Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 27
Karl Bartsch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 27

Es nähert sich eine andere Flamme, die den Virgil an seiner Sprache als Lombarden erkennt und nach den Zuständen der Romagna fragt. Dante gibt auf Virgils Aufforderung die gewünschte Auskunft. Dann erteilt die Flamme, in der Gewissheit, mit einem nicht zur Welt Zurückkehrenden zu sprechen, Nachricht von sich. Es ist Guido von Montefeltro, der Ratgeber von Bonifaz VIII., wegen seiner bösen Ratschläge hierher versetzt, wovor ihn auch der heilige Franciscus, in dessen Orden er getreten, nicht schützen konnte. Die Dichter verlassen die achte Schlucht.

Schon war die Flamme ruhig aufgerichtet,
Als sie geendet, und hinweggegangen,
Weil ers erlaubte, der so süß gedichtet.

Als eine zweite, die ihr nachgegangen,
Mein Auge lenkt' auf ihrer Spitze Schein,
Dieweil aus ihr verworrne Töne drangen,

Wie der sicilische Stier, der durch das Schrei'n
Des Mannes, der gezimmert seine Hülle,
Zum ersten Mal brüllt' - und so mußt' es sein -

Durch des Gequälten Stimme sein Gebrülle
Durchließ, so daß, war er auch nur von Erze,
Es schien, als ob ihn gleicher Schmerz erfülle:

So, weil kein Weg und Ausgang in der Kerze
Zu Anfang war, klang in des Feuers Ton
Das jammervolle Wort, durchzuckt von Schmerze.

Doch als es durch die Spitze Bahn sich schon
Gebrochen und ihr mitgetheilt das Regen,
Das von der Zunge es empfing, entflohn

Ihr diese Worte: 'Du, dem ich entgegen
Mein Wort jetzt richte, der lombardisch rief:
"Ich reize dich nicht mehr, geh meinetwegen!"

Wenn ich hierher vielleicht zu säumig lief,
O laß dir drum ein Zwiegespräch gefallen;
Du siehst, mich freuts, steck' ich in Gluth auch tief.

Sprich, falls du eben erst herabgefallen
Zur finstern Welt aus dem Lateinerland,
Dem süßen Quell von meinen Sünden allen,

Ob in Romagna Fried', ob Krieg bestand?
Denn von Urbinos Bergzug bin ich her,
Dort von des Tiberjoches Scheidewand.'

Ich stand hinabgebeugt und lauscht' auf mehr,
Als mir Virigl die Seite leis berührte
Und sprach: 'Sprich du, aus Latium ist Der.'

Und ich, der schon bereit die Antwort führte,
Nicht säumt' ich, so in Wort sie zu fassen:
O Geist, dem Sünde diesen Schlund erkürte,

Nie läßt und wird dein Land Romagna lassen
Vom Krieg, dem seiner Zwingherrn Herz entbrannt;
Doch nicht in offnem hab' ich es verlassen.

Ravenna steht wie es seit Jahren stand;
Dort haust Polentas Adler festgenistet,
Der Cervia mit den Schwingen hält umspannt.

Die Stadt, die sich, belagert, lang gefristet,
Franzosenleichen häufend, ist von Leuen
Mit seinen grünen Klauen überlistet.

Verucchios altem Fanghund und dem neuen,
Der mit Montagna einst so schlimm verfahren,
Sieht man wie sonst die Zähne bissig dräuen.

Die Städt' am Lamon und Santern erfahren
Die Macht des jungen Leun aus weißem Neste,
Der viermal die Partei tauscht in zwei Jahren,

Und, die des Savio Fluth bespült, die Feste,
Gleich wie sie zwischen Bergen liegt und Auen,
Hält Freiheit bald, bald Tyrannei fürs beste.

Jetzt fleh' ich, wer du bist, mir zu vertrauen;
Nicht härter als die andern sei auch du,
Wenn sich dein Name will ein Denkmal bauen.

Die Flamme zischt' auf ihre Art im Nu,
Um dann die spitze Zunge zu bewegen
Bald hin, bald her, und hauchte dies mir zu:

'Dächt' ich, es klänge meine Red' entgegen
Solch Einem, der zurück zum Erdenrunde
Je kehrt, nicht würde sich die Flamme regen.

