Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 22
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 22

Die Dichter gehn am Rande der Kluft hin, im Geleit der Dämonen, deren Gehaben sich nun, gemäß ihren Namen, dramatisch entwickelt. Wo der Anführer, der ehrwürdige Wirrbart erscheint, tauchen die Sünder, welche sich Delphinen gleich gelüftet, ängstlich nieder; Dämon Kratzenhund aber bemerkt einen, der hervorsieht und hakt ihn am Kopf an. Alle schreien: Dämon Rotherboßt solle ihn augenblicklich zerfleischen! Auf Dantes Bitte befrägt Virgil den Gequälten: wer er sei? Eben offenbart er sich als Navarresen, und König Thibauts bestechlichen Diener, als ihn Dämon Schindsau mit seinem Eberzahn reißt. Nun zerrt ihn der ehrwürdige Wirrebart zu sich, aus der Gewalt der Andern und hält ihn, als Obman grausamgefällig, mit der Gabel, damit Virgil mehr von ihm vernehmen könne. Als er eben mehr hier befindliche Sardinier nennen will, kann Dämon Gierbrand sich nicht halten und hakt ihm einen Fetzen vom Arme und Dämon Giftbrache will ihn heimlich zwicken, als Wiirebarts Zorn Alle stillt. Der so gleichsam von seinen eignen Verbrechen gequälte Sünder erzählt nun: daß ihm nachbarlich zwei Sardinier in der Pein seien: Fra Gomita und Herr Michael Zanche. Er fürchtet sich aber plötzlich vor dem Dämon Firlefanz, doch als dieser durch Wirrebarts Drohn gestillt ist, verspricht er den Dichtern an seiner Statt sieben Tusker und Lombarden, mit einem Pfiff aus dem Pech zu locken, falls die schreckenden Dämonen einen Augenblick zurücktreten wollten. Dämon Klaffhund ahnt hierin seine Absicht zu entschlüpfen und macht Einwendung. Nun gesteht der schlaue Sünder schändlich zu handeln, indem er seine Genossen in Noth bringen wolle. Dieses Wort aber lockt grade den schadenfrohen Dämon Andreducker, die übrigen zum Zurücktreten zu bereden; dabei aber droht er dem Sünder ihn selbst bis über das Pech zu verfolgen, wenn er die Freiheit zum Entspringen benütze. Die Dämonen treten zurück. Der Navarese ersieht sich den Augenblick und entschlüpft unter das Pech; Andreducker, ihm nachgeschwungen, erreicht ihn nicht und schwebt erzürnt empor, wird aber von dem ruchlosen Dämon Gnadentreten angefallen und stürzt mit diesem kämpfend in das Pech, dessen göttliche Glut sogleich Frieden stiftet. Die gottlosen Dämonen vermögen sich nicht zu erheben, da sendet Wirrebart trauernd die Uebrigen hinab, sie mit Haken hervorzuziehen. In dieser Beschäftigung werden sie von den Dichtern verlassen.

001 Schon sah ich Reuter aus dem Lager rücken
002 und Sturm beginnen, oder Mustrung halten;
003 Zuweilen auch abziehn zu ihrer Rettung:

004 Wettrenner sah ich auch durch eure Stadt hin,
005 O Aretiner, und Geschwader jagen,
006 Und Festturniere auch und Ringelrennen,

007 Bald mit Trompeten, bald mit Glockenklingen,
008 Mit Trommeln und mit zeichen von Castellen,
009 Und mit einheimischem und fremdem Zeuge;

010 Doch sah ich nie mit so vertrackter Pfeife
011 Noch Reiterschaar bewegen oder Fußvolk,
012 Noch Schiff nach Landes- oder Sternenzeichen! -

013 Wir gingen also mit den zehn Dämonen.
014 O gräßliche Gesellschaft! Doch im Tempel
015 Mit Heil'gen, und mit Schlemmern in der Schenke!

016 Nur auf das Pech war jetzo mein Betrachten,
017 Zu schaun all' die Beschaffenheit der Bulge,
018 So wie des Volks, das drinnen eingesotten.

