Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 01
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 01

Anruf der Musen, besonders der Kalliope. Dante erblickt den Stern der Venus und vier andere Sterne, die auf unserer Hemisphäre nicht sichtbar sind. Es kommt ein Greis, der erstaunt ist, zwei aus der Hölle Angelangte hier zu finden. Virgil gibt ihm Aufklärung über seine Sendung und bittet um Erlaubnis, Dante durch die sieben Reiche des Fegefeuers zu führen. Der Greis ist Cato von Utica, der Virgil aufträgt, am Ufer der Insel, auf der sie sich befinden, Dante zu waschen und mit Binsen zu umgürten.

Zur Fahrt durch beßre Fluthen hebt nunmehr
Des Geistes Schifflein seiner Segel Schwingen,
Verlassend solch ein grauenvolles Meer.

Von jenem zweiten Reiche will ich singen,
In dem die Seele weilt zur Reinigung
Und würdig wird zum Himmel sich zu schwingen.

Die todte Dichtkunst werd' hier wieder jung,
O heilige Musen, denen ich mich weihte!
Kalliope steig' auf zu höherm Schwung,

Daß sie mein Lied mit jenem Ton begleite,
Der die unseligen Elstern einst so schreckte,
Daß Hoffnung auf Verzeihen floh ins Weite.

Des morgenländ'schen Saphirs Blau bedeckte
Mit holdem Schein den heitern Himmelsbogen,
Der bis zum ersten Kreise sich erstreckte,

Und ward vom Auge wonnig eingesogen,
Als von der Todesluft ich war befreit,
Die düster Brust und Auge mir umzogen.

Der schöne Stern der Liebestrost verleiht,
Ließ hell im Glanz den Morgenhimmel stehen,
Der Fische Bild umschleiernd, sein Gleit.

Nach rechts gewandt, zum andern Pole gehen
Ließ ich den Blick und sah vier Sterne ziehn,
Die nur das erste Menschenpaar gesehen,

Von deren Licht entzückt der Himmel schien.
O mitternächtiges, verwaistes Land,
Dem nicht ihr holder Anblick 027 ward verlie

Als ich den Blick von ihnen weggewandt
Ein wenig nach des andern Poles Weite,
An dem des Wagens Sternbild mir entschwand,

Sah einen Greis ich einsam mir zur Seite,
So sehr der Ehrfurcht würdig im Gebahren,
Daß größre nie der Sohn dem Vater weihte.

Lang war sein Bart, gemischt mit weißen Haaren,
Des Hauptes Locken ähnlich, die zur Brust
Als Doppelreif herabgefallen waren.

Das heilige Viergestirn umsäumte just
Sein Angesicht mit solcher Strahlen Helle,
Daß ichs für Sonnenglanz erachten mußt'.

'Wer seid ihr, die der ewig finstern Zelle
Entflohn,' sprach er, 'dem blinden Bach entgegen?'
Und schüttelte der Locken würdige Welle.

'Wer war euch Leucht' und Führer auf den Wegen,
Als ihr hervorgingt aus der tiefen Nacht,
Die schwarz der hölle Thal deckt allerwegen?

Wird das Gesetz des Abgrunds so verlacht?
Welch neuer Himmelsrath hat von der Pforte
Der Nacht Verdammte zu mir hergebracht?'

Rasch fühlt' ich mich erfaßt von meinem Horte;
Ehrfürchtig vor ihm beugen Aug' und Knie
Hieß er mich mit der Hand, mit Wink und Worte,

Und sprach: 'Nicht von mir selber steh' ich hie;
Vom Himmel kam ein Weib, auf dessen Flehen
Ich mein Geleite diesem Manne lieh.

Doch da du willst, daß, was mit uns geschehen,
Ich näher meld' in treulichem Bericht,
Kann ich nicht anders als dirs zugestehen.

Den letzten Tag sah Dieser hier noch nicht;
Doch stand er, durch den Unverstand geblendet -
Nur wenig fehlte nich - daran schon dicht.

Wie ich gesagt, ward ich zu ihm gesendet,
Ihn zu erretten, weil kein Mittel war
Als dieser Weg, den ich mit ihm vollendet.

Die Sünder all' bot keinem Blick ich dar,
Und jene denk' ich jetzo ihm zu zeigen,
Die unter deiner Hut, der Büßer Schar.

Wie ich ihn hergebracht, laß mich verschweigen.
'Mir half die Kraft, von oben mir gegeben,
Ihn führen, der dir Aug' und Ohr wird neigen.

Gefall' es dir, daß er sich her begeben!
Die Freiheit sucht er, deren hohen Werth
Du kennst, der ihr geopfert hat sein Leben,

Du, dem nicht bitter war das Todesschwert
In Utica, wo du hingabst das Kleid,
Das leuchtend einst der große Tag verklärt.

Nicht wird durch uns ein ewiger Schluß entweiht,
Denn Dieser lebt, und mich hält Minos nicht;
Ich bin vom Kreise, wo in Lauterkeit

Weilt deiner Martia keusches Aug', es spricht
"Laß dein, o heilig Herz, mich sein!" mit Flehen.
Neig' ihr zu Lieb' uns freundlich dein Gesicht.

Laß uns durch deine sieben Reiche gehen;
Ich will der Bote deines Dankes sein,
Verschmähst du's nicht, dich dort genannt zu sehen.

'Martia war meiner Augen Wonneschein',
Sprach er, 'drum trat, als ich noch weilt' im Leben,
Gewährung ihren Wünschen allen ein.

Doch seit sie überm schlimmen Strom muß leben,
Kann sie nach dem Gesetz mich nicht mehr rühren,
Das, als von dort ich austrat, ward gegeben.

Doch wenn ein himmlisch Weib dich ihn hieß führen,
Wie du gesagt, brauchts Ueberredung nicht;
Genug ists ihren Wunsch mir anzuführen.

Geh denn und gürt' ihn - denn so ist es Pflicht -
Mit glattem Schilf und wasch', um vom Unreinen
Ihn gänzlich zu befrein, sein Angesicht.

Denn nicht geziemt es, noch durch irgend einen
Nebel das Aug' umfangen, vor dem Blicke
Des Paradiesesdieners zu erscheinen.

Dies kleine Eiland trägt, wo dicht' und dicke
Wogen es peitschen, an dem untern Ende
Gar viel des Schilfes auf dem weichen Schlicke,

Da kein Gewächs sonst hier Gedeihen fände,
Das sich verholzt und welchem Blätter eigen,
Weil es der Brandung Stoß nicht widerstände.

Von dort kehrt nicht hierher zurück, denn zeigen
Wird euch die Sonne - sie geht auf so eben! -
Wo leichten Wegs den Berg ihr könnt ersteigen.'

Er schwand. Ich säumte nicht mich zu erheben;
Stillschweigend schloß ich mich an meinen Hort,
Das Aug' ihm zugewandt, ganz ihm ergeben.

'Sohn, folge meinem Schritt,' nahm er das Wort;
'Umkehren laß uns, denn zum tiefen Grunde
Senkt diese Fläche sich nach unten fort.'

Das Frühroth siegte ob der Dämmerstunde,
Die vor ihm floh, daß ich von fern das Meer
Gewahrt'm am Wellenglanz in weiter Runde.

Wir schritten durch das öde Feld, wie Der,
Der Rückkehr zum verfehlten Weg begonnen,
Und glaubt, bis dahin geh' vergebens er.

Als wir dahin gelangt, wo mit der Sonnen
Der Thau noch kämpft', und, weil an schattigem Ort,
Langsam verdunstet, allgemach zerronen:

Da legte beide Hände flach mein Hort
Sanft auf das junge Gras; ich, dem nicht lange
Sein Vorsatz unklar blieb, ich bot sofort

Entgegen ihm die thränenvolle Wange,
Worauf er ihr die Farbe wieder gab,
Die mir verdunkelt auf dem Höllengange.

Drauf kamen wir zum öden Strand hinab,
Der keinen Schiffer sah sein Wasser tragen,
Der je von dort zurücke sich begab.

Dort gürtet' er mich, wie ihm aufgetragen.
O Wunder! plötzlich, wie er sich erlesen
Die niedre Pflanze, sah ich neu sie ragen

Dort, wo sie eben ausgerauft gewesen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 02
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 02

Der Morgen bricht an. Die Dichter sehen aus der Ferne einen Engel in einem nur von seinen Flügeln als Rudern getriebenen Schiffe kommen, aus welchem er zahlreiche Seelen Abgeschiedener absetzt, um sich sogleich wieder zu entfernen. Die Seelen erkundigen sich bei den Dichtern nach dem Wege und staunen den lebenden Dante an. Plötzlich nähert sich ihm ein Schatten. Dante erkennt in ihm seinen Freund, den Sänger Casella, und versucht, doch vergeblich, ihn zu umarmen; er fasst nur Luft. Nachdem Casella erzählt, wie er hierher gekommen, singt er auf Dantes Bitte ein Lied desselben. Alle Schatten lauschen entzückt, werden aber von Cato scheltend zum Weitergehen angetrieben.

Die Sonne sank am Horizont hinab,
Deß Meridian, wo er am höchsten steht,
Grad unter sich sieht des Erlösers Grab.

Die Nacht, die sich ihr gegenüber dreht,
War mit der Wag' am Ganges aufgegangen,
Die ihrer Hand, sobald sie wächst, entgeht,

Daß altern schon die weiß= und rothen Wangen
Der lieblichen Aurora an dem Ort,
Wo ich stand, zu vergilben angefangen.

Wir standen immer noch am Meeresbord,
Wie Leute, die ob ihres Weges sinnen;
Noch säumt der Leib, doch eilt der Geist schon fort.

Und sieh! wie oft, kurz vor des Tags Beginnen,
Durch dichte Nebel tiefhin überm Meer
Mars' Strahlen röthlich Licht im West gewinnen:

So schien - o säh' ich es noch einst! - daher
Vom Meer ein Licht zu nahn in solcher Schnelle,
Daß seinem Laufe gleich kein Fliegen wär'.

Als ich den Blick ein wenig von der Stelle
Gewandt, um meinen Führer zu befragen,
Sah ich's gewachsen neu an Größ' und Helle.

Auf jeder Seite schien an ihm zu ragen
Etwas wie weiß, und untenher sodann
Ein andres noch allmählich aufzutagen.

Mein Meister hob noch nicht zu reden an,
Als aus dem Weiß schon deutlich Flügel schienen.
Dann, als er recht erkannt den Steuermann,

Rief er: 'Geschwind! knie nieder! denn erschienen
Ist Gottes Engel! Falte deine Hände!
Fortan siehst du mehr solcher, die Gott dienen.

031 Menschenwerkzeug, das er würdig fände
Zum Ruder, braucht er, nur sein Flügelpaar
Als Segel zum entferntesten Gelände.

Wie er sie aufwärts ziehet, nimm es wahr,
Und wie die Luft die ewigen Schwingen schlagen,
Die nicht sich ändern wie des Menschen Haar.'

Und heller kam, je näher her getragen,
Der Gottes Vogel auf uns zu geflogen,
Daß seine Näh' das Aug' nicht konnt' ertragen.

Drum senkt' ich es, und kam hergezogen
Zum Ufer mit so kleinem raschen Bote,
Daß keine Spur es einschnitt in die Wogen.

Am Steuer stand der himmlische Pilote,
Dem 'Selig' an der Stirn geschrieben stand,
Und drinnen saßen mehr denn hundert Todte.

'Als Israel zog aus Aegyptenland,'
Mit einer Stimme sangen sie den gleichen
Gesang, der aus dem Psalter euch bekannt.

Dann macht' er über sie des Kreuzes Zeichen,
Worauf sie alle stürzten hin zur Küste;
Ihn sah ich schnell, so wie er kam, entweichen.

Die Schar, die blieb, als ob sie fremd sich wüßte
Im Land, sah ich ringsum die Blicke senden,
Wie wer da neue Dinge prüfen müßte.

Die Sonne schoß den Tag nach allen Enden
Und zwang den Steinbock mit den hellen Pfeilen,
Vom Mittagskreise sich hinwegzuwenden.

Da hob die Schar, die wir noch sahn verweilen,
Die Stirn zu uns und sprach: 'Zeigt uns, wenn ihr
Ihn wißt, den Weg zu dieses Berges Steilen.'

Drauf sprach Virgil: 'Ihr meint vielleicht, daß wir
Bekannt schon sei'n mit diesen Felsenstegen;
Doch wir sind Fremde, wie ihr selber, hier.

Wie kamen kurz vor euch auf andern Wegen
Hierher, die also rauh und mühereich,
Daß hier das Steigen scheint ein Spiel dagegen.'

Die Seelen, die an meinem Athmen gleich
Gewahrten, daß ich noch am Leben sei,
Bewunderten sich drob und standen bleich.

Wie zu dem Oelzweigtragenden herbei
Das Volk drängt, neue Botschaft zu erfahren,
Und stößt und tritt, von jeder Rücksicht frei:

So ganz versenkt in meinen Anblick waren,
Als hätten sie vergessen ihren Gang
Zur Reinigung, der seligen Seelen Scharen.

Das sah ich, wie aus ihnen Einer drang,
Mich zu umfahn, so liebevoll die Mienen,
Daß Gleiches auch zu thun es mich bezwang.

O Schatten, die dem Aug' als Form erschienen!
Dreimal verschränkt' ich hinter ihm die Hände,
Dreimal zur eignen Brust kehrt' ich mit ihnen.

Als wenn er mein Erstaunen mit empfände,
Sah ich den Schatten lächelnd rückwärts schweben,
Und vorwärts drängend folgt' ich ihm behende.

Da bat er sanft, zu zügeln mein Bestreben.
Nun kannt' ich ihn, und bat ihn, baß er bleibe
Ein wenig nur, um Antwort mir zu geben.

Drauf er zu mir: 'Wie ich im Erdenleibe
Dich liebte, lieb' ich dich von ihm befreit;
Drum bleib' ich stehn, doch sprich, was dich her treibe?'

O mein Casella, gab ich zum Bescheid,
Nach dieser Fahrt kehr' ich zum Erdenkreise;
Doch sprich, was raubte dir so viele Zeit?

Drauf Jener: 'Wohl geschah's gerechter Weise,
Daß Er, der, wen und wann er will, entführt
Mir wiederholt versagt' hierher die Reise.

Gerecht nur ist der Wille, den er kürt,
Und wirklich seit drei Monden nahm in Gnaden
Er jeden auf, der danach Lust verspürt.

Auch mich, gewendet zu des Meers Gestaden,
Wo salzig sich der Lauf des Tiber endet,
Geruht' er an der Mündung zu begnaden,

Wohin sein Schiff den Flug beständig wendet,
Denn dort versammelt sich jedwedes Haupt,
Das nicht zur Hölle nieder wird gesendet.'

Und ich: Wenn dir kein neu Gesetz geraubt
Brauch und Erinnrung deiner süßen Lieder,
So tröst' ein wenig mir, ist es erlaubt,

Durch Sang, der sonst mein Sehnen stillte, wieder
Die Seele, denn mein Leib, von dem umgeben
Sie hierher kam, drückt sie beklommen nieder.

Und süßen Tons begann er anzuheben:
'Die Liebe, die zu mir im Geiste spricht',
So süß, daß noch die Töne mich umschweben.

Ich und mein Meister und das Volk, das dicht
Sich um ihn scharte, lauschten rings umher,
Als gäb's für unsre Seelen andres nicht.

Aufmerksam horchend gingen wir einher,
Da sieh auf einmal nahn den edlen Alten:
'Was ist das, säumige Geister?' wettert' er.

'Welch träges Wesen, welch ein Innehalten!
Auf! eilt zum Berg, der Rind' euch zu entkleiden,
Die Gottes Anblick euch muß vorenthalten.'

Wie Tauben, die sich an der Atzung weiden
Und im Verein Korn oder Unkraut picken,
Nicht mit gewohntem Hochmuth, nein! bescheiden,

Wenn etwas sie, das sie erschreckt, erblicken,
Mit einem mal sich von der Atzung trennen,
Weil größre Sorgen sie nunmehr bestricken:

So sah die frisch gekommne Schar ich rennen
Zum Felsenabhang fort von dem Gesang,
Wie wer da eilt, doch ohn' ein Ziel zu kennen.

Nicht minder eilig war auch unser Gang.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 03
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 03

Dante bemerkt im Gehen, dass nur sein Körper, nicht auch der Virgils, Schatten wirft, und glaubt sich verlassen. Virgil klärt ihn darüber auf. Sie kommen an den Fuß des Berges, finden ihn aber so steil, dass sie sich nicht zu helfen wissen. Da naht langsamen Schrittes eine Geisterschar. Auch diese staunen über Dantes Körperlichkeit. Auf Virgils Bitte weisen sie den Weg und gehen mit ihnen. Einer der Schatten redet Dante an und gibt sich als König Manfred zu erkennen. Er und seine Begleiter hier sind im Kirchenbann gestorben; sie müssen dreimal so lange als der Bann gedauert im Vorraum des Fegefeuers bleiben, wenn nicht fromme Fürbitte die Zeit kürzt.

Indessen Jene plötzlich jähe Flucht
Ringsum zerstreute durch des Blachfelds Weite,
Dem Berg zu, wo Vernunft uns nimmt in Zucht,

Hielt ich dem treuen Führer mich zur Seite;
Wie durft' ich auch ohn' ihn zu gehen wagen?
Wer gäbe sonst bergauf mir das Geleite?

Er schien mit innerm Vorwurf sich zu plagen.
O würdiges und fleckenlos Gewissen,
Wie kann ein kleiner Fehl dich bitter nagen!

Als er nun mindrer Eile sich beflissen,
Die jedem Thun die rechte Würde nimmt,
Ward mein erst banger Geist nun hingerissen

Von Neubegier und ich dadurch bestimmt,
Daß ich zum Hügel meine Blicke sandte,
Der von dem Meer empor gen Himmel klimmt.

Die Sonne, die mir roth im Rücken brannte,
Ward vor mir her durch meinen Leib verdeckt,
Weil sie am Widerstand sich brach. Ich wandte

Zur Seite mich, von banger Furcht erschreckt,
Daß ich verlassen sei, weil ich gesehen
Nur meinen Schatten vor mir hingestreckt.

'Was ist,' begann mein Tröster, 'dir geschehen?
Was bangst du?' sprach er, ganz mir zugewendet,
'Glaubst du, dein Führer werde von dir gehen?

Schon ists dort Abend, wo mein Leib geendet
Den Erdenlauf, in dem ich Schatten warf;
Neapel hat Brundusium ihn entwendet.

Drum staune nicht, wenn ich kein Abbild scharf
Hier vor mir werfe, weil ein Himmelskreis
Des andern Strahlenweg nicht hemmen darf.

Befähigung für Schmerz, für Kalt und Heiß,
Kann solchen Körpern jene Kraft gewähren,
Die, wie sie schafft, uns zu verhüllen weiß.

Ein 'Thor, wer hofft, es dring' in jener Sphären
Endlose Weiten unser Geist je ein,
Wo Vater, Sohn und heiliger Geist verkehren.

Daß es so ist, laßt, Menschen, gnug euch sein!
Maria brauchte Mutter nicht zu werden,
Wenn euch die Kenntniß wollte Gott verleihn.

Umsonst saht manchen ringen ihr auf Erden,
Deß Sehnen sonst befriedigt worden wäre,
Das ewige Qual ihm schuf und viel Beschwerden.

So Plato, Aristoteles der hehre,
So mancher andre.' Hier schwieg er beklommen
Und senkte seine Stirn, die kummerschwere.

Am Fuß des Bergs inzwischen angekommen,
Erfanden wir den Fels so steil, daß nie
Ein noch so kühner Fuß ihn hätt' erklommen.

Der rauhste Bergsturz zwischen Lerici
Und Turbia's Schloß wär' eine breite Steige
Und eine ganz bequeme gegen die!

'Wüßt' einer nur, wohin der Berg sich neige,'
Begann Virgil und hielt im Gehen an,
'Daß man auch ohne Flügel ihn ersteige.'

Und wie er noch gesenkten Blickes sann,
Und nahm im Geist des Pfades prüfend wahr,
Und ich zum Felsen spähend schaut' hinan,

Wies sich zur Linken eine Seelenschar.
Sie lenkten auf uns zu der Füße Streben,
So langsam, daß es kaum zu merken war.

Herr, sprach ich, wolle doch dein Aug' erheben.
Sieh jemand, der uns rathen kann, erschienen,
Wenn du nicht Rath kannst aus dir selber geben.

Er sah mich an und sprach mit offnen Mienen:
'Laß, lieber Sohn, die Hoffnung nie entweichen.
Auf denn, da sie so langsam gehn, zu ihnen!'

Wie eines guten Schleudrers Wurf mag reichen,
So weit, nachdem wir tausend Schritt gegangen,
War es noch hin, bevor wir sie erreichen,

Da an den Fels des hohen Abhangs drangen
Sie all' und blieben unbewegt dort stehen,
Wie jemand schaut, den Zweifel hält umfangen.

'O fromm geschiedne Seelen, ausersehen
Von Gott,' begann Virgil, 'bei jenem Frieden,
Dem ihr gesammt entgegen hofft zu gehen,

Sagt, wo der Berg sich senkt, daß von hienieden
Man aufwärts steigen kann; denn seine Zeit
Verlieren, wird vom Klugen gern gemieden!'

Wie aus dem Stall die Schäflein, eins, zu zweit,
Zu dritt, hervorgehn, während noch in Zagen
Die andern stehn, gebückt, voll Aengstlichkeit,

Bis, was das erste thut, die andern wagen,
Wenn jenes stille steht, sich auch nicht regen,
Einfältig ruhig nach dem Grund nicht fragen:

So sah ich würdigen Schrittes uns entgegen
Die Spitze jener hochbeglückten Herde
Mit züchtigem Antlitz vorwärts sich bewegen.

Als nun zu meiner Rechten auf der Erde
Das Licht die Vordern unterbrochen sahn,
Und daß der Fels vom mir beschattet werde,

Hielten sie, etwas rückwärts tretend, an,
Und Gleiches, ob sie auch den Grund nicht kennen,
Ward von den hinten folgenden gethan.

'Auch ungefragt von euch muß ich bekennen,
Daß es ein Menschenleib ist, was ihr schaut;
Drob sich am Grund der Sonne Strahlen trennen.

Verwundert euch drum nicht, vielmehr vertraut,
Daß er nicht ohne Kraft, die kommt von droben,
Sich zu ersteigen diese Wand getraut.'

So sprach Virgil; die würdigen Seelen hoben
Nun an: 'Kehrt um, und geht vor uns von hinnen!'
Indem sie die verkehrte Hand erhoben.

'Wer du auch seist,' hört' Einen ich beginnen,
'Sieh mich im Gehn an, ob du auf der Aue
Des Lebens je mich sahst, dich zu besinnen.'

Ich wandt' ihm zu mich, daß ich ihn beschaue:
Blond war er, schön, der Augen holde Lust,
Doch hatt' ein Hieb gespalten ihm die Braue.

Als ich voll Demuth dann erwidern mußt',
Ich hätt' ihn nie gesehn, sprach er: 'Schau her!'
Und wies ein Wundmal oben an der Brust.

'Ich bin Manfredi,' sprach dann lächelnd er,
'Constanzens Enkelsohn, der Kaiserin;
Drum bitt' ich, wird dir je die Wiederkehr,

Zu meiner schönen Tochter geh dann hin,
Die Spaniens und Siciliens Stolz geboren,
Meld' ihr statt Lüg' in Wahrheit, wo ich bin.

Als durch zwei Todeswunden ich verloren
Mein Leben, da befahl mit Thränen ich
Mich Dem, der Gnade stets für Recht erkoren.

Zwar waren meine Sünden fürchterlich;
Doch Gottes Gnade streckt so weit die Arme,
Daß sie, was zu ihr flüchtet, zieht an sich.

Hätte Cosenzas Hirt, den sammt dem Schwarme
Clemens auf mich gehetzt, zur Stunde doch
Die Bibel recht gelesen - ach! das arme

Gebein von mir läg' an dem Brückenjoch
Bei Benevent, geschirmt von dem Gewichte
Gehäufter Stein', unangetastet noch.

Nun macht es Sturm und regenguß zu nichte,
Jenseits der Grenze, nah an Verdes Rand,
Wohin mans brachte, bei gelöschtem Lichte.

Die ewige Liebe wird nicht so gebannt
Durch Jenes Fluch, daß Rückkehr ihr benommen,
So lang der Hoffnung grüner Keim nicht schwand.

Wahr ists, wer in der Kirche Bann gekommen,
Und also starb, muß vor dem Felsenhange,
Selbst wenn im Tod sein Herz in Reu' entglommen,

Verweilen draußen dreißig mal so lange
Als er im Trotz verharrt, wenn nicht das Flehen
Der Frommen etwas abkürzt von dem Zwange.

Sieh, so kann Freude mir durch dich geschehen,
Willst meinem guten Kind du Kunde geben,
Was mir gebricht und wie du mich gesehen.

Sehr fördern hier uns Die noch drüben leben.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 04
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 04

Dante schreitet, in Nachsinnen verloren, an Manfreds Seite hin. Plötzlich rufen die Schatten den Dichtern zu, hier sei der Weg, auf dem der Berg zu ersteigen. Es ist ein enger Pfad; mühsam klimmt Dante hinter Virgil bis zum ersten Absatz, der um den Berg herum läuft. Virgil gibt Dante, der staunt, die Sonne zur Linken zu haben, astronomische Belehrungen. Da ruft sie ein Schatten an, den sie erst nicht bemerken, dann aber mit einer Geisterschar hinter einem Felsen entdecken. Der Redende ist Belacqua, ein Bekannter Dantes. Von ihm erfahren sie, daß hier die geistig Trägen, die ihre Buße immer verschoben, so lange verweilen müssen, als sie gelebt haben, wenn nicht Fürbitte ihnen hilft.

Wenn etwas, das uns freuet oder kränket,
Die eine unsrer Kräfte faßt alleine,
Daß sich die Seele ganz darein versenket,

Dann achtet sie, so scheint es, sonst auf keine,
Und dies beweist als irrig denkend Den,
Der glaubt, wir hätten Seelen mehr als eine.

Drum, wenn wir etwas hören oder sehn,
Das ganz die Seele fesselt, ist entschwunden
Die Zeit, bevor wir dessen uns versehn.

Denn Andres ist, die Aeußeres empfunden,
Die Kraft, ein Andres volle Seelenkraft;
Frei ist die erstre, letztere gebunden.

Davon ward jetzt mir Kund' und Wissenschaft;
Denn fünfzig Grade hatte wohl erklommen
Die Sonne, da des Geistes Wort in Haft

Mein Ohr hielt, ohne daß ichs wahrgenommen.
Da rief einstimmig all der Seelen Schar:
'Zum Weg, den ihr erfragt, seid ihr gekommen.'

Viel weiter ist der enge Spalt fürwahr,
Dem mit der Gabel Dornen oft der Bauer
Zur Traubenzeit versperrt, als der Weg war,

Auf dem wir klommen an des Berges Mauer,
Als sich getrennt von uns die Seelen wieder,
Virgil voran, ich nach in heiligem Schauer.

Auf nach Sanleo gehts zu Fuß, hernieder
nach Noli, auf Bismantuas Höhn zu dringen
Vermag der Fuß, doch hier braucht es Gefieder,

Ich meine, großer Sehnsucht rasche Schwingen,
Die mich dem Führer nachzog mit Gewalt,
Der Licht mir gab und Hoffnung auf Gelingen.

031 stiegen aufwärts in dem Felsenspalt,
Beengt zu jeder Hand durch seine Wände,
Nur Fuß und Hand bot uns am Boden Halt.

Als wir gekommen zu dem obern Ende
Der hohen Wand in offner Gegend Weite,
Sagt' ich: sprich, Herr, wohin der Weg sich wende?

Drauf er: 'Daß nur dein Fuß nicht fehl hier schreite!
Nur immer hinter mir im unverwandten
Anstieg, bis einer kommt, der uns geleite!'

Dem Aug' entzogen sich des Gipfels Kanten,
Und schroffer fiel die Wand ab, als deer Strich,
Der nach dem Centrum geht vom Halbquadranten.

Ich fühlte mich ermattet, drum sprach ich:
O sieh dich um und schau, mein süßer Leiter,
Wie ich verwaist bin, harrst du nicht auf mich.

'Sohn, schleppe dich nur noch bis hierher weiter,'
So sprach und wies auf einen Vorsprung dort,
Der ganz den Berg umkreiste, mein Begleiter.

Neu angespornt fühlt' ich mich durch sein Wort,
Und kroch, bis mirs gelang, den Fuß zu setzen
Auf jenen Vorsprung, mühsam weiter fort.

Wir saßen nieder an zwei felsigen Plätzen,
Nach Ost, woher wir kamen, hingewandt,
Da solche Rückschau pflegt den Blick zu letzen.

Zuerst wandt' ich das Aug' hinab zum Strand;
Dann, als ich zu der Sonn' es aufgeschlagen,
Erstaunt' ich, daß sie uns zur Linken stand.

Der Dichter merkte, wie des Lichtes Wagen
Ich staunend ansah, weil er zwischen Nord
Und unserem Standort ward dahingetragen.

'Wenn Pollux erst und Castor,' sprach mein Hort,
'In der Gesellschaft jenes Spiegels wären,
Der auf und nieder schickt die Strahlen dort,

Den Thierkreis würdest du, dicht an den Bären,
In rother Gluth der Sonne strahlen sehen,
Falls sie verblieb' in den gewohten Sphären.

Willst du begreifen, wie dies kann geschehen,
So denke Zion dir im Geist, die hehre,
Mit diesem Berg so auf der Erde stehen.

Daß beide von ungleicher Hemisphäre,
Doch gleichem Horizont; der Straße Bogen,
Drauf Phaeton betraf des Unheils Schwere,

Ist diesem von der Linken her gezogen,
Dem andern von der Rechten: daß dies wahr,
Verstehst du leicht, wenn du es recht erwogen.'

Mein Meister, sprach ich, nie ward mir so klar
Die alles, wie ich jetzt durch dich es weiß,
Was meiner Einsicht sonst ein Räthsel war,

Daß des erhabnen Umschwungs Mittelkreis,
Den der Gelehrten Kunst Aequator nannte,
Der fest bleibt zwischen Sonnenhitz' und Eis,

Sich aus dem Grund, den ich durch dich erkannte,
Nordwärts so weit hier scheiden muß, wie ihn
Der Jude sah, wenn er sich südwärts wandte.

Doch davon sei mir Kunde noch verliehn,
Wie viel noch übrig bleibt von unsrer Fahrt;
Denn endlos hoch seh' ich den Berg sich ziehn.

Und er zu mir: 'Der Berg ist solcher Art,
Daß mindre Mühe man beim weitern Steigen
Stets fühlt, wie schwer es beim Beginn auch ward.

Drum, wenn er so bequem sich dir wird zeigen,
Daß dir da Gehn so leicht wird, wie wenn man
Stromabwärts fährt zu Schiff im Wellenreigen,

Dann kommt dir dieses Weges Ziel heran,
An dem du darfst von deinen Mühen ruhn.
Nicht mehr sag' ich; dies nimm als sicher an.'

Und als er dieses Wort vollendet nun,
Klang es ganz nah: 'Noch eh dahin gelangen
Du wirst, mag Sitzen Noth vielleicht dir thun.'

Wir wandten uns, woher die Töne klangen;
Da sahn wir einen Felsblock linker Hand,
Der vorher mir so wie auch ihm entgangen.

Dort schleppten wir uns hin: dahinter fand
Sich ein Trupp Volkes, das in seinem Schatten,
Nach Träger Art der Ruhe pflegend, stand.

Und Einer, wie bewältigt vom Ermatten,
Saß da und schlang um seine Knie die Hände,
Auf die gelenkt sich Brust und Stirne hatten.

Mein holder Meister, sprach ich da, o wende
Den Blick auf diesen allzulässigen Trägen,
Als wenn ihr Abbild Faulheit in ihm fände.

Da horcht' er auf und sah uns scharf entgegen;
Vom Schenkel hob er etwas das Gesicht
Und sprach: 'Steig nur! du darfst die Kräfte regen.'

Da kannt' ich ihn, und mir verwehrte nicht
Erschöpfung, die den Athem rasch ließ gehen,
Mich ihm zu nähern, und als ich nun dicht

An seine Seite stille kam zu stehen,
Hob er das Haupt kaum und sprach bloß: 'Hast du
Der Sonne Wagen linker Hand gesehen?'

Sein träges Thun, sein kurzes Wort dazu
Entlockt' ein Lächeln mir, und ich begann:
Jetzt dauerst du mich nicht mehr; aber thu

Mir kund, Belacqua, warum du - sag' an! -
Hier sitzest; hoffst du, daß dich einer führe?
Treibst du die alte Weise noch fortan?

'Was, Bruder, hilfts, wenn ich auch Lust verspüre
Zu steigen? Einlaß wird mir doch nicht geben
Zur Läuterung der Engel an der Thüre.

Erst muß so lang hier außen, als im Leben
Ers that, der Himmel um mich ziehn die Bahn,
Weil bis zum Tod ich aufschob frommes Streben,

Wird Beistand nicht mir durch ein Herz getahn,
Das für mich betet in dem Stand der Gnade;
Kein andres frommt, denn Gott wills nicht empfahn.'

Schon stieg der Dichter auf dem steilen Pfade
Empor und sprach: 'Jetzt komm! in lichter Pracht
Im Mittag steht die Sonn', und am Gestade

Bedeckt Marocco schon der Fuß der Nacht.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 05
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 05

Die Schatten rufen, als sie Dante als Lebenden erkennen, ihm nach. Dante blickt sich daher nach ihnen um, wird aber von Virgil getadelt, dass er durch dergleichen sich aufhalten lasse. Es begegnet ihnen eine andere Schar von Schatten, die das Miserere singt und, als sie Dante gewahrt, erstaunt. Zwei von ihnen kommen auf die Dichter zu. Virgil belehrt sie, dass Dante wirklich lebe und ihnen sehr nützlich sein könne, worauf sie alle herandrängen und um seine Fürbitte bei den Ihren ersuchen. Es sind die Seelen gewaltsam Gestorbener, die aber im Tode noch bereuten. Besonders werden Jacob del Cassero, Buonconte von Montefeltro und Pia, eine Sienesin, redend eingeführt.

Schon hatt' ich mich getrennt von jenen Schatten
Und auf des Führers Spuren wandelt' ich,
Als, mit dem Finger deutend, von den Matten

Mir Einer nachrief: 'Seht, wie wunderlich!
Den zweiten hat die Sonne nicht durchdrungen;
Wie ein Lebend'ger, scheint's, gehabt er sich.'

Ich blickte rückwärts, als der Ton erklungen,
Und sah bloß mich und das getrennte Licht
Sie anschaun, von Verwunderung bezwungen.

'Was,' sprach mein Meister, 'zögerst du? was ficht
Dir an die Seele, daß du säumst zu gehen?
Nicht kümmern darf dich, was man flüsternd spricht.

Mir nach! und laß die Leute redend stehen!
Sei wie ein Thurm, der fest und ohne Wanken
Die Spitze hebt, wie auch die Stürme wehen!

Ein Mensch, in dem Gedanken auf Gedanken
Sich treiben, wird vom Ziele stets veschlagen;
Denn einer setzt im Flug dem andern Schranken,'

Was konnt' ich weiter als: 'Ich komme,' sagen?
Ich sprach es, leicht vom Roth der Scham umfangen,'
Das oft Verzeihn dem Menschen eingetragen.

Inzwischen kamen Leute hergegangen
Ein wenig vor uns, an des Berges Hang,
Die Vers für Vers das Miserere sangen.

