Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 32
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 32

Die Musen werden um Beistand angerufen, der Höllenschilderung Schlußstein zu setzen; denn die Dichter betreten, dem Mittelpunkt der Erde nahend, den letzten Abgrund. Dieser nimmt den herniederrinnenden Sündenstrom auf (s. Hölle 14 V. 112 u. d. Anm.),der hier als Cocytussee von göttlicher Liebesglut widerstrebender, satanischer, lichtloser Kälte zu Eis erstarrend, die darein versenkten Veräther ewig fesselt. Hierhin drücken alle Lasten, hier ist, am entferntesten von Gott, der furchtbarste Sündenzwang. Während die Seeligen in Gottes Nähe, ledig aller Last, in der endlosesten, lichtesten Freiheit schweben, gelös't in flammender Liebe zu Gott und seiner Schöpfung, ist hier die finsterste Finsterniß, die engste Enge, die kälteste Kälte, der abgeschlossenste Egoismus, mit all' seinem Haß, mit all' seiner gottentfernten, gottlosen Qual. Vier Abtheilungen hat der starre Cocytussee: die äußere, Caina, nimmt die Verräther an Verwandten auf, die zweite, Antenora, die Vaterlandsverräther, die dritte, Ptolemäa, die an Gastfreunden, die letzte, innerste, Giudecca, die an Wohlthätern und Gott. - Dante betritt zuerst die nach dem Brudermörder Cain benannte Caina (s. Hölle 5 V. 107) und sieht hier die Schatten noch so weit dem Eis entragen, als der Mensch vor Scham erröthet. Alle beugen, ewig beschämt, das Antlitz nieder und weinen: hier ist „in der äußersten Finsterniß Heulen und Zähnklappen.” Die Thränen erstarren vor der Sünder Augen. Zween Brüder, die sich verrathen und getödtet, sind so dicht an einander gefroren, daß ihre Locken sich mischen. Als Dante sie anredet, heben sie die Häupter und wollen ihn anschaun, aber frierende Thränen schließen ihre Augen: in Wuth darüber stoßen sie sich wie Böcke; denn es ist nicht Liebe, es ist Haß, der den Einen ewig dicht vor die Phantasie des Andern stellt. Ein andrer Verräther, Camiccion bei Pazzi, verräth, daß sie aus dem Geschlecht der Alberti da Mangone stammen, und nennt ihm dazu noch den Sassol Mascheroni, welcher dicht vor ihm steht. Hierauf betritt Dante die zweite Abtheilung, die nach dem Troianer Antenor benannte Antenora. Hier stößt er den Landesverräther Bocca, ohne es zu wollen, mit dem Fuß an's Haupt. Als dieser ihn ausschilt, nimmt er ihn bei den Haaren und will ihn zwingen, sich zu nennen. Da verräth ein anderer Landesverräther dessen Namen. Bocca rächt sich dafür, indem er wieder Jenen nennt und noch viele Andre, die hier Strafe leiden. Endlich erblickt Dante Zween in ein Loch gefroren, davon der Eine des Andern Haupt benagt, und befragt den Nagenden, was ihn zu solchem viehischen Hassen treibe? versprechend: er wolle die Schande des Gehaßten auf Erden ausbreiten, dafern seine Zunge nicht verdorre. - Die Liebenden (s. Hölle 5 V. 77 u. w.) beschwor Dante bei ihrer Liebe, den Verräther bewegt er durch Antheil an seinem Hasse.

001 Hätt' ich die Verse nun so rauh und heiser,
002 Als sie gebührten dem trübsel'gen Abgrund,
003 Auf welchen all' die andern Felsen wuchten;

004 Drückt' ich den Saft aus dem, was mir im Sinn ist,
005 Noch völl'ger aus; doch da ich sie nicht habe,
006 Geh' ich nicht ohne Furcht an das Erzählen.

007 Denn nicht als Spiel zu nehmen ist mein Vorwurf,
008 Des ganzen Weltall's Mitte zu beschreiben,
009 Noch für die Zunge, die Mama, Papa lallt.

