Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 14
August Kopisch - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 14

Dante sammelt die zerstreuten Blätter um den klagenden Stamm und betritt den dritten Kreis der Gewaltthätigen, wo die Gewaltthätigen gegen Gott Strafe leiden. Das Licht göttlicher Liebe und Wahrheit, welches die Heiligen beseligt, die sich Bessernden läutert, selbst die guten Heiden in der Vorhölle noch heiter umstrahlt, sahen wir schon den Läugnern der Unsterblichkeit zur Qual werden; doch traf es dort nur die Grüfte derselben, die Sinnbilder des ewigen Todes, den sie gelehrt; - aber dem Bewußtsein derer, die sich unmittelbar an Gott versündigt, wird es zur unmittelbaren Qual, und der Dichter sieht es hier nicht als einiges Licht, sondern in Gestalt zerrissner, sengender Feuerflocken auf die Schuldigen herabfallen, die entweder durch tolle Läuterung, oder widernatürliche Entweihung der Liebe, oder durch Wucher gewaltthätig wider Gott handelten. Die erste Schaar, die der Lästerer, liegt zu Boden geschmettert auf ödem fruchtlosen Sandgefilde, noch immer ohmächtig trotzend, und nicht eigentlich die Flammenerscheinung Gottes; sondern ihr eigner Trotz dagegen, ist ihre Qual. Diesen tiefen Gedanken sehn wir an Kapaneus vorgebildet, mit welchem Virgil spricht. - Die zweite Schaar, welche die Liebe entweiht hat, ist in ewiger Flucht vor den reinen Flammen, die nur den ewig Unreinen Brandmale sengen, während die sich wieder zu Gott Wendenden selbst der Heide Virgil, wie die selige Beatrice davon nicht verletzt werden. - Die dritte Schaar, die der Wucherer, krümmt sich in sich zusammen, hält die eitle nun leere Geldtasche noch immer fest und strebt vergebens sich die Gedanken an Gottes Güte abzuwehren, welche sie brennend überfallen; weil sie an ihr gefrevelt. Nachdem die Dichter immer am Walde hingehend, an deer ersten Schaar vorüber sind, gelangen sie zu einem blutrothen Bach: Virgil sagt: derselbe sei merkwürdiger als alles bisher Erblickte, und erklärt seinem Schüler die Entstehung der Höllenflüsse, die eigentlich immer derselbe Sündenstrom sind. Er hat seinen Ursprung aus der Zeiten Verderbniß, die in dem aus Gold, Silber, Kupfer, Eisen und Thon geformten und zersprungnen Bilde eines Greises versinnlicht wird, fließt nicht ins Meer, sondern in den Abgrund, zuerst den traurigen Acheron dann den heißen Styx, dann tiefer den von Blut kochenden Phlegeton, zuletzt aber um den Dis, von dem alle Trauer kommt, den durch diesen erstarrenden Cocytus bildend. Dante frägt nach dem Lethe, Virgil aber sagt ihm: der sei nicht in der Hölle, sondern jenseits, außerhalb, wo bessere Seelen sich nach vollbrachter Buße waschen. Hierauf durchschneiden sie den Kreis, am versteinerten Ufer des Baches hinwandelnd. Ueber demselben erlischt natürlich das göttliche Flammen, eben weil der Strom der verdunkelnde Sündenstrom ist: wo er sich zuletzt als Cocytus sammelt schwindet auch elle Wärme.

001 Da Liebe zu dem Ort, wo ich geboren,
002 Mich antrieb, rafft' ich die zerstreuten Blätter,
003 Und gab sie dem zurück, der nun schon heiser.

004 Dann kamen wir zur Gränze, wo sich theilet
005 Der zwote Kreis von dritten und allwo man
006 Sieht der Gerechtigkeit entsetzlich Schalten.

007 Die neuen Dinge recht zu offenbaren,
008 Sag' ich, daß wir zu einer Ebne kamen,
009 Die jede Pflanz' aus ihrem Lager ausstößt.

010 Ihr ist der wehevolle Wald Umkränzung,
011 Ringsher, wie diesem der unsel'ge Graben.
012 Hier hielten wir die Füß' an, Rand bei Rande.