Als sie gewahrten, daß des Lichtes Glanz
Aufhielten meine Glieder, da verkehrten
Sie in ein langes dumpfes Oh! den Sang.

Und zwei von ihnen, gleich Gesandten, kehrten,
Uns zu befragen, auf uns her den Lauf,
Daß wir von unserm Zustand sie belehrten.

Kehrt wieder um,' sp sprach mein Meister drauf,
'Und die euch abgesandt, berichtet ihnen:
Denhier nahm noch das Todtenreich nicht auf.

Wenn sie ob seines Schatten sille schienen
Zu stehn, so gnüge dies: ihm Ehr' erzeigen
Ist gut, denn er kann euch zum Frommen dienen.'

Nicht kann so schnell beim Nachtbeginn sich zeigen
Am Himmel heißer Dunst, der sich erhoben,
Noch im Augustgewölk beim Sonneneigen,

Als Jene rückwärts auf zum Berge stoben,
Um alle dann den Lauf nach uns zu drehen,
Wie ein Geschwader rennt in wildem Toben.

'Gar zahlreich ist das Volk, das anzuflehen
Dich dringend kommt; doch geh nur,' so begann
Der Dichter jetzt, 'und horch auf sie im Gehen.

'Die du beim Weg zur Seligkeit hinan
Die angebornen Glieder hast behalten,'
Schrien sie, 'o Seele, halt ein wenig an.

Sahst du je eine hier von den Gestalten,
Daß du im Jenseits melden kannst von ihr,
Warum, ach! gehst du und läßt dich nicht halten?

Gewaltsam starben einst wir alle hier,
Der Sünde bis zur letzten Stund' ergeben;
In ihr erst sahn das Licht des Himmels wir.

Doch schieden wir mit Reu' und mit Vergeben
Und ausgesöhnt mit Gott aus jener Welt,
Den schmerzhaft sehnend wir zu schauen streben.'

Und ich: Wie sehr ich euch betracht', es fällt
Mir keiner ein, ihr Geister gotterkoren;
Doch kann ich etwas thun, was euch gefällt,

So sprecht; ich thu's, beim Frieden sei's geschworen,
Den, wandelnd auf so hohen Führers Spur
Von Welt zu Welt, ich mir als Ziel erkoren.

Drau sprach der Eine: 'Falls den Willen nur
Nicht Unvermögen hemmt - wir alle bauen
Auf deine Liebesthat auch ohne Schwur.

Ich, der vor allen spricht, die auf dich schauen,
Ich fleh': wenn je das Land du solltest sehen
Zwischen Neapel und Romagnas Auen,

Dann heiße die in Fano für mich flehen,
Daß sie mich lösen, im Gebet verbunden,
Und ich entsühnt zur Läutrung dürfe gehen.

Dort stamm' ich her, allein die tiefen Wunden,
Woraus das Blut floß, drin mein Leben saß,
Hab' ich in Paduas Gefild gefunden,

Wo sicher ich zuweilen mich vermaß.
Ein Este hat die finstre That ersonnen,
Mir zürnend über Billigkeit und Maß.

Doch wenn ich nur nach Mira wär' entronnen,
Als man ereilt beim Oriaco mich,
So würd' ich athmen noch im Licht der Sonnen.

Ich lief zum Sumpf, in Schilf und Schlamm fiel ich,
Verwickelt nieder; da ergoß ein See
Aus meinen Adern auf die Erde sich.

'O hofft Erfüllung deine Sehnsucht je,
Die dich emporzeiht,' hört ich Einen flehen,
'So hilf mit frommem Sinn auch meinem Weh.

Buoncont' aus Montfeltro siehst du stehen.
Nicht denkt Giovanna, noch wer anders meiner,
Drum muß, den Blick gesenkt, allhier ich gehen.

ich sprach: Welch furchtbar Schicksal harrte seiner,
Das dich so weit wegriß von Campaldin,
Daß deine Ruhstatt kennet auch nicht Einer?

'O,' sprach er drauf, 'am Fuß des Casentin
Fließt quer der Fluß Archiano, dessen Quelle
Entspringt am Kloster auf dem Apennin.

Dort wo sein Name schwindet, zu der Stelle
Floh ich, den Hals durchbohrt, zu Fuße fort,
Die Flur benetzend mit des Blutes Welle.

Hier schwand mir das Gesicht, mein letztes Wort
War noch Maria, die mein Heil und Glauben,
Hin sank ich und ließ nur den Körper dort.

Dies melde den Lebendigen, darfst es glauben:
Ein Engel Gottes nahm mich, da rief "Halt"
Der Teufel, "willst du, Himmel, mich berauben?

Muß seines ewigen Theiles Vorenthalt
Ich dulden, das ein Thränlein mir entrungen,
So hab' ich übers andre doch Gewalt."

Du weißt, wie feuchter Dunst der Niederrungen
Die Luft füllt und als Regen niederkehrt,
Sobald zur kalten Luftschicht er gedrungen,

Der böse Trieb, der Böses nur begehrt,
Vereint mit Scharfsinn, Sturm und Dünste weckte
Er durch die Kraft, die ihm Natur gewährt.

Und als der Tag erloschen war, bedeckte
Er Pratomagnos Thal mit Nebelduft
Bis hin zum großen Joch - weithin versteckte

Des Himmels Blau sich, Wasser ward die Luft.
Der Regen fiel, er strömt' in mächtigen Güssen,
Was nicht die Erd' empfing, in Schlucht und Kluft.

Zuthal, sich sammelnd dann zu großen Flüssen,
Stürzt' es zum königlichen Strome fort,
Daß alle Schranken davor weichen müssen.

Mein starr Gebein trieb an der Mündung Bord
Der Archian, hin in des Arno Fluthen,
Und löst' das Kreuz, zu dem ich sterbend dort,

Von Schmerz besiegt, mich krümmte im Verbluten;
Dann wälzt' er hin am Grund und Ufer lich,
Um mich sammt seinem Raube zu umfluthen.'

'O wenn du einst zur Welt gekehrt,' hört ich
Jetzt einen dritten Geist das Wort erheben,
'Und ausruhst von der Fahrt, erinnre dich

Dann meiner, ich bin Pia, der das Leben
Siena gab, Marmma nahm den Leib;
Das weiß, der mir den Brautring einst gegeben

Und mich ihm anvermählt als ehlich Weib.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 06
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 06

Dante macht sich mit Mühe von der ihn anflehenden Schar los und richtet an Virgil die Frage, wie es möglich sei, dass Fürbitte einen Beschluss des Himmels wenden könne, da in seiner Aeneide doch das Gegenteil stehe. Virgil erklärt es ihm, verweist ihn aber wegen des Weiteren auf Beatrix. Dies spornt Dante zur Eile an. Sie treffen einen Schatten allein, der sich als Virgils Landsmann, Sordello, zu erkennen gibt. Die warme Begrüßung der Landsleute veranlasse Dante zu einer heftigen Strafrede gegen Italien und zuletzt gegen Florenz.

Wenn Spieler sich vom Würfelspiel entfernen,
Bleibt der Verlierer ärgerlich am Ort,
Und würfelt weiter, besser es zu lernen,

Doch mit dem Siegeer strömt die Menge fort,
Der faßt ihn hinten, Der will vor ihm gehen,
Der macht bemerklich sich zur Seite dort.

Er, Den und Jenen hörend, bleibt nicht stehen,
Verspricht Dem was, da hört sein Dringen auf,
Und so weiß er dem Andrang zu entgehen.

Dem gleich war ich in diesem dichten Hauf;
Den Blick mußt' ich bald hier-, bald dorthin wenden,
Und löste durch Versprechen mich vom Kauf.

Hier Benincafa, der den grimmen Händen
Des Chin di Tacco einst erlag; dort naht,
Der, rasch hinjagend, mußt' im Wasser enden;

Fedric Novello hier, der flehend bat,
Hier der Pisaner auch, durch den der gute
Marzucco ward bewegt zu starker That;

Graf Orsa dann, und - der im Frevelmuthe
Verlor sein Leben, nur durch Neid und Groll,
Nicht weil, so wie er sagt, Schuld auf ihm ruhte -

Pier della Broccia: wohl mag reuevoll
Sich die Brabantrin vorsehn auf der Erde,
Wenn sie nicht schlimmrer Pein verfallen soll.

Als ich nun los war von der Schattenherde,
Die Andre anzuflehn mich angefleht,
Daß ihr Läuterung beschleunigt werde,

Sprach ich: An einer deiner Stellen steht,
O du mein Licht, klar dieses Wort geschrieben:
Den Schluß des Himmels wendet kein Gebet.

031 grade dazu hat mich ja getrieben
Dies Volk: ist eitel ihrer Hoffnung Wahn,
Oder ist unklar mir dein Wort geblieben?

'Ganz klar sind meine Worte', hob er an,
'Doch täuscht auch Jene nicht der Hoffnung Licht,
Will man sie nur in rechtem Sinne empfahn.

Erniedrigt wird des Richtspruchs Höhe nicht,
Wenn heiße Lieb' auf einmal das gewährte,
Was langsam hier zu thun der Büßer Pflicht.

Da freilich, wo ich jenen Grundsatz lehrte,
Ließ durch Gebet kein Fehler ja sich heilen,
Weil das Gebet von Gott hinweg sich kehrte.

Doch bei so schwerem Zweifel zu verweilen
Laß wahrlich ab, bis du vor ihr wirst stehen,
Die dir der Wahrheit Kunde wird ertheilen.

Ich weiß nicht, kannst du was ich sprach verstehen:
Beatrix mein' ich, die du auf den Zinnen
Des Berges wirst glückselig lächelnd sehen.'

Auf, guter Führer, schneller denn von hinnen!
Sprach ich, die Müde schwand, die auf mir lag.
Sieh! schon zu schatten will der Berg beginnen.

'Wir gehn,' versetzte Jener, 'diesen Tag,
So weit wir können; aber anders finden
Wirst dus als es dein Sinn sich denken mag.

Sie, die wir hinterm Strande sehn verschwinden,
Kehr wieder, so daß nicht dein Leib mehr wehrt
Dem Strahl - eh wir uns auf zum Gipfel winden.

Doch jene Seele schau! uns zugekehrt,
Blickt sie, von hehrer Einsamkeit umschlossen;
Gewiß daß sie den schnellsten Weg uns lehrt.

Wir nahten ihr. O Seele du, entsprossen
Der Lombardei, verachtend standest du
Mit würdigem Aug', draus stolze Blicke schossen.

Auch nicht mit einem Wort sprach sie uns zu
Und ließ uns weiter ziehn, nur nach uns sehend,
Gleich wie ein Löwe liegt in stolzer Ruh.

Da trat Virgil zu ihm und bat ihn flehend,
Den besten Weg nach oben uns zu zeigen;
Doch Jener, seinem Wunsch nicht Rede stehend,

Frug nur, welch Land und Leben uns zu eigen.
Anhob mein süßer Führer: 'Mantua' -
Und Er, der erst versenkt in tiefes Schweigen,

Erhob sich rasch von seinem Platze da:
'Ich bin Sordell, auch ich aus Mantuas Fluren!'
Worauf ich beide sich umarmen sah.

Italien, weh! du Haus voll Jammerspuren,
Du magd, du Schiff im Sturme sonder Steuer,
Nicht Länderherrin, nein! Bordell voll Huren!

Wie war der edle Schatten hier voll Feuer
Beim süßen Klange schon der Vaterstadt,
Den Landsmann zu begrüßen, der ihm theuer!

Und deine Lebenden sind, nimmer satt,
Bedacht im Bürgerkriege sich zu morden,
Die einer Mauer Ring umschlossen hat.

Elende, spähe ringsum an den Borden
Des Meers, und in dein Innres schau darnach,
Wie friedlos jeder Theil in dir geworden.

Was frommts, daß Justinian neu Recht dir sprach,
Dich zügelnd, wenn der Sattel leer geblieben?
Es wär' ohn' ihn geringer deine Schmach.

O Volk, das, nur von Frömmigkeit getrieben,
Den Kaiser sollt' auf seinem Sattel lassen,
Verständest du was Gott dir vorgeschrieben.

Wie rast das Thier, sich selber überlassen,
Weil keiner Sporen Druck mehr hemmt sein Wollen,
Seitdem den Zügel du bekamst zu fassen,

O deutscher Albrecht, der dem völlig tollen
Den Willen läßt, nachgebend seiner Wuth,
Und auf den Sattel hätte steigen sollen!

Der Sterne Strafgericht fall' auf dein Blut,
So furchtbar deutlich und so unerhört,
Daß dein Nachfolger sei auf beßrer Hut!

Denn ihr, du und dein Vater, habt, bethört
Von Habsucht, drüben bleibend zugegeben,
Daß man des Reiches Garten so zerstört.

Sieh, wie Montecchi und Capelletti leben,
Monaldi, Filippeschi, säumiger Mann!
Die in Betrübniß, Die in Furcht und Beben.

Komm, sieh die Drangsal deines Adels an,
Grausamer, komm und hilf dem Leid der Deinen,
Sieh, ob sich Santafior noch schützen kann.

Komm, siehe Roma deine Witwe weinen,
Die Tag und Nacht den Klagruf läßt vernehmen:
Mein Kaiser, willst du dich nicht mir vereinen?

Sieh, wie dein Volk sich liebt! kann nichts dir nehmen
Den Starrsinn, uns dein Mitleid zu versagen,
So komm, des eignen Leumunds dich zu schämen.

Und ists erlaubt dich, höchster Gott, zu fragen,
Ob anderwärts dein Aug' ist hingewendet,
Der du für uns ans Kreuz dich ließest schlagen?

Wenn dein verborgner Rath, der Segen spendet,
Nicht etwas Gutes, das uns unbekannt,
Damit vielleicht zu unserm Heil vollendet.

Voll von Tyrannen ist Italiens Land,
Ein Bauer braucht nur zur Partei zu schwören,
Und ein Marcellus wird er gleich genannt.

O mein Florenz, geruhig kannst du hören
Solch einen Abschweif, der dich nicht berührt,
Dank deinem Volk, das nie sich ließ bethören!

Gerechtigkeit hegt manches Herz, doch spürt
Es ängstlich, eh es los sie schnellt vom Bogen,
Indeß dein Volk sie stets im Munde führt.

Der Aemter Last hat mancher sich entzogen;
Dein Volkdrängt ungerufen sich hinzu:
'Ich unternehm' es', ruft es gar verwogen.

Sei fröhlich denn! Ursache wohl hast du,
Du, reich an Frieden und Verstand und Schätzen;
Die That zeigt, ob ich wahren Ausspruch thu.

Athen und Lacedämon, in Gesetzen
Und Staatsklugheit berühmt, sind gegen dein
Staatskluges Wesen gar gering zu schätzen.

Gesetze schaffst du, ausgedacht so fein,
Daß nicht mehr vorhält bis Novembers Mitte,
Was im October man hieß gültig sein.

Wie oft hast du Gesetze, Münze, Sitte
Und Obrigkeit, so weit zurück man denkt,
Gewechselt doch in immer neuem Schnitte!

Und deutlich, wenn dein Sinn es recht bedenkt,
Siehst du, daß du dem Kranken zu vergleichen,
Der, weil der weiche Pfühl nicht Ruh' ihm schenkt,

Sich wälzt, um seinen Schmerzen zu entweichen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 07
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 07

Sordell, als er Virgils Namen erfährt, beugt verehrungsvoll sein Knie und bietet sich zum Führer an. Ein weiteres Hinaufsteigen sei jetzt, wo die Sonne untergegangen, unmöglich, daher er sie in einen Kreis von Seelen führen wolle, den sie gern sehen würden. In einer Talsenkung, voll von köstlichen Blumen und Düften, erblicken sie zahlreiche Seelen, die singen und mit deren Namen Sordell sie bekannt macht. Es sind Könige und Fürsten, die über dem Sorgen für den Staat das höhere Wohl verabsäumten und ihre Buße verschoben haben.

Als drei- und viermal sie voll Freudigkeit
Erneut die würdige Begrüßung hatten,
Trat jetzt Sordell zurück: 'Sprecht, wer ihr seid!'

'Eh die der Gottesnähe würdigen Schatten
Sich diesem seligen Berge zugekehrt,
Ließ Octavianus mein Gebein bestatten.

Ich bin Virgil. Nicht andre Schuld vermehrt
Den Himmel mir, als daß des Glaubens Licht
Mir fehlt.' Und als er so ihn aufgeklärt,

Da, Jenem gleich, dem etwas vors Gesicht
Urplötzlich tritt, der staunend, zweifelnd auch,
Glaubt und nicht glaubt und spricht: Es ist - ist nicht,

Schien mir Sordell; drauf mit gesenktem Aug'
Kehrt' er demüthig zu Virgil und beugte
Sich ihm zum Knie, wie's eines Niedern Brauch.

O Latiums Ruhm, o du, deß Lied bezeugte,
Was unsre Sprache kann', sagt er' darauf,
'O ewiger Preis der Stadt, die mich erzeugte,

Wie bin ich würdig, daß du deinen Lauf
Hierher gelenkt? verdien' ichs, dich zu fragen,
So sprich: kommst aus der Hölle du herauf?'

'Durch alle Kreise jenes Reichs der Klagen,'
Antwortet' er, 'kam ich in dieses Land,
Von Himmelskraft, die mit mir kommt, getragen.

Kein Thun, nur Nichtthun hält mich ferngebannt
Vom Anblick jener ewigen Sonnenstrahlen,
Die du ersehnst, die ich zu spät erkannt.

Ein Ort ist drunten, nicht ein Ort der Qualen,
Doch trüb' und dunkel, nicht voll Klag' und Weinen,
Doch Seufzern, die sich aus dem Herzen stahlen.

031 weil' ich bei den unschuldsvollen Kleinen,
Die, eh die Taufe rein macht' ihre Seele,
Der Tod zermalmt' und führte zu den Seinen.

Wiss' auch, daß ich zu jener Schar mich zähle,
Die alle Tugenden, die heiligen drei
Allein nicht, kannt' und übte sonder Fehle.

Doch wenn du kannst, so bring' uns Kunde bei,
Wie wir am schnellsten nach dem Platze schreiten,
An dem der Läutrung wahrer Anfang sei.'

Er sprach: 'Der Weg ist frei nach allen Seiten;
Herum, hinauf darf ich die Schritte lenken;
So weit ich kann, will ich dich gern begleiten.

Doch sieh, wie sich des Tages Strahlen senken.
Es ist nicht thunlich Nachts hinaufzugehen;
Gut wärs auf schönen Aufenthalt zu denken.

Wo rechts, von uns nicht ferne, Seelen stehen,
Wenn dirs genehm, dahin will ich dich bringen;
Nicht ungern wirst du hören sie und sehen.'

'Wie?' sprach Virgil, 'kann Keinem es gelingen,
Nachts aufzusteigen? hemmt ihn jemand, sprich,
Versagt ihm nur die Kraft es zu vollbringen?'

Da zog Sordell am Boden einen Strich
Und sprach: 'Nicht überschrittest du bei Nacht
Selbst diese Linie, wenn die Sonn' entwich.

Nicht daß das Steigen irgend andre Macht
Als nur die Finsterniß der Nacht erschwere,
Die nichts vermögend unsern Willen macht.

Wohl ists erlaubt, daß man sich abwärts kehre
Und irrend wandre rings am Meeresbord,
So lange Dunkel deckt des Himmels Sphäre.'

Da wie verwundert sprach mein Herr und Hort:
'So führ' uns zu dem Platz, in dessen Mitten
Uns Freude winket, wie uns sagt dein Wort.'

Wir waren kaum ein wenig fortgeschritten,
Als eine Senkung sich am Berg ließ sehen,
Wie oft auf Erden Thäler eingeschnitten.

'Dorthin,' begann der Schatten, 'laßt uns gehen,
Wo eine Bucht am Berghang wird erfunden;
Dort sehen wir den neuen Tag erstehen.'

Halb wag- halb senkrecht, schräg hinabgewunden,
Führt' uns ein Pfad zum Rand der Schlucht dahin,
Wo mehr als halb ihr Seitenhang geschwunden.

Gold, feines Silber, Bleiweiß und Carmin,
Und leuchtend Holz aus Indien und der helle
Smaragd, wenn eben man gebrochen ihn,

Sie würden all' besiegt an Farb' und Helle,
Wie Kleines nachgibt bei des Größern Ruf,
Von Gras und Blumen dieser Thalesstelle.

Nicht nur zum Malen zeigte hier Beruf
Natur, die aus viel tausend süßen Düften
Ein unbestimmtes, seltsam Neues schuf.

'Gegrüßt sei, Kön'gin!' sang auf zu den Lüften
Aus Gras und Blumen dort ein Geisterchor,
Verhüllt nach außen von des Thales Klüften.

'Eh sich der Sonne letzter Rest verlor,'
Begann der Mantuaner, unser Leiter,
'Stell' ich euch nicht in jenem Kreise vor.

Ihr seht von dieser Höhe licht und heiter
Viel besser, wie sich jeder hält und führt,
Als mitten in dem Thale drunten weiter.

Der dort am höchsten sitzt, den Mund nicht rührt
Zum Sang der Andern, sieht mans ihm nicht an,
Daß er zu thun versäumt was ihm gebührt?

Der Kaiser Rudolf wars, der Welschlands Bann
Und Wunden heilen konnt' und nicht geheilet,
Die spät nun heilen muß ein andrer Mann.

Der dort, deß Anblick Tröstung ihm ertheilet,
Dort herrscht' er, wo die Moldau ihr Gewässer
Der Elbe schickt, die dann zum Meer hineilet.

Sein Nam' ist Ottokar, er war viel besser
Schon in den Windeln, als sein bärtiger Sohn,
Der Wenzel, jener geile Bock und Fresser.

Die Stumpfnas dort, die im vertrauten Ton
Zu jenem Gütigen hin die Worte lenkt,
Starb auf der Flucht, den Lilien zum Hohn.

Seht, welche Schläge seine Brust empfängt!
Sehr dort den Andern, wie die Wangen er
Hat seufzend in die hohle Hand gesenkt!

Von Frankreichs Pest sind Vater sie und Schwäh'r;
Sie kennen sein unflätig Lasterleben
Der Schmerz, der so sie stachelt, rührt daher.

Der Gliederstarke, der mit Dem daneben,
Dem Adlernasigen, singt im Accord,
War einst mit jeder Tugend Gurt umgeben.

Und falls Der hinter ihm, der Jüngling dort,
So bald nach ihm nicht hätte müssen sterben,
Von Stamm auf Stamm dann erbte Tugend fort.

Doch solches gilt nicht von den andern Erben;
Jacob und Friedrich konnten zwar das Land,
Doch nicht des Erbes bessern Theil erwerben.

Wie selten, daß im Zweige neu erstand
Des Stammes Tugend! So hats Der beschlossen,
Der will, daß sein Geschenk sie sei genannt.

Das gilt vom adlernasigen Genossen
Wie es von Peter galt, der mit ihm singet,
Drob Klag' Apulien und Provence ergossen.

Der Saat steht so weit nach, was ihr entspringet,
Als über den Gemahl von Margareth
Und Beatrix sich Constanzens Gatte schwinget.

Seht, wie dort Englands König Heinrich steht,
Einfachen Wandels, einsam unter jenen,
Aus dessen Stamm ein beßrer Trieb entsteht.

Und, der am tiefsten unter allen denen
Vom Boden aufschaut, Wilhelm der Marchese,
Der über Alessandrias Felde Thränen

Erpreßt' in Montserrat und Canavese.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 08
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 08

Dante und Beatrix sind in die Venus emporgestiegen. Es nahen Lichter unter Gesang. Eines derselben erbietet sich, Dante zu belehren. Es ist Karl Martell, Sohn Karls II von Neapel. Auf eine Aeußerung hin befragt ihn Dante, wie es möglich sei, daß von einem guten Vater ein schlechter Sohn abstammen könne. Der selige Geist gibt ihm Ausklärung darüber.

Lang hat die Welt geglaubt in schlimmem Wahn, Die holde Cypris strahle das Verlangen Der Lieb' aus in des dritten Zirkels Bahn;[1]

Weshalb die Alten, in dem Wahn befangen,
Mit Opfern und Gesängen allerlei
Ihr Ehr' erweisend, manches Fest begangen.

Als ich, nachlassend in des Hörens Drange,
Nach einer Seele sah, die sich erhoben,
Mir winkend, als ob sie Gehör verlange.

Sie naht' und hob die Hände jetzt nach oben,
Indeß die Augen fest am Osten hangen,
Als spräche sie: 'Nichts gilt mir als Der droben!'

'Te lucis ante' - andachtsvoll erklagen
Die Wort' aus ihrem Mund mit süßem Schalle.
Ich stand, von Selbstvergessenheit umfangen.

Einstimmend hört' ich dann die andern alle
Den Hymnus innigfromm zu Ende singen,
Den Blick emporgewandt zur Himmelshalle.

Hier, Leser, kannst die Wahrheit du erringen;
Die Hülle, die sie, seinen Schleiern gleich,
Bedeckt, kann leicht dein scharfer Blick durchdringen.

Ich sah die Schar, an edler Würde reich,
Stillschweigend nun empor zum Himmel spähen,
Wie in Erwartung, demuthsvoll und bleich,

Und sah, von oben kommend, niedergehen
Zwei Engel, Flammenschwerter in der Hand,
Doch stumpf und keine Spitze dran zu sehen.

Grün wie das junge Laub war ihr Gewand,
Das, leicht bewegt vom grünen Schwingenpaar,
Im Winde flatternd sich nach hinten wand.

031 über uns hielt einer, drüben war
Am Thalesrand der andre von den beiden,
So daß just mitten blieb des Volkes Schar.

Ihr blondes Haar, leicht konnt' ichs unterscheiden,
Doch mußte vor dem Glanz mein Blick erliegen,
Wie jede Kraft von Ueberkraft muß leiden.

'Sie beide sind Marias Schoß entstiegen,'
Begann Sordell, 'zum Schutz des Thals, im Streite
Die Schlange, die bald nahn wird, zu besiegen,'

Und ich, weil mir nicht kund, von welcher Seite
Sie käme, sah mich um und schloß voll Grauen
Mich hinten dicht an Den, der mein Geleite.

Drauf sprach Sordell: 'Laßt nach des Thales Auen
Uns zu den Schatten gehen, sicherlich
Wird es sie sehr erfreuen, euch zu schauen.'

Drei Schritt' herabgestiegen erst war ich,
Als ich schon unten stand, und sah dort Einen
Mich anschaun, als wollt' er erkennen mich.

Schon war die Zeit, wo grau die Lüfte scheinen;
Doch ward allmählich in dem Dämmer klar,
Was zwischen seinen Augen war und meinen.

Er nahte mir, ich ihm: Wie freuts mich gar,
Dich, edler Richter Nino, hier zu grüßen,
Daß du nicht weilst bei der Verdammten Schar.

Da wurde nichts versäumt in holden Grüßen.
'Wie lang' ists, daß du durch das weite Meer,'
So sagt' er, 'kamst zu dieses Berges Füßen?'

Ich kam vom Jammerort heut Morgen her,
Erwidert' ich, und weil' im ersten Leben,
Und pilgernd tracht' ich nach dem zweiten sehr.

Da wich, als ich die Antwort ihm gegeben,
Sordell und er zurück, gleich wie ein Mann,
Der plötzlich sinnverwirrt beginnt zu beben.

Der drängte dicht sich an Virgil heran,
Der andr' an einen, der dort saß: 'Konrade!
Sieh was Gott thut aus Gnaden!' rief er dann,

Und drauf zu mir: 'Du, der besondre Gnade
Von Dem empfing, der seines Willens Gründe
Macht' unzugänglich unserm Geistespfade,

Weilst jenseits von der breiten Fluth du, künde
Meiner Johanna, daß sie für mich flehe
Dort, wo erhört wird, wer da frei von Sünde.

Nicht liebt mich ihre Mutter wohl wie ehe,
Da sie den weißen Schleier abgelegt,
Den sie zurück einst sehnen wird voll Wehe.

Wie lang' ein Weib der Liebe Flamme pflegt,
Kann man an ihrem Beispiel leicht ersehen,
Wenn nicht Berührung sie und Blick erregt.

Die Viper, drunter Mailands Heere gehen,
Schmückt also herrlich ihren Grabstein nicht,
Wie's von Galluras Hahn wär' ihr geschehen.'

So sprach er, und auf seinem Angesicht
Sah ich den Abdruck echten Zorns sich prägen,
Der maßvoll warm aus edlem Herzen bricht.

Dem Himmel blickt' ich sehnsuchtsvoll entgegen,
Dran, gleich dem Rad, wo es der Axe nah,
Die Sterne sich am langsamsten bewegen.

Mein Führer sprach: 'Mein Sohn, was schaust du da?'
Und ich: Nach den drei Lichtern, wovon ganz
Der Pol auf unsrer Seite leuchtet, sah

Mein Aug.'. Und er: 'Des Viergestirns Glanz
Sankt dort hinab, das du heut früh geschaut;
An ihrer Statt ziehn Jen' im Reigentanz.'

Wie er so sprach, da rief Sordello laut,
Ihn an sich ziehend und den Finger streckend:
'Sieh unsre Widersacher dort! o schaut!'

Von dorten her, wo keine Schutzwehr deckend
Das kleine Thal verschließt, kam eine Schlange,
Wohl die einst Eva Frucht gab bitter schmeckend.

Durch Gras und Blumen schlich mit argem Gange
Sie hin, den Kopf bald wendend, bald den Rücken,
Dem Thier gleich, das sich leckt, daß glatt es prange.

Nicht sah ich und vermags nicht auszudrücken,
Wie sich bewegt die Himmelsfalken droben,
Doch wie sie beide plötzlich niederzücken.

Die Schlang', als sie die grünen Schwingen oben
Vernahm, entfloh; das Engelpaar sah ich
Zurück dann kehren, gleichen Flugs gehoben.

Der Schatten, der dem Richter Nino sich
Genaht, als dieser rief, hielt bei dem Streite
Sein Auge ständig fest gebannt auf mich.

'So wahr des Himmels Leuchte dir zur Seite
Mag so viel Oel in deinem Willen schauen
Als noth thut, daß sie dich zum Gipfel leite,

Wenn dir von Baldimagra und den Gauen
Umher wahrhaftige Kunde ward, so sprich,
Denn mächtig war ich einst in jenen Auen.

Konrad von Malaspina hieß man mich,
Der Alte nicht, doch ihm entsprossen; Liebe,
Die hier sich läutert, weiht' den Meinen ich.'

In eurem Land, sprach ich mit warmem Triebe,
War ich noch nie; doch in Europa leben
Wird wohl kein Mensch, dem unbekannt es bliebe.

Denn Ehr' und Ruhm, die euer Haus erheben,
Dient zu der Herren, zu des Landes Preise;
Deß kann, auch wer nicht dort war, Zeugniß geben.

Auch schwör' ich euch beim Ziele meiner Reise:
Noch hat bewahrt eur ehrenwerth Geschlecht
Des Schwerts und Reichthums Ruhm in jeder Weise.

Natur und Sitte gab ihm solches Recht,
Daß, mag die Welt das sündige Haupt verdrehen,
Es gradaus geht und meidet das was schlecht.

Und er: 'So geh! Nicht wird zur Ruhe gehen
Die Sonne siebenmal an jenem Ort,
Auf dem des Widderbilds vier Füße stehen,

So wird, was freundlich du geäußert dort,
Dir mitten in das Haupt genagelt werden
Mit stärkern Nägeln als mit Andrer Wort,

Falls des Gerichtes Lauf nichts hemmt auf Erden.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 09
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 09

Die Nacht bricht ein. Dante wird im Schlafe von Lucia bis in die Nähe der Pforte des Fegefeuers entrückt. Er erwacht dort, allein mit Virgil, der ihm nachgefolgt ist. Sie wandern weiter und kommen an die Pforte, zu der drei Stufen hinaufführen. Auf der obersten sitzt ein Engel mit entblößtem Schwerte, der, nachdem Virgil über seine Sendung Aufschluß gegeben, sie zum Eintritt einladet. Dante steigt die Stufen empor und wirft sich vor dem Engel nieder. Dieser schreibt sieben P auf Dantes Stirne und öffnet dann mit einem silbernen und einem goldenen Schlüssel die Pforte. Zugleich warnt er vor dm Rückwärtschauen. Knarrend erschließt sich das Thor, aus welchem ein Tedeum Dante entgegenschallt.

Des alten Titons Buhlin färbte schon
Des Himmels Morgensaum mit bleichem Glanze,
Dem Arm des süßen Freundes erst entflohn;

Es leuchtet' ihre Stirn im Demantkranze,
Der die Gestalt des kalten Thieres zeigt,
Das Menschen tödtlich trifft mit seinem Schwanze.

Schon hatte zwei der Schritte, die sie steigt,
Die Nacht zurückgelegt dort wo wir standen,
Und schon zum dritten ihren Flug geneigt,

Als ich, deß Glieder Adams Erb' empfanden,
Mich schlafbesiegt legt' auf dem Grase nieder,
Wo alle fünf wir sitzend uns befanden

In jener Stunde, wo die Klagelieder
Die Schwalbe anhebt bei des Morgens Grauen
(Sie denkt wohl ihres ersten Leides wieder)

Wenn unser Sinn, entrückt den Erdenauen,
Frei von Gedanken, die ihn sonst umringen,
Beinahe göttlich ist in seinem Schauen,

Da glaubt' ich, einen Ar mit goldnen Schwingen,
Weit ausgespannt, säh' ich im Traum erscheinen,
Bereit sich aus der Luft herabzuschwingen.

Und dort glaubt' ich zu weilen, wo den Seinen,
Die er verließ, geraubt ward Ganymed,
Der Götter hohem Rath sich zu vereinen.

Ich dachte mir: Nur aus Gewohnheit geht
Sein Flug hierher, weil er von andrem Ort
Die Beute herzuholen sich verschmäht.

Dann schiens als kreis' er erst ein wenig dort,
Drauf furchtbar wie ein Blitz kam er geschossen
Und trug empor mich, bis zum Feuer fort.

031 Gluth, so schiens, war er und ich umflossen,
Und so durchfuhr mich der geträumte Brand,
Daß jäh der Schlummer floh, der mich umschlossen.

So wie Achilles einst sich schüttelnd stand
Und die erwachten Augen dreht' im Kreise,
Weil er nicht wußte wo er sich befand,

Da ihn von Chiron weg im Schlafe leise
Im Arm nach Skyros Thetis trug, von wo
Die Griechen ihn entführten auf die Reise:

So schüttelt' ich mich, als der Schlummer floh
Von meinem Antlitz; todtbleich stand ich da,
Erstarrt von jähem Schrecken steht man so.

Mein Führer nur stand mir zu Seite nah;
Schon seit zwei Stunden schien die Sonne heiter,
Und nach dem Meere zu mein Antlitz sah.

'Sei ohne Furcht,' begann jetzt mein Begleiter,
'Ermanne dich, wir sind an gutem Ort;
Nicht enger werde deine Kraft, nein, weiter!

Du bist jetzt an des Fegefeuers Bord.
Sieh dort die Felswand, die es rings umschließet,
Wo sie gespalten, sieh den Eingang dort.

Im Dämmerlicht, das mit dem Tag zerfließet,
Als dir der Schlaf der Seele Fesseln brach,
Im Thale dort, wo Blum' an Blume sprießet,

Erschien ein Weib. "Lucia bin ich," sprach
Ihr Mund, "laß diesen Schläfer fort mich bringen,
Ich helf' auf seinem Weg im fördernd nach."

Sordell blieb und sie all, die ihn umringen,
Dich nahm sie, und als hell der Tag erschienen,
Kam sie herauf, ich eilt' ihr nachzudringen.

