und Hirten sammt der Herde fliehen macht.

Mein Auge löst' er nun: 'Jetzt laß du schauen
Den Nerv des Sehens nach dem alten Schaume,
Nach dorthin, wo die herbsten Dünste brauen.'

Wie Frösche fliehen von dem Ufersaume
Ins Wasser, wenn die Feindin naht, die Schlange,
Bis jeder sich geduckt im tiefsten Raume:

So sah ich mehr als tausend Seelen bange
Vor Einem, der von Styx durchschritt, entfliehn,
Daß Sohlen trocken blieben bei dem Gange.

Die dichte Luft zu scheuchen, sah ich ihn
Oft vorwärts greifen mit der linken Hand,
Denn das nur war es, was ihm lästig schien.

Wohl merkt' ich, daß der Himmel ihn gesandt.
Zum Meister blickt' ich; still mich zu verhalten
Winkt' er mir zu, gebückt ihm zugewandt.

Wie däucht' er zornig mir und ungehalten!
Zur Pforte trat er und mit einer Ruthe
Erschloß er sie; ihn konnte niemand halten.

'O gottverstoßne Brut aus Sünderblute!'
Also begann er an dem Thor der Schrecken,
'Was facht euch an zu solchem Uebermuthe?

Warum entgegen jenem Willen lecken,
Der seinem Ziel zusteuert unentwegt
Und der euch oft vermehrte Pein ließ schmecken?

Was hilft es, daß ihr Groll dem Schicksal hegt,
Da darum Haar und Kinn, wenn ihr's bedenket,
Eur Cerberus noch heut geschunden trägt?'

Dann durch den Sumpf den Pfad zurück gelenket,
Schritt seines Weges wie ein Mensch er fort,
Der andrer Sorge, die ihn quält, gedenket

Als nur um das, was ihm zunächst am Ort.
Wir lenkten zu der Stadt nun unsre Schritte,
Gesichert völlig durch das heilige Wort.

Eintretend, ohn' daß jemand es bestritte,
Fühlt' ich zu schaun ein mächtiges Verlangen,
Was diese Burg verschließ' in ihrer Mitte.

Ich blickt' umher, sobald ich eingegangen.
Ein weites Feld war rechts und links zu schauen,
Von grausen Martern und von Weh umfangen.

Wie dort, wo sich der Rhone Wogen stauen,
Bei Arles, und dort bei Pola am Quarnar,
Der grenzumspülend schließt Italiens Gauen,

Ein hüglig Grabfeld stellt dem Blick sich dar,
So hier, wo Gräber rings umher erschienen,
Nur daß die Art viel schauriger hier war.

Denn Flammen sah verstreut ich zwischen ihnen,
Die Särg' erhitzend, drin wie Todten lagen,
Daß keiner Kunst braucht härtrer Stahl zu dienen.

All ihre Deckel waren aufgeschlagen
Und daraus drang solch jammervolles Schrei'n,
Das Zeugniß gab von ihren grausen Plagen.

Herr, sagt' ich, sprich, wer mögen diese sein,
Die, eingesargt in jenen Todtenladen,
Durch solch Geseufz kundgeben ihre Pein?

'Hauptketzer sind's und die, die ihren Pfaden
Als Jünger folgten, Secten aller Art;
Die Grüfte sind mehr als du glaubst beladen.

Mit Aehnlichen sind Aehnliche gepaart,
Und mehr und minder glühn die Gräber drinnen.'
Drauf wandten wir zur Rechten unsre Fahrt

Zwischen den Martern und den hohen Zinnen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 10
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 10

Die Dichter wandeln zwischen den Mauern und den Gräbern, Dante begehrt, da er die Deckel offen sieht, die Begrabenen zu schauen. Virgil sagt ihm, die Gräber würden hier über den Sündern, die Seele und Leib zugleich gestorben glauben, am jüngsten Tage, wenn sie ihre Leiber wieder empfangen, gänzlich geschlossen. Indem vernimmt Dante, aus einer der Grabstätten, eine ihn anrufende Stimme. Virgil führt ihn näher. Farinata, der stolze Ghibelline, hat sich erhoben, und sagt Dante, dass er dessen Vorfahren oft aus der Stadt vertrieben. Dante entgegnet ihm, dass sie immer wiedergekehrt seien, welche Kunst hingegen Farinatas Anhang nicht wohl gelernt habe. Da erhebt sich neben Farinata ein anderer Schatten Cavalcante Cavalcanti, der nach seinem Sohn Guido späht und fragt, ob er, als Dantes Freund, nicht mitgekommen, durch gleiche Hoheit des Geistes? Aus Dantes Antwort schließt er fälschlich, dass Guido gestorben, und sinkt schmerzlich zurück, da Dante seinen Irrtum nicht sogleich begreift und berichtigt. Der starre Farinata aber nimmt, um jenen unbekümmert, das Gespräch wieder auf, sagend: das Unglück der Seinen schmerze ihn mehr als sein glühend Lager; dann weissagt er Dante gleiches Unglück der Verbannung und fragt: warum die Seinen in Florenz so hart gerichtet würden? Dante wirft die Schuld auf Farinatas Sieg an der Arbia und jener erwidert, dass er nicht ungereizt Blut vergossen, doch der Einzige gewesen sei, der sich der schon beschlossenen Zerstörung von Florenz widersetzt. Noch erfährt Dante von ihm, dass die Schatten der hierher Verdammten die Gegenwart nicht erkennten, wohl aber die ferne Zukunft dämmern sähen, bis die Gräber dereinst gänzlich und damit alle ihre Kenntnisse verschlossen würden. Dante bittet ihn nun aus Mitleid, dem hingesunkenen Cavalcante zu sagen: dass sein Sohn noch lebe. Virgil ermahnt seinen betrübten Schüler, der Weissagung Farinatas zu gedenken, sagt ihm aber tröstend: von Beatrice werde er den eigentlichen Weg zum wahren, göttlichen Leben erfahren. Hierauf wenden sie sich links nach der Mitte, einem Tale zu, daraus übler Ruch emporsteigt.

Auf engem Pfad ward weiter jetzt geschritten,
Den hier die Mauer, Martern dort umfangen,
Virgil voran, ich folgte seinen Tritten.

Der durch die Sünderwelt mit mir gegangen,
Sprach ich, du höchste Kraft, wenn dir's gefällt,
O sprich zu mir und stille mein Verlangen.

Das Volk, das dieser Gräber Reih' enthält,
Darf ichs nicht sehn, da sich von selbst erschließen
Die Deckel und auch niemand Wache hält?

Und er zu mir: 'Man wird sie alle schließen,
Wenn sie hierher gekehrt von Josaphat
Mit ihren Körpern, die sie droben ließen.

Auf dieser Seite sieh die Ruhestatt
Von Epikur und allen, die da lehren,
Daß Seele sonder Leib kein Leben hat.

Doch dem von dir geäußerten Begehren
Wird bald Befriedigung die Stätte hier
Wie jedem Wunsch, den du verschweigst, gewähren.'

Und ich: Mein Führer, darum barg ich dir
Mein Herz nur, um zu sparen viele Worte,
Und nicht erst jetzt empfahlst du solches mir.

Toscaner, du, der durch der Glutstadt Pforte,
So maßvoll redend, ein Lebendiger kam,
Gefall' es dir zu weilen hier am Orte.

Wie ich aus deiner Sprache klar entnahm,
Bist du der edlen Vaterstadt entsprungen,
Der ich vielleicht schuf allzugroßen Gram.'

Aus einer Lade plötzlich vorgedrungen
Kam dieser Ruf, weshalb ich näher mich
An meinen Führer drängte furchtbezwungen.

Und er zu mir: 'Was thust du? wende dich!
Sieh Farinata aufrecht dort erscheinen!
Vom Gürtel aufwärts zeigt er ganz dir sich.'

Schon wendet' ich mein Antlitz nach dem seinen.
Ich sah empor ihn Brust und Stirne richten;
Der Hölle trotzend mochte man ihn meinen.

Und zu ihm mitten in die Gräberschichten
Stieß mich hinein des Führers muthige Hand.
Er sprach: 'Woll' ihn mit klarem Wort berichten!'

Als ich am Fuße seines Grabes stand,
'Wer waren', fragt' er mich nach einigem Schauen,
'Die Ahnen dir?' und schien fast zornentbrannt.

Ich eilt' ihm offen alles zu vertrauen,
Ihm zu gehorchen war ich hocherfreut;
Worauf er etwas hob die Augenbrauen

Und sprach: 'Sie haben feindlich mich bedräut
Und meine Väter und Die zu mir standen;
Drum hab' ich zweimal sie im Kampf zerstreut.'

Ob auch zweimal verjagt, den Rückzug fanden
Sie beidemal, bemerkt' ich gegen ihn.
Mir scheint, daß Eure schlecht die Kunst verstanden.

Da an des Grabes offnem Rand erschien
Ein Schatten neben jenem bis zum Kinne,
Der, glaub' ich, sich erhoben auf den Knie'n.

Er blickt' um mich herum, als ob im Sinne
Er hoffe, neben mir sei noch ein zweiter;
Doch weinend, als den Irrthum er ward inne,

Sprach er: 'Wenn hohen Geistes Kraft dein Leiter,
Die dich geführt in dieses Kerkers Nacht,
Wo ist mein Sohn? warum nicht dein Begleiter?'

Nicht eigner Wille hat mich hergebracht,
Sprach ich; Der dort führt mich zu diesen Schlünden,
Deß euer Guido hatt' zu wenig Acht.

Sein Wort, die Art der Qual ließ mich ergründen
Den Namen des Befragers auf der Stelle;
Drum konnt' ich ihm vollständig alles künden.

Da rief er und fuhr auf in jäher Schnelle:
'Er hatte, sagst du? weilt er nicht im Leben?
Schaut er nicht mehr des süßen Tages Helle?'

Und eh ich ihm die Antwort noch gegeben,
Gewahrend, daß ein wenig ich verzog,
Sank er zurück, sich nicht mehr zu erheben.

Doch unentwegt nicht Seit' und Nacken bog
Der hochgemuthe Held, der an der Stätte
Zu weilen durch sein Bitten mich bewog.

Er sprach, anknüpfend an des Frühern Kette:
'Dacht' ich, daß sie so schlecht die Kunst verstünden?
Das peinigt mich weit mehr als dieses Bette.

Doch nicht wird fünfzig Mal sich neu entzünden
Der Fürstin Antlitz, die hier Herrschaft hält,
Bis du, wie schwer die Kunst sei, wirst ergründen.

Und willst du je zurück zur süßen Welt,
So sprich, warum dein grausam Volk bei allen
Gesetzen sich den Meinen gegenstellt?'

Drauf ich: Daß so viel Menschen mußten fallen
Im Blutbad, das gefärbt der Arbia Wogen,
Gibt solchen Rathschluß ein in unsern Hallen.

'Da war ich nicht allein, als ich vollzogen,'
Sprach seufzend und kopfschüttelnd er, 'die That;
Mich hat wie Andre triftiger Grund bewogen.

Doch da war ich allein, als jenem Rath,
Daß von dem Erdkreis ganz Florenz verschwinde,
Mit offnem Antlitz ich entgegentrat.'

So wahr eur Samen jemals Ruhe finde,
Löst mir den Knoten, bat ich, deß Geflecht
Das Urtheil mir verstrickt gleich dunkler Rinde.

Es scheint, eur Auge sieht, wenn ich euch recht
Verstand, voraus die Zukunft der Geschichte;
Doch für die Gegenwart ist es geschwächt.

'Wir sehn wie Der, der schwach ist von Gesichte,
Die Dinge', sprach er, 'die noch ferne stehen.
So viel läßt uns der Höchste noch vom Lichte.

Doch wenn sie nahen oder sind, vergehen
Uns Sinn und Einsicht, nur aus Andrer Munde
Erfahren wir von menschlichem Ergehen.

Drum wirst Du auch begreifen: ganz zu Grunde
Geht unser Wissen, wenn der Zukunft Thor
Sich wird verschließen, zu derselben Stunde.'

Der Schuld gedenk, die ich beging zuvor,
Sprach ich: Dem Hingesunknen, bitt' ich, saget,
Daß noch sein Sohn das Leben nicht verlor.

Und wenn ich stumm die Antwort ihm versaget,
So meldet ihm, ich that es, noch vom schweren
Irrwahn gebannt, den ihr mir habt verjaget.

Schon mahnte mich mein Meister umzukehren;
Drum trieb michs, rasch dem Geist noch anzuliegen,
Daß er Die nannte, die mit ihm dort wären.

'Wißt', sprach er, 'daß hier mehr als tausend liegen.
Hier drin ist Kaiser Friederich der Zweite,
Der Cardinal - von andern sei geschwiegen.'

Drauf barg er sich, doch ich eilt' an die Seite
Des Dichters hin und sann dem Worte nach,
Das, wie mir schien, mir Unheil prophezeite.

Er brach nun auf, und weiter gehend sprach
Er so zu mir: 'Wie bist du so verstöret?'
Und als ich seiner Frage drauf entsprach,

Gebot der Weise mir: 'Was du gehöret
Hast wider dich, dein Geist soll es bewahren
(Er hob den Finger) und merk' unbethöret,

Wenn du erst stehst vor ihrem Strahl, dem klaren,
Die alles mit dem schönen Auge sieht,
Wirst du von ihr des Lebens Weg erfahren.'

Drauf kehr' er seinen Fuß nach links und schied
Von jener Maur, indem zur Mitt' er wandte,
Wo uns ein Pfad führt' in ein Thalgebiet,

Das bis nach oben ekle Düfte sandte.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 11
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 11

Wo der Kreis der Irrlehrer und ihrer Anhänger an den der Gewalttätigen stößt, finden die Fortwandelnden ein Grabmal, dessen Inschrift sagt: es bewahre den Papst Anastasius. Damit wird nicht allein angedeutet: dass ein Papst ein Irrlehrer sein könne, sondern zugleich: dass Irrlehre bei Mächtigen nicht fern von Gewalttat stehe. Die Dichter schreiten langsam, um sich erst an den Stank zu gewöhnen, der von dem Blutstrom in der Tiefe heaufsteigt. Auf Dantes Bitte benutzt Virgil diese Zeit, ihn über die Ordnung der Höllenkreise zu belehren und sagt ihm: außerhalb der eisernen Mauer, in den bereits durchschrittenen Kreisen litten die Unenthaltsamen, welche sich natürlichen Trieben überlassen; innerhalb der Mauer aber, im nächsten tieferen Höllenkreise, die, welche sich unnnatürlichen Trieben nachgebend, entmenscht und vertiert haben: sie teilten sich ein in die Gewalttätigen gegen den Nächsten, gegen sich selbst, und gegen Gott. Tiefer darunter seien dann die Betrüger und ganz zu unterst die lieblosen Verräter, die an den ihnen Vertrauenden und somit am meisten an Liebe und Wahrheit gefrevelt. Zuletzt erklärt Virgil, auf Dantes Befragen noch, warum die Wucherer mit zu den Gewalttätigen gegen Gott gerechnet sind, und ermahnt seinen Schüler, da schon der Morgen herannahe, zum Weitergehen.

An eines hohen Ufers oberm Saume,
Das Felsentrümmer bilden ohne Zahl,
Gelangten wir zu einem schlimmern Raume.

Dort bargen wir, weil des Gestankes Qual
Zu groß war, den der tiefe Schlund entsandte,
Uns hinter eines hohen Grabes Mal,

An dessen Deckel ich die Schrift erkannte:
Ich berg' in mir Papst Anastasius,
Den einst Photin vom rechten Wege wandte.

'Nur langsam abwärts gehn darf hier der Fuß,
Weil an den schlimmen Qualm man erst die Sinne,
Daß er unschädlich sei, gewöhnen muß.'

So sprach mein Meister; ich drauf: So gewinne
Ersatz, daß nicht umsonst die Zeit verstreiche.
Und er: 'Du siehst ja, daß ich darauf sinne.

Mein Sohn, es sind in diesem Felsbereiche
Drei kleine Kreise,' so begann mein Leiter,
'In Stufen sinkend, den durchschrittnen gleiche;

Sie all' von Geistern voll Vermaledeiter.
Doch damit dir am Schau'n dann sei genug,
Vernimm, warum und wie sie büßen, weiter.

Jedwede Bosheit trifft des Himmels Fluch,
Der Unrecht Zweck ist; solcher Zweck nun endet
In Andrer Schaden, sei's Gewalt, sei's Trug.

Doch weil Betrug der Menschheit Wesen schändet,
Haßt Gott ihn mehr, weshalb zum tiefsten Schlunde
Und größten Weh er die Betrüger sendet.

Gewaltthat wird bestraft im ersten Runde,
Doch da Gewalt an dreien kann ergehen,
Zerfällt es in drei Zirkel aus dem Grunde.

An Gott, an sich, am Nächsten kann's geschehen,
Und zwar an ihm und seinem Gut sodann,
Wie du wirst klar an dem Beweise sehen.

Durch Mord und schmerzliche Verwundung kann
Gewalt dem Nächsten selber widerfahren;
Raub, Brand, Zerstörung thut dem Gut sie an.

Drum muß, die Mörder hier und Räuber waren,
Verwüster und Verwundrer, alle hegen
Der erste Zirkel in verschiednen Scharen.

An sich kann man gewaltsam Hand anlegen
Und an sein Gut; drum durch der Zirkel zweiten
Müssen in eitler Reue sich bewegen

Die von des Daseins Last sich selbst befreiten,
Ihr Gut im Spiel vergeudet und verthan
Und statt der Lust sich Thränen nun bereiten.

Gewalt wird auch der Gottheit angethan,
Wenn man sie lästert, leugnet und nicht achtet
Was man durch Güte der Natur empfahn.

Drum in des engsten Zirkels Tiefe schmachtet
Cahors und Sodom, und ihr Brandmal trägt,
Wer Gott im Herzen lästert und verachtet.

Betrug, der stets Gewissensbiss' erregt,
Kann gegen den man üben, der uns trauet,
Wie gegen den, der kein Vertrauen hegt.

Betrug der letzern Art, so scheint's, zerhauet
Das Band der Liebe, das Natur geschaffen;
Weshalb im zweiten Kreis sein Nest sich bauet

Der Heuchler, Schmeichler, Kuppler, Zaubrer, Pfaffen,
Die Simonie geübt, Verräther, Diebe,
Bestechliche und die dergleichen schaffen.

Auf erstre Art vergißt man jene Liebe,
Die sich zu der natürlichen gesellt
Und weckt des engeren Vertrauens Triebe.

Im engsten Kreis, im Mittelpunkt der Welt,
Zahlt, wer Verrath geübt, am Sitz des Dis,
In Ewigkeit verzehrt, die Schuld Entgelt.'

Gar deutlich, sprach ich, Meister, unterwies
Mich dein Bericht und lehrte trefflich scheiden
Den Schlund und die, so Gott darein verstieß.

Doch sprich, die in dem schlammigen Sumpfe leiden,
Und wie der Regen peitscht, die Stürme jagen,
Und die sich scheltend treffen stets und meiden,

Wie kommt es denn, wenn Gottes Zorn sie tragen,
Daß sie nicht hausen in der Gluthstadt drinnen;
Und zürnt Gott nicht, wozu dann jene Plagen?

Und er: 'Warum doch schwärmt dein Geist von hinnen
Mehr als er sonst gepflogen? oder hast
Auf etwas andres du gelenkt dein Sinnen?

Ist jener Wort' Erinnrung dir erblaßt,
In denen deines Meisters Ethik handelt
Von den drei Neigungen, die Gott verhaßt:

Unmaß und Bosheit und zum Vieh verwandelt
Gemüth? und warum Gott die erstgenannte
Mit mindrem Tadel, glimpflicher behandelt?

Wenn diese Sätze recht dein Geist erkannte,
Und in den Sinn zurückruft, wer sie waren,
Die außerhalb dort ihre Strafe bannte,

So siehst du klar, warum von diesen Scharen
Der Sünder sie getrennt sind, und erweicht
Die Rachehämmer Gottes auf sie fahren.'

O Sonne, vor der jede Trübe weicht,
So sehr befriedigst du, daß zum Erquicken
Mir Wissen mehr als Zweifel kaum gereicht.

Doch laß ein wenig noch zurück uns blicken,
Wo du gesagt hast: Gottes Güte kränkt
Der Wucher; woll' auch das mir noch entstricken.

'Weltweisheit', sprach er, 'wer sie recht bedenkt,
Lehr nicht an einer, nein! an mehrern Stellen,
Daß ihren Ursprung die Natur empfängt

Aus Gottes Geist und seiner Kunst als Quellen;
Und blickst du recht auf deine Physik hin,
So wird nach wenig Seiten dir erhellen,

Daß eure Kunst, gleich wie des Schülers Sinn
Dem Meister, jener folgt, soviel sie kann;
Drum eure Kunst ist Gottes Enkelin.

Durch diese zwei, so gibt der Anfang an
Der Genesis, schafft Unterhalt fürs Leben
Der Mensch und fördert auch sich weiter dann.

Doch weil auf andrem Weg die Wuchrer streben,
So schmähen sie in ihrer Folgerin
Natur an sich, weil andrem Wahn ergeben.

Doch folge mir, zu gehn treibt mich der Sinn.
Die Fische zittern schon im Sternenreigen,
Der Wagen liegt ganz nach dem Caurus hin

Und weit noch ists, bis wir vom Felsen steigen.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 12
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 12

Als Symbol der Vertierten oder Gewalttätigen gegen den Nächsten, sich und Gott, tritt den Dichtern, am Eingange in den ersten Kreis der tieferen Hölle, das, durch naturwidrigen Trieb entstandene Halbtier, der Minotaurus entgegen. Virgil erinnert ihn an seinen Untergang durch Thesus, und das ehemals menschenverschlingende Ungeheuer fällt sich selbst an, in unmächtiger Schattenwut, so dass die Dichter Zeit behalten, die furchtbare Zertrümmerung dieses Randes hinabzuklimmen. Die Steine regen sich unter Dantes Füßen und er erfährt, dass dieses Ufer des heißen Blutstromes, worin die Gewalttätigen am Nächsten leiden, bei Christi Verscheiden so zertrümmert. (Hier liest man zwischen den Zeilen: "weil an ihm Gewalt verübt worden.") Das Blut ihrer Erschlagenen tritt hier vor der Sünder Bewusstein, mehr oder minder hoch und heiß sprudelnd wie aus frischen Wunden. Centauren, die Bilder raschvertilgernder Wut, umjagen beständig die Sünder, drohend mit Geschossen. Nessus hält die Dichter an; Virgil aber sagt: er werde Chiron Rede stehen, und bittet diesen, seinen Auftrag erzählend, um einen Geleiter, der auch Dante über die Furt trage; da er noch nicht wie die Seelen auf der Luft wandeln könne. Der weise Chiron, hier das Insichgehen der Sünder vorbildend, welches übereilter Tat folgt, gebeut Nessus ihren Willen zu tun. Dieser geleitet sie also und trägt Dante, wo der Strom seichter und seichter wird, über die Furt. Auf dem Wege zeigt er ihnen in dem Blute leidende Tyrannen: Alexander, Dionys, Azzolin und Obizzo von Esti; dann, seitwärts einsam, den Schatten Guidos von Montfort, der in der Kirche mordete und nicht genannt nur bezeichnet wird. Außer diesen nennt er ihnen, als die da seufzen, wo der Strom wieder tiefer wird: Attila, Pyrrhus von Epirus, Sextus Pompejus, Rinier von Corneto und Rinier Pazzo. Hierauf verlässt er die Dichter, nach Erfüllung seines Auftrages, am inneren Rande des Blutstromes und sprengt durch die Furt zurück.

Wo wir herniederstiegen, war die Stätte
So felsig rauh, auch sonst so fürchterlich,
Daß jedem Blick davor geschaudert hätte.

Wie jener Bergrutsch bei Trient, der sich
Einst in die Etsch gestürzt, sei's daß gerad
Erdbeben war, sei's daß der Boden wich -

Wo er herabfiel, von dem Felsengrat
Dehnt das Geröll sich schräg zum ebnen Lande,
Daß man zur Noth herabstieg' auf dem Pfad -

So gings hier abwärts an des Abhangs Rande,
Und auf dem Gipfel vom geborstnen Schachte
War ausgestreckt zu schauen Creta's Schande,

Die einer Kuh Trugbild ins Dasein brachte.
Er biß sich selbst, als er uns wahrgenommen,
Wie der, den innre Zornesgluth entfachte.

Mein Weiser rief: 'Dir ists wohl vorgekommen,
Dies möge der Athener Herzog sein,
Der in der Welt das Leben dir benommen?

Unthier, hinweg! denn dieser tritt hier ein,
Nicht als wenn deine Schwester ihn belehrt,
Er kommt nur um zu schauen eure Pein.'

Gleich wie der Stier, vom Todesstreich versehrt,
Sich losreißt, doch nicht mehr vermag zu gehen,
Und hin und her in wilden Sprüngen fährt:

So war der Minotaurus anzusehen.
Da rief der kluge Führer: 'Lauf zum Passe!
So lang er tobt, ists gut hinabzugehen.'

So ging es abwärts auf der steilen Gasse
Des Steingerölls, und oft erbeben machte
Mein ungewohnter schwerer Tritt die Masse.

'Du denkst (er sah, daß ich darüber dachte)
Wohl an den Einsturz,' sprach er, 'den bewahren
Dies Unthier muß, das ich zur Ruhe brachte?

So wisse, daß, als ich hinabgefahren
Das erste Mal zum tiefen Höllengrunde,
Die Felsen hier noch nicht gefallen waren.

Doch kurz vorher - falls mich nicht trügt die Kunde -
Eh Jener kam, daß er dem Dis entwende
Die große Beute aus dem obern Runde,

Erbebten so des grausen Thales Wände
Von allen Seiten, gleich als ob die Welt,
So schien es mir, die Sympathie empfände,

Die sie schon oft, wie mancher dafür hält,
Ins Chaos wandelt'; damals ward der Grat
Des Felsens hier und anderwärts zerschellt.

Doch wend' ins Thal hinab den Blick, schon naht
Der blutige Strom, drin jeglicher muß sieden,
Der durch Gewalt dem Nächsten Schaden that.'

O blinde Gier, wahnsinnige Wuth, hienieden
Spornt ihr so mächtig uns im kurzen Leben,
Daß uns im ewigen wird solch Bad beschieden.

Im Bogen rings die ganze Fläch' umgeben
Sah ich von einem Graben, einem breiten,
Wie mein Begleiter es mir angegeben.

Und zwischen diesem und der Felswand reiten
Centauren nach einander, pfeilversehen,
Wie sie auf Erden jagten schon vor Zeiten.

Bei unserm Anblick blieben alle stehen:
Drei sah'n wir, mit vorher geprüften Pfeilen
Und Bogen, aus der Schar uns näher gehen.

Von fern rief einer: 'Welche Qual zu theilen
Naht ihr, vom Fels absteigend, diesem Ort?
Von dort aus sprecht, sonst schieß' ich sonder Weilen.'

Mein Meister sprach darauf: 'Dem Chiron dort
Werd' ich, wenn wir ihm nahn, die Antwort geben;
Dich riß der Sinn stets ins Verderben fort.'

'Sieh! das ist Nessus,' sprach er, 'der sein Leben
Durch Dejanirens Reiz verlor, doch sprüht' er
Im Tod Verderben Dem, der Tod gegeben.

Dort in der Mitt' Achillens großer Hüter
Chiron, er schaut sich auf den Bart hernieder,
Der dritte Pholus, jener grimme Wüther.

