Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 24
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 24

Dante, betrübt von der Stimmung Virgils, wird durch dessen sanftes Anschaun wieder getröstet und gelangt mit seiner Hülfe, wiewohl mühsam, auf den Trümmern der zerschellten Brücke, wieder aus der Kluft der Heuchler, auf die Brücke der nächsten Bulge. Da er von dort aus nicht deutlich entnehmen kann, was darin vorgeht, steigen sie am Rande jenseits hinab. Nun sieht Dante die Strafe der Diebe. Ihr Bewußtsein (Minos) straft dieselben mit dem Anblick ihrer Sünden, in Gestalt schleichender und überfallender Schlange, denen sie vergeblich zu entfliehen trachten: wie sie auf Erden das Eigenthum raubten und verwirrten, rauben und verwirren ihnen die Schlangen ihr letzes Eigenthum, ihre menschliche Gestalt. Zuerst sieht Dante den Kirchenräuber Vanni Fucci aus Pistoja, vom Biß einer feurigen Schlange, zu Asche zerfallen, welcher Vorgang an die feurigen Schlangen erinnert, womit Gott die widersetzlichen Israeliten strafte (4. Buch Mos. Cap. 21 V. 6). Die Asche Vanni Fuccis sammelt sich wieder und seine Gestalt erneuet sich. Als sich Dante wundert, ihn, der so viel offne Mordthaten begangen, in dieser Bulge zu finden, gesteht er beschämt, daß er Kirchengefäße gestohlen, für welchen Frevel man Andre gehenkt habe. Damit Dante sich nicht freue ihn hier zu sehn, sagt er ihm das Unglück der Weißen in Picenerfelde voraus.

001 In jenem Theil des jugendlichen Jahres,
002 Da Sol sich unterm Wassermann das Haar frischt,
003 Und schon die Nächt' im halben Tag entweichen:

004 Wenn nun der Reif nachahmet auf der Erde
005 Das Bild des Schnees, seines weißen Bruders,
006 Doch dauert seiner Feder Schnitt nicht lange

007 Da steht der Landmann, welchem Futter mangelt,
008 Und schaut umher und siehet das Gefilde
009 Weiß schimmern ganz und schlägt sich drob die Hüfte,

010 Und geht in's Haus und hier und dorten klagt er,
011 Dem Armen gleich, der nicht weiß was er thun soll,
012 Geht wieder dann und fasset neue Hoffnung,

013 Erblickend wie die Welt Gesicht gewechselt
014 In wenig Zeit, und nimmt den Hirtenstab nun
015 Und treibt die Schäflein aus, um sie zu weiden:

016 So ward ich da um meines Meisters willen;
017 Als ich ihn sahe so die Stirne falten,
018 Und auch so schnell kam auf das Weh das Pflaster.

019 Denn als wir zur zerstörten Brücke kamen,
020 Wandt' er zu mir sich, mit dem holden Blicke,
021 Den ich zuerst gesehn am Fuß des Berges.

022 Die Arme that er auf, als einen Rath er
023 Bei sich beschlossen, und, zuvor die Trümmrung
024 Genau betrachtend, griff er mich mit Händen.

025 Und Einem gleichend, welcher baut und abschätzt,
026 Bei dem man immer sieht, daß er vorausdenkt,
027 Also, mich aufwärts hebend zu dem Gipfel

028 Des einen Blocks, zeigt' einen andern Fels er
029 Und sprach: "Du mußt an diesen da dich klammern:
030 Doch prüf' erst, ob er dich zu tragen mächtig?" -

031 Das war kein Weg für einen in der Kutte,
032 Da wir nur kaum, er leicht, ich fortgehoben
033 Hinaufzugehn vermocht von Trumm zu Trumme:

034 Und, war's nicht so bestellet, daß das Ufer
035 Desselben Ringes, niedrer als das andre,
036 Von ihm nicht weiß ich's; doch ich wär' erlegen;

037 Allein weil Uebelbulgen gen den Eingang
038 Des alltertiefsten Brunnens ganz sich neiget,
039 So bringt jedweden Theiles Lag' es mit sich,

040 Daß eine Seite ragt, die andre abfällt.
041 Doch kamen endlich hin wir auf den Gipfel,
042 Von wo der letzte Felsenblock getrennt ist.

043 Der Lunge Odem war mir, als ich oben
044 War, so erschöpft, daß ich nicht weiter konnte,
045 Vielmehr mich setzte bei der ersten Ankunft.

046 "So mußt die Trägheit du abstreifen! sagte
047 Mein Meister: denn in Federn liegend kommt man
048 Niemals zu Ruhm, nie unter Baldachine!

049 Wer aber ohne den sein Leben aufzehrt,
050 Der lässet solche Spur von sich auf Erden,
051 Wie Rauch in Lüften und wie Schaum im Wasser.

052 Drum steh' empor, besiege die Erschöpfung,
053 Mit jenem Muth, der jede Schlacht gewinnet,
054 Wenn er nicht hinfällt mit dem schweren Leibe.

055 Weit längre Stiege ziemt es zu erklimmen:
056 Nicht gnüget es geschieden sein von dieser.
057 Verstehst du mich, thu' so, daß es dir fromme!" -

058 Auf stand ich damals, mich weit mehr mit Odem
059 Versehend zeigend, als ich selbst mich fühlte.
060 Und sagte: "Geh, denn ich bin stark und muthig!" -

061 Am Felsen aufwärts nahmen wir den Weg nun,
062 Der höckrig war und schmal, schwer zu erklimmen
063 Und sehr viel jäher noch als der von vorher.