Hier legte sie dich hin, mit holden Mienen
Wies sie des Eingangs Pforte mir, die offen;
Da schwanden deine Träum' und sie mit ihnen.'

Wie Einem, der von Zweifeln erst betroffen,
Nachdem die Wahrheit ihm enthüllt, das bange
Verzagen sich verkehrt in sichres Hoffen:

So ging es mir, und als vom Sorgenzwange
Mein Führer frei mich sah, da stieg er auf
Zur Höh', ich folgt' ihm nach am Felsenhagen.

Wie ich den Stoff, - mein Leser, achte drauf! -
Erhabner forme; drum erstaune nicht,
Steigr' ich mit größrer Kunst ihn im Verlauf.

Herangekommen waren wir so dicht,
Daß, wo mirs schien, als wenn ein Spalt da sei,
Wie wenn ein Riß die Mauer unterbricht,

Ein Thor ich sah, darunter Stufen drei,
Verschiedner Farbe, welche zu ihm führten;
Ein Pförtner, der kein Wort sprach, stand dabei,

Den, als genauer meine Blicke spürten,
Ich auf der höchsten Stufe sitzend fand,
So hell, daß Schmerzen mir das Auge rührten.

Ein bloßes Schwert hatt' er in seiner Hand,
Das so auf uns zurück die Strahlen warf,
Daß ich umsonst den Blick oft hingewandt.

'Sagt, was ihr wollt, von dort aus!' sprach er scharf;
'Und wer gab euch Geleit nach diesem Orte?
Gebt acht, daß euchs nicht Schaden bringen darf.'

'Ein himmlisch Weib,' sprach drauf Virgil die Worte,
'Vertraut mit diesen Dingen, sagte eben
Zu uns: "Dort gehet hin, dort ist die Pforte."

'Mög' eurem Schritte sie Gedeihen geben,'
Sprach nun der Pförtner, aller Härte bar.
'Kommt denn, zu unsern Stufen euch zu heben!'

Wir traten hin. Die erste Staffel war
Von Marmor, weiß, von solcher Glätt' und Reine,
Daß ich mein Spiegelbild drin ward gewahr.

Die zweite war von purpurdunklem Scheine,
Quer durchgeborsten und der Länge nach,
Von rauhem, brandverwüstetem Gesteine.

Die dritte, die sich thürmt' auf beiden flach,
Schien Porphyr von so feuerrother Helle,
Wie Blut, das frisch aus einer Ader brach.

Und diese dritte dient' als Fußgestelle
Dem Engel Gottes, und von Diamant,
So schien mirs, war, darauf er saß, die Schwelle.

Die Stufen aufwärts zog des Führers Hand
Mich willigen nach. 'Demüthig mußt du flehen',
Begann er, 'daß er löst des Schlosses Band.'

Andächtig sank ich zu des Heiligen Zehen,
Schlug dreimal an die Brust im Büßerweh'
Und daß er gnädig öffne, rief mein Flehen.

Da schrieb er an die Stirn mir sieben P
Mit seines Schwertes Spitz' und sagte: 'Wasche
Die Wunden drin, daß jede Spur vergeh.'

Wie Erde, die man trocken gräbt, wie Asche
War seines Kleides Farbe, drunter er
Zwei Schlüssel zog hervor aus seiner Tasche.

Von Gold war dieser und von Silber Der.
Erst mit dem weißen sah ich ihn vollbringen,
Dann mit dem gelben, das was mein Begehr.

'Wills mit dem einen Schlüssel nicht gelingen,
Und läßt er schwer sich drehn im Schlüsselloch,'
Sprach er, 'So läßt kein Eintritt sich erzwingen.

Mehr Werth hat dieser; doch mehr Einsicht noch
Bedarfs, um mit dem andern aufzuschließen;
Denn er allein entwirrt den Knoten doch.

Mir gab sie Petrus, seine Worte hießen
Eh irrig öffnen als den Eintritt wehren,
Wenn Menschen vor mir auf die Knie sich ließen.'

Des Thrones Eingang stieß er auf, den hehren,
Und sagte: 'Tretet ein, allein versteht,
Daß, wer nach hinten schaut, zurück muß kehren.'

Und als in ihren Angeln sich gedreht
Die Zapfen nun von tönendem Metalle
An diesem Thor voll heiliger Majestät,

Da knarrt' es stärker und mit mächtgerm Schalle
Als einst Tarpeja, da man ihr Metell
Den tapfern nahm und leer blieb ihre Halle.

Dem ersten Tone zu wandt' ich mich schnell;
Da schien es mir wie wenn Tedeum fangen
Viel stimmen, untermischt mit Klängen hell.

Er war der Eindruck, den ich da empfangen,
Gerade wie es pflegt uns zu geschehen,
Wenn Orgeltöne zum Gesang erklangen,

Daß wir die Worte halb, halb nicht verstehen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 10
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 10

Auf einem gewundenen Felspfade emporsteigend, gelangen die Dichter auf den Rand des ersten um den Berg laufenden Simses, in die erste Abtheilung des eigentlichen Fegefeuers. Hier sind die Hochmüthigen, von schweren Lasten zu Boden gedrückt. An den Wänden des Berges sind in weißem Marmor Bilder der Demuth zur Beschämung der Hochmüthigen dargestellt. Dante betrachtet dieselben, bis ihn Virgil auf die langsam heranschreitende Schar der unter ihren Lasten seufzenden Seelen aufmerksam macht. Eine Strafrede gegen den menschlichen Hochmuth schließt sich an.

Als nun die Schwelle - die verkehrtes Lieben
So selten nutzt, weil es uns Menschensöhnen
Das Krumme grad macht - hinter uns geblieben,

Da hört' ich wie das Thor sich schloß mit Dröhnen;
Denn wenn ich hätte nach ihm hin gesehen,
Wie könnt' ich gnügend wohl den Fehl beschönen?

Durch einen Felsspalt mußten wir nun gehen,
Der bald nach rechts, bald links emporgewunden,
Wie Wellen, die wir nahn und fliehen sehen.

'Hier muß man wohl Geschicklichkeit bekunden,'
Begann Virgil, 'und bald sich hierhin schmiegen,
Bald dorthin, wie man just den Pfad gefunden.'

Dies aber machte, daß wir langsam stiegen,
So daß des Mondes Neige schon sein Bette
Aufs neu' erreicht', um wieder dort zu liegen,

Eh wir entkamen dieser engen Stätte.
Doch als im Freien wir auf offnem Stande,
Wo sich nach innen zieht des Berges Kette,

Da blieben wir, ich matt, im fremden Lande
Wir beide fremd, auf einer Ebne Weite,
Die öder war als Weg' im Wüstensande.

Von der durch leere Luft begränzten Seite
Bis wo empor die hohen Wände dringen
Maß dreier Menschen Leib des Weges Breite.

Und bis wohin der Blick sich konnte schwingen,
Schien mir zur linken wie zur rechten Hand
Der Sims den Berg 027 gleichmäßig zu umringen.

Noch war zum Gehn nicht unser Fuß gewandt,
Da sah ich, daß ringsum das Felsgehänge,
Das zu ersteigen ich unmöglich fand,

031 marmorn war, geschmückt in seiner Länge
Mit Bildwerk, das dem Polyclet nicht nur,
Nein! der Natur selbst nicht so gut gelänge.

Den Engel, der zur Erde niederfuhr,
Den langersehnten Frieden ihr zu geben,
Der uns nach langem Bann des Himmels Flur

Erschloß, sah ich vor meinen Augen schweben,
So dargestellt in lieblicher Geberde,
Kein stummes Bild erschiens, nein! wahres Lebens,

Man schwört drauf, daß er 'Ave' sprechen werde.
Dort war auch ihr Bild, des Himmels Pforte
Aufthat und höchste Lieb' erschloß der Erde.

Sie trug im Antlitz ausgeprägt die Worte:
'Sieh ich bin Gottes Magd!' und zwar so klar,
Wie Form in Wachs sich prägt. 'Auf einem Orte

Verweilen darf der Sinn nicht ganz und gar,'
Begann der Meister, dem an jener Seite,
Wo in der Brust das Herz uns schlägt, ich war.

Ich wandte mich, wo mein getreu Geleite
Stand, nach der Rechten hin, worauf denn da
Hinter Marias Bild mir eine zweite

Abbildung von dem Fels entgegensah,
Und um es mir bequemer anzuschauen,
Ging ich Virgil vorbei und trat ihr nah.

In Marmor war der Wagen eingehauen,
Die Bundeslade, sammt der Stiere Paar,
Vor der wohl unberufnem Dienst mag grauen.

Getheilt in sieben Chöre, schritt die Schar
Des Volks voran, und sprach ein Sinn: Sie singen!
So sprach der andre: Nein, es ist nicht wahr!

So wollt's auch bei dem Weihrauch nicht gelingen,
Der abgebildet hier, das Ja und Nein
Von Aug' und Nas' in Harmonie zu bringen.

Demüthig tanzte vor dem heiligen Schrein
Der Psalmensänger, der hier weniger war
Und mehr als König, springend seinen Reih'n.

Genüber stellt sich staunend Michal dar,
Vom Fenster im erhabenen Palaste
Sah sie hernieder, aller Demuth bar.

Drauf schritt ich weiter, wo ins Aug' ich faßte
Ein andres Bild, zu dem ich blickt' empor,
Das hinter Michal glänzt' in weißem Glaste.

Den Ruhm des Römerfürsten stellt' es vor,
Deß Tugenden so groß auf dieser Erde,
Daß sie zu Thränen rührten den Gregor.

Trajan den Kaiser mein' ich, dessen Pferde
Ein arm verwittwet Weib fiel in den Zügel
Mit Thränen und mit schmerzlicher Geberde.

Eings um ihn her gedrängt, den Fuß im Bügel,
Ein Reitertroß; die goldnen Adler schienen
Geschaukelt von des Windes leisem Flügel.

Die Arme dort schien mitten unter ihnen
Zu sprechen: 'Herr! mir ward mein Sohn erschlagen!
Schaff Rache mir, sieh meines Grames Mienen.'

'So warte denn,' schien er darauf zu sagen,
'Bis ich zurückgekehrt.' 'Und wenn du nun,'
Sprach sie, wie Der, den wilde Schmerzen jagen,

'Nicht heimkehrst, Herr?' 'Dann wird die Rache thun
Wer nach mir herrscht.' 'Was helfen gute Thaten
Von andern dir, wenn du sie lässest ruhn?'

Drauf er: 'Getrost! du hast mir recht gerathen.
Bevor ich geh', erfüll' ich meine Pflicht,
Weil Recht und Mitleid es von mir erbaten.'

Er, dem nichts neu vor seinem Angesicht,
Ließ uns solch sichtbarliches Sprechen sehen,
Das uns neu, weil's hienieden dran gebricht.

Indeß ich mich ergötzte, zu durchspähen
Der Demuth Bilder, die schon sehenswerth
Des Meisters wegen, der sie ließ entstehen,

Raunt mir der Dichter zu: 'Von dorther kehrt
Zahlreiches Volk - sieh wie sie langsam schreiten! -
Das uns die höhern Stufen finden lehrt.'

Mein Aug', ins Schaun versenkt, um Neuigkeiten
Zu sehen, wie es immer gerne thut,
Es wandte rasch sich nach des Meisters Seiten.

Doch wollt' ich nicht, o Leser, daß dein Muth
Zum Guten sinke, wenn man dich wird lehren,
Wie Gott hier alles strafet was nicht gut.

Du mußt dich an die Art der Qual nicht kehren,
Denk' an die Folge! denke, schlimmstens kann
Sie bis zum großen Richterspruch nur währen.

Was dort, o Meister, sprach ich, kommt heran,
Seh ich - doch weiß ich nicht, ob mich mein Sehen
Nicht täusche - nicht für Menschenwesen an.

'Unter der wuchtigen Qual der Lasten gehen
Sie,' sprach er drauf, 'zu Boden tief gebückt,
Daß auch mein Aug' erst schwankt', ich wills gestehen.

Doch schau, was unterm Fels dort näher rückt;
Fest blicke hin, daß es dein Blick entwirre.
Schon siehst du, welche Last jedweden drückt.'

O stolze Christen, ihr unselige, irre!
An eures Geistes Augen krank und blind,
Dem Wandel trauend, der euch führt zur Irre,

Begreift ihr nicht, daß wir Gewürm nur sind,
In dem der Himmelsschmetterling, der einst
Schutzlos vor Gott sich hebt, Gestalt gewinnt?

O Mensch, wie du an Geist dich hoch dich meinst
Und doch nur halbvollendeten Insekten
Und halb verfehlten Würmern gleich erscheinst!

Wie Dach und Decke wohl die Architekten
Als Kragstein tragen lassen von Gestalten,
Die, wenns auch Schein ist, wahren Kummer weckten

Dem, der sie sah, weil dicht ans Knie sie halten
Die Brust gedrückt: so schienen sie fürwahr,
Als ich sie ansah, wie sie näher wallten,

Der mehr gekrümmt und Jener minder zwar,
Wie ihre Last mehr oder minder schwer,
Und der, deß Miene noch so duldsam war,

Schien doch zu sagen: 'Ich vermag nicht mehr.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 11
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 11

Die büßenden Seelen beten das Vater unser und weisen den Dichtern auf Virgils Befragen den Weg zum nächsten Kreise. Dante wird von Graf Humbert von Santafiore angeredet. Dann erkennt er den Miniaturmaler Oberisi, der sich über die Vergänglichkeit irdischen Ruhmes ausspricht und ihm einen einst berühmten Sienesen, Provenzan Salvani, zeigt. Zugleich erhält Dante Aufklärung, wegen welcher That dieser sich schon jetzt hier befinde.

'O Vater unser, der im Himmel droben -
Was nicht Beschränkung, sondern Liebe macht
Zu jenen ersten Schöpfungen dort oben -

Gepriesen sei dein Nam' und deine Macht!
Dank sei von jeder Creatur hienieden
Geziemend deinem süßen Hauch gebracht.

Es komme zu uns deines Reiches Frieden,
Den wir durch unser Denken nie erringen,
Wird er von dir uns gnädig nicht beschied

Wie deine Engel, die Hosianna singen,
Den eignen Willen dir als Opfer weihen,
So mag der Mensch den seinen dar dir bringen.

Woll' unser täglich Brot uns heut verleihen,
Denn ohne dies trotz aller Mühe gehen
Wir rückwärts in des Lebens Wüsteneien.

Und gleich wie wir die Schuld, die uns geschehen,
Verzeihn, so woll' auch uns verzeihn in Gnaden,
Und nicht auf das, was wir verdienen, sehen.

Führ' unsre Kraft, die leicht wird überladen,
Nicht in Versuchung durch den alten Feind;
Von ihm erlös' uns, der da sinnt auf Schaden.

Die letzte Bitte, Herr, ist nicht gemeint
Für uns, als wenn sie uns noch nöthig wäre,
Nein! für die Schar, die hinter uns erscheint.'

So flehten, daß Gott gute Fahrt gewähre,
Für sich und uns die Schatten, von der Last
Oftmals gedrückt wie von des Alpdrucks Schwe

Im Kreise wandelnd, oft von Angst erfaßt
Und Müdigeit, am ersten Sinnesrande,
Vom Qualm der Welt sich läuternd ohne Rast.

n 031 Jene für uns in des Jenseits Lande,
Was kann für sie wohl diesseits thun und sagen
Wer Gutes will und in der Gnade Stande?

Von Flecken, die sie mit ins Jenseits tragen,
Sie waschen helfe man, daß sie entschweben
Zum Sternenkreise, rein und leicht getragen.

'Soll euch Gerechtigkeit und Mitleid geben,
Daß ihr, befreit von eurer Last, die Schwingen
Nach eurem Wunsch bewegen könnt und heben,

So zeigt uns, welcher Hand wir aufwärts dringen
Auf nächstem Pfad, und gibt es ihrer mehr,
So lehrt den minder steilen uns erringen.

Denn diesen, der an Adams Fleische schwer
Noch trägt, das ihn bekleidet, macht erlahmen
Das Steigen, strebt sein Wille noch so seh

Die Worte, die als Antwort wir vernahmen
Auf das, was mein Begleiter eben sprach -
Erkennen konnt' ich nicht woher sie kamen.

Dies hört' ich: 'Rechter Hand dem Strande nach
Kommt mit uns; dort wird euch der Aufgang glücken,
Auch wem im Tod noch nicht das Auge brach.

Und hinderte mich nicht des Blockes Drücken,
Der mir den stolzen Nacken erdwärts neigt,
Drob ich das Antlitz tief herab muß bücken,

So würd' ich ihn, der lebt und mir verschweigt,
Wie er sich nennt, mir ansehn - ob dort oben
Ich ihn gekannt; ich dauert' ihn vielleicht.

Ich war Toscaner, hoch an Macht gehoben;
Wilhelm Aldobrandeschi zeugt mich:
Vielleicht erreicht' euch je sein Nahme droben.

Der Ahnen Blut und Thaten ritterlich,
Sie machten mich im Uebermuth so roh,
Daß, nicht gedenk der Mutter Aller,

Verachtete jedweden und mir so
Den Tod zuzog, wie's die Siener wissen
Und jedes Kind in Campagnatico.

Hundert bin ich, des Uebermuths beflissen
Bracht' ich nicht Schaden mir allein; er hat
Die Meinen all ins Unglück fortgerissen.

Um ihn trag' ich die Last, zum Tode matt,
Bis daß ich Gott gesühnt: was ich im Leben
Nicht that, hier thu ichs in der Todtenstadt.'

Ich horcht' und wagte nicht den Blick zu heben,
Als unter dem Gewicht, das auf ihm hing,
Sich einer wandte - nicht der sprach so eben .;

Er sah mich, er erkannte mich und fing
Zu rufen an, mühsam den Blick, den stieren,
Gelenkt auf mich, der tief gebückt dort ging.

Du, Oberisi? dessen als des Ihren
Sich Gobbio rühmt, der Kunst ein heller Schein,
Die in Paris man nennt Illuminier

'Ach, Bruder, schöner sind die Schilderei'n,
Die Franco's Pinsel färbt, des Bolognesen;
Sein ist die Ehre ganz, zum Theil nur mein.

Wohl wär' ich so bescheiden nicht gewesen
Als ich noch lebte, denn gewaltige Gier
Nach Ruhm beherrschte damals all mein Wesen.

Für solchen Stolz bezahlt man Buße hier,
Und noch wär' ich nicht hier, hätt' ich im Leben
Der Sünde mich nicht, Gott, gewandt zu dir.

O eitler Ruhm, den Menschen hoch erheben,
Wie kurz währt deines grünen Wipfels Prahlen,
Auch wenn wir keine rohe Zeit erleben!

So glaubte Cimabue das Feld im Malen
Zu halten; jetzt wird Giotto hochgeschätzt,
Des Werke jenes Ruhm weit überstrahlen.

Den einen Guido hat der andr' entsetzt
Im Dichterruhm, und schon auf Erden gehen
Mag der, der beide sie in Schatten set

Der Ruf der Welt ist nur ein Windeswehen,
Das wir, bald hierher kommend, dorther bald,
Den Namen mit der Richtung tauschen sehen.

Was bleibt dir mehr des Ruhmes, wenn du alt
Vom Leben scheidest, als wenn in der Zeit
Du stirbst, wo noch dein Kindermund gelallt,

Nach tausend Jahren? was, der Ewigkeit
Verglichen, kürzer als ein Schlag der Brauen
Dem Himmelskreis, deß Lauf unendlich weit.

Der hier so langsam schreitend anzuschauen,
Von dem hat ganz Toscana einst gesprochen;
Jetzt spricht man kaum von ihm in Sienas Gauen,

Wo er geherrscht, als furchtbar ward gerochen
Firenze's Wuth, die, allzu stolz und kühn
Zu jener Zeit, nun daliegt ganz gebrochen.

Nachruhm der Menschen ist wie Grasesgrün,
Das kommt und geht; derselben Sonne Licht
Entfärbts, das es der Erde ließ entblühn.'

Und ich zu ihm: Es flößt mir dein Bericht
Fein Demuth ein und stillt des Stolzes Blähen;
Doch wer ist Der, von dem dein Mund jetzt spricht?

'Salvan, der Provenzan, der hierher gehen
Deswegen mußte, weil er sich vermaß
Siena ganz in seiner Macht zu sehen.

So ging er und geht noch ohn' Unterlaß,
Seitdem er starb: solch Sühngeld muß Der geben,
Der jenseits auf des Hochmuths Stuhle saß.'

Und ich: Wenn jener Geist, der, bis sein Leben
Zu Ende ging, gesäumt hat mit der Reue,
Dort unten weilt und nicht hierher darf schweben,

Wenn ihm nicht Fürbitt' hilft mit frommer Treue,
So lang als er gelebt dort hat - wie kam
Der hierher, daß er sich der Läutrung freue?

'Als am ruhmvollsten grad er lebte,' nahm
Jener das Wort, 'da setzt er frei sich nieder
Auf Sienas Markt, entsagend aller Scham,

Und, aus der Pein den Freund zu lösen wieder
Den Karl in Banden schwerer Hast geschlagen,
That er was beben macht' all seine Glieder.

Ich spreche dunkel, mehr kann ich nicht sagen,
Doch bald wird so thun deine Nachbarschaft,
Daß du dirs kannst erklären ohne Fragen.

Die That befreit' ihn aus des Bannes Haft.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 12
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 12

Am Fußboden des ersten Kreises sind Beispiele des Hochmuts aus der biblischen und antiken Geschichte und Mythologie in Bildern dargestellt. Es ist Mittag vorüber; ein Engel erscheint und zeigt den Dichtern den Weg zum zweiten Kreise. Er tilgt von Dantes Stirn das erst P, und Dante fühlt sich so leicht, als wenn eine schwere Last von ihm genommen sei.

Gepaart wie Stiere, die im Joche gehen,
Wallt' ich mit der beladnen Seele fort,
So lang's der süße Lehrer ließ geschehen.

Doch als er sagte: 'Laß ihn und geh fort!
Mit Segeln und mit Rudern, ziemt es, treibe
Ein jeder, wie er kann, sein Schiff zum Port':

Da richtet' ich mich auf, wie es dem Leibe
Zum Wandeln ansteht, ob mir auch noch lange
Gebeugt in Demuth all mein Denken bleibe

Von dannen folgt' ich mit bereitem Drange
Des Meisters Schritten, und es zeigte sich,
Wie leicht wir waren, schon an unserm Gang.

'Nun blick' hinab,' wandt' er das Wort an mich;
'Gut ists, den Grund, auf dem die Füße gehen,
Zu schaun; es fördert auf dem Wege dich.'

Wie auf den Gräbern Leichensteine stehen,
Abbildend was die Todten einstmals waren,
Damit sie der Vergessenheit entgehen,

Bei denen man sie oft beweint nach Jahren,
Wenn der Erinnrung Schmerzen, die den Frommen
Zum Guten spornen, durch die Seele fahren:

So ward ein Schmuck von Bildern wahrgenommen
Voll hoher Kunst, und rings der ganze Flur
Im Bergesumkreis davon eingenommen.

Ich sah ihn, der ob aller Creatur
An Adel war, wie er auf einer Seite
Gleich einem Blitz herab vom Himmel fuhr.

Ich sah, durchbohrt vom Himmelspfeil im Streite,
Den Briareus genüber, jenem nah,
In Todessschauern auf der Erde Breite.

031 sah Thymbraeus, Mars und Pallas da,
Geschart um ihren Vater, sich beschauen
Des Riesen ringsverstreute Glieder, sah

Am Fuß des Werks, das er gewagt zu bauen,
Bestürzt den Nimrod schaun der Völker Reih'n,
Die mit ihm waren auf Sennars Auen.

O Niobe, mit welchem Blick voll Pein
Erschien im Pfad dein Bild mir zwischen sieben
Und sieben Kindern - todt und alle dein!

Wie lagst du, Saul, das Schwert in dich getrieben,
Auf Gilboa erblassend, das fortan
Von Thau und Regen unbenetzt geblieben!

Dich, thörichte Arachne, sah ich dann,
Halb Spinne, traurig auf des Werkes Fetzen,
Das deine Hand zum eignen Unglück spann.

O Roboam, nicht mehr in Furcht versetzen
Kann hier dein Drohn im Bild; dich trägt der Wagen,
Eh man dich noch verfolgt, fort voll Entsetzen.

Den harten Boden sah ich ferner tragen
Alkmäons Bild, der Mutterblut ließ fließen.
O Lohn, den das Geschmeid ihr eingetragen!

Auch sah man, wie die Söhne niederstießen
Den Sanherib in heiliger Tempelhut
Und den Erschlagnen dann dort liegen ließen.

Man sah dort wie in herben Hohn und Wuth
Tomyris zum erschlagnen Cyrus sprach:
'Blutdürstger, sättige dich nur in Blut!'

Sah, wie der Syrer Heer die Ordnung brach
In wilder Flucht, als Holofernes todt,
Und was von seinem grausen Tod blieb nach.

In Asch' und Thränen sah ich Trojas Noth.
O Ilion, entehrter und verwaister
Zeigt dich kein Bild als hier dem Aug sich bot.

Wer ist mit Pinsel oder Stift so Meister,
Daß er die Züge könnte wiedergeben,
Die staunen machten selbst die feinsten Geister?

Todt schien was todt, was lebend, schien zu leben.
Was ich hier sah, drauf tretend tief gebückt,
Nicht mehr kann sehn, wers sollte mit erleben.

Stolzirt nur, geht, von Uebermuth berückt,
Ihr Evakinder! beugt das Antlitz nicht
Zum Pfad, der eure Sünde nah euch rückt!

Schon schwand im Tageslauf der Sonne Licht;
Schon mehr des Berges hatten wir umgangen
Als wahrnahm mein in Schaun versenkt Gesicht,

Als er, deß Augen immer vorwärts drangen,
Zu mir begann: 'Jetzt auf das Haupt gewendet!
Es ist nicht Zeit mehr, solchem nachzuhangen.

Sieh jenen Engel, der sich zu uns wendet!
Es kehrt des Tages sechste Dienerin
Vom Dienste wieder, den sie hat vollendet.

Mit Ehrfurcht schmücke jetzt Geberd' und Sinn,
Daß er hinauf uns gebe das Geleit.
Kein Tag kehrt wieder, schwand er einmal hin.'

Ich war an seine Warnung, ja die Zeit
Nicht zu verlieren, schon gewöhnt, deswegen
War zum Verständniß gleich mein Geist bereit.

Nun kam das schöne Wesen uns entgegen,
Sein Antlitz wie des Morgensternes Flimmer,
In weißem Kleid, das Lüfte leis bewegen.

Er that die Arm' auf und der Schwingen Schimmer
Und sprach: 'Kommt her! hier nahe sind die Stufen;
Emporzusteigen wird euch leichter immer.

Wie selten kommt der Mensch, wenn er gerufen.
Wie sinkt er bei so schwachem Windeswehen,
Er, der zum Aufwärtsfliegen ward berufen.'

Hin führt' er uns, wo ausgehaun zu sehen
Der Fels, mir fächelte die Stirn sein Flügel,
Und sichert' mir ein glücklich Weitergehen.

Wie, wenn man rechter Hand ersteigt den Hügel
Zur Kirch' - ob Rubacontes Brücke, hoch
Ob Florenz, das gut führt der Herrschaft Zügel -

Des Steigens Jähe wird gemindert doch
Durch Stufen, die man legt' in jenen Zeiten,
Als Maß und Hauptbuch waren sicher noch:

So wird gemildert hier das Abwärtsleiten
Der Wand, die schroff vom nächsten Kreis sich senkt,
Doch streift man rechts und links des Felsens Seiten.

Da tönt', als wir den Schritt dorthin gelenkt:
'Selig, die arm im Geiste sind!' in Klängen,
Wie sie kein Wort beschreibt, kein Sinn erdenkt.

Wie ungleich doch der Hölle finstern Gängen
Sind diese hier: mit wildem Jammerton
Tritt man dort ein, hier aber mit Gesängen.

Auf stiegen wir die heiligen Stufen schon.
Ich schien mir leichter als auf ebner Erde
Ich mich gefühlt und alle Müd' entflohn.

Sprich, Meister, welcher Last enthoben werde
Ich denn so plötzlich, da das Steigen mir
Auch keine Spur verursacht von Beschwerde?

Und er versetzte: 'Wenn die P, die dir
Noch auf dem Antlitz stehen, halb im Schwinden,
Ganz weggetilgt sind wie dies eine hier,

Dann wird so ganz dein Wille überwinden
Den Fuß dir, daß er nicht nur nicht Beschwer
Beim Steigen, sondern Wonne wird empfinden.'

Da macht' ich es wie Jener, der einher
Geht und am Kopf was hat ohn' es zu wissen -
Nur nach der Andern Winken argwöhnt er;

Den Zweifel löst die Hand ihm dienstbeflissen,
Die Hülfe sucht und findet er damit,
Die er von seinem Auge muß vermissen.

Wie mit den Fingern ob der Stirn ich glitt,
Fand ich nur sechs von den Buchstaben da,
Die auf die Stirn der Schlüsselträger schnitt.

Da lächelte mein Führer, als ers sah.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 13
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 13

Die Dichter betreten den zweiten Einschnitt des Berges, den zweiten Kreis des Fegefeuers. Schatten und Stimmen, die zur Liebe mahnen, fliegen an ihnen vorüber. Es ist der Kreis der Neidischen, die durch jene Stimmen zu der ihnen fehlenden Liebe getrieben werden sollen. Ihre Augen sind mit Gittern und Eisendraht verschlossen, durch welche ihre Thränen sich durchpressen. In schlechtem, härenem Gewande sitzen sie, sich an einander stützend, am grauen Felsenrande. Dante fragt, ob eine Seele aus Italien unter ihnen sei, und empfängt Antwort von einer Sienesin, Namens Sapia.

Der Stiege Gipfel hatten wir erreicht,
Wo sich zum zweiten mal der Berg verengt,
Der den entsündigt, der ihn aufwärts steigt.

Des Berges Höhe rings umher umfängt
Ein Sims, das ganz dem ersten gleich gebauet,
Nur zeitiger sich an zu krümmen fängt.

Kein Bild wird hier, kein Schatten hier erschauet;
Einförmig deckt den Weg und Felsenhang
Gestein, deß Farb' in bleichem Schimmer grauet

Darauf begann der Dichter: 'Ich bin bang,
Wenn wir auf Leute warten, sie zu fragen,
Dann währt die Wahl des Weges allzulang.'

Drauf fest das Aug' zur Sonn' emporgeschlagen,
Macht' er die Drehung mit der linken Seite,
Um so den Weg nach rechtshin einzuschlagen.

'O holdes Licht, dem trauend ich beschreite
Die neue Bahn,' begann er, 'du allein
Sei, wie's geziemt, uns Führer und Geleite.

Du wärmst die Welt, es leuchtet ihr dein Schein;
Zwingt uns kein andrer Grund zum Gegentheile,
So muß dein Licht stets unser Führer sein.'

So viel man diesseits zählt für eine Meile,
So weit schon waren jenseits wir geschritten
Mit rüstigem Willen und in kurzer Weile,

Als Geister auf uns zu die Luft durchschnitten;
Wir sahn sie nicht, doch an das Ohr uns schlug,
Zum Liebesmahl uns ladend, freundlich Bitten.

Der erste, der vorbei uns flog im Zug,
Sprach laut: 'Sie haben keinen Wein!' es schallten
Die Worte wiederholt im Weiterflug.

031 eh sie in der Ferne ganz verhallten,
Rief im Vorüberziehen schon ein zweiter:
'Ich bin Orest!' doch ohn' sich aufzuhalten.

O was sind das für Stimmen? sprich, mein Leiter!
Und als ich solches fragte, horch' da klang:
'Liebt die euch Böses thun' die dritte weiter.

Mein Meister sprach: 'Des Neides böser Hang
Wird hier in diesem Kreis bestraft, und schwingen
Muß drum die Liebe hier der Geißel Strang.

Denn es muß umgekehrt der Zaum erklingen,
Und ihn vernehmen, mein' ich, wirst du noch,
Eh wir zum Thore der Vergebung dringen.

Fest hefte jetzt den Blick zur Luft jedoch,
Und Leute wirst du vor uns sitzend schauen
In langer Reihe längs dem Felsenjoch.'

Da, mehr als vorher, hob ich meine Brauen
Und sah in Mänteln einen Schattenchor
An Farbe dem Gesteine gleich, dem grauen.

Und wie wir kamen etwas weiter vor,
'Maria, bitt' für uns! Ihr Heiligen alle,
Michael, Petrus!' klangs an unser Ohr.

Ich glaube, daß kein Mensch auf Erden walle,
Dem, wenn er das, was ich gesehen, sähe,
Von Mitgefühl das Herz nicht überwalle.

Denn als bei ihnen ich in solcher Nähe,
Daß ihr Gebahren deutlich ich erkannt,
Floß thränend mir mein Aug' in bittrem Wehe.

Sie deckte, schiens, ein hären schlecht Gewand,
Und einer ließ den andern an sich lehnen;
Doch Aller Stütze war die Felsenwand.

So stehen Blinde, die nach Brot sich sehnen,
An Ablaßorten oft, der eine gegen
Den andern neigend seinen Kopf, und wähnen

In Andern Mitleid mehr so zu erregen,
Nicht durch den Ton der bloßen Worte, nein
Durch Anblick auch zur Milde zu bewegen.

Und wie dem Blinden hilft kein Sonnenschein,
So zu den Schatten, denen ich genaht,
Dringt auch kein Theilchen Himmelslichtes ein.

Denn Aller Lid durchbohrt' ein Eisendraht,
Ihr Auge, dem des Sperbers gleich, vernähend,
Dem man, weil er nicht still hielt, also that.

Mir schien es unrecht, wenn vorübergehend,
Selbst nicht erblickt, ich sollt' auf andre blicken;
Drum nach des Weisen Rath wandt' ich mich spähend.

Er sah mirs ab an meinen stummen Blicken,
Und meine Frage wartet' er nicht ab.
'Sprich, aber kurz!' sagt' er mit leichtem Nicken.

An jenem Saum des Simses, wo hinab
Man fallen kann, denn keine Schutzwehr hatten
Die Ränder, ging der das Geleit mir gab.

Zur andern Hand hatt' ich die flehnden Schatten,
Die Thränen, welche netzten ihre Wangen,
Durchpreßten durch des grausen Gitters Latten.

O die ihr sicher seid, einst zu empfangen
Das hehre Licht, hob ich zu ihnen an,
Nach dem gerichtet euer ganz Verlangen,

Soll eur Gewissen Läutrung bald empfahn
Von allen Schlacken, daß in dem dann klaren
Der Strom des Geistes mächtig fließen kann,

Sagt, ist wohl eine Seel' in euren Scharen
Aus Latiums Stamm? lieb wär' es meinem Sinn -
Auch ihr ists gut - es sicher zu erfahren.

'O lieber Bruder, jed' ist Bürgerin
Von einer wahren Stadt; doch du willst fragen,
Ob sie in Welschland lebt' als Pilgerin.'

Die Antwort schien ein Schatten mir zu sagen
Von weiter her als wo ich mich befand;
Drum ging ich mich nach weiter vor zu wagen.

Hier sah ich Einen, der wie wartend stand;
Fragst du, wie er sein Warten mochte zeigen?
Wie Blinde thun, das Kinn emporgewandt.

O Geist, der Qualen trägt um aufzusteigen,
Sprach ich, warst dus, der Antwort mir gegeben?
Sprich welcher Nam' und Wohnort ist dir eigen?

'Sienesin war ich,' riefs, 'von sündigem Leben
Muß ich mich läutern hier in dieser Schar,
Zu Gott auf weinend, der uns mög' erheben.

