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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies

Urkraft, der Liebe voll den Sohn beschauend,
Die ihr und ihm allewiglich entweht,
Die Unaussprechliche, das All erbauend,

Schuf, was ihr nur mit Geist und Aug’ erseht
So ordnungsvoll, daß sie mit Wonneregung
Den ganz durchdringt, der ihre Werk’ erspäht.

Erheb, o Leser, Blick und Überlegung
Miit mir zum Himmel jetzt, gerad’ dahin,
Wo sich durchkreuzt die doppelte Bewegung.

Von dort an letz’ am Kunstwerk deinen Sinn,
Denn selbst der Meister sieht es mit Vergnügen
Und spiegelt liebend seinen Blick darin.

Von dort verteilt sich zu verschiednen Zügen
Der schiefe Kreis, der die Planeten trägt,
Um denen, die sie rufen, zu genügen.

Und war’ ihr Lauf von dort nicht schief bewegt,
So wäre viele Himmelskraft verschwendet,
Und nichts beinah auf Erden angeregt.

Und war’ er mehr und minder abgewendet
Vom g’raden Weg, so blieb’ auf Erden dort,
Wie hier, die Weltenordnung unvollendet.

Jetzt bleib, o Leser, still auf deinem Ort,
Um dem, was du gekostet, nachzudenken,
Und eh’ du matt wirst, reißt dich Wonne fort.

Ich gab dir Wein – du magst dich selber tränken,
Denn alle meine Sorgen muß ich nur
Auf jenen Stoff, den ich beschreibe, lenken.

Die Dienerin, die größte, der Natur,
Die sich die Himmelskraft zum Spiegel machte,
Die leuchtend zeigt der Zeiten Maß und Spur.

Vereint dem Orte, dessen ich gedachte,
Sah man in schraubenförm’gem Kreis sich dreh’n,
In dem sie schneller hier die Tage brachte.

Ich war in ihr – allein wie dies gescheh’n,
Das spürt’ ich nur, wie wir Gedanken spüren,
Bevor sie noch in unserm Geist entstehn.

Beatrix, die so schnell uns weiß zu führen,
Vom Guten uns zum Bessern einzuweih’n,
Daß sich indessen nicht die Stunden rühren,

Wie leuchtend mußte sie von selber sein!
Und was ich drinnen in der Sonne schaute,
Durch Farbe nicht, durch hellen Glanz allein,

Ob ich auf Geist und Kunst und Übung baute,
Nie stellt’ es doch mein Wort euch deutlich vor,
Drum sehne sich, zu schau’n, wer mir vertraute.

Nicht staunt, wenn Phantasie die Kraft verlor,
Daß sie zu solchen Höh’n sich schwach erweise;
Kein Blick fliegt über diesen Stern empor.

So war ich nun im vierten Kinderkreise
Des Vaters, der, ihm zeigend, wie er weht,
Und wie er zeugt, ihn nährt mit ew’ger Speise.

Beatrix sprach: "Dank, Dank sei dein Gebet.
Zur Engelsonne laß ihn sich erheben,
Die dich zu dieser sichtbaren erhöht."

Kein Menschenherz war je mit allem Streben
Zur Andacht noch so freudig hingewandt,
Keins noch so ganz und innig Gott ergeben,

Als ich bei diesem Worte meins empfand,
Das so zu ihm hin all sein Lieben wandte,
Daß in Vergessenheit Beatrix schwand.

Sie zürnte nicht; ihr lächelnd Aug’ entbrannte
Drob so in Glanz, daß nun mein Geist, der nicht
An andres dacht’, itzt andres doch erkannte.

Und sieh, viel siegendes lebend’ges Licht
Macht’ uns zum Mittelpunkt und sich zur Krone
Süßer im Sang, als leuchtend im Gesicht.

So schmückt ein Kranz die Tochter der Latone,
Wenn dunstgeschwängert sie die Luft umzieht,
Die widerstrahlt den Streif der lichten Zone.

Am Himmelshof, von dem ich wieder schied,
Gibt’s viele Schöne, köstliche Juwelen,
Nicht auszuführen aus des Reichs Gebiet.

