Dante Alighieri - La Divina Commedia - Purgatorio - Canto 11
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Fegefeuer - Gesang 11

Die büßenden Seelen beten das Vater unser und weisen den Dichtern auf Virgils Befragen den Weg zum nächsten Kreise. Dante wird von Graf Humbert von Santafiore angeredet. Dann erkennt er den Miniaturmaler Oberisi, der sich über die Vergänglichkeit irdischen Ruhmes ausspricht und ihm einen einst berühmten Sienesen, Provenzan Salvani, zeigt. Zugleich erhält Dante Aufklärung, wegen welcher That dieser sich schon jetzt hier befinde.

'O Vater unser, der im Himmel droben -
Was nicht Beschränkung, sondern Liebe macht
Zu jenen ersten Schöpfungen dort oben -

Gepriesen sei dein Nam' und deine Macht!
Dank sei von jeder Creatur hienieden
Geziemend deinem süßen Hauch gebracht.

Es komme zu uns deines Reiches Frieden,
Den wir durch unser Denken nie erringen,
Wird er von dir uns gnädig nicht beschied

Wie deine Engel, die Hosianna singen,
Den eignen Willen dir als Opfer weihen,
So mag der Mensch den seinen dar dir bringen.

Woll' unser täglich Brot uns heut verleihen,
Denn ohne dies trotz aller Mühe gehen
Wir rückwärts in des Lebens Wüsteneien.

Und gleich wie wir die Schuld, die uns geschehen,
Verzeihn, so woll' auch uns verzeihn in Gnaden,
Und nicht auf das, was wir verdienen, sehen.

Führ' unsre Kraft, die leicht wird überladen,
Nicht in Versuchung durch den alten Feind;
Von ihm erlös' uns, der da sinnt auf Schaden.

Die letzte Bitte, Herr, ist nicht gemeint
Für uns, als wenn sie uns noch nöthig wäre,
Nein! für die Schar, die hinter uns erscheint.'

So flehten, daß Gott gute Fahrt gewähre,
Für sich und uns die Schatten, von der Last
Oftmals gedrückt wie von des Alpdrucks Schwe

Im Kreise wandelnd, oft von Angst erfaßt
Und Müdigeit, am ersten Sinnesrande,
Vom Qualm der Welt sich läuternd ohne Rast.

n 031 Jene für uns in des Jenseits Lande,
Was kann für sie wohl diesseits thun und sagen
Wer Gutes will und in der Gnade Stande?

Von Flecken, die sie mit ins Jenseits tragen,
Sie waschen helfe man, daß sie entschweben
Zum Sternenkreise, rein und leicht getragen.

'Soll euch Gerechtigkeit und Mitleid geben,
Daß ihr, befreit von eurer Last, die Schwingen
Nach eurem Wunsch bewegen könnt und heben,

So zeigt uns, welcher Hand wir aufwärts dringen
Auf nächstem Pfad, und gibt es ihrer mehr,
So lehrt den minder steilen uns erringen.

Denn diesen, der an Adams Fleische schwer
Noch trägt, das ihn bekleidet, macht erlahmen
Das Steigen, strebt sein Wille noch so seh

Die Worte, die als Antwort wir vernahmen
Auf das, was mein Begleiter eben sprach -
Erkennen konnt' ich nicht woher sie kamen.

Dies hört' ich: 'Rechter Hand dem Strande nach
Kommt mit uns; dort wird euch der Aufgang glücken,
Auch wem im Tod noch nicht das Auge brach.

Und hinderte mich nicht des Blockes Drücken,
Der mir den stolzen Nacken erdwärts neigt,
Drob ich das Antlitz tief herab muß bücken,

So würd' ich ihn, der lebt und mir verschweigt,
Wie er sich nennt, mir ansehn - ob dort oben
Ich ihn gekannt; ich dauert' ihn vielleicht.

Ich war Toscaner, hoch an Macht gehoben;
Wilhelm Aldobrandeschi zeugt mich:
Vielleicht erreicht' euch je sein Nahme droben.

Der Ahnen Blut und Thaten ritterlich,
Sie machten mich im Uebermuth so roh,
Daß, nicht gedenk der Mutter Aller,

Verachtete jedweden und mir so
Den Tod zuzog, wie's die Siener wissen
Und jedes Kind in Campagnatico.