Wohl Tausend ziehn den Graben auf und nieder
Und schießen jeden, der vom blutigen Grunde
Zu weit emportaucht, dem Gebot zuwider.'

Den schnellen Wilden nahten wir zur Stunde.
Heraus nahm Chiron einen Pfeil und streicht
Den Bart sich mit der Kerbe von dem Munde.

Und als er so das weite Maul gezeigt,
Sprach er zu den Gefährten: 'Seht den einen
Da hinten, wie sich regt worauf er steigt,

Was sonst doch nicht geschieht von Todtenbeinen.'
Mein Führer, der ihm nah schon an der Brust,
Da wo die zwei Naturen sich vereinen,

Versetzte: 'Ja, er lebt! und leiten mußt'
Ich so allein ihn zu den finstern Gründen;
Ihn führt Nothwendigkeit, nicht eigne Lust.

Vom Halleluja kam, mir dies zu künden,
Die mich beauftragt, aus des Himmels Mitte;
Er ist kein Räuber, ich kein Sohn der Sünden.

Doch, bei der hohen Kraft, die unsre Schritte
Ermächtigt, in dies wilde Thal zu dringen,
Gib einen deiner Leut' uns mit, ich bitte,

Daß er uns an die Stromfurt möge bringen
Und Diesen hier auf seinen Rücken lade;
Er ist kein Geist, sich durch die Luft zu schwingen.'

'Auf, Nessus! leite sie auf ihrem Pfade,'
Sprach Chiron, rechts gewandt, 'sie zu bewahren,
Stoßt ihr auf andre, daß nichts ihnen schade.'

Da wir durch solch Geleit gesichert waren,
Gings weiter an des Strudels rother Fluth,
Drin jammernd schrien die gesottnen Scharen.

Ich sah hier Volk bis an die Brau'n im Sud.
'Tyrannen sinds,' sprach der Centaur, der große,
'Die ihre Hand befleckt mit Raub und Blut.

Hier weint man über Thaten, mitleidlose;
Mit Alexander weilt hier Dionys,
Urheber von Siciliens schwerem Loose.

Die Stirn dort mit dem schwarzen Haare hieß
Einst Ezzelin, der Blonde ihm zur Seite
Obizzo d'Este, den, wie sichs erwies,

Der eigne Rabensohn dem Tode weihte.'
Da wandt' ich mich zum Dichter, der begann:
'Hier sei dir Nessus erster, ich der zweite.'

Nicht weit davon hielt der Centaure dann
Bei einem Volke, dem nur bis zum Munde
Der glühnde blutige Strudel ragt' heran.

Von einem Einzelschatten gab er Kunde:
'Der dort durchstach das Herz in Gottes Schoß,
Das man in London noch verehrt zur Stunde.'

Dann war ein andrer Haufen, frei und bloß
Mit Haupt und Rumpfe aus dem Bache reicht' er,
Und manchen kannt' ich, dem zu Theil dies Loos.

So wurde nach und nach der Blutstrom seichter,
Bis daß die Füße nur bedeckt noch waren;
Wir schritten durch den Graben um so leichter.

'Wie diesseits du am Strudel kannst gewahren,'
Sprach der Centaur, 'daß er sich seichter zeigt,
So, will ich, sollst du auch nunmehr erfahren,

Daß jenseits sich der Grund stets tiefer neigt,
Bis er mit jenem Ort sich wieder einigt,
Aus dem das Seufzen der Tyrannen steigt.

Denn die Gerechtigkeit des Ewigen peinigt
Dort jene Gottesgeißel, Attila,
Pyrrhus und Sextus, die mit ihm vereinigt;

Preßt ewige blutgebeizte Thränen da
Den beiden Riniers aus, den Raubgesellen,
Die Straßenraub man immer üben sah.'

Drauf wandt' er sich, heimkehrend durch die Wellen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 13
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 13

Über den Blutstrom gelangt, betritt Dante den zweiten Kreis der Gewalttätigen, den Wald der in wildes Dorngestrüpp verwandelten Selbstmörder, den Aufenthalt der missgestalten Unglücksvögel, der Harpyen. Er hört menschliche Wehklagen, sieht aber niemanden, der sie ausstößt. Da heißt ihn Virgil einen Zweig abbrechen. Als er ihm gehorcht, blutet der verletzte Stamm und fängt an zu schelten, erzählt aber, auf Virgils freundlichen Zuspruch, daß er, der Vertraute Friedrich des Zweiten, Pietro delle Vigne, sich selbst entleibt habe, als man ihn fälschlich des Verrates an seinem Herrn beschuldigt. Er bittet seinen Namen von dem Schlage der Mißgunst wieder aufzurichten und gibt weitere Kunde von dem Zustande in diesem Kreise. Wenn die Seele, düstern Unglücksgedanken Raum gebend, verwildert und sich selbst gewaltsam von ihrem Leibe trennt, bleibt die Trennung in ihrer Vorstellung ewig. Im Gefühl ihrer Unwürdigkeit fällt die an Gott verzweifelte, Menschengestalt verlierend, dem Zufall anheimgegeben, eine Lebensstufe tiefer und wird ein häßlich verkrüppeltes Dorngewächs, in dessen Gezweige die zu trüben Vorstellungen, welche sie zum Frevel getrieben, in Gestalt der scheußlichen Harpyen ewig nisten. Sie vermag sich ihrer nun nicht mehr zu erwehren und hat keine andere Lebensäußerung als Klage; wenn sie an ihr nagen und zehren. Selbst am jüngsten Tage holt sie ihren Leib nur, damit er sie, an ihrem Gezweig aufgehangen, beständig ihres Frevels gemahne. Den Leib zu bewohnen, achtet sie sich selbst nicht würdig. - Während Dante dies von dem blutenden Stamme vernimmt: brechen, vor schwarzen Hündinnen (ewig jagenden Sorgen) fliehend, zwei menschlichgestaltete Schatten verwüstend durch das Dickicht. Der Vordere, Lano, ein Verschwender, welcher, in Sorgen verzweifelnd, den Tod im Gefecht gesucht, ruft, noch jenseits geängstet, den Tod an, aber vegeblich: die Seele stirbt nicht. Der andre, Jakopo von Sant Andrea, kam, nach Vergeudung seines Gutes, in Verzweiflung um: deshalb sieht ihn hier der Dichter von den schwarzen Hündinnen (den Sorgen), als er sich atemlos in einem Busche verbirgt, ergreifen und zerfleischen und zerstückt davontragen. Der dabei verletzte Busch klagt und bittet Dante, seine zerstreuten Blätter wieder um ihn zu sammeln, gibt einen abergläubigen Grund, künftigen Kriegsunglückes der Stadt Florenz, an, und schließt mit der Nachricht: daß er sich das eigne Haus zum Galgen gemacht: indem er sich darin erhenkt.

Noch nicht war Nessus jenseits am Gestade,
Als wir uns schon in ein Gehölz begaben,
Drin keine Spur zu sehn von einem Pfade.

Kein Grün, nur Schwarzbraun schien das Laub zu haben,
Nicht glatt die Aeste, knotig, krumm und wild,
Die Früchte nicht, nur gifte Dornen gaben.

So rauh Gestrüpp bewohnt selbst nicht das Wild,
Das zwischen Cecina und Cornets Auen
Sich aufhält, scheuend angebaut Gefild.

Hier, wo Harpy'n ihr scheußlich Nest sich bauen,
Die, von den Inseln Trojas Volk zu scheuchen,
Ihm zuschrien künftigen Wehes finstres Grauen.

Am Fuße Klauen, Federn an den Bäuchen,
Mit Flügeln, Menschenhals und Angesicht,
Wehklagen sie auf den seltsamen Sträuchen.

'Bevor du weiter gehst, verschweig' ich nicht:
Der zweite Zirkel hat dich aufgenommen;
Drin bleibst du', lautete Virgils Bericht,

'Bis du beim grausen Sandmeer angekommen.
Sieh wohl dich um, denn du wirst Ding' erspähen,
Die, sagt' ich sie, dir Glauben leicht benommen.'

Wehklagen hört' ich ringsumher, zu sehen
Vermocht' ich keine Seele dort, nicht eine;
Drum blieb bestürzt ich und betroffen stehen.

Ich mein', er mochte meinen, daß ich meine,
Daß diese Tön' empor von Leuten steigen,
Die unserm Blick entzogen in dem Haine.

Drum sprach mein Meister: 'Wählst von diesen Zweigen
Du irgend einen dir zum Brechen aus,
Wird was du denkst sich bald als irrig zeigen.'

Ich streckt' ein wenig meine Hand hinaus
Und brach von einem Dornstrauch eine Ruthe.
'Was knickst du mich?' schrie's aus dem Stamme heraus.

Als er drauf schwarz geworden war vom Blute,
Begann er wieder: 'Warum so mich quälen?
Ist nichts in dir von mitleidvollem Muthe?

Einst Menschen, jetzt zu Bäumen zwar zu zählen,
Verdienten Schonung wir von deiner Hand,
Und wären wir gewesen Schlangenseelen.'

Gleichwie am grünen Scheit, das, angebrannt
An einem End', am andern Tropfen weinet,
Und zischt vom Dunste, wo er Ausgang fand,

So drangen jetzt aus diesem Riß vereinet
So Wort wie Blut zugleich hervor, so daß
Ich fort das Zweiglein warf, von Schreck versteinet.

'Verletzte Seele, hätt' er vorher Das
Vermocht zu glauben,' sprach mein Hort dagegen,
'Was er allein in meinem Liede las,

Nicht wagt' er dann, die Hand an dich zu legen;
Doch zu der That, die jetzt mich selber reuet,
Bewog ich ihn des Unerhörten wegen.

Doch sag' ihm, wer du warst, und er erneuet
Auf Erden deinen Ruhm, dirs zu ersetzen,
Wenn er der Rückkehr sich zur Welt erfreuet.'

Darauf der Stamm: 'Süß weiß dein Wort zu letzen;
Drum bitt' ich, daß es nicht Verdruß euch macht,
Wenn ich nicht schweig' und gehn mich lass' im Schwätzen.

Ich bin der Mann, der beider Schlüssel macht
Zum Herzen Friedrichs führt' und es verschließen
Und öffnen konnte, drückt' ich noch so sacht.

Kein andrer durfte sein Vertraun genießen;
Ich trug so treu des hohen Amtes Frohn,
Daß Schlaf mich floh, die Puls' ihr Schlagen ließen.

Allein die Metze, die zum Kaiserthron
Beständig ihre Buhlerblicke sandte,
Der Höfe Pest, und Aller Schmach und Hohn,

Schuf, daß, mich hassend, Aller Herz entbrannte,
Und so entflammt, entflammten sie auch Ihn,
Daß heitre Ehr' in trübes Leid sich wandte.

Da, um im Tod der Schande zu entfliehn,
Ließ mein gerechter Geist von edlem Zorne
Zu ungerechter That sich leider ziehn.

Doch bei den neuen Wurzeln hier am Dorne
Schwör' ich, daß ich die Treue nie versehret
An meinem Herrn, der Ehre wahrem Borne.

Und wenn zur Erde Einer von euch kehret,
So richt' er neu mein Angedenken auf,
An dem des Neides Zahn noch immer zehret.'

Nach kurzem Harren sprach mein Meister drauf:
'Da er noch schweigt, so rede du und frage
Was dir gefällt; rasch eilt der Stunde Lauf.'

Drauf ich zu ihm: Du richt' an ihn die Frage,
Die, wie du glaubst, befriedigend mir wäre;
Ich kann nicht, weil ich tiefes Mitleid trage.

Und er begann: 'Soll man nach Bitt' und Lehre
Dir willig thun, dann eines noch entbinde,
Gefangner Geist, das Aufschluß uns gewähre:

Wie sich die Seel' in diese Knoten binde,
Und sage, wenn du kannst, ob je im Leben
Sich solchen Gliedern eine Seel' entwinde?'

Da zischte laut der Stamm, des Windes Wehen
Verwandelte sich dann in dieses Wort:
'Mit kurzer Rede will ich Antwort geben.

Wenn sich vom Leib die wilde Seele dort
Getrennt, nachdem sie selber sich entleibet,
Schickt Minos sie zum siebten Schlunde fort.

Und ohne daß des Ortes Wahl ihr bleibet,
Stürzt sie zum Wald, des Zufalls Laun' ergeben,
Wo wie ein Speltkorn sie nach oben treibet.

Als Schoß, als wilder Strauch sich zu erheben;
Drauf die Harpyen, nagend an dem Laube,
Ihr Schmerz anthun und Lust dem Schmerze geben.

Gleich andern eilen wir zum Leib von Staube
Dereinst, doch keiner kleidet sich darein;
Das Recht auf ihn erlosch im Lebensraube.

Hier schleppen wir ihn hin, im düstern Hain
Hier werden unsre Leiber aufgehangen,
Am Strauch, drin jeder Schatten litt die Pein.'

Wir weilten an dem Strauche, voll Verlangen,
Noch andre Worte mög' er mit uns tauschen,
Als plötzlich Lärm und Tosen zu uns drangen,

Gleichwie wenn Jäger auf dem Anstand lauschen
Und plötzlich nun heran der Eber braust
Und durch der Zweige Laub die Hunde rauschen.

Und sieh! her stürmen Zweie, nackt, zerzaust,
In wilder Flucht zu unsrer linken Seite,
Daß Zweig um Zweig zerbrochen niedersaust.

Der Vordre rief: 'Komm, Tod, o komm!' Der Zweite,
Dem es noch allzulangsam schien zu gehen,
Rief: 'Lano! nicht so schnelle beim Lanzenstreite

Am Toppo war dein Lausen anzusehen!'
Er sprachs, um dann - vielleicht um zu verschnaufen -
Mit einem Strauch zum Knäuel sich zu drehen.

Dicht hinter ihnen stürmt' ein gieriger Haufen
Von schwarzen Bracken eilig durch den Hain,
Windhunden gleich, die von der Koppel laufen.

Auf den Geduckten hieb ihr Zahn nun ein,
Und als sie ganz in Fetzen ihn zerrissen,
Verschleppten sie das schmerzende Gebein.

Mein Führer nahm mich bei der Hand, beflissen
Zum Busch mich hinzuführen, dem vergebens
Thränen entquollen aus den blutigen Rissen.

'Jacob von Sanct Andreas, eitlen Strebens
Hast du', sprach er, 'als Schirm mich vorgehalten;
Trag ich die Schul denn deines wüsten Lebens?'

Der Meister, als bei ihm er still gehalten,
Sprach: 'Wer bist du, der, untermischt mit Blut
Schmerzworte strömet aus so vielen Spalten?'

Und er: 'Ihr Seelen, die ihr mild und gut
Genaht und Zeugen dieser Schmach gewesen,
Die man, mein Laub entreißend, so mir thut,

Wollt es am Fuß des Strauchs zusammenlesen.
Ich war aus jener Stadt, die für den alten
Patron den Täufer sich zum Herrn erlesen.

Drum läßt der alte seinen Zorn noch walten;
Und wenn nicht an des Arno Brückenbogen
Noch eine Spur von jenem wär' erhalten,

So hätten ihrer Müh' umsonst gepflogen
Die Bürger, die nach dem Verwüstungsgraus
Der Hunnen sich dem Neubau unterzogen.

Zum Galgen macht' ich mir mein eigen Haus.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 14
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 14

Dritter Zirkel des siebenten Kreises: die Sünder, die an Gott, Natur und Kunst Gewalt geübt haben. Ein Flammenregen fällt auf eine glühende Sandfläche, auf welcher die Sünder teils rücklings liegen, teils kauern, teils laufen, je nachdem sie Gotteslästerer, Wucherer oder Sodomiten sind. Die Dichter treffen den Kapaneus, der wie einst die Götter schmäht. Dann kommen sie zum Phlegethon, dessen Ursprung wie den der anderen Höllenflüsse Virgil erklärt; Lethe, belehrt er ihn, sei auf dem Berge der Reinigung. Sie verlassen den Wald und gehen am Rande des Phlegethon in die Sandfläche hinein.

Liebe zur Heimat faßte meine Seele,
Ich sammelte des Laubs zerstreutes Kleid
Und bracht' es Dem, dem heiser schon die Kehle.

Nun schritten wir zur Grenze, wo gereiht
An die zwei ersten Zirkel folgt der dritte,
Ein furchtbar Kunstwerk der Gerechtigkeit.

Wir sahn nun vor uns einer Haide Mitte -
Dies sag' ich, um die Schildrung zu ergänzen -
Die keine Pflanz' an ihrem Grunde litte.

Des Schmerzenswaldes Bäume sie begrenzen,
Wie dem der Trauergraben dient als Rand;
Wir hielten unsern Schritt an ihren Grenzen.

Der Boden war ein tiefer, dürrer Sand,
Ganz von derselben Art, wie der gewesen,
Den Cato's Fuß betrat im Afrerland.

O Rache Gottes! furchtbar muß dein Wesen
Jehwedem scheinen, der, was offenbar
Dort meine Augen schauten, hie,ir wird lesen.

Ich sah von nackten Seelen manche Schar;
Sie all' erhoben jammernd Klagelieder,
Wiewohl verschieden ihre Strafe war.

Rücklings am Boden lag ein Theil danieder,
In sich gekauert saß ein andrer Haufen,
Ein dritter rannte ruhlos hin und wieder.

Die größte Menge bilden die da laufen,
Die kleinste die dort liegenden dagegen,
Doch tönt am lautesten ihr schmerzlich Schnaufen02

Und auf das Sandmeer nieder sank ein Regen
Von breiten Funken in langsamem Fallen,
Wie Alpenschnee, wenn sich die Winde legen.

Wie Alexander einstmals Feuerballen
Im heißen Inderland auf seine Schar
Sa,hn ungedämpft zur Erde niederfallen -

Weshalb das Heer, zur Abwehr der Gefahr,
Den Boden stampfen mußte, weil, eh neuer
Glutdunst entstand, er so zu löschen war -

So senkte sich herab das ewige Feuer,
Der Sand entglomm wie Zunder unterm Stahl,
Des Doppelschmerzes ständiger Erneuer.

Die armen Hände! nicht ein einzig Mal
Ward ihrem Tanze Ruh, bald hier, bald dorten
Abschütteln sie stets neuer Gluthen Qual.

Mein Meister, fing ich an, der allerorten
Gesiegt, nur bei den harten Teufeln nicht,
Die uns gewehrt den Eingang durch die Pforten,

Wer ist der Große, der sein Angesicht,
Den Brand nicht achtend, scheint voll Hohn zu heben,
Den selbst kein Regen mürbe macht und bricht?

Und von ihm selbst ward Antwort mir gegeben
(Er sah, daß ich nach ihm den Führer frage):
'Ich bleib' im Tode, wie ich war im Leben.

Ob Zeus auch seinen Schmied ermüd' und plage,
Von dem den Blitzstrahl er im Zorn empfahn,
Der mich durchbohrt' an meinem letzten Tage,

Ob er in Aetna's schwarzer Schmiedbahn
Der Reihe nach die Andern müde mache
Und rufe: Hilf, mein Lieber, hilf, Vulcan!

Wie er es that in der Phlegräersache,
Und sei sein stärkster Strahl auf mich geschwungen,
Doch nimmer freuen wird er sich der Rache.'

Da hob so stark, wie sie noch nie erklungen,
Der meister seine Stimm', ihm zuzuschrein:
'O Kapaneus, daß niemals du bezwungen

Den Hochmuth, das ist deiner Strafe Pein,
Und keine Marter als dein eigen Toben
Kann deiner Wuth vollkommne Strafe sein.'

Und, milde dann den Blick zu mir gehoben:
'Der Sieben einer, die um Theben Streit
Begannen, war er, der den Höchsten droben

Noch jetzt verhöhnt wie einst in jener Zeit;
Doch ist, wie ich gesagt, sein lästernd Schmähen
Für seine Brust das würdigste Geschmeid.

Jetzt folge mir, doch sorgsam mußt du sehen,
Daß nicht den heißen Sand berührt dein Fuß;
Dicht an des Waldes Saume mußt du gehen.'

Wir gingen schweigend fort; ein kleiner Fluß
Kam sprudelnd aus dem Wald mit rothen Wellen,
Des Roth noch jetzt das Haar mir sträuben muß.

Gleichwie das Bächlein aus den Schwefelquellen,
Das unter sich die Sünderinnen theilen,
So sah ich durch den Sand ihn niederquellen.

Des Flusses Bett sammt beiden Ufersteilen,
Und der Umfassung, alles war von Stein,
Ein Zeichen, daß man hier kann drüber eilen.

'Seit unser Fuß zu jenem Thor trat ein,
Durch dessen Schwelle darf ein jeder gehen,
Mag nichts von allem merkenswerther sein,

So vieles auch dein Auge schon gesehen
Und ich dir wies, als dieses Bächlein hier,
Weil alle Flammen über im vergehen.'

So redete mein Führer jetzt zu mir.
Gib mir die Speise, sprach ich drauf, ich bitte,
Nach der im Herzen du erweckt die Gier.

'Ein wüstes Land liegt in des Meeres Mitte,
Das Creta heißt', sprach er zu mir gewandt;
'Sein König hielt die Welt in keuscher Sitte.

Ein Berg ist dort, der Ida wird genannt,
Den Laub und Quellen lieblich einst geschmückt;
Jetzt ragt er öd und altersgrau am Strand.

Dorthin zur sichern Wiege ward entrücket
Der Rhea Sohn, die Späher hintergehend,
Ward sein Geschrei durch Lärmen unterdrücket.

Ein hoher Greis ist drin, grad aufrecht stehend,
Der Damiette zu den Rücken wendet,
Nach Rom hin wie in einen Spiegel sehend.

Zu seinem Haupt ist seines Gold verwendet,
Von reinem Silber Brust und Arm und Hand,
Dann folget Erz, bis wo der Rumpf sich endet;

V on dort ab ist Gußeisen angewandt,
Nur von gebranntem Thon der rechte Fuß;
Doch ruht auf ihm zumeist sein fester Stand.

Bis auf das Gold brach den Zusammenschluß
Des Andern tief ein Riß, draus Thränen rinnen;
Sich sammelnd wühlt sich durch den Fels ihr Fluß.

Dann stürzt ihr Thau in dieses Thal von hinnen,
Zeugt Acheron und Styx und Phlegethon,
Und fließt zuletzt in diesen engen Rinnen;

Dann bildet er, wenn er ganz unten schon,
Noch den Cocyt, an dessen sumpfigem Strande
Du selbst bald stehest; drum nichts mehr davon.'

Und ich zu ihm: Wenn aus dem Erdenlande
Der Abfluß hier entstammt auf solche Weise,
Warum erscheint er erst an diesem Rande?

Und er: 'Du weißt, wir sind in einem Kreise,
Und mochten wir auch noch so tief gelangen,
Wir haben doch, weil links sich stets die Reise

Gewandt, den ganzen Umkreis nicht durchgangen;
Und, wenn du neue Dinge hier ersiehst,
Darf Staunen drum dein Antlitz nicht umfangen.'

Sag' mir, wo Phlegethon und Lethe fließt?
Fragt' ich; von diesem ward ich nicht beschieden,
Doch wohl, daß jener diesem Thau entsprießt.

'Mit deinen Fragen bin ich wohl zufrieden,'
Sprach er, 'doch Antwort auf die eine gaben
Dir jene Fluthen schon, die blutroth sieden.

Bald siehst du, aber nicht an diesem Graben,
Den Lethe, dort wo Seelen gehn zum Bade,
Wenn sie die Schuld gesühnt durch Reue haben.'

Dann sprach er: 'Es ist Zeit, - drum folge grade
Mir nach - zu scheiden von des Waldes Bord.
Die nicht verbrannten Ränder bieten Pfade,

Und jeder heiße Qualm verschwindet dort.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 15
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 15

Die an der Natur sündigenden, die Sodomiten. Hier trifft Dante seinen Lehrer, Brunetto Latini, der ihm seine Leiden prophezeit und bitter über Florenz urteilt. Dante erklärt auf jeden Schicksalsschlag vorbereitet zu sein und bittet ihn um Auskunft über einige Genossen in seiner Schar. Doch bald nötigt ein anderer herannahender Haufe den Brunetto sich eilig davon zu machen, um seine Schar einzuholen.

Jetzt trägt durch Dampf, den schwarz emporgesandt
Der Bach, uns einer fort der harten Ränder;
Der Dampf schützt Fluth und Dämme gegen Brand.

Wie zwischen Brügg' und Kadsand die Flamänder,
Den Anprall fürchtend feindlich wilder Fluth,
Schutzwehren bau'n, der Meeresmacht Abwender,

und wie der Paduaner, eh die Gluth
Der Sonne scheint auf Kärntens Bergeskämmen,
Schützt Schloß und Villen vor der Brenta Wuth:

Ganz ähnlich waren diese jenen Dämmen,
Nur wollt' ihr Meister, wers auch mochte sein,
Die Stärk' und Höhe dieser etwas hemmen.

Schon waren wir so ferne von dem Hain,
Daß ich nicht konnte sehn wo er gelegen,
Auch wenn zurückgeblickt der Augen Schein;

Da kam ein Trupp von Seelen uns entgegen
Den Damm entlang, und jegliche betrachtet'
Uns ganz genau, wie wir beim Neumond pflegen

Uns anzublinzeln, wenns allmählich nachtet.
Sie sahn uns an mit hochgezognen Brauen,
Wie auf das Oehr ein alter Schneider achtet.

Als noch die Seelen starrend uns beschauen,
Erkennt mich Einer, faßt mir am Gewand
Den Saum und ruft: 'Welch Wunder muß ich schauen!'

Und ich, als er den Arm nach mir gewandt,
Bohrte den Blick fest in das gluthverdorrte
Gesicht, und ob es noch so sehr verbrannt,

Trat doch sein Bild aus der Erinnrung Pforte,
Und zu ihm hingeneigt mein Angesicht,
Rief ich: Ihr, Herr Brunnetto, an dem Orte?

Und er: 'O lieber Sohn, mißfällt dirs nicht,
Werd' ich mit dir ein wenig rückwärts kehren;
Auf die Gesellschaft bin ich nicht erpicht.'

Und ich: Dies ist mein innigstes Begehren.
Wenn ihr es wünscht, so sitz' ich mit euch nieder,
Falls mein Begleiter mir es will gewähren.

'Wer aus der Schar hier rastet,' sprach er wieder,
'Auch einen Punkt nur, liegt, von Gluth versengt,
Dann hundert Jahre', regungslos die Glieder.

Drum geh! Ich folg', an deinen Saum gehängt;
Dann kehr' ich um zu jenem Sünderreigen,
'Der weinend seiner ewigen Schuld gedenkt.'

Ich wagt' es nicht, vom Damm herabzusteigen,
Gleich tief mit ihm zu gehn; doch senkte ich
Das Haupt wie Der, der Ehrfurcht will bezeigen.

Und er: 'Welch Loos und Schicksal führet dich
Vor deinem letzten Tag ins Reich der Schatten?
Und wer ist Der, der dich geleitet? Sprich!'

Dort oben auf des Lebens heitern Matten,
Sprach ich, verirrt' ich mich in einem Thal,
Eh meine Jahre noch erfüllt sich hatten.

Draus schied ich gestern erst im Morgenstrahl;
Da kam, als ich mich thalwärts wendet' eben,
Er, der mir diesen Heimweg anbefahl.

Und er: 'Folgst du dem Stern, der dir gegeben,
Kannst du verfehlen nicht den Port der Ehre,
Wofern ich recht gesehn im schönen Leben.

Und wenn ich nicht so früh gestorben wäre,
Hätt' ich, weil dir so hold des Himmels Zeichen,
Zum Werke dich gespornt durch meine Lehre.

