Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 29
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 29

Dante kann sich von der gräßlichen Schau der neunten Bulge nicht sogleich trennen, weil er noch eines Verwandten Schatten, den von Geri del Bello sucht. Virgil sagt ihm: er sei bereits vorüber und habe Dante mit dem Finger gedroht; was Dante nun darauf deutet, daß sein Tod von den Verwandten noch ungerächt sei. - Hierauf gelangen die Wandernden zur letzten Bulge, zur zehnten, worin sie die Fälscher in unreiner Luft mit unzähligen Krankheiten gestraft finden. Es erfüllt sich hier der Fluch, der (s. d. 5 B. Mos. Cap. 28) über die, welche das Gesetz nicht halten, unter andern also ergeht: "Der Herr wird dich schlagen mit Schwulst, Fieber, Hitze, Brunst, Dürre, giftiger Luft ... mit Grind und Krätze, Wahnsinn, Blindheit und Rasen des Herzens ... und wirst auf deinen Wegen kein Glück haben und wirst Gewalt und Unrecht leiden müssen dein Lebelang und Niemand wird dir helfen" u. s. f. - Wie die Fälscher der Metalle, der Rede und der Person, Ungehöriges in Alles mischten, erscheinen sie sich nun ganz von materieller Unreinigkeit und geistiger Krankheit erfüllt. Der falsche Sinn ihres Thuns, der ihnen Schaden brachte, wird hier in zween Fälschern der Person, in Myrrhas und Schicchis rasenden Geistern vorgebildet, welche die Uebrigen sinnlos in der entsetzlichen Kluft hin und her schleppen (s. Hölle 30 V. 25). Zuerst spricht Dante mit Albero da Siena, der, im Sinn obigen Fluches, auf Erden ungerechter Weise verbrannt worden; aber hier schädlicher Alchymie wegen leidet, zusammen mit dem gleichartigen Sienesen Capocchio, der an ihm lehnet. Das Unreine ihres Thuns tritt vor ihr Bewußtsein in sinnlicher Gestalt von Krätze, von der sie sich ewig nicht befreien können. Da sie Metalle fälschten, ist ihre Seelenkrankheit materieller vorgebildet, als z. B. bei den Fälschern der Rede, die wir im folgenden Gesange mit hitzigem Fieber gestraft sehn (s. Hölle 30 V. 99). Capocchio, der in Siena verbrannt worden, ergreift die Gelegenheit, Schlimmes von dieser Stadt zu sagen.

001 Das viele Volk und die verschiednen Wunden,
002 Sie hatten meine Augen so berauschet,
003 Daß sie allda gern hätten weinen mögen.

004 Da sprach Virgil zu mir: "Warum noch starrst du?
005 Warum verweilet dein Gesicht noch unten,
006 Bei den verstümmelten unsel'gen Schatten?

007 So hast du nicht gethan bei andern Bulgen:
008 Gedenk', wenn du zu zählen sie vermeinest,
009 Daß zwei und zwanzig Miglien dieses Thal kreist;

010 Auch ist der Mond schon unter unsern Füßen,
011 Und wenig Zeit ist uns annoch gewähret,
012 Und mehr noch giebt's zu schaun, als du vermeinest." -

013 ""Dafern du hättest, gab ich drauf zur Antwort,
014 Geachtet auf den Grund, warum ich schaute,
015 Wohl hättest zu mir noch vergönnt die Weile."" -

016 Ein wenig ging ... und ich ging hinter ihm her ...
017 Der Führer; aber ich gab ihm zur Antwort
018 Und sagte noch: ""Im Innern dieser Kluft hier,

019 Wo ich die Augen so bestimmt gerichtet,
020 Glaub' ich, beweint ein mir verwandter Schatten
021 Die Schuld, die man so schwer bezahlt da unten."" -

022 Drauf sprach der Meister: "Nicht zerstreue trauernd
023 Sich dein Gedanke fürder auf denselben;
024 Streb' Andrem nach, der aber bleibe dorten.

025 Denn ihn sah ich auf dich, am Fuß der Brücke,
026 Herdeuten und sehr drohen mit dem Finger,
027 Und hörte nennen ihn: Geri del Bello.

028 Du warest da so gänzlich abgewendet
029 Auf den, der einst vertheidigt Altafort,
030 Daß du nicht dorthin sahest, deshalb ging er!" -

031 ""O mein Geleiter, sein gewaltsam Ende,
032 Das ihm noch ungerochen blieb, begann ich:
033 Macht' ihn auf Einen zürnen, der des Schimpfes

034 Theilhaftig ihm erschien, weshalb er fortging,
035 Ohn' mich zu sprechen, wie ich mir es denke:
036 Und darin mehrt' er mir an ihm das Mitleid!"" -

037 So sprachen wir bis zu der ersten Stelle,
038 Die des Gesteines nächste Klüftung zeiget,
039 Wär' mehr des Lichts vorhanden, bis zum Grunde.

040 Als wur zur letzten der Clausuren kamen
041 Von Uebelbulgen, daß die Laienbrüder
042 Derselben unserm Blick erscheinen mochten;

043 Durchbohrten mich Wehklagen, mannigfache,
044 Derselben Pfeile Mitleid zugespitzet;
045 D'rum ich die Ohren mit den Händen deckte.

046 Welch' Schreien wär', wenn aus den Krankenhäusern
047 Von Valdichiana, zwischen Heu- und Herbstmond,
048 Und von Maremma und Sardinien alle

049 Leidwehn in einer Kluft vereinigt wären,
050 So war es hier, und solch' ein Stank ging aus da,
051 Wie er von eiterfaulen Gliedern ausgeht.

