Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 21
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 21

Die Wandernden betreten die folgende Brücke, von deren Höhe Dante in die fünfte, sehr dunkle Bulge hinabschaut. Hier sind die bestechlichen Amtleute gestraft. Wie, vor das Bewußtsein der Gewaltthätigen am Nächsten, das Blut der Erschlagenen tritt (Hölle 12), umgiebt die Seelen dieser Sünder das Bewußtsein ihres unreinen Thuns, in Gestalt einer ihnen ewig anhaftenden, unreinen, dunklen Masse: wollen sie auftauchen, so erscheinen ihnen alle ihre Sünden (wie den Gewaltthätigen Hölle 12 die Centauren), vorgebildet in einer Schaar gräßlicher Dämonen und stoßen sie desto zerrissener und tiefer in ihren ewigen Zustand zurück. Zuerst sieht Dante nicht die Sünder, nur die sie bedeckende schwarze Masse. Indem er da hinabstarrt, bringt ein Dämon einen Rathsherrn aus Lucca, wirft ihn in die Tiefe und eilt zurück, noch Andre aus jener Stadt zu holen. Die, nicht ohne Sinn, hinterlistig unter der Brücke versteckten Dämonen (seine Sünden), ergreifen den Hinabgeworfenen mit Hacken und drücken ihn in den zähen Pechbrei hinab. Virgil giebt Dante den Rath, sich vorsichtig hinter einer Klippe zu bergen, und geht vollends über die Brücke, mit den Dämonen zu reden. Sie stürzen wüthend auf Virgil ein; der aber sagt: er wolle mit Einem von ihnen sprechen. Da tritt Uebelschwanz (Hölle 17, V. 1) trotzig hervor, läßt aber den Haken sinken und gebietet den Andern Ruhe, als Virgil ihm sagt, die Wandrung sei im Himmel beschlossen. Dante tritt nun auch hinzu; da will der Dämon Wirrwarr ihn, mit Bewilligung der Andern, zerfleischen; Uebelschwanz aber gebeut ihm Ruhe und bietet, mit hinterlistiger Gefälligkeit, den Wandernden eine Schaar der Seinigen zum Geleit an, fälschlich vorgebend: die Brücke über die nächste Bulge sei nur hier gestürzt, weiterhin sei noch eine unversehrt. Zu diesem Geleit ruft er zehn Dämonen auf, zu Aller Anführer aber, sehr sinnvoll, den ehrwürdigen Wirrebart, der ihnen hierauf mit einer so vertrackten Pfeife vorangeht, daß die Vertracktheit und Gemeinheit der hier bestraften Sünder kräftig genug gespiegelt erscheint. - Die Dichter folgen, Dante nicht ohne Furcht, dem verdächtigen Geleite.

001 Von Brücke so zu Brücke, Andres redend,
002 Was zu verkünden dieses Lied nicht sorget,
003 Gelangten wir und hielten nun den Gipfel,

004 Als stehn wir blieben, Uebelbulgens andre
005 Kluft anzuschaun und andre nicht'ge Thränen:
006 Ich aber fand sie wunderbarlich dunkel.

007 Wie in dem Arsenal der Benekianer,
008 Zur Winterzeit das pech, das zähe, siedet,
009 Zu dem Kalfatern ihrer lecken Schiffe;

010 Da sie nicht segeln können, wo indessen
011 Sich der ein neues baut und der verstopfet
012 Die Rippen dem, das mehr gemacht der Reisen.

013 Der pocht am Vordertheil und der am Steuer,
014 Der fertigt Ruder und der windet Taue,
015 Der flickt das kleine Segel und das große:

016 So, nicht durch Feuer, durch göttliches Wirken
017 Allein nur, sott ein reichlich Pech daunten,
018 Das überall die Ufer überklebte.

019 Ich sah dasselbe, aber in demselben
020 Wallungen nur, die jenes Sieden auftrieb,
021 Sah ganz es schwellen und verdickt sich setzen.

022 Indem ich fest allda hinunterstarrte,
023 Zog mich mein Führer, rufend: "Schau doch, schau doch!" -
024 Zu sich, von jener Stelle, wo ich weilte.

025 Da wandt ich mich, gleich einem dem es lange
026 Währt etwas zu erblicken, das er fliehn muß
027 Und welchen schnelle Herzensangst entmuthigt,

028 Daß er der Schau halb nicht die Flucht verzögert:
029 Und hinter uns sah einen schwarzen Teufel
030 Ich hergelaufen kommen, auf dem Felsen.

031 O weh! wie war von Ansehn er so gräulich!
032 Wie schien er mir auch von Geberde schrecklich,
033 Mit offnen Flügeln, leicht auf seinen Füßen!

034 Die Schulter sein, die stachlig war und ragend,
035 Belud ein Sünder ihm mit beiden Lenden,
036 Und fest hielt an den Füßen er die Sehne.

037 Er sprach von unsrer Brück': "O Schlimmekrallen
038 Seht einen Rath dahier von Santa Zita!
039 Steckt unter ihn, ich geh' zurück nach andern,

040 In jene Stadt, die gut damit versehn ist.
041 Bestechlich ist da Jeder, nur Bontur nicht.
042 Aus Wein macht man da Ja für baare Münze.

043 Nun warf er ihn hinab, und auf dem Felsen
044 Wandt' er sich um: nie ward ein Hund gelöset
045 In solcher Eil', dem Diebe nachzujagen.