Doch jenes Volk, undankbar sonder Gleichen,
Das einst von Fiesole den Ursprung nahm,
Und noch dem Fels und Schiefer scheint zu gleichen,

Wird wegen deiner Redlichkeit dir gram,
Und das mit Recht, weil süßer Feigen Frucht
Nie zwischen herben Eschen vorwärts kam;

Ein Volk voll Geiz und Stolz und Eifersucht,
Ein alt Gerücht der Welt nennt sie die Blinden:
Gib Acht, dich zu entschlagen ihrer Zucht.

Sehnsucht wird jegiche Partei empfinden
Nach dir - so großer Ruhm erwartet dich -
Doch vor dem Mund weg wird der Bissen schwinden.

Zur Streu zertreten mögen selber sich
Die Bestien Fiesoles, doch nie die Pflanze
Berühren - falls ihr Mist so widerlich

Noch eine zeugt - aus der mit neuem Glanze
Der Römer Saat sprießt, die einst wohnten dort,
Als man erbaute jene Bosheitschanze.'

Erfüllte meinen Wunsch, nahm ich das Wort,
Der Himmel ganz, so wärt ihr, los vom Bunde
Des Lebens, noch nicht hier an diesem Ort.

Denn, ob auch schmerzlich jetzt, im Herzensgrunde
Trag' ich das liebe Vaterangesicht,
Das mich auf Erden lehrt' in jeder Stunde,

Wie sich der Mensch den ewigen Lorber flicht.
Was ich euch danke, soll durch all mein Leben
Darthun das Wort, das meine Zunge spricht.

Was ihr von meiner Zukunft spracht so eben,
Erklärung wird von dem und mancherlei
Die Hehre, die ich schauen soll, mir geben.

Nur eins noch, das euch unverschwiegen sei:
Ich bin nicht bange vor des Schicksals Schlägen,
Fühl' ich von Schuld nur mein Gewissen frei.

Nicht Ungeahntes klingt dem Ohr entgegen;
Drum mag den Karst der Bauer auch fortan
Und, wie es will, das Glück sein Rad bewegen.

Zur rechten Seite rückwärts wandte dann,
Ins Angesicht mir blickend, sich mein Leiter
Und sprach darauf: 'Recht hört wer merken kann.'

Ich aber wandelt' im Gespräch weiter
Mit Herrn Brunnett und bat ihn mir zu nennen
Die Namen seiner wichtigsten Begleiter.

'Wohl ziemt es', sprach er, 'einige zu kennen,
Indeß bei andern Schweigen besser scheint,
Weil allzukurz die zeit bis wir uns trennen.

Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint,
Die, mußt du wissen, hoch im Ruhme prangen,
Die alle gleiche Erdenschuld hier eint.

Dort kommt mit ihnen Priscian gegangen,
Franz von Accorso auch, dort jener Schlechte,
Hegst du nach solchem Unflath noch Verlangen,

Er, dem vom Arno einst der Knecht der Knechte
Zum Bacchiglione hin befahl zu gehen,
Wo Tod der Nerven ekle Spannung rächte.

Mehr sagt' ich noch, doch Gehn und Redestehen
Darf nun nicht länger währen, denn ich sah
Schon neuen Rauch empor vom Sande wehen.

Da Volk, bei dem ich nicht darf weilen, nah
Uns kommt, laß meinen Schatz dir noch empfehlen -
Nicht fordr' ich mehr - in ihm noch leb' ich ja.'

Sich wenden, schien er zu der Schar zu zählen,
Die Wettlauf in Veronas Feld beginnt
Um grünes Tuch, doch schien er von den Seelen

Nicht der Verlierer, sondern der gewinnt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 16
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 16

An der Grenze zwischen dem siebenten und achten Kreise treffen die Dichter drei Schatten, die, um mit Dante sprechen zu können, ein Rad bilden und so sich bewegen. Es sind drei Florentiner, die Dante an seiner Kleidung erkennen und ihn bitten, ihrer zu gedenken: Guidoguerra, Tegghiajo Aldobrandi und Jacob Rusticucci. Am Felsenabhang angekommen, wo der Phlegethon brausend hinunterstürzt, wirft Virgil ein Seil, das Dante von sich löst, hinab, worauf von unten Geryon heraufsteigt.

Schon war ich dort, wo man des Wassers Lärmen
Vernahm, das niederstürzt' ins nächste Thal,
Wie wenn die Bienen um die Körbe schwärmen,

Als schnellen Laufs drei Schatten allzumal
Von einer Schar sich trennten, die wir gehen
Sahn unterm Regen jener herben Qual.

Sie nahten uns und jeder rief: 'Bleib stehen,
Du Bürger jener schlechten Stadt, der wir
Entstammten, wie an deiner Tracht wir sehen.'

Weh! alt' und neue Wunden sah ich hier,
Die eingebrannt die Flammen ihrem Fleische;
Nur dran zu denken thut noch wehe mir.

Mein Meister gab wohl Acht auf ihr Gekreische,
Er sah nach mir und sagte: 'Nun verweile!
Thu ihnen was die Höflichkeit erheische.

Ja, regneten hier nicht die Feuerpfeile
Nach der Natur des orts, so würd' ich meinen,
Daß wir vielmehr als ihnen ziemt die Eile.'

Sie schrieen, wie wir standen, stets den einen
Refrain aufs neu', um dann, als sie uns nah,
Sich alle drei zu einem Rad zu einen.

Wie man gesalbt und nackt vor Zeiten sah
Die Kämpfer Griff und Vortheil sich erspähen,
Eh noch von ihnen Schlag und Stoß geschah:

So wandte Jeder sein Gesicht im Drehen
Nach mir, so daß in andrer Richtung fort
Die Füße stets dem Hals entgegen gehen.

'Ach! wenn der jammervolle sandige Ort
Und unser traurig hautlos Antlitz machte,
Daß du verachtet unser flehend Wort,

Um unsers Ruhmes willen es beachte,
Und sag' uns wer du bist, und welche Gnade
Dich lebend, fahrlos her zu Hölle brachte.

Der, dessen Spur ich folg' auf diesem Pfade,
War, wenn er nackt auch und zerfleischt hier fährt,
Mehr als du glaubst von hohem Rangesgrade.

Gualdrada's Enkel ist es, hoch geehrt,
Einst hieß er Guidoguerra, der im Leben
Viel durch den Rath vollbracht, viel durch das Schwert.

Der hinter mir zerstampft des Flugsands Weben,
Tegghiajo Aldobrandi ists, deß Stimme
Auf Erden man Gehör wohl sollte geben.

Und ich, beschwert von gleicher Qualen Grimme,
Bin Jacob Rusticucci, und fürwahr
Vor allem schadet mir mein Weib, das schlimme.'

Falls ich gesichert vor der Gluth Gefahr,
Ich wär' hinabgesprungen auf den Sand;
Gelitten hätt' es der mein Führer war.

Doch weil ich mich versengt hätt' und verbrannt,
So ließ mich Furcht die Neigung überwinden,
Die Jene zu umarmen ich empfand.

Ich sprach: Verachtung nicht, nein! Schmerz empfinden
Macht meine Seele euer Zustand hier,
So tief, daß er nur langsam wird entschwinden,

Als dieser mein Gebieter Worte mir
Gesagt, aus denen ich alsbald entnommen,
Daß sich uns Männer nahten gleich wie ihr.

Ich stamm' aus unserm Land, und hochwillkommen
Sind eure Namen mir und Thaten alle;
Ich habe liebend immer sie vernommen.

Der süßen Frucht zu eil' ich von der Galle,
Wie's mein wahrhaftiger Führer mir versprach;
Doch ziemts, daß ich das Centrum erst duchwalle.

''So wahr noch lange deine Seele', sprach
Drauf Jener, 'leiten möge deine Glieder
Und hell dein Ruhm noch glänzen lang hernach,

So sprich: bewohnen Tapferkeit und Bieder-
Gesinnung unsre Stadt noch wie bisher?
Wie, oder liegen gänzlich sie darnieder?

Denn der dort hinwallt, Wilhelm Borsier, der
Seit kurzem weilet bei uns Leidgenossen,
Schreckt uns mit seinen Worten nur zu sehr.'

Das neue Volk, der Reichthum, schnelle entsprossen,
Hat dich zu Stolz und Uebermuth bethört,
Florenz, daß Thränen schon darum dir flossen.

So rief ich mit erhobnem Haupt empört.
Die Drei, als Antwort nehmend dies mein Reden,
Starrten sich an, wie wenn man Wahrheit hört.

'Wir wünschen Glück, wenn du so wohlfeil jeden
Abfertigen kannst', war Aller Gegenwort,
'Und wenn dirs wohlbekommt so frei zu reden.

Drum, wenn du einst aus diesem finstern Ort
Entrinnst und schaust der schönen Sterne Licht,
Und es dich freut zu sagen: ich war dort,

Von uns zu sprechen unterlaß dann nicht'.
Drauf lösten sie das Rad: es schienen Schwingen
Die raschen Füß' im Fliehen dem Gesicht.

So schnell hervor kann man kein Amen bringen,
Als diese Drei jetzt unserm Blick entschwanden;
Drum schien es Zeit dem Meister, daß wir gingen.

Ich folgt' ihm nach; in kurzer Frist befanden
Wir uns so nah des Wassers mächtigen Klange,
Daß unser Wort man hätte kaum verstanden.

So wie der Fluß - der erst mit eignem Gange
Herabschießt von des Viso Felsenwand
Ostwärts am linken Apenninenhange

Und Aquacheta droben wird genannt,
Bevor er niedersinkt ins tiefe Bette,
Und bei Forli dann andern Namen fand -

Dort ob San Benedettos heiliger Stätte
Sich von den Alpen stürzt nach einem Schachte,
Wo Zuflucht wohl ein Tausend Mönche hätte:

So hörten wir, wie brausend niederkrachte
Die trübe Fluth von hoher Felsensteile,
Die taub das Ohr in kurzer Zeit wohl machte.

Umgürtet hatt' ich mich mit einem Seile,
Durch das ich jüngst gehofft, das bunte Vlies
Des Panthers würde mir als Fang zu Theile:

Worauf, als ich es ganz gelöst, ich dies -
Denn also anbefahl es mein Berather -
Zum Knäuel gewunden jenem überließ.

Sich nach der rechten Seite wendend, trat er,
Doch nicht zu nahe, zu dem steilen Rand,
Und warf es nieder in den tiefen Krater.

Traun, dacht' ich, neu muß sein und unbekannt
Was Antwort gibt auf dieses neue Zeichen,
Das so den Blick des Meisters hält gebannt.

O wie behutsam sei doch unsersgleichen
Bei denen, die nicht nur das Thun gewahren,
Nein! die Gedanken mit dem Geist erreichen.

Er sprach zu mir. 'Bald wird empor nun fahren
Was ich erwart', und was dein Sinn gedacht,
Wird bald sich deinen Blicken offenbaren.'

Bei Wahrheit, die der Lüge gleicht, hab' Acht,
O Mensch, wenn möglich sie nicht auszusprechen,
Denn, schuldlos auch, hat es stets Schmach gebracht.

Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen,
Und schwör', o Leser, dir bei dem Gedicht,
Dem später Beifall möge nie gebrechen:

Ich sah durch jene Lüfte schwarz und dicht
Wie schwimmend ein Gebild nach aufwärts streben -
Welch noch so Muthiger staunte da wohl nicht! -

Wie, wer hinabtaucht und den Anker heben
Will, der an Klippen fest und Andrem steckt
Was sonst das Meer hegt, im Zurückbegeben

Die Füße einzieht und sich oben streckt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 17
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 17

Die an der Kunst oder Kultur sündigenden: die Wucherer. Sie sitzen am Rande der zum achten Kreise hinabführenden Felswand in glühendem Sand und Feuerregen. Mit Virgils Erlaubnis betrachtet sie Dante. Sie sind unkenntlich, aber als Zeichen tragen sie ein Säckchen vor der Brust, mit Wappen und Abzeichen. Von einem Florentiner Edelmanne wird Dante angeredet, der ihm zwei andere Adlige weist. Inzwischen hat Virgil den Geryon bestiegen und fordert Dante auf, ein Gleiches zu tun. Langsam senkt sich Geryon mit der Last hinab in die Tiefe und entfernt sich, nachdem er die Dichter unten abgesetzt.

'Sieh hier das Unthier mit dem spitzen Schwanze,
Das Berge, Mauern, Waffen kann durchbrechen!
Sieh was mit Stank erfüllt die Welt, die ganze!'

So hob mein Führer an zu mir zu sprechen
Und winkt' ihm zu, zu nahn dem Uferrande
Am Ende der betretnen Marmorflächen.

Da kam mit Kopf und Rumpf heran zum Lande
Des Truges widerliches Bild gegangen;
Doch zog es seinen Schweif noch nicht zum Strande.

Von Güte war sein Angesicht umfangen,
So freundlich stellte sich sein Aeußres dar;
Der ganze andre Leib glich dem der Schlangen.

Zwei Tatzen, bis zur Schulter voll von Haar,
Indessen Rücken, Brust sammt beiden Seiten
Bemalt mit Schleifen und mit Schildern war.

Tartaren selbst und Türken nicht bereiten
Den Grund und Einschlag ihrer Tücher bunter,
Noch wob Arachne solch Geweb vor Zeiten.

Wie man am Ufer Barken oft, halb unter
Dem Wasser, halb am Lande stehn erblickt,
Wie bei den Deutschen, die zum Fraß stets munter,

Der Biber sich zu seinem Kampfe schickt:
So stand das grause Wesen hier und legte
Am steinigen Saum an, der den Sand umstrickt,

Indeß den leeren Raum der Schweif durchfegte,
Gekrümmt die Gabel nach Skorpionenart,
Die tödtlich Gift in ihrem Stachel hegte.

Mein Meister sprach: 'Jetzt muß sich unsre Fahrt
Ein wenig zu dem grausen Unthier drehen,
Das unser Blick gelagert dort gewahrt.'

Drauf rechtsab stiegen wir, der Schritte zehen
Hinschreitend ganz zu äußerst an den Rand,
Den Flammen und dem Sande zu entgehen.

Dort angelangt, wo sich das Thier befand,
Sah etwas weiter Leut' im Sande drinnen
Ich sitzen, nah der eingesunknen Wand.

Der Meister sprach: 'Um Kunde zu gewinnen
Vollständig, wie der Kreis beschaffen sei,
So geh dahin und schau' auf ihr Beginnen.

Doch halte dich von langer Rede frei.
Bis dahin will ich mit dem Thiere sprechen,
Daß es uns seine starken Schultern leih'.'

So ging ich auf der äußersten der Flächen
Des siebten Kreises dorthin ganz allein,
Wo die betrübte Menge saß: es brechen

Aus ihren Augen Zeugen ihrer Pein;
Sie wehren mit der Hand der Gluth vom Grunde,
Bald hier, bald dorten, und der Flammen Schnei'n.

Nicht anders thun zur Sommerszeit die Hunde,
Wenn Floh und Wespe sie und Bremse sticht,
Jetzt mit dem Fuß, jetzt wieder mit dem Munde.

Dem Ein- und Andern blickt' ich ins Gesicht,
Auf den die schmerzensvollen Gluthen fallen.
Ich kannte keinen, doch entging mir nicht,

Ein Säckel hing am Hals herunter allen
Mit eignen Zeichen, eignen Farben drauf,
Dran hatt' ihr Auge, schien's, ein Wohlgefallen.

Und wie ich forschend fortgesetzt den Lauf,
Sah ich, daß blau an gelbem Sack was gleiße,
Das wie ein Leu hob Kopf und Glieder auf.

Und als ich weitern Schauens mich befleiße,
Kommt mir ein Säckel roth wie Blut zur Schau,
Drauf eine Gans war von der Butter Weiße.

Und Einer, der das Bild der trächtigen Sau
Auf weißem Säckel blau als Zeichen führet,
Sprach: 'Du in dieser Grube hier? Ei schau!

Fort! und da noch der Tod dich nicht berühret,
So wisse, daß mein Nachbar Vitalian
Bald mir zur Linken seinen Sitz erküret.

Bei Florentinern bin der einzige Mann
Aus Padua ich und oft muß ich erschrecken
Bei ihrem Schrei'n: "Der Ritter Fürst komm' an,

Der einst die Tasche trägt mit den drei Böcken."
Aus schiefem Mund streckt' er die Zunge vor,
Wie Ochsen thun, die sich die Nase lecken.

Besorgt, mein Säumen mach' Ihn, der zuvor
Nur kurz zu weilen ernst in mich gedrungen,
Erzürnt, verließ ich der Unseligen Chor.

Ich fand den Führer, der sich aufgeschwungen
Schon auf den Rücken von dem wilden Thier.
Er rief: 'Jetzt sei von Muth und Kraft durchdrungen.

Jetzt geht es abwärts solche Stiegen hier!
Besteig' es vorn, mir ist die Mitte lieber;
Dann schadet nichts des Schweifes Schlagen dir.'

Wie Einem, dem beim nahnden Wechselfieber
Die Fingernägel werden bau statt roth,
Wenn er nur Schatten sieht, bebt jede Fiber:

So ward mir, als mir so sein Wort gebot.
Doch Scham, die vor dem wackern Herrn dem Knecht
Muth einflößt, faßte mich, da er gedroht.

Nun setzt' ich auf den Schultern mich zurecht.
Jetzt sieh, daß du mich haltest - wollt' ich sagen;
Doch starb die Stimme mir, von Angst geschwächt.

Doch Er, der schon in mancher Noth mein Zagen
Beschwichtigt, hielt, nachdem ich Platz genommen,
Mich stützend, seinen Arm um mich geschlagen,

Und sprach: 'Auf, Geryon! durch die Luft geschwommen!
In weitem Kreis sink langsam unverwandt!
Gedenk welch neue Last dir heut gekommen.'

Wie rückwärts abgestoßen wird vom Strand
Der Kahn, so er zuerst mit einem Satze.
Als er im Freien gänzlich sich erfand,

Wandt' er den Schweif hin nach dem frühern Platze
Der Brust und streckt' und regt' ihn wie ein Aal,
Und rudert' Luft sich zu mit jeder Tatze.

Nocht größer war die Angst wohl jenes Mal,
Da Phaeton die Zügel ließ entgleiten
(Am Himmel sieht man noch des Brandes Mal),

Noch da der arme Icarus die Seiten
Sich fühlt' entfiedern, weil das Wachs zerfloß,
Und Dädal rief: 'Laß bessern Weg dich leiten!'

Als meine war, da mich nur Luft umfloß
Und nichts als Luft, und jedes andre Sehen
Dem Aug entrückt war bis auf unser Roß.

Und langsam, langsam fühlt' ichs schwimmend gehen;
Er kreist und sinkt, indeß ich nichts empfand
Als im Gesicht von unten auf das Wehen.

Schon hört' ich unter uns zur rechten Hand
Den Strudel grauenvoll Geräusch erheben.
Wie ich das Haupt vorbeugend hingewandt,

Mußt' ich noch scheuer ob dem Abgrund schweben,
Weil ich dort Klagen hört' und Feuer sah,
Und fest zusammen duckt' ich mich mit Beben.

Und was ich erst nicht merkte, merkt' ich da:
Das Abwärtskreisen durch die großen Klagen,
Die von verschiednen Seiten jetzt uns nah.

Gleich wie der Falk, vom Fittig lang getragen,
Der Vogel nicht noch Federspiel gesehen,
Den Falkner 'Weh! du sinkest ja!' macht sagen -

Er senkt sich müd, und dann nach raschem Drehen
In hundert Kreisen sehn wir ihn zuletzt,
Dem Meister fern, am Boden zornig stehen -:

So legt' uns Geryon zur Erde jetzt,
Als er des zackigen Felsens Ufer erflogen;
Und wie er unsre Last nun abgesetzt,

Schwand er, gleichwie der Pfeil entfliegt dem Bogen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 18
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 18

Achter Kreis, Übelsäcke genannt, die Abteilung der Betrüger. Derselbe zerfällt in zehn Abteilungen, Säcke oder Schluchten, grabenartige Vertiefungen, die durch Dämme getrennt sind. Die Dichter schreiten auf den darüber gewölbten Felsklippen von einer zur andern nach dem Mittelpunkt zu. Im ersten Sacke befinden sich, in entgegengesetzter Richtung gehend, die Kuppler und Verführer. Unter jenen trifft Dante zahlreiche Bologuesen, unter diesen macht ihn Virgil auf Jason aufmerksam. Im zweiten Sacke befinden sich die Schmeichler, in Menschenkot versenkt. Unter ihnen ist Alexio Interminei von Lucca; auch die Buhlerin Thaïs wird bemerkt.

Ein Ort - sein Name lautet Uebelsäcke -
Ist in der Hölle, steinern, eisengrau,
Gleich wie der Felsgurt, der umgibt die Strecke.

Grad in der Mitte dieser bösen Au
Gähnt weit und tief ein Brunnen aus dem Schlunde -
Ich schildre später seinen innern Bau.

Der Raum, der von des hohen Felsens Grunde
Bis zu dem Brunnen bleibt, ist rund und eint
Und trennt der Thäler zehn in seinem Runde.

Wie, wo zum Schutz der Mauer vor dem Feind
Man viele Gräben zieht um die Kastelle,
Der Platz, wo diese stehen, uns erscheint:

Denselben Anblick bot auch diese Stelle;
Und so wie Brücklein bis zum äußern Thor
An Burgen gehen von der innern Schwelle,

So sprangen hier vom Felsgurt Rippen vor,
Die bis zum Brunnen Dämm' und Gräben schnitten,
Bis jede Ripp' in jenem sich verlor.

Hier fanden wir von dem, den wir geritten,
Uns abgeschüttelt, und der Dichter ging
Nach links, ich aber folgte seinen Schritten.

Zur Rechten neuer Jammer mich empfing
Und neue Martern, neue Qualerfinder,
Von denen voll des ersten Sackes Ring.

Nackt waren an des Thales Grund die Sünder,
Diesseits der Mitte gehn sie uns entgegen,
Doch jenseits gehn sie mit 027 uns, nur geschwind

Gleich wie die Römer, des Gedränges wegen,
Den Brückenübergang im Jubeljahr
Ermöglichten den Pilgern auf zwei Wegen,

Daß, mit der Stirn nach dem Kastell, die Schar
Der einen hierhin nach Sanct Peter walle,
Zum Berge hingewandt die andre fahr'.

Ich sah, wie hier und dort mit Peitschenknalle
Gehörnte Teufel an dem finstern Stein
Von hinten grausam schlugen Jene alle.

Weh! wie sie auf den ersten Hieb das Bein
Empor schon zogen! und es wollte keiner
Des zweiten oder dritten theilhaft sein.

Wie ich so weiter ging, da fiel mir Einer
Ins Auge, und ich sagte mir im Gehen:
Heut nicht das erstemal gewahr' ich seiner.

Ihn wieder zu erkennen, blieb ich stehen
Und auch mein Führer, der mir zugestand,
Daß ich ein wenig rückwärts dürfe gehen.

Und der Gepeitschte, erdenwärts gewandt
Den Blick, will sich entziehn. Umsonst die List!
Ich sprach: Du, dessen Aug' der Boden bannt,

Wenn du nicht falsche Züge trägst, du bist
Benedico Caccianimico. Sage,
Was führt zur Lauge dich, die beißend frißt?

Und er zu mir: 'Wie wenig mirs behage,
Mich zwingen deiner hellen Stimme Töne,
Die mir Erinnrung wecken alter Tage.

Ich war es, der einst Ghisola die Schöne
Geneigt gemacht dem Willen des Marchesen,
Ob anders die gemeine Red' auch töne.

Hier weinen auch noch andre Bolognesen,
Ja ihrer mehr noch werden hier geschlagen
Als zwischen Savena und Reno Wesen

Jetzt leben, die man lehrte Sipa sagen.
Und willst du deß ein Zeugniß, mir zu trauen,
Denk' an den Geiz, den wir im Herzen tragen.'

Er sprachs, da ward ihm eines aufgehauen
Von eines Teufels Knute, der ihm rief:
'Fort, Kuppler! hier sind keine feilen Frauen.'

Ich machte daß ich nach dem Führer lief.
Nach wenig Schritten waren wir gekommen,
Wo aus dem Fels sprang eine Klippe schief.

Die war alsbald mit leichter Müh' erklommen;
Dann ging es rechtshin auf der zackigen Rippe,
Um jenen ewigen Kreisen zu entkommen.

Dahin gelangt, wo unten hohl die Klippe,
Um den Gepeitschten Durchgang zu gestatten,
'Jetzt wart' und spähe,' sprach des Meisters Lippe,

'Bis du gesehn der andern Sünder Schatten,
Die dir von vorn noch unbekannt geblieben,
Weil sie mit uns die gleiche Richtung hatten.'

Wir sahn nun von der alten Brücke stieben,
Grad uns entgegen, einen Zug, geschlagen
Ward dieser ebenfalls von Peitschenhieben.

Der gute Meister, ohne mein Befragen,
Begann zu mir: 'Sieh jenen Großen kommen,
Der thränenlos scheint seinen Schmerz zu tragen.

Den Königsanstand wahrt er noch vollkommen.
Held Jason ist es, der beherzt und klug
Den Kolchiern das goldne Vlies genommen.

Bei Lemnos Insel ging vorbei sein Zug,
Als dort, in Wuth und Grausamkeit befangen,
Der Weiberschwarm die Männer all erschlug.

Da wars, wo er mit Worten glatt wie Schlangen
Hypsipyle die kluge Maid belog,
Die erst die andern sämmtlich hintergegangen.

Er ließ sie schwanger, als er weiter zog.
Zu solcher Qual verdammt ihn hier sein Lügen;
Auch rächt sich, daß Medeen er betrog.

Mit ihm gehn alle, welche so betrügen.
So viel mag von dem ersten Tahle dir
Und denen, die es birgt, zu wissen gnügen.'

Schon hatten auf dem schmalen Pfade wir
Den zweiten Damm gekreuzt, der Widerlage
Den andern Bogen beut, und hörten hier

Dem zweiten Sack entsteigen dumpfe Klage
Von Leuten, deren Maul sich schnaufend reckt
Und die sich klopfen mit dern Hände Schlage.

Mit Schimmel war des Grabens Rand bedeckt
Durch Dunst von unten, der sich dort verdichtet
Und beides, Aug' und Nase, widrig schreckt;

So schwarz der Grund, daß er nur dann sich lichtet,
Wenn man des Bogens Rücken hat erklommen,
Dort wo die Klippe sich am höchsten schichtet.

Und drunten sahen wir, dort angekommen,
Ein Volk im Graben, tief in stinkigem Breie,
Der schien aus menschlichem Privet zu kommen.

Und als mein Auge schweifte durch die Reihe,
Sah Einen ich, so kothig im Gesicht,
Daß nicht erkennbar, ob er Pfaff', ob Laie.

Der rief mir zu: 'Was bist du si erpicht,
Vor allen mich zum Ziele zu erlesen?'
Und ich zu ihm: Weil ich dich, irr' ich nicht,

Schon sah, als trocken noch dein Haar gewesen.
Vor allen andern drum betracht' ich dich,
Alexio Interminei den Lucchesen.

Er sprach und schlug auf seinen Schädel sich:
'Die Schmeicheleien sinds, die hierher mich brachten,
Denn, nimmer satt, bedient' ich ihrer mich.'

Worauf mein Führer sprach: 'Nun mußt du trachten,
Ein wenig dein Gesicht nach vorne biegend,
Genauer jenes Antlitz zu betrachten

Der schmutzigen Dinre dort! die Haare fliegend,
Die Nägel voll von Unrath, kratzt sie sich,
Bald aufrecht stehend, bald gekauert liegend.

