Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 20
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 20

Von der Brücke, wohinauf Virgil ihn getragen, sieht Dante in der vierten Bulge die Seelen, welche frevelhaft die Erkenntniß der Zukunft erstrebt: sie sind damit gestraft, daß ihr Antlitz sammt dem Leibe, bis an die Hüfte, gänzlich nach rückwärts umgekehrt ist, so daß sie nicht vermögend sind nach vorwärts zu schauen. Sie wollten auf Erden das Geheimniß Gottes, die Zukunft, welche die Heiligen glaubensvoll in Gott schauen, durch frevelhafte Mittel erspähen. Ihr erwachtes Bewußtsein nennt sie daher jenseits dieser Gnade so unwürdig, daß sie sich, gleichsam ewig beschämt zurückwenden und ihren Frevel beweinen. Ihr Zug ist so langsam wie der einer Litanei, wodurch ihr trauriges Nachsinnen noch mehr hervorgehoben wird. Dante weint vor Mitleid; aber Virgil schilt diesen Antheil Sünde an der Gerechtigkeit Gottes, und zeigt ihm unter den Vorübergehenden zuerst den Zeichendeuter Amphiaraus, bei welchem, im obigen Sinne bedeutsam, Minos (das erwachte Bewußtsein der Schuld) erwähnt wird: dann den Tiresias von Theben und den hetrurischen Aruns: ferner Tiresias Tochter Manto, bei welcher der alte Dichter der Entstehung seiner Vaterstad Mantua, ausführlich gedenkt. Nachdem er noch Eurypilus, Michael Scotus, Guido Bonnati und Asdente erwähnt und der Zauberinnen gedacht, treibt er Dante zum Forteilen an: indem der Mond schon sinke. Hierauf verlassen sie diese Brücke und wandern zur folgenden. Vgl. Matth. 17, 16; Luc. 9, 41 und Weish. 1, 3.

001 Von neuer Strafe muß nunmehr ich dichten,
002 Und Inhalt leihn dem zwanzigsten Gesange,
003 Des ersten Lieds, geordnet den Versenkten.

004 Ich war nunmehr schon ganz und gar bereitet,
005 Hinabzuschaun in den enthüllten Abgrund,
006 Der da benetzt ward von beklommnem Schluchzen:

007 Und sahe Leut' in dem ringförm'gen Schluchzen:
008 Herkommen, still und weinend, in dem Schritte,
009 Den Litaneien machen auf der Welt hier.

010 Als tiefer ich das Antlitz auf sie neigte,
011 Schien wunderbar verdreht zu sein ein Jeder,
012 Vom Kinne bis zu dem Beginn des Rumpfes:

013 Daß das Gesicht gewandt war zu den Schultern:
014 Sie mußten rückwärts gehen, weil denselben
015 Das Vorwärtsschauen ganz und gar benommen.

016 Es hat vielleicht schon, durch Gewalt von Lähmung,
017 Sich Einer gänzlich so herumgewendet;
018 Doch sah ich's nicht, glaub' auch nicht es geschehe.

019 Soll Gott dich, Leser, Frucht gewinnen lassen
020 Von deinem Lesen, denk' nun bei dir selbst nach:
021 Ob ich das Antlitz trocken haben konnte,

022 Als unser Bild ich nun von nahem schaute,
023 So gar verkehret, daß der Augen Weinen
024 Ihm das Gesäß benetzte durch den Spalt hin!

025 Gewiß ich weinte, an ein Horn gelehnet,
026 Des harten Felsen, so, daß mein Geleiter
027 Mir sagte: "Bist du auch der Thoren einer?

028 Hier lebet Mitleid, wenn es recht erstorben:
029 Wer ist verbrecherischer wohl als Einer,
030 Der über Gottes Richtspruch Leid empfindet?

031 Streck' hin das Haupt, streck' hin es, schau ihn, dem sich
032 Aufthat, vor der Thebaner Aug', die Erde;
033 Weshalb sie alle schrieen: wohin versinkst du,

034 Amphiaraus, warum weichst du vom Kampfe?
035 Und nimmer hielt er an mit thalein stürzen,
036 Bis bei Minos, der Jeglichen erfasset.

037 Sieh, wie er Brust gemacht hat aus den Schultern:
038 Weil allzusehr er vorwärts schauen wollen,
039 Schaut er zurück nun, macht den Weg nun rückwärts.

040 Da sieh Tiresias, der seine Züge
041 Geändert, als aus einem Mann er Weib ward,
042 Indem sich wandelten die Glieder alle:

043 Und wieder er genöthigt war zu schlagen
044 Die zwei verwundnen Schlangen mit dem Stabe,
045 Eh er sein männlich Haar zurückerhalten.

046 Der da, der zu dem Bauche kehrt die Schulter,
047 Ist Aruns, der in Lunis Bergen, dort, wo
048 Der Carrareser hackt, der unten hauset,

049 Die Grotte zwischen weißen Marmorn hatte
050 Zu seinem Aufenthalt, wo Stern' und Meerflut
051 Zu überschaun, der Blick ihm unbeschränkt war.