010 Doch mögen meinem Lieb die Frauen beistehn,
011 Die einst Amphion halfen Theben schließen,
012 Daß nicht verschieden von der That mein Wort sei.

013 O, du vor Allen mißgeschaffner Haufe,
014 Der du am Ort bist, der so graus zu schildern,
015 War't Schaaf' ihr, oder Ziegen hier, war's besser.

016 Als wir im finstern Brunnen unten waren,
017 Unter des Riesen Füßen, sehr viel tiefer,
018 Und ich noch auf zur hohen Mauer sahe,

019 Hört' ich mir sagen: „Schaue, wie die durchkommst;
020 Und gehe so, daß du nicht mit den Sohlen
021 Die Häupter trittst elender, schwacher Brüder.” -

022 Drauf ich mich wandt', und vor mir einen See sah
023 Und unter meinen Füßen, der durch Kälte
024 Von Gals das Ansehn hatte, nicht von Wasser.

025 Nie machte seinem Lauf so starke Decke
026 Zur Winterzeit der Donaustrom in Oestreich,
027 Noch je der Don dort unterm kalten Himmel,

028 Als hier sie war; denn war' auch Tabernichi's,
029 Wär' Pietrapana's Berg, darauf gefallen,
030 Sie hätt' am Saume nicht einmal geknistert.

031 Und wie der Frosch, zum Quacken mit dem Maule
032 Vorstehet aus dem Wasser, wenn die Bäu'rin
033 Vom Aehrenlesen unterweilen träumet:

034 So stacken fahl hier bis so weit das Schamroth
035 Sich zeigt, die traur'gen Schatten in dem Eise,
036 Mit Zähnen klappend nach der Störche Weise.

037 Hinabgekehrt hielt jeglicher das Antlitz,
038 Es giebt aus ihrem Mund die Kälte, aber
039 Das traur'ge Herz aus ihren Augen Zeugniß.

040 Als ich da etwas um mich her geblicket,
041 Sah' ich zu Füßen Zween so dicht gedränget,
042 Daß sich ihr Haupthaar in einander mischte.

043 „Ihr, die ihr so die Brüste dränget, sprach ich,
044 Wer seid ihr? - Und sie bogen ihre Hälse.
045 Als die Gesichter sie gen mich erhoben,

046 Da troffen ihre Augen, die erst innen
047 Weich waren, auf die Lippen, und die Thränen
048 Bezwang der Frost dazwischen und verschloß sie.

049 Wohl nie band eine Klammer Holz mit Holze
050 So fest zusammen; drob sie wie zwei Böcke
051 Einander stießen, solch' ein Zorn befing sie.

052 Und einer, welcher durch den Frost die Ohren
053 Beide verloren, sprach, das Antlitz immer
054 Hinabgekehrt: „Was siehst du uns so viel an?

055 Begehrst du, wer die Beiden sind, zu wissen?
056 Das Thal, dem der Bisenzio entströmet,
057 War Alberts' ihres Vaters, und auch ihres.

058 Ein Leib gebar sie Beid', und ganz Caïna
059 Kannst du durchsuchen, dennoch keinen Schatten
060 Fänd'st würd'ger du zu stecken in der Gallert;

061 Nicht der, dem Brust und Schatten ward durchstochen
062 Mit einem Stoße, von des Artus Hand,
063 Focaccia nicht, nicht der, der mit dem Haupte

064 Mich so befängt, daß ich nicht fürder schau',
065 Er war benamet Sassol Mascheroni;
066 Bist Tusker du, so weißt du, wer er war.

067 Und, daß du mich nicht mehr mit Reden plagest,
068 So wiss', ich war der Camicion de' Pazzi,
069 Und warte auf Carlin, der mich entschuld'ge.” -

070 Drauf sah' ich der Gesichter tausend' hündisch
071 Geworden durch den Frost; weshalb mir jetzo
072 Und ewig schaudert vor gefrornen Lachen.

073 Und während wir da nach der Mitte gingen,
074 In welcher alle Schwere sich vereinigt,
075 Und ich erzitterte im ew'gen Schatten;

076 War's Absicht, war es Schicksal, oder Zufall,
077 Ich weiß nicht; doch hin durch die Häupter wandelnd
078 Stieß stark ich Einem mit dem Fuß in's Antlitz.