Die Hure Thaïs ist es. "Nun, that ich,
So fragt ihr Buhl', es dir zu Danke jetzt?"
Und sie darauf: "Ganz außerordentlich."

Doch damit sei dem Schaun ein Ziel gesetzt.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 19
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 19

Dritte Schlucht des achten Kreises: die Simonisten. Sie sind in Löchern am Boden und an der Seite mit den Köpfen eingerammt, während ihre Füße herausragen und im Brande zucken. Virgil trägt Dante hinab. Hier trifft Dante den Papst Nicolaus III., der ihn für seinen ihn ablösenden Nachfolger Bonifaz VIII. hält. Heftiger Ausfall des Dichters gegen sie Simonie, wofür er Virgils Beifall empfängt. Von Virgil getragen, kommt Dante auf die die vierte und fünfte Schlucht verbindende Felsrippe.

O Simon Magus, und du feine Rotte,
Die schnöd das Gute, das allein vermählt
Der Tugend sein soll, denn es stammt von Gotte,

Für Gold und Silber preisgibt geizbeseelt,
Von euch jetzt gebe die Posaune Kunde,
Weil euch der dritte Sack als Sünder quält.

Schon hatten wir am nächsten Grabenschlunde
Uns auf den Theil der Klipp' emporgerafft,
Der senkrecht schwebt grad ob des Grabens Grunde.

O höchste Weisheit, wie sie kunstvoll schafft
In Erd' und Höll' und in des Himmels Weite,
Und wie gerecht vertheilt sie ihre Kraft!

Ich sah am Grunde wie an jeder Seite
Bedeckt mit Löchern rings die graue Wand,
Kreisförmig insgesammt und gleicher Breite,

Die enger nicht noch weiter ich erfand
Als die in meinem schönen Sanct Johann,
Darin die Täufer haben ihren Stand,

Von denen - weniger Jahre Zeit verrann
Seitdem - ich lebensrettend eins zerschlagen;
Dies Zeugniß mög' aufklären Jedermann.

Die Füße jedes Sünders sah man ragen
Aus seinem Loch bis an der Wade Rand,
Indeß die andern Theile drinnen lagen.

Der beiden Sohlen jede glüht im Brand,
Weshalb so zuckend sich die Knöchel drehen,
Daß sie zerrissen hätten Strick 027 und Ba

Wie wir bei ölgetränkten Sachen sehen
Das Flackern laufen an der Oberfläche,
So liefs hier von den Fersen nach den Zehen.

Mein Meister, sprach ich, wer ist dort der Freche,
Der rasend tobt vor allen, die hier klagen?
Es scheint daß heißer ihn der Gluthbrand steche.

Und er zu mir: 'Soll ich hinab dich tragen
Dort wo das Ufer sich am tiefsten neigt,
Wird er von sich und seiner Schuld dir sagen.'

Lieb ist mir, sprach ich, was dir lieb sich zeigt.
Du bist mein Herr und weißt, mit deinem gehe
Mein Will', und kennst auch was mein Mund verschweigt.

Drauf kamen wir zum vierten Damm und jähe
Hinab stieg links gewendet unser Pfad
Zum löcherreichen engen Grund voll Wehe.

Mein Meister litt nicht, daß ich eher trat
Von seiner Hüfte, bis ich mich dem Spalt,
Wo jener mit den Füßen zuckt, genaht.

Wer du auch seist, unselige Gestalt,
Die häuptlings eingerammt gleich einem Pfahl,
Vermagst dus, sprach ich, o so red' alsbald.

Da stand ich wie der Mönch, den noch einmal
Der Mörder nach der Beichte, schon versenkt,
Rückruft als Aufschub seiner Todesqual.

'Kommst du schon jetzt, kommst du schon jetzt,' empfängt
Mich jener, 'Bonifaz, an diese Statt?
Um ein paar Jahre hat mich die Schrift gekränkt.

Wie wurdest du so schnell des Goldes satt,
Um das dein Geiz die schöne Frau, in Banden
Der List geschlagen, frech geschändet hat!'

Da war ich Jenem gleich, der nicht verstanden
Was man erwidert, und was drauf zu sagen
Unfähig dasteht, fast mit Schimpf und Schanden.

Drauf sprach Virgil: 'Jetzt sag' ihm ohne Zagen:
Nicht bin, nicht bin ich, den du meinst, der Mann.'
Und ich versetzte wie mir aufgetragen.

Da hob der Geist wehklagend, seufzend an,
Indem er heftiger mit den Füßen zückte:
'Was du von mir begehrst, was ist es dann?

Wenn, wer ich bin, zu wissen so dich drückte,
Daß du hinabstiegst in dies Felsrevier,
Vernimm, daß mich der hehre Mantel schmückte.

Der Bärin echter Sohn, war so voll Eier
Mein Herz, die Bärlein zu erhöhn, drum steckte
Ich in den Sack dort Gold, mich selber hier,

Mir unterm Haupt noch liegen Hingestreckte
Am Boden tief in dieses Felsens Spalt,
Vorgänger mir, die Simonie befleckte.

Dort sink' auch ich dereinst hinab, sobald
Der kommt, für welchen ich dich angesehen,
Als plötzlich vorhin meine Frag' erschallt.

Doch wird er nicht so lang als mir geschehen,
Die Füße zappelnd, häuptlings eingerammt,
Mit glühnden Fersen festgepflanzt hier stehen;

Denn ihm folgt Der, deß Thun noch mehr verdammt,
Ein Hirt von Westen, ein gesetzlos Wesen,
Der mich und ihn bedecket beidesammt.

Ein neuer Jason ists, von dem zu lesen
Im Maccabäerbuch, und Philipp wird
Ihm hold, wie jenem es sein Herr gewesen.'

Ich weiß nicht, war ich keck und sinnverwirrt,
Daß ich drauf wagte solches zu versetzen:
Sprich, was verlangt' einst unser Herr und Hirt

Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schätzen,
Als er das Schlüsselamt ihm gab? Er sprach:
'Folge mir nach!' ohn' etwas zuzusetzen.

Petrus und Keiner forderte darnach
Gold von Matthias, als das Loos an diesen
Gab Judas Amt, weil Der die Treue brach.

Drum bleib, gerechter Strafe zugewiesen,
Und wahre wohl das schlimm geraubte Geld,
Mit dem du gegen Karl dich frech bewiesen.

Und wärs nicht, daß mich noch in Schranken hält
Die Ehrfurcht vor dem hohen Schlüsselamt,
Das du geführt hast in der heitern Welt,

So spräch' ich härtres noch, denn die verdammte
Habsucht, die Guten tretend und die Schlechten
Erhöhend, trübt die Menschheit, die gesammte.

Euch Hirten meint Johannes als die rechten,
Als auf den Wassern sitzen er gesehen
Die Hure, buhlend mit den Erdenmächten.

Sie, die, geboren mit der Hörner zehen
Und sieben Häuptern, trotzte jedem Spotte,
So lang zur Tugend wollt' ihr Gatte stehen.

Ihr machtet Gold und Silber euch zum Gotte.
Nur daß ihr hundert, jenes Einen ehrt,
Das trennt euch von des Götzenthumes Rotte.

O Constantin! nicht daß du dich bekehrt
War vieles Unheils Quell, nein! jene Schenkung,
Die du dem ersten reichen Papst bescheert!

Als ich dies Lied gesungen ihm zur Kränkung,
Seis daß Gewissensbiß, daß Zorn ihn nagte,
Er warf die Füß' in gräßlicher Verrenkung.

Mir schien, daß es dem Führer wohl behagte,
Da er zufriednen Angesichts vernahm
Der Wahrheit Wort, das ich zu äußern wagte.

Worauf er mich in seine Arme nahm;
Mich hebend, ganz an seine Brust gehalten,
Stieg er den Weg empor, auf dem er kam.

Nicht müde ward er, fest mich zu umfalten,
Bis er des Bogens Kamm mit mir erreicht,
Wo wir vom vierten Damm zum fünften wallten.

Ab legt' er hier die Bürde sanft und leicht,
Sanft des zerrißnen steilen Riffes wegen, -
Ein Pfad, den selbst die Ziege kaum ersteigt -

Und hier sah mir ein andres Thal entgegen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 20
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 20

Vierte Schlucht des achten Kreises: Wahrsager und Zauberer. Sie gehen weinend im Schritte mit umgedrehtem Oberkörper, so dass sie, zur Strafe für ihr unbefugtes Vorwärtsschauen in die Zukunft, nun immer rückwärts schauen müssen. Unter ihnen erblickt Dante Amphiaraus, Tiresias, Aruns, die Manto, Eurypylus, Michael Scotus, Bonatti und Asdente. Die Geschichte der Manto, nach welcher Mantua benannt ist, erzählt Virgil ausführlich.

Von neuer Qual muß ich nunmehr erzählen,
Die Stoff dem zwanzigsten Gesange leiht
Des Liedes von den schuldversenkten Seelen.

Schon hielt ich mich beflissen und bereit
Zu schauen in des offnen Schlundes Engen,
Der sich in Thränen badet voller Leid.

Da sah ich in des krummen Thales Gängen
Stillschweigend, weinend Volk im Schritte ziehn,
Den man auf Erden geht bei Pilgergängen.

Und als mein Blick drang tiefer auf sie hin,
Wars wie wenn jeder wunderbar verkehrt
Vom Kinn bis zum Beginn des Rumpfes schien.

Ihr Antlitz war dem Rücken zugekehrt,
Und darum mußten rückwärts alle gehen,
Weil vorn zu schauen ihnen war verwehrt.

Es mochte manchen schon vielleicht verdrehen
Am ganzen Leibe die Gewalt der Gicht;
Doch sah ichs nie und zweifl' ob es geschehen.

So war dir Gott, o Leser, dies Gedicht
Frucht bringen lasse, wolle doch bedenken,
Ob thränenlos geblieben mein Gesicht,

Als unser Menschenbild ich so verrenken
Nach rückwärts sah, so daß des Auges Thränen
Die Spalte des Gesäßes mußten tränken.

Ich mußte weinend an ein Horn mich lehnen
Am harten Fels, so daß mein Führer sagte:
'Gleichst du den Thoren auch, die Thöriges wähnen?

Fromm ist hier wer dem Mitleid ganz entsagte:
Kanns einen Sündigern als Den wohl geben,
Der Gottes Rathschluß zu erforschen wagte?

Blick auf, blick auf! Sieh hin, den einst vor Theben
Vor aller Aug' der Erde Schoß verschlang,
Daß alle riefen: "Willst du weg dich heben,

Amphiaraus, aus des Kampfes Drang?"
Doch unaufhaltsam stürzt' er nach dem Schachte,
Zu Minos hin, der jeden noch bezwang.

Sieh wie zur Brust er seinen Rücken machte.
Nun schaut er rückwärts, geht verkehrt die Bahn,
Weil vorwärts er zu weit zu schauen dachte.

Hier siehst du auch Tiresias sich nahn,
Deß ganzer Leib Veränderung empfangen,
Denn, erst ein Mann, nahm Weibsgestalt er an;

Die mußte mit dem Stabe die zwei Schlangen
Erst wieder schlagen, als sie sich gesellt,
Um eines Mannes Bart neu zu erlangen.

Der dort an Jenes Bauch den Rücken hält,
Ist Aruns, der in Lunis Berggeländen,
Wo der Carrare in dem Thal sein Feld

Bebaut, einst zwischen weißen Marmorwänden
Haust' in der Höhle, von wo er zum Meer
Und Himmel frei die Blicke konnte senden.

Und Jene, die um ihre Brüste her,
Die du nicht siehst, läßt frei die Zöpfe hangen
Und dorthin kehrt all was von Haar nicht leer,

War Manto, die der Länder viel durchgangen,
Bis sie verweilt' am Ort, der mich gebar:
Von ihr sollst du nun kurz Bericht empfangen.

Nachdem der Vater ihr gestorben war
Und Bacchus Stadt verfiel in Sklavenbande,
Durchwallte sie die Welt so manches Jahr.

Ein See liegt droben an der Alpen Rande
Im schönen Welschland, dort wo Deutschland endet
(Benaco heißt er) beim Tiroler Lande,

Wo tausend Quellen der Pennin entsendet
Von Garda bis nach Val Camonica;
Ihr Wasser all ist nach dem See gewendet.

Dort mitten liegt ein Ort, es könnten da
Drei Bischöfe, dort stehend, Segen spenden,
Die von Trient, Verona, Brescia.

Peschiera ragt dort stark ob den Geländen,
Dran Bergamos und Brescias Trotz sich brechen,
Dort wo die Ufer sich zur Ebne wenden.

Hierher strömt alles, was von jenen Bächen
Nicht im Benaco bleiben kann, und so
Zieht es als Fluß hinab die grünen Flächen.

Nicht mehr Benaco, sondern Mincio
Genannt, wenn hier des Wassers Lauf begonnen,
Das bei Governo fließet in den Po.

Ein flach Gefild, eh es noch weit geronnen,
Erreicht es, wo es breit zum Sumpf sich staut,
In Sommerzeiten oft ein Unheilsbronnen.

Vorbei dort ziehend, hatt' ein Land erschaut
Die grause Jungfrau mitten in dem Teiche,
Das von Bewohnern leer und unbebaut.

Dort, fern des menschlichen Verkehrs Bereiche,
Trieb mit den Knechten sie ihr Wesen fort,
Und lebt' und ließ dort die entstellte Leiche.

Drauf bauten Leute, die zerstreuet dort
Umher gelebt, weil dieser Sumpf die beste
Schutzwehr verlieh, sich an auf jenem Ort.

Sie bauten eine Stadt auf Mantos Reste;
Nach ihr, die sich den Platz zuerst erkoren,
Hieß ohne weitres Mantua die Feste.

Sie hegt' einst viel mehr Volk in ihren Thoren,
Eh übel jenes Pinamonte Trug
Dem Casalodi mitgespielt, dem Thoren.

So lehr' ich dich, damit der Wahrheit Zug,
Falls meines Heimatursprungs andre Kunde
Du hörest, nicht entstelle schnöder Lug.'

Ich sprach: So sicher klingt aus deinem Munde
Das Wort, o Meister, und macht glauben mich;
Die Andern sind mir leere Spreu im Grunde.

Doch von dem Volk, das dort einhergeht, sprich:
Ist einer drunter merkenswerther Art?
Denn einzig darauf kehrt mein Streben sich.

'Dem zu dem braunen Rücken dort der Bart
Wallt von den Wangen, ist Augur gewesen,
Als Griechenland so leer an Männern ward,

Daß in den Wiegen kaum ein männlich Wesen;
Er gab mit Kalchas an die Sternenzeit
In Aulis, um das erste Tau zu lösen.

Er hieß Eurypylus; ein Plätzchen weiht
Mein Epos ihm auf einer seiner Seiten;
Du weißt es wohl, der ganz drin eingeweiht.

Den du mit magern Hüften dort siehst schreiten,
Michael Scotus war es, sehr behend
Im Zauber und im Gaukelspiel vor Zeiten.

Guido Bonatti sieh dort! sieh Asdent,
Der wünscht, bei Draht und Leder wär' er blieben,
Und dem zu spät die Reu' im Herzen brennt.

Sieh die Unseligen, die, statt zu lieben
Nähn, Spinnen, Weben, als Wahrsagerinnen
Viel Hexerei mit Kraut und Wachsbild trieben.

Doch Kaïn mit den Dornen steht mittinnen
Am Hemisphärenrand und streift die Welle
Jenseits Sevilla schon; drum komm von hinnen!

Schon gestern nacht war voll des Mondes Helle,
Du weißt es, denn er war im tiefen Wald
Dir mehrmals ein willkommener Geselle.'

Er sprachs und weiter ging es alsobald.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 21
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 21

Fünfte Schlucht des achten Kreises: die Bestechlichen. Sie stecken in einem Pechsee, in welchen die Teufel jeden auftauchenden mit Haken untertauchen. Auf Virgils Rat verbirgt sich Dante hinter einem Felsblocke, während er selbst auf die Teufel zugeht und sie durch den Hinweis auf seine göttliche Sendung zur Ruhe bringt. Jetzt wird Dante hervorgerufen und folgt, wenn auch bangend, dem Führer. Der mit ihnen verhandelnde Teufel teilt ihnen mit, die Brücke zum nächsten Damm sei eingestürzt, sie müssten daher in die Tiefe der fünften Schlucht hinabsteigen, um zu einem anderen Felsen zu gelangen. Zehn Teufel unter Führung eines elften werden als Geleit mitgegeben. Den darüber entsetzten Dante sucht Virgil zu beruhigen. Der Zug setzt sich in Bewegung.

So gingen wir zur nächsten Brücke fort,
Viel, was mein Lied des Singens unwerth achtet,
Besprechend, bis wir auf dem Gipfel dort

Rast hielten, denn genau ward da betrachtet
Der nächste Spalt und all die eitlen Zähren,
Und wunderbarlich schien er mir umnachtet.

Wie Winters in dem Arsenal verkehren
Venedigs Bürger, zähes Pech zu kochen,
Mit dem sie leckgewordne Schiffe theeren,

Die nicht in See mehr können sturmgebrochen -
Der baut ein neues Fahrzeug, der verkeilt
Die Rippen dem, das oft in See gestochen,

Indeß Der vorn am Schiff, Der hinten feilt,
Der Ruder schnitzt, Der dreht des Taues Ende,
Wenn jener Bugspriet oder Besan heilt -:

So kocht dort unten - durch der Allmacht Hände,
Nicht Feuersmacht - von Pech ein dicker Brei,
Der ringsumher beklebt des Ufers Wände.

Ich sah es, aber nicht was in ihm sei,
Nur Blasen, die empor die Gährung sandte,
Wie's steigt und sinkt und sich verdickt dabei.

Da ich so stier den Blick nach unten wandte,
Rief mir mein Führer zu: 'Auf, aufgeblickt!'
Und zog mich zu sich zu der Felsenkante.

Weg sah ich, wie wer spähnde Blicke schickt
Nach Etwas, das zu fliehn ihm würde frommen,
Und plötzlich nun in jäher Furcht erschrickt,

Und trotz des Schauens nicht säumt fortzukommen,
Denn einen schwarzen Teufel nahm ich wahr,
Der hinter mir die Klippe rasch erklommen.

Weh! wie mir fürchterlich sein Anblick war!
Wie schien sein Wesen widrig und verhaßt,
Die Füße rasch, weit auf das Schwingenpaar!

Auf hoher schwarzer Schulter saß als Last
Mit beiden Hüften ihm ein Missethäter,
Deß Fersensehnen hielt er fest gefaßt.

'Seht, da ist einer der Sanct-Zita-Väter!
Ihr Grausetatzen unsrer Brücke, da,
Taucht ihn hinab! Ich geh' um andre Städter

Daher zu holen, viel sind ihrer ja,
Bis auf Bontur sind alle dort zu kaufen,
Um bares Geld macht man dort Nein aus Ja.'

Er warf hinab ihn, um zurückzulaufen
Am Riff; so hastig sieht man nicht den Hund,
Der Ketten ledig, hinterm Diebe schnaufen.

Der sank, verkehrt dann taucht' er auf vom Grund;
Doch unterm Brücklein dort die Teufelsbrut,
'Hier frommt kein Heiligenbild dir!' schrie ihr Mund.

'Hier schwimmt man nicht wie in des Serchio Fluth;
Drum, soll dich nicht die scharfe Zinke packen,
So tauche nicht mehr aus des Peches Gluth.'

Ihn fassend dann mit mehr denn hundert Zacken,
Schrien sie ihm zu: 'Du mußt verdeckt hier hüpfen,
Um heimlich, wenn du kannst, was zu erzwacken.'

So läßt der Koch das Fleisch zu Boden stüpfen
Durch seine Jungen in des Kessels Bauche
Mit Gabeln, wenn es aufwärts sucht zu schlüpfen.

'Daß sie dein Hiersein nicht bemerken, tauche
Du unter hinter einer Felsenbank,'
Sprach drauf der Meister: 'die als Schutz gebrauche.

Ich kenn' hier alles, macht dich Sorge krank,
Daß mir ein Leid geschehe, laß sie schweigen,
Denn einmal schon war ich bei solchem Zank.'

Den Brückenkopf sah ich ihn übersteigen,
Und als er hingelangt zum sechsten Strand,
Da galt es eine muthige Stirn zu zeigen.

Denn gleich wie Hunde kommen los gerannt
Und grimm und wüthend auf den Armen fahren,
Der alsbald bettelt, wenn er stille stand:

So stürzten Die, die unterm Brücklein waren,
Hervor, auf ihn gewendet all die Hacken;
Doch er: 'Vermeßt euchs nicht, ihr Teufelsscharen.

Bevor mich eurer Gabeln Spitzen packen,
Tret' einer her und leihe mir sein Ohr,
Und dann denkt weiter, ob ihr mich sollt zwacken.'

'Geh du, Schlimmwedel!' schrie der ganze Chor.
Der trat heraus, die andern blieben stehen.
Er sprach zum Meister: 'Sprich, was hast du vor?'

'Schlimmwedel, blaubst du, daß du hier mich sehen
Je würdest,' sprach der meister, 'könnt' ich allen
Eueren Waffen dreist auch widerstehen,

Hätt' es nicht Gottes Gnad' und Gunst gefallen?
Drum laß mich ziehn, der Himmel hat gesprochen:
Ich soll den rauhen Pfad mit Einem wallen.'

Da war der Stolz ihm dergestalt gebrochen,
Daß ihm zu Füßen glitt die Gabel nieder;
Er rief den Andern: 'Laßt es ungerochen!'

Da rief mein Führer mir: 'Du, der die Glieder
Versteckt hält in der Brücke Felsenspalten,
Jetzt ohne Bangen kehre zu mir wieder.'

Ich regte mich und eilt' unaufgehalten
Ihm zu; doch als die Teufel vorwärts drangen,
Bangt' ich, sie möchten den Vertrag nicht halten.

So sah ich einst das Lanzenfußvolk bangen,
Das nach Vertrag verließ Capronas Feste,
Als es vom Feinde rings sich sah umfangen.

Drob ich mich mit dem ganzen Leibe preßte
An meinen Führer, und sah ängstlich nach
All ihrem Thun, und das schien nicht das beste.

Die Haken senkten sie und Einer sprach:
'Soll ich die Stärke seiner Krupp' erproben?'
Die Andern drauf: 'Ja, gib ihm eins aufs Dach!'

Doch, der die Zwiesprach mit Virgil erhoben,
Der Dämon wandte sich nach ihm zurücke
Und sagte: 'Zauseteufel, laß dein Toben!'

Und dann zu uns: 'Auf diesem Felsenstücke
Kann man nicht weiter, denn zu Grund gegangen
Liegt längst geborsten schon die sechste Brücke.

Doch wenn ihr vorzudringen hegt Verlangen,
So dürft ihr auf dem Fels dann fort nur fahren,
Wo bald ein andres Riff euch wird empfangen.

Zwölf Stunden fehlen noch daran, da waren
Zertrümmert worden dieses Weges Steine
Grad vor zwölfhundert sechsundsechzig Jahren.

Ich will, um nachzusehn, ob nicht der eine
Und andre auftaucht, einige dorthin schicken;
Folgt ihnen, furchtlos daß man bös' es meine.

Kommt vorwärts, Flügeling und Fröstelrücken,'
Begann er jetzt, 'und du auch, Reckdiebraue;
Dich, Schmuzbart, will zum Führer ich beschicken

Der Schar der Zehn. Komm, Rothmohr, Drachenklaue,
Hundskralle, Schweinsborst mit den Hauern gut,
Sausfleder und Karfunkelbold der Schlaue.

Durchspäht ringsum den heißen Klebesud,
Laßt sicher Die zum andern Riff gelangen,
Das unversehrt noch ob dem Schlunde ruht.'

Weh, Herr! was muß ich sehn? rief ich voll Bangen.
Laß ohn' Geleit uns gehen! Kennst nur du
Den Weg, nach ihnen hab' ich kein Verlangen,

Wahrst du wie sonst dir Umsicht nur und Ruh.
O sieh doch wie sie ihre Zähne blecken,
Und drohend winken uns die Brauen zu.

Da sprach mein Führer: 'Du darfst nicht erschrecken.
Laß sie nur fletschen immerhin nach Wahl,
Das gilt nur denen, die im Sude stecken.'

Links schwenkten sie zum Damm, doch als Signal,
Noch seine Zähne darauf setzend, wies
Die Zunge jeder erst dem General,

Der auf dem Hintern als Trompete blies.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 22
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 22

Dante gewahrt einzelne Sünder auf Augenblicke aus dem Pech auftauchen; einer wird dabei erwischt und von einem Teufel am Haken heraufgezogen. Dante erkundigt sich nach seinem Namen und Ursprung und erhält von ihm auch Mitteilungen über andere Sünder in dieser Abteilung. Der Sünder weiß die Teufel zu foppen und diese, ärgerlich darüber, geraten in Streit. Zwei von ihnen fallen in das Pech und werden mit Haken herausgefischt. Die Dichter schreiten weiter, während jene noch damit beschäftigt sind.

Ausrücken sah ich wohl schon Reiterscharen,
Sah Herrschau halten, los zum Angriff brechen,
Manchmal ein Heer auch sich im Rückzug wahren,

Wettläufer fliegen übeer eure Flächen,
O Aretiner, Züge sich bewegen,
Sah Ringelrennen und sah Lanzenstechen,

Bald mit Trompeten, bald bei Glockenschlägen,
Bald nach der Trommel, bald nach Thurmeszeichen,
Bald heimscher Weise, bald der fremden pflegen:

Doch sah ich nimmer Fußvolk nach dergleichen
Musik einherziehen oder auch Schwadronen,
Nach Stern und Leuchtthurm Schiff' im Meere streichen.

Wir wanderten mit jenen zehn Dämonen:
Furchtbar Geleit! Doch heißts: im Gotteshaus
Mit Heiligen, und im Krug mit Schlemmern wohnen.

Nur auf das Pech ging jetzt mein Forschen aus,
Den Zustand von dem Schlunde zu erfahren,
Und von dem Volk in dieses Sudes Graus.

Wie Zeichen geben der Delphine Scharen
Den Schiffern mit des Rückgrats hohem Bogen,
Daß vor dem Scheitern sie das Fahrzeug wahren:

So sah man manchmal Sünder aus den Wogen,
Die Qual zu mildern, ihren Rücken strecken,
Dann schnell ihn bergen, wie ein Blitz verflogen.

Und wie die Frösche nur die Köpfe recken
Empor in Wassergräben oder Seeen,
Indeß sie Rumpf und Füße drin verstecken:

So waren hier die Sünder rings zu sehen,
Um dann sogleich, wenn Schmuzbart nahe war,
Sich bergend in den Sud hinabzugehen.

Ich sah - noch sträubt Entsetzen mir das Haar -
Dein Einen säumen: so bleibt wohl zuweilen
Ein Frosch, indeß entschlüpft der andern Schar.

Jetzt sieh Hundskralle seinen Haken keilen
In ihn und an den pechverklebten Haaren
Ihn gleich 'ner Otter aufziehn wie an Seilen.

Die Namen aller hatt' ich schon erfahren
Dort, als die Wahl zur Reis' auf sie gefallen,
Und horcht' auch dann wie sie gerufen waren.

'Karfunkelbold, auf! fall' ihm mit den Krallen
Den Rücken an, und tüchtig ihn geschunden!'
Hört' aller Teufel Ruf ich jetzt erschallen.