052 Wir stiegen neider auf dem letzten Rande
053 Des langen Felsen immer links hinunter;
054 Hier drang nunmehro mein Gesicht viel schärfer

055 Hinab zum Grund, wo des Höchsten Dien'rin,
056 Unfehlbare Gerechtigkeit bestrafet,
057 Die sie hierein verzeichnet, - die Verfälscher,

058 Ich glaube nicht, daß traur'ger einst zu schaun war
059 Das ganz und gar erkrankte Volk Aeginas,
060 Als der Bösartigkeit die Luft so voll war,

061 Daß alle Thiere bis zum kleinsten Wurme
062 Daniederfielen, drauf die alten Völker
063 Sich, wie die Dichter es für sicher halten,

064 Erneueten aus der Ameisen Saamen:
065 Als es gewesen längs der dunkeln Kluft da,
066 Die Geister schmachten sehn in mehren Haufen.

067 Deer Eine auf dem Bauch, der auf der Schulter
068 Des Andern lag er, und ein Andrer regte
069 Sich kriechend weiter auf dem traur'gen Wege.

070 Wir gingen Schritt vor Schritt, ohne zu sprechen,
071 Hinschauend und auffordernd nach den Kranken,
072 Die ihre Leiber nicht erheben konnten.

073 Zween sah ich sitzen, an einander lehnend
074 Wie man zum Wärmen Pfann' an Pfanne lehnet,
075 Von Haupt zu Fuß von bösem Grinde fleckig:

076 Und niemals sah ich eine Striegel führen,
077 Von einem Burschen, den sein Herr erwartet,
078 Noch auch von einem, der ungerne wach bleibt:

079 Wie jeder oftmals da der Nägel Reißen
080 Hinführte über sich, ob großen Tobens
081 Des Jückens, welchem nie mehr Lindrung nahet.

082 Die Nägel aber zogen so den Grind ab,
083 Wie Messer Schuppen von dem Brassen, oder
084 Von andrem Fisch, der sie noch breiter hätte.

085 "O du, der mit den Fingern sich zernestelt,
086 Fing mein Geleiter an zu ihrer einem:
087 Und der du öfters Zangen machst aus ihnen,

088 Sag' mir: ist ein Lateiner unter denen,
089 Die hier enthalten sind, soll dir der Nagel
090 In Ewigkeit ausreichen zu der Arbeit." -

091 ""Lateiner sind wir, die du so entstellt siehst,
092 Wir alle beide, sprach der Eine weinend:
093 Doch du, wer bist du, der du uns befragest?"" -

094 Mein Führer sprach zu ihm: "Ich steige nieder
095 Mit diesem Lebenden, von Sturz zu Sturze,
096 Und bin gewillt die Hölle ihm zu zeigen."

097 Da trennte sich das Aneinanderlehnen,
098 Und zitternd wandte sich nach mir ein Jeder,
099 Mit Andern die's vom Wiederhall vernommen.

100 Der gute Meister kehrte ganz zu mir sich,
101 Und sprach: "Sag ihnen nun, was du begehrest."
102 Und ich begann, nachdem er es so wollte:

103 ""Soll euer Angedenken nicht verfliegen
104 Dort in der ersten Welt aus Menschensinnen,
105 Nein weiter leben unter vielen Sonnen:

106 So sagt mir, wer ihr seid, und welches Volkes,
107 Es schrecke eure ekl' und läst'ge Strafe
108 Euch nimmer ab, euch mir zu offenbaren!"" -

109 "Bin aus Arezzo: Albero da Siena,
110 Sprach nun der Ein': ließ mich in's Feuer werfen,
111 Doch das, warum ich starb, führt nicht hierher mich,

112 Wahr ist's, daß ich ihm sagt', im Scherze redend:
113 Ich könnt' im Flug mich in die Luft erheben;
114 Und er, der Lust d'ran hatt' und wenig Einsicht,

115 Wollte, daß ich die Kunst ihm zeigt' und ließ mich
116 Blos weil ich nicht zum Dädalus ihn machte,
117 Von dem verbrennen, der ihn dort als Sohn hielt.

118 Doch hat mich in der zehen Bulgen letzte
119 Der Alchimie halb, die ich trieb auf Erden,
120 Minos, der niemals irren darf, verdammet." -

121 Ich aber sprach zum Dichter: ""War wohl jemals
122 Ein Volk so eitel wie das Sieneser?
123 Gewiß auch das französische nicht ärger!"" -

124 Worauf der andre Krätz'ge, der mich hörte,
125 Entgegnete: "Nimm aus davon den Stricca,
126 Der immer mäßig auszugeben wußte,

127 Und Niccolo, der jene reiche Sitte
128 Zuerst erfunden mit der würz'gen Nelke,
129 Im Garten, wo sich solch' Gesäm' anwurzelt.

130 Nimm aus davon den Klubb, worin den Weinberg
131 Caccian d'ascian verschwelget und den Prachtwald,
132 Und Abbagliato seinen Witz herfürgab.

133 Doch daß du wissest, wer dir also beistimmt
134 Gen die Sanesen; schärfe recht das Auge
135 Auf mich, daß dir mein Antlitz gut antworte.

136 So wirst du sehn: ich bin Capocchios Schatten,
137 Der einst durch Alchimie Metalle fälschte:
138 Und mußt erinnern dich, kenn' ich dich wirklich,

139 Daß ich ein guter Affe der Natur war!" -

<<<   list   operone   >>>