Dante Alighieri - La Divina Commedia - Inferno - Canto 12
Karl Witte - Die Göttliche Komödie - Hölle - Gesang 12

1   Es war der Ort, wo zu des Ufers Abstieg
2   Wir kamen, felsig und was dort zu schaun war
3   Von solcher Art, daß jedem Blick drob grauste.

4   Wie jener Felssturz ist, der diesseits Trento
5   Durch Erderschütt'rung oder Stützungsmangel
6   Die Etsch in ihre linke Flanke traf,

7   So daß vom Gipfel her, von dem er ausging,
8   Hinab zur Ebne das Geklüft so wild ist,
9   Daß es ein Niederklettern kaum gestattet,

10   So war hier des Gesteines jäher Abfall,
11   Und auf der Fläche abgebrochener Kante
12   Lag ausgestreckt die ewge Schmach von Kreta,

13   Die in der falschen Kuh empfangen ward.
14   Als dieser uns gewahr ward, biß er sich
15   Gleich einem, der im Zorn entbrannt ist, selber.

16   Mein Meister aber rief ihn an: Vermeinst du
17   Vielleicht, der Herzog von Athen sei hier,
18   Der in der Welt dort oben dir den Tod gab?

19   Fort, Untier, packe dich, den ich begleite
20   Kommt nicht von deiner Schwester unterwiesen;
21   Er geht, um eure Strafen zu betrachten. -

22   Gleichwie der Stier, der sich im Augenblicke
23   Wo er den Todesstreich empfangen, losreißt,
24   Des Gehns unfähig hin und wieder taumelt,

25   So sah ich Minotaurus sich gebahren.
26   Da rief mein Führer: Eile schnell vorüber,
27   Ratsam ist, daß du absteigst, weil er wütet. -

28   Also begannen nieder wir zu steigen
29   Auf jenen Trümmersteinen, die sich häufig
30   Von meiner Füße neuer Last bewegten.

31   Nachdenkend ging ich; jener aber sagte:
32   Denkst du dem Absturz nach, der überwacht wird
33   Von jenem Untier, das ich jetzt gebändigt?

34   So wisse denn, daß, als zum ersten Male
35   Ich niederstieg in diese untre Hölle,
36   Die Felsenwand noch nicht herabgestürzt war.

37   Doch, irr ich nicht, so war es kurz vorher,
38   Eh' jener eintraf, der die große Beute
39   Dem obersten der Höllenkreise raubte,

40   Als dieses Tal des Stank's von allen Seiten
41   So sehr erbebte, daß das all auf's neu' ich
42   Entbrannt von Liebe wähnte, die zum Chaos,

43   Wie mancher glaubt, die Welt mehrmals gewandelt.
44   In dem Moment fiel dieser alte Felsen
45   So hier wie auch noch anderwärts zusammen.

46   Nun aber wende deinen Blick zu Tale;
47   Schon naht der Blutstrom sich, in welchem
48   Gesotten wird, wer durch Gewalttat schadet. -

49   O blinde Gier, o wahnbetörter Zorn,
50   Die uns zur Sünd' im kurzen Leben treiben
51   Und ewiglich zu solcher Qual uns tauchen!

52   Ein breiter Graben bot sich meinen Blicken,
53   Der, wie der Meister mir zuvor verkündet,
54   Im Bogen jenen Talgrund ganz umwand.

55   Und zwischen Fluß und Felsenabsturz liefen
56   Zentauren, pfeilbewaffnet, hin und wieder,
57   Wie sie in unsrer Welt beim Jagen pflegten.

58   Doch alle hielten an, als sie uns sahen,
59   Und dreie sonderten sich von den andern,
60   Nachdem sie Bogen sich und Pfeil' erkoren.

61   Der eine rief von fern: Die ihr den Felsen
62   Herniedersteigt, zu welcher Marter kommt ihr?
63   Sagt ihr's nicht gleich, so drück' ich los den Bogen. -

64   Mein Meister aber sprach: Die Antwort werden,
65   Sobald wir unten sind, wir Chiron geben;
66   Zu deinem Unheil warst du stets so hitzig. -

67   Dann sagt' er, mich anrührend: Der ist Nessus,
68   Der für die schöne Dejanira starb
69   Und mit sich selber sich zu rächen wußte.

