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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies

So lang, wenn beide Kinder der Latone
Bedeckt von Wag’ und Widder stehn, am Rand
Des Horizonts, vereint in einer Zone,

Die Wage des Zenit in gleichem Stand
Sie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte,
Den Halbkreis tauschend, sie sich abgewandt:

So lang, des Lächelns Glut im Angesichte,
Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an,
Der meinen Blick besiegt mit seinem Lichte.

"Ich red’ und frage nicht," so sprach sie dann,
"Da, was du hören willst, ich dort erkenne
Im Punkt, wo anhebt jedes Wo und Wann.

Nicht daß er – was nicht sein kann – selbst gewönne,
Nein, daß der Glanz von seiner Herrlichkeit
Im Widerglanz ich bin verkünden könne,

Hat er, der Ew’ge, außerhalb der Zeit
Und des Begriffs, wie’s ihm gefiel, die Gluten
Erschaffner Lieb’ an ewiger geweiht.

Nicht daß, wie starr, erst seine Kräfte ruhten;
Denn früher nicht und später nicht ergoß
Der Geist des Herrn sich, schwebend ob den Fluten.

Auch Form und Stoff, vermischt und rein, entsproß
Zugleich, vortretend herrlich und vollkommen,
Drei Pfeile von dreisehnigem Geschoß.

Und wie im Widerschein des Strahls, vom Kommen
Zum vollen sein, kein Zwischenraum zu sehn,
Wenn rein Kristall im Sonnenglanz entglommen;

So ließ der Herr hervor drei Strahlen gehn,
All im vollkommnen Glanz zugleich gesendet,
Und sonder Unterscheidung im Entstehn.

Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet,
Und hoch am Gipfel wurden die gereiht,
Welchen er reine Tätigkeit gespendet.

Die Tiefe ward reiner Empfänglichkeit,
Empfänglichkeit und Tatkraft ist mittinnen,
Verknüpft und nie von diesem Band befreit.

Zwar Hieronymus läßt vom Beginnen
Die Engel bis von dem der andern Welt
Den Zeitraum von Jahrhunderten entrinnen;

Doch läßt die Wahrheit, die ich dargestellt,
Sich vielfach aus der Heil’gen Schrift bewähren,
Wie’s dir auch, wenn du wohl bemerkst, erhellt.

Auch die Vernunft kann dies beinah erklären;
Nicht konnten ja so lang, so folgert sie,
Die Lenker des, was lenkbar ist, entbehren.

Der Liebesschöpfung Wo und Wann und Wie
Erkennst du – nun, so daß in dem Gehörten
Dir schon dreifache Labung angedieh.

Allein bevor man zwanzig zählt’ empörten
Die Engel sich zum Teil, so daß sie nun
Im Fall der Elemente trägstes störten.

Die Bleibenden begannen drauf das Tun,
Das du erkennst, so selig in Entzücken,.
Daß sie in ihrem Kreislauf nimmer ruh’n.

Grund war des Falls, daß jener sich berücken
Von frevlem Hochmut ließ, der dir erschien,
Dort, wo auf ihn des Weltalls Bürden drücken –

Die du bei Gott hier siehest, sah’n auf ihn
Bescheiden und mit Dank für seine Gaben,
Da er nur Kraft zu solchem Schau’n verlieh’n.

Drum wurden sie zum Schauen so erhaben
Durch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt,
Daß sie vollkommen festen Willen haben.

Und zweifelfrei verkünd’ es einst der Welt:
Verdienstlich ist’s, die Gnade zu empfangen,
Je wie sich offen ihr die Lieb’ erhält.

Jetzt, wenn ins Herz dir meine Lehren drangen,
Errennst du ganz den englischen Verein
Und brauchst nicht andre Hilfe zu verlangen.