Nicht weise war ich, ob Sapia zwar
Genannt ich ward, weil über Andrer Schmerz
Ich froher als ob eignen Glückes war.

Daß ich dich täusche, wähne nicht dein Herz:
Hör', ob nicht Thorheit meinen Sinn umschlossen.
Schon ging des Lebens Bogen niederwärts,

Als auf den Gegner meine Landsgenossen
Einstmals im Feld gestoßen, Colle nah;
Da bat ich Gott um - was er selbst beschlossen.

Geschlagen wurden sie, und als ich sah
Auf herbem Pfad der Flucht dahin sie jagen,
Ganz ungemeßne Freude fühlt' ich da,

So daß ich, keck das Aug' emporgeschlagen,
Gott zurief: Länger nicht mehr fürcht' ich dich!
Der Amsel gleich in ersten Frühlingstagen;

Bis, an des Lebens Ziele, Frieden ich
Mit Gott ersehnte; doch noch hätte keiner
Verpflichtung meine Reu' enthoben mich,

Wenn Pietro Pettignano, der aus reiner
Christlicher Lieb' Erbarmen mir gehegt,
Sich im Gebete nicht erinnert meiner.

Doch wer bist du, der forschend nach uns frägt,
Der athmend hier darf reden und darf gehen
Und keinen Draht vor seinen Augen trägt?'

Auch mir, sprach ich, wird man sie einst vernähen,
Doch kurze Zeit, denn ich that wenig Fehle,
Indem ich sie verdreht' in schelem Sehen.

Viel größer ist die Furcht, die meine Seele
Ob jenes tiefern Kreises Marter spürt,
So daß mirs ist, als ob sie schon mich quäle.

Und sie: 'Wer hat dich denn heraufgeführt,
Wenn du hinunter glaubst zurückzukehren?'
Und ich: Der hier, der keine Miene rührt.

Ich leb', erwählter Geist; ist dein Begehren,
Daß dir mein Fuß zu Hülfe möge kommen,
Zu sagen säum' es nicht und zu erklären.

'So neu ist,' sprach er, 'was ich da vernommen,
Daß dich als gottgeliebt dies Zeichen weist;
Drum möge manchmal dein Gebet mir frommen.

Ich fleh' bei dem, was du ersehnst zumeist,
Betrittst du jemals noch Toscanas Erde,
'Daß du mein Anwalt bei den Meinen seist,

In Sienas eitlem Volk, das hofft, ihm werde
Noch Talamon zu Theil, und dem diesmal
Mehr als bei Dianas Suchung droht Gefährde:

Am schlimmsten dran ist stets der Admiral.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 14
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 14

Zwei Schatten, Gui del Duca und Rinieri von Calboli, unterhalten sich über Dante und ersterer redet ihn an. Als er vernommen, daß Dante aus Florenz sei, spricht er sich in harten Worten über die Verderbniß in Toscana und Romagna aus. Dann wandern Dante und Virgil weiter und hören in Stimmen warnende Beispiele des Neides.

'Wer ists, der unsern Berg wagt zu umziehen
und senkt und hebt den Blick nach Lust, noch ehe
Der Tod zum Fluge Schwingen ihm verlehen?'

'Ich weiß nicht, doch nicht unbegleitet sehe
Ich ihn: frag' du ihn, du stehst dicht dabei,
Und grüß' ihn freundlich, daß er Red' uns stehe.'

So redeten zu meiner Rechten zwei
Der Geister, zu einander hin sich neigend.
Mit mir zu sprechen, hoben sie dann fre

Das Antlitz: 'Seele, die, zum Himmel steigend,'
Sprach Einer, 'in des Erdenleibes Bann,
Sprich, uns Beruhigung aus Lieb' erzeigend,

Woher du kommst und wer du bist, sag' an;
Denn, die dir ward, die Gnade, Staunen wecken
Muß sie, wie nur so Unerhörtes kann.'

Es wallt ein Flüßchen durch Toscanas Strecken,
Versetzt' ich, das am Falteron' entsprang,
Dem hundert Meilen Laufs kein Ziel noch stecken.

An seinem Strand begann mein Lebensgang.
Doch sagt' ich, wer ich sei, nichts würd' es frommen;
Hat doch mein Name noch nicht großen Klang.

'Falls ich auf deiner Meinung Grund gekommen,
So redest du vom Arno,' sprach dagegen
Der Eine, der zuerst das Wort genommen;

Worauf der Andre zu ihm sprach: '
Weswegen Nannt' er des Flusses Namen nicht? Das thut
Man nur bei Dingen, die uns Grau'n erregen.'

Der Schatten, den befragt er hatt', entlud
Sich so: 'Weiß nicht; doch daß Vergessens Wellen
Den Namen deckten, wäre recht und gut.

031 vom Beginn, dort so so reich an Quellen
Das Hochgebirg, von dem Pelor sich schied, -
So reich, daß reicher nur sind wenige Stellen -

Bis dort, wo er hinab zum Meere flieht,
Dem er, was draus der Himmel saugt, ersetzt,
Weil jeder Fluß aus ihm die Nahrung zieht,

Wird Tugend, gleich der Schlange, weggehetzt,
Sei's daß ein Fluch auf jener Stätte laste,
Sei's daß sie böse Sitte reizt und wetzt.

Denn wer das Thal bewohnt, das gottverhaßte,
Ist so verkehrter Art, daß es kann scheinen.
Es wär' bei Circe jeglicher zu Gaste.

An eichelwürdigen Thieren, wüsten Schweinen,
Nicht werth der Kost, die Menschen man bereitet,
Sieht man zuerst vorbei ihn lenken seinen

Aermlichen Lauf; dann, wenn er weiter gleitet,
An Kläffern, beißig, ohne Kraft zu haben,
So daß unwillig weg den Lauf er leitet.

Dann, wo er breiter sich sein Bett gegraben,
Da sieht er aus den Hunden Wölfe werden,
Der unglückselige verfluchte Graben.

Wenn er durch manchen tiefen Schlund der Erden
Gestürzt, trifft er dann Füchse, so voll List,
Daß auch der Schlauste sie nicht kann gefährden.

Ich schweige nicht, wer auch mein Hörer ist;
Denn gut ists Diesem, wenn er, was mir jetzt
Der Wahrheit Geist enthüllet, nicht vergißt.

Ich sehe, wie dein Enkel jagend hetzt
Dort an des grauenvollen Flusses Rande
All jene Wölfe, daß sie fliehn entsetzt.

Ihr lebend Fleisch verkauft er rings im Lande,
Dann sticht er sie gleich altem Schlachtvieh nieder,
Dem Tode weiht er viele, sich der Schande.

In Jammer läßt er, blutbenetzt die Glieder,
Den Wald, so wüst, daß er in tausend Jahren
Zum frühern Stand sich nicht bewaldet wieder.'

Wie bei zukünftigen Wehes Offenbaren
Das Antlitz sich dem Hörenden verstört,
Von wannen auch ihm drohen die Gefahren,

Sah ich die zweite Seele, die gehört
Voll Achtsamkeit, verstört und traurig stehen,
Als sie vernahm dies Wort so unerhört.

Den reden hören, den so traurig sehen
Gab mir den Wunsch, die Namen zu erfragen;
Drob eine Frag' ich that, gemischt mit Flehen.

Und den, der erst gesprochen, hört' ich sagen
Zu mir: 'Du brächtest gerne mich dahin,
Daß ich dir thu, was du mir abgeschlagen.

Doch weil an dir Gott seinen gnädigen Sinn
So leuchten ließ, so will ich auch nicht kargen:
So wisse, daß ich Gui del Duca bin.

Es brannte so mein Blut vom Neid, dem argen,
Daß, wenn ich andre lustig sah und froh,
Sich hinter Blässe meine Wangen bargen.

Von meiner Aussaat ernt' ich solches Stroh.
O Menschenherz, wie kannst du das begehren,
Dessen Gemeinschaft man viel lieber floh?

Dies ist Rinier, er brachte hoch zu Ehren
Das Haus von Calboli, aus dem man keinen
Das Erbe seiner Tugend dann sah mehren.

Verloren sind nicht bloß dem Stamm der Seinen
Vom Po zum Berg, vom Reno bis zum Meere,
Die Güter, die mit Recht die höchsten scheinen.

Denn alles ist von giftiger Sträucher Heere
Voll zwischen jenen Grenzen, daß fürwahr
Ausrottung durch Bebau'n zu spät jetzt wäre.

Wo ist ein Licio, wo Pier Traversar?
Wer ist wie Mainard, wie Carpigna bieder?
Romagnas Volk, Bastarde ganz und gar!

Wann sieht Bologna einen Fabro wieder,
Faënza dich, von Fosco Bernardin,
Ein edles Reis aus Keimen schlecht und nieder!

Wein' ich, o Tusker, so sei mirs verziehn,
Wenn ich an jenen Gui da Prata denke,
Und ihn, der mit uns lebte, Ugolin,

Denk' an Tignosos frohe Gastgeschenke,
Die Traversaren und die Anastagen,
Die ausgestorben, um die ich mich kränke,

An Frau'n und Ritter, an die Lust und Plagen,
Die Lieb' und adlig Wesen uns verliehen,
Wo jetzt nur schlimm gesinnte Herzen schlagen!

Was, Brettinoro, säumest du zu fliehen,
Da dein Geschlecht mit vielem Volk hinaus
Geflüchtet, sich dem Laster zu entziehen!

Bagnacaval, wohl dir, denn du stirbst aus,
Und schlimm thut Castrocar, und Conio schlimmer,
Das fortzusetzen strebt sein Grafenhaus.

Gut werden die Pagani thun, wenn nimmer
Ihr Teufel lebt, und doch nicht so, daß sie
Nicht hätten ihren Ruf befleckt auf immer.

Dein Nam', o Ugolin de Fantoli,
Ist sicher wohl, denn man erwartet keinen,
Der Schande durch Entartung ihm verlieh'.

Doch geh von dannen, Tusker, denn zu weinen
Drängt es mich mehr als weiter zu erzählen;
So klemmt es mir das Herz in herben Peinen.'

Wir wußten, weggehn hörten uns die Seelen,
Und waren darum sicher, da sie schwiegen,
Daß wir den rechten Weg nicht konnten fehlen.

Als wir nun einsam beide weiter stiegen,
Da hörten wir, schnell wie der Bliltz verschwindet,
Uns dieser Stimme Laut entgegenfliegen:

'Erschlagen wird mich jeder der mich findet.'
Sie schwand dahin wie Donner, der verhallt,
Wenn plötzlich sich von ihm die Wolk' entbindet.

Kaum hatte Ruh' vor ihr das Ohr, alsbald
Erklang mit mächtigem Krachen wieder eine,
Dem Donner gleich, der Schlag auf Schlag erschallt.

'Ich bin Aglauros, die da ward zum Steine;'
Worauf ich rückwärts trat statt vorzuschreiten
Und an des Dichters Seite schmiegte meine.

Schon waren still die Lüft' auf allen Seiten,
Da sprach er: 'Dieses war der harte Zaum,
Der euch, ihr Menschen, sollt' am Zügel leiten.

Doch winkt des alten Feindes Köder kaum,
So schnappt ihr nach der Angel voll Verlangen
Und gebt dem Zaum und Zuruf wenig Raum.

Euch ruft der Himmel, euch hält er umfangen
Und zeigt euch seiner ewigen Schönheit Land,
Und doch will euer Aug' am Boden hangen;

Drum züchtigt euch, der alles wohl erkannt.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 15
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 15

Ein Engel kommt, strahlender als die früheren, und lädt sie ein, den Weg zum dritten Kreise zu betreten. Nachdem Virgil Dante Auffschluß über eine ihm unverständliche Aeußerung des Gui del Duca gegeben und wegen des Weiteren auf Beatrice verwiesen, sieht Dante in einer Vision Bilder der Sanftmuth. Virgil ruft den wie im Traume hingehenden an, und als Dante seine Vision erzählen will, erklärt er, es bedürfe dessen nicht, er habe durch sein Anrufen ihn nur aufmuntern wollen. Ein immer dichterer Rauch umgibt die Fortschreitenden und entzieht ihnen jede Aussicht.

So viel des Wegs als is zur dritten Stunde
Seit Tagsbeginn der Kreis der Sonne macht,
Der wie ein Kind tanzt immer in der Runde,

So viel, bis ganz den Tageslauf vollbracht
Die Sonne, war noch übrig ihren Schritten,
Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.

Es traf ihr Strahl uns auf der Nase Mitten,
Denn so weit hatten wir umkreist den Rand,
Daß wir nun grade gegen Westen schritten

Als ich die Stirn belästigt mir empfand
Von stärkerm Glanz als vorher; da erfaßte
Mich Staunen, wie ich solches nie gekannt;

Weshalb empor ich nach den Brauen faßte,
Daß meine Hand dem Auge Schutz bereite
Vor solches übermäßigen Lichtes Glaste.

Wie wenn von Wassers oder Spiegels Breite
Der Strahl abspringt und in die Höhe steigt
In gleicher Richtung nach der Gegenseite,

In der er einfiel, und gleich weit abweicht
Vom Weg, den abwärts nimmt des Steins Gewicht,
Wie Wissenschaft uns und Erfahrung zeigt:

So glaubt' ich von zurückgepralltem Licht,
Das vor mir sei, getroffen mich, weswegen
Behend zur Flucht sich wandte mein Gesicht.

Mein süßer Vater, was ist das, wogegen
Dem Aug', sprach ich, kein Schirm vermag zu frommen,
Und das sich auf uns zu scheint zu bewegen?

'Kein Wunder, wenn das Sehen dir benommen
Des Himmelsdieners Glanz,' entgegenet' er;
'Zum Steigen lädt ein Bote, der gekommen.

031 wird dir solches anzuschaun nicht schwer;
Es wird, so weit dir die Natur gegeben
Es zu empfinden, dir zur Lust vielmehr.'

Als zu dem Engel wir uns hin begeben,
Begann er mild: 'Hier tretet ein zu Stiegen,
Die minder steil sich als die andern heben.'

Als wir von da geschieden aufwärts stiegen,
Erklang es: 'Selig die Barmherzigen!' dort
Im Rücken uns und 'Freue dich zu siegen!'

Ich und mein Meister gingen weiter fort,
Indem mein Herz sich mit Gedanken plagte,
Wie ich mir Nutzen schafft' aus seinem Wort.

Ich wandte mich an ihn, indem ich fragte:
Was mochte wohl der von Romagna meinen,
Der von zu fliehender Gemeinschaft sagte?

'Nicht wundersam, versetzt' er, 'kann erscheinen,
Wenn er den Schaden seiner größten Fehle
Rügt, den er kennt, zu mindern Andrer Weinen.

Weil dahin gehn die Wünsche eurer Seele,
Wo durch Gemeinschaft wird ein Theil entzogen,
Drückt Neid die Seufzer aus der Busenhöhle.

Doch würd' in Lieb eur Sehnen all gezogen
Zum höchsten Kreis, den es als Ziel erkennet,
Würd' eure Brust nicht solche Furcht durchwogen.

Denn so viel mehr man Gutes »unser« nennet,
Je mehr Beistz hat Jeglicher daran,
So viel mehr Lieb' in jenen Räumen brennet.'

Jetzt bin ich unbefriedigter, begann
Ich wieder, als bevor ich brach mein Schweigen,
Und mehr der Zweifel drängen sich heran.

Wie kann der Reichthum der Besitzer steigen,
Wenn man ein Gut vertheilt? es macht doch nicht
Das viele reich, was vorher wenigen eigen.

Und er zu mir: 'Weil du darauf erpicht,
Den Sinn den ird'schen Dingen zuzuwenden,
So schöpfst du Dunkel dir aus wahrem Licht.

Das unnennbare Gut, das nie kann enden,
Das droben ist, eilt so der Lieb' entgegen,
Wie Licht den Körpern, welche Glanz entsenden,

Und gibt so viel Gluth ihnen, als sie hegen,
So daß, je mehr die Liebe sich verbreitet,
Die ewige Kraft sich um so kann mehr regen.

Und je mehr droben das Verstehn sich weitet,
Je mehr ist liebenswerth und wird geliebt,
Wie Licht von Spiegel sich zu Spiegel leitet.

Wenn noch nicht Sättigung mein Wort dir gibt,
Bald wirst du Beatrice schaun, die den
Und jeden Wunsch dir stillt, wie dirs beliebt.

Nur sorge, bald geschlossen auch zu sehn
Die andern Wunden, wie die ersten zwei;
Nur wenn sie schmerzen, können sie vergehn.'

Grad wollt' ich sagen: Du machst zweifelfrei -
Da sah ich mich zum nächsten Kreis gehoben;
Mein staunend Aug' gebot, daß still ich sei.

Urplötzlilch glaubt' ich mich von hier nach oben
Gerissen in entzückter Vision,
Viel Volk zu schaun in einem Tempel droben.

Ein Weib in sanftem mütterlichem Ton
Fragt', an dem Eingang stehend, einen Knaben:
'Warum hast du uns das gethan, mein Sohn?

Denn sieh! ich und dein Vater, schmerzlich haben
Wir dich gesucht.' Sie schwieg, da war vergangen
Das Bild der Dinge, die mich erst umgaben.

Drauf sah ich eine zweite, der die Wangen
Die Tropfen netzten, wie der Schmerz ergießt,
Wenn Zorn auf andre hält das Herz umfangen.

'Wenn du in dir der Stadt Beherrscher siehst,
Um deren Namen Götter sich entzweit,
Und der jedwede Wissenschaft entsprießt,

Sprach sie, 'so räch' des Arms Verwegenheit,
Der unsre Tochter wagte zu umfassen.'
Doch Pisistrat, voll Mild' und Gütigkeit

Im Blicke, sprach, so schien es mir, gelassen:
'Wird der, der uns geliebt, von uns verdammt,
Was thun wird dann wohl denen, die uns hassen?'

Darauf erblickt' ich Männer zornentflammt,
Die einen Jüngling tödteten mit Steinen,
Und 'Martert! Martert!' schrien sie insgesammt.

Gebeugt vom Tode sah ich ihn erscheinen,
Der ihn herab schon drückte zu der Erde,
Indem zum Himmel stets gewendet seinen

Schmerzlichen Marterblick, mit der Geberde,
Die Mitleid fleht, zum Herrn sein Flehn er sandte,
Daß den Verfolgern dies verziehen werde.

Als meine Seele sich nach außen wandte
Zu Dingen, die noch wahr sind außer ihr,
Und ich den Wahn, der doch nicht falsch, erkannte:

Da sprach mein Führer, der gleich Jenem schier,
Der sich dem Schlaf entwindet, mich erblickte:
'Nicht halten kannst du dich? Was ist mit dir?

Seit mehr als einer halben Stunde knickte
Dein Fuß, geschloßnen Blickes gingest du,
Wie der, den Schlummer oder Wein bestrickte.'

Mein süßer Vater, hörst du nur mir zu,
So sag' ich dir, sprach ich, was mir erschienen,
Indeß ich ging in schlummergleicher Ruh'.

'Verhüllten hundert Larven deine Mienen,'
Versetzt' er, 'würden sie mir nicht verschließen
Den mindesten Gedanken doch in ihnen.

Was du gesehn, geschah, daß du erschließen
Dein Herz mögst willig jenen Friedensbächen,
Die aus dem Quell der ewigen Gnade fließen.

Was ist dir? fragt' ich, nicht wie Menschen sprechen
Die mit den ird'schen Augen sehn allein,
Die nicht mehr sehn, wenn sie im Tode brechen.

Ich fragt', um deinem Fuß Kraft zu verleihn;
So spornen muß man einen langsam trägen,
Daß, wenn er wach, er nutzt sein Wachesein.'

Vorspähend schritten wir auf unsern Wegen,
So weit hin als die Blicke konnten schweifen,
Dem abendlichen Sonnenglanz entgegen.

Und sieh! allmählich hob ein Rauchesstreifen
Sich gegen uns, dem nirgend zu entkommen,
Um, dunkel wie die Nacht, uns zu ergreifen,

Bis er uns Blick und reine Luft benommen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 16
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 16

Im Rande weiterschreitend hält sich Dante an seinen Führer, um sich nicht zu verirren. Sie hören Stimmen das 'Agnus Dei' singen. Virgil belehrt Dante, daß diese Rauchsphäre der Aufenthalt der Zornigen ist. Dante wird von Marco aus Venedig angeredet, der ihn bittet für ihn zu beten. Dante, an ein Wort Marcos anknüpfend, bittet um Auskunft, weshalb die Tugend auf Erden so abnehme; ob der Grund auf Erden oder im Einfluß der Sterne zu suchen sei. Marco belehrt ihn, daß trotz des Einflusses der Sterne die Willensfreiheit des Menschen bestehe; es sei die schlechte Führung auf Erden, die jetzt in der Hand der Kirche vereinigt, statt an Kaiser und Reich verteilt sei, was den schlimmen Zustand hervorrufe. Nur drei tugendhafte Greise werden namhaft gemacht und über sie Auskunft erteilt. Der Schatten entfernt sich, da er den Kreis der Büßenden nicht verlassen darf.

Das Schwarz der Höll' und einer Nacht, durchfunkelt
Von keinem Stern am öden Himmelssaum,
So schwer wie möglich von Gewölk verdunkelt,

Ein Schleier wär' es, meinem Antlitz kaum
So dicht, und dem Gefühl ein minder schlimmer
Als jener Dampf, der hier bedeckt den Raum.

Er ließ das Aug' uns offen halten immer,
Drum naht' und bot mir seine Schultern Er,
Der mich getreu und klug geleitet immer.

So geht ein Blinder hinterm Führer her,
Um nicht zu irren oder anzurennen,
Wo Tod ihm droh' und andere Beschwer.

So folgt ich ihm, ohn' etwas zu erkennen,
Durch herben trüben Qualm und horcht' auf ihn,
Der sprach: 'Gib Achtung, daß wir uns nicht trennen.'

Ich hörte Stimmen, und jedwede schien
Um Fried' und Mitleid zu dem Lamm zu beten,
Um das der Herr die Sünden uns verziehn.

Mit Agnus Dei sie gen Himmel flehten;
In allen schien so einig Wort und Weise,
Als ob der Eintracht Schwingen sie umwehten.

Das sind wohl Seelen, Meister, sprach ich leise,
Was ich da höre? 'Du hast recht gesprochen;
Man tilgt des Zornes Knoten in dem Kreise.'

'Wer bist du, der du unsern Rauch durchbrochen
Und also zu uns redest, als ob du
Die Zeit nach Tagen theiltest noch und Wochen?'

So rief uns eine von den Stimmen zu;
Worauf mein Meister: 'Antwort' ihr und frage,
Ob man von hier ersteigt die Felsenfluh.'

Drauf ich: O Wesen, das der Läutrung Plage
Hier trägt, um schön zum Schöpfer heimzukehren,
Du hörst, mir folgend, Wunder die ich sage.

'Ich folge dir, so weit es Gott gewähren
Mir will, und ob ich dich vor Rauch nicht sehe,
So kann ich hörend doch mit dir verkehren.'

Drauf hob ich also an: Nach oben gehe
Ich in dem Leib, den mir der Tod einst nimmt,
Und hierher kam ich durch der Hölle Wehe.

Da Gott zu solchen Gnaden mich bestimmt,
Daß er gewährt, entgegen neuer Sitte,
Daß auf mein Fuß zu seinem Hofe klimmt,

So birg mir nicht und sage mir, ich bitte,
Wer warst du droben? sag' auch, geh' ich recht
Es dient dein Wort als Führer meinem Schritte.

'Marco genannt, Lombarde von Geschlecht,
Kannt' ich die Welt; die Tugend, nach der Keiner
Jetzt spannt den Bogen, liebt' ich recht und schlecht.

Du steigst den rechten Weg hier auf. Und seiner
Erwidrung fügt' er noch hinzu: 'Wenn droben
Du sein wirst, im Gebet dann denke meiner.'

Und ich: Bei Treu und Eid will ich geloben
Zu thun was du verlangst; doch och vergehe
An einem Zweifel, bis ich sein enthoben,

Den, einfach erst, ich jetzt verdoppelt sehe
Durch deinen Spruch, der, was ich anderswo
Gehört, bezeugt, daß wirklich es so stehe.

An jeder Tugend ist in Wahrheit so
Die Welt verödet, wie du mir beschieden;
Von Bosheit schwanger ist sie und gar roh.

Doch nenne mir den Grund, den man verschieden
Angibt, daß ich ihn seh' und andern sage,
Denn Der sucht ihn im Himmel, Der hienieden.

Ein leises Seufzen, das zum Ach der Klage
Anwuchs, enthaucht' er. 'Bruder,' sprach er drauf,
'Blind ist die Welt und du von ihrem Schlage.

Dem Himmel halst ihr jede Ursach auf,
Ihr Lebenden, als wenn sich alles richtet'
Nothwendig nur nach ihm und seinem Lauf.

Wenn dem so wäre, würd' in euch vernichtet
Der freie Will', und folgt' auf Böses Schmerz,
Auf Gutes Lust - wär' es dann recht gerichtet?

Wohl legt den Trieb der Himmel euch ins Herz,
Nicht jeden, sag' ich, doch gesetzt, es wäre,
Von Gut und Bös Erkenntniß allerwärts

Habt ihr und Freiheit, die, wenn sie die Schwere
Des ersten Kampfs nicht mit dem Himmel scheut,
In allem siegt, falls man nur wohl sie nähre.

Ihr unterwerft euch frei und ungescheut
Beßrer Natur und Macht, und daraus wird
Die Seele, der der Himmel nicht gebeut.

Drum wenn die gegenwärtige Welt so irrt,
Die Schuld tragt ihr, sucht sie in eurer Brust.
Dies sei dir jetzt verdeutlicht und entwirrt.

Hervor aus Dessen Hand, der sie mit Lust
Betrachtet' eh sie ward, gleich einem Kinde,
Das lacht und weinet kindlich unbewußt,

Geht eure Seel' in Einfalt, die von Sünde
Nichts weiß; vom heitern Schöpfer angetrieben,
Kehr sie sich denn zu, dran sie Freud' empfinde.

Ein kleines Gut erst fängt sie an zu lieben,
Dem, auch getäuscht, sie immer strebt entgegen,
Lenkt Führer oder Zaum nicht ab ihr Lieben.

Drum brauchts Gesetze, Zaum ihr anzulegen,
Den König brauchts, der von der wahren Stadt
Die Thürme mindestens im Aug' kann hegen.

Gesetze gibts, doch hat Befolgung statt?
Nein! weil der Hirt, der vorgeht, wiederkauen
Zwar kann, doch nicht gespaltne Klauen hat.

Wenn Völker ihren Führer zielen schauen
Nur nach dem Gut, wonach sie gierig, werden
Auch sie sich einzig nur an dem erbauen.

Du siehst, die schlimme Führung ist auf Erden -
Und nicht weil die Natur in euch entstellt -
Der Grund von all der bösen Welt Beschwerden.

Zwei Sonnen hatte Rom, das in der Welt
Die Ordnung schuf, von diesen beiden waren
Der Welt und Gottes Wege beid' erhellt.

Verlöscht hat diese jene; heute paaren
Sich Schwert und Hirtenstab, und so verbunden
Muß schlecht natürlich alles beides fahren,

Weil keins die Scheu vorm andern hält gebunden.
Glaubst du mir nicht, so sieh nur auf die Aehre,
Am Samen wird der Pflanze Werth erfunden.

Das Land, das Etsch und Po im Lauf zum Meere
Durchziehn, war, eh sich Friedrich in den Streit
Verwickelt, reich an Muth und Mannesehre.

Jetzt kann dort jeder ziehn mit Sicherheit,
Der Guten nicht begegnen will, als scheue
Aus Scham er den Verkehr und ihr Geleit.


Wohl sind dort noch drei Greise, die das neue Geschlecht beschämen, und ein jeder harrt,
Daß Gott im Jenseits lohne seine Treue.

Conrado von Palazzo und Gherard,
Und Guido von Castel, genannt noch besser
Nach Franzmannsart der einfache Lombard.

Gesteh, die römsche Kirche, die, dem Fresser
Gleich, zwei Gewalten in sich hat vermengt,
Sinkt, sich besudelnd, ganz in Schlammgewässer.'


Mein Marco, sprach ich drauf, ganz richtig denkt Dein Sinn, jetzt seh' ich erst, warum am Erbe
Kein Antheil Levis Söhnen ward geschenkt.

Doch wer ist jener Gherard, der biderbe,
Der als ein Vorwurf unsrer rohen Zeit
Blieb, des vergangenen Geschlechtes Erbe?

'Du willst mich prüfen, oder bist du nicht weit
Vom Trug, da du toscanisch sprachst so eben
Und weißt vom guten Gherard nicht Bescheid.

Beinamen weiß ich keinen ihm zu geben,
Wenns nicht nach seiner Tochter Gaja wäre.
Gott sei mit euch, ich muß moch fort begeben.

Seht, wie weißschimmernd aus des Rauches Sphäre
Das Zwielicht glänzt, daher muß scheiden ich,
Bevor der Engel dort sich zu mir kehre.'

Sprachs und nicht länger hören wollt' er mich.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 17
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 17

Die Sonne senkt sich zum Untergang, als die Wanderer aus dem Rauch heraustreten. Dante sieht in der Phantasie Bilder des Zornes aus der Geschichte vor sich. Ein Ruf mahnt zum weiteren Steigen; er rührt von einem Engel her, dessen Glanz Dante nicht ertragen kann. Ein Lobgesang ertönt denen, die frei vom Zorn sind. Sie betreten den vierten Kreis, in dem die Trägen büßen. Alles ist hier stumm und schweigend, das Dunkel ist angebrochen; dieses benutzt Virgil, um Belehrungen über die natürliche und geistige Liebe, sowie über die Verirrungen der letzteren zu ertheilen und die verschiedenen Arten der Verirrung zu bezeichnen, von denen drei in den eben durchwanderten Kreisen, die drei anderen in den nächstfolgenden Kreisen gebüßt werden.

Gedenk', o Leser, wenn des Nebels Grauen
Dich im Gebirg befiel, und du durch ihn
Nur wie durchs Fell der Maulwurf konntest schauen,

Wie sich die feuchten Dünst' emporzuziehn
Sodann begannen und mit mattem Glanz
Der Sonne Kugel hinter ihnen schien,

Dann kannst du dir vorstellen beinah ganz
Was ich erblickt', als ich aufs neue schaute
Der untergehnden Sonne Strahlenkranz.

Mit gleichem Schritte schreitend wie der traute
Genoß, trat ich ihr aus der Wolk' entgegen,
Als schon die Nacht am tiefern Strande graute.

O Phantasie, die so den Außenwegen
Das Ohr verschließt, daß, ob ringsum erklingen
Auch tausend Hörner, nichts es kann erregen,

Wer regt dich an, wo nichts die Sinne bringen?
Licht regt dich an, das sich im Himmel klärte,
Durch sich bald, bald durch höhern Willens Zwingen.

Den Frevel Jener, die die Form verkehrte
Zum Vogel, der am Lied sich freut zumeist,
Sah ich im Bild, das mir ein Traum gewährte.

Und so zurückgezogen war mein Geist
In sich, daß nichts, was außenher gekommen,
Dem innern Schauen fürder ihn entreißt.

Vom Aug' der Phantasie ward wahrgenommen
Ein Mann, gekreuzigt, Stolz im Angesicht
Und Trotz, so hat sein Ende er genommen.

Assuer der Groß' und Esther standen dicht
Dabei, sein Weib, bei ihnen Mardochai,
Der nie in Wort und That versäumt die Pflicht.

Als diese Vision nun war vorbei -
Wie eine Blase, die die Fluth geboren,
Wenn ihr das Wasser fehlt, sprang sie entzwei -

Sah ich im Traum ein Mägdlein, das, verloren
In Schmerz und Thränen, sprach. 'O Königin,
Warum hast du aus Zorn dir Tod geschworen?

Dein Kind nicht zu verlieren, starbst zu hin;
Jetzt hast du mich verloren, die ich, deinen
Verlust bejammern, übrig blieben bin.'

Wie wenn durch die geschloßnen Augen scheinen
Lichtstrahlen, so daß sich der Schlummer bricht,
Noch zuckend, eh er stirbt, so wars mit meinen

Gesichten jetzt zu Ende, da ein Licht
Das Antlitz mir mit hellem Schein berührte;
So stark gewohnt sind wirs auf Erden nicht.

Als ich, zu wissen, wo ich sei, mich rührte,
Scholl 'Hier gehts aufwärts' einer Stimme Klang,
Die jedem andern Streben mich entführte.

Sie weckt' in mir solch einen heftigen Drang
Zu schaun, wer jener sei, der da gesprochen,
Daß er, bis ichs entdeckt, nicht Ruh' errang.

Doch wie, am übermäßigen Glanz gebrochen,
Der Blick nicht schauen kann der Sonne Bild,
So meine Kraft, auf die ich wollte pochen.

'Ein Himmelsgeist ist dieser, der uns mild
Und ungebeten zeigt den Weg zum Steigen,
In Licht sich bergend, das auf ihm entquillt.

Er macht es so, wie's auch uns Menschen eigen:
Denn wer die Noth sieht und erst harrt der Bitte,
Der wird sich böslich zum Versagen neigen.

Laß solcher Ladung folgen unsre Schritte,
Und, eh es dunkelt, uns zu steigen trachten,
Was, wie der Tag zurückkehrt, man nicht litte.'

So sprach mein Führer, und wir beide machten
Zu einer Stieg' uns auf den Weg geschwind.
Kaum daß wirs bis zur ersten Stufe brachten,

Hört' ichs wie Flügel rauschen, einen Wind
Fühlt' ich im Antlitz wehn und hörte: 'Selig
Die Friedlichen, die frei vom Zorne sind.'

Die letzten Strahlen, drauf die Nacht allmählig
Folgt, waren weit ob uns erhoben schon,
Schon glänzten Sterne rings unübersehlich.

O meine Kraft, wie bist du mir entflohn?
Sprach ich zu mir und fühlte schwer beklommen,
Wie meine Füße zu versagen drohn.

Wir hatten, wo sie aufhört, ganz erklommen
Die Treppe jetzt und standen festgebannt,
Dem Schiffe gleich, das auf den Strand gekommen.

Ich horcht ein wenig, ob sich etwas fand
In diesem Kreise, das ich zu verstehen
Vermöcht', und sprach, zum Meister hingewandt:

Sprich, süßer Vater, welcherlei Vergehen
Wird hier geläutert in des Kreises Räumen?
Laß nicht dein Wort gleich deinem Fuße stehen!

'Des Guten Trieb, in dem wir Menschen säumen,'
Sprach er, 'ergänzt man hier und holet ein
Durch frischen Ruderschlag so schlimm Versäumen.

Doch daß noch klarer dies dir möge sein,
So merk' auf mich, daß unser Aufenthalt
Dir etwas könne gute Frucht verleihn.

So Schöpfer wie Geschöpf', sprach er alsbald,
'Sind, wie du weißt, nie sonder Liebe, sei
Sie geistiger, sei natürlicher Gestalt.

Natürliche war stets von Irrthum frei;
Der andern, oft zu stark und oft zu schwach,
Und oft von schlechtem Ziel, wohnt Irrthum bei.

So lang sie strebt den ersten Gütern nach
Und rechtes Maß hält in Betreff der zweiten,
Ruft keine böse Lust sie in uns wach.

Doch lässt sie sich zum Pfad des Bösen leiten,
Strebt mehr und minder als sie soll zum Guten,
Dann siehst Geschöpf du gegen Schöpfer streiten.

Daß in der Lieb' in euch die Keime ruhten
Zu jeder Tugend, kannst du leicht nun fassen,
Wie zur strafwürdigen That und zur unguten.

