Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 25
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 25

Kaum wieder zu seiner Gestalt gelangt, beginnt der Kirchenräuber Gott zu lästern, wird aber von den Gedanken an seine Sünden, von den Schlangen, so bewältigt, daß er nicht weiter sprechen kann und endlich flüchtet. Ihm nach jagt der Centaur Cakus, welcher, mit Bezug auf die Centauren des 12. Gesanges, Mord und Diebstahl zugleich vorbildet, daher grade hier gegen den Mörder und Dieb Fucci sehr sinnreich auftritt: auf seinem Rücken liegt der göttliche Drache, der die, dem Gericht Gottes Trotzenden, welche nicht fliehen, mit Flammen überschüttet (Hölle 15 V. 37). Nun sieht Dante wie einer der Sünder, von einem Andern, der zur Schlange geworden, plötzlich angefallen wird, so daß er mit ihm zusammenfließend eine Ungestalt, ein Bild des verwirrten letzen Eigenthums darstellt. Auf einen andern Dieb fährt eine andere Schlange los, verwundet ihn am Nabel und fällt vor ihm zu Boden. Nun sieht Dante, wie die Schlange sich in den Menschen und der Mensch in die Schlange verwandelt, und ein jedes mit der Gestalt des Andern davon zieht. Deutlich ist darin die Idee versinnlicht, daß die Diebe gar nichts Eignes haben, indem sie sich des Fremden anmaßen. Ihr Thun ist hier wie bei den Zornigen (Hölle 7 V. 112) ihre Strafe, recht im Sinne Salomons, welcher (B. d. Weisheit Cap. 11 V. 17), bei Gelegenheit der Schlangenplage Egyptens, sagt: die Egypter seien mit Schlangen gestraft worden: weil sie Schlangen angebetet: "denn womit Einer sündigt, damit wird er geplaget." - Die Verwandelten fliehn von dannen.

001 Am Schlusse seiner Rede hub der Räuber
002 Zu frechem Hohn geballt die beiden Fäuste
003 Ausrufend: Nimm das, Gott, dir ball' ich zu sie!

004 Von da an wurden mir die Schlangen Freunde,
005 Denn Eine ringelte sich um den Hals ihn,
006 Als spräch sie: ich will nicht, daß du weiter redest;

007 Und eine And're um die Arm' und band ihn,
008 Sich selber so herum nach vorwärts windend,
009 Daß er mit ihnen keinen Zuck thun konnte.

010 Pistoja, ach Pistoja, was beschließest
011 Du nicht, dich einzuäschern, daß du schwindest,
012 Da deinen Stamm du überragst mit Sünd'gen?

013 In allen finstern Höllenkreisen sah ich
014 Nicht einen Schatten gegen Gott so trotzig,
015 Auch den nicht, der herabfiel Thebens Mauern.

016 Er floh hinweg und redete kein Wort mehr.
017 Und einen Centauren sah ich, voll von Zorne,
018 Ankommen, schreiend: Wo ist, wo ist der Trotz'ge!?

019 Ich glaube, nicht Maremma hat so viele,
020 Wieviel der Schlangen hatt' auf seinem Rücken,
021 Bis da, wo unsere Gestalt beginnet.

022 Doch auf den Schultern, hinter dem Genicke,
023 Mit off'nen Fittigen, lag ihm ein Drache:
024 Der Jeden anflammt, der entgegen kommet.

025 Mein Meister aber sagte: das ist Cacus,
026 Der unterm Fels des Hügels Aventinus
027 Vordem oft eine Lache Blutes machte.

028 Er geht nicht gleichen Weg mit seinen Brüdern,
029 Des Raubes halben, den er trüg'risch übte
030 An der gewalt'gen Heerde, die ihm nahte:

031 Wonach ein Ende nahm sein schielend Treiben
032 Unter der Keule Herkules, der hundert
033 Ihm damit gab, wovon nicht zehn er fühlte.

034 Indem er also sprach, und jener durchlief,
035 So kamen unter uns heran drei Schatten,
036 Die weder ich, noch mein Geleiter eher

037 Gewahret, bis dieselben schrien: Wer seid ihr?
038 Weshalb denn unsre Sage jetzo ruhte,
039 Und wir fortan nur merketen auf Jene.

040 Ich kannte beide nicht, doch es begab sich,
041 Wie es durch einen Zufall sich ereignet,
042 Daß Einer einen Andern nennen mußte,

043 Und fragen: "Wo ist Cianfa nur geblieben?" -
044 Drum legt' ich, daß mein Führer achtsam wäre
045 Den Finger mir vom Kinn auf an die Nase.

046 Bist du, o Leser, träge nun, zu glauben
047 Was ich erzählen will, kein Wunder ist es;
048 Da ich, der's sah, mir kaum es zugestehe.

049 Als er auf sie gehoben hielt die Brauen,
050 Da wirft sich eine Schlange mit sechs Füßen
051 Hin vor den einen und umfängt ihn gänzlich;

052 Umschlang den Bauch ihm mit den Mittelfüßen,
053 Und mit den vordern nahm sie seine Arme,
054 Hieb dann die Zähn' in die wie jene Wang' ihm,

055 Dehnt' ihre Hinterfüß' auf seinen Schenkeln,
056 Und steckt' ihm zwischen beiden ihren Schwanz durch
057 Und bog ihn hinten in die Hüften aufwärts.

058 Nie war ein Epheu so fest angenestelt
059 An einem Baum, wie das grau'nvolle Unthier
060 Um jenes Andern Glieder seine rankte.

