Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 33
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 33

Der Sünder erhebt sein Haupt von dem grausen Mahle, giebt sich als Graf Ugolino, den Benagten aber als den Erzbischof Ruggieri zu erkennen, erzählt dann, wie dieser ihn sammt Söhnen und Enkeln verrätherisch gefangen, in einen Thurm sperren und verhungern lassen. Nach vollendeter Erzählung nimmt er das benagte Haupt wieder in die Zähne. Der Sinn der Gruppe ist dieser: Ruggieri's Phantasie muß demselben, nach erwachtem Bewußtsein, beständig das Bild des hungernden Ugolino nahe bringen; so wie Jener ewig den Gehaßten vor sich sieht und keine andere Empfindung mehr kennt, als Rachegefühl und Haß, ausgenommen während der Erzählung, wo sich seine Phantasie einen Augenblick der Vergangenheit zuwendet. Schwieg doch auch, Hölle 5 V. 77 u. w., der heftige Sturm, so lange Franzeska früherer Zeiten gedachte; aber wie der Sturm sinnlicher Liebe jene wieder ergreift und fortführt, zwingt diesen Lieblosen wieder der Hunger des Hasses, Jenen von neuem und ewig zu zernagen. -
Nach einer gegen Pisa ausgesprochenen Verwünschung geht Dante weiter und betritt die dritte Abtheilung, die Ptolemäa, so benannt nach dem Ptolemäus, welcher seine Gastfreunde verrätherisch umgebracht (s. B. 1 d. Maccab. Cap. 16). Die Sünder sind hier überrückgebeugt: von den Augenhöhlen aufgefangen, gerinnen ihre Thränen erst zu Eisklumpen, dann, ohne Ausweg, dringen sie gänzlich in's Innere. Wer den Freund verräth, beleidigt sein eigenes Innerste, der Freund ist gleichsam ein Theil seines Herzens. Der Schmerz um solche That muß also mehr in das Herz dringen, als irgend ein anderer. Dante wundert sich, hier, wo alle göttliche Wärme entzogen ist, noch eine Luftbewegung zu fühlen. Virgil sagt ihm: er werde bald sehen, wer das Wehen errege. Indeß bittet ihn ein hier gestrafter Freundesverräther, ihm das Eis von den Augen zu lösen, damit er seine Qual einmal ausweinen möge. Er antwortet ihm: er solle sich ihm nennen, und thue er (Dante) nicht seinen Willen, so müsse er (Dante) bis zum Grunde des Eises sehen. Der Verräther, nicht wissend, daß Dante letzteres ohnedies thun werde, legt seine Rede thörigerweise für ein günstiges Versprechen aus und giebt sich als die Seele Alberigos zu erkennen, zusetzend: wie es droben um seinen Leib stehe, ob er schon gestorben, wisse er nicht; denn solchen Vorrang habe die Ptolemäa, daß die Seele, sobald sie Verrath begehe, sogleich in den Cocytus stürze: ein Dämon fahre dann statt ihrer in den Leib und regiere ihn so lange, bis seine Zeit gänzlich abgelaufen. Diese Darstellung bezieht sich auf Joh. 13 V. 27, wo es von Judas heißt: „Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn.” Der Sinn aber ist der: Sobald die Seele den Freund verräth, ist all ihre Liebe entwichen, sie ist im starren Eise des ewigen Hasses, sie hat ihr Leben und alle ihre Lust verloren, sie ist lebendig todt und all ihr Thun ein gänzlich böses. -
Dante geht hinweg, ohne dem Freundverräther das Eis abzunehmen: solche That wäre ein thöriger Eingriff in die ewige Nothwendigkeit und Gerechtigkeit.

001 Den Mund erhub vom unbarmherz'gen Mahle
002 Der Sünder, ihn abwischend an den Haaren
003 Des Hauptes, das von hinten er zerstöret.

004 Dann hub er an: „Du willst ich soll erneuen
005 Verzweiflungsvollen Schmerz, der mir das Herz drückt,
006 Sein nur gedenkend, eh' davon ich rede.

007 Doch sollen meine Worte Saamen werden,
008 Der Schimpf trägt dem Verräther, den ich nage;
009 So sieh zugleich mich reden, und auch weinen.

010 Ich weiß nicht, wer du bist, noch welcher Art du
011 Herabgekommen hier, doch Florentiner
012 Scheinst du in Wahrheit mir, hör' ich dich reden.