Doch weil die Liebe nie kann unterlassen
Dem, den sie liebt, die Blicke zuzulenken,
So kann kein Wesen auch sich selber hassen.

Sodann, weil man kein Wesen sich kann denken
Getrennt vom ersten, noch in sich geschlossen,
Fehlt ihm der Trieb auch, es durch Haß zu kränken.

So bleibt nur Liebe, falls ich recht geschlossen,
Zum Mißgeschick des Nächsten: solche Liebe
Ist eurem Schlamm dreifacher Art entsprossen.

Der hofft, sobald sein Nächster fiel', ihm bliebe
Erhöhung zugedacht, und wünscht daher
Daß man von seiner Höhe jenen triebe;

Der fürchtet, er verliere Ruhm und Ehr'
Und Gunst und Macht, wenn andre sich erheben;
Aus Groll liebt er das Gegentheil vielmehr.

Der glaubt beleidigt und beschimpft sein Leben,
So daß er Rache dürstet, die so nagt,
Daß er des Andern Schaden muß erstreben.

So dreigestaltige Liebe wird beklagt
Dort unten; laß dich jetzt von der belehren,
Die in verkehrter Art nach Gutem jagt.

Ein jeder wird ein höchstes Gut begehren,
Ahnt ers auch unklar, drin die Seele ruht;
Nach diesem Ziel hin wird sein Streben kehren.

Ist eure Liebe lässig, solch ein Gut
Zu schaun und zu erwerben, müßt ihr brennen
In diesem Sims in innrer Reue Gluth.

En Gut, daß euch nicht glücklich macht, zu kennen
Bleibt übrig, weder Heil noch Seligkeit,
Die alles Guten Keim und Frucht zu nennen.

Die Liebe, die zu sehr sich jenem weiht,
Wird über uns beweint in dreien Kreisen.
Doch wie sich in drei Reihen diese reiht,

Verschweig' ich; wird dein Aug' es ja dir weisen.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 18
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 18

Virgil ertheilt Dante Belehrung über Liebe, Verlangen und die Freiheit des Willens. Inzwischen ist der Mond aufgegangen, es ist Mitternacht geworden. Eine Schar von Seelen kommt in schnellem Laufe hinter ihnen her, zwei, die an der Spitze voraneilen, führen als Beispiele löblichen Eifers Maria und Caesar an. Virgil fragt nach dem Eingang zum nächsten Kreise. Antwort ertheilt ein Abt von S. Zeno in Verona, der aber im Sprechen schon wieder entheilt. Zwei hinten Nachkommende schelten die Trägheit und führen Beispiele derselben an. Dante versinkt, nachdem alle sich entfernt, in Sinnen.

Der hohe Meister hatte seiner Lehre
Ein Ziel gesetzt und blickte forschend mir
Ins Angesicht, ob ich zufrieden wäre.

Ich, noch gequält von neuer Wißbegier,
Schwieg äußerlich, doch sprach bei mir im Stillen:
Frag' ich zu viel, wird es ihm lästig schier.

Doch jener echte Vater, der den Willen,
Den scheuen, wahrnahm, der sich nicht entdeckte,
Gab mir durch Sprechen Muth, den Wunsch zu stillen.

Ich sprach: O Meister, so zum Leben weckte
Dein Licht den Blick, daß klar ich unterscheide
Worauf sich dein Lehr' und Red' erstreckte.

Doch, theurer Vater, über eins bescheide
Mich noch: die Lieb', aus welcher du erklärt
Die gut und böse That, sie alle beide.

'Jetzt,' sprach er, 'werd' auf mich geschärft gekehrt
Des Geistes Blick, so zeigt sich der der Wahn
Des Blinden, der zu führen doch begehrt.

Die Seele, die den Trieb zur Lieb' empfahn,
Wird leicht bewegt von allem was gefällt,
Wenn sie zur That weckt das Gefallen dran.

Der Geist nimmt was sich ihm vor Augen stellt
Im Abbild auf, das er in euch entfaltet,
So daß die Seele nach ihm hin sich hält.

Und wenn sie sich ihm zuneigt, so gestaltet,
Ist Liebe diese Neigung, ist Natur,
Die durch Gefallen neu in euch nun waltet.

Und wie das Feuer strebt zur Höhe nur,
Weil es zu steigen hat den Trieb empfangen,
Dorthin wo seines Daseins längste Spur:

Also geräth die Seel' in ein Verlangen,
Das geistige Bewegung, und nicht ruht,
Bis, was sie liebt, genießend sie umfangen.

Draus kannst du sehn, wie sehr der Wahrheit Gut
Verhüllt ist jenen Menschen, die da meinen,
Jegliche Lieb' an sich sei recht und gut.

Denn stets vielleicht mag gut ihr Stoff erscheinen;
Doch, weil das Wachs gut, hält man noch nicht jeden
Abdruck des Siegels drum für einen reinen.'

Durch mein aufmerksam Denken und dein Reden,
Entgegnet' ich, ward mir enthüllt die Liebe;
Doch knüpfen dran sich weitrer Zweifel Fäden.

Denn kommt von außen Lieb' und folgt dem Triebe
Die Seel' auf ihrer Bahn, so seh' ich nicht,
Wo ihr Verdienst beim Grad- und Krummgehn bliebe.

Und er zu mir: 'Gern geb' ich dir Bericht,
So weit Vernunft sieht; weitres wird entschieden
Dir durch Beatrix in des Glaubens Licht.

Jedwede Form des Daseins, die verschieden
Vom Stoff und dennoch mit dem Stoff verbunden,
Trägt in sich Sonderkraft, die ihr beschieden,

Die, unbethätigt, sich nicht läßt erkunden;
Wie durch sein grünes Laub der Baum sein Leben,
Kann sie allein durch Wirkung sich bekunden.

Man weiß nicht, wer die Kenntniß euch gegeben
Der Urbegriffe, wer Trieb und Verlangen
Zum Urbegehrbaren, die in euch leben,

Gleich wie die Biene, Honig zu erlangen,
Den Trieb empfing; es darf solch Urbegehren
Daher nicht Lob und Tadel nicht empfangen.

Daß der Kraft alle andern fügsam wären,
Ward eingebpren euch des Rathes Kraft,
Die zum Entschluß den Zutritt muß gewähren.

Sie ist der Urgrund, der den Anlaß schafft
Euch zu belohnen, je nachdem sie gute
Und schlechte Lieb' annimmt und weg sich schafft.

Die bis zum Grund gelangt mit Denkermuthe,
Wurden der angebornen Freiheit inne,
Und fanden, daß auf Sittlichkeit beruhte

Die Welt. Gesetzt, daß Lieb' auch im Beginne
In euch durch die Nothwendigkeit entbrennet,
Könnt ihr sie zügeln doch mit freiem Sinne.

Der freie Will' ists, den Beatrix nennet
Die edle Kraft; drum gib im Geist wohl Acht,
Wenn sie davon dir spricht, daß er es kennet.'

Der Mond, der fast gesäumt bis Mitternacht,
Gleich einem glühnden Kessel blickt' er nieder
Und ließ uns selten sehn der Sterne Pracht.

Er lief die Bahn, dem Himmelslauf zuwider,
Die von der Sonn' entflammt der Römer sieht,
Geht zwischen Corsen und Sarden nieder.

Der edle Schatten aber, dessen Lied
Mehr Ruhm Pietola gab als Mantua hat,
Hatt' abgethan all was er mir beschied.

Und ich, von seiner klaren Lehre satt,
Die ich auf alle Fragen jetzt empfangen,
Stand Jenem gleich, der taumelt schlafesmatt.

Doch schnell war mir die Schläfrigkeit vergangen
Durch Leute, die im Kreis auf unserm Pfade
Rasch schreitend auf uns zu im Rücken drangen.

Wie einst Asopus und Ismens Gestade
Des Nachts ein toll Gedränge sahen laufen,
Wenn die Thebaner brauchten Bacchus Gnade,

So drehten ihren Schritt in diesem Haufen,
So weit ich sehen konnte, derer Viele,
Die guter Will' und Liebe trieb zum Laufen.

Stracks waren sie bei uns, weil sich zum Ziele
Die ganze große Schar bewegt' im Lauf.
Zwei an der Spitze schrie'n im Klagestile:

'Maria stieg schnell zum Gebirg hinauf,
Und Cäsar stieß, Ilerda zu bezwingen,
Massilia an und brach nach Spanien auf.'

'Schnell, daß wir unnütz nicht die Zeit verbringen
In schwacher Liebe,' schrie'n sie insgesammt;
Des Rechtthuns Eifer laß' uns Gnad' erringen!'

'O Volk, in dem jetzt solcher Eifer flammt,
Daß er die Lauheit noch ersetzt vielleicht,
Die träg zu sein im Guten euch verdammt,

Der hier - ich rede Wahrheit - lebt und steigt
Hinauf, wenn wieder strahlt die Sonne heiter;
Drum sagt, wo sich hier nah der Eingang zeigt.'

Es sagte diese Worte mein Begleiter.
Drauf sprach der Eine: 'Du wirst ihn erspähen,
Kommst du nur hinter uns, ein wenig weiter.

So voll Verlangen sind wir fortzugehen,
Daß wir nicht weilen können; drum verzeiht,
Wenn, was uns frommt, scheint Unart gleich zu sehen.

Abt war ich in St. Zeno zu der Zeit
Des guten Rothbarts, von deß Herrscherstabe
Mailand zu sprechen weiß mit bittrem Leid.

Und Einer hat schon eine Fuß im Grabe,
Der bald ob jenes Klosters weinen wird,
Voll Schmerz, daß er dort Macht besessen habe.

Dieweil durch ihn sein Sohn, der, geistverwirrt,
An Leib und Seele schlimm und schlimm geboren,
Herrscht statt des echten dort als falscher Hirt.'

Ich weiß nicht, schwieg er, sprach er mehr - verloren
Flog es im raschen Weiterlauf vorbei;
129 Das merkt' ich, was ich auffing mit den Ohren.

Und er, der mir in jeder Noth stand bei,
Sprach: 'Wende dich hierher, sieh wie mit herben
Schmähworten Trägheit schelten jene Zwei.'

Sie schrieen allen nach: 'Erst mußte sterben
Das Volk, dem sich des Meeres Grund erschlossen,
Bevor der Jordan schaute seine Erben;

Und jenes, das die Mühen unverdrossen
Nicht mit Anchises Sohne wollte tragen,
Ein ruhmlos Dasein hat es nur genossen.'

Drauf, als die Schatten schon so weit im Jagen
Von uns, daß sie der Blick nicht konnt' erlangen,
Begann jetzt ein Gedank' in mir zu tagen,

Dem andre dann und wieder andr' entsprangen.
Von einem so zum andern irrt' ich hin,
Daß ich die Augen schloß, von Wonn' umfangen,

Und so in Träumen wandelte mein Sinn.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 19
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 19

In einem Traumgesicht erblickt Dante ein häßliches Weib, das sich alsbald aber in eine bezaubernde Sirene verwandelt und singt. Da kommt ein anderes Weib und zeigt jene in ihrer wahren Gestalt. Dante erwacht. Die Sonne geht auf. Ein Engel weist den Weg zum nächsten Kreise. Sie kommen zum fünften Kreise, dem der Geizigen, die mit dem Gesicht zur Erde gekehrt ausgestreckt daliegen und seufzen. Virgil fragt nach dem Wege. Dante läßt sich mit Virgils Erlaubniß in ein Gespräch mit dem antwortenden Schatten ein, der sich als Papst Hadrian V zu erkennen gibt. Als Dante niederknieen will,verweist er es ihm; hier sei auch er nur Knecht des einen Herrn.

Zur Stunde, wo des Tages Gluth, besiegt
Von Erd' und manchmal von Saturn, im Streben
Des Mondes Frost zu wärmen unterliegt,

Wenn fern im Ost ihr größtes Glück sich heben
Die Geomanten vor der Dämmrung sehen
Auf Wegen, draus die Nacht entweicht so eben,

Sah ich ein Weib im Traume vor mir stehen,
Die Hände krüppelhaft, den Fuß geknickt,
Bleichfarbig, stotternd, und den Blick verdrehen.

Ich schaut' auf sie, und wie die Sonn' erquickt
Die kalten Glieder, die die Nacht besiegte,
Ward ihre Zung', als ich sie angeblickt,

Behend zur Red', in kurzer Zeit verkehrte
Sie aufgerichtet die entstellten Züge
Und ward so schön wie Lieb' es je begehrte.

Als so die Sprach' ihr frei ward und gefüge,
Fing sie zu singen an, so daß den Sinn
Von ihr zu wenden wenig Lust ich trüge.

'Ich bin,' so sang sie, 'die Sirene, bin
Die so den Schiffer lockt auf hohem Meer,
Daß ganz der Lust sich gibt mein Hörer hin.

Ulyssen zwang ich durch mein Lied, daß er
Den Pfad verließ; wer sich mir angeschlossen,
Trennt - so bezaubr' ich ihn - kaum je sich mehr.'

Noch hatte sie nichtihren Mund geschlossen,
Da siehe! stand ein heilig Weib mir nah,
Das jene zu verwirren schien entschlossen.

'Virgil, Virgil, o wer ist diese da?'
Sprach sie voll Zorn, und er kam schnell herbei,
Indem sein Blick nur auf die Edle sah.

Doch sie ergriff die Andre, riß entzwei
Ihr vorn das Kleid und ließ den Bauch mich sehen;
Der stank so, daß ich ward vom Schlafe frei.

Ich wandte mich. 'Mehr als dreimal ergehen
Ließ ich den Ruf an dich,' so sprach Virgil;
'Komm, laß des Eingangs Oeffnung uns erspähen.'

Jetzt stand ich auf; des Tages Helle fiel
Auf alle Kreise, die den Berg umzogen;
Die neue Sonn' im Rücken, gings zum Ziel.

Ich folgt' ihm, erdwärts meine Stirn gebogen,
Wie Jemand thut, der, von Gedanken schwer,
Sich selber macht zum halben Brückenbogen.

'Hier ist der Durchgang,' rief es, 'hier kommt her!'
So sanfte milde Töne hört man klingen
In unserm Erdenleben nimmermehr.

Mit aufgethanen, schwanengleichen Schwingen
Wies Der so sprach, uns zwischen beiden Mauern
Des harten Steins empor, an dem wir gingen.

'Glückselig sind,' so sprach er, 'die da trauern
(Und uns anfächelnd regt' er das Gefieder),
Denn ihrer Seelen Trost wird ewig dauern.'

'Was ist dir, daß du stets zu Boden nieder
Doch schaust?' begann mein Führer jetzt zu sagen,
Als wir vom Engel fort aufstiegen wieder.

Und ich: Mir hemmt den Schritt mit solchem Zagen
Ein neu Gesicht und zieht mich zu sich hin,
Daß ich des Sinnens mich nicht kann entschlagen.

'Sahst du,' sprach er, 'die alte Zauberin,
Um die nur über uns noch Thränen fließen,
Und wie von ihr sich löst der Menschen Sinn?

Dies gnüge dir, tritt auf nun mit den Füßen,
Blick' auf die Lockung, die im Sphärenkreise
Uns zeigt der ewige König zum Genießen.'

Gleich wie der Falke, der nach seiner Weise
Erst auf die Klaun sieht, dann dem Herrn allein
Sich zukehrt und sich streckt aus Gier nach Speise,

That ich und ging, so lange das Gestein
Sich spaltet, um dem Wandrer Raum zu geben,
Empor bis wo der neue Ring tritt ein.

Als ich zum fünften Ring heraustrat eben,
Sah ich ein Volk, erdwärts den Blick gewandt,
Am Boden rings, dem Weinen ganz ergeben.

'Mir hing die Seel' am Boden festgebannt,'
Hört' ich sie mit so tiefen Seufzern klagen,
Daß man die Worte nur mit Müh' verstand.

'O ihr Erwählten Gottes, deren Plagen
Gerechtigkeit und Hoffnung linder macht,
Wollt zu dem Steig empor den Weg uns sagen.

'Ist hier zu liegen euch nicht zugedacht,
Und wollt ihr finden möglichst schnell den Pfad,
So seid nach links zu wandern stets bedacht.'

So gab auf das, worum der Dichter bat,
Ein Geist vor uns Bescheid; ich merkt' am Worte,
Daß sein Gesicht verborgen in der That.

Ich wandte meinen Blick zu meinem Horte,
Worauf er freundlich winkend mir gewährte,
Was er als Wunsch sah in des Auges Pforte.

Da ich nun durfte thun was ich begehrte,
So stellt' ich grade hin mich über jenen,
Deß Wort mein Augenmerk schon auf ihn kehrte.

Und sprach: O Geist, in dem das reift durch Thränen,
Ohn' das zu Gott man nimmer kehren kann,
Hemm' etwas meinethalben dein großes Sehnen.

Wer warst du und warum kehrt himmelan
Den Rücken ihr? sprich, soll ich für dich beten
Jenseits, woher ich lebend kam? Sag' an!

'Weshalb den Rücken wir zum Himmel drehten,
Künd' ich dir,' sprach er, 'doch vernimm vorher:
Vor Petri Folger bist du hingetreten.

Hinab stürzt Siestri und Chiaver
Ein schöner Strom, von dem der Stamm der Meinen
Die Zierde seines Titels leitet her.

Wie schwer der große Mantel sei für Einen,
Der rein ihn hält, fühlt' einen Mond ich nur;
Wie Flaum muß davor jede Last erscheinen.

Spät, leider! fand ich der Bekehrung Spur;
Doch als man mich zum römischen Hirten machte,
Da wars, wo ich des Lebens Trug erfuhr.

Ich sah, daß keine Ruh' dem Herzen lachte,
Noch man in jener Welt konnt' höher steigen;
Daher zu dieser Welt mich Lieb' entfachte.

Bis dahin war mein Herz dem Elend eigen,
Von Gott entfremdet, ganz dem Geiz verfallen;
Drum muß ich so bestraft mich hier dir zeigen.

An reuigen Seelen, die zur Läutrung wallen,
Wird hier geoffenbart was Habsucht that;
Nicht herbre Pein gibts in den Kreisen allen.

Wie unser Blick sich nicht gerichtet hat
Nach oben, ganz im Irdischen befangen,
Senkt ihn auch hier zur Erde Gottes Rath.

Und wie des Geizes Trieb' in uns verschlangen
Des Guten Lieb' und hemmten gutes Thun,
So hält uns hier Gerechtigkeit gefangen

An Hand und Füßen festgebunden nun;
Wir müssen, bis der Herr uns löst die Glieder,
Hier ausgestreckt und unbeweglich ruhn,'

Ich wollte reden jetzt und kniete nieder;
Doch als ich anfing und er mit dem Ohr
Die Ehrerbietung wahrnahm, sprach er wieder:

'Warum verneigst du dich? Was stellt das vor?'
Und ich: Ob eurer Würd' hat mein Gewissen
Vorwürfe mir mit Recht gemacht. 'Empor,

Mein Bruder, hebe deinen Fuß! denn wissen
Sollst du in Wahrheit: ich bin Knecht wie du
Und andre, einem Herrn zum Dienst beflissen.

Doch kehrtest du je dein Verständniß zu
Dem Wort der heiligen Schrift: Sie freien nicht,
So siehst du, warum ich den Ausspruch thu.

Doch geh und bleibe länger nicht! die Pflicht
Des Weinens wird mir schwer, verweilst du hier,
Das, wie du sagst, mir reift des Himmels Licht.

Noch lebt im Jenseits eine Nichte mir,
Alagia, sie selbst von edlen Trieben,
Wirkt schlechtes Beispiel Böses nicht in ihr;

Sie ist allein mir übrig dort geblieben.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 20
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 20

Verwünschung des Geizes. Eine Stimme führt Beispiele von edler Ertragung der Armuth an, als Sporn für die hier Büßenden. Dante redet den Schatten an. Es ist Hugo Capet, der in herber Weise das französische Königshaus verurtheilt und Gottes Rache herabfleht. Von ihm erfährt Dante, daß in der Nacht die hier weilenden Schatten warnende Beispiele des Geizes betrachten. Die Dichter wandern weiter; der Berg erzittert heftig, es ertönt ein Rufen und das 'Ehre sei Gott in der Höhe'. Dante vergeht vor Verlangen, den Grund zu erfahren.

Hart kämpft der Wille gegen bessern Willen;
Halb voll zog aus dem Wasser ich den Schwamm,
Ungern bereit des Schattens Wunsch zu stillen.

Ich und mein Führer, längs dem Felsenkamm
Wo frei der Pfad war, schritten weiter beide,
Wie dicht an Zinnen auf der Mauern Damm,

Weil sich das Volk, dem von dem bittern Leide
Die Augen tropfen, das die Welt erfaßte,
Naht' allzusehr des äußern Randes Scheide.

Uralte Wölfin, ewig gottverhaßte,
Die mehr als andre Thiere Raub erjagt,
Weil unersättlich Hunger in ihr raste!

O Himmel, dessen Kreisen, wie man sagt,
Verändrung wirkt an allen Erdendingen,
Wann kommt, dem sie nicht Stand zu halten wagt?

Wie wir mit langsam kleinen Schritten gingen,
Beachtet' ich die Schatten, deren Klagen
Und mitleidwürdige Rufe mich umfingen.

Und wie durch Zufall hört' ich vor uns sagen
'Süße Maria!' also kläglich, grade
Wie Frauen, die in Kindesnöthen zagen.

Dann weiter: 'Du warst arm in hohem Grade,
Das zeigt die Herberg', in der du die Bürde,
Die heilge, bettest in niedrer Lade!'

Drauf hört' ich: 'O Fabricius, Mann voll Würde!
Armuth und Tugend zogst du lieber vor,
Als wenn dir Reichthum neben Laster würde.'

So wohlgefällig drangen in mein Ohr
Die Worte, daß ich Kunde wollt' erreichen
Von jenem Geiste, der sie stieß hervor.

Von jener Gabe sprach er noch, der reichen,
Die Nicolaus den Jungfraun einst gegeben,
Daß sie vom Pfad der Zucht nicht dürfen weichen.

Wer warst du, sprach ich, Seel', in jenem Leben,
Die du so trefflich sprichst? warum allein
Mußt du verdientes Lob aufs neu erheben?

Nicht fruchtlos sollen deine Reden sein,
Kehr' ich zurück zu jenem kurzen Pfade
Des Lebens, dessen Ziel gar bald tritt ein.

Und er: 'Nicht sag' ichs dir, weilvom Gestade
Des Jenseits Hülf' ich hoffe, nein! weil dir,
Eh du gestorben, leuchtet solche Gnade.

Des Baumes schlimme Wurzel siehst du hier,
Der so beschattet alles Christenland,
Daß selten gute Frucht entkeimt aus ihr.

Doch könnten Donai, Brügge, Lille und Gand,
Der Rache fiel' er bald anheim; nach droben
Zum ewigen Richter sei mein Flehn gesandt.

Man hieß mich Hugo Capet bei euch oben,
Der die Philipp' und Ludwigs hinterließ,
Die sich zu Herrschern Frankreichs jüngst erhoben.

Sohn eines Fleischers war ich in Paris.
Als all die alten Könige mußten enden
Bis auf den Einen in der Kutte Fries,

Fand ich die Reichsgewalt in meinen Händen
So fest, und wußte mir so große Macht
Durch neu erworbne Freunde zuzuwenden,

Daß zu des leeren Thrones Herrn gemacht
Mein Sohn ward, der die Reihe der geweihten
Regentenschädel hat hervorgebracht.

Vor jener provenzalischen Mitgift Zeiten,
Die meinem Stamm die Scham geraubt, taugt' er
Zwar wenig, doch war fern von Schändlichkeiten.

Da fing er an der Räubereien Heer,
Lüg' und Gewalt, und nahm, dies gut zu machen!
Ponthieu, Gascogne und Normandie nachher.

Karl kam nach Welschland - um dies gut zu machen,
Opfert' er Konradin, und schickte dann
Thomas gen Himmel - um dies gut zu machen.

Ich seh' die Zeit, und schon rückt sie heran,
Die einen andern Karl aus Frankreich bringet,
Daß man dies Volk noch besser kennen kann.

Er ziehet ohne Waffen aus und schwinget
Die Lanze nur, mit welcher Judas stritt;
Die stößt er, daß Florenz der Bauch zerspringet.

Nicht Land, nur Schand' und Schuld wird er damit
Erwerben, die je schwerer an ihm hangen,
Je weniger tief der Schad' ins Herz ihm schnitt.

Der andre, der dem Schiff entsteigt gefangen,
Sein Kind verschachert er, wie der Corsar
Die Sklavin, um das Kaufgeld zu erlangen.

O Geiz! was schlimmres kannst du doch fürwahr
Bewirken, der mein Blut macht zum Verräther,
Daß es des eignen Fleisches nicht annimmt wahr!

Daß alle Schuld scheint klein von sonst und später,
Seh' ich die Lilien in Anagni wehen,
Gefangen Christum selbst im Stellvertreter;

Seh' ihn zum zweiten Mal verhöhnt dort stehen,
Ich sehe Gall' und Essig sich erneuen,
Und zwischen Schächern ihn zum Tode gehen.

Den anderen Pilatus seh' ich dräuen,
Dem dies noch nicht genügt, der vollmachtlos
Zum Tempel gierig einfährt sonder Scheuen.

O Herr, mein Gott, säh' ich die Stunde bloß,
Wo ich der Rache froh, die sich verhehlte,
Den Zorn besänftigend, in deinem Schoß!

Was ich von jener einzigen Braut erzählte
Des heiligen Geistes, und weshalb von mir
Erklärung du begehrtest, die dir fehlte,

All' unsrer Bitten Inhalt ist es hier,
So lang der Tag währt; aber wenn es nachtet,
Beginnen umgekehrte Weise wir.

Dann wird Pygmalion wiederholt betrachtet,
Der zum Verräther, Schwagermörder, Dieb
Ward, weil er allzusehr nach Gold getrachtet;

Dann Midas, den der Geiz ins Elend trieb,
Das ihm erwuchs aus thörichter Begier,
Wofür der Nachwelt Lachen nur ihm blieb.

Des Thoren Achan drauf gedenken wir,
Wie von der Beut' er stahl, den Josuas Schatten
Voll Zorn zu fassen scheint sogar noch hier.

Sapphira wird verklagt dann mit dem Gatten,
Gelobt der Fußtritt gegen Heliodor,
Und Polymnestors Schmach wird ohn' Ermatten

Gegeißelt, der erschlug den Polydor.
Zum Schluß wird noch gerufen: Crassus, rede,
Wie schmeckt das Gold? du weißt es ja, du Thor!

Leis ist des einen, laut des andern Rede;
Bald mehr, bald minder rasch ertönt sie drob,
Wie das Gefühl uns eingibt eine jede.

So war vorher ich nicht allein beim Lob,
Das wir bei Tag aussprechen; nur daß eben
Niemand die Stimm' hier in der Näh' erhob.'

Schon hatten wir, beseelt von regem Streben,
So lang die Kräfte reichten, fortzuwallen
Den Weg, uns weit von ihm hinwegbegeben,

Da fühlt' ich zittern, gleich als wollt' er fallen,
Den Berg; drob faßte solch ein Schauer mich,
Wie Der empfindet, der dem Tod verfallen.

Nicht schüttelte so heftig Delos sich,
Eh, zu gebären die zwei Himmelslichter,
Dorthin zum sichern Nest Latona wich.

Ein Rufen klang von ringsher immer dichter.
'Ich führe dich, nicht darf dich Sorge stören,'
Sprach, näher zu mir tretend, jetzt der Dichter.

'Ehre sei Gott im Himmel!' klangs in Chören,
Soviel aus meiner Näh' ich es verstand,
Aus der allein den Ruf man konnte hören.

Wir standen zweifelnd, regungslos gebannt,
Den Hirten gleich, die einst dies Lied vernommen,
Bis Beben und Gesang sein Ende fand.

Dann setzten unsern Weg wir fort, den frommen,
Die Schatten schauend, die am Boden lagen
Und ihr gewohntes Weinen aufgenommen.

Nie hatt' Unwissenheit mir so viel Plagen
Geschaffen noch, vereint mit Wißbegier -
Falls mein Gedächtniß mir nicht will versagen -

Als ich sie zu erdulden glaubte hier,
Und nicht zu fragen wagt' ich ob der Eile,
Und Auskunft finden konnt' ich nicht bei mir.

So ging ich scheu und sinnend eine Weile.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 21
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 21

Den beiden Dichtern kommt ein Schatten nach, der sie begrüßt und auf Virgils Frage Auskunft über die Erschütterung des Berges ertheilt. Die obere Region desselben ist über allen Witterungswechsel erhaben, nur unterhalb des Eingangs zum Fegefeuer findet solcher statt. Der Berg bebt nur, wenn eine Seele sich geläutert fühlt. Er berichtet ferner, daß er die geläuterte Seele sei, die 500 Jahre in diesem Kreise gelebt. Es ist der römische Dichter Statius; er spricht seine Verehrung für Virgil aus. Dante lächelt dabei; auf des Schattens Befragen theilt er ihm mit Virgils Erlaubniß mit, daß Virgil vor ihm stehe. Statius neigt sich und will Virgils Füße umfassen. Virgil wehrt ihm.

Der angeborne Durst, der nur vergeht
Durch jenes Wasser, dessen Himmelsgnade
Das Samariterweib dereinst erfleht,

Verzehrte mich, und vorwärts eilt' ich grade
Dem Führer nach, das Herz von Mitleid wund
Ob der gerechten Straf', auf schwierigem Pfade.

Und siehe, wie Sanct Lucas uns thut kund,
Daß Christus Zweien unterwegs sich zeigte,
Als er entstiegen schon des Grabes Schlund,

Erschien ein Schatten, der das Auge neigte
Auf die am Boden dort, und kam uns nach.
Wir merkten nichts, bis uns sein Ruf erreichte

Und er 'Gott geb' euch Frieden, Brüder!' sprach.
Da wandten wir uns eilig, und Virgil
Gab ihm den Gruß zurück, der ihm entsprach.

Drauf hob er an: 'Mag dich zum seligen Ziel
Des Ewigen Richterspruch in Frieden bringen,
Der mich verweist in ewiges Exil.'

'Wie,' sagte jener, während scharf wir gingen,
'Wenn Schatten ihr, die Gott nicht aufgenommen,
Wer ließ so weit auf seiner Stieg' euch dringen?'

Drauf er: 'Wenn du die Zeichen wahrgenommen,
Die ihm vom Engel eingegraben sind,
Dann siehst du, er soll thronen bei den Formmen.

Weil aber Die, die Nachts und Tages spinnt,
Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen,
Den Clotho aufsteckt jedem Menschenkind,

Hätt' er allein die Höhe nicht gewonnen,
Weil seine Seele, unsre Schwester, noch
Nach unsrer Art zu schauen nicht begonnen.

Drum ward entnommen ich der Hölle Joch,
Ihn anzuweisen, und will Kund' ihm geben
So weit als meine Lehre reicht. Jedoch,

Weißt dus, so sag' uns: Woher kam das Beben
Des Bergs vorher? und warum hörten wir
Bis hin zum feuchten Fuß Geschrei erheben?'

Es traf die Frage meinem Wunsche schier
Ins Nadelöhr; schon durch das bloße Hoffen
Ward minder brennend heiß der Durst in mir.

'Es wird von nichts,' so legt' er es uns offen,
'Was seinem heiligen Brauch entgegen sei
Und ordnungswidrig, dieser Berg betroffen.

Von jeder Wandlung ist der Ort hier frei;
Nur was vom Himmel stammend kehrt nach droben,
Wirkt hier, nicht andre Ursach wirkt dabei.

Nicht Regen fällt noch Hagel weiter oben,
Nicht Schnee noch Thau noch Reif, als wo du neben
Drei Stufen warst, die sich zur Treppe hoben.

Nicht dünn' und dichte Wolken kanns hier geben,
Nicht Wetterleuchten, nicht des Thaumas Kind,
Das oft im Jenseits führt ein wechselnd Leben.

Kein höher Ziel der trockne Dunst gewinnt
Als sich die drei erwähnten Stufen heben,
Drauf Petri Stellvertreters Füße sind.

Dort unten mag es mehr und minder beben;
Hier oben hat der in der Erde Schrein
Verborgne Wind solch Beben nie ergeben.

Hier bebts, wenn eine Seele sich fühlt rein,
Daß sie sich hebt und strebt zur Himmelsflur,
Und dann begleitet sie solch jubelnd Schrei'n.

Der Reinheit Prüfstein ist der Wille nur,
Der, gänzlich frei zu wechseln Stand und Ort,
Sie faßt und Flügel leihet der Natur.

Erst will sie wohl, doch duldets nicht sofort
Die Luft, die an den Qualen, wie vorher
Am Sündigen, sie fühlt nach Gottes Wort.

Und ich, der schon fünfhundert Jahr' und mehr
In diesem Leide lag, empfand erst eben
Nach besserm Ort frei Wollen und Begehr.

Drum fühltest du den Berg vom Erdstoß beben,
Vernahmst der frommen Geister Lobgesang,
Dem Herrn gebracht, der bald sie mög' erheben.'

Er sprachs, und weil, je mehr uns Durst bezwang,
Der Trank uns freut, der unsern Gaumen netzt,
Kann ich nicht sagen wie mich Lust durchdrang.

Mein Führer sprach: 'Die Schlinge seh' ich jetzt,
Die hier euch hält, wie man ihr kann entfahren,
Weshalb es hebt und wie Mitfreud' euch letzt.

Doch wer du bist, laß mich nunmehr erfahren
Und laß entnehmen mich aus deinem Wort,
Weshalb du hier seit so viel hundert Jahren.'

'Als durch des höchsten Königs Gunst den Mord,
Den Judas Geiz verschuldet, durfte rächen
Der gute Titus, lebt' im Jenseits dort

Ich hochberühmt,' hört' ich den Schatten sprechen,
'Durch jenen Namen, der am höchsten ehrt;
Nur eins, der Glaube, mußte mir gebrechen.

So süßer Ton ward meinem Mund beschert,
Daß aus Tolosa Rom mich rief als Gast,
Und meiner Stirn die Myrte ward gewährt.

Der Name Statius ist noch nicht erblaßt
Bei euch. Ich sang von Theben und dem hehren
Achill, doch fiel ich bei der zweiten Last.

Ich fühlt' in mir sich eine Gluth gebären
Durch glühnde Funken jener Gottesflamme,
An welcher mehr denn Tausend schon sich nähren.

Ich meine die Aeneis, die mir Amme
Und Mutter war bei meinen Dichtergaben;
Denn ohne sie hätt' ich vom Lorbeerstamme

Kein Blatt gepflückt; jenseits gelebt zu haben
Zur Zeit Virgils, blieb' ich ein Jahr im Bann
Länger als mir die Schicksalsmächte gaben.'

Bei diesen Worten sah Virgil mich an
Mit einem Blick, der schweigend sprach: 'Geschwiegen!'
Doch weil des Willens Kraft nicht alles kann -

Denn Lächeln so wie Weinen unterliegen
Der Regung der sie zeugenden Natur;
Drum kann, wer falsch nicht ist, sie schwer besiegen -

So lächelt' ich, wie wer da blinzelt, nur.
Der Schatten schwieg, ins Auge mir zu spähen,
In dem des Seelenausdrucks tiefste Spur.

'So wahr zum Glück dein Thun dir mag ergehen,'
Sprach er, 'sag an, warum dein Antlitz eben
Das Blitzen eines Lächelns mich ließ sehen?'

Da fühlt' ich mich an beiden Seiten kleben:
Hier soll ich schweigen, dort werd' ich geplagt
Zu reden; ich erseufzt', und Trost gegeben

Ward mir vom Führer. 'Sprich, sei nicht verzagt
Zu reden, und bericht' ihm ohne Bangen,
Wonach mit solchem Eifer er gefragt.'