079 Er schrie mich weinend an: „Warum mich treten?
080 Wenn du nicht kommst, die Rache noch zu steigern
081 Von Mont' Aperti, warum dann mich quälen?” -

082 Und ich: „„Mein Meister, nun erwarte hier mich,
083 Daß ich durch ihn aus einem Zweifel komme,
084 Dann treibe mich, so viel du willst, zur Eile.”” -

085 Der Führer stand, ich aber sprach zu jenem,
086 Der immerwährend noch hartnäckig fluchte:
087 „„Wer bist du, welcher Andere so ankeift?”” -

088 „Erst, wer bist du, der geht durch Antenora,
089 Zerstoßend, sprach er: Andern ihre Wangen,
090 So daß, wär' lebend ich, zu viel es wäre?” -

091 „„Ich bin noch lebend, und es kann dir lieb sein,
092 War meine Antwort: willst du Ruhm, so setz' ich
093 Zu anderen Berühmten deinen Namen!”” -

094 Und er zu mir: „Das Gegentheil begehr' ich.
095 Heb' dich hinweg, sei mir nicht länger lästig;
096 Denn schlecht weißt du im Abgrund hier zu schmeicheln.” -

097 D'rauf nahm ich bei den Haaren des Genicks ihn,
098 Und sprach: „„Du wirst dich dennoch nennen müssen,
099 Sonst soll hier oben nicht ein Haar dir bleiben.”” -

100 Drauf er zu mir: „Weil du mich kahl machst, sag' ich
101 Dir weder, wer ich bin, noch zeig' ich dir es,
102 Und rammst du tausendmal mit dir das Haupt mir.” -

103 Schon hatt' ich um die Hand den Schopf gewunden,
104 Und mehr als einen Büschel ihm entrissen,
105 Indeß er bellte, und die Augen senkte;

106 Als nun ein Andrer rief: „Was hast du, Bocca?
107 Genügt dir's nicht, zu klappen mit den Zähnen,
108 Mußt du noch bellen? Welcher Teufel plagt dich?” -

109 „„Nun, sprach ich: will ich nicht, daß du noch redest,
110 Verräther, schlechter; doch zu deiner Schande
111 Werd' ich von dir wahrhafte Kunde bringen!”” -

112 „Geh' hin, sagt' er: und was du willst, erzähle!
113 Doch schweige nicht, wenn du von hier hinauskommst,
114 Von dem, der jetzt so flink die Zunge hatte.

115 Er weint hier über der Franzosen Silber.
116 Ich sahe, kannst du sagen, den von Duera
117 Da, wo die Sünder in der Kühle sitzen.

118 Hätt'st du gefragt, wer etwa noch hier stecke;
119 Hast du zur Seite den von Beccheria,
120 Dem einst Florenz die Gurgel abgeschnitten.

121 Gianni des Soldanier, glaub' ich, ist weiter
122 Dorthin mit Ganellon und Tribaldello,
123 Der einst Faënza, als man schlummert', aufthat.” -

124 Wir waren schon von ihm hinweggegangen,
125 Als zween ich sahe in ein Loch gefroren,
126 So daß das eine Haupt dem andern Hut war.

127 Und wie man Brot hinunterwürgt aus Hunger,
128 So hieb das Obere die Zähn' in's Unt're,
129 Da wo das Hirn sich dem Genick verbindet.

130 Nicht anders hat einst Tideus angenaget
131 Des Menalippus Schläf' aus Haß, wie der es
132 Dem Schädel und den andern Theilen anthat.

133 „Du, der durch so ein viehisch Zeichen darthut
134 Haß gegen Jenen, welchen du verzehrest,
135 Sag' mir, warum? sprach ich: auf den Vertrag hin,

136 Daß, wenn mit Recht du klagest über Jenen,
137 Weiß ich nur, wer ihr seid, und sein Verbrechen,
138 Ich dir's noch oben in der Welt vergelte;

139 Dafern die nicht verdorrt, mit der ich rede.” -

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