064 Fortsprechend ging ich, um nicht matt zu scheinen
065 Als eine Stimm' entstieg dem nächsten Graben,
066 Zu ungefüg' um Worte darzustellen.

067 Nicht weiß ich was sie sprach, war auf dem Rücken
068 Ich schon des Bogens, der hier überführet.
069 Doch der da sprach, schien mir zu Wuth gereizet.

070 Tief neigt' ich mich, doch die lebend'gen Augen
071 Nicht konnten sie zum Grund hin, ob des Dunkels,
072 Weshalb ich: "Meister, sieh daß du zum andern

073 Rand kommst, und steigen wir die Wand hinunter,
074 Denn so wie hier ich hör' und nichts verstehe,
075 So blick ich auch hinab und nichts erkenn' ich." -

076 "Nicht andre Antwort geb' ich dir, begann er,
077 Als nur die That; denn ehrenwerther Bitte
078 Soll mit dem Werke man nachkommen schweigend." -

079 Der Brück' entstiegen wir, hinab vom Kopf,
080 Wo sie sich einet mit dem achten Ufer,
081 Und drauf ward mir die Bulge offenbaret:

082 Ich sah da innen fürchterliche Haufen
083 Von Schlangen, und von so vertrackter Weise,
084 Daß die Erinn'rung noch mein Blut erstarret.

085 Mehr rühm' sich Lybien nicht mit seinem Sande,
086 Denn bringt es Wassernattern, Langennattern
087 Und Brillenschlange, Ottern auch und Ringler;

088 Doch nicht so viel Gezücht und nicht so gift'ges
089 Hat jemals es gezeigt mit ganz Aethiopien
090 Sammt allem Land, das überm rothen Meer ist.

091 Durch dieses graus' und sehr elende Wimmeln
092 Hinrannten Schaaren nackend und geängstet,
093 Ohn' Hoffnung auf Schlupfloch und Heliotropus.

094 Es banden Schlangen ihre Hände rückwärts,
095 Die bohrten durch die Hüften ihren Schwanz und
096 Das Haupt und waren vorn verknäuelt.

097 Und sieh, auf Einem, der an unserm Rand war,
098 Warf eine Schlange sich, die ihn durchbohrte,
099 Da wo der Hals den Schultern sich verbindet.

100 Nicht 'O' ward je so schnell mit 'I' geschrieben,
101 Als er entglomm und brannt' und gänzlich Asche
102 Mußt er allda im Niederfallen werden.

103 Und drauf, als an der Erd' er so zerstört war,
104 Aufsammelte sich die Asch' und aus sich selber
105 Ward wieder sie derselb' im Augenblicke.

106 So wird berichtet von den großen Weisen,
107 Daß auch der Phönix stirbt und wieder auflebt,
108 Wenn dem fünfhundertsten der Jahr' er nahet.

109 Nicht Kraut, nicht Korn äßt er in seinem Leben,
110 Und nur von Weihrauchthränen und von Ingber
111 Und Nard' und Myrrhen ist sein letzter Holzstoß.

112 Und wie der ist der hinfällt und nicht weiß wie?
113 Durch Macht des Dämons, der zur Erd' ihn reißet,
114 Auch andrer Stockung, die befäht den Menschen:

115 Wenn er nun aufsteht und sich rings betrachtet,
116 Gänzlich verwirret von dem großen Schreckniß,
117 Das er erlitten hat und schauend aufseufzt:

118 So stand der Sünder drauf emporgerichtet.
119 Gerechtigkeit des Herrn, wie ist sie strenge,
120 Daß solche Schläge sie zur Rache blitzet!

121 Der Führer fragte dann ihn: wer er wäre?
122 Drauf er antwortet': Ich fiel von Toskana
123 Vor kurzer Zeit in diesen wilden Schlund hier.

124 Ein viehisch Sein, kein menschliches gefiel mir,
125 Dem Maulthier, das ich war. Bin Vanni Fucci,
126 Das Vieh, Pistoja war mir würd'ge Höle!" -

127 Und ich zum Führer: "Sag' ihm, nicht entschlüpfen
128 Soll er, frag' welch' Vergehn ihn da herabstieß,
129 Da ich ihn einst als Blutmann und voll Wuth sah." -

130 Der Sünder, der's vernahm, verstellte sich nicht,
131 Nein, wendete zu mir nun Sinn und Antlitz
132 Und färbete mit jämmerlicher Schaam sich.

133 Dann sprach er: "Daß du dich um mich bemüht, schmerzt
134 Mich mehr im Leid, darinnen du mich siehest,
135 Als da dem andern Leben ich geraubt ward.

136 Abschlagen kann ich nicht, was du begehrest
137 Ich bin so tief verworfen, weil ein Dieb ich
138 Am herrlichen Geräth der Sakristei ward,

139 Und fälschlich ward ein anderer gehenket.
140 Allein, daß du dich solcher Schau nicht freuest,
141 Wenn jemals du entkommst den dunklen Orten.

142 Thu' auf die Ohren meiner Kund' und höre:
143 Pistoja wird zuerst von Schwarzen magrer,
144 Hierauf erneut Florenz so Volk als Sitte,

145 Dann ziehet Mars Glut her von Valdimagra
146 Die eingehüllet ist in trübe Wolken,
147 Und mit Gestürm, mit heftigem und herbem,

148 Wird dann gefochten im Picener Felde:
149 Worauf er schnell zertheilen wird den Nebel;
150 So, daß jedweder Weiße davon wund wird!

151 Und das hab' ich gesagt, damit dich's schmerze!" -

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