Vielleicht hält dich Verwunderung umfangen
Ob meines Lächelns, sprach ich, alter Geist;
Noch mehr zum Staunen wirst du Grund erlangen,

Denn er, der meinen Blick nach oben weist,
Ist der Virgil, aus dem du Kraft genommen
Zum Götter- und zum Heldensang zumeist.

Du irrst, wenn du aus andrem Grund gekommen
Mein Lächeln glaubst; sei sicher, nur das Wort
War schuld daran, das ich von dir vernommen.

Schon beugt' er sich und wollte meinem Hort
Die Füß' umfangen; doch der sprach: 'Laß' das!
Denn Schatten sind wir, ich hier wie du dort.'

Und er stand auf und sprach: 'Du wirst das Maß
Der heißen Liebe gegen dich begreifen,
Da unsre Nichtigkeit ich so vergaß,

Und Schatten konnte Körpern gleich ergreifen.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 22
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 22

Die Dichter wandern in Statius Begleitung weiter. Statius erzählt wodurch er zum Christenthum bekehrt worden und weswegen er hier und im vierten Kreise habe büßen müssen. Virgil ertheilt ihm Auskunft von andern römischen und griechischen Dichtern, Männern und Frauen des Alterthums, die im Höllenvorhof weilen. Sie kommen in den sechsten Kreis, den der Schwelger, und sehen einen Fruchtbaum, dessen Zweige nach oben breiter werden. Eine Stimme verbietet davon zu essen und führt Beispiele der Mäßigung vor.

Schon war der Engel hinter uns entwichen,
Der uns zum sechsten Kreise gab Geleit,
Und hatt' ein P von meiner Stirn gestrichen;

Und die sich sehnen nach Gerechtigkeit,
Hatten gesungen 'Selig', doch nicht weiter
Als bis zum 'dürstet', Ton an Ton gereiht.

Schon leichter als durch frühre Pässe, heiter
Ging ich einher, so daß ich frei von Mühen
Den schnellen Geistern nach erklomm die Leiter,

Als jetzt Virgil begann: 'Das Liebesglühen,
Entflammt durch Tugend, muß stets Lieb' entzünden,
Sobald nur sichtbar ist der Flamme Sprühen.

Darum, seit in des Höllenvorhofs Schlünden
Ich unter uns sah Juvenal erscheinen,
Um mir, wie sehr du mich geliebt, zu künden,

Ward ich dir so gewogen, wie man einen,
Den man noch nie gesehen, nur irgend liebt;
Drob werden diese Stiegen kurz mir scheinen.

Ich weiß, daß deine Freundschaft mir vergibt,
Lass' ich der Keckheit jetzt den Zügel schießen;
Antworte mir als Freund, wenn dies beliebt:

Wie konntest du dem Geize nur erschließen
Den Platz in deiner Seele, deren Streben
So hoher Einsicht Maß dich ließ genießen?'

Ein Lächeln sah ich Statius Aug' umschweben,
Dann sprach er: 'Jedes Wort aus deinem Mund
Dient, deiner Lieb' ein Zeugniß mir zu geben.

In Wahrheit oft thun uns Dinge kund,
Die falschen Grund zum Zweifel uns erregen,
Weil uns verborgen bleibt der wahre Grund.

Du scheinst - dein Fragen zeigts - den Willen zu hegen,
Daß ich in jenem Leben geizig war,
Wohl um des Kreises, drin ich weilte, wegen.

Nur zu sehr, wisse, war ich Geizes bar,
Und solches Uebermaß, es büßt sich nur
Durch tausende von Monden ganz und gar.

Hätt' ich mich nicht bekehrt als ich erfuhr
Von jener Stelle, wo du sprachst das Wort,
Als zürntest du der menschlichen Natur:

"Wohin nicht reißest du die Menschen fort,
Verfluchte Gier nach Gold!" - so müßt' im Rennen
Ich Lasten wälzen in der Hölle dort.

Die Hand kann zu weit, mußt' ich da erkennen,
Die Flügel aufthun, und ich fühlt' um den
Und andre Fehler Reu' in mir entbrennen.

Geschornen Haupts wird mancher auferstehn,
Weil sie die Reu' um diese Sünd' im Leben
Und Sterben thöricht wollen stets verschmähn.

Jedwede Schuld, die einer Sünde eben
Im Gegensatze widerspricht, mit ihr
Zugleich muß sie hier dorren, dicht daneben.

Drum wenn zu meiner Läutrung ich mich hier
Beim Volk befand, das einst der Geiz bezwungen,
Geschah es ob des Gegensatzes mir.'

'Als du die grausen Waffen hast besungen,
Jocastens Doppeljammer im Gedicht,'
Sprach der den Preis im Hirtenlied errungen,

'Schien dir, da dort dein Vers von Klio spricht,
Die Seele noch vom Glauben nicht gelichtet -
Ohn' ihn genügt ja jedes Rechtthun nicht -;

Was hat dir dann die Finsterniß vernichtet,
Welch eine Sonn' und Kerze, daß fortan
Die Segel nach dem Fischer du gerichtet?'

'Du hast zuerst mich zum Parnaß hinan,
Auf daß ich tränk' aus seinem Born, gebracht,
Und mir, nächst Gott, zuerst erhellt die Bahn.

Du thatest wie wer hinter sich bei Nacht
Ein Licht hält, das ihm selber nicht kann frommen,
Doch Jenen, die ihm folgen, helle macht,

Dort wo du sprachest: "Neue Zeiten kommen,
Asträa kehrt, der Urzeit goldne Frist,
Vom Himmel steigt ein neu Geschlecht der Frommen."

Durch dich ward Dichter ich, durch dich ein Christ.
Laß dir das Bild ausmalen meine Hände,
Das ich entwarf, daß es dir klarer ist.

Getragen war an aller Welttheil' Ende
Der wahre Glaube, den in alle Orte
Die Gottesboten streuten gar behende.

Es schienen deine just erwähnten Worte
So mit den neuen Predigern sich zu einen,
Daß ich fortan oft klopft' an ihre Pforte.

Darauf begann so heilig mir zu scheinen
Ihr Wandel, daß, als sie Domitian
Verfolgt', ihr Weinen nicht entbehrt' des meinen.

So lang ich jenseits lebt' half ich fortan
Nur ihnen, und es schuf ihr reines Leben,
Daß ich verließ der andern Seelen Bahn.

Und eh ich im Gedichte hin nach Theben
Die Griechen noch geführt, ließ ich mich taufen,
Doch heimlich war ich Christ in Furcht und Beben

Und zeigt' als Heiden lange mich dem Haufen.
Ob solcher Lauheit mußt' ich mehr als vier
Jahrhunderte den vierten Kreis durchlaufen.

Du, der den Schleier aufgehoben mir,
Der mir so viel barg vom erwähnten Heile
(Denn Zeit genug zum Steigen haben wir,)

Sprich, wenn dus weißt, wo Freund Terenz verweile,
Wo Varro, Plautus und Cäcilius?
Sind sie verdammt? in welchem Höllentheile?'

'Sie all' und mancher noch und Persius
Und ich sind,' sprach er, 'bei dem Griechengreise,
Den mehr als einen küßt' der Muse Kuß,

Dort in des finstren Kerkers erstem Kreise,
Vom Berg, den immer unsre Näherinnen
Bewohnen, uns besprechend trauter Weise.

Euripides, Simonides sind drinnen,
Antiphon, Agathon und der Hellenen
Noch mehr, die Lorbern wußten zu gewinnen.

Dann, deren deine Lieder auch erwähnen,
Antigone, Deiphile, Argia,
Sammt ihr, die stets noch trauert, sammt Ismenen.

Auch die dereinst gezeigt den Quell Langia,
Tiresias Tochter, Thetis auch ist dort,
Und mit der Schwestern Schar Deidamia.'

Verstummet jetzt war beider Dichter Wort;
Sie waren rings zu schauen neu bedacht,
Denn nicht mehr stieg man an der Felswand fort.

Vier Dienerinnen hatten schon vollbracht
Des Tages Dienst, die fünfte nahm dagegen
Der glühnden Deichsel Steigen wohl in Acht,

Als so mein Führer sprach: 'Dem Rand entgegen
Muß, deut' ich, sich die rechte Schulter halten,
Wenn wir den Berg umkreisen, wie wir pflegen.'

So ließen wir den Brauch als Führer walten,
Und muthiger gings in die Bahn hinein,
Weil wir auch Statius Zustimmung erhalten.

Sie wandelten voraus, ich folgt' allein,
Achtgebend was von ihnen ward gesprochen,
Die in des Dichtens Kunst mich führten ein.

Jetzt ward die traute Zwiesprach unterbrochen
Durch einen Baum, der mitten stand im Steige
Mit Früchten, die gar süß und lieblich rochen.

Wie man abnehmen sieht der Tanne Zweige
Nach oben, so hier abwärts Sproß um Sproß,
Damit, vermuth' ich, Niemand ihn ersteige.

Von jener Seite, wo der Pfad sich schloß,
Entstürzt' ein klares Naß dem Felsensaum,
Das oben auf die Blätter niederfloß.

Die beiden Dichter nahten sich ihm kaum,
Als eine Stimm' entdrang des Laubes Mitte:
'Genießen dürft ihr nicht von diesem Baum.

Maria, die euch hilft mit ihrer Bitte,
Gedachte minder an den eignen Mund,
Als daß der Hochzeit Ehr' nicht Schaden litte.

Den alten Römerinnen schien gesund
Und gut des Wassers Trunk; weil er die Speisen
Verschmäht, erlangte Daniel Wissens Fund.

In alter Zeit, die golden heißt den Weisen,
Macht' Hunger Eichelkost zum leckern Mahl,
Und Durst ließ jeden Bach als Nektar preisen.

Heuschreck' und Honig war im Wüstenthal
Die Nahrung, wovon sich der Täufer nährte;
Drum steht er groß da in der Glorie Strahl,

Wie Kunde davon euch die Schrift gewährte.'


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 23
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 23

Die in diesem Kreise büßenden Seelen weinen und singen. Ein Haufe von Schatten kommt eilig gelaufen und holt die Dichter ein. Forese Donati, der hier verweilt, wird von Dante erkannt und ertheilt ihm Auskunft über die hier Büßenden; er selbst sei durch Fürbitte seiner Witwe rascher als zu erwarten war hierher aus dem Vorhof des Fegefeuers gelangt. Ihre Keuschheit veranlaßt zu einem Ausfall gegen die unkeuschen Florentinerinnen. Zuletzt fragt Forese den Dichter nach dem Ziel und Zweck seiner Reise und erhält Auskunft darüber.

Als meine Augen so mit regem Streben
Das Laub durchforschten, wie Der thut zuweilen,
Der bei dem Vogelfang verbringt sein Leben,

Sprach, der mir mehr als Vater: 'Laß uns eilen,
Mein Sohn! die Zeit, die uns bestimmt zum Reisen,
Wir müssen sie nutzbringender vertheilen.'

Schnell wandt' ich Blick und Schritte nach den Weisen,
Die also sprachen, daß zum leichten Gang
Mirs ward zu folgen ihres Weges Gleisen.

Und sieh! man hörte Weinen und Gesang:
'Du öffne meine Lippen, Herr!' so quollen
Die Tön' und weckten Lust- und Schmerzensdrang.

Was ist, o süßer Vater, da erschollen?
Sprach ich. 'Wohl Schatten sind es, die im Gehen
Den Knoten ihrer Pflicht so lösen wollen.'

Wie in Gedanken tief wir Pilger sehen,
Wenn unterwegs sie treffen Unbekannte,
Nach ihnen umschaun, doch nicht stille stehen:

So naht' uns hinten schnellern Schritts und rannte
Ein Haufen Seelen, fromm und ohne Laut,
Vorbei, der staunend uns den Blick zuwandte.

Jedwedes Auge hohl und dunkel schaut,
So bleich und abgemagert ihr Gesicht,
Daß an die Knochen fest sich schloß die Haut.

So zum Geripp getrocknet war selbst nicht
Vom Hunger Erisichthon, sollt' ich meinen,
Da er sich selber fraß als letzt Gericht.

Ich dacht' und sprach bei mir: So mocht' erscheinen
Das Volk, das einst Jerusalem verlor,
Als eine Mutter aß von Sohnes Beinen.

Ein Ring ohn' Stein, starrt das Aug' empor,
Und wer im Antlitz Omo liest, der müßte
Das M erkennen, das hier trat hervor.

Wer dächte wohl, daß jemals solch Gelüste
Durch Wasserruch und Apfelduft erwache,
Wenn er, wie das geschehen sei, nicht wüßte.

Schon staunt' ich drob, was sie so hungern mache,
Weil von der Magerkeit und schuppigen Haut
Mir noch verborgen war der Grund der Sache.

Und aus des Hauptes Tiefen, siehe! schaut
Ein Schatten, starr den Blick zu mir gewandt.
'Was wird mir da für Gnade?' rief er laut.

Nie hätt' ich an den Zügen ihn erkannt,
Allein durch seine Stimme ward mir klar
Was ich getrübt in seinem Anblick fand.

Der Funken fachte neu und wunderbar
Mir die Erinnrung der entstellten Mienen,
Und ich ersah, daß es Forese war.

'Die trocknen Schuppen,' bat er, 'nimm an ihnen
Nicht Anstoß, die die Haut entfärben mir,
Noch daß ich Fleisches bar vor dir erschienen,

Nein! sondern Wahrheit melde mir von dir;
Wer sind die Zwei, die ich dir seh' vereinet?
Verharre nicht so stumm und schweigend hier.'

Dein Antlitz, das ich schon als todt beweinet,
Gewährt mir jetzt nicht minder Grund zu Thränen,
Sprach ich, da so entstellt es mir erscheinet.

Drum sprich, was ist mit dir und allen Jenen?
Heiß mich nicht reden, denn noch staunt mein Sinn.
Schlecht spricht wen da erfüllt ein ander Sehnen.

Und er: 'Durch ewigen Rathschluß senkt sich in
Das Wasser und den baum dort eine Kraft,
Durch die so abgezehrt und dürr ich bin.

Dies Volk, das, weil des Gaumens Leidenschaft
Es maßlos fröhnte, singet unter Zähren,
Wird hier durch Durst und Hunger umgeschafft.

Zu Trank und Speise weckt uns ein Begehren
Der Duft der Aepfel und der Wasserstrahl,
Den du dem Grün Erfrischung siehst gewähren.

Und nicht erneut wird bloß ein einzig mal
Die Qual, wenn wir umwandern hier im Raume
Ich sollte sagen Wonn' und nenn' es Qual);

Denn jenes Sehnen führt uns zu dem Baume,
Durch das einst Christus freudig Eli rief,
Als uns sein Blut befreit vom Todeszaume.'

Und ich: Noch nicht das fünfte Jahr verlief
Seit jener Stunde, daß zum bessern Leben,
Forese, Gottes Wille dich berief.

Wenn dir die Kraft erlosch zu sündigem Streben,
Eh dir die Zeit des Schmerzes kam, des süßen,
Der neue Gottvermählung uns kann geben,

Wie bist du schon hierher gelangt zum Büßen?
Du weiltest, dacht' ich, drunten noch bei Jenen,
Die Zeit durch Zeit vergüten wieder müssen.

Und er: 'So schnell gefördert ward mein Sehnen
Nach dieses bittersüßen Trankes Leid
Durch meiner Nella maßlos heiße Thränen.

Andächtigem Flehn und Seufzern nur geweiht,
Hat sie dem Strand mich, wo man harrt, entzogen,
Und von den andern Kreisen mich befreit.

Und um so mehr ist Gott hold und gewogen
Der Witwe, die so lieb mir war und werth,
Je seltner guten Wandels wird gepflogen.

Denn die Barbagia von Sardinien nährt
Mehr Frauen von gesittetem Betragen
Als die Barbagia, drin mein Weib verkehrt.

Was soll ich dir, o süßer Bruder, sagen?
Schon seh' ich jene Zeit, die von dem Heut
Nicht allzufern liegt, in der Zukunft tagen,

Wo in Florenz den Frauen man verbeut
Von Kanzeln her ihr schamentblößt Gebahren,
Die Brust und Warze zeigen ungescheut.

Hat es wohl Fraun von Türk und Barbaren
Gegeben je, die um bedeckt zu gehen,
Von Staat und Kirche mußten Rüg' erfahren?

Doch könnten nur die Unverschämten sehen,
Was ihnen bald des Himmels Lauf bereitet,
Schon würd' ihr Mund zum Heulen offen stehen.

Denn wenn Voraussehn mich nicht irre leitet,
So naht ihr Leid, eh Flaum das Kinn bedeckt
Dem, dessen Schlaf jetzt Ammenlied begleitet.

Nun, Bruder, halt nicht länger dich versteckt;
Du siehst, nicht ich nur, nein! sie alle lenken
Den Blick hin wo dein Leib die Sonne deckt.'

Drum ich zu ihm: Willst du daran gedenken,
Wie du mit mir gelebt und ich mit dir,
So wird noch jetzt dich die Erinnrung kränken.

Von solchem Leben wandte Der, der mir
Vorausgeht, mich vorgestern erst, als sich
Voll eben zeigte dessen Bruder hier -

(Ich wies zur Sonne hin); er führte mich
Hin zu der wahrhaft Todten tiefer Nacht
Mit diesem wahren Fleisch, in welchem ich

Ihm folg'. Es hat sein Trost mich her gebracht,
Ich muß den Berg ersteigen und umkreisen,
Der, was die Welt euch krümmte, grade macht.

Er wird so lange, sagt er, mit mir reisen,
Bis, wo Beatrix sein wird, ich auch bin.
Entbehren muß ich dann sein Unterweisen.

Virgil ist der - und ich wies auf ihn hin -
Der solches mir verheißt; der andre Schatten
Ist der, der eurer Reiche Kreis vorhin

Erbeben macht', die ihn entlassen hatten.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 24
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 24

Dante empfängt von Forese Auskunft über dessen Schwester Piccarda, sowie über mehrere Seelen dieses Kreises. Er läßt sich mit Bonagiunta von Lucca in ein Gespräch ein und bezeichnet die Aufgabe des wahren Dichters. Auf Foreses Frage, wann sie sich wiedersehen würden, spricht Dante seine Sehnsucht aus, bald aus dem Leben zu gehen. Prophezeiung Foreses über die Zukunft von Florenz. Dann entfernt er sich. Die Dichter kommen an einen andern Fruchtbaum, zu welchem Schatten verlangend emporschreien. Eine Stimme aus dem Baume vertreibt sie und führt warnende Beispiele der Völlerei und Trunkenheit an. Nach weiterm Wandern erscheint ein Engel, lädt zum Aufsteigen in den nächsten Kreis und weht ein P von Dantes Stirn. Eine Stimme preist die Enthaltsamen.

Nicht hemmte Wort das Gehn noch Gehn das Wort,
Fort im Gespräche ging es ohn' Ermatten,
Dem Schiffe gleich, das guter Wind treibt fort.

Und die - so schiens - zweimal gestorbnen Schatten
Sahn staunend mich aus hohlen Augen an,
Da sie lebendig mich gesehen hatten.

Und ich, fortsetzend was ich erst begann,
Sprach: Eines Andern wegen geht der Geist
Langsamer, als er sonst thut, wohl bergan.

Doch sprich: wo ist Piccarda, wenn du's weißt?
Ist unter dieser nach mir schaunden Schar
Jemand, der sich bemerkenwerth erweist?

‘Der Schwester, die so schön wie trefflich war
(Kaum weiß ich, welches mehr), ihr schmückt im hehren
Olymp die Siegesekrone schon das Haar,’

Sprach er, und weiter: ‘Hier kann niemand wehren
Daß man den Namen nennt von einem jeden,
Weil sich die Züg' im Hunger ganz verzehren.

Dies ist - den Finger streckt' er aus beim Reden -
Von Lucca Bonagiunt; Der hinterdrein,
Der an Abmagrung übertrifft jedweden,

Schloß einst im Arm die heilige Kirche ein.
Er war aus Tours und hat hier abzudienen
Bolsenas Aalgericht und Firnewein.’

Noch weiter zeigt' er andere von ihnen;
Gern hörten sie sich nennen, wie es schien,
Denn finster sah ich darum Keines Mienen.

Ich sah umsonst vor Hunger Ubaldin
Von Pila käu'n und Bonifacius,
Dem vieles Volk zu weiden ward verliehn;

Sah Herrn Marchese, der im Ueberfluß
Schwelgt' in Forli mit minder trockner Kehlen,
Und nimmer satt sich fühlte beim Genuß.

Wie Einer vieles schaut um eins zu wählen,
So macht' ich es mit dem von Lucca dort,
Dem auch von mir nicht Kunde schien zu fehlen.

Und wie ‘Gentucca’ klang sein murmelnd Wort,
Das dorther kam, wo ihm gerechte Rache
Das Fleisch hinweggezehrt und eingedorrt.

O Geist, versetzt' ich, der mit mir Zwiesprache
Gern halten möchte, laß mich dich verstehen,
Daß mich und dich dein Wort befriedigt mache.

‘Ein Weib, das Frauenschleir noch nicht umwehen,
Lebt,’ sprach er, ‘ihretwegen wird dir werth
Einst meine Stadt, mag man auch jetzt sie schmähen.

Du kommst dorthin, voraus vom mir belehrt,
Und ob du meinem Murmeln dürfest trauen,
Wird durch die Wirklichkeit dir einst erklärt.

Doch sprich, ob meine Augen Den hier schauen,
Der sang das neue Lied mit dem Beginne:
Die ihr der Liebe kundig seid, ihr Frauen.’

Ich bin ein Dichter, sprach ich, der, wenn Minne
Ihn anweht, aufhorcht, und wie sie geboten,
So schreib' ich, was ich fühlt' in Herz und Sinne.

‘O Bruder,’ sprach er, ‘jetzt seh' ich den Knoten,
Der dem Notar, Guitton' und mir den Stil,
Den süßen neu'n, von dem du sprachst, verboten.

Wohl seh' ich jetzt, wie sorglich euer Kiel
Nur auf dem Fuße folget Amors Lehre;
Wir aber waren weit von solchem Ziel.

Wer drüber weg noch strebt nach höh'rer Sphäre,
Verkennt der beiden Stile Unterschied.’
Er schwieg als ob er nun befriedigt wäre.

Gleich wie der Vögel Volk, das im Gebiet
Des Nils durchwintert, bald sich häuft in Scharen,
Bald schnellern Flugs in einer Reihe zieht,

So sah ich hier geschwindern Schrittes fahren
Von uns, den Blick gewandt, der Leute Hauf,
Die leicht durch Magerkeit und Willen waren.

Und wie, wer müde ward vom raschen Lauf,
Die andern ziehn läßt und geht mit Behagen,
Bis in der Brust das Keuchen höret auf:

So ließ die heilige Schar Forese jagen,
Und wie wir langsam schritten hinterdrein,
Sprach er: ‘Wann wird ein Wiedersehn uns tagen?’

Und ich: Wie lange währt mein irdisch Sein,
Nicht weiß ichs; doch so frühe komm' ich nicht,
Daß ich nicht wünscht', es möchte früher sein.

Denn jener Ort, wo mir zu leben Pflicht,
Läßt Tugend mehr von Tag zu Tage schwinden,
Und scheint verfallen grausamem Gericht.

‘An eines Thieres Schweif seh' ich ihn binden,
Der schuld zumeist, und schleppen ohne Rast
Zum Thal, wo keine Sühne mehr zu finden.

Mit jedem Schritte wächst des Thieres Hast,
Bis es, zertretend seinen Leib, mit schweren
Todwunden ihn läßt liegen schnöd erblaßt.

Nicht viel mehr werden kreisen diese Sphären -
Und er blickt' himmelan -, so wird dir klar
Was dir mein Wort nicht weiter kann erklären.

Doch bleibe jetzt zurück, die Zeit ist rar
In diesem Reich, zu viel würd' ich verlieren,
Ging' ich mit dir gleichschreitend immerdar.’

Wie aus der Ritter Schar, die her stolziren,
Mnachmal hervorsprengt im Galopp ein Reiter,
Des ersten Angriffs Ruhm zu usurpiren:

So ging er von mir, ein gar hastiger Schreiter.
Ich mit den zweien, die auf Erden Horte
Des Ruhmes waren, wanderte nun weiter.

Als Jener nun so weit von unserm Orte,
Daß nachzufolgen ihm mein Blick nicht mehr
Vermochte als mein Geist just seinem Worte,

Da zeigt' ein andrer Fruchtbaum sich mit schwer
Beladnen Zweigen in geringer Ferne,
Weil ich den Blick hin wandt' erst kurz vorher.

Darunter hoben Händ' und Augensterne
Viel Leut' und schrie'n, ich weiß nicht was, hinauf:
So bitten, dummbegehrlich, Kinder gerne,

Und nichts erwidert der Gebetne drauf;
Nein! hält, um recht zu steigern ihr Verlangen,
Was sie begehren, vor dem Blick hoch auf.

Als sie, Enttäuschten gleich, hinweg gegangen,
Gelangten zu dem großen Baume wir,
Zu dem umsonst so Flehn wie Thränen drangen.

‘Ohn' anzurühren geht vorüber hier!
Der Baum, dem der entstammt, steht weiter oben,
Von dem einst Eva aß, zum Unheil ihr.’

So sprach ich weiß nicht wer im Laube droben;
Weshalb Virgil, Statius und ich zur Seite,
Wo sich der Berg hebt, dichtgedrängt uns schoben.

Es sprach: ‘Gedenkt an das vermaledeite
Der Wolk' entsproßne Volk, das weinesreich
Zweibrüstig einst den Theseus rief zum Streite.

Denkt der Hebräer, die beim Trinken weich
Sich zeigten, und die Gideon drum verschmäht,
Als er gen Midian zog hinab den Steig.’

Wie dicht am Saum hin unser Weg so geht,
Vernahmen wir von weicher Gaumenpflege,
Der trauriger Erfolg zur Seite steht.

Dann wieder wallend auf bequemem Wege,
Wohl tausend Schritte zogen wir und mehr,
Still in Betrachtung, und kein Laut ward rege.

‘Was geht ihr drei so einsam sinnend her?’
Sprach plötzlich eine Stimme, daß zusammen
Ich fuhr als ob ein scheues Roß ich wär'.

Ich sah mich um, woher sie mochte stammen,
Und nie in einem Ofen ward gesehen
Metall und Glas so roth und leuchtend flammen

Als hier ich Einen sah. ‘Hier müßt ihr drehen,
Wenns euch gefällt zur Höh' emporzukommen,
Zu der, wer Frieden sucht, hinauf muß gehen.’

Sein Anblick hatt' die Sehkraft mir benommen,
Drum wandt' ich mich zu meinen Lehrern hin,
Wie wer dem folgt, was er durchs Ohr vernommen.

Und wie, des Morgenroths Verkünderin,
Die Mailuft bebt und duftet, ganz durchwoben
Vom Hauch der Blumen, würzend jeden Sinn,

So fühlt' ich auf der Stirne mitten droben
Ein Lüftchen und empfand des Flügels Schwingen,
Von dem das Ambraduften sich erhoben.

‘Gesegnet sei,’ so hört' ich es erklingen,
‘Wen Gnade so erleuchtet, daß der Kehle
Gelüst' ihm nicht so sehr die Brust bezwingen,

Denn nach Gerechten hungert seine Seele.’


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 25
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 25

Auf Dantes Frage, wie es komme, daß Schatten abmagern können, erwidert, von Virgil aufgefordert, Statius mit einer Darlegung des Verhältnisses zwischen Leib und Seele und einer Schilderung des physiologischen Vorgangs der Zeugung und Entwicklung. So gelangen sie zum siebenten Kreise, in welchem die Wollüstigen büßen. Flammen brennen hier und nur ein schmaler Pfad am Rande bleibt zum Gehen fei. Durch das Feuer schallt ein Hymnus. Die durch die Flamme laufenden Geister nennen Beispiele der Keuschheit.

Die Stund' erheischt' ein ungesäumtes Steigen,
Es gab die Sonne schon den Mittagskreis
Dem Stier, die Nacht dem Scorpion zu eigen.

Wie Einer, der von Stillestehn nicht weiß
Und, weil Nothwendigkeit ihn treibt allein,
Was auch begegne, vorwärts geht im Gleis:

So traten, einer hinterm andern drein,
Wir in die Kluft, wo wir die Trepp' erstiegen,
Die nie zwei Steiger läßt selbander ein.

Und wie der junge Storch aus Lust zu fliegen
Die Schwingen hebt, um gleich, weil er nicht wagt
Das Nest zu lassen, wieder sie zu schmiegen:

So war in mir aufflammend und verzagt
Des Fragens Lust, bis daß ich schien wie Der,
An dem man sieht, gern hätt' er was gesagt.

Mein süßer Hort, eilt' er auch noch so sehr,
Bemerkt' es: ‚Schnelle los des Wortes Bogen,
Der bis zum Schloß gespannt ist,’ sagte er.

Ich that den Mund auf, zum Vertraun bewogen,
Und sprach: Ists möglich, daß man mager werde
Wo kein Bedrüfniß hin zur Kost gezogen?

‚Gedächtest du des Brandes auf dem Herde,
Der, brennend, zehrte Meleagern hin,
So macht,’ sprach er, ‚dies dir nicht Beschwerde.

Erwögst du, wie das Bild im Spiegel drin,
Sobald ihr zuckt, auch zuckend wird erfunden,
So schiene weich was hart scheint deinem Sinn.

Doch daß nach Lust du dieses mögst erkunden,
So ist hier Statius, den ich ruf' und bitte,
Daß er ein Heiler sei für deine Wunden.’

‚Erklär' ich ihm der ewigen Dinge Sitte,’
Sprach er, ‚wenn du dabei, mag das mich nur
Entschuldigen, daß ich nachkam deiner Bitte.’

Und er hob an: ‚Wenn meine Worte Spur,
O Sohn, dein Sinn folgt, wirst du bald belehrt
In dieser Frage Wesen und Natur.

Vollkommnes Blut, das nicht wird aufgezehrt
Von durstigen Adern, bleibt zurücke wieder
Wie Mahlesreste, dran man sich genährt.

Es nimmt Gestaltungskraft für alle Glieder
Des Menschen in dem Herzen, jenem gleich,
Das, Glieder bildend, strömt die Adern nieder.

Nochmals gereinigt, sinkt es nun sogleich
Zum Glied, das man nicht nennt, und träuft von dort
In fremden Bluts natürliches Bereich.

Hier eint sich eins dem anderen sofort,
Zum Leiden dies, zum Schaffen das gemacht;
So dedel ist, dem es entquillt, der Ort.

Dort angelangt, wird wirksam seine Macht,
Erst durch Gerinnen, dann wirkt es belebend
Was es als seinen Stoff zum Stehn gebracht.

Die thätige Kraft, nunmehr als Seele webend,
Von Pflanzenseelen so verschieden bloß,
Daß dies' am Ziel, zum Ziel erst jene strebend,

Schafft Regung und Gefühl, wie sie im Schoß
Des Meers der Schwamm hat, allgemach gestaltend
Der Kraft Organe, die aus ihm entsproß.

So wirkt die Kraft, sich dehnend und entfaltend,
Die aus des Zeugers Herzen stammt, worin
Natur wohnt, aller Glieder Stoff enthaltend.

Wie aus dem Thier ein Mensch wird, sieht dein Sinn
Noch nicht; indeß dem Irrthum gab in eben
Dem Punkt ein Klügrer schon als du sich hin.

Er nahm getrennt in seiner Lehre neben
Der Seele an den fähigen Verstand,
Weil kein Organ er diesem sah gegeben.

Schließ' auf der Wahrheit, die nun kommt, die Wand
Des Geistes; wisse, wenn im Embryo
Die Gliederung des Hirns ihr Ende fand,

Kehrt solchem Kunstwerk der Natur sich froh
Der Urbeweger zu, und neuen Geist
Haucht er ihm ein, mit Kraft begabet so,

Daß, was dort thätig ist, er an sich reißt,
Und so als fühlende, lebendig eine,
In sich gekehrte Seele sich erweist.

Daß minder staunenswerth dies Wort dir scheine,
Denk' an die Sonnengluth: mit Saft, der innen
Der Reb' entquillt, gepaart, wird sie zu Weine.

Wenns dann der Parze fehlt am Lein zum Spinnen.
Löst sie vom Fleisch sich und im Keime trägt
Sie Göttliches und Menschliches von hinnen.

Wenn jede andre Kraft des Ruhens pflegt,
Bleibt ihr Erkenntniß, Willen und Verstand
In Wahrheit mehr als früher angeregt.

Sie fällt nun auf den einen Uferrand
Von selber, wunderbar, unaufgehalten:
Und hier wird ihr zuerst ihr Weg bekannt.

Sobald ein Raum daselbst sie festgehalten,
Strahlt Bildungskraft aus ihr, die ihr entquoll
Als im lebendigen Leib sie durfte walten.

Und wie die Luft, wenn sie des Regens voll,
Von fremdem Strahl, der in ihr widerscheinet,
Empfängt verschiedner Farben bunten Zoll,

So wird die nächste Luft zur Form vereinet,
Die ihr die Seel' als ihrer Kraft Gepräge
Verlieh, sobald in sie gebannt sie scheinet.

Und jenem Flämmchen gleich, das allewege
Dem Feuer folgt, wohin es auch mag gehen,
So folgt die neue Form des Geistes Wege.

Weil er durch sie läßt äußerlich sich sehen,
Heißt Schatten sie und läßt für einen jeden
Der Sinn' Organe, die man sieht, entstehen.

So kommt es, daß wir Schatten lachen, reden
Und Seufzer bilden ebenso wie Thränen,
Wie du am Berg gesehen hast jedweden.

Und je nachdem uns nun beherrscht ein Sehnen
Und sonstiger Trieb, gestaltet sich der Schatten;
Das ists worüber du gestaunt bei Jenen.’

Als wir erreicht die letzte Marter hatten
Und oben uns zur Rechten hingewandt,
Mußt' andre Sorge unsern Blick umschatten.

Hier schleudert Flammen aus die Felsenwand,
Nach oben haucht der Sims ein Windeswehen,
Das sie zurückwirft, von ihm trennt und bannt.

Drum mußten wir, eins nach dem andern, gehen
Am offnen Rand; das Feuer scheut' ich dort,
Hier bebt' ich mich herabgestürzt zu sehen.

Mein Führer sprach zu mir: ‚An diesem Ort
Muß man die Augen streng im Zügel halten,
Denn wenig fehlt, so reißt uns Irrthum fort.’

‚O höchster Gott der Gnade!’ also schallten
Gesäng' im großen Feuer mitten drin,
Daß hinzuschaun ich mich nicht konnt' enthalten.

Und Geister wallten durch die Flammen hin;
Auf ihren Schritt und meinen wandt', im Kreise
Umschauend, ich abwechselnd Blick und Sinn.

Und als zu Ende war des Hymnus Weise,
Rief alles laut: ‚Ich weiß von keinem Mann;’
Dann wiederholten sie den Hymnus leise.

Als dies zu Ende, wiede rief es dann:
‚Diana blieb im Walde, Helice
Verstoßend, die der Venus Garn umspann.’

Dann priesen, zum Gesang gewandt wie eh,
Sie Fraun und Gatten, die da keusch geblieben,
Wie Tugend es erheischt und Pflicht der Eh'.