013 Der Boden war ein dürrer Sand und häuf'ger:
014 Nicht andrer Art beschaffen als derselbe,
015 Der von den Füßen Cato's einst gedrückt ward.

016 O Strafe Gottes, wie mußt du von Jedem
017 Gefürchtet werden, welcher dereinst lieset:
018 Was meinen Augen offenbar geworden!

019 Von nackten Seelen sah ich viele Herden,
020 Die all' gar kläglich weinten, und verschiednes
021 Gesetz schien ihnen dorten auferleget:

022 Ein Volk lag auf dem Rücken, an der Erde:
023 Ein andres saß da, ganz in sich gekauert:
024 Ein drittes rannte da ganz unaufhörlich.

025 Des Volks, das umlief, war bei weitem mehr da
026 Und wen'ger dessen, welches in der Pein lag;
027 Doch mehr zum Schrei gelöst war dessen Zunge.

028 Auf all' den mächt'gen Sand da, leisen Falles,
029 Hinregneten gelöste Feuerflocken:
030 Wie eines Schnees in Alpen, ohne Windhauch.

031 Wie Alexander, in den heißen Fluren
032 Von Indien, auf seinen Haufen Flammen
033 Herfallen sah, noch auf der Erde lodernd:

034 Weshalb bedacht er war den Grund zu stampfen
035 Mit seinen Schaaren, weil die Glut sich besser
036 Auslöschen ließ, so lang sie einsam brannte:

037 Dem ähnlich fiel die ew'ge Glut hernieder;
038 Wovon der Sand erglomm, wie unter'm Stahle
039 Der Zunder, um das Leiden zu verdoppeln.

040 Ohn' irgend eine Ruhe war das Tanzen
041 Der armen Hände, hierin jetzt, dann dorthin,
042 Den frischen Brand von sich zurückeschlagend:

043 Und ich begann: "O Meister, der besieget
044 Die Dinge all'; nur nicht die harten Teufel,
045 Die uns am Thoreingang entgegenkamen:

046 Wer ist der Große, der da scheint als acht' er
047 Des Brands nicht, und so höhnend und verdreht liegt:
048 Daß ihn der Regen nicht zu reifen scheinet?" -

049 Und jener Selb'ge, deß gewahr geworden:
050 Daß meinen Führer ich um ihn befraget,
051 Schrie: "Wie ich lebend war: so bin ich todt auch!

052 Ob Zeus ermüde seinen Schmidt, von welchem
053 Er zürnend den geschärften Blitz genommen,
054 Davon am letzten Tag' ich ward durchschmettert:

055 Und wenn umwechselnd er die andern müd' macht,
056 Im Monghibello, in der schwarzen Werkstatt,
057 Hinschreiend: Freund Vulkanus, hilf mir, hilf mir!

058 Wie er gethan bei dem Gefecht von Phlegra,
059 Und mich mit aller seiner Stärke schleudert:
060 Doch würde nimmermmehr ihm frohe Rache!" -

061 Mein Führer rief hierauf mit solcher Stärke,
062 Daß ich so laut ihn nimmer noch gehöret:
063 "O Kapaneus, in dem, daß nie sich dämpfet

064 Dein Ueberstolz, bist du weit mehr gestrafet!
065 Und keine Marter, außer deinem Toben,
066 Wär' deiner Wuth so ganz vollkommne Zücht'gung!" -

067 Dann wandt' er sich zu mir mit sanftrer Lippe
068 Und sprach: "Der war der sieben Kön'ge einer,
069 Die Theben stürmten, und bot und heut, so scheint es,

070 Gott Trotz und wenig scheint er ihn zu ehren;
071 Doch seine Schmähungen sind, wie ich's sagt' ihm,
072 Recht seiner Brust gebührende Brandmäler.

073 Nun folg' mir nach und schau', daß du die Füße
074 Anjetzt nicht in den Sand, der glühet, setzest:
075 Nein, halt sie immer dicht am Wald zurücke." -

076 Stillschweigend kamen wir hin, wo ein Bächlein,
077 Ein kleines, außerhalb des Walds entsprudelt,
078 Des Röthe mich noch jetzo schaudern machet.

