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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Paradiso
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Paradies

Die Sonne, die mich einst mit Glut erfüllt,
Beweisend hatte sie und widerlegend
Der Wahrheit holdes Antlitz mir enthüllt.

Und ich, belehrt, nicht länger Zweifel hegend,
Wollt’ eben, daß ich’s sei, gestehn und stand,
Das Haupt, soweit sich’s ziemt, emporbewegend.

Doch ein Gesicht erschien, und so gespannt
Hielt ich den Blick darauf, um’s zu gewahren,
Daß mein Geständnis der Erinnrung schwand.

Und wie von Gläsern, von durchsicht’gen, klaren,
Von Weihern, welche seicht, doch still und rein,
Den Boden unverdunkelt offenbaren,

Ein Antlitz widerstrahlt, so schwach und fein,
Daß man erkennen würd’ in größrer Schnelle
Auf weißer Stirn der Perle bleichen Schein;

So sah ich manch Gesicht an jener Stelle
Und war im Gegensatz des Wahns, durch den
Einst Lieb’ entflammt ward zwischen Mann und Quelle.

Denn plötzlich glaubt’ ich, wie ich sie ersehn,
Es wären Spiegelbilder, und bemühte
Mich, ringsumher ihr Urbild zu erspäh’n.

Doch sah ich nichts, und, zweifelnd im Gemüte,
Schaut’ ich ins Licht der süßen Führerin,
Die lächelnd in den heil’gen Augen glühte.

Und sie begann: "Nicht staun’ in deinem Sinn.
Belacht’ ich deine kindischen Gedanken.
Noch gehst du auf der Wahrheit strauchelnd hin,

Um, wie du pflegst, dem Wahne zuzuwanken.
Wirkliche Wesen zeigt dir dies Gesicht,
Die, untreu dem Gelübd’, in Schuld versanken.

Sprich, hör’ und glaube; denn das wahre Licht,
Das sie beseIigt, wird es nie gestatten,
Daß ihm zu folgen sich ihr Fuß entbricht.

Ich wandte mich und sprach zu einem Schatten,
Der sprechenslustig schien, schnell, als ein Mann,
Den längst gequält der Neugier Stacheln hatten:

"O Seele, die das ew’ge Licht gewann,
Die selig hier die Süßigkeiten machten,
Die nur, wer sie geschmeckt, begreifen kann,

O sei jetzt freundlich mir. Mein ganzes Trachten
Ist ja dein Nam’ und euer Los. Drum sprich!" –
Und sie, bereit, mit Augen, welche lachten,

Sprach: "Unsre Lieb’ erschließt sich williglich
Gerechtem Wunsch, gleich der, der Liebe Bronnen,
Die ihr Gefolg gebildet will nach sich.

Dort auf der Welt gehört’ ich zu den Nonnen,
Doch wende nur mir die Erinnrung zu,
Und durch die höh’re Schönheit, höhern Wonnen,

Daß ich Piccarda bin, erkennest du,
Mit diesen allen, die sich selig nennen,
Zum trägsten Kreis versetzt in Wonn’ und Ruh’.

All unsre Triebe, die allein entbrennen
In Lust des Heil’gen Geist’s, sind hoch ergetzt,
Weil sie in seiner Weihe sich erkennen.

Dies Los, von dir vielleicht geringgeschätzt,
Ward uns zuteile, weil wir dort auf Erden
Verabsäumt die Gelübd’ und sie verletzt."

Drauf ich: "Euch glänzt in Antlitz und Gebärden,
Ich weiß nicht was, von Gottheit, wunderbar,
Und läßt die ersten Züg’ unkenntlich werden,

Drob ich so säumig im Erkennen war,
Jetzt hilft mir, was du sprichst, dem Auge trauen
Und stellt mir deutlicher dein Bildnis dar.

Doch sprich: Ihr, glücklich hier in diesen Auen,
Zieht euch nach höherm Ort nicht die Begier,
Um mehr euch zu befreunden, mehr zu schauen?"

Ein wenig lächelten die Schatten hier,
Denn, als ob sie in erster Liebe glühte,
Erwiderte sie froh und wonnig mir:

"Bruder, hier stillt die Kraft der Lieb’ und Güte
Jedweden Wunsch, und völlig g’nügt uns dies,
Und nicht nach anderm dürstet das Gemüte.

Denn wenn es höherm Wunsch sich überließ,
So würd’ es ja dem Willen widerstehen,
Der uns in diesen niedern Kreis verwies.

Dies kann in diesen Sphären nicht geschehen;
Lieb’ ist das Band des ewigen Vereins,
Mit der nicht Kampf noch Widerstand bestehen.

Vielmehr ist’s Wesen dieses sel’gen Seins,
Nur in dem Willen Gottes hinzuwallen,
Drum schmilzt hier aller Wunsch und Trieb in eins.

Und, wie wir sind von Grad zu Grad, muß allen
Wie ihm, des Will’ allein nach seiner Spur
Den unsern lenkt, dies ganze Reich gefallen.

Und unser Frieden ist sein Wille nur,
Dies Meer, wohin sich alles muß bewegen,
Was er schafft, was hervorbringt die Natur." –

Nun sah ich: Paradies ist allerwegen
Wo Himmel ist, strömt auch von oben her
Vom höchsten Gut nicht gleich der Gnade Regen. –

Wie bei verschiednen Speisen man nicht mehr
Von dieser will und sich nach jener wendet,
Für diese dankt und noch verlangt von der,

So ich mit Wink und Wort, als sie geendet,
Um zu erfahren, was sie dort gewebt,
Allein verlassen, ehe sie’s vollendet.

"Vollkommnes Leben und Verdienst erhebt
Ein Weib", so sprach sie, "zu den höhern Kreisen,
In deren Tracht und Schleier manche strebt,

In Schlaf und Wachen treu sich zu erweisen
Dem Bräutigam, dem jeder Schwur gefällt,
Den reine Liebestrieb’ ihm schwören heißen.

Ihr nachzufolgen floh ich jung die Welt,
Weiht’ ihrem Orden mich und war beflissen,
Dem g’nugzutun, was sein Gesetz enthält.

Doch Menschen, ruchlos mehr, als gut, entrissen
Gewaltsam dem Verlies, dem süßen, mich
Wie drauf mein Leben war – Gott wird es wissen –

Der andre Glanz, der mir zur Rechten dich
So freudig hell bestrahlt, denn er entzündet
In unsrer Sphäre ganzem Schimmer sich,

Versteht von sich, was ich von mir verkündet.
Denn man entriß, wie meinem, ihrem Haupt
Den Schleier, der der Nonnen Stirn umwindet.

Doch, ob man Rückkehr ihr zur Welt erlaubt,
Blieb doch ihr Herz bekrönt mit jenem Kranze,
Den ihrer Stirn verruchte Tat geraubt.

Sie ist das Licht der trefflichen Konstanze,
Die mit dem zweiten Sturm aus Schwabenland
Den dritten zeugt’, umstrahlt vom letzten Glanze."

Piccarda sprach’s, mir heiter zugewandt,
Und fing ein Ave an, indem sie singend,
Wie Schweres in der tiefen Flut, verschwand.

Mein Blick, ihr nach, soweit er konnte, dringend,
Erhob sich dann, sobald er sie verlor,
Nach einem Ziele größern Sehnens ringend,

Zu Beatricens Antlitz ganz empor,
Doch als ihr Aug’, ein Blitz, in meins geschlagen,
So daß zuerst es niedersank davor,

Da macht’ es zögern mich mit weitern Fragen.

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