Und so abwechselnd wird es fort getrieben,
So lang die Gluth sie brennt, zu jeder Stunde;
Durch solche Nahrung und solch sorglich Ueben

Muß sich auch schließen noch die letzte Wunde.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 26
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 26

Die Schatten staunen über Dantes Körperlichkeit und einer befragt ihn. Noch ehe er antworten kann, kommt eine Schar von Schatten der hier weilenden entgegen; sie umarmen und küssen sich und eilen dann an einander vorüber. Der Schatten, der vorher gesprochen, belehrt Dante, daß hier die Wollust bestraft wird und die beiden Scharen verschiedene Arten derselben büßen. Er selbst gibt sich als Guido Guinicelli zu erkennen. Dante preist ihn als seinen Vorgänger im Dichten. Guido aber, das Lob ablehnend, weist auf den Troubadour Arnaut Daniel als ausgezeichneter hin. Dante spricht diesen an und Arnaut erwidert in provenzalischen Worten.

Indeß wir so, eins nach dem andern, gingen
Am Rande hin, sprach oft mein gut Geleite:
‘Hab Acht, laß dir mein Mahnen Nutzen bringen!’

Die Sonne traf mich auf der rechten Seite
Und wandelte was blau gestrahlt vorher
In Weiß rings an des Abendhimmels Weite.

Durch meinen Schatten schien die Gluth noch mehr
Hochroth zu glühn; ich sah, daß auf dies Zeichen
Viel Schatten merkten, als ich schritt einher.

Zum Anlaß mußte dies für sie gereichen
Von mir zu reden, und sie hoben an:
Der scheint uns Schattenkörpern nicht zu gleichen.’

So viel sie konnten, machten einige dann
Sich auf mich zu, doch stets mit dem Bedachte,
Daß sie nicht träten aus des Feuers Bann.

‘Du, den nicht Trägheit, sondern Ehrfurcht machte
So langsam wandeln hinter Jenen, sprich
Mit mir, der ich in Durst und Flamme schachte.

Dein Wort ist nöthig, nicht allein für mich;
Kein Mohr und Inder dürstet nach dem kalten
Springquell wie alle danach sehnen sich.

Sprich, wie hat doch dein Leib so aufgehalten
Die Sonn' als Mauer, gleich als wärst du nicht
Verstrickt schon in des Todesnetzes Falten?’

So sprach von ihnen einer, und Bericht
Hätt' ich gegeben, wenn mir nicht ein neuer
Anblick gefesselt Augen und Gesicht.

Denn auf des Weges Mitte, der voll Feuer,
Kam, jenen grad entgegen, jetzt ein Haufen,
Drob blieb ich in Betrachtung stehn, in scheuer.

Von beiden Seiten sah ich eilig laufen
Die Schatten und sich mit einander paaren,
Die kurze Zeit mit Küssen auszukaufen.

So sieht man der Ameisen braune Scharen
Mit ihren Rüsseln sich einander nahn,
Um, wie es geh' und stehe, zu erfahren.

Sobald der Freundesgruß war abgethan,
Fing, ehe sie den Weg von dannen nahmen,
Die Schar wetteifernd laut zu rufen an.

‘Sodom, Gomorra!’ schrie'n die eben kamen,
Und die: ‘Pasiphae kroch in die Kuh
Aus geiler Lust nach eines Stieres Samen.’

Wie Kraniche, die den Riphäen zu
Theils fliegen, theils zum Wüstensand - die einen
Suchen vor Frost, vor Gluth die andern Ruh' -

So sah man fortgehn eine Schar, erscheinen
Die andre, beide zu dem Ruf, der ihnen
Entsprach, rückkehrend und zu Lied und Weinen.

Die mich zu bitten schon zuvor erschienen,
Sie kamen wieder zu mir her gegangen,
Voll Sehnsucht, mich zu hören, in den Mienen.

Ich, der zweimal gesehen das Verlangen,
Begann: ‘O Seelen, die ihr sicher seid,
Wann es auch sei, den Frieden zu erlangen!

Nicht reif noch unreif blieb des Leibes Kleid
Mir jenseits, lebend durft' er her sich wagen,
Und Blut und Muskeln geben mir Geleit.

Aufsteig' ich, mich der Blindheit zu entschlagen,
Ein Weib erwirbt die Gnade mir dort oben,
Dies Sterbliche durch eure Welt zu tragen.

Doch wenn ihr eurer Sehnsucht bald enthoben
Wollt werden, daß der Himmel euch umfange,
Der, lieberfüllt, am weitesten erhoben,

Sprecht, daß mein Lied auch davon Kund' erlange,
Wer seid ihr, und wer ist der Haufe, der
In eurem Rücken eilt mit raschem Gange?’

Nicht stutzt und staunet vor Verwundrung mehr
Der Bergbewohner, wenn er unerfahren
Und wild zur Stadt kam, und gafft um sich her,

Als jeder Schatten hier schien zu gebahren;
Doch als des Staunens, deß sich bald entheben
Die Herzen Edler, sie entledigt waren,

Begann der uns gebeten erst so eben:
‘O Glücklicher, der du an unserm Strande
Erfahrung sammelst für ein beßres Leben!

Die nicht mit uns kommt, jene Schattenbande,
Sündigt' in dem, weshalb man ‘Königin’
Schalt Caesarn beim Triumphe, ihm zur Schande.

Drum ‘Sodom’ rufend, gehen sie dahin,
Zum Vorwurf sich, und stärken noch die Kraft
Der Gluth durch Scham, wie du gehört vorhin.

Doch unser Laster - es ist zwitterhaft;
Weil wir, statt menschliches Gesetz zu wahren,
Gleich Thieren folgten schnöder Leidenschaft,

Tönt uns zur Schande stets, wenn unsre Scharen
Sich trennen, Jener Name, die im Vieh
Von Holz gepflogen viehisches Gebahren.

All' unsre Art und Schuld, jetzt kennst du sie.
Willst du noch unser aller Namen kennen,
Nicht weiß ich sie, käm' auch zu Ende nie.

Was mich betrifft, will ich mich gern dir nennen,
Bin Guido Guinicelli; weil in Reue
Ich starb, darf ich schon hier mich läuternd brennen.’

Wie bei Lycurgus Schmerz, als sie die treue
Mutter erblickten, thaten die zwei Söhne.
So ich - ob den Vergleich auch ganz ich scheue -

Als ich ihn nennen hörte, der das schöne
Vorbild für mich und all der Meister Schar,
Die je gesungen süße Liebestöne.

Den Blick auf ihn, in Sinnen ganz und gar,
Nicht redend und nicht hörend, ging ich lang
Dem Feur nicht nahend, weil ich bange war.

Als ich an ihm gestillt des Sehnens Drang,
Bot ich mich ihm mit der Betheurung Schwur
Dienstwillig an, die Glaueben stets errang.

Und Er: ‘Es läßt, was ich von dir erfuhr,
In mir so hell Erinnern, daß verloren
In Lethe nie geht seine dunkle Spur.

Doch sprich, wenn Wahrheit mir dein Wort geschworen,
Was ist der Grund, weshalb in Blick und Wort
Du mir bezeugt, daß mich dein Herz erkoren?’

Und ich drauf: Eurer Lieder süßer Hort,
Die stets, so lang die neue Dichterweise
Besteht, und werth euch machen fort und fort.

‘O Bruder, Jener’ - und er zeigt' im Kreise
Auf einen - ‘den mein Finger nimmt zum Ziele,
Errang der Muttersprache höhre Preise.

Im Liebeslied und im Romanenstile
Besiegt' er all', und thöricht reden Die,
Die meinen, daß der Preis auf Guiraut fiele.

Auf Ruf mehr als auf Wahrheit schauen sie,
Und ihre Meinung festigen sie schon,
Eh sie Gehör der Kunst und Einsicht lieh.

So that man oft vor Zeiten mit Guitton,
Den jeder pries, weil andre so geschrien,
Bis ihr Geschrei besiegt der Wahrheit Ton.

Und wenn so hoher Vorzug dir verliehn,
Daß dirs erlaubt, das Kloster zu betreten,
Wo Christus selber Abt ist, woll' an ihn

Gewandt ein Vaterunser für mich beten,
Soviel uns nöthig thut in dieser Welt,
Wo Sünde nicht mehr uns kann nahe treten.’

Dann räumt' er einem anderen das Feld,
Der nächst ihm ging, im Feuer schwand er dann,
Gleich wie der Fisch im Wasser niederschnellt.

Ich trat zu dem, den er mir zeigt', heran:
Ich hab' im Herzen solchen Wunsch getragen,
Daß mich eur Name nur erfreuen kann.

Darauf begann freimüthig er zu sagen:
‘Iur höfschiu bete gît mir vröuden rât
Sô sêre deich niht mac noch wil gedagen.

Ich bin Arnalt, der weinde in sange gât;
Swie mich mîn altiu tumpheit müejen müge,
Doch tuot mich wünne vrô, diu mich enphât.

Ich bite iuch durch die kraft, diu iuwer vlüge
Zer hohe huop dâ vrost noch hitze schadet,
Daz mînes leides iuwer muot gehüge.’

Dann schwand er in der Gluth, die rein ihn badet.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 27
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 27

Der Abend bricht an. Ein Engel ladet zum Eintritt in die Flammen. Dante bebt zurück und Virgil weiß ihn nur dadurch zum Eintritt zu bestimmen, daß er ihm zuruft, jenseits dieser Flamme erwarte ihn Beatrix. Dante stürzt sich hinein. Sie schreiten dann auf den Gipfel des Berges zu. Die Nacht sinkt herab. Im Schlafe hat Dante gegen Morgen eine Vision: ein blumenpflückendes Weib erscheint ihm. Es ist Lea, das Bild des thätigen Lebens, im Gegensatze zu ihrer Schwester Rahel, dem Bilde des beschaulichen Lebens. Virgil erklärt ihm, daß er ihn hier verlasse. Fortan dürfe er dem eigenen, geläuterten und mit Gott geeinten Willen folgen.

Wie wenn dorthin den ersten Strahl vom Tage
Die Sonne schießt, wo, Der sie schuf, sein Blut
Vergoß, und überm Ebro steht die Wage,

Und wenn vom Mittag glüht des Ganges Flut -
So stand die Sonn', als schon der Tag entschwand,
Da naht' ein Engel Gottes frohgemuth,

Der außerhalb der Flamm' am Rande stand;
Und ‘Selig die da reinen Herzens!’ scholl es,
Ein Ton, wie er auf Erden nicht bekannt.

Drauf sprach er: ‘Heilige Seelen, weiter soll es
Nicht gehn ohn' Feuerprüfung; kommt herein,
Nicht taub dem Singen, denn vom Himmel quoll es.’

So sagt' er, als wir ihm genaht; allein
Wie dem, den man begräbt, zur Gruft ihn senkend,
Ward mir, als dieses Wort auf mich drang ein.

Ich bog mich vorwärts, Hand in Hand verschränkend,
Und blickt' ins Feuer, mit lebend'gem Sinn
Verbrannter Körper, die ich sah, gedenkend.

Die guten Führer schauten nach mir hin.
‘Mein Sohn’, begann zu mir nun Mantuas Seher,
‘Wohl Qualen, doch nicht Tod gibt es hier drin.

Erinnr', erinnre dich! Bot ich schon eher
Auf Geryons Rücken treu Geleit dir dar,
Was werd' ich jetzt thun, da ich Gott viel näher!

Sei deß gewiß, wenn du auch tausend Jahr
Verbliebest hier in dieser Flammen Runde,
Sie machten dich nicht kahler um ein Haar.

Und glaubst du, Täuschung red' aus meinem Munde,
Tritt hin und schaffe mit eigner Hand
An deines Kleides Saum gewisse Kunde.

Wirf ab, wirf ab den Kleinmuth! her gewandt
Nach mir zu schreite zuversichtlich weiter.’
Doch ich, nicht horchend dem Gewissen - stand.

Als mich noch starr und fest sah mein Begleiter,
Sprach er bewegt: ‘Sohn, Beatrice und dich
Trennt einzig dieser Mauer Raum, kein zweiter!’

Wie schon im Sterben Pyrams Auge, sich
Bei Thisbes Namen öffnend, auf sie schaute,
Als roth die Maulbeer sich gefärbt - so ich

Blickt' auf den weisen Führer bei dem Laute
Des Namens, der im Geist mir immer quillt,
Weil jetzt des Willens starre Rinde thaute.

Dann schüttelt' er das Haupt und sagte mild:
‘Willst du noch bleiben?’ Und er lächelt leise,
Wie wenn des Kindes Trotz ein Apfel stillt.

Dann trat er vor mir ein zum Flammenkreise,
Drauf ich, und Statius folgte hinterdrein,
Der zwischen uns erst ging auf unsrer Reise.

Jetzt war ich drin: in siedend Glas hinein
Würd' ich gestürzt mich haben, mich zu kühlen,
So sonder Maß war hier der Hitze Pein.

Mein süßer Vater, mir den Muth, den schwülen
Zu heben, sprach von Beatrice nur
Im Gehn: ‘Schon mein' ich ihren Blick zu fühlen.’

Und eine Stimme von des Jenseits Flur
Führt' uns; sie sang, ihr lauschend traten wir
Heraus, wo auf zur Höhe steigt die Spur.

‘Kommt, o Gesegnete des Vaters ihr!’
Klang es aus einem Glanze, der zerrinnen
Macht' allbewältigend die Sehkraft mir.

‘Der Abend naht, die Sonn' entweicht von hinnen,’
Erklangs, ‘beeilt den Schritt, nicht haltet ein!
Eh dunkle Schatten aufzuziehn beginnen.’

Ansteig der Weg derart durch das Gestein,
Daß meinen Schatten auf die Felsenleiter
Warf vor mir der schon müden Sonne Schein.

Wir waren nur um wenig Stufen weiter,
Da merkten wir am Schatten, der zerronnen,
Der Sonne Scheiden, ich und die Begleiter.

Und eh den gleichen Anblick noch gewonnen
Des Horizontes unermeßne Kette
Und seine Kammern all die Nacht umsponnen,

Wählt' eine Stufe jeder sich zum Bette;
Uns nahm die Möglichkeit, daß wir noch stiegen,
Des Bergs Natur, auch dem, der Luft noch hätte.

Gleichwie beim Wiederkäuen wohl die Ziegen,
Die um die Gipfel mit behendem Muth,
Eh sie gesättigt, klommen, stille liegen

Im Schatten bei der heißen Sonnengluth,
Indeß, auf seinen Stab gelehnt, der treue
Geißhirt sie hütet und so wachend ruht,

Und wie der Schäfer ruhig auf der Streue
Pflegt draußen bei dem Vieh zu übernachten,
Acht habend daß kein Raubthier es zerstreue:

Gleich ihnen waren jetzt wir Drei zu achten,
Die Geiß ich, jene, die wie Hirten waren,
Und rechts und links der Felsen steile Wachten.

Nicht viel vom Draußen war hier zu gewahren,
Doch durch das Wenige sah ich, größer viel
Und leuchtender als sonst, der Sterne Scharen.

Wie cih so sann udn auf sie sah, befiel
Mich Schlaf, der Schlaf, der manche Dinge kennt,
Eh sie gekommen zu des Daseins Ziel.

Die Zeit wars, glaub' ich, wo vom Orient
Den Berg Cytherens Stern hellstrahlend schmückte,
Der, scheint es, stets in Liebesfeuer brennt,

Als mir der Traum ein Weib vor Augen rückte,
Auf einer Aue, schön, in Jugendglanz,
Sie sang und sprach, indem sie Blumen pflückte:

‘Wem noch ein Name fremd, er wiss' ihn ganz:
Ich bin die Lea, die die schönen Hände
Ringsum bewegt, zu winden einen Kranz.

Ich schmücke mich, auf daß ich schön mich fände
Im Spiegel; Schwester Rahel unverrückt
Sitzt vor dem ihren Tag und Nacht ohn' Ende.

Ihr schönes Aug' zu sehn macht sie entzückt,
Und mich ergötzt mit Händen mich zu schmücken,
So daß sie Schau'n, und Handeln mich beglückt.’

Die Helle bei des Tages Näherrücken,
Die einem Pilger, der der Heimat nah
Geherbergt, füllt die Seele mit Entzücken,

Verscheuchte schon ringsum das Dunkel - da
Wich auch mein Schlaf, ich rüstet' mich zum Steigen,
Da ich schon wach die großen Meister sah.

‘Die süße Frucht, nach der auf so viel Zweigen
Die Menschen schaun als ihrer Sorge Ziel,
Bringt deinen Hunger heute noch zum Schweigen.’

Mit solchen Worten sprach zu mir Virgil,
Und nimmer noch ward ein Geschenk gegeben,
Das gleiche Freud gab und so gefiel.

So sehr kam jetzt mir Streben über Streben
Nach oben, daß bei jedem Schritte weiter
Ich Schwingen fühlte wachsen und mich heben.

Als wir durchmessen nun die ganze Leiter
Und standen auf der höchsten Stufe Spitze,
Da richtete den Blick auf mich mein Leiter.

‘Des zeitlichen und ewigen Feuers Sitze
Sahst du, und kamst dahin, o Sohn,’ sprach er,
‘Wo ich nichts mehr erkenn' aus eigenem Witze.

Mit Kunst und Weisheit führt' ich dich hierher;
Nimm dein Gefallen jetzt zum Fahrtgenossen,
Nicht steil ist mehr der Pfad, nicht enge mehr.

Sie deine Stirn von Sonnenglanz umflossen,
Sieh Gras und Blumen, sieh die Sträucher an,
Die hier von selber aus der Erde sprossen.

Bis freudig dir die schönen Augen nahn,
Die mich zur Hülf' entsandt durch ihre Zähren,
Ruh' oder wandle hier auf dieser Bahn.

Nicht harre mehr von mir auf Wink und Lehren;
Dein Will' ist richtig jetzt, gesund und frei,
Ein Fehler wärs nicht Folg' ihm zu gewähren;

Weshalb ich Kron' und Mitra dir verleih.’


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 28
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 28

Dante betritt den kühlen Hain auf dem Gipfel des Berges; das Laub regt sich im leisen Winde, Vögel singen, ein Bächlein rauscht. Am anderen Ufer desselben sieht er ein blumenpflückendes und singendes Weib. Er bittet sie näher zu kommen; sie tut es und schaut ihn lächelnd an. Zugleich fordert sie ihn auf, wenn er über etwas Auskunft wünsche, zu fragen. Er fragt nach dem Grunde der Windbewegung und der Entstehung des Wassers an dieser Stelle, wo nach früher Gehörtem Wind und Wasser nicht mehr sein könnten, und erhält Auskunft darüber. Die Luft entsteht von der Bewegung der Sphären, das Wasser stammt aus nie versiegender Quelle und bleibt sich immer gleich; es teilt sich in zwei Arme, die Quelle Lethe, die Vergessen der Sünde bewirkt, und Eunoë, die Erinnerung guter Taten erweckt.

Voll Sehnsucht, zu durchforschen rings und innen
Den dichten lebensfrischen Gotteswald,
Der sanft den Morgen milderte den Sinnen,

Verließ ich das Gestad ohn' Aufenthalt,
Langsamen Ganges durch das Feld zu schreiten,
Dem Plane zu, dem ringsum Duft entwallt.

Ein sanfter Hauch, der sich zu allen Zeiten
Gleich blieb, berührte mir die Stirne lind,
So wie er leisen Wind pflegt zu begleiten;

Wodurch das Laub, das leicht sich regt im Wind,
Sich allzumal nach jener Seite neigte,
Wo früh des heiligen Berges Schatten sind.

Doch war die Neigung eine also leichte,
Daß sie nicht hinderte die Vögelschar,
Die auf dem Wipfel ihre Künste zeigte;

Vielmehr in Jubeltönen hell und klar
Erscholl im Laub der ersten Stunde Gruß,
Das ihres Liedes Grundbegleitung war,

Wie Zweig' um Zweige, tauschend Kuß um Kuß,
Rauschen im Pinienwald in Chiassis Gegend,
Wenn den Sirocco freigibt Aeolus.

Schon war ich, lässigen Schrittes mich bewegend,
Im alten Wald und konnte nicht mehr sehen
Wo ich hereintrat - da, sich vor mir regend,

Verhindert mich ein Bach am Weitergehen;
Die kleinen Wellen beugten nach der Linken
Die Gräser, die an seinem Ufer stehen.

Die reinsten Wässer, die auf Erden blinken,
Sie würden doch, mit jenem im Vergleich,
Das nichts verhüllt, ein wenig trübe dünken,

Ob es auch dunkel, immer dunkel gleich
In ewigen Schatten hinfließt und dem Lichte
Von Sonn' und Mond wehrt Zutritt in sein Reich.

Mein Fuß blieb stehen, doch mit dem Gesichte
Schweift' ich den Bach hinüber, rings umher
Zu schaun des Maien Zier, die frische, licht.

Und es schien, wie oft von ungefähr
Ein Ding, das uns erstaunt in solchem Grade,
Daß wir nichts andres können denken mehr,

Ein Weib, das einsam ging, fern vom Gestade,
Und singend aus viel Blumen traf die Wahl,
Die farbenbunt bemalten ihre Pfade.

O schönes Weib, das an der Liebe Strahl
Sich wärmt, wenn ich dem Aeußern darf vertrauen,
Das Zeugniß gibt vom Herzen allzumal,

Laß, bitt' ich, dich doch etwas näher schauen
Am Bache, sprach ich, daß dein Lied ich so
Vernehme, das erklang in diesen Auen.

An Proserpinen mahnt dein Wie und Wo,
Als sie der Mutter ward durch Raub entführet,
Und ihr entführt der Frühling drum entfloh.

So wie beim Tanze sich ein Mägdlein rühret
Und einen Fuß kaum vor den andern setzt,
So dicht am Boden, daß man kaum es spüret:

So wandt' auf roth und gelben Blumen jetzt
Sie sich zu mir, wie eine Jungfrau nieder
Die Augen sittsam schlägt, und so zuletzt

Die Bitt' erfüllend, die ihr nicht zuwider,
Stand sie so nah, daß, wie den süßen Ton,
Ich auch verstand den Inhalt ihrer Lieder.

Sobald sie dort war, wo die Gräser schon
Gebadet wurden von des Bächleins Fluthen,
Schlug sie das Aug' auf mir zu süßem Lohn.

Es strahlte, mein' ich, von so mächtigen Gluthen
Selbst Venus Wimper nicht, als seiner Weise
Zuwider sie des Sohnes Pfeil ließ bluten.

Vom rechten Ufer lächelte sie leise,
Indeß die Hände Blumen, die im Lande
Saatlos entsprießen, pflückten rings im Kreise.

Drei Schritt' ihr fern stand ich am Uferrande:
Den Hellespont, den Xerxes überschritten
(Der allen Menschenstolz noch hält im Bande),

Nicht mehr haßt' ihn Leander, weil inmitten
Abydus er und Sestus floß, als diesen
Ich haßte, weil er wehrte meinen Tritten.

‘Ihr seid,’ begann sie, ‘fremd hier auf den Wiesen,
Und weil ich lächle hier an diesem Ort,
Den Gott zum Nest der Menschheit wollt' erkiesen,

So faßt euch Zweifel und Erstaunen dort.
Doch gibt der Psalm: ‘Herr! du erfreust mich’
Euch Licht und scheucht des Geistes Nebel fort.

Du, der vorangeht und mich fragte, sprich,
Willst du noch weitres hören? denn bereitet
Zu jeder Antwort kam ich williglich.’

Das Wasser und des Waldes Rauschen streitet,
Begann ich, in mir wider einen neuen
Glauben an etwas, was dem widerstreitet.

Und sie: ‘So wird dich mein Bericht erfreuen,
Warum sich das, was dich erstaunt, so fügt;
Er wird den Nebel, der dich drückt, zerstreuen.

Das höchste Gut, das sich allein genügt
Und gut den Menschen schuf, hat ihm zum Pfande
Des ewigen Friedens diesen Ort verfügt.

Durch eigne Schuld weilt' er nicht lang im Lande,
Durch eigne Schuld verkehrt' er harmlos Lachen
Und heitern Scherz in Thränen, Leid und Schande.

Damit die Störung, die die Dünste machen
Des Wassers und der Erde, die so viel
Wie möglich folgen stets der Wärme Sachen,

Nicht lästig sei dem menschlichen Asyl,
Stieg dieser Berg, der frei vom Eingang an
Von Dünsten, auf bis an der Himmels Ziel.

Weil nun, der ersten Himmelswölbung Bahn
Stets folgend, sich im Kreis die Lüfte drehen,
Falls die Bewegung nicht gehemmt sie sahn,

So läßt sich der Bewegung Wirkung sehen
An dieser Höh', die frei in Lüfte strebet,
Und Rauschen muß im dichten Hain entstehen.

Die Pflanze, die von der Bewegung bebet,
Vermag zu schwängern frei mit ihrer Kraft
Die Luft, durch die sie kreisend weiter webet.

Das andre Land, je nach der Eigenschaft
Von Erd' und Himmelsstrich, läßt dann entspringen
Dem Boden Bäume von verschiednem Saft.

Nicht darf es ferner wie ein Wunder klingen
Dem Menschen, der vernommen den Bericht,
Wenn Pflanzen ungesät der Erd' entdringen.

Das du hier siehst vor deinem Angesicht,
Voll, wiss' es, ist dies heilige Gefild
Von Saat und Frucht, die man bei euch nie bricht.

Das Wasser hier aus keiner Ader quillt,
Die Dunst ergänzt, der fest zu Frost geschlossen,
Gleich wie ein Fluß bald mehr bald minder schwillt.

Es ist lebendigem festem Quell entflossen,
Dem stets so viel zurückgibt Gottes Rath
Als nach zwei Seiten offen er ergossen.

Mit der Kraft strömt es auf diesseitigem Pfad,
Die Sünderinnrung tilgt, auf jener Seite
Weckt es Gedächtniß jeder guten That.

Das eine Lethe, Eunoe das zweite
Genannt, und kosten muß man hier und dort
Von beidem, damit Wirkung es bereite.

Ihm gleich ist kein Geschmack, und wenn sofort
Dein Durst sich hiermit völlig könnte stillen,
Ob auch nicht mehr dir offenbart mein Wort,

Geb' ich noch etwas zu aus freiem Willen,
Und wenn ich weiter geh' als ich verhieß,
Bist du nicht minder froh um dessentwillen.

Vielleicht daß, wer in alten Tagen pries
Des goldnen Alters Glück und es besungen,
Ein Traum auf dem Parnaß den Ort ihm wies.

Hier ist die Menschheit sündenlos entsprungen;
Ein ewiger Lenz und jede Frucht ist hier,
Der Nektar dies, den preisen Dichterzungen.’

Als ich mich nach den Dichtern hinter mir
Umsah, bemerkt' ich, ohne Lächeln nicht
Vernahmen sie den letzten Satz von ihr.

Zum holden Weib dann wandt' ich das Gesicht.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 29
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 29

Dante und die beiden andern Dichter folgen dem Gange der auf der andern Seite des Baches wandelnden Mathilde. Jetzt gewahrt er ein Leuchten durch den Wald, das sich vermehrt. Süße Töne erklingen, die Luft wird immer heller. Anruf der Musen. Schilderung des Triumphes der Kirche in einem allegorischen Aufzuge, auf einem von einem Greisen gezogenen Wagen, der von symbolischen Gestalten umgeben ist. Als der Wagen Dante gegenüber ist, ertönt ein Donnerschlag un der Wagen hält an.

Und singend wie ein Weib, das Lieb' erfüllt,
Ließ sie am Schluß der Red' ihr Wort erklingen:
‘Wohl denen, deren Sünden sind verhüllt.’

Und jenen Nymphen gleich, die einsam gingen
Im Waldesschatten, sehnsuchtsvoll die Eine
Zu fliehn die Sonn' und Die, zu ihr zu dringen,

Ging sie des Baches Lauf am Uferraine
Entgegen, ich in gleicher Höhe mit
Und klein gleich ihrem Schritte war der meine.

Nicht hatten wir zusammen hundert Schritt
Gethan, da wandte sich des Ufers Lauf,
So daß ich wieder gegen Morgen schritt.

Auch jetzt nicht lange schritten wir stromauf,
Als ganz zu mir das holde Weib sich wandte
Und sprach; ‘Mein Bruder, schau nun und merk' auf.’

Und sieh! in einem Lichtglanz strahlend brannte
Von allen Seiten rings der große Hain,
so daß mich Zweifel, ob es blitze, bannte.

Doch, wie er kam, vergeht des Blitzes Schein;
Hier sah ich immer hellern Glanz entfalten,
Drum sprach ich zu mir selbst: Was mag das sein?

Und Töne süßer Melodie durchwallten
Die lichte Luft, so daß erzürnt mit Fug
Die Keckheit Evas die Gedanken schalten.

Wo Erd' und Himmel folgsam sich betrug,
Da wars ein Weib nur, eben erst entsprossen,
Das nicht den Schleier vor dem Aug' ertrug.

Denn wenn sie frommen Sinns ihn hielt geschlossen,
Hätt' ich die Wonnen, jene unnennbaren
Weit früher schon und längre Zei genossen.

Wie ich durch so viel Erstlinge der wahren
Glückseligkeit einherging, ganz gespannt
Der Freuden immer mehr noch zu erfahren,

Da ward vor mir wie Feuer hell entbrannt
Deie Luft dort unten jener Zweige Grün;
Süß war der Sang, deß Ton ich nur verstand.

O heilige Jungfrau, wenn ich Hungers Müh'n,
Frost oder Wachen je für euch ertragen,
Ich habe Grund jetzt Lohn zu fordern kühn.

Jetzt laß, o Musenquell, mir Wellen schlagen,
Jetzt mit den Schwestern helf' Urania
In Versen schwer zu denkendes mir sagen.

Drauf stellten sieben goldne Bäume da
Mir vor das Auge der Entfernung Weiten,
Die zwischen mir und ihnen ich noch sah.

Doch als so nah ich kam im Vorwärtsschreiten,
Daß jene Gleichheit, die zum Irrthum zieht,
Mir nicht entgehn ließ die Besonderheiten,

Erkannte jene Kraft, die Unterschied
Die Seele lehret, daß es Leuchter waren,
Und das ‘Hosianna’ in der Sänger Lied.

Viel heller als der Mond noch je am klaren
Nachthimmel in des Monats Mitte strahlte,
Ließ sich der Leuchter flammend Licht gewahren.

Mit einem Blicke, drin sich Staunend malte,
Wandt' sich Virgil mich zu, der nicht geringen
Erstaunens Ausdruck selber heim mir zahlte.

Drauf kehrt' ich wieder nach den hohen Dingen
Das Antlitz hin, die langsam - schneller gehen
Selbst junge Bräute - jetzt uns näher gingen.

Da rief das Weib mir zu: ‘Wie kannst du stehen,
Durchglüht von Luft an dem lebendigen Licht,
Um das was hinterdrein kommt nicht zu sehen?’

Jetzt sah ich, folgend jenen Leuchtern dicht
Wie Führern, Leute weiß gekleidet blinken:
So strahlend Weiß sieht man auf Erden nicht.

Des Baches Wasser glänzte mir zur Linken
Und ließ gleich wie ein Spiegel, wenn hinein
Ich sah, die linke Seit' entgegenwinken.

Jetzt hatt' ich solchen Stand am Uferrain,
Daß mich von ihm schied jenes Bächlein nur.
Um mehr zu sehen, hielt den Schritt ich ein.

Ich sah, wie jedes Flämmchen vorwärts fuhr
Und ließ, als wie vom Pinselstrich gezogen,
Zurück im Luftraum farbiger Streifen Spur.

So war von sieben Streifen dort durchzogen
Der Himmel, ganz in jener Farbenleiter,
Die Lunas Gürtel trägt und Phöbus Bogen.

Nach rückwärts reichte dieses Banner weiter
Als meine Sehkraft, und der Zwischenraum
Der äußern schien mir ein zehn Schritte breiter.

Es nahten unter diesem schönen Raum
Nun vierundzwanzig Greise, stets zu zweit,
Bekränzt mit Lilien, und ich sah sie kaum,

Da tönt' ihr aller Sang: ‘Gebenedeit
Seist unter Adams Töchtern du, gepriesen
Soll deine Schönheit sein in Ewigkeit.’

Kaum daß die Blumen und das Grün der Wiesen
Am Strand mir gegenüber sich nun ganz
Von dem erwählten Volk verlassen wiesen,

Als, wie am Himmel folget Glanz auf Glanz,
Vier Thiere hinter jenen mir erschienen,
Ein jegliches gekrönt mit grünem Kranz.

Sechs Flügel mußten einem jeden dienen,
Die Federn voller Augen, und die Augen
Des Argus, wenn er lebte, glichen ihnen.

Mehr Verse, Leser, würden doch nicht taugen
Um sie zu schildern; fort werd' ich getrieben,
Zu anderm Zwecke meine Kraft zu brauchen.

Doch lies Ezechiel, der sie beschrieben,
Wie er vom kalten Norden sie gesehen
Einher mit Wolken, Sturm und Feuer stieben.

Wie dus in seinen Blättern findest stehen,
So waren sie, nur in Betreff der Schwingen
Muß mit Johannes, nicht mit ihm ich gehen.

Es schloß der Raum, den diese Vier umfingen,
Zweirädrig einen Siegeswagen ein,
Den einen Greif ich sah gezogen bringen.

Zwischen dem Mittelstreif und drei und drein
Hob er die beiden Flügel nun empor
Und schnitt verletzend doch in keinen ein,

So hoch, daß ihn mein Auge bald verlor.
So weit er Vogel, waren Gold die Glieder,
Am andern Leib trat Roth und Weiß hervor,

Nie sah August, nie Africanus nieder
In Rom auf einen Wagen, der so gleißte,
Ja der der Sonne selbst wär' arm dawider;

Der Sonnenwagen, der, als er entgleiste,
Verbrannt' auf Tellus brünstig Flehn um Gnade,
Als Jupiter straft'in gerechtem Geiste.

Drei Frauen kamen an dem rechten Rade
Im Kreise tanzend, also roth die eine,
Sie würde kaum erkannt im Flammenbade.

Die zweite war, als wäre Fleisch und Beine
Smaragd, so leuchtend Grün war ihr verliehn;
Die dritte glich des frischen Schnees Reine.

Die Weiße bald und bald die Rothe schien
den Tanz zu leiten, nach der letztern Tönen
Sah man die andern schnell und langsam ziehn.

Zur Linken, purpurangethan, im schönen
Festreigen sah man die Viere gleich der Einen,
Der ihre Stirn der Augen drei verschönen.

Nach diesem Aufzug sah ich dann erscheinen
Zwei Greise, die verschieden zwar an Tracht,
Doch sich in würdiger Haltung ganz vereinen.

Zu Hippokrats Vertrauten schien gemacht
Der Eine, den Natur den liebsten Wesen,
Die sie erschuf, zum Schutz hervorgebracht.

Der Andre schien zum Gegentheil erlesen,
Mit blankem spitzem Schwert; ich mußte bangen,
Wär' ich auch durch den Fluß geschirmt gewesen.

Drauf kamen, ärmlich anzuschaun, gegangen
Vier andre, hinter allen noch ein Greis
Mit klugem Antlitz, doch von Schlaf umfangen.

Mit jenen frühern waren gleicherweis
Gekleidet diese Sieben, doch es wanden
Um ihre Häupter sich nicht Lilien weiß,

Nein! Rosen sammt viel rother Blumen Banden;
Geschworen hätte, daß da Flammen schlagen
Aus ihren Brauen, auch wer nah gestanden.