079 Wie von dem Bulicam' das Bächlein ausgeht,
080 Das unter sich die Sünderinnen theilen,
081 So durch den Sand hinabrann dieses gleichfalls.

082 Sein Grund und seines Ufers Hänge waren
083 Zu Stein geworden, auch die Seitenränder,
084 Woraus ich merkte, daß daselbst der Pfad war.

085 "Von allem Andern, was ich dir gezeiget,
086 Nachdem wir eingewandert durch den Eingang,
087 Desselben Schwelle Niemandem verwehrt ist,

088 Ward noch kein Ding von deinem Aug' entdecket,
089 Merkwürdig wie das gegenwärt'ge Bächlein,
090 Das über sich die Flammen sämmtlich auslöscht." -

091 Er waren dies die Worte meines Führers:
092 Drum bat ich: daß er mir die Speise reiche,
093 Wonach er mir gespendet das Verlangen.

094 "Im Meere lieget ein verwüstet' Eiland,
095 Sprach er nun weiter: das Creta genannt wird,
096 Unter deß König einst die Erde keusch war:

097 Ein Berg ist dorten, vormals sehr anmuthig,
098 Durch Wasser und Gebüsch, der Ida heißet:
099 Nun ist verödet er als etwas Altes.

100 Rhea erwählt' ihn einst, zur sichern Wiege
101 Für ihren Sohn, und um ihn nicht zu bergen
102 Hieß, wenn er weinte, sie Geschrei erheben.

103 Im Berge steht aufrecht ein großer Alter,
104 Der seine Schultern kehret gen Damiata,
105 Und Rom anschauet als wie seinen Spiegel.

106 Es ist sein Haupt gemacht aus feinem Golde
107 Und reines Silber ist, so Arm als Busen:
108 Dann ist von Kupfer er bis zu der Gablung.

109 Von da hinab ist Alles gutes Eisen;
110 Nur daß der rechte Fuß gebrannter Thon ist,
111 Und ruht auf dem doch mehr, als auf dem andern.

112 Zerspellt ist jeder Theil; das Gold allein nicht,
113 Von einem Risse, welcher Thränen träufelt,
114 Die dann vereint aushöhlen jene Grotte.

115 Ihr Lauf ergießet sich in diesen Abgrund:
116 Sie bilden Acheron und Styx und Phlegeton
117 Und gehen dann durch die enge Leitung nieder,

118 Bis zu dem Ort, wo man nicht mehr hinabsteigt.
119 Sie bilden den Cocyt und - welch ein Sumpf dies -
120 Du wirst es sehn; drum wird's hier nicht erzählet." -

121 Und ich zu ihm: "Wenn gegenwärt'ges Bächlein,
122 In solcher Art von unsrer Welt herabkommt:
123 Warum erscheint es erst an diesem Rande?" -

124 Und er zu mir: "Du weißt, der Raum ist rund hier,
125 Und bei dem allen, daß du mehr zur Linken
126 Hereingelangt, hinab zum Grunde steigend,

127 Hast du noch nicht den ganzen Kreis umwandelt:
128 Darum: wenn dir ein neues Ding erscheinet,
129 Darf es kein Staunen in dein Antlitz bringen." -

130 Ich aber: "Meister wo ist Phlegeton dann?
131 Und Lethe; da du von dem einen schweigest,
132 Vom andern sagst: er komm aus jenem Träufeln?" -

133 Jedwede deiner Fragen, war die Antwort:
134 Erfreut mich; doch des rothen Wassers Kochen
135 Könnt' ihrer eine lösen, die du thatest.

136 Wirst Lethe schaun; doch außerhalb des Abgrunds:
137 Allwo die Seelen sich zu waschen gehen,
138 Sobald die Schuld bereut und abgewälzt ist." -

139 Dann sprach er: "Nun ist's Zeit, sich zu entfernen
140 Vom Walde, siehe daß du hinter mir gehst:
141 Die Ränder geben Pfad, die nicht entglommen,

142 Und über ihnen lischt jedwede Flamme." -

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