Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 12
Richard Zoozmann - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 12

1   Wo wir zur Tiefe lenkten, war die Stätte
2   So steinig und durch andres so gestaltet,
3   Daß jedem Blick davor geschaudert hätte.

4   Wie bei Trient der Bergrutsch sich entfaltet,
5   Der von der Seite in die Etsch sich drückte,
6   ob Erdstoß oder Fall ihn losgespaltet,

7   Sodaß vom Gipfel, wo er talwärtsrückte,
8   Dem Klettrer nur mit Not zum ebenen Lande
9   Durch Schutt und Steingeröll ein Abstieg glückte:

10   So ging es hier hinab am Felsenrande.
11   Und an dem Saum vom ausgezackten Schachte
12   Lag hingestreckt der Kreter Schimpf und Schande,

13   So die verkappte Ruh ins Dasein brachte.
14   Und bissig fiel, kaum daß er uns erblickte,
15   Sichselbst er an, weil Zornwut ihn entfachte.

16   Mein Weiser rief: »Ists Wahn, der dich umstrickte,
17   Alsob der Herzog von Athen hier stünde,
18   Der einst auf Erden in den Tod dich schickte?

19   Fort, Scheusal, fort! Den Weg durch diese Gründe
20   Ließ deiner Schwester Arglist ihn nicht wissen.
21   Er kommt, zu sehen die Strafen eurer Sünde.«

22   Dem Stiere gleich, der sich vom Seil gerissen
23   Beim Todesstreich, nichtmehr vermag zu stehen
24   Und hin- und herspringt unter zornigen Bissen:

25   So war der Minotaurus anzusehen.
26   Drum rief jetzt der Erfahrene: »Lauf zum Passe!
27   Solang er tobt, ist gut hinabzugehen.«

28   So klommen wir bergab die steile Gasse,
29   Wobei Gestein oft abwärtsrollen machte
30   Irdischer Füße ungewohnte Masse.

31   Nachdenklich klomm ich; und er sprach: »Es dachte
32   Dein Sinn wohl des Gerölls, vom Minotauer
33   Im Zorn bewacht, den ich zum Schweigen brachte?

34   So wisse: als ich in die Höllenschauer
35   Das erstemal bis tief zum Grund gedrungen,
36   war noch nicht abgekracht die Felsenmauer.

37   Doch kurz bevor sich Der herabgeschwungen,
38   (Soviel ich weiß) der aus der oberen Runde
39   Dem Dis die große Beute abgerungen,

40   Da bebte dieses Schauertal im Grunde
41   So stark, als zittere rings im Weltenalle
42   Ein Liebesdrang, der - wie uns sagt die Kunde -

43   Schon oft ein Chaos schuf dem Erdenballe,
44   Daß hier und dort ins Wanken auch geraten
45   Der alte Fels und endlich kam zu Falle.

46   Doch schau talnieder jetzt, da wir schon nahten
47   Dem Blutstrom, drin du kochen siehst und sieden,
48   Die durch Gewalt dem Nächsten Schaden taten.« -

49   O blinde Gier! o Tollwut! die hienieden
50   Uns anhetzt so, daß uns nach kurzem Leben
51   Solch schlimmes Bad im ewigen wird beschieden.

52   Ich sah die ganze Ebene hier umgeben
53   In Bogenform von einem breiten Graben,
54   wie mein Begleiter mir beschrieb soeben.

55   Und zwischen Fluß und Felswand sah ich traben
56   Zentauren, pfeilbewehrt, in langen Zeilen,
57   Wie sie der Jagd gefrönt auf Erden haben.

58   Bei unserm Anblick hemmten sie ihr Eilen,
59   Und dreie lösten sich vom Trupp mit Bogen
60   Und vorher sorgsam-ausgewählten Pfeilen.

61   Und einer schrie von fern: »Die ihr gezogen
62   Bergabwärts kommt, welch Leiden wartet euer?
63   Sagt mirs von dort, sonst kommt mein Pfeil geflogen!«

64   Der Meister sprach: »Dem Chiron wert und teuer
65   In deiner Nähe wird man Antwort geben.
66   Dich riß ins Unheil stets des Jähzorns Feuer.«

67   Dann, leis berührend mich: »Der hieß im Leben
68   Nessus. Als er einst Dejaniren raubte,
69   Ließ er sein Blut als Rächer sich erheben.