061 Drauf pichten sie zusammen, gleich als wären
062 Sie heißes Wachs, und mischten ihre Farben,
063 Und weder die noch die schien wie sie erst war:

064 Wie sich dem Brennen oben am Papyrus
065 Voranbeweget eine braune Farbe,
066 Die noch nicht schwarz ist, und die weiße schwindet.

067 Die andern Zweie sahn da zu, und Beide
068 Schrie'n: "Ach, Agnello, wie du dich veränderst!
069 Sieh doch, du bist ja weder Zwei noch Einer!" -

070 Schon waren die zween Häupter eins geworden,
071 Als draus gemischt erschienen zween Gebilde
072 In einem Antlitz, worin zween vergangen.

073 Die beiden Arm' entstanden aus vier Stummeln:
074 Die Schenkel mit den Beinen, Bauch und Kasten
075 Sie wurden nie vorher geseh'ne Glieder.

076 Gänzlich vernichtet war ihr erstes Aussehn:
077 Beider und Keines schien das wirre Bildniß,
078 Und so ging es hinweg, langsamen Schrittes,

079 Wie unter des Hundssternes scharfer Geißel,
080 Der grüne Eidechs, Zaun mit Zaun vertauschend,
081 Ein Blitz erscheinet, wenn er über'n Weg läuft;

082 Also erschien da, gen die Bäuche fahrend
083 Der beiden Andern, ein erboßtes Schlänglein,
084 Bräunlich und schwärzlich, wie ein Pfefferkorn ist.

085 Und jenen Theil, allwo zuerst empfangen
086 Wird unsre Nahrung, bohrt' es durch dem Einem,
087 Dann fiel sie nieder, vor ihm hingestrecket.

088 An sah sie der Gestoch'ne, doch nichts sagt' er,
089 Nein, nur auf seinen Füßen stehend, gähnt' er,
090 Als ob ihn Schlaf befiele, ober Fieber;

091 Er sah die Schlange an, und die ihn wieder;
092 Der aus dem Stich, die aus dem Maule dampften
093 Gewaltig, es begegnete der Rauch sich.

094 Lucanus schweige jetzt, wo er beginnet
095 Vom traurigen Sabellus und Nassidius,
096 Und habe Acht zu hören was nun vorgeht.

097 Von Cadmus schweig' und Arethusa', Ovidius,
098 Denn, wenn er den in Schlang' und die in Quelle
099 Verwandelt, dichtend, ich beneid' ihn nimmer:

100 Denn zwei Naturen, Stirne gegen Stirne
101 Verwandelt' ernie so, daß beider Formen
102 Bereit gewesen wären, Stoff zu tauschen.

103 Doch die entsprachen dergestalt einandr,
104 Daß ihren Schwanz die Schlange schuf zur Gabel.
105 Der Wunde dann zusammenzog die Fersen.

106 Und Bein' und Schenkel pichten so von selber
107 Zusammen, daß in Kurzem die Verbindung
108 Kein Merkmal ließ, das noch erschienen wäre.

109 Der durchgespalt'ne Schweif nahm die Gestalt an,
110 Die dort verloren ging, und seine Haut ward
111 Nun weich, dagegen aber hart die andre.

112 Ich sah die Arm' eingeh'n in ihre Höhlen,
113 Doch jenes Thieres kurze Füße beide
114 So viel sich strecken, als sich jene kürzten.

115 Dann wurden ganz verzwängt die Hinterfüße
116 Zu jenem Gliede, das der Mann verbirget;
117 Der Andre hatt' aus seinem zween der Pfoten.

118 Indem der Rauch nun Einen um den Andern
119 Mit neuer Farbe decket, und das Haar schafft
120 Auf Diesem hier, und von dem Andern ablöst,

121 Hub dieser sich, der Andre fiel zur Erde,
122 Doch drum nicht wenden die verruchten Lichter,
123 Darunter Jeder änderte die Schnautze.

124 Wer aufrecht war, zog hin sie nach den Schläfen,
125 Und vom zu vielen Stoff, der sich dahin schob,
126 Vor gingen Ohren aus den glatten Wangen:

127 Was nicht nach hinten lief und sich zurück hielt,
128 Des Ueberfluß ward Nase dem Gesichte
129 Und schwellte, soviel nöthig war, die Lippen.

130 Der, welcher dalag, recket vor die Schnautze,
131 Und zieht in's Haupt zurücke seine Ohren,
132 Wie es mit ihren Hörnern macht die Schnecke;

133 Die Zunge, die eer früher ganz und fertig
134 Zum Reden hatte, theilt sich, die getheilte
135 Schließt sich am andern, und der Rauch hört auf nun.

136 Die Seele, die zum Ungeheuer worden,
137 Flieht zischend nun von dannen, durch das Thal hin,
138 Der Andere, nachreden jener, sprudelt:

139 Dann kehret'er ihr zu die neuen Schultern
140 Und sprach zum andern: Nun soll Boso kriechend,
141 Wie ich getahn, hinwandeln diese Straße.

142 So sahe ich die siebente der Wüsten
143 Verwandeln und vertauschen; hier entschuld'ge
144 Mich Neuheit, irrt die Feder um ein Stäubchen.

145 Geschah es auch, daß meine Augen etwas
146 Verwirret waren, und der Geist ermattet:
147 Nicht konnten Jene so versteckt entfliehen,

148 Daß ich nicht Puccio Sciancat' errathen:
149 Der aber war's, der von den drei Gefährten,
150 Die erst gekommen, nicht Gestalt gewechselt:

151 Der Andre der, ob dem du klagst, Gaville.

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