Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 16
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 16

Die Wandernden vernehmen nun schon das Brausen des zu dem Kreise der Trügenden hinabstürzenden Sündenstromes. Da trennen sich drei der vorüberfliehenden Schatten von der Schar der Übrigen und bitten Dante stehen zu bleiben. Er tut es, nach dem Virgil gesagt: dass sie, ihren Fehl ausgenommen, ehrenwerte Männer seien.Sie fassen sich alle drei bei den Händen und laufen so im Kreise umher, da sie nicht wagen, still zu stehen. Dante erfährt, dass zwei der Schatten von jenen sind, wonach der Ciacco gefragt (Hölle 6,79), nämlich Tegghiajo Aldobrandi und Jakopo Rusticucci; der dritte aber ist Guidoguerra. Alle sind Florentiner und Dante bezeigt ihnen als Staatsmännern solche Achtung, dass er sagt, er würde unter sie hinabgesprungen sein, wäre die Glut nicht gewesen. Rusticucci fragt den Dichter: ob noch Großmut und Edelsinn in Florenz herrschen? Dante aber ruft aus: dass das neue Volk, das vom Land und aus der Fremde in die Stadt gezogen, und plötzlich erworbener Reichtum Florenz stolz und übermütig gemacht, worüber es bereits zu weinen habe. Die drei Florentiner bekräftigen das Treffende seines Ausrufs, lösen ihr Rad auf und eilen ihrer Schar nach. Weiterhin gelangt Dante, wo der Sündenstrom tosend in den Abgrund stürzt. Virgil will seinem Schüler nun das Bild des Trugs in aller Anschaulichkeit aus dem Abgrunde herauf erscheinen lassen, was nicht geschehen kann, wenn Dante sich nicht aller List entäußert: er heißt ihn deshalb das Symbol der List, den Strick abnehmen, womit er noch umwunden ist und womit er einst den Panter, d. h. das sinnliche Vergnügen, listig erhaschen wollen. Dante gibt ihn als ein verwickeltes Knäuel an Virgil und dieser schleudert es in den Abgrund. Da erhebt sich nach und nach aus der dunklen Tiefe das ganze scheußliche Bild des Truges von Dantes Auge. Wir findes es zu Anfang des siebzehnten Gesanges vollständig geschildert.

001 Schon war ich dort, wo man vernahm das Brausen
002 Des Wassers, das zum andern Kreis hinabfiel:
003 Dem Summen gleich, das Bienenkörbe machen:

004 Als miteinander sich drei Schatten trennten,
005 Im Lauf, von Einem Schwarme, der vorbeifloh,
006 Unter dem Regensturz der strengen Marter:

007 Sie kamen auf uns zu und Alle schrieen:
008 "Du bleibe stehn; denn nach dem Kleide scheinst du,
009 Ein Mann zu sein aus unsrer Stadt, der argen!" -

010 Weh, welche Wunden sah ich ihren Gliedern,
011 So neu als alt, von Flammen eingesengt!
012 Noch thut mir's weh; wenn ich daran nur denke.

013 Auf ihr Zurufen achtete mein Weiser,
014 Und wandte sein Gesicht mir zu und: "Warte!
015 Sprach er: denn höflich muß man sein zu diesen!

016 Und, wäre nicht das Feuer, welches sprühet
017 Des Orts Natur; so würd' ich sagen: mehr noch
018 Als ihnen ziemte dir gefäll'ges Eilen." -

019 Da huben, als wir standen, Jene wieder
020 Ihr altes Lied an und, genaht uns, machten
021 Ein Rad aus sich zusammen alle dreie

022 Wie Kämpfer pflegen nackend und gesalbet
023 In's Aug zu fassen ihren Griff und Vortheil,
024 Eh untereinander sie sich haun und stoßen:

025 So hielt umwirbelnd Jeder dort sein Antlitz
026 Auf mich gewendet; daß der Hals die Reise
027 Den Füßen immerdar entgegen machte.

028 "Und, bringet Elend dieses losen Ortes
029 Uns in Verachtung, uns und unsre Bitten,
030 Fing Einer an: und schwarz und nacktes Aussehn;

031 Neig' unser Ruhm das Herz dir, uns zu sagen:
032 Wer du bist, welcher die lebend'gen Füße,
033 So ungefährdet, durch die Hölle schleifet?

034 Der hier, des Spuren du mich treten siehest,
035 Bei allem, daß er nackt ist und geschunden,
036 War er an Range höher als du glaubest:

037 Der trefflichen Gualdrada Enkel war er,
038 Hieß Guidoguerra, und in seinem Leben
039 That viel er mit dem Geist und mit dem Schwerdte.

040 Der Andre, welcher hinter mir den Sand tritt,
041 Ist Tegghiajo Aldobrandi, dessen Namen
042 Man oben auf der Erde schätzen sollte!

043 Ich aber, der mit ihm in gleicher Qual ist,
044 War Jakob Rusticucci, und mehr hat sicher
045 Mein fühllos Weib, als andres mir geschadet!" -

046 Wär ich geschirmt gewesen gen das Feuer,
047 Ich wäre unter sie hinabgesprungen:
048 Mein Lehrer hätt' es, glaub' ich, auch gelitten;

049 Doch, weil ich mich verbrannt hätt' und gesenget,
050 So überwand die Furcht den guten Willen,
051 Der mich begierig schuf, sie zu umarmen.