Dergleichen eins war der Gesang der Seelen;
Doch wer nicht selbst zu jenen Höh’n sich schwang.
Der lasse von den Stummen sich’s erzählen.

Nachdem dreimal die Sonnen mit Gesang,
Gleich Nachbarsternen, die den Pol umkreisen,
Uns rings umtanzt in Glut und Wonnedrang,

Da schienen sie wie Frau’n sich zu erweisen,
Die horchend stehn, noch nicht gelöst vom Tanz,
Bis sie gefaßt das Maß der neuen Weisen.

"Wenn, wahre Lieb’ entzündend, dir der Glanz
Der Gnade lacht, der sich durch Liebe mehret,"
So sprach ein Licht aus jenem Strahlenkranz,

"Wenn er in dir vervielfacht sich verkläret,
So, daß er dich empor die Stiege lenkt,
Die niemand absteigt, der nicht aufwärts kehret,

So wird der, welcher deinen Durst nicht tränkt
Mit seinem Wein, so wenig Freiheit zeigen,
Als Wasser, das sich nicht zum Meere senkt.

Erfahren möchtest du, von welchen Zweigen
Des Kranzes Blumen sind, der feiernd sich
Um sie schlingt, die dich stärkt, emporzusteigen.

Von Dominiks geweihter Schar war ich,
Der solche Wege leitet seine Herden,
Wo wohl gedeiht, wer nicht dem Wahne wich.

Man hieß mich Thomas von Aquin auf Erden,
Und meines Meisters, meines Bruders Schein,
Albrechts von Köln, sieh rechts hier heller werden

Und willst du aller andern sicher sein,
So folge mit den Augen meinen Worten
Auf diese Blumen, die zum Kranz sich reih’n.

Den Gratian sieh wonneflammend dorten;
Dem doppelten Gerichtshof dienend, fand
Er frohen Einlaß an des Himmels Pforten.

Auch jenen Petrus sieh von Lust entbrannt;
Als Scherflein bot er, nach der Witwe Weise,
Der Kirche seinen Schatz mit treuer Hand.

Der fünfte Glanz, der schönste hier im Kreise,
Haucht solche Liebe, daß die ganze Welt
Nach Kunde gierig ist von seinem Preise.

So tiefes Wasser ist’s, das er enthält,
Daß, ist das Wahre wahr, ihm nie ein zweiter
Als Weiser sich und Seher gleichgestellt.

Sieh neben ihm den leuchtenden Begleiter.
Niemand war je auf Erden noch im Amt
Und der Natur der Engel eingeweihter.

Das kleinre Licht, das dorten lächelnd flammt,
Des Glaubens Anwalt ist’s, aus des Lateine
In Augustini Schriften manches stammt.

Verfolgend nun mein Lob von Schein zu Scheine
Mit geist’gem Blick, erspähst du dürstend jetzt,
Wer in dem achten Lichte dir erscheine.

Jedwedes Gut in sich zu schau’n, ergetzt
Die heil’ge Seele, die den Trug danieden
Dem offen kund tut, der sie hört und schätzt.

Der Leib, von dem sie durch Gewalt geschieden
Liegt in Cield’or, und sie kam aus Gefahr
Und Bann und Märtyrtum zu diesem Frieden.

Bedo und Isidor sieh hell und klar,
Sieh Richard dann die Liebesstrahlen spenden,
Der mehr als Mensch einst im Betrachten war.

Das Licht, von dem zurück zu mir sich wenden
Dein Auge wird, rief, bei der Erde Gram
Tiefsinnig ernst, den Tod, um ihn zu enden.

Sigieri ist’s, der zu der Toren Scham
Einst im Strohgäßchen las und, streng und trübe,
Durch Folgerung auf bittre Wahrheit kam." –

Dann wie, uns rufend, früh der Uhr Getriebe,
Wenn Gottes Braut aufsteht, das Morgenlied
Singend dem Bräutigam, daß er sie liebe,

Hierhin und dorthin kreisend drängt und zieht
Tini tin! verklingend in so süßem Tone,
Daß frische Lieb’ in frommen Herzen blüht;

So regte sich die edle Strahlenkrone,
Mit Süßigkeit im himmlischen Gesang,
Die nur begreift, wer dort am Sternenthrone

Die ewig ungetrübte Lust errang.

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