019 Wie die Delphine, wenn sie Zeichen geben
020 Den Schiffern, mit dem Bogen ihres Rückens,
021 Daß sie ihr Schiff zu retten sich entschlössen:

022 So, dann und wann, die Strafe zu erleichtern,
023 Zeigt' einer von den Sündern seinen Rücken
024 Und barg ihn wieder, schneller als es blitzet.

025 Und wie am Saum, im Wasser eines Grabens,
026 Die Frösche nur mit ihrem Maul hervorstehn,
027 Daß sie die Füß' und alles Dicke bergen:

028 Verhielten hier sich überall die Sünder.
029 Allein, wie Wirrebart sich nahte, zogen
030 Sie unter die Wallungen sich zurücke.

031 Ich sah, und noch erschrickt mein Herz darüber,
032 Sich Einen so verweilen, wie's geschiehet,
033 Daß sitzen bleibt ein Frosch, ein andrer fortschlüpft,

034 Und Kratzenhund, der näher gegen ihn war,
035 Hakt' ihm den eingepichten Schopf und zog ihn
036 Auf, daß er mir Fischottern ähnlich vorkam.

037 Ich kannte da schon eines Jeden Namen,
038 So merkt' ich sie, als sie berufen worden,
039 Und dann wenn sie sich riefen horcht' ich auf wie?

040 "O Rotherboßt mach' flink und hau' die Klauen
041 Ihm in den Rücken ein, daß du ihn schindest!"
042 Schrieen allzusammen die Vermaledeiten.

043 Und ich: "Mein Meister, kannst du es, so mache
044 Daß du erfahrest, wer der Unglücksel'ge,
045 Der in die Hand gekommen seiner Feinde." -

046 Mein Führer trat nun näher, ihm zur Seite,
047 Fragt' ihn woher er sei? - Er gab zur Antwort:
048 "Ich bin gebürtig aus dem Reich Navarra.

049 Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knechte,
050 Sie, die mich zeugete mit einem Schurken,
051 Der selber sich, so wie sein Gut, verwüstet.

052 Dann war ich Knecht des guten Königs Zhibaut.
053 Da fing ich an Durchstecherei zu machen,
054 Wovon ich Rechenschaft geb' in der Glut hier." -

055 Und Schindsau, dem aus seinem Maul ein Hauer
056 Vorging, auf jeder Seite, wie dem Schweine,
057 Ließ fühlen ihn, wie deren einer reißet.

058 Es war die Maus da unter schlimmen Katzen;
059 Doch Wirrebart umschloß ihn mit den Armen
060 Und rief nun: "Still! so lange ich ihn kreule!" -

061 Und wandte sein Gesicht nach meinem Meister
062 "Frag', sagt er: weiter ihn, willst du wissen
063 Von ihm, bevor ein Andrer ihn zerstücket!" -

064 Der Meister: "Sag denn, von den andern Sündern:
065 Kennst du wohl einen, der Lateiner wäre,
066 Hier unterm Pech?" Und er: "Nur eben ging ich

067 Von einem fort: der war da aus der Nähe!
068 O daß ich noch mit ihm bedecket wäre,
069 So dürft' ich jetzt nicht Klau' und Haken fürchten!" -

070 Und Gierbrand sprach: "Das haben wir zu lange
071 Gelitten!" nahm am Arm ihn mit dem Haken,
072 So daß er zerrend einen Fetzen mitnahm.

073 Giftdrache wollt' ihm gleichfalls Knüffe geben,
074 Am Beine unten, wessenthalb ihr Zehntmann
075 Sich wandte ringsum, ringsum, bösen Aussehns.

076 Als sie ein wenig nun gestillet waren,
077 Befragte den, der annoch seine Wunden
078 Betrachtete, mein Führer sonder Weilen:

079 "Wer war's, von dem du dich, wie du erzählest,
080 Zum Unheil trenntest, um hier anzulanden?" -
081 Er aber sagte: "Fra Gomita war es,

082 Der von Gallura, alles Trugs Behältniß:
083 Der in der Hand hielt seines Herren Feinde
084 Und ihnen that, daß sich deß alle rühmen.

