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Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno
Karl Streckfuß - Die Göttliche Komödie - Hölle

Wer könnte je, auch mit dem freisten Wort,
Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen,
Erzählt’ er auch die Kunde fort und fort.

Jedwede Zunge muß den Dienst versagen,
Da Sprach’ und Geist zu eng und schwach erscheint,
So Schreckliches zu fassen und zu tragen.

Und wäre das gesamte Volk vereint,
Das Puglien, das verhängnisvolle, hegte,
Dies Land, das einst die blut’ge Schar beweint,

Die Rom und jener lange Krieg erlegte,
Wo man so große Beut’ an Ringen fand,
Wie Livius schrieb, der nicht zu irren pflegte,

Vereint mit dem, das harte Schläg’ empfand,
Weil’s gegen Robert Guiscard ausgezogen;
Mit dem, des Knochen modern, dort im Land

Bei Ceperan, wo Pugliens Schar gelogen;
Mit dem von Tagliacozzo, wo Alard,
Der Greis, durch List die Waffen aufgewogen;

Und zeigte, wie es dort verstümmelt ward,
Sich jedes Glied, nicht war’ es zu vergleichen
Mit dieses neunten Schlundes Weis’ und Art.

Ein Faß, von welchem Reif und Dauben weichen,
Ist nicht durchlöchert, wie hier einer ging,
Zerfetzt vom Kinn bis zu Gefäß und Weichen,

Dem aus dem Bauch in manchem ekeln Ring
Gedärm und Eingeweid’, wo sich die Speise
In Kot verwandelt, samt dem Magen hing.

Ich schaut’ ihn an und er mich gleicherweise,
Dann riß er mit der Hand die Brust sich auf
Und sprach zu mir: "Sieh, wie ich mich zerreiße!

Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf!
Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten
Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf.

Sieh alle, die, da sie auf Erden wallten,
Dort Ärgernis und Trennung ausgesät,
Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten.

Ein wilder Teufel, der dort hinten steht,
Er ist’s, der jeglichen zerfetzt und schändet,
Mit scharfem Schwert, der dort vorübergeht,

Wenn wir den schmerzensvollen Kreis vollendet;
Weil jede Wunde heilt, wie weit sie klafft,
Eh’ unser Lauf zu ihm zurück sich wendet.

Doch wer bist du, der dort herniedergafft?
Weilst du noch zögernd über diesen Schlünden,
In welche Klag’ und Urteilsspruch dich schafft?"

"Er ist nicht tot, noch hergeführt von Sünden,"
So sprach mein Meister drauf, zu Mahoms Pein,
"Doch soll er, was die Höll’ umfaßt, ergründen,

Und ich, der tot bin, soll sein Führer sein.
Drum führ’ ich ihn hinab von Rund’ zu Runde,
Und Glauben könnt ihr meinem Wort verleih’n."

Jetzt blieben hundert wohl im tiefen Grunde,
Nach mir hinblickend, still verwundert stehn,
Vergessend ihre Qual bei dieser Kunde.

"Du wirst vielleicht die Sonn’ in kurzem sehn,
Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen,
Eh’ ihn der Schnee belagert, sich versehn,

Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen.
Allein vollbringt er, was ich riet, so muß
Novaras Heer ihn lang’ umsonst umkreisen."

Zum Weitergehn erhoben einen Fuß,
Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele,
Und setzt’ ihn hin und ging dann voll Verdruß.

Dann sah ich einen mit durchbohrter "Kehle,
Die Nase bis zum Auge hin zerhau’n,
Und wohl bemerkt’ ich, daß ein Ohr ihm fehle.

Und staunend sah auf mich dies Bild voll Grau’n
Und öffnete zuerst des Schlundes Röhre,
Von außen rot und blutig anzuschau’n.