013 So wisse denn, ich war Graf Ugolino,
014 Und dieser hier der Erzbischof Ruggieri;
015 Nun sag' ich dir, warum ich solch' ein Nachbar.

016 Daß einst, in Folge seiner schlimmen Ränke,
017 Ich, der ihm trauete, gefangen worden,
018 Und dann getödtet, thut nicht Noth zu sagen.

019 Drum, was du selbst nicht kannst erfahren haben,
020 Das ist, wie so entsetzlich war mein Ende,
021 Sollst hören du, und seh'n, ob er mir weh that.

022 Ein enges Mauerloch in jenem Käfig,
023 Der nun von mir den Namen trägt des Hungers,
024 Und drein man Andere noch muß verschließen,

025 Hatte durch seinen Spalt schon manchen Mond mir
026 Gezeiget, als ich fiel in bösen Schlummer,
027 Der von der Zukunft mir wegriß den Schleier,

028 Der hier erschien als Herr mir und Gebieter:
029 Den Wolf mit seinen Wölflein jagt' am Berg' er,
030 Vor dem Lucca nicht sehn kann der Pisaner.

031 Mit magern Hündinnen, gierigen, schlauen,
032 Hatt' er Gualandi und dazu Sismondi,
033 Lanfranchi auch sich vor die Stirn genommen.

034 Nach kurzem Lauf schien mir der Wolf ermüdet
035 Sammt seinen Jungen, und mir war als säh' ich
036 Von spitzen Zähnen theilen ihre Seiten.

037 Als ich darauf erwacht war, noch vor Tage,
038 Hört' ich im Schlafe weinen meine Söhne,
039 Die bei mir waren, und nach Brot verlangen.

040 Sehr hart bist du, wenn es dich noch nicht schmerzet,
041 Das denkend, was mir nun im Herzen ahnte:
042 Und weinst du nicht, worüber weinst du sonst wohl?

043 Schon waren auf wir, und die Stunde nah'te,
044 Wo man die Speise uns zu reichen pflegte,
045 Und Jeder zweifelte ob seines Traumes;

046 Da hörte ich den Ausgang schließen unten,
047 Am schreckenvollen Thurm, weshalb ich blickte
048 In's Antlitz meinen Söhnen, und nichts sagte;

049 Ich weinte nicht, so innerlich versteint' ich.
050 Sie weineten. Mein Anselmuccio aber
051 Sagte: du starrest so, Vater! Was hast du?

052 Doch weint' ich nicht, und gab auch keine Antwort
053 Den ganzen Tag, und auch die Nacht darauf nicht,
054 Bis in die Welt die neue Sonn' emporstieg.

055 Als nun ein wenig Strahl sich eingeschlichen
056 In's schmerzliche Gefängniß, und ich sahe
057 In vier Gesichtern da mein eig'nes Aussehn:

058 Biß ich vor Wehe mich in beide Hände.
059 Und jene, meinend, daß ich's aus Begierde
060 Zu essen thäte, huben schnell empor sich

061 Und sagten: Vater, minder wehe thät es
062 Uns, äßest du von uns; umgeben hast du
063 Uns mit dem armen Fleisch, so nimm er wieder.

064 Da faßt ich mich, sie nicht mehr zu betrüben,
065 Den Tag, so wie den andern, blieben stumm wir:
066 O harte Erde, daß du dich nicht aufthat'st?

067 Als wir nunmehr den vierten Tag erreichet,
068 Warf Gaddo sich mir ausgestreckt zu Füßen,
069 Und rief: mein Vater, warum hilfst du mir nicht?

070 Da starb er und, wie du mich schauest, sah ich
071 Die drei hinsinken einen nach dem andern
072 Zwischen den fünften Tag und sechsten, wo ich,

073 Schon blind, begann auf jeden hinzutasten,
074 Drei Tage rief ich sie nach ihrem Tod noch,
075 Worauf, mehr als der Schmerz, vermocht der Hunger!”

076 Als er gesagt das, nahm er augenrollend
077 Auf's Neu' den armen Schädel in die Zähne,
078 Die stark wie eines Hund's dem Knochen waren.

079 O Pisa, Pisa! Schande du der Völker
080 Im schönen Lande, wo das „sì” ertönet;
081 Da deine Nachbarn träg' sind dich zu strafen,

082 Soll regen sich Capraja und Gorgona
083 Und Dämm' am Arno machen, vor der Mündung,
084 Daß er in dir ertränke jede Seele.

