Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 18
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 18

Dante hat, auf Gerion hinabschwebend, den ganzen tieferen Höllenraum erblickt und schildert ihn nun im Allgemeinen als einen tiefabstürzenden Kessel, dessen Rand zehn Klüfte ringförmig umgeben, überbrückt von mächtigen Felsen. Diese zehn Klüfte, Übelbulgen genannt, nehmen die Trügenden auf; aber der tiefere, brunnenartige Kessel die Verräter und den Lucifer oder Dis, im Eise des Cocytus, er reicht bis zur Mitte der Erde, die zugleich des Weltalls Mitte ist. Die Dichter gelangen nun zur ersten der Klüfte (Bulgen), wo gehörnte Dämonen, ihnen gleichsam die von denselben Betrogenen vor die Seele bringend, Kuppler und Verführer geißelnd vor sich hertreiben. In sinnreicher Ordnung laufen die Kuppler und Verführer einander entgegen. Von den ersten gegen die Dichter kommenden erkennt Dante den Bologneser und Guelfen Caccianimico, welcher beschämt das Antlitz bergen will, ihm aber zuletzt erzählt, dass er seine Schwester, die schöne Ghisola veredet, sich dem Marchese Obizzo von Esti zu ergeben. Nachdem er noch vernommen, dass der Ort von Bolognesern wimmle, beschreitet Dante die erste Felsbrücke, von welcher sie nun den Durchzug der Verführer betrachten. Entgegen kommt ihnen nun Jason, der hier als Verführer der Hysipyle und Medea büßt; aber selbst in dieser Schande sein königliches Aussehen bewahrt. Hierauf gelangt Dante zur zweiten Bulge, die so tief und eng ist, dass man nur von der Höhe ihrer Überbrückung in sie hinabschauen kann. In deren Tiefe sieht er die Schmeichler, vor deren unreines Bewusstsein, was sie an Menschen gelobt, nun geradezu in Gestalt ihres Kotes tritt, in welchem sie sich ganz versunken erscheinen. Der eine, Alessio Interminei von Lucca, schlägt sich, als Dante ihn trotz des Schmutzes erkennt, verzweifelnd und sich selbst Vorwürfe machend, an das leere Haupt. Nachdem Virgil seinem Schüler noch die schmeichelnde Buhlerin Thais, in gleichem Unflat gezeigt, eilen sie von der alle Sinne beleidigenden Kluft hinweg.

001 Ein Ort ist in der Hölle Uebelbulgen
002 Benamet ganz von Stein und Eisenfarben.
003 Gleichwie die Fassung, die ihn rings umwindet.

004 Recht in der Mitte des bösart'gen Feldes
005 Ergähnt ein Brunnen, mächtig weit und tief auch,
006 Deß Art ich ihres Orts erzählen werde.

007 Der Saum, der bleibt, ist also kreisrund, zwischen
008 Dem Brunnen und dem Fuß des hohen Steinbords,
009 Und hat getheilt den Grund in zehen Thäler.

010 Gleichwie wo, zur Vertheidigung der Mauer,
011 Mehrfache Gräben die Kastell' umschließen,
012 Sich jene Stelle wo sie sind, gestaltet:

013 Dergleichen Bild gewährten hier dieselben.
014 Und, wie an solchen Vesten, von den Thoren
015 Zum Ufer außen, Brücken sich erfinden:

016 So sprangen von dem Grund des Felsen Klippen
017 Hervor und theileten die Wäll' und Gräben,
018 Bis zu den Brunnen, der sie kappt und sammelt.

019 An diesem Orte, von Gerions Rücken
020 Geschüttelt, fanden wir uns: und der Dichter
021 Wandte zur Linken sich; ich aber folgt' ihm.

022 Zur rechten Hand hin sah ich neue Buße
023 Und neue Peinigung und neue Pein'ger,
024 Davon erfüllet war die erste Bulge.

025 Im Abgrund waren dort die Sünder nackend:
026 Die Hälfte disseit zog gen unser Antlitz,
027 Die drüben mit uns, doch in schnellern Schritten:

028 Gleichwie die Römer, wegen großer Menge,
029 Im Jubeljahr den Volksschwarm auf der Brücke
030 In solcher Art hinüberschaffen lernten,

031 Daß einerseits sie all' die Stirnen haben
032 Gen das Castell und wallen nach San Pietro,
033 Doch von den andern Ufer gen den Berg ziehn.

034 Von hie von da sah auf dem schwarzen Felsen,
035 Gehörnte Teufel ich mit großen Geißeln,
036 Die grausamlich sie peitscheten von hinten.

037 Weh! Wie die Beine sie sie heben machten,
038 Schon mit dem ersten Hiebe, und wohl keiner
039 Erwartete den zweiten oder dritten!

040 Indem ich fortging, stießen meine Augen
041 Auf einen dort: ich aber, eilig sagt' ich:
042 "Nicht ist's das Erstemal, daß den ich schaue!" -

043 Drum hielt ich fest die Augen, ihn zu fassen:
044 Der holde Führer blieb auch mit mir stehen,
045 Erlaubt' auch, daß etwas zurück ich ginge.

046 Und der Gepeitschte meinte sich zu bergen,
047 Das Antlitz neigend, doch es half ihm wenig,
048 Da ich begann: "Du, mit dem Aug' am Boden!

