Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 15
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 15

Der Sündenstrom verhüllt sich wider die göttlichen Flammen in finsteren Qualm. Auf einem seiner nur schwachen Dämme wandern die Dichter dahin und erblicken nun die Seelen derer, die sich mit widernatürlicher Unzucht befleckt. Gleichsam lichtscheu fliehen diese Unreinen die reinen göttlichen Flammen. Nicht in dem Licht, in ihnen selbst in dem sündhaften Boden, auf dem sie wandeln, ist ihre Qual (s. Hölle 14,73), der Feuerregen besteht aus Teilen göttlichen Lichtes, höllische Flammen gibt es bei Dante nicht. Das Böse ist bei ihm dunkel und leidet vom göttlichen, himmlischen Licht nur, weil es ihm ewig entgegensteht. Im ersten Buche Moses 19,24 heißt es ausdrücklich: "Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen von dem Herrn, vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha." Dieses himmlische Feuer vom Herrn peinigt nach Epistel Judae 7 Sodom ewiglich, und Dante hat diese Vorstellungen in sein großes Ganze verwebt. Die widernatürlich Unkeuschen trotzen dem göttlichen Lichte nicht wie die Lästerer, sie ertragen wie Adam nach dem Sündenfall das Nahen Gottes nicht, sie fliehen, als schämten sie sich ihrer Sünde, und wagen nicht stehen zu bleiben. Dieser Zustand ist trefflich geschildert an einem der Sünder, Dantes ehemaligen Lehrer, Brunetto Latini, der ihm entgegenkommt, nicht stehen bleiben will, aber umkehrt und eine Zeitlang mit ihm wandelt. Derselbe schilt die Sitten der Florentiner, ermahnt Dante, sich davon zu säubern, ermutigt ihn zu seinem Werke und sagt ihm endlich gar, dass seine dereinstige Verbannung aus Florenz zu seinem Seelenheil gereichen werde: alles Charakterzüge, die beweisen, dass Dante diesen Sündern erwachte Furcht vor der Gottheit und teilweise Erkenntnis des Göttlichen beilegt, Brunetto Latini nennt ihm noch einige der hier leidenden Sünder, worunter viele Jugendlehrer, und eilt sodann, seine Schar wieder einzuholen.

001 Nun trägt uns einer jener harten Säume,
002 Und drüber nachtet so des Baches Qualmen,
003 Daß Fluth und Dämm' es vor dem Feuer birget

004 Wie zwischen Brügge und Cadsant die Flandrer,
005 Bang vor der Fluth, die gegen sie sich anwirft,
006 Den Schrim erbaun, damit das Meer entweiche:

007 Und wie die Paduaner, längs der Brenta,
008 Zu schützen ihre Villen und Kastelle,
009 Noch ehe Kärnthen Sommerwärme spüret:

010 In gleicher Art erbauet waren selbe;
011 Obwohl sie nicht so hoch und nicht so mächtig,
012 Wer es nun war, der Meister aufgeführet.

013 Schon waren wir vom Wald so weit entfernet,
014 Daß, wo er war, ich nicht mehr schauen konnte,
015 Hätt' ich darum mich auch zurückgewendet:

016 Als eine Schaar von Seelen wir antrafen,
017 Die längs des Dammes kam und eine jede
018 Schaut' uns so an, wie Einer pflegt am Abend

019 Den Andern anzuschaun, zur Zeit des Neumonds:
020 Und spitzeten nach uns die Augenbrauen,
021 Gleichwie ein alter Schneider nach dem Oehre.

022 So angeblinzt von selbiger Gesellschaft,
023 Ward ich erkannt von Einem, der am Saume
024 Mich fassete, und schrie: "O welch ein Wunder!" -

025 Und ich, als seinen Arm er nach mir streckte,
026 Senkte mein Aug' in den verbrannten Anblick,
027 Bis das versenkte Antlitz meine Sinne

028 Nicht länger hinderte, ihn zu erkennen:
029 Und mein Gesicht hin zu dem seinen neigend,
030 Antwortet' ich: "Seid ihr da, Herr Brunetto?" -

031 Und er: "Mein Söhnlein, laß dir's nicht mißfallen,
032 Wenn Brunetto Latini nun ein wenig
033 Mit dir umkehrt und die Gefährten ziehn läßt." -

034 Ich sprach: "So viel ich kann, bitt' ich um Solches,
035 Und, wollt ihr daß ich mich mit euch hier setze,
036 Thu ich's, gefällt es dem, mit dem ich gehe." -

037 O Söhnlein, sprach er: wer von dieser Heerde
038 Nur stehen bleibt, der liegt dann hundert Jahre,
039 Ohn' sich zu fächeln, wenn die Glut ihn senget.

040 Drum geh nur fort, ich folge deinem Saume
041 Und kehr dann wieder um zu meiner Rotte,
042 Die läuft, beweinend ihre ew'gen Schäden." -

043 Ich wagte nicht vom Weg hinabzusteigen,
044 Um gleich mit ihm zu gehn; doch hielt das Haupt ich
045 Geneigt, wie Einer der verehrend wandelt.