70   Der mittelste, der nieder auf die Brust blickt,
71   Ist, der Achill erzog, der große Chiron,
72   Der dritt' ist Pholus, der so voller Zorn war.

73   Zu Tausenden umkreisen sie den Graben
74   Und wehren mit dem Pfeilgeschosse jedem,
75   Der mehr als seine Schuld gestattet auftaucht. -

76   Als wir genaht den schnellen Ungetieren,
77   Nahm Chiron einen Pfeil, und mit der Kerbe
78   Strich zu der Kinnlad' er den Bart zurück.

79   Dann mit dem großen unverhüllten Munde
80   Sagt' er zu den Gefährten: Saht ihr wohl,
81   Wie, was der zweite anrührt, sich beweget?

82   Der Toten Fuß hat solche Wirkung nimmer. -
83   Mein Führer, der ihm schon zur Seite stand
84   Da wo sich Mensch- und Tiergestalt berühren,

85   Erwidert' ihm: Gewiß ist er lebendig
86   Ich muß dies dunkle Tal ihm einsam zeigen;
87   Notwendigkeit, nicht Lust ists, die ihn herbringt.

88   Sein Hallelujasingen unterbrach
89   Ein hehrer Geist, der solche Pflicht mir auftrug;
90   Kein Dieb ist er, ich keines Räubers Schatten.

91   Doch, bei der Kraft, die auf so wildem Pfade
92   Mich wandeln heißt, gib aus der Schar der deinen
93   Uns einen mit, der unsre Schritte leitend

94   Des Blutstroms Furt uns zeigt, und der hinüber
95   Auf seinem Rücken diesen, der kein Geist ist
96   Und durch die Luft nicht gehn kann, willig trage. -

97   Da wandte Chiron sich zur rechten Seite
98   Und sagte: Nessus, geh' sie zu geleiten,
99   Und trefft ihr andre, heiße Platz sie machen. -

100   So gingen in verläßlicher Begleitung
101   Den Strand des roten Sudes wir entlang,
102   Aus dem der Wehruf der Gesottnen tönte.

103   Bis zu den Brau'n im Blut sah ich die einen:
104   Das sind Tyrannen, sagte der Zentaur.
105   Die reichlich Blut vergossen und geplündert,

106   Beweinen hier erbarmungslose Taten.
107   Sieh Alexander hier und Dionysen,
108   Durch den Sizilien arge Zeit erfuhr.

109   Und jene Stirn mit dunkelschwarzem Haare
110   Gehört dem Azzolin; der Blonde aber
111   Ist Obizzo von Este, den in Wahrheit

112   Der Stiefsohn droben in der Welt gemordet. -
113   Drauf wandt' ich mich zum Meister; doch er sagte:
114   Jetzt sei dir Nessus erster, ich nur zweiter. -

115   Nicht weit davon hielt der Zentaur bei Schatten,
116   Die aus dem heißen Strom bis zu der Kehle
117   Auftauchen durften, seine Schritte an.

118   Auf einen, der allein stand, deutend, sprach er,
119   Das Herz durchbohrte der in Gottes Schoße,
120   Das an der Themse Strande noch geehrt wird. -

121   Und andre Geister sah ich weiterhin,
122   Die aus dem Fluß so Haupt als Brust erhoben;
123   Nicht wenige von dieser Zahl erkannt' ich.

124   Und seichter ward das Blut und immer seichter,
125   Daß es zuletzt die Füße nur bedeckte;
126   Da war's, wo wir den Graben überschritten.

127   Wie du gesehn hast, daß auf dieser Seite,
128   Sprach der Zentaur, der Strom des heißen Blutes
129   Sich mehr und mehr verflacht, so sollst du glauben,

130   Daß dort hinaus sein Boden immer tiefer
131   Sich senkt, bis er bei jener Stelle anlangt,
132   Wo Tyrannei in schwerer Marter seufzet:

133   Dort straft die göttliche Gerechtigkeit
134   Den Attila, der eine Geißel war,
135   Nebst Pyrrhus und nebst Sextus, und preßt ewig

136   Dem Rinier Pazzo und dem von Corneto,
137   Die raubend heimgesucht des Landes Straßen,
138   Die Tränen aus, die durch den Sud entquollen. -

139   Dann wandt er sich zur Rückkehr durch die Furt.


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