Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 27
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 27

Die Flamme des Ulysses schweigt und geht, von Virgil entlassen, weiter. Eine andre, den Grafen Guido von Montefeltro bergend, kommt heran und fragt Virgil: ob Krieg in der Romagna sei? Virgil heißt Dante reden und dieser schildert in wenigen, kräftigen Zügen den Zustand jenes Landes. Hierauf erzählt Guido, der Meinung, Dante könne nie zur Oberwelt zurückkehren, den schändlichen Rathschlag, den er dem Pabst Bonifacius gegeben, Penestrino zu stürzen: dann wie Franziskus und einer der schwarzen Cherubinen dieses Kreises sich um seine Seele gestritten und letzterer gesiegt habe: so daß er, Guido, nun von Minos, jenes Rathes wegen, zum Diebesfeuer verdammt sei. Die schwarzen Cherubinen waren einst die leuchtendsten Engel: sie wollten aber mit Lucifer das göttliche Licht entwenden; der Dichter setzt sie deshalb als Symbole des Lichtentwendens dem Höllenkreise vor, dessen Seelen, des Lichtdiebstahles wegen, im entwandten Licht Pein leiden. Die Flamme Guidos geht hinweg, die Dichter aber wandern zur neunten Bulge. Zu bemerken ist noch, daß hier die schwarzen Cherubinen der achten Bulge der Hölle vorstehn, wie wir die leuchtenden Cherubinen im achten Kreise des Himmels finden werden.

001 Schon aufgerichtet war die Flamm' und ruhig,
002 Nicht weiter sprechend, und sie ging hinweg schon
003 Von uns, entlassen von dem süßen Dichter:

004 Als eine andre, welche hinter ihr kam,
005 Den Blick uns wenden ließ auf deren Gipfel,
006 Ob eines wirren Schalls, der da hervorging,

007 Wie der sicil'sche Stier zuerst gebrüllet
008 Vom Jammer dessen (wie es auch gerecht war),
009 Der ihn ausbildete mit seiner Feile:

010 Er brüllte mit der Stimme des Gequälten,
011 So daß er, ob er gleich nur war von Erze,
012 Doch schien als sei er von dem Schmerz durchdrungen:

013 Also, anfänglich weder Weg noch Oeffnung
014 Im Feuer habend, in desselben Sprache
015 Verkehreten sich die trübsel'gen Reden:

016 Doch drauf, als sie sich ihren Wg gebahnet
017 Auf durch die Spitze, ihr die Schwingung gebend,
018 Die ihnen im Ausgehn ertheilt die Zunge:

019 Vernahmen wir: "O du, zu dem ich jetzo
020 Die Stirne kehr', der eben auf Lombardisch
021 Gesagt: Nun geh! ich fache dich nicht weiter!

022 Weil ich vielleicht ein wenig spät gekommen,
023 Verdrieß dich's nicht zu weilen, mit mir sprechend,
024 Sieh, mich verdrießt es nicht, obwohl ich brenne.

025 Wenn du nur eben in die blinde Welt hier
026 Gefallen bist von der Lateiner Lande.
027 Dem süßen, draus all' meine Schuld ich bringe:

028 Sprich, hat Romagnas Volk Krieg oder Frieden?
029 Denn von den Bergen war ich, die Urbino
030 Vom Joche scheiden, draus die Tiber vorbricht." -

031 Noch war, auf unten merkend, ich geneiget,
032 Als mein Geleiter mir die Seite rührte
033 Und sagte: "Sprich du; der ist ein Lateiner." -

034 Und ich, der schon die Antwort fertig hatte,
035 Begann ihm ohne Zögerung zu sagen:
036 "O Seele, die verborgen ist da unten,

037 Deine Romagna ist nicht, war auch nimmer
038 Befreit von Krieg, - im Herzen seiner Zwingherrn;
039 Allein erklärt verließ ich keinen dorten.

040 Ravenna steht, wie viele Jahr' es dastand:
041 Der Adler von Polenta brütet dorten,
042 So daß er Cervia deckt mit seinen Flügeln.

043 Die Stadt, die einst die lange Prüfung aushielt,
044 Und von Franzosen blut'gen Haufen machte,
045 Erfindet sich unter den grünen Branken.

046 Verrucchios alter Bluthund und der neue,
047 Die mit Montagna bös verfuhren, machen
048 Da wo sie bleiben aus den Zähnen Bohrer.

049 Die Städte vom Lamon' und vom Santerno
050 Führt an der junge Leu vom weißen Neste,
051 Der nach der Jahreszeit Parthei vertauschet.

052 Und jene, deren Saum der Savio netzet,
053 Gleichwie sie zwischen Ebne liegt und Berge,
054 So lebt sie zwischen Tyrannei und Freiheit.