70   Und mittenin steht mit gesenktem Haupte
71   Der große Chiron, der Achill erzogen.
72   Der dort ist Pholus, der so zornig schnaubte.

73   Wohl tausend kreisen um den Bach im Bogen
74   Und schießen den, der seiner Schuld zum Spotte
75   Sich höher, als er darf, enthebt den Wogen.«

76   Wir nahten uns der schnellen Tiermenschrotte.
77   Chiron zum Munde einen Pfeilschaft führte
78   Und strich zum Kiefer weg des Bartes Zotte,

79   Worauf er freigelegt sein Breitmaul spürte.
80   »Saht ihr beim Zweiten,« fragte er die Seinen,
81   »Wie alles sich bewegt, was er berührte?

82   Das ist sonst nicht der Fall bei Totenbeinen.«
83   Mein guter Herr, schon vor der Brust ihm stehend,
84   wo die Naturen beide sich vereinen,

85   Sprach: »Ja, er lebt! und mir, so einsam gehend,
86   Gebührts, zu zeigen ihm die dunkeln Gründe,
87   Er geht aus Zwang, und nicht aus Neugier sehend.

88   Es stieg, daß sie mein neues Amt mir künde,
89   Ein Weib herab vom Hallelujasange.
90   Er ist kein Räuber, ich kein Geist der Sünde.

91   Doch bei der Kraft, durch die ich hergelange
92   Und diese wilde Straße hier durchdringe,
93   Gieb einen uns zum Schutz mit auf dem Gange,

94   Daß er uns zeig, wo man die Furt beginge,
95   Und dieser hier auf seinem Rücken reite:
96   Er ist kein Geist, der durch die Luft sich schwinge.«

97   Drauf wandte Chiron sich zur rechten Seite.
98   Zu Nessus: »Kehrt gemacht! und sei ihr Leiter.
99   Und naht ein andrer Trupp, dann abseitsschreite!« -

100   Mit diesem sichern Führer gings nun weiter
101   Entlang des Strudels Flut, der scharlachroten,
102   Draus das Gekreisch erscholl Vermaledeiter.

103   Bis an die Brauen versenkt dem Blick sich boten
104   Gar viel. Da sprach der mächtige Zentauer:
105   »Bluthunde sinds und räuberische Despoten.

106   Nebst Alexandern muß um Raubgier Trauer
107   Der wilde Dionys hier offenbaren.
108   Er schuf Sizilien Not von langer Dauer.

109   Und jene Stirne mit den schwarzen Haaren
110   Ist Ezzelin; das Blondhaupt ihm zur Seite
111   Obizzo, den - willst Wahrheit du erfahren -

112   Des Stiefsohns frevele Hand dem Tode weihte.«
113   Ich sah den Dichter an, und dieser sagte:
114   »Der spreche hier zuerst, ich als der zweite.«

115   Als stehenzubleiben dem Zentauern behagte
116   Nicht lang danach, wo aus dem Sprudelbrande
117   Ein Volk schon bis zur Gurgel aufwärtsragte,

118   Wies er uns einen Geist abseits am Rande:
119   »Der hat in Gottes Schoß ein Herz durchspalten,«
120   Sprach er; »noch blutets heut am Themsestrande.«

121   Drauf sah ich andre Brust und Haupt schon halten
122   Aus diesem Sud, und ich erkannte wieder
123   Wohl mehr als eine hier von den Gestalten.

124   Und seichter, seichter sank das Blut jetzt nieder,
125   Bis es zuletzt den Füßen nur schuf Plage;
126   Und hier gings leichter durch den Qualensieder.

127   »Wie diesseits du bemerkt, daß ohne Frage
128   Die Sprudelwellen immer mehr versiegen,«
129   Sprach der Zentaur, »so glaub mir, wenn ich sage,

130   Daß drüben auch stets tief und tiefer liegen
131   Des Flußbetts Gründe, neu sich anzuschließen
132   Dem Ort, draus der Tyrannen Seufzer stiegen.

133   Gerechtigkeit läßt Tränen dort vergießen
134   Den Attila, des Erdballs Geißelrute,
135   Pyrrhus und Sextus; zwingt auch, zu zerfließen

136   Im Tränenschwall, gebeizt vom heißen Blute,
137   Rainer von Pazzo und Cornet, die schweren
138   Landstraßenraub verübt im Frevelmute.«

139   Drauf wandt er sich, heim durch die Furt zu kehren.

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