Doch weil den Engeln jene, die ihr Sein
Auf Erden dort in Schulen euch erklären,
Verstand, Erinnerung und Willen leih’n,

So zeig’ ich, um dich völlig zu belehren,
Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt,
Die jene dort verwirren und verkehren.

Die Wesen, die des Anschau’ns Lust geschmeckt,
Verwenden nie den Blick vom ew’gen Schimmer
Des Angesichts, in dem sich nichts versteckt.

Drum unterbricht das Neu’ ihr Schauen nimmer,
Drum brauchen sie auch die Erinnrung nicht,
Denn ungeteilt bleibt ja ihr Denken immer.

So träumt ihr unten wach beim Tageslicht;
Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet,
Doch ärger kränkt dies Letzte Recht und Pflicht.

Der eine Weg ist’s nicht, auf dem ihr schreitet
Bei eurem Forschen; drob ihr irregeht,
Von Lust am Schein und Eitelkeit verleitet.

Doch, wer dies tut, wird minder hier verschmäht,
Als wer die HeiI’gen Schriften leeren Possen
Hintansetzt und sie freventlich verdreht.

Nicht denkt man, wieviel teures Blut geflossen,
Sie auszusäh’n; nicht, wie Gott dem geneigt,
Der demutsvoll an sie sich angeschlossen.

Zu glänzen strebt ein jeder itzt und zeigt
Sich in Erfindungen, die der verkehrte
Pfaff predigt, der vom Evangelium schweigt.

Der sagt, daß rückwärts Lunas Lauf sich kehrte
Bei Christi Leiden und sich zwischenschob
Und drum der Sonn’ herabzuscheinen wehrte.

Der, daß von selbst das Licht erlosch und drob
Den Spanier, den Juden und den Inder
Zu gleicher Zeit die Finsternis umwob.

Lapi und Bindi hat Florenz weit minder,
Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreit
Das Jahr hindurch, des Aberwitzes Kinder,

So daß die Schäflein, blind zu ihrem Leid,
Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen.
Und nicht entschuldigt sie Unwissenheit.

Nicht sprach der Herr zur Ersten der Gemeinen:
Geht hin und tut der Erde Possen kund! –
Nein, wahre Lehre spendet er den Seinen.

Von ihr ertönt’ im Kampf des Jüngers Mund,
Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken,
Mit Schild und Speer des Evangeliums stund.

Jetzt predigt man von Possen und von Schwänken,
Und die Kapuze schwillt, wenn alles lacht,
Und, der sie trägt, braucht sonst an nichts zu denken.

Drin hat solch Vögelein sein Nest gemacht,
Daß, säh’ man’s, es den Wert dem Ablaß raubte,
Den man beim Volk so hoch in Preis gebracht.

Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte,
Daß, möcht’ ein Priesterwort das tollste sein,
Man ohne Prüfung und Beweise glaubte.

Und damit mästet Sankt Anton das Schwein,
Und andre, die noch ärger sind denn Sauen,
Falschmünzer, reich an trügerischem Schein.

Doch seitwärts führt’ ich dich von diesen Auen;
Drum, daß zugleich sich kürze Zeit und Pfad,
Mußt du jetzt wieder g’rade vorwärts schauen –

So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad
Der unzählbaren sel’gen Engel Scharen,
Daß ihrer Zahl nicht Sinn noch Sprache naht.

Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren,
Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht,
Uns nicht bestimmte Zahlen offenbaren.

Das ihnen allen strahlt, das erste Licht,
So vielfach wird’s von ihnen aufgenommen,
Als Engel schau’n in Gottes Angesicht.

Drum, da vom Schau’n der Liebe Gluten kommen,
Ist auch verschieden ihre Süßigkeit
Hier lauer, dorten glühender entglommen.

Sieh jetzt die Hoheit, die Unendlichkeit
Der ew’gen Kraft, die, teilend ihren Schimmer,
So unzählbaren Spiegeln ihn verleiht,

Und ein’ in sich bleibt ewiglich und immer."

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