049 Sind deine Züge, die du trägst, nicht trügrisch
050 Bist du Venedico Caccianimico!
051 Sprich, was dich in so scharfe Lage brachte?" -

052 Und er zu mir: "Nicht gern erzähl' ich solches;
053 Allein mich zwinget deine laute Stimme,
054 Die mich gedenken macht des frühern Lebens!

055 Ich war es, welcher Ghisola die schöne
056 Verführt, zu thun den Willen des Marchese;
057 Wie der verstümmelte Bericht auch laute.

058 Doch klag' ich Bologneser hier nicht einsam,
059 Nein, dieser Ort ist so von uns erfüllet,
060 Daß so viel Zungen jetzt nicht sipa sagen

061 Gelernet zwischen Savena und Rheno!
062 Und willst davon du Bürgschaft oder Zeugen,
063 So denk' zurück an unser Herz voll Habgier!" -

064 Indem er also sprach, hieb ihn ein Teufel
065 Mit seiner Geißel, sprechend: "Fort du Kuppler!
066 Hier giebt es keine Frauen für Gepräge!" -

067 Ich schloß mich wiederum an mein Geleit an,
068 Sodann gelangten wir mit wen'gen Schritten
069 Hin, wo ein Felsen aus dem Rande vorsprang.

070 Gar leichtlich stiegen wir empor auf diesen
071 Und, rechts gewandt auf seinem schründ'gen Rücken,
072 Verließen wir dieselben ew'gen Kreise.

073 Als wir gekommen, wo er hohl ist unten,
074 Um Durchgang zu gewähren den Gepeitschten,
075 Sprach mein Geleiter: "Warte bis der Anblick

076 Dich trifft von jenen andern Schlimmgebornen,
077 Derselben Antlitz du noch nicht geschauet,
078 Deswegen weil sie mit uns hingegangen." -

079 Von der uralten Brücke sahn den Zug wir,
080 Der gegen uns kam von der andern Seite,
081 Und den die Geißel gleichermaßen schmettert.

082 Der gute Meister, ohne meine Frage,
083 Sprach zu mir: "Sieh den großen der daherkommt
084 Und um den Schmerz, so scheint's, nicht Thränen ausgießt.

085 Wie er noch wahrt das königliche Ansehn!
086 Jason ist es, der durch Muth und Einsicht
087 Die Kolchier beraubt des Widdervließes.

088 Derselbe kam zum Eilande von Lemnos,
089 Als die entbrannten, unbarmherz'gen Weiber
090 All' ihren Männern einst den Tod gegeben.

091 Daselbst mit Zeichen und geschmückten Reden,
092 Berückte er Hypsipyle, die junge,
093 Die kurz zuvor getäuschet all' die Andern.

094 Daselbst verließ er schwanger sie und einsam:
095 Dergleichen Schuld verdammt zu solcher Pein'gung:
096 Auch für Medea wird geübt die Rache.

097 Es geht mit ihm, wer auf die Weise täuschet.
098 Und dies genüge, von der ersten Klüftung
099 Zu wissen und von denen, die sie fasset." -

100 Schon waren wir nun, wo der Steig, der schmale,
101 Sich mit dem zwoten jener Wälle kreuzet,
102 Und Schulter leiht von dem zu jenem Bogen.

103 Hier hörten wir ein Volk, das in der zwoten,
104 Der Bulgen klagt und mit dem Maule prustet,
105 Und selber sich zerschläget mit den Fäusten.

106 Die Ufer waren überkleibt mit Schimmel,
107 Vom Hauch des Abgrunds, der sich da verdicket,
108 Und feindlich kämpfte wider Aug' und Nase.

109 So tief ist dieser Grund, daß keine Stelle
110 Genügt zum Schaun, ersteigt man nicht den Rücken
111 Des Bogens, wo der Fels darüber hinhängt.

112 Dort kamen hin wir und im Graben drunten,
113 Sah Leute ich versenkt in eine Lake,
114 Die schien entströmt den menschlichen Priveten.

115 Und, suchend mit dem Aug' da unten, sahe
116 Ich Einen, dessen Haupt so voll von Dreck war,
117 Daß nicht zu sehn war, ob er Lai', ob Pfaffe!

118 Der schrie zu mir: "Warum bist du so gierig
119 Mich anzusehn, mehr als die andern Schmutz'gen?" -
120 Und ich zu ihm: "Weil, wenn ich recht nachdenke,

121 Ich dich vordem gesehn mit trocknen Haaren;
122 Du bist Alessio Interminei von Lucca!
123 Drum blickt' ich mehr dich an, als all die Andern!" -

124 Und er darauf, sich seinen Kürbis schlagend:
125 "Hierab versenkten mich die Schmeicheleien,
126 Vor denen meiner Zunge nie geekelt." -

127 Worauf der Führer zu mir sagte: "Mache,
128 Daß dein Gesicht du etwas vorwärts streckest,
129 Um recht zu fassen mit dem Blick, das Antlitz

130 Von jener schmutzgen, haarzerrauften Dirne,
131 Die dort sich krauet mit den koth'gen Nägeln,
132 Und nun sich kauert und auf Füßen stehet:

133 Thais, die Hure ist's, die ihrem Buhlen,
134 Befragt' er sie: Bist du mir nun recht dankbar?
135 Zur Antwort gab: O wahrlich, unermeßlich!

136 Doch hier sei unsre Schau nunmehr gesättigt!" -

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