052 Dann hub ich an: "Verachtung nicht, nein, Leid hat
053 Mir euer Zustand in das Herz gedrücket
054 (Wovon ich mich erst spät befreien werde)

055 Sogleich, als mein Gebieter hier mir Worte
056 Gesagt, woraus ich bei mir selbst geschlossen:
057 Daß solche Leute, wie ihr seid, nun kämen.

058 Aus eurer Stadt bin ich und immer hab' ich
059 Mir euer Thun und die geehrten Namen
060 Mit Inbrunst vorgestellt und angehöret.

061 Ich laß die Gall' und geh nach süßen Aepfeln,
062 Versprochen mir von dem wahrhaften Führer:
063 Doch bis zum Centrum muß zuvor ich stürzen." -

064 "Soll deine Seele lange deine Glieder
065 Geleiten, gab mir Jener nun zur Antwort: <
066 Und soll' dein Ruhm noch lange nach dir leuchten;

067 Sprich: wohnen Edelsinn und Tapferkeit noch
068 In unsrer Stadt, wie sie vordem gepfleget,
069 Wie, oder sind sie ganz daraus entwichen?

070 Denn Guglielmo Borsiere, der seit kurzem
071 Klagt mit uns und dort geht mit den Gefährten,
072 Betrübt uns sehr mit allen seinen Reden!" -

073 "Das neue Volk, die plötzlichen Gewinne
074 Sie haben Stolz und Uebermuth erzeuget
075 In dir Florenz, daß schon darum du weinest!" -

076 So rief ich mit erhobnem Antlitz; aber
077 Die Drei, so dies als Antwort nahmen, blickten
078 Sich an einander, wie man blickt bei Wahrheit.

079 "Wenn andremal' es dich so wenig kostet,
080 War Aller Antwort: Andern zu genügen,
081 Glückselig du, der also für sich hinruft!

082 Drum wenn du kommst aus diesen düstern Orten,
083 Und wieder kehrst, zu schaun die schönen Sterne,
084 Und es dich freut zu sagen: ich war dorten!

085 Sieh, daß von uns du redest zu dem Volke." -
086 Drauf lösten sie das Rad auf und im Fliehen
087 Erschienen Flügel ihre schnellen Füße.

088 Ein Amen ließe nimmermehr sich sprechen,
089 So schnell, wie sie von da entschwunden waren:
090 Darum gefiel dem Meister es, zu gehen.

091 Ich folgt' ihm. Wenig waren wir gegangen,
092 Als uns der Schall der Wasser schon so nah war,
093 Daß unser Wort kaum wär' vernommen worden.

094 Wie jener Strom, der seinen eignen Lauf hat,
095 Zuerst vom Berge Viso gegen Osten,
096 Herab vom linken Hang' der Apenninen,

097 Und Aquacheta oberhalb genannt ist,
098 Bevor thalein er stürzt in's tiefe Bette,
099 Und dieses Namens ledig ist bei Forli:

100 Da, oberhalb San Benedetto, braust er
101 Herab die Alpen in einem Sprung zu stürzen,
102 Wo sich für Tausend Obdach finden sollte.

103 So hörten wir, ein steil Gestad hinunter,
104 Das dunkle Wasser tosen, also, daß es
105 Das Ohr betäubet hätt' in wenig Stunden.

106 Ich hatte einen Strick um mich geschlungen,
107 Und mit demselben meint' ich irgend einmal
108 Den Panther mit dem bunten Fell zu haschen:

109 Hierauf, als ich ihn ganz von mir gelöset,
110 Also, wie mein Geleiter mich geheißen,
111 Reicht' ich ihm den, gewunden und gewickelt:

112 Worauf er sich zur rechten Seiten wandte
113 Und dann, etwas entfernt von dem Gestade,
114 Hinab ihn schleuderte zum tiefen Abgrund.

115 Gewiß muß etwas Neues hier entsprechen,
116 Begann ich zu mir selbst: dem neuen Zeichen,
117 Dem mit dem Auge so der Meister nachfolgt.

118 O wie bedachtsam müssen doch die Menschen
119 Bei denen sein, die nicht allein das Thun sehn,
120 Nein auch in die Gedanken mit dem Sinn schaun.

121 Er sprach zu mir: "Bald wirst du oben schauen
122 Was ich erwart', und was dein Sinnen träumet,
123 Muß bald sich deinem Angesicht enthüllen." -

124 Der Wahrheit, die das Antlitz trägt der Lüge,
125 Soll, wie er kann, der Mensch die Lippen schließen;
126 Weil ohne Schuld er Schande sich bereitet;

127 Doch hier kann ich nicht schweigen, und bei dieser
128 Komödie Versen, schwör' ich Dir, o Leser,
129 Wenn sie nicht langer Gunst entbehren sollen:

130 Daß ich durch jene dicht' und finstre Luft da
131 Aufsteigen sahe, schwimmend, ein Gebilde,
132 Verwunderlich gewiß jedwedem Herzen!

133 Wie der zurückkehrt, welcher taucht, den Anker
134 Zu lösen, der entweder ein Felsen
135 Packt, oder was sonst noch im Meer verborgen,

136 Sich oben strecket, und die Füße nachzieht.

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