046 Anhub er: "Welcher Zufall, welche Schickung,
047 Führt hier herab dich vor dem letzten Tage?
048 Und wer ist Jener, welcher dir den Weg zeigt?" -

049 "Dort oben, oben in dem heiteren Leben,
050 Sprach ich, verlor ich mich in einem Thale,
051 Bevor annoch mein Lebensziel erfüllt war.

052 Erst gestern Morgen wandt' ich ihm den Rücken:
053 Der hier erschien mir, als ich drein zurücksank,
054 Und führt mich wieder heim auf diesem Wege." -

055 Und er zu mir: "Wenn deinem Stern du folgest,
056 Kannst ehrenvollen Hafen du nicht fehlen;
057 Hab ich es recht erkannt im schönen Leben:

058 Und wenn ich nicht so früh gestorben wäre,
059 Ersehend, das der Himmel dir so gnädig,
060 Ich hätte dich zu deinem Werk ermuntert.

061 Allein das Volk, das boshaft undankbare,
062 Das niederstieg von Fiesole vor Alters,
063 Und noch etwas vom Berg hat und vom Felsen:

064 Läßt einst, zum Heil dir, sich zum Feind dir machen
065 Und es ist recht: denn unter herbe Sorbi
066 Schickt es sich nicht, zu pflanzen süße Feigen!

067 Uralte Sag' auf Erden nennt sie Blinde,
068 Ein geizig Volk, ein neidiges und stolzes;
069 Schaff', daß von ihren Sitten du dich säuberst!

070 So viel der Ehr' bewahret dein Geschick dir,
071 Daß ein Theil wie der andre hungern werden
072 Nach dir; doch ferne sei das Kraut dem Schnabel!

073 Stroh machen sollen die Fiesoler Thiere,
074 Aus ihnen selbst und nicht die Pflanze rühren,
075 Dafern noch eine ihrem Mist entsprießet:

076 Worin aufleben soll der heilge Saame
077 Derselben Römer, die da blieben, während
078 Das Nest erbaut ward für so viele Bosheit." -

079 "Wenn alles mein Gebet erfüllet wäre,
080 Antwortete ich ihm: noch wärt ihr jetzo
081 Nicht aus der menschlichen Natur verbannet;

082 Denn stets im Sinn bleibt, und in's Herz kommt nun mir
083 Das lieb' und gute väterliche Abbild
084 Von euch: wie ihr auf Erden stündlich, stündlich

085 Mich lehretet: wie sich der Mensch verewigt!
086 Und wie ich werth es halte soll man immer,
087 So lang ich leb', an meiner Zunge schauen!

088 Was ihr erzählt von meinem Lauf, ich schreib' es
089 Und heb es auf, sammt andrem Wort, zur Zwiesprach
090 Mit Einer, die ihn weiß, - gelang' ich zu ihr.

091 So viel, das will ich, sei euch offenbaret,
092 Daß, wenn mich mein Gewissen nur nicht martert,
093 Zum Schicksal, wie es will, ich schon bereit bin.

094 Nicht neu ist meinen Ohren dieses Angeld:
095 Drum, wie es ihr geliebt, schwing' jetzt Fortuna
096 Ihr Rad um und der Bauer seine Hacke!" -

097 Da wandte sich auf seiner rechten Wange
098 Zurück mein Meister, und sah mir in's Antlitz,
099 Dann sagte er: "Wohl höret wer es merket!" -

100 Allein, darum nicht wen'ger redend, ging ich
101 Mit Herrn Brunnett' und fragte: wer da seiner
102 Genossen erste und vornehmste wären? -

103 Und er zu mir: "Gut ist es Ein'ge kennen
104 Von Diesen, doch von andern schweigen löblich;
105 Da kurz die Zeit wär' zu so vielem Sprechen.

106 Im Ganzen wisse, daß sie sämmtlich Schüler,
107 Auch wohl Gelehrte waren, großen Rufes,
108 Von einerlei Vergehn auf Erden schmutzig.

109 Priscianus läuft mit dieser traur'gen Schaar da,
110 Franziskus von Accorso auch, und, hättest
111 Verlangen du gehabt nach solchem Grinde,

112 Du konntest den sehn, der vom Knecht der Knechte
113 Vom Arno ward versetzt zum Bachiglione,
114 Wo er dann ließ die arggespannten Nerven.

115 Mehr sagen würd' ich; doch mitgehn und reden
116 Kann nun nicht länger dauern; weil ich dorten
117 Aufsteigen sehe neuen Qualm vomm Sange:

118 Volk kommt allda, bei welchem ich nicht sein darf!
119 Es sei dir anempfohlen mein Thesaurus,
120 In dem ich annoch leb' und mehr nicht bitt' ich!" -

121 Drauf wandt' er sich und schien von denen einer,
122 Die zu Verona nach dem grünen Tuche
123 Durch's Feld hinlaufen, und erschien von diesen

124 Der, welche obsiegt und nicht der verspielet.

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