Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 30
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 30

Dante sieht nunmehr zween rasende Geister heranstürmen, die ihm von dem Aretiner Griffolino, als Schicchis und Myrrhas Seelen bezeichnet werden (über ihre Bedeutung s. d. Inh. v. Ges. 29). Myrrha, welche frevelhafte Liebe zum Verbrechen trieb, jagt vorüber, Schicchi aber, den irdischer Gewinn verlockt, packt den aus gleichem Motiv gesündigt habenden Capocchio an der Kehle, und schleift ihn von dannen. Nun erblickt Dante einen Wassersüchtigen am Boden; dieser bittet ihn sein, des Meister Adams Elend zu betrachten, der auf Erden Alles vollauf hatte, nun aber (wie der reiche Mann Luc. 16 V. 24) vergeblich nach einem Tröpflein Wasser schmachtet. Die Erinnerung an die schöne Gegend, in welcher er so schändlich gesündigt, mehrt seine Qual, der gewonnene falsche Reichthum ist zerronnen, seine Seele verschmachet, indem sie von unreinem Stoffe scheinbar wohlgenährt ist. Neben demselben erblickt Dante zween andere Seelen in hitzigem Fieber liegen: auf sein Befragen bezeichnet Meister Adam sie ihm als Wortverfälscher, die eine als Potiphars verläumderisches Weib, die andere als Sinon, welcher die Trojer durch Lüge verleitet, das hölzerne Pferd in die Stadt zu ziehen. (Das Irrereden im hitzigen Fieder vergleicht sich der Lüge). - Sinon erzürnt, sich von Meister Adam als schlecht bezeichnet zu hören, schlägt ihn auf seinen Wanst, welches von Jenem durch einen Faustschlag in's Gesicht erwiedert wird, worauf sich ein Zank entspinnt, worin beide sich ihre Sünden vorwerfen. Dante wird von Virgil gescholten, daß er dort so lange zuhört, und geht beschämt mit ihm von dannen.

001 In jener Zeit, als Juno zornentbrannt war,
002 Um Semele, gen das Geschlacht von Theben:
003 Wie sie es darthat ein und andre Male:

004 Ward Athanas wahnsinnig, so gewaltig,
005 Daß er, die Gattin schauend mit zwei Söhnen
006 Hergehn, belastet auf jewwedem Arme,

007 Ausrief: Spannt aus die Netze, daß ich fange
008 Die Löwin sammt den Jungen an der Furt hier!
009 Und drauf die unbarmherz'gen Klauen streckt' er,

010 Den einen greifend, der Learch benamt war,
011 Und schwang ihn und zerschellt' an einem Stein ihn,
012 Doch Jen' ertränkte mit der andern Last sich:

013 Und als Fortuna einst darnieder wandte
014 Der Trojer Macht, die alles sich vermessen,
015 Daß sammt dem Reich der König mit zunicht ward:

016 Ließ Hekuba trüb, elend und gefangen,
017 Nachdem Poyxena sie todt erblicket,
018 Und ihres Polydorus an dem Strande

019 Des Meers die Traurige gewahr geworden,
020 Unsinnig Bellen hören gleich dem Hunde:
021 So hatte ihr der Schmerz den Sinn verkehret;

022 Allein nicht Thebens Furien und nicht Trojas
023 Ersah man je gen einen so entsetzlich,
024 Noch Thiere stacheln noch gar Menschenleiber:

025 Wie zween ich bleich' und nackte Schatten sahe,
026 Die beißend rannten in derselben Weise,
027 Wie rennt ein Schwein, das aus dem Stall hervorbricht.

028 Hin zu Capocchio kam der ein' und zahnt' ihn
029 Am Kehlkopf also an, daß er ihn schleifend
030 Den Bauch zerkratzen ließ am harten Boden.

031 Der Aretiner aber, welcher zitternd
032 Blieb, sagte mir: "Der Kobold ist Gian Schicchi
033 Und rasend rennt er, Andre so zerschändend." -

034 ""O, sagt' ich ihm: soll dir der Andre dort nicht
035 Die Zähn' einhau'n, so falle dir's nicht lästig
036 Zu sagen wer er ist, eh' er hinweggeschlüpft."" -

037 Und er zu mir: "Es ist die alte Seele
038 Myrrhas der frevelhaften, die des Vaters
039 Geliebte ward, mit mehr als rechter Liebe.

040 Zu sündigen mit ihm gelangte diese,
041 Indem sie sich verstellt in fremde Bildung,
042 Gleichwie der Andre, der da läuft, es aushielt,

043 Der Heerde schönste Stute zu gewinnen,
044 Sich zu verstellen als Buoso Donati,
045 Ein Testament in aller Form diktirend." -

046 Und drauf, als die zween Rasenden vorüber,
047 Auf die mein Auge ich gerichtet hatte,
048 Wandt' ich's, zu schaun die andern Schlimmgebornen:

049 Sah einen dann, vergleichbar einer Laute,
050 Wär' er am Unterleib gestutzt gewesen,
051 Von da ab wo der Mensch ihn hat gegabelt.

052 Die schwere Wassersucht, die ungleich schaffet
053 Die Glieder durch den Saft, den schlecht sie umsetzt,
054 So daß das Antlitz nicht entspricht dem Wanste,

055 Macht' ihn die Lippen aufgesperret halten
056 Wie der Schwindsücht'ge thut, der ob des Durstes
057 Zum Kinn die eine zieht, die andre aufwärts.