Und als mir gegenüber stand der Wagen,
Ertönt' ein Donner, der das Weitergehen
Dem würdigen Volke schien zu untersagen,

Dem still blieb sammt den Fahnen alles stehen.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 30
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 30

Von den vierundzwanzig Alten erhebt einer die Stimme und alle stimmen dreimal ein. Engel bestreuen den Wagen mit Blumen. In der Blumenwolke erscheint Beatrix, roth, grün und weiß gekleidet. Dante fühlt die alte Liebe erwachen und wendet sich tiefbewegt zu Virgil. Dieser aber hat ihn verlassen. Er weint. Beatrix ruft ihn beim Namen. Nach kurzer Pause fährt sie in strenger Rede fort. Die Engel singen, Fürbitte einlegend. Beatrix redet die Engel an, und entwickelt Dantes reiche Begabung und die Schuld, in die er verfallen, nachdem sie der Erde entrückt worden. Es sei zu seiner Rettung kein Mittel als diese Wanderung übrig geblieben. Er müsse bereuen, ehe er in Lethe getaucht werde.

Als still des höchsten Himmels Wagen stand,
Der auf und unter nimmer noch gegangen
Und nun durch Sünd' Umwölkung je gekannt,

Von dem ein Jeder Pflichtenlehr' empfangen,
Gleichwie den Steurer jener lehrt hienieden,
Wie zu dem Hafen kann sein Schiff gelangen:

Da lehrt das Volk, dem Wahrheit ist beschieden,
Das zwischen Greif und Wagen ging vorher,
Zum Wagen sich gleich wie zu seinem Frieden.

Und Einer, wie gesandt vom Himmel her,
Sang laut: ‘Komm, Braut vom Libanon!’ und alle
Nach ihm zu dreien malen gleich wie er.

Wie einst die Seligen beim Posaunenschalle
Erstehen werden aus der Gruft, zu singen
Halleluja mit neuer Stimme Halle;

So sah ich bei der einen Stimme Klingen
Wohl hundert Gottesboten sich empor
Auj jenes göttliche Gefährte schwingen.

‘Heil ihm der kommt!’ so klang es an mein Ohr,
Und ‘Spendet Lilien mit vollen Händen!’
Rief, Blumen streuend um und auf, der Chor.

Oft sah ich schon, nachdem die Nacht ging enden,
Im Ost des Morgenhimmels Rosen blühen,
Wenn lichtes Blau an allen andern Enden,

Beim Aufgehn halb verhüllt die Sonne glühen,
So daß, gemildert durch der Dünste Weben,
Das Auge lang sie anschaut' ohne Mühen.

Also, von einer Blumenwolk' umgeben,
Die sich emporhob aus der Engel Hand,
Um auß- und innen dann herabzuschweben,

Erschien ein Weib mir, gluthroth ihr Gewand,
Ein Kranz von Oellaub auf dem weißen Schleier,
Indeß ein grüner Mantel sie umwand.

Mein Geist, ob auch seit soviel Jahren frei er
Von jenem Bangen ihrer Gegenwart,
Das mich durchbebt' in andachtsvoller Feier,

Wiewohl durchs Aug' ihm noch nicht Kunde ward,
Durch mystische Kraft, die von ihr ausgeflossen,
Empfand der alten Liebe Macht und Art.

Und als nun in mein Auge sich ergossen
Die hohen Kräfte, die mich einst bezwangen,
Eh meiner Kindheit Tage noch verflossen,

Da wandt' ich mich zur Linken scheu befangen,
Gleich wie ein Kind, zur Mutter fliehend, thut,
Wenn es betrübt ist oder fühlt ein Bangen,

Um zu Virgil zu sagen: Meinem Blut
Ist nicht ein Tropfen, der nicht bebt, gelassen;
Die Zeichen kenn' ich alter Liebesgluth.

Doch, sein beraubt, hatt' uns Virgil verlassen,
Virgil, der mir der treuste Vater war,
Virgil, dem ich zum Heil mich überlassen.

Nicht konnt' all was die erste Mutter gar
Verlor, den thaugewaschnen Wangen wehren,
Daß Thränen neu sie trübten, hell und klar.

‘Dante, mag auch Virgil von dannen kehren,
Nicht weine drum, noch weine nicht, das Weinen
Ziemt, wenn ein andres Schwert dich wird versehren.’

Wie man den Admiral, den Fleiß der Seinen
Anspornend, sieht auf hohem Schiff ragen,
Und bald am Schnabel, bald am Steur erscheinen:

So sah ich an dem linken Rand vom Wagen,
Als ich beim Klang des Namens mich gewandt,
Den nothgedrungen ich hier eingetragen,

Die Herrin, die mir gegenüber stand,
Und die vorher die Blumenwolk' umlaubte,
Nach mir her schauen vom jenseitigen Strand,

Wiewohl der Schleier, der ihr floß vom Haupte
Und von Minervas Laube war umgossen,
Sie klar zu sehen mir noch nicht erlaubte.

Und sie, von königlichem Stolz umflossen,
Fuhr fort jetzt, dem vergleichbar, der da spricht
Und noch die herbsten Worte hält verschlossen:

‘Ich bin Beatrix - schau' mir ins Gesicht!
Den Berg hier zu ersteigen - hältst dus werth?
Daß glücklich hier der Mensch ist, weißt dus nicht?’

Ich hielt den Blick zum Quell hinab gekehrt;
Ich sah mich drin und wandt' aufs Gras Geschwinde
Das Aug', von solcher Scham die Stirn beschwert.

So scheint die Mutter streng und hart dem Kinde,
Wie sie mir schien, weil bitter zu genießen
Des Mitleids Kost, das herb und wenig linde.

Kaum schwieg sie, als Gesang ertönen ließen
Die Engel: ‘Herr, gehofft hab' ich auf dich!’
Doch, um mit ‘pedes meos’ schon zu schließen.

Wie auf Italiens Rücken härtend sich
Der Schnee verdichtet zwischen frischen Stämmen,
Wenn kalt Slavoniens Wind darüber strich,

Bis warmer Hauch weht auf den Bergeskämmen
Von Süden her, um ihn, der Kerze gleich
Im Feur, in sich versickernd wegzuschwemmen:

So ohne Thrän' und Seufzer stand ich bleich
Bis zum Gesange Jener, deren Klänge
Den Klängen folgen aus dem ewigen Reich.

Doch als ich in dem süßen Tongedränge
Ihr Mitleid spürt', als ob dies Wort: ‘Warum
Ihn so vernichten, Herrin?’ draus erklänge:

Da ward das Eis um meine Brust herum
Zu Hauch und Wasser, und es strömt' in Thränen
Und Seufzern, was zuvor war kalt und stumm.

Sie aber, fest noch an des Wagens Lehnen
zur Linken stehend, hob so an: ‘Ihr wacht,
Ihr Engel,’ sprach sie hingewandt zu Jenen,

‘Im ewigen Tage, so daß weder Nacht,
Noch Schlummer euch nur einen Schritt entziehn,
Den je die Zeit auf ihren Bahnen macht.

Drum fass' ich meine Worte mehr für Ihn,
Daß er mich höre, der dort steht in Zähren,
Und Schmerz ihm sei nach Maß der Schuld verliehn.

Nicht nur durch Wirkung jener hohen Sphären,
Die jeden Samen läßt sein Ziel erreichen,
Je wie begleitend Sterne es gewähren,

Nein! auch durch Gottes Gnade, die mit reichen
Thauströmen träuft aus Höh'n, die so sich heben,
Daß unser Auge nicht hinan kann reichen,

Ward Dieer so in seinem jungen Leben
Begabt, daß seine Kraft, gut angewandt,
Hätt' eine wunderbare Frucht ergeben.

Doch wilder und verderbter wird das Land,
Wird schlechte Saat und Anbau ihm zu theile,
Je mehr sich gute Kraft im Boden fand.

Mein Antlitz hielt ihn aufrecht eine Weile,
Und ihm die jugendlichen Augen zeigend,
Führt' ich ihn mit mir graden Weg zum Heile.

Als ich, des zweiten Alters Schwell' ersteigend,
Starb, und mir neues Leben ward gewährt,
Entzog er mir sich, andrem zu sich neigend.

Als ich vom Fleisch zum Geist emporgekehrt
Und die Schönheit mir gewachsen war und Tugend,
Ward ich ihm minder lieb und minder werth.

Zu falschem Wege wandt' er seine Jugend,
Nach eines trügerischen Glückes Schimmer,
Das das Versprochne nie erfüllet, lugend.

Nicht half es, ob ich Zeichen auch ihm immer
Erfleht' und ihm im Traum und andrer Art
Zurücke rief; er achtete sie nimmer.

Er sank so tief, daß unzulänglich ward
Jedwedes Mittel, das zum Heil ihn führe;
Es blieb nur zum verlornen Volk die Fahrt.

Drum kam ich selber zu der Todten Thüre,
Daß Den, der ihn heraufgeführt den Pfad,
Dazu mein weinend Bitten treib' und rühre.

Gebrochen wäre Gottes hoher Rath,
Durchschritt' er Lethe, und ließ' ich genießen
Ihn solche Frucht, ohn' daß er bezahlt er hat

Der Reue Zoll, die Thränen macht vergießen.’


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 31
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 31

Beatrix wendet sich jetzt an Dante und hält ihm sein Schuld vor, indem sie ihm vorstellt, wie er nach ihrem Tode hätte sein und werden müssen. Er bekennt weinend seine Schuld. Sie fordert ihn auf, sein Antlitz zu erheben, um zu schauen, was er verloren. Die Blumenwolke ist verschwunden. Noch deckt sie der Schleier. Nun faßt ihn Mathilde, taucht ihn in Lethe ein und zieht ihn durch die Fluth ans andere Ufer. Die vier Frauen stellen ihn vor den Greisen hin, dessen Bild er in Beatricens Augen gespiegelt sieht. Die drei anderen Frauen nahen sich; auf ihre Bitte nimmt Beatrix den Schleier ab.

‘Du jenseit dort am heiligen Strom’ - so kehrte
Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich,
Die mit der Schneide schon mich scharf versehrte.

Und ohne Säumen fuhr sie fort: ‘O sprich,
Sprich, hab' ich wahr geredet? auf so schwer
Beschuldigen ziemt dein Geständniß sich.’

Gebrochen war all meine Kraft so sehr,
Daß sich die Stimme regt'; eh von der Kehle
Sie sich gelöst, starb sie jedoch vorher.

Ein wenig harrend: ‘Was sinnt deine Seele?’
Sprach sie, ‘gib Antwort! noch nicht hat benommen
Dir Lethe die Erinnrung deiner Fehle.’

Furcht und Verwirrung preßten bang beklommen
Ein Ja aus meinem Mund hervor, so leise,
Daß mit dem Aug' es nur ward wahrgenommen.

Gleich wie die Armbrust, allzu straffer Weise
Gespannt, losgehend Bogen sprengt und Strang,
Daß minder schnell der Bolzen fliegt die Reise:

So brach ich unter solcher Lasten Zwang
Zusammen, Seufzer quollen vor und Thränen,
Und meine Stimme stockt' auf ihrem Gang.

Und sie zu mir: ‘Trieb dich mir nach ein Sehnen,
Das dich nach jenem Gute lehrte streben,
Darob hinaus nichts höhres zu ersehnen,

Was fandest du für vorgezogne Gräben
Und Ketten, die dir so den Muth benommen,
Daß du das Vorwärtsdringen aufgegeben?

Und welcher Vortheil, welch Entgegenkommen
Zeigt' auf der Stirne jener andern sich,
Daß du zu ihnen lieber mochtest kommen?’

Nach einem Seufzer tief und bitterlich
Fand ich zur Antwort Stimme kaum, und hart
Gelang der Worte Form dem Mund, als ich

Mit Thränen sprach: Mich ließ der Gegenwart
Trugvolle Lust den wahren Weg verkennen,
Als euer Antlitz mir entzogen ward.

Drauf sie: ‘Und hättest du auch nicht bekennen
Gewollt, drum wäre minder kundbar nicht
Die Schuld, die deines Richters Augen kennen.

Doch wenn hervor aus eignem Munde bricht
Der Schuld Anklage, dann kehrt sich entgegen
Das Rad der Schneid' an unserem Gericht.

Allein daß größre Scham du mögest hegen
Ob deines Irrthums, und wenn die Sirenen
Du wieder hörst, dich stärker mögest regen,

So hemme jetzt die Quelle deiner Thränen,
Und höre, wie mein Leib, der Erd' entrückt,
Sollt' umgekehrten Weges ziehn dein Sehnen.

Nie hat Natur, nie Kunst dich so entzückt,
Wie jener schöne Leib, der mich umfangen,
Und dessen Staub nun längst die Erde drückt.

Und ward durch meinen Tod dein höchst Verlangen
Getäuscht, welch sterblich Wesen durfte dich
Noch locken fernerhin, an ihm zu hangen?

Es ziemte bei dem ersten Angriff sich,
Den trügerischen Dingen zu entfliehen,
Hinauf, mir nach, die nicht mehr jenen glich.

Nicht erdwärts durften dir die Flügel ziehen,
Noch mehr dich zu berücken, Mägdelein
Und andrer Tand, dem flüchtiger Reiz verliehen.

Man täuscht den jungen Vogel wohl zu zwein
Und dreien Malen, doch die flüggen gehen
Nicht auf den Leim, sei 's Netz auch noch so fein.’

Wie Kinder, die vor Scham verstummend stehen,
Das Aug' am Boden, hören bang beklommen,
Weil sie die Schuld bereuend eingesehen,

So stand ich da. ‘Wenn das, was du vernommen,’
Sprach sie, ‘dich schmerzt, so hebe deinen Bart:
Es wird vom Schaun noch größrer Schmerz dir kommen.’

Mit mindrem Widerstand entwurzelt ward
Ein mächtiger Eichenbaum, ob von Jarba's Reich
Der Wind weht, ob vom Norden nimmt die Fahrt,

Als ich das Kinn hob auf Befehl sogleich;
Und wie den Bart statt des Gesichts sie nannte,
Verstan ich wohl das Gift in dem Vergleich.

Kaum daß mein Antlitz ich nun aufwärts wandte,
Als ich, daß mit dem Blumenstreuen ein
Die Engel hielten, mit dem Blick erkannte.

Mein Auge sah mit noch unsichrem Schein
Beatrix nach dem Thier gewandt, daß eine
Person, ob zweifach die Naturen sei'n.

Verhüllt vom Schlei'r, jenseits am grünen Raine,
Besiegt' ihr frühres Selbst sie so viel mehr
Als sie die andern hier an lichter Reine.

Der Reue Nesseln brannten mich so sehr,
Daß ich jetzt das am meisten mußte hassen,
Was mir zumeist Lust weckte und Begehr.

So fühlt' ich Selbsterkenntniß mich erfassen,
Daß ich bewältigt hinsank - und wie ich
Mich fühlte, weiß Die mich es fühlen lassen.

Drauf, als die Kraft nach außen wieder sich
Einfand, sah ich das Weib, das ich allein
Gefunden, über mir, und: ‘Fasse mich’,

Rief sie und tauchte bis zum Hals mich ein,
Und gleich dem Weberschiff durchschritt die leichte
Gestalt die Fluth und zog mich hinterdrein.

Da tönt', als ich den seligen Strand erreichte,
‘Entsündige mich!’ so lieblich, daß, erlaubte
Es auch Erinnrung, doch kein Wort dran reichte.

Auf that das schöne Weib die Arm', am Haupte
Mich fassend, tauchte sie so tief mich nieder,
Daß zu ertrinken ich im Wasser glaubte.

Dann zog sie mich empor, dem so die Glieder
Genetzt, und bot mich dar dem Tanz der Vier,
Die mit den Armen mich bedeckten wieder.

‘Am Himmel sind wir Sterne, Nymphen hier,
Bestellt sind wir zu ihren Dienerinnen,
Bevor Beatrix stieg zum Erdrevier.

Wir führen vor ihr Auge dich von hinnen;
Doch für das Licht in ihm wird durch die Drei,
Die tiefer schaun, dein Aug' erst Kraft gewinnen.’

So sangen sie und führten mich dabei
Mit sich von dannen zu der Brust des Greisen,
Wo Sie uns zugewendet stand. ‘Laß frei,’

So sprachen sie, ‘jetzt deine Blicke schweifen;
Wir haben dich vor den Smaragd gestellt,
Draus einst die Liebe flog, dich zu ergreifen.’

Von tausend Wünschen flammenheiß geschwellt,
Zog es den Blick zu jenen Augen hin,
Die auf dem Greifen ruhten glanzerhellt.

Gleich wie die Sonn' im Spiegel, strahlte drin
Das zweigestaltige Thier, und bald der einen
Geberde. bald der andern ward ich inn'.

Daß ich erstaunt, wird euch natürlich scheinen,
Als, in sich ruhig, ich die Sach' entdeckt'
Und doch ihr Bild stets wechselnd sah erscheinen.

Wie meine Seele, staunend, froh erschreckt,
Sich selig fühlte, jene Nahrung speisend,
Die, mit sich sätt'gend, Hunger nach sich weckt,

Da, sich als Wesen höhrer Art erweisend,
Da traten vor jetzt jene andern Drei,
Nach Engelsmelodie in Tanze kreisend.

‘Kehr', o Beatrix,’ sangen sie dabei,
‘Die heiligen Augen deinem Treuen zu,
Der, dich zu schaun, von fernher kam herbei.

O gib die Gnad' aus Gnaden ihm, daß du
Den Mund entschleierst, daß sich ihm erhelle
Die zweite Schönheit, die du deckest zu.’

O ewigen, lebendigen Lichtes Helle,
Wer ward so alt in des Parnasses Schatten,
Wer trank so tief aus seinem lautern Quelle,

Daß hier sein Geist nicht schiene zu ermatten,
Wär' deinen Glanz zu schildern er geneigt,
Wie du, die Himmelsharmonien umschatten,

Den offnen Lüften dich enthüllt gezeigt.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 32
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 32

Dante, in Beatricens Anblick versunken, wird von dem Rufe der drei Frauen erweckt. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung, in der Ordnung wie er kam. An den Baum der Erkenntniß gelangt, steigt Beatrix ab. Der Greif bindet die Deichsel an den Baum, worauf er sich neu begrünt. Unter den Klängen eines himmlischen Hymnus ebtschlummert Dante. Als er aufwacht, sieht er Mathilde über sich und fragt nach Beatriv. Sie sitzt allein unter dem Baume, nur von den sieben Frauen und den sieben Lichtern umgeben während der Greif und das übrige Gefolge verschwunden. In einer nun folgenden Vision, welche Beatrix ihn bei der Rückkehr aufzuschreiben auffordert, sieht er die Schicksale der christlichen Kirche bis auf die Gegenwart.

So fest und starr sahn meine Augen hin,
Zu stillen heißen Durst von zehen Jahren,
Daß mir erlosch jedweder andre Sinn.

Und rechts und links umgab von Nichtgewahren
Sie eine Wand, da in den alten Schlingen
Des heiligen Lächelns sie gefangen waren.

Da plötzlich hört' ich von den Drein erklingen
Ein ‘Allzustarr!’ so daß zur Linken hin
Ich mit Gewalt die Augen mußte schwingen.

Und jener Zustand in dem Auge drin,
Wenn Sonnenstrahlen in dasselbe drangen,
Nahm mir auf kurze Zeit des Schauens Sinn.

Doch als mein Blick Geringres konnt' empfangen -
Geringres sag' ich, dem Zuviel verglichen,
Von dem gewaltsam los die Augen rangen -

Sah ich zur rechten Seite hin entwichen
Die heiligen Scharen, die, den sieben Flammen
Entgegen und der Sonne, rückwärts strichen.

Wie Truppen, die Gefahren eng umklammen,
Abschwenken um die Fahne, von den Schilden
Geschützt, und dann erst drehen allzusammen:

So zog der vordre Theil der Himmelsgilden,
Eh sich der Wagen drehte, all und jeder
An uns vorbei auf seligen Gefilden.

Die Frauen traten wieder an die Räder,
Fort ward die heilige Last vom Greif gezogen,
So daß an ihm sich rührte keine Feder.

Es folgt' die Schöne, die durch Lethes Wogen
Mich zog, Statius und ich des Rades Gange,
Das seine Wendung macht im engern Bogen.

Wir gingen durch den Hain, der, weil der Schlange
Eva geglaubt, steht leer und öde da,
Die Schritte regelnd nach der Engel Sange.

Drei Pfeilschußweiten waren wir beinah,
Begleitend ihren Wagen, schon gekommen,
Als ich Beatrix ihm entsteigen sah.

‘Adam!’ ward flüsternd rings der Ruf vernommen;
Dann scharten alle sich um einen Baum,
Dem Blüth' und Laub an jedem Ast benommen.

Sein Laub, das einnimmt um so breitern Raum,
Je mehr er aufsteigt, fänd' im Land der Inden
An Höh' in Wäldern seines gleichen kaum.

‘Heil, Greif, daß mit dem Schnabel nichts entwinden
Du willst dem Holze, das dem Gaum gefällt,
Denn übel müßte drob der Bauch sich winden.’

So riefen, um den starken Baum gestellt,
Die andern. Drauf das Thier von zwei Gestalten:
‘Das ists was alles Rechtes Saat erhält.’

Die Deichsel, die es zog, schleppt' es zum alten
Verwaisten Baum, an dem es fest sie band,
Ihm lassend, was den Stoff durch ihn erhalten.

Wie unsre Pflanzen, wenn aufs kalte Land
Das große Licht wirft seine Strahlen nieder
Sammt dem Licht, das der Widder hat entsandt,

Anschwellen, und in eigner Farbe wieder
Sich jed' erneut, bevor die Sonn' ins Joch
Schirrt unter anderm Stern der Rosse Glieder:

So ward der Baum, der kahle Zweige noch
So eben wies, verjüngt, und zwar nicht eben
Wie Rosen roth und mehr als Veilchen doch.

Nicht konnt' ich ihn verstehn und hört' im Leben
Den Hymnus nie, den ich jetzt hörte singen;
Ein schlief ich, eh die letzten Tön' entschweben.

Könnt' ich beschreiben, wie des Schlummers Schwingen
Die Augen trogen bei Mercurs Erzählen,
Die strengen Augen, die drum Straf' empfingen,

Dann würd' ich danach, gleich wie Maler wählen
Ein Vorbild, malen, wie mich Schlaf bezwang;
Mag Das zu schildern sich einst ein andrer quälen!

Nur mein Erwachen schildre mein Gesang.
Des Schlummers Schleier brach ein Glanz von oben,
Ein Ruf: ‘Steh auf! Was thust du da?’ erklang.

Wie Petrus mit Johannes und Jacoben
(Die man geführt zu schaun die Apfelblüthe,
Nach deren Frucht gelüstet Engel droben,

Weil sie ein Brautmahl ist von höchster Güte),
Bei jenem Wort vom Schlummer aufgefahren,
Das tiefern Schlaf einst brach - um, im Gemüthe

Erstaunt, die Zahl vermindert zu gewahren
Um Moses und Elias, und des Herrn
Gewande, wie sie umgewandelt waren -:

So wacht' ich auf und sahe, nicht gar fern,
Die Fromme über mir, die meine Schritte
Vorher am Fluß geleitet wie ein Stern.

Wo ist Beatrix'? fragt' ich, sprich, ich bitte!
Doch jene drauf: ‘Schau, wie sie dort am Stamm
Des Baumes sitzt in neuen Laubes Mitte.

Schau! sie umgibt von Freundinnen ein Damm!
Dem Greif ziehn nach die übrigen Genossen
Mit Liedern, noch mehr süß und wundersam.’

Ob ihrem Mund mehr Worte noch entflossen,
Nicht weiß ichs, denn schon haftete an ihr
Mein Blick, für alles andere verschlossen.

Allein saß auf dem wahren Land sie hier,
Als Hüterin des Wagens da geblieben,
Den ich befestigen sah das Doppelthier.

Im Kreise rings umgaben sie die sieben
Jungfrauen mit den Lichtern, deren Schimmer
Kein Nord- und Südwind jemals macht zerstieben.

‘Hier bleibst, ein Fremdling, du, doch lange nimmer,
Und wirst ein Bürger jenes Rom, worin
Christus ein Römer ist, mit mir für immer.

Zum Heil der Welt, die jetzt dem Bösen hin
Sich gibt, sieh an den Wagen! Heimgekehrt
Schreib auf was wahrgenommen hier dein Sinn.’

So sprach Beatrix. Ich, der nur begehrt'
Ihrem Befehl zu Füßen mich zu legen,
Hielt, wie sie's wollte, Aug' und Sinn gekehrt.

Nie fiel herab aus dichter Wolke Wegen
Mit solcher Schnell' ein Feuer, wenn geflossen
Aus fernsten Regionen kommt der Regen,

Als Jovis Vogel ich herabgeschossen
Sah durch den Baum, zerreißend rings die Rinde,
Nicht Blüthen nur und neuen Laubes Sprossen.

Den Wagen selbst traf er so ungelinde,
Daß er sich bog, gleich wie ein Schiff im Stoß
Der Fluth bald rechts, bald links bei heftigem Winde.

Dann sah ich in des Siegeswagens Schoß
Sich gierig drängen einen Fuchs, der nie,
So schien es, gutes Futter noch genoß.

Doch als die Herrin schnöder Sünd' ihn zieh,
Da wandt' er sich zur Flucht, des Schreckens Beute,
So weit sein fleischloses Bein ihm Kraft verlieh.

Drauf sah von dort, woher zuerst er dräute,
Den Aar ich stürzen in des Wagens Kasten,
Den er mit Federn, als er schied, bestreute.

Wie aus der Brust, die Gram und Leid erfaßten,
So kam vom Himmel eine Stimm' und sprach:
‘Mein Schifflein, ach! wie trägst du schlimme Lasten!’

Und zwischen beiden Rädern, schien es, brach
Die Erd' ein und ein Drach' entstieg der Lücke,
Der mit dem Schwanze durch den Wagen stach.

Dann, wie den Stachel Wespen ziehn zurücke,
Zog er den Schweif ein und entfloh behende,
Mitschleppend von dem Boden große Stücke.

Und gleich wie Gras bedeckt ein fett Gelände,
Bedeckte sich der Rest mit dem Gefieder,
Das fromme Absicht wohl ihm bot als Spende.

Auf beide Räder und die Deichsel nieder
Fiel in so kurzer Frist die Federndecke
Wie kaum ein Mund sich schließt beim Seufzen wieder.

Da schien's, als ob aus seinen Theilen strecke
Der heilige Bau, verwandelt, Häupter viere,
Drei aus der Deichsel, eins aus jeder Ecke.

Die erstern hatten Hörner wie die Stiere,
Die andern vier nur eines vorn am Hirne;
Nie gab es solch ein Ungethüm von Thiere.

Wie eine Burg auf hohem Fels, die Stirne
Voll Trotz, die Augen schnell ringsum gewandt,
Sah auf dem Thier ich sitzen eine Dirne.

Daneben, daß sie ihn nicht werd' entwandt,
Gewahrt' ich einen Riesen, der, mit ihr
Viel geile Küsse tauschend, bei ihr stand.

Doch weil ihr lüstern schweifend Auge mir
Sich zugewendet, schlug sie grimm und wild
Von Kopf zu Fuß der Buhl' ob solcher Gier.

Dann löst' er ab und trieb, ein seltsam Bild,
Argwöhnisch sie in grimmen Zornes Feuer
Zum Walde, der allein schon mir zum Schild

Ward vor der Hur' und vor dem Ungeheuer.


Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 33
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 33

Die sieben Frauen singen. Der Zug setzt sich in Bewegung. Beatrix ermuntert Dante zum Fragen, fordert ihn auf, daß hier Gesehene und Gehörte auf Erden zu verkünden, und deutet ihm die Wiederherstellung der Kirche in reiner Gestalt an. Inzwischen ist es Mittag geworden. Sie haben den Mittelpubkt des Gipfels erreicht. Dort fließt die Quelle Eunoë, aus welcher Mathilde Dante trinken läßt. Er ist dadurch befähigt, zum Paradiese emporzusteigen.

‘Herr! eingedrungen sind die Heiden!’ fingen
Zu Drei und Vier im Wechselchor die Frauen
Den süßen Psalm jetzt weinend an zu singen.

Und seufzend horchte, Trauer um die Brauen,
Beatrtix, so daß mehr erschüttert kaum
Maria unterm Kreuze war zu schauen.

Doch als der andern Jungfraun Schweigen Raum
Zum Reden gab, sah ich sie aufrecht stehen,
Und sie umfloß ein feuerrother Saum.

‘In Kurzem werdet ihr mich nicht mehr sehen,
Und aber,’ sprach sie, ‘Schwestern, meine lieben,
In Kurzem werdet ihr mich wiedersehen.’

Voranzugehn befahl sie dann den Sieben,
Und winkend hieß sie gehen hinter sich
Die Frau und mich und Statius, der geblieben.

Und nicht zehn Schritte hatte sie, wenn ich
Nicht irre, auf den Boden noch gesetzt,
Da traf ins Aug' ihr strahlend Auge mich.

Mit ruhigem Ausdruck: ‘Geh geschwinder jetzt,’
Sprach sie zu mir, ‘daß du mich zu vernehmen
Bereit seist, wenn dich meine Rede letzt.’

Als ich nun bei ihr war, das Wort zu nehmen
Begann sie: ‘Bruder, du getraust dich nicht
Zu fragen neben mir aus Furcht und Schämen?’

Wie's jenem geht, der mit dem Obern spricht
Und so voll Ehrfurcht, daß der Stimme Klang
Nicht hörbar durch bis an die Zähne bricht:

So mir, dem sich kein voller Laut entrang,
Als ich begann: O Herrin, mein Verlangen
Und was dazu mir noth ist, kennt ihr lang.

Und sie zu mir: ‘Ich will, daß Scham und Bangen
Du völlig jetzo von dir streifst; erwache
Und rede nimmer wie vom Traum befangen.

Vernimm: der Wagen, den da brach der Drache,
War und ist nicht. Doch wer dran schuld ist, glaube:
Nichts eingebrocktes scheuet Gottes Rache.

Nicht ewig sonder Erben liegt im Staube
Der Aar, der das Gefieder ließ im Wagen,
Das ihn zum Unthier machte, dann zum Raube.

Denn sicher seh' ich, und drum darf ichs sagen,
Aus nahen Sternen, frei von Widerstand
Und Hinderungen, eine Zeit uns tagen,

Wo jene Bettel ein von Gott gesandt
Fünfhundert Zehn und Fünf wird ganz vernichten
Und jenen Riesen, der dort bei ihr stand.

Wohl mag die Rede, gleich der Sphinx Berichten
Und Themis Wort, mit Dunkel überladen,
Dir jetzt noch nicht die Nacht des Zweifels lichten.

Doch bald wird Wirklichkeit dir zu Najaden
Und löst dir aller schweren Räthsel Noth,
Ohn' an Getreid' und Herden doch zu schaden.

Dies merk', und so wie ich mein Wort dir bot,
So laß es Die, die da noch leben, wissen,
Ein Leben, das ein Eilen ist zum Tod.

Und denke, wenn des Schreibens du beflissen,
Nicht zu verschweigen, wie dein Auge sah
Den Baum, dem zweimal ward sein Laub entrissen.

Wer ihn beraubt und sonst ihm tritt zu nah,
Kränkt Gott durch thatgewordne Lästerungen,
Gott, der ihn heilig sich zum Dienst ersah.

Fünftausend Jahr' und mehr, sehnsuchtdurchdrungen,
Harrte die erste Seel' in Qual auf Den,
Dem Sühne für den Apfelbiß gelungen.

Es schläft dein Geist, wenn er nicht kann verstehn,
Daß aus besondrem Grunde das Verkehren
Des Wipfels und die Höhe muß entstehn.

Und wenn nicht deinem Geist gewesen wären
Eitle Gedanken, was der Elsa Wellen,
Und nicht die Lust, was Pyramus den Beeren,

Dir würde aus so vieler Gründen Quellen
Gottes Gerechtigkeit in dem Verbot
Am Baum in tieferm Sinne schon erhellen.

Doch weil dein Geist versteinert ist und todt
Und weil dein Auge so das Dunkel drückt,
Daß ihm mein helles Wort mit Blendung droht,

So nimms, wenn auch in Schrift nicht ausgedrückt,
Doch bildlich mit, des gleichen Grundes wegen,
Aus dem des Pilgers Stab die Palme schmückt.’

Drauf ich: Wie wir in Wachs ein Siegel prägen,
Deß Abbild jenes nicht mehr ändert dann,
Muß mein Gehirn fest euern Stempel hegen.

Doch warum höher, als ich reichen kann,
Fliegt eur ersehntes Wort, wodurch mein Auge
Nur mehr verliert, je mehr es sich strengt an?

‘Daß du die Schul' erkennest, deren Brauche
Du folgest, daß du siehst, wie ihre Lehre,
Um meinem Wort zu folgen, wenig tauge,

Und siehst, wie euer Weg so weit sich kehre
Von Gottes Wegen, als der Erde Lauf
Entfernt ist von der höchsten Himmelssphäre.’

Nicht kann ich mich erinnern, sprach ich drauf,
Daß von euch weg ich je den Schritt gelenket;
Nicht rückt mir solches mein Gewissen auf.

‘Wenn deine Seele nicht mehr daran denket,’
Versetzte lächelnd sie, ‘so sei erwogen,
Daß eben erst dich Lethes Flut getränket.

Ein Schluß auf Feuer wird aus Rauch gezogen:
So zeigt auch dein Vergessen klar die Fülle
Der Schuld, als andrem war dein Herz gewogen.

Gewiß, von nun an soll dir ohne Hülle
Mein Wort erscheinen, soweit es sich paßt,
Daß ich es deinem rohen Blick enthülle.’

Und glühnder und langsamern Schrittes fast
Stand schon die Sonne in dem Mittagskreise,
Den unser Blick bald hier, bald dort erfaßt,

Als jetzt die sieben Fraun - wie auf der Reise
Der Führer, der der Schar vorausgeht, hält,
Trifft ewas neues auf seinem Gleise -

Still hielten an des blassen Schattens Feld,
Wie unter grünem Laub und dunklen Zweigen
Am kühlen Strom ihn zeigt die Alpeinwelt.

Vor ihnen schien aus einem Quell zu steigen
Euphrat und Tigris hier, und, Freunden gleich,
Wie zögernd bei der Trennung sich zu zeigen.

O Licht, o Ruhm der Menschheit strahlenreich,
Was für ein Wasser ists, das sich verbreitet
Aus einem Quell und das sich trennt sogleich?

Und solche Antwort ward dem Wunsch bereitet:
‘Sieh, daß Mathilde dich zur Kenntniß bringe.’
Wie Der, an welchem ab ein Vorwurf gleitet,

Sprach da die Holde: ‘Dies und andres Dinge
hab' ich ihm schon gesagt und bin gewiß,
Daß Lethe die Erinnrung nicht verschlinge.’

‘Wohl größre Sorge, die dem Geist entriß
All sein Erinnern,’ sagte Sie dawider,
‘Trübt ihm des Geistes Aug' mit Finsterniß.

Doch siehe! dort fließt Eunoe hernieder,
Führ' ihn zu ihr, und, wie du stets gepflegt,
Erneue die erstorbne Kraft ihm wieder.’

Und wie nichts ab die edle Seele schlägt,
Nein! sich zu eigen macht ein fremd Verlangen,
Sobald ein Zeichen es ihr dargelegt,

So ging die Holde, als sie mich umfangen,
Und sprach, wie adelige Frauen thun,
Zu Statius: ‘Auch du komm mitgegangen.’

Hätt' ich noch, Leser, Raum zum Schreiben nun,
So würde noch der süße Trank erhoben,
Von dem ich forttränk' ohne je zu ruhn.

Doch weil, die ich dem zweiten Lied gewoben,
Die Blätter alle voll sind, so verbeut
Die Kunst, mich zügelnd, weiter ihn zu loben.

Vom heiligen Quelle kehrt' ich hocherfreut,
Verwandelt gleich wie sich aus innerm Kerne
Mit frischem Laub der junge Baum erneut,

Rein und bereit zum Flug ins Reich der Sterne.