052 Und Jene, welche ihre Brüste decket,
053 Die du nicht schaust, mit den gelösten Zöpfen,
054 Und was von Haut behaart ist trägt nach dorten.

055 War Manto, die durch viele Lande schweifte,
056 Dann dort sich niederließ, wo ich geboren,
057 Weshalb es mich erfreut, horchst du ein wenig:

058 Nachdem ihr Vater von dem Leben ausschied,
059 Und Dienerinn die Stadt des Bachus wurde,
060 Zog diese lange zeit durch in der Welt um.

061 Ein See liegt auf Italien, dem schönen,
062 Am Fuß der Alpen, welcher Deutschland abschließt,
063 Nah' an Tirol, und ist benamt Benacus.

064 Aus tausend und mehr Quellen glaub' ich netzt sich
065 Penninus zwischen Garda und Balcamonica
066 Mit Wassern, welches in dem Seee stehn bleibt.

067 Dort mitten ist ein Ort, allwo der Bischof
068 Trients und der von Brescia, auch Verona's,
069 Einsegnen könnte, nähm er seinen Weg hin.

070 Peschiera ragt ein schönes, starkes Bollwerk,
071 Zu trotzen Bergamasken und Brescianern,
072 Da, wo des Sees Umuf'rung niedrer abfällt,

073 Von dort muß dann hernieder strömen Alles,
074 Was in Benacus Schoos nicht bleiben kann,
075 Und geht als Strom hinab die grünen Triften.

076 Sobald das Wasser seinen Lauf beginnt,
077 Heißt nicht mehr es Benacus, sondern Mincio,
078 Bis nach Governo, wo es fällt zum Po.

079 Es fließt nicht weit, so findet's eine Niedrung,
080 In der es sich ausdehnt und sich versumpfet,
081 Und wird zur Sommerzeit bisweilen schädlich.

082 Die wilde Jungfrau, dort vorüberstreifend,
083 Erblickte Land da mitten in dem Sumpfe,
084 Ohn' allen Anbau, leer auch von Bewohnern.

085 Dort, jeden menschlichen Verein zu fliehen,
086 Blieb mit den Dienern sie, ihr Werk zu treiben,
087 Und lebt' und ließ da ihre leere Hülle.

088 Die Menschen dann, die rings verstreuet waren,
089 Vereinten an dem Ort sich, weil er fest war
090 Durch Sumpf, den er nach allen Seiten hatte.

091 Sie bauten über dem Gebein die Stadt auf.
092 Nach der, die erst den Ort erwählt, benannten
093 Sie Mantua ihn, ohn' anderes Augurium.

094 Es war vordem darin viel mehr des Volkes,
095 Bevor die Thorheit jenes Cassalodi
096 Des Pinamonte Täuschung angenommen.

097 Drum unterweis' ich dich, daß, hörst du anders
098 Dereinst den Ursprung meiner Stadt erzählen,
099 Den wahren Hergang keine Lüge berge." -

100 Und ich: "O Meister, deine Sagen sind mir
101 So sicher und erwerben mein Vertraun so,
102 Daß andre mir erloschne Kohlen wären.

103 Doch sag' mir: ob im Volke, das herankommt,
104 Du einen schauest, des Betrachtens würdig;
105 Da nur allein darauf mein Sinn gestellt ist." -

106 Da sagt' er mir: "Der, welcher von der Wange
107 Den Bart reckt über seine braunen Schultern,
108 War einst, als Griechenland so leer von Männern,

109 Daß ihrer kaum noch blieben in der Wiege,
110 Augur und gab mit Calchas an den Zeitpunkt
111 In Aulis, um das erste Tau zu kappen.

112 Er hieß Eurypiles, und meine hohe
113 Tragödie singt ihn so, an einem Orte,
114 Du kennst ihn, weil du ganz und gar sie kennest!

115 Der Andre, der so schmal ist um die Seiten,
116 Michael Scotus war er, der in Wahrheit
117 Der magischen Blendwerke Spiel verstanden.

118 Sieh da Guido Bonatti, schau Asdente,
119 Der jetzt sich gern befleißigt haben möchte
120 Mit Drath und Leder; doch zu spät bereuet.

121 Sieh die Elenden, die, verlassend Nadel
122 Und Spul' und Webschiff, Zauberinnen wurden,
123 Bosheiten übeten mit Kraut und Wachsbild.

124 Doch endlich komme; denn schon hält die Gränze
125 Der zwo Halbkugeln und berührt die Woge,
126 Jenseit Sevilla, Kain mit seinen Dornen.

127 Und gestern Nacht schon war der Mond erfüllet:
128 Des denkst du wohl, da er dir nicht zum Schaden
129 Geleuchtet hat in jenem tiefen Waldgrund." -

130 So sagt' er mir, indeß wir weitergingen.

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