Und ich: Wärs möglich, Meister, zu erkunden
Des Unglückseligen Namen, den die Bande
Der Feinde triumphirend hält umwunden?

Da trat mein Führer zu des Schlundes Rande
Und fragt' ihn wer er sei, und er versetzt:
'Ich bin geboren im Navarrerlande.

In Dienst hat mich bei einem Herrn gesetzt
Die Mutter, die 'nem Wüstling mich geboren,
Der sich und all sein Gut zerstört zuletzt;

Worauf ich König Thibauts Dienst erkoren;
Und hier verlegt' ich mich auf Gaunerein.
Zur Strafe drum muß ich im Pech nun schmoren.'

Und Schweinsborst, dem ein Hauer wie dem Schwein
Vorragt' auf beiden Seiten seiner Fratzen,
Wies ihm, wie scharf der eine könne sein.

Die Maus gerieth da unter schlimme Katzen,
Und Schmuzbart, der ihn faßte, hört' ich sagen:
'Bleibt dort, so lang ihn halten meine Tatzen.'

Und dann, zum Meister hingewandt: 'Befragen
Kannst du ihn, wenn zu wissen du noch mehr
Verlangst, eh wir ihn ganz in Grund zerschlagen.'

Der Führer drauf: 'Sprich, kennst du in dem Heer
Der Sünder, die hier unterm Peche leben,
Wohl einen, der Lateiner ist?' Und er:

'Von einem, der nah bei zu Haus, hab' eben
Ich mich getrennt; wär' ich wie er bedeckt,
Dann dürft' ich nicht vor Klau'n und Haken beben.'

Und Nothmohr rief: 'Er hat uns gnug geneckt,'
Und riß ihm vorne einen langen Streifen
Vom Arm, in den den Haken er gesteckt.

Allein auch Drachenklaue wollt' ihn greifen
Beim Beine drunten, drob ihr Zehentmann
Ließ seine Blicke zürnend ringsum schweifen.

Als sie ein wenig sich beruhigt dann
Und jener noch beschaute seine Wunde,
Fing ohne Säumen mein Begleiter an:

'Sag an, wer wars, von dem zu schlimmer Stunde
Du schiedest, als du dich zum Rand erhoben?'
'Der Mönch Gomita,' gab er drauf uns Kunde,

'Der von Gallura, voll von Trug bis oben,
Der, als man gab des Herren Feind' in seinen
Gewahrsam, so sie hielt, daß all' ihn loben.

Er nahm sein Geld und ließ entschlüpfen einen
Dann nach dem andern, war auch sonst im Amt
Ein Makler, doch im Großen, nicht im Kleinen.

Sieh Michael Zanche, der sich an ihn klammt,
Von Logodoro, ihre Zungen schwatzen
Nie müde von Sardinien beidesammt.

Weh! seht, was zieht der Andre dort für Fratzen!
Noch spräch' ich mehr, doch fürcht' ich, seine Hand
Schickt sich schon an, das Fell mir zu zerkratzen.'

Ihr Hauptmann rief, Sausfledern zugewandt,
Der schon den Blick verdreht um loszuhauen:
'Machst du dich fort von hier, du Höllenbrand!'

'Wenn ihr wollt Tuscier hören oder schauen,'
Sprach der Erschrockne drauf, 'das soll geschehen,
Auch solche, die aus den lombardischen Auen.

Laßt nur die Grausetatzen vorwärts gehen,
Daß jene nicht vor ihrer Rache beben;
Dann schaff' ich auf den Platz, wo wir hier stehen,

An meiner statt euch sieben gleich hierneben,
Sobald ich pfeife, wie es unser Brauch,
Wenn einer wagte sich emporzuheben.'

Da hob Hundskralle seine Schnauze auch
Und sprach kopfschüttelnd: 'Hört mir doch die Ränke!
Er sinnt nur wie er niedertaucht, der Gauch!'

Und jener, dem der Kopf voll listiger Schwänke,
Versetzt: 'Wohl arge Bosheit muß ich hegen,
Da ich auf schlimmres Weh der Meinen denke.'

Da hielt sich Flügling nicht und sprach, entgegen
Der Andern Meinung: 'Willst hinab du springen,
Werd' ich mich aufs Nachlaufen nicht verlegen.

Nur überm Pech werd' ich die Flügel schwingen.
Fort von der Höh', wir bergen uns am Strand,
Zu sehn, ob ihm wird mehr als uns gelingen.'

Nun, Leser, wird dir neuer Spaß bekannt.
Nach drüben wandte jeder seine Blicke,
Zuerst Der, der am meisten widerstand.

Doch der Navarrer nutzt die Augenblicke;
Den Fuß anstemmend, schwang er nieder sich,
Und so entrann er ihres Anschlags Stricke.

Wohl allen war der Streich gar ärgerlich,
Doch dem zumeist, der schuld an dem Versehen;
Drum flog er auf und schrie: 'Ich habe dich.'

Umsonst! denn schneller als die Flügel gehen
War Jenes Angst; fort ist er schon, und wieder
Muß aufwärts sich der Flug des Andern drehen.

Nicht anders duckt im Nu die Ente nieder,
Wenn ihr der Falke naht, der seinen Flug
Empor nimmt, mürrisch, müde das Gefieder.

Und Fröstelrücken, bös ob dem Betrug,
Flog dicht ihm nach, sich freuend am Entrinnen
Des Sünders, denn nun gab es Zank genug.

Und als der Makler wirklich nun von hinnen,
Wandt' er auf den Genossen flugs die Klauen,
Und ob dem Pfuhl sieht man das Hau'n beginnen.

Doch Der läßt sich als echter Sperber schauen
Und krallt ihn so sehr, daß sie alle zwei
Hinfielen in des glühnden Pfuhles Grauen.

Zwar führt die Hitze Schlichtung gleich herbei;
Doch nicht erheben konnten sie die Schwingen.
Die klebrig waren von des Peches Brei.

Verstimmt wie all die andern von den Dingen,
Ließ Schmuzbart vier zum andern Uferrand
Mit ihren Haken fliegen; diese gingen

Schnell dies- und jenseits hin auf ihren Stand,
Die Haken streckend nach den Pechbeklebten,
Die festgebacken eine Rind' umwand.

Sie triebens noch, indeß wir weiter strebten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 23
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 23

Virgil, dessen Gedanken mit denen Dantes sich berühren, besorgt, die gefoppten Teufel möchten sie verfolgen, umfasst Dante und lässt sich mit ihm die Wand zur sechsten Schlucht hinunter. Hier treffen sie die Heuchler in von außen vergoldeten, schweren Bleikutten, langsam und weinend hinwandelnd. Einer erkennt Dante an seiner Sprache als Toskaner und redet ihn an: es ist Fra Catalano, der in Begleitung von Fra Loderingo geht. Am Boden liegt gekreuzigt Kaiphas und alle müssen über ihn schreiten. Bei Catalano erkundigen sie sich nach dem Aushang und erfahren, dass sie von den Teufeln betrogen worden. Zürnend schreitet Virgil voran, Dante ihm nach.

Wir gingen schweigend, einsam, unbegleitet,
Der eine nach, der andere voraus,
Wie seinen Weg der Minorite schreitet.

Ich ließ mir bei dem gegenwärtigen Strauß
Aesopens Fabel durch die Sinne gehen,
Die von dem Frosche handelt und der Maus,

Weil 'Nun' und 'Jetzt' sich nicht mehr ähnlich sehen
Als beide Fälle, wie man leicht entdeckt,
Will man nur End' und Anfang recht verstehen.

Wie ein Gedanke stets den andern weckt,
Gebar das erste bald ein zweit Erwägen,
Die Furcht verdoppelnd, die mich schon erschreckt.

Ich dachte so: Die da sind unsertwegen
Mit Spott und Schaden reichlich nun geprellt;
Kein Zweifel, daß Verdruß darob sie hegen.

Wenn sich dem bösen Willen Zorn gesellt,
So werden wüthender sie nach uns setzen
Als je ein Hund dem Hasen über Feld.

Mein Haar fühlt' ich sich sträuben vor Entsetzen,
Und rückwärts horchend sprach ich: Meister, weh!
Verbirgst du uns nicht schleunig, dann versetzen

Die Grausetatzen uns in Noth und Weh.
Sie sind schon hinter uns mit ihrem Heere;
Mir ists als wenn ich schon sie hört' und säh'.

'Wenn ich ein bleibelegtes Glas auch wäre,'
Sprach er, 'nicht rascher würde drauf erscheinen
Dein Bild, als ich 027 dein Denken mir erklä

Es kreuzte dein Gedanke just den meinen;
So gleich an Gang und Inhalt find' ich ihn,
Daß sie in einen Rath sich mir vereinen.

Wenn sich die Ufer rechts so abwärts ziehn,
Daß man zum nächsten Sacke kann gelangen,
So werden wir der drohnden Jagd entfliehn.'

Und eh sein rathend Wort noch ganz ergangen,
Sah ich sie nahn, die Flügel ausgespannt,
Nicht weit von uns entfernt, um uns zu fangen.

Und plötzlich faßte mich des Führers Hand,
Wie eine Mutter, durch den Lärm gewecket,
Die neben sich schon sieht den lohnden Brand,

Den Sohn ergreift, und mehr für ihn erschrecket
Als für sich selbst, davoneilt ohne Säumen,
Daß sie sich kaum mit einem Hemd bedecket.

Und rücklings von des harten Gipfels Säumen
Ließ er die Felsen sich hinab mit Schnelle,
Die einerseits den nächsten Sack umsäumen.

Nie kam durch einen Graben noch die Welle,
Die Mühlenräder treibt, so rasch geschossen,
Dort wo ganz nah sie schon der Schaufeln Stelle,

Wie jetzt mein Meister, an die Brust geschlossen
Mich haltend, niederglitt an diesem Rand,
Wie seinen Sohn, nicht wie der Fahrt Genossen.

Kaum daß er auf des Bettes Grund stand
Mit festem Fuß, als über uns erschienen
Die Teufel; doch jetzt war die Furcht verbannt;

Denn die erhabne Vorsicht, die zu dienen
Sie in dem fünften jener Gräben zwang,
Benahm die Macht, ihn zu verlassen, ihnen.

Betünchte Leute wallten dort entlang;
Müd und ermattet anzuschauen, schritten
Sie weinend rings mit langsam schwerem Gang.

Sie trugen Kutten, deren Kappen mitten
Hinein ins Antlitz reichten, grade so
Wie sie den Mönchen Clugnys zugeschnitten.

Vergoldet außen, gleißt es lichterloh,
Doch innen ganz aus schwerem Blei geschlagen;
Dagegen wären Friedrichs Kutten Stroh.

O Mäntel, Ewigkeiten durch zu tragen!
Wir wandten wieder uns zur linken Hand,
Mit ihnen gehend, lauschend ihren Klagen.

Doch gingen sie so müd und abgespannt
Ob ihrer Last, daß man bei jedem Schritte
In anderer Gesellschaft sich befand.

Drum ich zum Führer: Späh' nach einem, bitte,
Den ich gekannt von Namen und Gestalt;
Laß kreisen rings dein Aug' in ihrer Mitte.

Und Einer, der mein tuskisch Wort alsbald
Verstand, rief nach uns: 'Bleibt ein wenig stehen,
Die ihr so schnell die finstre Luft durchwallt.

Vielleicht kann, was du willst, durch mich geschehen.'
Mein Führer drauf, zu mir gewandt: 'Halt an,
Um gleichen Schrittes dann mit ihm zu gehen.'

Ich hielt und sah nun zwei, die mir zu nahn
Gar sehr begierig im Gemüthe schienen,
Doch hemmte sie die Last und enge Bahn.

Zu mir gewandt, sahn sie mit schelen Mienen
Lang auf mich hin, ohn' einen Laut zu geben;
Dann zu einander klang dies Wort von ihnen:

'Der scheint - sein Athmen zeigt es - noch zu leben;
Und sind sie todt, wer hat, vom Bleitalar
Befreit, zu wandeln ihnen Recht gegeben?'

Und drauf zu mir: 'Toscaner, der zur Schar
Der jammervollen Heuchler stieg hernieder,
Wer bist du, rede, jedes Stolzes bar.'

Mich zeugt' und nährte, sprach ich nun hinwider,
Die große Stadt am schönen Arnofluß;
Noch trag' ich, die ich immer trug, die Glieder.

Doch wer seid ihr, die mit der Thränen Guß
Vor Schmerz die Wangen netzen, wie ich sehe?
Welch Leid ists, das sich so entladen muß?

'Zu diesen gelben Kutten hier - verstehe!' -
Sprach Einer, 'ward so wuchtig Blei erlesen,
Daß vom Gewicht die Wage knarrt vor Wehe.

Wir waren Brüder Lustig, Bolognesen,
Ich Catalano, Loderingo Der:
Von deiner Stadt sind wir erwählt gewesen

Zu Friedensstiftern, wozu sie vorher
Nur Einen wählte; doch noch heut erzählen
Von uns die Straßen am Gardingo her.'

O Fratres, so begann ich nun, euch quälen...
Ich sprach nicht weiter, weil am Boden ich
Gekreuzigt Einen wahrnahm an drei Pfählen.

Als er mich sah, krümmt' er sich fürchterlich
Und blies lautstöhnend in den Bart hinein.
Fra Catalano sahs und wandt' an mich

Das Wort: 'Er, der hier duldet solche Pein,
Rieth einst dem hohen Rath, am besten passe,
Den einen Mann fürs Volk dem Tod zu weihn.

Jetzt liegt er quer und nackt hier an der Gasse,
Daß, wie du siehst, bei der Vorüberfahrt
Ihn jeder seine Last empfinden lasse.

Sein Schwager wird gequält in gleicher Art
In diesem Schlund und wer im Rath sich fand,
Der eine Unheilssaat den Juden ward.'

Da sah ich, wie Virgil verwundert stand
Bei Jenem, der gekreuzigt an dem Orte
Schnöd ausgestreckt lag, ewig so gebannt.

Drauf richtet' an den Mönch er diese Worte:
'Laßt euch gefallen, wenn ihr dürft, zu sagen,
Ob rechts sich findet eine Ausgangspforte,

Durch die wir zwei hinaus uns dürfen wagen,
Und brauchen nicht der schwarzen Engel Hauf
Zu zwingen, uns aus dieser Schlucht zu tragen.'

'Wohl näher als du denkst,' versetzt' er drauf,
'Liegt eine Klipp; ausgehend von dem Runde,
Durchschneidet sie der grausen Thäler Lauf.

Zertrümmert ist sie nur ob diesem Schlunde;
Doch könnt ihr auf dem Schutt nach oben steigen,
Der sich am Abhang häuft und auf dem Grunde.'

Da sah das Haupt ich meinen Führer neigen;
Dann sprach er: 'Schlimm berichtet hat uns zwei
Der dort mit Haken krallt den Sünderreigen.'

'Schon in Bologna hört' ich mancherlei
Von Satans List,' sprach Jener, 'welch ein dreister
Betrüger er und Lügenvater sei.'

Mit großem Schritt ging nun davon mein Meister,
Dem Zorn das Antlitz etwas überfuhr.
Auch ich verließ die bleibeschwerten Geister

Und folgte der geliebten Füße Spur.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 24
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 24

Siebente Schlucht des achten Kreises. Die Dichter erreichen sie mit Mühe anklimmend. Hier werden die Diebe und Räuber von Schlangen gestochen. Einer, so gestochen, geht in Flammen auf, erneuert sich aber sofort. Es ist Vanno Fucci aus Pistoja, der Dante die künftige Niederlage der Partei der Weißen verkündigt.

Zu jener Zeit im jugendlichen Jahre,
Wo bald die Nacht des Tages Hälfte gleicht,
Und Sol im Wassermann erfrischt die Haare,

Wenn auf der Erde weißer Reif sich zeigt,
Des weißen Bruders Abbild darzustellen,
Obwohl sein Federzug gar bald entweicht:

Dann steht der Landmann auf, dem in den Ställen
Das Futter fehlt, blickt um und schlägt verzagt
Die Hüften bei der Fluren Weiß, dem hellen;

Worauf er heimgeht, hier und dorten klagt,
Ein armer Schlucker, rathlos was nun werde,
Rückkehrend aber neu zu hoffen wagt;

Denn er gewahrt in kurzer Zeit der Erde
Gestalt verwandelt, und ergreift den Stecken
Und auf die Weide treibt er seine Heerde.

So mußt' ich vor dem Meister wohl erschrecken,
Als so getrübt ich seine Stirne sah;
Doch sollt' ein Pflaster bald die Wunde decken.

Denn als er der zerstörten Brücke nah,
Ein milder Blick, wie er mich jüngst empfangen
Am Fuß des Berges, traf von ihm mich da.

Nachdem er rasch mit sich zu Rath gegangen
Und wohl betrachtet erst den Trümmerhauf,
That er die Arme auf, mich zu umfangen.

Wie Der, der in der Arbeit vollem Lauf
Vorsorglich doch die Zukunft überschlagen,
Zog er von Fels zu Felsen mich hinauf,

Und wies mir schon die nächsten Trümmerlagen
Und sprach: 'Nun halte dich an jenem Block;
Doch erst erprob' ob er dich auch kann tragen.'

Das war kein Weg für Volk im Kuttenrock;
Denn wir sogar, er leicht und ich geschoben,
Erklommen kaum den Felsentrümmerstock.

Wenn sich nicht minder steil die Wand erhoben
Auf dieser Seite denn am andern Runde,
Kam, wenn nicht er, ich sicher nicht nach oben.

Allein weil Teufelssäcke nach dem Munde
Des tiefsten Schachtes ganz hinab sich neigt,
So wirkt die Lage von jedwedem Schlunde,

Daß sich ein Ufer senkt, das andre steigt.
So hatten wir die Höhe nun erklommen,
Von wo die letzte Trümmer los sich zweigt.

Der Lunge war der Athem ganz benommen;
Drum, oben angelangt, konnt' ich nicht weiter
Und setzen mußt' ich mich, kaum angekommen.

'Abschütteln mußt du', sagte mein Begleiter,
'Jetzt alle Trägheit; denn in weichem Flaum
Und unterm Bett wird man kein Ruhmesstreiter.

Wer ohne Ruhm durchmißt des Lebens Raum,
Der hinterläßt nur solche Spur auf Erden,
Wie Rauch in Lüften und im Meer der Schaum.

Drum auf! der Geist muß Herr der Mattheit werden,
Der stets im Kampfe siegen wird, wenn er
Kühn überwindeet leibliche Beschwerden.

Erklimmen mußt du noch der Stufen mehr;
Von diesen scheiden kann uns nicht genügen.
Verstehst du mich, so gib mir die Bewähr.'

Da stand ich auf, als wenn in stärkern Zügen
Mein Athem ginge als ichs fühlt', und sprach:
Ich bin voll Muth und Kraft, du darfst verfügen.

Wir stiegen nun dem Felspfad immer nach,
Der mühsam, eng, rauh, holprig zu begehen;
Dagegen ging der frühre noch gemach.

Ich sprach, damit ich schwach nicht schien', im Gehen,
Als eine Stimm' entstieg dem nächsten Schlund,
Die Worte formlos, schwierig zu vestehen.

Nicht weiß ich was sie sprach, obschon ich stund
Schon auf des Bogens Rücken, der hinüber
Hier führt; doch zornig schien des Redners Mund.

Mein leiblich Auge, beugt' ich auch mich drüber,
Konnt' in dem Dunkel nichts am Grund erspähen.
Herr, sprach ich, schnell zum andern Kreis vorüber,

Und laß die Felsenmaur uns abwärts gehen;
Denn wie ich hör' und nichts verstehe hier,
So schau ich nieder und kann doch nichts sehen.

'Nicht andre Antwort,' sprach er, 'geb ich dir
Als daß ichs thu, denn ehrenwerther Bitte
Stumm zu willfahren, scheint geziemend mir.'

Vom Kopf der Brücke lenkten wir die Schritte,
Hin wo sie auf dem achten Ufer ruht,
Und jetzt erschloß sich mir des Sackes Mitte.

Drin sah ich eine scheußlich wirre Brut
Von Schlangen, wunderseltsam mannichfachen;
Gedenk' ich dran, so starrt mir noch das Blut.

Nicht darf sich Libyens Sand mehr üppig machen,
Wieviel auch Ottern drin und Vipern hausen,
Und Ringler, Brillenschlagen, Wasserdrachen;

Zeugt' es doch nie solch eine Fülle grausen
Gewürms sammt Aethiopien und den Küsten,
Um die des rothen Meeres Fluthen brausen.

Und nacktes zitternd Volk lief in dem wüsten
Graunvollen Schwarm, ohn' Hoffnung zu erkunden,
Wo Heliotrop sie oder Schlupfloch wüßten,

Mit Schlangen hinten ihre Händ' umwunden,
Die durch ihr Kreuz mit Kopf und Schweife drangen
Und waren vorn zu einem Knopf verbunden.

Und dicht bei uns stürzt' eine von den Schlangen
Auf Einen los und stach ihn an der Stelle,
Wo Hals und Schultern grad zusammenhangen.

Kein O noch I schreibt man mit solcher Schnelle,
Als er entzündet sich in Flammen lichtet
Und flugs hinfallend, Asche wird zur Stelle.

Und kaum lag er am Boden so vernichtet,
Als sich die Asche neu zusammenthat
Und sich empor der frühre Körper richtet.

So schließt der Phönix seinen Lebenspfad,
Wie Weise melden, neu sich zu erheben,
Wenn das fünfhundertste Jahre naht.

Nicht nährt er sich von Korn und Kraut im Leben,
Von Weihrauchsthränen nur und Ingwers Saft,
Und stirbt, von Myrrhen und von Nard' umgeben.

Wie wer dahinsank, seis daß Dämonskraft
Ihn niederwarf, seis Stockung in dem Blute,
Die das Bewußtsein Menschen oft entrafft,

Wenn er dann wieder aufsteht, wirr im Muthe
Umherschaut, seufzend hebt den Blick nach oben,
Bedrückt noch von der Angst, die auf ihm ruhte:

So auch der Sünder, als er sich erhoben.
Wie bist du streng, die solcher Schläge Schwere
Du rächend schickst, Gerechtigkeit von droben!

Da ihn mein Führer fragte wer er wäre,
Erwidert er: 'Aus Tuscien jüngst bin ich
Herabgeschneit zu diesem Schreckensmeere.

Nicht Mensch, nein Vieh zu sein beglückte mich,
Mich, Vanno Fucci; Maulthier, das ich war,
Mir ziemt' als würdiger Stall Pistoja sich.'

Drauf ich: Verbiet ihm, daß er uns entfahr',
Und frag' ob welcher Schuld er hergekommen;
Als zornigen Blutmensch kannt' ich ihn fürwahr.

Und nicht entzog der Sünder, ders vernommen,
Sich dem, nein! er begann, nach mir mit beiden
Augen gewandt, von wilder Scham entglommen:

'Daß du mich trafst in dieses Elends Leiden,
In dem du mich hier schaust, das schmerzt mich mehr
Als daß ich von der Welt dort mußte scheiden.

Verweigern kann ich nicht was dein Begehr.
Weil heilig Sacristeigeräth ich fort
Genommen, drum verstieß man mich hierher.

Ein Andrer ward verklagt mit falschem Wort.
Doch, daß dich nicht der Anblick mög' erfreuen,
Falls du entrinnst je diesem finstern Ort,

Erschließ dein Ohr jetzt meiner Mähr, der neuen:
Die Schwarzen werden aus Pistoja schwinden,
Dann Volk und Wesen wird Florenz erneuen.

Mars wird aus Magras Thal den Dunst entbinden,
Der, von der Wetterwolke Nacht getragen,
Die Schlacht mit schneidend ungestümen Winden

Wird auf dem Felde von Piceno schlagen;
Da spaltet Jener rasch der Nebel Schwärze,
Daß alle Weißen Wunden davon tragen.

Und dieses sagt' ich, damit es dich schmerze.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 25
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 25

Die Dichter erblicken den Zentauren Cacus, der den Vanno Fucci wütend sucht. Dann gewahren sie drei Schatten, die einen vierten, Cianfa, der in eine sechsfüßige Schlange verwandelt worden, vermissen. Die Schlange stürzt sich auf Agnello Brunelleschi und verbindet sich mit ihm zu einem seltsamen Ungetüm. Buoso Donati tauscht mit dem in eine Schlange verwandelten Guercio Cavalcanti die Gestalt. Nur der dritte Schatten, Puccio Sciannato, bleibt unverwandelt.

Beim Schluß der Worte hob die Hand im Spott
Mit durchgestecktem Daum empor der Dieb
Und rife: 'Da! nimm das hin, dir gilt es, Gott!'

Seit jener Zeit hab' ich die Schlangen lieb,
Denn eine sah ich ihm den Hals umwinden,
Als spräche sie: Kein Wort mehr von dir gib!

Die Arm' eilt' eine zweite ihm zu binden
Und knotete sich vorn so fest zusammen,
Daß selbst zum Ruck nicht Raum er konnte finden.

Pistoja! warum säumest du in Flammen
Dich zu verzehren, endend deine Dauer,
Weil du noch schlimmer als Die von dir stammen!

Nie sah ich in der Höllenkreise Schauer
Sich einen Geist so gegen Gott erfrechen,
Selbst den nicht, der einst fiel von Thebens Mauer.

Er floh von dannen, ohn' ein Wort zu sprechen.
Einen Centauren sah ich nahn geschwind,
Der wüthend rief: 'Wo find' ich, wo, den Frechen?'

Nicht glaub' ich, daß so viele Schlangen sind
In der Maremma, als am Kreuz ihm hingen
Bis wo die menschliche Gestalt beginnt.

Ein Drache lag mit ausgespannten Schwingen
Ihm auf dem Rücken am Genick, der Gluth
Ausspie auf alle, die des Weges gingen.

Mein Meister sprach: 'Sieh Cacus, der voll Wuth
Oft unterm Fels des Aventin die Erde
Getränkt mit einem ganzen See von Blut.

Er geht, vom Troß der andern Halbmenschpferde
Getrennt, weil er gestreckt die Diebeshand
Trugvoll nach der ihm nahnden großen Heerde;

Worauf sein tückisch Thun ein Ende fand
Durch Herculs Keule, die mit hundert Streichen
Ihn schlug, von denen er nicht zehn empfand.'

Er sprachs, und Jenen sahn wir rasch entweichen,
Als unter uns die Schatten nahn von Dreien,
Die ich nicht sah noch auch Virgil desgleichen,

Bis wir sie 'Wer seid ihr denn?' hörten schreien,
So daß es unsre Rede stockend bannte,
Um einzig ihnen Achtsamkeit zu weihen.

Und es geschah, obgleich ich sie nicht kannte -
Wie es der Zufall oftmals bringt dahin -
Daß einer just des andern Namen nannte,

Indem er sprach: 'Wo kam nur Cianfa hin?'
Drob ich, damit mein Führer achtsam weile,
Den Finger hob zur Nas' empor vom Kinn.

Hast, Leser, du zu glauben keine Eile
Was ich jetzt sage, Wunder wär' es nicht,
Da ich, ders sah, ihm Glauben kaum ertheile.

Noch Jenen zugewandt war mein Gesicht,
Als mit sechs Füßen eine von den Schlangen
Den Einen vorn anfällt und ihn umflicht.

Das Mittelpaar hielt seinen Bauch umfangen;
Das vordre nach den Armen hin gestreckt,
Haut sie die Zähn' ihm ein in beide Wangen;

Indeß das hintre Paar die Schenkel deckt,
Schlug sie den Schwwanz durch zwischen seinen Beinen,
Ihn hinten an den Lenden aufgereckt.

