Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 26
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 26

Nachdem er der Stadt Florenz (die so arge Bürger ernährt, wie die fünf, Hölle 24 unde 25 erwähnten Diebe) schweres Unglück vorhergesagt, erzählt Dante wie er zur achten Bulge gelangt, worin die bösen Rathgeber von einzelnen Flammen hinweggestohlen umherwandeln. Der Sinn dieser Strafe ist: Wer Andern bösen Rath giebt, versündigt sich an dem Licht, das ihm Gott vor Andern gegeben hat: er entführt es, er stiehlt es Gott. Dieses Gott entwendete Licht wird jenseits vor der Sünder erwachten Bewußtsein (Minos) brennende Qual. Die heiligen Rathgeber wie Elias (V. 35) wenden ihr Licht Gott zu, fahren daher in demselben, Gott verbunden, in den Himmel; die bösen Rathgeber aber begleitet das Gott entwandte Licht in die Hölle hinab, und jemehr sie dessen entwandt, desto größer ist ihre Qual. Sie werden davon nach des Dichters Ausdruck hinweggestohlen, im Sinn der heil. Schrift (B. d. Weisheit Cap. 11 V. 17): "womit einer sündigt, damit wird er geplagt." Diese geistigen Diebe sehen wir hier ganz entrückt: während wir die Diebe am äußern Eigenthum nur ihres letzten äußern Eigenthums, ihrer Gestalt beraubt sahen (Hölle 24 und 25). - Unter den Lichtern des Abgrunds erblickt unser Dichter eine Doppelflamme, und bittet Virgil zu warten, bis sie herankäme. Letzterer sagt ihm, daß darin Ulysses und Diomedes, die vereint durch bösen Rath gesündigt, vereint Qual litten, auch mit Bezug auf das römische Riech, für den Diebstahl am Palladium. Auf Virgils Befragung erzählt die größere Spitze der Flamme, Ulysses, wie er durch eigne Schuld verloren gegangen, indem er seine Genossen irre geführt, bis über die Säulen des Herkules hinaus, und, göttlichen Willen zuwider, an den Fegefeuerberge auf der jenseitigen Halbkugel landen wollen: da habe Gottes Wirbelsturm sein Schiff ergriffen und versenkt. Ulysses steht hier als potenzirtes Bild irreführenden Rathes. (Zu vergleichen ist über die Strafe Jerem. 23 wo es V. 29 heißt: "Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr ... darum siehe, ich will an die Propheten, ... die mein Wort stehlen einer dem andern ... und verführen mein Volk mit ihren Lügen und losen Theildingen." Hiezu stimmt das heidnische Bild vom Stehlen des Weisheitsymboles, des Palladiums; auch wird in derselben Schriftstelle V. 19 der Wirbelwind erwähnt, der über die Irreführenden kommen soll.)

001 Genieße des Florenz, daß du so groß bist,
002 Daß du die Flügel über Meer und Land schlägst
003 Und durch die Hölle sich dein Name breitet!

004 Ich traf hier bei den Dieben fünf so arge
005 Als deine Bürger an, daß Schaam mich ankommt,
006 Du aber auch nicht steigst in großen Ehren!

007 Doch wenn man gegen Morgen Wahres träumet,
008 Wirst du in wenig Zeit von dem erfahren,
009 Was außer Andern dir auch Prato gönnet:

010 Und wär' es schon, es wäre nicht zu frühe:
011 O wär' es schon so, da es einmal sein soll!
012 Denn mehr mich drücken wird's, jemehr ich altre.

013 Wir gingen weg von da, und auf den Stufen,
014 Die uns der Rand geboten zum Hinabgehn,
015 Stieg wieder auf mein Führer, mich geleitend.

016 Und fürder wandelnd die einsame Straße,
017 Zwischen den Klippen und den Felsenblöcken,
018 Kam ohn' die Hand der Fuß allein nicht weiter.

019 Drauf fühlt' ich Leid und fühl' es jetzt von neuem,
020 Wend' ich den Sinn auf das was ich geschauet,
021 Und zügle mehr die geist'ge Kraft als ehe,

022 Daß sie nicht geh', wo Tugend sie nicht leitet,
023 Daß, hat ein günst'ger Stern mir, oder Höh'res
024 Solch' Gut geschenkt, ich mir es selbst nicht neide!

025 Wie viel der Landmann, der am Hügel ausruht,
026 Zur Zeit wenn Jener, der die Welt erleuchtet,
027 Sein Angesicht uns weniger verbirget:

028 Wenn nun die Fliege weicht der Wassermücke,
029 Leuchtwürmchen schauet unten in dem Thale:
030 Wo Trauben er einsammelt, oder pflüget:

031 Von so viel Flammen leuchtete nun gänzlich
032 Die achte Bulge, wie ich das ersahe,
033 Sobald ich stand: wo sich der Grund gezeiget.

034 Wie Jener, der sich mit den Bären rächte,
035 Den Wagen des Elias sah im Scheiden,
036 Als sich die Rosse steil zum Himmel huben,

037 Und er nicht so mit Augen folgen konnte,
038 Daß Andres er erblickt, als nur die Flamme
039 Gleich einem Wölklein auf zur Höhle fahren:

040 Also bewegte jede durch den Schlund sich
041 Der Kluft, da keine das Entrückte zeiget:
042 Und jede Flamme stiehlet einen Sünder.

043 Hoch auf der Brücke stand zum Schau'n ich aufrecht,
044 Daß, hätt' ich nicht ein Felsenstück ergriffen,
045 Ich wär' hinabgefallen sonder Anstoß.