"Du, nicht verdammt für Sünden, wie ich höre,
Den ich bereits im Latierlande sah,
Wenn ich durch Ähnlichkeit mich nicht betöre,

"Kommst du den schönen Ebnen wieder nah,
Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,
So denk’ an Pier von Medicina da.

Du magst den Besten Panos nicht verschweigen,
Dem Guid und AngioIeII, daß, wenn nicht irrt
Mein Geist, dem sich der Zukunft Bilder zeigen,

Nah bei Cattolica, schlau angekirrt,
Vom schändlichsten der Wüteriche verraten,
Das edle Paar ersäuft im Meere wird.

Noch nimmer hat Neptun so schnöde Taten
Von Zypern bis Majorka hin geschaut,
Von Griechenscharen nicht, noch von Piraten.

Der Bub’, auf einem Aug’ von Nacht umgraut,
Jetzt Herr des Lands, von welchem mein Geselle
Hier neben wünscht, er hätt’ es nie erschaut,

Ruft sie als Freund und tut an jener Stelle
So, daß sie nicht Gelübd’ tun, noch sich scheu’n,
Wie wild der Wind auch von Focara schwelle."

Drauf ich: "Soll dein Gedächtnis sich erneu’n,
So magst du dich zu sagen nicht entbrechen,
Wer muß den Anblick jenes Lands bereu’n?"

Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen,
Nach eines andern Kiefer hin und schrie:
"Sieh her, der ist’s, allein er kann nicht sprechen,

Er, der verbannt, einst Cäsarn Mut verlieh,
Und alle seine Zweifel scheucht’, ihm sagend:
"Dem ’Kampfbereiten fromme Zögern nie."

O wie jetzt Curio ganz verblüfft und zagend,
Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand,
Die Zung’, einst kühn und eilig alles wagend –

Und abgeschnitten die und jene Hand,
Stand einer, in die Nacht die Stümpf erhoben,
Das Antlitz blutbespritzt mir zugewandt,

Und rief: "Denkt man des Mosca noch dort oben?
Ich bin’s, der meine Hand zum Morde bot,
Ob des jetzt Tuscien die Partei’n durchtoben."

"Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!"
Setzt’ ich hinzu – und, häufend Grau’n auf Grauen,
Zog er davon in höchster Angst und Not.

Ich aber blieb, die andern anzuschauen,
Und was ich sah, so furchtbar und so neu,
Nicht wagt’ ich’s unverbürgt euch zu vertrauen,

Fühlt’ ich nicht mein Gewissen rein und treu,
Dies gute feste Schild, den sichern Leiter,
Und so mein Herz befreit von Furcht und Scheu.

Ich sah – noch ist dies Schreckbild mein Begleiter –
Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schar
Von Unglücksel’gen in der Tiefe weiter.

Er hielt das abgedchnittne Haupt beim Haar
Und ließ es von der Hand als Leuchte hangen
Und seufzte tief, wie er uns nahe war.

So kam er eins in zwei’n dahergegangen
Und leuchtet’ als Laterne sich mit sich –
Wie’s möglich, weiß nur der, der’s so verhangen.

Nachdem er bis zum Fuß der Brücke schlich,
Hob er, um näher mir ein Wort zu sagen,
Den Arm zusamt dem Haupte gegen mich,

Und sprach: "Hier sieh die schrecklichste der Plagen!
Du, der du atmend in der Höll’ erscheinst,
Sprich: Ist wohl eine schwerer zu ertragen?

Jetzt horch, wenn du von mir zu künden meinst;
Beltram von Bornio bin ich, und Johannen,
Dem König, gab ich bösen Ratschlag einst,

Darob dann Sohn und Vater Krieg begannen,
Wie zwischen David einst und Absalon,
Durch Ahitophel Fehden sich entspannen.

Mein Hirn nun muß ich zum gerechten Lohn
Getrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen,
Weil ich getrennt den Vater und den Sohn,

Und so, wie ich getan, ist mir geschehen."

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