085 Denn wenn den Ruf Graf Ugolino hatte,
086 Verrathen dich zu haben mit den Besten,
087 Hätt'st du die Söhne nicht so martern sollen.

088 Die jungen Jahre machten, neues Theben,
089 Unschuldig den Uguccion' und Brigata,
090 Und die zween andern, die das Lied schon nannte.

091 Wir gingen weiter hin, allwo die Kälte
092 Erschrecklich rauh ein andres Volk umstricket,
093 Nicht vorgebückt, nein, überrück gebeuget.

094 Das Weinen selber lässet da nicht weinen,
095 Der Schmerz, der vor den Augen Hemmung findet,
096 Kehrt sich hinein, zu mehren die Bedrängniß:

097 Indem die ersten Thränen Klumpen bilden,
098 Und also wie crystallene Visire
099 Unter den Brau'n den ganzen Kelch erfüllen.

100 Und ob mir schon, gleichwie aus einer Hornhaut,
101 Der Kälte wegen jegliche Empfindung
102 Gewichen war aus meinem Angesichte;

103 Schien es mir doch, als fühlt' ein wenig Wind ich:
104 Weshalb ich: „Meister, wer erregt diesen?
105 Erlischt denn nicht hier unten jede Wärme?” -

106 Drauf er zu mir: „„Gar bald gelangst du dorthin,
107 Wo dir dein Auge drauf wird Antwort geben,
108 Schauend den Grund, warum der Hauch daher stürzt!”” -

109 Und ein Elender aus der eis'gen Kruste
110 Schrie zu uns her: „O Seelen, so entsetzlich
111 Daß euch der allerletzte Platz bestimmt ist,

112 Lös't mir vom Angesicht die harten Schleier,
113 Daß ich den Schmerz austob', der mir in's Herz frißt,
114 Ein wenig eh' das Weinen wieder frieret!” -

115 Drum ich zu ihm: „„Willst du, daß ich dir helfe,
116 So sag' mir, wer du bist, und lös' ich dich nicht,
117 So müss' ich bis zum Grund des Eises gehen!”” -

118 Da sagt' er: „Bruder Alberigo bin ich,
119 Der mit den Früchten aus dem bösen Garten
120 Bin ich, der Dattel hier empfängt für Feige.” -

121 „„O, sagt' ich ihm, bist du nun auch gestorben?”” -
122 Und er zu mir: „Wie es um meinen Leib steht,
123 Dort in der Welt, deß hab' ich keine Kenntniß.

124 Dergleichen Vorrang hat die Ptolemäa,
125 Daß oft schon hier herab die Seele stürzet,
126 Bevor noch Atropos ihr Schwung gegeben.

127 Und daß du williger mir lösen mögest
128 Vom Angesichte die verglas'ten Thränen,
129 So wisse, daß sobald verräth die Seele,

130 Wie ich es that, ihr Körper ihr geraubt wird
131 Von einem Dämon, der ihn dann regieret,
132 Bis endlich seine Zeit ganz umgelaufen:

133 Sie aber stürzet in sothanen Hälter:
134 Vielleicht sieht man auch noch den Körper droben,
135 Des Schattens, der da hinter mir einwintert:

136 Du mußt es wissen, wenn du erst herabkommst;
137 Ser Branca d'Oria ist's, und viele Jahre
138 Sind schon entfloh'n, seit er so eingesperrt ward.” -

139 „„Ich glaube, sagt' ich ihm: daß du mich täuschest:
140 Denn Branca d'Oria ist nie gestorben,
141 Und ißt und trinkt und schläft und trägt Gewande.””

142 „Im Graben oben, bei den Schlimmekrallen,
143 Sprach er, wo jenes zähe Pech aufbrodelt,
144 War Michel Zanche noch nicht angekommen,

145 Als er den Zeufel ließ an seiner Stelle
146 In seinem Leib und eines ihm Verwandten,
147 Der den Verrath mit ihm vereint vollbrachte.

148 Doch recke nun die Hand daher und thu' mir
149 Die Augen auf!” - Doch that ich sie ihm nicht auf;
150 Und Milde war's ihm ungefällig werden.

151 O Genueser, Menschen, abgewendet
152 Von aller Sitt', und voll jedweden Frevels,
153 Warum seid ihr nicht aus der Welt gereutet!

154 Denn bei dem schlimmsten Schatten aus Romagna
155 Fand ich der Euren Einen, der im Geist sich
156 Ob seiner That schon im Cocytus badet,

157 Und noch lebendig scheint im Leibe droben.

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