Hundert bin ich, des Uebermuths beflissen
Bracht' ich nicht Schaden mir allein; er hat
Die Meinen all ins Unglück fortgerissen.

Um ihn trag' ich die Last, zum Tode matt,
Bis daß ich Gott gesühnt: was ich im Leben
Nicht that, hier thu ichs in der Todtenstadt.'

Ich horcht' und wagte nicht den Blick zu heben,
Als unter dem Gewicht, das auf ihm hing,
Sich einer wandte - nicht der sprach so eben .;

Er sah mich, er erkannte mich und fing
Zu rufen an, mühsam den Blick, den stieren,
Gelenkt auf mich, der tief gebückt dort ging.

Du, Oberisi? dessen als des Ihren
Sich Gobbio rühmt, der Kunst ein heller Schein,
Die in Paris man nennt Illuminier

'Ach, Bruder, schöner sind die Schilderei'n,
Die Franco's Pinsel färbt, des Bolognesen;
Sein ist die Ehre ganz, zum Theil nur mein.

Wohl wär' ich so bescheiden nicht gewesen
Als ich noch lebte, denn gewaltige Gier
Nach Ruhm beherrschte damals all mein Wesen.

Für solchen Stolz bezahlt man Buße hier,
Und noch wär' ich nicht hier, hätt' ich im Leben
Der Sünde mich nicht, Gott, gewandt zu dir.

O eitler Ruhm, den Menschen hoch erheben,
Wie kurz währt deines grünen Wipfels Prahlen,
Auch wenn wir keine rohe Zeit erleben!

So glaubte Cimabue das Feld im Malen
Zu halten; jetzt wird Giotto hochgeschätzt,
Des Werke jenes Ruhm weit überstrahlen.

Den einen Guido hat der andr' entsetzt
Im Dichterruhm, und schon auf Erden gehen
Mag der, der beide sie in Schatten set

Der Ruf der Welt ist nur ein Windeswehen,
Das wir, bald hierher kommend, dorther bald,
Den Namen mit der Richtung tauschen sehen.

Was bleibt dir mehr des Ruhmes, wenn du alt
Vom Leben scheidest, als wenn in der Zeit
Du stirbst, wo noch dein Kindermund gelallt,

Nach tausend Jahren? was, der Ewigkeit
Verglichen, kürzer als ein Schlag der Brauen
Dem Himmelskreis, deß Lauf unendlich weit.

Der hier so langsam schreitend anzuschauen,
Von dem hat ganz Toscana einst gesprochen;
Jetzt spricht man kaum von ihm in Sienas Gauen,

Wo er geherrscht, als furchtbar ward gerochen
Firenze's Wuth, die, allzu stolz und kühn
Zu jener Zeit, nun daliegt ganz gebrochen.

Nachruhm der Menschen ist wie Grasesgrün,
Das kommt und geht; derselben Sonne Licht
Entfärbts, das es der Erde ließ entblühn.'

Und ich zu ihm: Es flößt mir dein Bericht
Fein Demuth ein und stillt des Stolzes Blähen;
Doch wer ist Der, von dem dein Mund jetzt spricht?

'Salvan, der Provenzan, der hierher gehen
Deswegen mußte, weil er sich vermaß
Siena ganz in seiner Macht zu sehen.

So ging er und geht noch ohn' Unterlaß,
Seitdem er starb: solch Sühngeld muß Der geben,
Der jenseits auf des Hochmuths Stuhle saß.'

Und ich: Wenn jener Geist, der, bis sein Leben
Zu Ende ging, gesäumt hat mit der Reue,
Dort unten weilt und nicht hierher darf schweben,

Wenn ihm nicht Fürbitt' hilft mit frommer Treue,
So lang als er gelebt dort hat - wie kam
Der hierher, daß er sich der Läutrung freue?

'Als am ruhmvollsten grad er lebte,' nahm
Jener das Wort, 'da setzt er frei sich nieder
Auf Sienas Markt, entsagend aller Scham,

Und, aus der Pein den Freund zu lösen wieder
Den Karl in Banden schwerer Hast geschlagen,
That er was beben macht' all seine Glieder.

Ich spreche dunkel, mehr kann ich nicht sagen,
Doch bald wird so thun deine Nachbarschaft,
Daß du dirs kannst erklären ohne Fragen.

Die That befreit' ihn aus des Bannes Haft.'

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