Nicht kann der Epheu sich so dicht vereinen
Mit einem Baum, wie dieses grause Vieh
Um eines Andern Glieder schlang die seinen.

Als sei'n sie warmes Wachs, verschmolzen sie
In eins, so daß die Farbe sich vermenget,
Und keins schien was es war, nicht Der noch Die,

Wie vor dem Brande, der Papier versenget,
Zieht eine braune Farbe beim Verbrennen,
Die noch nicht schwarz, ist auch das Weiß verdränget.

'Agnello! weh! du bist nicht mehr zu kennen!'
Schrien die zwei andern, die es sahn mit Bangen;
'Nicht Einen kann man mehr, nicht Zwei dich nennen.'

Ein Haupt hatt' er statt zweier schon empfangen,
Als zwei Gestalten nun vermengt entstehen
In einem Antlitz, worin zwei zergangen.

Zwei Arm' hervor aus den vier Streifen gehen,
Es wurden Rumpf und Schenkel, Bauch und Bein
Zu Gliedern, wie man nie zuvor gesehen.

Die frühre Form schien ganz verlöscht zu sein:
Zwei schien und keins von beiden, so verkehrt,
Das Bild, das langsam seinen Weg schlug ein.

Wie, von der Hundstagshitze Gluth verzehrt,
Die Eidechs, wenn sie Dorn vertauscht mit Dorne,
Des Wandrers Pfad schnell wie ein Blitz durchfährt:

So fuhr ein Schlänglein jetzt in wildem Zorne
Den beiden andern nach dem Bauche hin,
Schwärzlich und braun gleich einem Pfefferkorne.

Und durch den Theil, der bei des Seins Beginn
Uns Nahrung zuführt, stach es drauf den Einen,
Dann fiel es ausgestreckt vor ihm dahin.

Anstarrt' es der Gestochne, doch ließ keinen
Laut los; wie schlafend oder fiebernd, gähnen
Nur sahn wir ihn mit festgeschloßnen Beinen.

Er sah das Schlänglein an, das Schlänglein Jenen;
Es dampfte durch den Mund, er durch die Wunde,
Man sah gekreuzt die Dämpf' empor sich dehnen.

Lucan verstumme hier mit seiner Kunde
Vom Elend des Sabellus und Nasid
Und lausche still dem Wort aus meinem Munde.

Von Arethus' und Cadmus schweig' Ovid;
Denn nicht beneid' ichs, wenn auch umgedichtet
Zur Quelle Die, zur Schlange Den sein Lied.

Nie zwei Naturen, Stirn gen Stirn gerichtet,
Vertauscht' er so, daß eines Stoffes Sein
Mit andrem wechselt, nachdem er vernichtet.

Ein solch Entsprechen sah man an den Zwein,
Daß, wie den Schwanz die Schlange gabelnd spaltet,
Zusammenzog der Andre Bein und Bein.

Es schmolzen Bein und Schenkel so gestaltet
Zusammen, daß in kurzem keine Spur
Zu sehen war, wo die Verbindung waltet.

Der so gespaltne Schwanz nahm die Figur,
Die dort verschwand; die Haut schien sich zu weichen
Hier, während dort Verhärtung sie erfuhr.

Die Arme sah ich in die Schultern weichen,
Des Unthiers kurze Beine grad so lang,
Als jene kürzer, weiter vorwärts reichen.

Das Paar der Hinterbeine drauf verschlang
Sich zu dem Gliede, das der Mann verstecket,
Indeß ein Paar ihm aus dem seinen sprang.

Und während Rauch mit neuer Farbe decket
Die Beiden, und an einem Theile wieder
Das Haar, das er am andern wegnimmt, wecket,

Stand jener auf, und dieser fiel hernieder,
Doch nicht abwendend ihren Blick voll Tücke,
Durch den ein jeder wandelt seine Glieder.

Dem Stehnden wich das Fleisch zum Schlaf zurücke;
Dann traten, weil des Stoffes dort zu viel,
Die Ohren vor aus glattem Wangenstücke.

Der Rest, der vorn blieb und zurück nicht fiel,
'Mußt' in dem Antlitz sich zur Nase strecken
Und Lippen bilden ganz nach Maß und Ziel.

Der Liegende muß jetzt die Schnauze recken,
Einziehend durch das Haupt die beiden Ohren,
Gleich wie mit ihren Hörnern thun die Schnecken.

Die Zunge, ganz, zum Redefluß geboren,
Zertheilet sich, es schließt sich die getheilte
Des andern, drauf die Dämpfe sich verloren.

Die Seele, die zum Thier geworden, eilte
Lautzischend durch das Thal, ihr spukte nach
Der andre, der sie scheltend dort verweilte.

Den neuen Rücken zu ihr wendend, sprach
Zum andern er: 'Auf allen Vieren gehen
Soll Buoso, so wie ich bisher, hiernach.'

So sah ich Tausch und Wandelung geschehen
Im siebten Sack; die Neuheit dieser Stücke
Entschuldige mich, ließ ich mich etwas gehen.

Und ob Verwirrung auch mein Auge drücke,
Und war mein Geist gleich etwas abgespannt,
Wie schnell auch alles sich dem Blick entrücke,

Hatt' ich Puccio Sciancato doch erkannt,
Den einzigen der Drei, die hier vereinet,
Der unverwandelt sich hinweg gewandt;

Der Andre wars, um den Gaville weinet.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 26
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 26

Anrede an Florenz, dessen Bürger im Diebskreise zahlreich vertreten sind. Die Dichter klimmen die Steinwand wieder empor und gelangen zur achten Schlucht des achten Kreises, in der die bösen Ratgeber verweilen, jeder in eine Flamme eingehüllt. In einer zweigehörnten Flamme befinden sich die im Leben ungetrennten Ulysses und Diomedes, von denen der erstere auf Dantes Antrieb von Virgil angesprochen wird und Auskunft über sich und seine Ende erteilt.

O freue Dich, Florenz! du bist so groß,
Daß du die Flügel schlägst ob Land und Meere;
Klingt doch dein Name selbst im Höllenschoß!

Denn deiner Bürger fünf im Diebesheere
Hab' ich gesehn, und drob ergreift mich Scham,
Auch du steigst dadurch nicht in großer Ehre.

Wenn Wahrheit je aus Morgenträumen kam,
So wirst du in gar kurzer Zeit empfinden,
Was Prato wünscht und andre, die dir gram.

Wärs jetzt schon, nicht zu frühe könnt' ichs finden!
Wärs schon vorbei, da es doch muß geschehen!
Denn schwerer werd' ichs, wenn ich alt, verwinden.

Wir stiegen aufwärts an der Steine jähen
Vorsprüngen, die uns halfen abwärts streben,
Vom Führer wieder ich geschleppt beim Gehen.

Wie wir auf ödem Pfad uns weiter heben,
Mußt' oft auf diesem zackigen Splitterwege
Die Hand dem Fuße Hülf' und Beistand geben.

Da ward mir Schmerz und wird noch jetzt mir rege,
Wenn ich zurück an das Gesehne denke,
Und zügle meinen Geist mehr als ich pflege,

Daß ich den Weg nicht von der Tugend lenke
Und ich nicht selbst verscherze, was an Gut
Ein Glücksstern oder höhre Macht mir schenke.

So viel der Landmann, der am Hügel ruht -
Zur Zeit, da Sol, des Weltalls Licht und Leben,
Uns weniger entzieht der Strahlen Gluth,

Wenn statt der Fliegen Wassermücken weben -
Leuchtwürmchen siehet in des Thales Grunde,
Wo er just ackert oder pflegt der Reben:

So viele Flammen glänzten in der Runde
Des achten Sacks, wie ich es wahr nun nahm,
Sobald ich dort stand, wo man schaut zum Schlunde.

Wie Der, der einst durch Bären Rache nahm,
Erblickte scheidend des Elias Wagen,
Der roßgezogen schnell gen Himmel kam,

So daß sein Blick so rasch nicht konnte jagen,
Um andres zu gewahren als die Flammen,
Gleich einem Wölkchen leicht emporgetragen:

So durch den Schlund des Grabens allzusammen
Huschten sie hin, den Raub versteckt dem Blicke,
Da sie doch jed' ein Sünderherz umklammen.

So vorgebeugt stand ich dort auf der Brücke,
Daß ich hinabgestürzt wär' unverwandt,
Hielt ich mich nicht an einem Felsenstücke.

Als mich so aufmerksam mein Führer fand,
Sprach er: 'In diesen Flammen sind die Geister;
In die hüllt jeder sich, die ihn entbrannt.'

Gewisser tönts aus deinem Munde, Meister;
Daß es so wäre, den Bescheid ertheilte
Ich schon mir selbst, sprach ich; nun frag' ich dreister:

Wen birgt die Flamme dort, die zweigetheilte,
Die von dem Scheiterhaufen scheint zu stammen,
Den Eteokles mit dem Bruder theilte?

Und er: 'Gemartert wird in diesen Flammen
Ulyß und Diomed, wie einst vereint
Im Zorn, so in der Strafe jetzt beisammen.

In ihrer Flamme wird der Trug beweint
Mit jenem Roß, das niederbrach die Pforte,
Draus Romas edler Sam' entrann dem Feind;

Der Trug, um den im Tod noch Klageworte
Deidamia um Achill ergießt;
Auch Pallas Bild rächt sich an diesem Orte.'

Wenn, sprach ich, in der Gluth, die sie umschließt,
Sie reden können, Herr, so fleh' ich, flehe
Mit Flehn, das tausend Bitten in sich schließt,

Versage nicht, daß ich so lang hier stehe,
Bis die gehörnte Flamm' uns nah erschienen.
Schau, wie ich sehnend ihr entgegen sehe.

Und er zu mir: 'Wohl großes Lob verdienen
Darf deine Bitte; drum will ichs gewähren.
Doch zähme deine Zunge, laß mit ihnen

Mich reden, denn ich kenne dein Begehren.
Es könnte sein, daß sie bei deinem Wort,
Weil sie doch Griechen sind, leicht spröde wären.'

Als schicklich schien dem Meister Zeit und Ort
Und nah genug die Flamme war gekommen,
Hört' ich zu ihnen reden ihn sofort:

'Ihr zwei, von einer Flamme Gluth durchglommen,
Mag mein Verdienst um euch in meinem Leben,
Mag mein Verdienst mir viel, mir wenig frommen,

Als ich mein hohes Lied der Welt gegeben -
So geht nicht fort, sag' erst mir einer an,
Wohin er todt verschollen sich begeben.'

Der alten Flamme größer Horn begann
Mit Knistern jetzt und Flackern sich zu regen,
Als wenn sie mit dem Winde kämpfe, dann

Die Spitze hin und wieder zu bewegen,
Als wär' es eines Menschen Zunge; klar
Klang uns daraus drauf eine Stimm' entgegen:

'Als ich von Circe schied, die mich ein Jahr
Und länger bei Gaeta festgehalten,
Eh von Aeneas so benannt es war,

Da konnte nicht das Mitleid für den alten
Erzeuger, nicht die Lust am Sohn, nicht Liebe,
Dran sich die Gattin sollt freun, mich halten,

Sie all' besiegten nicht der Sehnsucht Triebe,
Den Lauf der weiten Welt rings zu erfahren,
Der Menschen gut und schimpfliches Getriebe.

Aufs hohe weite Meer wagt' ich zu fahren
Mit einem Schiff und einem Rest vom Heer,
Genossen, die getreu mir immer waren.

Die Küsten Spaniens hab' ich rings umher,
Marocco und Sardinien da erschauet
Und all die Inseln, die umspült das Meer.

Ich und mein Volk war matt schon und ergrauet,
Als wir gelangt zu jenes Schlundes Enge,
Wo Hercules sein Grenzmal sich erbauet,

Damit der Mensch nicht weiter vorwärts dränge.
Zur rechten Hand ließ ich Sevillas Feste,
Links hinter mir schon Ceutas Uferhänge.

O Brüder, sprach ich, die zum fernen Weste
Durch hunderttausend Fährlichkeiten drangen,
Verschmäht doch nicht der Abendwache Reste,

Die Sinneskraft, die euch noch nicht entgangen,
Zu nützen, um, der Sonne folgend, Kund
Vom menschenleeren Welttheil zu erlangen.

Denkt euren Ursprungs und aus welchem Grunde
Ihr seid geboren, nicht wie Vieh zu leben,
Nein! zu der Tugend und der Weisheit Funde.

Und die Genossen wußt' ich zu beleben
Zu solcher Fahrtlust durch dies kurze Wort,
Daß kaum zu halten war ihr Vorwärtsstreben.

Ostwärts das Steuer wenden, ging es fort;
Die Ruder regten wir mit Flügelschnelle
Wie toll, uns haltend nach dem linken Bord.

Schon sah die Nacht die ganze Sternenhelle
Des andern Pols, der unsre lag so tief,
Daß er kaum auftaucht' aus der Meereswelle.

Fünfmal erneut war und fünfmal entschlief
Am untern Theil des Mondes uns das Licht,
Seit unser Schiff den schweren Weg durchlief,

Als dunkel durch die Fern' uns kam in Sicht
Ein Berg, der so gewaltig schien zu ragen,
Solch einen hohen sah ich früher nicht.

Wir jauchzten, doch bald kehrt' es sich in Klagen.
Vom neuen Land erhob sich Sturmgebrülle,
Das uns des Schiffes Vordertheil zerschlagen,

Es dreimal umschwang sammt der Wasser Fülle.
Beim vierten bäumt das Steuer, nieder schoß
Der Schnabel - also wollts ein höhrer Wille -

Bis überm Haupt sich uns die Meeerfluth schloß.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 27
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 27

Es nähert sich eine andere Flamme, die den Virgil an seiner Sprache als Lombarden erkennt und nach den Zuständen der Romagna fragt. Dante gibt auf Virgils Aufforderung die gewünschte Auskunft. Dann erteilt die Flamme, in der Gewissheit, mit einem nicht zur Welt Zurückkehrenden zu sprechen, Nachricht von sich. Es ist Guido von Montefeltro, der Ratgeber von Bonifaz VIII., wegen seiner bösen Ratschläge hierher versetzt, wovor ihn auch der heilige Franciscus, in dessen Orden er getreten, nicht schützen konnte. Die Dichter verlassen die achte Schlucht.

Schon war die Flamme ruhig aufgerichtet,
Als sie geendet, und hinweggegangen,
Weil ers erlaubte, der so süß gedichtet.

Als eine zweite, die ihr nachgegangen,
Mein Auge lenkt' auf ihrer Spitze Schein,
Dieweil aus ihr verworrne Töne drangen,

Wie der sicilische Stier, der durch das Schrei'n
Des Mannes, der gezimmert seine Hülle,
Zum ersten Mal brüllt' - und so mußt' es sein -

Durch des Gequälten Stimme sein Gebrülle
Durchließ, so daß, war er auch nur von Erze,
Es schien, als ob ihn gleicher Schmerz erfülle:

So, weil kein Weg und Ausgang in der Kerze
Zu Anfang war, klang in des Feuers Ton
Das jammervolle Wort, durchzuckt von Schmerze.

Doch als es durch die Spitze Bahn sich schon
Gebrochen und ihr mitgetheilt das Regen,
Das von der Zunge es empfing, entflohn

Ihr diese Worte: 'Du, dem ich entgegen
Mein Wort jetzt richte, der lombardisch rief:
"Ich reize dich nicht mehr, geh meinetwegen!"

Wenn ich hierher vielleicht zu säumig lief,
O laß dir drum ein Zwiegespräch gefallen;
Du siehst, mich freuts, steck' ich in Gluth auch tief.

Sprich, falls du eben erst herabgefallen
Zur finstern Welt aus dem Lateinerland,
Dem süßen Quell von meinen Sünden allen,

Ob in Romagna Fried', ob Krieg bestand?
Denn von Urbinos Bergzug bin ich her,
Dort von des Tiberjoches Scheidewand.'

Ich stand hinabgebeugt und lauscht' auf mehr,
Als mir Virigl die Seite leis berührte
Und sprach: 'Sprich du, aus Latium ist Der.'

Und ich, der schon bereit die Antwort führte,
Nicht säumt' ich, so in Wort sie zu fassen:
O Geist, dem Sünde diesen Schlund erkürte,

Nie läßt und wird dein Land Romagna lassen
Vom Krieg, dem seiner Zwingherrn Herz entbrannt;
Doch nicht in offnem hab' ich es verlassen.

Ravenna steht wie es seit Jahren stand;
Dort haust Polentas Adler festgenistet,
Der Cervia mit den Schwingen hält umspannt.

Die Stadt, die sich, belagert, lang gefristet,
Franzosenleichen häufend, ist von Leuen
Mit seinen grünen Klauen überlistet.

Verucchios altem Fanghund und dem neuen,
Der mit Montagna einst so schlimm verfahren,
Sieht man wie sonst die Zähne bissig dräuen.

Die Städt' am Lamon und Santern erfahren
Die Macht des jungen Leun aus weißem Neste,
Der viermal die Partei tauscht in zwei Jahren,

Und, die des Savio Fluth bespült, die Feste,
Gleich wie sie zwischen Bergen liegt und Auen,
Hält Freiheit bald, bald Tyrannei fürs beste.

Jetzt fleh' ich, wer du bist, mir zu vertrauen;
Nicht härter als die andern sei auch du,
Wenn sich dein Name will ein Denkmal bauen.

Die Flamme zischt' auf ihre Art im Nu,
Um dann die spitze Zunge zu bewegen
Bald hin, bald her, und hauchte dies mir zu:

'Dächt' ich, es klänge meine Red' entgegen
Solch Einem, der zurück zum Erdenrunde
Je kehrt, nicht würde sich die Flamme regen.

Weil aber niemand noch aus diesem Schlunde
Zurück kam - falls man wahr berichtet mich -
So geb' ich ohne Furcht vor Schmach dir Kunde.

Erst Kriegsmann, Franciscaner dann war ich;
Vom Strick umgürtet hofft' ich zu bereuen,
Und Wahrheit ward mein Hoffen sicherlich,

Wenn nicht der große Pfaffe mich von neuem
Versenkt' in Schuld - daß er am Galgen schwebte!
Wie und warum, das meld' ich sonder Scheuen.

So lang ich noch in Fleisch und Blute lebte,
Der Mutter Erbtheil, übt' ich solche That,
An der nicht Leun-, nein! Fuchscharakter klebte.

Vertraut mit List und Ränken und Verrath
Uebt' ich die größte Kunst bei meinen Streichen;
Der Erde Grenzen war mein Ruhm genaht.

Doch als ich jenes Alters Höh' erreichen
Mich sah, wo jeder in sich sollte gehen,
Einziehn die Tau' und seine Segel streichen,

Begann mir frühre Lust zu widerstehen:
Ein reuiger Sünder und ein Gnadenfleher
Hätt' ich - weh mir! - gerettet mich gesehen.

Doch jenes Haupt der neuen Pharisäer,
In Krieg verwickelt nah beim Laterane,
Nicht wider Sarazenen und Hebräer -

Nur Christen standen gegen seine Fahne,
Nicht einer, der nach Accons Falle trachte,
Nicht einer, der geschachert beim Sultane -

Sein hohes Amt und seine Weih'n bedachte
Er nicht an sich, und nicht an mir die Binde,
Die ihre Träger magerer einst machte.

Wie vom Soraete, daß sein Aussatz schwinde,
Ließ den Silvester rufen Constantin,
So er, daß er den Meister in mir finde,

Vom Hochmuthsfieber zu befreien ihn.
Er fragte mich um Rath, da schwieg ich lange,
Weil mir sein Wort das eines Trunknen schien.

Und er darauf: "Nicht sei dein Herz drum bange!
Dich absolvier' ich jetzt, doch Rath gib du,
Wie ich Praenestes Niedersturz erlange.

Du weißt, den Himmel schließ' ich auf und zu,
Dazu sind mir der Schlüssel zwei gegeben,
Die Cölestin preisgab um träge Ruh."

So wichtigem Grund konnt' ich nicht widerstreben,
Weil mir der schlimmste Rath hier schweigen schien,
Und ich begann: Da du mir, Vater, eben

Die Sünd' in die ich fallen muß, verziehn -
Durch lang Versprechen und durch kurzes Halten
Wird auf dem hohen Stuhl dir Sieg verliehn.

Franz wollt', als ich gestorben, mich behalten;
Doch einer aus den schwarzen Cherubscharen
Sprach: "Hol' ihn nicht, du ließest Unrecht walten.

Der muß hinab zu meinen Knechten fahren,
Weil Trug zu rathen er sich nicht gescheut;
Seitdem hielt ich ihn immer bei den Haaren.

Lossprechen kann man nicht wer nicht bereut;
Bereu'n und Wollen kann sich nicht vertragen,
Wie's beider Wörter Widerspruch verbeut."

O weh mir Jammerndem! wie mußt' ich zagen,
Als er mich packt' und ich "Hast nicht gedacht,
Daß Logik ich verständ'?" ihn hörte sagen.

Zu Minos trug er mich; der Male acht
Schlug der den harten Rücken mit dem Schweife;
Dann sprach er, in ihn beißend, wuthentfacht:

"Fort, daß das Diebesfeuer ihn ergreife!"
Nun siehst du, wie verdammt an diesen Ort
Ich so umwallt voll Gram dies Thal durchstreife.'

Nachdem er so vollendet Red' und Wort,
Das spitze Horn bewegend und verneigend,
Ging ihren Weg die Flamme klagend fort.

Drauf schritt ich, mit dem Führer weiter steigend,
Am Riff empor bis auf den andern Bogen;
Dort ist der Schlund, der Frevler Strafe zeigend,

Die, Spaltung stiftend, Schuld sich zugezogen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 28
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 28

Neunte Schlucht des achten Kreises: die Stifter von Zwiespalt. Sie gehen in zerrissener Gestalt, von Teufeln zerfetzt und immer wieder hergestellt. Unter ihnen ist Mohammed, als der Begründer der größten religiösen Spaltung, sein Schwiegersohn Ali, der wieder den Mohammedanismus spaltete, ferner Pier von Medicina, der römische Tribun Curio, Mosca Lamberti, und endlich der Troubadour Bertram de Born, der sein eigenes Haupt als Laterne in der Hand trägt.

Wer könnte selbst in ungebundnem Worte,
Mehrmals erzählend, all der Wunden Blut
Beschreiben, das ich sah an diesem Orte!

Wohl jeder Zunge lahmte hier der Muth,
Weil, um so viel zu fassen, schwach erscheinet
All was der Mensch mit Geist und Sprache thut.

Und wäre das gesammte Volk vereinet,
Das auf Apuliens schicksalsvollem Grunde
Das eigne Blutvergießen je beweinet,

Durch Römer erst, dann in der blutigen Stunde,
Wo man so große Beut' an Ringen fand,
Wie Livius, der nicht irrt, davon gibt Kunde,

Sammt jenem Volk, das schwer die Hieb' empfand,
Weil es den Robert Guiscard einst bekriegte,
Sammt dem, deß Knochen modern dort im Land

Bei Ceperano, wo die Treu' versiegte
Apuliens, und dort, wo der Greis Alard
Bei Tagliacozzo sonder Waffen siegte;

Und zeigte, wie's durchbohrt, verstümmelt ward,
Sich jedes Glied, nicht wär' es zu vergleichen
Mit dieses neunten Sackes grauser Art.

Ein Faß, dem Zargen oder Dauben weichen,
Klafft nicht so, wie ich dort zerhauen Einen
Gesehn vom Kinn bis wo die Winde streichen.

Hinab hing das Gedärm ihm an den Beinen,
Auch das Geschlinge sah man sammt dem Sacke,
Der aus den Speisen Koth macht027 , dem unrein

Wie nun auf ihm verweilt mein Blick, der stracke,
Reißt er die Brust auf, als er mich gewahrt,
Und ruft: 'Da siehe wie ich mich zerhacke!

Sieh hier wie Mohammed verstümmelt ward!
Und weinend geht vor mir Ali, zerspellt
Vom Kinn hinauf bis wo die Stirn behaart.

Und all die andern, die du hier gesellt
Erblickst, sind so zerhaun weil Aergernissen
Und Spaltungen sie fröhnten auf der Welt.

Dort hinten werden grausam wir zerschlissen
Von einem Teufel, und mit scharfem Schwerte
Wird jede Wunde wieder aufgerissen,

Wenn wir durchmessen diese Schmerzensfährte;
Denn stets von neuem schließt sich die Wunde,
Eh einer noch zu ihm zurücke kehrte.

Doch wer bist du, der niedergafft zum Schlunde,
Wohl zögernd mit der Strafe, die erkannt
Auf Selbstanklage dir aus Richters Munde?'

'Den hat der Tod noch nicht erreicht, nicht bannt
Ihn Schuld hierher zur Qual', sprach drauf mein Leiter;
'Doch daß ihm alles völlig sei bekannt,

Muß ich, der todt, von Kreis zu Kreise weiter
(Es ist, so wahr ich mit dir rede, wahr!)
Die Hölle mit ihm durchgehn als Begleiter.'

Still hielten mehr denn hundert aus der Schar,
Mich anzusehn, als sie dies Wort vernommen,
Verwundert ihrer Qual vergessend gar.

'Du, der zur Sonne bald wird wieder kommen,
Sag' Fra Dolein, will er nicht bald im Tod
Mir folgen, sei von ihm Bedacht genommen,

Vorrath zu schaffen, daß des Schneees Noth
Nicht den Novarern Sieg verleiht zuletzt,
Eine Gefahr, die sonst so leicht nicht droht.'

Den einen Fuß zum Gehn erhoben jetzt,
Sprach dieses Wort zu mir Mohammeds Seele,
Worauf fortschreitend er zur Erd' ihn setzt.

Und Einer, dem durchlöchert war die Kehle,
Die Nase weggestutzt bis zu den Brauen -
Auch konnt' ich sehen, daß ein Ohr im fehle -,

Blieb vor Verwunderung stehn mich anzuschauen,
Und riß den Schlund, der außen blutdurchzogen,
Vor all den andern auf und sprach voll Grauen:

'O du, den keine Schuld hierher gezogen,
Und den ich im Lateinerland einst sah,
Wenn große Aehnlichkeit mich nicht betrogen,

Kommst du den süßen Ebnen wieder nah,
Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,
An Pier von Medicina denke da.

Woll' auch nicht Fanos bravstem Paar verschweigen,
Guido und Angiolett - falls Prophezeien
Von hier sich nicht als eitel wird erzeigen -:

Man wirft sie aus dem Schiff, auch winkt den Zweien
Das Säcken, dort ganz in Catolicas Näh',
Durch eines Wütherichs Verräthereien.

Nie Sah Neptun so großen Frevel je,
Nie zwischen Cypern und Majorca, nicht
Bei Griechen noch beim Räubervolk der See.

Denn der Verräther, dem ein Aug' gebricht,
Der Herr der Stadt, von der Er, der hier steht,
Wünscht, daß sie nie gesehn sein Angesicht,

Vernimm, daß er sie zum Gespräche lädt,
Und thut dann so, daß bei Fovaras Toben
Sie nicht Gelübde brauchen und Gebet.'

Und ich: Zeig' und erkläre mir, wenn droben
Von dir ich Kunde soll und Nachricht geben,
Wer ists, der jener Schau sich wünscht enthoben?

Da riß den Mund er Einem auf, der neben
Ihm stand, indem zum Kiefer griff die Hand,
Und schrie: 'Der hier nicht spricht, der ist es eben.

In Caesars Seele tilgt' er, einst verbannt,
Den Zweifel durch das Wort: nur Schaden bringe
Das Zögern dem, der kampfgerüstet stand.'