058 "O ihr, die ihr ohn' alle Plage hierseid,
059 Warum? weiß ich nicht, in der Welt des Jammers,
060 Sprach er zu uns: betrachtet und beachtet

061 Nun recht das Elend hier des Meister Adam.
062 Ich hatte lebend g'nug des, was ich wollte,
063 Und jetzt, ach, wünsch' ich nur ein Tröpflein Wasser.

064 Die Bächlein, welche von den grünen Hügeln
065 Des Casentin herniedergehn zum Arno,
066 Kühl machend ihre Bett' umher und üppig,

067 Stehn immerdar vor mir, und ach, umsonst nicht:
068 Indem ihr Bild mich fort und fort ausdörret,
069 Mehr als dies Weh, das fleischlos mein Gesicht macht:

070 Denn die Gerechtigkeit, die streng mich peinigt,
071 Nimmt Anlaß von dem Ort, wo ich gesündigt,
072 Die Seufzer mein in schnell're Flucht zu bringen.

073 Romena liegt da, wo ich die Legierung
074 Gefälscht, die mit des Täufers Bild beprägte;
075 Weshalb verbrannt ich droben ließ den Körper.

076 Doch, säh' ich hier die schurk'sche Seele Guidos,
077 Auch Alexanders, oder ihres Bruders,
078 Für Brandas Brunnen gäb' ich solche Schau nicht!

079 Hierinnen ist die eine schon, wenn Wahres
080 Die wüth'gen Schatten sagen, die hier umgehn;
081 Allein was hilft's? geschnürt sind meine Glieder!

082 Wenn ich auch nur so leicht noch wäre, daß ich
083 Gehn könnte einen Zoll in hundert Jahren:
084 Ich hätte mich schon auf den Weg begeben,

085 Ihn unter dem entstellten Volk zu suchen;
086 Obgleich es eilf der Miglien so hinumliegt,
087 Und auch wohl schmäler nicht als eine halbe.

088 Durch sie bin ich bei solcherlei Gesinde:
089 Sie haben mich verführt Floren zu schlagen,
090 Die drei Karat enthielten an Legierung." -

091 Und ich zu ihm: ""Wer sind die beiden Armen,
092 Die gleich der feuchten Hand im Winter dampfen,
093 Gezwängt an deiner rechten Seite liegend?"" -

094 "Hier fand ich sie, auch wandten sie sich nimmer,
095 Antwortet' er: seit in die Kluft ich stürzte,
096 Und glaub', sie wenden sich in Ewigkeit nicht.

097 Die ist die Falsche, die verläumdet Joseph,
098 Sinon von Troja der, der falsche Grieche,
099 Im hitz'gen Fieber qualmen so viel Dampf sie.

100 Und deren Einer, den's verdrießen mochte,
101 Auf solche Weise schlecht genannt zu werden,
102 Schlug mit der Faust auf seinen harten Wanst ihn:

103 Und der erscholl, als wär' er eine Pauke;
104 Doch meister Adam schlug ihn in das Antlitz
105 Mit seinem Arme, der nicht wen'ger hart schien,

106 Indem er sprach: Wenn mir auch die Bewegung
107 Versagt ist mit den Gliedern, die zu schwer sind;
108 Hab' ich den Arm noch frei zu solcher Arbeit!" -

109 Worauf der wieder sprach: ""Als du zum Feuer
110 Hingingest, war er dir nicht ganz so rührig;
111 Doch war er's so und mehr, sobald du prägest."" -

112 Der Wassersücht'ge aber: "Wahres sagt du
113 Hievon; doch warst du kein so wahrer Zeuge,
114 Als man, bei Troja, dich nach Wahrheit fragte!" -

115 "Und sprach ich falsch; so fälschest du die Münze,
116 Sprach Sinon: und ich lieg' um einen Fehl hier,
117 Doch du um mehr als sonst ein andrer Teufel!"" -

118 "Erinnre dich, Meineidiger, des Pferdes,
119 Antwortete der mit geschwoll'nem Wanste:
120 Und sei dir's Strafe, daß es alle Welt kennt!" -

121 ""Der Durst sei Strafe dir, begann der Grieche:
122 Der dir die Zunge sprengt, dein Eiterwasser
123 Dazu, was vor den Augen dir den Wanst thürmt!""

124 Worauf der falsche Münzer: "Also thut sich
125 Dein Mund zur Bosheit auf, wie er gewohnt ist;
126 Denn, hab' ich Durst und füllet mich die Nässe,

127 So hast du Brennen, dazu Schmerz im Haupte:
128 Und zu belecken des Narzissus Spiegel
129 Bedarf's, zu nöth'gen dich, nicht vieler Wort!" -

130 Sie anzuhören stand ich wie gebannet,
131 Als mir der Meister sagte: "Schau nur, schau nur,
132 Denn wenig fehlet, daß ich mit dir zanke!" -

133 Als ich ihn zürnend zu mir reden hörte,
134 Wandt' ich mit solcher Scham mich gegen ihn hin,
135 Daß sie mich wieder überläuft beim Denken.

136 Und wie der ist, deer sich ein Unglück träumet,
137 Daß träumend er begehret nur zu träumen
138 Und was schon ist, als wär' es nicht, sich wünschet.

139 Gehabt' ich mich, der ich, nicht reden könnend,
140 Mich doch entschuld'gen wollt' und immerdar mich
141 Entschuldigte und dennoch glaubt' ich thät's nicht.

142 "Es wäschet größern Fehl geringer' Schämen,
143 Als deines war, begann nunmehr mein Meister:
144 Drum lasse jegliche Betrübniß fahren,

145 Und denke, daß ich stets bei dir, geschäh' es
146 Noch öfter, daß der Zufall dich hin führte,
147 Wo etwa Leut' in solchem Zanken wären:

148 Denn gern das hören ist gemeine Neigung.

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