046 Der sank hinab und tauchete betheert auf;
047 Doch die Dämonen, unter jener Brücke,
048 Schrien auf: "Hier innen giebt's kein heilig' Antlitz,

049 Hier innen schwimmt man anders als im Serchio!
050 Darum, begehrst du nicht von unsern Rissen,
051 Bring' über's Pech nichts Uebriges heraus da!" -

052 Dann zahnten sie ihn an mit hundert Haken,
053 Und riefen: "Zugedeckt mußt hier du tanzen!
054 Damit du, kannst du, heimlich was erschnappest." -

055 Nicht anders lassen Köche von den Dienern
056 Hinuntertauchen, in des Kessels Mitte,
057 Das Fleisch mit Kreueln, will' es oben schwimmen.

058 Der gute Meister sprach: "Daß man nicht sehe
059 Daß du hier bist; duck' hinter einen Felsen
060 Dich nieder, irgend einen Schirm zu haben.

061 Und sei um keinen Schimpf, den man mir anthut,
062 Besorgt: die Dinge da bracht' ich in Anschlag.
063 Schon andremale war in solchem Zank ich!" -

064 Drauf schritt er jenseit von dem Brückenkopfe,
065 Und als er auf dem sechsten Ufer ankam,
066 War es sein Amt, die Stirne fest zu haben!

067 Mit selbem Wüthen und mit selbem Toben,
068 Womit die Hund' ausfahren auf den Armen,
069 Der stets sogleich verlanget, wo er stehn bleibt:

070 Aus fuhren die, so unterm Brücklein steckten
071 Und wandten gegen ihn all' ihre Kreuel:
072 Er aber rief: "Sei eurer Keiner boshaft!

073 Und ehe euer Haken mich ergreifet,
074 Thu Einer sich hervor, der mich vernehme;
075 Dann erst beschließe man, mich zu zerreißen!" -

076 Da schrieen Alle: "Uebelschwanz, geh du vor!" -
077 Drum ging da Einer und die Andern blieben
078 Der kam zu ihm, ihn fragend: Was ihm lieb sei? -

079 "meinst du wohl, Uebelschwanz, daß du mich nieder
080 Gestiegen siehst dahier, begann mein Meister:
081 Bereits gefaßt auf alle eure Händel,

082 Ohn' Gottes Willen und ohn' rechte Schickung?
083 So laß mich ziehen; denn im Himmel will man,
084 Daß Andern ich die wilde Straße zeige!" -

085 Da war der Uebermuth ihm so gefallen,
086 Daß er zum Fuße sinken ließ den Haken
087 Und Jenen sagt': "Er bleib' nun ungestochen!" -

088 Mir aber rief mein Führer: "Du da, welcher
089 So tief geduckt sich an der Brücke Klippen,
090 Getrost komm' jetzo wiederum zu mir her!

091 Drum regt' ich mich und kam zu ihm in Eile:
092 Da thaten alle Teufel so hervor sich,
093 Daß ich gebebt: sie hielten den Vertrag nicht.

094 So sah vordem ich die Fußvölker zittern
095 Die auf Vertrag abzogen von Caprona,
096 Als sie sich unter so viel Feinden schauten.

097 Ich drückte mich mit meinem ganzen Leibe,
098 An meinen Führer, und die Augen wandt' ich
099 Nicht ab von ihrem Anblick, der nicht gut war.

100 Die Kreuel neigten sie und: "Willst du? Soll ich
101 Den Rücken ihm" ... sprach Einer zu dem Andern.
102 Sie aber sprachen: "Ja, such ihn zu krallen!"

103 Allein derselbe Dämon, der gesprochen
104 Mit meinem Führer, wandte schnell sich gänzlich
105 Zurück und sagte: "Ruhig, ruhig, Wirrwarr!" -

106 Dann sagt' er uns: "Auf dieser Klippe kann man
107 Nicht mehr viel weiter gehen; denn im Abgrund,
108 Gänzlich zertrümmert, liegt der sechste Bogen.

109 Gefällt's euch aber weiter vorzugehen;
110 So nehmt den Weg hier über dieser Kluft hin:
111 Nah' ist ein andrer Fels, der da den Steg macht.

112 Gestern, fünf Stunden später als die Stunde
113 Erfüllten tausend und zwei hundert sechzig
114 Und sechs der Jahr' sich, daß der Steg zerschellt ward.

115 Dorthin entsend' ich etliche der Meinen,
116 zu schaun ob Einer da sich etwa lüfte:
117 Geht mit dahin: sie werden ja nicht falsch sein!

118 Vor Andreducker, und du Gnadentreter,
119 Begann er nun zu rufen: auch du Klaffhund,
120 Und Wirrebart geleite diese Zehn!

121 Es ahlte sich dazu Gierbrand, Giftdrache,
122 Schindsau, der Hauer hat und Kratzenhund auch,
123 Und Firlefanz und Rotherboßt der Tolle:

124 Späht ringsumher in allem Leimgebrodel.
125 Die lasset heil ziehn bis zur andern Klippe,
126 Die unversehrt geht über die Geklüfte!" -

127 "Ach Meister, was ist, was ich hier erblicke?!
128 Sagt' ich: o gehn allein wir, ohn Geleite,
129 Weißt du den Weg; für mich begehr' ich's nimmer!

130 Bist du so achtsam wie du sonst zu sein pflegst?
131 Siehst du nicht wie sie fletschen ihre Zähne,
132 Und uns mit ihren Brauen Leiden androhn?" -

133 Und er zu mir: "Ich will nicht, daß du zitterst!
134 Laß fletschen immerhin sie, wie sie wollen!
135 Sie thun es gen die jammernden Gesottnen." -

136 Zum linken Damme machten sie die Wendung;
137 Doch jeder hatt' erst mit dem Zahn gekniffen
138 Die Zung, als Zeichen gegen aller Führer,

139 Und der den Steiß gemacht zur Heertrompete.

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