Wie schien, ach! Curios Muth mir jetzt geringe,
Dem in dem Schlund zersetzt die Zunge steckte,
Er, der so keck einst sprach bei jedem Dinge.

Und Einer, dem die Hände fehlten, streckte
Die Stummel aufwärts in den dunklen Aether,
So daß ihm Blut das Angesicht befleckte.

'Du wirst des Mosca doch gedenken,' fleht' er,
Der - wehe mir! - einst sagte: That hat Rath,
Für Tusciens Volk ein Wort des Unheils später.'

Und deinem Stamm, sprach ich, des Todes Saat;
Worauf er, da sich Wehe häuft' auf Wehe,
Wie wahnsinnskrank fortsetzte seinen Pfad.

Ich aber blieb, daß ich den Schwarm besähe,
Und etwas sah ich, das ich würde beben
Zu melden ohne weitrer Zeugen Nähe,

Wär' im Gewissen mir nicht beigegeben
Ein gut Geleit, das gibt dem Mann Vertrauen,
Weiß er von solchem Harnisch sich umgeben.

Ich sah gewiß - und wähn' es noch zu schauen -
Hauptlos einhergehn einen Rumpf, wie hier
Die andern auch in diesem Zug voll Grauen.

Und schwebend hielt wie eine Leuchte schier
Das abgeschlagne Haupt er in den Händen;
Er sah uns an und sprach: 'O wehe mir!'

So mit sich selber mußt' er Licht sich spenden;
Zwei waren eins und eines war zwei Stücke.
Wie's möglich, weiß Des Macht und Kraft nie enden.

Und als er grad am Fuße stand der Brücke,
Hob er nach oben Haupt und Arm zumal,
Daß er uns näher seine Worte rücke.

Die waren: 'Sieh der schweren Strafe Qual,
Der du noch lebend kamst, zu schaun die Todten.
Gibts eine gleiche wohl im Höllenthal?

Und mit der Nachricht send' ich dich als Boten:
Bertram de Born bin ich, derselbe, der
Dem jungen König schlechten Rath entboten.

Den Vater mit dem Sohn entzweit' ich sehr;
Selbst Ahitophel fehlt' in bösem Walten
An Absalon und David kaum so schwer.

Weil ich so eng Verbundene gespalten,
Muß ich, getrennt von seinem Ursprung hier,
Den dieser Rumpf verschließt, mein Hirn so halten:

So zeigt sich der Vergeltung Recht an mir.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 29
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 29

Dante hat im neunten Schlund einen Verwandten gesehen und trennt sich nur ungern von der Stätte. Aus der zehnten Schlucht dringen grässliche Wehklagen und ekle Düfte hervor. Hier sind die Falschmünzer und Alchimisten, die mit Grind und Aussatz bedeckt sind. Zwei, die sich gegenseitig aneinander stützen, kratzen sich mit den Nägeln den Schorf ab, der eine, ein Kretiner, berichtet von sich, dann der andere, der Florentiner Capocchio, der auf Anlass einer Äußerung Dantes über Sienas Bewohner deren leichfertiges Leben mit herber Ironie geißelt.

Von all dem Volk und den verschiednen Wunden
Fühlt' ich die Augen werden also trunken,
Daß sie nach Ruh' und Thränen sehnend stunden.

Da sprach Virgil: 'Was starrst du noch versunken?
Was sendest du die Blicke starr zuthal,
Wo die zersetzten Seelen sind versunken?

So thatest du bei keines Kreises Qual.
Willst du die Geister zählen all' im Schlunde?
Ei! zweiundzwanzig Meilen kreist dies Thal.

Schon unter unsern Füßen steht die runde
Mondscheibe, wenig Zeit noch bleibt uns über,
Und mehr zu schaun als du siehst hier im Grunde.'

Drauf ich: Wenn du den Grund bedacht, worüber
Ich hier versank in Niederschaun und Sinnen,
Dann triebst du mich so eilig nicht vorüber.

Wir gingen, er voraus, ich nach, von hinnen,
Und weiter ihm berichtend nun im Gehen,
Fügt' ich hinzu: In dieser Grube drinnen,

In die so scharf mein Aug' hineingesehen,
Beweint ein Schatten, blutsverwandt mit mir,
Die Schuld, die hier ihm theuer kommt zu stehen.

Drauf sprach der Meister: 'Daß die Seele dir
Von jetzt an nicht mehr stören mag sein Büßen,
Merk' auf das andre nun, und laß ihn hier.

Ich sah ihn, wie er von des Brückleins Füßen
Ernst drohend auf dich zeigte mit der Hand;
Geri von Bello hört' ich ihn begrüßen.

Doch deinen Geist hielt damals festgebannt
Der Herr von Altafort, bei dem er weilte,
Daß du nicht dorthin sahst, bis er entschwand.'

Das grausam Ende, Herr, das ihn ereilte,
Sein ungerochner Mord, reizt' ihn zum Groll
Auf jeden, der die Schande mit ihm theilte.

Und darum, glaub' ich, ließ er zornesvoll
Mich, ohn' ein Wort mit mir zu reden, stehen;
Drum weih' ich ihm noch mehr des Mitleids Zoll.

So sprachen wir bis zu dem Ort im Gehen,
Wo von der Klippe sich bei beßrem Licht
Das andre Thal bis unten ließe sehen.

Nun standen wir am letzten Kreuzgang dort
Von Uebelsäcke, daß all seine Scharen
Von Brüdern sehn konnt' unser Angesicht.

Da kam ein Weheruf emporgefahren,
Wie Pfeile bohrend durch des Mitleids Qual,
Daß ich die Hand vorhielt, das Ohr zu wahren.

Wie wenn man Valdichianos Hospital
Mit der Maremma und Sardiniens Seuchen
Beim Juli- bis Septembersonnenstrahl

Zusammen wollt' in eine Grube scheuchen,
So klang der Wehruf und so stank der Duft,
Als wenn er aufstieg' aus verwesten Bäuchen.

Wir stiegen von der Rippe nun zur Kluft,
Zum letzten Rande, stets gewandt zur Linken,
Und heller sah ich nun den Grund der Gruft,

Wohin Gerechtigkeit, unfehlbar, sinken
Verfälscher, die sie hier notierte, läßt,
Gehorchend ihres höchsten Herren Winken.

Betrübter war, von Krankheitsleid gepreßt,
Das Volk Aeginas wohl nicht anzusehen -
Als rings die Luft erfüllt so böse Pest,

Daß alle Thiere bis zum Wurm vergehen
Und sterben mußten, bis Ameisensamen
Das frühere Geschlecht ließ neu erstehen,

Wie wirs als wahr aus Dichtermund vernahmen -
Als man hie sah verschiedner Geister Haufen
Verschmachten in des finstern Thales Rahmen,

Den auf dem Bauch, Den auf dem Rücken laufen
Dem andern, Den auf traurigem Pfad, den Ort
Verändernd stets, auf allen Vieren kraufen.

Wir gingen Schritt vor Schritt hin ohn' ein Wort,
Schauend und horchend auf der Kranken Reihen;
Zu schwach zum Aufstehn saßen so sie dort.

Sich an einander stützend, sah ich zweien
Ins Aug' - wie Pfann' an Pfanne lehnt am Herde -
Mit Grind bedeckt vom Kopfe bis zum Reihen.

Nie wird so eifrig man den Knecht die Pferde,
Wenn sein Gebieter wartet, striegeln schauen,
Läg' er auch lieber schlafend auf der Erde,

Als unablässig sich mit scharfen Klauen
Die beiden kratzten, um des Juckens Plagen,
Das nicht mehr Rath weiß, zu entgehen durch Krauen.

Sie rissen sich den Schorf ab mit Behagen,
Wie mit dem Messer wir die Schuppen streifen
Von Barsch und Fischen, die noch größre tragen.

'Du, dem die Finger tief ins Fleisch oft greifen,'
Begann Virgil zu Einem nun von Jenen,
'Du, dem sie es gleich wie mit Zangen kneifen,

Sag' an, ist ein Lateiner unter Denen,
Die hier drin sind, so wahr zur Arbeit dir
Du Nägel ewiger Dauer magst ersehnen.'

'Lateiner sind wir, die zerschunden hier
Du siehst,' versetzt' er weinend, 'doch sprich weiter:
Wer bist denn du, der du gefragt nach mir?'

Drauf Jener: 'Dieses Lebenden Begleiter
Kam ich hierher und stieg zur Hölle nieder,
Sie ihm zu zeigen, Sproß um Sproß die Leiter.'

Da, von der Wechselstützung ihrer Glieder
Sich lösend, sahn mich beide bebend an,
Und Mancher, dem die Rede hallte wider.

Der Meister trat ganz dicht an mich heran
Und sprach: 'Jetzt magst du nach Belieben fragen.'
Und ich, gehorsam seinem Wunsch, begann:

Soll euer Angedenken in den Tagen
Der Menschheit nicht vergehn im Lauf der Zeit,
Nein! manche Sonnenwende durch noch ragen,

So sagt mir, wer und welches Volks ihr seid.
Und dies zu melden mehre eurem Munde
Nicht euer ekelhaft und grauses Leid.

'Arezzo zeugte mich,' gab einer Kunde;
'Albert von Siena wars, der mich zum Brande
Verdammt; doch hier bin ich aus anderm Grunde.

Wahr ists, ich sprach im Scherz, ich sei im Stande
Im Flug durch die Luft emporzusteigen;
Drauf er, reich an Begier, arm an Verstande,

Verlangt', ich solle diese Kunst ihm zeigen,
Und ließ, da ich ihn nicht zum Dädal machte,
Den Holzstoß durch den Bischof mich besteigen.

Mich hat zum letzten dieser zehen Schachte
Minos verdammt, der nimmer irren kann,
Weil ich mit Alchymie die Zeit verbracht.'

Gab es wohl je, sprach ich zum Dichter dann,
Leichtsinnig Volk wie diese Sienesen?
Selbst die Franzosen reichen nicht daran.

Als das vernahm das andre krätzige Wesen,
Fiel mirs ins Wort: 'Nur nimm den Stricca aus,
Der immer mäßig im Verthun gewesen.

Und Nicolo, der Näglein für den Schmaus
Zuerst im Garten cultiviren lehrte,
Wo solcher Same wächst zum üppigen Strauß.

Auch nimm das Kränzchen aus, in dem verzehrte
Weinberg und Forsten Caccia von Ascian,
Und Abbagliato seinen Witz bewährte.

Doch daß du weißt, von wem du Hülf' empfahn
Gegen Siena, laß dein Auge spähen:
Die Antwort gibt mein Angesicht dir an.

Du siehst Capocchios Schatten vor dir stehen.
Metalle fälschen, das war mein Geschäft.
Gedenken mußt du, falls ich recht kann sehen,

Wie trefflich die Natur ich nachgeäfft.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 30
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 30

Unter anderen Fälschern erblickt Dante zwei Schatten, die wie rasend einherlaufen und um sich beißen. Der eine stürzt auf Capocchio los; es ist Giovanni Schicchi, ein Verfälscher der Gestalt. Der andere ist Myrrha. Dann sieht er einen Wassersüchtigen mit geschwollenem Bauche, den Münzverfälscher Adam von Brescia; endlich die Fälscher der Wahrheit in Worten, die im hitzigen Fieber liegen: Potiphars Weib und den Trojaner Sinon. Dante horcht auf eine Zänkerei zwischen Adam und Sinon und wird deswegen von Virgil getadelt.

Zur Zeit, wo Juno grimmen Zorn erhoben
Um Semele auf Thebens Königsblut,
Wovon sie mehr als einmal gab die Proben,

Ergriff den Athamas so Wahnsinnswuth:
Als er sein Weib sah mit zwei Söhnen nahen,
Mit denen beide Arme sie belud,

Rief er: 'Spannt aus das Netz und laßt mich fahen
Beim Paß die Löwenmutter sammt den Jungen.'
Mit grausen Klauen eilt' er zum umfahen

Den einen, den Learch, und hochgeschwungen
Zerschlug er ihn am Fels, und Jen' ertränkte
Sich mit dem andern, in die Fluth gesprungen.

Und als Fortuna, die der Hochmuth kränkte
Des großen Troja, König Priams Lande
Und Priam Sturz und Untergang verhängte,

Und als sein Weib, in trauriger Fesseln Bande,
Todt, sich zu Füßen, Polyxenen sah
Und ihren Polydor am Meeresstrande

Gefunden, ach! die arme Hekuba,
Weil ihr der Schmerz verstört' all ihre Sinnen,
Gleich einem Hunde rasend bellt' sie da.

Doch nie sah ich so furchtbar die Erinnen
Trojas und Thebens gegen wildes Thier,
Geschweige Menschen wüthigen Kampf beginnen,

Wie, um sich beißend, ich zwei Schatten hier
Sah nackt und bleich herlaufen, einem Schweine,
Das aus dem Koben 027 losbricht, ähnlich schi

Anlangend bei Capocchio, griff der Eine
Am Kopf ihn mit den Zähnen, daß er fort,
Den Bauch geschrammt, ihn schleppt' auf hartem Steine.

Der Aretiner, bebend, nahm das Wort:
'Giovanni Schicchi' ist der Poltergeist,
Der, Geister schädigend, wüthet fort und fort.'

So wahr vor seinem Zahn du sicher seist
Am Rücken, sprach ich, sei so gut, erzähle,
Eh er entschlüpft, mir wie der andre heißt.

Und er zu mir: 'Das ist die alte Seele
Der Myrrha, die von sündiger Lieb' entglommen,
Daß frevelnd sie dem Vater sich vermähle,

Und zu der Sünde Ziel mit ihm gekommen,
In fremde Form sich trugvoll umgestaltend,
Wie Der, der dort enteilt, es unternommen,

Letztwillig nach der Form des Rechtes schaltend,
Zu spielen des Buoso Donati Rolle,
Der Heerde schönste Stute so erhaltend.'

Und als an uns das Frevelpaar, das tolle,
Vorüber war, auf das mein Auge schaute,
Wandt' ichs, zu sehn auf andre Sündenvolle.

Da sah ich Einen, fast gleich einer Laute,
Denkt man den Theil gestutzt sich und zerstört,
Den die Natur uns gabelförmig baute.

Die Wassersucht, die oft das Gleichmaß stört
Duch falschen Umsatz in der Säfte Stoffen,
Daß, scheints, zum Wanst nicht das Gesicht gehört,

Hielt seine Lippen klaffend, wie sie offen,
Die ein' empor, gesenkt die andre, stehen
Verdurstend Dem, den Schwindsucht hat getroffen.

'O die ihr straflos - warum dies geschehen,
Ich weiß es nicht - weilt in der schlimmen Welt,'
Begann er jetzt, 'o wollet schaun und sehen

Hier Meister Adams Leid, der Gut und Geld
Vollauf imLeben hatte nach Begehren
Und ach! kein Tröpfchen Wasser jetzt erhält.

Die Bächlein, die den Lauf zum Arno kehren
Von Casentinos grünen Hügeln nieder
Und Feucht' und Kühlung ihrem Bett gewähren,

stehn mir, und nicht umsonst, vor Augen wieder,
Denn heißer fühl' ihr Bild ich an mir nagen
Als selbst das Leid, das zehrt Gesicht und Glieder.

Gerechtigkeit, die furchtbar weiß zu schlagen,
Nimmt Anlaß von dem Orte meiner Schulden,
Um meine Seufzer hastiger zu jagen.

Dort liegt Romena, wo ich manchen Gulden
Verfälschte mit des Täufers Bild, weswegen
Den Feuertod mein Leib mußt' oben dulden.

Trät' Alexanders Geist mir hier entgegen
Und Aghinolfs und Guidos Schurkenseelen,
Nicht Brandas Born nähm' ich als Tausch dagegen.

Schon ist die Eine drin, wenn wahr erzählen
Die Schatten, die hier rasend ringsum fahren;
Was hilft mirs, wenn die Glieder Fesseln quälen?

Wär' ich so leicht nur, daß in hundert Jahren
Ich vorwärts kommen könnt' um Zolles Weite,
So macht' ich längst mich auf, es zu erfahren,

Wo unter dem entstellten Volk er schreite,
Beträgt es auch im Umkreis gleich elf Meilen,
Und eine halbe mindestens an Breite.

Um sie muß ich in dieser Rotte weilen,
Die mich verführten, dem geschlagnen Gulden
Noch drei Karat Legirung zu ertheilen.'

Drauf ich: Was ist der armen Zwei Verschulden,
Die dampfend, gleich ins Naß getauchten Händen
Im Winter, dir zur Rechten Strafe dulden?

'Hier fand ich sie und sah sie nie sich wenden,'
Versetzt' er, 'seit ich hier im Spalte bin;
So bleibts auch, glaub' ich, bis die Zeiten enden.

Dies ist des Joseph falsche Klägerin,
Sinon von Troja Der, ein Mann voll Lug;
Des Fiebers heißer Qualm trübt Beider Sinn.'

Drauf ihrer Einer, der es schwer ertrug,
Daß man von ihm gesprochen so im Hohne,
Ihm auf den harten Wanst mit Fäusten schlug,

Daß er erdröhnte gleich der Trommel Tone;
Doch Meister Adam gab ihm ins Gesicht
Eins mit nicht minder hartem Arm zum Lohne,

Und sprach: 'Wenn auch Bewegung mir gebricht
In meinen Gliedern ihrer Schwere wegen,
Zu solchem Zweck fehlt mir der Arm doch nicht.'

Drauf Jener: 'Als dem Feuer du entgegen
Geschritten, war er minder hurtig dir;
Doch war ers freilich um so mehr beim Prägen.'

Der Wassersüchtige drauf: 'Wahr sprichst du hier
Doch nicht so wahr als man vor Trojas Walle
Nach Wahrheit fragte, scheint dein Zeugniß mir.'

'Fälscht' ich mit Worten, fälschest du Metalle,'
Rief Simon; 'wenn hier ein Fehl mich beschwert,
So dich viel mehr als diese Teufel alle.'

'Erinnre dich, Meineidiger, an das Pferd,'
Versetzte der mit dem geschwollnen Bauche;
'Dich strafe dies, daß es die Welt erfährt.'

'Dich,' sprach der Grieche drauf, 'die Eiterjauche,
Die dir vor Augen thürmt den Bauch empor,
Und daß dir Durst die Zung' in Qualen tauche.'

Der Münzer drauf: 'Aus deines Maules Thor
Kommt nur Verkehrtes, wenn dus aufgerissen;
Denn, leid' ich Durst und quillt mein Bauch mir vor,

Wirst du von Hitz' und Kopfschmerz ganz zerrissen,
Und lange braucht man dich wohl nicht zu bitten,
So lecktest du den Spiegel von Narcissen.'

Gespannt horcht' ich auf jene, wie sie stritten.
'Seht,' sprach mein Meister, 'doch, es fehlt nicht viel,
So hadert ich mit dir ob solcher Sitten.'

Als ich gewahrte, wie ihn Zorn befiel,
Wandt' ich beschämt ihm zu mein Angesicht,
Noch jetzt voll Scham, weil mir der Zank gefiel.

Und wie, wer Böses sieht im Traumgesicht,
Und wünscht im Traum, er träume, voll Verlangen
Nach dem, was wirklich ist, als wär' es nicht:

So ich; im Drang, Entschuldigung zu erlangen
Fand ich kein Wort, und doch mir unbewußt
War die Entschuldigung bereits ergangen.

'Schon größern Fehl als deinen hat gewußt
Zu tilgen kleinre Scham,' so sprach mein Leiter,
'Drum jedes Harms entlade deine Brust,

Und denke stets, nah bleibt dir dein Begleiter,
Führt dich der Zufall jemals wieder hin,
Wo mit einander zanken böse Streiter;

Denn solchem lauschen, zeugt von niedrem Sinn.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 31
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 31

Während die Dichter an der Felswand der letzten Schlucht hingehen, ertönt ein mächtig dröhnendes Horn. Dem Klange nachblickend, glaubt Dante gewaltige Türme zu sehen. Es sind aber, wie Virgil ihn belehrt, Riesen, die mit ihrem Oberleibe aus der Tiefe des letzten Höllenkreises emporragen. Unter ihnen Nimrod, der das Horn geblasen und in unverständlichen Worten die Wanderer anredet. Dann Ephialtes, mit festen Banden umschnürt, der sich im Zorne schüttelt, dass die Erde zu beben scheint. Endlich Antäus, der auf Virgils Bitte die beiden Dichter an den Boden des letzten Kreises hinabhebt und dort niedersetzt.

Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte,
So daß in Scham mir beide Wangen glommen,
Wars, die mich dann mit Arzeneien letzte.

So hab' ich von Achillens Speer vernommen
Und seines Vaters; schlimme Wunden gab
Er erst, um dann zu gutem Heil zu frommen.

Vom Jammerthal nun wandten wir uns ab,
Hinschreitend rings am Kreis der Felsenwälle,
Wir beide stumm und schweigend wie das Grab.

Hier war nicht völlig nacht noch Tageshelle,
Drum drang der Blick nicht in des Grundes Bette.
Da wars als ob ein Horn so mächtig gelle,

Daß selbst der Donner schwach geklungen hätte.
Und ihm entgegen, folgend seinem Schalle,
Zog es mein Auge nach der einen Stätte.

Nach jener Helden schmerzensvollem Falle,
Wo Karls des Großen Zug sein Ende fand,
Blies Roland nicht mit so gewaltigem Halle.

Kaum hatt' ich dort hinauf den Blick gewandt,
Glaubt' ich viel hohe Thürme zu ersehen
Und sprach: Was ist das, Meister, für ein Land?

Drauf er: 'Weil du zu weit die Blicke spähen
Läßt durch die Finsterniß, so muß es kommen,
Daß Einbildungen so dich hintergehen.

Du siehest klar, wenn du dort angekommen,
Wie sehr dich durch die Ferne täuscht der Sinn:
Drum wird dir 027 rascher fortzuschreiten fromme

Drauf bot er freundlich seine Hand mir hin
Und sprach: 'Bevor wir weiter hier noch gehen,
Vernimm - daß minder seltsames hierin

Du findest -: wo du Thürme glaubst zu sehen,
Giganten sinds, die sämmtlich in dem Schacht
Vom Nabel abwärts rings am Ufer stehen.'

Gleichwie das Auge, wenn des Nebels Nacht
Entweicht, der über allem dunstig weilte,
Die Gegenständ' allmählich klar sich macht,

So, als ich mehr die dicken Lüfte theilte
Und mich dem Rande nahte mehr und mehr,
Floh Irrthum mich, indeß mich Furcht ereilte.

Denn wie mit Thürmen rings im Kreis zur Wehr
Montereggiones Mauern sich bekrönen,
So thürmte sich, rings um den Brunnen her,

Der Oberleib den grausen Erdensöhnen,
Die Jovis drohnde Macht noch stets erfahren,
Wenn seine Donner her vom Himmel tönen.

Schon konnt' ich Anlitz, Schultern, Brust gewahren
Von Einem, und vom Bauch ein Stück sogar,
Die Arme dann, die niederhangend waren.

Natur entsagt' - und that wohl dran fürwahr -
Der Kunst, zu schaffen solcherlei Gestalten,
Damit sie Mars nicht brauch' als Helferschar.

Gefiels ihr, Elephanten zu gestalten
Und Walfisch, müssen, wenn wirs überlegen,
Wir sie für weiser und gerechter halten.

Denn wo sich noch des Geistes Denkvermögen
Gesellt dem bösen Willen und der Macht,
So stellt Dem Niemand einen Damm entgegen.

Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,
Sanct Peters Pinienzapfen zu vergleichen,
Und jedes Glied nach diesem Maß gemacht,

So daß die Ufer, die bis an die Weichen
Ihm reichten, so viel von ihm sehn noch ließen
Nach oben, daß ihm bis zum Hals zu reichen

Vergebens hätten sich bemüht drei Friesen;
Denn ich gewahrte volle dreißig Palmen
Vom Hals herab, wo wir den Mantel schließen.

'Raphel maï amech izabi almen:'
So drang es aus dem grausen Mund hervor,
Für den sich nicht geziemten sanftre Psalmen.

Mein Führer sprach zu ihm: 'Blödsinner Thor,
Bleib bei dem Horn; und will dich Zorn ergreifen,
Und andrer Trieb, so sprudl' ihn dadurch vor.

Brauchst an den Hals zum Riemen nur zu greifen,
Verwirrte Seele, ders gebunden hält,
Dann siehst dus dir die breite Brust umreifen.

Sieh Nimrod, der sich selbst als Schuldiger stellt,'
Sprach er zu mir, 'durch dessen frech Vergehen
Jetzt viele Sprachen herrschen auf der Welt.

Du sprächst umsonst mit ihm, drum laß ihn gehen!
Denn ihm ist jede Sprache, wie den Andern
Die seinige, die Niemand kann verstehen.'

Fortsetzten wir, links kehrend, unser Wandern,
Bis, einen Pfeilschuß weiter, wir gefunden
Viel wilder noch und größer einen andern.

Nicht weiß ich, welcher Meister ihn gebunden:
Am Rücken war sein rechter Arm geschnürt,
Der andre vorn von einer Kett' umwunden,

Die ihm vom Halse abwärts niederführt,
So daß den Körpertheil, der sichtbar oben,
Sie bis zur fünften Windung ihm berührt.

'Der Stolze wollt' einst seine Kraft erproben
Am großen Zeus,' begann nun mein Begleiter;
'Drum daß er so bestraft wird, muß man loben.

Ephialtes ists, ein gar gewaltiger Streiter,
Als Furcht die Götter fühlten vor den Riesen;
Die rüstigen Arme regt er nun nicht weiter.'

Und ich zu ihm: Gern säh' ich unter Diesen
Des ungeheuren Briareus Gestalt,
Wenns möglich wäre, meinem Blick gewiesen.

Und er: 'Zunächst sieh, frei von der Gewalt
Der Fesseln, den Antäus, der auch spricht;
Zum Grund des Bösen hebt er uns alsbald.

Der, den du sehn willst, ist so nahe nicht;
Gefesselt und gleich anderen Gestalten
Ist er, nur noch viel grimmer im Gesicht.'

Kein Erdstoß kann so heftige Macht entfalten,
Der einen Thurm erschüttert fest von Stande,
Wie ich jetzt sah schütteln Ephialten.

Ich glaubte nahe mich am Grabesrande,
Und gnügend war zum Sterben schon der Schrecken,
Hätt' ich gesehen nicht des Riesen Bande.

Jetzt zu Antäus weiter gings, dem Recken,
Den ich, den Kopf nicht mitgezählt einmal,
Fünf Ellen hoch sah aus dem Schacht sich strecken.

'O du, der in dem schicksalsvollen Thal,
Wo Scipio Ruhm erwarb, als er zerstreute
In wilder Flucht das Heer des Hannibal,

Dir tausend Löwen einst gewannst als Beute,
Und dems im großen Kampf vielleicht gelungen,
Wenn du dran Theil nahmst - meinen viele Leute -

Daß du den Brüdern hättest Sieg errungen:
Setz uns hinab - und laß es gern geschehen -
Wo den Cocyt hält starrer Frost bezwungen.

Schick' uns zu Titius nicht noch zu Typhaeen.
Was man hier wünschet, Dieser kann es geben,
Drum bück' dich, ohn' dein Maul erst zu verdrehen.

Er kann auf Erden deinen Ruhm erheben,
Da er noch lebt und hofft, wenn vor der Zeit
Ihn Gott nicht abruft, lange noch zu leben.'