Weil aber niemand noch aus diesem Schlunde
Zurück kam - falls man wahr berichtet mich -
So geb' ich ohne Furcht vor Schmach dir Kunde.

Erst Kriegsmann, Franciscaner dann war ich;
Vom Strick umgürtet hofft' ich zu bereuen,
Und Wahrheit ward mein Hoffen sicherlich,

Wenn nicht der große Pfaffe mich von neuem
Versenkt' in Schuld - daß er am Galgen schwebte!
Wie und warum, das meld' ich sonder Scheuen.

So lang ich noch in Fleisch und Blute lebte,
Der Mutter Erbtheil, übt' ich solche That,
An der nicht Leun-, nein! Fuchscharakter klebte.

Vertraut mit List und Ränken und Verrath
Uebt' ich die größte Kunst bei meinen Streichen;
Der Erde Grenzen war mein Ruhm genaht.

Doch als ich jenes Alters Höh' erreichen
Mich sah, wo jeder in sich sollte gehen,
Einziehn die Tau' und seine Segel streichen,

Begann mir frühre Lust zu widerstehen:
Ein reuiger Sünder und ein Gnadenfleher
Hätt' ich - weh mir! - gerettet mich gesehen.

Doch jenes Haupt der neuen Pharisäer,
In Krieg verwickelt nah beim Laterane,
Nicht wider Sarazenen und Hebräer -

Nur Christen standen gegen seine Fahne,
Nicht einer, der nach Accons Falle trachte,
Nicht einer, der geschachert beim Sultane -

Sein hohes Amt und seine Weih'n bedachte
Er nicht an sich, und nicht an mir die Binde,
Die ihre Träger magerer einst machte.

Wie vom Soraete, daß sein Aussatz schwinde,
Ließ den Silvester rufen Constantin,
So er, daß er den Meister in mir finde,

Vom Hochmuthsfieber zu befreien ihn.
Er fragte mich um Rath, da schwieg ich lange,
Weil mir sein Wort das eines Trunknen schien.

Und er darauf: "Nicht sei dein Herz drum bange!
Dich absolvier' ich jetzt, doch Rath gib du,
Wie ich Praenestes Niedersturz erlange.

Du weißt, den Himmel schließ' ich auf und zu,
Dazu sind mir der Schlüssel zwei gegeben,
Die Cölestin preisgab um träge Ruh."

So wichtigem Grund konnt' ich nicht widerstreben,
Weil mir der schlimmste Rath hier schweigen schien,
Und ich begann: Da du mir, Vater, eben

Die Sünd' in die ich fallen muß, verziehn -
Durch lang Versprechen und durch kurzes Halten
Wird auf dem hohen Stuhl dir Sieg verliehn.

Franz wollt', als ich gestorben, mich behalten;
Doch einer aus den schwarzen Cherubscharen
Sprach: "Hol' ihn nicht, du ließest Unrecht walten.

Der muß hinab zu meinen Knechten fahren,
Weil Trug zu rathen er sich nicht gescheut;
Seitdem hielt ich ihn immer bei den Haaren.

Lossprechen kann man nicht wer nicht bereut;
Bereu'n und Wollen kann sich nicht vertragen,
Wie's beider Wörter Widerspruch verbeut."

O weh mir Jammerndem! wie mußt' ich zagen,
Als er mich packt' und ich "Hast nicht gedacht,
Daß Logik ich verständ'?" ihn hörte sagen.

Zu Minos trug er mich; der Male acht
Schlug der den harten Rücken mit dem Schweife;
Dann sprach er, in ihn beißend, wuthentfacht:

"Fort, daß das Diebesfeuer ihn ergreife!"
Nun siehst du, wie verdammt an diesen Ort
Ich so umwallt voll Gram dies Thal durchstreife.'

Nachdem er so vollendet Red' und Wort,
Das spitze Horn bewegend und verneigend,
Ging ihren Weg die Flamme klagend fort.

Drauf schritt ich, mit dem Führer weiter steigend,
Am Riff empor bis auf den andern Bogen;
Dort ist der Schlund, der Frevler Strafe zeigend,

Die, Spaltung stiftend, Schuld sich zugezogen.

<<< Inhalt operone >>>