055 Jetzt bitt' ich, wer du seist mir zu verkünden;
056 Sei nicht verschlossner, als ein Andrer dir war,
057 Soll in der Welt dein Name Stirne halten." -

058 Drauf, als die Flamm' etwas gebrauset hatte,
059 Nach ihrer Weise, schwang die scharfe Spitze
060 Sie her und hn, darauf gab solchen Hauch sie:

061 "Glaubt' ich, daß meine Antwort nun erginge
062 An Einen, der jemals zur Welt zurückkehrt,
063 Die Flamme hier blieb fürder unerschüttert;

064 Allein dieweil niemals als diesem Abgrund
065 Jemand gekehrt, dafern ich hör' das Wahre;
066 Antwort' ich dir, ohn' alle Furcht vor Schande.

067 Kriegsmann war ich zuerst, dann Franziskaner,
068 Vermeinend, so umgürtet, abzubüßen:
069 Und sicher wär mein Glaub' erfüllet worden;

070 War nicht der Hohepriester, Weh' ergreif' ihn!
071 Der mich zurückwarf in die ersten Sünden:
072 Und wie und weshalb, sollst von mir du hören.

073 So lang ich ein Gebild von Fleisch und Bein war,
074 Das mir die Mutter gab, war all' mein Treiben
075 Nicht löwenartig, nein, nach Fuchses Weise.

076 Die Hinterlisten und verdeckten Wege
077 All' wußt' ich sie und so trieb ihre Kunst ich,
078 Daß zu der Erde Rand' der Ruf hinausdrang.

079 Als ich mich sah gelanget zu dem Theile
080 Von meinem Alter, wo Jedweder sollte
081 Die Segel neigen und die Taue sammeln:

082 Ward mir zuwider, was mir erst behaget,
083 Und ich ergab mich reuvell und gebeichtet:
084 Und weh, ich Armer wär' gerettet worden!

085 Allein der Fürst der neuen Pharisäer,
086 Krieg führend nahe bei dem Laterane
087 Und nicht mit Sarazenen noch mit Juden;

088 Denn Christ war seiner Widersacher jeder,
089 Kein einz'ger war Akri erobern gangen,
090 Noch jemals Kaufmann in des Sultans Lande;

091 Nicht höchstes Amt, nicht heilige Gesetze
092 Ehrt' er in sich, und auch an mir die Schnur nicht,
093 Die einst viel schlanker machte ihre Träger:

094 Nein, wie einst Konstantin berief Sylvestern,
095 Aus dem Soract, vom Aussatz ihn zu heilen:
096 Also berief mich der zu seinem Pfleger:

097 Daß ich ihm stillete sein stolzes Fieber.
098 Er fragte mich um Rath, allein noch schwieg ich,
099 Weil seine Worte mir wie trunken schienen."

100 Drauf sagt' er mir: "Dein Herz soll nicht erbangen,
101 Ich absolvir' dich nun, du aber lehrst mich:
102 Wie Penestrino ich zu Boden werfe?

103 Den Himmel kann ich schließen und erschließen,
104 Wie du es weißt; denn zweie sind der Schlüssel,
105 Die mein Vorgänger nicht so werth gehalten,

106 Nunmehro brachten mich die wicht'gen Gründe
107 Dahin, daß Schweigen mir erschien als Schlimmstes,
108 Ich sagte: Vater, wäschest du mich wieder

109 Von dieser Sünd', in die ich jetzt verfalle:
110 Ein lang' Versprechen und ein kurzes Halten
111 Wird auf dem hohen Stuhl dich siegen machen.

112 Franziskus kam, als todt ich war, mich holen;
113 Doch einer von den schwarzen Cherubinen
114 Sagt' ihm: Nicht raub' ihn, thue mir nicht Unrecht!

115 Er muß hinab zu meinen Dienern kommen!
116 Weil er den trügerischen Rath gegeben,
117 Seit welchem ich ihm immer dicht am Schopf war.

118 Wer nicht bereut, dem kann man nicht vergeben,
119 Noch kann zugleich bereuen man und wollen,
120 Des Widerspruchs halb, der es nicht erlaubet.

121 O weh mir Armen, wie ich mich geschüttelt!
122 Als er mich nahm und sprach: vielleicht hast niemals
123 Du es geglaubt, daß Logiker ich wäre?

124 Zu Minos schleppt' er mich, und der umstrickte
125 Achtmal mit seinem Schweif den grausen Rücken
126 Und sprach, als drein er biß vor großem Ingrimm:

127 Der ist ein Schuldiger des Diebes-Feuers!
128 Drum ich verloren bin, wo du es schauest
129 Und, so gekleidet wandeln, härm' ich ab mich!" -

130 Als also sie vollendet ihre Rede,
131 Ging sie hinweg, die Flamme, weheklagend
132 Windend und schlagend ihre scharfe Spitze.

133 Wir zogen weiter, ich, so wie mein Führer,
134 Am Fels empor, bis auf den andern Bogen,
135 Der deckt die Kluft, wo denen Zius gezahlt wird

136 Die, böse Spaltung stiftend, Last erwerben.

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