Er sprachs und jener packte schnellbereit
Nun meinen Führer, ausgestreckt die Hand,
Die einst den Hercules bedrängt im Streit.

Da rief Virgil, als er erfaßt sich fand:
'Komm zu mir her, damit ich dich umfange!'
Worauf er sich mit mir zum Bündel band.

Wie Carisenda, steht man unterm Hange
Und blickt empor, erscheint wenn Wolken ziehn
Ob ihm gerad in umgekehrtem Gange,

Schien mir Antäus, als ich merkt' auf ihn,
Wie er sich bückt', und zu der selben Stunde
Zög' ich auf andrer Straße lieber hin.

Doch leicht setzt' er uns nieder auf dem Grunde,
Wo Lucifer mit Judas wird verzehrt,
Und hob sich, länger nicht gebückt im Schlunde

Verweilend, wie der Mast nach oben fährt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 32
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 32

Dante ruft die Hilfe der Musen für die Schilderung des letzten Höllenkreises an. Eine Stimme warnt ihn, nicht auf die Häupter der Sünder zu treten, die im Eise eingefroren sind und zwischen denen er umherwandelt. Er unterhält sich mit Camiccione de' Pazzi und Sassol Mascherone, die zusammengefroren sind. Sie sind in der Abteilung Kaïna, in der Verräter und Mörder von Verwandten bestraft werden. Daran stößt Antenora, die Abteilung der Vaterlandsverräter. In ihr trifft Dante Bocca Abbati, der, trotzdem dass Dante ihn an den Haaren rauft, seinen Namen nicht nennen will, aber von einem anderen genannt wird und nun ebenfalls Dante noch andere nennt. Endlich bemerkt Dante zwei, von denen der eine das Gehirn des anderen zernagt, und richtet das Wort an jenen.

Hätt' ich so rauh und holprig, wie sie paßten,
Die Reime, für dies Loch so grausenhaft,
Drauf insgesammt die andern Felsen lasten,

So preßt' ich mit noch größrer Wucht den Saft
Aus dem Gedanken; doch weil das gebricht,
So greift zur Rede zaghaft meine Kraft.

Nicht ists ein Kinderspiel, - die Zunge nicht,
Die noch Mama lallt, darf es sich getrauen -
Des Weltalls Grund zu schildern im Gedicht.

Doch helfen mögen meinem Lied die Frauen,
Daß es der Wirklichkeit entspricht - die Wesen,
Die dem Amphion Theben halfen bauen.

O Volk, vor allen du zum Leid erlesen
Am Ort, den schon zu nennen traurig macht,
Wärt ihr doch Schaf' und Ziegen hier gewesen!

Als wir nun standen drunt im finstern Schacht,
Weit tiefer unterm Fuß schon des Giganten,
Und ich zur Felswand blickt' empor: 'Gib Acht,'

Rief mir wer zu, 'daß du der Häupter Kanten
Den armen Brüdern nicht zertrittst und Weh
Bereiten magst den müden Qualgebannten.'

Mich wendend, sah ich vor mir einen See
Zu meinen Füßen, so mit Eis bezogen,
Als wenn man Glas, nicht Wasser vor sich säh'.

Nicht deckt im Winter selbst der Donau Wogen
Solch eine dicke Rind' in Oestreichs Land,
Den Don nicht unterm kalten Himmelsbogen;

Denn wenn auch Tambernicchis Felsenwand
Und Pietrapanas drauf gefallen wären,
Nicht einen Krach vernähme man am Rand.

Und wie das Maul die Frösche quakend kehren
Aus dem Gewässer, wenn, von Schlaf umsahn,
Die Bäurin manchmal träumt sie lese Aehren:

So, dunkelblau bis an die Wange, sahn
Im Eis wir stecken jammervolle Schatten,
Im Storchentakte klappend Zahn auf Zahn.

Nach unten das Gesicht gekehrt sie hatten;
Vom Froste legte Zeugniß ab ihr Mund,
Ihr Auge vom Gemüth, dem leidensmatten.

Erst blickt' ich um mich, dann hinab zum Grund,
Und sah jetzt zwei, sich so zusammen schmiegend,
Daß sich ihr Haupthaar mischt' in wirrem Bund.

Wer seid ihr, sagt, so Brust an Brust dort liegend?
Sprach ich. Den Hals drauf hoben die Genossen
Zu mir, das Antlitz in die Höhe biegend.

Die Augenlider, innen feucht, ergossen
In Thränen sich, die gleich im Frost erkalten,
Und so verkittend sie zusammenschlossen.

Die Schiene kann nicht Holz mit Holze halten
So fest vereint; drob sie in zornigem Drang,
Zwei Böcken ähnlich, an einander prallten.

Und Einer, dem des grimmen Frostes Zwang
Nahm beide Ohren, abwärts immer wieder
Gewandt, frug: 'Was begaffst du uns so lang?

Willst wissen, wer die Zwei hier sind? Zwei Brüder;
Vom Vater Albert erbten sie das Thal,
Aus welchem der Bisenzio strömt hernieder.

Ein Leib gebar sie. Suchst du in der zahl
Der Schatten in Kaïna, Keiner wäre
Mehr werth, zu stecken in des Eises Qual:

Nicht der, dem Brust und Schatten mit dem Speere
Durchbohrt' in einem Streiche Artus Hand,
Foccaccia nicht, nicht Der, der in der Quere

Den Kopf vor mir, mir jede Fernsicht bannt;
Bist du ein Tuscier, weißt du wen ich meine,
Wenn Sassol Mascheroni ich genannt.

Vernimm - daß weitres Fragen unnütz scheine! -
Ich, Camiccion de' Pazzi, warte hier,
Daß, mich vertretend, hier Carlin erscheine.'

Und tausend Fratzen sah ich, fletschend schier
Wie Hunde, durch den Frost empor sich heben;
Noch graut vor dem gefrornen Lachen mir.

Und während wir zum Mittelpunkt streben,
Zu dem hindrängt des ganzen Alls Gewicht,
Und mich die ewige Kühle machte beben,

Wars Absicht oder Zufall, weiß ich nicht -
Doch, durch die Köpfe wandelnd, stieß ich einen
Gewaltig mit dem Fuß ins Angesicht.

'Was trittst du mich?' schrie er mich an mit Weinen;
'Kommst du nicht, Montapertis Schlacht an mir
Noch mehr zu rächen, warum so mich peinen?'

Und ich: Jetzt, Meister, harre meiner hier,
Bis einen Zweifel ich gelöst durch Den;
Dann ganz nach Willen folg' ich eilig Dir.

Ich sprach, als ich den Führer still sah stehn,
Zu ihm, der noch mit Worten wild mich schalt:
Wer bist du, der so Andre wagt zu schmähn?

'Wer du, der so durch Antenora wallt
Und Andrer Wangen tritt? Wärst du am Leben,
So wärs zu arg,' entgegnet er alsbald.

Ich bin lebendig, und Befriedigung geben
Kann dies, sprach ich, daß deinen Namen ich
Zu andern schreibe, steht nach Ruhm dein Streben.

'Das Gegentheil,' sprach er, 'erfreuet mich!
Hinweg! belästige mich nicht mehr, du Tropf,
Denn schlecht aufs Schmeicheln hier verstehst du dich.'

Da aber faßt' ich hinten ihn am Schopf
Und sprach: Du wirst dich doch noch müssen nennen,
Sonst bleibt kein Haar hier oben dir am Kopf.

Drauf er zu mir: 'Du sollst mich doch nicht kennen.
Rauf immer zu! nichts mach' ich offenbar,
Magst du auch tausendmal auf Haupt mir rennen.'

Schon hatt' ich um die Hand gedreht sein Haar
Und mehr denn eine Lock' ihm ausgerissen,
Indeß er bellt, gesenkt sein Augenpaar.

'Bocca, was gibts?' fragt einer jetzt beflissen.
'Genügt dirs mit den Kiefern nicht zu schlagen?
Plagt dich der Teufel? hast noch bellen müssen?'

Jetzt, rief ich, brauchst du mir nichts mehr zu sagen.
Verräther, elender! von deiner Schmach
Werd' ich nach oben wahre Kunde tragen.

'Geh,' sprach er, 'sage was du willst mir nach;
Doch nicht verschweige, kommst du je von hinnen,
Auch Den, dem so geschwind Zunge sprach.

Französisch Geld macht seine Thränen rinnen:
Ich sah, so melde dann, des Duera Seele,
Wo Sünder stehn im kalten Bade drinnen.

Fragst du, wer weiter zu der Schar noch zähle:
Der Boccaria taucht zur Seit' empor,
Er, dem Florenz durchschnitten einst die Kehle.

Gianni del Soldanier ist in dem Chor,
Wo Ganelon sammt Tribaldello ruht,
Der, als man schlief, erschloß Faenzas Thor.

Wir waren ferne schon der Sünderbrut,
Da sah ich zwei in einem Loch im Eise,
So daß ein Haupt das andre deckt' als Hut.

Wie in das Brod beim Hunger, in der Weise
Biß, wo das Hirn sich dem Genick schließt an,
Des Obern Zahn des Untern Fleisch als Speise.

Wie in die Schläfe Melanipps den Zahn
Einst Tydeus wüthend schlug, so ward mit Nagen
Dem Schädel und dem ganzen Kopf gethan.

O du, der Haß mit viehischem Behagen
An diesem übt, den so dein Zahn verzehrt,
Sag an, sprach ich, warum, und laß dir sagen,

Wenn du mit Recht dich über ihn beschwert,
Daß droben, wenn ich euch und sein Verbrechen
Erst kennen lernte, Lohn dir widerfährt,

Falls sie nicht dorrt, mit der ich dies darf sprechen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 33
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 33

Die beiden Schatten sind Graf Ugolino della Gherardesca und Erzbischof Ruggieri degli Ubaldini, letzterer schon an der Grenze der dritten Abteilung, der Ptolemäa, in welcher der Verrat an Freunden gestraft wird. Ugolino erzählt seinen und seiner Söhne und Enkel Hungertod. Ausfall des Dichters gegen Pisa. Die Seelen in der dritten Abteilung liegen rücklings auf dem Eise, so dass ihnen die gefrorenen Tränen nach innen fließen und den Schmerz vermehren. Hier trifft Dante den Bruder Alberigo aus Faenza, dessen Körper noch auf Erden weilt und der ihm Gleiches von dem Genuesen Branca d'Oria berichtet, dessen Seele gleichfalls schon unten ist. Der Dichter schließt mit einem Ausfall auf Genua.

Den Mund empor vom grausen Mahle kehrte
Der Sünder, und ihn wischend an den Haaren
Des Hauptes, an deß Hintertheil er zehrte,

Begann er: 'Soll ich neu den Schmerz erfahren,
Drob mir das Herz verzweifelnd möchte brechen
Beim Denken, eh noch Worte mir entfahren?

Doch wenn mein Wort die Saat ist, die dem Frechen
Die Frucht der Schande trägt, der meine Speise,
So magst du denn mich weinen sehn und sprechen.

Nicht weiß ich wer du bist, noch welcher Weise
Du hier herabkamst, doch es scheint, daß dich
Als Florentiner deine Sprach' erweise.

So wisse denn: Graf Ugolin war ich,
Erzbischof Ruggier Der; laß dir erklären,
Warum er hat zum lästigen Nachbarn mich.

Daß ich auf seiner Arglist schlimm Begehren,
Weil ich ihm traute, ward zuerst gefangen,
Und dann getödtet - brauch' ich nicht zu lehren.

Doch wovon du nicht konntest Kund' erlangen,
Ich meine, welchen grausen Tod ich fand,
Das hör' und urtheil, ob mirs schlimm ergangen.

Ein schmales Loch in meines Kerkers Wand,
Der manchen Andern einst noch birgt gewiß,
Und jetzt nach mir wird Hungerthurm genannt -

Es hatte manchen Mond durch seinen Riß
Mir schon gewiesen, als ein Traum voll Grauen
Den Schleier meiner Zukunst mir zerriß.

Ich glaubte Wolf und Wölflein durch die Auen,
Von diesem hier gejagt, am Berg zu sehen,
Der Pisa hindert, Luccas Stadt zu schauen.

Und vor sich her mit wohlgeschulten zähen
Mageren Hunden ließ Gualandi er,
Sismondi und Lanfranch als Treiber gehen.

Nicht lang, und Sohn und Vater kann nicht mehr
Vor Müdigkeit, und in die Weichen schlagen
Den spitzen Zahn sah ich der Hunde Heer.

Als ich erwacht', eh es begann zu tagen,
Hört' ich im Schlaf nach Brote meine Kleinen,
Die bei mir waren, flehn und weinend klagen.

Schmerzt es dich nicht, so mußt du hart mir scheinen,
Denkst du was ich jetzt ahnt' im Herzensgrunde,
Und weinst du nicht, was macht alsdann dich weinen?

Wir waren wach und nahe war die Stunde,
Wo man mit Speise uns versah,
Und jeder bangt' ob seiner Traumeskunde.

Des grausen Thurmes Pforte hört' ich da
Zuschließen drunten, drob versenkt in Sinnen
Den Weinen sprachlos ich ins Antlitz sah.

Ich weinte nicht, denn so erstarrt' ich innen;
Doch jene weinten, und mein Anselm sprach:
"Du stierst so, Vater? was willst du beginnen?"

Ich weinte nicht; den Tag, die Nacht darnach
Schwieg ich, und gab ihm keine Antwort, keine,
Bis neu die Sonne durch das Dunkel brach.

Und als sie nun beschien mit mattem Scheine
Des schmerzenvollen Kerkers düstre Wände,
Und ich in vier Gesichtern sah das meine,

Da biß ich mich vor Schmerz in beide Hände;
Doch jene, wähnend, daß ich es aus Gier
Nach Speise that, erhoben sich behende

Und sprachen: "Vater, minder leiden wir,
Wenn du von uns ißt; dieses Fleisch empfingen
Wir ja von Dir, so nimm es wieder hier."

Um ihretwillen sucht' ich mich zu zwingen.
Der und der nächste Tag verging in Schweigen.
O Erde, konntest du ins nicht verschlingen!

Als ich empor den vierten Tag sah steigen,
Fiel Goddo mir gestreckt zu Füßen hin.
"Mein Vater, willst du nicht mir Hülfe zeigen?"

Er riefs und starb, und wie ich vor dir bin,
Sah nach einander ich vor mir erbleichen
Die Drei vom fünften Tag bis zum Beginn

Des sechsten. Blind schon tappt' ich nach den Leichen,
Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen,
Bis Hunger that, was Schmerz nicht konnt' erreichen.'

Und stieren Blicks packt' er, als dies gesprochen,
Den armen Schädel wieder mit den Zähnen,
Zermalmend wie mit Hundsgebiß die Knochen.

Weh, Pisa, dir, du Schandfleck allen Denen
Im schönen Lande, wo das Si erklingt!
Da dich zu strafen ab die Nachbarn lehnen,

Auf denn, Capraja und Gorgona, zwingt
Den Arno, ihn verdämmend, sich zu heben,
Daß seine Fluth was in dir lebt verschlingt.

Hat Ugolino, wie man angegeben,
Verrathen dein Castell, du durftest nicht
Die Söhne martern drum, ein zweites Theben!

Schon ihre Jugend mußte vor Gericht
Freisprechen Uguccionen und Brigaten
Sammt jenen, die schon nannte mein Gedicht.

Wir schritten fort, bis zu dem Volk wir traten,
Das eingefroren wir sahn aufwärts kehren
Das Antlitz, nicht hinab wie Jene thaten.

Hier muß das Weinen selbst dem Weinen wehren,
Weil hier der Schmerz, gehemmt im Auge drinnen,
Sich kehrt nach innen, um die Pein zu mehren,

Indem die ersten Thränen gleich gerinnen
Zu Klumpen, und wie ein Krystallvisier
Die Augenhöhle ganz erfüllen innen.

Und ob gleich wie aus einer Schwiele mir
Aus meinem Antlitz jegliches Empfinden
Entwichen bei dem grimmen Froste schier,

So glaubt' ich einen Wind doch zu empfinden
Und sprach: Mein Meister, wer mag das erregen?
Muß nicht hier unten jeder Hauch entschwinden?

'Es führt dich gleich dahin,' sprach er dagegen,
'Wo Antwort gibt dein Auge, unsre Reise,
Wenn du den Grund siehst von der Lüfte Regen.'

Und ein Unseliger schrie aus kaltem Eise
Uns zu: 'Grausame Seelen, denen ward
Ihr Platz gewiesen in dem letzten Kreise,

Nehmt mir vom Aug' den Schleier schwer und hart,
Damit des Herzens Weh Luft könne finden,
Bevor die Thrän' aufs neu zu Eis erstarrt.'

Drauf ich: Sprich wer du bist, wenn ich entbinden
Vom Schmerz dich soll, und lös' ich dann dich nicht,
So mög' ich hier im eisigen Grund verschwinden.

Drauf er: 'Mönch Alberiga ists der spricht,
Der bösen Gartens Frucht dem Gast geboten
Und hier nun Datteln statt der Feigen bricht.'

Wie, sprach ich, weilst du schon im Reich der Todten?
Und er zu mir: 'Wie's meinem Leibe gehe
Auf Erden, hört' ich noch durch keinen Boten.

Das zeichnet Ptolemäa aus, daß, ehe
Noch Atropos vom Leib die Seele schied,
Sie oft schon niederstürzt in dieses Wehe.

Doch daß du williger mir vom Augenlid
Die glasigen Thränen räumst, so sollst du wissen:
Wenn eine Seele so wie ich verrieth,

So wird alsbald der Körper ihr entrissen
Von einem Dämon, der ihn muß regieren,
Bis gänzlich seine Lebenszeit verschlissen.

Sie stürzt hinab zu diesen Eisrevieren:
So sieht man droben wohl den Körper Dessen
Vielleicht noch, der da hinter mir muß frieren.

Kommst du von dort, so kannst dus selbst ermessen.
Herr Branca d'Oria ists, und manches Jahr
Verging, seit er im Eis hier festgesessen.'

Drauf ich: Da, mein' ich, sprichst du schwerlich wahr,
Denn noch nicht starb Herr Branca D'Oria, der
Sich kleidet, ißt und trinkt und schläft fürwahr.

'Michael Zanche war,' erwidert er,
'Im Grausetatzenloch noch nicht zur Stelle,
Dort wo gekocht wird zäher Brei von Theer,

Als dieser da dem Teufel seine Stelle
In seinem und des Neffen Leibe ließ,
Der beim Verrath ihm half als sein Geselle.

Doch strecke jetzt die Hand aus und erschließ
Die Augen mir.' Ich aber that es nicht;
Recht wars, wenn ich an ihm mich falsch erwies.

O Genueser, aller Sitt' und Pflicht
Entfremdet, und besteckt mit jeder Fehle,
Warum noch duldet euch des Himmels Licht!

Denn bei Romagnos allerscholimmster Seele
Traf euer Einen ich, für seine That,
Ob er gleich zu den Lebenden noch zähle,

Dem Geist nach schon in des Cocytus Bad.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 34
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 34

Letzte Abteilung des neunten Kreises, Indecca, der Strafort der Verräter an Wohltätern. Sie stecken ganz in durchsichtigem Eise. Hier eblickt Dante den Lucifer, der ausführlich beschrieben wird. Er zermalmt mit seinen drei Mäulern drei Verbrecher und zerreißt sie zugleich mit den Krallen. Es sind Judas Ischarioth, der Verräter Christi, und Brutus und Cassius, die Verräter Caesars. Am Mittelpunkt von Lucifers Leibe schwingt sich Virgil, Dante umfassend, um seine eigene Achse und klettert in entgegengesetzter Richttund an Lucifers Beinen empor. Dem staunenden Dante erklärt er, dass sie den Mittelpunkt der Erde durchgangen hätten. Durch eine dunkle höhlenartige Spalte wandern sie immer fort, bis sie das Tageslicht sehen und bei den Antipoden ins Freie treten.

'Uns tritt des Höllenköniges Panier
Entgegen, drum sieh vorwärts, ob du ihn
Erkennest,' sprach mein Führer jetzt zu mir.

Wie oft, wenn dichte Nebel uns umziehn
Und unsern Erdkreis deckt des Abends Grauen,
Vom Wind gedreht, fern eine Mühle schien,

Ein solch Gebäude wähnt' ich jetzt zu schauen.
Hinter Virgil eilt' ich mich zu verstecken,
Mir eine Schutzwehr vor dem Wind zu bauen.

Schon stand ich - nieder schreib' ich es voll Schrecken -
Dort wo wie Splitter in dem Glas zu sehen
Die Schatten in durchsichtigem Eise stecken.

Flach liegend die, indeß die andern stehen,
Die auf den Sohlen, Die auf dem Gesicht,
Die bogenkrumm den Kopf zum Fuße drehen.

Als wir nach vorn gedrungen nun so dicht,
Wo's meinem Hort gefiel, das Wesen mir
Zu zeigen, das so schön einst war und licht,

Trat er beiseit und hieß mich weilen hier
Und sprach: 'Sieh da den Dis! sieh da die Stätte!
Mit Muth dich jetzt zu waffnen ziemet dir.'

Wie starr und stumm ich stand an diesem Bette,
Das, Leser, frage nicht, nicht werd' ichs schreiben,
Weil jedes Wort zu wenig Kraft doch hätte.

Ich starb nicht und nicht lebend konnt' ich bleiben;
Drum denke, wenn dein Witz so weit kann reichen,
Wie's sein mag, 027 zwischen Tod und Leben treib

Der Kaiser in den jammervollen Reichen
Nagt' auf mit halben Brüsten über diese
Eiswand; eh würd' ich einem Riesen gleichen,

Als seinen Armen gleichen kann ein Riese.
Nun denke, wie das Ganze unermeßlich,
Das solchem Theil entsprechend sich erwiese.

Wenn er so schön einst war, wie er jetzt häßlich,
Und gegen seinen Schöpfer hob die Brauen,
Muß er wohl Grund von allem sein, was gräßlich.

Welch großes Wunder schien mirs, als voll Grauen
Ich drei Gesichter sah dem Kopf entsprossen,
Das eine vorn und blutroth anzuschauen;

Von den zwei andern, die daran sich schlossen,
Auf jeder Schulter Mitten eines stand,
Die, wo der Kamm sitzt, in einander flossen.

Halb weiß, halb gelb war das zur rechten Hand,
Das linke gleich dem Volke, das dorther
Entstammt, wo niederstürzt der Nil ins Land.

Zwei Flügel ragen unter jedem, schwer
Und groß, wie sie geziemten solchem Thiere -
Nie sah ich solche Segel auf dem Meer -

Ganz federlos, der Fledermaus glich ihre
Natur; mit ihnen flatternd, ließ er wehen
Dreifachen Wind von sich im Eisreviere,

Das der Cocyt rings blieb gefroren stehen.
Sechs Augen weinten ihm und von drei Kinnen
Sah Thränen man und blutigen Geifer gehen.

Mit jedes Mundes Zähnen malmt' er innen
Je einen Sünder, einer Breche gleich:
So ließ er ihrer Drei Qual dulden drinnen.

Doch war das Beißen vorn nichts im Vergleich
Mit dem Zerkrallen, das von seinem Rücken
Die Haut ihm abriß oft mit einem Streich.

'Der droben, den die ärgsten Qualen drücken,
Judas Ischarioth ist es,' sprach mein Hort,
'Deß Kopf wir drin, die Beine drauß erblicken.

Von jenen Zwein, das Haupt nach unten dort,
Hängt Brutus aus dem schwarzen Rachen nieder.
Sieh nur! er windet sich und spricht kein Wort.

Der andr' ist Cassius, dem so stark die Glieder.
Jedoch die Nacht steigt auf; drum ists gerathen,
Da alles wir geschaut, wir gehen wieder.'

Den Hals umschlang ich ihm, wie er gerathen;
Er nahm des Ortes und der Zeit nun wahr:
Als eben weit die Flügel auf sich thaten,

Hing er sich fest, wo rauh die Flanke war.
So ward nun Zott' um Zott' herabgeklommen
Inmitten eisiger Rind' und dichtem Haar.

Und als wir an dem Schenkel angekommen,
Wo er sich in dem Hüftgelenke dreht,
Schwingt sich Virgil, von Müh' und Angst beklommen,

Daß, wo das Bein erst war, sein Haupt nun steht,
Und greift am Haar sich, wie wer aufsteigt, weiter,
Als ob, so schiens, zur Höll' es wieder geht.

'Umklammre fest mich! denn auf solcher Leiter
Muß man verlassen dieser Schmerzwelt Mitte,'
Sprach, wie ein Müder keuchend, mein Begleiter.

Durch einen Felsspalt lenkt' er dann die Schritte
Hinaus und hieß mich sitzen auf dem Rand,
Und trat nun neben mich mit sichrem Tritte.

Ich hob den Blick und dacht' im frühern Stand
Noch Lucifern zu sehn, wie ich verlassen
Ihn hatt', und sah sein Bein emporgewandt.

Und ob mich da Bestürzung mußt' erfassen,
Bedenkt' der Pöbel, dem versagt die Kunde,
Durch welchen Punkt ich mich hindurchgelassen.

'Steh auf,' so klang es aus des Meisters Munde;
'Lang ist der Weg, die Straße schlecht, schon bricht
Seit Morgen an die dritte halbe Stunde.'

Ein Schloßsaal war es, wo wir standen, nicht,
Nein! ein Verließ, wie es Natur mag bauen,
Ungleichen Bodens und von schlechtem Licht.

Eh ich verlasse dieses Abgrunds Grauen,
O Meister, sprach ich, als ich mich erhoben,
Laß eines Irrthums Lösung noch mich schauen.

Wo ist das Eis? Und wie steht Dis nach oben
Gekehrt? Wie lief in wenig Stunden doch
Von West nach Osten hin die Sonne droben?

Und er zu mir: 'Du glaubst, du stehest noch
Jenseit der Mitte, wo am Haar wir hingen
Dem Drachen, der ins Centrum bohrt' ein Loch.

Dort warst du nur bei meinem Abwärtsdringen;
Doch durch den Punkt, nach welchem alle Schwere
Hinstrebt, kamst du bei meinem Ummichschwingen,

Und weilst jetzt unter jener Hemisphäre
Genüber der, die weit von festem Land
Bedeckt, auf dessen Gipfel starb der Hehre,

Der sündlos lebt' und sündenlos entstand.
Es steht dein Fuß auf einem kleinen Kreise,
Den der Judecca Gegenseit' umspannt.

Hier tagts, wenn dort die Sonne schließt die Reise;
Und dessen Haar als Trepp' uns diente, steckt
An seinem frühern Ort nach alter Weise.

Diesseits fiel er vom Himmel, daß erschreckt
Das Land, das hier sich früher hat erhoben,
Sich mit des Meeres Fluthen hat bedeckt

Und kam auf unsre Hemisphäre droben
Und ließ die Stätte leer, vor ihm zu fliehn,
Die hier sich zeigt, und thürmte sich nach oben.'

Von Beelzebub so weit, als sich mag ziehn
Die Höllengruft, ist drunten da ein Ort -
Kein Auge, nur das Ohr erkennet ihn

An einem Bächlein, das hernieder dort
Durch einen Spalt, den sich sein Lauf gegraben,
Geschlängelt rinnt mit schwachem Falle fort.

Virgil und ich, zur lichten Welt begaben
Wir uns zurück auf dunklem Pfade weiter,
Und ohn' auf Ruhe ferner Acht zu haben,

Gings aufwärts, er als erster, ich als zweiter,
Bis ich durch einen runden Spalt von ferne
Gewahrt' ein Stück vom Himmel schön und heiter

Und ich beim Austritt wieder sah die Sterne.