046 Der Führer, der mich so gespannt erblickte,
047 Sprach: "In den Feuern sind die Geister, jeder
048 Hüllt sich in das, von welchem er gebrannt wird." -

049 Ich aber sprach: "Mein Meister, solches hörend
050 Von dir, bin sichrer ich; doch hatt' ich Ahnung,
051 Daß so es wär': und schon wollt' ich dich fragen,

052 Wer in dem Feuer ist, das so getheilt kommt
053 Von oben, gleich als stieg's vom Stoß, darauf einst
054 Eteokles gelegt ward mit dem Bruder?" -

055 Er gab zur Antwort mir: "Da innen quält sich
056 Ulyss' und Diomed' und so zusammen
057 Gehn in der Strafe sie, wie einst im Hassen.

058 Innen in ihrer Flamme wird beseufzet
059 Die List mit jenem Rosse, die das Thor brach,
060 Daraus der Römer edle Saat hervorging.

061 Beweint wird drin die Kunst, ob welcher todt noch
062 Deidamia wehklaget um Achillen:
063 Auch für's Palladium wird da die Pein gelitten." -

064 "Vermögen sie im Innern dieser Gluten
065 Zu sprechen, sagt' ich: Meister, bitt' ich sehr dich
066 Und wiederum, daß tausend gilt die Bitte,

067 Daß du mir nicht versagest hier zu warten,
068 Bis die gehörnte Flamme hergelanget:
069 Du siehst wie ich in Drang mich zu ihr neige." -

070 Und er zu mir nun: "Deine Bitt' ist würdig
071 Gar vielen Lobes und ich nehm' sie an drum;
072 Doch sorge, daß sich deine Zunge halte:

073 Mich lasse reden; denn begriffen hab' ich
074 Was du begehrst: sie würden vielleicht spröde,
075 Dieweil sie Griechen sind, auf dein Befragen." -

076 Als nun die Flamme dorten angekommen,
077 Wo meinem Führer Zeit und Ort gelegen,
078 Hört' ich ihn reden in sothaner Weise:

079 "O ihr, die zween ihr seid in einem Feuer,
080 Hab' ich's um euch verdient, so lang ich lebte,
081 Hab' ich's um euch verdient, viel oder wenig,

082 Als in der Welt ich schrieb die hehren Verse:
083 Bewegt euch nicht, doch eurer Einer sage
084 Wo er, durch sich verloren, hinging sterben?" -

085 Das größre Horn an der uralten Flamme
086 Begann sich nun zu schütteln, ganz so rauschend
087 Wie eine solche, die der Sturm belästigt:

088 Darauf die Spitze hie und dahin werfend,
089 Als wäre es die Zunge, welche spräche,
090 Warf Stimme sie hervor und sagte: Als ich

091 Von Circe fortgesegelt, die mich hinzog
092 Mehr als ein jahr, da, nahe bei Gaëta,
093 Bevor Aeneas also es benamet,

094 Nicht Zärtlichkeit für meinen Sohn, noch Ehrfurcht
095 Für meinen greisen Ahn, noch schuld'ge Liebe,
096 Die wohl Penelopen erheitern sollen,

097 Vermochten in mir ob des Drangs zu siegen,
098 Den ich empfand, kundig der Welt zu werden,
099 Menschlicher Laster auch und edler Thatkraft.

100 Ich warf mich in das hohe, offne Meer hin,
101 Allein mit einem Schiff und jener kleinen
102 Genossenschaft, die mir annoch verblieben.

103 Ein Ufer wie das andre sah bis Spanien
104 Ich, und Marokko und Sardiniens Insel
105 Und alle, die ringsher dies Meer bespület.

106 Ich und die Andern waren alt und säumig,
107 Als wir zu jener engen Mündung kamen,
108 Wo Herules bezeichnet seine Male,

109 Damit der Mensch nicht weiter vorwärts dringe.
110 Zur rechten hand ließ ich zurück Sevilla,
111 Zur andern hatt' ich Ceuta schon gelassen.

112 O Brüder, sagt' ich: die durch hunderttausend
113 Gefahren ihr zum Occident gelangt seid:
114 Der annoch gar so kleinen Abendwache

115 Der Sinne, die euch übrig ist geblieben,
116 Wollt jetzo nicht entziehen die Erkundung,
117 Folgend dem Sol, des Erdraums ohne Völker.

118 Gedenket alle nun an euren Ursprung:
119 Ihr wurdet nicht gezeugt, wie Vieh zu leben,
120 Nein nachzugehn der Tugend und dem Wissen.

121 Ich machte die Genossen zu der Reise
122 Mit dieser kurzen Rede so begierig,
123 Daß ich sie dann kaum mehr gehemmet hätte.

124 Und, morgenwärts gewandt das Steuer, machten
125 Aus Rudern Flügel wir, zum thör'gen Fluge,
126 Stets mehr gewinnend auf der linken Seite.

127 All' die Gestirne schon vom andern Pole
128 Sah ich bei Nacht und unsern also niedrig,
129 Daß er nicht aufstieg aus dem Meeresboden.

130 Fünfmal erneuet und so oft erloschen
131 War uns das Licht von untenher am Monde,
132 Seitdem wir die verwegne Bahn betreten;

133 Als endlich uns ein Berg erschien, verdunkelt
134 Durch die Entfernung, und er schien so hoch mir,
135 Wie ich vordem noch keinen hatt' erblicket.

136 Wir jauchzten drum, doch bald wandt' es in Leid sich:
137 Weil von dem neuen Land ein Wirbelsturm kam
138 Und mächtig schlug das Vordertheil des Schiffes.

139 Dreimal macht' er's mit allen Wassern kreisen,
140 Sodann das Steuer heben und den Schnabel
141 Hinuntersenken, wie's gefiel dem Andern:

142 Bis über uns das Meer geschlossen wurde.

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