085 Geld nahm er an und ließ sie dann ganz stille,
086 Wie er es nennt: - in andern Diensten war er
087 Auch Gauner, nicht ein kleiner, nein ein großer!

088 Es pflegt bei ihm zu sein Herr Michel Zanche,
089 Von Logodor', und ihre Zungen fühlen
090 Nie matt sich, von Sardinien zu sprechen.

091 Weh mir! Sehr ihr den Andern, der da grinset?
092 Ich würde mehr noch sagen; doch ich fürchte
093 Der schickt sich an, um mir den Grind zu schaben?" -

094 Ihr Oberprobst, zu Firlefanz gewendet,
095 Der, ihn zu stechen, seine Augen drehte,
096 Rief: "Heb' dich weg von hier, du böser Vogel!" -

097 "Wenn ihr noch schauen wollet oder hören,
098 Begann nun der Geängstigte von neuem:
099 So schaff' ich Tusker her und auch Lombarden!

100 O zögen sich zurück die Schlimmekrallen,
101 Daß Jenen nicht vor ihrer Rache bangte!
102 Und ich dahier, auf selber Stelle sitzend,

103 Für Einen, der ich bin, schaff' ich Euch sieben,
104 Sobald ich pfeife, wie es unser Brauch ist
105 Zu Zeiten, wenn sich Einer da hervormacht." -

106 Bei diesem Wort hub Klaffhund seine Schnauze,
107 Schüttelnd das Haupt und sprach: "Hör' doch die Bosheit,
108 Die er erdacht hat, sich hinabzuwerfen!" -

109 Doch Jener, welche Ränke hatt' in Fülle,
110 Gab nun zur Antwort: "Ja, ich bin zu schändlich,
111 Wenn ich den Meinen größres Leid bereite!" -

112 Und Andreducker hielt sich nicht und wider
113 Die Andern sagt' er ihm: "Fährst du hinunter,
114 So komm' ich hinter dir nicht im Galopp her,

115 Nein, übers Pech hin schlag' ich mit den Flügeln!
116 Verlaßt die Höh', es soll das Ufer Schirm sein,
117 Zu sehn, ob du allein mehr gilst als wird da!" -

118 Nun Leser, wirst von neuem Spiel du hören:
119 Zum andern Ufer wandten All' die Augen,
120 Zuerst der, der im sprödsten war zu folgen.

121 Der Navarreser sah sich gut die Zeit ab,
122 Stand auf den Sohlen und im Augenblicke
123 Sprang und befreit' er sich von ihrer Absicht.

124 Von selbem Streich war Jeder nun betroffen,
125 Doch der zumeist, der das Versehn veranlaßt;
126 Drum fuhr er ab und schrie: "Du bist erhaschet!" -

127 Doch wenig half es; denn die Flügel konnten
128 Den Schreck nicht überjagen: - unter taucht' er,
129 Und der, im Fliegen, richtete die Brust auf.

130 Nicht anders taucht in einem Nu die Ente,
131 Sobald der Falke sich ihr naht, hinunter:
132 Der aber kehrt empor bös' und unwillig.

133 Und Gnadenvertreter, von dem Spiel erboßet,
134 Hielt hinter ihm mit Fliegen, sehr erfreuet,
135 Daß der entkommen und er zanken könne.

136 Und wie nunmehr verschwunden war der Gauner,
137 Wandt' er die Krallen wider den Genossen,
138 Und war mit ihm verklauet über'm Graben.

139 Allein der Andre war ein starker Sperber,
140 Ihn gut zu greifen, aber Beide fielen
141 Hin in des brodelnden Gesümpfes Mitte.

142 Streitschlichter war allda sogleich die Hitze,
143 Allein das Sicherheben war unmöglich.
144 So hatten sie sich eingepicht die Flügel.

145 Und Wirrebart, mit seinen Andern trauernd,
146 Hieß viere fliegen, von dem Ufer jenseits,
147 Mit allen Kreueln und gewaltig eilig

148 Von hier von da ab rannten sie zur Stelle.
149 Die Haken reckten sie gen die Bepichten,
150 Die schon gesotten waren in der Kruste:

151 Und wir verließen sie in dem Gewirre.

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